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Vorwort

Impressum

Was bisher geschah …

27 – Nach genau drei Monaten, …

28 – Noch immer wollte Elektra …

29 – Sie musste ihn …

30 – Das Erste, das sie …

31 – Nackt und verschwitzt …

32 – Was ist mit …

33 – Ich liege im Schnee und …

34 – Kurz vor zwei …

35 – Raymond saß auf ...

36 – Traurig stand Elektra ...

37 – Es war Freitag, und beinahe ...

38 – Es war Samstag, und leise und …

39 – Eine Stunde später standen sie …

40 – Oft schaffen es Träume nicht …

Impressum neobooks

SeelenFee - Buch Drei

Mystischer Liebesroman

Nicht wir haben Geheimnisse, die wirklichen Geheimnisse haben uns.

(C.G. Jung)

Vorwort

Hinweis:

Dieser Roman war bis Ende April 2021 ausschließlich bei Amazon unter dem Titel »Geliebte Seelenfee - Buch Drei – Die Wirrnisse der Liebe« gelistet. Unter dem neuen Titel »SeelenFee – Buch Drei« ist der Roman jetzt allerorts als eBook erhältlich. Am Inhalt gab es gegenüber dem ursprünglichen Werk keine Veränderungen.

Silvana Larbang, eine junge Frau unserer Zeit, ist erfüllt mit übersinnlichen Fähigkeiten, die es ihr ermöglichen, lebende und auch verstorbene Seelen zu helfen, zu retten und letztlich sogar zu erlösen. Doch noch ist sie sich dieser unvergleichlichen und verantwortungsvollen Veranlagungen nicht bewusst. Erst der schreckliche und viel zu frühe Tod ihrer besten Freundin Melissa lässt all das langsam erwachen. Mühsam, Schritt für Schritt, betritt sie sodann ihren wahren, tief in ihr ruhenden, Lebensweg, der voller Träume, Selbstzweifel und Überraschungen ist.

Neben Silvanas feinfühligem Wesen und ihrer Wahrhaftigkeit sind es surreale Träume - die sie nun so intensiv erlebt wie seit ihrer Kindheit nicht mehr -, die ihr erst verschwommen, doch dann klar und beinahe greifbar ihren Weg mehr und mehr aufzeigen.

Ohne es zu wissen, schöpft sie auf diesem beschwerlichen Weg zusätzlich Kraft aus der Erfüllung eines Versprechens, das sie ihrer verstorbenen Freundin Melissa in einem Traum gegeben hat. Voller Hingabe kümmert sie sich um die kleine Rosa, Melissas Tochter. Und manchmal sieht es so aus, als würde sich das Baby auch um sie kümmern.

All das ereignet sich vor dem Hintergrund eines bürgerlichen Lebens, dem Silvana und Melissa entstammen, und einer Welt des egoistisch blasierten Adels, in die Silvanas verstorbene Freundin aus Liebe eingeheiratet hatte.

Buch 3 von 4

ca. 160 Normseiten

Impressum

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors. Das nachfolgende Werk ist frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt, auch stimmen Orte und ihre Beschreibungen nicht mit der Wirklichkeit überein. Markennamen sowie Warenzeichen, die im vorliegenden Werk Verwendung finden, sind Eigentum ihres rechtmäßigen Eigentümers.

Alles ist nur Fiktion, und doch – emotional und abstrakt betrachtet – wäre alles genau so möglich.

Axel Adamitzki

Scheiblerstraße 81

47800 Krefeld

adamitzki@t-online.de

Schlusslektorat: Bianca Weirauch, Weida

Bildnachweis: www.depositphotos.com

Was bisher geschah …

… Silvana Larbang kümmerte sich liebevoll um Rosa-Marietta, das neugeborene Baby ihrer verstorbenen Freundin Melissa.

Nach Rosas Taufe zog sich Silvana vom Landhaus zurück. In einem Traum küsste sie Raymond-Lazare. Doch das durfte nicht sein, nicht einmal in einem Traum. Als sie ans Grab ihrer Freundin ging, um sich zu entschuldigen, sah sie Raymond dort stehen, der vor der Erscheinung seiner Frau und Silvanas schattenhaftem Ebenbild, das seine Frau ihm an die Hand geben wollte, ungläubig und starr verharrte. Silvana wusste, dass dieser wirklichkeitsfremde Moment real war, dennoch wollte sie an das Gesehene nicht glauben.

In der Zwischenzeit brachte Raymonds ehemalige große Liebe, Elektra Gräfin von Memmingstetten, im Umfeld des Landgutes alles durcheinander. Schließlich offenbarte sie sich: Sie wollte ein Kind von Raymond. Er fühlte sich bedrängt und floh mit seiner Tochter. Als Elektra ihn dennoch aufstöberte, waren es gewaltige Kräfte in Rosa, dem Baby, die dem bösen Spiel ein Ende setzten. Doch das Freisetzen dieser Kräfte hatte eine Schattenseite: Rosa wurde entsetzlich krank.

Voller Schmerzen erwachte Elektra nach diesem Zwischenfall im Krankenbett einer Klinik. Ein Albtraum, der zusätzlich über sie gekommen war, ließ Zweifel an ihrem Tun aufkommen. Als sie hörte, dass Bella, ihre große Liebe, sie gesucht und gefunden hatte, wollte sie es kaum glauben. Nun würde alles gut werden, hoffte sie.

Silvana lernte Georg, den Freund ihrer Mutter, kennen und spürte augenblicklich, dass sie diesem – ihr völlig unbekannten – Mann wohl ihre tiefsten Geheimnisse anvertrauen könnte. Doch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, wurde sie an Rosas Krankenbett gerufen.

27 – Nach genau drei Monaten, …

… drei Wochen, zwei Tagen und einundzwanzig Stunden stand Silvana das erste Mal wieder vor ihm. Vor Raymond. Und in dem Augenblick, als ihr diese Zahl ein zweites Mal an diesem Nachmittag durch den Kopf ging, präzisiert durch »einundzwanzig Stunden«, war sie bedeutungslos geworden. Ob eine Stunde, eine Woche oder zehn Jahre … Zeit, die sie trennte, war ohne Belang, würde immer ohne Belang sein. Nur was das genau hieß oder für ihr Leben bedeutete, darüber wollte und konnte Silvana jetzt nicht nachdenken.

Rosa, hallte es ihr durch den Kopf. Rosa ist schwer erkrankt.

Umständlich distanziert reichte Raymond ihr die Hand und ging unvermittelt einen halben Schritt zurück. Silvana tat es ihm nach. Sie wagten nicht, dem anderen zu nahe zu kommen – sie wussten im Moment nicht, wie sie sich begegnen sollten.

Auch wagte er nicht, ihr in die Augen zu blicken, und Silvana bemerkte an ihm nur, dass er schlecht aussah. Er wirkte fahrig zerstreut, beinahe wie damals im Hotel.

»Es tut mir leid …«, sagte er. »Ich hoffe, du musstest nicht –«

»Was ist mit Rosa? Wo ist sie?«, unterbrach Silvana ihn.

»In ihrem Zimmer. Der Arzt ist wieder bei ihr. Sibylle ist auch da.«

»Der Arzt? Wieder …?«

Er begriff sofort. Und er erzählte, dass er gestern Abend mit ihr zurückgekehrt und Manfred Vontell, der Hausarzt, dann gleich bei Rosa gewesen war. »Sie hat hohes Fieber, noch immer, aber mehr weiß Manfred zurzeit auch nicht. Er will sie in eine Klinik … Ich habe Angst, Silvana. Das alles ist meine Schuld.«

Nun sah Silvana ihn doch genauer an. Wie hilflos er war … in seiner Schuld, nein, in seiner Liebe zu seiner Tochter. Und wie sehr sie das berührte. Aber jetzt ging es nicht um seine Hilflosigkeit oder um irgendeine Schuld.

