Читать книгу: «Akte»
I

Es war am 7. Mai (der bei den Griechen Thargelion heißt) im Jahre 57 n. Chr. und 810 nach der Gründung Roms, als ein junges Mädchen von fünfzehn bis sechzehn Jahren zu dem westlichen Stadttor von Korinth heraustrat. Schlank, schön und hurtig wie die jagende Diana lief sie zur Meeresküste hinab. Bei einer kleinen Wiese, die auf der einen Seite von einem Olivenwäldchen, auf der andern von einem Bach begrenzt war, der im Schatten von Orangen- und Oleanderbäumen dahinfloß, hielt sie inne und fing an, Blumen zu suchen. Einen Augenblick schwankte sie, ob sie Veilchen und Anemonen wählen sollte, die im Schatten von Minervas Bäumen hier erblühten, oder Narzissen und Seerosen, die am Rande des Wassers standen und auf seiner Oberfläche schwammen. Bald entschied sie sich für die letzteren und lief in fröhlichen Sprüngen wie ein junger Faun zum Flusse hinab.
An seinem Ufer blieb sie stehen; ihre langen Haare hatten sich bei dem raschen Laufe gelöst. Sie kniete am Rande des Wassers nieder, neigte sich über dessen Spiegel und lächelte dem schönen Bilde zu, das ihr daraus entgegenstrahlte. Mit ihren herrlichen dunklen Augen, der jonischen Nase und den frischen Korallenlippen war sie gewiß eines der entzückendsten Mädchen Griechenlands. Stark, wie aus Marmor gemeißelt, und doch zugleich biegsam wie ein Schilf, erschien ihr Körper wie eine Statue des Phidias, der Prometheus Leben eingeflößt hatte. Nur die Füße wollten nicht ganz zu der kraftvollen Gestalt passen, sie waren anscheinend zu klein, um die Last des Körpers zu tragen. Das war das einzige, worin man einen Schönheitsfehler hätte finden können, wenn man überhaupt daran denken dürfte, einem jungen Mädchen aus solcher Unvollkommenheit einen Vorwurf zu machen. So schön war die jugendfrische Erscheinung, daß auch die Nymphe Pyrene, in deren zum Quell gewordenen Tränen sie sich jetzt spiegelte, (obwohl sie doch auch ein Weib war) nicht umhin konnte, das Bild in seiner ganzen Anmut und Reinheit wiederzugeben. Einen Augenblick blieb das Mädchen in stilles Betrachten versunken, dann ordnete sie ihr Haar in drei Strähnen, flocht aus den an den Schläfen herabhängenden zwei Zöpfe und befestigte sie auf dem Scheitel mit einem Kranz von Oleander- und Orangenblüten, den sie soeben gewunden hatte; die übrigen Haare ließ sie frei nach rückwärts herabwallen wie die Mähne auf dem Helme der Pallas. Dann beugte sie sich über das Wasser, um den Durst zu löschen, der sie zu diesem Wiesengrunde hingezogen hatte. Aber so fühlbar er auch gewesen war, galt es doch zunächst ein dringenderes Bedürfnis zu stillen. Vor allem mußte sie sich überzeugen, ob sie noch immer das schönste Mädchen von Korinth sei. – Die schöne Wirklichkeit und ihr Bild kamen sich unmerklich näher. Man hätte sie zwei Schwestern nennen können, eine Nymphe und eine Najade, die sich in süßem Kuß vereinten. Ihre Lippen berührten sich, das Wasser erzitterte, ein sanfter Wind ging wie ein wollüstiger Hauch durch die Lüfte und schüttete einen rosigen, duftenden Blütenregen auf den Fluß herab, der ihn zum Meere hintrug.
Als sich das junge Mädchen wieder aufgerichtet hatte, blickte sie nach dem Golf hin und blieb einen Augenblick unbeweglich vor Verwunderung. Eine Galeere mit zwei Ruderreihen, mit vergoldetem Kiel und purpurnen Segeln wurde vom Winde, der aus der Richtung von Delos kam, dem Hafen zugetrieben. Obwohl sie noch eine Viertelmeile vom Ufer entfernt war, hörte sie die Matrosen einen Chor zu Ehren des Neptun singen und erkannte deutlich die phrygische Tonart, die den heiligen Gesängen eigen war. Nur klangen die Töne, die, vom Winde zerstreut und geschwächt, bis zu ihr herüberdrangen, weich und wohlgebildet wie die Gesänge der Apollopriesterinnen, nicht rauh wie die Stimmen kalydonischer und kephalonischer Seeleute. Angelockt von dieser Melodie, erhob sich die junge Korintherin, brach einige Zweige von den Orangen- und Oleanderbäumen, um einen zweiten Kranz daraus zu winden, den sie bei ihrer Rückkehr im Tempel der Maigöttin Flora niederlegen wollte; dann ging sie neugierig und auch wieder furchtsam mit langsamen Schritten dem Strande zu, während sie die duftenden Zweige ordnete, die sie am Ufer des Flusses gepflückt hatte. Inzwischen war das Ruderschiff nähergekommen, so daß das junge Mädchen jetzt nicht nur die Stimmen hören, sondern auch die Züge der Sänger unterscheiden konnte. Es war ein Gebet zu Neptun, was sie sangen, und bestand in einer Strophe, die zuerst von dem Vorsänger allein gesungen, dann vom Chor ausgenommen wurde. Die Melodie ahmte in sanft wiegendem Rhythmus die regelmäßigen Bewegungen der Matrosen nach, die rüstig an ihre Ruder griffen und sie dann ins Meer zurücksinken ließen. Der Chorführer schien auch der Herr des Schiffes zu sein; er stand auf dem Vorderteil und begleitete sich mit einer dreisaitigen Kythara, wie sie die Bildhauer der Euterpe, der Göttin des Wohlklanges, in die Hände geben. Zu seinen Füßen kauerte ein Sklave in einem langen asiatischen Gewande, das von beiden Geschlechtern gleichmäßig getragen wurde, so daß das junge Mädchen nicht zu unterscheiden vermochte, ob es ein Mann sei oder eine Frau. Neben ihren Bänken standen die sangesfreudigen Ruderer und schlugen mit ihren Händen den Takt; so dankten sie Neptun für den günstigen Wind, der ihnen diese Ruhe gestaltete.
Dieses Schauspiel, das die Aufmerksamkeit des jungen Mädchens im höchsten Grade fesselte, würde zwei Jahrhunderte früher kaum die Aufmerksamkeit eines Kindes erregt haben, das im Meersande Muscheln suchte. Allein zu dieser Stunde war Korinth nicht mehr, was es zur Zeit Sullas gewesen: die Rivalin und Schwester Athens. Als es im Jahre 608 nach der Gründung Roms von dem Konsul Mummius im Sturm erobert worden, hatten seine Bürger Spießruten laufen müssen, und ihre Frauen und Kinder waren als Sklaven verkauft worden. Die Häuser wurden niedergebrannt, die Mauern zerstört, die Bildwerke nach Rom geschleppt und die Gemälde, für deren eines Attalus eine Million Sesterzien geboten hatte, mußten als Teppiche für die römischen Soldaten dienen, die Polybius, wie er erzählt, eines Tages auf einem Meisterwerke des Aristides Würfel spielen sah. Achtzig Jahre später ließ Julius Cäsar die Mauern wieder aufbauen und entsandte eine römische Kolonie dahin. So gewann die Stadt neues Leben, wenn sie auch noch lange nicht in ihrem früheren Glanze wieder erblüht war. Um ihre Bedeutung zu heben, hatte der römische Prokonsul für den 10. Mai nemeische, isthmische und Dichterspiele angeordnet, bei denen der stärkste Ringkämpfer, der geschickteste Wagenlenker und der kunstreichste Sänger als Sieger gekrönt werden sollten. Aus diesem Grunde strömten seit einigen Tagen Fremde aus allen Nationen der Hauptstadt Griechenlands zu, entweder von der Neugier oder dem Wunsche angelockt, die Preise zu erringen. Dieses bunte Treiben verlieh der Stadt, die von ihren Verlusten an Menschen und Schätzen noch erschöpft war, wenigstens für den Augenblick den Glanz und das Ansehen der vergangenen Tage. Zu Wagen und zu Pferde waren die Gäste herbeigekommen, viele auf gemieteten oder eigens erbauten Fahrzeugen. Aber keiner von allen war auf einem so reichen Schiff in den Hafen eingelaufen, wie dasjenige war, das in diesem Augenblick die Küste berührte, um die sich einst Apollo und Neptun gestritten hatten.
Die Galeere war kaum ans Land gezogen, als die Matrosen eine mit Silber und Erz verzierte Brücke aus Zitronenholz an das Vorderteil legten, und der Sänger, der seine Kythara über die Schulter zurückwarf, schickte sich an, auszusteigen, gestützt auf den Sklaven, der zu seinen Füßen gelegen hatte. Jener war ein schöner, junger Mann von siebenundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, mit blondem Haar, blauen Augen und goldfarbenem Barte. Er trug eine purpurne Tunika, einen blauen, goldbesternten Mantel, und um den Hals hatte er eine Binde geknüpft, deren flatternde Enden bis zu den Hüften herabfielen. Der andre mochte etwa zehn Jahre jünger sein. Er war noch ein Kind, das kaum das Jünglingsalter erreicht hatte. Mit langsamen Schritten und trauriger, leidender Miene ging er einher. Doch hätte die Frische seiner Wangen eine Frau beschämen und die rosige, durchsichtige Haut sich an Feinheit mit der der üppigsten Töchter Athens messen können. Die weiße, rundliche Hand schien durch ihre Form und Zartheit vielmehr dazu bestimmt, die Spindel zu drehen und die Nadel zu führen, als das Schwert und den Wurfspieß zu handhaben, wie es einem Manne und Krieger zukommt. Sein weißes Gewand war mit goldenen Palmetten bestickt und reichte bis über die Kniee hinab. Das Haar wallte lose um die entblößten Schultern, und an seinem Halse hing an goldener Kette ein kleiner in Perlen gefaßter Spiegel.
In dem Augenblick, wo er das Land betreten wollte, hielt ihn sein Begleiter plötzlich zurück. Der Jüngling erbebte.
Was gibt es, mein Gebieter? fragte er mit sanfter, furchtsamer Stimme.
Du wolltest das Ufer mit dem linken Fuße betreten. Durch diese Unvorsichtigkeit hätte uns leicht der Erfolg aller meiner Berechnungen verloren gehen können, durch die wir gerade am siebenten Tage des Monats hier ankommen, was von glücklicher Vorbedeutung für uns ist.
Du hast recht, mein Gebieter, sagte der Jüngling; er stieg mit dem rechten Fuß ans Land, und sein Begleiter folgte ihm.
Das junge Mädchen, das herbeigekommen war und den älteren der beiden Reisenden diese Worte in jonischem Dialekt sprechen hörte, wandte sich an diesen und sagte: Fremdling, das Land der Griechen ist allen günstig, die ihm in freundlicher Absicht nahen, mit welchem Fuße du es auch betreten magst. Es ist das Land der Liebe der Gesänge und der Kämpfe; es hat Kränze für Liebende, für Dichter und Helden. Wer du auch seist, Fremdling, nimm diesen hin, bis du den andern erreichst, den zu erringen du jedenfalls gekommen bist.

Der junge Mann griff lebhaft nach dem Kranze, den ihm die Korintherin darbot, und setzte ihn auf sein Haupt.
Die Götter sind uns gnädig, rief er aus. Sieh her, Sporus, Orangenblüten von dem Baume der Hesperiden, dessen goldene Früchte dem Hippomenes Sieg verliehen, indem sie Atalante in ihrem Lauf aufhielten, und Oleander von Apollos heiligem Baume. Wie heißt du, Botin meines Glückes?
Ich heiße Akte, antwortete das Mädchen errötend.
Akte rief der ältere der beiden Reisenden aus. Hörst du, Sporus? Noch eine glückliche Vorbedeutung. Akte heißt das Ufer. So erwartete mich das Land der Griechen, um mich zu krönen.
Was findest du daran Verwunderliches, bist du nicht der Auserwählte, Lucius? antwortete der Jüngling.
Wenn ich nicht irre, fragte das Mädchen schüchtern, bist du gekommen, um einen der Preise zu erringen, die der römische Prokonsul den Siegern verleihen wird?
Die Gabe zu erraten ist dir in gleichem Maße eigen wie das Geschenk der Schönheit, sagte Lucius.
Gewiß hast du Verwandte in der Stadt!
Meine ganze Familie ist in Rom.
Oder doch einen Freund?
Meinen einzigen Freund siehst du hier, er ist so fremd wie ich in Korinth.
Vielleicht hast du Bekannte?
Ich habe keine.
Unser Haus ist groß, und mein Vater ist gastfreundlich. Wird Lucius unserem Hause die Ehre erweisen? Wir wollen Kastor und Pollux bitten, daß sie ihm günstig seien.
Bist du nicht vielleicht ihre Schwester Helena, schönes Mädchen? unterbrach sie Lucius. Es heißt, daß sie in einer Quelle zu baden pflegte, die nicht weit von hier entfernt sein kann. Diese Quelle besaß jedenfalls die Kraft, das Leben zu verlängern und die Schönheit zu erhalten. Venus wird dieses Geheimnis dem Paris und Paris wird es dir vertraut haben. Wenn dem so ist, führe mich zu dieser Quelle, Akte! Nun ich dich gesehen habe, möchte ich ewig leben und immer dich sehen.
Ach, ich bin keine Göttin, antwortete Akte, und die Quelle der Helena besitzt keine Wunderkraft. Doch hast du dich über die Lage nicht getäuscht, hier, wenige Schritte von uns, stürzt sie von einem Felsen ins Meer.
Dann ist der Tempel daneben der Neptunstempel?
Ja, und diese Fichtenallee führt zum Rennplatz. Früher, sagt man, habe jedem Baum eine Bildsäule gegenübergestanden; aber Mummius hat sie weggenommen, und so haben sie für immer mein Vaterland für das deinige vertauscht. Willst du diese Allee hinabgehen, Lucius? fuhr das Mädchen lächelnd fort, sie führt zum Hause meines Vaters.
Was denkst du von diesem Anerbieten, Sporus? sagte der junge Mann, indem er die Mundart wechselte und lateinisch sprach.
Daß du nicht an der Beständigkeit deines Glückes zweifeln darfst.
Wohlan, so will ich ihm noch dieses Mal vertrauen, denn noch nie ist es mir in einer so hinreißenden und berückenden Gestalt erschienen wie heute. Dann nahm er den jonischen Dialekt wieder auf, den er vollkommen rein sprach. – Führe uns, Mädchen, sagte Lucius, wir wollen dir folgen, und du, Sporus, befiehl dem Lybikus, daß er über Phöbe wachen soll. Akte ging voran, während der Jüngling zu dem Schiffe zurückkehrte, um den Befehl seines Herrn auszurichten. Als sie bei dem Rennplatz angekommen waren, blieb sie stehen und sagte zu Lucius: Siehst du, hier ist der Ringplatz. Er ist mit Sand bestreut und wohl vorbereitet, denn übermorgen beginnen die Spiele. Rechts auf der anderen Seite des Flusses am Ende der Fichtenallee ist das Hippodrom, wo am zweiten Tage die Wagenrennen stattfinden. Dort in der Richtung nach der Burg hin liegt auf halber Höhe des Hügels das Theater, wo um den Sängerpreis gestritten wird. Um welchen der drei Preise wird sich Lucius bewerben?
Um alle drei, Akte.
Du bist ehrgeizig, junger Mann.
Die Zahl drei ist den Göttern wohlgefällig, sagte Sporus, der seinen Gefährten eben eingeholt hatte. Geleitet von ihrer schönen Wirtin, gingen die Reisenden weiter. In der Nähe der Stadt blieb Lucius stehen.
Was ist das für ein Brunnen, und was sind das für zerbrochene Bildwerke? sagte er. Sie scheinen der besten Zeit griechischer Kunst anzugehören.
Es ist der Brunnen der Pyrene, deren Tochter hier von Diana getötet wurde, antwortete Akte. Als die Göttin sah, wie schmerzlich die Mutter ihr Kind beweinte, verwandelte sie diese in einen Quellbrunnen. Die Bildwerke sind von Lysippos, einem Schüler des Phidias.
Schau her, Sporus, rief der junge Mann mit der Leier begeistert aus. Welch herrlicher Ausdruck liegt in diesen Gestalten! Hier ist der Kampf des Ulysses mit den Freiern der Penelope dargestellt, nicht wahr? Sieh doch, wie prächtig dieser Verwundete stirbt, wie er sich vor Schmerzen krümmt. Der Stich sitzt unterhalb des Herzens; wäre er nur wenige Linien höher getroffen, so hätte er keinen Todeskampf gehabt. Oh! der Bildhauer war ein trefflicher Künstler, der sein Handwerk wohl verstand. Ich werde diesen Marmor nach Rom oder nach Neapel bringen lassen. Ich will ihn in meinem Atrium haben. Noch nie habe ich einen lebenden Menschen unter solchen Leiden verscheiden sehen.
Er ist ein Zeuge unserer früheren Herrlichkeit, sprach das Mädchen. Die Stadt ist eifersüchtig und stolz darauf; wie eine Mutter, die ihre schöneren Kinder verloren hat, umfaßt sie die inniger, die ihr noch geblieben sind. Ich glaube kaum, daß du reich genug bist, diese Trümmer zu kaufen.
Kaufen! antwortete Lucius mit einem Ausdruck unsäglicher Verachtung; wozu kaufen, wenn ich nur zu nehmen brauche? Ich will diesen Marmor, und er ist mein, mag auch die ganze Stadt Korinth nein dazu sagen. Sporus drückte seinem Herrn die Hand.
Wenn nicht, fuhr dieser fort, die schöne Akte den Wunsch ausspricht, daß dieser Marmor in ihrem Vaterlande bleibe.
Ich verstehe ebensowenig, wie dir als wie mir solche Macht zukommt, Lucius, aber ich danke dir dafür. Laß uns diese Trümmer, Römer, und vollende nicht das Werk deiner Väter. Sie kamen als Sieger ins Land, du nahst als Freund. Was sie in Grausamkeit verübten, wäre von dir Gotteslästerung.
Beruhige dich, schönes Mädchen, sagte Lucius. Ich finde, daß es in Korinth noch köstlichere Dinge zu holen gibt als das Relief des Lysippos, das doch nur von Marmor ist. Als Paris nach Lacedämonien kam, entführte er nicht die Statue der Minerva oder der Diana, sondern Helena, die schönste der Spartanerinnen. – Akte senkte die Augen unter dem glühenden Blick, mit dem Lucius sie betrachtete. Sie ging weiter und trat in die Stadt ein; die beiden Römer folgten ihr.
In Korinth herrschte wieder die rege Tätigkeit längstvergangener Zeiten. Die Ankündigung der Spiele, die hier stattfinden sollten, hatten Teilnehmer aus ganz Griechenland und aus Sizilien, Ägypten und Asien herbeigeführt. In jedem Hause waren Gäste, und die Neuangekommenen hätten wohl schwerlich ein Unterkommen gefunden, wenn ihnen nicht Merkur, der Gott der Reisenden, das gastfreundliche junge Mädchen entgegengeführt hätte. Von ihr geleitet, schritten sie über den Marktplatz der Stadt, wo in buntem Durcheinander alle möglichen Waren zum Verkauf ausgestellt waren: Papyrus und Leinwand aus Ägypten, Elfenbein von Lybien, Leder aus Kyrene, Weihrauch und Myrrhen aus Syrien, Teppiche aus Karthago, Datteln aus Phönizien, Pferde aus Selinunt, keltiberische Schwerter, gallische Korallen und Karfunkelsteine.
Ihr Weg führte sie über einen Platz, auf dem ehemals die Statue der Minerva stand, ein Meisterwerk des Phidias, das aus Verehrung für den großen Künstler nicht wieder ersetzt worden war. Dann bogen sie in eine auf diesen Platz mündende Straße und traten nach wenigen Schritten vor einen Greis, der auf der Schwelle seines Hauses stand.
Vater, sprach das Mädchen, hier ist ein Gast, den Jupiter dir sendet. Ich bin ihm begegnet, als er ans Land stieg, und habe ihm Gastfreundschaft angeboten.
Sei willkommen, junger Mann mit dem goldenen Bart, antwortete Amykles, indem er mit der einen Hand die Türe seines Hauses öffnete und die andere Lucius darbot.
II
Am folgenden Tage, nachdem sich dem jungen Römer die Pforte von Amykles' Hause geöffnet hatte, saßen Lucius, Akte und ihr Vater im Triklinium, wo das Mahl bereitet war, um einen Tisch und wollten eben durch die Würfel entscheiden, wer der König des Festes sein sollte. Der Greis und das Mädchen hatten dem Gaste die Ehre angeboten, aber der Fremde wies den Kranz zurück, sei es, daß ihn eine Regung von Aberglauben oder von Ehrerbietung dazu bestimmte. Die Würfel wurden herbeigebracht und der Becher zuerst dem Amykles gereicht, der den Wurf des Herkules tat. Dann kam die Reihe an Akte, sie traf den Wurf des Wagens. Endlich ging der Becher in die Hände des jungen Mannes über, er ergriff ihn mit sichtbarer Ungeduld, schüttelte ihn lange, warf dann, zitternd vor Erregung, die Würfel auf den Tisch und stieß einen Freudeschrei aus, als er das Ergebnis sah. Ihm war der Wurf der Venus gelungen, der alle anderen übertraf.
Sieh her, Sporus, rief er in lateinischer Sprache, die Götter sind wirklich mit uns, Jupiter vergißt nicht, daß er das Haupt meines Hauses ist. Der Wurf des Herkules, des Wagens und der Venus! Kann man sich eine glücklichere Zusammenstellung denken für einen Mann, der um den Preis im Wettkampf, beim Wagenrennen und im Gesang ringen will; am Ende ist mir für den letzteren ein doppelter Sieg verheißen!
Du bist an einem glücklichen Tage geboren, antwortete der Jüngling, und die Sonne hat dich berührt, ehe du die Erde berührtest. Dieses Mal wie immer wirst du deine Gegner besiegen.
Ach, antwortete seufzend der Greis, indem er sich der Sprache des Fremden bediente, es gab eine Zeit, wo Griechenland dir ebenbürtige Gegner zum Kampf gestellt hätte. Aber es ist lange her, seit Milon von Kroton sechsmal bei den pythischen Spielen gekrönt wurde und der Athener Alkibiades sieben Wagen zu den olympischen Spielen sandte und viermal den Preis davontrug. Mit seiner Freiheit hat Griechenland auch seine Kunst und seine Kraft verloren, und seit Cicero schickt Rom seine Söhne, um uns die Siegespalmen zu entreißen. Möge Jupiter dich beschützen, dessen Stammes du dich rühmst, junger Mann! Nach der Ehre, einen meiner Mitbürger den Sieg davontragen zu sehen, kenne ich keine größere Freude, als wenn das Schicksal meinen Gast begünstigt. So trage denn die Blütenkrone, bis der Lorbeer dich schmückt!
Akte ging hinaus und kam sogleich mit den Kränzen zurück. Myrte und Safran bot sie dem Lucius, ihrem Vater einen Efeukranz, sich selbst setzte sie Lilien und Rosen aufs Haupt. Ein junger Sklave brachte noch größere Kränze, die sich die Tafelnden um den Hals legten. Dann ließ sich Akte auf der rechten Seite nieder, während Lucius den Ehrenplatz einnahm. Der Greis stand zwischen beiden, brachte den Göttern ein Dankopfer dar und sprach ein Gebet. Nun legte er sich ebenfalls nieder und sagte zu dem jungen Römer: Du siehst, mein Sohn, daß wir der Vorschrift der Dichter folgen: sie sagen, die Zahl der Gäste soll nie kleiner sein als die der Grazien und nie größer als die der Musen. Sklaven, bringet das erste Gericht!
Eine reichverzierte Schüssel wurde aufgetragen. Die Diener standen bereit, dem leisesten Wink zu gehorchen. Sporus legte sich seinem Herrn zu Füßen und bot ihm seine langen, weichen Haare zum Abwischen der Hände. Der Aufschneider begann seines Amtes zu walten. Als der zweite Gang aufgetragen wurde und der Appetit der Gäste einigermaßen befriedigt war, richtete der Greis seine Blicke auf Lucius und betrachtete mit dem Ausdruck des Wohlwollens das schöne Gesicht, dem das blonde Haar und der goldfarbene Bart ein fremdartiges Aussehen verliehen.
Du kommst von Rom? begann er dann.
Ja, mein Vater, antwortete der junge Mann.
Geradesweges?
Ich habe mich in Ostia eingeschifft.
Wachten die Götter immer gnädig über dem göttlichen Kaiser und seiner Mutter?
Immer.
Bereitet der Kaiser einen Kriegszug vor?
Kein Volk hat sich augenblicklich wider ihn erhoben. Der Kaiser ist der Herr der Welt und hat ihr den Frieden gegeben, der die Künste erblühen läßt. Er hat den Tempel des Janus geschlossen und zur Leier gegriffen, um die Götter zu Preisen.
Und fürchtet er nicht, daß andere regieren, während er singt?
O! rief Lucius mit zusammengezogenen Brauen, sagt man in Griechenland auch, daß der Cäsar noch ein Kind sei?
Nein, aber man fürchtet, daß er lange Zeit braucht, ein Mann zu werden.
Ich glaubte, daß er beim Begräbnis des Britannikus die Mannestoga angelegt habe?
Britannikus war schon lange vorher von Agrippina zum Tode verurteilt.
Ja, aber der Cäsar hat ihn getötet, dafür stehe ich euch; nicht wahr, Sporus?
Der Jüngling erhob das Haupt und lächelte.
Wie, er hat seinen Bruder ermordet? rief Akte angstvoll.
Er hat vollbracht, was seine Mutter wollte. Wenn du es nicht weißt, Mädchen, so frage deinen Vater, der in diesen Dingen so bewandert scheint, und vernimm, daß Messalina einen Soldaten absandte, der Nero in seiner Wiege umbringen sollte. Als er eben zu dem tödlichen Streich ausholte, fuhren zwei Schlangen aus dem Bett des Knaben empor und schreckten den Centurio in die Flucht. Nein, mein Vater, Nero ist keine Bestie wie Claudius, oder ein Narr wie Kaligula, oder ein Feigling wie Tiberius oder ein Komödiant wie Augustus.
Mein Sohn, sagte der Greis erschreckt, Hab' acht, daß du die Götter nicht beleidigst.
Reizende Götter, beim Herkules! rief Lucius aus, die sich von den anderen Menschen nur dadurch unterscheiden, daß sie ihre Laster und Jämmerlichkeiten in hervorragendem Maße besitzen.
Einige Augenblicke herrschte tiefe Stille nach diesen gotteslästerlichen Worten. Amykles und Akte sahen ihren Gast verwundert an. Noch war die unterbrochene Unterhaltung nicht wieder in Gang gekommen, als ein Sklave eintrat, der meldete, ein Bote des Prokonsuls Cnejus Lentulus harre draußen. Der Greis fragte, ob der Bote an ihn oder an seinen Gast gesandt sei. Der Sklave wußte darüber keinen Bescheid und führte den Liktor herein.
Er kam des Fremden wegen. Der Prokonsul hatte von der Ankunft eines Schiffes im Hafen gehört und erfahren, daß der Herr desselben sich um die Preise bewerben wolle. Nun ließ er ihm sagen, er möge in den Regierungspalast kommen, seinen Namen in die Liste der Teilnehmer einzeichnen und erklären, nach welchem der drei Preise er strebe. Der Greis und Akte hatten sich erhoben, um den Befehl des Prokonsuls zu vernehmen, Lucius hörte ihn an, ohne seine bequeme Lage zu verändern. Als der Liktor geendet hatte, zog Lucius aus seiner Brusttasche mit Wachs überzogene Elfenbeintäfelchen, schrieb auf eines derselben einige Zeilen mit einem Stift, drückte den Stein seines Ringes darauf und übergab die Antwort dem Liktor mit dem Befehl, sie Lentulus zu bringen. Dieser war darüber erstaunt und zögerte einen Augenblick. Da entließ ihn Lucius mit einer gebieterischen Handbewegung; der Soldat verbeugte sich und ging. Dann klatschte Lucius in die Hände, um seinen Sklaven herbeizurufen, reichte ihm seinen Becher, den der Mundschenk füllte, trank auf das Wohl des Wirtes und seiner Tochter und überließ Sporus den Rest.
Junger Mann, unterbrach der Greis die Stille, du nennst dich Römer, doch kann ich kaum daran glauben. Wenn du in der Kaiserstadt gelebt hättest, würdest du besser gelernt haben, den Befehlen der kaiserlichen Stellvertreter zu gehorchen. Der Prokonsul ist hier unumschränkter Herr und steht in demselben Ansehen wie Claudius Nero in Rom.
Hast du vergessen, daß die Götter mich zu Beginn des Festes für den Augenblick dem Kaiser gleichgestellt haben, indem sie mich zum König erwählten? Hast du je gesehen, daß ein König von seinem Thron herabstieg, um den Befehlen eines Prokonsuls nachzukommen?
So hast du dich geweigert? fragte Akte erschreckt.
Nein, aber ich habe Lentulus geschrieben, daß er sich herbemühen möge, wenn es ihn gelüste, meinen Namen zu erfahren und die Absicht, welche mich nach Korinth geführt hat.
Und glaubst du, daß er kommen wird? rief der Greis.
Ohne Zweifel, antwortete Lucius.
Hierher in mein Haus?
Hörst du? sagte Lucius.
Was denn?
Er ist hier und klopft an die Türe. Ich kenne das Geräusch der Liktorenbündel. Öffne, mein Vater, und laß uns allein!
Der Greis und seine Tochter standen verwundert auf und gingen selbst zur Türe; Lucius rührte sich nicht von seinem Lager.
Er hatte sich nicht getäuscht. Lentulus war es selbst, und seine schweißtriefende Stirn bezeugte, mit welchem Eifer er der Einladung des Fremden gefolgt war. Er fragte in erregtem Ton, wo der edle Lucius zu finden sei; als man ihm den Raum wies, wo er sich aufhalte, legte er seine Toga ab und trat in das Triklinium, das sich hinter ihm schloß, und dessen Türe die Viktoren bewachten. Niemand erfuhr, was sich bei dieser Begegnung ereignete. Erst nach Verlauf einer Viertelstunde verließ der Konsul das Haus, und Lucius gesellte sich mit ruhig lächelndem Antlitz zu Amykles und Akte, die in der Säulenhalle auf und ab wandelten.
Mein Vater, sagte er, der Abend ist schön, möchtest du deinen Gast nicht bis zur Burg geleiten, von der man eine wundervolle Aussicht haben soll? Auch bin ich neugierig zu sehen, ob die Befehle des Kaisers ausgeführt worden sind. Als er hörte, daß die Spiele in Korinth gefeiert werden sollten, schickte er die berühmte Statue der Venus zurück, damit die Göttin den Römern gnädig sei, die gekommen sind, mit euch um die Kränze zu ringen.
Ach! mein Sohn, antwortete Amykles, ich bin zu schwach und kann dir nicht mehr als Führer auf den Berg dienen. Aber hier ist Akte, leichtfüßig wie eine Nymphe, sie wird dich begleiten.
Ich danke dir, mein Vater; darum wagte ich nicht zu bitten, weil ich fürchtete, Venus möchte auf die Schönheit deiner Tochter eifersüchtig werden, und könnte sich dafür an mir rächen. Nun du selbst mir diese Gunst anbietest, habe ich den Mut, sie anzunehmen. Akte lächelte errötend; auf ein Zeichen ihres Vaters holte sie ihren Schleier und kam so schamhaft verhüllt zurück wie eine römische Matrone.
Hat meine Schwester ein Gelübde getan, sagte Lucius, oder ist sie, ohne daß ich es wußte, Priesterin der Minerva, Diana oder Vesta?
Nein, mein Sohn, sagte der Greis, indem er seinen Arm ergriff und ihn beiseite führte, aber, wie du weißt, ist Korinth die Stadt der Kurtisanen. Zum Andenken daran, daß ihre Fürsprache die Stadt bei der Eroberung durch Xerxes gerettet hat, haben wir sie in einem Gemälde verewigen lassen, wie die Athener ihre Helden nach der Schlacht bei Marathon. Seitdem sind wir immer dafür besorgt, daß es uns daran nicht fehle, und wir kaufen sie in Byzanz, auf den griechischen Inseln, selbst in Sizilien. Sie sind leicht zu erkennen an ihrem unverhüllten Gesicht und an dem entblößten Busen. Beruhige dich, Akte ist weder eine Priesterin der Minerva noch der Diana oder Vesta, aber sie fürchtet, daß man sie für eine Jüngerin der Venus halten könnte. Dann fuhr er mit erhobener Stimme fort: Geht, meine Kinder, und du, meine Tochter, zeige unserm Gast von der Höhe des Hügels alle die Orte, welche die großen Erinnerungen Griechenlands bewahren. Das einzige Gut, das dem Sklaven bleibt und welches ihm seine Herren nicht rauben können, ist die Erinnerung an die Zeit seiner Freiheit.
Lucius und Akte machten sich auf den Weg; nach wenigen Schritten hatten sie das nördliche Stadttor erreicht und bogen in die Straße ein, die nach der Burg führte. Obwohl sie aus der Ferne kaum fünfhundert Schritt von der Stadt entfernt schien, machte der Weg doch so viele Windungen, daß sie beinahe eine Stunde brauchten, um dahin zu gelangen. Zweimal hielt Akte unterwegs an, das eine Mal um ihrem Begleiter das Grab von Medeas Kindern zu zeigen, das andre Mal führte sie ihn an die Stelle, wo Bellerophon von Minerva den Pegasus empfing. Endlich kamen sie auf der Burg an und bemerkten am Eingang eines Tempels die Statue der Venus in glänzendem Schmuck; an ihrer rechten Seite war das Symbol der Liebe angebracht, links das des Sonnengottes, der zuerst in Korinth verehrt wurde. Lucius verneigte sich und verrichtete sein Gebet.
Nachdem sie so ihrer religiösen Pflicht genügt hatten, schlugen die jungen Leute einen Fußpfad ein, der quer durch den heiligen Hain auf die Spitze des Berges führte. Die Korintherin schritt voran wie Venus, als sie Aeneas auf den Weg nach Karthago leitete, Lucius folgte dicht hinter ihr und atmete den Duft, der ihren Haaren entströmte. Beim Verlassen der Stadt hatte sie den Schleier zurückgeschlagen und achtlos auf die Schultern herabgleiten lassen. Von Zeit zu Zeit wandte sie sich um, dann verschlang er mit leuchtenden Blicken das reizende Gesicht, das vom Gehen angenehm belebt war, und den jugendlichen Busen, der sich beim Atmen unter der leicht verhüllenden Tunika hob und senkte. Je höher sie stiegen, um so mehr gewann das Panorama an Ausdehnung. Endlich, als sie die Höhe des Hügels erreicht hatten, blieb Akte unter einem Maulbeerbaum stehen, an dessen Stamm sie sich lehnte, um Atem zu schöpfen. Hier sind wir am Ziele, sagte sie zu Lucius. Was denkst du von dieser Aussicht? Kommt sie nicht der von Neapel gleich?
Der Römer näherte sich ihr, ohne zu antworten, schlang seinen Arm um einen Zweig des Baumes, um sich zu stützen, und anstatt in die Landschaft hinauszusehen, betrachtete er Akte mit so liebeglühenden Blicken, daß das Mädchen sich lebhaft erröten fühlte und, um ihre Verwirrung zu verbergen, rasch zu sprechen fortfuhr:
Sieh nach Osten! sagte sie; obwohl die Dämmerung schon niederzusinken beginnt, ist dort als weißer Punkt die Burg von Athen sichtbar, und das Vorgebirge Sunium zeichnet sich wie eine eherne Lanzenspitze von dem Azurblau der Wogen ab; näher bei uns erhebt sich in der Mitte des Saronischen Meeres eine hufeisenförmige Insel, das ist Salamis, wo Äschylos kämpfte und Xerxes geschlagen wurde; mehr im Süden, in der Richtung auf Korinth zu, etwa zweihundert Stadien von hier entfernt, ist Nemea, wo Herkules den Löwen tötete, dessen Haut er als Siegeszeichen immer bei sich trug; dort in der Ferne, am Fuße der Gebirgskette, die den Horizont begrenzt, liegt Epidaurus, das dem Äskulap teuer war, und dahinter Argos, die Heimat des Königs der Könige. Im Westen, ganz in den Goldglanz der untergehenden Sonne getaucht, bemerkst du Samos und Ithaka am Ende der reichen Ebene von Sicyon und jenseits der blauen Linie, welche das Meer bildet, das dort wie ein Wolkenstreif erscheint.
Wenn du dann Korinth den Rücken wendest und nach Norden blickst, hast du rechts den Cytheron, wo Ödipus ausgesetzt wurde, links Leuktra, wo Epaminondas die Lacedämonier schlug, und uns gegenüber Platää, wo Aristides und Pausanias die Perser besiegten. Mehr gegen die Mitte zu, am Ende jener Gebirgskette, die von Attika nach Ätolien läuft, ist der Helikon mit seinen Zedern, Myrten und Lorbeerhainen und der Parnaß mit seinen zwei schneebedeckten Gipfeln, zwischen denen die kastalische Quelle fließt, welche von den Musen die Wunderkraft empfing, denen, die daraus trinken, Dichtergaben zu verleihen.
Ja, sagte Lucius, dein Vaterland ist das Land der großen Erinnerungen, und es ist zu bedauern, daß nicht alle seine Kinder sie mit solcher Treue bewahren wie du, junges Mädchen; aber tröste dich, wenn Griechenland auch nicht mehr Herrscherin ist durch seine Macht, so wird es doch immer herrschen durch die Schönheit, und es gibt keine Herrschaft, die sanfter und zugleich unwiderstehlicher wäre.
Akte griff nach ihrem Schleier, aber Lucius hielt ihre Hand zurück. Die Korintherin erbebte, hatte jedoch nicht den Mut, sie zurückzuziehen. Sie fühlte, wie eine leichte Wolke sich vor ihre Augen legte, ihre Kniee wankten, und sie lehnte sich an den Stamm des Maulbeerbaumes, um sich zu stützen.
Es war jene liebliche Abendstunde, wo die Herrschaft des Tages gebrochen ist, aber die Nacht noch nicht völlig gesiegt hat. Die Dämmerung, die über dem östlichen Horizont lag, hüllte den Archipel und Attika in Schatten, während auf der entgegengesetzten Seite das Jonische Meer mit seinen feuerfarbenen Wogen und der goldglänzende Himmel ineinanderflossen und nur durch die Sonne getrennt schienen, die jetzt wie ein großer, in der Esse erglühter Schild aussah, dessen unteres Ende im Wasser zu verlöschen begann. Von fernher drang gedämpft der Lärm der Stadt, wie das Summen eines Bienenschwarms. Jedes Geräusch verstummte nach und nach in Berg und Tal. Nur hier und da ertönte noch der eintönige Gesang eines Hirten vom Cytheron oder der Ruf eines Schiffers, der im Saronischen Meer oder im Golf von Crissa seine Barke ans Land zog. Die Insekten begannen leise im Grase zu summen, und Tausende von Leuchtkäfern schwärmten wie glitzernde Funken durch die weiche Abendluft. Man fühlte, daß die Natur, von ihrem Tagewerk erschöpft, nach und nach in Schlummer sank, und daß in wenigen Augenblicken alles still sein werde, um ihre wohlige Ruhe nicht zu stören.
Auch die jungen Leute überließen sich dieser ihren eigenen Gefühlen entsprechenden Stimmung und waren in Stillschweigen versunken, als plötzlich vom Hafen von Lesche her ein so eigentümlicher Schrei die Luft durchdrang, daß Akte erzitterte. Der Römer wandte rasch den Kopf und blickte zum Strande hinab, wo sein Schiff wie eine goldene Nußschale auf den Wellen schaukelte. Von Angstgefühl ergriffen, raffte sich das junge Mädchen auf und wollte zur Stadt zurückfliehen. Aber Lucius hielt sie auf. Wortlos fügte sie sich und wie von einer höheren Macht besiegt, stützte sie sich wieder auf den Baum oder vielmehr auf seinen Arm, den er, ohne daß sie es bemerkt, um ihre Taille gelegt hatte, ließ den Kopf nach rückwärts sinken und starrte unter den halbgeschlossenen Lidern zum Himmel empor, während ihre Lippen leicht geöffnet blieben.
Lucius betrachtete entzückt die reizende Gestalt, die in seinem Arm ruhte, und obwohl sie fühlte, wie die Augen des Römers sie mit versengenden Strahlen umfingen, hatte sie doch nicht die Kraft, sich ihnen zu entziehen, bis ein zweiter Schrei, viel näher und schrecklicher als vorher, die süße Abendstille durchschnitt und Akte zum Bewußtsein zurückrief.
Laß uns fliehen, Lucius! rief sie entsetzt, irgend ein wildes Tier irrt in den Bergen umher. Laß uns fliehen, wir brauchen nur den heiligen Hain zu durchschreiten, dann sind wir im Tempel der Venus oder in der Burg. Komm, Lucius, komm!
Lucius lächelte.
Fürchtet sich Akte, wenn ich bei ihr bin? Ich fühle nur, daß ich für Akte mit all den Ungeheuern ringen möchte, die Theseus und Herkules und Kadmus bekämpft haben.
So weißt du, was für ein Geräusch das ist? fragte das junge Mädchen zitternd.
Ja, antwortete Lucius lächelnd, es ist das Brüllen eines Tigers.
Jupiter! schrie Akte und flüchtete in die Arme des Römers. Jupiter, beschütze uns!
In der Tat erschütterte ein noch schrecklicherer dritter Schrei ganz aus der Nähe die Luft. Lucius antwortete mit einem ähnlichen Ruf, gleich darauf brach eine Tigerin aus dem Gehölz hervor, hielt einen Augenblick an, indem sie sich auf den Hinterpfoten aufrichtete wie unschlüssig, welchen Weg sie nehmen sollte; Lucius ließ ein leises Pfeifen hören. Das mächtige Tier zerteilte das Myrten- und Oleandergebüsch wie ein Hund den Nebel und stürzte mit einem Freudengeheul auf ihn zu. In demselben Augenblick fühlte der Römer die Last der jungen Korintherin auf seinem Arm, sie war, ohnmächtig und halb tot vor Schrecken, umgesunken.
Als Akte wieder zur Besinnung kam, befand sie sich in Lucius' Armen; die Tigerin ruhte zu ihren Füßen und schmiegte ihren schrecklichen Kopf, dessen Augen wie Karfunkelsteine blitzten, schmeichelnd an die Kniee ihres Herrn. Bei diesem Anblick verbarg das Mädchen ihr Gesicht an der Schulter ihres Geliebten, halb aus Schreck, halb aus Scham, und streckte die Hand nach dem entfallenen Gürtel aus, der wenige Schritte entfernt am Boden lag. Lucius verstand diese Regung der Keuschheit, löste den schweren Goldreif vom Halse der Tigerin, woran sich noch ein Glied der Kette befand, die sie zerrissen hatte, und legte ihn um die zarte, biegsame Gestalt seiner jungen Freundin.
Dann hob er den Gürtel auf, befestigte das eine Ende des Bandes um den Hals des Tieres und gab das andere dem Mädchen in die zitternde Hand. Darauf erhoben sich beide und gingen schweigend in die Stadt zurück. Akte stützte sich mit der einen Hand auf Lucius' Schulter, mit der anderen führte sie die sanfte, gelehrige Tigerin, die ihr so große Furcht eingeflößt hatte.

Beim Eingang in die Stadt begegneten sie dem nubischen Sklaven, dem befohlen war, über die Tigerin zu wachen; er war ihr an das Land gefolgt, hatte sie aber in dem Augenblick aus dem Gesicht verloren, wo das Tier die Fährte seines Herrn wiederfand und in der Richtung nach der Burg davonrannte. Als er Lucius erblickte, warf er sich vor ihm auf die Kniee und neigte sein Haupt, um die Strafe zu empfangen, die er verdient zu haben glaubte. Aber Lucius war in diesem Augenblicke zu glücklich, um grausam zu sein; auch blickte Akte mit flehend erhobenen Händen zu ihm auf.
Erhebe dich, Lybikus, sagte der Römer, für dieses Mal sei dir verziehen, doch wache in Zukunft besser über Phoebe. Du bist schuld, daß diese schöne Nymphe sich so sehr geängstigt hat, daß sie zu sterben meinte. Nun, meine Ariadne, übergib deine Tigerin ihrem Wächter. Ich werde dir ein Paar vor einen Wagen aus Gold und Elfenbein spannen, und so will ich dich durch das Land führen, und man soll dich wie eine Göttin verehren.
Geh, Phoebe, geh, es ist gut.
Aber die Tigerin wollte durchaus nicht fort, sie blieb vor Lucius stehen, richtete sich an ihm empor, legte ihre Tatzen auf die Schultern und leckte ihn mit der Zunge, indem sie dabei leise zärtliche Laute hervorbrachte.
Ja, ja, sagte Lucius halblaut, du bist ein edles Tier. Wenn wir wieder in Rom sind, will ich dir eine schöne Christensklavin mit ihren Kindern zu verzehren geben. Geh, Phoebe, geh!
Die Tigerin gehorchte, wie wenn sie das blutige Versprechen verstanden hätte, und folgte Lybikus, doch nicht ohne noch zwanzigmal den Kopf nach ihrem Herrn umzuwenden. Erst als dieser mit der bleichen, zitternden Akte hinter dem Stadttore verschwunden war, entschloß sie sich ohne Widerstand, den goldenen Käfig aufzusuchen, den sie an Bord des Schiffes bewohnte.
In der Vorhalle seines Wirtes traf Lucius den Haussklaven, der ihn erwartete, um ihn in sein Gemach zu führen. Der junge Römer drückte Akte die Hand und folgte dem Sklaven, der mit der Lampe voranleuchtete. Die schöne Korintherin ging, nach ihrer Gewohnheit ihrem Vater »Gute Nacht« zu sagen. Als dieser sie so blaß und erregt sah, fragte er, welche Angst sie quäle.
Da erzählte sie, welchen Schrecken ihr Phoebe verursacht habe, und wie gehorsam dieses furchtbare Tier dem leisesten Winke des Lucius gewesen sei. Der Greis war einen Augenblick nachdenklich, dann wurde er unruhig und sagte:
Was ist das für ein Mensch, der mit Tigern spielt, Prokonsuln Befehle vorschreibt und die Götter lästert?
Akte neigte ihre kühlen, blassen Lippen auf die Stirn ihres Vaters, sie wagte kaum die weißen Haare des Greises zu berühren; dann zog sie sich in ihr Zimmer zurück. Ganz hingerissen von dem Erlebnis des Tages, wußte sie nicht mehr, ob es Wahrheit oder Traum gewesen, und griff mit ihren Händen nach ihrem Körper, um sich zu überzeugen, daß sie ganz wach sei. Da fühlte sie unter ihren Fingern den goldenen Reif, der ihren jungfräulichen Gürtel ersetzte. Als sie ihn der Lampe näherte, las sie darauf die Worte, die ihr ganzes Denken erfüllten:
Ich gehöre dem Lucius.
III
Während der folgenden Nacht wurden Opfer dargebracht; die Tempel waren mit Blumenguirlanden reich geschmückt wie zu den großen vaterländischen Festen. Sobald die heiligen Zeremonien beendet waren, stürzte das Volk nach dem Gymnasium, obwohl es erst ein Uhr morgens war; so heftig war der Wunsch, die Spiele wiederzusehen, welche die Zeit der Kraft und Größe Griechenlands in das Gedächtnis zurückriefen.
Amykles gehörte zu den acht erwählten Schiedsrichtern; in dieser Eigenschaft war ihm ein Platz vorbehalten gegenüber dem des römischen Prokonsuls. Er kam erst im letzten Augenblick, ehe die Spiele ihren Anfang nahmen. Am Eingang traf er Sporus, der seinen Herrn aufsuchen wollte, und den die Wachen nicht einließen, weil sie ihn wegen seines weißen Gesichts, seiner zarten Hände und des lässigen Ganges für eine Frau hielten, und ein altes Gesetz, das wieder in Kraft getreten war, jede Frau zum Tode verurteilte, die es wagen sollte, den Spielen anzuwohnen, bei denen die Athleten nackt kämpften. Der Greis verbürgte sich für den Jüngling, und dieser konnte seinen Herrn einholen, nachdem er einige Augenblicke zurückgehalten worden war.
Das Gymnasium glich einem Bienenkorb. Von oben bis unten saßen die Besucher dicht gedrängt in den Reihen; die Zugänge schienen durch eine lebendige Mauer verschlossen, und die ganze Bekrönung des Gebäudes war von einer Reihe stehender Zuschauer überragt, die einander festhielten und deren einzige Stützpunkte die vergoldeten Balken waren, die je zehn Fuß voneinander entfernt standen und das Velarium trugen. Viele schwärmten noch wie Bienen um die Eingänge dieses ungeheuren Schiffes, darin nicht nur die Bevölkerung von Korinth verschwunden war, sondern auch die Abgesandten aus aller Welt, die zu diesen Festen herbeikamen. Nur die Frauen hielten sich fern und warteten an den Toren oder auf den Mauern der Stadt, bis der Name des Siegers ausgerufen würde.

