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Arno Alexander

Im Schattenkasten

Kriminalroman

Im Schattenkasten

© 1949 Arno Alexander

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711626016

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I.

Mr. Harrogate hatte seinen Bericht beendet. Alles, was ein schmerzerfüllter Vater dem Leiter einer völlig unfähigen Polizei sagen konnte, war gesagt worden, und Mr. Harrogate empfand jetzt neben der Erleichterung, die ihm sein Erguß verschafft hatte, auch ein Gefühl der Leere und Hoffnungslosigkeit. Was für einen Zweck hatten denn seine langen Auseinandersetzungen? Würden sie ihm sein Kind wiederbringen? Und nur darauf allein kam es ihm doch an!

Lincoln, Chefinspektor der New Yorker Polizei, hatte seinen Besucher aufmerksam angehört und dabei auf einen Bogen Papier ein sauber gezirkeltes Fragezeichen neben das andere gemalt. Diese Zeichen bezogen sich aber in keiner Weise auf die Rede Mr. Harrogates.

„Drei Detektive haben versagt, behaupten Sie“, meinte Lincoln nach kurzem Schweigen nachdenklich und betrachtete seine Fragezeichen.

„Vier Detektive!“ betonte Mr. Harrogate aufgebracht.

„Es waren wirklich nur drei“, widersprach der Chefinspektor sanft.

„Vier waren es!“ rief Harrogate mit erhobener Stimme. „Vier versagten — einer nach dem anderen. Was jetzt? Denken Sie vielleicht, ich warte, bis alle Ihre Detektive ihre Unfähigkeit bewiesen haben? Nein, ich weiß, was ich tue: Ich gehe zu Flannagan!“

Die letzten Worte hatte er im Tone einer furchtbaren Drohung hervorgestoßen, und sie verfehlten ihre Wirkung auch nicht ganz: Lincoln sah überrascht auf, musterte eine Weile das hagere, bleiche Gesicht seines Gegenübers, und dann nahmen seine Züge den Ausdruck eines mitleidigen Zweifels an.

„Flannagan?“ sagte er gedehnt. „Haben auch Sie schon von ihm gehört? Ein ausgesprochener Säufer, ein durch und durch unzuverlässiger Mensch, den wir aus dem Dienste entlassen mußten — — —“

„Er soll aber sehr tüchtig sein!“

„Tüchtig? Er war es vielleicht einmal, aber jetzt hat sein Geist schon merklich gelitten, und das wirkt sich bei der Arbeit aus. Und außerdem — was wollen Sie? — Ich glaube nicht, daß Flannagan einen Auftrag von Ihnen annehmen wird.“

„Warum nicht?“ fragte Harrogate heftig.

„Er behauptet, er arbeite nicht für Geld, sondern nur. wenn es ihm Vergnügen mache.“

Harrogate lachte gereizt auf.

„Das wird sich schon geben. Den Menschen möchte ich sehen, der einen Auftrag Harrogates ablehnt!“

„Gehen Sie zu Flannagan, und Sie werden ihn sehen“, erwiderte Lincoln ruhig. „Das können Sie tun oder auch lassen — ganz wie Sie wollen. Ich denke darüber, wie ein Arzt über die Wirkung eines harmlosen Kräutertees denkt: Es wird nicht nützen, kann aber jedenfalls nicht schaden. Neben diesem Kräutertee muß aber der Kranke eine wirkliche Arznei bekommen. Und darum will ich Ihre Sache jetzt meinem besten Mann, dem Detektiv Bath übergeben — — —“

„Ich will von Ihren Detektiven nichts mehr wissen! Ich — — —“

„Bath wird Ihnen helfen, bestimmt.“

„Wenn das so sicher ist, — warum übergaben Sie ihm den Auftrag nicht gleich?“

„Erpressungsfälle dieser berüchtigten Bande übergeben wir Bath nur im äußersten Fall, weil nämlich — — —“

Lincoln schwieg.

„Gut“, erklärte Harrogate düster. „Ich bin bereit, Ihrem Rate zu folgen und mit diesem Bath mein Glück zu versuchen. Wollen Sie ihn hereinrufen, damit wir ihm gemeinsam den Fall erklären?“

Lincoln nickte. Dann nahm er den Hörer ab und gab durch den Fernsprecher einige Weisungen.

„Halt“, sagte Harrogate plötzlich. „Ist Ihr Bath wenigstens waschechter Amerikaner?“

Es klopfte.

„Er ist amerikanischer Bürger, so gut wie Sie und ich“, versetzte der Chefinspektor mit einem schwachen Lächeln. Dann rief er laut: „Herein!“

„Das ist unser Detektiv Bath“, sagte er gleich darauf und wies auf den eingetretenen noch ziemlich jungen Mann.

Nur mit Mühe unterdrückte Harrogate einen Ausruf des Unwillens: Der Mann sah schmächtig aus und war klein von Wuchs, er trug eine große Hornbrille, und seine Gesichtsfarbe war gelb. Es konnte auch gar nicht anders sein denn der Detektiv Bath war durch und durch — Japaner.

II.

Eine halbe Stunde später verließ Mr. Harrogate das Gebäude des Polizeihauptquartiers. Sein Gesicht drückte deutlich erkennbar Unzufriedenheit aus, — noch mehr Unzufriedenheit als vor anderthalb Stunden, da er das Gebäude betreten hatte.

Er ging an einen harrenden Wagen heran, öffnete den Schlag und nahm neben seiner Tochter Platz, die am Steuer saß.

„East 23-rd Street?“ fragte sie kurz.

Er nickte schweigend, und der Wagen setzte sich in Bewegung.

In der East 23-rd Street wohnte der Privatdetektiv Flannagan. Ohne daß Harrogate seiner Tochter auch nur ein Wort über seine Unterredung mit dem Chefinspektor gesagt hatte, war zunächst doch alles Wichtige zwischen ihnen besprochen. Wenn der Vater zu Flannagan fuhr, bedeutete es, er sei mit dem Erfolg seiner Unterredung nicht zufrieden. Dasselbe sagten die senkrechten Falten auf seiner hohen Stirn. Wozu also Fragen stellen?

„Tamara …“, begann Harrogate nach einer Weile, dann schwieg er wieder nachdenklich.

Seine Tochter hieß tatsächlich Tamara. Den schweren Fehler, den er begangen, als er seinem ersten Kind diesen gar nicht amerikanischen Namen gab, konnte sich der Patriot Harrogate nie verzeihen. Er mußte verrückt gewesen sein — das war seine ehrliche Überzeugung bis auf den heutigen Tag. Es war eine Nottaufe gewesen — das Leben von Mutter und Kind schwebte tagelang in Gefahr —, und als der herbeigerufene Pfarrer im letzten Augenblick nach dem Namen fragte, den das Kind bekommen sollte, da stellte es sich heraus, daß Harrogate alle die schönen Namen, die er und seine Frau schon lange vorher ausgesucht, vergessen hatte, einfach vergessen! In seinem Schmerz und in seiner Angst fiel ihm nur der Name Tamara ein, der aus einem kürzlich gelesenen russischen Roman stammte. So kam es, daß die Tochter eines amerikanischen Patrioten einen ganz und gar nicht amerikanischen Namen erhielt.

„Tamara!“ sagte Harrogate wieder, und dann erzählte er zornig von seiner Besprechung mit Lincoln und von deren geringen Erfolgen.

„Einen Japaner!“ rief er endlich aus. „Ausgerechnet einen Japs hat er mir zugedacht! Wie findest du das?“

Tamara überholte erst einen Wagen und winkte freundlich einem Polizisten zu, der seine Hand nach dem Notizbuch ausgestreckt hatte und der daraufhin sofort seine böse Absicht aufgab, sie wegen zu schnellen Fahrens aufzuschreiben. Dann blickte sie schräg zu ihrem Vater auf.

„Das ist natürlich schrecklich“, stellte sie fest. „Aber schließlich kann ein Japaner ganz tüchtig sein, und ein Mann, der zu der Erpresserbande Verbindung hat, eignet sich wohl am besten dazu, uns das Kind wiederzufinden.“

„Aber es ist dennoch schrecklich“, beharrte er.

„Gewiß“, bestätigte sie freundlich, worauf er, zufrieden über die Übereinstimmung ihrer Meinungen, ein paarmal nickte.

Der Wagen hielt.

„Im fünften Stock muß es sein“, rief Tamara dem aussteigenden Vater nach. Dann machte sie sich daran, ihr Gesicht im Handspiegel zu betrachten und alle etwaigen Mängel zu verbessern. Es gab aber nichts zu verbessern, denn Tamara war sehr schön, allerdings nicht ganz nach dem amerikanischen Geschmack. Man hätte das blonde Mädchen mit den klugen, entschlossenen Gesichtszügen und den hellen, blauen Augen viel eher für eine Schwedin gehalten.

Das Haus, in dem Flannagan wohnte, machte einen unfreundlichen, düsteren Eindruck. Zu Mr. Harrogates großem Mißvergnügen gab es hier nicht einmal einen Fahrstuhl. Ob er wollte oder nicht, er mußte sich an die saure und ungewohnte Arbeit machen, fünf Stockwerke hochzuklettern. Es war daher begreiflich, daß sich seine Stimmung keineswegs verbessert hatte, als er endlich schwer atmend mit der Faust gegen eine Tür hämmerte, denn es mangelte hier sogar eines Klingelknopfes.

„Mr. Flannagan zu sprechen?“ herrschte er ein junges Mädchen an, das einen schauerlichen Eindruck auf ihn machte. Sie hatte die Tür geöffnet, stand da und starrte ihn an, als sei er ein Wesen aus einer anderen Welt. Er betrachtete sie prüfend, und seinen Blicken entging nichts: Weder ihr zerzaustes Haar, noch der gewöhnliche Gesichtsausdruck; auch nicht der zerrissene Rock und die ausgetretenen Hausschuhe.

„Mr. Flannagan?“ fragte sie und sah ihn recht blöde an. „Mr. Flannagan — — —?“

„Natürlich Mr. Flannagan!“ sagte er böse. „Habe ich das nicht deutlich genug gesagt?“

Sie trat beiseite und machte eine hilflose Bewegung mit der Hand. Diese Bewegung konnte ebensogut eine Aufforderung näherzutreten sein, als auch der Ausdruck von Abwehr. Harrogate faßte es so auf, wie er es wollte und trat in den dunklen Vorraum ein. Jetzt vernahm er aus einem der Zimmer deutlich das Grölen und Kreischen von Stimmen, und bei diesen Lauten machte er unwillkürlich einen Schritt zurück. Dann aber dachte er an sein Kind und an alles, was er über die Fähigkeiten dieses Flannagan gehört hatte, und wandte sich heftig an das Mädchen:

„Führen Sie mich zu Mr. Flannagan, Nun? Was stehen Sie da und stieren mich an? Nein, ein solches Dienstmädchen ist mir doch Zeit meines Lebens noch nicht vorgekommen.“

„Ich bin gar kein Dienstmädchen“, sagte das zaghafte junge Mädchen plötzlich sehr laut.

„Nicht das Dienstmädchen?“ wiederholte er. „Sie sind nicht das Dienstmädchen von Mr. Flannagan?“

„O nein“, erwiderte sie. „Ich bin seine Braut.“

Harrogate schluckte ein paarmal, ehe er ein Wort hervorbringen konnte.

„Alle guten Geister …“ murmelte er endlich erbittert. „Wo … wo ist Ihr … hm … Bräutigam?“

„Dort“, sagte sie und wies auf eine Tür.

Harrogate klopfte entschlossen an und trat ein.