»Darf ich zu ihr … zu Rosa?«

Er blickte sie kurz an, es war ein verlorener und auch hoffnungserfüllter Blick. »Natürlich, bitte, komm. Und verzeih, dass ich nicht den Mut hatte, dir von all dem zu schreiben. Ich wollte dich nicht … Sibylle hat mir entsetzliche Vorwürfe gemacht.«

Und mit Recht, dachte Silvana und folgte Raymond.

Im Moment als sie den langen Flur in der zweiten Etage betraten, kam Dr. Vontell aus Rosas Zimmer. Er wirkte nachdenklich, und als er sie sah, versuchte er zu lächeln, doch verlor sich dieses Lächeln sogleich wieder gequält in den Mundwinkeln.

Raymond stellte sie einander vor, beließ es aber bei wenigen Förmlichkeiten.

»Geht es ihr besser?«, fragte er besorgt.

Dr. Vontell schüttelte bedauernd den Kopf. »Gern würde ich dir etwas Positives sagen, Raymond, aber … nein. Ihr Zustand hat sich nicht dramatisch verschlechtert, aber dennoch ein wenig.«

»Das ist … das ist entsetzlich.« Raymond raufte sich die Haare. Er wirkte unsagbar hilflos. »Weißt du schon, was dieses Fieber ausgelöst hat?«

Der Arzt schüttelte den Kopf. »Wir sollten sie auf dem schnellsten Weg nach Konstanz bringen. Ich kann die Verantwortung hier nicht mehr übernehmen.«

Absichtlich, so schien es, vermied er es, von Klinik oder gar von Krankenhaus zu sprechen.

Er wartete einen kurzen Moment und fuhr dann fort: »Dort habe ich … haben wir andere Möglichkeiten.«

»Nicht immer, Manfred, nicht immer«, flüsterte Raymond und blickte entsetzt ins Leere. Er schien an Melissa zu denken, Silvana sah es ihm an … »Auch im Krankenhaus hätten die Ärzte nicht mehr tun können«, hatte Dr. Berthold, Melissas Frauenarzt, ihm vor Monaten gesagt; vielleicht waren diese Worte damals sogar genau hier, an dieser Stelle, ausgesprochen worden. Die Allmacht des Krankenhauses … Raymonds Glaube daran war mit diesem Satz zerstört worden.

Silvana spürte Raymonds Zweifel.

»Wie hoch ist das Fieber?«, fragte sie.

»41,9.«

»Oh, mein Gott. Reagiert sie da überhaupt noch?«

»Das ist ja das Merkwürdige, eigentlich nicht, aber bei jedem noch so kleinen Geräusch rafft sie sich auf, öffnet kurz die Augen, blickt glasig nach rechts und links und fällt dann gleich wieder zurück in eine Art Dämmerzustand. Es ist, ich wage es kaum zu sagen, aber es ist, als würde sie warten. Auf etwas oder auf jemanden.«

Ja, dachte Silvana, ohne zu wissen warum: Sie wartet auf mich.

»Darf ich zu ihr, Dr. Vontell? Oder spricht etwas dagegen?«

»Nein, ganz sicher nicht.« Und an Raymond gerichtet sagte er: »Ich kümmere mich dann um den Transport?«

»Bitte, Manfred, warte noch. Lass uns erst zusammen hineingehen.« Raymond sah Silvana an. Er schien etwas zu ahnen.

»In Ordnung«, sagte Dr. Vontell, der wohl auch hoffte, dem Baby die Strapazen eines Transportes irgendwie ersparen zu können, dennoch schien er nicht an Wunder zu glauben. »Aber dann sollten wir sehr, sehr leise sein. Frau Scholz ist noch bei ihr. Ihre Fürsorge ist unschätzbar wertvoll.«

Kaum hörbar öffnete Silvana die Tür und trat ein. Dass Raymond und auch Dr. Vontell ihr folgten, bekam sie nicht mit. Auch nahm sie von Sibylle kaum Notiz. Nur Rosa war jetzt von Belang.

Und da lag sie, im Halbdunkel, und wie Dr. Vontell es gesagt hatte, öffnete sie die Augen, aber nicht nur kurz, nein, im Gegenteil. Ihr Blick, hilflos glasig und voller Erwartung, jagte erst fiebrig von links nach rechts, und als er Silvana traf, endlich traf, ließ er sie nicht mehr los. Verharrte er. Hilflosigkeit und Erwartung wichen einer Freude, die Zerrissenheit und Zweifel geradewegs fortzutreiben schienen.

Das Warten ist vorüber.

Man hätte es beinahe hören können. Und noch etwas anderes – einem fünfmonatigen Baby ebenso unangemessen – geschah sogleich: Rosa hob eine Hand und streckte sie begierig nach Silvana aus, und in ihrem Gesicht wuchs ein Verlangen, das nur Silvanas Nähe und Zuneigung stillen konnte.

Rasch war Silvana bei ihr, kniete sich hin und reichte ihr die Hand. Entschieden und untrennbar packte Rosa zwei Finger und schloss dann endlich … und schleppend … die Augen.

»Ich bin ja jetzt hier, meine Kleine. Und ich bleibe auch. Alles wird gut.«

Weder Sibylle Scholz, die sich zögerlich von ihrem Stuhl erhob, der an Rosas Bettchen stand, und zwei Schritte zurückwich, noch Raymond, der das Geschehen mit aufgerissenen Augen verfolgte, oder gar Dr. Vontell, der nur kopfschüttelnd dastand, verstanden, was da eben passiert war. Doch eines war ihnen gewiss: Was sie hier sahen, war gut, und es war richtig.

Nach einem Moment der Stille trat Raymond ans Bettchen. »Was können wir tun, Silvana? Können wir überhaupt etwas tun? Kann Konstanz vielleicht noch warten?«

Ohne zu verstehen, hatte er begriffen, hatte er das Schicksal seiner Tochter in Silvanas Hände gelegt – und nicht zum ersten Mal ruhte es dort.

Was sollte sie antworten? Genau verstand sie all das selbst nicht, doch in ihr spürte Silvana etwas Unbekanntes, etwas, dem nur sie nachgehen konnte. Weil nur du es kannst. Nach Wochen vernahm sie das erste Mal wieder Mels Worte. War es das hier, das nur sie konnte?

Hoffentlich.

»Vertraust du mir, Ray?«

Und das erste Mal nannte sie ihn so, einfach nur Ray. Und es klang nicht befremdlich oder gar unverschämt. Für niemanden. Es klang normal.

»Ja, sicher … Silv.«

Silv! Das war es.

Und genau hier passierte es, wie selbstverständlich und so ganz nebenbei. Aus der »zweiten Melissa« war Silvana, war Silv geworden – für den Moment.

Einen Atemzug lang schloss Silvana die Augen. Nun gab es kein Zurück mehr. Sie würde sich mit all ihren Tagträumen und Wünschen auseinandersetzen müssen. Aber nicht jetzt, später, wenn Rosa wieder – hoffentlich – gesund war!

»Würdest du Paula bitten, die Besucherwohnung für Rosa und mich herzurichten.«

Er blickte zur Tür. Paula war dort eben erschienen, um zu sehen, ob sie etwas tun konnte. Rasend schnell hatte sich herumgesprochen, dass Silvana wieder hier war. Hoffnung erfüllte augenblicklich das Landhaus.

Raymond nickte Paula zu, die sofort verstand und im nächsten Moment schon wieder verschwunden war.