Sobald Amykles Platz genommen hatte, war die Zahl der Preisrichter voll; da erhob sich der Prokonsul und erklärte im Namen des Cäsar Nero, des römischen Kaisers und Herrn der Welt, die Spiele für eröffnet. Diese Worte wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen, und alle Augen wandten sich der Pforte zu, an welcher die sieben Kämpfer warteten. Nur zwei von ihnen waren aus Korinth; unter den fünf anderen waren ein Thebaner, ein Syrakusaner, ein Sybarite und zwei Römer.
Die zwei Korinther waren Zwillingsbrüder, sie traten mit verschlungenen Armen vor, trugen dieselbe Tunika und waren sich an Wuchs, Haltung und Gesicht so ähnlich, daß bei ihrem Anblick alles in die Hände klatschte. Der Thebaner war ein junger Hirte, der einst auf dem Cytheron seine Herde weidete, da sah er plötzlich einen Bären kommen, dem er sich ohne Waffen entgegenstellte, und Schulter an Schulter rang er so kraftvoll mit dem fürchterlichen Gegner, bis er ihn erstickt hatte. Zur Erinnerung an diesen Sieg trug er die Haut des Tieres um seine Schultern, während ihm der Kopf als Kapuze diente und mit den blanken Zähnen sein sonnengebräuntes Antlitz umrahmte. Der Syrakusaner hatte von seiner Kraft einen nicht minder erstaunlichen Beweis gegeben. Eines Tages, da seine Mitbürger dem Jupiter ein Opfer darbrachten, ward der dazu erlesene Stier schlecht getroffen und stürzte sich, mit Blumen gekränzt und mit den heiligen Binden geschmückt, wütend unter die Menge. Schon hatte er mehrere Menschen unter seine Füße getreten, da faßte ihn der Syrakusaner bei den Hörnern, die er mächtig auseinanderbog, zwang das Tier auf die Seite nieder und hielt es so lange unter sich, bis ein Söldner ihm das Messer in die Kehle gestoßen hatte. Auch der junge Sybarite, der sich seiner Kraft lange nicht bewußt gewesen, hatte sie bei einer ebenso abenteuerlichen Gelegenheit schätzen gelernt. Auf Purpurkissen schwelgte er einst mit seinen Freunden an einer üppigen Tafel, als plötzlich von der Straße her erschütterndes Geschrei erscholl. Zwei feurige Pferde waren scheu geworden und rannten mit einem Wagen davon, der an der nächsten Straßenecke zerschellen mußte. In diesem Wagen saß seine Geliebte. Ohne sich zu besinnen, sprang er aus dem Fenster und hielt den Wagen hinten mit solcher Gewalt fest, daß die Pferde sogleich stillstanden, sich bäumten und eines stürzte. Beglückt schloß der junge Mann seine Geliebte in die Arme, die vor Schreck ohnmächtig geworden, im übrigen aber unverletzt geblieben war. Von den beiden Römern war der eine ein Ringkämpfer von Beruf, der bereits mehrfach ehrenvolle Triumphe errungen hatte, der andere war Lucius.
Die Richter legten sieben Zettel in eine Urne; zwei waren mit A, zwei mit B, zwei mit C und der letzte mit D bezeichnet. So sollte das Schicksal drei Paare bilden und der letzte übrig bleiben, damit er die Sieger bekämpfe. Der Prokonsul mischte selbst die Zettel, dann traten die sieben Fechter herzu, jeder griff in die Urne, zog einen Zettel und übergab ihn dem Vorsitzenden der Spiele, der ihn öffnete und von seinem Inhalt Kenntnis nahm. Der Zufall wollte, daß die Korinther beide A, der Thebaner und der Syrakusaner B, der Sybarite und der Athlet C und Lucius D zogen. Die Athleten, die noch nicht wußten, in welcher Reihenfolge sie kämpfen sollten, entkleideten sich, nur Lucius blieb in seinen Mantel gehüllt. Der Prokonsul rief die beiden A aus, sogleich sprangen die beiden Brüder vom Eingang her in die Mitte der Arena. Als sie sich gegenüberstanden, entriß ihnen die Überraschung einen Schrei, dem die Versammlung mit einem erstaunten Murmeln antwortete. Nur einen kurzen Augenblick standen sie unbeweglich und zögerten, dann schlossen sie einander in die Arme. Das ganze Theater hallte wieder von einstimmigem Beifall, und unter dieser geräuschvollen Huldigung, die der brüderlichen Liebe dargebracht wurde, zogen sich die beiden schönen jungen Männer zurück, um ihren Rivalen das Feld zu überlassen; Arm im Arm wie Kastor und Pollux schauten sie hierauf dem Kampfe zu, an dem sie hätten teilnehmen sollen.
Das zweite Paar kam nun zuerst an die Reihe. Der Thebaner und der Syrakusaner näherten sich, der Bärenbezwinger maß den Stierbändiger mit den Augen, dann stürzten sie plötzlich aufeinander los. In einem Augenblick waren ihre Körper so fest ineinander verschlungen, daß sie am Boden rollten wie ein knorriger, unförmiger Baumstamm, den die Natur in einem launischen Moment gebildet und ein Blitzstrahl entwurzelt hatte. Während einer Sekunde konnte man inmitten der dichten Staubwolke nichts unterscheiden, so gleich kamen sich die Aussichten der beiden Ringer, die ebenso rasch das eine Mal oben, das andre Mal unten waren. Endlich gewann der Thebaner die Oberhand, stemmte sein Knie auf die Brust des Syrakusaners und umklammerte dessen Hals wie mit einem ehernen Ring; so heftig würgte er ihn, daß dieser seine Hand erheben mußte zum Zeichen, daß er sich für besiegt erkläre. Der einstimmige Beifall, den die Entscheidung des ersten Kampfes entfesselte, bewies, mit welcher Begeisterung die Griechen dem Schauspiel folgten. Unter den dreimal wiederholten Jubelrufen nahm der Sieger unter der Loge des Prokonsuls Platz, während sein Gegner niedergeschlagen zur Eingangshalle zurückkehrte, die das dritte Paar der Kämpfer eben verließ.
Ein prächtiger Anblick bot sich den Zuschauern, als sie ihre Kleider ablegten und von den Sklaven mit Öl gesalbt wurden. Diese beiden von der Natur so verschieden gebildeten Männer stellten die zwei schönsten Typen des Altertums dar, der Athlet mit seinen kurzen Haaren und braunen muskulösen Gliedern den des Herkules, der Sybarite mit dem weichen Lockengeringel und den weißen, rundlichen Körperformen den des Antinous. Die Griechen, die für körperliche Vorzüge so empfänglich waren und die vollendete Schönheit der Form schwärmerisch verehrten, ließen ein Murmeln der Bewunderung hören, das die beiden Gegner zu gleicher Zeit aufschauen ließ. Ihre hochmütigen Blicke trafen sich wie Blitze, und ohne zu warten, bis die Vorbereitungen beendet waren, entrissen sie sich den Händen ihrer Sklaven und gingen einander entgegen. Aus einer Entfernung von drei bis vier Schritt betrachteten sie sich von neuem mit Aufmerksamkeit, und jeder erkannte in seinem Gegner einen würdigen Rivalen, denn die Augen des einen nahmen einen Ausdruck von Mißtrauen, die des andern den Ausdruck der List an. Dann ergriffen sie sich plötzlich bei den Armen und preßten die Stirnen gegeneinander wie kämpfende Stiere; so versuchten sie zunächst ihre Kraft, indem sie einander zum Weichen zwingen wollten. Aber beide blieben unbeweglich auf ihrem Platze wie zwei Statuen, die nur Leben verrieten durch das fortgesetzte Schwellen ihrer Muskeln, die zu zerreißen drohten. Nach einer Minute wandten sich beide zurück, schüttelten die schweißüberströmten Köpfe und atmeten geräuschvoll wie Taucher, die an die Oberfläche des Wassers zurückkehren.
Eine kurze Pause folgte, dann gerieten die Gegner von neuem aneinander. Dieses Mal faßten sie mit den Armen nach dem Körper. Sei es nun, daß der Sybarite diese Kampfesweise nicht kannte, oder geschah es im Gefühl der Überlegenheit, er überließ den Vorteil seinem Gegner, indem er sich unter dem Arm ergreifen ließ. Augenblicklich hob ihn der Athlet in die Höhe, aber gebeugt unter dieser Last machte er schwankend drei Schritte nach rückwärts, und bei dieser Bewegung erreichte der Sybarite wieder den Boden mit den Füßen, er nahm alle Kraft zusammen und brachte den Athleten, welcher vorher schon wankte, zu Fall. Doch kaum hatte man Zeit gehabt zu bemerken, daß dieser den Boden berührte, so war er schon mit übernatürlicher Kraft und Leichtigkeit wieder emporgeschnellt, so daß der Sybarite sich erst nach ihm erhob.
Auch diesmal blieb der Sieg unentschieden. Da gingen die beiden Gegner mit erneuter Hartnäckigkeit aufeinander los, während rings tiefe Stille herrschte. Man hätte glauben können, die dreißigtausend Zuschauer seien aus Stein wie die Stufen, auf denen sie saßen. Nur von Zeit zu Zeit, wenn das Glück den einen oder den andern Ringer begünstigte, entrang sich den Lippen ein flüchtiges, dumpfes Gemurmel, und eine leichte Bewegung ward in der Menge bemerkbar, wie wenn ein Windhauch über ein Ährenfeld gleitet. Endlich verloren die Gegner zum zweiten Male das Gleichgewicht und lagen am Boden der Arena. Aber dieses Mal hatte der Athlet die Oberhand, doch wäre das nur ein geringer Vorteil gewesen, wenn er nicht außer seiner erstaunlichen Kraft auch alle Kunstgriffe völlig beherrscht hätte. So gelang es ihm, den Sybariten in der Lage zu erhalten, aus der er selbst sich vorher so rasch befreit hatte. Wie eine Schlange ihre Beute erstickt und zermalmt, bevor sie sie verzehrt, schlang er seine Arme und Beine mit solcher Geschicklichkeit um die seines Gegners, daß er dessen Bewegungen vollständig lähmte, und Stirn gegen Stirn gepreßt zwang er ihn mit dem Hinterkopf die Erde zu berühren, was für die Richter das entscheidende Merkmal der Niederlage war. Jetzt brach ein unbeschreiblicher Beifallsturm los. und obwohl der Sybarite besiegt war, durfte er doch seinen reichen Anteil daran nehmen. Seine Niederlage hatte so nahe an den Sieg gestreift, daß es niemand in den Sinn kam, sie ihm zur Schande zu rechnen. Langsam ging er zum Eingang zurück ohne Scham oder Verlegenheit; er hatte die Siegeskrone verloren, weiter nichts.
So blieben also zwei Sieger, mit denen Lucius kämpfen sollte. Alle Augen richteten sich auf den Römer, der, an eine Säule gelehnt und in seinen Mantel gehüllt, kühl und unbewegt den vorhergehenden Kämpfen zugeschaut hatte. Erst jetzt beachtete man seine weichen, weiblichen Züge, die langen, blonden Haare und den leichten, goldfarbenen Bart, der die untere Gesichtshälfte kaum bedeckte. Jeder lächelte über den schwachen Gegner, der so unklug sein wollte, mit dem starken Thebaner und dem geschickten Athleten um die Siegespalme zu streiten. Lucius erkannte die allgemeine Stimmung aus dem Murmeln, das sich in der ganzen Versammlung erhob. Ohne sich darum zu bekümmern, trat er einige Schritte vor und ließ seinen Mantel fallen. Jetzt bemerkte man, daß dieser Apollokopf auf einem kräftigen Nacken und mächtigen Schultern saß, und, was noch seltsamer war, dieser weiße Körper, dessen Haut eine Circassierin beschämen konnte, war mit braunen Flecken gesprenkelt, wie das Fell eines Panthers. Sorglos schaute der Thebaner auf seinen neuen Feind, aber der Athlet wich verblüfft einige Schritte zurück. Jetzt kam Sporus herzu, goß aus einer Flasche wohlriechendes Öl über die Schultern seines Herrn und rieb mittelst eines Purpurlappens den ganzen Körper damit ein.
Der Thebaner sollte zuerst kämpfen; voll Ungeduld, daß diese Vorbereitungen so lange dauerten, ging er Lucius einen Schritt entgegen, aber dieser streckte mit einer befehlenden Gebärde die Hand nach ihm aus, zum Zeichen, daß er noch nicht bereit sei, und im selben Moment ließ sich die Stimme des Prokonsuls vernehmen: Warte! Der junge Römer war jetzt gesalbt, es blieb ihm nur noch übrig, sich im Staube des Zirkus zu wälzen, wie es die Gewohnheit war. Statt dessen ließ er sich auf ein Knie nieder, und Sporus schüttete einen Sack Sand auf seine Schultern, der an den Ufern des Flusses Chrysorrhoas gesammelt und mit Goldstaub untermengt war. Nachdem diese letzte Vorbereitung vollendet war, erhob sich Lucius und öffnete die Arme zum Zeichen seiner Kampfbereitschaft.
Der Thebaner näherte sich voll Vertrauen, Lucius ließ ihn ruhig an sich herankommen; aber in dem Augenblick, wo die rauhen Hände des Gegners seine Schultern faßten, ging ein furchtbares Blitzen durch seine Augen, und er stieß einen Schrei aus, der an das Gebrüll eines Raubtieres erinnerte. Zugleich ließ er sich auf ein Knie nieder, umschlang mit seinen starken Armen die Flanken des Hirten unterhalb der Rippen und oberhalb der Hüften, dann verschränkte er seine Hände über dem Rücken des Gegners, preßte dessen Leib gegen seine Brust und erhob sich plötzlich, den Koloß in seinen Armen frei emporhaltend. Diese Bewegung war so rasch und geschickt ausgeführt worden, daß der Thebaner weder Zeit noch Kraft zum Widerstand fand und unversehens über dem Kopf seines Gegners schwebte, wo er mit den Händen in die Luft griff, aber nichts mehr erreichen konnte. Jetzt sahen die Griechen den Kampf des Herkules mit dem Antäus sich erneuern. Der Thebaner stützte seine Arme auf Lucius' Schultern, und indem er sie zur äußersten Straffheit anspannte, suchte er die Kette zu durchbrechen, die ihn erstickte. Aber alle seine Bemühungen waren umsonst. Vergebens umwand er die Lenden seines Gegners mit seinen Beinen, wie mit zwei Schlangen; der neue Laokoon blieb Sieger. Je mehr sich der Thebaner anstrengte, um so mehr schien Lucius die Schlinge zusammenzuziehen, mit der er ihn gefesselt hielt. Unbeweglich stand er auf dem selben Platz, ohne jede sichtbare Regung, die Brust des Feindes gegen seinen Kopf pressend, als wolle er auf den verlöschenden Atem horchen, umspannte er ihn immer fester, und seine Kraft schien in beständigem Wachsen einen übernatürlichen Grad zu erreichen. So verharrte er einige Minuten, während deren man bei dem Thebaner nacheinander die Zeichen des Todeskampfes eintreten sah. Zuerst floß der Todesschweiß von seiner Stirn auf den Körper herab und wusch den Staub ab, der ihn bedeckte, dann wurde sein Gesicht purpurrot, die Brust röchelte, seine Beine lösten sich vom Körper des Gegners, die Arme und der Kopf sanken nach rückwärts herab, und ein starker Blutstrom quoll aus Mund und Nase. Endlich öffnete Lucius seine Arme, und der Thebaner fiel ohnmächtig wie eine leblose Masse zu seinen Füßen.

Kein Jubelruf und kein Beifallsturm begleitete diesen Sieg. Die Menge war bedrückt und blieb still und stumm. Nicht, daß etwas daran auszusetzen gewesen wäre; nein, alles war nach den Regeln des Kampfes vor sich gegangen, kein Schlag war geführt worden, Lucius hatte seinen Gegner offen und ehrlich besiegt. Wenn sich auch der Beifall nicht laut äußerte, so war darum das Interesse der Zuschauer an diesem Schauspiel nicht geringer gewesen. Nachdem der Besiegte von den Sklaven hinausgetragen worden, wandten sich alle Blicke dem Athleten zu, der durch die Kraft und Geschicklichkeit, die er im vorhergehenden Kampfe bewiesen hatte, für Lucius ein gefährlicher Gegner zu werden versprach. Aber die allgemeine Erwartung wurde sonderbar getäuscht. In dem Augenblick, wo Lucius sich zum zweiten Kampfe bereitete, nahte der Athlet mit ehrfurchtsvoller Miene, ließ sich vor ihm auf ein Knie nieder und erhob die Hand zum Zeichen, daß er sich für besiegt erkläre. Lucius schien diese Handlungsweise und die ihm dargebrachte Huldigung ohne Überraschung hinzunehmen. Ohne dem Athleten die Hand zu reichen, ohne ihn aufstehen zu heißen, blickte er im Kreise umher, gleichsam die erstaunte Menge fragend, ob in ihren Reihen sich ein Mensch befinde, der es wagen könnte, ihm den Sieg streitig zu machen. Aber niemand rührte sich, niemand sprach ein Wort. Unter dem tiefsten Stillschweigen trat Lucius zur Estrade, vor den Prokonsul, der ihm den Kranz reichte. Erst in diesem Augenblicke wurden einzelne Beifallsrufe laut, aber es war leicht zu erkennen, daß sie nur von der Mannschaft des Schiffes ausgingen, das Lucius hergebracht hatte.
Doch war das Gefühl, welches die Menge beherrschte, dem jungen Römer keineswegs ungünstig. Diese übernatürliche Stärke, gepaart mit solcher Jugend, erinnerte an die Wunder der Heroenzeit. Die Namen Theseus, Pirithous schwebten auf allen Lippen, und obwohl niemand den Gedanken aussprach, war jedermann geneigt, an die Gegenwart eines Halbgottes zu glauben. Endlich trugen die allgemeine Huldigung und die voreilige Unterwerfung des Gladiators dazu bei, diesem Gedanken Gestalt zu verleihen. Als der Sieger, mit einem Arm sich auf Amykles stützend, während der andere auf Sporus' Schulter ruhte, den Zirkus verließ, da folgte ihm die neugierige Menge dicht gedrängt bis zum Hause seines Wirtes, aber sie blieb still und furchtsam, so daß man den Zug eher für ein Leichenbegängnis als für ein Triumphgepränge halten konnte. An dem Stadttor erwarteten die Frauen und Mädchen, die dem Wettkampf nicht hatten beiwohnen dürfen, den Sieger mit Lorbeerzweigen in den Händen.
Lucius suchte mit den Blicken Akte in den Reihen ihrer Genossinnen. Aber war es Furcht, war es Scham, was sie zurückhielt, Akte war nicht unter ihnen, er suchte vergebens. Da verdoppelte er seine Schritte in der Hoffnung, daß die junge Korintherin ihn an der Schwelle des Tores erwarten würde, das sie ihm am Tage vorher eröffnet hatte. Rasch ging er über den Platz, den er an ihrer Seite überschritten, und durch die Straße, die sie ihn geleitet, aber kein Kranz und keine Blumengewinde schmückten die gastliche Pforte. Ungestüm sprang Lucius über die Schwelle und stürzte in die Vorhalle, nachdem er den Greis längst hinter sich gelassen. Die Halle war leer, aber durch eine Tür, die zum Erdgeschoß führte, sah er das junge Mädchen vor einer Statue der Diana auf den Knieen liegen, so bleich und unbeweglich wie das Marmorbild, das sie umschlang. Leise trat Lucius hinter sie und setzte ihr die Siegeskrone aufs Haupt, die er soeben errungen hatte. Akte stieß einen Schrei aus und wandte sich um. Da sagten ihr die stolzen, leuchtenden Augen des Römers mehr als der Kranz, der zu seinen Füßen rollte, daß er die erste der drei Siegespalmen davongetragen habe, um die zu ringen er nach Griechenland gekommen war.
IV
Des anderen Tages prangte Korinth vom frühen Morgen an in festlichem Schmuck. Den Wagenrennen, die nun stattfinden sollten, wurde die höchste Bedeutung beigelegt, wenn sie auch nicht die ältesten Spiele waren. Sie allein wurden in Gegenwart der Götterbilder gefeiert, die in der vorhergehenden Nacht im Tempel des Jupiter vereinigt waren, der im östlichen Teil der Stadt bei dem Tor von Lesche lag. Sie mußten daher in feierlichem Umzug durch die ganze Stadt getragen werden, da der Zirkus auf der entgegengesetzten Seite angesichts des Hafens von Krissa stand.
Um zehn Uhr morgens, das ist nach römischer Zeitrechnung um die vierte Tagesstunde, setzte sich der Zug in Bewegung, den der Prokonsul Lentulus eröffnete. Im Gewande des Triumphators stand er auf seinem Wagen; ihm folgten die Söhne der Vornehmen, junge Leute von vierzehn bis fünfzehn Jahren auf prächtigen Pferden mit scharlachroten, goldverzierten Decken. Nach diesen kamen die Preisbewerber, an ihrer Spitze Lucius, der Sieger des vorangegangenen Tages. In einer grünen Tunika lenkte er von seinem Wagen aus Gold und Elfenbein mit purpurnen Zügeln ein prachtvolles weißes Viergespann. Auf seinem Haupte suchte man umsonst den Siegerkranz; statt dessen glänzte dort ein leuchtender Reif gleich dem, mit welchem die Künstler die Stirn des Sonnengottes umkränzen. Um die Ähnlichkeit mit diesem Gott zu vervollständigen, war auch sein Bart mit Goldstaub bestreut. Hinter ihm kam ein junger Grieche aus Thessalien in gelber Tunika, stolz und schön wie Achilles; er führte einen Wagen aus Bronze mit vier schwarzen Pferden bespannt. Die beiden letzten waren ein Athener, der sich rühmte, von Alkibiades abzustammen, und ein Syrer mit sonngebräunter Haut. Der erste trug eine blaue Tunika und ließ die langen, dunklen, wohlriechenden Haare lose flattern; der andere war mit einem weißen Gewande bekleidet, das um die Mitte ein persischer Gürtel zusammenhielt, und wie bei den Söhnen Ismaels war sein Haupt mit einem Turban umwunden, der wie der Schnee des Sinai glänzte.
Dann folgten als Vorläufer der Götterbilder eine Truppe Harfenschläger und Flötenspieler, als Satyrn und Silene verkleidet. Zu ihnen gesellten sich auch die Unterbeamten, denen der Dienst der zwölf großen Gottheiten oblag. Sie trugen Kasten und Gefäße mit Wohlgerüchen und goldene und silberne Becken, in denen das köstlichste Räucherwerk brannte. In verschlossenen Sänften sitzend, stehend oder liegend, nahten dann die Götterbilder; von prächtigen Pferden gezogen, von der Ritterschaft und den Patriziern geleitet, bildeten sie den Schluß des Zuges.
Dieser bewegte sich fast durch die ganze Stadt, deren doppelte Häuserreihen mit Gemälden oder Statuen geschmückt oder mit Teppichen behängt waren. Vor dem Hause des Amykles schaute Lucius empor, um Akte zu suchen. Unter einer Purpurdecke, welche die Vorderseite des Hauses zierte, bemerkte er scheu und errötend den Kopf des jungen Mädchens, geschmückt mit dem Siegeskranz, den er am Abend vorher hatte zu Boden fallen lassen. Akte ließ überrascht die Decke herabfallen, aber obwohl das Gewebe sie verbarg, hörte sie doch die Stimme des jungen Römers sagen: Komm mir entgegen, wenn ich wiederkehre, schönes Mädchen, dann will ich den Olivenkranz mit einer goldenen Krone vertauschen!
Gegen die Mitte des Tages erreichte der Zug den Eingang des Zirkus. Es war dies ein ungeheures Gebäude von zweihundert Fuß Länge und achtzig Fuß Breite, das in der Mitte durch eine sechs Fuß hohe Mauer der Länge nach geteilt war, so daß oben und unten nur der Raum für die Durchfahrt der vier Wagen frei blieb. Diese » spina« war in ihrer ganzen Ausdehnung mit Altären, Tempeln und leeren Piedestalen bekrönt, welche nur bei dieser Festlichkeit die Götterbilder aufnahmen. An einem Ende des Zirkus befanden sich die Ställe, am anderen die stufenweise erhöhten Sitzreihen. Vor die Ausläufer der Mauer waren drei Prellsteine im Dreieck gesetzt, die man siebenmal umfahren mußte, um den vorgeschriebenen Lauf zu vollenden.
Die Wagenlenker hatten die Farben der Parteien angelegt, in welche sich um diese Zeit Rom teilte, und da zum voraus große Wetten eingegangen worden, trugen auch die Wettenden die Farben der »Agitatores«, die ihnen durch ihr gutes Aussehen, durch die Rasse ihrer Pferde oder frühere Triumphe am meisten Vertrauen eingeflößt hatten.
Beinahe alle Sitzreihen des Zirkus waren mit Zuschauern besetzt, bei denen sich zu der Begeisterung, welche die Spiele zu wecken pflegten, noch das persönliche Interesse gesellte, das sie ihren Klienten entgegenbrachten. Auch die Frauen nahmen Partei und trugen Schleier und Gürtel in den Farben der von ihnen begünstigten Wagenlenker. Als man den Zug herannahen hörte, ging eine seltsame Bewegung wie ein elektrischer Strom durch die Menge und erregte dieses Menschenmeer, in dem die Köpfe wie lebendige, geräuschvolle Wogen erschienen. Sobald die Pforten geöffnet wurden, füllten sich die geringen Zwischenräume mit einer Masse neuer Zuschauer, welche wie die hereinbrechende Flut die Mauern des Steinkolosses überschwemmten. Nur der vierte Teil der Neugierigen, die den Zug begleitet hatten, konnte Platz finden. Die übrigen wurden von den Wachen des Prokonsuls zurückgewiesen; sie stiegen auf Bäume, erkletterten die Mauern der Wälle und die Dächer der nahegelegenen Häuser, um hochgelegene Punkte zu erreichen, von wo aus sie den Zirkus überschauen könnten.
Kaum waren die Plätze eingenommen, so öffnete sich die Hauptpforte, und Lentulus erschien am Eingang des Zirkus. Alsbald folgte die tiefe Stille gespannter Aufmerksamkeit auf die lärmende Bewegung der Erwartung. War es Vertrauen auf Lucius, der schon vorher gesiegt hatte, oder war es Schmeichelei für den göttlichen Kaiser Claudius Nero, welcher in Rom die Partei der Grünen beschützte und ihr die Ehre erwies, ihr anzugehören; der Prokonsul hatte statt des Purpurgewandes eine grüne Tunika angelegt. Langsam machte er im Zirkus die Runde, die Götterbilder mit sich führend, stets von den Musikern begleitet, welche nur zu spielen aufhörten, wenn die Götterbilder auf ihre pulvinaria niedergelegt oder auf ihren Piedestalen aufgerichtet wurden. Dann gab Lentulus das Zeichen, indem er ein Stück weißen Wollstoff in die Mitte des Zirkus warf. Sogleich stürzte sich ein Herold, der, als Merkur, nackt auf ungesatteltem Pferd erschien, in die Arena; ohne abzusteigen, hob er das Tuch mit einem Flügel seines Schlangenstabes empor, ließ es wie eine Standarte in der Luft flattern und ritt im Galopp um das innere Gitter. Als er bei den Ställen angekommen war, schleuderte er den Stab samt dem Tuch über die Mauern, hinter denen die Wagen harrten. Auf dieses Zeichen öffneten sich die Pforten, und die vier Preisbewerber gingen daraus hervor. In demselben Augenblick wurden ihre vier Namen in einen Korb gelegt, denn das Schicksal sollte über die Reihenfolge entscheiden, damit die von der spina Entfernteren sich nur über den Zufall zu beklagen hätten, der ihnen bestimmte, einen größeren Kreis zu durchlaufen.
Die Namen waren auf Papierrollen geschrieben, der Prokonsul mischte sie und öffnete eine nach der andern. Der erste, den er ausrief, war der Syrer mit dem weißen Turban. Er verließ sofort seinen Platz und stellte sich an die Mauer, so daß die Achse seines Wagens einer Linie parallel lief, die mit Kreide in den Sand gezeichnet war.
Der zweite war der Athener in der blauen Tunika; er stellte sich neben seinen Mitbewerber. Der dritte war der Thessalier in dem gelben Gewand. Endlich als letzter kam Lucius, dem das Schicksal den ungünstigsten Platz angewiesen hatte, wie wenn es ihn um den Sieg vom vorhergehenden Tage beneidete. Die beiden letztgenannten nahmen ihre Plätze an der Seite ihrer Gegner ein. Dann gingen junge Sklaven zwischen den Wagen durch, flochten Bänder in die Mähnen der Pferde in den Farben ihrer Herren und ließen kleine Fahnen vor den Augen der edlen Tiere flattern, um ihren Mut anzustacheln, während die Wagen mittelst einer Kette, die an zwei Ringen befestigt war, genau in die gleiche Linie gebracht wurden. Darauf folgte ein Augenblick stürmischer Erwartung; die Wetten wurden verdoppelt, neue Einsätze vorgeschlagen und angenommen, in allgemeiner Verwirrung kreuzten sich die Stimmen. Plötzlich ertönte die Trompete, und augenblicklich war alles still; die stehenden Zuschauer ließen sich nieder, und dieses Meer, das noch eben so stürmisch bewegt gewesen, glättete seine Oberfläche und glich einem Wiesenabhang, der in tausend bunten Farben schimmerte. Beim letzten Trompetenstoß fiel die Kette, und die vier Wagen flogen mit aller Geschwindigkeit davon.

Zweimal hatten die Gegner die Bahn umkreist und hielten sich noch ziemlich in derselben Reihe. Doch fingen die geübten Zuschauer an, die Eigenschaften der Pferde zu erkennen. Der Syrer hielt nur mühsam seine Renner mit den starken Köpfen und den schlanken Gliedern zurück, die an das freie Umherschweifen in der Wüste gewohnt waren. Mit Geduld und Kunst war es ihm geglückt, sie ins Joch zu zwingen und geschickt einzufahren, so wild sie einst gewesen. Man fühlte, daß sie, wenn er ihnen Freiheit ließe, ihn so schnell dahintragen würden, wie der Samum, den sie oft in den weiten Sandwüsten am Fuße der Berge von Juda und am Toten Meer überholt hatten. Der Athener hatte seine Rosse aus Thracien kommen lassen, aber stolz und schwelgerisch wie der Held, dessen Nachkomme zu sein er sich rühmte, hatte er ihre Erziehung und Pflege seinen Sklaven überlassen, und man fühlte, daß sein Gespann ihn im entscheidenden Moment nur wenig unterstützen werde, da es von einer fremden Hand gelenkt und von einer unbekannten Stimme angespornt wurde. Der Thessalier dagegen schien die Seele seiner Renner von Elis zu sein, die er mit eigener Hand gefüttert und wohl hundertmal an dem Platz zwischen Peneus und Enipeus eingeübt hatte, wo Achilles einstmals seine feurigen Nenner lenkte. Lucius dagegen mußte jene wunderbare Pferderasse aus Mysien wiedergefunden haben, von denen Virgil erzählt, daß sie von ihren Müttern mit dem Winde gezeugt worden, denn obwohl er den weitesten Raum zu durchmessen hatte, hielt er die Linie ein und hatte eher gewonnen als verloren ohne jede Anstrengung, ohne anzuspornen oder zurückzuhalten, indem er sie einfach im Galopp laufen ließ, was ihre gewöhnliche Gangart zu sein schien.
Bei der dritten Umfahrt ließen sich die scheinbaren und die wirklichen Vorteile viel deutlicher unterscheiden. Der Athener hatte dem Thessalier, dem vordersten seiner Mitbewerber, einen Vorsprung von zwei Lanzenlängen abgewonnen. Der Syrer hielt seine arabischen Pferde mit aller Macht zurück und hatte sich überholen lassen, in der Gewißheit, daß er den Vorsprung des andern einholen werde. Lucius endlich schien einem Kampfe beizuwohnen, der sein persönliches Interesse nicht berührte; ruhig und heiter lächelnd wie der Sonnengott, dessen Bild er verkörperte, waren seine Züge, und seine Bewegungen genau nach den Regeln der mimischen Eleganz bemessen.
Ein Zwischenfall lenkte bei der vierten Umfahrt die allgemeine Aufmerksamkeit von den andern ab und wandte sie Lucius zu. Seine Peitsche, die aus einem Riemen von Rhinozeroshaut bestand und mit Gold eingelegt war, entglitt seiner Hand und fiel auf den Boden der Arena. Sogleich hielt er sein Viergespann an, sprang ab, hob die Peitsche auf, die bis dahin ganz überflüssig zu sein schien, und fand sich, als er den Wagen wieder bestieg, etwa um dreißig Schritte von seinen Gegnern überholt. So kurz dieser Zwischenfall gewesen war, hatte er doch den Interessen und Hoffnungen der grünen Partei einen furchtbaren Stoß versetzt. Aber ihre Angst verschwand so rasch wie der Blitz: Lucius neigte sich zu den Pferden, und ohne sich der Peitsche zu bedienen oder sie durch eine Bewegung anzueifern, ließ er ein eigenes Pfeifen hören. Darauf flogen sie davon, wie von den Flügeln des Pegasus getragen, und ehe der vierte Umlauf vollendet war, hatte er unter Jubel und Beifallrufen seinen früheren Platz wieder inne. Bei der fünften Runde war der Athener nicht mehr Herr seiner Pferde, die in rasender Geschwindigkeit dahinsausten. Er hatte seine Rivalen weit hinter sich gelassen, aber dieser scheinbare Vorteil täuschte niemand und konnte ihn auch selbst nicht täuschen. Alle Augenblicke sah man ihn sich umwenden und alle Mittel und Kunstgriffe aufbieten; anstatt die schon ermüdenden Pferde möglichst zurückzuhalten, trieb er sie mit der dreiriemigen Peitsche an und hoffte, noch ehe sie erschöpft seien, so viel Vorsprung zu gewinnen, daß die Nebenbuhler ihn nicht mehr einholen würden. Übrigens fühlte er wohl, wie wenig er sein Gespann in der Gewalt hatte; obwohl er sich der spina hätte nähern und dadurch den zu durchlaufenden Raum vermindern können, wagte er es doch nicht, aus Furcht, daß er an den Prellsteinen scheitern möchte, und blieb daher im gleichen Abstand davon, den ihm das Schicksal bei der Abfahrt zugewiesen hatte.
Nur noch zweimal war die Bahn zu durchmessen; an der Erregung, die sich der Zuschauer wie der Wagenlenker bemächtigte, spürte man, daß die Entscheidung herannahte. Die Partei der Blauen, die der Athener vertrat, schien sichtbar beunruhigt über ihren vorläufigen Sieg. Sie riefen ihm zu, er solle seine Pferde zügeln; aber die Tiere nahmen diese Rufe für Zeichen der Anspornung und verdoppelten ihre Schnelligkeit, bis der Schweiß an ihnen heruntertroff und anzeigte, daß ihre Kraft bald erschöpft sein werde.
In diesem Augenblick ließ der Syrer seinen Rennern die Zügel schießen, und die Wüstensöhne, nunmehr sich selbst überlassen, fingen an, im Raum auszugreifen. Der Thessalier war einen Augenblick betroffen von der Schnelligkeit, die sie fortriß. Alsbald ließ er aber seine treuen Gefährten seine Stimme hören und stürzte sich in die Bahn, wie vom Wirbelwind davongetragen. Lucius begnügte sich damit, das Pfeifen hören zu lassen, mit dem er seine Rosse schon vorher angespornt hatte, und ohne daß sie noch ihre volle Kraft entfalteten, behauptete er sich doch in der Reihe.
Der Athener hatte indessen seine beiden Rivalen wie der Sturmwind an sich vorübersausen sehen. Er begriff, daß er verloren sei, wenn er nicht den ersten Platz neben der spina einnähme. Er näherte sich der Mauer gerade noch zeitig genug, um den Syrer zu verhindern, an der Mauer entlang zu fahren. Dieser wich nun nach rechts aus und versuchte, zwischen dem Athener und Thessalier durchzukommen, aber der Raum war zu eng. Mit raschem Blick erkannte er, daß der Wagen des Thessaliens leichter gebaut und weniger widerstandsfähig sei als der seinige, und sofort stand sein Entschluß fest. Er hielt in schräger Richtung auf denselben zu, die Räder prallten hart an einander, die Achse krachte, der Wagen stürzte um und schleuderte den Wagenlenker in die Arena.
So geschickt diese Bewegung ausgeführt worden und so plötzlich der Stoß erfolgt war, erlitt doch der Syrer dadurch eine Verzögerung von einigen Augenblicken. Aber er gewann das Versäumte leicht wieder, so daß der Athener bei der sechsten Umfahrt seine beiden Rivalen, die er so lange hinter sich gelassen hatte, zu gleicher Zeit herannahen sah. Noch ehe er den sechsten Teil der letzten Umfahrt zurückgelegt hatte, war er eingeholt und überflügelt. Die Entscheidung schwebte nur noch zwischen dem weißen und dem grünen Wagenlenker, zwischen dem Syrer und Lucius.
Jetzt bot sich ein prächtiger Anblick dar, die acht Pferde liefen so flüchtig und so gleichmäßig, als ob sie ein Gespann bildeten; eine Wolke umhüllte sie wie ein Gewitter. Wie man den Donner rollen und den Blitz das Gewölk zerteilen sieht, so hörte man das Rollen der Räder und unterschied mitten in dem Wirbel die flammenschnaubenden Tiere.
Alle Zuschauer hatten sich erhoben; die Wettenden ließen die grünen und weißen Schleier und Mäntel wallen, und selbst diejenigen, welche verloren, weil sie auf die blaue Farbe des Atheners oder auf die gelbe des Thessaliers gewettet hatten, eiferten ihre Gegner durch ihr Geschrei und ihre Beifallrufe an. Endlich schien der Syrer den Sieg davonzutragen, denn seine Pferde waren denen seines Gegners um eine Kopfeslänge voraus; aber wie wenn er nur auf dieses Zeichen gewartet hätte, schwang Lucius in demselben Augenblick die Peitsche und zeichnete eine blutige Spur auf die Rücken seines Viergespanns. Die edlen Tiere wieherten laut vor Erstaunen und Schmerz, dann nahmen sie einen letzten Anschwung, und wie der Adler, wie ein Pfeil, wie der Blitz flogen sie zum Ziel der Bahn, die sie nun siebenmal durchmessen hatten, und ließen den besiegten Syrer mehr als fünfzig Schritt zurück.
Jetzt brach ein begeisterter Jubel los, und Rufe der höchsten Bewunderung wurden laut. Dieser unbekannte junge Römer, der gestern Sieger gewesen war und heute den Sieg davongetragen hatte, mußte Theseus, Kastor oder Apollo selbst sein, die wieder einmal zur Erde niederstiegen. Und er, wie gewöhnt an solche Triumphe, schwang sich leicht vom Wagen, stieg einige Stufen an der spina empor, welche zu einem Piedestal führten, wo er sich den Blicken der Zuschauer ausstellte, während ein Herold seinen Namen und seinen Sieg verkündete und der Prokonsul Lentulus von seinem Sitz herabstieg, um ihm die Siegespalme zu reichen und sein Haupt mit einer Krone aus Gold- und Silberblättern zu schmücken, die mit Purpurbändern durchflochten waren. Den Preis in geprägter Münze, den man ihm in Goldstücken in einer Bronzevase anbot, gab Lucius dem Prokonsul zurück, damit er ihn unter die Armen, Greise und Waisen verteile.