Das, was et jetzt zu sehen bekam, hatte er noch nie gesehen. Er hätte ein ähnliches Bild in irgendeinem Film sehen können, aber Mr. Harrogate ging nie ins Kino. Drei, nein vier junge Männer saßen mehr liegend als sitzend um einen Tisch herum und spielten Karten. Das Zimmer war so vollgequalmt, daß man kaum zwei Schritte weit sehen konnte, und auf dem Tisch erschienen daher wie in fernem Nebel ganze Wälder von Flaschenköpfen. Auf dem Boden lagen zerbrochene Gläser in schmierigen, dunklen Pfützen. Die Männer selbst hatten die Röcke abgelegt und die Westen aufgeknöpft, so daß man ihre wenig sauberen Hemden sehen konnte.

„Harrogate ist mein Name“, erklärte der Eingetretene. „Wer von Ihnen ist Mr. Flannagan?“

Einer der jungen Männer — vielleicht der wildeste von ihnen — hob bedeutsam den Zeigefinger. Eine deutlichere Antwort zu geben, schien er für überflüssig zu halten.

„Also Sie — — —!“ sagte Harrogate und bohrte seinen Blick durch den Rauchnebel in den jungen Mann. Aber vergeblich suchte er in diesem Gesicht nach Spuren von dem vielgerühmten Geist; er sah das Gesicht eines Mannes, der dem Alkohol völlig verfallen schien. Alles in seinem nicht häßlichen Gesicht war unklar, verschwommen; nichts deutete auf Tatkraft oder Geist. Die hohe Stirn vielleicht? Ja, er schien wenigstens eine hohe Stirn zu haben, aber auch davon sah man nicht viel, da seine zerrauften, schwarzen Haare ihm tief ins Gesicht hingen.

„Ich bin Harrogate“, sagte der Besucher nach einer Weile mit Nachdruck und schwieg erwartungsvoll.

Die Lippen Flannagans verzogen sich zu einem Grinsen.

„Ich bin Flannagan“, sagte er im selben Tonfall, mit derselben Miene wie Harrogate. Seine drei Freunde brachen in ein schallendes Gelächter aus, das aber unter Flannagans drohendem Blick sofort wieder verstummte.

„Sie kennen mich nicht?“ fragte Harrogate ein wenig erstaunt. Er war tatsächlich eher erstaunt als verärgert darüber, daß ihn dieser junge Mann nicht zu kennen schien.

„Ich kenne Ihre Gummifabrik“, erwiderte Flannagan ruhig.

„Das genügt“, versetzte Harrogate und hatte nicht die geringste Lust, darüber nachzudenken, was Flannagan mit seinen letzten Worten eigentlich gemeint haben konnte. „Hauptsache ist, Sie wissen: Vor Ihnen steht ein Mann, der gut bezahlt, sehr gut bezahlt, wenn man ihm einen Dienst erweist.“

Flannagan schüttelte den Kopf.

„Ich erweise keinerlei Dienste, niemandem!“ sagte er und wurde dabei etwas heftig. „Ich brauche Ihr Geld nicht, und ich denke auch nicht ans Arbeiten. Wenn Sie Ihren Sohn wiederhaben wollen, müssen Sie sich an andere wenden.“

„Wir werden uns schon einigen“, lautete die vorsichtige Antwort Harrogates. „Ich sehe, Sie wissen über meine Sache schon Bescheid. Das ist gut, das ist sehr gut! Das erleichtert den Fall, nicht wahr? Ich denke, auch Sie sind der Meinung, mein Sohn könne noch gerettet werden? Nicht wahr, Mr. Flannagan?“

„Ihren Sohn hat die McGregorsche Bande geraubt“, sagte Flannagan. „Ich verrate damit kein Geheimnis, denn das weiß sogar die Polizei. McGregor wollte von Ihnen ein Lösegeld von zweihunderttausend Dollar. Sie haben nicht gezahlt, sondern die Polizei verständigt. Dafür wird McGregor jetzt zur Strafe Ihren Jungen umbringen. So liegt der Fall. Und da ist gar nichts zu machen. Gar nichts.“

Von diesen bestimmten Äußerungen war Harrogate so niedergeschmettert, daß er sich auf den einzigen noch freien Stuhl niederließ, ungeachtet dessen, daß dieser Stuhl einen recht unsauberen Eindruck machte.

„Aber … aber ich will doch jetzt zahlen“, stöhnte er. „Ich habe es den Kerlen geschrieben, mehrmals geschrieben …“

„Das nützt nun nichts mehr“, erklärte Flannagan erbarmungslos. „Was McGregor sagt, das tut er auch. Und er wird an Ihnen — wie man so sagt — ein Exempel statuieren, zur Warnung für alle anderen, die je noch Lust bekommen sollten, sich mit der Polizei in Verbindung zu setzen. Übrigens ein ganz vorzüglicher Gedanke. Der Fall wird Eindruck machen, einen tiefen Eindruck machen. Ich bin überzeugt davon.“

„Sie sind unmenschlich“, murmelte Harrogate verstört. „Sie nehmen mir die letzte Hoffnung … Vielleicht tun Sie es nur und reden so nur, weil Sie getrunken haben. Ich hätte wiederkommen sollen, wenn Sie nüchtern sind …“

„Hahaha!“ lachte Flannagan auf. „Mit Flannagan können Sie nur reden, wenn er besoffen ist. Nüchtern sind seine Gedanken nicht fünf Cent wert. Hach! Können Sie mir vielleicht fünf Dollar leihen? Ich verachte Ihr Geld, und Sie bekommen es auch bestimmt zurück — — —“

„Hier sind zwanzig Dollar“, sagte Harrogate hastig und reichte dem Hausherrn einen Schein. „Und von Zurückgeben wollen wir — — —“

Aber Flannagan hörte nicht mehr auf ihn.

„Tamara!“ brüllte er aus vollem Halse. „Tamara, komm her, holdes Mädchen!“

„Wer ist … Tamara?“ fragte Harrogate entsetzt, aber er ahnte schon die Antwort.

„Meine Braut“, sagte Flannagan ruhig. „He, Tamara!“ rief er dem eintretenden Mädchen zu. „Hol Bier! Zehn Flaschen! Fünfzehn Dollar bringst du dem Herrn hier zurück, verstanden? Ich bin kein Bettler. Ich habe fünf Dollar gepumpt und nehme nicht zwanzig geschenkt. Übrigens ist das ganz dasselbe — von einem höheren Standpunkt aus betrachtet. Also, Tamara, zehn Flaschen Bier, und dann zwei Flaschen Spiritus von Thomson. Und für den Rest etwas zu essen.“

Tamara verschwand lautlos, schweigend, einen üblen Küchengeruch hinterlassend.

„Ich bin überzeugt, Sie könnten mir helfen“, begann Harrogate aufs neue.

„Ich kann nicht, und ich will nicht“, war die störrische Antwort. „Trinken Sie ein Glas Bier mit? Nein? Ist Ihnen wohl zu gewöhnlich? Tut mir leid, Champagner führen wir nicht. Hahaha!“

„Sie sagten mir, McGregor täte immer das, was er verspricht“, fuhr Harrogate unbeirrt fort. „Aber wissen Sie denn, was er mir geschrieben hat? Den Kopf meines Kindes würde er mir schicken, ja, zum Beweise, daß mein Kind tot sei.“

„Wird er tun, verlassen Sie sich darauf. Was McGregor sagt, das gilt.“

„Haben Sie denn gar kein Mitgefühl? Ich biete Ihnen fünfzigtausend Dollar, wenn Sie mir mein Kind lebend wiederbringen. Fünfzigtausend!“

„Ich brauche Ihr Geld nicht!“ rief Flannagan erzürnt. „Haben Sie das denn noch immer nicht begriffen? Sie können ebensogut sagen: fünfhunderttausend. Ich will nicht, ich will nicht, und ich will nicht!“

Tamara trat ein und brachte einen Korb mit Flaschen, die sie schnell auf dem Tisch gegen die leeren vertauschte.

„Trink nicht so viel“, raunte sie Flannagan zu, aber er stieß sie rauh von sich und goß sich ein Glas voll Spiritus und Bier und trank dieses Gemisch in einem Zuge aus.

„Ich verkomme, ich gehe zugrunde!“ brüllte er und lachte. „Nun gut, das sagen sie alle, alle! Auch Sie, Mr. Harrogate sind dieser Meinung, aber Sie haben nicht die Spur von Mitgefühl. Sie wollen mich nur ausnützen! Ha! Und wenn Sie etwa Mitgefühl hätten, dann … dann hätte ich Sie schon längst zum Teufel gejagt. Flannagan braucht euer Geld nicht, und er braucht auch euer Mitgefühl nicht. Aber er hat auch für euch kein Mitgefühl. Ihr Kind? Was geht mich Ihr Kind an? So wenig wie Ihre Gummiwaren! So, jetzt wissen Sie alles, und nun wollen wir weiterspielen. Sie werden uns nicht stören wollen, Mr. Harrogate. Leben Sie wohl!“

Harrogate rührte sich nicht von seinem Platz. Er hatte ein Gefühl, als würde ein Weggehen seinerseits das Todesurteil für sein Kind bedeuten. Dieser Mann, dieser versoffene, verkommene Mensch konnte es retten; Harrogate wußte nicht, woher er diese Überzeugung hatte, aber sie war da, unwandelbar, unbeirrbar. Dieser konnte es, und nur dieser!

Klatschend fielen die Karten. Niemand beachtete Harrogate mehr, den reichen Harrogate, vor dem Tausende von Angestellten zitterten, vor dessen Geld bisher noch jeder Mensch die erforderliche Ehrfurcht gezeigt hatte. Er saß da wie ein Bettler, und er fühlte sich schlimmer als ein Bettler.

„Ha!“ rief Flannagan. „Ich habe fünfzig Cent gewonnen!“

„Ich biete Ihnen zweihunderttausend Dollar“, sagte Harrogate leise, mit schwankender Stimme.

„Du gibst jetzt Karten“, bestimmte Flannagan, ohne die Worte Harrogates weiter zu beachten.

„Wieviel wollen Sie?“ schrie Harrogate plötzlich gequält auf. „Nennen Sie Ihren Preis! Was verlangen Sie von mir für das Leben meines Kindes! Mann, so reden Sie doch!“

Flannagan sah von seinen Karten auf, unwillig abwehrend, wie man auf einen lästigen, zudringlichen Menschen blickt, den man durchaus nicht los werden kann.

„Wissen Sie was?“ sagte er ärgerlich. Dann schwieg er, denn die Tür hatte sich geöffnet, und auf der Schwelle erschien Tamara Harrogate. „He!“ rief Flannagan zornig. „Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?“

„Ich bin Tamara Harrogate“, sagte das junge Mädchen und sah Flannagan fest ins Gesicht. „Das ist mein Vater.“

„Tamara — — —“ sagte Flannagan nachdenklich. „Tamara — — —“ Dann wandte er sich wieder Harrogate zu. „Meinen Preis wollten Sie wissen? Was ich für das Leben Ihres Kindes verlange, wünschten Sie zu hören? Nun, ich will es billig machen …“ Ein häßliches Lächeln umspielte seine Lippen: „Ich schenke Ihnen das Leben Ihres Kindes, ich schenke es Ihnen, wenn Sie und Ihre Tochter gemeinsam mit meinen drei Freunden heute zum Abendessen die Gäste von mir und meiner Braut im Pennsylvania Hotel sein wollen.“

Sekundenlang durchschwirrten das Hirn Harrogates Gedanken an das Tolle dieser Forderung, Gedanken über das Aufsehen, das dieses Abendessen im größten Hotel New Yorks erregen würde und dann wieder Gedanken darüber, daß eine Absage jetzt gleichbedeutend dem völligen Bruch mit diesem Manne sei. Ehe er aber zu einem Entschluß kommen konnte, vernahm er die ruhige Stimme seiner Tochter:

„Mein Vater und ich danken Ihnen und Ihrer Braut für die Ehre. Wir werden Ihrer Einladung gern Folge leisten.“

III.

