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Artur Hermann Landsberger
Elisabeth

Der roman einer deutschen frau

Saga

The Winners

Never on the winning side

Always on the right —

Vanquished, this shall be our pride

In the world’s despite.

Let the oily Pharisees

Purse their lips and rant,

Calm we face the destinies —

Better „can’t“ than Cant.

Bravely drain, then fling away.

Break the cup of sorrow!

Courage! He who lost the day

May have won the morrow.

G. S. Viereck

(am Tage des Waffenstillstands)

Vorwort

Sie haben, George Sylvester Viereck, als Einer der ganz Wenigen noch in einer Zeit, in der die Wogen des Deutschenhasses in Ihrem Lande haushoch gingen, den Mut gehabt, die Lüge zu bekämpfen.

Aber oft gehört mehr Mut dazu, die Wahrheit zu bekennen, als die Lüge zu bekämpfen. Ich weiß, wenn Einer den Mut dazu hat, sind Sie’s!

Werden Sie Mittel und Wege finden, daß die Amerikaner den Schrei eines ihnen stammverwandten Volkes hören?

Solange noch in der Welt die Macht entscheidet, werden „wehrlos gemacht“ und „ehrlos gemacht“ zwei nahe beieinander wohnende Begriffe sein. Widerspruchslos hat das deutsche Volk den Versailler Frieden und alles, was dar über hinausging, hinnehmen müssen. Es hat sich — gegen sein Gewissen — als den am Kriege allein Schuldigen bekannt — im Vertrauen auf eine Zukunft, in der das Weltgewissen das deutsche Volk auch von diesem Fluch befreien wird.

Von jeher geduldig, schleppt es sein Schicksal und erträgt, wehrlos gemacht und daher ohne Möglichkeit der Abwehr, alles, was ein unversöhnlicher Nachbar ihm auferlegt. Aber, daß die deutsche Frau und Mutter, weiß wie Eure Frauen und Mütter, noch heut, nach Jahren des sogenannten Friedens, der Brunst schwarzer Franzosen ausgeliefert ist, steht abseits aller Politik — ist eine Frage der Gesittung — und daher eine Frage, die auch Euch angeht, Amerikaner!

Der Roman der deutschen Frau, den ich schrieb, ist nicht zu widerlegen, denn er wurde aus dem Leid geboren, das die Deutschen heute noch unter den Schwarzen am Rhein erdulden.

Wenn sich die deutsche Frau in ihrer Not durch dies Buch an ihre amerikanische Schwester wendet und sich dabei Ihrer Führung, George Sylvester Viereck, anvertraut, so geht sie damit den Weg, den Herz und Verstand sie weisen.

Artur Landsberger

Erstes Kapitel

„Die Juden — sind — an allem Unglück — schuld,“ sagte Paul Schäfer, das Gebetbuch in der Hand, zu seinem Nachbarn.

Und die Gemeinde sang:

Du hast den Geist gegeben,

Der Trost im Herzen schafft,

Zu höherm Tugendleben

Dem Sünder gibt die Kraft.

„Ausrotten — muß man — sie,“ fuhr Schäfer fort. „Mit Stumpf und Stiel. — Ohne Gnade!“

Der Angeredete wandte sich ab, und die Gemeinde sang:

Send uns den Geist der Liebe,

Den Geist voll Licht und Kraft;

Besieg in uns die Triebe

Der bösen Leidenschaft.

„Und wer sich diesem Reinigungsprozeß entzieht,“ sagte Schäfer und dämpfte die Stimme — denn eine Dame vor ihm wandte den Kopf und forderte Ruhe — „verdient nicht, Deutscher zu sein.“

Beug auch die stolzen Seelen,

Laß sie die Wahrheit sehn,

Laß alle, welche fehlen,

Zu dir um Gnade flehn.

Schäfers Nachbar, Wilhelm Fürst, klappte das Gebetbuch zu und sagte:

„Quatsch!“

„Was?“ fragte Schäfer.

„Alles!“ erwiderte der, schob sich durch die Reihe der Betenden und traf im Mittelgang mit Erich Grothe, einem hochaufgeschossenen jungen Menschen, zusammen, der auf ein verabredetes Zeichen hin ebenfalls seinen Platz verlassen hatte.

Als sie durch das Portal ins Freie traten, sagte Fürst:

„Theater!“

Der junge Grothe machte ein nachdenkliches Gesicht und erwiderte zögernd:

„Fandst du nicht, daß die Predigt ...“

„Heuchelei!“ fiel der ihm ins Wort. „Als ob die Welt stillstände! Seit zweitausend Jahren immer dasselbe.“

„Und doch deckt sich, was er von der Nächstenliebe sagt und daß alle Menschen vor Gott gleich sind, mit unserem Programm.“

„Vor Gott!“ wiederholte Fürst verächtlich. „Wenn ich das höre, steigt mir der Zorn auf.“

„Die Menschen glauben es doch.“

„Leider!“ erwiderte Fürst und verkündete mit Pathos: „Aber wir sind dazu berufen, ihnen einzuhämmern, daß man sie belügt.“

Der um ein paar Jahre jüngere Grothe nickte mit dem Kopf, und Wilhelm Fürst fuhr fort:

„Wir Kommunisten lösen die auf das Jenseits ausgestellten Wechsel auf Erden ein! Wir erfüllen, sobald wir die Macht in Händen haben.“

„Hätten wir sie nur erst!“ sagte der junge Grothe. Fürst sah ihn scharf an und erwiderte:

„Das hängt davon ab, daß jeder einzelne von uns seine Pflicht tut.“

Da griff der junge Grothe in die Tasche und zog ein Kuvert hervor, das Fürst — da grade Leute aus der Kirche kamen — schnell an sich nahm.

„Drei?“ fragte Fürst, und Grothe erwiderte:

„Viereinhalb.“

„Um so besser! Denn um so schneller werden wir zum Ziele kommen. — Wo hast du’s her?“

„Mit dreitausend sollte ich meinen Schneider bezahlen und fünfzehnhundert habe ich aus dem Schreibtisch meines alten Herrn genommen.“

„Damit hast du nur deine Pflicht getan.“

„Ich will ja gewiß alles tun, was die Sache erfordert,“ erwiderte der junge Grothe. „Nur dies Komödiespielen ertrage ich nicht länger.“

„Wir wollen die Welt zum Guten erlösen, Erich!“ erwiderte Wilhelm Fürst feierlich. „Da ist jedes Mittel erlaubt, das uns dem hohen Ziel näherbringt.“

Der junge Grothe drückte dem Freunde die Hand und sagte:

„Verlaß dich auf mich.“

Dann trennten sie sich.

Die Kirche war aus. Der weite Platz füllte sich mit Menschen. Fuhrwerke und Autos setzten sich nach dem Brandenbuger Tor zu in Bewegung.

Ein elegantes Fuhrwerk, in dem. Frau Jenny Grothe mit ihren drei Töchtern saß, fuhr vorüber.

„Erich!!“ riefen die jungen Mädchen, und Frau Jenny wandte den Kopf, gab dem Diener ein Zeichen und ließ halten. Der junge Grothe trat an den Wagen; sie sprachen miteinander.

Von der Kirche Heimkehrende blieben stehen.

„Diese Mutter mit ihren drei Töchtern sind eine Sehenswürdigkeit!“ sagte Frau Schäfer, die am Arme ihres Sohnes Paul hing, und wies auf den Wagen.

„Wer sie nicht kennt, muß sie für Prinzessinnen halten,“ erwiderte der und grüßte zu dem Wagen hinüber. „Dabei müßtest du den Vater sehen, der Typ eines Kriegsgewinnlers.“

„Wer ist der junge Mann, der mit ihnen spricht?“

„Der Sohn. — Die Aelteste, Elisabeth, die neben der Mutter sitzt ...“

„Sie sieht am vornehmsten aus,“ fiel ihm die Mutter ins Wort, „und ähnelt der Mutter am meisten. — Findest du nicht auch?“

„Gewiß!“

„Wenn ich nicht irre,“ fuhr die Alte fort, „so erzähltest du mir, daß sie auch die Ernsteste und Klügste sei.“

Paul Schäfer schwieg.

„Und welche ist deine Favoritin?“ fragte die Mutter.

„Die Jüngste.“

„Wie heißt sie?“

„Lotte.“

Die Alte schwieg. Nach einer Weile sagte sie halblaut vor sich hin:

„Schade!“

„Was ist schade?“ fragte Schäfer, und die Alte erwiderte:

„Daß sie nicht Elisabeth heißt.“

„Die ist nicht mehr frei,“ erwiderte Schäfer, „— und dann — sie ist Pazifistin.“

„Das ließe sich doch ändern,“ meinte die Alte, die fühlte, daß er nicht freiwillig auf sie verzichtet hatte.

„Was?“ fragte Schäfer und sah die Mutter an.

„Ihr Pazifismus. — Aber“, fuhr sie fort und ließ den Sohn nicht aus den Augen — „das andere am Ende auch.“

„Bei der nicht!“ sagte er lebhaft. „Die steht fest — fester als ich.“

„Hm — dann freilich. — Aber vielleicht ginge es anders.“

„Wie meinst du das?“ fragte er voller Interesse.

„Daß nicht sie — sondern du — da sie doch fester steht. — Und am Ende brauchtest du auch nicht gleich Pazifist zu werden. Vielleicht genügt es, daß du deinen Chauvinismus und Antisemitismus ein bißchen dämpfst.“

Paul Schäfer schüttelte den Kopf und sagte:

„Wenn es damit getan wäre!“

„Was ist der Mann, für den sie sich interessiert?“

„Ein junger Chemiker. Einer der wenigen in Frankreich noch zurückgehaltenen Offiziere.“

„Freilich, dagegen wird bei ihrem Charakter schwer anzugehen sein,“ meinte die Alte.

Paul Schäfer gab sich einen Ruck. Er zog den steifen Rücken noch strammer, warf den Kopf zurück und sagte:

„Man darf heutzutage nicht nur nach dem Gefühl gehen. Selbst nicht bei der Wahl seiner Frau. Es gibt Höheres! Und da ich bei Lotte die gleiche Gesinnung finde und zugleich die Mittel ...“

„Paul!“ fiel ihm die Mutter ins Wort. „Seit wann denkst du materiell?“

„Nicht für mich,“ erwiderte der. „Aber ich muß finanziell unabhängig sein, um ganz meinen politischen Idealen leben zu können.“

„Erst mach mal dein Examen!“ sagte die Mutter und beschleunigte den Schritt.

Im japanischen Salon der Villa Grothe saß inzwischen der Herr des Hauses, Generaldirektor Leopold Grothe, mit seinem Schwiegersohn, Iwan Schiff, vor einer Flasche altem Tokayer.

„Na ja,“ sagte der Alte, „im Grunde hast du recht — du und ich, wir haben weder den Krieg noch den Frieden gemacht — warum also sollen wir leiden? — Aber wenn man bedenkt, um wieviel besser es uns heute geht als vor dem Kriege, dann muß man denen dankbar sein, die ihn gemacht haben.“

„Was ich nicht begreife,“ erwiderte Iwan Schiff, „ist, daß man heute, nach fünf Jahren, noch immer vom Kriege redet. Es gibt doch bei Gott angenehmere Dinge, über die man sich unterhalten kann.“

„Köstlich!“ rief der Alte. „Natürlich gibt es angenehmere Dinge. Zum Beispiel alten Tokayer und was dazugehört — Weiber!“

„Pscht, Schwiegerpapachen!“ wehrte Iwan Schiff. „Das sind keine Klostergespräche.“

„Richtig,“ erwiderte der und wischte sich den Mund ab. „Dies Haus ist ein Kloster.“

„Deine Schuld! Bei mir geht’s lustiger zu. Obschon meine Frau, deine Tochter, aus deinem Kloster stammt.“

„Edith hat nie in dem Maße unter dem Einfluß meiner Frau — oder besser: unter Elisabeths Einfluß gestanden. Denn in Wahrheit ist sie es, die in meinem Hause den Ton angibt.“

„Elisabeth ist eine Heilige!“

„Wenn auch nicht das. — Ich glaube sogar, daß sie, erst einmal geweckt, viel Temperament entwickeln wird.“

„Ich habe mir alle Mühe gegeben,“ erwiderte Schiff — „und ehrlich um sie gerungen.“

„Mit falschen Mitteln, mein Lieber! Tüchtigkeit, die sich in Zahlen ausdrückt, imponiert ihr nicht.“

„Worin soll sich Tüchtigkeit anders ausdrücken als im Geldverdienen?“

„In der Gesinnung — meint sie.“

„Damit verdient man heutzutage nichts. — Im Gegenteil! Gesinnung hemmt.“

„Richtig! Ich bin ganz deiner Meinung! Wenn ich mir unter dem Einfluß Elisabeths und meiner Frau auch eine gewisse Beschränkung aurerlege und mir manches Geschäft aus den Fingern gehen lasse.“

Iwan Schiff lächelte verschmitzt und sagte:

„Du meinst, es durch mich machen läßt, statt es selbst zu machen.“

„Sei nicht so gründlich,“ erwiderte der Alte.

„Ich verstehe! Hauptsache, es wird gemacht. Also, wie steht das Geschäft mit dem Franzosen?“

„Schlecht. — Auf reellem Wege ist, fürchte ich, nichts zu machen.“

„Damit habe ich auch keinen Augenblick gerechnet. Es muß völlig geheim bleiben. Sonst hetzt die Presse, wie immer, wenn ein wirtschaftlich bedeutendes Unternehmen an ein ausländisches Konsortium übergeht.“

„Seit wann stört dich, was die Presse schreibt, wenn es etwas zu verdienen gibt?“ fragte der Alte. Und Schiff erwiderte:

„Meiner Stellung an der Börse wegen.“

Der Alte faßte seinen Schwiegersohn beim Arm und lachte laut.

„Die Börse!“ rief er. „Dieser Klub der Selbstlosen, die vor lauter Patriotismus keinen Dollar auch nur anrühren, um die Mark zu stützen.“

„Das stimmt. Aber irgendwie muß man den Schein wahren. Dollars kaufen, die Mark drücken und eine der wichtigsten Industrien an Frankreich ausliefern — um mir das leisten zu dürfen, dazu bin ich noch nicht einflußreich genug.“

„Schön! Ich nehme es auf mich,“ erwiderte der Alte. „Aber die Schwierigkeit liegt woanders. Die Franzosen, die erst förmlich enthusiasmiert für das Geschäft waren, stellen sich plötzlich uninteressiert.“

„Das habe ich erwartet,“ erwiderte Schiff.

„Wieso?“ fragte der Alte erstaunt.

„Nun, sie werden das natürliche Verfahren anwenden und direkt verhandeln.“

„Mit wem?“

„Mit den Angestellten, die Bescheid wissen und ihnen für ein paar Millionen das Herstellungsverfahren verraten.“

„Prachtvoll!“ sagte der Alte wiehernd. „Und das nennst du ‚direkt verhandeln‘ und ‚natürliches Verfahren’?“

„Ich glaube, daß du und ich im gegebenen Falle ebenso ...“

„Pscht! Man erlaubt sich genug! Wozu also, wenn man sich mal nichts erlaubt, noch explizieren, daß man im gegebenen Fall auch so handeln würde. — Im übrigen aber fürchte ich, du hast recht.“

„Was heißt, du fürchtest. Ich finde, es erleichtert uns das Geschäft. Ich fahre noch heute abend an den Rhein, schiebe mich in die Konstellation hinein, decke alles auf, spiele den Retter des Vaterlandes — und wenn dann der Skandal ausbricht, der natürlich von der Hauptsache ablenkt, machst du das Geschäft.“

„Ausgezeichnet!“ rief der Alte, goß sich ein und wollte eben ansetzen, als die Tür aufging und Frau Jenny mit ihren drei Töchtern ins Zimmer trat.

„Willkommen in der Heimat,“ empfing der alte Grothe seine Familie. „Na, wie war die Reise in die Gefilde des Ewigen? Seid ihr mehr erbaut oder mehr hungrig? Nebenan wartet das Frühstück.“

„Es war sehr lustig, Papa,“ erwiderte Edith. „Haben dir nicht die Ohren geklungen?“

„Mir? wieso mir?“ fragte der Alte, und Iwan Schiff meinte:

„Ihr wart doch im Dom und nicht auf der Börse!“

„Wie man’s nimmt,“ erwiderte Edith.