Dann machte er Sporus ein Zeichen, der flink herbeieilte und auf der Hand eine Taube hielt, die er am Morgen aus Aktes Taubenhaus genommen hatte. Lucius legte um den Hals des Vogels der Venus ein Purpurbändchen, an dem zwei Blätter aus dem goldenen Kranze befestigt waren, dann öffnete er die Hand und ließ die Botin seines Sieges in die Lüfte steigen, die sofort in der Richtung nach dem Hause des Amykles davonflog.
V
Die beiden aufeinanderfolgenden Siege des Lucius und die seltsamen Umstände, die sie begleiteten, hatten tiefen Eindruck auf die Gemüter der Zuschauer gemacht. Griechenland war früher das von den Göttern geliebte, von ihnen vor allen begünstigte Land gewesen, das sie am häufigsten zu besuchen pflegten. Alle sagenhaften Erinnerungen an Heldentaten und Abenteuer von Göttern, die vom Olymp herabgestiegen waren, lebten bei den beiden Siegen des Lucius in der dichterischen Phantasie des Volkes wieder auf, dem die Römer seine große Vergangenheit nicht hatten rauben können. Die Preisbewerber, die mit ihm im Gesang hätten wetteifern sollen, zogen sich zurück, als sie sahen, wie übel es denen erging, die sich im Ringkampf und im Wagenrennen mit ihm gemessen hatten. Sie dachten an das Schicksal des Marsyas, der einst wider Apollo gestritten, und mißtrauten den Musen. Lucius blieb allein übrig von fünf Mitbewerbern, die ihren Namen anfangs eingeschrieben hatten, doch bestand der Prokonsul darauf, daß das Fest zur bestimmten Stunde gefeiert werde.
Lucius fesselte die Korinther schon durch den Gegenstand, den er gewählt hatte. Es war ein Gedicht über Medea, das dem Cäsar Nero selbst zugeschrieben wurde. Diese Zauberin, die von Jason nach Korinth entführt, hatte, nachdem er sie verlassen, ihre Kinder am Fuße der Altäre niedergelegt und dem Schutze der Götter befohlen, worauf sie hinging, ihre Nebenbuhlerin durch ein verderbenbringendes Gewand zu vergiften. Die Korinther, empört über die Greueltat der Mutter, entrissen die Knaben dem Tempel und töteten sie durch Steinwürfe. Dieser Frevel blieb nicht unbestraft, die Götter rächten ihre beleidigte Majestät durch eine verheerende Krankheit, die alle Kinder in Korinth ergriff. Seither waren indessen fünfzehn Jahrhunderte verflossen, und die Nachkommen der Mörder leugneten die Schuld der Väter. Aber ein Fest, das jedes Jahr am Todestage der Knaben gefeiert wurde, und die Gewohnheit, den Kindern bis zum Alter von fünf Jahren als Zeichen der Sühne schwarze Kleider anzulegen und die Haare zu scheren, war ein deutlicher Beweis für die Wahrheit des schrecklichen Ereignisses. Es ist leicht zu verstehen, wieviel diese Umstände dazu beitragen mußten, die versammelten Korinther den Vortrag des Liedes mit Spannung erwarten zu lassen.
Zum Schutze gegen die Strahlen der Maisonne war das Theater, das, kleiner als Ringplatz und Hippodrom, zwanzigtausend Zuschauer faßte, von einem ungeheuren Velarium überschattet. Diese azurblaue Decke bestand aus einem seidenen, mit Goldsternen besäten Gewebe, in dessen Mitte man den Cäsar Nero im Gewande des Triumphators, auf einem vierspännigen Wagen stehend und von einem Strahlenkranz umgeben, erblickte. Trotz des Schattens, den das Zeltdach dem Theater gewährte, war die Hitze so drückend, daß viele junge Leute Pfauenfederfächer in der Hand bewegten, um damit den Frauen Kühlung zuzufächeln, welche auf Purpurkissen oder persischen Teppichen ruhten, die ihre Sklaven zuvor auf den für sie bestimmten Plätzen ausgebreitet hatten. Unter diesen Frauen bemerkte man Akte, aus deren dunkler Lockenfülle die zwei goldenen Blätter hervorleuchteten, die ihr die Taube zugetragen, weil sie nicht wagte, sich mit den Kränzen zu schmücken, die ihr der Sieger gewidmet hatte. Sie war nicht, wie die meisten der anwesenden Damen, von einem Gefolge junger Männer umschwärmt, sondern nur von ihrem Vater begleitet, um dessen schöne ernste Züge ein Lächeln spielte, das die rege Teilnahme an den Triumphen seines Gastes und zugleich den Stolz verriet, den er darüber empfand. Er war es, der, voll Vertrauen in das Glück des Lucius, seine Tochter bestimmt hatte, mitzukommen, weil er sicher war, daß sie auch dieses Mal einen Sieg erleben würden.
Die für das Schauspiel festgesetzte Stunde nahte heran, und die Versammlung befand sich in gespannter Erwartung, als ein donnerartiges Geräusch ertönte und gleich darauf ein feiner Sprühregen niederging, der die Luft erfrischte und mit Wohlgerüchen schwängerte. Alle Anwesenden klatschten in die Hände, denn der Donner rührte von zwei Männern her, die hinter der Scene Kieselsteine in einem Bronzebehälter umherrollten, was den Beginn des Schauspiels ankündigte, und der Regen war nichts anderes als ein wohlriechender Tau, der aus einer Essenz von cilicischem Safran bestand und von den Statuen aus verspritzt wurde, die den Umgang des Theaters krönten. Gleich darauf ging der Vorhang auf, und Lucius erschien mit einer Leier in der Hand auf der Scene; links von ihm stand der Schauspieler Paris, der während des Gesanges die begleitenden Bewegungen auszuführen hatte. Hinter ihm war der Chor aufgestellt mit dem Chorführer an der Spitze, der von einem Flötenspieler und einem Schauspieler unterstützt wurde.
Schon an den ersten Tönen des jungen Römers erkannte man den wohlgeübten Sänger, denn anstatt sein Thema gleich anzugreifen, ließ er einige präludierende Läufe vorhergehen, welche zwei Oktaven und eine Quinte umfaßten, was eine so große Ausdehnung der menschlichen Stimme bekundete, wie sie seit Timotheus nicht wieder gehört worden war. Nachdem er dieses Vorspiel mit überraschender Leichtigkeit und Sicherheit ausgeführt hatte, kam der Sänger zu dem Gegenstande selbst. Er behandelte, wie wir wissen, die Abenteuer der Medea, des berückend schönen zauberkundigen Weibes. Als geschickter Meister in der darstellenden Kunst hatte der Kaiser Claudius Nero die Erzählung in dem Augenblick aufgenommen, wo Jason mit seinem stolzen Schiffe Argo an der Küste von Kolchis landet und ihm Medea, die Tochter des Königs Aëtes, Blumen pflückend, entgegenkommt. Bei dem ersten Gesang erbebte Akte. So hatte sie Lucius ankommen sehen, auch sie hatte Blumen gepflückt, als das Schiff mit den goldenen Flanken den Strand von Korinth berührte; in den Fragen des Jason, in den Antworten der Medea erkannte sie die eigenen Worte wieder, die sie mit dem jungen Römer gewechselt hatte. Und wie wenn diese süßen Worte auch von einer weichen, schmelzenden Harmonie begleitet sein müßten, trat Sporus vor, während einer kurzen Unterbrechung durch den Chor und reichte dem Sänger eine elfsaitige Lyra, die auf die jonische Tonart gestimmt war. Dieses Instrument glich dem, welches Timotheus vor den Ohren der jungen Lacedämonier hatte erklingen lassen und dessen Töne die Ephoren für so gefährlich hielten, daß sie erklärten, der Sänger habe die Majestät der antiken Musik verletzt und versucht, die spartanische Jugend zu verführen. Vier Jahrhunderte waren seit dieser Verpönung der verführerischen, jonischen Leier verflossen.
Lucius erregte einen Beifallsturm, der an Wut grenzte. Akte lauschte in atemloser Spannung, ihr war, als ob der Geliebte ihr eigenes Erlebnis zu erzählen begonnen habe. Wie Jason war auch Lucius gekommen, einen wunderbaren Schatz zu holen im fremden Lande, und schon kündigten zwei mit Erfolg gekrönte Unternehmungen an, daß er wie Jason Sieger bleiben werde. Aber um den Sieg zu feiern, bedurfte er eines anderen Instrumentes als desjenigen, mit dem er die Liebe besungen hatte. Nachdem er in der Erzählung dahin gekommen war, wo Jason im Tempel der Hekate Medea begegnet und von ihr die Zaubermittel erhält, die ihm helfen sollen, die schrecklichen Hindernisse zu überwinden, die sich der Erlangung des goldenen Vließes entgegenstellten, da ergriff er eine lydische Leier, zu deren ernsten und durchdringenden Tönen er die übermenschlichen Taten zu besingen begann.
Akte zitterte am ganzen Körper, in ihrem Geist vermochte sie Jason nicht mehr von Lucius zu trennen. Sie folgt dem Helden, den Medeas Zaubersäfte unverletzlich gemacht haben, durch alle seine furchtbaren Kämpfe mit den feuerschnaubenden ehernen Stieren, der riesigen Schlange, den geharnischten Männern und dem ungeheuren Drachen, bis endlich seiner heroischen Standhaftigkeit der goldene Preis zu teil wird.
Jetzt griff Lucius wieder zu der jonischen Leier, denn Medea erwartet den zurückkehrenden Sieger, und Jason versucht, sie mit hinreißenden Liebesworten zu bestürmen, die Heimat und ihren Vater zu verlassen und ihm auf die Wellen zu folgen. Der Kampf ist lang und schmerzlich, aber endlich siegt seine Liebe. Zitternd und kaum bekleidet verläßt Medea während der Nacht den väterlichen Palast. An der Pforte angekommen, überwältigt sie das Verlangen, die teuren Züge des Vaters noch einmal zu sehen. Mit scheuen Tritten und verhaltenem Atem schleicht sie in das Gemach des Greises, nähert sich dem Lager und küßt zum letzten Male die weißen Haare, wobei ein schmerzliches Schluchzen sich ihrer gequälten Brust entringt, was der Greis für eine Stimme hält, die er im Traume zu hören glaubt. Dann eilt sie in die Arme ihres Geliebten, der sie am Hafen erwartet und die Ohnmächtige auf das wunderbare Schiff trägt, das Athene selbst auf Jolkos erbaut hat, und unter dessen Kiel die Wogen sich gehorsam beugen, so daß es in rascher Fahrt sich vom Ufer entfernt und Medea, als ihr das Bewußtsein wiederkehrt, schon die heimatliche Küste am Horizont verschwinden sieht. So vertauscht sie Asien für Europa, den Vater für den Gatten, die Vergangenheit für die Zukunft.
Dieser zweite Teil des Gedichts wurde von Lucius mit solchem Feuer und solcher Leidenschaft gesungen, daß alle Frauen tieferschüttert zuhörten. Besonders Akte war, wie Medea, von heißen Liebesschauern ergriffen; mit starren Augen, tonloser Stimme und atemloser Brust glaubte sie ihre eigene Geschichte zu hören, gleichsam in einen Zauberspiegel zu schauen, der ihr Vergangenheit und Zukunft zugleich vorhielt. In dem Augenblick, wo Medea zum letzten Male ihre Lippen auf die weißen Haare des Aëtes drückt und aus ihrem gebrochenen Herzen der letzte Seufzer erlöschender Kindesliebe dringt, schmiegte sich Akte an ihren Vater; erblassend, fühlte sie ihre Sinne schwinden und lehnte ihr Haupt auf die Schulter des Amykles. Der Triumph des Sängers hatte seinen Höhepunkt erreicht. War nach dem ersten Teil des Gedichts jubelnder Beifall losgebrochen, so konnte jetzt nur er selbst den Sturm der Begeisterung beschwichtigen, den seine Kunst entfesselt hatte, indem er sich anschickte, den dritten Teil des Gedichtes vorzutragen.
Noch einmal wechselte er die Leier, denn es war nicht mehr die jungfräuliche Liebe, die er zu schildern hatte, nicht der Triumph des Geliebten und des Helden, es war die Undankbarkeit des Mannes, die rasende Eifersucht der Frau, die rächende und mordende Liebe. Nur die dorische Tonart vermochte diese Wut und diese Leiden auszudrücken.
Medea schwimmt auf dem Wunderschiff, sie landet in Thracien und geht erst nach Jolkos, um eine Schuld der Kindesliebe an Jasons Vater zu entrichten, den sie verjüngt. Dann kommt sie nach Korinth, wo Jason sie verläßt, um Kreusa, die Tochter des Königs von Epirus, zu heiraten. Jetzt verwandelt sich die hingebende Geliebte in das eifersüchtige Weib. Sie taucht ein Gewand in verzehrendes Gift und sendet es der lieblichen Braut, die sich ahnungslos damit bekleidet. Während sie unter entsetzlichen Qualen vor den Augen des verzweifelnden Jason ihr Leben aushaucht, erwürgt die Mutter selbst ihre beiden Knaben, damit ihr keine Erinnerung an den ungetreuen Mann mehr bleibe, und fährt in einem von geflügelten Drachen gezogenen Wagen davon.
An dieser Stelle des Gedichts, die den Korinthern besonders zusagte, weil sie den Mord der Kinder, im Gegensatz zu der Überlieferung, der Mutter zur Last legte, wurde inmitten des tosenden Beifalls das Geräusch der Kastagnetten laut, die dazu dienten, im Theater den höchsten Grad der Begeisterung auszudrücken. Nicht nur der Olivenkranz, den der Prokonsul bereit hielt, wurde dem wunderbaren Sänger zu teil, sondern ein ganzer Regen von Blumen und Blumengewinden, welche die Frauen aus ihren Haaren lösten und entzückt auf die Bühne warfen. Einen Augenblick konnte man fürchten, Lucius möchte unter allen diesen Kränzen erstickt werden, wie Tarpeja unter den Schilden der Sabiner, um so mehr als er, unbeweglich und scheinbar gleichgültig gegen diesen unerhörten Triumph, mit den Augen in den Reihen der Frauen die eine suchte, um derentwillen er allein stolz war auf seinen Sieg. Endlich bemerkte er sie halbtot in den Armen des Greises; inmitten all der schönen Korintherinnen hatte sie allein noch ihren Blumenschmuck auf dem Haupt. Da sah er mit unendlicher Zärtlichkeit in den Blicken zu ihr empor und breitete so sehnsüchtig flehend die Arme aus, daß Akte die Hand erhob, um den Kranz von ihrer Stirn zu lösen; aber da sie nicht die Kraft hatte, ihn dem Geliebten zuzuwerfen, ließ sie ihn in die Orchestra fallen und sank weinend in die Arme ihres Vaters.
Als der nächste Morgen graute, schwamm die goldene Galeere leicht und zauberhaft auf den blauen Wogen des Golfes von Korinth wie das Schiff Argo. Gleich diesem trug sie eine andere Medea an Bord, die ihren Vater und ihre Heimat verlassen hatte. Es war Akte, die, gestützt auf Lucius, auf dem Deck des Schiffes stand und durch den Schleier, der sich allmählich vom Cytheron herabsenkte, nach Korinth zurückblickte, das sich an dessen Fuß anlehnt. Unbeweglich, mit starren Augen und halbgeöffneten Lippen verharrte sie, bis sie nichts mehr von der Stadt sehen konnte, die den Hügel krönt, und von der Burg, die sich darüber erhebt. Als dann zuerst die Stadt hinter den Wogen verschwand, und auch die Zitadelle, die wie ein im Raume verlorener weißer Punkt noch eine Zeit lang auf dem Gipfel der Wellen schaukelte, gleich einer tauchenden Seeschwalbe ins Meer versunken war, da entrang sich ein Seufzer ihrer Brust, ihre Kniee wankten, sie stürzte ohnmächtig zu Lucius' Füßen nieder.
VI
Als die junge Entflohene die Augen wieder aufschlug, befand sie sich in dem Hauptgemach des Schiffes. Lucius saß neben ihrem Lager und unterstützte das blasse, von wirren Locken umrahmte Gesicht, während in einer Ecke auf goldgesticktem Purpurteppich zusammengerollt die Tigerin sanft und friedlich schlummerte, wie eine Gazelle. Es war Nacht, und durch die Öffnung in der Decke konnte man hinaufschauen zu dem herrlichen, blauen Himmel Griechenlands, der mit unzähligen, leuchtenden Sternen besät war. Die Galeere glitt so sanft auf den Wogen dahin, als wäre sie eine ungeheure Wiege, die das Meer fürsorglich schaukelte, wie eine treue Wärterin das Bettchen eines Kindes. Alles ringsumher erschien so ruhevoll, still und klar, daß Akte einen Augenblick glaubte, es halte sie nur ein Traum umfangen, und sie ruhe noch unter dem Schleier, der ihr jungfräuliches Lager verhüllte. Aber Lucius achtete auf ihre leiseste Bewegung; er hatte ihr Erwachen bemerkt und klatschte in die Hände. Alsbald trat eine junge, schöne Sklavin herein, die eine brennende Wachskerze in der Hand hielt, mit welcher sie die goldene Lampe entzündete, die von einem am Fußende des Bettes sich erhebenden Bronzekandelaber getragen wurde.
In dem Augenblick, wo das junge Mädchen hereintrat, blieben Aktes Blicke an ihr haften und folgten ihr mit Aufmerksamkeit. Die Sklavin, die sie zum ersten Male sah, schien ihr doch nicht unbekannt. Ihre Züge erweckten in ihrem Gedächtnis noch frische Erinnerungen, doch war es ihr unmöglich, für dieses junge, melancholische Gesicht einen Namen zu finden. So viele Gedanken kreuzten sich in dem Kopfe des armen Kindes, daß sie ihre Last nicht mehr ertragen konnte und die Augenlider schloß, während sie ermattet in die Kissen zurücksank. Lucius glaubte, sie werde wieder einschlafen; er machte der Sklavin ein Zeichen, daß sie über ihren Schlummer wachen solle, und verließ das Gemach. Als die Sklavin mit Akte allein war, schaute sie die Korintherin mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Traurigkeit an; dann legte sie sich auf den Purpurteppich neben Phöbe nieder, deren Schulter sie als Kissen benutzte. Die in ihrem Schlummer gestörte Tigerin öffnete halb ein wildfunkelndes Auge, aber als sie die Freundin erkannte, leckte sie zwei-, dreimal deren zarte Hand mit ihrer blutroten Zunge, anstatt sie für die Kühnheit zu bestrafen; dann streckte sie sich wieder nachlässig zum Schlummer aus, indem sie einen Seufzer ausstieß, der mehr einem wilden Brüllen glich.
Auf einmal ertönte eine entzückende Harmonie vom Deck des Schiffes herab. Es war derselbe Chor, den Akte schon gehört hatte, als das Schiff in den Hafen von Korinth einlief. Aber mitten in der Stille und Einsamkeit der Nacht wirkte er weit schöner und geheimnisvoller. Bald folgte auf die vereinten Stimmen ein Solo. Lucius sang das an Neptun gerichtete Gebet; Akte erkannte die schmelzenden Laute, die am Tage vorher im Theater die geheimsten Saiten ihrer Seele gerührt hatten. Es waren so süß ergreifende Töne, daß man hätte glauben können, die Sirene vom Kap Palinurus habe sich dem Schiff des neuen Ulysses genaht. Ganz hingerissen von der Macht dieser zauberischen Musik, hob Akte die müden Augenlider und starrte zu dem sternenklaren Firmament empor. Allmählich vergaß sie ihre Gewissensbisse und allen Kummer, um sich in Gedanken ganz in ihre Liebe zu versenken. Lange schon waren die letzten Schwingungen der Leier und die Kadenzen der Stimme sanft in den Lüften verhallt, wie wenn Geister sie auf ihren Flügeln davontrügen, und Akte, ganz erfüllt von der lieblichen Melodie, lauschte noch immer nach oben. Endlich senkte sie die Blicke, und ihre Augen begegneten zum zweiten Male denen des jungen Mädchens. Wie die Herrin, so schien auch die Dienerin demselben zauberischen Banne zu unterliegen. Endlich kreuzten sich die Blicke der beiden Frauen, und Akte war mehr als je davon überzeugt, daß diese traurigen Augen nicht zum ersten Male ihren raschen, leuchtenden Strahl über sie hingleiten ließen. Akte winkte mit der Hand, die Sklavin erhob sich, beide blieben einen Augenblick stumm. Endlich brach Akte das Schweigen.
Wie heißt du junges Mädchen? fragte sie.
Sabina, antwortete die Sklavin. Bei diesem einzigen Wort erzitterte die Fragende, denn wie das Gesicht, so war ihr auch die Stimme keineswegs unbekannt, doch weckte der Name, den sie hörte, keine Erinnerung in ihr.
Welches ist dein Vaterland? fuhr Akte fort.
Ich habe es in so früher Jugend verlassen, daß ich es nicht mehr kenne.
Wer ist dein Herr?
Gestern noch war es Lucius, heute ist es Akte.
Dienst du ihm schon lange?
Seit ich denken kann.
Gewiß bist du ihm treu ergeben?
Wie eine Tochter ihrem Vater.
Dann setze dich zu mir und laß uns von ihm plaudern. Sabina gehorchte, aber mit sichtbarem Widerstreben. Akte hielt dieses Zögern für eine gewisse Scheu und ergriff ihre Hand, um sie zu beruhigen. Die Hand der Sklavin war kalt wie Marmor, doch gab sie der Bewegung nach, mit der die Herrin sie zu sich heranzog, und sank mehr, als sie sich setzte, in den Lehnstuhl, den ihr diese angewiesen hatte.
Habe ich dich nicht schon irgendwo gesehen? fuhr Akte fort.
Ich glaube nicht, stotterte die Sklavin.
Auf dem Ringplatz, im Zirkus, im Theater?
Ich habe das Schiff nicht verlassen.
Wie, du hast Lucius' Siege nicht miterlebt?
Ich bin daran gewöhnt.
Neues Stillschweigen folgte diesen Fragen und Antworten, die von der einen Seite mit wachsender Neugier gestellt, von der anderen mit bemerkbarem Widerwillen gegeben wurden. Dieses Gefühl trat so deutlich hervor, daß Akte sich nicht darüber täuschen konnte.
Höre, Sabina, sagte sie, ich sehe, wie schwer es dir fällt, deinen Herrn zu verlassen. Ich werde Lucius sagen, daß du deinen Dienst nicht wechseln willst.
Tu das nicht, rief die Sklavin zitternd, wenn Lucius befiehlt, muß man ihm gehorchen.
Ist sein Zorn denn so sehr zu fürchten? fuhr Akte lächelnd fort.
Er ist schrecklich, antwortete die Sklavin mit einem solchen Ausdruck von Furcht, daß Akte unwillkürlich erschauerte.
Dennoch scheint ihn seine Umgebung zu lieben z. B. der junge Sporus.
Sporus, murmelte die junge Sklavin.
Jetzt wurde Akte aufmerksam. Die Erinnerung kam deutlicher in ihr Gedächtnis zurück. Gewiß, dem Sporus glich Sabina, und diese Ähnlichkeit war so vollkommen, daß sie sich nur wunderte, daß ihr der Gedanke nicht früher gekommen war. Sie ergriff beide Hände des jungen Mädchens und sah ihr prüfend ins Gesicht.
Kennst du Sporus? fragte sie.
Er ist mein Bruder, stotterte das Mädchen.
Und wo ist er?
Er ist in Korinth geblieben.
In diesem Augenblick öffnete sich die Türe. Der junge Römer erschien, und Akte, welche noch Sabinas beide Hände in den ihrigen hielt, fühlte, wie ein Schauer die Adern ihrer neuen Sklavin durchrieselte. Lucius heftete sein durchdringendes, blaues Auge auf die seltsame Gruppe, die sich seinen Blicken darbot, dann sagte er nach kurzem Stillschweigen:
Liebste Akte, das Morgenrot steigt eben am Himmel empor, willst du nicht auf Deck kommen und die reine Morgenluft genießen?
So klar und sanft seine Stimme bei diesen Worten klang, zitterte doch in ihrer Tiefe etwas, man konnte sagen Metallisches, das Akte zum ersten Mal darin bemerkte und das mit einem Gefühl, das an Schrecken grenzte, durch ihre Seele drang, so daß sie die einfache Frage als Befehl auffaßte und statt zu antworten gehorchte. Aber ihre Kraft kam ihrem Willen nicht zu Hilfe, und sie wäre umgesunken, wenn Lucius nicht rasch herzugeeilt wäre und sie aufgefangen hätte. Wie ein Adler eine Taube davonträgt, so leicht fühlte sie sich von den Armen ihres Geliebten emporgehoben, und zitternd, ohne daß sie sich darauf besinnen konnte, was sie eigentlich fürchte, ließ sie sich stumm und mit geschlossenen Augen davontragen, als ginge es an einem Abgrund vorüber.
Auf dem Verdeck fühlte sie sich neu belebt durch die köstlich frische, duftige Morgenluft, und da sie sich nicht mehr in den Armen des Römers befand, wagte sie die Augen aufzuschlagen. Sie ruhte in einem Netz aus goldenen Maschen, das auf der einen Seite am Mast befestigt war, während auf der anderen eine mit Skulpturen geschmückte Säule dazu bestimmt schien, die Last aufzunehmen. Neben ihr stand Lucius mit dem Rücken an den Mast gelehnt.
Während der Nacht hatte das Schiff, vom Winde begünstigt, den Golf von Korinth verlassen, und das Kap Elis umschiffend, war es zwischen Zakynthus und Kephalonia hindurchgefahren. Die Sonne schien eben hinter diesen beiden Inseln aufzugehen und beleuchtete mit ihren Strahlen die Spitzen der Gebirge, die nun einen merkwürdig geteilten Anblick boten, da der westliche Abhang noch in nächtliches Dunkel gehüllt war. Akte hatte keine Ahnung davon, wo sie sich eigentlich befand. Sie wendete sich daher an Lucius mit der Frage: Ist das noch Griechenland?
Ja, sagte Lucius, es ist der Duft der Rosen von Same (so nannten die Dichter die Insel Kephalonia) und der Orangenblüten von Zakynthus, den der Morgenwind als letzten Gruß zu uns herüberträgt. Es gibt keinen Winter für diese Zwillingsschwestern, die im Glanz der Sonne ihre üppige Blütenpracht entfalten. Wünscht meine schöne Akte, daß ich ihr auf jeder dieser Inseln einen Palast erbauen lasse?
Lucius, sagte das Mädchen, du betörst mich mit deinen Versprechungen, die ein Gott allein erfüllen könnte. Wer bist du denn, und was verbirgst du mir? Bist du der donnernde Zeus und fürchtest du, daß ich wie Semele zerfließen würde, wenn du mir in deiner ganzen Pracht und Herrlichkeit erschienst?
Nein, sagte Lucius lächelnd, ich bin nur ein armer Sänger, dem ein Onkel sein Vermögen hinterlassen hat unter der Bedingung, daß ich seinen Namen trage. Meine einzige Macht liegt in meiner Liebe, Akte, aber ich fühle, daß ich die zwölf Arbeiten des Herkules vollbringen könnte, wenn sie mir beisteht.
So liebst du mich? fragte das junge Mädchen.
Ja, mein Herz! sagte Lucius.
Der Römer sprach diese Worte mit so wahrhaftigem, überzeugendem Tone, daß Akte beide Arme inbrünstig zum Himmel erhob, um ihm für dieses Glück zu danken. Nun hatte sie alles vergessen; Schmerz und Trauer waren in ihrer Seele ausgelöscht, wie vor ihren Augen ihr Heimatland am Horizont verschwand.
Sechs Tage lang schwammen sie unter blauem Himmel auf blauen Wogen dahin, am siebenten erblickten sie Lokri, die Stadt, die einst von den Soldaten des Ajax erbaut worden war. Dann mußten sie das Vorgebirge des Herkules umsegeln und bogen in die Meerenge von Sizilien ein, Messina, das alte Zankle, mit seinem sichelförmig gebogenen Hafen zur Linken lassend und zur Rechten Rhegium, das dem Tyrannen Dionysos die Tochter des Henkers anbot, als er eine Frau begehrte. Sie steuerten genau zwischen den Strudeln der Charybdis und der tosenden Scylla hindurch, und zum letzten Mal die Fluten Joniens grüßend, lenkten sie in das Tyrrhenische Meer ein, das der Vulkan von Stromboli als ewiger Leuchtturm des Mittelmeeres erhellt. Noch fünf Tage fuhren sie, teils von Segeln, teils von Rudern getrieben, dahin und sahen nacheinander an der Küste bekannte Städte auftauchen, zuerst Helea, in dessen Nähe man die Ruinen des Grabmals des Palinurus unterschied, dann Paestum mit seinen drei großen Tempeln und Capri mit seinen zwölf Palästen. Endlich liefen sie in die prächtige Bucht ein, in deren Hintergrund sich Neapel erhebt, die schöne Tochter Griechenlands, die Freigelassene Roms, die sich sorglos an den Fuß des rauchenden Vesuv anschmiegt. Rechts davon waren noch die drei vielgenannten Städte Herkulanum, Pompeji und Stabiä zu sehen, die zwanzig Jahre später unter dem glühenden Lavastrom begraben wurden, und links Puteoli mit seiner riesigen Brücke, Bajä, das Properz so sehr fürchtete, und Bauli, das bald durch Neros Muttermord berüchtigt werden sollte.
Kaum war die Stadt in Sicht, so ließ Lucius die weißen Segel seines Schiffes mit purpurnen vertauschen und den Mast mit einem Lorbeerzweig schmücken. Ohne Zweifel war dieses Zeichen verabredet und verkündete den Sieg, denn als er landete, machte sich eine große Bewegung am Ufer bemerkbar, und das Volk strömte dem olympischen Schiff entgegen. Lucius trat hinaus auf die Reede, begrüßt vom Schall der Instrumente, vom Gesang der Matrosen und vom lauten Jubel der Menge. Ein mit vier weißen Pferden bespannter Wagen erwartete Lucius. Er bestieg ihn, mit dem königlichen Purpur bekleidet und umwallt von dem blauen, goldbesternten Mantel, seine Stirn war mit dem olympischen Olivenkranz geschmückt, und in der Hand trug er den pythischen Lorbeer. Wie ein Eroberer zog er als Triumphator in die Stadt ein durch eine Bresche, die man in die Mauer gerissen hatte.
Auf dem ganzen weiteren Zuge wurden ihm solche Ehren zu teil. In Fondi kam ihm ein 65jähriger Greis namens Galba entgegen, dessen Familie so alt war wie Rom selbst, und dem nach dem afrikanischen Kriege öffentliche Ehrenbezeigungen und drei Priesterwürden angeboten worden waren. Er lud Lucius ein, an den glänzenden Festen teilzunehmen, die er für ihn vorbereitet hatte. Dieser Schritt von seiten einer so hervorragenden Persönlichkeit schien auf Lucius' Gefolge starken Eindruck zu machen, der um so größer war, weil man von diesem Greis wunderbare Dinge erzählte. Als einer seiner Vorfahren einst das Opfer darbringen wollte, stürzte ein Adler aus den Lüften herab, entriß dem Opfertier die Eingeweide und trug sie zu einer Eiche empor. Daraus wurde ihm geweissagt, daß einer seiner Nachkommen Kaiser sein werde, und dieser Nachkomme, sagte man, sei Galba; denn als er eines Tages mit anderen Knaben seines Alters den Kaiser Oktavian begrüßte, habe dieser eine Vision gehabt, und mit seiner Hand des Knaben Wange streichelnd, habe er ausgerufen: Auch du, mein Sohn, wirst es mit unserer Macht versuchen … Livia, hieß es, habe ihn so sehr geliebt, daß sie ihm bei ihrem Tode fünfzig Millionen Sesterzien hinterließ, aber da die Summe nur auf dem Papier stand, setzte sie Tiberius auf fünfzigtausend herab. Vielleicht würde sich der Haß des alten Kaisers, der die Weissagung kannte, damit nicht begnügt haben, wenn ihn nicht sein Astrologe mit der Versicherung beruhigt hätte, daß Galba erst in seinem Greisenalter herrschen werde. Dann mag er leben, hatte er darauf geantwortet, dann habe ich nichts mehr von ihm zu fürchten.
In der Tat war Tiberius gestorben, Kaligula und Klaudius waren ihm auf dem Thron gefolgt, jetzt war Nero Kaiser; Galba hatte sein fünfundsechzigstes Jahr erreicht, und nichts deutete darauf hin, daß er je zur höchsten Macht gelangen werde. Weil aber die Nachkommen des Tiberius sich durch die Erfüllung jener Weissagung mehr bedroht glauben konnten und vielleicht nicht dessen Sorglosigkeit teilten, trug Galba auch während des Schlafes einen Dolch an einer Kette um den Hals gehängt und ging nie aus, ohne eine Million Sesterzien bei sich zu tragen, für den Fall, daß er vor den Liktoren fliehen oder gedungene Mörder bestechen müßte.
Der Sieger verbrachte zwei Tage bei Galba inmitten auserlesener Feste und Triumphe. Hier war Akte Zeuge von Vorsichtsmaßregeln, die sie Lucius nie zuvor hatte treffen sehen, und von deren Grund sie sich keine Rechenschaft geben konnte. Die Soldaten, die dem Triumphator entgegengekommen waren, um sein Gefolge zu bilden, wachten des Nachts in den neben seinem Schlafgemach gelegenen Zimmern, und bevor er sich zur Ruhe legte, sah sie ihren Geliebten sein Schwert unter seinem Kopfkissen bergen. Sie fühlte, daß ihn hier eine Gefahr bedrohe, und bat jeden Morgen inständig, daß er abreisen möge. Endlich, am dritten Tage, verließ er Fondi und setzte seinen Triumphzug fort durch Städte, in deren Mauern Breschen gerissen wurden, und gelangte schließlich mit einem Gefolge, das eher dem Heereszuge eines Satrapen als der Begleitung eines einfachen Siegers glich, auf das Gebirge von Albano. Als sie auf dessen Höhe angekommen war, stieß Akte einen Schrei der Überraschung und Bewunderung aus; am Ende der Via Appia sah sie Rom in seiner ganzen Ausdehnung und seiner ganzen Pracht sich entfalten.
Von hier aus bot Rom den Augen der jungen Griechin wirklich den herrlichsten Anblick dar. Die appische Straße wurde die Königin der Straßen genannt, weil sie die schönste und wichtigste war, die, vom Tyrrhenischen Meer ausgehend, den Apennin überschritt, Kalabrien durchzog und am Adriatischen Meere endigte. Von Albano bis Rom diente sie als öffentlicher Spazierweg, und nach der Gewohnheit der Alten, für welche der Tod nur Ruhe bedeutete, und die ihre irdischen Überreste an den malerischsten und belebtesten Orten beisetzen ließen, war sie auf beiden Seiten mit kostbaren Grabdenkmälern eingefaßt, unter denen dasjenige des Askanius im Rufe des höchsten Altertums stand, während das der Horatier wegen der Erinnerung an die Helden geehrt und das der Cäcilia Metella um seiner kaiserlichen Pracht willen gerühmt wurde.
Die ganze Straße war an jenem Tage von Neugierigen belebt, die Lucius einzuholen kamen; die einen, im purpurnen Harnisch, standen auf glänzenden Wagen, die von spanischen Maultieren gezogen wurden; die andern ruhten in Sänften, die von acht reichgekleideten Sklaven getragen und von Läufern in kurzen, aufgerafften Kleidern begleitet wurden. Den ersten sprengten numidische Reiter voran, die den Staub aufwirbelten und die Menge aus dem Weg entfernten, die andern trieben ein Rudel molossischer Hunde mit silberbeschlagenen Halsbändern vor sich her. Kaum hatten die ersten den Sieger erblickt, als sich ihr Geschrei von Mund zu Mund fortpflanzte; bis zu den Mauern der Stadt. Gleichzeitig stellten sich auf Befehl eines Reiters, der im Galopp dahersprengte, die Spaziergänger zu beiden Seiten der Straße auf, die, sechsunddreißig Fuß breit, bequemen Raum bot für das Viergespann des Triumphators, der seinen Weg nach der Stadt fortsetzte. Eine Meile ungefähr vor dem Stadttor erwartete ein Trupp Reiterei von fünfhundert Mann den Zug und stellte sich an dessen Spitze. Kaum hatten sie fünfzig Schritte zurückgelegt, so bemerkte Akte, daß die Pferde mit Silber beschlagen waren und daß die leicht befestigten Beschläge losgingen und auf dem Pflaster hinrollten, so daß sich das Volk gierig unter die Füße der Tiere stürzte, um das Silber zu erhaschen, auf die Gefahr hin zertreten zu werden. Zum Stadttor hinein zog der Siegeswagen unter den jauchzenden Rufen der Menge. Akte verstand nichts von dieser Begeisterung und ließ sich doch von ihr fortreißen. Sie hörte den Namen des Cäsar mit dem des Lucius vermengen, sie ging unter Triumphbögen hindurch auf Straßen, die mit Blumen bestreut und mit Weihrauchduft erfüllt waren. An jeder Straßenkreuzung wurden Opfer auf den Altären der vaterländischen Laren dargebracht.
Sie durchschritt die prächtigsten Stadtteile Roms, vorüber an dem großen Zirkus mit seinen drei Arkadengängen, dem Velabrum und dem Forum. Endlich erreichte der Zug die heilige Straße, er begann zum Kapitol hinaufzusteigen und hielt erst vor dem Jupitertempel an. Jetzt sprang Lucius aus dem Wagen und stieg die Stufen empor, die zum Tempel führten. Die Priester erwarteten ihn an der Pforte und geleiteten ihn bis zum Fuß der Statue. Dort legte er die Trophäen auf die Kniee des Gottes nieder und schrieb mit einem Stift, den ihm der Oberpriester reichte, auf eine goldene Platte folgende Inschrift:
Lucius–Domitius–Klaudius Nero, Sieger im Ringkampf, im Wagenrennen und im Gesang, hat diese drei Kränze Jupiter geweiht, dem Allerhöchsten und Allgütigen.
Inmitten der Jubelrufe, die gleich darauf von allen Seiten erschallten, wurde ein Schreckenslaut hörbar: Akte hatte begriffen, daß der arme Sänger, dem sie als Geliebte gefolgt war, niemand anders sei, als der Cäsar selbst.
VII
Auch inmitten der berauschenden Siegesfeier hatte der Kaiser die junge Griechin nicht vergessen. Noch stand sie ganz betroffen von der furchtbaren Überraschung, in die sie der Name und Stand ihres Geliebten versetzt hatten, da kamen zwei liburnische Sklaven auf sie zu und luden sie im Namen Neros ehrfurchtsvoll ein, ihnen zu folgen. Akte gehorchte mechanisch; sie dachte nicht einmal daran zu fragen, wohin sie geführt werde, so sehr war sie von dem entsetzlichen Gedanken erfüllt, daß sie die Geliebte dieses Mannes sei, dessen Namen sie nie ohne Schrecken hatte aussprechen hören. Am Fuße des Kapitols, zwischen dem Tabularium und dem Tempel der Konkordia, traf sie eine prachtvolle Sänfte an, die von sechs stattlichen ägyptischen Sklaven getragen wurde, auf deren Brust halbmondförmige Silberschilde glänzten, und deren Arme und Beine mit Ringen aus demselben Metall geschmückt waren. Neben der Sänfte bemerkte sie Sabina, die sie bei der Siegesfeier einen Augenblick aus dem Gesicht verloren hatte. Akte stieg in die Sänfte und ließ sich auf den seidenen Kissen nieder; so näherte sie sich dem Palatin, während Sabina zu Fuß neben ihr herging und der Herrin Schatten spendete durch einen großen Pfauenfederfächer, der am Ende eines indischen Rohrs befestigt war. Etwa dreihundert Schritte weit verfolgten die Träger der Sänfte auf der heiligen Straße denselben Weg, den Akte im Gefolge des Kaisers zurückgelegt hatte; dann wandten sie sich rechts zwischen dem Tempel der Diana und dem des Jupiter-Stator hindurch und erstiegen einige Stufen, die auf den Palatin führten. Nachdem sie noch eine kleine Strecke auf dem herrlichen Plateau, das den Hügel krönt, zurückgelegt hatten, hielten sie vor der Schwelle eines kleinen, alleinstehenden Hauses an. Sogleich brachten die beiden Liburnier mit Purpurteppichen bedeckte Fußtritte an jede Seite der Sänfte, damit diejenige, die der Kaiser ihnen zur Herrin gesetzt hatte, sich nicht einmal die Mühe zu geben brauchte, zu bezeichnen, auf welcher Seite sie auszusteigen wünsche.
Akte wurde erwartet, denn als sie sich der Türe näherte, öffnete sich diese und schloß sich wieder, nachdem sie eingetreten war, ohne daß sie jedoch jemand bemerkte, der das Amt des Türhüters erfüllte.
Sabina allein folgte ihr, und da sie glaubte, daß nach dem weiten, ermüdenden Weg der erste Wunsch ihrer Herrin ein erfrischendes Bad sein werde, führte sie diese in das Apodyterium, das Zimmer, in dem man sich zum Bade auszukleiden pflegte. Akte war noch zu sehr erschüttert von dem verhängnisvollen Geschick, das sie fortgerissen hatte, dem Herrn der Welt zu folgen; sie setzte sich auf die Bank, die an den Wänden des Gemaches entlang lief, und bedeutete Sabina, daß sie warten möge. Und wie wenn der unsichtbare, mächtige Gebieter, dem sie sich ergeben, geahnt hätte, daß sie wieder in ihre schwermütigen Träumereien versinken könnte, ertönte auf einmal süße, wundersame Musik, ohne daß man unterscheiden konnte, woher sie eigentlich kam. Die Musiker waren so verteilt, daß das ganze Gemach von ihren Harmonien erfüllt wurde. Ohne Zweifel hatte Nero während der Überfahrt Gelegenheit gehabt, den wohltuenden Einfluß zu bemerken, den diese geheimnisvollen Töne auf das Gemüt der jungen Griechin ausübten, und hatte alles so angeordnet, um die Erinnerungen zu zerstreuen, deren Macht er zu vernichten strebte. Wenn das seine Absicht gewesen war, so wurde seine Erwartung keineswegs getäuscht. Denn kaum hatte das Mädchen die ersten Akkorde erklingen hören, so hob sie das traurige Köpfchen sacht in die Höhe; die Tränen waren gestillt, die eben noch über ihre Wangen rieselten, nur eine letzte zitterte noch am Rande der langen Wimpern, wie eine Tauperle an den Staubfäden einer Blüte, und wie der Tau an den Sonnenstrahlen, schien sie rasch zu trocknen an dem Feuer des Blickes, den sie verschleiert hatte. Zugleich kehrte eine lebhafte Röte in die erblaßten Lippen zurück, die wie zum Lächeln oder Küssen halbgeöffnet blieben.
Jetzt näherte sich Sabina ihrer Herrin, die nicht länger widerstrebte, und selbst mithalf, die Kleidungsstücke zu lösen, von denen eines nach dem andern zu Boden sank, bis sie nur noch in ihrem kurzen Untergewande vor der Sklavin stand. Nun zog Sabina ihr die goldenen Nadeln aus den weichen Haaren, löste mit geschickten Fingern den schweren Knoten, und ließ die weiche Flut in langen Wellen den Rücken hinabgleiten. Von den weißen Armen streifte sie die kostbaren mit Edelsteinen reich besetzten Spangen, ein Geschenk Neros, und öffnete die feinziselierte Goldkette, die den schlanken Hals schmückte. Dann kniete die Sklavin vor Akte nieder und band die goldenen Bänder auf, welche die feinen ledernen Sandalen an den zarten Knöcheln festhielten. Zitternd und das holde Köpfchen in schamhafter Verwirrung gesenkt legte Akte selbst Hand an und ließ nun auch die letzte Hülle fallen, so daß sie schamhaft errötend dastand wie die keusche Venus. Es ist vielleicht hier der Platz, einige Worte über die Kleidung der vornehmen Römerinnen der Kaiserzeit zu sagen. Als Untergewand trugen sie die Tunica, ein ärmelloses, bis auf die Kniee reichendes, vorne und hinten geschlossenes Hemd, welches um die Hüften durch einen Gürtel festgehalten wurde, über den man gewöhnlich die Falten herunterzog. Die Tunika war gewöhnlich meist aus dickerem Wollstoffe gefertigt, selten aus Seide. Darüber kam dann die aus feinster, zart gefärbter Wolle gewobene Stola, das eigentliche Gewand der römischen Matrone, welches bis auf die Füße reichte und halblange, aufgeschlitzte, durch Knöpfe oder Spangen zusammengehaltene Aermel hatte; unten hatte die Stola einen Besatz oder eine Falbel und um die Taille war sie gegürtet, während sie auf der Schulter durch eine meist kostbare goldene oder silberne mit Edelsteinen besetzte Fibula gehalten wurde. Außerdem trugen die Frauen die Palla, ein mantelähnliches Kleidungsstück, das hauptsächlich für die Straße bestimmt war.
Es war eine so vollkommene, jungfräuliche Schönheit, die sich hier entschleierte, daß selbst die Sklavin in Entzücken geriet, und als Akte, um in den zweiten Raum zu gelangen, die Hand auf ihre entblößte Schulter stützte, sah sie Sabinas blasse Wangen erröten und fühlte ihren Körper erbeben, wie wenn eine Flamme ihn berührt hätte. Überrascht blieb Akte stehen, sie fürchtete, ihrer Dienerin weh getan zu haben; diese erriet den Grund ihrer Zögerung, ergriff die Hand, die herabgeglitten war, und legte sie von neuem auf ihre Schulter, so betrat sie mit ihrer Herrin das Tepidarium.
Das war ein weiter, viereckiger Raum, in dessen Mitte sich ein seeartiges Bassin mit lauem Wasser befand. Junge Sklavinnen, mit Narzissen und Seerosen bekränzt, spielten wie Nymphen und Najaden an der Oberfläche. Kaum hatten sie Akte bemerkt, so schoben sie eine elfenbeinerne, mit Korallen und Perlmutter eingelegte Muschelschale in ihre Nähe an den Rand. All diese wundersamen Erscheinungen folgten so rasch aufeinander, daß Akte sich ihnen wie im Traume hingab. Sie setzte sich in das zauberleichte Fahrzeug und befand sich im nächsten Augenblick in der Mitte des Sees, wie Venus umgeben von ihrem schwimmenden Hofstaat. Da ertönte wieder die liebliche Musik, die sie zuvor entzückt hatte, und bald mischten sich die Stimmen der Nymphen und Najaden in ihre weichen Klänge. Sie erzählten die Fabel von Hylas, der am troischen Gestade Wasser schöpfen ging; und wie die Nymphen des Flusses Askanius den Liebling des Herkules mit Worten und Gebärden umschmeichelten, so breiteten sie die Arme aus und luden Akte singend ein, in ihre Mitte herabzusteigen. Diese Spiele in den Wellen waren der jungen Griechin vertraut, wohl tausendmal war sie mit ihren Gespielinnen über den Golf von Korinth hinüber geschwommen, deshalb schwang sie sich ohne Bedenken hinab in das laue, duftende Meer, wo ihre Sklavinnen sie wie eine Königin empfingen.
Diese jungen Mädchen waren unter den Schönsten aller Länder ausgewählt worden, die einen in Kaukasien, die andern in Gallien; diese kamen aus Indien, jene aus Spanien, dennoch erschien Akte inmitten dieser einem verwöhnten Geschmack entsprechenden Gruppe wie eine Göttin. Nachdem sie kurze Zeit auf der Oberfläche des Wassers hingeschwommen war wie eine Sirene, und mit der Geschmeidigkeit und Grazie einer Schlange getaucht und sich getummelt hatte, bemerkte sie, daß Sabina ihrem schwimmenden Hofstaat fehle. Sie blickte umher und sah sie in einer Ecke sitzen, den Kopf in die Falten ihres Gewandes verbergend. Vertraulich und scherzend wie ein Kind rief sie ihr zu. Sabina erzitterte und ließ den Mantel fallen, der ihr Gesicht verhüllte. Nun fingen all die schwimmenden Mädchen an zu lachen; mit sonderbar spöttischem Ausdruck, den Akte nicht verstehen konnte, riefen sie ihr zu und tauchten mit dem Oberkörper aus dem Wasser empor, um sie durch ihre Bewegungen einzuladen zu ihnen herabzukommen. Einen Augenblick schien die junge Sklavin ihrem Ruf folgen zu wollen; etwas Sonderbares mußte in ihrer Seele vorgehen, ihre Augen brannten, ihr Gesicht glühte, Tränen strömten von ihren Lidern herab und trockneten auf ihren heißen Wangen. Aber anstatt dem nachzugeben, was offenbar ihr Wunsch war, stürzte sie zur Türe, wie um sich vor einem Zauber zu retten. Doch war ihre Bewegung nicht so behend gewesen, daß Akte nicht Zeit gefunden hätte, sich aus dem Wasser zu schwingen und ihr unter lautem Gelächter der Sklavinnen den Ausgang zu vertreten. Da schien Sabina ohnmächtig zu werden, ihre Kniee zitterten, kalter Schweiß rann von ihrer Stirn, sie erbleichte sichtbar, und Akte, die fürchtete, daß sie fallen könnte, breitete die Arme nach ihr aus und hielt sie an ihrer Brust. Aber gleich darauf stieß sie die Dienerin zurück, und ein leichter Schmerzensschrei entrang sich ihren Lippen. In der seltsamen Verwirrung, in der sich die Sklavin befand, als ihr Mund die Schulter der Herrin berührte, hatte sie dort eine brennende Bißwunde hinterlassen. Dann war sie, erschrocken über das, was sie getan hatte, aus dem Saal gestürzt.
Auf Aktes Schrei waren alle Sklavinnen herbeigeeilt und hatten ihre Herrin umringt; aber diese bemühte sich, in der Furcht, Sabina könnte sonst bestraft werden, ihren Schmerz unter einem Lächeln zu verbergen, indem sie zwei oder drei Blutstropfen abwischte, die wie flüssige Korallen auf ihre Brust herabrieselten.
Der Zwischenfall war übrigens zu geringfügig, als daß er bei Akte einen anderen Eindruck hervorgebracht hätte, als den der Verwunderung. Sie näherte sich jetzt dem anstoßenden Gemach, dem sogenannten Kaldarium, um hier ihr Bad zu vollenden.
Es war dies ein kleiner, kreisrunder Saal, an dessen Wänden ringsum Stufen hinliefen; diese führten zu engen Nischen empor, in deren jeder ein Sessel stand. Die Mitte nahm ein Behälter mit kochendem Wasser ein, das einen dichten Nebel bildete, wie er morgens über einem See lagert. Nun war diese Dampfwolke noch erhitzt durch einen äußeren Ofen, dessen Flammen in Röhren umherliefen, welche das ganze Kaldarium in ihre glühenden Arme schlossen und sich auch an den Außenwänden entlang zogen wie der Efeu an der Mauer.
Akte kannte diese Art von Bädern noch nicht, die nur in Rom gebräuchlich war. Als sie in den heißen Raum trat, fühlte sie sich so sehr beengt von der Dampfwolke, die ihr entgegenquoll, daß sie nach Atem rang und ihr die Stimme versagte. Sie breitete die Arme aus und wollte um Hilfe rufen, aber sie konnte nur unartikulierte Laute hervorbringen und in Schluchzen ausbrechen. Sie versuchte den Ausgang zu erreichen, wurde jedoch von den Armen der Sklavinnen zurückgehalten; da sank sie um und machte nur noch ein Zeichen, daß sie ersticke. Sogleich zog eine der Frauen an einer Kette, und ein goldener Schild, der die Decke abschloß, öffnete sich wie eine Klappe und ließ einen frischen Luftzug von außen einströmen in die nahezu unerträgliche Atmosphäre. Akte fühlte sich neu belebt, ihre Brust weitete sich, eine angenehme Mattigkeit bemächtigte sich ihrer, sie ließ sich zu einem jener Sessel geleiten und fing schon an, mit mehr Widerstandsfähigkeit die glühende Temperatur zu ertragen, bei welcher das Blut wie flüssige Flammen durch die Adern wallte. Bald wurde der Dampf von neuem so dicht und brennend, daß man zum zweiten Male seine Zuflucht zu dem goldenen Schilde nehmen mußte, und mit der frischen Luft von außen durchdrang ein solches Wohlgefühl die Badenden, daß die junge Griechin die Begeisterung der römischen Damen für diese Bäder zu begreifen anfing, die sie bis jetzt nicht gekannt und anfangs für eine Qual gehalten hatte. Gleich darauf war der Dampf wieder ganz dicht geworden, aber dieses Mal gestattete man ihm keinen Ausweg, sondern ließ ihn sich bis zu einem Grade zusammenballen, daß Akte von neuem in Ohnmacht zu fallen drohte. Da näherten sich zwei ihrer Frauen, hüllten ihren ganzen Körper in einen scharlachroten Mantel und trugen sie auf ihren Armen in ein Zimmer mit gewöhnlicher Temperatur, wo sie sie auf einem Ruhebett niederlegten.
Hier mußte sich Akte einer neuen Behandlung unterziehen, die zwar seltsam genug, doch minder überraschend und schmerzhaft war als diejenige im Kaldarium. Es war das Massieren, jene üppige Gewohnheit, welche die Römer von den Orientalen übernommen hatten, und die neuester Zeit wieder in Aufschwung gekommen ist. Zwei neue Sklavinnen, die mit diesen Übungen vertraut waren, fingen an, sie zu streichen und zu kneten, bis alle ihre Glieder geschmeidig und biegsam waren. Hierauf brachten sie weitbauchige Salbengefäße aus Rhinozeroshorn herbei und rieben den ganzen Körper mit duftenden Salben und wohlriechenden Essenzen ein, die sie zuerst mit feiner Wolle, dann mit zartestem ägyptischem Nesseltuch und zuletzt mit weichem Schwanenflaum abtrockneten.
Während der ganzen Zeit dieser letzten Stadien des Bades lag Akte mit halbgeschlossenen Augen, ohne Worte und ohne Gedanken in seltsam wonnige Schlaftrunkenheit versunken, die ihr nur die Kraft übrig ließ, eine bisher nie gekannte Lebensfülle zu empfinden. Ihre Brust weitete sich, und mit jedem Atemzug schien das Leben durch alle Poren in sie einzuströmen. Dieser rein körperliche Eindruck war so stark, daß er nicht nur die Erinnerung an die Vergangenheit auslöschte, sondern auch alle Schmerzen der Gegenwart besiegte. In solchem Zustand war es unmöglich, an Unglück zu glauben. Das Leben stellte sich dem Geiste des jungen Mädchens als eine Reihe süßer und reizender Erscheinungen dar, die, ohne greifbare Gestalt anzunehmen, an einem weiten, wundervollen Horizont hinschwebten.
Mitten in diesem magnetischen Halbschlummer, in dieser gedankenlosen Träumerei hörte Akte, wie sich die Türe im Hintergrund des Zimmers, in dem sie lag, öffnete; aber da sie jede Bewegung ermüdete, drehte sie sich nicht um und dachte, eine Sklavin sei eingetreten. So blieb sie mit halbgeschlossenen Augen liegen und hörte auf ihr Lager langsam abgemessene Schritte zukommen, von denen jeder sonderbarerweise, je näher er kam, in sich selbst zu verhallen schien. Jetzt wandte sie mit Anstrengung den Kopf nach der Seite, von der das Geräusch herkam, und sah majestätisch langsam eine Frau in dem vornehmen Schleppgewande der römischen Matronen auf sich zuschreiten. An ihrem Lager blieb die Erscheinung stehen, das junge Mädchen fühlte ihren tiefen, durchdringenden Blick auf sich haften, vor dem es, wie vor den Augen einer Seherin, unmöglich schien, etwas zu verbergen. Die Unbekannte betrachtete sie einige Augenblicke stillschweigend, dann begann sie mit leiser, wohlklingender Stimme, während jedes ihrer Worte wie die eisige Schneide eines Dolches dem jungen Mädchen durch die Seele drang: Du bist die junge Korintherin, die ihre Heimat und ihren Vater verlassen hat, um dem Kaiser zu folgen, nicht wahr?