Inspektor Reginald Bath hatte seine Frau verständigt, er würde heute zum Mittag zu Hause sein und einen Gast mitbringen. Das war nichts Ungewöhnliches, denn Mrs. Bath war es gewöhnt, daß ihr Mann seine Pläne oft sehr plötzlich änderte. Das brachte eben sein Beruf mit sich.

Als Bath mit seinem Gast das Speisezimmer betrat, war der Eßtisch schon gedeckt, und seine drei Kinder saßen bereits sauber gekleidet, mit vorgebundenen Tüchern am Tisch. Auch Mrs. Bath befand sich im Zimmer, und sie begrüßte den Gast wie einen alten Bekannten, obwohl er bis jetzt nur einmal, und das vor vielen Monaten, in ihrem Hause gewesen war.

„Bitte, nehmen Sie Platz, Mr. Strong“, forderte Bath den Besucher auf, nickte seiner Frau freundlich zu und fuhr jedem der drei Kinder zärtlich über das Haar.

Alle setzten sich, man sprach ein paar belanglose Worte, und dann breitete sich eine erwartungsvolle Stille aus.

„Wir wollen das Tischgebet sprechen“, ordnete Bath feierlich an und warf seinem ältesten Söhnchen John einen erwartungsvollen Blick zu. Sogleich faltete der kaum siebenjährige Knabe die Händchen und sprach schnell und ohne zu stocken die Worte des Gebetes.

Reginald Bath war Christ und liebte es, das zu betonen; das und auch den Umstand, er sei Amerikaner wie jeder andere. Er hielt viel auf sein eigentliches Heimatland; jedoch hatte er eine Amerikanerin geheiratet, arbeitete seit Jahren in Amerika und wünschte, daß seine Kinder ganz amerikanisch erzogen würden.

„Wie kommt es, daß du heute zum Essen frei bist?“ erkundigte sich Mrs. Bath, nachdem ein Dienstmädchen die Suppe gebracht hatte. „Du sagtest, du würdest heute ver reisen, nicht wahr?“

„Ein neuer Auftrag“, antwortete Bath freundlich und löffelte ruhig seine Suppe, die ihm vorzüglich zu schmecken schien.

Mrs. Bath hatte aus dem Ton seiner Worte, so gleichgültig sie auch klangen, doch etwas Ungewöhnliches her ausgehört.

„Du bist damit nicht zufrieden?“ forschte sie besorgt.

„Nein“, lautete seine knappe Antwort.

Sie sah ihn nur fragend an, und da ergänzte er kurz:

„Gefährlich!“

Im nächsten Augenblick wandte er sich breit lächelnd mit einer belanglosen Frage an seinen Gast, und bald war ein Gespräch über die brennendsten politischen und wirtschaftlichen Fragen im Gange. Mr. Strong sprach wenig, hörte aber aufmerksam auf das, was ihm Bath auseinandersetzte. Niemand hätte dabei gedacht, daß Strong von all dem nicht das Geringste verstand, sich aber alles Wesentliche genau einzuprägen versuchte, weil er heute abend dasselbe mit den gleichen Worten und im gleichen Tone in seinem Klub zu erzählen beabsichtigte.

Das Essen war beendet, und Bath forderte Strong auf, im Nebenzimmer eine Zigarre zu rauchen. Obwohl Mrs. Bath ebenfalls rauchte, folgte sie den Männern nicht, denn sie wußte, das Gespräch bei dieser Zigarre war der eigentliche Zweck des Besuches.

Der Raum, den Strong betrat, war Baths Arbeitszimmer. Es war vornehm, doch nicht allzu kostbar eingerichtet, und man fühlte sich darin sogleich behaglich. Strong versank in einem der tiefen Sessel, zog genießerisch an der feinen Zigarre und sah erwartungsvoll auf den Hausherrn, der mit etwas kurzen, hastigen Schritten auf dem weichen Teppich auf und ab ging.

„Welcher Fall?“ fragte Strong endlich, da Bath noch immer nichts sagte.

„Sie können es sich denken: Harrogate“, antwortete der Hausherr verstimmt.

Strong paffte eine Weile schweigend.

„Das ist unangenehm“, sagte er endlich.

„Sehr unangenehm“, bestätigte Bath.

„Wenn das Kind stirbt, wird man Sie anklagen“, äußerte Strong.

„Und umbringen“, vollendete Bath.

„Es muß etwas getan werden“, fuhr Strong fort.

„Gewiß“, meinte Bath ernst.

Eine Zeitlang schwiegen beide. Dann nahm Bath das Wort zu einer längeren Auseinandersetzung:

„Die Sache sieht folgendermaßen aus“, erklärte er und blieb vor seinem Besucher stehen. „Ich weiß, die Polizei wartet nur auf einen besonders wichtigen Fall, bei dem ich ihr nicht helfe. Hier ist dieser Fall. Die Geschichte droht, dem Hauptquartier zu einem Riesenskandal zu werden. Daher haben sie beschlossen, mich zu opfern: Entweder ich helfe ihnen oder — ich werde umgebracht. Erweise ich mich als nutzlos, so hat das Katz- und Mausspiel für die Polizei keinen Wert mehr.“

„So ist es“, bestätigte Strong bedächtig.

Wieder herrschte eine geraume Weile Schweigen. Bath hatte seine Wanderung durchs Zimmer erneut aufgenommen, und seine Schritte waren noch kürzer, noch hastiger geworden.

„Vielleicht läßt McGregor mit sich sprechen“, äußerte er plötzlich obenhin. Es war ein achtlos hingeworfener Satz, aber Strong erriet sofort, daß Bath jetzt das ausgesprochen hatte, um dessentwillen er ihn hierher bestellt hatte.

„Nein“, antwortete er ernst. „McGregor ist fest entschlossen.“

„Ich dachte es mir.“ Baths Züge waren unverändert geblieben. „Es war wirklich vorauszusehen.“

„Sie haben doch einige Gelder in England, wenn ich nicht irre“, mutmaßte Strong.

„Es reicht nicht. Leider habe ich das meiste noch hier, und schon seit einem Jahr werde ich überwacht. Hebe ich die Gelder hier ab, so weiß die Polizei sofort, es sei Zeit sich meiner zu versichern.“

„Das Geld in England reicht also nicht?“

Bath zuckte die Achseln.

„Es reicht für ein gut bürgerliches Dasein, mit Kummer und Sorgen um Schulbücher und Wintermäntel für die Kinder. Das ist nichts für mich.“

Strong schnippte die Asche von seiner Zigarre, und so ungeschickt, daß sie auf den Teppich fiel. Er bückte sich, um sie aufzusammeln, und dabei sprach er, ohne von seinen Händen aufzusehen:

„Es ist für die Wiederbeschaffung des Kindes eine Belohnung von fünfzigtausend Dollar ausgesetzt. Wenn man so bedenkt, für einen Menschen, der nicht mit voller Überzeugung bei unserer Sache ist, eine große Versuchung. Man sollte so etwas verbieten.“

Strong lachte etwas krampfhaft über seinen Witz, und auch Bath lächelte freundlich. Er hatte Strong sehr gut verstanden.

„Nun“, meinte er leichthin. „Es ist ja eigentlich nur für wenige eine Versuchung. Ich zum Beispiel könnte das Kind gar nicht wiederbeschaffen, da ich nicht weiß, wo es sich befindet.“

„Sehr richtig bemerkt“, antwortete Strong lachend. „Was für ein merkwürdiges Gespräch wir doch führen! Aber ich liebe es, theoretische Betrachtungen anzustellen, auch wenn sie nicht den geringsten praktischen Wert haben. Das schult den Geist, finden Sie nicht ebenfalls?“

„Ganz meine Meinung.“

„Sehen Sie — um in unseren theoretischen Betrachtungen fortzufahren — es ist dennoch auch für Sie eine Versuchung. Sie könnten doch die Belohnung teilen, mit einem Menschen teilen, der den Aufenthaltsort des Kindes kennt.“

Bath schüttelte den Kopf.

„Ich möchte wissen, warum dieser andere wohl mit mir teilen sollte, wenn er doch das Ganze verdienen kann“, äußerte er zweifelnd, obwohl ihm dieser Grund sehr gut bekannt war.

„Nun, zum Beispiel, weil der andere annehmen müßte, McGregor hätte ihn sofort in Verdacht, und weil dieser andere Wert darauf legt, auch der Polizei gegenüber unbekannt zu bleiben.“

„Stimmt!“ rief Bath aus, als begreife er das alles erst jetzt. „Wenn dieser andere zum Beispiel einen oder mehrere Morde auf dem Gewissen hat, so kann er nicht darauf hoffen, freies Geleit zu bekommen.“

„Das ist sehr richtig, sehr richtig“, sagte Strong und erhob sich. „Ich werde heute abend vor dem Schlafengehen noch über diesen theoretischen Teil unseres Gespräches nachdenken. Vielleicht können wir es morgen fortsetzen, vielleicht ist es auch besser, wenn ich darüber mit McGregor selbst spreche.“

„Ich will Sie nicht länger aufhalten“, erwiderte Bath sehr freundlich. Er hatte die Drohung, die in den letzten Worten lag, sehr gut verstanden. „Schade“, ergänzte er. „Schade, daß Sie alles, was Sie von mir hören, auch mit anderen Menschen besprechen müssen. Ich liebe das nicht. Wie leicht kann solch ein theoretisches Gespräch mißverstanden werden.“

Strong lachte.

„McGregor ist ein sehr kluger Mensch. Er wird es schon nicht falsch verstehen. Auf Wiedersehen.“

„Auf Wiedersehen, Mr. Strong.“

IV.

Nachdem Bath seinen Gast hinausgeleitet hatte, schloß er sich in seinem Zimmer ein und ging rasch, mit sehr kurzen Schritten, vom Schreibtisch zum Kamin, vom Kamin zum Schreibtisch, hin und her, hin und her. Er hielt den Kopf gesenkt und dachte angestrengt nach. Er dachte nach, obwohl er wußte: Es gab hier nichts zu denken. Der Fall war von vornherein ganz klar, und es war hieran nichts zu ändern, nichts mehr zu ändern.

Bath wußte, Strong würde von ihm ohne Verzug zu McGregor fahren. Strong würde ihn anzeigen. Warum, war eine Frage von untergeordneter Bedeutung. Vielleicht fürchtete sich Strong zu sehr vor einer Anzeige seinerseits vielleicht hatte er tatsächlich dieses Gespräch nur geführt, um ihn, Bath, auszuhorchen. Das war ganz unwichtig. Wesentlich war nur die Frage, was McGregor tun würde.

Eine Stunde war vergangen, als Bath lächelnd aus seinem Arbeitsraum in das sonnendurchflutete Eßzimmer trat. Am Boden spielten seine drei Kinder. Sie bauten Häuser und Gärten, sie bauten sie mit ernsten, feierlichen Mienen. Sie zankten sich nicht und schrien nicht, denn sie waren zu eiserner Selbstzucht erzogen.

Bath kniete sich nieder und baute ebenfalls Häuser und Gärten. Auch er machte dabei ein ernstes Gesicht, und es schien wirklich, als sei das Haus, das er baute, und der Garten dazu jetzt seine einzige Sorge.