»Wenn Paula so weit ist, dann ziehe ich mich mit Rosa zurück. Allein. Frag mich nicht, warum. Ich muss es tun. Ist das in Ordnung für dich?«

Ohne zu zögern und ohne auf das bestätigende Nicken seines altvertrauten Hausarztes zu warten, sagte er: »Ich vertraue dir, Silv, ohne Wenn und Aber.«

»Und sollte morgen früh nicht die kleinste Besserung erkennbar sein, bringen wir sie gemeinsam nach Konstanz. Und auch dort würde ich nicht von ihrer Seite weichen. Das verspreche ich dir. Und auch dir, meine Kleine.« Sie sah Rose liebevoll an.

*

Eine halbe Stunde später, nachdem sie nachdrücklich zu verstehen gegeben hatte, besonders Paula gegenüber, dass sie nichts mehr benötigen würde – Paula hatte ihr ohnehin noch zwei Flaschen Wasser, einen Orangensaft, einen großen Obstkorb und alles, was für Rosa erforderlich war, hingestellt –, war sie mit Rosa allein.

In Windeseile streife sie die Schuhe ab, legte sich auf das Bett, Rosa neben sich, die noch immer einen Finger umklammert hielt, und warf die wärmende Decke über Rosa und sich, wobei sie das Baby sorgfältig einpackte.

Einen Moment sah sie Rosa an, die ihren Blick reglos erwiderte.

»Was ist, meine Kleine? Was möchtest du? Lieber schnell in dein warmes Bettchen?«

Natürlich konnte Rosa nicht antworten, aber es schien, als rückte sie ein Stück näher an Silvana heran.

»Du willst hier bei mir bleiben? Ja …? Aber wie machen wir das?« Silvana überlegte, und plötzlich fiel ihr das Ritual wieder ein.

»Willst du das? Unser Ritual?«

Rosa lag nun dicht neben ihr und sah sie auffordernd an.

»Aber ich weiß nicht, ob das gut für dich ist.«

Rosa blieb regungslos liegen, die Augen geschlossen – sie schien zu warten.

»Aber nur kurz, meine Kleine. Und außerdem musst du dafür meine Hand loslassen, damit ich mich ausziehen kann.«

Als hätte sie die Worte verstanden und auch als Bestätigung dafür, dass es das war, was sie sich wünschte, ließ sie Silvanas Finger los. Dieses Baby war unglaublich.

Augenblicke später, als Silvana fast nackt war, lediglich den Slip hatte sie anbehalten, legte sie sich das Baby zwischen die Brüste und zog die Bettdecke wärmend und behütend darüber. Wieder hatte sie diese beschauliche und friedvolle Höhle errichtet. Dennoch … Sie war sich furchtbar unsicher.

»Ich weiß nicht, ob das wirklich gut …« Silvana brach ihren Gedanken ab. Rosa war eingeschlafen. Ein tiefer, fester Schlaf war im Moment über das Baby gekommen. Dass es genau dieser Schlaf war, an exakt der Stelle, an der Rosa nun lag, der einen Teil der Hilfe darstellte, die Rosa jetzt benötigte, hätten nicht nur Dr. Vontell und Raymond angezweifelt – »Das Baby hat hohes Fieber. Selbst die kleinste Anstrengung ist zu vermeiden« –, auch Silvana hätte vor Minuten noch nicht daran geglaubt.

»Aber etwas fehlt noch. Habe ich recht, meine Kleine? Auch wenn du schläfst. Eine Geschichte fehlt.«

Vorsichtig schob Silvana eine Hand unter die Decke und hielt sogleich das Köpfchen des Babys. Es war heiß, sehr heiß. Und im Moment, als erneut Zweifel an all ihrem Handeln in ihr zu nagen begannen, fühlte Silvana, wie ihr etwas durch die Hand in den Körper strömte, etwas, das sich scheinbar in Rosa aufgestaut hatte. Und augenblicklich fiel auch sie in einen tiefen Schlaf.

Ich stehe auf einer Wiese. Nein, es ist keine Wiese, ich schaue mich um. Weit entfernt erkenne ich das Meer. Es ist ein Deich, auf dem ich stehe. Und rechts von mir laben sich Schafe am satten Gras. Alle Schafe sind schwarz, bis auf eines, das zehn Schritte von mir zitternd auf dem Boden kauert – es ist schneeweiß. Ich gehe hinüber und hebe es vorsichtig hoch.

»Was ist mit dir?«

»Da unten, da steht mein Vater. Bitte, bring mich zu ihm.«

Ich blicke nach unten. Auf ein Fleckchen Seegras zwischen Deich und Meer steht jetzt ein Mann, der eben noch nicht da war.

»Der Mann da, dieser Mann, ist … dein Vater?«, frage ich verwundert.

»Ja, und bitte frag nicht weiter. Bitte, Silvana, bring mich nur rasch zu ihm.«

»Du … du kennst mich?«

»Wir alle kennen dich.«

Was?

Ich reiße den Kopf herum, sehe nun beinahe jedes Schaf einzeln an. Aber sie laben sich weiterhin an dem satten Gras. Keines hebt den Kopf, keines blickt mich an.

»Sehen sie mich nicht?«

»Doch. Innerlich. Sie warten auf dich. Sie wissen, du wirst kommen. Auch zu ihnen. Aber nicht heute.«

»Heißt das, ich bin jetzt zu dir gekommen?«

»Ja.«

»Dann hast du auch auf mich gewartet?«

»Ja.«

»Aber … Sie sind schwarz und du bist weiß.«

»Irgendwann wirst du den Unterschied begreifen. Bitte, Silvana, bring mich jetzt zu meinem Vater.«

Sie warten auf mich? Nicht heute? Warum sind sie dann hier? Und was werde ich irgendwann begreifen?, will ich fragen, doch im nächsten Moment schwebe ich schon hinunter zu dem Mann, das weiße Schäfchen auf dem Arm.

Kaum neben ihm springt das Schäfchen auch schon in seine Arme.

»Ich danke dir.«

Doch ist es nun kein Schäfchen mehr, es ist ein kleines Mädchen von vier, fünf Jahren.

Auch die schwarzen Schafe auf dem Deich haben sich verändert. Schwarze Schatten stehen jetzt dort, Schatten, die ich zu kennen glaube. Und dann fällt es mir ein: Ja, es sind die Schatten, die ich als Kind oft gesehen habe.

»Wer sind die?«, frage ich.

»Es sind Seelen.«

»Seelen? Wessen Seelen?«

»Das weiß ich nicht. Ich weiß nur: Sie warten auf dich«, sagt das kleine Mädchen.

Aber noch bevor ich das begreifen kann, sind die Schatten, die Seelen, im Nichts entschwunden.

Der Mann bekommt von all dem nichts mit. Er wirkt abwesend, lediglich die Arme lässt er mühsam oben, um das Kind halten zu können. Und unentwegt blickt er zu einer anderen Stelle vor dem Deich. Dort, hundert Schritte entfernt, steht eine Frau, ganz in Weiß. Sie wartet.

»Wer ist diese Frau? Was will sie?«, frage ich.

Der Mann antwortet nicht. Nur eine entsetzliche Angst überkommt ihn. Er zittert und der Kopf verschwindet zwischen den Schultern, er kann sich nicht bewegen.

»Ich weiß auch nicht, wer sie ist«, sagt das Kind mit ruhiger, überlegter Stimme. »Aber ich muss ihn beschützen.« Und die Augen, eben noch grünbraun, werden erst rot und dann tiefschwarz.