„Pastor Anger hat nämlich gegen die Wucherer und Geschäftemacher gewettert, die Christus aus dem Tempel trieb.“

„Bist du toll?“ schalt der alte Grothe. „Was hat das mit mir und deinem Mann zu tun?“

„Danach müßt ihr Pastor Anger fragen,“ erwiderte Edith. „Er hat eine Parallele zwischen damals und heute gezogen.“

„Blödsinn!“ rief Iwan Schiff.

„Vielleicht, daß du da nicht zu folgen vermagst,“ meinte Elisabeth. „Er sprach von christlicher Nächstenliebe.“

„Wir Juden haben mehr Herz als ihr!“

„Verzeih!“ erwiderte Elisabeth. „Vielleicht hast du recht. Man soll nicht verallgemeinern. Ich kenne kaum einen Juden. Ich kenne nur dich.“

Iwan Schiff wollte erwidern. Der alte Grothe hielt ihn zurück. Aber Frau Jenny sagte:

„Es ist doch sonst nicht deine Art, Elisabeth, jemanden zu kränken.“

„Mich hat es bewegt, was Pastor Anger sagte,“ erwiderte sie. „Ich hatte das Gefühl, er war im Recht, wenn er gegen unsere Zeit, die Gott für überwunden hält, anging und sich gegen die schamlosen Protzen und Prasser wandte, die nur ans Geldverdienen denken und keinen Sinn und kein Herz für die Not ihres Vaterlandes haben.“

„Papperlapapp!“ erwiderte der Alte. „Das sind kommunistische Hetzereien, die nicht auf die Kanzel gehören.“

„O nein, Papa, das sind die elementarsten Sätze christlicher Ethik.“

Iwan Schiff versuchte, dem Streit, der drohte, den Boden zu entziehen, indem er das Ganze ins Lächerliche zog und mit Pathos sagte:

„Geh’ in ein Kloster, Elisabeth!“

Aber die erwiderte:

„Laß deine Scherze! dazu sind die Dinge zu ernst.“

„Ich habe mir nur erlaubt, Maria Stuart zu zitieren,“ erwiderte er.

„Iwan! was fehlt dir?“ rief Edith. „Du und die Klassiker! Und noch dazu Schiller! Wie ist das möglich neben all den Devisen und Effekten?“

Lotte, die Jüngste, legte den Arm um Edith und sagte:

„Beruhig’ dich, es fehlt ihm nichts. Schiller hat nie etwas auch nur Aehnliches gesagt.“

Iwan Schiff wurde nervös:

„Unseren Kenntnissen in Effekten und Devisen verdankt ihr Fuhrwerk, Auto, Villa, Reisen — ich weiß nicht, ob aus dem Studium Goethes oder Schillers Aehnliches herausspringt.“

„Es gibt Menschen, die ohne Auto und Villa glücklich sind,“ sagte Elisabeth.

„Also da haben wir’s!“ rief der Alte. „Dazu schickt man seine Kinder in die Kirche, damit sie revolutionär und gegen die Eltern aufgehetzt werden.“

„Du übertreibst, Leopold,“ vermittelte Frau Jenny. „Du bist es ja nicht, der die Kinder in die Kirche schickt, sondern sie gehen teils aus eignem Antrieb, teils mir zuliebe ...“

„Und mir zuliebe werden sie von nun ab nicht mehr gehen!“ unterbrach sie Grothe.

Frau Jenny überhörte es — oder sie tat doch so — und fuhr fort:

„Und was sie dort hören, ist weder revolutionär, noch Verhetzung. Was Pastor Anger predigt, ist die Quintessenz der christlichen Lehre. Steht das aber im Widerspruch mit unserer Ethik und Lebensführung, dann werden am Ende nicht unsere Kinder, sondern wir gut daran tun, uns zu prüfen, ob nicht wir uns auf falscher Bahn bewegen.“

„Ich sag’ es ja!“ rief der Alte. „Kommunismus in Reinkultur! Die Kinder lehren die Eltern, die sich auf falscher Bahn bewegen. Der Schülerrat verfügt über die Lehrer, der Kinderrat über die Eltern.“ — Er lachte laut auf und fragte seinen Sohn, der eben ins Zimmer trat: „Gestattest du, Erich, daß ich noch einen Schluck Tokayer trinke?“

„Lieber Leopold,“ sagte Frau Jenny, „du verstehst mich falsch.“

„Natürlich! Wir verstehen uns überhaupt nicht. Längst nicht mehr.“

„Wir haben uns aber früher glänzend verstanden, und es gab nichts, worüber wir nicht derselben Meinung waren.“

„Bis vor ein paar Jahren, wo ich ein anderer wurde.“

„Da hast du’s! Du wurdest ein andrer. Ich aber bin dieselbe geblieben.“

„Das ist es ja, daß du, während ich groß wurde und mich emporgewickelt habe, stehengeblieben bist,“ sagte der Alte.

„Für deine Art Geschäfte und deine Lebensführung werde ich nie Verständnis aufbringen.“

„Jenny! was fällt dir ein?“

„Wie du dein Geld verdienst, geht mich vielleicht nichts an — obschon ich wünschte, es wäre weniger und auf andre Art. Aber das Leben, das du führst, empört mich. Nicht meinetwegen — ich verlange längst keine Rücksicht mehr — aber der Kinder wegen, für die ich einstehe und von denen ich Achtung auch dem Vater gegenüber fordere. Darum, Leopold, bringe mich nicht in Konflikt mit meinem Gewissen!“

„Was fällt dir ein, die Kinder gegen mich aufzuhetzen!“

„Ich will sie im Gegenteil zu dir zurückführen.“

„Eine sonderbare Methode, das muß ich sagen.“

„Du siehst ja nicht einmal, daß du sie verloren hast.“

„Kein Wunder, wenn die Mutter eine solche Sprache führt.“

„Es ist das erstemal, Leopold, daß ich in ihrer Gegenwart so spreche — nachdem ich es hundertmal ohne sie versucht habe.“

„Das ist ja die reine Verschwörung!“

„Im Gegenteil, Leopold, es ist der ehrliche Versuch, dich uns zurückzugewinnen. Wir alle sehnen uns nach einem Familienleben, wie wir es vor dem Kriege führten.“

„Die Welt hat sich umgestellt,“ erwiderte der Alte. „Nur ihr seid stehengeblieben.“

„Ich bin Mutter geblieben! Und mein Verantwortungsgefühl und meine Pflichten gegenüber meinen Kindern haben sich nicht geändert! sind die gleichen, die sie vor dem Kriege waren. Und wenn ich dir zuliebe statt der schlichten Einsegnungskette jetzt auch Perlen trage und in einem Fuhrwerk mit den Kindern zur Kirche fahre — ich bin darum innerlich doch die geblieben, die ich war!“

„Glaubst du, mir ist gleichgültig, was aus meinen Kindern wird?“

„Möglich, daß du dich darin auf mich verläßt.“

„Leider habe ich das getan! Nun sehe ich, wie falsch das war!“

„Danke mir auf Knien dafür! Hätte ich dein Leben mitgeführt, wäre ich dem Vergnügen nachgejagt, wie andere Frauen, alle Nachmittage und Abende aus dem Hause gewesen, statt mich um die Kinder zu kümmern — möglich, daß sie dann so geworden wären, wie du sie wünschst.“

„Pastoren- und Oberlehrerstöchter sind freilich nicht nach meinem Geschmack. Meine Töchter können sich den Luxus gestatten, als Damen von Welt in der großen Gesellschaft eine Rolle zu spielen.“

„Ich habe sie weder zu dem einen noch zu dem andern erzogen — vielmehr zu aufrechten, gottesfürchtigen Menschen mit Verantwortungsgefühl. Sie werden daher neben einem Oberlehrer oder Pastor genau so bestehen wie in der großen Welt an der Seite eines Prinzen.“

„Na also, wozu erregst du dich dann?“

„Weil ich euch fürchte!“

„Wen?“

„Dich und deinen Schwiegersohn.“

„Na da hört’s auf!“ rief Iwan Schiff.

„Er ist dein Schwiegersohn so gut wie meiner!

„Das denke ich doch auch, Mama!“ sagte Edith. Aber Frau Jenny widersprach:

„Du bist ein Jahr lang von mir fortgewesen, mein Kind. Es war das wichtigste Jahr in deiner Entwicklung!“ Sie legte den Arm um Edith. „Ich will dir nicht wehtun, Kind, aber du fühlst es ja selbst, daß du anders bist als deine Schwestern.“

Sie wandte sich wieder an ihren Mann, wies auf Elisabeth und Lotte und sagte: „An die aber kommt ihr mir nicht heran! Die schütze ich! Darum dieser Auftritt! Weil ich sehe, daß ihr versucht, sie zu euch hinüberzuziehen.“

„Schätzt du uns so ein, Mama?“ fragte Elisabeth.

„Na, da wollen wir doch gleich mal die Probe aufs Exempel machen,“ erwiderte der alte Grothe, griff in die Tasche und zog eine handvoll Theaterkarten hervor: „Hier habe ich für heute abend die beste Loge für den Filmball im Marmorhaus. Kostenpunkt fünftausend Mark.“

„Dafür kann man fünfzehn unterernährte Kinder sechs Wochen lang aufs Land schicken,“ sagte Elisabeth.

„Oder fünfundzwanzig Flaschen französischen Champagner trinken,“ erwiderte Iwan Schiff.

„Diese beiden Antworten beleuchten mit einem Schlage die beiden heut’ herrschenden Weltanschauungen“, sagte Frau Jenny, „und zeigen, daß es zwischen euch“ — dabei wies sie auf Iwan Schiff und ihren Mann — „und uns“ — dabei stellte sie sich wie zum Schutz vor Elisabeth und Lotte — „keine Verständigung gibt.“

„Es gibt eine Verständigung zwischen Menschen, die zusammengehören,“ widersprach Elisabeth ihrer Mutter, — „gleichviel ob es sich um Mann und Frau, um eine ganze Familie oder gar um eine Nation handelt.“

„Glaubst du wirklich?“ fragte Frau Jenny, und Elisabeth erwiderte:

„Ich habe den festen Glauben!“

„Wenn du den Glauben hast,“ sagte die Mutter — „ich habe ihn längst nicht mehr — dann versuche du es!“

„Ich will es tun, Mama!“

Der alte Grothe und Iwan Schiff sahen sich an, Iwan schüttelte den Kopf, aber der Alte, der noch immer die Billette in der Hand hielt, trat an Elisabeth heran und sagte:

„Dann gehen wir also?“

„Wohin?“ fragte Elisabeth.

„Auf den Filmball. Alles was auf sich hält, ist da.“

„Was auf sich hält?“ fragte Elisabeth.

„Nun ja,“ erwiderte der Alte. „Man muß sehen und gesehen werden. Was hat man denn sonst von seinem Gelde?“

„Oh!“ erwiderte Elisabeth. „Man kann viel von seinem Gelde haben — auch ohne Filmball ...“

Iwan Schiff wurde ungeduldig und rief:

„Also wer kommt mit?“

Edith sah Elisabeth an und fragte:

„Was meinst du?“

„Das kannst nur du entscheiden,“ erwiderte die.

„Du gehörst zu deinem Mann!“ entschied der Alte — und Edith tat, wozu es sie trieb. Sie ging zu Iwan Schiff und sagte halblaut:

„Ich.“

„Und du, Erich?“ fragte der Alte.

Erich liebte Elisabeth und es fiel ihm schwer, ihr wehzutun. Aber er stand unter dem Einfluß Wilhelm Fürsts, mit dem er täglich stundenlang in einem Café am Tisch der Intellektuellen saß. Er schwor, wie jene — deren einzige Beschäftigung diese Kampfstunden waren —, auf den Kommunismus und tat blind alles, was ihr Führer Wilhelm Fürst von ihm verlangte. Und das war bisher nur eigentlich: Geld. Und so hatte er sich daran gewöhnt, bei jeder Entscheidung, vor die er gestellt wurde, sich die Frage vorzulegen: „Kann ich dabei Geld verdienen?“

Sehr zu seinem Verdruß hatte er dabei die Beobachtung gemacht, daß er, der begeisterte Kommunist, auf diese Weise stets mit seinem Vater, dem ebenso begeisterten Kapitalisten, seinem Todfeinde, zusammenstimmte. Auch jetzt, als er auf die Aufforderung, mit zum Filmball zu kommen, erwiderte:

„Ich komme mit, aber ich trinke keinen Sekt und verlange die zweihundert Mark, die ich nicht vertrinke, in bar —“

klatschte der Alte in die Hände und rief:

„Bravo! mein Junge! Wir beide verstehen uns!“

Elisabeth, die an ihrem Bruder hing, zuckte zusammen, und Erich, der es sah, war verlegen und senkte den Kopf.

„Na, und du, Lotte?“ fragte der Alte.

Die sah ihn groß an, schüttelte den Kopf und schmiegte sich an Elisabeth. Frau Jenny legte den Arm um sie.

Wie feindliche Parteien standen sie sich gegenüber.

Am Abend desselben Tages kehrte der Rittmeister Reinhart v. Loos, beinahe eine Woche früher, als Elisabeth ihn erwartet hatte, aus Frankreich zurück.

Seit sieben Jahren — Elisabeth war damals sechzehn, der von Kraft strotzende, übermütige und tollkühne Offizier zweiundzwanzig Jahre alt — hatten sie sich nicht gesehen. Aber seit sieben Jahren verging kein Tag und keine Nacht, in der Reinhart nicht im Geiste vor ihr stand. Er nahm an allem teil, was sie erlebte. Sie sprach oft laut mit ihm, als wenn er vor ihr stände, und besprach mit ihm alles, was sie betraf, wobei es nicht selten geschah, daß er anders dachte als sie und trotz ihrer Widerrede bei seiner Entscheidung blieb. So intensiv lebte sie mit ihm, daß sie ihn auch körperlich empfand; und so sehr fühlte sie sich in ihn hinein, daß sie ohne Selbsttäuschung überall erkannte, wie er urteilen würde. Und während sie, wäre er dagewesen, ihren Willen ihm gegenüber behauptet hätte, so gab sie ihm nun, wo er fern war, regelmäßig nach — aus Mitleid vielleicht, denn sie wußte, ohne daß sie Nachricht von ihm hatte, daß er litt — vielleicht aber auch aus dem unsicheren Gefühl heraus, daß er am Ende doch noch Argumente hatte, die sie nicht sah und die sie überzeugt hätten.

Nun, da sie mit zitternden Händen das Telegramm aus Basel hielt, in dem stand:

„Ich komme, Elisabeth. Wie werde ich Dich finden? Ich bin so müde und daher ohne Mut. Aber meine Sehnsucht ist so groß, daß ich an Deine Hilfe glaube. Dein reines Herz —“

schloß sie die Augen und wiederholte ein um das andere Mal: „Dein reines Herz.“ So hatte sie ihn genannt, so nannte sie ihn noch heut. „Reinhart, mein reines Herz!“ — Sieben Jahre waren ausgelöscht in dieser Stunde — waren weggewischt mit allen ihren Schmerzen. — Ihre Herzen waren rein geblieben und trafen nun, unberührt von allem äußeren und inneren Geschehen, so zusammen, wie sie sich damals, dem Scheine nach, gelöst hatten.

Sie sah noch einmal auf das Telegramm und las:

„Wie werde ich Dich finden?“

Da lächelte sie freudig bewegt.

„So wie du mich verlassen hast,“ sagte sie laut. Und sie las weiter:

„Ich bin so müde und daher ohne Mut. Aber meine Sehnsucht ist so groß, daß ich an Deine Hilfe glaube.“

Elisabeth starrte auf das Blatt.

„Er ist krank — vor Sehnsucht krank,“ sagte sie vor sich hin — „und ich soll ihm helfen.“ — Und dann schrie sie plötzlich ganz laut, als wenn ein Schmerz sie emporriß: „Reinhart, mein Herz!! Ich komme!!“

Aufs Ungewisse lief sie zur Bahn, holte aus einem Laden weiße Rosen, die sie lose in den Arm nahm, fragte nach den Zügen, stand den halben Tag über auf dem Bahnsteig, sah Züge kommen und fahren, gab auf Fragen der Beamten, auf wen sie denn warte, keine Antwort — bis spät am Abend eine innere Stimme ihr sagte:

„Jetzt!“

Da riß sie noch einmal die müden Augen auf und sah aus einem Zuge, unter jungen Menschen, die jubelnd Müttern und Vätern in die Arme flogen, einen Greis klettern. Auf einen Stock gestützt kam er näher, und musterte aus toten Augen jeden, der an ihm vorüberging. Zehn Schritte von Elisabeth entfernt blieb er stehen, warf er den Stock hin, riß er die Arme hoch, bebte sein Körper, fiel er in die Knie und rief schluchzend:

„E—li—sa—beth!“

Obgleich seine Stimme schwach war, traf sie doch alle. Mütter ließen ihre Söhne loß, Frauen, die eben noch völlig unter dem Eindruck des Wiedersehens standen, befreiten sich von der Umarmung ihrer Männer — alle sahen auf den knienden Offizier, der wie zu einem Wunder hilflos zu Elisabeth aufsah.