Ihr ganzes bisheriges Leben, Glück und Jammer, Vergangenheit und Zukunft waren in diesen wenigen Worte eingeschlossen, so daß eine Flut von Erinnerungen auf Akte einstürmte. Ihre Mädchenzeit, wo sie an der Quelle der Pyrene Blumen pflückte, der Kummer ihres alten Vaters, als er am Tage nach den Spielen vergebens nach ihr rief, ihre Ankunft in Rom, bei der sich ihr das schreckliche Geheimnis enthüllte, das bis dahin ihren kaiserlichen Geliebten umgeben hatte, alles schien lebendig hinter dem Zauberschleier, welchen diese Frau mit eisiger Hand aufhob. Akte stieß einen Schrei aus und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. O ja, rief sie schluchzend, ich bin diese Unglückliche!
Ein augenblickliches Stillschweigen folgte dieser Frage und Antwort, während dessen Akte nicht die Augen zu öffnen wagte, weil sie den beherrschenden Blick jener Frau auf sich ruhen fühlte. Endlich ergriff die Unbekannte ihre Hand, mit der sie das Gesicht bedeckte, und da sie aus diesem Händedruck, so kalt und unbestimmt er auch gewesen war, mehr Mitleid als Drohung herauszufühlen meinte, getraute sie sich, die von Tränen benetzten Augenlider aufzuschlagen. Die Frau betrachtete sie noch immer.
Höre, sagte sie dann mit derselben wohlklingenden Stimme, doch weicher wie zuvor, das Schicksal hat wunderbare Geheimnisse; zuweilen legt es das Glück und Unglück eines Kaiserreichs in die Hand eines Kindes; anstatt vom Zorn der Götter bist du vielleicht von ihrer Gnade auserlesen.
Oh, rief Akte, ich bin schuldig, aber nur aus Liebe, ich fühle nichts Schlimmes in meinem Herzen, und da ich nicht mehr glücklich sein kann, möchte ich wenigstens alle Menschen glücklich machen. Aber ich bin allein, schwach und unvermögend. Sage mir, was ich tun soll, und ich will dir gehorchen.
Vor allem, kennst du denjenigen, dem du dein Schicksal anvertraut hast?
Erst seit heute morgen weiß ich, daß Lucius und Nero dieselbe Person sind, und daß mein Geliebter der Kaiser ist. Als Tochter des alten Griechenland hat mich seine Schönheit, seine Geschicklichkeit, sein Gesang betört, ich bin dem Sieger gefolgt und wußte nicht, daß es der Herr der Welt war.
Und jetzt, versetzte die Fremde mit starrem Blick und bebender Stimme, jetzt weißt du, daß es Nero ist, aber weißt du auch, was Nero bedeutet?
Ich bin gewöhnt worden, ihn für einen Gott zu halten, antwortete Akte.
Nun wohl, fuhr die Unbekannte fort, indem sie sich niedersetzte, ich will es dir sagen, denn die Geliebte soll zum mindesten den Geliebten kennen und die Sklavin ihren Herrn.
Was werde ich hören! seufzte das junge Mädchen.
Lucius ist fern vom Throne geboren, er näherte sich ihm durch eine Heirat, er bestieg ihn durch ein Verbrechen.
Nicht er hat es begangen, rief Akte aus.
Er trug den Nutzen davon, antwortete kalt die Unbekannte; übrigens hatte der Sturm, der den Baum fällte, den Sprößling verschont, doch sollte der Sohn bald seinem Vater folgen. Britannikus schlief bei Klaudius, in diesem Fall war Nero gewiß der Mörder.
Oh! wer kann das sagen, rief Akte; wer kann eine so schreckliche Anklage gegen ihn schleudern?
Du zweifelst, Mädchen? fuhr die Unbekannte fort, ohne daß der Ton ihrer Stimme im Ausdruck wechselte. Willst du wissen, wie sich die Sache zutrug? Ich werde es dir sagen. Eines Tages, als neben dem Zimmer, in welchem sich Agrippina mit ihrem Hofstaat aufhielt, Nero mit Kindern spielte, unter denen sich auch sein Bruder Britannikus befand, befahl er diesem, in den Speisesaal zu gehen und den Gästen Verse vorzusingen, weil er glaubte, der Knabe werde schüchtern sein und sich das Lachen und Spotten der Höflinge zuziehen. Britannikus gehorchte dem Befehl; in weißem Kleide trat er blaß und traurig in die Speisehalle und sang inmitten der Festesfreude mit bewegter Stimme und mit Tränen in den Augen die Verse, die unser alter Dichter Ennius dem Astyanax in den Mund legt: O mein Vater! o mein Heimatland! o Haus des Priamus, herrlicher Palast! Tempel mit hallenden Gängen! mit Wänden, leuchtend von Gold und von Elfenbein! … ich habe euch fallen sehen unter barbarischer Hand, ihr seid ein Raub der Flammen geworden! Plötzlich verstummte das Lachen der Gäste, und Tränen traten an seine Stelle; so ausgelassen die Festesstimmung gewesen, verstummte sie doch vor der Unschuld und vor dem Schmerz. Damit war das Schicksal des Britannikus entschieden. In den Gefängnissen von Rom war eine Giftmischerin, die um ihrer Verbrechen willen berühmt war. Nero ließ den Tribunen Pollio kommen, der mit ihrer Bewachung beauftragt war, denn der Kaiser trug noch Bedenken, selbst mit dieser Frau zu sprechen. Des andern Morgens brachte Pollio Julius das Gift, das von den Erziehern selbst in den Becher des Knaben gegossen wurde. Aber, war es Furcht oder Mitleid, die Mörder scheuten vor dem Verbrechen zurück; das Getränk war nicht tödlich. Da ließ Nero, der Kaiser, hörst du, der Gott, wie du ihn eben nanntest, die Giftmischerin in seinen Palast kommen, in sein Zimmer, vor den Altar der Götter, die den häuslichen Herd beschützen, und dort, dort ließ er sie das Gift brauen. Man versuchte es an einem Bock, der noch fünf Stunden lebte, dann ließ man das Gift noch länger kochen und gab es einem Eber, bei dem der Tod sofort eintrat. Darauf nahm Nero ein Bad, salbte sich mit Wohlgerüchen und setzte sich mit einem Lächeln auf den Lippen in die Nähe des Tisches, an dem Britannikus aß.
Aber, unterbrach Akte mit zitternder Stimme, wenn Britannikus wirklich vergiftet wurde, wie kommt es, daß der Sklave, der die Speisen kostete, das Gift nicht bemerkte? Britannikus habe von Kindheit auf an Epilepsie gelitten, sagt man, und während eines solchen Anfalls …
Ja ja, das sagt Nero, und darin kommt seine höllische Bosheit zum Vorschein. Ja, alle Speisen und Getränke, die Britannikus berührte, wurden vorher gekostet, aber man brachte ihm ein so heißes Getränke, daß es der Sklave wohl kosten, doch der Knabe nicht trinken konnte, dann goß man ihm frisches Wasser dazu, und in diesem Wasser war das Gift enthalten, ein Gift, das so plötzlich wirkte, daß Britannikus ohne Schrei, ohne Klage die Augen schloß und zu Boden stürzte, – Einige Unkluge entflohen, die Gescheiten blieben, blaß und zitternd, und errieten die Wahrheit. Nero, der unterdessen gesungen hatte, neigte sich über das Lager des Britannikus, sah ihn an und sagte:
Es ist nichts, Britannikus wird gleich wieder zum Bewußtsein kommen. – Dann fuhr er fort zu singen. Doch hatte er die Bestattung schon vorbereitet; auf dem Marsfelde war ein Scheiterhaufen errichtet, und in der Nacht noch wurde der Leichnam, der ganz von blauen Flecken entstellt war, dahin verbracht. Und wie wenn die Götter sich weigerten, an dem Brudermord teilzunehmen, fiel der Regen in Strömen herab und löschte dreimal den brennenden Holzstoß aus. Da ließ Nero den Leichnam mit Pech und Harz bedecken, ein vierter Versuch wurde gemacht, und dieses Mal verzehrte das Feuer den Leichnam und schien den zürnenden Geist des Britannikus auf einer lohenden Flammensäule zum Himmel emporzutragen.
Aber Burrus, aber Seneka! … rief Akte.
Burrus und Seneka! versetzte die unbekannte Frau mit Bitterkeit; denen füllte man die Hände mit Silber und den Mund mit Gold, darum schweigen sie!
Ach, ach! jammerte Akte!
Von diesem Tage an, fuhr die Frau fort, der alle diese Geheimnisse vertraut schienen, von diesem Tage an war Nero der echte Sohn des Aenobarbus, der würdige Nachkomme jener Rasse mit dem kupfernen Bart, dem ehernen Gesicht und dem bleiernen Herzen: Von diesem Tage an verstieß er Oktavia, der er die Herrschaft verdankte; er verbannte sie aufs Land, wo er sie bewachen ließ, und hatte nur noch Sinn für Wagenrennen, Komödiespielen und Kurtisanen; er begann jenes Leben, dessen wilde Ausschweifungen Rom seit zwei Jahren erschrecken. – Denn der, den du liebst, Mädchen, dein schöner olympischer Sieger, der, den jedermann seinen Kaiser nennt, den die Kurtisanen wie einen Gott anbeten, der verläßt nachts seinen Palast als Sklave verkleidet oder mit der Mütze des Freigelassenen auf seinem Haupt; er läuft entweder zur Milviusbrücke oder in eine berüchtigte Schenke, wo der göttliche Kaiser inmitten von Wüstlingen und Prostituierten, von Packträgern und Gauklern zum Klange des Zimbals eines Priesters der Cybele oder zur Flöte einer Kurtisane seine kriegerischen Heldentaten oder Liebesabenteuer singt. Dann zieht er, erhitzt von Wein und Wollust, an der Spitze dieses Haufens durch die Straßen, beleidigt die Frauen, schlägt die Vorübergehenden, beraubt die Häuser, bis er endlich in den goldenen Palast zurückkehrt und zuweilen auf seinem Gesicht die schmachvollen Spuren heimbringt, die der Stock irgend eines unbekannten Rächers darauf zurückgelassen hat.
Das ist unmöglich, unmöglich, rief Akte aus, du verleumdest ihn!
Du irrst dich, Mädchen, ich sage noch nicht einmal die volle Wahrheit.
Aber warum bestraft er dich nicht dafür, daß du solche Geheimnisse aufdeckst?
Das könnte mir leicht eines Tages geschehen, und ich bin darauf gefaßt.
Warum setzest du dich dann seiner Rache aus?
Weil ich vielleicht die einzige bin, die ihr nicht entfliehen kann.
Aber wer bist du denn?
Seine Mutter.
Agrippina! rief Akte, indem sie von dem Bett aufsprang und ihr zu Füßen fiel, Agrippina! … Die Tochter des Germanikus, die Schwester, Witwe und Mutter eines Kaisers steht vor mir armen Tochter Griechenlands! … Oh, was willst du von mir? Sprich, befiehl, ich will dir gehorchen. Nur verlange nicht, daß ich ihn nicht mehr lieben soll! Denn, trotz allem, was du mir gesagt hast, liebe ich ihn noch immer. Aber ich werde wenigstens sterben können.
Im Gegenteil, mein Kind, fahre fort, den Cäsar mit derselben grenzenlosen Ergebenheit zu lieben, die du dem Lucius gewidmet hast. In dieser Liebe allein ruht meine Hoffnung, denn die Reinheit der einen soll die Verdorbenheit der andern bekämpfen.
Der andern, rief das junge Mädchen entsetzt, liebt der Cäsar noch eine andere?
Das weißt du nicht, Kind?
Ach! was wußte ich denn? Als ich Lucius folgte, habe ich mich da nach dem Cäsar erkundigt? Was ging mich der Kaiser an? Ich liebte einfach den Künstler, dem ich mein Leben darbot, weil ich glaubte, daß er mir seines dafür biete: Aber wer ist denn diese Frau? …
Eine Tochter, die ihren Vater verleugnet, eine Gattin, die ihren Gatten verraten hat. Eine Frau, die verhängnisvoll schön ist, und der die Götter alles geschenkt haben – nur kein Herz: – Sabina Poppäa.
Oh! ja, ich kenne diesen Namen. Ich habe von dieser Frau gehört, ohne zu ahnen, daß sie für mich bedeutungsvoll werden könnte. Mein Vater, der nicht wußte, daß ich in der Nähe war, erzählte einem andern Greise von dem, was dieses Weib getan, und sie erröteten beide darüber. Hat sie nicht ihren Gatten Crispinus verlassen, um ihrem Geliebten Otho zu folgen? Und hat dieser sie nicht nach einem Festmahl dem Kaiser verkauft für das Prokonsulat von Lusitanien?
Ja, ja, so ist es! rief Agrippina aus.
Und er liebt sie! liebt sie noch immer! seufzte Akte schmerzlich.
Ja, erwiderte Agrippina mit dem Ausdruck des Hasses, ja, er liebt sie noch, liebt sie immer, denn es steckt ein Geheimnis dahinter, ein Liebestrank, wie Cäsonia ihn dem Kaligula gegeben hat!
Gerechte Götter! stöhnte Akte, bin ich genug bestraft? bin ich jetzt unglücklich genug?
Weniger unglücklich und weniger bestraft als ich, erwiderte Agrippina, denn dir stand es frei, ihm als Geliebte zu folgen, mir aber haben ihn die Götter zum Sohne gegeben. Verstehst du jetzt, was dir zu tun übrig bleibt?
Ihn zu fliehen, ihn niemals wiederzusehen.
Davor hüte dich wohl, mein Kind. Man sagt, daß er dich liebe.
Sagt man das? Ist es wahr? – Glaubst du es?
Ja.
Oh! sei dafür gesegnet!
Wohlan denn! lege dieser Liebe einen Willen unter, setze ihr ein Ziel; strebe, ihn von dem Höllengeist zu befreien, der ihn zu Grunde richtet, so wirst du Rom retten, den Kaiser, vielleicht mich selbst.
Dich selbst? Glaubst du denn, daß er es wagen würde? …
Nero wagt alles.
Aber ich bin zu schwach, um einen solchen Plan durchzuführen.
Du bist vielleicht das einzige Weib, das rein genug ist, diese Aufgabe zu erfüllen.
Oh! nein, nein! es ist besser, ich reise ab und sehe ihn niemals wieder!
Der göttliche Kaiser läßt Akte zu sich bitten, sagte mit sanfter Stimme ein junger Sklave, der die Türe geöffnet hatte.
Sporus! rief Akte erstaunt.
Sporus! murmelte Agrippina und verhüllte ihr Haupt mit dem Schleier.
Der Cäsar wartet, versetzte der Sklave nach kurzem Stillschweigen.
So geh' denn, sagte Agrippina.
Ich folge dir, antwortete das Mädchen.
VIII
Akte nahm einen Schleier und Mantel um und folgte Sporus. Nachdem sie einige Gänge des Palastes, welche die Bewohnerin noch nicht kannte, durchschritten hatten, öffnete ihr Führer eine Türe mit einem goldenen Schlüssel, den er der jungen Griechin übergab, damit sie allein zurückkehren könne. Sie waren in die Gärten des goldenen Hauses gelangt. Akte glaubte sich außerhalb der Stadt zu befinden, so weit und prächtig dehnte sich der Horizont vor ihr aus. Zwischen den Bäumen hindurch bemerkte sie ein Wasserbassin, so groß wie ein See; jenseits desselben erschien über dichtem Gebüsch in blauer Ferne vom Mondlicht versilbert die Säulenhalle eines Palastes. Die Luft war klar, kein Wölkchen trübte das flüssige Azurblau des Himmels. Der See glich einem weiten Spiegel, und das ferne Geräusch von Rom begann schon im Raum zu ersterben. Sporus und das junge Mädchen, beide weiß gekleidet, schritten stillschweigend durch die prachtvolle Landschaft wie zwei irrende Schatten durch die elyseischen Felder. An den Ufern des Sees und auf den weiten Rasenstrecken, welche sie umgaben, weideten ganze Herden wilder Gazellen wie in den Einöden Afrikas, während auf künstlichen Ruinen, die an die alte Heimat erinnerten, große, weiße Vögel ernst umherstanden wie Schildwachen und in regelmäßigen Zwischenräumen einen rauhen, eintönigen Schrei hören ließen. Als sie den See erreicht hatten, sprang Sporus in einen Nachen und lud Akte durch ein Zeichen ein, ihm zu folgen. Dann entfaltete er ein kleines Purpursegel, und wie durch Zauber glitt das Boot über das Wasser hin, an dessen Oberfläche die Schuppen der seltensten Goldfische aus dem Indischen Ozean glänzten. Diese nächtliche Wasserfahrt erinnerte Akte an ihre Reise auf dem Jonischen Meer. Ihre Augen blieben auf dem Sklaven haften, und sie staunte von neuem über die wunderbare Ähnlichkeit zwischen Bruder und Schwester, die sie schon bei Sabina überrascht hatte. Der junge Mann saß ihr mit gesenkten Augen schüchtern gegenüber; er schien den Blick seiner früheren Wirtin zu meiden und lenkte als stummer Steuermann den Nachen. Akte brach zuerst das Schweigen.
Sabina hat mir gesagt, du seist in Korinth geblieben, Sporus, sagte sie; Sabina hat mich also getäuscht?
Sabina hat dir die Wahrheit gesagt, Herrin, antwortete der Sklave; aber ich habe es nicht lange fern von Lucius aushalten können. Ein Schiff segelte nach Kalabrien, da habe ich mich eingeschifft, und anstatt durch die Meerenge von Messina zu fahren landete es in Brindisi. Ich folgte der appischen Straße, und obwohl ich zwei Tage nach dem Kaiser abreiste, kam ich doch zu gleicher Zeit mit ihm in Rom an.
Sabina hat sich gewiß sehr gefreut, dich wiederzusehen?
Ja, gewiß, sagte Sporns, denn wir sind nicht nur Geschwister, sondern auch Zwillinge.
Nun wohl! sage Sabina, daß ich sie sprechen will und daß sie mich morgen früh besuchen soll.
Sabina ist nicht mehr in Rom, antwortete Sporus.
Und warum hat sie es verlassen?
Es war der Wille des göttlichen Kaisers.
Wo ist sie hingegangen?
Ich weiß es nicht.
So ehrfurchtsvoll die Stimme des Sklaven klang, machte sich darin doch ein gewisses Zögern, etwas Gezwungenes bemerkbar, das Akte verhinderte, weitere Fragen an ihn zu richten. Auch waren sie eben an dem Ufer des Sees angekommen, und nachdem Sporus den Nachen ans Land gezogen hatte und Akte ausgestiegen war, ging er weiter. Die junge Griechin folgte ihm von neuem schweigend und beschleunigte ihren Schritt, denn sie traten jetzt in ein Pinien- und Sykomorenwäldchen ein, dessen dichtes Gezweig die Nacht so verdüsterte, daß sie, von Furchtgefühl ergriffen, sich unwillkürlich ihrem Begleiter näherte, obwohl sie wußte, daß sie von ihm keine Hilfe zu erwarten habe. Wirklich ließen sich nach kurzen Zwischenpausen seltsame Klagetöne hören, die aus dem Innern der Erde heraufzukommen schienen; endlich war ganz deutlich der Schrei einer menschlichen Stimme zu unterscheiden. Das Mädchen erzitterte und legte ihre Hand auf die Schulter des Sporus.
Was ist das? fragte sie.
Nichts, antwortete der Sklave.
Aber ich habe doch etwas zu hören geglaubt, fuhr Akte fort.
Ein Stöhnen, ja, wir gehen an den Gefängnissen vorüber.
Was sind dort für Gefangene?
Es sind Christen, die für den Zirkus aufbewahrt werden.
Akte ging mit raschen Schritten weiter, denn als sie an einem Kellerfenster vorüberkamen, hörte sie wirklich die klagendsten und schmerzvollsten Laute der menschlichen Stimme daraus hervordringen, und obwohl die Christen immer, wenn sie von ihnen sprechen hörte, als eine ruchlose, schuldbeladene Sekte geschildert wurden, deren Mitglieder sich allen möglichen Ausschweifungen und Verbrechen hingaben, empfand sie doch jenes schmerzliche Mitgefühl, das man auch Schuldigen entgegenbringt, die eines schrecklichen Todes sterben müssen. Sie beeilte sich, aus dem verhängnisvollen Wald herauszukommen. Als sie seinen Saum erreicht hatte, sah sie den erleuchteten Palast vor sich liegen, aus dem ihr der Klang von Instrumenten entgegentönte. Aber da das Licht und die Melodie auf Finsternis und Klagetöne folgten, trat sie zwar mit sichereren Schritten, aber mit weniger Lebhaftigkeit, als ihr gewöhnlich eigen war, in die Vorhalle ein.
Hier blieb Akte einen Augenblick geblendet stehen. Niemals hätte auch der Feenglaube eines Kindes solche zauberhafte Pracht erträumen können. Diese Vorhalle, die ganz von Bronze, von Gold und Elfenbein schimmerte, war so weit, daß sie eine dreifache Säulenreihe umgab, die einen Portikus von tausend Schritt Länge bildete, und so hoch, daß sich in ihrer Mitte eine hundertundzwanzig Fuß hohe Statue von Zenodorus erhob, die den Kaiser stehend, in der Haltung eines Gottes, darstellte. Akte ging mit Schaudern daran vorüber. Was für eine furchtbare Macht besaß dieser Mann, der von sich eine Bildsäule anfertigen ließ, die dreimal größer war als die des olympischen Jupiter, der zu seinen Spaziergängen Gärten und Teiche hatte, die Wäldern und Seen glichen, und zu seiner Erholung und Zerstreuung Gefangene, die er den Löwen und Tigern vorwarf! In diesem Palast waren alle Gesetze des menschlichen Lebens umgekehrt. Eine Bewegung, ein Zeichen, ein Blick dieses Mannes genügte, um eine Person, eine Familie, ein Volk von der Erde verschwinden zu lassen, ohne daß ein Hauch sich der Ausführung seines Willens widersetzte, ohne daß man eine andre Klage hörte, als den Schrei der Sterbenden, ohne daß etwas im Lauf der Natur erschüttert worden wäre, daß die Sonne sich verfinstert oder der Blitz verkündet hätte, daß über den Menschen ein Himmel sich spannt und Götter walten über den Kaisern!
Von tiefem Angstgefühl beklommen, stieg Akte die Treppe empor, die zu Lucius' Gemächern führte. Solche Macht hatte der Eindruck des Schreckens über sie gewonnen, daß sie, als sie oben angekommen waren und Sporus den Schlüssel umdrehen wollte, ihn zurückhielt, indem sie sich mit einer Hand auf seine Schulter stützte, während sie mit der andern nach ihrem Herzen griff, das zu zerspringen drohte. Endlich, nachdem sie sich etwas erholt hatte, bedeutete sie Sporus, daß er die Türe öffnen möge. Der Sklave gehorchte, und sie sah Lucius mit einer einfachen, weißen Tunika bekleidet und einem Olivenzweig geschmückt im Hintergrund des Saales halb ausgestreckt auf einem Ruhebett liegen. Da verschwand jede traurige Erinnerung aus ihrem Gedächtnis. Sie hatte geglaubt, daß eine Veränderung mit dem Manne vorgegangen sein müßte, seit sie wußte, daß er der Beherrscher der Welt war. Aber mit dem ersten Blick erkannte sie Lucius, den schönen, jungen Mann mit dem goldenen Bart, den sie in das Haus ihres Vaters geführt hatte. Der Cäsar war verschwunden, den olympischen Sieger hatte sie wiedergefunden. Sie wollte ihm entgegeneilen, aber inmitten des Weges versagte ihr die Kraft, sie sank auf ein Knie und streckte die Hände nach ihrem Geliebten aus, indem sie kaum die Worte hervorbrachte:

Lucius, immer Lucius, nicht wahr? …
Ja, ja, meine schöne Korintherin, beruhige dich! antwortete der Cäsar mit sanfter Stimme, indem er sie durch ein Zeichen aufforderte, zu ihm zu kommen; immer Lucius! Nicht wahr, unter diesem Namen hast du mich geliebt, geliebt um meinetwillen und nicht um meiner Herrschaft und meiner Krone willen, wie alle die, welche mich umgeben? Komm zu mir, Akte, erhebe dich! Die Welt soll zu meinen Füßen liegen, aber du in meinen Armen!
Oh! ich wußte es wohl! rief Akte aus, indem sie sich ihrem Geliebten um den Hals warf; ich wußte es wohl, daß es nicht wahr ist, daß mein Lucius böse sei!
Böse! entgegnete Lucius, wer hat dir das gesagt?
Nein, nein, unterbrach ihn Akte, vergib mir! Man glaubt zuweilen, daß der Löwe, der edel und mutig ist wie du und König ist unter den Tieren, wie du der Kaiser bist unter den Menschen, man glaubt zuweilen, daß der Löwe grausam sei, weil er seine Kraft nicht kennt und mit einer Liebkosung tötet. O, mein Löwe, nimm deine Gazelle in acht! …
Fürchte nichts, Akte, antwortete der Cäsar lächelnd; der Löwe erinnert sich seiner Krallen und Zähne nur denen gegenüber, die mit ihm kämpfen wollen. Komm, du siehst, er schmiegt sich dir zu Füßen wie ein Lamm.
Ich fürchte auch Lucius nicht! Oh! Lucius ist für mich mein Gast, mein Geliebter, derjenige, der mich meiner Heimat, meinem Vater entführt hat, und der mir durch Liebe ersetzen soll, was er mir an Reinheit geraubt hat; aber ich fürchte … – Sie zögerte. Lucius ermutigte sie durch ein Zeichen. – Ich fürchte den Cäsar, welcher Oktavia verbannt hat … und Nero, den künftigen Gemahl der Poppäa! …
Du hast meine Mutter gesehen! rief Lucius, indem er mit einem Sprung auf den Füßen stand und Akte in die Augen sah; du hast meine Mutter gesehen!
Ja, erwiderte das Mädchen zitternd.
Ja, fuhr Nero bitter fort; und sie hat dir gesagt, daß ich grausam sei, nicht wahr? daß ich von Jupiter nichts habe, als den verzehrenden Blitz? Sie hat dir von dieser Oktavia gesprochen, welche sie beschützt, und die ich hasse; die sie mir gegen meinen Willen aufgedrungen hat, und von der ich mich nur mit Mühe befreien konnte! … deren unfruchtbare Liebe nichts für mich übrig hatte als geduldige und erzwungene Liebkosungen! … Oh! man täuscht sich, und man hat unrecht, wenn man glaubt, bei mir etwas zu erreichen, indem man mir mit Bitten oder Drohungen zusetzt. Ich habe diese Frau vergessen wollen, die letzte einer verfluchten Rasse! Man soll mich nicht mehr an sie erinnern! …
Kaum hatte Lucius diese Worte ausgesprochen, so war er erschrocken über den Eindruck, den sie auf Akte hervorbrachten. Sie war mit erblaßten Lippen und tränenvollen Augen auf die Kissen des Ruhebettes gesunken und zitterte vor dem Zorn, dessen ersten Ausbruch sie eben erlebt hatte. In der Tat hatte die Stimme, die erst so sanft klang und die geheimsten Saiten ihres Herzens rührte, mit einem Male einen schrecklichen, unheilverkündenden Ausdruck angenommen, und die Augen, in denen sie bisher nur Liebe gelesen, schleuderten fürchterliche Blitze, vor welchen Rom sein Angesicht verhüllte.
O mein Vater, mein Vater! jammerte Akte unter Tränen; o mein Vater, vergib mir! …
Ja, Agrippina wird dir gesagt haben, daß du für deine Liebe genug bestraft seist durch meine Liebe, sie wird dir entdeckt haben, was für ein reißendes Tier du liebst; sie wird dir den Tod des Britannikus erzählt haben! den des Julius Montanus! Was weiß ich sonst noch? Aber sie wird sich wohl gehütet haben, dir zu sagen, daß der eine mir den Thron nehmen wollte, und der andre mich mit dem Stock ins Gesicht schlug. Ich begreife es, das Leben meiner Mutter ist ja so rein!
Lucius, Lucius! rief Akte, schweige; im Namen der Götter flehe ich, schweige doch!
Oh! fuhr Nero fort, sie hat dich nur zur Hälfte in unsere Familiengeheimnisse eingeweiht. Wohlan denn! so höre auch das übrige. Diese Frau, die mir den Tod eines Kindes und eines Elenden zum Vorwurf macht, wurde von Kaligula wegen ihres liederlichen Lebenswandels verbannt, obwohl ihr Bruder keineswegs streng auf gute Sitten hielt. Als Klaudius den Thron bestieg, wurde sie zurückgerufen und mit Crispus Passienus, einem Patrizier aus vornehmem Geschlecht, vermählt, der die Unvorsichtigkeit hatte, ihr ungeheure Reichtümer zu verschreiben, und den sie ermorden ließ, weil er ihr zu lange lebte. Dann begann der Kampf zwischen ihr und Messalina. Diese unterlag. Klaudius war der Siegespreis. Agrippina wurde die Geliebte ihres Oheims; jetzt faßte sie den Plan, die Regierung in meinem Namen zu führen. Oktavia, die Tochter des Kaisers, war mit Silanus verlobt. Sie ließ Silanus am Fuße des Altars ergreifen und stellte falsche Zeugen auf, die ihn der Blutschande anklagten. Silanus tötete sich selbst, und Oktavia ward Witwe. Noch weinend stieß man sie in meine Arme, und ich mußte sie zur Gattin nehmen, obwohl ihr Herz von einer anderen Liebe erfüllt war. Da versuchte eine Frau, Agrippina den Besitz ihres schwachsinnigen Geliebten streitig zu machen. Dieselben Zeugen, die Silanus der Blutschande angeklagt hatten, beschuldigten Lollia Paulina der Zauberei. Lollia Paulina galt für die schönste Frau ihrer Zeit. Kaligula hatte sie geheiratet und sie den Römern gezeigt nur mit einem Geschmeide von Smaragden und Perlen bedeckt, das vierzig Millionen Sesterzien kostete; sie starb langsam unter Qualen. Jetzt war der Weg zum Throne frei. Die Nichte heiratete ihren Oheim. Ich wurde von Klaudius an Kindesstatt angenommen, und der Senat gab Agrippina den Titel der Erlauchten. Warte, das ist noch nicht alles, fuhr Nero fort, indem er Aktes Hände von deren Ohren entfernte, die sie zuhielt, um nicht anhören zu müssen, wie der Sohn die Mutter anklagte. Eines Tages geschah es, daß Klaudius eine Ehebrecherin zum Tode verurteilte. Dieses Urteil ließ Agrippina und Pallas erzittern. Am folgenden Tag aß der Kaiser auf dem Kapitol mit Priestern, da bot ihm Halotus eine Platte mit Champignons, die Lokuste gewürzt hatte, und da die Dosis nicht stark genug gewesen war, und der Kaiser ausgestreckt auf dem festlichen Ruhebett mit dem Tode rang, steckte ihm sein Arzt Xenophon eine vergiftete Feder in den Hals unter dem Vorwand, daß er das unbekömmliche Gericht erbrechen müsse.
So wurde Agrippina zum dritten Male Witwe. Nicht wahr, diesen Teil ihrer Geschichte hat sie mit Stillschweigen übergangen? Sie hat erst damit angefangen, wo sie mich auf den Thron setzte und meinte, in meinem Namen herrschen zu können. Sie sollte der Körper sein und ich der Schatten, sie die Wirklichkeit und ich ein Gespenst, und so war es wirklich einige Zeit. Sie hatte eine prätorianische Leibwache, sie führte den Vorsitz im Senat, sie fällte die Urteile. Den freigelassenen Narciß ließ sie zum Tode verurteilen und den Prokonsul Julius Silanus vergiften. Als ich so viele Hinrichtungen sah, beklagte ich mich eines Tages, daß sie mir nichts zu tun übrig lasse. Sie antwortete mir, daß ich noch zu viel tue für einen Fremden, für einen Adoptivsohn, und daß glücklicherweise durch ihre und der Götter Fürsorge das Leben des Britannikus erhalten geblieben sei … Ich schwöre dir, wie sie mir das sagte, dachte ich ebensowenig an den Knaben, als ich heute an Oktavia dachte; aber diese Drohung war der eigentliche Todesstoß für ihn und nicht das Gift, das ich ihm gab. Auch lag mein Verbrechen nicht darin, daß ich Mörder geworden bin, sondern darin, daß ich Kaiser sein wollte! … Habe Geduld, ich bin gleich zu Ende. Dann – hörst du wohl, Mädchen, dessen Liebe ganz rein und keusch ist – dann versuchte sie, als Geliebte über mich jene Herrschaft wiederzugewinnen, die sie als Mutter verloren hatte.
Oh! schweige doch! rief Akte entsetzt.
Ah! du sprachst mir von Oktavia und Poppäa und ahntest nicht, daß du eine dritte Rivalin hast.
Schweige, schweige! …
Nicht in der Stille der Nacht, in dem geheimnisvollen Dunkel eines abgelegenen Zimmers kam sie zu mir in dieser Absicht; nein, es geschah bei einem Festmahl, im Angesicht meines ganzen Hofstaates. Seneka war dabei und Burrus, Paris und Phaon, alle waren sie dabei. Sie trat herein, mit Blumen geschmückt und halb entkleidet, umflutet von Licht und umrauscht von lockender Musik. Damals war es, wo ihre Feinde, erschrocken über ihre Pläne und ihre Schönheit, – denn sie ist schön! – Poppäa zwischen sie und mich schoben. Was sagst du nun zu meiner Mutter, Akte?
Schändlich, schändlich, murmelte das Mädchen, indem sie ihr vor Scham errötetes Gesicht mit den Händen bedeckte.
Ja, nicht wahr, wir sind eine besondere Rasse? Weil uns die Menschen nicht mehr menschenwürdig finden, machen sie uns zu Göttern. Mein Oheim erstickte seinen Vormund mit einem Kopfkissen und seinen Schwiegervater im Bade. Mein Vater stach einem Ritter mitten auf dem Forum mit einem Stock ein Auge aus; auf der appischen Straße überfuhr er mit seinem Wagen einen jungen Römer, der nicht schnell genug zur Seite ging; und eines Tages erdolchte er bei Tisch neben dem jungen Cäsar, den er in den Orient begleitete, seinen Freigelassenen mit dem Messer, das ihm zum Schneiden diente, weil er nicht trinken wollte. Von meiner Mutter habe ich dir schon gesprochen. Sie hat den Passienus getötet, den Silanus, die Lollia Paulina, den Klaudius, und endlich wollte sie mich töten, mich zuletzt, mich, mit dem der Name erlischt; wenn ich mehr der gerechte Kaiser wäre als der fromme Sohn, so würde ich sie töten! …
Akte stieß einen erschütternden Schrei aus und fiel auf ihre Knie, indem sie die Arme gegen den Cäsar ausbreitete.
Nun! was machst du? fuhr Nero lächelnd fort mit einem sonderbaren Ausdruck, du nimmst für Ernst, was nur ein Scherz ist. Einige Verse sind mir im Gedächtnis geblieben, seit ich zum letzten Male die Rolle des Muttermörders Orestes gesungen habe, sie haben sich in meine Prosa gemischt. Beruhige dich nur, du mein törichtes Kind. Oder bist du hierher gekommen, um zu zittern und zu fürchten? Habe ich dich rufen lassen, daß du dir die Knie wund machen und die Arme verrenken sollst? Komm, erhebe dich: Bin ich denn Cäsar? Bin ich denn Nero? Ist Agrippina meine Mutter? Du hast das alles nur geträumt, meine schöne Korintherin. Ich bin Lucius, der Athlet, der Wagenlenker, der Sänger, der mit süßer Stimme zur goldenen Leier singt, das ist alles.
Oh! antwortete Akte, indem sie ihren Kopf auf seine Schulter legte. Oh! Es ist so, zuweilen möchte ich glauben, daß ich unter der Herrschaft eines Traumes stehe, und daß ich im Hause meines Vaters erwachen werde, wenn ich nicht im Grunde meines Herzens die tiefe Wirklichkeit meiner Liebe spürte. O Lucius, Lucius, spiele nicht so mit mir. Siehst du denn nicht, daß ich an einem Faden über dem Abgrund der Hölle schwebe? Habe Mitleid mit meiner Schwachheit; mache mich nicht toll.
Und woher kommt die Angst und dieser Schrecken? Hat sich meine schöne Helena über ihren Paris zu beklagen? Ist der Palast, den sie bewohnt, nicht prächtig genug? Dann will ich ihr einen anderen bauen lassen mit silbernen Säulen und goldenen Kapitälen. Haben es die Sklaven, die sie bedienen, an Ehrerbietung fehlen lassen? Es steht ihr das Recht zu über Leben und Tod. Was will sie? Was wünscht sie? Alles, was ein Mann, ein Kaiser, ein Gott gewähren kann, mag sie verlangen, und sie wird es erhalten!
Ja, ich weiß, daß du allmächtig bist, ich glaube, daß du mich liebst, und ich hoffe, daß du mir alles gewähren wirst, was ich von dir erbitte, alles, ausgenommen die Seelenruhe, die innige Überzeugung, daß Lucius mir gehört und ich ihm. Eine ganze Seite deiner Persönlichkeit, ein Teil deines Lebens entzieht sich mir, hüllt sich in Dunkel und verliert sich in Nacht. Rom, das Kaiserreich, die Welt verlangt nach dir. Mir gehörst du nur für den Augenblick, wo ich dich berühre. Du hast Geheimnisse; deinen Haß kann ich nicht teilen, und deine Liebe soll ich nicht kennen. Mitten hinein in unsere zärtlichsten Liebesergüsse, in unsere süßesten Zwiesprachen, in unsere vertraulichsten Stunden, wird sich eine Tür öffnen wie eben jetzt, und ein Freigelassener mit unbeweglichem Gesicht wird dir ein geheimnisvolles Zeichen machen, von dem ich nichts verstehen kann und darf. Siehst du, jetzt fängt meine Lehrzeit an.
Was willst du, Anicetus? sagte Nero.
Diejenige, welche der göttliche Cäsar hat rufen lassen, ist da und erwartet ihn.
Sage ihr, daß ich kommen werde, erwiderte der Kaiser. Der Freigelassene ging hinaus.
Siehst du wohl? antwortete Akte, indem sie ihn traurig ansah.
Erkläre dich deutlicher, sagte Nero.
Eine Frau ist draußen?
Gewiß.
Und ich habe dich zittern sehen, wie man sie angemeldet hat.
Zittert man nur aus Liebe?
Diese Frau, Lucius! …
Sprich, ich warte.
Diese Frau …
Nun wohl, diese Frau?
Diese Frau heißt Poppäa?
Du irrst dich, antwortete Nero, diese Frau heißt Lokuste. Lokuste war die berüchtigtste Giftmischerin der ersten römischen Kaiserzeit, deren Name für die Ausübung ihres schändlichen Gewerbes sprichwörtlich geworden ist.
IX
Nero erhob sich und folgte dem Freigelassenen; nach einigen Wendungen in den geheimen Gängen, die nur dem Kaiser und seinen treusten Sklaven bekannt waren, traten sie in ein kleines Zimmer ohne Fenster, das Licht und Luft von oben erhielt. Auch war die Öffnung weniger dazu eingerichtet, das Gemach zu erhellen, als den Dampf abziehen zu lassen, der zu gewissen Zeiten von den bronzenen Feuerbecken aufstieg, die jetzt kalt waren, auf denen jedoch die Kohlen bereit lagen und nur den belebenden Funken und den Luftzug erwarteten. In dem Zimmer standen ringsum Instrumente umher von Steingut und Gläser in seltsam länglichen Formen, wie wenn ein launischer Künstler sie nach dunklen Erinnerungen an wunderliche Vogel- und unbekannte Fischformen modelliert hätte. Gefäße von verschiedenen Größen und sorgsam mit Deckeln verschlossen, auf denen man rätselhafte Schriftzeichen bemerkte, waren auf runden Tischchen aufgestellt und umzogen das Laboratorium wie die geheimnisvollen Binden die Körper der Mumien, und darüber hingen an goldenen Nägeln getrocknete und frische Pflanzen.
Diese wunderlichen Gefäße enthielten alles, was geheime Wissenschaft und Aberglaube des Altertums von tödlichen Giften wie von Verjüngungs- und andern Zaubermitteln kannte.
Eine schwarzgekleidete Frau, deren Gewand bis zur Höhe des Knies mit einem Karfunkelstein aufgerafft war, und die in der Hand als Wünschelrute eine Haselgerte hielt, erwartete Nero in diesem Zimmer. Sie saß in so tiefe Träumereien versunken, daß sie den Eintritt des Kaisers nicht bemerkte. Nero ging auf sie zu, und je näher er ihr kam, desto mehr drückten seine Mienen Furcht, Abscheu, Verachtung aus. Als er vor ihr stand, machte er Anicetus ein Zeichen, und dieser berührte die Schulter der Frau, die den Kopf erhob und die Haare aus dem Gesicht entfernte, die, weder von einem Kamm noch von einem Band zurückgehalten, jedesmal frei herabfielen und ihr Gesicht wie mit einem Schleier verhüllten, wenn sie das Haupt neigte. Jetzt konnte man das Gesicht der Zauberin sehen. Es waren die Züge einer Frau von fünfunddreißig bis siebenunddreißig Jahren, die schön gewesen sein mußte, aber die vor der Zeit verblüht war durch schlaflose Nächte, Ausschweifungen und vielleicht Gewissensbisse.
Sie richtete zuerst das Wort an Nero, ohne sich zu erheben und ohne etwas anderes zu bewegen als die Lippen.
Was willst du noch von mir? fragte sie ihn.
Vor allem, sagte Nero; erinnerst du dich des Vergangenen?
Frage Theseus, ob er sich der Unterwelt erinnert.

Du weißt noch, wovon ich dich erlöst habe. Aus einem ungesunden Gefängnis habe ich dich genommen, wo du langsam hinstarbst, wo du im Schmutz verkamst und dir die Reptilien über die Hände und das Gesicht krochen.
Es war so kalt, daß ich sie nicht fühlte.
Ein schönes Haus habe ich dir bauen lassen, das ich schmückte wie für eine Geliebte; man nannte dein Gewerbe ein Verbrechen, ich habe es eine Kunst genannt. Man verfolgte deine Mitschuldigen, ich gab dir Schüler.
Und ich gab dir dafür die Hälfte der Macht Jupiters. Ich habe den Tod, den tauben und blinden Sohn des Schlafes und der Nacht, dir untertan gemacht.
Es ist gut, ich sehe, daß du daran denkst; ich habe dich rufen lassen.
Wer soll denn sterben?
Das mußt du erraten, denn sagen kann ich es nicht. Es ist ein zu mächtiger und zu gefährlicher Feind, als daß ich seinen Namen selbst der Statue der Verschwiegenheit anvertrauen könnte. Habe nur acht, daß das Gift nicht langsam wirkt, wie bei Klaudius, oder versagt, wie bei dem ersten Versuch mit Britannikus. Es muß plötzlich töten und dem, der es genossen hat, keine Zeit mehr lassen, auch nur ein Wort auszusprechen oder eine Bewegung zu machen. Es muß ein Gift sein, wie wir es hier bereitet und an dem Eber erprobt haben.
Oh! sagte Lokuste, es ist nichts leichter als dieses Gift zu bereiten und ein viel schrecklicheres noch, wenn du willst. Aber damals, als ich dir jenes gab, von dem du sprichst, wußte ich, für wen ich es bereitete. Es war für ein argloses Kind, und da konnte ich für den Erfolg einstehen, aber es gibt Menschen, auf die das Gift keine Wirkung mehr hat, weil sie ihren Magen nach und nach daran gewöhnt haben, die giftigsten Pflanzensäfte und die tödlichsten Pulver zu ertragen. Wenn meine Kunst es unglücklicherweise mit einer so geschützten Person zu tun bekäme, bliebe der Erfolg aus, und du würdest sagen, ich habe dich getäuscht.
Und, fuhr Nero fort, ich würde dich wieder in jenes Gefängnis werfen und dir deinen früheren Gefängniswärter Pollio Julius zum Hüter setzen. Ja, das würde ich tun; sieh dich also vor!
Nenne mir den Namen des Opfers, und ich werde dir für den Erfolg einstehen.
Ich habe dir schon gesagt, daß ich ihn weder sagen kann noch will. Hast du keine dienstbaren Geister, um das Unbekannte zu entdecken, kennst du keinen Zauber, sie zu beschwören und zu befragen? Suche und forsche! Ich werde dir nichts sagen, aber ich hindere dich nicht am Erraten.
Hier kann ich nichts erreichen.
Du bist keine Gefangene.
In zwei Stunden werde ich wiederkommen.
Ich ziehe vor, dich zu begleiten.
Selbst auf den Esquilin?
Überall hin.
Und kommst du allein mit?
Allein, wenn es sein muß.
So komm.
Nero machte dem Anicetus ein Zeichen, daß er sich zurückziehen könne, und verließ mit Lokuste das goldene Haus, scheinbar nur mit seinem Schwert bewaffnet. Es wird jedoch auch überliefert, daß er Tag und Nacht einen Schuppenpanzer auf der Haut getragen habe, der ihm die Brust beschützte und der so geschickt gearbeitet war, daß er jeder Bewegung des Körpers nachgab und den schärfsten Waffen wie dem stärksten Arme standhielt.
Sie schritten durch die dunklen Straßen Roms, ohne daß ein Sklave voranleuchtete, bis zum Velabrum, wo das Haus der Lokuste lag. Die Magierin klopfte mit drei Schlägen an, eine alte Frau, die ihr zuweilen bei ihren Zauberbereitungen behilflich war, öffnete die Türe und trat lächelnd zur Seite, als sie den schönen, jungen Mann vorübergehen sah, der gewiß einen Liebestrank bestellen wollte.
Lokuste öffnete die Türe zu ihrer Werkstätte, trat zuerst hinein und lud den Kaiser durch ein Zeichen ein, ihr zu folgen.
Ein seltsames Gemisch von häßlichen und wunderlichen Dingen bot sich hier den Blicken des Kaisers. Ägyptische Mumien und etruskische Skelette waren an den Wänden aufgerichtet; Krokodile und Fische von sonderbarer Gestalt schwebten an unsichtbaren Eisendrähten von der Decke herab; auf Piedestalen standen Wachsfiguren von verschiedener Größe und verschiedenem Aussehen umher, in deren Herzen Nadeln und Dolche steckten. Mitten unter diesen merkwürdigen Apparaten flatterte geräuschlos eine aufgescheuchte Eule herum, deren Augen jedesmal, wenn sie sich niedersetzte, wie zwei glühende Kohlen leuchteten, und deren Schnabel vor Angst zusammenschlug. In einer Ecke des Zimmers blökte traurig ein schwarzes Schaf, als erriete es das Schicksal, das seiner wartete. In diesem mannigfachen Geräusch unterschied Nero bald Klagetöne; er blickte aufmerksam umher und bemerkte auf dem Fußboden einen Gegenstand, dessen Umriß er zuerst nicht deutlich erkennen konnte. Es war ein menschlicher Kopf ohne Körper, dessen Augen jedoch zu leben schienen; um seinen Hals ringelte sich eine Schlange, deren schwarze, bewegliche Zunge bald unruhig nach dem Kaiser hinzüngelte, bald in eine Schale mit Milch tauchte. Um diesen Kopf hatte man wie zum Hohn allerhand Gerichte und Früchte aufgestellt; übrigens blieb der Kaiser nicht lange im Zweifel; es war eben dieser Kopf, von dem die klagenden Töne herkamen.
Jetzt begann Lokuste, ihren Zauber zu bereiten. Nachdem sie das ganze Haus mit Wasser aus dem Avernischen See, dem Ursitz etruskischer Zauberkunst, besprengt hatte, zündete sie ein Feuer an mit Sykomoren- und Cypressenzweigen, die auf Gräbern gepflückt waren, warf Eulenfedern hinein, die sie in Krötenblut getaucht hatte, und Kräuter aus Jolkos und Iberien. Dann kauerte sie vor dem Feuer nieder und murmelte unverständliche Worte; als es zu verlöschen begann, blickte sie um sich, als suche sie etwas, das ihre Augen nicht gleich finden konnten. Dann ließ sie ein eigenes Pfeifen hören, worauf die Schlange ihren Kopf emporrichtete; gleich darauf pfiff sie zum zweiten Mal, da streckte sich das Tier langsam aus; endlich ließ sie das Pfeifen zum dritten Mal hören; als folge es diesem Ruf nur gezwungen, kroch das gehorsame Tier scheu und furchtsam zu ihr hin. Sie ergriff es am Halse und näherte seinen Mund der Flamme; sogleich ringelte die Schlange ihren ganzen Körper um den Arm der Magierin und stieß nun ihrerseits pfeifende Schmerzenslaute aus. Aber Lokuste hielt den Kopf immer noch näher an das Feuer, bis sich der Rachen mit weißem Schaum bedeckte. Drei oder vier Tropfen von diesem Geifer fielen auf die Asche, das war es, was Lokuste gewollt hatte, denn jetzt ließ sie das Reptil los, das schnell entfloh, an dem Bein eines Skelettes emporhuschte und sich in der Brusthöhle verkroch, wo man es noch einige Zeit zwischen den Knochen hindurch, die es wie ein Käfig umgaben, vor Schmerzen zucken sah.
Jetzt sammelte Lokuste die Asche und die glühenden Kohlen in ein Tuch von Asbest, ergriff das schwarze Schaf an einem Strick, der ihm um den Hals hing, und da sie offenbar das vollendet hatte, was sie nur zu Hause vollbringen konnte, wandte sie sich zu Nero, der ihrem Tun mit der Unbeweglichkeit einer Statue zugeschaut hatte, und fragte, ob er immer noch die Absicht habe, sie auf den Esquilin zu begleiten. Nero machte ihr ein Zeichen mit dem Kopfe. Lokuste ging hinaus, der Kaiser folgte ihr. Im Augenblick, wo er die Türe schließen wollte, hörte er eine Stimme, die in so schmerzensvollen Lauten um Mitleid flehte, daß er gerührt wurde und Lokuste zurückhalten wollte. Aber diese antwortete, daß die geringste Verzögerung die Beschwörung unwirksam mache, und daß sie genötigt sei, allein zu gehen, oder das Unternehmen auf den folgenden Tag zu verschieben, wenn der Kaiser sie nicht augenblicklich begleite. Nero schlug die Türe zu und beeilte sich, ihr zu folgen; übrigens waren ihm diese Geheimnisse der Wahrsagerin nicht fremd; er wußte schon, was der grausige Kopf bedeutete. Er gehörte einem Kinde, das bis zum Halse eingegraben war, und das Lokuste angesichts der Gerichte, die es nicht erreichen konnte, Hungers sterben ließ, damit sie nach seinem Tode aus dem Mark seiner Knochen und aus dem von Gier und Wut erfüllten Herzen jene Liebestränke bereiten konnte, welche die reichen Wüstlinge Roms oder die Geliebten der Kaiser zuweilen mit einem Preis bezahlten, für den man eine Provinz hätte kaufen können.
Nero und Lokuste schlichen wie zwei Schatten eine Zeit lang durch die gekrümmten Straßen des Velabrums, dann verschwanden sie rasch und schweigend hinter der Mauer des großen Zirkus und erreichten den Fuß des Esquilin. In diesem Augenblick stieg der Mond in seinem ersten Viertel hinter dem Hügel empor, und von dem versilberten Azurblau des Himmels hoben sich die zahlreichen Kreuze ab, an welche die Körper der Diebe, der Mörder und der Christen genagelt waren, die hier auf einer Richtstätte vereinigt wurden. Der Kaiser glaubte zuerst, die Zauberin werde mit einigen dieser Leichen zu schaffen haben, aber sie ging zwischen ihnen durch, ohne sich aufzuhalten, dann machte sie Nero ein Zeichen, daß er sie erwarten möge. Indessen kniete sie an einem kleinen Grabhügel nieder und fing an, wie eine Hyäne mit ihren Nägeln eine Grube in die Erde zu graben. In diese Höhlung goß sie die glühende Asche, die sie mitgebracht hatte, und in der ein vorüberstreichender Windhauch einige Funken entfachte. Dann ergriff sie das schwarze Schaf, das sie zu diesem Zweck hergeführt hatte, öffnete ihm die Schlagader am Hals mit den Zähnen und löschte die Funken mit dem ausströmenden Blut. In diesem Augenblick verschleierte sich der Mond, wie um eine solche Greueltat nicht ansehen zu müssen; aber trotz der Dunkelheit, die sich um den Hügel verbreitete, glaubte Nero vor der Zauberin einen Schatten aufsteigen zu sehen, mit dem sie einige Worte wechselte. Da erinnerte er sich, daß hier der Ort sein mußte, wo die wegen ihrer Mordtaten erhenkte Zauberin Canidie, von der Horaz und Ovid berichten, begraben lag, und er zweifelte nicht mehr, daß es ihr verruchter Geist sei, den Lokuste eben befragte. Gleich darauf schien der Schatten wieder in die Erde zurückzukehren, der Mond trat hinter dem Gewölk hervor, das ihn verdunkelt hatte, und Lokuste kam bleich und zitternd zu Nero heran.
Nun? fragte der Kaiser.
Alle meine Kunst würde vergeblich sein, murmelte Lokuste.
Hast du keine tödlichen Gifte mehr?
Doch, aber sie hat die beherrschenden Gegengifte.
So kennst du die, welche ich verurteilt habe? erwiderte Nero.
Es ist deine Mutter, antwortete Lokuste.
Es ist gut, sagte der Kaiser kalt; dann werde ich ein anderes Mittel finden.
Beide stiegen zusammen von dem verfluchten Hügel herab und verloren sich in den dunklen, verlassenen Straßen, die zum Velabrum und zum Palatin führten.
Am andern Tag erhielt Akte einen Brief von ihrem Geliebten, der sie einlud, nach Bajä abzureisen und den Kaiser zu erwarten, der dort mit Agrippina das Fest der Minerva feiern werde.
X
Acht Tage waren verflossen seit der Scene, die wir im vorhergehenden Kapitel geschildert haben. Es war zehn Uhr abends; der Mond, der eben am Horizont erschien und langsam hinter dem Vesuv emporstieg, beleuchtete mit seinen Strahlen das ganze Ufer von Neapel. In seinem reinen, hellen Licht erglänzte der Golf von Puzzeoli, den wie eine dunkle Linie die unsinnige Brücke überspannte, die, um eine Prophezeiung des Astrologen Thrasyllus zu erfüllen, der dritte Cäsar Kajus Kaligula von einem Ufer zum andern schlagen ließ. An ihren Grenzen und in der ganzen Ausdehnung des ungeheuren, halbmondförmigen Bogens, den sie von der Landspitze des Posilippo bis zum Kap Misenum bildete, sah man nacheinander wie Sterne am Himmel die Lichter der Städte, Dörfer und Villen verlöschen, die an diesem Ufer zerstreut lagen und sich in den schönen, blauen Wellen spiegelten. Einige Zeit noch glitten durch die Stille verspätete Barken hin, die Fackeln an ihrer Spitze trugen und mit Hilfe eines dreieckigen Segels oder doppelter Ruder in den Hafen von Oenarie, von Procida oder Bajä einliefen. Nachdem die letzte dieser Barken verschwunden war, schien der Golf ganz verlassen und schweigend dazuliegen; allein gegenüber den Gärten des Hortensius, zwischen dem Haus des Julius Cäsar und dem Palast von Bauli, schaukelte ein am Ufer angekettetes Fahrzeug auf den Wogen.
Kein Wölkchen trübte den Himmel, der klar wie das Meer sich ausspannte. Keine Welle kräuselte das Meer, das den Himmel wiederspiegelte. Der Mond, der seine leuchtende Bahn durch den flüssigen Azur hinzog, schien über dem Golf zu verweilen und sich wie im Spiegel zu beschauen. Die letzten Lichter von Puzzeoli waren erloschen, nur der Leuchtturm auf dem Kap Misenum flammte noch auf der Spitze des Vorgebirges, wie eine Fackel in der Hand eines Riesen. Es war eine jener üppigen Nächte, wo Neapel, die schöne Tochter Griechenlands, ihren Orangenblütenduft in die Lüfte haucht und die Wellen um ihren Marmorbusen spielen läßt. Von Zeit zu Zeit klang jenes geheimnisvolle Seufzen durch die Nacht, das die schlummernde Erde zum Himmel sendet, und am östlichen Horizont stieg die weiße Dampfsäule des Vesuv durch die unbewegte Atmosphäre wie eine riesige Alabastersäule, wie ein Trümmerstück, das von einem versunkenen Babel übrig blieb.
Inmitten der Stille und Dunkelheit der Nacht sahen die Matrosen, die in den Barken am Ufer schliefen, plötzlich brennende Fackeln aufleuchten zwischen den Bäumen hindurch, welche den Palast von Bauli halb verdeckten. Sie hörten jubelnde Stimmen dem Ufer nahen, und bald sahen sie aus einem Orangen- und Oleandergebüsch, das an das Ufer grenzte, von hellem Fackellicht umflossen einen lärmenden Zug hervortreten. Sogleich ließ der, welcher der Befehlshaber des größten Schiffes, einer prächtig vergoldeten, blumengeschmückten Trireme, zu sein schien, über die Brücke, die sein Schiff mit dem Ufer verband, einen Purpurteppich ausbreiten und wartete in banger, ehrfurchtsvoller Haltung, denn an der Spitze des Zuges nahte dem Schiffe Cäsar Nero selbst. Er kam, begleitet von Agrippina; die Mutter stützte sich auf den Arm des Sohnes, was seit dem Tode des Britannikus selten geschah; sie lächelten beide und tauschten vertrauliche Reden, so daß sie in bestem Einvernehmen miteinander zu stehen schienen. Bei der Trireme hielt der Zug an; angesichts des ganzen Hofstaates schloß Nero mit nassen Augen seine Mutter in die Arme, bedeckte ihr Gesicht und ihren Hals mit Küssen, wie wenn es ihm schwer fiele, sich von ihr zu trennen. Als sie sich endlich aus seiner Umarmung löste, wandte er sich an den Befehlshaber des Schiffes:
Anicetus, sagte er, du haftest mir mit deinem Kopfe für meine Mutter.
Agrippina überschritt die Brücke und bestieg die Trireme, die sich langsam vom Ufer entfernte und das Vorgebirge umsegelte, das zwischen Bajä und Puzzeoli lag. Nero verließ den Platz nicht; er blieb noch eine Zeit lang an der Stelle, wo er sich verabschiedet hatte, und winkte seiner Mutter Grüße zu, die diese vom Schiff aus erwiderte. Endlich, als sich das Schiff außerhalb der Tragweite seiner Stimme befand, kehrte er nach Bauli zurück, und Agrippina stieg in den Raum des Schiffes hinab, der festlich für sie zugerüstet war.
Kaum hatte sie sich auf dem purpurnen Ruhebett niedergelegt, so wurde der Vorhang zur Seite geschoben, und ein junges Mädchen stürzte bleich und zitternd ihr zu Füßen und rief:
O meine Mutter, meine Mutter, rette mich!
Agrippina erzitterte zuerst vor Überraschung und Furcht, dann erkannte sie die schöne Griechin.
Akte, sagte sie erstaunt, indem sie ihr die Hand reichte, du bist hier auf meinem Schiff und bittest mich um Schutz? Wovon soll ich dich erretten, dich, die du so mächtig bist und mir die Liebe meines Sohnes wiedergegeben hast?
Oh! von ihm, von mir, von meiner Liebe … von diesem Hof, der mich erschreckt, von dieser ganzen sonderbaren Welt, die so neu für mich ist.
In der Tat, antwortete Agrippina, du bist während des Festmahles verschwunden, Nero hat nach dir gefragt, hat dich suchen lassen; warum hast du das getan?
Warum? Du fragst noch? Vergib mir! Aber kann es denn eine Frau inmitten einer solchen Orgie aushalten, über die selbst unsere Venuspriesterinnen erröten würden? O, meine Mutter, hast du jene Gesänge nicht gehört? Hast du die schamlosen Kurtisanen nicht gesehen? Diese Gaukler, deren Bewegungen noch mehr als ihnen selbst denen zur Schande gereichen, die ihnen zusehen? Oh! Ich habe ein solches Schauspiel nicht ertragen können. Ich habe mich in die Gärten geflüchtet, aber auch da gab es Dinge, die mich erschreckten. Diese Gärten schienen bevölkert wie ehemals die Wälder. Jeder Brunnen schien von einer unkeuschen Nymphe, jedes Gebüsch von einem schwelgerischen Satyr bewohnt. Kannst du es glauben, meine Mutter? Unter diesen Männern und Frauen habe ich vornehme Matronen und Ritter erkannt. Da entfloh ich aus den Gärten wie aus dem Festsaal. Eine Türe stand offen, die zum Meere hinabführte; ich lief an das Ufer, ich sah die Trireme und erkannte sie als dein Schiff. Ich rief den Matrosen zu, daß ich zu deinem Gefolge gehöre und dich erwarte, da nahmen sie mich auf. Inmitten dieser groben Matrosen und Soldaten befand ich mich wohler als an Neros vom römischen Adel besetzter Tafel.
Armes Kind! Und was erwartest du von mir?
Einen Zufluchtsort in deinem Hause am Lukriner See, eine Stelle unter deinen Sklaven, einen Schleier, der dicht genug ist, die Schamröte auf meiner Stirn zu bedecken.
Willst du denn den Kaiser nicht wiedersehen?
O meine Mutter!
Willst du ihn dem Zufall preisgeben und wie ein verlorenes Schiff auf diesem Meere von Ausschweifungen umhertreiben lassen?
O, meine Mutter, wenn ich ihn weniger liebte, könnte ich vielleicht bei ihm bleiben, aber wie soll ich es mit ansehen, daß er andere Frauen ebenso liebt wie mich oder mehr noch, als ich geliebt zu werden glaubte? Das ist unmöglich! Ich kann nicht so viel hingeben, um so wenig dafür zu erhalten. Inmitten dieser verlorenen Welt würde ich zu Grunde gehen. Ich würde ebenso werden wie diese Frauen, ich würde einen Dolch im Gürtel tragen und Gift in einem Ring, und eines Tages …
Was gibt es, Acerronia? unterbrach sie Agrippina, zu einer jungen Sklavin gewendet, die eben eintrat.
Darf ich reden, Herrin? antwortete diese mit erregter Stimme.
Rede.
Wohin wolltest du fahren?
Zu meiner Villa am Lukriner See.
Ja, anfangs segelten wir in dieser Richtung, aber seit einigen Augenblicken hat das Schiff den Kurs geändert, und wir fahren dem offenen Meere zu.
Dem offenen Meere zu! rief Agrippina.
Sieh her, sagte die Sklavin, indem sie den Vorhang vom Fenster zurückzog; sieh her, der Leuchtturm sollte längst hinter uns sein, und er ist hier rechts von uns; statt daß wir uns Puzzeoli nähern, entfernen wir uns davon mit vollen Segeln.
In der Tat! rief Agrippina; was bedeutet das? Gallus, Gallus! … Ein junger römischer Ritter erschien an der Türe. Gallus! wiederholte Agrippina, sage dem Anicetus, daß ich ihn sprechen will. Gallus ging hinaus und nach ihm Acerronia. Gerechte Götter! jetzt erlischt der Leuchtturm wie durch einen Zauberschlag, fuhr sie fort … Akte, Akte, irgend etwas Schreckliches geht hier vor, ohne Zweifel. Man hat mich gewarnt, nach Bauli zu kommen, aber ich habe nicht hören wollen. Nun! Gallus?