Erschreckt weiche ich einen Schritt zurück. »Wovor? Wovor musst du ihn beschützen?«

»Vor allem. Hier vor dieser Frau. Siehst du nicht seine Angst?«

»Was hat sie ihm getan?«

»Das weiß ich nicht. Ich muss ihn nur beschützen.«

»Weil er dein Vater ist?«

»Nein, weil er es allein nicht kann.«

Doch bevor ich weiter fragen kann, geht plötzlich ein Beben von diesen schwarzen Augen aus, ein Beben, das die Frau in Weiß heftig trifft.

Ich bin entsetzt. »Warum tust du das?«

»Ich muss es tun. Nur das ist mir heute möglich«, sagt das Mädchen, das plötzlich … sekundenschnell … das Aussehen einer Hundertjährigen hat. Fiebrig und Hilfe suchend blickt sie mich an.

»Was ist mit dir?«

»Hilf mir, Silvana, hilf mir! Jetzt liegt es an dir.«

»Ja, aber wie?«

»Du musst sie nehmen und entschlossen und liebevoll an dich drücken«, vernehme ich plötzlich eine Stimme hinter mir.

Rasch drehe ich mich um. Melissa! Meine beste Freundin steht da, das Gesicht angefüllt mit Sorgenfalten.

»Mel, was machst du denn hier? Woher weißt du …?«

»Erkennst du sie denn nicht?«

»Wen?« Ich wende den Blick, und ich erschrecke. Raymond steht jetzt da mit Rosa auf dem Arm. Und Rosa sieht entsetzlich krank aus.

»Nimm sie, Silv. Nimm meine Tochter auf den Arm!«

Schnell hebe ich Rosa aus Raymonds Armen und drücke sie liebevoll an mich.

»Ist es das, was nur ich kann?«

Melissa lächelt mich an. »Es ist viel mehr.«

»Aber was?«

»Du wirst es erfahren. Bald schon.«

Erwartungsvoll sehe ich sie an, doch Melissa weicht meinem Blick aus, betrachtet ihre Tochter.

»Ich danke dir, Silv. Und hier.« Melissa reicht mir ein paar Kräuterblüten. »Später, wenn alles vorbei ist, dann bade darin.«

»Was ist das?«

»Schafgarbenblüten. Sie nehmen alles Gift von dir.«

»Und noch etwas.« Ich vernehme eine weitere Stimme. Ein Mann tritt hinter Raymond hervor. Es ist Georg. Georg, der Freund meiner Mutter. Sprachlos sehe ich ihn an.

»Ein Letztes noch, Silvana, die Schatten, die du schon so lange kennst, sie sind dein Leben«, sagt er.

»Sie sind dein Leben«, schallte es noch leise durch das Zimmer, als Silvana erwachte.

Was für ein beängstigender Traum. Nein, nicht beängstigend, eher bedeutsam. Sie wusste es sofort.

Die Schatten. Es gibt sie. Und sie warten auf mich? Und Rosa? Sie muss ihren Vater beschützen?

All das war unvorstellbar.

Augenblicklich strich sie Rosa, die noch immer zwischen ihren Brüsten schlief, über das Köpfchen, über den Rücken und erneut über das Köpfchen.

Und sie lächelte.

Das Fieber … es war verschwunden.

28 – Noch immer wollte Elektra …

… es nicht glauben, Bella war wieder da. Seit Stunden, seit eben. Und jetzt lag sie hier, neben ihr – auf dem schmalen Krankenbett. Selbst wenn es nur halb so breit gewesen wäre, hätten beide darauf Platz gefunden.

Den Kopf an Elektras Schulter gelehnt, ließ Bella sich streicheln, und immer wieder sagte sie nur: »Es tut mir leid, Leeki, es tut mir alles so furchtbar leid.«

Die eben noch kaum aushaltbaren Schmerzen im Unterleib waren plötzlich erträglich.

Bella war wieder da.

Und erneut hatte sie diesen Moment vor Augen, den Moment vor Stunden, als ihre geliebte Freundin das Krankenzimmer betreten hatte. Zögerlich waren ihre Schritte ins Zimmer gewesen. Sie hatte kaum gewagt, den Blick zu heben.

Stefan Bürgli verstand die Situation sofort, und er ließ sie taktvoll allein, jedoch nicht, ohne vorher noch einmal darauf hinzuweisen, dass jede Aufregung den Heilungsprozess nachhaltig behindern könnte. Er war ihr Arzt, er musste so reden, doch vernahm Elektra seine Worte nur verschwommen hinter einer grenzenlosen Vorfreude.

Und endlich waren sie allein.

Schweigend stand Bella da. Den Kopf noch immer gesenkt verknotete sie aufgeregt die Finger. Ihr Gesicht war schmal geworden. Noch immer trug sie ihr glattes schwarzes Haar halb lang, und noch immer glänzte es wie lackiert; und die Augen, diese dunkelbraunen Augen, in die Elektra stets voller Liebe versunken, nein, mehr noch, entrückt war, jagten jetzt aufgeregt über den Fliesenboden und fanden keinen Halt.

Elektras Blick wanderte bedächtig weiter.

Über einem dunkelroten Sommerkleid, das sie nicht kannte, hatte Bella eine schwarze dünne Strickjacke gezogen, die wunderbar mit den Ballerinas an ihren Füßen harmonierte. Ihre Beine, die eben über den Knien unter dem Kleid verschwanden, waren nackt. Erst jetzt wurde Elektra deutlich, wie sehr sie auch diesen Anblick vermisst hatte. Und die Hüften, die vielen etwas zu breit erschienen, die aber die Weiblichkeit ihrer geliebten Bella vollendet zum Ausdruck brachten, hatten sich nicht verändert, waren nicht mehr und auch nicht weniger geworden – wie gern hatte sie die stets gestreichelt und liebkost.

All das betrachtete sie stumm, all das war wieder wahrhaftig vor ihr … bei ihr. Bella war wieder da.

»Hallo«, sagte sie schließlich. Nur »Hallo«, wobei dieses eine Wort den Raum kaum berührte. Und sie wartete. Kein falsches Wort, dachte sie, sag um Gottes willen kein falsches Wort. Zu fragil war dieser Moment.

»Was … was ist mit dir passiert, Leeki?«

Leeki! Ihr Kosename aus dem Mund ihrer geliebten Bella. Wie sehr hatte sie auch das vermisst. Und er ließ sogleich all ihren Schmerz beinahe gänzlich vergessen. Doch sie wollte jetzt nicht von sich sprechen, sie wollte …

»Du hast mich gesucht?« Was für eine dumme Frage. Viel lieber hätte sie die Arme weit geöffnet und gerufen: Komm her. Doch zu früh … zu fragil.

»Es tut mir alles so leid, Leeki. Ich war entsetzlich dumm.« Und endlich hob Bella den Kopf, die Augen schwammen in einem Meer von Tränen. »Du fehlst mir, Leeki. Alles würde ich dafür geben, unseren Streit ungeschehen machen zu können. Der war so sinnlos, das weiß ich heute. Bitte, glaub mir das, Leeki.«

Ja, sie glaubte ihr, auch weil sie ihr glauben wollte, und auch weil dieser Streit in den letzten Monaten für viel Unbehagen und Ruchlosigkeit gesorgt hatte – in allem, was Elektra gedacht und getan hatte. Wieder einmal, wie nur allzu oft in ihrem Leben, war sie ihrem Schatten gefolgt. Voller Verachtung, dennoch auch voller Lust. Oh, wie sehr hasste sie sich dafür. Auch wenn alle Welt glaubte zu wissen, dass sie so war – nur so, ruchlos und niederträchtig! –, so hatte es doch zwei Menschen gegeben, die mehr von ihr kennengelernt hatten: Rafi und Bella.

Nicht einmal Raymond hatte sie so ganz anders gekannt, obwohl er es verdient gehabt hätte, doch damals … Sie war zu jung gewesen, sie hatte sich selbst noch nicht verstanden – das kam erst viel später. Mit Rafi und Bella.