Und Elisabeth beugte den Kopf, nahm ihm die Mütze vom Kopf, sah schneeweißes Haar, stöhnte laut, hörte sein Schluchzen, fühlte, wie zitternde Arme sich um ihre Knie legten, flüsterte:

„Rein—hart.“

und brach neben ihm zusammen.

Er beugte sich über sie, hob ihren Kopf, sah, daß es nur eine Ohnmacht war, flüsterte:

„So jung! so jung!“

wankte auf das Gleise zu und stürzte sich vor den Zug, der sich eben wieder in Bewegung setzte.

Im letzten Augenblick riß ihn ein Beamter zurück.

Und wenige Minuten später saßen sie im Wagen dicht aneinander geschmiegt und ohne ein Wort zu sprechen — und fuhren in die Villa Grothe.

Und während der alte Grothe mit seiner Tochter und seinem Schwiegersohn in ausgelassenster Laune auf dem Filmball beim Champagner saß und die vor seiner Loge vorbeiwirbelnden Paare mit Konfetti überschüttete, saß Elisabeth kniend vor Reinhart v. Loos, der ihr mit den abgemagerten Händen durchs Haar fuhr und mit matter Stimme aus seiner französischen Gefangenschaft erzählte:

Reinhart stand, wenn er äußerlich auch jetzt frei war, seelisch noch völlig unter dem Druck des Erlebten. Und was zeitlich hinter ihm lag, empfand er gegenwärtig und hätte es ganz natürlich gefunden, wenn seine Peiniger ihn jetzt von Elisabeth fortgerissen und unter Schlägen in einen dunklen Arrest gesperrt hätten.

Daher auch die starke Wirkung des Erzählten, das durch seine Unmittelbarkeit bildhaft wirkte. Elisabeth, die Reinharts Qualen körperlich mitfühlte, war mit ihrer Kraft zu Ende, als Reinhart fortfuhr:

„Dieser Venère im Lager von Abomey zwang mich, nachdem er mir mit dem Ochsenziemer den Verband von meinem entzündeten und geschwollenen Auge heruntergeschlagen hatte, die Ausleerungen der Dysenteriekranken mit bloßen Händen aus den Eimern zu nehmen. Ich erbrach mich. Daraufhin versetzte er mir Faustschläge ins Gesicht und ließ mir Daumenschrauben anlegen, die wenigstens das Gute hatten, daß ich das Bewußtsein verlor.“

Elisabeth krampfte die Finger zusammen und schluchzte in sich hinein.

„Du wirst begreifen, Elisabeth, daß ich in dieser Not die Stunde meiner Errettung aus den Händen des Obersten Petitdenange vom 52. Kolonialregiment, die ich aus Liebe zu dir einst gesegnet hatte, verwünschte. Ich sah mich, wieder zu Bewußtsein kommend, inmitten meiner Kameraden, in jenem Rettungstrupp von Verwundeten, Kranken und Aerzten. Eine kurze Strecke hinter der letzten Linie stand der Oberst mit einer Schar seiner Grenadiere und hielt jeden seiner Soldaten an, der nicht den Mut gehabt hatte, uns arme Teufel, die wir um Schonung baten, zu ermorden. Sie wurden beschimpft und nach vorn geschickt. Die deutschen Gefangenen ließ der Oberst, wenn eine genügende Anzahl zusammen war, durch Handgranaten erledigen, nachdem er erst eine Zeitlang an ihrer Angst sich geweidet hatte. Wie durch ein Wunder bin ich diesem Massenmord damals entkommen. Meine Verwundung am Oberschenkel machte es mir unmöglich, zu stehen, ich legte mich lang, wurde für tot gehalten und von zwei Mann und einem Unteroffizier fortgeschleppt, um später mit den ermordeten Kameraden verscharrt zu werden. — Wäre ich es nur!“ rief er mit leidverzerrtem Gesicht! „Hätte ich damals gewußt, was mir in Abomey bevorstand, ich hätte mich lebendig begraben lassen und hätte für diese Gnade Gott gedankt!“

Elisabeth wimmerte wie ein Kind und umschlang seine Knie, als wollte sie ihn zurückhalten, als empfände sie, daß er mehr als nur im Geiste fern von ihr war. So kam ihr auch gar nicht der Gedanke, den Erschöpften auf irgendeine Art zu stärken, ihn zu trösten und zu ermutigen. Sie fühlte, daß er fern von ihr war, erst einmal zu sich und dann zu ihr zurückfinden mußte.

Wenn du erst bei mir bist!

wollte sie sagen, mühte sich, brachte aber kein Wort heraus.

Daß er unter dem Eindruck des Wiedersehens auf dem Bahnsteig für Augenblicke ganz nur bei ihr gewesen war und sich für sie hatte opfern wollen, um ihre Jugend nicht an seinen lebenden Leichnam zu ketten, wußte sie nicht.

Reinhart erzählte weiter. Sie hörte ihn kaum. Erst nach einer Weile, als sie den Kopf hochrichtete und ihn ansah, rief sie:

„Und das Haar! das weiße Haar?!“

„Aus dem Lazarett, in dem ich von den Qualen wenigstens körperlich erholt, kam ich in das Lager, von dem ich dir erzählte. Meinem ersten Fluchtversuch, für den ich verhältnismäßig milde bestraft wurde, erfolgte zusammen mit drei Kameraden ein zweiter, der abermals mißlang, da ich mit meinem zerschossenen Bein liegenblieb. Man warf mir vor, auf der Flucht einen Soldaten, der auf uns schoß, durch einen Steinwurf im Gesicht verletzt zu haben. Es war nicht wahr, vielmehr hatte sich der Kerl, da er uns hatte entfliehen lassen — er wußte warum — die, übrigens harmlose Verletzung selbst beigebracht, um seine Unschuld zu beweisen und um nicht bestraft zu werden. Kurz und gut: ich sollte erschossen werden. Erspar’ mir die Erzählung der letzten Nacht, die ich in einem dunklen Loch in Gedanken mit dir verbrachte. Am nächsten Morgen führte man mich auf einen engen Hof hinaus. An einer Querseite standen die Soldaten mit ihren Gewehren; ihnen gegenüber stellte man mich auf. Ich war — dich vor Augen, Elisabeth! — ganz ruhig. Man legte mir, trotz meiner heftigen Widerrede, eine Binde um die Augen — und ich erwartete seelenruhig das Kommando. — Es kam nicht. — Nach einer Weile nahm man mir die Binde ab; ein Offizier sagte: „Morgen!“ — Ich wurde abgeführt. Und nun kam das Furchtbare, was nur perverse Gehirne sich erdenken können. Zehn Tage lang wiederholten sie die Quälerei. Zehn Tage und zehn Nächte lang lief ich, dem Wahnsinn nahe, in meinem dunklen Loch gegen die Wand. Mein Kopf war angeschwollen und schließlich nur noch eine einzige Beule. Zehn Morgen hintereinander stand ich, die Binde vor den Augen, vor den Gewehrläufen der französischen Soldaten. Immer fand sich ein neuer, plausibel klingender Grund, aus dem sie die Exekution auf den nächsten Tag verlegten. Die Minuten, die ich so stand und wartete, wurden mir zu Stunden. Schließlich, am zehnten Tage, als sie wohl merkten, daß ich dem Wahnsinn nahe war, erklärten sie mir, nachdem sie mir die Binde abgenommen hatten: „So! nun dürfte Ihnen die Lust zum Fliehen fürs erste wohl vergangen sein!“ — Ich war nicht mehr zurechnungsfähig, litt monatelang an Verfolgungswahn— aber die weißen Haare bekam ich über Nacht. Denn als ich am sechsten Tage wieder auf den Hof geführt wurde, sah ich das erstaunte Gesicht des Offiziers und hörte aus ihrer Unterhaltung, was für eine äußerliche Veränderung über Nacht mit mir vorgegangen war.“

Elisabeth hatte sich erhoben, saß jetzt neben ihm und hielt seine Hand. Er wandte den Kopf und sah sie an.

„Wenn du erst bei mir bist!“

sagte sie leise und schmiegte sich an ihn

Zweites Kapitel

Mit dem nächsten Morgen begann für das Haus Grothe ein kritischer Tag erster Ordnung.

Reinhart v. Loos war für die Nacht von Frau Jenny in dem Fremdenzimmer untergebracht worden.

„Es ist zwar nicht ganz korrekt,“ hatte sie zu Elisabeth gesagt. „Aber es gibt Fälle, in denen man nach seinem Gefühl handelt. Ich bekomme es nicht übers Herz, ihm zu sagen, er soll sich irgendwo ein Unterkommen suchen. Die erste Nacht wenigstens bleibt er hier.“

Reinhart v. Loos folgte wie ein Kind, dem man ein Märchen erzählt. Was hier geschah und mit ihm vorging, erschien so unwahrscheinlich, daß er es nicht für wirklich nahm und es für einen jener Fieberträume hielt, die er oft in Afrika gehabt hatte. Die Erinnerung daran und die Hoffnung auf Wiederkehr war es gewesen, die ihn immer wieder vor dem letzten Zusammenbruch bewahrt hatte. So fürchtete er auch heute, als Elisabeth ihm gute Nacht sagte und Frau Jenny ihn auf sein Zimmer brachte, daß diesem Traum am nächsten Morgen ein verzweifeltes Erwachen folgen werde.

Frau Jenny war von dem Zusammenbruch Reinharts so erschüttert, daß sie für Elisabeth zunächst kein Wort des Trostes fand. Erst gegen Mitternacht ging sie zu ihrem Kinde, das, wie sie es erwartet hatte, noch auf war und vor dem Bilde Reinharts saß. Es war die letzte Photographie, bevor er ins Feld ging. Ein Bild blühender Kraft und Jugend.

„Du mußt das nicht tun,“ sagte Frau Jenny und legte den Arm um ihr Kind. „Wenn du ihn lieb hast ...“

„Mutter!“ fiel sie ihr ins Wort und wandte den Kopf.

„Ich weiß! ich weiß!“ erwiderte die. „Und eben darum, Kind, mußt du vergessen, wie er aussah. Nur wenn du es überwindest, kann er überwinden.“

Elisabeth begriff.

„Es ist ja nicht meinetwegen, Mutter!“ sagte sie. „Ich werde ihn, wenn das möglich ist, nun noch lieber haben. Aber, wie er so weiterleben soll, das weiß ich nicht. — Wenn ich doch von heut auf morgen zwanzig Jahre älter werden könnte!“

„Du brächtest es fertig und tätest es!“

„Ich würde Gott auf Knien dafür danken.“

„Nein, mein Kind, das entgegengesetzte Verfahren ist das natürliche. Reinhart wird wieder jung werden.“

„Mutter! wenn das wäre!“

„Es wird sein! — Aus einem Fünfzigjährigen kann man keinen Jüngling machen. Man kann ihm die Haare färben und ihn in die Kleider eines jungen Mannes stecken — er wird darum nicht um einen Tag jünger. Aber ein Mensch von sechsundzwanzig, der überwindet, erholt sich und vergißt — zumal, wenn die Liebe seinen Willen stärkt.“

„Das glaubst du wirklich?“ fragte Elisabeth.

„Ich bin davon überzeugt. — Und was für Reinhart gilt, das gilt für alle, denen es geht wie ihm. Es sind Tausende, Hunderttausende! Es ist das ganze deutsche Volk, das krank ist an Körper und Seele. So nur darfst du beurteilen, was dich so bedrückt und was du siehst — nicht nur hier im Hause — überall ist’s so und noch schlimmer. Ein kranker Körper, der gesunden wird, wenn nur ein paar Hundert Menschen den Willen und die Kraft haben, zu heilen und zu helfen. Jeder muß mitwirken für sein Teil! Jeder muß, was er tut, für’s Ganze tun! Reinhart ist, wie jeder andere, nur ein Teil des Ganzen. Der Eine hat, wie er, mehr seelisch und körperlich gelitten; andere wieder, wie Ediths Mann, moralisch. Pflicht derer, die gesund geblieben sind, wie du und ich, ist es, zu heilen.“

„Du hast recht, Mutter! Und gerade wir Frauen können da helfen.“

„Vielleicht! — vielleicht auch nicht!“ fügte sie resigniert hinzu. „Bei deinem Vater ist es mir bisher nicht gelungen.“

Draußen ging die Tür.

„Sie kommen!“ sagte Elisabeth.

Frau Jenny schüttelte ungläubig den Kopf, sah nach der Uhr und sagte:

„Um zwei Uhr? Das wäre seit Monaten das erstemal, daß Papa so früh nach Hause kommt.“

Es war Erich, der mit Mantel und Hut erregt ins Zimmer stürzte. Noch in der Tür rief er:

„Gut, daß du noch auf bist, Elisabeth! Ich muß dich sprechen.“

„Mitten in der Nacht?“ fragte Frau Jenny. „Wo sind die andern?“ Und besorgt fügte sie hinzu: „Es ist doch nichts passiert?“

„Die baden in Sekt,“ erwiderte Erich. „Als ich fortging, stieg eine Filmdiva in dem soeben errungenen Schönheitspreis, einem Seal im Werte von hunderttausend Mark, auf den Tisch und hielt eine Rede: ‚Kinder!‘ sagte sie, ‚ihr habt, indem ihr mir den Schönheitspreis — übrigens mein elfter Pelz! — gabt, entschieden Geschmack entwickelt. Mein Freund‘ — und neben ihr stand ein dickbäuchiger Börsianer mit taubeneigroßen Perlen im Frackhemd — ‚ehrt euern Geschmack, indem er für jeden Tisch eine Flasche Sekt spendet.‘ — Beifallsbrüllen und Getrampel war die Antwort. — ‚Deutschen oder französischen?‘ schrie grell die Stimme eines Mannes, die mir bekannt schien. Unter Pusten ließ sich der dicke Börsianer auf den Tisch heben, legte den Arm um die Diva und sagte: ‚Sieht die Frau nach deutschem Sekt aus?‘ — Dabei wies er auf die Stelle, wo die Diva zufälligerweise etwas anhatte, wies auf den Kopfschmuck, die Schuhe und Strümpfe, hob den kurzen Rock, so daß man ihr spitzenbesätes Seidenhöschen sah, und sagte: ‚Vom Kopf bis zum Zeh, alles, was Sie sehen und was Sie nicht sehen, stammt aus Paris!‘ — ‚Eine Schande!‘ rief irgendwer, wurde einem Sipo übergeben und flog an die Luft. Der dicke Börsianer aber lachte laut, hielt sich den dicken Bauch und rief: ‚Vergebt ihm, denn er weiß nicht, was er tut — er spekuliert vermutlich in Mark!‘ — Ein höllisches, höhnisches Gelächter war die Antwort. Auf dem Nebentisch stand plötzlich ein breiter Amerikaner, der wie eine Bulldogge aussah, griente und die Zähne zeigte. ‚Ruhe!‘ schrie man, und der Amerikaner brüllte: ‚Meine lieben Germans. Ich will wechseln eine Pfund und noch eine Pfund und will davon bezahlen alles, was ihr tut trinken bisher und was ihr trinken hinterher.‘ — Man jubelte ihm zu. Und tausend Stimmen schrien: ‚Es lebe der Dollar!‘ Vater ließ den Amerikaner hochleben.“

„Schändlich!“ schalt Elisabeth, und Frau Jenny schloß die Augen und sagte:

„Schamlos!“

Erich aber, der einen roten Kopf hatte und noch immer im Mantel stand, fuhr fort:

„Die Kapelle spielte irgendeinen blöden Niggersong, die blöde Gesellschaft hielt es für die amerikanische Nationalhymne, sprang auf und sang mit Hingabe und Begeisterung die Melodie mit.“

„Und der Amerikaner?“ fragte Frau Jenny.