Mrs. Bath trat ein und setzte sich mit einer Handarbeit ans Fenster. Ab und zu sah sie lächelnd auf die Kinder und ihren Vater, und einmal lachte sie laut auf, als das Haus — grade des Vaters Haus — durch seine Ungeschicklichkeit zusammenstürzte.

„Ein schlechtes Vorzeichen“, sagte er und stand auf.

„Mr. Strong hat dich geärgert?“ fragte sie.

Er setzte sich neben sie, und es war ihm angenehm, als sie mit der kühlen Hand über seine faltenlose, glatte Stirn strich.

„Es war ein Fehler, ihn einzuladen“, bestätigte er. „Aber sprechen wir nicht mehr davon.“

Sie stellte keine Fragen mehr. Sie wußte, sie hätte auch nichts mehr erfahren. Ihr Mann wäre mit einem leisen Lächeln über ihre amerikanische Ungezogenheit aufgestanden, hätte ihr einen verzeihenden Blick zugeworfen und wäre für lange, lange Zeit in seinem Zimmer verschwunden.

„Mir ist ein Bild angeboten worden“, erzählte Mrs. Bath heiter. „Ein wundervolles, großes Bild von Barley. Es kostet dreißig Dollar. Das soll spottbillig sein.“

Er nickte.

„Das ist möglich. Du möchtest es kaufen?“

„Nur, wenn das auch dein Wunsch ist.“

„Nun, ich …“ Er schwieg einen Augenblick nachdenklich. „Ich würde abraten.“

Ein Schatten huschte über ihr schönes Gesicht. Aber es war nur ein ganz flüchtiger Schatten, der sofort verschwand. Dennoch hatte ihn Bath bemerkt.

„Hier sind dreißig Dollar“, sagte er rasch und reichte ihr ein Päckchen Banknoten. „Ich habe es mir anders über legt.“

Sie lächelte dankbar und wollte das jüngste Kind, ein Mädchen, auf den Arm nehmen, das sich ihnen genähert hatte. Aber das Kind begehrte zum Vater.

„Papa soll ein Lied singen“, bat das Mädchen und bettelte mit den Augen. „Das Lied von der Sonne.“

Gehorsam nahm Bath das Kind auf den Schoß und begann sein trauriges Lied zu singen. Es mußte wirklich sehr traurig sein, denn er hatte zuweilen dabei geweint. Die Augen des Mädchens, das es wohl bemerkt hatte, füllten sich daher auch schon bei den ersten Klängen mit Tränen.

„Nicht weinen“, sagte der Vater in einer Pause zwischen dem Singen. Aber er hätte nie wieder dieses Lied gesungen, wäre das Kind jetzt gehorsam gewesen.

Mrs. Bath stand auf, denn der Fernsprecher hatte ein Zeichen gegeben. Bath sang ruhig weiter und blickte erst auf, als seine Frau wieder das Zimmer betrat.

„McGregor“, sagte sie kurz.

Er nickte und stand sofort auf. Er reichte ihr das Kind und ging schnell zur Tür. Diese Tür schloß er sehr sorgfältig hinter sich, dann nahm er den Hörer in die Hand.

„Hier ist Bath.“

„Hier spricht McGregor“, lautete die Antwort.

„Mr. McGregor“, sagte Bath schnell. „Ich muß Sie darauf hinweisen, daß jedes Gespräch, das ich führe, von der Polizei mitgehört wird.“

Zunächst war ein zorniges Grunzen die einzige Erwiderung.

„Das macht nichts“, sagte gleich darauf die Stimme McGregors scharf. „Ich spreche von einer angezapften Leitung aus. Mich findet die Polizei nicht. Hören Sie, Bath, eben kommt zu mir Strong und erzählt — — —“

„Ich weiß“, unterbrach ihn Bath. „Ich hatte ein theoretisches Gespräch mit ihm über Verrat an unserer Sache Er wird nun behaupten, er hätte dieses Gespräch mit mir nur geführt, um zu erfahren, ob ich an Verrat denke. Ich hielt es für überflüssig, Sie aufzusuchen, weil ich wußte, Sie würden selbst sofort erkennen, daß der Fall genau umgekehrt liegt.“

„Sie wollen damit sagen, nicht Sie, sondern grade Strong hätte verräterische Absichten?“

„Er kam mir schon lange verdächtig vor. Seit einer Stunde weiß ich, daß ihm nicht zu trauen ist.“

„Einen Augenblick.“

„Bitte sehr.“

Bath wartete geduldig, den Hörer am Ohr, die Augen starr nach der Decke gerichtet. Er wußte: jetzt besprach sich McGregor mit Strong.

„Hallo!“ vernahm er endlich wieder McGregors Stimme „Hören Sie noch?“

„Ich bin am Apparat.“

„Also Strong ist beinahe auf den Rücken gefallen, als ich ihm Ihre Worte wiedergab. Er ist sehr gekränkt, daß ich auch nur einen Augenblick an ihm zweifeln konnte.“

„Ich bin ebenfalls sehr gekränkt“, sagte Bath ruhig. „Jedoch bin ich nicht in der Lage, meine Kränkung in irgendwie lärmender Weise zu äußern. Ich bin Ihnen treu ergeben, — mehr kann ich nicht sagen. Wenn Sie auf mich hören, werden Sie mit Strong kurzen Prozeß machen. Glauben Sie dagegen ihm mehr, so befehlen Sie, und ich bin in derselben Stunde noch ein toter Mann.“

Lange Zeit hörte Bath nichts. Als McGregor endlich wieder sprach, erkannte Bath schon an seiner Stimme, daß die Sache für ihn nicht gut stand.

„Es steht Beschuldigung gegen Beschuldigung“, sagte McGregor zornig. „Ich stelle Ihnen zur Wahl: Ihr jüngstes Kind als Geisel oder Zweikampf mit Strong bis zur völligen Kampfunfähigkeit des einen.“

„Ich wähle Zweikampf bis zur völligen Kampfunfähigkeit des einen“, sagte Bath rasch.

„Strong hat den anderen Ausweg gewählt“, erklärte McGregor, „aber er wird sich nun fügen müssen. Da Strong Sie als erster beschuldigte, dürfen Sie die Waffen bestimmen.“

„Krumme japanische Säbel.“

„Das kann ich nicht gelten lassen. Diese Waffe ist hier nicht so bekannt wie bei Ihnen. Aber Sie brauchen gar nicht zu wählen: Ich selbst werde eine Kampfesart bestimmen, bei der weder der eine noch der andere Vorteile hat: sie wird beiden unbekannt sein. Heute abend in dem Hause, bei dem das Losungswort Silberdollar gilt. Um acht Uhr. Verstanden?“

„Sehr gut.“

„Und was Mr. Harrogate und seine Sorgen betrifft, so werden wir das Kind sofort endgültig beseitigen. Dann wird die Polizei vielleicht auch Sie in Ruhe lassen, denn Sie können doch dann nichts dafür. Leben Sie wohl.“

Bath hängte ein. Er blieb noch etwa zwei Stunden in seinem Zimmer und brachte in seine Briefschaften Ordnung. Dann ging er aus.

Mrs Bath war nicht im Zimmer. Daher erlaubte sich Inspektor Reginald Bath ein leises, trauriges Lächeln.

V.

Der Frack saß ausgezeichnet. Flannagan betrachtete voller Aufmerksamkeit sein Spiegelbild, aber er fand nichts Tadelnswertes an seinem Frack. Es war eben ein Frack aus seinen besseren Zeiten.

Das Gesicht, das Flannagan aus dem Spiegel entgegensah, war hager, mit scharfen, ausgeprägten Zügen. Die Gesichtsfarbe war bräunlich, machte also durchaus keinen ungesunden Eindruck. Also die Augen? Flannagan wußte, daß sein Blick in letzter Zeit unklar, verschwommen geworden war; wenn er jedoch diesen Blick im Spiegel aufzufangen suchte, so mißlang ihm das. Er wußte auch, daß es unmöglich sei, seinen eigenen Blick im Spiegelbild irgendwie anders als starr und scharf zu sehen, dennoch bemühte er sich lange Zeit um das Unmögliche. Endlich begnügte er sich damit, festzustellen, seine Verkommenheit sei äußerlich nur an den dunklen Ringen um die Augen zu bemerken.

„Tamara!“ rief er laut. „Herzenskind, wo bleibst du denn?“ Er setzte sich auf einen Stuhl, den einzigen sauberen im Zimmer — er selbst hatte ihn vorher für diesen Zweck abgewischt.

Das Zimmer machte noch immer denselben verwahrlosten Eindruck wie vor sechs Stunden, als Harrogate den Detektiv hier überfallen hatte. Die einzige Veränderung, die darin stattgefunden hatte, bestand darin, daß in der Ecke der Spiegel stand und auf dem Sofa in wildem Durcheinander alle Kleider lagen, die Flannagan eben abgelegt hatte.

Eine Weile wartete Flannagan auf Antwort, dann wurde er ungeduldig.

„Ta — maaa — ra!“ schrie er. „Wo bleibst du, alte Hexe?“

„Ich komme ja schon“, hörte er jetzt ihre Antwort, und gleich darauf trat Tamara ein.

Starr sah Flannagan sie an, starr und mit einem seltsam verblüfften Ausdruck im Gesicht. Nach einer Weile aber verbreiterte sich sein Mund zu einem zufriedenen Lächeln.

„Ist es so richtig?“ fragte Tamara mißtrauisch.

„Ausgezeichnet“, erwiderte er sofort sehr bestimmt.

Tamara trug ein weit ausgeschnittenes kanarienfarbenes Kleid ohne Ärmel. Das Kleid selbst machte keinen allzu billigen Eindruck und war nach der neuen Mode gearbeitet, Tamara jedoch nahm sich darin aus wie ein Droschkengaul, den man zum Rennpferd machen will. Ihre dicken, feisten Arme quollen aus dem etwas schmalen Ärmelausschnitt üppig hervor, Brust und Rücken waren mit Sommersprossen übersät, und die Zipfel und vielerlei Falten des Kleides hingen an ihren Hüften herab wie die Vorhänge auf der Veranda eines Sommerhäuschens nach einem ergiebigen Gewitter. Das schwarze Haar hatte sie glatt nach hinten gestrichen und es so reichlich eingefettet, daß sie auf vier Schritt Entfernung nach billiger Haarsalbe roch.

„Zeig deine Hände her, mein Liebling“, sagte Flannagan mit ungewohnter Zärtlichkeit.

„Warum?“ widersprach sie störrisch und versteckte die Hände hinter dem Rücken.

„Die Pfoten vorzeigen, habe ich gesagt!“ brüllte er sie an, und sofort gehorchte sie dem Befehl.

Aufmerksam prüfte Flannagan diese groben, derben Hände, die heute vielleicht dazu bestimmt waren, Austern zu öffnen und kostbare, feingeschliffene Weingläser zu halten.

„Wo sind die Fingernägel?“ fragte er streng.

Sie wurde rot.

„Wozu brauche ich Fingernägel?“ fragte sie mürrisch.

Sie erwartete einen neuen Ausbruch seines Unwillens, aber sie hatte sich getäuscht.

„Recht hast du, mein Täubchen“, sagte er sanft. „Wozu brauchst du Fingernägel?“ Er lachte polternd auf.

An der Tür klopfte es. Tamara ging ins Vorhaus und kehrte gleich darauf in Begleitung der drei Männer wieder, die heute vormittag mit Flannagan Karten gespielt hatten. Sie nahmen schweigend ihre Mäntel ab und zeigten sich in ihren Fracks.