Und dann waren ihr diese beiden Menschen abhandengekommen. Rafi war tot und Bella …?

»Oder willst du darüber reden, Leeki?«, fragte Bella zögerlich.

Elektra zuckte die Achseln, schüttelte den Kopf, und sie erinnerte sich.

Vor beinahe sechs Monaten, es war Anfang Oktober gewesen, war es zu einem unsäglichen Streit zwischen ihnen gekommen, der Stunden später alles verändert hatte. Bella hatte nicht nur Elektras Anwesen und dann alsbald Kolumbien verlassen, sie war unauffindbar entschwunden. Über mehr, obwohl es sie bis gestern … obwohl es sie hier in dieses Krankenbett gebracht hatte, wollte Elektra jetzt nicht nachdenken. Keine Details, bitte, keine Details. Sie wollte nach vorn blicken, nur nach vorn, was im Moment schwer genug war, nein, was hoffentlich ganz leicht werden würde.

Bella war wieder hier.

»Nein, Bella, das will ich nicht. Lass uns lieber an heute und morgen denken. Wenn du möchtest.«

Bella lächelte kurz und kam einen Schritt näher. »Darf ich?«

Elektra nickte nur.

Und Bella fuhr kaum vernehmbar fort: »Du … du fehlst mir, Leeki. Du fehlst mir so entsetzlich. Ohne dich, nein, ohne uns möchte ich nicht sein. Ich liebe dich.«

Ich liebe dich. Diese drei Worte aus Bellas Mund. Sie ließen für den Moment alles vergessen.

»Komm her. Du fehlst mir doch auch.«

Und im Handumdrehen war Bella dann endlich neben ihr gewesen, und Elektra hatte die Bettdecke gehoben. »Komm ganz nah zu mir, aber vorsichtig.«

So lagen sie jetzt hier. Und bis auf die leisen und beinahe mantraartig wiederkehrenden Worte aus Bellas Mund – »Es tut mir leid, Leeki, es tut mir alles so furchtbar leid« – war es still. Selbst draußen war der Tag allmählich zur Ruhe gekommen.

Jählings nachdenklich geworden, blickte Elektra zur Zimmerdecke, die in der Zwischenzeit im Halbdunkel lag, während sie unaufhörlich ihre geliebte Bella streichelte.

Wie sehr hatte sie von diesem Moment geträumt, immer wieder. Wie sehr hatte sie auf diesen Moment gehofft und ihn sich ausgemalt. Immer und immer wieder. Wie viele schlaflose Nächte voller Tränen, voller Zweifel hatte sie hinter sich gebracht.

All das war vorbei. Bella lag endlich wieder neben ihr, aber …

Aber? Plötzlich schlich sich da tatsächlich ein Aber in ihre Gedanken.

Ein Aber, doch woher kam es?

Natürlich wollte sie nur noch an heute und morgen denken, dennoch spürte sie es deutlich, dieses vermaledeite Aber. Obwohl sie es nicht wahrhaben wollte, obwohl sie versuchte, es zu überhören, es abzuschütteln, ließ es sie nicht entkommen, kam es aus der Vergangenheit hervorgekrochen.

Wo war jetzt die Zuversicht, von der sie glaubte und hoffte, dass sie sie in sich trug, von der sie glaubte und hoffte, dass sie sich jedem Widerstand, auch einem einfachen Aber entgegenstellen würde?

Elektra wartete, doch da kam nichts. Waren all die Tränen umsonst geweint?

Nein, das wollte sie nicht. Und das durfte auch nicht sein.

Natürlich war sie dankbar für ihr neuerliches Glück, und ganz sicher war sie jetzt auch beseelt. Bella war wieder bei ihr, aber irgendwie nicht so, wie sie es erwartet, wie sie es sich ausgemalt hatte.

Irgendetwas hatte sich verändert – in ihr, mit ihr.

Ganz sicher wollte sie auf Bella nicht mehr verzichten, auch wollte sie Bella keine Vorwürfe machen, nicht heute und auch nicht später, denn sie, Elektra, war immer die Stärkere, die Erwachsene gewesen.

Doch war sie das wirklich?

Plötzlich, wie aus einem unbarmherzigen Dunkel heraus, stolperten ihr dann doch ein paar unliebsame Fragen durch den Kopf: Und beim nächsten Mal? Beim nächsten Streit? Was wird da sein? Wirst du wieder so unsagbar hilflos sein? Wirst du wieder nur deinem Schatten folgen? Wird sich alles wiederholen?

Halt! Schluss jetzt, all diese Gedanken sind blanker Unsinn.

»Nein, es wird ganz einfach kein nächstes Mal geben«, flüsterte sie vor sich hin.

Unbedarft hob Bella den Kopf und sah sie an. Und sie lächelte, schien von dem Kampf, der in Elektra tobte, nichts zu spüren.

Oder doch?

»Ja, das verspreche ich dir, Leeki, es wird kein nächstes Mal geben. Nie wieder werden wir uns trennen. Du bist mein Leben, Leeki.«

Ja, so war es, so ist es, so musste es sein, denn auch Bella war ihr Leben.

Und bald schon spürte sie, wie dieses Aber, dieser Widerstand, dieser Schatten, ihr Schatten, mehr und mehr an Kraft verlor, wie er gekränkt und mit hängenden Schultern seinen Platz weit hinten in ihren Gefühlen einnahm, wie er betroffen und schockiert den Kopf senkte.

Vorn lebte sie, Elektra. Leeki.

Endlich wieder.

Allein für Bella. Nur für Bella.

Was Elektra nicht spürte und auch nicht sah, war das weit geöffnete Gehör ihres Schattens, das selbst das kleinste Geräusch, das geringste Missfallen vernahm.

Er horchte und wartete.

29 – Sie musste ihn …

… beschützen. Weil er es allein nicht kann.

Ein Baby beschützte einen Mann, einen erwachsenen Mann, nein, mehr noch … den Vater. Weil er es allein nicht konnte.

Ist das nicht gänzlich absurd?

Und wie sie es tat: Diese schwarzen Augen und das Beben und am Ende das Aussehen einer Hundertjährigen, die alsdann ihre, Silvanas, Hilfe benötigte. Was für eine groteske Reihung von Unmöglichkeiten.

War das alles noch ein einfacher Traum gewesen? Oder war es am Ende einer realen Begebenheit entsprungen? Kein Traum, vergangene Wirklichkeit?

Das Aussehen einer Hundertjährigen. War das der versteckte Hinweis auf Rosas Fieber?

Und war Raymond tatsächlich mit Rosa hinter einem Deich am Meer gewesen? Hatte es dort diese Begegnung mit einer Frau in Weiß gegeben? Und war diese Frau am Ende Elektra gewesen?

Vielleicht, vielleicht war das alles so.

Und was war mit …?

Und endlich wagte sie sich auch an den letzten Teil, an den Teil, der gänzlich widersinnig schien: Georg und die Schatten.

Stumm lag Silvana in dem Bett im Schlafzimmer der Gästewohnung, und sie spürte, wie diese zwei Worte … die Schatten … etwas in ihr veränderten, etwas in ihr erwachen ließen. Die Schatten, lange nicht vernommen, kamen schleppend zurück. Und merkwürdigerweise erschreckte sie das nicht, mehr noch, sie ließen beinahe alles andere unwichtig werden. Zumindest für den Moment.

Und warum Georg? Warum war er es, der alles aufweckte?

Hatte Georg, dieser gänzlich fremde Mann, der mit wenigen Worten und Gesten bereits die Tochter in ihr geweckt hatte, sie so ergreifend beeindruckt? Oder gab es eine ganz andere Erklärung für all das Geträumte?