„Der tanzte plötzlich auf dem Tisch den Niggertanz, wurde auf die Schultern gehoben und unter Jubel durch den Saal getragen.“

„Dem Volk ist nicht zu helfen,“ sagte Elisabeth. Frau Jenny widersprach:

„Es ist nicht das Volk! Es ist minderwertiges Gesindel von Schiebern und Spekulanten, die auf solche Feste gehen und sich so aufführen.“

„Es ist die neue Gesellschaft!“ erwiderte Elisabeth, „die nach Zehntausenden zählt.“

„Aber es gibt auch Tausende, die das anekelt, wie es uns anekelt, die wie wir fühlen, daß Deutschland ein Trauerhaus ist, in dem man nicht tanzt, solange noch ein belgischer oder französischer Soldat als Polizist im Lande steht.“

Erich zuckte die Achseln und sagte:

„Als wenn es das wäre!“

„Was ist es denn?“ fragte Frau Jenny.

„Das Kapital!“ erwiderte der.

„Was hat denn das damit zu tun?“

„Es ist schuld an allem!“

„Seit wann sprichst du so?“ fragte Elisabeth.

Erich erschrak und verbesserte schnell:

„Das war nur so dahingesagt.“

„Aber, wenn du das Gefühl dafür nicht hast,“ erwiderte Elisabeth, „warum bist du dann so erregt davongelaufen?“

Erich sah seine Mutter an und sagte:

„Nimmst du es übel, Mama, wenn ich mit Elisabeth allein ...“

Frau Jenny lächelte und sagte:

„Durchaus nicht! Du bist bei ihr genau so gut aufgehoben wie bei mir. Und ich wäre sehr froh, wenn du dich ihr in allem anvertrautest.“ Sie sagte ihren Kindern gute Nacht und ging.

Erich, knapp zwanzig, aber wichtig, als habe er ein Ministerportefeuille zu verwalten, stellte sich vor Elisabeth, deren Gedanken während des ganzen Gespräches bei Reinhart gewesen waren, hin und sagte:

„Du wirst staunen.“

„Nanu?“ erwiderte die.

„Ich bin nicht der, für den du mich hältst.“

„Was bedeutet das?“

„Also, für was hältst du mich?“ fragte er bedeutungsvoll.

„Für den verzogenen Sohn eines sehr reichen Vaters, der nichts anderes gelernt hat, als gut tanzen, Geld ausgeben und sich wichtig zu machen.“

„Danke!“

„Verzeih meine Offenheit, aber du weißt, ich kann nicht heucheln.“

„Ich aber habe es bisher getan.“

„Inwiefern?“

„Ich bin Kommunist!“

Elisabeth mußte lächeln.

„Du weißt, scheint’s, nicht, was das ist.“

Erich entwickelte mit Pathos das kommunistische Programm. Elisabeth hatte die Augen halb geschlossen und dachte an Reinhart. — Als Erich zu Ende war, sagte sie:

„Und die Nutzanwendung?“

„Die durfte ich im Interesse der guten Sache nicht ziehen.“

„Durftest es nicht? Wer hat es dir verboten?“

„Wilhelm Fürst.“

„Dacht’ ich’s mir doch.“

„Er ist unser geistiger Führer.“

„Der streng nach dem Programm lebt?“ fragte Elisabeth. —

Erich schwieg.

„Oder tut er es etwa nicht?“

„Wie kommst du zu der Frage?“ rief Erich erregt. „Du weißt etwas!“

„Er gefällt mir nicht.“

Da widersprach Erich und setzte sich lebhaft für Fürst ein.

„Er opfert sich,“ beteuerte er. „Du hättest ihn sehen sollen.“

„War er etwa auch auf dem Filmball?“

„Allerdings — das heißt beruflich.“

„Dann hat er wohl auch beruflich Champagner getrunken und Foxtrott getanzt?“ fragte Elisabeth, die für Augenblicke Reinhart vergaß.

„Allerdings!“

„Das lasse ich mir gefallen. Auf die Methode möchte manch einer Kommunist sein.“

„Du hast keinen Grund, ihn zu verhöhnen.“

„Im Gegenteil! Ich bewundre ihn.“

„Ich sah ihn mit ein paar Damen in einer Loge und suchte ihn auf.“

„Er war wohl sehr überrascht, dich auf dem Ball zu sehen?“

„Offen gesagt, ich genierte mich.“

„Und er?“

„Er sagte leise zu mir, damit die Damen es nicht hörten: ‚Was glaubst du, wie mich das hier anekelt? Aber ich muß die Bourgeoisie da aufsuchen, wo sie am aufdringlichsten und frechsten ist.“

„Warum muß er?“ fragte Elisabeth.

„Weißt du es wirklich nicht? Ich hätte dich für klüger gehalten! Um Studien zu machen — wozu wohl sonst? Man muß doch kennen, was man bekämpft.“

„Ich finde, man sollte mit gutem Beispiel vorangehen, wenn man sich als Menschenbefreier und Weltbeglücker aufspielt.“

„Aber Elisabeth, dadurch, daß er in die Volksküche geht, bekehrt er doch diese Menschen nicht.“

„Gewiß nicht! Aber wenn er auf die Rede des Dollarkönigs erwidert hätte: Wir haben der Entente so viel Opfer zu bringen, daß wir uns nichts vergeben, wenn wir das Angebot des Amerikaners annehmen. Dafür aber soll jeder die Hälfte seiner Zeche, die der Amerikaner übernimmt, für notleidende deutsche Kinder opfern — so hätte er damit ein gutes Werk getan.“

„Das hat ja nichts mit Kommunismus zu tun!“ erwiderte Erich überlegen.

„Aber mit Menschlichkeit — und die steht höher als eure Parteiprogramme.“

„Das sind Kompromisse! Davon wollen wir nichts wissen. Sie führen nur zur Verbürgerlichung des Proletariats. Und die ist der Tod des Kommunismus. Ohne Gewalt geht es nun einmal nicht.“

Elisabeth lächelte und sagte:

„War es das, worüber du mit mir reden wolltest?“

Erich wurde etwas kleinlaut und sagte:

„Ich wollte dich um tausend Mark bitten.“

„Mitten in der Nacht?“

„Es ist nicht für mich.“

„Etwa für Fürst?“

„Ja! — Er forderte es von mir.“

„Er forderte es? — Ja, mit welchem Recht?“

„Nach unserem Parteiprogramm muß jeder, der hat, dem, der nichts hat, geben.“

„Ja, du hast doch aber nichts.“

„Ich persönlich nicht — aber Vater — und das ist dasselbe — sagt Fürst.“

„Sagt Fürst,“ wiederholte Elisabeth. „Und was Fürst sagt, ist für dich Gesetz.“

„Parteidisziplin ist oberstes Gesetz.“

„Sieh einmal an, wie du plötzlich gelernt hast, dich unterzuordnen. Auf der Schule tatest du das nicht.“

„Ich bitt’ dich, Elisabeth, was sind das für Vergleiche!“

„Nun, in bezug auf Unfreiheit scheint mir der Unterschied nicht allzu groß zu sein.“

„Ich bitte dich! die Penne und der Kommunismus, das sind doch so weltverschiedene Dinge wie ...“

„Wie was?“ fragte Elisabeth.

„Na, wie ein Frosch zum Elefanten oder die Müggelberge zum Himalaja.“

„Und was will Fürst mit dem Geld?“

„Weitergeben!“

„Heut nacht noch?“

„Ja! — Er sagt, ich könnte mir gar keine Vorstellung davon machen, wie toll es die Bourgeoisie treibt. Bis in den Tag hinein.“

„Der Aermste! Er opfert sich also geradezu für seine Ueberzeugung, und die Damen, die er bei sich hat, vermutlich auch.“

„Also bitte, gib mir das Geld!“ drängte Erich.

Elisabeth schüttelte den Kopf und sagte:

„Nein! Weder gebe ich dir einen Pfennig für deine politischen Zwecke — du bist ja viel zu ungebildet und unreif, um dich überhaupt politisch zu betätigen, und wenn du jetzt auf den Kommunismus schwörst, so ist das nichts weiter, als die bei deiner Jugend natürliche Reaktion auf den Luxus, der dich hier umgibt — noch gebe ich dir einen Pfennig für diesen sonderbaren Heiligen, der deine Gutmütigkeit ausnutzt.“

„Du hast keine Ideale, Elisabeth!“ rief Erich. „Ich habe mich schwer in dir getäuscht.“

„Du wirst zu mir zurückfinden, Erich!“ erwiderte sie in aller Ruhe ihrem Bruder, der sie gekränkt verließ und nach hinten ging bis zur Tür, hinter der die Köchin schlief. Dort klopfte er energisch.

Eine verschlafene Stimme rief:

„Wa ...?“ Und als er immer weiter klopfte: „Ja doch! wo brennt’s denn?“

„Minna!‘ rief Erich. „Machen sie auf!“

„Jesses! der junge Herr! mitten in der Nacht.“

„So öffnen Sie schon!“

Minna lachte laut und rief:

„Nee, Herr Erich, müssen Sie aber einen zu sitzen haben! — Ich bin des Nachts nicht schöner als am Tage — und jünger auch nicht. — Achtundfünfzig auf den Kopf, damit Sie’s wissen.“

„Sie sind verrückt! Wer denkt an so was? Ich habe Wichtigeres im Kopf! Parteisache!“

„Jroßer Gott! jeht es los?“

„Bald!“

„Ich komme! ich komme!“

Die Tür ging auf, und was jetzt erschien, war undefinierbar. Nicht Frau, nicht Mann, überhaupt nichts, was an einen Menschen erinnerte. Aber unter einer Haube, an der eine Art Rattenschwanz herabhing, glotzten ein Paar scharfe, leuchtende Augen hervor. Und ein Mund, dessen Zähne in einem Glas Wasser auf dem Nachttisch standen, tat sich auf, der in Form und Umfang an einen Frosch erinnerte.

„Die Handgranaten liegen noch unter der Matratze. Ich habe mir schon den Rücken wundgelegen. Gott sei Dank, daß es endlich losgeht und ich die verfluchten Dinger loswerde. Jede Nacht träume ich, ich gehe in die Luft.“

„Reden Sie nicht so viel, Minna! handeln Sie! Die Sache duldet keinen Aufschub. Die Bourgeoisie erhebt ihr Haupt immer frecher.“

„Bande!“ rief die Köchin und ballte die Faust. „Wird das also heute die Bartholomäusnacht, von der Sie mir erzählt haben?“

„Noch nicht! aber bald!“

Minna war enttäuscht. Erich war ins Zimmer getreten und hatte ihre Hand ergriffen.

„Stehen Sie noch zu uns?“ fragte er ernst.

„Aber feste!“ erwiderte sie. „Wo mir doch die Jnädige die Jehaltserhöhung verweigert hat.“

„Da haben Sie’s! Ausbeutung bis aufs Blut. — Also, Minna, ich brauche tausend Mark.“

„Ta .. ta .. tausend .. Mark — Herr Erich —?“ und sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht — „träume ich?“

„Ich muß sie haben, die gute Sache verlangt’s.“

Minna, deren Füße in irgend etwas steckten, was früher einmal Stiefel des Herrn Generaldirektor Grothe waren, schlüpfte zu einer Kommode, zog unter ihrer Haube einen Schlüssel hervor, schloß auf, warf sämtliche Wäsche heraus und hob eine alte Tasche auf, in der sie ihre Ersparnisse aufbewahrte. Hastig zählte sie:

„Eins, zwei, drei, vier, fünf, fünfzig, siebzig, achtzig, fünf, sechs, sieben — fünfhundertsiebenundachtzig Mark — das ist alles, was ich habe.“

„Geben Sie her, Minna!“

Sie überlegte nicht lange und gab ihm das Geld. Dabei sagte sie:

„Aber es bleibt dabei, was mir Herr Fürst versprochen hat?“

„Was?“ fragte Erich.

„Daß ich bei die Sowjets dem Ernährungskommissar beigegeben werde.“

„Hat Fürst Ihnen das zugesagt?“

„Auf mein Wort! wörtlich so hat er’s jesagt. Ich hab’s mir schwarz auf weiß notiert.“

„Dann stimmt es.“

Er nahm das Geld und eilte hinaus, während Minna fein säuberlich ihre Wäsche wieder in die Kommode legte. Dabei schmunzelte sie und dachte an die Männer, die ihr in ihrer Lebens-Maienzeit die Ehe versprochen, sie dann aber genau so hatten sitzen lassen, wie alle Späteren, die sie mehr ihrer Kochkunst als ihrer körperlichen Reize wegen begehrt hatten. — Sie alle sollten, war sie in Sowjetdeutschland erst die rechte Hand des Ernährungskommissars, vor ihr auf den Knien rutschen und um ein Stück Brot betteln.

Erich stürzte in das Auto, das er vor der Tür hatte warten lassen, und fuhr zum Filmball, wo er Fürst mit den beiden aufgetakelten Damen bereits in der Garderobe antraf. Er schob ihm diskret das Geld in die Hand und sagte:

„Mehr konnte ich nicht auftreiben,“ worauf Fürst erwiderte:

„Schäm dich! — Wenn ich nicht den Baron von Bleichwanger angezapft hätte, wäre die Nacht für mich zu Ende.“ — Dabei sah er nach der Uhr und stellte fest, daß es kurz nach halb drei war.

„Gehört denn Baron Bleichwanger auch zu uns?“ fragte Erich erstaunt. „Dieser Protz und Millionär?“

Fürst legte den Finger auf den Mund und sagte:

„Ja! — Wenn vermutlich auch nicht aus Sympathie.“

„Warum sonst?“

„Aus Furcht!“

„Feigling! Das sollte man nicht zugeben.“

„Jede Revolution kostet Geld; und ob sie glückt, ist letzten Endes eine Frage der Finanzierung.“

„Der Finanzierung?“ fragte Erich erstaunt. Fürst, der unter dem Einfluß des Alkohols stand, sich daher vergaß und mehr aus sich herausging als sonst, lachte.

„Nun ja! sie ist ein Geschäft wie jedes andre. Einen Menschen wie Bleichwanger macht man mit Sekt besoffen, die Massen mit Phrasen — beides kostet Geld. Für nichts ist der Tod. Und die Provokateure, durch die wir die Massen aufhetzen, werden alle Tage unverschämter.“

Erich faßte sich an den Kopf, und Fürst fuhr fort:

„Sie haben zwei Walzen, die sie im Schlafe herunterspielen, und wenn man sie schlecht bezahlt, so gehen sie einfach zur Konkurrenz.“

„Zur Konkurrenz? Wer ist das?“

„Die Deutschnationalen! Sie setzen an die Stelle des Wortes Kapital das Wort Juden und halten im übrigen genau dieselben Reden. Auf die Massen wirkt eins so stark wie das andre. — Wer am besten bezahlt, hat sie.“

„Du weißt nicht, was du sprichst!“ rief Erich. „Du bist betrunken!“

Fürst, dem sich die beiden Frauen rechts und links an den Arm gehängt hatten, lachte und sagte:

„Möglich! denn, wenn ich nicht be — trunken wäre — dann — dann — wäre ich — nüchtern.“

„Schäm dich!“ schalt Erich.

„Du — du — weißt — nicht — was — du — sprichst — ohne Disziplin — verstehst du — ohne Geld — und ohne — Sekt — da ist das Le — ben — eine — Hühnerbrust.“

„Hühnerleiter!“ verbesserte kichernd eins der beiden Weiber, und die andre sagte:

„Willy, du bist himmlisch!“

„Man — muß nur einen — klaren Kopf — haben,“ erwiderte Fürst, fühlte, wenn auch nur im Unterbewußtsein, daß er sich vor Erich blamiert hatte, suchte die Situation zu retten, schwenkte den stumpfen Zylinder und rief laut:

„Es lebe die Internationale!“

Im selben Augenblick hatte er von einem Herrn eine kräftige Ohrfeige — irgendein anderer schlug ihn mit einem Stock über den Kopf — ein Dritter wieder nahm für ihn Partei und rief:

„Meine Herren! Sie befinden sich auf dem Filmball und nicht in der Berliner Stadtverordnetenversammlung!“

„Maul halten!“ rief ein Hüne. „Schlagt den Juden tot!“

„Unerhört!“ knirschte eine Kokotte: „Sie wollen ein feiner Herr sein!“

„Wir sind alle Juden,“ brüllte der dicke Herr mit den großen Perlen. „Verstanden?“ und wies in den Saal, aus dem jetzt alle auf den Flur strömten — und ihm recht gaben.