Flannagan war aufgestanden und umschlich die drei wie ein Raubtier seine Beute.

„Alle drei Fracks sind natürlich geliehen?“ fragte er stirnrunzelnd. Die Frage war eigentlich überflüssig, denn irgend etwas stimmte an allen diesen Fracks nicht. Dem einen der Männer war die Hose zu kurz, bei dem zweiten spannte sich die Weste so, daß sie jeden Augenblick zu platzen drohte, dem dritten vollends hing der Frack, der viel zu groß war, am Leibe wie an einer schlecht ausgestopften Vogelscheuche.

„Nein“, widersprach gerade dieser dritte eifrig. „Dieser Frack ist mein Eigentum. Ich habe ihn von meinem Bruder geerbt. Mein Bruder war etwas stärker, aber ich habe die Hoffnung, es auch noch zu werden.“

„Es ist gut“, sagte Flannagan kurz. „Nun noch einiges über die Unterhaltung. Ihr dürft nicht wie Stockfische stumm am Tische herumsitzen. Jeder muß seine Gelegenheit wahrnehmen, um zur allgemeinen Unterhaltung beizutragen. Los nun! Jeder sagt mir, worüber er in der Lage ist, sich am besten zu unterhalten. Ich werde dann das Gespräch so leiten, damit jeder zu seinem Teil kommt. Jim, was weißt du?“

Jim bewegte verlegen seine Schultern.

„Wie … wie meinst du das, lieber Dick?“ erkundigte er sich. „Ich soll ein bißchen was erzählen? Zum Beispiel über was denn?“

Flannagan stampfte wütend mit dem Fuß auf und sah nach der Uhr.

„Na, irgend was wirst du doch wissen. Was erzählst du denn sonst deinen Freunden?“

Ein freudiges Lächeln erhellte die gewöhnlichen Züge Jims.

„Mein Bruder hatte mal einen Prozeß über Leichenraub“, rief er hoffnungsvoll. „Er war unschuldig, aber es ist eine großartige Geschichte.“

„Ausgezeichnet: Leichenraub!“ erklärte Flannagan. „Das ist ein sehr geeignetes Thema für ein Abendessen im Pennsylvania. Und du, Tom?“

Tom war der junge Mann, dem die Hose nicht paßte. Er legte seine Stirn in ernste Falten und dachte nach.

„Ick möchte wat zur Bildung mit beitragen“, sagte er in einem schauerlichen Englisch, denn er war erst kürzlich aus Italien eingewandert. „Mein Onkel hat mal bei ’nem Gastronom jearbeitet und hat ihm viel abjeguckt. Ick bin in der Lage, stundenlang über Sterne und so ’nen Quark zu erzählen.“

„Ein sehr guter Gedanke“, lobte Flannagan. „Mr. Harrogate wird sich freuen, seine Bildung vervollständigen zu können. Und du, Hubert?“

Hubert war sofort bei der Sache.

„Vielleicht etwas über Mädchenhandel?“ rief er freudig und strahlte übers ganze Gesicht. „Ich denke, es muß auch etwas für die Damen dabei sein.“

„Das hatte ich noch nicht überlegt“, stimmte Flannagan zu. Dann sah er Tamara zweifelnd an. „Du, Tamara? Na, vielleicht taut deine Zunge beim Wein von selbst auf. Aber leg’ dir ein Tuch um die Schultern, sonst lassen sie dich nicht ins Hotel. So, und jetzt los. Jim, geh voraus und pfeif ’ne Kutsche herbei.“

Vor dem Weggehen tranken die Männer noch jeder ein mit Bier vermischtes Glas Spiritus, und nur Jim kam für seine Gutmütigkeit um diesen Genuß. Dann zogen alle ihre Mäntel an und begaben sich auf die Straße, wo Jim mit seinem Mietwagen schon auf sie wartete.

„Und jetzt wollen wir mal richtig lustig sein!“ rief Flannagan aus. „Einen Abend wollen wir erleben, von dem wir alle noch unseren Enkelkindern erzählen werden. Mr. und Miß Harrogate sollen es nicht bereuen, unserer Einladung Folge geleistet zu haben.“

„Nein, das sollen sie nicht!“ riefen die drei Männer fast einstimmig. Nur Tamara schwieg.

VI.

Bath sah sich vorsichtig um, bevor er das große, graue Haus betrat. Ja, es unterlag keinem Zweifel: Er wurde von den Leuten McGregors beobachtet und überwacht. Man war also sehr mißtrauisch geworden.

Im zweiten Stock, vor einer Tür ohne Namensschild blieb Bath stehen. Er wußte, es war gefährlich, diese Wohnung zu betreten. Vielleicht war bei McGregor sein Tod schon beschlossene Sache? Wie konnte er das wissen? McGregor war sehr unberechenbar.

Bath klopfte. Er schien sehr ruhig zu sein, als er dem öffnenden jungen Mann das Wort „Silberdollar“ zuraunte und auf dessen verständnisvolles Nicken hin schnell eintrat.

„Dort, in das Zimmer“, sagte der Mann, der die Tür geöffnet hatte. „Sie sind Bath, nicht wahr? Sie sollen dort warten.“

Der junge Inspektor betrat den kleinen, recht einfach ausgestatteten Raum. Er machte den Eindruck, als sei er ein billiges möbliertes Zimmer, aus dem man nur das Bett hinausgeschafft hatte. Dunkel war es hier auch, und Bath brannte sogleich das elektrische Licht an, denn er liebte nicht Dunkelheit in einem ihm unbekannten Hause.

„’n Abend, lieber Bath!“ sagte eine Stimme an der Tür, und herein schob sich ein dicker, wohlbeleibter Mann von etwa vierzig Jahren.

„Guten Abend, Mr. McGregor“, antwortete Bath höflich.

Dieser dicke Mann war tatsächlich McGregor — derselbe McGregor, den sich die Zeitungsleser als verwegenen Burschen, groß, schlank und entschlossen vorstellten. Sie kannten nur seine Taten, und diese Taten waren nicht danach, in ihm den Wunsch zu erwecken, sein Lichtbild veröffentlicht zu sehen.

„Tja, Mr. Bath“, sagte McGregor, und seine Stimme klang weich, ganz anders als am Fernsprecher. „Tja, ich muß Ihnen leider sagen, daß die kleine Veranstaltung aufgeschoben worden ist. Sie kann erst um zwei Uhr nachts stattfinden.“

Bath schwieg und wartete auf nähere Erklärungen. Aufmerksam betrachtete er dieses fette Ungetüm, wie es sich ächzend auf einen der wackligen Stühle sinken ließ. Obwohl es sich bei den Erklärungen McGregors um Dinge handelte, die über Leben oder Sterben des Inspektors entschieden, war Bath im Augenblick am meisten darauf gespannt, ob der Stuhl zusammenbrechen würde oder nicht.

„Ich glaube weder Ihnen noch Strong“, fuhr McGregor gemessen fort. Der Stuhl war nicht zusammengebrochen. „Dieser Zweikampf soll ein Gottesurteil sein, aber bilden Sie sich ja nicht ein, daß, wenn Gott Sie am Leben läßt. McGregor Ihnen dann glauben wird. Ich glaube Ihnen nur so weit, als ich weiß: Sie werden kaum etwas gegen mich wagen, solange Ihre werte Familie in New York ist. Sie hängen sehr an Ihrer Familie, nicht wahr?“

„Ich glaube, ich bin in dieser Beziehung ein ganz normaler Mensch“, erwiderte Bath gefaßt.

McGregor lächelte freundlich.

„Es freut mich, das zu hören, lieber Bath. Und soweit ich unterrichtet bin, hat noch kein normaler Mensch eine Tat begangen, derzufolge seine ganze Familie ausgerottet — verstehen Sie: aus —ge —rot — tet! — wurde. — So! Also das wäre in Ordnung. Tja, um zwei Uhr … Tja … Da ist nämlich etwas dazwischen gekommen … Sagen Sie mal: Kennen Sie Flannagan?“

„Den Detektiv?“

„Ja, den meine ich.“

„Nun, gehört habe ich sehr viel von ihm, persönlich kenne ich ihn aber noch nicht.“

„Ein gefährlicher Mensch, nicht wahr?“

Bath nickte.

„Wenn man ihn zum Feinde hat — ja.“

McGregor stand schnaufend auf, legte die Hände auf den Rücken und machte einige Schritte durchs Zimmer. Er hatte so kurze Arme, daß diese natürliche Haltung bei ihm gezwungen und lächerlich aussah.

„Ich habe ihn zum Feinde“, erklärte er langsam. „Was sagen Sie dazu? Seit heute vormittag habe ich ihn zum Feinde! Der alte Harrogate hat ihn angeworben, und der Flannagan verkaufte sich für ein Linsengericht: für ein Abendessen im Pennsylvania. Tja, findet heute abend, jetzt eben, statt. Wissen Sie, ich habe richtig gelacht, als ich das erfuhr! Bindet doch da ein Mensch für nichts und wieder nichts mit McGregor an! Lebensgefährlich? Pah! Kümmert Flannagan nicht. Ob er am Delirium stirbt oder ein paar Wochen früher an einer Kugel, ist ihm egal, einfach egal! Aber mir nicht! Mir nicht! Ich werde schon heute abend eine Überraschung vorbereiten … Dieses Abendessen soll ihm wenig Freude bereiten, so wahr ich McGregor heiße. Wissen Sie, Bath, ich betrachte es geradezu als eine Beleidigung, daß Flannagan den Kampf mit mir für ein Butterbrot aufnimmt. Macht doch den Eindruck, als sei McGregor ein Hanswurscht, ein Idiot!“

McGregor hatte sich in Zorn geredet. Er lief jetzt im Zimmer herum wie ein mächtiger Bankdirektor, der von einem noch mächtigeren Bankdirektor eine Zurechtweisung erhalten hat, die eigentlich nicht er, sondern sein jüngster Lehrling verdient hätte.

Bath wollte etwas sagen, etwas Besänftigendes, etwas, das geeignet war, die Selbstachtung McGregors wieder zu heben, aber da sank McGregor schon mit einem Aufschrei auf seinen Stuhl.

„Machen Sie das Fenster auf!“ stöhnte er und zerrte am Kragen. „Schnell, das Fenster auf! Oh, Gott! Keine … keine … Luft …“

Bath sprang behend ans Fenster und riß beide Flügel weit auf. McGregor atmete schwer und stöhnte ununterbrochen.

„Das verdammte Asthma … Das wird noch mein Tod sein. Oh, ich darf mich nicht aufregen.“ Und wieder rang er nach Luft.

Bath empfand eine tiefe Verachtung für diesen Räuberhauptmann, der an Asthma litt. Obwohl Bath ein kluger, gebildeter Mann war und die Frage nicht hätte beantworten können, warum eigentlich gerade McGregor nicht asthmatisch sein dürfe, so folgte er in diesem Fall ganz seinem Gefühl, und dieses Gefühl sagte ihm mit aller Entschiedenheit, daß ein Räuberhauptmann nie an Asthma zu leiden habe.