»Die Schatten, die du schon so lange kennst, sie sind dein Leben«, waren Worte, die sie wohl nie wieder vergessen würde, mehr noch, die ihr Kraft gaben, Kraft für ihr Leben – und die ihr Leben gänzlich verändern sollten.

Irgendwann in den nächsten Tagen würde sie das Gespräch mit Georg weiterführen müssen. Auch wenn er sie merkwürdig ansehen sollte.

Aber jetzt war eine andere Frage viel wichtiger: Wie geht es Rosa?

Eben schien es, als hätte sie das Fieber überwunden, was beinahe unmöglich war. Dennoch verwunderte Silvana das kaum noch, war doch an diesem Baby beinahe alles »unmöglich«.

Angestrengt horchte sie in die Stille. Und dann hörte sie ihn wieder und wieder, ihn, woran all ihre Hoffnung hing: Rosas leisen und regelmäßigen Atem. Sie schlief tief und fest.

Seit etwa zwei Stunden lag die kleine Prinzessin im Nebenzimmer wieder in ihrem Bettchen, auch das war Teil ihres Rituals … Dem Morgen begegnen wir im eigenen Bett.

»Ich lasse die Tür offen, meine Kleine. Ich bin nebenan, nah bei dir«, hatte Silvana noch gesagt, nachdem sie das Baby ein letztes Mal in der Nacht versorgt hatte. Und bald schon war Rosa in einen tiefen Schlaf gefallen. Das Fieber, wie und warum auch immer, schien tatsächlich überstanden. Dennoch … »Schlaf ist die beste Medizin«, war eine profane Weisheit nicht nur ihrer Mutter, die Silvana nun endlich immer ruhiger werden ließ. Für Minuten, nur für wenige Minuten.

Denn plötzlich, wie aus dem Nichts, als ihr noch einmal dieser andere, dieser sehr merkwürdige Hinweis – »Später, wenn alles vorbei ist, dann bade darin. Sie nehmen alles Gift von dir« – durch den Kopf ging und sie sich zu erinnern versuchte, was das war, worin sie baden sollte, vernahm sie ein erstes Zittern, das von einem zum nächsten Augenblick gewaltiger wurde. Es durchdrang sie, umklammerte sie blitzartig und unverrückbar, wie es schien, und nahm ihr beinahe den Atem.

Was … was ist das?

Ist das das Gift? Wirkt es jetzt? Aber welches Gift?

Hastig brach sie all ihre Gedanken ab. Dieses Zittern wurde schlimmer und schlimmer.

Was ist das?, wiederholte sie lautstark im Kopf.

Aber noch bevor sie eine Antwort fand, ließ dieses Zittern wieder nach.

Sie versuchte durchzuatmen, doch das ging nicht. Ein weiteres, abscheulich tiefgehendes Ungemach ergriff sie: ein Schwindelgefühl! Alles drehte sich plötzlich. Schneller und schneller wandte sich die Wirklichkeit aus ihrem Dasein, entglitt sie ihr, und dann kam es, das eigentliche Übel: Schweiß, kalter übel riechender Schweiß!

Unsagbar viel kalter Schweiß, seimig und moderig, drängte augenblicklich aus jeder Pore, lief ihr sogleich in breiten Bächen über die Haut und tropfte, nein, ergoss sich zäh auf das Laken. Es war schaurig, und es ließ nicht nach. Sie versuchte, ihn sich abzuwischen, mit der Hand, mit der Bettdecke, aber es war sinnlos. Mehr und mehr Schweiß strömte nach, und bald schon war der Raum gänzlich erfüllt von einem faulig beißenden Gestank, der sich auf alles legte, was sich ihm darbot – unverrückbar, unabänderlich –, auf das Bett und die Stühle, auf die geöffnete Tür zum Nebenzimmer und ebenso auf ihre Gedanken und all die unbeantworteten Fragen.

Und auch das Schwindelgefühl wurde stärker und stärker.

Das Bett, es begann zu wandern, erst träge, bald schneller und schneller, so schien es ihr. Die Wände, sie drehten sich und kamen auf sie zu. Die offene Tür zu Rosas Zimmer wurde kleiner und kleiner und schoss plötzlich, groß wie der aufgerissene Rachen einer Riesenechse, auf sie zu und beugte sich über sie.

Sie verlor den Bezug zur Wirklichkeit. Gänzlich. In ihren aufgerissenen Augen gab es nur noch Angst.

Ich muss nach Hause, dachte sie nur noch, ich muss sofort nach Hause. Nur dort bin ich sicher. Was für ein verloren törichter Gedanke. Aber er lenkte ab, so schien es.

Sie warf die Bettdecke zur Seite und wollte aufstehen, sich diesem Schauder dieser Illusionen, etwas anderes konnte es nicht sein, entgegenstellen, um sich dann augenblicklich fortzustehlen. Nach Hause.

Doch das ging nicht, sie kam nicht hoch. Auch war sie noch immer beinahe nackt. Nackt!

Und jetzt?

Sie warf den Kopf herum, wollte sich umschauen, versuchte es, aber ihr Blick betrog sie, fing nichts ein, an dem sie sich hätte festhalten können. Die Wirklichkeit löste sich mehr und mehr auf.

Sie war hilflos, und sie war nackt.

Nein, das durfte nicht sein. Sie würden gleich kommen, Paula und Sibylle und der Arzt. Und auch Ray. Niemand durfte sie so sehen. Kein Blick durfte auf ihre entsetzlich hilflose Nacktheit fallen.

Sie ließ den Kopf auf das Kissen fallen und schloss die Augen, und sie versuchte, sich zu erinnern: Wo hatte sie ihre Sachen abgelegt?

Im Bad. Ein erster klarer Gedanke. Doch niemals würde sie es dort hinschaffen. Die Wände, der Boden, alles tanzte bedrohlich.

Dann deck dich zu, hoch bis unters Kinn.

Sie war nackt und sie war … Rasch riss sie die Augen auf. Nein!, noch immer war nichts von Bestand, nicht die Zimmerdecke, nicht die Wand zu ihrer Rechten, auch nicht die Wand zu ihrer Linken. Alles bewegte sich. Wellenartig kam ihre Umgebung auf sie zu, ging von ihr weg und kam wieder zurück. Und alle Farben verschwammen, lösten sich auf, verschmolzen zu einem grässlich stumpfen Braun.

Was passiert hier?

Sie schloss erneut die Augen, horchte angestrengt nach innen. Nichts. Nein, stopp! Da war etwas: Schafgarbenblüten, löste sich plötzlich aus der Tiefe ihrer Erinnerungen … Schafgarbenblüten! Nur ein Wort. Mel hatte davon gesprochen. Im Traum. »Ein Bad mit Schafgarbenblüten. Wenn alles vorbei ist«, hatte sie gesagt.

Silvana verschwendete keinen zweifelnden Gedanken daran, ob das wahrhaftig helfen würde, zu grotesk war das alles – sie glaubte einfach daran.

Ein Bad in Schafgarbenblüten war eine Hoffnung.

Aber woher nehmen?

Sie überlegte kurz, nur kurz, dann schüttelte sie den Kopf. Resigniert und verloren. Nein, es gab keine Hilfe. Schafgarbenblüten blieben ohne Hoffnung.

Schließlich wollte sie nur noch lachen, ihre Hilflosigkeit durch ein Lachen offen legen, denn sie begriff, sie war gefangen im Trugbild eines Wortes. Und sie wollte es hinausschreien, doch die Lippen, der Mund, die Zunge, sie gehorchten ihr kaum. Ihr Lachen und ihr Schreien mischten sich zu einem entsetzlichen Krächzen.