„Wer hat hier Jude geschimpft?“ schrien die Weiber, und der dicke Herr, im Schutz der Amazonen, schob seinen Bauch dichter an den Hünen heran und brüllte:

„Frecher Lümmel!“

Da schrie irgendwer:

„Schieber!“

Im selben Augenblick löste sich das Knäuel von Menschen; sie ließen ihre Frauen und das volle Sektglas im Stich, stürmten zur Garderobe und stürzten hinaus.

Im Hintergrunde erschien ein Sipo.

Der Saal war leer.

Einsam thronte der Amerikaner mit seiner Miß und ließ sich den Tisch näher an die Kapelle rücken.

„Eine sonderbare Mensch diese Germans,“ sagte er zu dem Ober. „Uenn ich in Amerika uill wo allein sein mit meine Frau, ich schreien laut: ‚Feuer!‘ und alles stürzen hinaus. In Germany ich schreien ‚Schiber!‘ und ich bin for my.“ —

Draußen auf dem Damm lag Wilhelm Fürst, dem der Hüne noch eine tüchtige Tracht Prügel versetzt hatte, durch die er ganz nüchtern geworden war. Die beiden Weiber hatten ihn verlassen, Erich Grothe mühte sich um ihn.

„So trägt man für seine politische Ueberzeugung seine Knochen zu Markt,“ stöhnte Fürst.

„Was hast du aber auch getan?“ erwiderte Erich.

„Taktik!“ log Fürst. „Du wirst später einmal alles verstehen, was dir jetzt vielleicht sonderbar erscheint.“

Erich richtete den arg zugerichteten Genossen auf — und glaubte ihm.

„Ich bin sehr schwach,“ log Fürst weiter, reichte Erich die Hand und sagte:

„Versprich mir, daß du mein Werk fortsetzt, wenn ich sein Opfer werde.“

Erich war erschüttert und gelobte es.

In einem der vielen vor dem Festsaal wartenden Autos, die am schnellsten in Gang kamen, saß Familie Grothe; Vater, Tochter und Schwiegersohn.

„Man ist seines Lebens nicht mehr sicher!“ sagte der Alte.

„Wenn du schon jammerst, was soll da ich sagen,“ erwiderte Iwan Schiff.

„Wieso?“ fragte der und Schiff erwiderte:

„Sehr einfach! Entweder siegen die Kommunisten, dann bin ich verloren, oder es siegen die Antisemiten, dann bin ich auch verloren. Ich bin also auf alle Fälle verloren und würde mir eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn ...“

„Wenn?“ fragte Edith ängstlich und hielt seine Hand.

„Wenn die Devisen nicht so fest wären,“ erwiderte Schiff und holte Atem.

Drittes Kapitel

„Die angebrochene Nacht“, meinte Iwan Schiff, als er mit seiner Frau und seinem Schwiegervater im Auto nach Hause fuhr, „sollte man eigentlich auf anständige Weise zu Ende führen.“

„Und schlafen gehen,“ beendete Edith den Satz.

„Nee! durchbummeln!“ erwiderte Iwan, und der alte Grothe sagte:

„Ich bin kein Spielverderber.“

„Ich sonst auch nicht,“ sagte Edith. „Aber wenn man, wie heute abend, mitten im besten Flirt unterbrochen wird, dann verliert man die Stimmung.“

„Eine verheiratete Frau flirtet nicht,“ sagte der Alte, worauf Edith und Iwan so laut anfingen zu lachen, daß der alte Grothe sie ganz verdutzt ansah.

„Und du willst ein moderner Mensch sein, Papa!“ rief Edith, als sie sich ein wenig beruhigt hatte.

„Zeig du, daß du’s bist!“ sagte Iwan, „und laß Papa und mich noch eine Stunde lang allein irgendwo hingehen.“

„Von mir aus wohin und solange ihr wollt,“ erwiderte Edith. „Obschon ich nicht begreife, wieso ich euch im Wege bin. Ich bin weder eifersüchtig noch reg’ ich mich auf, wenn ihr euch anderswohin verirrt. — Uebrigens wo steckt Erich?“

„Der Junge hat heute von mir tausend Mark bekommen,“ sagte der Alte.

„Das erklärt alles,“ meinte Iwan und befahl Leo, dem Chauffeur, statt nach Haus, in ein Ballokal im Westen zu fahren.

Leo, der Chauffeur, war wohlhabend und stieß sich nicht daran, daß er das rapide Wachstum seiner Ersparnisse weniger seiner Tätigkeit als seiner Diskretion verdankte.

Nur seiner Frau erzählte er:

„Um drei Uhr fuhr ich als erste die junge Frau Edith nach Haus. Durch den Tiergarten, obschon das ein großer Umweg war. — Aber da sie nicht allein war, so nahm ich an, daß sie es nicht besonders eilig hatte, nach Haus zu kommen. Sie sagte denn auch, als ich nach vielem Kreuz und Quer schließlich vor der Villa hielt, ziemlich enttäuscht: ‚Schon?‘ obgleich ein entrüstetes ‚Endlich‘ weit mehr am Platze gewesen wäre. Hier“ — und er legte dreißig Mark auf den Tisch —, „das gab mir der Herr, der sie bis nach Haus begleitete.“

„Und ihr Mann und der alte Herr Grothe?“ fragte die Frau.

Leo, der Chauffeur, holte aus der rechten Tasche einen Fünfzigmarkschein heraus, legte ihn auf den Tisch, betrachtete ihn und sagte:

„Das ist Herr Iwan Schiff — es zeugt von einem zwar nicht ganz reinen Gewissen, läßt aber immer noch die Möglichkeit zu, daß er sich nichts Besonderes vorzuwerfen hat. Während dies hier“ — und er zog aus der anderen Tasche einen Hundertmarkschein hervor, den er neben den Fünfziger legte — „von dem alten Herrn Grothe herrührt und keinen Zweifel darüber läßt, daß damit ein schwerer Verstoß verdeckt werden soll.“

„Ich muß offen sagen,“ erwiderte seine Frau, „daß mir die schweren Verstöße sympathischer sind als die harmlosen.“

„Das ist nicht edel gedacht,“ sagte Leo.

„Wenn es nur bei uns sauber bleibt,“ erwiderte sie. „Was andre tun, geht uns nichts an.“

„Das geht uns wohl an,“ widersprach er. „Wenn jeder so dächte, wie sollte es da besser werden? Wir müssen doch mal heraus aus dem Dreck.“

„Willst ausgerechnet du den Anfang machen?“

„Wenn das jeder sagen wollte, würde es nie anders.“

„Geh doch hinauf zur Gnädigen und sag’ ihr, wie’s ihr Mann treibt — wenn du glaubst, damit dein Vaterland zu retten. Und wenn du dann deine Stelle los bist, dann lauf zum Staatsanwalt und erzähl’ ihm von den Schiebergeschäften, die er macht.“

„Wenn ich’s mir leisten könnte, ich tät’s schon,“ erwiderte Leo. „Was er in Wiesbaden mit den Franzosen verhandelt — ich weiß so allerlei aus seinen Gesprächen während der Autofahrten — das ist nichts anderes als Landesverrat.“

„Was geht’s dich an? — Der nächste Herr, zu dem wir kommen, treibt’s womöglich noch toller.“

„Da magst du recht haben.“

„Jeder sieht heut, wo er bleibt.“

„Das ist es! Was dabei aus dem Ganzen wird, das kümmert ihn sonst was. Und daraus entsteht das ganze Elend.“

„Das du als letzter ändern kannst,“ erwiderte sie. „Dazu brauchst eine starke Hand, die wie ein Donnerwetter reinfährt.“

„Bravo!“ stimmte er zu. „Da hast du den Nagel auf den Kopf getroffen.“

„Na also! dann sind wir ja mal wieder einig.“

Sie gab ihrem Mann die Hand, er zog sie zu sich auf den Schoß und drückte sie an sich. —

Anders ging es inzwischen oben in der Villa zu.

Der alte Grothe war nach drei Stunden Schlaf und einer kalten Abreibung grade wieder Mensch geworden und saß vor seiner reich beladenen Frühstückstafel, als der Diener den Kandidaten Paul Schäfer meldete. Grothe sagte mit vollem Munde:

„Ins Büro!“

„Das habe ich dem Herrn auch gesagt,“ erwiderte der Diener. „Aber er erklärt, es handle sich nicht um Geschäftliches.“

„Schon faul!“

„Darf ich ihn ins Herrenzimmer führen?“

„Unsinn. — Er soll Ihnen sagen, was er will.“

Der Diener verbeugte sich und ging; kam aber gleich darauf zurück und meldete: „die Angelegenheit sei durchaus diskreter Natur“.

„Quatsch! wenn es sich nicht um ein Geschäft handelt, kann es auch nicht diskret sein. Er soll Ihnen sagen, was er will — sonst bedaure ich, ihn nicht empfangen zu können.“

Der Diener verschwand wieder und es entwickelte sich in der Halle zwischen ihm und Schäfer folgendes Gespräch.

„Der Herr Generaldirektor ersuchen nochmals, die Angelegenheit zunächst mir vorzutragen.“

„Unmöglich!“

„Dann bedauert er ...“

„Ja — aber es gibt doch Dinge, die so diskret sind, daß man sie nicht mit Dritten besprechen kann.“

„Der Herr Generaldirektor bestreiten das, da es sich, wie Sie ja selbst sagen, um kein Geschäft handelt.“

„Es handelt sich um Wichtigeres.“

„Das werden Sie dem Herrn Generaldirektor schwer klarmachen können, daß es Wichtigeres gibt als Geschäfte.“

„Ich werde es ihm klarmachen!“

„Kaum! da er Ihnen keine Gelegenheit dazu gibt.“

„Das ist ja doch Wahnsinn! Ich — ich — ja, ich kann es Ihnen unmöglich sagen.“

„Sie wollen ihn anpumpen.“

„I Gott bewahre!“ brauste Schäfer auf und fiel aus der Rolle: „Ich will seine Tochter.“

„Na also! da hab’ ich doch recht.“

„Sie sind verrückt,“

„Wenn Sie sich so einführen, mein Herr, haben Sie wenig Chancen.“

„Also wollen Sie mich jetzt melden?“

Der Diener griente und sagte:

„Sie haben Nummer achtzehn.“

„Was soll das heißen?“

„Ja, meinen Sie, Sie sind der erste? Hier geht alles der Reihe nach. Gestern war Nummer siebzehn da der um die Hand unseres gnädigen Fräuleins anhielt. Ein sehr schmucker Assessor. Und da er auch sonst bewies, daß er ein Mann von Welt war“ — dabei machte er eine nicht mißzuverstehende Handbewegung — „und mir einen Braunen in die Hand drückte, so hab’ ich ihn um drei Nummern hinaufbefördert. Er rangiert jetzt als Nummer vierzehn. Hier herrscht Ordnung.“

Mit diesen Worten verschwand er und stand gleich darauf wieder im Frühstückszimmer des alten Grothe, der ungeduldig fragte:

„Na also — was will er?“

„Ihre Tochter!“

„Also ein Geschäft. Dacht’ ich’s mir doch.“

„Wenn ich mir dazu ein Wort erlauben dürfte ...“

„Selbstredend dürfen Sie. Sie sind vor dem Kriege fünfzehn Jahre lang in den ersten Häusern Diener gewesen, haben also mehr Blick für solche Dinge als unsereins.“

„Zuviel Ehre, Herr Generaldirektor.“

„Quatsch! Sie haben die Erfahrung, und dafür bezahle ich Sie. — Also wie, glauben Sie, würde sich Herr v. Schwalbach, bei dem Sie zuletzt waren, zu einem solchen Schwiegersohn stellen?“

„Ablehnend.“

„Grund?“

„Das läßt sich schwer sagen, man hat das im Gefühl.“

„Schlecht angezogen?“

„Erstens das. Der Cut ist mindestens drei Jahre alt und über drei Zentimeter zu kurz. Der Zylinder um mehr als eine Nuance zu sehr geschweift und dann — und dann —“ sagte er ganz empört.

„Was ist noch?“ fragte der Alte.

„Nein! der Mann ist schon rein äußerlich ganz unmöglich,“ erwiderte er lebhaft und überzeugt, „und ...“

„Ja, was ist denn?“

„Er trägt im Knopfloch das schwarz-weiße Band. — Bedenken Herr Generaldirektor, wo er doch damit rechnen muß, in diesem Hause mit Herren von der Entente zusammenzutreffen.“

„Das ist natürlich unmöglich — obschon, wenn ich mich nicht irre, auch die Herren Franzosen ihre Abzeichen tragen.“

Elisabeth war während dieser Worte ins Zimmer getreten.

Der Diener, der ihr den Rücken kehrte, erwiderte:

„Ja, die Franzosen! Herr Generaldirektor vergessen, daß sie die Sieger sind.“

Da lachte Elisabeth laut auf.

Der Diener erschrak und wandte sich zu ihr um.

„Die Franzosen die Sieger!“ wiederholte sie höhnisch. „Sie sind wie die Memmen geflohen und wären in sechs Wochen erledigt gewesen, wenn sie sich nicht wie Dirnen der ganzen Welt an den Hals geschmissen hätten.“

Der alte Diener nickte und Elisabeth fuhr fort:

„Als das Verhältnis zehn zu eins war, da konnten sie siegen! Aber auch da erst, nachdem sie uns völkerrechtswidrig ausgehungert hatten und ein übermüdeter, schlecht ausgerüsteter, verhungerter deutscher Soldat zehn ausgeruhten, satten, mit allen Hilfsmitteln ausgestatteten Gegnern gegenüberstand. Ein schöner Sieg das!“

„Das stimmt!“ sagte der Diener zaghaft. „Aber jetzt, wo sie uns mit Hilfe der andern alle Waffen abgenommen naben und wir uns nicht mehr wehren können, da sind sie uns doch über.“

„Memmen!“ wiederholte Elisabeth. „Ueber einen wehrlosen Körper, dem sie vorsichtshalber Arme und Beine ausgerissen haben, schreiten sie triumphierend hinweg, pflanzen sie ihr siegreiches Banner auf. Sobald der sterbende Körper aber auch nur ein Zucken von sich gibt, schreien sie wie hysterische Weiber um Hilfe und beraten mit ihren Freunden, wie sie das letzte Aufflackern eines Sterbenden bekämpfen können. Diese Helden würden nur lächerlich wirken, wenn nicht gerade wir die Opfer ihrer feigen und sadistischen Eitelkeit wären.“

„Aber Elisabeth!“ rief Frau Jenny, die mit ihrer Tochter und Erich von der offenen Veranda aus alles mit angehört hatte. „Seit wann kannst du, die du bisher die Sanftmut selbst warst, so hassen.“

„Es hat immer Sieger und Besiegte gegeben,“ sagte Grothe. „Damit muß man sich abfinden.“

„O nein!“ erwiderte Elisabeth. „Solche Sieger hat es, solange die Welt steht, nie gegeben, und wird es, da die Vernunft der Völker die Welt vor neuen Siegen der Franzosen behüten wird, auch nie wiedergeben.“

Frau Jenny war an Elisabeth herangetreten und legte den Arm um sie.

„So also hat Reinharts Rückkehr auf dich gewirkt!“ sagte sie sanft.

„Es war längst in mir,“ erwiderte sie. „Seit gestern aber weiß ich, daß es so nicht weitergeht.“

„Was kann man ändern?“ fragte Grothe.

„Ich weiß es nicht. — Aber es gibt etwas — es muß etwas geben! — Denn sonst ...“

„Was — wäre — sonst?“ fragte die Mutter.

„Sonst müßte man aufhören, an Gott zu glauben.“

„Kind!“ rief Frau Jenny und drückte sie an sich. —

In diesem Augenblick trat Iwan Schiff ins Zimmer.

„Du kommst mir sehr gelegen,“ sagte Grothe.

„Was geht denn vor?“ fragte Schiff und der Alte erwiderte:

„Allerlei!“

Der Diener, der noch immer auf Bescheid wartete, machte sich bemerkbar.

„Ach so!“ sagte der Alte. „Dann kommt’s darauf auch nicht mehr an. Herein mit ihm!“

Alle sahen zur Tür, durch die mit dem etwas zu kurzen Cut, dem um eine Nuance zu stark geschweiften Zylinder und dem Band des eisernen Kreuzes im Knopfloch, Paul Schäfer trat.