„Ich würde das alles nicht so tragisch nehmen“, meinte Bath vorsichtig. „Ich würde auch nichts überstürzen. Sie haben Zeit genug, um mit Flannagan fertig zu werden …“

„Noch heute abend muß es sein“, erklärte McGregor finster. Er erholte sich langsam von seinem Anfall. „Unbedingt noch heute abend. Sie wissen nämlich nicht, daß dieser Flannagan schon heute im Polizeihauptquartier war, und die Folge davon? Ein empörender Artikel in allen Abendblättern! Die Polizei — heißt es darin — sei fest entschlossen, sofern dem Kinde Harrogates etwas zustieße, ihre Gesamtmacht gegen McGregor aufzubieten. Es sollen sogar ausländische Detektive herbeigeholt werden und Polizeikräfte aus anderen Städten. Und wenn nötig — sogar Militär! Was sagen Sie dazu?“

„Und das Kind Harrogates — schon tot?“ fragte Bath.

McGregor schnaufte schwer.

„Aus taktischen Gründen aufgeschoben. Ist Flannagan einmal beseitigt, so glaube ich nicht den Drohungen der Polizei. Man tut ein bißchen was, und dann vergißt man. Aber dieser Flannagan ist imstande, die ganzen Staaten auf den Kopf zu stellen, Erst also muß er beseitigt werden, dann der Kampf bis aufs Messer!“

„Und wie …“, begann Bath. Dann unterbrach er sich. „Es geht mich ja nichts an, und die Frage mag Ihnen vorlaut erschienen; aber falls es kein Geheimnis ist: Wie gedenken Sie die Sache heute abend zu erledigen?“

„Oh!“ sagte McGregor heiter. „Diese Frage geht Sie sehr viel an, lieber Bath. Ich habe mich da nämlich zu einem ganz einfachen Mittel entschlossen: die einfachen sindimmer die sichersten. Sie gehen um zehn Uhr ins Pennsylvania Hotel, machen sich mit Flannagan bekannt — das ist sehr leicht, da er denselben Auftrag hat wie Sie —, und Punkt ein Uhr nachts haben Sie alles Nötige besorgt.“

Bath war bleich geworden, aber sein Gesicht blieb unverändert gleichmütig.

„Die Sache ist sehr einfach“, bestätigte er ernst. „Nur möchte ich dann für mein Leben keine fünf Cent mehr geben.“

McGregor nickte freundlich.

„Ich auch nicht“, sagte er sanft.

VII.

In der 7-th Avenue, zwischen der West 33-rd und 34-th Street, liegt gegenüber dem Pennsylvania-Bahnhof das größte Hotel New Yorks — das Pennsylvania Hotel. Sogar nach amerikanischen Begriffen stellt dieses Hotel mit seinen tausend Zimmern und seinen zweiunddreißig Stockwerken etwas Großartiges dar. Es mag sein, daß der eine oder andere das berühmte Waldorf Astoria Hotel oder Hotels wie Belmont, Commodore, Savoy oder Plaza als etwas vornehmer bezeichnet — als das größte wird er doch das Pennsylvania Hotel gelten lassen.

Mit gutem Grund hatte Flannagan dieses und kein anderes Hotel für sein Abendessen gewählt. An einem so schönen, warmen Sommerabend konnte es leicht geschehen, daß die prunkvollen Säle der vornehmsten Hotels, wenn auch nicht leer, so doch recht schlecht besucht waren. Gerade der beliebte Dachgarten des Pennsylvania Hotels aber würde sich an einem solchen Abend besonderen Zuspruchs erfreuen. Als der Detektiv mit seinen Begleitern auf dem Dachgarten anlangte, zeigte es sich, daß er richtig gerechnet hatte. Fast alle Tische waren bereits mit den Karten „Belegt“ versehen, und hätte Flannagan für sich nicht schon vorzeitig einen Tisch bestellt, es wäre möglich gewesen, daß man sich mit einem recht unbequemen Tisch hätte begnügen müssen.

In Begleitung Flannagans befanden sich nicht nur Tamara seine Braut, und seine drei Freunde, sondern auch Harrogate und dessen Tochter. Harrogate hatte mit Tamara im Foyer des Hotels auf die Ankunft der übrigen gewartet, und Flannagan zerbrach sich schon eine Weile darüber den Kopf, warum Harrogate es nicht vorgezogen hatte, erst später zu erscheinen, um nicht gemeinsam mit ihm und seinen Freunden diesen vornehmen Dachgarten zu betreten. Endlich kam Flannagan zu der Überzeugung, Harrogate wolle ihm damit von vornherein beweisen, wie wenig er sich seiner, Flannagans, schäme. Aber daran glaubte der junge Mann nun wieder gar nicht.

Man nahm wortlos an dem Tisch Platz. Ohne daß Flannagan ein Wort zu sagen brauchte, vollzog sich die Sitzanordnung genau so, wie er es sich wünschte. Er selbst kam zwischen seiner Tamara und Tamara Harrogate zu sitzen, an der anderen Seite Miß Harrogates saß ihr Vater, und Flannagans drei Freunde schlossen die Kette an dem runden Tisch. Dieser Tisch war sehr gut gewählt, und nicht nur in Flannagans Sinn. Er stand dicht am Rande des Gartens, so daß man einen herrlichen Ausblick auf das lichterfunkelnde New York hatte, und er stand dennoch so sehr in der Mitte des Dachgartens, daß genügend Leute diese seltsame Gesellschaft beobachten konnten.

„Würden Sie vieleicht die Güte haben, die Speisenfolge zu bestimmen“, wandte sich Flannagan an Harrogate und reichte ihm die Karte. „Uns persönlich ist alles recht, was Sie wählen.“

An dem etwas überraschten Blick Harrogates konnte man sehen, wie sehr ihn das anständige Benehmen Flannagans ins Erstaunen setzte. Er nickte kurz zur Antwort und besprach sich mit dem Kellner.

Tamara Harrogate war in einem hellblauen Seidenkleid erschienen, das vorteilhaft das helle Blond ihres Haares unterstrich. Sie saß mit etwas strengem, steifem Gesicht da und schien sich noch nicht darüber schlüssig geworden zu sein, was sie von Flannagan und seinen Freunden heute abend zu erwarten habe.

Kaum hatte der Kellner seine Bestellungen entgegengenommen und war davongeeilt, da wandte sich Harrogate lebhaft an den jungen Detektiv:

„Vielleicht ist es unpassend, wenn ich bei Gelegenheit eines zwanglosen Abendessens wieder von Geschäften spreche, aber Sie werden es einem besorgten Vater kaum verübeln. Darum möchte ich Sie gern fragen, was Sie in meiner Angelegenheit zu unternehmen gedenken, und wie Sie die Aussichten auf Erfolg beurteilen.“

Flannagan zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, reichte es Harrogate und deutete auf einen blau angezeichneten Artikel. Aufmerksam und gespannt las ihn Harrogate durch.

„Das wird die Polizei niemals tun“, sagte er nach einer Weile enttäuscht. „Ausländische Detektive? Polizeikräfte aus anderen Städten? Vielleicht noch berittenes Militär und schwere Geschütze?“

„Das wird die Polizei niemals tun“, wiederholte Flannagan im selben Tonfall. „Da haben Sie vielleicht nicht unrecht. Aber fürs erste war dieser Artikel dringend notwendig: Die Hauptsache ist, daß McGregor Angst bekommt, die Polizei könnte vielleicht doch so vorgehen, falls er Ihr Kind umbringt. Wir mußten Zeit gewinnen, — darum veranlaßte ich die Polizei, diesen unschuldigen Artikel an die Abendblätter zu geben.“

„Sie haben das veranlaßt?“ rief Harrogate im Tone ehrlicher Bewunderung aus.

Flannagan antwortete nicht. Er beobachtete gespannt, wie Hubert, sein Freund, aufgesprungen war, ein Taschentuch, das am Boden lag, aufhob und einer Dame nachgaloppierte, die neben einem hageren, sehr feinen Herrn nach der anderen Seite des Dachgartens schritt. Jetzt sahen sich bereits auch andere Leute um, denn Hubert bot wirklich ein Bild, das man in dieser Umgebung nicht gewöhnt war: Er war reichlich dick und watschelte beim Laufen immer von einer Seite nach der anderen, so sehr, daß der Zuschauer sich erstaunt fragen mußte, wie dieser Mann es eigentlich fertig brachte, endlich doch jedesmal das Gleichgewicht zu bewahren. Schlimmer als das aber war der Umstand, daß Hubert schon zwei Knöpfe seiner zu engen Weste verloren hatte, und bei jedem Mal aufs neue mit großer Mühe haltmachte, seinen Knopf aufsuchte, um dann mit frischem Mut die Verfolgung wieder aufzunehmen. Endlich hatte er die Dame und den Herrn erreicht.

Flannagan blickte verstohlen auf das Gesicht Harrogates. Es war eisig. Nein, diese kalten Züge verrieten nichts von den Gefühlen des Mannes, und doch mußte er eben jetzt zittern vor Schrecken, — machte doch Hubert Anstalten, der Dame auf die Schulter zu tippen. Doch nein, er besann sich eines anderen. Mit zwei ungeahnt gewandten Sätzen befand er sich vor ihr, machte eine tiefe Verbeugung und reichte ihr das Tuch.

Die Dame dankte freundlich, denn sie hatte nicht bemerkt, wie sehr dieser Mann zum Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden war. Auch der Herr nickte kurz wie ein Nußknacker. Einen Augenblick schien es, als hielte er Hubert für einen Kellner, und er streckte schon die Hand in die Tasche nach einer Münze. Dann mußte ihn irgend etwas aber doch stutzig gemacht haben, und er unterließ die Gabe — zu Flannagans lebhaftem Bedauern.

Hubert sah sehr stolz aus, als er sich auf den Rückweg machte. Der Umstand, daß er dabei mehrmals stehen blieb und kummervoll die beschädigte Weste betrachtete, trug wesentlich zur Besserung der allgemeinen Stimmung bei. Flannagan konnte zufrieden sein: auf ihren Tisch war man nunmehr aufmerksam geworden.

„Kennen Sie die Dame, Mr. Harrogate?“ erkundigte sich Hubert ziemlich laut, als er wieder Platz nahm.

„Das ist der englische Gesandte mit seiner Gattin“, sagte Harrogate zugeknöpft.

„Rassiges Weib“, erklärte Hubert begeistert, und sein rotes Gesicht glänzte richtig vor Zufriedenheit. „Diese Bekanntschaft kann mir noch von großem Nutzen sein.“

Harrogates Gesicht verzog sich, als ob er plötzlich heftiges Bauchgrimmen hätte. Aber er sagte nichts mehr. Eine Unterhaltung mit Hubert fürchtete er, und wohl mit Recht.

Inzwischen waren die Speisen aufgetragen worden, und alles machte sich ans Essen. Außer Flannagan und den beiden Harrogates wußte niemand, wie man beim Verspeisen dieser Gerichte mit den Messern, Gabeln und Löffeln umzugehen habe. Die Braut Flannagans aber war die einzige, die abwartete, bis jemand anderes es ihr vormachte. Flannagans drei Freunde aßen unbekümmert, wie es ihnen einfiel. Einem Mann wie Harrogate mußte dieser Anblick sehr weh tun.

Es war still geworden, und Flannagan hielt es daher für angebracht, für die allgemeine Unterhaltung zu sorgen. Er trat seinem Freunde Jim sehr nachdrücklich auf den Fuß, und Jim begriff sofort, daß seine Stunde gekommen sei.

„Wissen Sie, Miß Harrogate“, begann er mutig, „bei so einem feinen Abendessen muß ich immer an meinen Bruder denken …“

Miß Harrogate blickte flüchtig auf und lächelte freundlich.

„Ihr Bruder liebte es wohl sehr, einmal gut zu essen?“ fragte sie in der lobenswerten Bestrebung, ein Gespräch in Fluß zu bringen.