Dieses eine Wort – Schafgarbenblüten –, der vermeintliche Schlüssel zurück ins Leben, war dann auch bald bedeutungslos.

Dunkelheit, wohltuende Dunkelheit trat auf sie zu, ließ Wände, Türen und Farben verschwinden – brachte Ruhe.

O ja, komm näher, mein Freund, wärme mich und lass mich alles vergessen.

30 – Das Erste, das sie …

… vernahm, war eine angenehme Wärme. Und mit dem nächsten Atemzug umfing Silvana ein feiner und hauchzarter Geruch, der sich trotz einer leichten stechenden Note wohltuend in ihr ausbreitete. Noch nie hatte sie Ähnliches gerochen. Das musste das Paradies sein.

Vorsichtig öffnete Silvana die Augen und blickte auf ein Meer aus hellrosa Blüten. Und dann spürte sie es: Wasser, angenehm warmes Wasser. Sie lag in einer Wanne und bald nur der Kopf und die Schulterspitzen erhoben sich aus dem Wasser, das über und über mit Blüten bedeckt war.

Und während sie begriff, dass das wohl nicht das Paradies war, vernahm sie eine Stimme neben sich: »Hallo, Silv. Hörst du mich? Kannst du mich verstehen?«

Schleppend drehte sie den Kopf und blickte Sibylle an, und sie nickte stumm.

»Das ist schön«, sagte Melissas Mutter und strich Silvana vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Geht es dir besser?«

Silvana gab keine Antwort. Welche auch? War es ihr schlecht gegangen? Vermutlich. Noch wusste sie es nicht, doch kriechend kamen Erinnerungen zurück. Rosa. Das Fieber. Der Traum. Das Gift. O ja, es war ihr wirklich schlecht gegangen.

Aber an all das wollte sie sich jetzt nicht erinnern. Das Wasser, es war so behaglich warm, noch immer so paradiesisch angenehm.

Sie hob eine Hand, um sich über die Stirn zu streichen, stoppte dann aber. Ihre Finger und auch die Handinnenflächen waren unsagbar schrumpelig, so als würde sie …

»Wie … lange liege ich … schon hier?«, sagte sie mit zögerlich tonloser Stimme. Daran und an all das, was nach dem Gift gekommen war, konnte sie sich nicht erinnern.

»Seit mehr als eine Stunde. Du erinnerst dich nicht?«

Silvana schüttelte den Kopf.

»Weißt du denn noch, was da letzte Nacht alles passiert ist?«

All das hatte sie klar vor Augen, dennoch schüttelte Silvana wieder nur den Kopf und ließ die Hand zurück ins Wasser gleiten. Sie wollte nicht darüber sprechen. Sibylle würde es sowieso nicht verstehen. Sie würde nur Angst bekommen.

Und wenn Silvana ehrlich war, dann verstand sie es ja selbst nicht wirklich. Nur merkwürdig war … zurückblickend vernahm sie in sich weder Angst noch Panik. Und das konnte sie sich im Moment nicht erklären.

Außerdem … Es war ja auch vorbei.

Doch nichts war vorbei. Im Gegenteil.

Einen Moment schwiegen sie.

Die Aussicht auf eine rasche Erklärung all der Entsetzlichkeiten, die Silvana wohl erlitten haben musste, schien sich im Moment in Sibylle zu zerschlagen. Doch begriff sie offenbar auch, dass diese Erwartung wohl unangebracht war, und sie sagte: »Ich hoffe, es ist noch angenehm warm? Ich gebe immer mal wieder etwas heißes Wasser dazu, damit auch alles so ist, wie du es jetzt für deine Genesung benötigst.«

Ja, das war es, angenehm warm, aber … »Wie bin ich überhaupt hierhergekommen?«

Beinahe so etwas wie Schmerz stand Sibylle augenblicklich ins Gesicht geschrieben, mitleidiger Schmerz.

Und sie begann zu erzählen, zögerlich und wachsam, auch weil sie wohl noch immer jeden Moment hoffte, in Silvana Erinnerungen zu wecken, die ihr Erklärungen geben könnten.

Paula, die versucht hatte, all dem Entsetzen um Rosa, all der Panik, die im Haus herrschte, mit einem Hauch von Normalität, nein, nur mit dem Anschein eines Hauches, zu begegnen, war wie jeden Morgen gegen acht Uhr mit einem kleinen Frühstück in die Gästewohnung gekommen, hatte aber sofort begriffen, dass hier weder Brötchen noch Kaffee, sondern schnellstens ihre Hilfe erforderlich war.

»Du bist apathisch in deinem Bett gelegen. Das Laken und die Bettdecke waren völlig durchnässt. Auch lag ein entsetzlicher Geruch in der Luft«, sagte Sibylle und fuhr dann leise fort. »Paula hat sich dann rasch noch um Rosa gekümmert. Raymond und Dr. Vontell warteten bereits vor der Tür. Und dann war sie nur für dich da gewesen. Kurz danach war ich auch schon bei dir.«

Einen langen Moment sah Sibylle Silvana erwartungsvoll, letztlich aber doch wieder nur mitleidig an.

Und Silvana schwieg.

»Du hast uns verboten, den Arzt für dich zu holen«, fuhr Sibylle nach einem langen Moment der Stille fort.

»Verboten? Ich hab mit euch gesprochen, richtig gesprochen?« Sie erinnerte sich an dieses merkwürdige Gekrächze vor ihrem Blackout.

»Ja, aber nicht wie jetzt mit mir, sondern sehr, sehr undeutlich. Deine Zunge schien irgendwie gelähmt. Paula hat mehr von deinen Augen abgelesen, als von deinen Lippen gehört. Erinnerst du dich daran?«

»Nein, nicht wirklich.«

Zärtlich strich Sibylle ihrer zweiten »Tochter« über die Wange und fuhr dann fort: »Uns war klar, vor allem Paula, dass du wohl baden wolltest. In Schafgarbenblüten. Obwohl wir nicht wussten, ob wir das richtig verstanden hatten, ließen wir, vornehmlich wieder Paula, keinen Moment auch nur den leisesten Zweifel daran aufkommen, dass du etwas anderes gemeint haben könntest. Auch ließen wir Dr. Vontell, der dich unbedingt untersuchen wollte, nicht an dich heran. Auch ohne deine Worte zu verstehen, war uns klar, dass es dir wohl äußerst unangenehm sein würde. Der viele Schweiß, der Geruch und all das.«

Silvana blickte nachdenklich über das hellrosa Blütenmeer und fuhr dabei mit der Hand durch das angenehm warme Wasser, strich sich über den unteren Brustansatz, den Bauch und über … Noch immer hatte sie ihren Slip an. Und sie schrak zusammen.

Ihre Nacktheit! Und wieder hatte sie die Panik vor Augen, die sie ergriffen hatte – und auch ihre Ohnmacht.

»Keine Angst, nur Paula und ich haben dich so gesehen«, sagte Sibylle, die den Schrecken in Silvanas Gesicht richtig deutete. Auch schien sie nun endgültig jegliche Hoffnung auf eine schnelle Erklärung für all das, was ihrer Silvana wohl albtraumartig geschehen sein musste, aufgegeben zu haben.

Wieder strich sie Silvana über die Wange, und sie erzählte weiter: von der Aufregung, ausgelöst durch ihren Wunsch nach Schafgarbenblüten, der wie ein Lauffeuer durch das Haus geschwappt war, von Konrads jüngster Mitarbeiterin, einer Auszubildenden, deren Mutter sich viel mit Kräutern beschäftigte, von dem Moment, zwanzig Minuten später, als die junge Frau mit strahlenden Augen und einem großen Beutel Blüten von ihrer Mutter zurückgekehrt und vor Paula gestanden war und ihr den Beutel wie eine wertvolle Trophäe überreicht hatte. Und letztlich von dem Augenblick, da alle, wirklich alle, Paula und ihr Glück gewünscht und ganz sicher das ein oder andere Stoßgebet zum Himmel geschickt hatten.