Iwan Schiff, der ihn nie gesehen hatte und daher den Grund seines Kommens nicht einmal ahnte, musterte ihn, schielte auf das schwarzweiße Band und dachte:

„Immer noch besser als ein Hakenkreuz.“

Lotte, die Jüngste, der der Besuch galt, errötete und sah zur Erde, stand aber so unglücklich zwischen Elisabeth und ihrer Mutter, daß ihr Wunsch, unbemerkt zu verschwinden, unmöglich war.

Erich und Schäfer bekämpften sich politisch und haßten sich, ohne daß sie voneinander mehr wußten, als daß der eine Kommunist und der andere deutschnational war. Dies schien dem einen so verächtlich, wie jenem das andre, und so hatten sie trotz mancher gesellschaftlichen Begegnung denn auch gar keinen Wert darauf gelegt, sich kennenzulernen.

Paul Schäfer schlug die Hacken zusammen und stellte sich vor.

„Angenehm!“ erwiderte der Alte. „Darf ich bekannt machen?“ — und dabei wies er auf die Umstehenden. „Ich weiß nicht, wie weit Sie bereits in den Schoß meiner Familie eingedrungen sind.“

„Aber Leopold!“ ermahnte Frau Jenny ihren Gatten.

„Na ja! Ich bin es ja gewöhnt, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Aber da wir zufällig einmal alle hier versammelt sind, so können wir das Geschäft ja gleich erledigen.“ — Er sah nach der Uhr. — „In dreißig Minuten habe ich eine Sitzung, bis dahin müßt ihr also verlobt oder geschieden sein.“

„Wer?“ fragte Iwan Schiff, der jetzt glaubte, es ginge ihn an. „Wer denkt denn an Scheidung?“

Der alte Grothe lachte und erwiderte:

„I Gott bewahre! Im Gegenteil. Dieser Herr da hat sich in den Kopf gesetzt, dein Schwager zu werden.“

Schiff betrachtete ihn von der Seite, stieß sich an dem Cut, der zu kurz und an dem Zylinder, der um eine Nuance zu stark gewölbt war, vor allem aber an dem schwarz-weißen Band im Knopfloch und sagte, indem er mit dem Finger darauf hinwies:

„Das ist ja ganz nett, Herr ... wie war doch Ihr Name?“

„Schäfer,“ wiederholte der Kandidat.

„Richtig! Herr Schäfer! Aber damit kann man heutzutage keine Familie ernähren.“

„Ja, soll denn das hier so öffentlich verhandelt werden?“ fragte Frau Jenny.

„Oeffentlich?“ wiederholte Grothe und sah sich um. „So weit mein Auge reicht, sehe ich überall nur Familie.“

„Immerhin wäre es doch wohl am Platze,“ meinte Frau Jenny — „wenn du zunächst mal mit Herrn Schäfer unter vier Augen sprichst.“

„Und dann mit dir. Und hinterher mit Lotte, und schließlich mit allen gleichzeitig! — Ausgeschlossen! Soviel Zeit kann ich zu meinem Bedauern für Familienangelegenheiten nicht aufbringen. Zumal bei drei Töchtern! — Also bitte, Herr Schäfer, Sie sind ...“

„Kandidat der Rechte!“

„Was trägt das?“

Paul Schäfer erschrak.

„Ich verstehe nicht ganz ... Herr Generaldirektor“

„Aber Leopold!“ sagte Frau Jenny.

„Was ist?“ erwiderte der arglos, „die Frage ist doch berechtigt.“

„Es trägt nicht,“ mischte sich Iwan ins Gespräch, „es kostet!“

„Sie besitzen demnach Vermögen?“ fragte der Alte, und Schäfer erwiderte zögernd:

„Leider nein!“

„Dann kann es doch also nichts kosten.“

„Ich verdiene, was mein Studium kostet, durch Unterricht, den ich gebe.“

„Aha! — Und wieviel ist das?“

„Vierhundert Mark.“

„Das wären etwa zwölftausend im Monat, im Jahr also zirka hundertundfünfzigtausend. — Hm, viel ist es nicht, aber es läßt sich hören. Meine Frau hat die Kinder einfach erzogen — viel einfacher, als es mir lieb und als es nötig ist. Wenn ich also meinerseits ebenfalls hundertfünfzigtausend gebe, so könnten Sie fürs erste vielleicht damit auskommen. — Aber Sie müssen sich umkrempeln — verstehen Sie? — So, wie Sie jetzt aussehen, geht das natürlich nicht. Und dann, wie ist das gesellschaftlich? Ihr Vater?“

„Der lebt leider nicht mehr!“

„Was war er?“

„Pastor.“

„Pas ...? hm — ja — etwas kleinbürgerlich, nicht wahr? Auf dem Lande, da geht so was. Aber in der Stadt — was meinst du, Iwan?“

„Ich bin da wohl nicht ganz zuständig.“

„Ich bitt’ dich, du weißt doch, was ein Pastor ist.“

„Gewiß! Aber ich erkläre mich dafür befangen.“

„Jenny, was sagst du?“

„Da der Fall sehr gegen mein Gefühl — nun einmal öffentlich behandelt wird, so meine ich, daß nicht der Stand des Vaters, sondern der Mensch entscheidet.“

„Welcher Mensch?“

„Ob er Charakter hat und eine Zukunft — und ob er unser Kind wirklich liebt.“

„Ach so!“ erwiderte Grothe und wandte sich wieder an Schäfer. „Also, wie ist das?“

„Ich glaube wohl, daß ich eine Zukunft habe. Und was den Charakter betrifft, so gehöre ich zu der deutschnationalen Partei.“

„Als was?“

Schäfer verstand nicht und erwiderte:

„Dem Gefühl nach.“

„Bleiben Sie mir nur mit Gefühlen vom Leibe. Damit verdienen Sie heute nicht einen Dollar. Wenn Sie Politiker sind — ich hab’ nichts dagegen, und es ist mir auch völlig gleich, bei welcher Partei — Hauptsache: es trägt etwas. Und ob bei den Deutschnationalen nun gerade große Geschäfte zu machen sind, das erscheint mir zum mindesten zweifelhaft.“

„Ich treibe Politik nicht des Geldes wegen,“ erwiderte Schäfer entrüstet.

Der alte Grothe sah ihn groß an und auch Iwan Schiff schüttelte den Kopf und verstand ihn nicht.

„Und dann, Herr Generaldirektor, die vierhundert Mark, die ich durch Unterricht verdiene, sind natürlich monatlich — das reicht mit der Pension meiner Mutter, die jährlich viertausendachthundert Mark beträgt, grade aus, um uns durchzubringen.“

Grothe fuhr sich mit der Hand über die Stirn und sagte:

„Erlauben Sie mal — viertausendachthundert im Jahr — und noch einmal jährlich viertausendachthundert — das macht zusammen neuntausendsechshundert — davon leben Sie und Ihre Mutter, und davon soll meine Tochter auch mitleben — soviel braucht die in einem Monat für ihre Garderobe.“

„Nein, Papa!“ rief Lotte, die noch immer zwischen Frau Jenny und Elisabeth stand.

„Soll ich dir die Rechnungen zeigen? — Es ist auch gar kein Vorwurf! Im Gegenteil, du kannst es dir erlauben, das Doppelte zu gebrauchen.“

„Ich tue es nur, weil ... weil ...“

„Nun, warum?“ fragte Iwan Schiff.

„Weil es nun mal so ist, und ich es nicht anders kenne. Aber ich mache mir nichts daraus, und ich kann auch mit weniger auskommen.“

Darauf erwiderte der alte Grothe:

„Ich will dir mal etwas sagen, mein Kind! Wenn ich der alte Rothschild wäre und ich und meine Vorfahren hätten seit Jahrhunderten im Ueberfluß gelebt und wären, soweit wir zurückdenken, die reichsten Menschen Europas gewesen, und es käme eine meiner Töchter an der Hand eines verhungerten Kandidaten und sagte: „Papa, ich liebe ihn, und bin entschlossen, mit ihm zu hungern“ — so wäre das in der Geschichte der Rothschildschen Familie eine sehr aparte Nuance — und der Name Rothschild würde, wenn ich ja sagte, darunter auch nicht im mindesten leiden. Wenn aber Leo Grothe — wir sind unter uns und ich sag’ euch nichts Neues — der vor zehn Jahren noch hinter dem Ladentisch gestanden hat, seine Tochter an einen Habenichts gibt, so wird man die Achseln zucken und sagen: „Nu ja — wer wird denn da schon hineinheiraten.“

„Frau Jenny staunte über dies klare Urteil und soviel Selbstkritik und sagte: „Was gehen uns denn die Menschen an?“

„Viel!“ erwiderte Grothe. „Alles!“

„Dann solltest du nicht wie ein Parvenu leben!“

„Du hast recht, Jenny! Aber ich kann nicht anders. Morgens, nach einer durchbummelten Nacht denke ich genau wie du. Aber schon nach dem Essen erwacht in mir der neue Mensch, gegen den ich vergebens anzukämpfen suche. Gegen sechs Uhr ist der Kampf dann regelmäßig zu meinen Ungunsten entschieden.“

„Du solltest ihm mittags den Bordeaux entziehen und ihm weniger zu essen geben,“ sagte Iwan Schiff zu Frau Jenny, die von der Offenherzigkeit ihres Mannes stark beeindruckt war.

„Ich bin wie ich bin, und ihr werdet mich nicht ändern,“ erwiderte Grothe. „Und statt meine sentimentalen Anwandlungen zu fördern, solltet ihr lieber versuchen, mich vor Rückfällen zu schützen. Wir leben in einer Zeit, in der man das Gefühl nicht Oberhand gewinnen lassen darf.“

„Doch, Vater!“ mischte sich jetzt Erich in die Unterhaltung. „Du bist im Grunde deines Herzens Kommunist.“

„Was bin ich?“ fragte Grothe entsetzt.

„Du hast ein Herz für die Unterdrückten!“

„Das haben wir alle!“ sagte Elisabeth. „Dazu braucht man kein Kommunist zu sein.“ Und Schäfer, bei dem im selben Augenblick das Herz verstummte und der Politiker erwachte, rief:

„Nirgends ist die Menschheit geknechteter und unterdrückter als in Rußland!“

„Wir wollen die Menschheit zum Guten erlösen,“ erwiderte Erich. „Wenn es nicht anders geht, dann eben durch Gewalt. Alle Menschen sind Brüder.“

„Die Juden sind die Herren der Welt,“ erklärte Schäfer. „Ehe man sie nicht ins Ghetto gesperrt hat, kann es nicht besser werden.“

„Wenn überhaupt jemand helfen kann, dann sind wir es!“ rief Iwan Schiff. „Den Juden verdankt Deutschland den wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung.“

„Und den Verlust des Krieges!“ erwiderte Schäfer.

„O nein!“ widersprach Iwan Schiff. „Aber die Möglichkeit, daß es den Krieg überhaupt führen konnte.“

„Ihr seid die Väter des Kapitalismus und habt damit alles Unglück über die Welt gebracht!“ schrie Schäfer.

„Das ist nicht wahr!“ widersprach Schiff und rief: „Lesen Sie Spinoza!“ — Dabei bekannte er sich im stillen, daß er selbst nicht viel mehr von ihm wußte, als den Namen. Aber es klang so überzeugend, daß Schäfer zu einem Gegenhieb ausholte und rief:

„Fällt mir gar nicht ein. Lesen Sie Treitschke!“

Und als schließlich auch noch der alte Grothe, der aus irgendeinem Grunde oder auch ohne Grund Demokrat war, in den Streit eingriff, der immer heftiger und persönlicher wurde, trat Elisabeth vor und sagte mit zitternder Stimme:

„Euer Vaterland, dessentwegen ihr euch so ereifert, während ihr es im Grunde eures Herzens alle gleich stark liebt, ist ein vom Haß der Feinde gequälter, an Leib und Seele gebrochener Kranker, der keinen Streit verträgt, sondern Pflege, Liebe und Ruhe braucht.“

Sie öffnete die Flügeltür und sagte:

„Kommt! Ich führe euch zu ihm.“

Sie ging voraus — verständnislos folgten die andern.

Sie ging durch ein paar Zimmer hindurch, bis zum Korridor, stieg eine Treppe hinauf, ging einen Flur entlang, öffnete eine Tür und trat in das Zimmer, in dem Reinhart lag.

Schneeweiß, mit tiefen Furchen, verwelkt, abgemagert, lag er im Bett und sah aus toten Augen erstaunt Elisabeth und die andern an.

„Was ist denn das?“ fragte Grothe entsetzt, und Elisabeth erwiderte:

„Ein Mensch!“

Nur Erich erkannte ihn und wandte sich ab.

„Seht ihn euch an!“ — drängte Elisabeth, erzählte ihnen seinen Leidensweg und sagte: „Die deutsche Schmach und das deutsche Leid, da habt ihr beides! — Und nun reicht euch die Hände! — Kein Streit mehr! Erst sorgt gemeinsam für die Erstarkung und Gesundung! — Aber nicht, indem ihr euern Haß und eure Liebe laut hinausschreit — damit verderbt ihr alles — indem ihr sie im stillen pflegt — immer daran denkt! nie davon sprecht!“

Reinhart, der — wie wohl auch die andern — nur fühlte, um was es ging, richtete sich mühsam auf und streckte den Arm aus. Und all diese Menschen, die sich eben noch befehdet hatten, traten zu ihm heran und gaben ihm schweigend die Hand.

Dann führte Elisabeth sie wieder hinaus.

Draußen sagte der alte Grothe:

„Wir alle haben jetzt nur noch einen Gedanken. Was sonst uns trennt, es sei, was es wolle, verschwindet daneben. Und daher, lieber Schäfer, nehmen Sie mein Kind und machen Sie es glücklich.“

Elisabeth strahlte, während die beiden sich in den Armen lagen.

Viertes Kapitel

So stark die Wirkung war, die von dem Leid Reinharts ausging, vertieft durch die Worte Elisabeths, die alles, was er erduldet hatte, nachlebte — der alte Grothe und Iwan Schiff waren doch zu oberflächliche Naturen, Edith und Erich zu unreif, als daß die Eindrücke länger als bis zu dem nächsten Erlebnis haften blieben.

Politisch waren der Alte und der Schwiegersohn nie stark interessiert gewesen. Sie hatten Furcht vor den Kommunisten und waren in Zeiten drohenden Aufruhrs mehrmals in das besetzte Gebiet, zweimal sogar ins Ausland geflüchtet. Vor ihnen sollen unverbürgtem Gerüchte nach nicht unerhebliche Vermögenswerte ihren Weg von Berlin nach Holland gesucht und gefunden haben. Iwan Schiff war sogar an einer holländischen Bank beteiligt, die ihm, ohne das Gesetz zu verletzen, jede beliebige finanzielle Transaktion ermöglichte. Bei seinem stark ausgeprägten Familiensinn war es nur natürlich, daß er seinen Schwiegervater an diesem Privileg teilnehmen ließ.

Geschäftlich also änderte der Fall Reinhart an den Gedankengängen und Entschlüssen Grothes und Iwan Schiffs zunächst nichts. Aber politisch bewirkte er doch, daß sie sich im engeren Kreise, in dem sie sich sicher fühlten und keine geschäftlichen Nachteile zu befürchten hatten, über die französischen Greuel und Gewaltakte entrüsteten.

Auch Erich empörte sich; rein menschlich und ohne jedes politische oder sonstige Interesse. Aber es erschien ihm doch als der Ausfluß eines imperialistischen Systems, das man mit Aussicht auf Erfolg nur durch den Kommunismus bekämpfte. Daß Reinhart, wie es Elisabeth hinstellte, deutsche Schmach und deutsches Leid verkörpere, ließ er gelten. Erniedrigt, gequält, verschlagen, entkräftet, wehrlos gemacht und zum Frondienst gezwungen — angesichts dieser Schmach mußte Empörung gegen den verächtlichen Peiniger unmittelbarstes Gefühl sein. Und neben dem inneren Feind, gegen den sich bisher sein Haß gerichtet hatte, entstand und wuchs das Bild des äußeren Feindes.

Edith fand es scheußlich und grauenhaft, und meinte, es seien Tiere und keine Menschen. Und ihre stille, in Berliner Modehäusern gezüchtete Sehnsucht, Paris zu sehen, wich einer scheuen Furcht, die selbst in deutschen Blättern laut gepriesene Modeschöpfungen nicht zu bannen vermochten. Was blieb, war der Reiz des Ungewöhnlichen. Denn diese sadistischen Menschenquäler waren sicherlich auch in der Liebe raffinierte Künstler.