Anicetus kann deinem Befehl nicht folgen; er läßt die Boote ins Meer setzen.
So werde ich selbst zu ihm gehen … Ah! … was ist das für ein Geräusch über uns? Beim Jupiter! wir sind verloren, das Schiff geht auseinander!!! In der Tat hatte Agrippina diese Worte kaum ausgesprochen und sich Akte in die Arme geworfen, so krachte die Decke über ihren Häuptern mit furchtbarem Geräusch zusammen. Die beiden Frauen glaubten sich verloren; aber durch einen seltsamen Zufall war der Baldachin, der sich über dem Bett befand, so tief und so fest in die Schiffsplanken eingefügt, daß er das Gewicht der Decke aufhielt, die bei ihrem Zusammensturz den jungen Römer am Eingang des Zimmers erdrückte. In demselben Augenblick ertönte auf dem ganzen Schiff großes Geschrei. Ein dumpfes Geräusch drang auch vom Grunde des Schiffes herauf. Die Frauen fühlten unter ihren Füßen den Boden wanken und ächzen. Mehrere Planken des Kiels hatten sich geöffnet, und durch die klaffende Lücke flutete das Meer in das Mittelschiff und schlug schon an die Zimmertüre. Agrippina erriet sofort alles. Der Tod sollte sie über ihrem Haupt und zu ihren Füßen erwarten. Sie blickte umher und sah die stürzende Decke bereit sie zu zermalmen und das Meer bereit sie zu verschlingen. Das Fenster, durch das sie geblickt hatte, als der Leuchtturm von Misenum erlosch, stand offen: das war der einzige Rettungsweg. Sie zog Akte mit sich fort zu dem Fenster, hieß sie schweigen durch eine gebietende Bewegung, die anzeigte, daß es sich um das Leben handle, und beide stürzten sich ohne Zögern ins Meer. In demselben Augenblick fühlten sie sich wie von einer höllischen Macht auf den tiefsten Meeresgrund hinabgezogen. Das Schiff versank in einem Wirbel, und sie wurden von dem Strudel in die Tiefe gerissen. Sie sanken einige Sekunden lang, die ihnen wie Jahrhunderte vorkamen. Endlich hörte die kreisende Bewegung auf; sie spürten, daß sie nicht weiter hinabsanken, und bald wurden sie von den Wellen emporgetragen und erschienen halb ohnmächtig an der Oberfläche des Wassers. In diesem Augenblick sahen sie wie durch einen Schleier in der Nähe der Boote einen dritten Kopf auftauchen und hörten wie im Traum eine Stimme, die rief: Ich bin Agrippina, die Mutter des Cäsar, rettet mich! Auch Akte wollte um Hilfe rufen, aber sie fühlte sich von neuem von Agrippina fortgerissen. Als sie zum zweitenmal auftauchten, waren sie beinahe aus der Sehweite der Boote. Agrippina zeigte, während sie mit einer Hand schwamm, mit der andern auf ein Ruder, das sich erhob und Acerronia den Kopf zerschmetterte, weil sie so töricht gewesen war, sich für die Mutter des Cäsar auszugeben.
Die beiden Flüchtlinge teilten schweigend die Fluten und schwammen auf das Ufer zu, während Anicetus seinen Mordauftrag erfüllt zu haben glaubte und nach Bauli zurücksegelte, wo ihn der Kaiser erwartete. Der Himmel war klar und das Meer wieder ruhig geworden; allein der Ort, wo Agrippina und Akte sich ins Meer geworfen hatten, war so weit vom Ufer entfernt, daß sie noch eine halbe Meile zurücklegen mußten, nachdem sie schon eine halbe Stunde geschwommen waren. Dazu hatte sich Agrippina beim Sturz ins Meer an der Schulter verletzt. Sie fühlte, daß ihr rechter Arm schwer wurde, so daß sie der ersten Gefahr nur entronnen schien, um einer anderen schrecklicheren zu erliegen. Akte bemerkte bald, daß sie nur mit Anstrengung schwamm; wenn auch keine Klage über Agrippinas Lippen kam, erriet sie deren hilflose Lage doch aus der schweratmenden Brust. Sie schwamm daher auf die andere Seite, ergriff den verletzten Arm und bot ihren Nacken als Stütze dar; so drang sie vorwärts, die Erschöpfte unterstützend, die sie vergebens anflehte, sich allein zu retten und sie sterben zu lassen.
Während dieser Zeit war Nero in den Palast von Bauli zurückgekehrt. Er nahm den Platz an der Tafel wieder ein, den er kurz zuvor verlassen hatte, ließ neue Kurtisanen und Gaukler kommen und befahl, daß das Fest seinen Fortgang nehme; er ließ sich seine Leier bringen und besang die Belagerung von Troja. Doch von Zeit zu Zeit erbebte er, ein Schauer rieselte durch seine Adern, und kalter Schweiß trat auf seine Stirn, denn manchmal glaubte er den letzten Schrei seiner Mutter zu hören, dann schien es ihm, als ob der Genius des Todes die heiße, duftende Atmosphäre durchschreite und seine Stirne mit den Schwingen berühre. Endlich, nach zwei langen, fieberhaft durchlebten Stunden, trat ein Sklave ein, näherte sich Nero und sagte ihm einige für die andern unhörbaren Worte ins Ohr, bei denen der Kaiser erbleichte. Sogleich ließ er seine Leier fallen, riß den Kranz von seinem Haupte, stürzte aus dem Festsaal, ohne jemanden ein Wort über die Ursache seines plötzlichen Schreckens zu sagen, und überließ es den Gästen, ob sie sich zurückziehen oder die Orgie fortsetzen wollten. Allein die Verwirrung des Kaisers war zu sichtbar und sein Aufbruch zu plötzlich gewesen als daß die Höflinge sich nicht gesagt hätten, es müsse irgend etwas Entsetzliches geschehen sein. Alle beeilten sich, dem Beispiel ihres Herrn zu folgen, und einige Minuten nach seinem Abgang war der Saal, der eben noch so geräuschvoll und belebt gewesen war, leer und schweigsam wie ein Grab.
Nero zog sich in sein Zimmer zurück und ließ Anicetus rufen. Dieser hatte nach seiner Rückkehr dem Kaiser von der Ausführung seiner Mission Bericht erstattet, und der Kaiser, überzeugt von seiner Treue, hatte nicht im geringsten an der Wahrheit dessen, was er hörte, gezweifelt. Wie groß war daher Anicetus' Erstaunen, als Nero bei seinem Eintritt auf ihn losstürzte und ihm zurief:
Was sagtest du mir denn, daß sie tot sei? Es ist ein Bote unten, den sie mir gesandt hat.
Dann muß er von der Hölle kommen, antwortete Anicetus; denn ich habe den Plafond einstürzen und das Schiff in den Wellen verschwinden sehen; ich habe eine Stimme rufen hören: Ich bin Agrippina, die Mutter des Kaisers, und habe gesehen, wie ein Ruder den Kopf der Hilferufenden zerschmetterte.
Nun wohl! Du hast dich getäuscht. Acerronia ist tot, und meine Mutter ist gerettet.
Wer sagt das?
Der Freigelassene Agerinus.
Hast du ihn gesehen?
Nein, noch nicht.
Was beschließt der göttliche Kaiser zu tun?
Kann ich auf dich rechnen?
Mein Leben gehört dem Kaiser.
Nun wohl! geh in dieses Kabinett, und wenn ich um Hilfe rufe, tritt rasch ein, halte Agerinus fest und sage, du habest ihn den Dolch gegen mich erheben sehen.
Dein Wunsch ist mir Befehl, antwortete Anicetus mit einer Verbeugung und trat in das Kabinett. Nero blieb allein, er nahm einen Spiegel, und da er sah, daß sein Gesicht entstellt war, legte er Rot auf, um seine Blässe zu verdecken; dann ordnete er seine Locken und die Falten seiner Toga, wie wenn er eine Bühne besteigen sollte, und legte sich in einer studierten Lage nieder, um den Boten Agrippinas zu empfangen.
Er war gekommen, um Nero mitzuteilen, daß seine Mutter gerettet sei; er erzählte ihm den doppelten Unglücksfall der Trireme, wobei Nero zuhörte, als ob er von nichts wüßte; dann fügte er hinzu: die erlauchte Agrippina sei von einer Fischerbarke aufgenommen worden, in dem Augenblick, wo ihre Kräfte sie zu verlassen drohten, und sie keine andere Hoffnung mehr hatte als den Beistand der Götter. Diese Barke hatte sie durch den Kanal des Kaisers Claudius in den Lukriner See geführt. Vom Ufer des Sees hatte sie sich in einer Sänfte in ihre Villa tragen lassen, von wo aus sie sogleich ihrem Sohn sagen ließ, die Götter hätten sie unter ihren Schutz genommen, und ihn beschwor, so sehr er auch wünschen möge sie wiederzusehen, seinen Besuch aufzuschieben, da sie für den Augenblick der Ruhe bedürfe. Nero hörte ihm bis zu Ende zu, indem er hintereinander Schrecken, Überraschung und Freude heuchelte. Als er erfahren hatte, was er wissen wollte, nämlich den Ort, wo sich seine Mutter befand, ging er sogleich an die Ausführung des Planes, den er in der Geschwindigkeit gefaßt hatte; er warf dem Boten ein blankes Schwert zwischen die Füße und rief um Hilfe. Sogleich stürzte Anicetus aus dem Kabinett, ergriff den Mann und hob das Schwert auf, das zu seinen Füßen lag. Ehe der Bote Zeit gehabt hatte, das angebliche Attentat zu leugnen, war er dem Hauptmann der Prätorianer überliefert, der mit seiner Wache herbeieilte, sobald er die Stimme des Kaisers hörte, und in die Gänge des Palastes hinausstürzte mit dem Ruf, es sei auf den Kaiser auf Anstiften seiner Mutter ein Mordversuch gemacht worden.
Während sich diese Vorgänge in Bauli abspielten, war Agrippina, wie erzählt, von einer Fischerbarke gerettet worden, die spät in den Hafen zurückkehrte. Aber in dem Augenblick, als Agrippina die Barke einholte, hatte sie Akte gefragt, ob sie sich noch stark genug fühle, das bereits sichtbare Ufer schwimmend zu erreichen, weil sie nicht wußte, ob Neros Zorn sie bis in ihre Villa am Lukriner See verfolgen werde, und sie das junge Mädchen, dem sie das Leben verdankte, nicht in ihren Untergang hineinziehen wollte. Akte erriet den Grund, der die Mutter des Kaisers zu dieser Handlungsweise bestimmte, und bat inständig, ihr folgen zu dürfen; aber diese befahl ihr, sich jetzt von ihr zu trennen, und versprach, sie rufen zu lassen, sobald die Gefahr vorüber sei. Akte gehorchte, und Agrippina, die bisher unbemerkt geblieben war, rief mit einem Notschrei die träge hintreibende Barke herbei, während Akte sich ungesehen entfernte und weiß und leicht an der Oberfläche des Golfes hinglitt, wie ein Schwan, der seinen Kopf unter dem Wasser verbirgt.

Je näher Agrippina der Küste kam, desto mehr schien sich diese zu beleben. Sie sah Lichter sinnlos am Ufer hin und her irren, und der Wind trug ihr ein Zetergeschrei zu, dessen Grund ihre besorgten Sinne zu erraten suchten. Anicetus hatte nämlich, als er in den Hafen von Bauli zurückkehrte, die Nachricht von dem Schiffbruch und dem Tode der Mutter des Kaisers verbreitet. Daraufhin hatten sich sofort alle ihre Sklaven, Klienten und Freunde an das Ufer begeben, in der Hoffnung, daß sie die Küste noch lebend erreichen oder wenigstens das Meer ihren Leichnam ans Land spülen werde. Sobald man in der Dunkelheit das weiße Segel bemerkte, lief alles an dem Landungsplatz zusammen, und als man erfuhr, daß sich Agrippina wirklich in der Barke befinde, verwandelte sich das Wehegeschrei in jauchzende Freude. So kehrte sie, wie im Triumph, getragen von den Armen ihrer Diener und von einer durch die Ereignisse erregten und aus dem Schlaf geschreckten Volksmenge geleitet, in ihre kaiserliche Villa zurück, deren Türen sich augenblicklich hinter ihr schlossen. Aber die gesamte Bewohnerschaft des Ufers von Puzzeoli bis Bajä blieb dem ungeachtet außen stehen und erging sich in lauten Bezeigungen der Freude und Liebe und in lebhaften Rufen des Verlangens, die Frau zu sehen, welcher der Senat auf Befehl des Kaisers den Titel der Erlauchten zuerkannt hatte.
Agrippina hatte sich jedoch tief in ihre Gemächer zurückgezogen; weit entfernt, sich dieses Entzückens der Bevölkerung zu freuen, empfand sie darüber die größte Bestürzung, denn jede Popularität galt am Hofe Neros für ein Verbrechen, um so mehr, wenn diese Popularität einem geächteten Haupte galt. Kaum hatte sie ihr Zimmer erreicht, so beschied sie den Freigelassenen Agerinus zu sich, den einzigen Menschen, auf den sie sich verlassen zu können glaubte, und übertrug ihm die Botschaft, die wir ihn haben bei Nero ausrichten sehen. Erst als diese Pflicht erfüllt war, dachte sie an ihre Wunden, und nachdem sie den ersten Verband hatte anlegen lassen, entließ sie alle ihre Frauen und legte sich zu Bett. Den Kopf in die Decken gehüllt, gab sie sich ganz den schrecklichen Gedanken hin, die sie bewegten, während draußen die Rufe der Menge immer mächtiger anwuchsen. Plötzlich schwiegen diese Tausende von Stimmen, die Rufe verstummten wie durch Zauber; die Lichter der Fackeln, die durch die Fenster geflackert hatten, wie der Wiederschein eines Brandes, erloschen. Die Nacht wurde wieder dunkel, und es trat eine geheimnisvolle, unheilschwangere Stille ein. Agrippina fühlte Todesschauer ihren Körper durchbeben, und kalter Schweiß bedeckte ihre Stirn. Sie erriet, daß die Menge nicht ohne Grund geschwiegen und ihre Lichter gelöscht hatte. In der Tat hörte sie gleich darauf einen Trupp Bewaffneter in den äußeren Hof eindringen, dann kamen Schritte die Gänge entlang von Zimmer zu Zimmer. Agrippina lauschte diesen unerklärlichen, drohenden Geräuschen, auf den Ellenbogen gestützt, nach Atem ringend, aber unbeweglich. Da ihr keine Möglichkeit zur Flucht mehr blieb, dachte sie auch nicht daran; endlich öffnete sich die Türe ihres Zimmers. Da raffte sie allen Mut zusammen und wandte sich um, bleich, aber entschlossen. Auf der Schwelle erschien der Freigelassene Anicetus und hinter ihm der Tetrarch Herkuleus und Olaritus, der Hauptmann des Seewesens. Als sie Anicetus erblickte, den sie als den Vertrauten und Vollstrecker von Neros Urteilen kannte, begriff sie, daß es um sie geschehen sei, und verzichtete auf jede Klage und auf jedes Flehen.
Wenn du als Bote kommst, melde meinem Sohn, das ich wieder hergestellt sei; wenn du als Henker kommst, so tu was deines Amtes ist!
Statt jeder Antwort, zog Anicetus sein Schwert und näherte sich dem Bette. Agrippina schlug die Decke zurück und sprach, zu dem Mörder gewandt, die Worte:
Verflucht sei mein Leib!
Der Mörder gehorchte, und sie starb, mit dieser Verwünschung ihres Schoßes, der einen solchen Sohn getragen hatte, auf den Lippen. Akte war, nachdem sie Agrippina verlassen hatte, dem Ufer zugeschwommen, aber als sie demselben näher kam, sah sie die Fackeln aufleuchten und hörte das Geschrei, und da sie nicht wußte, was dieser Tumult zu bedeuten hatte, und noch Kraft fühlte, beschloß sie erst jenseits von Puzzeoli ans Land zu gehen. Um den Blicken verborgen zu bleiben, folgte sie dem Schatten, den die Kaligula-Brücke auf das Meer warf, und hielt sich von Zeit zu Zeit an den Pfeilern fest, auf denen die Brücke ruhte, um wieder Kräfte zu sammeln. Als sie noch dreihundert Schritte von der Brücke entfernt war, sah sie den Helm einer Schildwache aufleuchten und suchte von neuem das Weite, obwohl ihre schweratmende Brust und ihre ermattenden Arme ihr die Notwendigkeit zum Bewußtsein brachten, daß sie so schnell als möglich das Ufer erreichen müsse. Endlich traf sie die Küste, wie sie gewünscht hatte, flach, dunkel und einsam, während die Lichter der Fackeln und der Freudenjubel von Bajä wie aus weiter Ferne zu ihr herüberdrangen. Übrigens schien das alles zu verschwimmen, und selbst das Ufer, das sie wenige Augenblicke zuvor noch gesehen hatte, verschwand jetzt in einer Wolke, die sich um ihre Augen legte, und die von blutigen Blitzen durchschossen war; ein Geräusch tönte an ihre Ohren, das unaufhörlich wuchs, wie wenn Seeungeheuer sie mit ihren Flügelschlägen durchs Meer begleiteten; sie wollte rufen, aber ihr Mund füllte sich mit Wasser, und eine Woge ging über ihren Kopf hinweg. Akte merkte, daß sie verloren sei, wenn sie nicht alle Kraft zusammennahm. Durch eine krampfhafte Bewegung tauchte sie mit dem Oberkörper über das Element empor, das sie zu ersticken drohte, und gewann Zeit, die Brust mit belebender Luft zu füllen. Sie war dem Ufer bedeutend näher gekommen, aber bald stellten sich alle Symptome der Erschöpfung von neuem ein, verwirrte und nie dagewesene Gedanken kreuzten sich in ihrem Gehirn. In einem Augenblick ging alles, was ihr teuer war, ihr ganzes Leben, an ihren Blicken vorüber. Sie glaubte einen Greis zu erkennen, der ihr vom Ufer die Arme entgegenbreitete und ihr zurief, während eine unbekannte Macht ihre Glieder lähmte und sie in die Tiefe zu ziehen drohte. Dann sah sie das Festmahl in seinem Glanz, die Gesänge tönten an ihre Ohren; Nero saß da mit der Leier in der Hand, seine Lieblinge klatschten seinen unzüchtigen Gesängen Beifall, die Kurtisanen traten ein und führten ihre schamlosen Tänze aus. Da wollte sie fliehen, wie sie es zuvor getan hatte, aber ihre Füße waren mit Blumenguirlanden gefesselt, doch erkannte sie am Ende des Ganges, der zu dem Festsaal führte, den Greis wieder, der sie zu sich heranwinkte. Dieser Greis hatte einen glänzenden Reif um seine Stirn, und sein Angesicht leuchtete durch die Dunkelheit. Er rief sie zu sich, und sie verstand, daß sie gerettet wäre, wenn sie zu ihm gelangen könnte. Dann erloschen alle Lichter, jedes Geräusch verstummte, sie fühlte sich versinken und stieß einen Schrei aus. Ein anderer Schrei schien zu antworten, aber das Wasser ging über ihrem Kopf hinweg und bedeckte sie wie mit einem Leichentuch, alles wurde unbestimmt bis auf das Lebensgefühl. Es schien ihr, als würde sie schlummernd fortgetragen und den Abhang eines Berges hinuntergerollt, an dessen Fuß sie gegen einen Stein stieß. Es war ein dumpfer Schmerz, wie man ihn während einer Ohnmacht empfindet, dann spürte sie nichts mehr als ein eisiges Gefühl, das allmählich zum Herzen emporstieg, und als es dieses erreicht hatte, verschwand das Bewußtsein des Lebens völlig.
Als sie wieder zu sich kam, war es noch nicht Tag geworden. Sie lag am Ufer, in einen weiten Mantel eingehüllt, und ein Mann kniete neben ihr und stützte ihren Kopf, aus dessen Haarschmuck das Wasser herabrieselte. Sie schlug die Augen auf zu dem, der ihr Hilfe brachte, und glaubte seltsamerweise den Greis wiederzuerkennen, den sie gesehen hatte, als die Schatten des Todes sie umringten. Es war dasselbe sanfte, ehrwürdige Gesicht, in das sie schaute, so daß die Wirklichkeit ihren Traum fortzusetzen schien.
O mein Vater! murmelte sie, du hast mich zu dir gerufen, und ich bin gekommen, hier bin ich – du hast mir das Leben gerettet. – Sage mir deinen Namen, damit ich ihn segnen kann.
Ich heiße Paulus.
Und wer bist du? fuhr das Mädchen fort.
Ein Apostel Jesu Christi, antwortete er.

Das verstehe ich nicht, entgegnete Akte sanft, aber das tut nichts, ich habe Vertrauen zu dir, wie zu einem Vater. Führe mich, wohin du willst, ich bin bereit, dir zu folgen.
Der Greis erhob sich und ging vor ihr her.
XI
Nero verbrachte die Nacht schlaflos und von Furcht gepeinigt. Er war bange, Anicetus könnte seine Mutter nicht mehr angetroffen haben, denn er glaubte, daß sie sich nur kurze Zeit in ihrer Villa aufhalten werde, und daß das, was sie ihm von ihrer Schwäche hatte sagen lassen, nur eine Vorspiegelung sei, um Zeit zu gewinnen und ungehindert nach Rom zu reisen. Er sah sie schon stolz und entschlossen in die Hauptstadt einziehen, das Volk aufrufen, die Sklaven bewaffnen, das Heer aufwiegeln und in die Pforten des Senats eindringen, um Genugtuung zu verlangen für den Schiffbruch, für ihre Wunden und den Tod ihrer Freunde. Bei dem leisesten Geräusch erbebte er wie ein Kind, denn, trotzdem er sie so schlecht behandelte, hatte er doch nicht aufgehört, seine Mutter zu fürchten. Er wußte, wessen sie fähig war; er ermaß, was sie gegen ihn unternehmen konnte, an dem, was sie für ihn getan hatte. Es war gegen sieben Uhr morgens, als ein Sklave des Anicetus im Palast zu Bauli eintraf und, nachdem er verlangt hatte, zu dem Kaiser geführt zu werden, vor diesem niederkniete und ihm seinen eigenen Ring zurückbrachte, den Nero dem Mörder zum Zeichen seiner Machtvollkommenheit übergeben hatte und den dieser nach ihrem blutigen Übereinkommen als Beweis zurücksandte, daß der Mord vollbracht sei. Da erhob sich Nero voll Freude mit dem Ruf, daß er erst von dieser Stunde an herrsche und dem Anicetus das Reich verdanke. Doch hielt er es für notwendig, den Schein zu wahren und das Volk über die Umstände, die den Tod seiner Mutter herbeiführten, auf falsche Spur zu leiten. Er ließ sogleich nach Rom schreiben, daß man in seinem Zimmer den Freigelassenen Agerinus, den Vertrauten Agrippinas, überrascht habe, der ihn mit einem Dolche habe ermorden wollen, und nachdem sie erfahren, daß dieser Anschlag gescheitert sei, habe Agrippina die Rache des Senats gefürchtet, und sich selbst den Tod gegeben. Er fügte noch hinzu, sie habe seit langem die Absicht gehabt, ihm die Herrschaft zu entreißen, und sich gerühmt, sobald der Kaiser tot sei, müsse das Volk, die Prätorianer und der Senat ihr, einer Frau, Gehorsam schwören. Er erklärte, die Verbannung der hervorragendsten Personen sei ihr Werk gewesen, und rief Valerius Capito und Licinius Gabolus, die früheren Prätoren, zurück, ebenso Calpurnia, eine Frau ersten Ranges, und Junia Calvina, die Schwester des Silanus, des früheren Verlobten der Oktavia. Er sprach auch, indem er mit seinen schamlosen Lügen selbst den Himmel nicht verschonte, von dem Schiffbruch wie von einer Rache der Götter. Übrigens mußte Seneka diesen Brief schreiben, denn Nero zitterte so sehr, daß er kaum unterzeichnen konnte.
Nachdem dieses erste Geschäft erledigt war, dachte er als geschickter Schauspieler daran, die Rolle des tiefbetrübten Sohnes durchzuführen. Er wischte das Rot ab, das noch seine Wangen bedeckte, löste seine Haare auf, die wirr um seine Schultern flatterten, und vertauschte die weiße, festliche Tunika mit einem dunkelfarbigen Gewande; so stieg er hinab, zeigte sich den Prätorianern und Höflingen, ja selbst den Sklaven, als ob er von dem Schlage, der ihn betroffen hatte, ganz niedergeschmettert sei.
Dann sprach er davon, daß er hingehen wolle, um seine Mutter noch ein letztes Mal zu sehen; er ließ eine Barke an den Ort bringen, wo er am Abend vorher so zärtlichen Abschied genommen, fuhr über den Golf, in den er sie zu versenken versucht hatte, stieg an das Ufer, wo sie verwundet und sterbend gelandet war, und näherte sich der Villa, wo sich die letzte Szene des großen Dramas abgespielt hatte. Einige Höflinge, Burrhus, Seneka und Sporus, begleiteten ihn stillschweigend und suchten auf seinem Gesicht den Ausdruck abzulesen, den sie ihren Mienen geben mußten. Er hatte den der tiefsten Trauer angenommen, und alle, die mit ihm in den äußeren Hof traten, wo die Soldaten zuerst Halt gemacht hatten, sahen aus, als ob sie wie er eine Mutter verloren hätten.
Nero stieg feierlich und langsam die Treppe hinauf, wie es sich für den frommen Sohn geziemt, der zum letzten Mal der Leiche derjenigen naht, die ihm das Leben gegeben hat. In dem Gange, der zu ihrem Gemach führte, machte er seinen Begleitern ein Zeichen, daß sie hier zurückbleiben möchten, und nahm nur Sporus mit sich, als ob er fürchte, daß der Schmerz ihn vor diesen Männern überwältigen könnte.
An der Türe stand er einen Augenblick still, lehnte sich an die Wand und bedeckte sein Gesicht mit dem Mantel, wie um seine Tränen zu verbergen, in Wirklichkeit aber, um den kalten Schweiß abzutrocknen, der seine Stirne bedeckte; dann öffnete er die Türe mit einer raschen, entschlossenen Bewegung und trat in das Sterbezimmer.
Agrippina lag noch auf ihrem Bett. Ohne Zweifel hatte der Mörder die Spuren des Todeskampfes aus ihren Zügen verwischt, denn sie erschienen ruhig und friedlich, als ob sie schlummere. Die Decke war wieder über sie gebreitet und ließ nur den Kopf und einen Teil der Brust unbedeckt, denen die Blässe des Todes den kalten, bläulichen Schimmer des Marmors angehaucht hatte.

Nero blieb am Fußende des Bettes stehen, immer gefolgt von Sporus, dessen Augen noch unbeweglicher als die seines Herren mit teilnahmloser Neugierde hinblickten, wie auf eine von ihrer Basis gestürzte Marmorstatue. Gleich darauf erheiterte sich das Gesicht des Muttermörders – alle seine Zweifel, seine Befürchtungen waren verschwunden. Der Thron, die Welt, die Zukunft gehörte ihm allein. Jetzt konnte er herrschen ohne Fessel, ohne Zwang – Agrippina war ja tot. Dieser Eindruck machte einem seltsamen Gefühle Platz. Ohne sich seines Tuns selbst bewußt zu sein, ergriff er die Decke, die über seine Mutter gebreitet lag, und hob sie langsam auf, daß er den ganzen Leichnam vor sich sah. Nachdem er so einen Moment starr auf den leblosen Körper geschaut hatte, ließ er die Hülle wieder darüber sinken. Hierbei soll er, wie berichtet wird, die Worte gesprochen haben: Sporus, ich habe nicht gewußt, daß sie so schön war.
Indessen war der Tag angebrochen, und im Golf begann das gewohnte Treiben rege zu werden. Jedoch schon hatte sich das Gerücht vom Tode Agrippinas verbreitet, und eine dumpfe Unruhe brütete über der ganzen Küste, die wie gewöhnlich von Handelsleuten, Fischern und Müßiggängern belebt war.
Man sprach von der Gefahr, die den Kaiser bedroht hatte, und dankte den Göttern, wenn man in Hörweite anderer war, laut für seine Rettung; dann ging man, ohne den Kopf zu wenden, an einem Holzstoß vorüber, den ein Freigelassener, namens Mnester, mit Hilfe einiger Sklaven an dem Weg von Misenum bei Bajä aufrichtete. Aber dieses Gerücht, diese Unruhe und dieser Lärm drangen nicht bis zu dem Zufluchtsort, an den Paulus Akte geführt hatte. Es war ein einsames kleines Haus, das sich auf der Spitze des Vorgebirges, Nisida gegenüber, erhob und von einer Fischerfamilie bewohnt war. – Obwohl der Greis der Familie fremd zu sein schien, stand er bei ihr in großem Ansehen. Der Gehorsam, mit dem man seine leisesten Wünsche erfüllte, war jedoch nicht knechtisch, sondern ehrfurchtsvoll, wie Kinder dem Vater und Schüler ihrem Meister folgen.
Akte bedurfte vor allem der Ruhe; voll Vertrauen in ihren Beschützer, und getragen von dem Gefühl, daß von jetzt ab jemand über ihr wache, hatte sie den Bitten des Greises nachgegeben und war eingeschlafen. Er hatte sich neben ihrem Lager niedergesetzt, wie ein Vater neben dem Kopfkissen seines Kindes, so daß das Mädchen ihren Beschützer nicht erst zu suchen brauchte, als sie die Augen wieder aufschlug, und obwohl tausend Erinnerungen ihr Herz bestürmten, streckte sie ihm wehmütig lächelnd die Hand entgegen.
Hast du Schmerzen? fragte der Greis.
Ich liebe, antwortete das Mädchen.
Beide schwiegen einen Augenblick, dann fuhr Paulus fort:
Was wünschest du?
Einen Zufluchtsort; wo ich an ihn denken kann und weinen.
Fühlst du dich stark genug, mir zu folgen?
Laß uns gehen, erwiderte Akte, indem sie sich zu erheben suchte.
Jetzt ist es unmöglich, meine Tochter; wie du fliehen mußtest, so bin ich geächtet. Wir können nur bei Nacht wandern. Bist du entschlossen, heute abend mit mir zu gehen?
Ja, mein Vater.
Scheust du dich nicht vor einem weiten, ermüdenden Wege, da du so zart und fein bist?
In meiner Heimat sind die Mädchen gewöhnt, der Hindin zu folgen auf ihrem Lauf durch die dichtesten Wälder und höchsten Berge.
Timotheus, sagte der Greis, indem er sich umwandte, rufe Silas.
Der Fischer nahm den braunen Mantel des Paulus, befestigte ihn an einem Stock, verließ damit die Hütte und steckte ihn draußen in die Erde.
Dieses Zeichen wurde sogleich bemerkt, denn nach kurzer Zeit stieg ein Mann von dem Berge Nisida herab an die Küste, trat in einen Nachen, löste ihn vom Ufer und ruderte von der Insel zu dem Vorgebirge herüber. Die Fahrt dauerte nicht lange. Ungefähr nach einer Viertelstunde erreichte er das Ufer hundert Schritt von dem Hause entfernt, wo er erwartet wurde, und fünf Minuten später erschien er auf der Türschwelle. Bei seinem Erscheinen erbebte Akte, die nichts von dem bemerkt hatte, was um sie her vorging, da sie beständig nach Bauli hinüberschaute.
Der Neugekommene, den man an der dunklen Gesichtsfarbe, dem Turban, der seinen Kopf umschlang, und der Feinheit seiner Glieder als einen Sohn Arabiens erkannte, näherte sich ehrfurchtsvoll und begrüßte Paulus in einer fremden Sprache. Paulus entgegnete ihm einige Worte in derselben Mundart, aus denen ebenso das Wohlwollen des Freundes wie die Autorität des Meisters herausklang. Statt jeder Antwort befestigte Silas seine Sandalen besser an seinen Füßen, umgürtete seine Lenden mit einem Strick, ergriff einen Wanderstab und kniete vor Paulus nieder, der ihm seinen Segen erteilte, dann ging er hinaus.
Akte schaute verwundert auf Paulus. Wer war dieser Greis, der so sanft und fest zu befehlen verstand, vor dem man sich beugte wie vor einem König, und den man liebte wie einen Vater? So kurze Zeit sie an dem Hofe Neros geweilt, hatte sie dort den knechtischen Gehorsam in allen Formen kennen gelernt, jene niedrige, ängstliche Dienstbeflissenheit, die von der Furcht erzeugt wird, nicht die freudige Bereitwilligkeit, die aus der Ehrfurcht stammt. Gab es denn zwei Kaiser in der Welt, und war der, welcher sich verbarg, ohne Schätze, ohne Sklaven, ohne Heer, mächtiger als der andere mit seinen irdischen Reichtümern, seinen hundertzwanzig Millionen Untertanen und zweimalhunderttausend Soldaten? Diese Gedanken folgten sich mit solcher Schnelligkeit in Aktes Geist und hatten sich darin mit solcher Überzeugung festgesetzt, daß sie sich zu Paulus wandte und die Hände zu ihm erhob, mit derselben Ehrfurchtsbezeigung wie sie es alle hatte tun sehen, die dem Greise nahten.
O Herr, sagte sie, wer bist du denn, daß jedermann dir gehorcht, ohne dich zu fürchten?
Ich habe es dir schon gesagt, meine Tochter, ich heiße Paulus und bin ein Apostel.
Ja, aber was ist das, ein Apostel? Ist es ein Redner wie Demosthenes, oder ein Philosoph wie Seneka? Bei uns wird die Beredsamkeit mit goldenen Ketten dargestellt, die aus ihrem Munde hervorgehen. Fesselst du die Zuhörer durch dein Wort?
Ich predige das Wort, welches erlöst, und nicht das, welches gefangen nimmt, antwortete Paulus lächelnd. Weit entfernt, den Menschen zu sagen, daß sie Sklaven seien, bin ich gekommen, ihnen zu verkündigen, daß sie frei sind.
Das verstehe ich nicht, und doch sprichst du meine Muttersprache, als ob du ein Grieche wärest.
Ich habe sechs Monate in Athen zugebracht und ein und ein halbes Jahr in Korinth.
In Korinth, murmelte das Mädchen, indem sie ihr Gesicht mit den Händen bedeckte, und ist das schon lange her?
Es sind jetzt fünf Jahre.
Und was tatest du in Korinth?
Die Woche über verfertigte ich Zelte für Soldaten, Matrosen und Reisende, denn ich wollte dem edelmütigen Wirt, der mich aufgenommen hatte, nicht zur Last fallen. An den Sabbattagen predigte ich in den Synagogen, empfahl den Frauen Bescheidenheit und den Männern Duldsamkeit und allen die evangelischen Tugenden.
Ja, ja, ich erinnere mich jetzt, daß ich von dir sprechen hörte, antwortete Akte; wohntest du nicht neben der jüdischen Synagoge bei einem edlen Greis namens Titus Justus?
Kanntest du ihn, rief Paulus mit lebhafter Freude.
Er war der Freund meines Vaters, antwortete Akte.
Ja, ja, ich besinne mich jetzt: Die Juden verleumdeten dich und führten dich zu Gallion, Senekas Bruder, den Prokonsul von Achaja. Mein Vater führte mich an die Türe, als du vorübergingst, und sagte zu mir: Siehe, meine Tochter, das ist ein Gerechter!
Und wer ist dein Vater? Wie heißest du?
Mein Vater heißt Amykles, und ich heiße Akte!
Ja, ja, ich erinnere mich auch, der Name ist mir nicht unbekannt. Aber warum hast du deinen Vater, deine Heimat verlassen? Wie kommt es, daß ich dich einsam und dem Tode nahe dort am Ufer fand? Sage mir alles, mein Kind. Wenn du keine Heimat mehr hast, so will ich dir eine bieten; wenn du keinen Vater mehr hast, will ich ihn dir ersetzen.
Oh! nie, nie kann ich es wagen, dir meine Geschichte zu erzählen.
Ist sie denn so schrecklich?
Oh! ich würde, ehe ich sie halb vollendet hätte, vor Scham sterben.
Wohlan! dann ist es an mir, mich zu demütigen, damit du dich erheben könnest; ich will dir sagen, wer ich bin, damit du mir sagen kannst, wer du bist. Ich will dir alle meine Verbrechen bekennen, damit du mir deine Fehler bekennst.
Deine Verbrechen!
Ja, meine Verbrechen, ich habe sie gesühnt, dem Himmel sei Dank, und der Herr hat mir vergeben, wie ich hoffe. Höre mir zu, mein Kind, denn ich werde dir Dinge sagen, von denen du jetzt keine Ahnung hast, die du aber eines Tages verstehen und dann heilig halten wirst.
Und mit schlichten Worten und in der ergreifenden Rede der lauteren Wahrheit erzählte Paulus von seiner Jugend und den weltbewegenden Ereignissen dieser Zeit, von der Erscheinung Christi und der grausamen Verfolgung des neuen Messias und seiner Anhänger, ohne nur mit einem Worte seine Teilnahme an diesen Verfolgungen zu beschönigen. Er fügte daran den Bericht über seine wunderbare Bekehrung auf dem Wege nach Damaskus, die aus dem pharisäischen, christenhassenden Saulus einen demutvollen, gläubigen Paulus machte.
Seither, fuhr er begeistert fort, bin ich so feurig in meinem Glauben, wie ich vorher erbittert in meinem Haß gewesen war. Ich habe Judäa durchreist von Sidon bis zum Arad und von dem Berge Seir bis an den Strom Besor; ich habe Kleinasien und Makedonien durchwandert, ich bin in Athen und Korinth gewesen; ich habe Malta berührt und bin in Syrakus gelandet, von da fuhr ich an der sizilischen Küste entlang und lief in den Hafen von Puzzeoli ein, wo ich seit vierzehn Tagen bin und Briefe von Rom erwartete, die mir gestern zugekommen sind. Diese Briefe sind von meinen Brüdern geschrieben, die mich zu sich rufen. Der Tag des Triumphes ist gekommen, der Herr bereitet uns selbst den Weg; denn wenn er dem Volke die Hoffnung schickt, schlägt er die Kaiser mit Torheit, damit das alte Weltgebäude an seiner Spitze und in seiner Grundlage zugleich untergraben werde. Es ist kein Zufall, daß die Vorsehung dem Tiberius die Furcht, dem Klaudius Schwachsinn und dem Nero den Wahnsinn zugeteilt hat. Solche Kaiser machen an den Göttern irre, die sie anbeten. Auch werden Götter und Kaiser miteinander stürzen, die einen verachtet, die anderen verflucht.
O mein Vater! rief Akte! halte ein, habe Mitleid mit mir!
Was hast du denn mit diesen blutgierigen Menschen zu schaffen? antwortete Paulus erstaunt.
Mein Vater, fuhr das Mädchen fort, ihr Gesicht mit den Händen verbergend, du hast mir deine Geschichte erzählt und fragst mich nach der meinigen; die meine ist kurz, schrecklich und verbrecherisch: Ich bin die Geliebte des Kaisers.
Ich sehe darin nur einen Fehler, mein Kind, antwortete der Apostel, der sich ihr mit Teilnahme genähert hatte.
Aber ich liebe ihn, liebe ihn mehr, als ich irgend einen Menschen auf Erden oder einen Gott im Himmel lieben kann.
Ach! ach! seufzte der Greis, das ist ein Verbrechen; er kniete in einem Winkel der Hütte nieder und fing an zu beten.
XII
Als es dunkel geworden war, umgürtete auch Paulus seine Lenden, band seine Sandalen fester, griff zu seinem Wanderstab und wandte sich nach Akte um; sie war bereit und entschlossen zu fliehen. Wohin sie ging, galt ihr gleich; in jedem Falle entfernte sie sich von Nero. Der Schrecken und die Angst, die sie am Abend vorher durchgemacht, verliehen ihr jetzt noch die Kraft, diesen Plan auszuführen, aber sie fühlte wohl, daß wenn sie nur einen Tag zögerte, wenn sie den Mann wiedersähe, der einen so mächtigen Einfluß über ihr Herz gewonnen hatte, dann war alles vorbei. Sie würde dann nur noch den Mut und die Kraft finden, ihn zu lieben trotz allem, und ihr unbedeutendes Leben würde sich in seinem mächtigen und bewegten Leben verlieren, wie ein Bach im Ozean; denn für sie war ihr Geliebter seltsamerweise immer Lucius, niemals Nero. Der Sieger in den olympischen Spielen war ein anderer Mann als der Kaiser, und ihr ganzes Leben teilte sich in zwei Kreise, der eine umfaßte ihre Liebe zu Lucius, deren tiefe Wirklichkeit sie fühlte, der andere beschloß die Liebe, die Nero für sie empfand, und die schien ihr nur ein Traum zu sein.
Als sie die Hütte verließ, schaute sie nach dem Golf hin, der am Abend vorher Zeuge der schrecklichen Katastrophe gewesen war, die wir erzählt haben. Das Wasser war ruhig, die Luft war klar, der Mond beleuchtete den Himmel, und der Leuchtturm von Misenum die Erde, so daß man die andere Seite des Golfes deutlich erkennen konnte. Akte erblickte die dichte Baumgruppe, die den Palast von Bauli umgab, und wie sie daran dachte, daß Lucius dort weile, blieb sie stehen und seufzte. Paulus wartete einen Augenblick, dann ging er zu ihr hin und sagte mit mitleidiger Stimme:
Kommst du nicht, meine Tochter?
O mein Vater! entgegnete Akte, und wagte nicht dem Greis die Gefühle zu gestehen, die sie zurückhielten, gestern habe ich Nero verlassen mit Agrippina, seiner Mutter; das Fahrzeug, das wir bestiegen, hat Schiffbruch gelitten, wir haben uns beide schwimmend gerettet, und ich habe sie in dem Augenblick verlassen, wo eine Barke sie aufnahm. Ich möchte nicht von dieser Küste scheiden, ehe ich erfahren habe, was aus ihr geworden ist. Paulus streckte seine Hand aus in der Richtung nach Bajä und zeigte Akte einen großen Feuerschein nächst dem Wege nach Misenum.
Siehst du diese Flamme? sagte er zu ihr.
Ich sehe sie, antwortete Akte.
Nun wohl! fuhr der Greis fort, es ist die Flamme von ihrem Scheiterhaufen.
Wie wenn er verstanden hätte, daß diese wenigen Worte auf alle Gedanken Antwort geben, die das junge Weib bewegten, machte er sich auf den Weg. Akte folgte ihm sogleich, ohne ein Wort zu verlieren oder einen Seufzer auszustoßen.
Sie gingen am Meer entlang und durchschritten Puzzeoli; dann schlugen sie den Weg nach Neapel ein. Als sie eine halbe Meile vor der Stadt angekommen waren, ließen sie dieselbe zur Rechten liegen und erreichten durch einen Fußpfad die Straße nach Capua. Gegen ein Uhr morgens sahen sie Atella vor sich liegen, und bald darauf stand ein Mann am Wege, der sie zu erwarten schien; es war Silas, der Abgesandte des Paulus. Der Greis wechselte einige Worte mit ihm, dann wandte sich Silas feldeinwärts, Paulus und Akte folgten ihm; so gelangten sie zu einem kleinen, alleinstehenden Hause, wo sie erwartet wurden, denn bei dem ersten Schlag, mit dem Silas an die Türe pochte, öffnete sich diese.
Die ganze Familie samt den Dienstboten war in einem vornehmen Atrium versammelt und schien zu warten. Kaum war der Greis auf der Schwelle erschienen, so knieten alle nieder. Paulus breitete die Hände über sie aus und segnete sie. Darauf führte ihn die Herrin des Hauses in das Triklinium und wollte ihrem Gaste selbst die Füße waschen, bevor das Abendessen aufgetragen wurde, das schon bereit stand. Akte bat, sich zurückziehen zu dürfen, da sie dieser neuen Religion fremd war und tausend Gedanken ihr Herz bestürmten. Sogleich kam ein schönes, junges Mädchen von fünfzehn bis sechzehn Jahren, verschleiert wie eine Vestalin, auf sie zu und führte sie in ihr eigenes Zimmer, wohin sie ihr gleich darauf ihren Anteil von der Familienmahlzeit brachte.
Alles war für Akte ein Gegenstand der Verwunderung; sie hatte bei ihrem Vater nie anders von den Christen reden hören, als von Anhängern einer unsinnigen Lehre, die ein neues System aufstellten, ähnlich wie es Pythagoras, Sokrates, Epikur oder Plato getan. Am Hofe des Kaisers aber erklärte man sie für eine verruchte Sekte, die sich dem greulichsten Aberglauben und den schändlichsten Ausschweifungen hingebe, und die gut genug sei, dem Volke preisgegeben zu werden, wenn es eine Sühne forderte, oder den Löwen, wenn die Großen nach einem Feste verlangten. Es war erst ein Tag verflossen, seit sie von Paulus gerettet worden war, erst seit einem Tage kannte sie die Christen; doch hatten diese wenigen Stunden genügt, um die falsche Meinung zu zerstören, welche die griechische Philosophie und der kaiserliche Haß ihr eingeflößt hatten. Das, was ihr am meisten aufgefallen war an dieser Sekte, war die von ihren Anhängern bekundete Hingebung, denn die Hingebung ist die vorherrschende Tugend der liebenden Frau, ganz gleich welchen Glaubens sie sein möge. Sie fühlte sich von einer tiefen Sympathie für diese Religion ergriffen, welche den Mächtigen befiehlt, die Schwachen zu beschützen, den Reichen, Barmherzigkeit zu üben gegen die Bedürftigen, und den Märtyrern, Fürbitte zu tun für ihre Mörder.
Am Abend machten sie sich wieder zur selben Stunde auf den Weg, zu der sie am Tage vorher aufgebrochen waren. Dieses Mal dauerte der Marsch länger; die Reisenden ließen Capua zur Rechten, dann wandten sie sich zu den Ufern des Volturnus. Kaum waren sie dort angelangt, so verließ ein Nachen eine kleine Bucht, geführt von einem Ruderer, der sich ihnen näherte. Als er ans Ufer stieß, tauschte Paulus ein Erkennungszeichen mit dem Unbekannten, worauf er mit Akte in den Kahn stieg.
Nachdem sie über den Fluß gesetzt waren, reichte Paulus dem Schiffer ein Geldstück; aber dieser fiel auf seine Kniee nieder, küßte schweigend den Saum von des Apostels Mantel und verharrte noch lange demütig betend in dieser Stellung, nachdem derjenige, dem er solche Ehrfurcht bezeigte, sich schon von ihm entfernt hatte. Gegen drei Uhr morgens erhob sich ein Mann von einem jener Steine, welche die Römer an den Rand der Heerstraßen stellten, um den Reisenden das Besteigen ihrer Pferde zu erleichtern; er ging ihnen entgegen, als er sie herankommen sah. Es war ihr schweigender und wachsamer Kurier, der sie erwartet hatte, um sie in ihr Nachtquartier zu geleiten. Dieses Mal war es kein vornehmes Haus, das sie aufnahm, wie am Abend vorher, sondern es war eine elende Hütte; und keine üppige Mahlzeit wurde in einem marmornen Triklinium aufgetragen, sondern die Hälfte eines mit Tränen benetzten Brotes. Aber die Notdurft des Armen wurde mit derselben Ehrfurcht dargeboten, wie der Überfluß des Reichen.
Ein Mann empfing sie, der auf der Stirne den Stempel des Sklaven trug, ein eisernes Halsband und eiserne Ringe an den Füßen. Es war der Hirte einer reichen Villa; er führte Tausende von Schafen auf die Weide, die einem reichen, geizigen Herrn gehörten, und er hatte kein Schaffell, um seine Schultern damit zu bedecken. Er hatte ein Brot auf den Tisch gelegt und einen irdenen Krug daneben gestellt. In einer Ecke des Zimmers war ein Lager aufgeschüttet aus Farnkräutern und Schilf. Damit hatte er nach seinen Kräften ebensoviel getan, als der Reiche mit der glänzendsten Gastlichkeit hätte tun können.
In der folgenden Nacht setzten sie ihren Weg fort und kamen nach Fondi. So sah Akte bei dieser nächtlichen Wanderung alle die Orte wieder, die sie bei Neros Triumphzug berührt hatte. Bei einem Freigelassenen jenes Galba, der damals Nero so prächtig empfangen hatte, der aber inzwischen von diesem aus Furcht vor dem prophezeiten Kaisertum nach Spanien als Prokonsul geschickt war, hatte Silas das Nachtlager für den Greis und das Mädchen bereitet. Dieser zum Christentum bekehrte Sklave war Gärtner in den Obstgärten Galbas gewesen und hatte am Tage seiner Freilassung das kleine Haus zum Geschenk erhalten, das er in den Gärten seines Herrn bewohnte. Von den Fenstern dieser schlichten Hütte aus sah Akte im Mondschein die prächtige Villa vor sich liegen, in der sie mit Lucius gewohnt hatte.
Drei Tage oder vielmehr drei Nächte noch dauerte ihre Reise. Bei Tagesanbruch verbargen sie sich, und erst, wenn die Schatten der Nacht herabsanken, setzten sie ihren Weg fort. Immer zog Silas vor ihnen her, und jedesmal kehrten sie bei neuen Anhängern der christlichen Lehre ein, die unter den Sklaven und dem geringeren Volke schon weite Verbreitung gefunden hatte. Endlich, am dritten Abend erreichten sie, als der Mond aufging, die Höhe der Albaner Berge. Jetzt verließ sie Silas nicht mehr, er ging nur in einer Entfernung von drei- oder vierhundert Schritt vor ihnen her. Als er beim Grabmal des Askanius angekommen war, blieb er stehen und erwartete sie. Er streckte die Hand aus gegen den Horizont, an dem eine Menge Lichter erglänzten, und von wo das dumpfe Geräusch der Großstadt zu ihnen herüberdrang; er sprach nur das eine Wort, das dem Greis und dem Mädchen anzeigte, daß sie das Ziel ihrer Wanderung erreicht hatten:
Rom! …
Paulus warf sich auf die Kniee nieder und dankte dem Herrn, daß er ihn nach so vielen Gefahren an das verheißene Ziel seiner Reise geführt hatte. Akte lehnte sich an das Grabmal, um nicht umzusinken, so viele süßen und schmerzlichen Erinnerungen waren für sie in dem Namen der Stadt beschlossen, die sie von diesem Platze aus das erste Mal erblickt hatte.
O mein Vater! sagte das Mädchen, ich bin dir gefolgt, ohne zu fragen, wohin wir gingen; aber wenn ich gewußt hätte, daß Rom dein Ziel sei, glaube ich nicht, daß ich den Mut gefunden hätte, dir zu folgen.
Wir gehen auch nicht nach Rom, sagte der Greis, sich erhebend. Gleich darauf, als ein Trupp Reiter auf der Appischen Straße dahersprengte, verließ Silas die Straße und bog rechts ab in die Ebene; Paulus und Akte folgten ihm.
Sie schritten nun zwischen der Latinischen und der Appischen Straße hin, indem sie vermieden, einer dieser Straßen zu folgen, von welchen die erste nach Marina am Albaner See, die andere zu dem Neptunstempel bei Antium führte. Nach zweistündigem Wege gelangten sie in das Tal der Egeria, nachdem sie den Tempel der Fortuna rechts und den des Merkur links gelassen hatten, und folgten einige Zeit dem kleinen Flüßchen Almon, dann wandten sie sich rechts und näherten sich einer Felsengruppe, die wie durch ein Erdbeben von dem Gebirge losgerissen schien, bis sie plötzlich am Eingang einer Höhle standen.
Silas trat sogleich ein und forderte die Reisenden mit leiser Stimme auf, ihm zu folgen; aber Akte erzitterte unwillkürlich bei dem Anblick dieser Öffnung, die sie wie der Rachen eines Ungeheuers zu verschlingen drohte. Paulus spürte, wie sich ihre Hand auf seinen Arm legte, um ihn zurückzuhalten. Er verstand ihre Bangigkeit.
Fürchte nichts, meine Tochter, sagte er, der Herr ist mit uns.
Akte blickte seufzend zu dem prächtigen Sternenhimmel empor, den sie aus den Augen verlieren sollte, und stieg mit dem Greise hinab in das Gewölbe, das sich vor ihnen auftat.
Nachdem sie einige Schritte in vollständiger Finsternis gewagt hatten, wobei ihnen einzig die Stimme des Silas zum Führer diente, blieb dieser an einem der starken Pfeiler stehen, die das Gewölbe stützten, schlug zwei Steine gegeneinander, daß Funken daraus hervorsprangen, die einen Schwefelfaden entzündeten, und holte eine Fackel hervor, die in der Höhlung des Felsens verborgen war.
Um diese Stunde ist keine Gefahr mehr vorhanden, sagte er, und wenn alle Söldner Neros uns verfolgten, könnten sie uns hier nicht erreichen.
Akte ließ ihre Blicke umherschweifen, aber sie konnte nichts deutlich unterscheiden. Die Fackel flackerte, von den verschiedenen äußeren und inneren Luftströmungen bewegt, unruhig hin und her und warf nur flüchtige Lichter wie blasse Blitze, so daß die Gegenstände, die einen Augenblick beleuchtet waren, gleich darauf wieder in Dunkelheit versanken, ohne daß man Zeit gehabt hätte, ihre Umrisse und ihre Farbe zu erkennen. Nach und nach gewöhnten sich die Augen an den Lichtschimmer, die Flamme brannte ruhiger und erhellte einen größeren Umkreis mit ihrem Schein. Die Reisenden konnten jetzt bis zu der Decke des ungeheuren Gewölbes emporschauen, kein Luftzug drang bis hier herein. Zuweilen gingen sie gedrängt zwischen zwei Mauern hin, dann gelangten sie wieder zu ungeheuren Kreuzungen von Gängen, in deren dunklen Höhlungen das Licht der Fackel erstarb, das mit schwachem Wiederschein die Spitzen der weiß und unbeweglich wie Gespenster in die Höhe ragenden Pfeiler beleuchtete. Es lag in dieser nächtlichen Wanderung, in dem Geräusch der Schritte, das, so leicht sie auch auftraten, ein geheimnisvolles Echo hervorrief, in dem die Brust beengenden Mangel an frischer Luft, etwas Trauriges und Angreifendes, das Aktes Seele wie ein Schmerz bedrückte. Plötzlich blieb sie schaudernd stehen, stützte sich mit der Hand auf den Arm des Paulus und zeigte auf eine Reihe von Särgen, die an der Wand aufgestellt waren. Zu gleicher Zeit sahen sie am Ende der düsteren Gänge weißgekleidete Frauen mit Fackeln in den Händen wie Geister einherwandeln und einem gemeinsamen Mittelpunkte zustreben. Bald hörten sie, immer vorwärts schreitend, eine reine Harmonie wie einen Engelchor erklingen, der hell und melodisch unter den Gewölbebögen hinschwebte. Von Zeit zu Zeit waren Lampen an den Pfeilern befestigt und bezeichneten den Weg; sie trafen jetzt mehr Särge an, die Schatten wurden zahlreicher und der Gesang deutlicher, weil sie sich einer unterirdischen Stadt näherten, deren Umgebung sich mit Toten und Lebendigen zu bevölkern begann. Hier und da fanden sie Kornblumen und Rosen auf dem Boden zerstreut, die sich aus den Totenkränzen gelöst hatten, und die hier, fern von Himmelsluft und Sonnenschein, traurig hinwelkten. Akte sammelte diese Blumen, die armen Kinder des Lichts, und vereinigte sie zu einem blassen und duftlosen Strauße, wie man aus den Trümmern eines vergangenen Glückes die Hoffnung für ein zukünftiges rettet. Endlich traten sie bei der Wendung eines der tausend Gänge dieses unterirdischen Labyrinths in eine weite Halle, die nach dem Muster einer Basilika gebildet, mit Lampen und Fackeln erhellt und von Männern, Frauen und Kindern belebt war. Eine Gruppe von jungen Mädchen, die von langen, weißen Schleiern verhüllt waren, sang die feierlichen Chöre, die von dem Gewölbe wiederhallten, und die Akte zuvor gehört hatte. Ein Priester trat vor die Versammlung, den Gottesdienst zu leiten. Als er vor dem Altar stand, wandte er sich plötzlich um zu der erstaunten Gemeinde und rief:

Es ist einer unter uns, der würdiger ist als ich, euch das Wort Gottes zu verkündigen, denn er hat es aus dem Munde seines Sohnes selbst empfangen. Paulus, komm heran und segne deine Brüder! Die ganze Gemeinde, zu der Paulus schon lange zu kommen versprochen hatte, fiel auf die Kniee nieder. Akte, die Heidin, folgte ihrem Beispiel, und der künftige Märtyrer trat vor den Altar.
Sie waren in den römischen Katakomben.
XIII
Es war eine ganze Stadt, die sich unter dem Boden einer anderen Stadt befand.
Bekanntlich waren die Katakomben weite, verlassene Steinbrüche. Das ganze Rom mit seinen Häusern, Palästen, Theatern, Bädern, Zirkussen und Aquädukten war Stein für Stein daraus hervorgegangen. Sie waren sozusagen die Lenden, welche die Stadt des Romulus und des Scipio erzeugten; aber seit Augustus und der Zeit, wo der Marmor den Werkstein verdrängte, hatten die weiten Gänge aufgehört, vom Schritte der Arbeiter zu wiederhallen. Der Travertin war zu gemein geworden, die Kaiser ließen sich Porphyr aus Babylon, Granit von Theben und Erz von Korinth kommen. Die ungeheuren Höhlen, die sich unter Rom ausbreiteten, blieben verlassen, einsam und vergessen, bis das entstehende Christentum sie langsam und insgeheim wieder bevölkerte. Zuerst waren sie ein Tempel, dann ein Zufluchtsort, zuletzt eine Stadt.
Zu der Zeit, wo Akte und der Greis dort hinabstiegen, waren sie noch ein Zufluchtsort. Alle Sklaven, alle Unglücklichen, alle Geächteten waren sicher, dort eine Freistatt, einen Trost und ein Grab zu finden. Auch ganze Familien hatten in ihrem Dunkel Schutz gesucht, und die Anhänger des neuen Glaubens zählten schon nach Tausenden; aber bei der ungeheuren Menschenmenge, die sich auf dem Boden Roms ausbreitete, fiel es niemand ein, dieses Durchsickern unter die Erde zu beachten, da es die Höhen der Gesellschaft nicht berührte und die Zunahme der Bevölkerung nicht aufhörte.
Man darf jedoch nicht glauben, daß das Leben der ersten Christen nur damit ausgefüllt gewesen sei, sich den beginnenden Verfolgungen zu entziehen. Sie nahmen, durch Liebe, Frömmigkeit und Mut verbunden, Anteil an allen Ereignissen, welche die Brüder bedrohten, die durch irgendwelche Notwendigkeit in den Mauern der heidnischen Stadt zurückgehalten wurden. Trat eine Gefahr ein, so spürte der Neubekehrte der oberen Stadt oft plötzlich unerwartete Hilfe; eine unsichtbare Falltüre öffnete sich unter seinen Füßen und schloß sich über seinem Haupt; die Türe seines Gefängnisses drehte sich geheimnisvoll in ihren Angeln, und der Gefangene entfloh mit seinem Hüter; oder wenn der Zorn ihn so plötzlich ereilte, wie der Blitzstrahl, der zur selben Zeit aufleuchtet und einschlägt, wenn der Neubekehrte zum Märtyrer wurde, sei es, daß er im Gefängnis des Tullius erhängt, oder auf einem öffentlichen Platze enthauptet, daß er vom Tarpejischen Felsen herabgestürzt oder auf dem Esquilin ans Kreuz geschlagen wurde, so näherten sich in der Finsternis der Nacht vorsichtige Greise und unternehmende junge Männer, zuweilen auch schüchterne Frauen und erkletterten auf verborgenen Fußpfaden den verfluchten Berg, wo die Leichname den wilden Tieren oder den Vögeln zur Beute fielen, und trugen die verstümmelten Körper andächtig und pietätvoll in die Katakomben, wo diejenigen, die von ihren Verfolgern gehaßt und gelästert worden waren, mit Ehrfurcht und Anbetung von ihren Brüdern bestattet wurden, die sich untereinander ermahnten, auf Erden zu leben und zu sterben wie der Auserwählte, der ihnen in den Himmel vorangegangen war.
Oft kam es auch vor, daß der Tod selbst seine Opfer in den Katakomben suchte, dann waren es weniger die Erwachsenen, die er mit seiner kalten Hand berührte, sondern eher ein Kind, das er dem Familienkreise entriß. Man wickelte es in ein Leichentuch; wenn es ein Mädchen war, wurde es mit Rosen gekränzt, den Knaben gab man Palmen in die Hand, der Priester sprach die Totengebete, dann senkte man die kleine Leiche sanft in das steinerne Grab hinab, das zuvor ausgehauen war, und wo sie der ewigen Auferstehung entgegenschlummerte. Das waren die Särge, die Akte gesehen hatte, als sie die unbekannten Gewölbe zum ersten Male betrat. Damals hatten sie ihr einen tiefen Schrecken eingeflößt, der sich aber bald in sanfte Melancholie verwandelte. Das junge Mädchen, dessen Herz noch heidnisch, aber dessen Seele bereits christlich war, verweilte stundenlang vor den Gräbern, wo eine trauernde Gattin, Mutter oder Tochter mit der Spitze eines Messers den Namen der geliebten Person eingegraben hatte, dazu einige religiöse Symbole und einen heiligen Spruch, der Schmerz und Hoffnung ausdrückte. Beinahe auf allen befand sich ein Kreuz, das Zeichen der Ergebung für die Menschen, denen es die Leiden eines Gottes predigte, dann der siebenarmige Leuchter, der im Tempel zu Jerusalem brannte, oder die Taube aus der Arche Noahs, die sanfte Botin der göttlichen Barmherzigkeit, die den Olivenzweig auf die Erde niederbrachte, den sie in den himmlischen Gärten gepflückt hatte.
Zuweilen kehrten die freudigen Erinnerungen lebhafter und mächtiger in Aktes Seele zurück; dann spähte sie hinauf nach dem Sonnenlicht und horchte auf das Geräusch der Erde, zuweilen setzte sie sich einsam und regungslos am Fuße eines Pfeilers nieder, den Oberkörper so tief gebeugt, daß ihre Stirne die Kniee berührte. In dem langen Schleier, der ihre Gestalt umfloß, wäre sie den Vorübergehenden wie eine sitzende Statue auf einem Grabmal erschienen, wenn sich nicht zuweilen ein Seufzer von ihren Lippen gelöst und ein Schauer ihren Körper durchzittert hätte. Der Apostel Paulus allein wußte, was in solchen Schmerzensstunden in dieser Seele vorging, und er, der gesehen hatte, wie Christus einst der Magdalena vergab, hoffte von der Zeit und von Gott Heilung für ihre Wunden. Wenn er sie so stumm und unbeweglich in ihren Kummer versunken sah, sagte er zu den reinsten Jungfrauen: Betet für dieses Mädchen, damit der Herr ihr verzeihe und sie einst in eure Reihen aufgenommen werden und mit euch beten könne. Die jungen Mädchen gehorchten, und sei es, daß ihre Gebete zum Himmel stiegen, sei es, daß die Tränen die Bitterkeit des Schmerzes linderten, bald sah man die junge Griechin mit einem Lächeln auf den Lippen und Tränen in den Augen sich zu ihren Gefährtinnen gesellen.
Doch während die Christen in den Katakomben versteckt dieses Leben der Barmherzigkeit, der Bekehrung und der Erwartung führten, drängten sich die Ereignisse über ihren Häuptern. Die ganze heidnische Welt schwankte wie ein Betrunkener, und Nero, ihr Reigenführer, sättigte sich an Vergnügen, Wein und Blut. Seit Agrippinas Tod war der letzte Zügel zerrissen, der ihn noch zurückgehalten hatte; seit die Flamme von ihrem Scheiterhaufen aufgestiegen, war jede Spur von Scham und Gewissen in ihm erloschen. Er wollte vorerst in Bauli bleiben, denn, nachdem die edlen Gefühle verschwunden waren, hatten sie der Furcht Platz gemacht, und obwohl Nero die Menschen und die Götter verachtete, konnte er doch nicht denken, daß ein solches Verbrechen nicht den Haß der einen und den Zorn der anderen heraufbeschwören werde. Er blieb fern von Neapel und Rom und erwartete die Nachrichten, die ihm seine Boten zutrugen, aber er hatte mit Unrecht an der Niedrigkeit des Senats gezweifelt, denn bald kam eine Deputation von Rittern und Patriziern, um ihn zu beglückwünschen, daß er einer so unvorhergesehenen Gefahr entronnen sei, und ihm zu versichern, daß nicht allein Rom, sondern alle Städte des Reichs ihre Abgesandten in die Tempel schickten, wo sie durch Opfer ihre Freude über seine Rettung bezeugten. Die Götter dagegen nahmen die Sache weniger leicht, wenn wir dem Tacitus glauben wollen; statt der Gewissensbisse sandten sie dem Muttermörder Schlaflosigkeit. Und während dieser Schlaflosigkeit hörte er auf den Gipfeln der benachbarten Berge Trompeten erklingen; Jammergeschrei und Klagetöne drangen zu ihm, wie wenn sie vom Grabe seiner Mutter kämen. In Folge davon reiste er nun doch nach Neapel.
Dort fand er Poppäa wieder und mit ihr den Haß gegen Oktavia, die unglückliche Schwester des Britannikus, das arme Kind, das, dem mit jungfräulicher Reinheit geliebten Silanus entrissen, von Agrippina in Neros Arme geschleudert wurde. Zwanzig Jahre lang lebte sie bereits, aus Rom verbannt, auf einer fernen Insel. Dort war sie durch das Vorgefühl des Todes schon wie aus dem Leben geschieden. Als einzigen Hofstaat hatte sie Hauptleute und Söldner um sich, deren Blicke unaufhörlich nach Rom gerichtet waren, von wo aus ein Befehl, ein Wink, ein Zeichen genügt hätte, um aus jedem dieser Schmeichler einen Henker zu machen. Aber so einsam und unglücklich dieses Leben auch war, quälte es doch Poppäa mitten in dem ehebrecherischen Glanze und der schrankenlosen Macht, die sie umgab. Denn ihre Schönheit, ihre Jugend und ihr Unglück hatten Oktavia beliebt gemacht.
Auch Nero schien nicht gänzlich frei von dieser allgemeinen Teilnahme; trotz der inständigen Bitten der Poppäa zögerte er, einen Streich gegen Oktavia zu führen. Es gibt Verbrechen, die so unnütz sind, daß selbst der grausamste Mensch sie zu begehen scheut, denn was der gekrönte Schuldige fürchtet, sind nicht die Gewissensbisse, sondern der Mangel einer Entschuldigung. Die Kurtisane verstand, was den Kaiser zurückhielt. Eines Tages brach ein Aufstand los, der Name Oktavias wurde laut ausgerufen und ihre Rückkehr stürmisch verlangt. Die Statuen der Poppäa wurden umgestürzt und in den Schmutz gezogen; dann kam ein Trupp Männer, die mit Peitschenhieben die Rebellen auseinandertrieben und die Bildnisse der Poppäa wieder auf ihre Piedestale stellten. Diese Kundgebung hatte eine Stunde gedauert und eine Million gekostet; damit war der Kopf einer Rivalin nicht zu teuer bezahlt. Denn dieser kleine Aufstand war alles, was Poppäa brauchte. Sie war währenddessen in Rom und eilte nach Neapel, um vor den von Oktavia gedungenen Mördern zu fliehen, wie sie sagte. Sie sah reizend aus in ihrer Angst und warf sich Nero zu Füßen. Darauf erhielt Oktavia von Nero den Befehl, sich den Tod zu geben.
Vergebens bot die arme Verbannte an, daß sie sich mit dem Titel einer Witwe und Schwester begnügen wolle, vergebens flehte sie im Namen des Germanikus, ihres gemeinschaftlichen Großvaters, und im Namen der Agrippina, die zu ihren Lebzeiten über ihr gewacht hatte; alles war umsonst, und da sie zögerte und sich nicht selbst zu töten wagte, band man ihr die Arme zusammen und öffnete ihr die vier Hauptadern und hierauf alle andern Blutgefässe, denn das Blut, das vor Schrecken erstarrt war, wollte nicht ausströmen, und da es immer noch nicht floß, erstickte man sie mit den Dämpfen eines kochend heißen Bades. Damit kein Zweifel übrig bleibe, daß der Mord vollbracht sei, und man in Rom nicht denken könnte, ein gewöhnliches Weib sei für die kaiserliche Dulderin untergeschoben worden, wurde der Kopf vom Leibe getrennt und zu Poppäa gebracht, die ihn auf ihre Kniee setzte, die Augenlider öffnete und, da sie in dem starren, eisigen Blick vielleicht eine Drohung zu erkennen glaubte, ihre goldenen Haarnadeln in die Augen bohrte.
Endlich kehrte Nero nach Rom zurück, sein Wahnsinn und seine Ausschweifung erreichten ihren Höhepunkt. Er veranstaltete Spiele, bei denen die Senatoren statt der Gladiatoren kämpften, Wettgesänge, wobei man die mit dem Tode bestrafte, die nicht applaudierten; einen Brand, der das halbe Rom zerstörte, und dem er händeklatschend und zu seiner Leier singend, zusah. Endlich begriff Poppäa, daß es Zeit sei, den Zügellosen, den sie aufgestachelt hatte, zurückzuhalten, und daß so unerhörte und gräßliche Vergnügungen ihrem Einflusse schadeten. Unter dem Vorwand ihrer Schwangerschaft lehnte sie eines Tages ab, das Theater zu besuchen, wo Nero sang. Diese Weigerung verletzte den Künstler; er sprach als Kaiser zu ihr, Poppäa widerstand als verwöhnter Liebling, da wurde Nero ungeduldig und tötete sie mit einem Fußtritt.

Darauf hielt ihr Nero eine Lobrede von der Tribüne herab, und da er ihre Tugenden nicht Preisen konnte, verherrlichte er ihre Schönheit. Dann ordnete er ihre Leichenfeier an; er wollte nicht, daß der Körper verbrannt, sondern in der Weise wie die Leichen der orientalischen Könige einbalsamiert werde. Der Naturforscher Plinius versichert, daß Arabien in einem Jahr nicht so viel Weihrauch und Myrrhen hervorbringt, als der Kaiser für das göttliche Begräbnis derjenigen aufwandte, die ihre Maultiere mit Gold beschlagen ließ und jeden Tag die Milch von fünfhundert Eselinnen für ihre Bäder verbrauchte.
Die Tränen der schlechten Könige fallen auf die Völker als Blutregen. Nero klagte die Christen seiner eigenen Verbrechen an, und eine neue Verfolgung brach aus, die viel schrecklicher war als alle vorhergehenden.
Der Glaubenseifer der Christen wuchs mit der Gefahr; jeden Tag galt es, neue Witwen und Waisen zu trösten; jede Nacht mußten neue Leiber der Bekenner vor den wilden Tieren und Vögeln geborgen werden. Endlich merkte Nero, daß man ihm seine Leichen raubte, er legte eine Wache um den Esquilin, und als in einer Nacht einige Christen, geführt von Paulus, herankamen, um nach ihrer Gewohnheit ihr heiliges Amt zu erfüllen, stürzte ein Trupp Soldaten, der in einer Schlucht des Berges verborgen war, unversehens hervor und nahm sie gefangen; nur ein einziger entkam, das war Silas.
Er lief in die Katakomben und kam gerade an, wie die Gläubigen sich zum Gebet versammelten. Er verkündete ihnen die verhängnisvolle Botschaft, da fielen alle auf die Kniee nieder, um den Herrn anzuflehen. Akte allein blieb stehen, denn der Gott der Christen war noch nicht der ihrige.
Einige beschuldigten sie der Gottlosigkeit und Undankbarkeit; aber Akte breitete ihre Arme aus gegen die Menge und verlangte Stillschweigen; als es stille geworden war, sagte sie:
Morgen will ich nach Rom gehen und versuchen, ihn zu retten. –
Und ich, sagte Silas, kehre heute abend dahin zurück, um wenigstens mit ihm zu sterben, wenn es dir nicht gelingt.
XIV
Den andern Morgen stieg Akte, wie sie versprochen hatte, aus den Katakomben herauf und machte sich auf den Weg nach Rom. Sie ging allein und war mit einem langen Schleppgewande bekleidet, das ihre Gestalt vom Hals bis zu den Fußspitzen bedeckte, während ein dichter Schleier ihr Gesicht verhüllte. In ihren Gürtel hatte sie einen kurzen, scharfen Dolch gesteckt, weil sie fürchtete, von betrunkenen Rittern oder rohen Söldnern beleidigt zu werden. Und sollte ihr Unternehmen mißlingen und sie die Gnade nicht auswirken können, um die sie für Paulus bitten wollte, dann war sie entschlossen, ihn im Kerker aufzusuchen und ihm die Waffe einzuhändigen, damit er einer schrecklichen und schmachvollen Hinrichtung entgehe. In ihren heidnischen Anschauungen befangen, wußte sie noch nicht, daß die neue Religion den Selbstmord verbot und die Märtyrer heilig sprach, und daß das, was in den Augen der Heiden für eine Schande galt, in denen der Gläubigen eine Verherrlichung bedeutete.
Als sie wenige Schritte vor dem Tore angekommen war, hinter dem sich das Tal der Egeria, dem sie gefolgt war, in Rom selbst fortsetzt, wankten ihre Kniee, ihr Herz klopfte so heftig, daß sie sich an einen Baum lehnen mußte, um nicht niederzustürzen, so mächtig bewegte sie der Gedanke, daß sie bald dem begegnen werde, den sie seit dem verhängnisvollen Abend des Minervafestes nicht wiedergesehen hatte. Würde sie Lucius oder Nero finden, den Sieger in den olympischen Spielen oder den Kaiser – einen Geliebten oder einen Richter? Sie fühlte, daß die Betäubung, in die ihr Herz versunken war, seit sie in den Katakomben lebte, von der Kälte, Stille und Dunkelheit ihrer Wohnung herrühre, und daß sie wieder aufleben, von neuem sich der Liebe erschließen würde wie eine Blume im Sonnenschein, wenn Licht und Wärme sie umfingen.
Wie schon gesagt, fand alles, was sich auf der Oberfläche ereignete, in den Katakomben wenigstens einen fernen, flüchtigen und trügerischen Wiederhall.
Akte hörte von der Ermordung der Oktavia und dem Tode der Poppäa, aber die Kenntnis all der schändlichen näheren Umstände, die uns die Geschichtschreiber übermittelt haben, blieb noch in einen Kreis von Henkern und Höflingen gebannt, über den hinaus nur dunkle Gerüchte und entstellte Berichte drangen. Erst der Tod der Könige zieht den Schleier hinweg von ihrem Leben, und erst wenn Gott ihre Majestät in den Staub gestürzt hat, kehrt die aus ihrem Palast vertriebene Wahrheit zurück, um sich auf ihrem Grabe niederzulassen. Alles, was Akte wußte, war, daß der Kaiser augenblicklich weder Frau noch Geliebte besitze, und eine leise Hoffnung sagte ihr, daß er vielleicht in einem Winkel seines Herzens die Erinnerung an jene Liebe bewahrt habe, die ihre ganze Seele erfüllte.
Akte erholte sich rasch und schritt durch das Stadttor.
Es war an einem schönen, warmen Julimorgen, um die zweite Morgenstunde, also nach unserer Zeitrechnung morgens sieben Uhr, eine Stunde, die, wie auch dieser Tag, bei den Römern als glückbedeutend galt. Sei es, daß dieser Umstand zur raschen Vornahme der Geschäfte veranlaßte, sei es, daß dem Volk ein Fest versprochen war, oder daß ein unvorhergesehenes Ereignis die Leute von ihrer gewohnten Morgenbeschäftigung ablenkte, die Straßen waren gedrängt voll von Spaziergängern, und beinahe alle strömten dem Forum zu.
Akte folgte ihnen, denn dies war der Weg zum Palatin, und auf dem Palatin hoffte sie Nero zu finden. Ganz von den Gedanken an das bevorstehende Zusammentreffen in Anspruch genommen, ging sie, ohne zu sehen und zu hören, die Straße entlang, welche sich zwischen dem Coelius und dem Aventin hinzog, die mit kostbaren Stoffen geschmückt und mit Blumen bestreut war, wie bei großen öffentlichen Festen. Als sie an den Palatin kam, sah sie die Götter des Vaterlandes in ihren Festgewändern prangen und ihre Stirnen mit Eichen- und Lorbeerkränzen geschmückt. Da wandte sie sich rechts und befand sich alsbald auf der heiligen Straße, die sie bei ihrem ersten Einzug in Rom im Triumphzuge Neros durchschritten hatte. Die Menge wurde immer zahlreicher und eiliger; sie strebte hinauf nach dem Kapitol, wo offenbar irgend eine große Festlichkeit stattfinden sollte. Akte kümmerte sich nicht um das, was auf dem Kapitol vorging, sie suchte Lucius, und Lucius bewohnte das goldene Haus. Als sie auf der Höhe des Tempels des Romulus und Remus angekommen war, bog sie links ab, zwischen dem Tempel der Phöbe und dem des Jupiter Stator hindurch, stieg die Stufen zum Palatin empor und stand alsbald in der Vorhalle des goldenen Hauses.
Dort fing ein seltsames Schauspiel an, sich vor ihren Augen zu enthüllen. Ein prachtvolles Ruhebett war gegenüber der Türe des Atriums aufgerichtet, es erhob sich auf einem mit Perlmutter eingelegten Elfenbeingestell, und reich mit Gold bestickter Purpur war darübergebreitet. Unermeßlich kostbare Stoffe bildeten den Baldachin und umschlossen es an den Seiten wie ein Zelt. Akte zitterte am ganzen Körper, kalter Schweiß sammelte sich auf ihrer Stirn, und eine leichte Wolke legte sich um ihre Augen. Dieses Ruhebett, das den Blicken der neugierigen Menge ausgestellt wurde, war ein Hochzeitsbett. Sie wollte es jedoch nicht glauben, ging zu einem Sklaven hin und fragte ihn, was für ein Bett das sei.
Er antwortete ihr, daß es Neros Bett sei, der zu dieser Stunde im Tempel des Jupiter Capitolinus seine Vermählung feiere.
Da erwachte plötzlich und furchtbar in der Seele des jungen Mädchens die unselige Leidenschaft, die sie ins Unglück gestürzt hatte. Sie vergaß alles, die Katakomben, die ihr eine Zuflucht gewährt, die Christen, die ihre Hoffnung auf sie setzten, die Gefahr des Paulus, der sie gerettet hatte und zu dessen Rettung sie hergekommen war. Sie griff nach dem Dolch, den sie zur Verteidigung ihrer Keuschheit und als letztes Hilfsmittel gegen die Schande zu sich gesteckt hatte, sprang mit einem Herzen voll Eifersucht die Treppe hinab und eilte dem Kapitol zu, um die neue Rivalin zu sehen, die ihr in dem Augenblick das Herz ihres Geliebten entwendete, wo sie es wiederzugewinnen hoffte. Das Gedränge war unbeschreiblich, doch mit jener Kraft, die jede echte Leidenschaft verleiht, brach sie sich Bahn; obwohl der Schleier ihr Gesicht ganz verhüllte, sah man doch, daß diese Frau mit raschen, festen Schritten einem bedeutenden Ziele zustrebte, das keine Verzögerung duldete. Sie folgte der heiligen Straße bis zu dem Punkte, wo sie sich teilt, unter dem Triumphbogen des Scipio, dann wählte sie den kürzesten Weg, der zwischen den Staatsgefängnissen und dem Tempel der Concordia hindurchführte, und trat mit sicheren Schritten in den Tempel des Jupiter Capitolinus ein. Dort sah sie am Fuße der Statue des Gottes die Verlobte, deren Haupt so dicht mit Schleiern verhüllt war, daß sie nicht erkennen konnte, wer diese Frau sei, welche die vom Gesetz vorgeschriebenen, unter den edelsten Patriziern ausgewählten zehn Zeugen umgaben. Jeder von ihnen saß auf einem Stuhl, der mit dem Fell eines Opferlammes bedeckt war. In dem Augenblick, wo der Oberpriester, unterstützt von dem Flamen des Jupiter, das Speiseopfer aus Milch und süßem Wein dargebracht hatte, wandte er sich an den Kaiser und sagte:
Lucius, Domitius, Claudius Nero, ich gebe dir Sabina; sei ihr Gemahl, ihr Freund, ihr Vormund und ihr Vater; ich setze dich zum Herrn über alle ihre Güter und vertraue sie dir an auf Treue und Glauben.
Gleichzeitig ergriff er die Hand der Frau und legte sie in die des Gatten; dann schlug er den Schleier zurück, daß jedermann die neue Kaiserin begrüßen könne.
Jetzt, da Akte das Gesicht sah, mußte sie glauben, wenn sie auch noch zweifelte, solange sie nur den Namen gehört hatte. Es war in der Tat Sabina, die Schwester des Sporus, das junge Mädchen, das sie einst auf dem Schiffe und bei dem Bade bedient hatte. Im Angesicht der Götter und Menschen heiratete der Kaiser eine Sklavin. Jetzt verstand Akte das sonderbare Gefühl, das sie diesem geheimnisvollen Wesen gegenüber stets bedrückt hatte. Es war der voreingenommene Widerwille, jener instinktive Haß, den die Frau gegen das Weib empfindet, das eines Tags ihre Rivalin werden wird. Nero heiratete dieses Mädchen, das er ihr geschenkt hatte, das ihre Sklavin gewesen, – das vielleicht damals schon die Liebe des Geliebten mit ihr teilte, – über dessen Leben und Tod sie einst zu entscheiden gehabt, das sie nicht erstickt hatte wie eine Schlange, die einst ihr Herz verzehren sollte. Oh! das war unmöglich! Zum zweiten Mal richtete sie ihre zweifelvollen Blicke dahin, aber der Priester hatte sich nicht getäuscht, es war richtig Sabina im Hochzeitsgewand; sie trug eine weiße, mit Bändern verzierte Tunika, mit der Binde aus Schafwolle gegürtet, die der Gatte allein lösen durfte; in ihren Haaren steckte der goldene Wurfspieß, der an den Raub der Sabinerinnen erinnerte; um ihre Schultern wallte der flammenfarbige Schleier, der hochzeitliche Schmuck, den die Braut nur an dem einen Tage trug, und der zu jeder Zeit als glückliche Vorbedeutung gewählt wurde, weil es der gewöhnliche Schmuck der Frauen der Flamines war, denen das Gesetz die Scheidung verbietet.
Jetzt erhoben sich die Neuvermählten und schickten sich an, den Tempel zu verlassen. An dem Portal wurden sie von römischen Rittern erwartet, welche die vier Gottheiten trugen, die den Ehestand beschützten, und von vier Frauen aus dem höchsten römischen Adel, die Fackeln aus Fichtenholz in den Händen hielten.
Auf der Schwelle überreichte Tigellin den Brautschatz der Neuvermählten. Nero empfing ihn, setzte Sabina die Krone aufs Haupt und legte ihr den Mantel der Kaiserinnen um die Schultern; dann bestieg er mit ihr eine prächtige, offene Sänfte, umarmte sie vor aller Augen und unter den Beifallsrufen der Menge, aus denen die schmeichlerischen Worte der Griechen hervorklangen, die Wünsche für die Fruchtbarkeit dieser sonderbaren Verbindung auszusprechen wagten.
Akte folgte ihnen, da sie hoffte, sie würden zum goldenen Hause zurückkehren; aber als sie am Fuß des Kapitols angekommen waren, gingen sie durch den Vicus Tuscus, überschritten das Velabrum und erreichten das Marsfeld durch die Triumphpforte. Am Feste der Sigillarien Roms wollte Nero dem Volk seine neue Kaiserin zeigen. Er führte sie daher zum Forum Oblitorium, zum Theater des Pompejus und in die Säulenhalle der Oktavia. Akte folgte ihnen überall hin, ohne sie einen Augenblick aus dem Gesicht zu verlieren. Eine köstliche Mahlzeit wurde ihnen auf dem Hügel der Gärten angeboten. Akte stand die ganze Zeit über an einen Baum gelehnt. Dann traten sie den Rückweg an über das Forum des Cäsar, wo der Senat sie erwartete, um sie zu beglückwünschen. Akte hörte die Ansprache, an die Statue des großen Römers gelehnt. So ging es den ganzen Tag weiter, erst gegen Abend kehrten sie in den Palast zurück. Den ganzen Tag war Akte auf den Füßen, ohne irgend welche Nahrung zu sich zu nehmen, ohne an Ermüdung und Hunger zu denken. Nur das Gefühl der Eifersucht hielt sie aufrecht, das ihr Herz versengte und durch alle ihre Adern strömte. Endlich traten sie in das goldene Haus ein, und Akte folgte ihnen. Das bereitete keine Schwierigkeit, weil alle Türen offen standen, denn im Gegensatz zu Tiberius fürchtete Nero das Volk nicht. Seine Verschwendungssucht, seine Schauspiele, sogar seine Grausamkeit, die nur die Spitzen der Gesellschaft traf oder Anhänger eines fremden Glaubens, hatten ihn bei dem Volk beliebt gemacht, und er ist vielleicht heute noch der Kaiser, dessen Name am populärsten in Rom geblieben ist.
Akte kannte die Innenräume des Palastes, den sie mit Lucius durchschritten hatte. Ihr Gewand und ihr Schleier ließen sie wie eine Begleiterin Sabinas erscheinen; niemand achtete auf sie, und während der Kaiser und die Kaiserin sich in das Triklinium begaben, um die Abendmahlzeit einzunehmen, schlich sie sich in das Brautgemach, wohin das Bett zurückgebracht worden war, und versteckte sich hinter einem seiner Vorhänge.
Zwei Stunden lang wartete sie hier stumm und regungslos, ohne daß ihr Atem den lose vor ihr herabfallenden Stoff bewegte. Warum sie hergekommen sei, wußte sie nicht, aber während dieser zwei Stunden ließ ihre Hand den Griff des Dolches nicht los. Endlich hörte sie ein leichtes Geräusch, Frauen schritten den Korridor entlang, die Türe öffnete sich, und Sabina, geführt von einer römischen Matrone aus einem der ältesten und edelsten Geschlechter, namens Calvia Crispinella, die Mutterstelle bei ihr vertrat, wie Tigellinus ihren Vater vertreten hatte, kam in das Gemach in ihrem bräutlichen Schmuck, an dem nur die wollene Binde fehlte, die Nero während der Mahlzeit gelöst hatte, damit Calvia ihr den Hochzeitsstaat abnehmen könne. Sie flocht zuerst die falschen Zöpfe auf, die auf Sabinas Haupt einen Turm gebildet hatten, und ließ die Haare lose um die Schultern wallen, dann entfernte sie das Flammeum, den feuerroten Brautschleier, und endlich löste sie das lange Schleppgewand, so daß das Mädchen in einer einfachen Tunika dastand. Je mehr von diesen verschiedenartigen Schmuckstücken entfernt wurde, schien sich wunderbarerweise unter Aktes Augen eine unerhörte Verwandlung zu vollziehen. Sabina verschwand, um Sporus Platz zu machen, genau so, wie sie ihn hatte aus dem Schiff steigen und neben Lucius hergehen sehen, in der flatternden Tunika, den bloßen Armen und den langen Haaren. War das ein Traum oder Wirklichkeit? Waren Bruder und Schwester nur eine Person? Oder verlor Akte den Verstand? Da Calvia ihrer Pflicht genügt hatte, verneigte sie sich vor ihrer sonderbaren Kaiserin. Das Zwittergeschöpf dankte ihr mit einer Stimme, die Akte ebenso als die des Sporus wie der Sabina erkannte; endlich ging Calvia hinaus. – Die Neuvermählte blieb allein, sie blickte sich nach allen Seiten um, und da sie sich unbeobachtet glaubte, ließ sie in tiefer Niedergeschlagenheit die Hände sinken und seufzte laut, während zwei Tränen über ihre Wangen herabflossen. Dann näherte sie sich mit dem Ausdruck tiefen Widerwillens dem Bett; aber in dem Augenblick, wo sie mit dem Fuß die unterste Stufe berührte, wich sie entsetzt zurück und stieß einen gellenden Schrei aus. Sie hatte das blasse Gesicht der jungen Korintherin zwischen den purpurnen Vorhängen bemerkt, die wie eine Tigerin auf sie losstürzte, als sie sich entdeckt sah und fühlte, daß ihre Rivalin ihr entrinnen könnte. Aber das Geschöpf, das sie verfolgte, war zu schwach, um zu fliehen oder sich zu verteidigen. Es fiel ihr zu Füßen, breitete die Arme gegen sie aus und zitterte unter der Schneide des Dolches, der in ihrer Hand blitzte. Plötzlich schien ein Hoffnungsstrahl in seinen Augen aufzuleuchten:

Bist du es, Akte? Bist du es? sagte es.
Ja, ja, ich bin es; ich bin Akte. – Aber du, wer bist du denn? Bist du Sabina? Bist du Sporus? Bist du ein Mann? Bist du eine Frau? Antworte mir, sprich, so sprich doch!
Ach, ach! rief der Eunuch, ich bin weder das eine noch das andere, und stürzte bewußtlos zu Aktes Füßen. Akte ließ bestürzt ihren Dolch sinken. In diesem Augenblick öffnete sich die Türe, und mehrere Männer traten eilig ein. Es waren die Sklaven, die die Statuen der Götter herbeitrugen und um das Bett stellten. Als sie Sporus ohnmächtig am Boden liegen, eine bleiche, verwirrte Frau mit verstörten Blicken über ihn gebeugt und den Dolch daneben sahen, errieten sie alles, nahmen Akte fest und führten sie in das Gefängnis des Palastes, an dem Akte in der herrlichen Nacht vorübergekommen war, wo Sporus sie abgeholt halte, und aus dem damals das klägliche Stöhnen hervordrang. Dort traf sie Paulus und Silas.
Ich habe dich erwartet, sagte Paulus.
O mein Vater, rief die junge Korintherin, ich bin nach Rom gekommen, um dich zu retten.
Und da du es nicht vollbringen konntest, willst du mit mir sterben.
Oh! nein, nein, sagte das Mädchen beschämt, ich habe dich vergessen; ich bin nicht wert, daß du mich deine Tochter nennst. Ich bin eine unglückliche Törin, die weder Mitleid noch Verzeihung verdient.
Du liebst ihn also noch immer?
Nein, ich liebe ihn nicht mehr, mein Vater, denn es ist unmöglich, daß ich ihn noch lieben kann. Aber ich habe den Verstand verloren, wie ich dir schon gesagt habe. Wer wird mich von meinem Wahnsinn heilen! Es gibt keinen Menschen auf der Erde und keinen Gott im Himmel, der mächtig genug dazu wäre.
Dennoch, antwortete der Apostel, bist du nicht verloren, wenn du bereust.
Ach, ach! murmelte Akte, mit dem Ausdruck des Zweifels.
Wohlan! komm her zu mir, sagte der Apostel, indem er sich in einem Winkel des Gefängnisses niedersetzte; komm, ich will von deinem Vater mit dir reden.
Akte fiel auf die Kniee nieder, lehnte ihr Haupt an die Schulter des Greises, und während der ganzen Nacht betete der Apostel mit ihr. Akte antwortete ihm nur durch Schluchzen, aber am Morgen war sie bereit, die Taufe zu empfangen.
Beinahe alle Gefangenen, die sich mit Paulus und Silas in dem Gefängnis befanden, waren Christen aus den Katakomben. Während der zwei Jahre, die Akte unter ihnen wohnte, hatten sie nur ihre Tugenden schätzen gelernt, da sie von ihren Fehlern nichts wußten. Die ganze Nacht flehten sie zu Gott, daß er einen Strahl des Glaubens in die Seele der armen Heidin senden möge, und mit lebhafter Teilnahme begrüßten sie am Morgen die feierliche Erklärung des Apostels Paulus, der mit lauter Stimme verkündigte, daß der Herr nun eine Dienerin mehr unter ihnen zähle.
Paulus hatte Akte nicht im unklaren gelassen über die Tragweite der Opfer, welche ihr neuer Glaube ihr auferlegte. Das erste Opfer war ihre Liebe und das zweite vielleicht ihr Leben. Jeden Tag holte man einige Christen aus dem Gefängnis zum Sühnopfer der Götter oder zu den Festen, wie es der Zufall eben fügte. Viele boten sich an und drängten sich dazu, das Martyrium zu erleiden; man griff blind und wahllos unter sie, denn jeder Körper, der leiden und das Leiden ausdrücken konnte, war recht, um ihn ans Kreuz zu schlagen oder den wilden Tieren vorzuwerfen. Unter diesen Umständen war eine Taufe nicht nur eine religiöse Ceremonie, sondern eine Hingebung in den Tod.
Mit der ganzen Glut einer Neubekehrten kniete Akte mitten im Kreise der Gefangenen nieder unter dem Lichtstrahl, der durch das Gitter des Kellerfensters hereinfiel. Paulus stand hinter ihr, mit betend erhobenen Händen, und Silas hielt gebeugt das geweihte Wasser, das zur Taufe bereit war. In dem Augenblick, wo Akte das Glaubensbekenntnis der Apostel gesprochen hatte, das bis in unsere Tage das unveränderte Symbol des Glaubens geblieben ist, wurde die Türe mit Wucht aufgerissen, und Söldner erschienen, geführt von Anicetus, der, verwundert über das seltsame Schauspiel, das sich seinen Blicken darbot, stumm und unbeweglich auf der Schwelle verharrte.
Was willst du? fragte Paulus.
Ich will dieses Mädchen, antwortete Anicetus, indem er auf Akte deutete.
Sie wird dir nicht folgen, denn du hast kein Recht an sie.
Dieses Mädchen gehört dem Cäsar! rief Anicetus.
Du irrst dich, sagte Paulus, indem er die heiligen Worte aussprach und die Stirne der Neubekehrten mit dem geweihten Wasser benetzte, – dieses Mädchen gehört Gott.
Akte stieß einen Schrei aus und fiel ohnmächtig nieder, denn sie fühlte, daß Paulus die Wahrheit gesagt hatte, und daß die Worte, die er ausgesprochen, sie für immer von Nero trennten.
So werde ich dich an ihrer Stelle zum Kaiser führen, sagte Anicetus, indem er den Söldnern ein Zeichen machte, ihn zu ergreifen.
Tu', wie du willst, antwortete der Apostel, ich bin bereit, dir zu folgen. Ich weiß, daß die Zeit gekommen ist, wo ich im Himmel Rechenschaft von meiner Arbeit auf Erden geben soll.
Paulus wurde vor den Cäsar geführt, der ihn zum Kreuzestod verurteilte, aber er berief sich auf sein römisches Bürgerrecht, das ihm als Bürger von Tarsus zukam, und am selben Tage fiel sein Haupt auf dem Forum durch das Schwert.
Der Kaiser war selbst bei der Hinrichtung gegenwärtig, und da das Volk murrte, weil es ein längeres Leidensschauspiel erwartet hatte, versprach ihm der Kaiser für die nächsten Iden des März ein Gladiatorenkampfspiel. Es galt, den Todestag Julius Cäsars zu feiern.
XV
Nero hatte das Richtige getroffen; sein Versprechen beruhigte das murrende Volk augenblicklich. Unter allen Schauspielen, mit denen seine Ädilen, seine Prätoren und seine Cäsaren es ergötzten, waren ihm die Tierjagden und Gladiatorenkämpfe die liebsten. Pompejus kam einst auf den Gedanken, beide zu vereinigen, indem er während seines zweiten Konsulats bei Gelegenheit der Einweihung des Tempels der siegreichen Venus mit Wurfspießen bewaffnete Gätuler gegen zwanzig wilde Elephanten kämpfen ließ.
Scipio Nasika und P. Lentulus ließen dreiundsechzig afrikanische Panther in den Zirkus bringen. Als man später glaubte, das Volk sei solcher Vergnügungen müde, übertrug Segurus das Schauspiel in ein anderes Element. Er ließ das Amphitheater mit Wasser füllen und in diesem künstlichen Meer fünfzehn Nashörner und dreiundzwanzig Krokodile schwimmen. Der Prätor Sulla hatte eine Löwenjagd mit hundert Löwen veranstaltet; der große Pompejus eine solche von dreihundertfünfzehn, und Julius Cäsar eine mit vierhundert Löwen. Augustus endlich ließ gar an dem Feste zu Ehren seines Enkels gegen dreitausendfünfhundert Löwen, Tiger und Panther auftreten. Ein gewisser P. Servilius gab ein Fest, zu dem dreihundert Bären und ebensoviele Panther und Löwen aus den afrikanischen Wüsten herbeigebracht wurden.
Allein unter allen hatte Nero doch die blutigsten, reichsten und mannigfaltigsten Feste veranstaltet. Außer der Silbersteuer, die er den eroberten Provinzen auferlegte, schätzte er auch den Nil und die Wüste, das Wasser und den Sand ein, die ihm ihren Tribut an Löwen, Tigern, Panthern und Krokodilen liefern mußten. Die Gladiatoren wurden durch die Kriegsgefangenen und Christen vorteilhaft und ausgiebig ersetzt. Wohl fehlten diesen die Kunstgriffe und die Geschicklichkeit, aber sie zeigten dafür außergewöhnlichen Mut und seelische Erregung, die ihrem Todeskampf einen neuen, eigenartigen Reiz verliehen. Das war alles, was nötig war, um die Neugierde aufzustacheln.
Ganz Rom stürzte also in den Zirkus. Man hatte dieses Mal mit vollen Händen in der Wüste und in den Gefängnissen geschöpft. Es waren so viele wilde Tiere und so viele Opfer vorhanden, daß das Fest den ganzen Tag und die ganze Nacht in Anspruch nahm. Dazu hatte der Kaiser versprochen, den Zirkus auf eine neue Art zu beleuchten. Er wurde mit einstimmigen Jubelrufen empfangen. Diesesmal erschien er als Apollo gekleidet und trug Bogen und Pfeile wie der pythische Gott, denn in den Zwischenpausen des Kampfes wollte er Proben seiner Geschicklichkeit ablegen. Einige Bäume waren in den Albaner Bergen mit den Wurzeln ausgegraben und mit ihren Ästen und Blättern in den Zirkus nach Rom verpflanzt worden. Auf diesen Bäumen stellten Pfauen und Fasanen ihr prächtiges Gefieder aus und boten Zielscheiben für die Pfeile des Kaisers. Auch kam es vor, daß der Cäsar mit einem verwundeten Tier Mitleid empfand oder Haß gegen ein anderes, das seine Henkersarbeit ungeschickt verrichtete, dann griff er entweder zum Bogen oder zum Wurfspieß und sandte von seinem Throne aus das tödliche Geschoß an das andere Ende des Zirkus, wie der Blitze schleudernde Jupiter.
Kaum hatte sich der Kaiser niedergelassen, so erschienen die Fechter auf Wagen. Diejenigen, welche die Kampfspiele eröffneten, wurden gewöhnlich von den Festgebern bezahlt, aber da die Feierlichkeit außergewöhnlich großartig war, gesellten sich auch einige junge Patrizier zu den berufsmäßigen Gladiatoren, um dem Kaiser den Hof zu machen. Man sagte sogar, daß sich unter diesen zwei junge Edle befanden, die ihr Vermögen durch ihre Ausschweifungen verloren und sich hier vermietet hatten, der eine um eine Summe von zweimalhundertfünfzigtausend, der andere um dreimalhunderttausend Sesterzien.
Als Nero eintrat, befanden sich die Gladiatoren in der Arena; sie warteten auf das Zeichen des Beginnes und übten sich gegenseitig, wie wenn die Kämpfe, die sie miteinander ausfechten sollten, einfache Festspiele wären. Aber kaum war der Ruf: der Kaiser, der Kaiser! in dem Zirkus erschallt, kaum hatte man Cäsar-Apollo auf seinem Thron gegenüber den Vestalinnen Platz nehmen sehen, so traten die Festordner in den Zirkus mit scharfgeschliffenen Waffen, welche die Kämpfenden gegen die stumpfen Waffen, mit denen sie sich geübt hatten, eintauschten. Hierauf zogen sie an Neros nur acht bis zehn Fuß über die Arena erhöhtem Thronsitz vorüber, indem sie die Schwerter, zu ihm erhoben, damit er sich versichere, daß sie scharf und schneidend seien.
Man legte ihm die Liste der Fechter vor, damit er die Reihenfolge der Kämpfe bestimme. Er entschied, daß ein Netzfechter und ein Gladiator die Spiele eröffnen, und daß nach ihnen zwei Schwertkämpfer und nach diesen zwei Gladiatoren mit verbundenen Augen fechten sollten. Zum Beschluß dieses ersten Teiles sollten dann noch gegen Mittag zwei Christen, ein Mann und eine Frau, den wilden Tieren überlassen werden. Das Volk schien von diesem Programm ganz befriedigt, und unter den Rufen: Es lebe Nero! Ruhm dem Cäsar! Glück dem Kaiser! betraten die beiden ersten Gladiatoren den Zirkus durch einander gegenüberliegende Tore.
Es waren der Gladiator und der Netzkämpfer, wie es der Cäsar bestimmt hatte. Der eine, welchen man secutor nannte, weil es öfter vorkam, daß er seinen Gegner verfolgte, als daß er verfolgt wurde, trug eine blaßgrüne Tunika mit schrägen Silberstreifen, die um den Leib mit einem Gürtel aus ziseliertem Kupfer zusammengehalten war, worin Einlagen von Korallen glänzten. Sein rechtes Bein war mit einer bronzenen Schiene geschützt; ein Helm mit Visier, wie ihn die Ritter des XIV. Jahrhunderts trugen, mit einem Helmstutz gekrönt, der den Kopf eines Auerochsen mit langen Hörnern darstellte, bedeckte sein Gesicht. In der linken Hand hielt er einen großen, runden Schild und in der rechten einen Wurfspieß und eine mit Blei versehene Keule. Es war die Rüstung und das Kostüm der Gallier.