„Ja, sehr“, antwortete Jim aufseufzend. „Aber man gab ihm nichts — acht Monate lang bekam er nichts Gutes zu essen. Man hatte ihn angeklagt wegen Leichenraubs, — das ist eine großartige Geschichte, die muß ich euch mal erzählen — — —“

Plötzlich hatte Jim alle Befangenheit verloren. War es die alte Geschichte, die er so oft schon in ganz anderem Kreise zum besten gegeben, oder war daran der Umstand schuld, daß ihm alle so aufmerksam zuhörten, — jedenfalls schien Jim vergessen zu haben, wo er sich befand und mit wem er sprach.

„Also hört mal zu, Kinder!“ rief er fröhlich. „Mein Bruder war nämlich als Totengräber angestellt. Tja, und da hatte er nicht nur über die Gräber mit zu wachen, sondern auch über die frisch herangeschleppten Leichen, die am nächsten Tage beerdigt werden sollten. Nun waren das ja meistens schon verdorbene Leichen, so von Selbstmördern oder Ertrunkenen, an denen schon oft die Studenten ihre Künste versucht hatten. Manchmal fehlten ganze Beine oder Köpfe, — es war scheußlich, wenn mein Bruder das so beschrieb. Ich kanns leider nicht so gut. Also eines schönen Tages wurde da aber ein junger Mann herbeigeschleppt — mausetot natürlich und schon sehr übelriechend — — —“

Harrogate schob mit einem Ruck seinen Teller von sich.

„Wenn Sie wünschen, daß ich weiter esse, Mr. Flannagan“, sagte er streng, „dann bitten Sie diesen jungen Mann, endlich aufzuhören!‘

Tamara Harrogate sah starr auf ihren Teller und konnte anscheinend ebenfalls nicht mehr essen. Um so besser ließen es sich Hubert und Tom schmecken.

„Wenn Ihnen meine Geschichte nicht gefällt, so kann ich ja auch schweigen“, sagte Jim beleidigt. „Aber es war eine großartige Geschichte. Sie versäumen eine herrliche Gelegenheit, sie zu hören.“

Flannagan gab Tom mit den Augen das Zeichen, nunmehr mit seiner Geschichte zu beginnen, aber etwas anderes kam dazwischen. Neben ihnen tauchte plötzlich die Gestalt eines feingekleideten Herrn auf.

„Entschuldigen Sie bitte meine Zudringlichkeit, Mr. Harrogate“, sagte die Stimme Inspektor Baths sehr freundlich. „Ich wäre Ihnen aber außerordentlich dankbar, wollten Sie die Güte haben, mich mit Mr. Flannagan bekannt zu machen.“

VIII.

Zwei scharfe Falten gruben sich zwischen den Augenbrauen Mr. Harrogates ein, er richtete sich steif auf seinem Stuhl auf, und es war mehr als klar, daß er beabsichtigte, die Bitte Baths abzuschlagen. Aber da legte sich die Hand seiner Tochter auf seinen Arm.

„Oh, das trifft sich gut“, sagte sie lächelnd. „Das ist sicherlich Mr. Bath? Ich würde mich ebenfalls freuen, seine Bekanntschaft zu machen.“

Die Stirn Mr. Harrogates war wieder glatt. Gleichmütig, als habe er gar keine andere Absicht gehabt, vollzog er die Vorstellung. Er nannte alle Namen der Anwesenden, soweit sie ihm in Erinnerung waren, und Flannagan half ihm bei den Namen, die Harrogate vergessen hatte.

Auf einen Wink Miß Harrogates brachte ein Kellner sogleich einen Stuhl herbei, und Bath erhielt seinen Platz zwischen Flannagan und Tamara Harrogate.

Sein Lächeln hatte etwas Bezauberndes. Es unterschied sich sehr von dem eingelernten Lächeln, das die Japaner fast immer zur Schau tragen, wenn sie ihre wahren Gefühle verbergen wollen. Nein, wenn man Bath lächeln sah, mußte man glauben, irgend etwas bereite ihm großes Vergnügen.

„Wir haben also denselben Auftrag, Mr. Flannagan“, wandte er sich an den Detektiv. „Ich glaube, wir werden mehr erreichen, wenn wir gemeinsam und nicht gesondert vorgehen. Meinen Sie nicht auch?“

Flannagan schüttelte heftig den Kopf.

„Im Gegenteil“, sagte er schroff. „Ich werde gar nichts erreichen, wenn ich mich irgendwie von polizeilichen Methoden beeinflussen lasse. Außerdem finde ich es sehr sonderbar, daß die Polizei sich jetzt plötzlich meiner erinnert. Wenn mich nicht alles täuscht, hat man mich von dort wie einen räudigen Hund davongejagt, weil ich nichts, aber auch gar nichts mehr taugte.“

„Sie irren sich“, widersprach Bath sehr höflich. „Sie wurden nicht davongejagt, sondern man legte Ihnen nahe, Ihren Abschied zu verlangen — — —“

„Das ist dasselbe!“ rief Flannagan hitzig.

„Und der Grund“, fuhr Bath fort, ohne den Einwurf zu beachten, „lag nicht in Ihrer Unfähigkeit, sondern in Ihrem etwas eigentümlichen Lebenswandel. Ein Beamter muß auch sein Privatleben nach gewissen Vorschriften einrichten. Ich will damit nicht sagen, ob ich das für richtig oder falsch halte, ich stelle lediglich eine Tatsache fest.“

„Und ich stelle die Tatsache fest, daß ich hier der Gastgeber bin“, erwiderte Flannagan zornig. „Und ich habe weder die New Yorker Polizei, noch einzelne ihrer Beamten zu diesem Abendessen eingeladen. Ich will damit nicht sagen, daß ich dieses Übergehen der Polizei für richtig oder falsch halte, — ich stelle lediglich eine Tatsache fest.“

„Aber Mr. Flannagan!“ rief Tamara Harrogate vorwurfsvoll aus. „Sie drücken sich so — unklar aus, daß Mr. Bath auf den Gedanken kommen könnte, seine Anwesenheit sei uns unerwünscht.“

Mr. Harrogate blickte gespannt auf Flannagan, und es war bestimmt das erstemal, daß er sich auf die nun zu erwartende grobe Antwort Flannagans freute. Ehe aber Flannagan dazu kam, diese grobe Antwort zu geben, — und nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, war damit tatsächlich zu rechnen, — erschien ein Kellner und eröffnete mit gedämpfter Stimme:

„Ein Brief für Mr. Flannagan.“

Flannagan nahm erstaunt den Brief in Empfang und besah mißtrauisch die Aufschrift. Sie lautete kurz und bündig:

„Mr. Flannagan, Pennsylvania Hotel, Roof-Garden.“

Der Brief mußte durch einen Boten abgegeben worden sein, denn es fehlten Briefmarke und Poststempel.

Flannagan riß den Umschlag auf und vertiefte sich ins Lesen. Zweimal blickte er auf, — einmal, als die Musik einen neuen Tanzschlager anstimmte, ein zweites Mal sah er nachdenklich auf Mr. Bath und Miß Harrogate, die sich bereits lebhaft unterhielten. Es war ein langer Brief, und es dauerte eine geraume Weile, bis ihn Flannagan durchgelesen hatte. Dann nahm er sein Merkbuch aus der Tasche und schrieb sich etwas auf. Und dann — alle sahen ihn verwundert an — brannte er ein Streichholz an und hielt es unter den Brief. Eine Minute später war der Brief nur noch ein Häufchen Asche, das Flannagan auf einem Teller zerdrückte.

„Da muß etwas geschehen“, sagte er entschlossen.

„Was? Wie? Haben Sie etwas über meinen Sohn erfahren?“ fragte Harrogate aufgeregt.

Flannagan schüttelte langsam den Kopf.

„Über Ihren Sohn? Nein. Es ist überhaupt nichts von Bedeutung. Und nun, nach dieser kurzen Unterbrechung, wollen wir uns wieder ganz dem Vergnügen widmen. Ist das nicht ein herrlicher Abend? Der ganze Himmel mit Sternen besät!“

Tom begriff sofort, und er wurde rot vor Aufregung.

„Sterne … Sterne …“ stotterte er. „Ick finde dat ebenfalls jroßartig! Und überhaupt — Gastronomie! Wat janz Herrliches! Nu guckt euch mal det Bild an: lauter Sterne Sterne — wie Pfannkuchen auf ’ner Wäscheleine.“

Harrogate sah sprachlos den stammelnden jungen Mann an, seine Tochter aber hatte sich an einem Bissen verschluckt und hustete krampfhaft.

„De Menschheit befindet sich in trauriger Unwissenheit darüber, wat eijentlich mit de Sternenwelt in Verbindung steht und auf sich hat“, fuhr Tom etwas geläufiger fort. „Zum Beispiel Sie, Mr. Bath! Sie sind ’n Japaner — brauchen Se mir jar nich zu bestätjen — sehe ick mit Kennerblick auf zehn Schritt Entfernung. Se stammen also, wie man so scheen sagt, aus’m Land der aufjehenden Sonne. Aber wat kennen Sie mir zum Beispiel über de Venus erzählen?“

Tamara Harrogate sah Bath so vergnügt an, daß er sich nicht im geringsten gekränkt fühlte.

„Sehr wenig“, sagte er betrübt. „Die Venus? Nun, das ist so ein runder Stern — — —“

„Da ham wirs!“ rief Tom erzürnt. „’n runder Stern? Erstens is se kein Stern, sondern ein Pa … Pa … Planet, der sich immerzu um de Sonne kreiselt. Aber feste! Zweitens — rund? Ihr Kopf is rund, aber de Venus is plattjedrückt, nich sehr, aber doch!“

Am Nebentisch hatte man diesen Erklärungen sehr aufmerksam gelauscht. Das bewies das unbändige Lachen, das plötzlich von dort aus Toms Rede beantwortete. Mr. Harrogate wandte sich heftig um und wurde plötzlich bleich.

„Mr. Flannagan“, sagte er leise, und seine Stimme zitterte vor Erregung. „Dort am Nebentisch sitzt Mr. Grawes, mein Konkurrent!“

„Nun und?“ fragte Flannagan zurück. „Was geht das mich an?“

„Aber verstehen Sie denn nicht?“ stöhnte Harrogate. „Ihr Freund mit seinen Reden macht mich doch unmöglich!“

„Wenn Sie sich meiner Freunde schämen, hätten Sie meine Einladung nicht annehmen dürfen“, sagte Flannagan abweisend. „Ich jedenfalls schäme mich meiner Freunde nicht.“

Harrogate hörte schon nicht mehr auf Flannagan. Ein anderes Ereignis nahm jetzt seine Aufmerksamkeit in Anspruch.

Tom, der wohl gemerkt hatte, daß man ihn am Nebentisch auslachte, hatte sich von seinem Platz halb erhoben und starrte drohend und herausfordernd einen älteren, rundlichen Herrn an, der sich am lustigsten von allen gebärdete. Das war gerade Mr. Grawes.

Wat hat denn der Kerl mit dem Wasserkopp da zu grinsen!“ rief Tom plötzlich laut aus. „He, du! Wenn de nicht glaubst, daß de Venus plattjedrückt is, kann ick’s dir ja an deiner Kartoffelnase vormachen, wie plattjedrückt se is.“

Nach diesen Worten trat eisiges Schweigen ein. Es war klar, daß jetzt irgend etwas geschehen mußte. Aber was? Das schien niemand zu wissen — weder an diesem Tisch noch am Nebentisch.