Aber neue Ereignisse geschäftlicher, politischer und gesellschaftlicher Natur verwischten schnell den Eindruck, von dem schließlich nicht viel mehr als ein ästhetisches Unbehagen zurückblieb. Es dauerte gar nicht lange, da war für den alten Grothe Reinhart nicht mehr das Wahrzeichen, an dem das deutsche Gewissen sich wacherhalten sollte, sondern der Erwählte seiner Tochter, für die er einen in jeder Beziehung anderen Mann in Aussicht hatte.

„Liebe Elisabeth,“ sagte er eines Tages, „ich kenne dich und weiß, daß Reinharts Schicksal dich nur noch fester an ihn kettet. Aber ich habe als Vater die Pflicht, dich zu warnen.“

„Ich weiß, daß du es gut meinst,“ erwiderte Elisabeth. „Und alles, was du mir vor Augen führen kannst, habe ich mir schon selbst gesagt. Möglich, daß Stunden kommen werden, in denen ich mich nach Kraft und blühendem Leben, kurzum an die Seite eines gesunden Mannes sehne. Aber gäbe ich solcher Sehnsucht wegen Reinhart auf — glaubst du, ich würde im Gedanken an ihn auch nur eine frohe Stunde haben?“

„Die Zeiten ändern sich — man vergißt. Was man heute für unüberwindbar hält, ist in ein paar Jahren nur noch eine Erinnerung.“

Elisabeth fühlte sich ihrem Vater, der ähnlich nie zu ihr gesprochen hatte, wohl näher als sonst.

„Er ist doch mehr Mensch, als ich dachte,“ sagte sie sich. In ihrem Entschluß, Reinhart Treue zu halten, vermochte er sie dennoch nicht zu erschüttern.

„Ich sehe,“ sagte der Alte schließlich, „deinen Gefühlen ist nicht beizukommen. Also muß die Vernunft sprechen. Wie stellst du dir deine Ehe wirtschaftlich vor? — Bis ein Chemiker heut ins Verdienen kommt, vergehen Jahre.“

Elisabeth begriff. Das hieß, der Vater lehnte für den Fall der Ehe jede Beihilfe ab. Jetzt erst gab sie sich Rechenschaft darüber, daß sie bis zur Stunde über das Finanzielle überhaupt nicht nachgedacht hatte. Sie gestand es ihm nicht, zumal es ihr unmöglich schien, mit Reinhart vom Gelde des Vaters zu leben. So wenig sie allgemein von Geschäften und im besonderen von denen ihres Vaters verstand, so sagte ihr doch das Gefühl, daß seine so plötzlich und mühelos erworbenen Millionen nicht die Früchte ehrlicher Arbeit sein konnten. Wie oft hatte sie die Absicht gehabt, etwas Praktisches zu lernen, um sich selbst zu ernähren und unabhängig von dem Gelde des Vaters zu sein. Aber sie war damit nicht durchgedrungen. Der Alte hatte getobt und Frau Jenny dafür verantwortlich gemacht, daß seine Töchter, statt sich gesellschaftlich hervorzutun, auf derartig unsinnige Gedanken kamen. Und um die Mutter zu schonen, hatte sie dann Verzicht geleistet. Aber als der Vater jetzt, nicht ohne Spott, nach der Höhe der Pension eines Rittmeisters fragte, sagte sie schroff:

„Du hast mich daran gehindert, mich auf eigene Füße zu stellen!“

„Und werde es weiterhin tun,“ erwiderte er.

„Das wirst du nicht können!“

„Soll das etwa heißen, daß du dich gegen meinen Willen auflehnst? — Ich habe dich bisher deine Wege gehen lassen, obschon sie mir nicht gefielen.“

„Das eben hast du nicht getan! — Sonst wäre ich heute selbständig und brauchte dich nicht.“

Der Alte lenkte ein und sagte:

„Heutzutage gibt es, wenn man bestehen will, nur eins: Geld verdienen! Den Luxus, Idealen oder einer Liebe nachzujagen, die finanziell nicht fundiert sind, kann sich heute niemand leisten; auch du nicht! Es sei denn, daß mittelbar etwas dabei herausspringt.“

„Was meinst du damit?“

„Nun ich könnte mir denken, daß du in eine Familie hineinheiratest, die uns gesellschaftliche Vorteile und damit auch Beziehungen bringt, die sich geschäftlich nutzen ließen.“

„Ich bin keine Ware! Ich habe ein Herz!“

„Das bedingt nicht, daß du es an einen in jeder Weise ruinierten Menschen verlierst.“

„Wer hat ihn ruiniert?“

„Ich nicht!“

„Ist es seine Schuld? — Er hat sich für uns alle geopfert, hat für uns alle gelitten.“

„Das ändert nichts an der Tatsache, daß er ruiniert ist.“

„Aber das legt uns allen — und mir als erste — die Pflicht auf, ihn nicht im Stiche zu lassen, ihn zu stützen und aufzurichten.“

„Er soll sich an die wenden, die ihn zugrunde gerichtet haben.“

„Bravo, Vater! das soll er! Wir alle sollen das! — Da Rechenschaft fordern, wo man alle menschlichen Gesetze — mit Füßen getreten hat und, was das Schlimmste ist — sie unter den Augen der Welt, die es schweigend duldet, weiter mit Füßen tritt!“

„Wie willst du das anstellen? Wir sind machtlos.“

„Und werden es bleiben, wenn wir uns nicht auf uns selbst besinnen. — Der Egoismus, der uns alle erfaßt hat, ist schuld daran, daß wir immer tiefer sinken. Für ein Volk, dem es ergeht, wie uns, darf es nur eine Richtschnur geben: ‚Einer für Alle, Alle für Einen‘.“

„Das sind Worte! nichts weiter.“

„Das sind Gefühle! heilige Gefühle, die man überall wecken und vertiefen muß. Des einzelnen Leid muß jeder als das Leid des Ganzen fühlen. Ein Leid, ein Volk, ein Wille! — Dahin müssen wir kommen. Und solange ein Einziger das nur als Worte oder als eine Phrase empfindet, solange verdienen wir das Los, das wir tragen.“

Der alte Grothe sah sein Kind an, das am ganzen Körper zitterte und glühte. — Er widersprach nicht mehr. Er senkte den Kopf, schloß die Augen, schämte sich.

„So sollten wir alle denken,“ wiederholte er. „Du hast recht! — Wo sind wir hingeraten? — Weißt du, ich kann es erklären. Siege und wieder Siege! Und Verheißungen auf herrliche Zeiten. Das erzeugte den Taumel. — Und dann kam der Sturz. Ganz plötzlich und unvermittelt. Ohne Uebergang aus einer Ekstase in die andre. Man fand keine Zeit, sich umzustellen. Der ganze Wirtschaftskörper befand sich in einem rasenden Tempo. Ein Aufhalten war unmöglich. Und so kam es, daß er nach dem Sturze weiterraste — unaufhaltsam — und uns alle mit fortriß.“

„Mich nicht! und tausend andere, die jetzt den Wall bilden müssen, auch nicht.“

„Weil ihr nicht mittendrin standet. — Aber ich, ganz eingestellt darauf, konnte nicht stehenbleiben. Kann es auch jetzt nicht. Auch wenn ich als Mensch erkenne, daß du recht hast. — Ich würde zertreten werden von den andern.“

„Du mußt deine Stimme erheben, Vater. Mußt auch den andern Halt gebieten.“

„Dazu passe ich nicht.“

„Grade du, der Größten einer. Wenn du hinträtest und das Opfer brächtest.“

„Ich kann es nicht. — Ihr Geistigen müßt vorangehen. Ich fühle es ja an dir, Elisabeth, daß der Ruf erhört wurde. Sammle die Geister, und ich will einer der ersten sein, der ihnen folgt.“

Elisabeth sah zu ihrem Vater auf und erkannte, daß es ihm ernst mit dem war, was er sagte. Aber so sehr es sie beglückte — sie fühlte, daß ihre Kräfte nicht reichten. Wenn es ihr gelang, Reinhart aufzurichten, wenn er wieder der wurde, der er war, dann wollte sie an seiner Seite — sie wagte nicht, den Gedanken zu Ende zu denken. Um so stärker traf es sie, als der Vater jetzt an sie herantrat, ihre Hand nahm und zu ihr sagte:

„Nimm dir den Reinhart! Geh mit ihm an den Rhein. Das kleine Haus deiner Mutter — du erinnerst dich, wir haben es, als du noch Kind warst, jeden Sommer ein paar Wochen lang bewohnt —“

„Ich weiß! ich weiß!“ sagte sie freudig.

„Es ist groß genug für euch, und ihr seid gut darin aufgehoben. — Da mach’ ihn gesund! Dann werden wir weitersehen.“

Er legte den Arm um sie — zum ersten Male seit Jahren — und sagte zärtlich:

„Mein Kind!“

Elisabeth schmiegte sich an ihn, schluchzte laut.

Frau Jenny, die ins Zimmer trat, schlug die Portieren zurück, stand sprachlos und bestaunte das Wunder.

Elisabeth, die ihre Mutter nicht sah, schlang die Arme um ihren Vater, küßte ihn und sagte:

„Komm, Vater!“

„Wo willst du hin, mein Kind?“

„Zur Mutter — und dann zu ihm.“

„Die Mutter ist schon da,“ sagte Frau Jenny und trat ins Zimmer. Und ohne daß sie ihr etwas sagten, fühlte sie, was geschehen war, gab ihrem Manne die Hand und sagte:

„Ich danke dir, Leo! Das bringt auch uns wieder zusammen!“

„Gott gebe es!“ erwiderte er und drückte ihr kräftig die Hand.

Fünftes Kapitel

Die kleine Villa am Rhein bestand aus zwei Stockwerken. Im Souterain wohnte der Verwalter mit seiner Familie. Im Hochparterre lag neben einer geräumigen Diele das Speisezimmer. Daran schlossen sich zwei Wohnzimmer von ungefähr gleicher Größe, in denen jedes Stück Möbel noch genau so stand, wie während der fünfzig Jahre, in denen Frau Jennys Eltern darin gewohnt hatten. Im ersten Stock lagen zwei Schlafzimmer, ein kleiner Wohnraum und ein Zimmer mit Balkon, das nach dem Garten ging und für Gäste bestimmt war.

Solange die Alten lebten, verbrachte Frau Jenny jeden Sommer ein paar Wochen bei ihren Eltern. Hier war sie geboren und aufgewachsen. Erinnerungen, von denen sie heute noch lebte, ließen keinen Tag vergehen, an dem sie nicht an dies Haus und seine verstorbenen Bewohner dachte.

Auch später kam sie regelmäßig am Sterbetag des Vaters und der Mutter, — wenn auch nur auf ein paar Tage — saß dann mit dem alten Verwalter und seiner Frau an einem Tisch und sprach mit ihnen, die, wie sie, hier den besten Teil ihres Lebens verbracht hatten, von vergangenen Tagen. Und je oberflächlicher und pietätloser Zeit und Menschen wurden, je mehr sich ihr Mann ihr entfremdete und ein anderer wurde, um so stärker war die Sehnsucht, die sie nach der kleinen Villa am Rhein zog.

Elisabeth war der einzige Mensch, mit dem sie über alles dies sprach und die aus den Erzählungen der Mutter in diesem Hause und mit seinen Bewohnern Bescheid wußte, als wenn sie jahrzehntelang dort verbracht hätte. Das alte Verwalterpaar, das in Elisabeths Vorstellung lebte wie Philemon und Baucis im Herzen des Wanderers, waren ihr, ohne daß sie sie kannte, verehrungswürdige Menschen. Sie sandte den alten Leuten mit Worten, die ihr Herz trafen und sie nicht fühlen ließen, daß sie die Nehmenden, Elisabeth die Gebende war, in immer kürzeren Zwischenräumen alles Mögliche, wovon sie sich Nutzen und Freude für sie versprach.

So kam Elisabeth, als sie ein paar Wochen später mit dem in aller Stille ihr angetrauten Reinhart an den Rhein kam, nicht als Fremde. Frau Jenny ließ es sich nicht nehmen, sie zu begleiten.

„Meine lieben, guten, alten Freunde,“ hatte sie an die Alten geschrieben. „Ich komme und bringe Euch Elisabeth, meinen Engel. Mir ist zumute, als wenn der Geist meiner geliebten Eltern alle Räume von neuem erfüllte! Ihr werdet schnell fühlen, wie ähnlich sie in allem meiner in Gott ruhenden Mutter ist. In die heiligen Räume, die Ihr bis heut betreut habt und die seit dem Heimgang der Eltern kein Fremder betrat, wird eine Würdige einziehen. Ich bin glücklich, sie dort und bei Euch zu wissen. Dorthin gehört sie — hier war sie heimatlos. Ich gönne Euch das Glück und nehme teil daran. In meine tote Heimat kommt Leben, das die Vergangenheit nicht aufhebt, sondern fortsetzt. — Erhaltet Ihr Euch meines Kindes wegen, aber auch um Eurer selbst willen; denn Elisabeth, mein Engel, wird Euch treu und dankbar wie ein Enkel sein.

Eure getreue Frau Jenny.

Die beiden Alten verstanden nicht alles. Aber was sie nicht verstanden, das fühlten sie. Und die Feiertagsstimmung verließ sie nicht, bis eines Tages gegen Abend ein Auto mit vielen Koffern vor der Villa am Rhein hielt.

„Hier werde ich gesund!“ war das erste Wort, das im Hause fiel. Reinhart sprach es, als er, auf Elisabeth gestützt, auf dem Balkon stand und den Worten des Alten folgte, der mit der knochigen Hand auf den Rhein wies und stolz, als wäre es sein Reich, die Namen der Dörfer nannte, die im Glanz der untergehenden Sonne zu beiden Seiten des Rheines lagen.

Elisabeth zuckte zusammen.

„Aus dir sprach Gott!“ sagte sie laut, und die Alte senkte den Kopf und sagte mit gefalteten Händen:

„Also geht es in Erfüllung.“

So standen sie noch lange und keiner sprach mehr ein Wort. Erst als die Sonne untergegangen war, legte Frau Jenny den Arm um Reinhart und sagte:

„Es wird kalt. Wir wollen hineingehen.“

Drin war der Tisch gedeckt. Für drei. Blumen standen auf dem Tisch und von draußen drang der Duft der Wiesen ins Zimmer.

Der Alte goß den goldenen Wein ein. Als er hinter Frau Jenny stand, wies er heimlich auf das Etikette, zwinkerte mit den Augen und sagte:

„Zu alt darf er nicht werden. Jetzt ist er grade recht.“

Frau Jenny lächelte und nickte mit dem Kopf.

„So sagte dein Großvater, Elisabeth, wenn er etwas Besonderes aus dem Keller holte und ein vorwurfsvoller Blick meiner Mutter ihn traf.“

„Schalt Großmutter?“ fragte Elisabeth.

„Nein! sie lächelte.“

„Genau wie die gnädige Frau,“ sagte die Alte, „ganz genau so!“

„Holt noch ein paar Gläser und setzt Euch zu uns,“ forderte Elisabeth die Alten auf. „Und erzählt uns, was Großvater und Großmutter sich erzählten, wenn sie bei einer guten Flasche beieinandersaßen.“

Die Alten, erst verlegen, sahen Frau Jenny an, die ihnen lebhaft zunickte. Dann folgten sie, holten sich Gläser und setzten sich an den Tisch. Der Wein löste die Zungen, und was die Alten erzählten und was doch kaum fünfzig Jahre zurücklag, klang wie ein Märchen aus uralter Zeit, und war doch nichts anderes als Alltägliches aus dem Leben einer deutschen Familie, für die Vaterlandsliebe, Zusammengehörigkeitsgefühl und Autorität genau so selbstverständliche Begriffe waren, wie ehrsame Arbeit, Gottesfurcht und Sitte — Dinge, über die sich zurzeit eine sehr viel dümmere Generation, der Ueberheblichkeit Bildung ersetzt, mit verächtlicher Geste hinwegsetzt. —

Und wie der erste Tag verlief, so verliefen die nächsten. Zwei ordentliche Mädchen kamen ins Haus, von denen das eine in der Küche half, während die Alte, so sehr Elisabeth ihr Ruhe gönnte, darauf bestand, das Essen selbst zu richten. Und sie verjüngte sich förmlich, als sie nun, wie vor dreißig Jahren, wieder am Herd stand und, wie damals, die Leibgerichte von Frau Jennys Eltern kochte.