Der Netzkämpfer hielt in der rechten Hand das Netz, dem er seinen Namen verdankte, das ungefähr dem Wurfgarn unserer Fischer glich, und in der linken, die durch einen leichten, runden Schild gedeckt war, einen langen Dreizack aus Ahorn mit einer dreifachen Stahlspitze. Seine Tunika war aus blauem Tuch, seine Halbstiefel aus blauem Leder, seine Beinschienen aus vergoldeter Bronze. Im Gegensatz zu dem Gallier blieb sein Gesicht unbedeckt, und sein Kopf hatte keinen anderen Schutz als eine lange Mütze aus blauer Wolle, an der ein goldenes Netz hing.
Die beiden Gegner näherten sich einander, aber nicht in gerader Linie, sondern kreisförmig. Der Netzkämpfer hielt sein Netz bereit, und der Gladiator wog seinen Wurfspieß in der Hand. Als sich der Netzkämpfer in Wurfweite glaubte, machte er einen raschen Sprung nach vorwärts und warf zur selben Zeit sein Netz, das sich entfaltete. Aber keine seiner Bewegungen war dem Gladiator entgangen, der durch einen ähnlichen Sprung nach rückwärts auswich, so daß das Netz vor seinen Füßen niederfiel. Im selben Augenblick, und ehe der Netzkämpfer Zeit gehabt, sich mit seinem Schilde zu decken, schleuderte der Gladiator seinen Wurfspieß. Sein Feind sah die Waffe kommen, er bückte sich, doch nicht tief genug, so daß der Stoß, der ihn auf die Brust hätte treffen sollen, ihm seine elegante Kopfbedeckung wegnahm.
Obwohl der Netzkämpfer mit seinem Dreizack bewaffnet war, wandte er sich zur Flucht, indem er sein Netz hinter sich herzog, denn er konnte sich seiner Waffe zum tödlichen Stoße nur bedienen, wenn er den Gegner in den Maschen gefangen hatte. Der Gladiator suchte ihn zu verfolgen, aber da ihn die schwere Keule und die Schwierigkeit, durch die kleinen Öffnungen des Visiers zu sehen, im Laufen hinderten, gewann der Netzkämpfer Zeit, sein Netz von neuem bereit zu halten. Alsbald nahm er seine anfängliche Stellung wieder ein, und der Gladiator eine verteidigende.
Während des Laufes hatte der secutor seinen Wurfspieß wieder aufgerafft und die Mütze des Netzkämpfers als Trophäe an seinen Gürtel gehängt. So hatte jeder der Kämpfer wieder seine Waffen in Bereitschaft. Diesesmal eröffnete der Gladiator den Kampf. Er schleuderte mit der ganzen Kraft seines Armes den Wurfspieß, der mitten in den Schild des Netzkämpfers traf, die bronzene Stichplatte durchbohrte, durch den siebenfachen Lederbelag drang und die Brust streifte. Das Volk glaubte schon, er sei tödlich verwundet, und von allen Seiten hörte man den Ruf: Er hat's! Er hat's! Aber sogleich entfernte der Netzkämpfer den Schild, in dem der Wurfspieß stecken blieb, von seiner Brust und zeigte, daß er nur leicht verletzt sei. Da erfüllte ein Freudengeschrei die Luft, denn nichts fürchteten die Zuschauer mehr als einen schnell entschiedenen Kampf, weshalb man auch die Gladiatoren, welche den Kopf trafen, mißachtete, obwohl es nicht verboten war.
Der Gladiator ergriff die Flucht; denn seine Keule, die eine schreckliche Waffe war, wenn er den Netzkämpfer verfolgte, wurde für ihn beinahe unnütz in dem Augenblick, wo ihm der Gegner das Netz um die Schultern warf, und wenn er diesem nahe genug kam, um ihn zu treffen, konnte er ihn mit Leichtigkeit in die tödlichen Maschen verwickeln. Jetzt begann das Schauspiel einer regelrechten Flucht, denn die Flucht ist auch eine Kunst. Aber das zweite wie das erste Mal fand sich der Gladiator durch seinen Helm gehindert. Schon war der Netzkämpfer so nahe, daß die Rufe der Menge den Gallier auf die Gefahr aufmerksam machten. Er begriff, daß er verloren sei, wenn er sich nicht rasch seines Helmes entledige. Während des Laufes öffnete er die eiserne Schnalle, die ihn geschlossen hielt, riß ihn ab und warf ihn von sich. Jetzt erkannte man mit Erstaunen in dem Gladiator einen jungen Mann, namens Festus, der einer der edelsten Familien Roms angehörte, und diesen Helm mit Visier mehr zu seiner Verhüllung als zu seiner Verteidigung gewählt hatte. Diese Entdeckung verdoppelte das Interesse, das die Zuschauer an dem Kampfe nahmen.
Jetzt gewann der junge Patrizier einen Vorsprung vor dem anderen, dem sein Schild beschwerlich fiel, weil darin der Wurfspieß steckte, den er doch nicht herausziehen wollte, damit sich sein Feind nicht wieder der Waffe bemächtige. Erregt durch die Rufe der Zuschauer und durch die fortgesetzte Flucht seines Gegners, warf er aber endlich den Schild mitsamt dem Geschoß von sich und war nun frei in seinen Bewegungen. Sei es, daß der Gallier die Unklugheit seines Gegners benutzen wollte, sei es, daß er des Fliehens müde war, er blieb plötzlich stehen und schwang die Keule um sein Haupt. Auch der Netzkämpfer hielt wieder seine Waffe in Bereitschaft, aber ehe er seinem Gegner auf Wurfweite nahekommen konnte, flog die Keule sausend wie der Balken aus einer Wurfmaschine und traf den Netzkämpfer mitten auf die Brust. Dieser schwankte und stürzte nieder, von den Maschen seines eigenen Netzes bedeckt. Festus sprang hinzu, riß seinen Wurfspieß aus dem Schilde, befand sich mit einem Satze bei seinem Gegner, legte die Spitze seiner Waffe an dessen Kehle und fragte das Volk, ob er ihn töten oder Gnade gewähren solle. Alle erhoben die Hände, die einen verschlungen, um Gnade zu erflehen, die andern einzeln mit gesenktem Daumen. Aber da es inmitten der Menge unmöglich war, die Mehrheit zu erkennen, ertönte der Ruf: Zu den Vestalinnen! Zu den Vestalinnen! Das war die entscheidende Instanz in zweifelhaften Fällen. Festus wandte sich nach dem Podium. Die zwölf Vestalinnen erhoben sich, acht hielten den Daumen gesenkt. Die Majorität war für den Tod. Da ergriff der Netzkämpfer selbst die Spitze des Speeres, legte sie an seine Kehle, und nach einem letzten Ruf: Cäsar ist Gott! fühlte er, ohne einen Klagelaut von sich zu geben, wie der Spieß des Festus die Halsader durchschnitt und ihm tief in die Brust drang.
Das Volk klatschte dem Sieger wie dem Besiegten Beifall, denn der eine hatte mit Geschicklichkeit getötet, der andere war schön gestorben. Festus machte im Amphitheater die Runde, um die Huldigungen entgegenzunehmen, und verließ dasselbe durch das eine Tor, während die Leiche seines Feindes zum gegenüberliegenden hinausgetragen wurde.
Hierauf kam ein Sklave mit einem Rechen und verwischte die Blutspuren im Sande, dann erschienen zwei neue Kämpfer auf dem Ringplatz. Es waren die beiden Schwertkämpfer, die raffiniertesten Fechter zur Zeit Neros; ohne Helm, ohne Panzer, ohne Schild, ohne Beinschienen kämpften sie nur mit einem Schwert in jeder Hand, wie die Kavaliere der Fronde in ihren Duellen auf Degen oder Dolch. Diese Gefechte galten für die Blüte der Kunst, zuweilen wurden sie von den Fechtmeistern selbst ausgeführt; diesesmal war es ein Lehrer mit seinem Schüler. Der letztere hatte sich die Kunstgriffe seines Meisters so vollkommen angeeignet, daß er diesen mit seinen eigenen Finten angriff. Die schlechte Behandlung, die er einst von seinem Lehrer erfahren, hatte in seinem Herzen einen glühenden Haß gegen diesen erzeugt, aber er hielt ihn geheim, und in der Absicht, sich eines Tages an ihm zu rächen, setzte er seine täglichen Übungen fort und lauschte ihm alle Geheimnisse seiner Kunst ab. Es war für die sachverständigen Zuschauer von Interesse, diese beiden Männer zum ersten Mal von den Scheingefechten zu einem wirklichen Kampf nicht mit stumpfen, sondern mit scharfen, schneidenden Waffen übergehen zu sehen. Ihr Erscheinen rief dreimalige Beifallsrufe hervor, die verstummten und dem tiefsten Stillschweigen Platz machten, sobald der Festordner auf einen Wink des Kaisers das Zeichen zum Beginn des Kampfes gab. Die Fechter gingen einander entgegen, belebt von dem tiefen Haß, den jede Rivalität einflößt; aber dieser Haß, der wie Blitze in ihren Augen aufloderte, verlieh dem Angriff und der Verteidigung besondere Behutsamkeit, denn sie kämpften nicht allein für das Leben, sondern auch für den Ruf, den der eine besaß und der andere zu erwerben begann.
Endlich kreuzten sich ihre Schwerter; zwei spielende Schlangen und zwei zuckende Blitze sind leichter in ihrer flammenden Geschwindigkeit zu verfolgen, als es die Bewegungen der Schwerter waren, die sie in der rechten Hand zum Angriff schwangen, während sie mit dem Schwert in der linken wie mit einem Schilde parierten. Mit bewunderungswürdiger Regelmäßigkeit vom Angriff zur Verteidigung übergehend, zwang zuerst der Schüler den Meister, bis an die Stufen des kaiserlichen Thrones zurückzuweichen, dann aber drängte der Meister den Schüler bis zu dem Podium der Vestalinnen zurück. Hierauf erschienen beide unverletzt in der Mitte des Zirkus, obwohl zwanzigmal die Spitze jedes Schwertes der Brust so nahe war, daß sie die Tunika zerriß, unter der sie das Herz suchte. Endlich machte der Jüngere einen Sprung nach rückwärts, die Zuschauer riefen: Er hat's! Aber, obwohl das Blut durch den unteren Teil der Tunika an seinem Schenkel herabfloß, kehrte er noch hartnäckiger als zuvor sogleich zum Kampfe zurück, und schon nach zwei Gängen verriet der Meister durch eine unmerkliche Bewegung, die einem minder geübten Publikum entgangen wäre, daß das kalte Eisen in seine Adern gedrungen sei. Die gespannteste Neugier ist stumm; bei einigen geschickt parierten Stößen vernahm man nur das dumpfe Schauern, das dem Schauspieler anzeigt, daß es nicht Mangel an Teilnahme ist, wenn das Publikum nicht applaudiert, sondern daß es im Gegenteil sein Spiel nicht unterbrechen will. Die beiden Fechter verdoppelten ihren Eifer und schwangen ihre Schwerter mit gleicher Gewandtheit hin und her, so daß der seltsame Kampf kein anderes Ende zu nehmen schien, als die gegenseitige Erschöpfung der Kraft. Da glitt der Lehrer, als er vor seinem Schüler einen Schritt zurückwich, plötzlich aus und fiel nieder; sein Fuß hatte auf dem Boden frische Blutspuren hinterlassen. Der Schüler benützte den Vorteil, den ihm der Zufall bot, und stürzte sich auf ihn, aber zum großen Erstaunen des Publikums sah man weder den einen noch den andern sich erheben. Das ganze Volk erhob die verschlungenen Hände und rief: Gnade! Freiheit! Aber keiner der beiden Fechter antwortete. Der Festordner trat in den Zirkus, er brachte die Siegespalmen und Freiheitsstäbe vom Kaiser, aber es war zu spät. Die beiden Streiter waren schon, wenn auch nicht siegreich, so doch frei; sie hatten sich gegenseitig durchbohrt und getötet.
Auf die Schwertkämpfer sollten, wie gesagt, die Blindfechter folgen. Ohne Zweifel war dies so angeordnet, um das Volk durch den Gegensatz zu ergötzen; denn diesen neuen Kämpfern war Kunst und Gewandtheit völlig unnütz. Ihr Kopf war vollkommen in einen Helm eingeschlossen, der nur eine Öffnung zum Atemholen an der Stelle des Mundes und zwei Löcher vor den Ohren freiließ, damit sie hören konnten; sie kämpften also blind. Übrigens freute sich das Volk sehr an diesem schrecklichen Blindekuhspiel, wo jeder Schlag traf, da die Gegner keine Schutzwaffe zur Abwehr oder Abschwächung führten.
In dem Augenblick, wo diese Unglücklichen, denn Kämpfer kann man diese Opfer kaum nennen, unter dem schallenden Gelächter des Publikums die Arena betraten, näherte sich Anicetus dem Kaiser und übergab ihm einige Briefe. Nero las sie mit großer Unruhe, und bei dem letzten malte sich tiefe Bestürzung in seinen Zügen. Er versank kurze Zeit in Nachdenken, dann stand er plötzlich auf und stürzte zum Zirkus hinaus, indem er dem Spielordner ein Zeichen machte, daß das Fest in seiner Abwesenheit seinen Fortgang nehmen solle. Dieser Zwischenfall hatte an sich nichts Ungewöhnliches; es kam oft genug vor, daß dringende Staatsgeschäfte die Cäsaren unvorhergesehen mitten aus einem Feste heraus auf das Forum, in den Senat oder auf den Palatin riefen, wodurch das Vergnügen der Zuschauer keineswegs gestört wurde, die dadurch im Gegenteil neue Freiheiten genossen, da das Volk, unbeeinträchtigt durch die Gegenwart des Kaisers, jetzt wirklich der König des Festes wurde. Die Spiele nahmen also ihren weiteren Verlauf, obwohl der Cäsar nicht mehr den Vorsitz führte.
Die beiden Streiter setzten sich von entgegengesetzten Seiten aus in Bewegung, um sich in der Mitte zu begegnen. Je näher sie einander kamen, desto mehr bemerkte man, wie sie den Gesichtssinn durch das Gehör zu ersetzen und die Gefahr, die sie nicht sehen konnten, durch das Gehör zu vermeiden suchten. Es ist leicht zu begreifen, wie trügerisch in solchem Falle die Raumschätzung wird; noch waren sie weit voneinander entfernt, als sie schon mit den Schwertern nacheinander schlugen. Angeregt durch die Zurufe: Vorwärts! Vorwärts! Nach rechts! Nach links! gingen sie mit mehr Kühnheit gegeneinander vor und schossen aneinander vorüber, ohne sich zu berühren, schließlich drehten sie sich den Rücken und fuhren immer noch fort, sich gegenseitig mit dem Schwert zu bedrohen. An dem Geschrei und Hohngelächter des Publikums erkannten sie, wie die Sache stand, und drehten sich beide mit einer raschen Bewegung um, so daß sie einander gegenüberstanden und sich mit den Schwertern treffen konnten. Ihre Waffen berührten sich gleichzeitig und trafen an verschiedenen Stellen. Der eine erhielt einen Stich mit der Spitze in den rechten Schenkel, der andere einen Stoß mit dem Schaft auf den linken Arm. Jeder der beiden Verwundeten machte einen Schritt zur Seite, so fanden sich die beiden Gegner von neuem getrennt, ohne zu wissen, wie sie sich wieder finden sollten. Da setzte sich der eine auf die Erde, um auf das Geräusch der Schritte zu horchen und seinen Gegner zu überfallen, und wirklich wie eine ruhende Schlange, die plötzlich hervorschießt und sticht, traf der liegende Gladiator seinen Gegner zum zweiten Mal. Dieser fühlte sich gefährlich verletzt, machte einen Schritt nach vorwärts, stieß mit dem Fuß an den Körper seines Feindes und fiel zwei oder drei Spannen entfernt von ihm nieder, erhob sich aber sogleich wieder und beschrieb mit seinem Schwert einen so raschen und wuchtigen Kreis, daß die Waffe, die seinen Gegner an der Stelle traf, wo ihn der Helm zu decken aufhörte, den Kopf so geschickt vom Rumpfe trennte, wie es ein Henker nicht besser hätte tun können.
Während der Kopf in seiner eisernen Hülle weitab rollte, blieb der Rumpf noch einen Augenblick stehen, machte einige unsinnige Schritte, wie wenn er nach ihm suchen wollte, und stürzte dann in den Sand, den er mit Blut überschwemmte. An dem Geschrei der Menge erkannte der Gladiator, daß der Streich, den er geführt hatte, tödlich gewesen sein mußte, aber er fuhr nichtsdestoweniger fort, sich gegen den im Todeskampf befindlichen Feind zur Verteidigung bereitzuhalten. Da trat einer der Festordner ein, löste ihm den Helm und rief:
Du bist frei und Sieger.
Er verließ den Zirkus durch das Tor, das sana vivaria hieß, weil nur die Kämpfer hindurchgingen, die dem Tod entronnen waren, während man die Leichen in das spoliarium brachte, eine Art Höhle, die unter den Stufen des Amphitheaters lag, wo die Ärzte die Verwundeten erwarteten und wo zwei Männer auf- und niedergingen, von denen der eine als Merkur, der andere als Pluto gekleidet war. Merkur berührte die scheinbar leblosen Körper mit einem rotglühenden Schlangenstab, um zu prüfen, ob sich noch ein Funke Lebenskraft darin befinde, während Pluto diejenigen, welche die Ärzte für unheilbar erklärten, mit einem Hammer erschlug.
XVI
Kaum waren die Blindfechter vom Schauplatz abgetreten, so entstand ein großer Tumult im Zirkus; auf die Gladiatoren sollten die Tierkämpfer folgen, und das waren Christen, folglich galt der Haß des Publikums den Menschen, und alle Sympathie war auf seiten der Tiere. So groß die Ungeduld der Menge war, mußte sie doch warten, bis die Sklaven den Sandboden wieder mit dem Rechen geglättet hatten; allein diese Arbeit wurde durch wütendes Geschrei beschleunigt, das von allen Ecken des Amphitheaters zugleich ertönte; endlich zogen sich die Sklaven zurück, die Arena blieb einen Augenblick leer, und das Volk harrte in gespannter Erwartung; da öffnete sich das Tor, und alle Blicke richteten sich auf die neuen Opfer, die daraus hervortraten.
Zuerst kam eine Frau in weißem Gewande, mit einem weißen Schleier verhüllt. Man führte sie zu einem der Bäume und band sie dort mit einem Strick um die Mitte des Leibes fest. Dann entriß ihr ein Sklave den Schleier, und die Zuschauer blickten in ein blasses Gesicht von vollkommenster Schönheit, das einen resignierten Ausdruck zeigte. Trotzdem sie eine Christin war, hatte dieses junge Mädchen vom ersten Augenblick an das Herz der wankelmütigen, für jeden Eindruck leicht empfänglichen Menge gewonnen. Während aller Augen auf sie gerichtet blieben, öffnete sich das gegenüberliegende Tor, und ein junger Mann ging daraus hervor. Es war zur Gewohnheit geworden, daß man einen Christen und eine Christin zusammen den wilden Tieren preisgab und den Mann mit allen Waffen ausrüstete, damit der Wunsch, nicht nur den eigenen Tod hinauszuschieben, sondern auch den seiner Gefährtin, zu der man immer die Schwester, Mutter oder Geliebte wählte, dem Bruder, Sohn oder Geliebten erhöhten Mut einflöße und den Kampf verlängere, denn sonst veranlaßte die Christen ihr Verlangen nach dem Martyrium fast immer, auf jeden Kampf zu verzichten, obwohl sie wußten, daß sie gerettet waren, wenn sie die drei ersten Tiere überwanden, die man gegen sie losließ.
In der Tat schien auch der junge Mann nicht geneigt, dem Volke das Schauspiel eines Kampfes bieten zu wollen, trotzdem man auf den ersten Blick die Kraft und Geschmeidigkeit seines Körpers erkannte und ihm zwei Sklaven folgten, von denen der eine ein Schwert und zwei Wurfspieße trug, während der andere einen numidischen Renner vorführte. Mit langsamen Schritten trat er in den Zirkus, schaute mit ruhigen, festen Blicken um sich und deutete durch ein Zeichen mit der Hand an, daß diese Waffen überflüssig seien; er blickte gen Himmel, fiel auf die Kniee und betete. Das enttäuschte Volk wollte aber einen Kampf sehen und kein Martyrium; es fing an zu drohen und zu brüllen, die Rufe: Ans Kreuz! Ans Kreuz! wurden von allen Seiten laut, denn wenn es schon eine Hinrichtung sein sollte, zog man die langwierigere vor. Da leuchtete ein Strahl unbeschreiblicher Freude in den Augen des jungen Mannes auf, er breitete die Arme aus zum Zeichen, daß er ein Gnadengeschenk empfange, glücklich darüber, daß er desselben Todes sterben dürfe, den der Erlöser durch sein Vorbild verklärt hatte. In diesem Augenblick vernahm er einen so tiefen Seufzer, daß er sich unwillkürlich umwandte.
Silas! Silas flehte das junge Mädchen.
Akte! rief der junge Mann, indem er aufsprang und zu ihr hineilte.
Silas, habe Mitleid mit mir, jammerte Akte! Als ich dich erkannte, ging ein Hoffnungsschimmer in meinem Herzen auf. Du bist kühn und stark, Silas, und gewöhnt mit den Bewohnern der Wüsten und Wälder zu ringen; wenn du gekämpft hättest, wären wir vielleicht beide gerettet worden.
Und das Martyrium! unterbrach sie Silas, nach dem Himmel zeigend.
Und der Schmerz! sprach das Mädchen und ließ den Kopf auf die Brust sinken. Ach! ich bin nicht wie du in einer heiligen Stadt geboren, ich habe das Wort des Lebens nicht aus dem Munde des Meisters gehört, für den wir sterben sollen. Ich bin eine Tochter von Korinth und in den religiösen Anschauungen meiner Väter erzogen, mein Glauben und mein Vertrauen sind noch neu, und das Wort Martyrium kenne ich erst seit gestern. Vielleicht hätte ich noch Mut genug, wenn ich allein wäre, aber Silas, wenn ich dich soll vor meinen Augen diesen langsamen, grauenhaften Tod sterben sehen, weiß ich nicht, ob mein Mut standhält.
Es ist gut, ich werde kämpfen, antwortete Silas, denn ich bin sicher, daß mir früher oder später die Freude doch zu teil wird, die du mir heut entziehst. Dann machte er eine befehlende Gebärde wie ein Kaiser und sagte mit lauter Stimme: Mein Roß, mein Schwert und meine Speere!
Da klatschten die Zuschauer in die Hände, denn sie begriffen beim Ton dieser Stimme und der majestätischen Bewegung, daß sie Zeugen eines jener herkulischen Kämpfe sein sollten, die allein ihre abgestumpften Sinne erregten.
Silas ging auf das Pferd zu, das ein Sohn Arabiens war wie er; die beiden Landsleute erkannten sich. Der Mann sagte einige Worte in einer fremden Sprache zu dem edlen Tiere, das wiehernd antwortete, wie wenn es ihn verstanden hätte. Dann befreite Silas Rücken und Gebiß seines Gefährten von Sattel und Zügel, die ihm die Römer als Zeichen der Dienstbarkeit angelegt hatten, und das Wüstenkind sprang um ihn her und freute sich seiner wieder erlangten Freiheit.
Inzwischen entledigte sich auch Silas alles dessen, was ihm in seinem Anzug hinderlich werden konnte. Er rollte seinen roten Mantel zusammen, schlang ihn um seinen linken Arm und blieb nur mit der Tunika und dem Turban bekleidet. Er gürtete sein Schwert um, ergriff die Speere und rief seinem Pferd, das ihm gehorchte, verständig und flink wie eine Gazelle; er schwang sich auf seinen Rücken, neigte sich auf seinen Hals vor, und ohne sich zu seiner Lenkung eines anderen Mittels zu bedienen als seiner Schenkel und seiner Stimme, ritt er dreimal in der Runde um den Baum, an den Akte gebunden war, wie ein zweiter Perseus, bereit, seine Andromeda zu verteidigen. Der Stolz des Arabers hatte die Oberhand gewonnen über die christliche Demut.
Nun öffnete sich eine Flügeltüre unter dem Podium, und ein corduanischer Stier sprang, von den Sklaven aufgeregt, brüllend in den Zirkus. Aber kaum hatte er zehn Schritte gemacht, so blendete ihn das helle Tageslicht, und die Menge der Zuschauer und das Geschrei des Volkes machten ihn scheu. Er beugte seine vorderen Kniegelenke, senkte seinen Kopf bis auf die Erde, richtete seine blöden, wilden Augen auf Silas und rannte auf ihn los, indem er mit seinem Unterleib den Sand berührte, mit seinen Hörnern den Boden aufriß und Dampf aus seinen Nasenlöchern schnaubte. In diesem Augenblick warf ihm einer der Spielordner einen Strohmann zu. Der Stier stürzte sogleich darauf los und zerstampfte ihn unter seinen Füßen; während er damit beschäftigt war, flog sausend ein Wurfspieß, von Silas' Hand geschleudert, und drang ihm in die Schulter. Der Stier stieß ein wildes Schmerzensgebrüll aus, ließ den scheinbaren Feind liegen und wandte sich seinem wirklichen Gegner zu. Mit gesenktem Kopf stürzte er schnell auf den Syrer los, indem er eine Blutspur im Sande nach sich zog. Silas wartete gelassen, bis das wütende Tier auf wenige Schritte herankam, dann ließ er sein flinkes Roß einen gewandten Seitensprung ausführen, während der Stier in vollem Lauf an ihm vorüberschoß, und sandte ihm noch einen zweiten Wurfspieß nach, der ihm mit seinen sechs Zoll Eisen tief in die Seite drang. Das Tier stellte sich zitternd auf seinen vier Füßen fest, wie wenn es umzufallen fürchtete, aber gleich darauf wandte es sich um und wollte über den Reiter und sein Pferd herfallen, doch diese flohen vor ihm her, wie vom Sturmwind davongetragen.
Dreimal machten sie so im Amphitheater die Runde, der Stier wurde jedesmal schwächer, und der Reiter gewann an Vorsprung; endlich bei der dritten Runde fiel der Stier auf seine Kniee, stand aber sogleich auf mit einem fürchterlichen Gebrüll, und wie wenn er die Hoffnung verloren gebe, Silas zu erreichen, schaute er im Kreise umher, ob er nicht ein anderes Opfer finde, an dem er seinen Zorn austoben könne; jetzt erblickte er Akte. Einen Augenblick schien er daran zu zweifeln, ob sie überhaupt ein lebendes Wesen sei, so sehr glich sie in ihrer vollkommenen Regungslosigkeit und Blässe einer Statue; er streckte den Hals und die Nasenlöcher vor und sog die Luft ein, die von jener Gegend herkam. Gleich darauf nahm er alle Kraft zusammen und rannte geradeswegs auf Akte zu. Das Mädchen sah ihn kommen und stieß einen Schreckenslaut aus, aber Silas wachte über ihr und ging dem Stier entgegen; doch dieser schien ihn zu fliehen. Mit einigen raschen Sätzen holte er ihn auf seinem getreuen Renner ein, dann sprang er von dem Rücken des Pferdes auf den des Stieres hinüber, und während er ihn mit der linken Hand an einem Horn ergriff und ihm den Hals zurückbog, stieß er ihm mit der rechten das Schwert bis zum Griff in die Kehle. Der sterbende Stier fiel eine halbe Lanzenlänge von Akte entfernt zu Boden; sie hatte mit geschlossenen Augen den Tod erwartet, erst der jubelnde Beifall der Menge verkündete ihr, daß Silas gesiegt hatte.
Hierauf traten drei Sklaven in den Zirkus, zwei von ihnen führten je ein Pferd, das sie an den Stier spannten, um ihn aus dem Amphitheater hinauszuschleppen; der dritte trug einen Becher und einen Krug; er füllte den Kelch und bot ihn dem jungen Syrer dar. Dieser berührte ihn kaum mit den Lippen und verlangte andere Waffen. Man brachte ihm einen Bogen, Pfeile und einen Spieß; dann beeilte sich jedermann die Arena zu verlassen, denn unter dem Thron, den der Kaiser leer gelassen hatte, öffnete sich ein Gitter, und ein Löwe vom Atlas verließ seinen Käfig und trat majestätisch in den Zirkus.
Es war gewiß der König der Schöpfung, denn bei dem Gebrüll, womit er das Licht begrüßte, erzitterten alle Zuschauer, und selbst der Renner mißtraute zum ersten Mal der Schnelligkeit seiner Füße und antwortete mit einem erschrockenen Wiehern. Silas allein blieb unerschüttert von dieser mächtigen Stimme, an die er gewöhnt war, und die er oft genug gehört hatte in den Wüsten, die sich zwischen dem Toten Meer und dem Berge, aus dem Moses Wasser schlug, hinziehen; er bereitete sich zur Verteidigung wie zum Angriff vor, indem er sich hinter den Baum stellte, der dem, an welchen Akte gefesselt war, zunächst stand, und legte seinen spitzigsten Pfeil auf den Bogen. Währenddessen schritt sein edler und mächtiger Feind langsam und voll Vertrauen vorwärts; er wußte nicht, was man von ihm erwarte, runzelte die Falten seiner breiten Stirn und schlug den Sand mit seinem Schweif. Nun schleuderten die Festordner stumpfe Pfeile mit bunten Wimpeln nach ihm, um ihn aufzureizen, aber ernst und ruhig schritt er vorwärts, ohne sich im geringsten um diese Neckereien zu bekümmern, bis plötzlich unter den harmlosen Stäbchen ein spitzer Pfeil wie ein Blitz die Luft durchschnitt und tief in seine Schulter drang. Jetzt blieb er stehen, mehr aus Überraschung als aus Schmerz, wie wenn er nicht begreife, daß ein Wesen so kühn sein könne, ihn anzugreifen; er zweifelte noch an seiner Wunde, aber bald wurden seine Augen blutunterlaufen, sein Rachen öffnete sich, ein langes ernstes Brüllen, das dem Rollen des Donners glich, drang wie aus einer Höhle aus der Tiefe seiner Brust hervor. Er erfaßte den Pfeil und zermalmte ihn zwischen seinen Zähnen, dann warf er einen Blick um sich, vor dem die Zuschauer entsetzt zurückwichen, obwohl sie durch ein Gitter geschützt waren; er suchte ein Opfer an dem er seinen königlichen Zorn auslassen konnte.
Da entdeckte er den Renner, der zitterte, wie wenn er eben aus eiskaltem Wasser käme, obwohl er mit Schweiß und Schaum bedeckt war.
Der Löwe hörte auf zu brüllen, stieß einen kurzen, scharfen, verhaltenen Laut aus und holte zu einem Sprung aus, der ihn bis auf zwanzig Schritt dem ersten Opfer nahebrachte, das er sich ausersehen hatte.
Nun begann eine zweite Flucht, die sich noch wunderbarer als die erste gestaltete, weil jetzt kein Mensch mehr dabei war, der den Instinkt der Tiere irreleitete. Kraft und Schnelligkeit entfalteten sich in ihrer ganzen wilden Energie, und die zweimalhunderttausend Zuschauer vergaßen für einen Augenblick die beiden Christen, um dieser phantastischen Jagd durch das Amphitheater zu folgen, die der Menge um so angenehmer war, als sie sich unerwartet darbot. Ein zweiter Sprung hatte den Löwen dem Pferde noch näher gebracht, welches im Hintergrunde des Zirkus in die Enge getrieben, weder nach rechts noch nach links zu fliehen wagte und über den Kopf seines Feindes hinwegsetzte, der es in ungleichen Sprüngen verfolgte, die Mähne sträubte und von Zeit zu Zeit ein scharfes, heiseres Gebrüll hören ließ, dem das fliehende Roß durch ein ängstliches Wiehern antwortete. Dreimal sah man das flüchtige Kind Numidiens wie einen Schatten, wie eine Erscheinung, wie ein Pferd aus der Unterwelt, das vom Wagen Plutos entkommen war, vorübereilen, und jedesmal war ihm der Löwe nähergekommen, ohne daß er sich bei der Verfolgung anstrengte, bis er, den Kreis immer enger ziehend, parallel mit ihm hinlief. Endlich, als das Pferd einsah, daß es seinem Feinde nicht mehr entrinnen konnte, stieg es kerzengerade an dem Gitter in die Höhe und schlug krampfhaft mit seinen Vorderfüßen in die Luft. Nun kam der Löwe langsam herangeschritten, wie ein Sieger, der seines Triumphes gewiß ist, von Zeit zu Zeit blieb er stehen, um zu brüllen und den Sand der Arena mit seinen Tatzen zu zerstäuben. Der unglückliche Renner war gebannt wie ein Vogel beim Anblick einer Schlange, er stürzte zu Boden und wälzte sich vor Schrecken im Todeskampf. In diesem Augenblick flog ein zweiter Pfeil von Silas' Bogen und drang tief zwischen die Rippen des Löwen ein. Der Reiter kam seinem Renner zu Hilfe und zog den Zorn auf sich, den dieser einen Augenblick von ihm abgewendet hatte.
Der Löwe drehte sich um, denn er fing an zu begreifen, daß er im Zirkus noch einen gefährlicheren Feind habe, als den, welchen er soeben mit seinen Blicken niedergeworfen hatte. Jetzt bemerkte er Silas, der eben einen dritten Pfeil aus seinem Gürtel zog und auf die Sehne seines Bogens legte. Er blieb einen Augenblick still, als er dem Menschen gegenüberstand, diesem anderen König der Schöpfung. Dieser Augenblick genügte dem Syrer, um seinem Feind einen dritten Schmerzensboten zu senden, der seine bewegliche Gesichtshaut durchdrang und tief in seinem Halse stecken blieb. Was darauf folgte, ereignete sich mit der Geschwindigkeit einer Vision. Der Löwe stürzte sich auf den Mann, der ihm seinen Speer entgegenhielt, dann wälzten sich beide auf der Erde, Fetzen von Fleisch flogen umher, und die zunächstsitzenden Zuschauer wurden von einem Blutregen durchnäßt. Akte rief ihrem Helden einen letzten Scheidegruß zu, jetzt hatte sie keinen Beschützer mehr, aber auch keinen Feind, denn der Löwe hatte den Menschen nur um die kurze Spanne Zeit überlebt, die er zu seiner Rache brauchte; sein Todeskampf begann, als der seines Opfers vollendet war, und das Pferd hatte verendet, ohne vom Löwen berührt zu sein.
Die Sklaven kamen wieder und schafften unter dem frenetischen Jubel der Menge die Leichen des Mannes und der Tiere hinaus.
Nun wandten sich wieder alle Augen dem schönen Mädchen zu, das nach dem Tode des Silas ohne Schutz zurückblieb. Solange er lebte, hatte sie die Hoffnung aufrecht erhalten, daß er sie retten werde. Aber als sie ihn fallen sah, begriff sie, daß es nun um sie geschehen sei, und sie versuchte, in unartikulierten Lauten Gebete zu stammeln, für ihn, der tot war, und für sie selbst, die nun sterben mußte. Übrigens brachte ihr das Publikum gegen seine Gewohnheit Sympathie entgegen, sobald man sie an ihren Zügen als Griechin erkannte, während sie zuerst für eine Jüdin gehalten worden war. Frauen und besonders junge Leute fingen an zu murren, und auch noch andere Zuschauer erhoben sich, um Gnade für sie zu begehren, worauf die Rufe: Sitzen! sitzen! von den oberen Reihen ertönten. Ein Gitter hatte sich geöffnet, und eine Tigerin schlich in die Arena.
Kaum war sie aus ihrem Käfig hervorgegangen, so legte sie sich auf den Boden nieder und blickte wild um sich, aber ohne Unruhe und Erstaunen, dann sog sie die Luft ein und kroch wie eine Schlange an den Ort, wo das tote Pferd gelegen hatte, richtete sich an dem Gitter in die Höhe, beschnoberte und beleckte die Eisenstäbe, die es berührt hatte, dann brüllte sie leise und fragte gleichsam das Eisen, den Sand und die Luft nach der abwesenden Beute. Jetzt drang der Geruch von warmem Blut und zuckendem Fleisch zu ihr, denn die Sklaven hatten sich diesmal nicht die Mühe gemacht, den Sand erst umzukehren. Sie ging geradeswegs auf den Baum zu, bei welchem der Kampf des Silas mit dem Löwen stattgefunden hatte, und wandte sich nur nach rechts und links, um einige Fleischstücke aufzunehmen, die das edle Tier, das ihr im Zirkus vorangegangen war, hatte um sich her fliegen lassen; endlich gelangte sie zu einer Blutlache, die der Sand noch nicht aufgesogen hatte, und fing an zu trinken wie ein durstiger Hund; sie brüllte und wurde um so aufgeregter, je mehr sie trank. Als sie damit zu Ende war, schaute sie wieder mit funkelnden Augen um sich; jetzt erst gewahrte sie Akte, die, an den Baum gebunden, mit geschlossenen Augen den Tod erwartete, dem sie nicht entgegenzusehen wagte.
Nun streckte sich die Tigerin wieder und schlich in schräger Richtung auf ihr Opfer zu, ohne es aus den Augen zu verlieren; als sie noch zehn Schritte davon entfernt war, richtete sie sich auf und sog mit vorgerecktem Hals und weit geöffneten Nasenlöchern die Luft ein, die aus jener Richtung kam; dann durchmaß sie mit einem einzigen Sprung den Raum, der sie noch von der jungen Christin trennte, fiel vor ihren Füßen nieder, und während das ganze Amphitheater erwartete, sie in Stücke zerrissen zu sehen, und einen Schmerzensschrei der Teilnahme ausstieß, legte sich die Tigerin sanft und schmeichelnd wie eine Gazelle nieder, ließ kleine Freudenlaute vernehmen und leckte die Füße ihrer früheren Herrin; bei diesen unerwarteten Liebkosungen öffnete Akte erstaunt die Augen und erkannte Phöbe, den Liebling Neros.

Sogleich erschallten die Rufe: Gnade! Gnade! von allen Seiten, denn das Publikum hielt das Wiedererkennen zwischen der Tigerin und dem jungen Mädchen für ein Wunder. Auch hatte ja Akte nun die drei auferlegten Prüfungen überstanden, und da sie unversehrt geblieben, war sie frei. So sehr hatte sich die wechselvolle Stimmung der eben noch so blutlüsternen Zuschauer geändert, daß das Volk der geretteten Christin laut zujubelte. Die jungen Ritter warfen ihre goldenen Ketten herab und die Frauen ihre Blumen. Alle erhoben sich auf den Sitzen und riefen den Sklaven zu, sie sollten das Opfer losbinden. Auf diesen Ruf kam Lybikus, Phöbes schwarzer Wächter, herbei und durchschnitt mit einem Dolche die Fesseln des Mädchens, das sogleich in die Kniee sank, denn diese Stricke waren die einzige Stütze gewesen, die ihren von Schrecken erschütterten Körper aufrecht gehalten hatten. Lybikus hob sie auf und unterstützte sie beim Gehen; er führte sie zu dem Tor, das, wie gesagt, sana vivaria hieß, weil durch dasselbe alle Gladiatoren, Tierkämpfer und Verurteilte den Zirkus verließen, die dem Blutbad entronnen waren. An der Schwelle erwartete sie eine unzählbare Menge, denn Herolde waren inzwischen in den Zirkus hinabgestiegen und hatten ausgerufen, daß die Spiele jetzt zu Ende seien und erst um fünf Uhr abends wieder beginnen würden. Als Akte erschien, brach ein ungeheurer Jubel los, und die Menge wollte sie im Triumph davontragen, aber Akte erhob flehend die verschlungenen Hände; da trat das Volk zur Seite und ließ ihr den Durchgang frei. So erreichte sie den Tempel der Diana, sie setzte sich hinter einer Säule der cella nieder und weinte trostlos, denn sie bedauerte jetzt, nicht gestorben zu sein, da sie sich so allein in der Welt fand, ohne Vater, ohne Geliebten, ohne Beschützer und Freund. Denn ihr Vater war für sie verloren, ihr Geliebter hatte sie vergessen, Paulus und Silas waren als Märtyrer gestorben.
Als es dunkelte, erinnerte sie sich einer Familie, an die sie sich in den Katakomben angeschlossen hatte, und machte sich einsam und schweigend auf den Weg dahin.
Abends um die bestimmte Stunde wurde das Amphitheater wieder geöffnet; der Kaiser nahm Platz auf seinem Throne, der einen Teil des Tages leer geblieben war, und die Spiele begannen von neuem. Als die Schatten der Nacht sich herabzusenken begannen, erinnerte sich Nero des Versprechens, das er dem Volk gegeben hatte, daß er ihm eine Jagd bei Fackelbeleuchtung vorführen wolle. Man band zwölf Christen, die mit Schwefel und Pech überzogen waren, an zwölf Pfähle und zündete sie an. Dann führte man neue Löwen und neue Gladiatoren in den Zirkus.
Des anderen Tages verbreitete sich das Gerücht in der Stadt, daß die Briefe, welche Nero während des Schauspiels erhalten, und die einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatten, die Nachricht von der Empörung der spanischen und gallischen Legionen unter Galbas und Vindex' Führung enthielten.
XVII
Drei Monate nach den Ereignissen, welche wir soeben erzählt haben, verließen fünf Männer am Abend eines regnerischen Tages und beim Anbruch einer stürmischen Nacht das Nomentanische Tor und ritten auf der Straße nach Nomentum weiter. Derjenige, welcher an der Spitze ritt und den man folglich für den Führer der Truppe halten konnte, hatte bloße Füße, er trug eine blaue Tunika und einen großen, dunkelfarbigen Mantel darüber; sein Gesicht war dicht mit einem Schleier verhüllt, entweder um es vor dem Regen zu schützen oder um es den Blicken der Neugierigen zu entziehen, denn obwohl die Nacht fürchterlich war, die Blitze fortwährend die Dunkelheit durchzuckten und der Donner unaufhörlich grollte, waren die Erdbewohner doch so sehr mit ihren eigenen Revolutionen beschäftigt, daß sie die des Himmels darüber vergaßen. In der Tat erhob sich ein großes Volksgeschrei in der kaiserlichen Stadt, das dem Tosen des stürmischen Ozeans glich, und auf der Straße begegnete man alle hundert Schritt weit einzelnen Wanderern oder kleinen Gruppen wie die, welche wir beschrieben haben. Zu beiden Seiten der Straßen von Alaria und Nomentum erhoben sich zahlreiche Zelte der Prätorianer, welche ihre innerhalb Roms gelegenen Kasernen verlassen und außerhalb der Stadtmauern ein freieres und nicht so leicht zu überraschendes Lager aufgeschlagen hatten.
Es war, wie gesagt, eine jener schrecklichen Nächte, wo alle Dinge in der Natur eine klagende oder schreckende Stimme annehmen, und der Mensch allein seine Stimme braucht, um zu lästern. Bei dem plötzlichen Anblick des erwähnten Reiterführers hätte man übrigens glauben können, er sei das Ziel, das der Zorn der Menschen und der Götter verfolgte. In dem Augenblick, wo er Rom verließ, ging ein seltsames Wehen durch die Luft, so daß die Bäume darunter zitterten, die Erde erbebte, die Pferde sich wiehernd niederbeugten und die in der Landschaft zerstreuten Häuser sichtbar auf ihren Grundflächen schwankten. Diese Erschütterung hatte nur wenige Sekunden gedauert, aber sie hatte den ganzen Apennin von Rhegium bis zu den Alpen durchlaufen, so daß ganz Italien gebebt hatte. Als die Reiter gleich nachher die Brücke überschritten, die über die Tiber geschlagen war, machte einer seiner Gefährten darauf aufmerksam, daß das Wasser, statt abwärts zum Meere zu fließen, schäumend zur Quelle zurückdrängte, eine Erscheinung, die man seit dem Tage, wo Julius Cäsar ermordet worden war, nicht mehr beobachtet hatte. Endlich erreichten sie einen Hügel, von wo aus sie ganz Rom überblicken konnten und auf dessen Spitze sich eine ehrwürdige Cypresse erhob, die so alt war wie die Stadt. Da schien sich der Himmel zu öffnen, der Blitz hüllte die Reiter in eine Schwefelwolke ein, ein furchtbarer Donnerschlag erkrachte, und der Jahrhunderte alte Baum, der allen Stürmen und Revolutionen bisher getrotzt hatte, war zerschmettert.
Bei jedem dieser unheilvollen Vorzeichen hatte der verschleierte Mann ein dumpfes Stöhnen ausgestoßen und sein Pferd, trotz der Vorstellungen eines seiner Begleiter, zu einer lebhafteren Gangart aufgemuntert, so daß die Reiter im Trab auf der Landstraße hinritten. Ungefähr eine halbe Meile von der Stadt entfernt begegnete ihnen ein Trupp Bauern, die trotz des fürchterlichen Wetters fröhlich nach Rom zogen. Sie waren mit Festkleidern geschmückt und trugen auf dem Kopfe die Mütze der Freigelassenen zum Zeichen, daß von diesem Tage an das Volk frei sei. Der verschleierte Mann wollte das Pflaster verlassen und abseits in das Feld reiten, aber einer seiner Begleiter ergriff sein Pferd am Zügel und zwang ihn, seinen Weg fortzusetzen. Als sie bei den Bauern vorüberkamen, erhob einer seinen Stock, um anzuzeigen, daß sie halten sollten. Die Reiter gehorchten.
Ihr kommt aus Rom? sagte der Bauer.
Ja, antwortete der Gefährte des verschleierten Mannes.
Was sagt man von Oenobarbus? Neros Spitzname Oenobarbus bedeutet Weinbart, das Wort ist verderbt aus Aënobarbus.
Der verschleierte Mann zitterte.
Daß er sich gerettet habe, antwortete einer der Reiter.
Nach welcher Seite?
Auf dem Wege nach Neapel sei er gesehen worden, sagt man, auf der Appischen Straße.
Danke, sagten die Bauern und zogen weiter nach Rom mit dem Ruf: Es lebe Galba! Tod dem Nero!
Diese Rufe erweckten andere; in der Ebene und in den Lagern zu beiden Seiten der Straße ließen sich die Stimmen der Prätorianer vernehmen, die den Cäsar mit furchtbaren Verwünschungen überschütteten.
Die Reiter setzten ihren Weg fort; eine Viertelmeile weiter begegneten sie einem Haufen Soldaten.
Wer seid ihr? fragte einer derselben, indem er ihnen den Weg mit seiner Lanze versperrte.
Anhänger des Galba, die Nero suchen, antwortete einer der Reiter.
Dann wünsche ich euch mehr Glück als wir hatten, sagte der Anführer, denn wir haben ihn verfehlt.