»Du solltest, nein, du musstest wieder gesund werden. Immerhin hattest du dafür gesorgt, dass es Rosa wieder sehr viel besser geht.«

Und am Ende erzählte Sibylle ihr auch noch, dass Paula wie eine große Schwester besorgt um sie gewesen war und die Hand beschützend über sie gehalten hatte. »Sie wäre für dich gestorben.«

Das Gehörte beruhigte Silvana zusehends. Wieder schloss sie die Augen und versank in der paradiesischen Wärme des Wassers. Und ihre Gedanken verloren sich, glitten noch einmal hinüber zur letzten Nacht und auch zu ihrem Traum.

Und bald schon hatte sie dann auch wieder diese Schatten vor Augen.

Die Schatten!

Nichts, was in der letzten Nacht über sie gekommen war, war so nachhaltig.

Die Schatten!

Aber kein Wort wollte sie jetzt oder irgendwann darüber verlieren. Am liebsten würde sie alles vergessen, doch sie spürte, dass ihr das nicht mehr möglich sein würde, im Gegenteil, dass es da wohl noch mehr gab, noch sehr viel mehr, was im Verborgenen auf sie wartete.

Der Traum, wehr dich nicht, er ist … er ist ein Wendepunkt, vernahm sie dann auch am Grund ihrer Seele eine Stimme. Diese Stimme, dieser Gedanke machte ihr auf eine leise und gänzlich unbekannte Art dann doch wieder Angst. Sollten die Schatten tatsächlich ihr Leben bestimmen?

Doch rasch lenkte sie sich ab.

»Und was ist mit Rosa? Ist sie wirklich wieder ganz …?«

»Du erinnerst dich endlich …?«

»Nur an Rosa«, sagte sie, wobei sie den Blick senkte.

Sibylle schien etwas zu spüren, wollte aber nicht näher darauf eingehen, und sie sagte: »Ja, Rosa geht es gut. Dr. Vontell hält all das, was hier passiert sein muss, für ein Wunder. ›Das ist medizinisch nicht erklärbar‹, hat er gesagt.«

Erneut schwiegen die beiden Frauen, und wieder strich Sibylle ihrer Silvana zwei, drei Haare aus dem feuchten Gesicht. Und rücksichtsvoll, dennoch mit aufflammender Hoffnung in der Stimme, fragte sie schließlich: »Und, kannst du dich an noch mehr erinnern?«

Silvana blickte nur auf die Blüten, die vor ihr schwammen, und sie schwieg.

Sibylle schien zu ahnen, dass die Erinnerungen zurück waren, und sicher verstand sie auch, dass Silvana jetzt nicht darüber sprechen wollte. Zu merkwürdig oder gar erschütternd muss wohl all das gewesen sein, was hier, in dieser Wohnung und im Inneren ihrer zweiten Tochter vor sich gegangen sein musste.

Wirklich vorstellen konnte sie es sich aber wohl nicht.

Und im Flüsterton sagte sie: »Es ist schön, dass auch du nun wieder bei uns bist. Ruh dich aus. Ich werde draußen allen schnellen Bescheid geben, dass die Blüten tatsächlich geholfen haben. Ach übrigens, Paula hat dann auch rasch dafür gesorgt, dass es überall wieder angenehm duftet.«

»Draußen? Allen? Was heißt das?«, griff Silvana Sibylles Gedanken fragend auf.

»Na ja, vor der Tür sind sie alle, das Hauspersonal, die Gutsangestellten, Dr. Vontell und natürlich auch Raymond. Alle warten und sind bereit, noch mehr für dich zu tun. Doch ich denke, im Moment ist nichts weiter nötig. Du brauchst nur Ruhe. Auch deshalb möchte ich sie nicht länger warten lassen.«

Alle sind bereit, mehr für mich zu tun. Was für Worte!

Und augenblicklich spürte Silvana eine Träne, die drückte.

Sibylle stand auf, und mit einem liebevollen Lächeln in den Augen sagte sie: »Du hast ein großes Unglück abgewendet. So empfinden es alle. Wie auch immer du das vollbracht hast. Niemand versteht es wirklich. Aber alle sind dir sehr dankbar. Du hast etwas geschafft, das unmöglich erschien.« Und mit ernster Stimme schob sie nach: »Alle wollen, und glaube mir, das sagen sie nicht nur so, sie wollen, dass man dich dafür heiligspricht. Es ist wirklich ein Wunder.«

Heiligsprechen? Welch törichter Wunsch. Silvana war irritiert. War es nicht eher unglaublich fahrlässig gewesen, was sie mit Rosa »vollführt« hatte?

Vollführt? Ja, genau das hatte sie doch getan.

Nichts Vernünftiges hatte hinter ihrem Handeln gestanden, alles war nur ihrem Herzen, ihrem Gefühl und ihrer Seele entsprungen. Mit Heiligkeit hatte das bestimmt nichts zu tun gehabt. Eher wohl mit Glück, ja, mit viel Glück.

Und doch – war es wirklich nur Glück gewesen?

Sie wusste es nicht, auch weil sie es nicht verstand. Aber wollte man es dennoch auf irgendeine mystische Art bezeichnen, war es dann nicht eher etwas ganz anderes gewesen, war es dann nicht Teufelswerk gewesen?

Ja, Teufelswerk?

Selbstherrlich war sie gewesen, hatte einem Gefühl, das ihr unbekannt gewesen war, nachgegeben. Sie hatte die medizinisch gebotene Wirklichkeit leichtfertig weggeschoben.

Hatte sie Rosa damit nicht in Gefahr gebracht? Auch wenn es so aussah, als hätte Rosa es selbst genau so gewollt? Aber Rosa war ein Baby, ein winziges Baby.

Und war diese Hilfe für Rosa, dieses emotionale und instinktive Handeln, dieses Teufelswerk, am Ende nicht einem anderen Wunsch entsprungen? Einem selbstgefälligen Wunsch? Nach Ray und Silv?

Hatte sie das alles hier am Ende nur dafür getan? Für Ray und Silv?

Ihre Gedanken verloren sich, wurden haltlos.

Nein!, sagte eine Stimme in ihr. Sie hatte es für Rosa getan und vielleicht auch ein wenig für Ray und Silv.

Aber all das war nicht mehr wichtig, all das war gestern gewesen.

Heute, und das wusste sie sehr deutlich, heute sah die Wirklichkeit anders aus: Es gab da wieder diese Schatten – im Traum vereint mit Rosa.

Doch noch verstand sie all das nicht. Was hatten Rosa, Melissa und auch Georg, der auch in diesem Traum aufgetaucht war, mit diesen Schatten zu tun?

Vielleicht gar nichts?

Aber es hatte sie gegeben, alle gemeinsam, in diesem Traum. Auch waren da Raymond und wohl auch Elektra gewesen.

Aber warum? Was hatte all das zu bedeuten? Und was war noch real?

Etwas hatte sich verändert, nein, etwas hatte sie verändert – in den letzten Stunden. Etwas, das in dem Traum, auf dem Deich, seinen Anfang genommen hat. Die Schatten sind dein Leben. Das hatte sich verändert.

Und deshalb musste sie nach Hause. Ja, nach Hause. Sofort. Sie musste nachdenken, in der Abgeschiedenheit und Ruhe ihrer eigenen Wohnung. Nur da konnte sie sich wirklich fallen lassen – stundenlang, tagelang. Rosa ging es besser, also durfte sie auch nach Hause.

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9783753189260
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