Wesentlicher war, daß sich Reinharts Gesundheit in dieser Ruhe, Luft und Umgebung von Tag zu Tag mehr kräftigte. Die Stimmung wurde besser, sein Gewicht nahm zu, die Angstzustände, die ihn besonders nachts quälten, hörten an der Seite Elisabeths, die ihn behütete und keine fremde Hilfe zu dem Kranken ließ, bald ganz auf. So schrieb Elisabeth denn schon nach wenigen Wochen an ihre, wieder in Berlin weilende Mutter:

Sorge Dich nicht, daß unter der Pflege Reinharts meine Gesundheit leidet. Läge ich nachts allein und würde ich ihn in der Obhut irgendeiner fremden Pflegerin wissen, die ja doch nicht weiß, was in ihm vorgeht und wie man das kranke Herz zur Ruhe bringt — ich würde die ganze Nacht über kein Auge schließen. So aber, neben ihm, höre ich jeden Atemzug, fühle ich jeden Herzschlag und schlafe, wenn ich ihn ruhig weiß, selbst ein. — Ich schlafe ganz ruhig, da ich weiß, daß ich bei der leisesten Erschütterung wach und bei ihm bin. Oft, wenn sich Reinhart in schwerem Halbtraum wälzt und leidet, genügt es, daß ich meine Hand auf seine Stirn oder auf sein Herz lege — die Stirn glättet sich, die Bilder verschwinden und er schläft, ohne wach geworden zu sein, wieder fest ein. Was mir dabei an Schlaf abgeht — es ist nicht der Rede wert, geliebte Mutter! — das ersetzt das beglückende Gefühl, ihn hochzubringen. Ich fühle mich frischer und kräftiger denn je.

Mit der Wiederkehr der körperlichen Kräfte und der seelischen Ruhe erwachen in Reinhart auch wieder geistige Interessen. Und ich kann schon heute genau die Richtung verfolgen, in der sie sich bewegen. Es wirkt das Erlebte, zu dem er nun allmählich Distanz gewinnt, stark in ihm nach, und ich habe Mühe, zu verhindern, daß nicht ein Haß aus alledem emporwächst, der seine langsam zurückgewonnene Kraft verzehren würde. Ich bin gewiß die letzte, die will, daß er vergißt und verzeiht, oder — was das Schlimmste wäre! — wie die meisten andern gleichgültig dem Geschehenen und dem Kommenden gegenübersteht. Aber ich muß darauf bedacht sein, daß er sich zunächst einmal stärkt und kräftigt. Dazu ist innerliche Ruhe Vorbedingung. So lese ich ihm denn aus den Zeitungen auch nur das vor, wovon ich weiß, daß es ihn weder kränkt noch erregt. Leider ist das herzlich wenig. Aber mein Glaube an unsere Zukunft ist trotz aller inneren Zerrissenheit unseres Volkes so stark, daß ich es nicht schwer habe, ihn mit fortzureißen. Und dann fühle ich ganz deutlich, Mutter, wie das in Reinhart den Willen zur Genesung stärkt. Anfangs gleichgültig und apathisch, erkennt er nun den Sinn und Zweck, für den er leben will. Und das fördert ihn mehr als alles andere. Indem ich ihn überzeugte, daß es für ihn Pflicht sei, sich aufzurichten, habe ich ihn gesund gemacht. Das klingt stolz, fast übermütig. Aber Du kennst Dein Kind, geliebte Mutter, und weißt, daß es nicht große Worte liebt. In diesem Falle aber darf ich mit mir zufrieden sein. Wieviel ich auch dabei wieder Dir verdanke, beste aller Mütter, bedarf keiner Worte. Nur in der abgeschiedenen Ruhe dieses Hauses, mit dem wir von der ersten Stunde an verwachsen waren, als hätten wir schon vor hundert Jahren hier und nur hier gelebt, war das möglich! — Dank also Dir und Vater, dessen Gedanke es war, und viele liebevolle Grüße Deines dankbaren und glücklichen Kindes

Elisabeth.

Frau Jenny wartete eine Stunde ab, in der ihr Mann nicht nur äußerlich frei von Geschäften war, ehe sie ihm diesen Brief vorlas. Zwar war sein Wesen, sobald von Elisabeth die Rede war, verändert. Es schien Frau Jenny, als ob er mehr als nur einen Hauch ihres Geistes verspürte, wenn er von ihr sprach. Er gab sich Mühe, innerlich zu ihr zu finden. Er quälte sich fast — aber es gelang ihm nicht. — Einmal, als er sich sichtlich wieder mühte, sie zu verstehen, und Frau Jenny es ihm auf den Kopf zusagte, dachte er erst eine Weile nach, dann sagte er:

„Du hast recht, Jenny, irgend etwas sagt mir, daß sie glücklicher ist als ich.“

Und Frau Jenny erwiderte:

„Sollte es am Ende daher kommen, daß sie besser ist?“

Der alte Grothe sah seine Frau groß an, schwieg erst und sagte dann:

„Möglich! — Sogar wahrscheinlich. — Aber kann ich dafür, daß ich so bin? — Wie man geschaffen ist, so ist man.“

„Warst du früher nicht anders?“

„Nein! — Die Verhältnisse waren anders — nicht ich.“

„Wer hat die Verhältnisse geschaffen?“

„Die Zeit!“

„Ihr! — Und damit ihr wieder anders werdet, muß jemand kommen, der die Verhältnisse ändert! Jemand, der den Mut und die Kraft hat. — Ihr treibt dem Abgrund zu.“

„Und fühlen uns ganz wohl dabei!“

„Weil ihr kein Gewissen habt!“

„Hör bitte auf! Ich weiß, daß du recht hast. Ich aber kann es nicht ändern. Ich besitze weder die Kraft, noch den Mut, noch die Möglichkeit. — Aber ich habe wohl das Bedürfnis, mich nicht ganz zu verlieren — wie unser Schwiegersohn, für den es als Beurteilung von Welt und Menschen überhaupt nur noch einen Wertmesser gibt: Geld! — Wie es erworben wird, spielt dabei keine Rolle.“

„Du bist besser, als du dich machst,“ sagte Frau Jenny.

„Ich fürchte, nein.“

„Schon, daß du das Bedürfnis hast, dein Leben und deine Gefühle zu kontrollieren, spricht für dich. — Darf ich dir einen Vorschlag machen?“

„Bitte!“

„Laß uns im August statt nach Baden-Baden zu den Kindern an den Rhein gehen.“

Der alte Grothe war überrascht, überlegte aber nicht lange und willigte ein.

Da Reinhart oft erst zu den ersten Morgenstunden fest schlief, so hatte Elisabeth angeordnet, daß niemand — sei es, wer es wolle — wecken oder stören kam, bevor sie läutete.

Sie war daher nicht wenig erstaunt, als jemand eines Morgens — es war noch nicht neun Uhr — erst leise, dann bestimmt und mehrmals hintereinander an die Tür des kleinen Wohnzimmers klopfte, neben dem sie schliefen. Gleich darauf hörte sie laute Stimmen, ohne verstehen zu können, was gesprochen wurde. Aber obgleich mehrere auf einmal sprachen, so konnte sie doch deutlich die Stimmen der beiden Alten erkennen, die sie nie so laut und erregt gehört hatte.

Sie warf schnell einen Blick auf Reinhart, überzeugte sich, daß er schlief, schlüpfte in ihre Pantöffelchen, warf sich einen Morgenrock über, ging auf den Zehen ins Nebenzimmer, schloß behutsam hinter sich die Tür, zog die Portieren vor und eilte dann zu der Flurtür, an die eben von neuem und noch stärker als zuvor geklopft wurde.

„Ich ersuche um Ruhe! Wer ist da?“ rief sie durch die Tür, ohne zu öffnen.

Als Antwort kamen mindestens vier Stimmen, von denen eine — und zwar die stärkste — die eines Mannes war, der französisch sprach:

„Oeffnen Sie oder ich sprenge die Tür.“

Und dazwischen riefen die Alten:

„So haben Sie doch ein Einsehen! — Drin liegt ein Kranker!“

„Gesindel!“ rief der Franzose. „Zurück! oder ich lasse euch abführen.“

Da schoß es Elisabeth durch den Kopf:

„Besatzung! — Und Reinhart liegt wehrlos!“

Im ersten Augenblick dachte sie an den Revolver, der auf dem Nachttisch lag.

„Ueber den Haufen schießen!“ sagte ihr eine innere Stimme. Sie wankte zur Schlafstubentür, legte die Hand auf die Klinke — da kam ihr der Wahnsinn ihres Entschlusses zum Bewußtsein. Sie sprach sich zu: „Nicht! Noch nicht!“ sagte sie halblaut. „Erst werde gesund! und dann — dann!“

Sie wandte sich um, rief:

„Ich öffne!“

wankte zur Flurtür, schob den Riegel zurück — und hereinströmte, gefolgt von zwei schwarzen Soldaten und den beiden Alten, denen Furcht, Sorge und Entsetzen auf den Gesichtern stand, ein bis an den Hals bewaffneter französischer Offizier.

Elisabeth wankte ein paar Schritte zurück, sah entsetzt nur die beiden Schwarzen, die geil und gierig an der Tür standen und sie anstarrten.

Aber auch der Offizier schien überrascht. Schönheit und Blondheit dieser Frau ließ ihn für Augenblicke sein Amt vergessen. Er schlug die Hacken zusammen und sagte:

„Ich bedaure unendlich, Madame, diese Störung.“

Elisabeth sah von den Schwarzen fort zu dem Offizier auf und hatte sich sofort auch wieder in der Gewalt. Hoch aufgerichtet maß sie ihn von oben bis unten und sagte:

„Mit welchem Recht Sie hier mitten im Frieden in ein deutsches Haus eindringen, weiß ich nicht. Die Art aber und die Begleitung“ — und dabei wies sie auf die beiden Schwarzen, die immer geiler stierten — „befreien Sie mich von diesem Anblick!“ unterbrach sie sich. „Diese Tiere da — hinaus mit ihnen!“

„Großer Gott!“ rief der Alte und rang die Hände. „Beruhigen Sie sich, Frau Elisabeth!“ — dabei zitterte er selbst am ganzen Körper und hielt sich — ebenso wie seine Frau — mit beiden Händen an dem Frisiertisch fest, der neben der Tür stand.

Aber der Offizier, der immer mehr in den Bann dieser Frau geriet, trat ein paar Schritte näher an Elisabeth heran und sagte:

„Begehen Sie keine Unvorsichtigkeit, Madame! — Glücklicherweise verstehen diese beiden kein Deutsch! — Ich wäre nach meiner Vorschrift gezwungen, Sie abführen zu lassen.“

„Und ich bin gezwungen, mich — in meinem Hause — unangekleidet — den Blicken dieser Menschen auszusetzen — und Sie als Offizier dulden das! — und Ihre Frauen dulden das! und Ihre große Nation! und verlangen, daß man mich abführt, wenn ich mich entsetze — angeekelt von diesem Anblick.“

„Ich muß Sie bitten, Madame! — Es sind Franzosen, genau wie wir!“

„Genau wie Ihr!“ wiederholte Elisabeth und sagte nichts mehr.

Aber der Offizier, der jetzt erst fühlte, welches beschämende Eingeständnis in diesen Worten lag und dem der verächtliche Zug um Elisabeths Mund nicht entging, sagte gereizt:

„Sie täten gut daran, sich mit mir zu stellen, Madame!“

„Ich wüßte nicht, was ich mit Ihnen zu tun habe.“

Und abermals eine Nuance kälter sagte der Offizier:

„Ich bin hier in Ausübung meines Berufs.“

„Ich wußte nicht, daß der Beruf eines französischen Offiziers darin besteht, mit Hilfe von Schwarzen in das Ankleidezimmer einer Frau einzudringen.“

„Sie treiben es arg, Madame.“

„Ich? Sie verwechseln wohl!“

„Und stellen meine Geduld auf eine harte Probe.“

„Das darf, wenn einer, dann ich sagen. — Wer sind Sie? was wollen Sie?“

„Dies Haus beaugenscheinigen.“

„Mit welchem Recht?“

„Mit dem Recht des Siegers, Madame!“

„Demnach hat der Krieg von neuem begonnen?“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Weil Sie, wenn ich Sie recht verstand, von französischen Siegern sprachen.“

„Genug! Wenn Ihre Schönheit nicht Respekt verlangte ...“

Elisabeth richtete sich stolz auf:

„Ich bin für Sie nicht schön!“

„Ich bedaure, solange Nachsicht geübt zu haben.“

„Ich habe sie nicht verlangt.“

„So ist noch keine deutsche Frau einem französischen Offizier gegenübergetreten.“

„Wenn ich Ihnen das glauben müßte, würde ich mich schämen.“

„Bedenken Sie, wie unklug das ist.“

Elisabeth, die bisher nur dem Temperament gefolgt war, dachte an Reinhart, erschrak, erkannte, daß, was sie tat, am Ende wirklich unklug war, bezwang sich und sagte höflich:

„Sie haben mich aus dem Schlaf geholt und erschreckt. Aber Sie müssen gestehen“ — und dabei wies sie wieder auf die beiden Schwarzen — „daß man solche Ungetüme einer Dame nicht auf nüchternen Magen vorsetzt.“

Der Offizier, angenehm berührt von dem veränderten Tonfall, geniert über die erneute Kränkung seiner Untergebenen, wußte nicht, ob er dienstlicher Pflicht oder persönlichem Gefühl folgen sollte, die er bisher stets in Einklang miteinander zu bringen wußte, die sich aber hier haarscharf und unversöhnlich gegenüberstanden. Er war schon wieder stark nach der nicht dienstlichen Seit hin gerichtet, als Elisabeth, die jetzt nur noch verstandesgemäß vorging und sich wieder völlig in der Gewalt hatte, fragte:

„Bekommen wir etwa französische Besatzung?“

„Ja, Madame! Und zwar schon heute abend. Deswegen bin ich hier, um Quartier zu machen.“

„Großer Gott!“ entfuhr es Elisabeth, und die Alte klammerte sich an ihren Mann und rief:

„Dazu so alt zu werden!“

„Hierher? In unsern Ort?“ fragte der Alte und zitterte am ganzen Körper.

„Hierher? In dies Haus sogar!“ erwiderte der Offizier, und Elisabeth rief entsetzt:

„Das ist unmöglich! Hier wohnt ein Kranker!“

„Den schaffen wir in ein Krankenhaus.“

„Was? — meinen Mann — wollen — Sie —? wo — er eben wieder — beginnt — zu leben!“

„Der wird da weiter leben, Madame!“ erwiderte der Offizier und sah in der Entfernung des Mannes für sich eine Chance.

„Sie werden es nicht tun!“ rief Elisabeth mit gebieterischer Stimme und stellte sich wie zur Abwehr vor die Tür, die in Reinharts Zimmer führte.

Der Offizier überlegte, zog — mehr zum Schein — ein paar Papiere aus dem Aermel und sagte:

„Die Villa wäre für den Herrn Oberst sehr geeignet.“

„Ich zünde sie an!“ rief der Alte, „ehe ich mit ansehe, daß die Schmach über dies Haus kommt.“

„Schau! schau! so alt und so frech, Bürschchen!“ erwiderte der Offizier und schlug dem Alten die Peitsche über den Rücken.

Elisabeth trat dazwischen, stellte sich vor den Alten, sah den Offizier scharf an und sagte:

„Ich trete für meine Leute ein. Er ist sechsundsiebzig! Wenn Sie durchaus schlagen müssen, so schlagen Sie mich!“

Der Offizier senkte die Peitsche und fragte:

„Was fehlt Ihrem Gatten, Madame?“

„Schwarze Franzosen haben den Wehrlosen unter Aufsicht eines weißen Offiziers in der Gefangenschaft halbtot geprügelt.“

„Madame, es ist unverschämt, so etwas zu behaupten.“

Elisabeth verzog keine Miene, wies auf den Alten und sagte:

„Prügeln französische Offiziere also keine Wehrlosen?“

„Man soll uns nicht reizen. — Und wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, Madame, so prägen Sie Ihren Leuten ein, wie sie sich dem Sieger gegenüber zu benehmen haben.“

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9788711488485
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