„Wir wollen uns unseren gemütlichen Abend nicht stören lassen“, sagte Bath plötzlich sehr ruhig und stand auf. Er trat höflich auf Mr. Grawes zu und reichte ihm eine Karte. Daraufhin kam eine Unterhaltung in Gang, die ziemlich erregt zu sein schien. Sodann aber wurde Mr. Grawes auf einmal sehr freundlich und verneigte sich mehrmals vor Bath.

Nach zwei Minuten saß Bath wieder auf seinem Platz.

„Meine Damen und Herren“, sagte er freundlich. „Mr. Grawes bittet vielmals um Entschuldigung und erklärt, daß er durchaus nicht über Vorgänge an unserem Tisch gelacht habe. Die launige Anrede dieses Herrn“ — und er deutete auf Tom — „nimmt er durchaus nicht übel, da er Humor über alles liebt.“

Langsam kehrte in Harrogates bleiches Gesicht die Farbe wieder.

„Ich danke Ihnen, Mr. Bath“, sagte er leise und seufzte erleichtert auf. „Aber würden Sie mir vielleicht verraten wie Sie das angefangen haben? Dieser Mr. Grawes ist nämlich die Bosheit selber.“

„Das war gar nicht schwer“, erwiderte Bath liebenswürdig. „Ich erzählte ihm nur, daß ich einen Freund habe, der Steuerinspektor ist. Mr. Grawes scheint sehr große Stücke auf diesen Freund zu halten.“

Harrogate lachte, er lachte wirklich von Herzen, und nur eine Sorge trübte in diesem Augenblick seine Freude: Ob nicht zuletzt doch noch Mr. Grawes lachen würde.

Die Musik begann erneut zu spielen, und Hubert, der Mann, an dessen Weste schon zwei Knöpfe fehlten, stürzte davon. Es unterlag nicht dem geringsten Zweifel: Er hatte die löbliche Absicht, die Gattin des englischen Gesandten zu einem Tänzchen aufzufordern.

IX.

Tamara, Flannagans Braut, die bis jetzt kaum den Mund zum Sprechen aufgetan hatte, seufzte plötzlich vernehmlich.

„Ich möchte auch mal tanzen“, sagte sie sehnsüchtig.

„Bravo!“ rief Tom begeistert und stand sofort auf. „Woll’n wir mal ’nen Tango hinlejen, daß de Fatzken hier vor Staunen de Maul- und Klauenseuche kriegen!“

Aber Tamara schüttelte nur den Kopf.

„Ich will nicht mit dir tanzen“, sagte sie nach einer Weile eigensinnig. „Ich will mit einem feinen Herrn tanzen …“ Und dann kam es wie aus der Pistole geschossen: „Mit Mr. Harrogate!“

Harrogate war so verblüfft, daß er zunächst nur ziemlich einfältig lächelte. Dann blickte er auf Flannagan, dessen Augen, wie ihm schien, tückisch funkelten, und dann wurde er rot vor Ärger.

„Ich tanze nie“, erklärte er kurz und böse.

„Wirklich, mein Vater tanzt nie“, bestätigte Miß Harrogate hastig. „Aber ich tanze sehr gern.“

Sie sah dabei Flannagan an, und er begriff, daß er mit ihr tanzen sollte, um sie vor der Notwendigkeit zu bewahren, mit Tom oder Jim zu tanzen. Einen Augenblick schien es, als wollte er sie nicht verstehen, aber dann erhob er sich entschlossen und forderte sie auf.

Anfangs tanzten sie schweigend, von dem Auftritt ganz in Anspruch genommen, der sich am Tisch des englischen Gesandten abspielte. Hubert hatte eine Absage erhalten schien aber nicht gesonnen, sich damit zufrieden zu geben. Er sprach eifrig auf den englischen Gesandten ein, sichtlich bemüht, ihn von der Harmlosigkeit seiner Absichten zu überzeugen. Jetzt stand der Gesandte auf und sah sich hilfesuchend um. Aber der Geschäftsführer, nach dem er spähte, war in den Erdboden versunken. Nichts konnte diesem tüchtigen Mann ungelegener kommen als die Notwendigkeit, sich mit einem Gast Mr. Harrogates zu verfeinden.

„Verlassen Sie sofort meinen Tisch“, sagte der Engländer scharf und nicht sehr laut. Man hatte es aber doch an vielen Tischen gehört, und die Köpfe der Gäste rückten zusammen.

„Aber ich will nur einen Tanz“, widersprach Hubert, sichtlich schon etwas gereizt. „Ihnen wird davon nicht gleich ein Zacken aus Ihrer Krone brechen — — —“

Weiter kam er nicht. Der Gesandte hatte seiner Gattin einen Wink gegeben, und schweigend, mit ernsten Gesichtern, verließen sie den Raum. Hubert stand noch eine Weile da und sah ihnen ziemlich blöde nach, dann senkte er traurig den Kopf und trottete an seinen Tisch zurück.

„Das kommt morgen in die Zeitung“, sagte Tamara Harrogate ruhig. „Ich sehe dort am Tisch zwei Berichterstatter.“

„Sicherlich kommt es in die Zeitung“, gab Flannagan ruhig zu.

Eine Weile schwiegen beide. Sie tanzten ausgezeichnet, und das, was Tom und Flannagans Braut verdarben, das machte dieses Paar wieder wett. Es war wirklich nicht zu sehen, ob das Publikum es vorzog, das eine lächerliche oder dieses ausgezeichnete Tanzpaar zu beobachten.

„Sie tanzen vorzüglich“, sagte Miß Harrogate anerkennend. „Das haben Sie wohl in Ihren guten Tagen gelernt?“

„Ja“, antwortete er beherrscht. „Als ich noch nicht trank.“

„Und warum fingen Sie an — zu trinken?“ fragte sie.

Er zuckte die Achseln.

„Fragen Sie einen Verliebten, warum er anfing zu lieben.“

„Also keine Antwort“, stellte sie fest. „Gut, dann will ich Sie etwas anderes fragen: Haben Sie sich schon einmal im Leben geschämt? Ich meine, so richtig geschämt, daß Sie am liebsten hätten weinen mögen?“

„Nein“, antwortete er schroff.

„Ich bis heute auch nicht“, sagte sie langsam. „Dieses Gefühl habe ich erst am heutigen Abend kennen gelernt. Ich habe mich so furchtbar geschämt — die ganze Zeit … Ich kann es Ihnen gar nicht schildern — — —“

„Warum sollten Sie sich schämen?“ meinte er verwundert.

„Ich schäme mich — für Sie!“ sagte sie streng.

„Ah!“

„Für Sie!“ wiederholte sie. „Was können Ihre Freunde dafür, daß sie sich lächerlich machen? Was kann Ihre — Braut dafür, daß sie nicht weiß, was in guter Gesellschaft erlaubt und was es nicht ist? Aber Sie, ein gebildeter Mann, der was von der Welt gesehen hat, — Ihnen macht es Vergnügen, einen alten Mann mit grauen Haaren in tödliche Verlegenheit zu bringen! Sie empfinden Freude darüber, diesen Mann lächerlich zu machen und ihn folglich sogar auch geschäftlich zu schädigen! Ihnen, dem gebildeten Mann mit guten Manieren, Ihnen kommt gar nicht der Gedanke, wie häßlich dieses Ausnutzen der Angst eines Vaters um das Leben seines Kindes ist …“

Sie schwieg, denn der Tanz war beendet, und alle kehrten an ihre Plätze zurück. Flannagan machte ein recht unzufriedenes Gesicht dabei.

„Nun“, sagte er aufatmend, als sie Platz genommen hatten, „man kann die Sache auch von verschiedenen anderen Seiten aus betrachten — — —“

Miß Harrogate unterbrach ihn lächelnd:

„Sie werden sicherlich noch Gelegenheit haben, mir diese anderen Seiten zu zeigen“, sagte sie ihm freundlich. Man hatte wirklich den Eindruck, das Gespräch der beiden habe sich um recht unwichtige Dinge gedreht.

Hubert saß an seinem Platz, feuerrot im Gesicht, denn er fühlte sich blamiert. Und er hatte den ernsten Wunsch, den ungünstigen Eindruck, den er hervorgerufen, wieder wettzumachen.

„Ich will Ihnen mal ’ne spannende Geschichte erzählen“, begann er, krampfhaft bemüht, heiter zu erscheinen. „Die Geschichte is’ von großer Bedeutung für unsere Damen. Es handelt sich dabei um Mädchenhandel“ — — —

Etwas Unerwartetes geschah. Flannagan hatte sich jäh vorgeneigt und starrte Hubert so finster an, daß dieser erschrocken verstummte.

„Halt den Schnabel!“ befahl Flannagan streng.

„Aber ich … Aber … Aber wir hatten doch be — be — bespro — — —“ verteidigte sich Hubert mit weinerlicher Stimme.

„Wenn du nicht augenblicklich den Mund hältst, fliegst du über das Gitter“, sagte Flannagan drohend. „Es geht zweiunddreißig Stockwerke tief hinab.“

Hubert schwieg. Mit trauriger Miene lud er sich eine neue Portion Eis auf und widmete sich gekränkt dem Verspeisen.

Flannagan griff nach seinem Glas und stürzte es durstig hinab. Aufatmend stellte er es auf den Tisch und sah zu Mr. Harrogate hin, wobei er es vermied, dem Blick Miß Harrogates zu begegnen.

„Ich werde morgen früh um neun bei Ihnen vorsprechen um alles Nötige über den Fall Ihres Söhnchens zu beraten“, sagte er sachlich. „Wir müssen jedenfalls schnell und entschlossen vorgehen, wenn wir da etwas erreichen wollen.“

Harrogate, der sehr müde und angegriffen aussah, nickte eifrig.

„Ja, kommen Sie bitte gleich morgen. Ich werde auf Sie warten, und — — —“

Er schwieg, denn Flannagan hatte sich plötzlich an die Brust gegriffen und starrte mit einem so entsetzten Ausdruck im Gesicht um sich, daß alle erschraken. Dann sprang er auf, taumelte und sank wieder auf seinen Stuhl zurück.

„Was ist geschehen? Was? Fehlt Ihnen was?“ riefen zwei, drei, viele Stimmen auf einmal durcheinander.

Flannagans Gesicht verzog sich zu einer schmerzlichen Grimasse. Dann preßten sich seine Lippen fest aufeinander, und dann öffnete er den Mund und sprach — langsam, mit Anstrengung, und jeder fühlte, wie wichtig ihm jedes Wort sei:

„Ich — vergiftet — — — Krankenwagen — bestellen — Zum — Krankenhaus — — —Polizeiarzt — Dr. Henderson — zu — mir — bestellen. — Schnell — schnell — schnell — — —“

Sekundenlang standen noch alle um ihn herum und stierten ihn an. Zu unerwartet war das gekommen. Aber dann stoben sie alle auseinander, schreiend, mit den Armen fuchtelnd und einer den andern hindernd, etwas Nützliches zu unternehmen.

Miß Harrogate hatte sich als erste gefaßt.

„Einen Arzt!“ schrie sie laut. „Ist kein Arzt anwesend?“ Dann wandte sie sich streng an Flannagans drei Freunde: „Habt ihr nicht gehört, was er befahl?“

Die Musik, die bis jetzt immer noch gespielt hatte, brach mit einem Mißton ab. Menschen, Kellner und Gäste liefen herbei. Man schrie, man jammerte und tat nichts, um dem Unglücklichen zu helfen. Es vergingen drei, vier Minuten, bis es sich herausstellte, daß hier kein Arzt anwesend war.

In dem allgemeinen Trubel fiel es niemandem auf, daß Inspektor Reginald Bath sich entfernt hatte und auch nicht wieder erschien.

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9788711626016
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