Wieso das?
Ja, man hatte uns gesagt, daß wir ihn auf dieser Straße treffen würden, und da wir einen Reiter im Galopp dahersprengen sahen, glaubten wir, er sei es.
Und? … sagte der verschleierte Mann mit zitternder Stimme.
Wir haben ihn getötet; antwortete der Anführer; erst als wir den Leichnam betrachteten, merkten wir, daß wir uns getäuscht hatten. Seid glücklicher als wir, und Jupiter beschütze euch!
Der verschleierte Mann wollte wiederum sein Pferd in Galopp setzen, aber seine Gefährten hielten ihn zurück. Er ritt daher in mäßigem Tempo auf der Straße weiter, aber kaum hatte er fünfhundert Schritte zurückgelegt, so stieß sein Pferd an einen Leichnam und machte einen so heftigen Seitensprung, daß der Schleier, der sein Gesicht verhüllte, herabfiel. In diesem Augenblick ging ein prätorianischer Soldat vorüber, der aus dem Urlaub zurückkehrte. Heil dem Cäsar! sagte der Soldat. Er hatte Nero beim Aufleuchten eines Blitzstrahls erkannt. In der Tat war es Nero selbst, der an den Leichnam dessen gestoßen war, den man für ihn gehalten hatte. Um diese Stunde war alles für ihn eine Ursache des Schreckens, sogar das Zeichen der Ehrerbietung, das ihm ein alter Soldat entbot. Nero war vom Gipfel seiner Macht herabgestürzt durch eine jener unerhörten Wendungen, von denen die Geschichte jener Zeit mehrere Beispiele aufweist; er fand sich flüchtig und geächtet auf der Landstraße und floh vor dem Tod, den er weder sich selbst zu geben noch zu erwarten den Mut hatte. Welche Folge von Ereignissen hatte es aber vermocht, den Herrn der Welt in das Elend zu stürzen?
Als der Kaiser den Zirkus betrat, war er von den Rufen begrüßt worden: Es lebe Nero, der Olympische! Es lebe Nero, der Herkulische! Es lebe Nero, der Apollinische! Es lebe der erlauchte Sieger über alle seine Nebenbuhler! Ruhm seiner göttlichen Stimme! Glücklich sind alle, denen vergönnt war, ihre himmlischen Laute zu hören! Zur selben Zeit sprengte ein Bote aus Gallien auf schweißbedecktem Roß durch das Flaminische Tor, ritt über das Marsfeld, unter dem Triumphbogen des Claudius durch, am Kapitol entlang, trat in den Zirkus und übergab dem Hüter vor der Loge des Kaisers die Briefe, die er in großer Eile so weit hergebracht hatte. Es waren jene Briefe, die den Cäsar veranlaßten, den Zirkus zu verlassen; sie waren in der Tat von solcher Bedeutung, daß sie das plötzliche Verschwinden des Kaisers leicht erklärten. Sie kündigten den Aufstand der Gallier an.
Es gibt Epochen in der Weltgeschichte, wo man ein Reich, das im Todesschlaf zu liegen schien, plötzlich erbeben sieht, wie wenn der Genius der Freiheit zum erstenmal vom Himmel herniederstiege, um seine Träume zu erhellen. Wie groß und weit auch dieses Reich sein mag, die elektrische Erschütterung durchdringt es von Norden nach Süden und von Osten nach Westen und durchläuft unerhörte Entfernungen, um in Völkern, die gar keine Verbindung untereinander haben, aber alle in demselben Knechtschaftsverhältnis stehen, dasselbe Verlangen nach Freiheit zu entzünden. Dann hört man dieselben Rufe auf zwanzig verschiedenen Seiten zugleich erschallen, wie wenn der Blitz ihnen die Losung zum Sturm zugetragen hätte.
Alle verlangen in verschiedenen Sprachen dasselbe, nämlich: daß das, was ist, nicht mehr sein soll. Ob die Zukunft besser sein wird als die Gegenwart? Das weiß niemand, und es hat auch nicht viel zu bedeuten, denn die Gegenwart drückt so schwer, daß man sich vor allen Dingen davon befreien muß, dann läßt sich erst über die Zukunft verhandeln.
Für das römische Reich in seinem ganzen ungeheuren Umfange war dieser Zeitpunkt angebrochen. In Norddeutschland bildeten Fonteius Capiton, in Gallien Vindex, in Spanien Galba, in Lusitanien Otho, in Afrika Claudius Macer und in Syrien Vespasian mit ihren Legionen einen drohenden Halbkreis, der nur auf ein Zeichen wartete, um die Hauptstadt einzuschließen. Nur Virginius allein in Oberdeutschland war entschlossen, was auch kommen möge, nicht Nero, aber dem Vaterlande treu zu bleiben. Es fehlte also nur der zündende Funke, um den Brand anzustecken, und Vindex war es, der diesen Brand entfachte.
Dieser Prätor aquitanischer Abkunft stammte aus königlichem Geschlecht, er war ein Mann von Geist und Gemüt und erkannte, daß die Stunde gekommen sei, wo die herrschende Cäsarenfamilie erlöschen müsse. Ohne ehrgeizige Wünsche für sich selbst zu hegen, blickte er um sich nach dem rechten Manne, der die allgemeine Sympathie finden könnte. Zu seiner Rechten auf der anderen Seite der Pyrenäen stand Sulpicius Galba, den seine Siege in Afrika und Germanien bei dem Volke und dem Heere zugleich beliebt gemacht hatten. Sulpicius Galba haßte den Kaiser, dessen Furcht ihn aus seiner Villa in Fondi herausgerissen und ihn nach Spanien gesandt hatte, mehr wegen seiner Verbannung von Rom als wegen der Würde des Prätors. Sulpicius Galba war seit lange von der Volksstimme wie durch göttliche Orakel zum Alleinherrscher vorherbestimmt. Er war in jeder Hinsicht der geeignete Mann, um an die Spitze der Empörung zu treten. Vindex sandte ihm geheime Briefe, in denen er ihm den ganzen Plan des Unternehmens enthüllte; er versprach, ihm zur Unterstützung hunderttausend Gallier zu senden, und bat ihn, wenn er nicht zu dem Sturze Neros beitragen wolle, wenigstens die höchste Würde nicht zurückzuweisen, die er nicht gesucht, sondern die sich ihm von selbst dargeboten habe.
Was Galba betrifft, so verleugnete sich sein düsterer und unentschlossener Charakter nicht bei dieser Gelegenheit. Er empfing die Briefe und verbrannte sie, um auch die letzte Spur davon zu zerstören, aber ihren Inhalt behielt er sorgfältig im Gedächtnis.
Vindex fühlte, daß Galba gedrängt sein wollte; er hatte die Verbindung nicht angenommen, aber er hatte den, der sie ihm anbot, auch nicht verraten; durch dieses Stillschweigen bekundete er sein Einverständnis.
Der Augenblick war günstig. Zweimal im Jahre vereinigten sich die Gallier auf einer Nationalversammlung, die in Clermont stattfand. Hier enthüllte Vindex seine Pläne.
Mitten im Luxus und in der Verderbnis der römischen Kultur war Vindex der echte Gallier der alten Zeit geblieben. Er einte in sich die kühle und feste Entschlossenheit des Nordländers mit der kühnen, hinreißenden Beredsamkeit des Südens.
Ihr beratet hier über die Angelegenheiten Galliens, sagte er, ihr sucht die Ursache unseres Unglücks in eurer Mitte; ihr irrt, diese Ursache liegt in Rom, Oenobarbus ist der Schuldige, der eines um das andere von unsern alten Rechten vernichtet, unsere blühendsten Provinzen ins Elend gestürzt und Trauer in unsere edelsten Familien gebracht hat. Er ist jetzt der letzte seines Geschlechts, und eben weil er der letzte Sproß der Cäsarenfamilie ist, fürchtet er weder Rivalen noch Rächer und läßt seiner Wut die Zügel schießen wie seinen Rennern. Er läßt sich von seinen Leidenschaften fortreißen und zermalmt das Haupt Roms und die Glieder seiner Provinzen unter den Rädern seines Wagens. Ich habe den kaiserlichen, gekrönten Athleten und Sänger gesehen; ja, ich hab' ihn gesehen, wie er betrunken und selbst der Ehre eines Fechters und Komödianten unwürdig war. Warum wollen wir ihn mit dem Titel des Cäsars, des Fürsten, des Erlauchten schmücken? Diese Titel hatte der göttliche Augustus durch seine Tugend, der göttliche Tiberius durch seinen Geist, der göttliche Claudius durch seine Wohltaten verdient. Aber dieser schändliche Oenobarbus gleicht dem Oedipus, dem Orestes; nach diesen müßte man ihn nennen, weil er sich die Namen des Ruchlosen, des Muttermörders zur Ehre anrechnet. Früher haben unsere Vorfahren Rom im Sturm erobert, einzig von dem Wunsche nach Veränderung und der Sucht nach Gewinn geleitet. Jetzt ist es ein edlerer und würdigerer Beweggrund, der uns auf die Spur unserer Vorfahren zurückführt. Statt dem Schwerte des alten Brennus werfen wir jetzt die Freiheit der Völker in die Wagschale und bringen den Besiegten nicht Unheil, sondern Glückseligkeit!
Vindex war tapfer, und man wußte, daß die Worte, die aus seinem Munde gingen, keine eitlen Worte waren. Seine Rede wurde mit lebhaftem Beifall und geräuschvollen Kundgebungen ausgenommen. Jeder gallische Hauptmann zog sein Schwert und schwur darauf, daß er in einem Monat zurückkehren werde mit einem seinem Range und Vermögen angemessenen Gefolge und zog sich hierauf in seine Stadt zurück. Jetzt war die Maske vom Gesicht gerissen und das Schwert entblößt. Vindex schrieb zum zweitenmale an Galba.
Seit Galba in Spanien angekommen war, hatte er alles getan, sich bei der Bevölkerung beliebt zu machen. Nie gab er sich zu den Gewalttätigkeiten her, wie sie die Prätoren gewöhnlich ausübten; wenn er Erpressungen nicht verhindern konnte, beklagte er deren Opfer. Niemals sagte er etwas Schlimmes über Nero, aber er ließ satyrische Verse und beleidigende Epigramme gegen den Kaiser frei umgehen. Seine Umgebung erriet daraus seine Pläne, ohne daß er sie jemanden anvertraut hätte. An dem Tage, wo er Vindex' Botschaft empfing, gab er seinen Freunden ein großes Festmahl, und nachdem er sie von dem Aufstand der Gallier benachrichtigt hatte, teilte er ihnen am Abend die Eilbotschaft des Galliers mit, ohne etwas hinzuzufügen; so stellte er es ihnen durch sein Schweigen frei, selbständig ihre Billigung oder Mißbilligung auszudrücken. Seine Freunde blieben stumm und unentschlossen, als sie das Blatt lasen; nur einer von ihnen, namens Benius, trat bestimmter auf als die andern. Er wandte sich zu Galba, blickte ihm ins Angesicht und sagte:
Galba, wozu sollen wir noch beraten, ob wir Nero treu bleiben wollen, das ist schon so gut, als wären wir von ihm abgefallen. Entweder mußt du Vindex' Freundschaft annehmen, wie wenn Nero schon unser Feind wäre, oder du mußt ihn auf der Stelle verklagen, oder ihm den Krieg erklären, und warum? Weil er will, daß die Römer lieber dich zum Kaiser als Nero zum Tyrannen haben sollen.
Wenn es euch recht ist, wollen wir uns am fünften des nächsten Monats in Neu-Karthago wieder versammeln, um einige Sklaven in Freiheit zu setzen, antwortete Galba, als ob er die Frage nicht gehört hätte.
Die Freunde Galbas erklärten sich bereit zu kommen und verbreiteten das Gerücht, daß bei dieser Zusammenkunft über die Geschicke des Kaiserreichs entschieden werden solle.
An dem bestimmten Tage strömten alle hervorragenden Einheimischen und die eben in Spanien weilenden angesehenen Fremden an dem genannten Orte zusammen. Jeder kam in derselben Absicht, von demselben Wunsche beseelt und vom selben Haß durchglüht. Galba bestieg die Rednertribüne, und von einmütiger Begeisterung ergriffen, riefen ihn sogleich alle zum Kaiser aus.
XVIII
Das war der Inhalt der Briefe, welche Nero erhalten hatte; zugleich teilte man ihm mit, Vindex' Aufruf sei unter das Volk verteilt worden und bereits in einigen Exemplaren nach Rom gekommen. Daß man ihn darin Frevler, Muttermörder, Tyrann nannte, erzürnte und beleidigte ihn weniger als der Spitzname Oenobarbus und die Bemerkung, er sei ein schlechter Sänger. Das waren Beleidigungen, für welche der Senat Rache nehmen mußte, er schrieb daher sogleich an den Senat. Um den Vorwurf der Ungeschicklichkeit in seiner Kunst zu vergelten, ließ er demjenigen eine Million Sesterzien versprechen, der Vindex töten würde; darauf fiel er wieder in seine Sorglosigkeit und Apathie zurück.
Inzwischen machte der Aufstand in Spanien und Gallien Fortschritte; Galba hatte sich eine Reitergarde geschaffen und eine Art Senat eingerichtet. Als Vindex vernahm, daß ein Preis auf seinen Kopf gesetzt sei, antwortete er, er wolle gerne seinen Kopf hergeben, wenn man ihm den Neros dafür bringe.
Unter allen Heerführern, Präfekten und Prätoren, die dem neuen Cäsar zufielen, war Virginius allein treu geblieben, nicht, wie schon erwähnt, aus Liebe zu Nero, sondern weil er in Vindex einen Fremden sah und Galba als einen schwachen, unentschlossenen Charakter kannte. Er fürchtete, daß Rom, so unglücklich es schon war, unter dem Wechsel noch mehr zu leiden haben würde. Er stellte sich daher mit seinen Legionen den Galliern entgegen, um das Reich vor der Schande zu retten, einem seiner früheren Feldherrn gehorchen zu müssen.
Die gallischen Hauptleute hatten ihren Schwur gehalten; an der Spitze von Heerhaufen aus den drei edelsten und mächtigsten Völkerschaften Galliens, den Sequanern, Äduern und Arvernern schlossen sie sich an Vindex an. Virginius dagegen hatte die germanischen Legionen um sich versammelt, die belgischen Hilfstruppen und die batavische Reiterei. Diese beiden Heere rückten gegeneinander vor, bis Vindex vor Besançon stand, das zur Zeit dem Galba als Aufenthalt diente. Aber kaum waren die Vorbereitungen zur Belagerung getroffen, so war Vindex' Heer zur Stelle.
Die Gallier zogen den Römern entgegen, die sie erwarteten; als sie noch drei Wurflängen entfernt waren, hielten sie an und stellten sich in Schlachtordnung auf. In diesem Augenblick trat in Vindex' Auftrag ein Herold vor und ging dem Virginius entgegen. Eine Viertelstunde später rückten die Garden der beiden Heerführer zwischen den beiden Heeren vor, in der Mitte wurde ein Zelt errichtet, und Virginius und Vindex begaben sich in dieses Zelt.
Niemand war bei ihrer Unterredung zugegen, doch geht die Meinung der Geschichtsforscher dahin, Vindex habe Virginius seine Politik entwickelt, ihm erklärt, daß er nicht für sich selbst handle, sondern für Galba, und ihn überzeugt, daß diese Erhebung dem Vaterland zum Wohle gereiche. Jedenfalls verständigte sich hierauf Vindex mit dem, den er erst bekämpfen wollte. Die beiden Heerführer trennten sich, um sich bald darauf wieder zu vereinigen und an der Spitze ihrer Heere gemeinschaftlich gegen Rom vorzugehen; da erscholl auf einmal großes Geschrei auf dem rechten Flügel der Armee. Eine Abteilung von hundert Mann hatte Besançon verlassen, um sich den Galliern anzuschließen. Diese führten eine Schwenkung aus, um sie einzuholen; da glaubten sich die Soldaten des Virginius angegriffen, und dem ersten Antrieb folgend, stellten sie sich ihnen entgegen. Das war die Ursache des Geschreis, das die beiden Heerführer vernahmen. Sogleich sprengte jeder zu seinem Heer zurück und beschwor die Soldaten einzuhalten, aber ihre Bitten wurden von den Schlachtrufen der Gallier, die ihre Schilde an den Mund legten, übertönt. Man hielt ihre Handbewegungen für Zeichen der Ermutigung, ein unbegreiflicher Taumel, wie er zuweilen Armeen und Menschen erfaßt, ergriff die ungeheure Menge. Man sah das grauenvolle Schauspiel sich entwickeln, wie Soldaten ohne Oberbefehl und ohne Schlachtordnung aufeinander losstürzten und sich überfielen wie Löwen und Tiger im Zirkus, einzig von dem Instinkt der Vernichtung getrieben, und von dem alten Haß entflammt, den die unterjochten Völker gegen ihre Überwinder und die Eroberer gegen die Unterworfenen hegen. Nach zwei Stunden hatten die Gallier in diesem Kampf zwanzigtausend Mann und die germanischen und batavischen Legionen sechzehntausend Mann verloren. Endlich zogen sich die Gallier im Schutze der Dunkelheit zurück. Auf dem Platze, wo die germanischen Soldaten sie des andern Morgens wiederzufinden hofften, stand nur noch ein Zelt, und darin fand man den Leichnam des Vindex, der sich aus Verzweiflung darüber, daß er seine schönsten Hoffnungen auf Freiheit vereitelt sehen mußte, in sein Schwert gestürzt hatte.
Zur selben Zeit waren auch die Ereignisse in Spanien für den neuen Kaiser ebenso ungünstig. Eine Reiterabteilung, die sich empört hatte, bereute, ihren Treueschwur gebrochen zu haben; sie wollte Galba verlassen und war nur mit großer Mühe zur Rückkehr unter seinen Oberbefehl zu bewegen. Am selben Tage, an dem sich Vindex in sein Schwert stürzte, wäre Galba auf dem Wege zum Bade in einer engen Straße beinahe ermordet worden von Sklaven, die ihm ein früherer Freigelassener des Nero übergeben hatte. Er war noch ganz erschüttert von der doppelten Gefahr, der er kaum entronnen, als er die Niederlage der Gallier und den Tod des Vindex vernahm. Jetzt glaubte Galba alles verloren, und anstatt kühn dem Geschick zu vertrauen, zog er sich in die feste Stadt Clunia zurück, deren Befestigungswerke er noch verstärkte. Aber gleich darauf gaben ihm untrüglich scheinende, glückliche Vorzeichen den verlorenen Mut zurück. Als man die neue Verschanzung um die Stadt zu führen begann, fand ein Soldat beim ersten Spatenstich einen Ring von kostbarer, antiker Arbeit, auf dessen Stein eine Siegesgöttin und eine Trophäe graviert waren. Dieses erste Unterpfand des Schicksals verlieh ihm wieder einen ruhigeren Schlummer, als er lange gehabt hatte, und während dieses Schlummers sah er im Traume die kleine Statue der Fortuna, welcher er auf seiner Villa in Fondi einen besonderen Kultus geweiht und der er monatlich ein Opfer und jährlich eine Nachtwache gewidmet hatte. Sie schien seine Türe zu öffnen und sagte, sie sei es müde, an seiner Schwelle zu warten, und werde einem anderen folgen, wenn er sich nicht beeile, sie einzulassen. Noch ganz ergriffen von diesen beiden günstigen Vorzeichen, erhob er sich; da verkündigte man ihm, daß bei Dertosa, einer am Ebro gelegenen Stadt, ein mit Waffen beladenes Schiff gelandet sei, ohne Passagiere, Matrosen und Steuermann; von jetzt ab betrachtete er seine Sache als gerecht und gewonnen, denn es war offenbar, daß sie den Göttern wohlgefiel.
Was Nero betrifft, so hatte er den üblen Nachrichten im ganzen wenig Wert beigelegt, sich sogar darüber gefreut, denn er fand unter dem Vorwand des Kriegsrechts ein Mittel neue Steuern zu erheben. Er hatte sich damit begnügt, dem Senat den Aufruf des Vindex zu übersenden, indem er Genugtuung verlangte diesem Menschen gegenüber, der ihn einen schlechten Kytharaspieler genannt habe. Dann hatte er auf den Abend die hervorragendsten Bürger zu sich berufen. Diese beeilten sich sehr, die Versammlung zu besuchen, weil sie glaubten, daß über die neuesten Ereignisse beraten werden solle; aber Nero begnügte sich damit, jedem einzeln hydraulische Musikinstrumente von neuer Erfindung vorzuzeigen und über deren Gebrauch und Vorzug ausführlich zu reden. Alles, was er über den Aufstand in Gallien sagte, war die Bemerkung, daß er alle diese Instrumente ins Theater bringen lassen werde, wenn Vindex ihn nicht daran verhindere.
Als am nächsten Morgen neue Briefe einliefen, die mitteilten, daß die Anzahl der Aufständischen in Gallien sich bereits auf hunderttausend belaufe, dachte Nero, daß es Zeit sei, Kriegsvorbereitungen zu treffen. Er gab die seltsamsten und unsinnigsten Befehle. Er ließ Wagen vor das Theater und den Palast fahren und mit Musikinstrumenten statt mit Waffen beladen und berief die städtischen Mannschaften ein, um den Militäreid zu leisten. Da er jedoch sah, daß die waffenfähigen Männer nicht erschienen, verlangte er von den Herren als Ersatz eine gewisse Anzahl Sklaven; er ging selbst in die Häuser, um die kräftigsten und stärksten auszuwählen, und nahm selbst die Wirtschaftsführer und die Schreiber. Dann versammelte er vierhundert Kurtisanen, ließ ihnen die Haare abschneiden, bewaffnete sie mit der Axt und dem Schild der Amazonen und bestimmte sie zur cäsarischen Leibwache. Auf die Schultern des Sporus und des Phaon gestützt, verließ er nach der Mahlzeit das Speisezimmer, und als ihn einige warnten, sagte er ihnen, sie möchten sich nur beruhigen, denn sobald er nur den Boden der Provinz berührt und sich den Galliern ohne Waffen gezeigt haben werde, würde er nur noch nötig haben, ein paar Tränen zu vergießen, dann würden die Verführer sogleich bereuen, und am anderen Tag würde man ihn fröhlich mit den Fröhlichen eine Siegeshymne anstimmen hören, die er sogleich komponieren wolle.
Einige Tage darauf traf wieder ein Bote aus Gallien ein; dieser wenigstens brachte die günstigen Nachrichten von dem Zusammentreffen der römischen Legionen mit den Galliern, von der Niederlage der Rebellen und dem Tode des Vindex, Da erhob Nero ein großes Freudengeschrei und rannte wie ein Narr in den Gemächern und Gärten des goldenen Hauses umher, ordnete Feste und Vergnügungen an, verkündigte, daß er am Abend im Theater singen werde, und ließ die vornehmsten Bürger der Stadt für den folgenden Tag zum Abendessen einladen.
Am Abend begab sich Nero wirklich ins Gymnasium, aber eine dumpfe Gärung herrschte in der Stadt. Als er vor einer seiner Bildsäulen vorüberging, sah er, daß sie mit einem Sack bedeckt war. Die Vatermörder schloß man nach altem Brauch in einen Sack und warf sie in die Tiber mit einem Affen, einer Katze und einer Schlange.
Die Vorstellung wurde mit einem Volksschauspiel eröffnet, das der Schauspieler Eatus aufführte.
Die Rolle begann mit den Worten: Heil meinem Vater! Heil meiner Mutter! In dem Augenblicke, wo er diese Worte aussprach, wandte er sich gegen Nero und führte die Bewegung des Trinkens aus, als er sagte: Heil meinem Vater! und die Bewegung des Schwimmens bei den Worten: Heil meiner Mutter! Dieser Ausfall wurde mit einstimmigem Beifall ausgenommen, denn jedermann erkannte die Anspielung auf den Tod des Claudius und der Agrippina. Nero fing dabei an zu lachen und zu applaudieren wie die andern, sei es, daß er für jede Art Scham unempfindlich war, sei es, daß er fürchtete, das Publikum noch mehr gegen sich aufzubringen und seinen Spott herauszufordern, wenn er sich erzürnt zeige.
Als die Reihe an ihn kam, verließ er seine Loge und stieg hinab in das Theater.
Obwohl er nach seiner Gewohnheit bescheiden vortrat, um eine ehrerbietige Ansprache an die Zuschauer zu richten, er werde sein möglichstes tun, daß aber jeder Erfolg von der Gunst des Zufalls abhänge, rührte sich keine Hand, und kein Beifallsruf ließ sich hören. Dennoch fing er an zu singen, aber eingeschüchtert und zitternd. Seine ganze Rolle wurde im tiefsten Stillschweigen angehört, nicht ein einziges Zeichen der Aufmunterung folgte.
Als er an die Stelle kam:
Meine Frau, meine Mutter und mein Vater verlangen meinen Tod! erschallten zum ersten Mal Beifallsrufe und lebhaftes Geschrei. Diesesmal konnte er sich nicht mehr darüber täuschen, was das zu bedeuten habe. Nero verstand den wahren Sinn dieser Kundgebung und beeilte sich, das Theater zu verlassen; aber als er die Treppe hinabging, verwickelte er sich mit den Füßen in sein langes Gewand, er stürzte und verwundete sich im Gesicht; bewußtlos hob man ihn unten auf.
In seinem Hause auf dem Palatin kam er wieder zu sich; er schloß sich in sein Zimmer ein, denn er war außer sich vor Schreck und Zorn. Jetzt zog er seine Schreibtäfelchen hervor und entwarf seltsame Pläne darauf, die nur der Unterschrift entbehrten, um furchtbare Todesbefehle zu werden. Seine Absichten gingen dahin, Gallien der Plünderung durch die Armeen preiszugeben, den ganzen Senat bei einem Festmahl zu vergiften, die Stadt zu verbrennen und zu gleicher Zeit die wilden Tiere loszulassen, damit das undankbare Volk, das ihm nur applaudiert hatte, um ihm seinen Tod anzukündigen, sich nicht gegen die Verheerungen des Feuers wehren könne. Dann warf er sich auf sein Bett, beruhigt durch die Überzeugung, daß er noch die Macht besitze, so viel Übles zu tun. Endlich verfiel er in einen unruhigen Schlummer, aber entsetzliche Traumgestalten quälten ihn unaufhörlich, so daß er bald zitternd mit schweißbedeckter Stirn und gesträubtem Haar erwachte. Da rief er und befahl, daß man Sporus zu ihm führe, und der junge Mann blieb die übrigen Stunden der Nacht in seinem Zimmer.
Beim Anbruch des Tages verschwand das Übermaß der nächtlichen Schrecken, aber es blieb eine unbestimmte Furcht zurück, so daß er jeden Augenblick erzitterte. Er ließ den Boten vor sich kommen, der die Nachricht vom Tode des Vindex gebracht hatte. Es war ein batavischer Reiter, der mit Virginius aus Germanien gekommen war und die Schlacht mitgemacht hatte. Nero ließ ihn mehrmals alle Einzelheiten des Kampfes wiederholen, besonders diejenigen, die den Tod des Vindex betrafen; endlich wurde er ruhig, als der Soldat ihm bei Jupiter schwur, daß er den Leichnam von Stichen durchbohrt und zur Bestattung bereitet mit eigenen Augen gesehen habe. Darauf ließ ihm Nero eine Summe von hunderttausend Sesterzien auszahlen und machte ihm seinen eigenen Ring zum Geschenk.
Inzwischen war die Stunde des Festmahls herbeigekommen; die kaiserlichen Gäste versammelten sich auf dem Palatin. Vor der Mahlzeit ließ sie Nero wie gewöhnlich das Bad besuchen; beim Verlassen desselben boten ihnen Sklaven weiße Togen und Blumenkränze an. Nero erwartete sie im Triklinium, er war weiß gekleidet wie sie und trug einen Blumenkranz; unter den Klängen einer entzückenden Musik ließen sich alle auf den schwellenden Polstern nieder.
Diese Mahlzeit war nicht nur mit dem raffinierten Geschmack, sondern auch mit allem Luxus eines römischen Festmahls ausgestattet. Jeder Gast hatte einen Sklaven zu seinen Füßen, der seinen leisesten Wünschen zuvorzukommen suchte; ein Schmarotzer saß an einem besonderen Tisch, der ihm ganz als Opfer überlassen wurde, während im Hintergrund auf einer Bühne gaditanische Tänzerinnen erschienen, die sich mit solcher Anmut und Leichtigkeit bewegten, als ob sie die holden Frühlingsgöttinnen wären, die im Monat Mai Flora und Zephyr beim Einzug in ihr Reich umschweben.
Als die Mahlzeit vorrückte und die Gäste sich erwärmten, veränderte sich der Charakter der Schaustellungen; das Üppige wurde unzüchtig. Auf die Tänzerinnen folgten Seiltänzerinnen, und dann begannen jene unerhörten Spiele, die erfunden sein sollen, um die erschlafften Sinne des alten Tiberius aufzureizen. Zu gleicher Zeit ergriff Nero eine Kythara und sang Verse dazu, in denen Vindex lächerlich gemacht war; er begleitete seinen Gesang mit derbkomischen Bewegungen. Die Gesten und der Gesang wurde eben von den Gästen frenetisch bejubelt, als ein neuer Bote ankam, der Briefe aus Spanien brachte. Diese Briefe meldeten zu gleicher Zeit die Empörung Spaniens und die Ausrufung Galbas zum Kaiser.
Nero überlas die Briefe mehrmals und wurde immer blässer; dann ergriff er zwei besonders kostbare Vasen und zerschlug sie, wie wenn sie aus gemeinem Stoff gewesen wären, hierauf sank er nieder, zerriß seine Kleider, stieß mit dem Kopf heftig gegen die Ruhebetten und rief, er leide unerhörte und unsagbare Schmerzen, weil er das Reich zu seinen Lebzeiten verliere. Auf sein Geschrei trat seine alte Amme herein, nahm ihn wie ein Kind in ihre Arme und versuchte ihn zu trösten; aber wie bei einem Kinde vermehrte sich nur sein Schmerz, während sie ihm Trost zusprach; doch bald machte er dem Zorne Platz. Er ließ sich ein Rohr und Papyrus bringen und schrieb dem Hauptmann der Prätorianer. Als der Befehl unterzeichnet war, vermißte er seinen Siegelring, den er am Morgen dem batavischen Reiter geschenkt hatte. Er verlangte das Siegel des Sporus, der ihm seinen Ring übergab. Ohne ihn anzusehen, drückte er ihn in das Wachs, aber als er ihn erhob, bemerkte er, daß darauf die Fahrt der Proserpina in die Unterwelt dargestellt war. Dieses letzte Vorzeichen in einem solchen Augenblick erschien ihm das schrecklichste von allen; mochte er nun meinen, Sporus habe ihm diesen Ring absichtlich gereicht, oder in seiner Raserei die treusten Freunde nicht mehr erkennen, als Sporus teilnehmend zu ihm trat, um nach dem Grunde seiner neuen Erschütterung zu fragen, schlug er ihm die Faust ins Gesicht, so daß der junge Mann blutüberströmt und ohnmächtig zu Boden sank.
Ohne sich von seinen Gästen zu verabschieden, suchte der Kaiser sein Zimmer auf und befahl, daß man Locuste kommen lasse.
XIX
Diesesmal nahm der Kaiser die Wissenschaft seiner alten Freundin für sich selbst in Anspruch. Eine ganze Nacht brachten sie miteinander zu, und die Zauberin bereitete in seiner Gegenwart ein ausgezeichnetes Gift, das sie versuchsweise schon drei Tage früher gemischt und am Abend vorher erprobt hatte. Nero barg es in einer goldenen Kapsel, die er in einem Schränkchen verschloß, das Sporus ihm einmal geschenkt hatte und dessen geheimen Verschluß nur er und der Eunuch kannten.
Indessen verbreitete sich das Gerücht von der Empörung Galbas mit erschreckender Geschwindigkeit. Jetzt handelte es sich nicht mehr um eine leere Drohung oder ein verzweifeltes Unternehmen wie das des Vindex, sondern um den kraftvollen Angriff eines Patriziers, dessen edles, altes Geschlecht in Rom zu allen Zeiten beim Volke beliebt gewesen war und der sich mit Stolz nannte: Enkel des Quintus Catulus Capitolinus, d. h. jenes Senators, der durch seine Tapferkeit und Tugend für den ersten Bürger seiner Zeit galt.
Zu diesen für Galba günstigen Umständen gesellte sich neue Unzufriedenheit mit Nero. Mit seinen Spielen, Rennen und Gesängen beschäftigt, hatte er versäumt, die notwendigsten ihm als Kaiser und Herrn der Stadt obliegenden Befehle zur Versorgung Roms mit Lebensmitteln zu geben, so daß die Flotte, die das Getreide aus Sizilien und Alexandria herbeischaffen mußte, erst abging, als sie schon zurück sein sollte. Infolgedessen stieg das Getreide in wenigen Tagen ungeheuer im Preise, und eine Hungersnot brach aus. Ganz Rom war in Gefahr zu verhungern, die Bewohner hielten fortwährend die Augen nach Süden gewendet und liefen jedem Schiffe entgegen, das von Ostia heraufkam. Am Morgen nach der Nacht, die Nero mit Locuste zugebracht hatte, also am Tage, nach dem die Nachrichten von der Empörung Galbas eingelaufen waren, war das unzufriedene, ausgehungerte Volk auf dem Forum versammelt, als ein Fahrzeug in Sicht gemeldet wurde. Alles lief nach dem Hafen Ostia hinab, man hoffte, daß es der Vorläufer der Getreideflotte sein werde, und stürzte mit Freudengeschrei an Bord. Aber das Schiff brachte Sand aus Alexandria für die kaiserlichen Fechter. Da brach die enttäuschte Menge in laute Verwünschungen aus.
Unter den Unzufriedenen tat sich ein Mann hervor, namens Icelus; er war ein Freigelassener Galbas. Am Abend vorher war er festgenommen worden, aber während der Nacht stürmten etwa hundert bewaffnete Männer das Gefängnis und machten ihn frei. Jetzt erschien er mitten unter dem Volk und rief die Versammelten zur offenen Empörung auf. Aber diese zögerten noch, gegen den bisher für allgewaltig gehaltenen Cäsar sich aufzulehnen. Da ging ein junger Mann vorüber, der sein Angesicht mit dem Mantel verhüllte, und reichte Icelus eine Schreibtafel. Icelus ergriff das mit Wachs überzogene Elfenbeintäfelchen und sah mit Freuden, daß ihm der Zufall zu Hilfe kam, indem er ihm einen Beweis gegen Nero in die Hände spielte. Auf dem Täfelchen stand der Plan des Kaisers verzeichnet, den er in jener Nacht gefaßt hatte, die Sporus mit ihm zubringen mußte; es ging daraus seine Absicht hervor, das undankbare Rom, das müde geworden war, seine Gesänge zu bejubeln, zum zweitenmal anzuzünden und zugleich die wilden Tiere loszulassen, damit die Römer den Brand nicht löschen könnten. Icelus las die auf die Tafel geschriebenen Zeilen mit lauter Stimme vor, doch wollte man ihm nicht glauben, so unsinnig erschien diese Rache. Einige riefen sogar, der Befehl sei ohne Zweifel gefälscht. Da nahm Nymphidius Sabinus das Täfelchen aus der Hand des Freigelassenen und versicherte, daß er nicht nur die Handschrift des Kaisers genau erkenne, sondern auch seine Art auszulöschen und einzuschalten. Darauf ließ sich nichts mehr einwenden, denn Nymphidius Sabinus hatte als Befehlshaber der kaiserlichen Leibwache oft genug Gelegenheit gehabt, Briefe von Neros Hand zu empfangen.
In diesem Augenblick liefen einige Senatoren in größter Eile ohne Mantel vorüber; sie begaben sich zum Kapitol, wohin sie zusammenberufen waren. Der Vorsitzende des Senats hatte am Morgen ein ähnliches Täfelchen gefunden, wie das, welches der Unbekannte dem Icelus übergeben hatte, und auf diesem stand der ausführliche Befehl, daß die Senatoren zu einem Festmahl eingeladen und allesamt vergiftet werden sollten. Das aufgeregte Volk drängte sich um das Kapitol wie eine Sturmflut, die den Hafen überschwemmt, und während es unten wartete, was der Senat oben beschließen werde, vergriff es sich an Neros Statuen, da es noch nicht Hand an ihn selbst zu legen wagte. Von der Terrasse des Palatin sah Nero, wie man mit seinen Bildsäulen verfuhr. Da kleidete er sich schwarz und wollte zu dem Volk hinuntersteigen, um es zu beschwichtigen und um Gnade zu flehen; aber in dem Augenblick, wo er sein Haus verlassen wollte, nahm die Menge eine so drohende Haltung an, daß er schleunigst zurückwich und sich eine Hintertüre öffnen ließ, durch die er sich in die Gärten des Servilius rettete. Niemand außer seinen treuesten Anhängern wußte, daß er an diesem Zufluchtsort Schutz gesucht hatte; von hier aus schickte er Phaon zum Befehlshaber der kaiserlichen Leibwache.
Aber der Unterhändler Galbas war dem Gesandten Neros im Lager zuvorgekommen. Nymphidius Sabinus hatte soeben im Namen des neuen Kaisers jedem Prätorianer siebentausendfünfhundert Drachmen versprochen und jedem Soldaten in der Provinz zwölfhundertfünfzig Drachmen. Der Befehlshaber der Leibwache ließ daher dem Nero sagen, alles, was er für ihn tun könne, sei, daß er ihm für dieselbe Summe den Vorzug gebe. Aber die verlangte Summe belief sich auf zweihundertachtundzwanzig Millionen, hundertneunundzwanzigtausendachthundertvierzig Mark, und der Schatz war durch die unerhörte Verschwendung erschöpft, so daß der Kaiser nicht den zwanzigsten Teil dieser Summe besaß. Doch hoffte Nero, mit Hilfe seiner alten Freunde, die er in der abendlichen Dunkelheit unbemerkt um ihren Beistand anflehen wollte, die Summe zusammenzubringen. Die Nacht senkte sich auf die von Lärm und Licht erfüllte Stadt herab. Überall, wo ein freier Platz war oder eine Straßenkreuzung, sammelten sich Volksmassen bei Fackelschein. In dieser von den verschiedensten Gefühlen bewegten Menge waren die seltsamsten und widersprechendsten Gerüchte in Umlauf, und alle fanden Glauben, so unsinnig und unzusammenhängend sie auch sein mochten.
Trotz der Aufregung, die in der Stadt herrschte, wagte Nero doch, als Mann aus dem Volke verkleidet, die Gärten des Servilius zu verlassen, wohin er sich während des Tages zurückgezogen hatte. Zu diesem gefährlichen Schritt bewog ihn die bereits erwähnte Hoffnung, wenn nicht durch die Arme, so doch durch die Kasse seiner früheren Zechgenossen Unterstützung zu finden. Aber so sehr er sich bemühte, indem er sich von Haus zu Haus schleppte und fußfällig wie ein Bettler um das Almosen flehte, das allein sein Leben erkaufen konnte, alle Herzen blieben ungerührt bei seinem Seufzen und alle Türen verschlossen.
Als die Menge endlich über die lange Beratung des Senates ungeduldig wurde und zu toben anfing, begriff Nero, daß er keinen Augenblick mehr zu verlieren habe. Anstatt in die Gärten des Servilius zurückzukehren, wandte er sich nach dem Palatin, um in seinem Palast an Gold und Kostbarkeiten zusammenzuraffen, was er in der Eile fand. An dem Jupiterbrunnen vorüber schlich er sich hinter den Tempel der Vesta, und in dem Schatten, den der Palast des Tiberius und des Kaligula warf, erreichte er das Tor, das sich ihm bei seiner Rückkehr von Korinth geöffnet hatte, und durchschritt die prächtigen Gärten, die er verlassen mußte, um geächtet in das Elend der Verbannung zu ziehen. So gelangte er in das goldene Haus und stieg durch dunkle, geheime Gänge und Treppen zu seinem Zimmer empor; er stieß einen Schrei der Überraschung aus, als er dort eintrat.
In seiner Abwesenheit hatten die Wachen des Palatin die Flucht ergriffen und alles mitgenommen, was sie erreichen konnten an kostbaren Stoffen, silbernen Vasen und wertvollen Möbeln. Nero ging zu dem kleinen Schrank, worein er das Gift der Locuste verschlossen hatte, und öffnete das Geheimfach, aber die goldene Kapsel war verschwunden und mit ihr die letzte Hilfe gegen einen öffentlichen, schmachvollen Tod. Jetzt fühlte er sich schwach gegen die Gefahr; verlassen und verraten von jedermann, warf sich der, der gestern noch der Beherrscher der Welt gewesen, auf den Fußboden, wälzte sich und schrie wie ein Wahnsinniger um Hilfe. Drei Personen eilten darauf sofort herbei; es waren Sporus, Epaphroditus, sein Geheimschreiber, und Phaon, sein Freigelassener. Bei ihrem Eintritt erhob sich Nero auf ein Knie und blickte sie angstvoll an. Als er an ihren traurigen, niedergeschlagenen Mienen erkannte, daß sie keine Hoffnung mehr hegten, befahl er dem Epaphroditus, den Gladiator Spiculus zu holen oder jeden anderen, der ihn töten wolle. Die beiden anderen hieß er die Klagelieder anstimmen, welche die gemieteten Klageweiber bei den Begräbnissen sangen. Sie waren damit noch nicht zu Ende, als Epaphroditus allein zurückkehrte; weder Spiculus noch ein anderer wollte kommen. Nero hatte alle Kraft zusammengenommen, aber wie er auch diese letzte Hoffnung auf einen schnellen Tod schwinden sah, ließ er die Arme sinken und rief: Ach! ach! jetzt habe ich keinen Freund und keinen Feind mehr! Er wollte den Palatin verlassen, zur Tiber hinunter eilen und sich hineinstürzen. Aber Phaon hielt ihn zurück und bot ihm sein Landhaus an, das etwa vier Meilen von Rom entfernt zwischen der Salarischen und Nomentanischen Straße lag. Nero klammerte sich an diese letzte Hoffnung und nahm das Anerbieten an. Fünf Pferde wurden gesattelt, Nero bestieg eines derselben und verschleierte sein Gesicht; Sporus folgte ihm wie sein Schatten, während Phaon auf dem Palatin zurückblieb, um Botschaft zu senden. Sie mußten durch die ganze Stadt reiten, um durch das Nomentanische Tor die Straße zu erreichen, wo wir die Reiter in dem Augenblick antrafen, als der Gruß eines alten Soldaten Nero in den größten Schrecken versetzte.

Das Landhaus des Phaon befand sich auf dem Hügel, wo das heutige Serpentara liegt. Hinter dem heiligen Berge versteckt, mochte die Villa dem Kaiser wenigstens für den Augenblick eine Zufluchtstätte gewähren, die einsam genug lag, daß er sich dort zum Sterben bereiten konnte, wenn jede andere Hoffnung fehlschlug. Epaphroditus, der den Weg genau kannte, übernahm die Führung der kleinen Reitertruppe, Nero folgte ihm, während die beiden Freigelassenen mit Sporus die Nachhut bildeten. Auf der Hälfte des Weges angekommen, vernahmen sie das Geräusch nahender Schritte, ohne daß sie in der dichten Finsternis die Personen erblicken konnten, die es verursachten. Nero und Epaphroditus wandten sich links und ritten quer durch das Feld, während Sporus mit den beiden Freigelassenen auf der Straße am heiligen Berge weiter zog. Das Geräusch rührte von streifenden Soldaten her, die unter dem Befehl eines Hauptmanns ausgesandt waren, um den Kaiser zu suchen. Sie hielten die drei Reisenden an, da sie aber Nero nicht unter ihnen erkannten, ließ der Hauptmann sie ihren Weg fortsetzen, nachdem er mit Sporus einige Worte gewechselt hatte.
Der Kaiser und Epaphroditus waren jedoch genötigt, von den Pferden zu steigen, weil die Ebene infolge des oben erwähnten Erdstoßes mit Felsstücken und abgerutschtem Erdreich ganz bedeckt war. Mühsam drangen sie vorwärts durch Gestrüpp und Dornen, welche die bloßen Füße Neros blutig rissen und seinen Mantel zerfetzten. Endlich sahen sie im Schatten eine dunkle Masse vor sich liegen; ein Hofhund bellte und lief an der inneren Seite der Mauer entlang, deren Außenseite sie folgten. So gelangten sie an den Eingang einer Höhle. Die Öffnung war eng und niedrig, aber Nero fürchtete sich so sehr, daß er auf allen vieren hineinkroch, während Epaphroditus ihm vom Eingang her zurief, daß er die Runde um die Mauern machen und in die Villa eindringen wolle, um zu erforschen, ob Nero ihm ohne Gefahr folgen könne. Aber kaum hatte ihn Epaphroditus verlassen, so erfaßte den Kaiser eine namenlose Angst. Er kam sich in dieser Höhle vor wie in einem Grabe, dessen Türen man hinter ihm geschlossen hätte; er kroch eiligst hinaus, um den Himmel über sich zu sehen und frische Luft zu atmen. Wenige Schritte entfernt, bemerkte er einen Teich. Obwohl es stehendes Wasser war, fühlte er doch so heftigen Durst, daß er nicht widerstehen konnte, davon zu trinken. Um sich etwas vor den Kieselsteinen und Baumwurzeln zu schützen, breitete er seinen Mantel unter seine Füße und schleppte sich bis zu dem Wasser, schöpfte einige Tropfen daraus mit der hohlen Hand und sagte mit vorwurfsvollem Ton, zum Himmel gewandt:
Das ist also Neros letzte Erfrischung!
Einige Augenblicke saß er finster und nachdenklich am Rande des Teiches und zog die Dornen und Wurzeln aus, die in seinem Mantel hängen geblieben waren, da hörte er seinen Namen rufen. Diese Stimme, welche die Stille der Nacht durchdrang, verursachte ihm ein tiefes Grauen, trotz des wohlwollenden Ausdrucks, der darin lag. Er wandte sich um und bemerkte Epaphroditus, der mit einer Fackel in der Hand an den Eingang der Höhle zurückgekehrt war. Sein Geheimschreiber hatte ihm Wort gehalten; er war durch das Haupttor in die Villa eingetreten und hatte dem Freigelassenen den Ort bezeichnet, an dem der Kaiser ihn erwartete. Darauf durchbrachen sie mit gemeinsamer Anstrengung eine alte Mauer, damit der Kaiser durch die bereitete Öffnung direkt von der Höhle aus die Villa betreten könnte. Nero folgte seinem Führer mit solcher Hast, daß er darüber seinen Mantel am Ufer des Teiches vergaß. Er kroch in die Höhle zurück und kam von da in das ärmliche und ungesunde Gelaß eines Sklaven, das als ganze Einrichtung eine Matratze und eine alte Decke enthielt und von einer schlechten, irdenen Lampe erhellt war, die in dem grabartigen Winkel mehr Rauch als Helle verbreitete.
Nero setzte sich auf der Matratze nieder und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand; er empfand Hunger und Durst und verlangte nach Speise und Trank. Man brachte ihm ein Stückchen schwarzes Brot und ein Glas Wasser, aber sowie er das Brot gekostet hatte, schleuderte er es weit von sich und gab das Wasser zurück, um es wärmen zu lassen. Als er allein war, ließ er den Kopf auf die Kniee herabsinken und verharrte einige Augenblicke stumm und regungslos wie eine Statue des Schmerzes. Bald darauf öffnete sich die Türe; Nero glaubte, daß man ihm das Wasser bringe, und erhob sein Haupt, da sah er Sporus vor sich, der einen Brief in der Hand hielt.
Auf dem blassen Gesicht des Eunuchen, das immer niedergeschlagen und traurig aussah, spiegelte sich ein merkwürdiger Ausdruck grausamer Freude, so daß Nero erstaunt aufblickte und in dem jungen Mann, der auf ihn zukam, nicht mehr den gefügigen Sklaven erkannte, der allen seinen Launen gefällig gewesen war. Als er noch zwei Schritte weit von dem Lager entfernt war, streckte er die Hand aus und reichte ihm das Pergament. Wenn auch Nero das Lächeln des Sporus nicht verstand, ahnte er doch, daß ihm eine verhängnisvolle Nachricht zukomme.
Von wem ist dieser Brief? sagte er, ohne die Hand danach aufzuheben.
Von Phaon, antwortete der junge Mann.
Und was meldet er? fuhr Nero erblassend fort.
Daß der Senat dich für einen Feind des Staates erklärt hat und dich suchen läßt, um dich auf den Richtplatz zu führen.
Auf den Richtplatz! rief Nero, indem er sich auf ein Knie aufrichtete; auf den Richtplatz! mich! mich! Claudius Cäsar! …
Du bist nicht mehr Claudius Cäsar, antwortete der Eunuch kalt; du bist Domitius Oenobarbus, weiter nichts, der zum Vaterlandsverräter erklärt und zum Tode verurteilt ist.
Und welches Gericht ergeht über die Vaterlandsverräter?
Man zieht ihnen die Kleider aus, zwängt ihren Hals zwischen die Zinken einer Gabel, man führt sie auf dem Forum, auf den Märkten, auf dem Marsfelde umher, und dann züchtigt man sie mit Ruten, bis sie tot sind.
Oh! rief Nero, indem er aufsprang, mir bleibt noch Zeit zur Flucht; ich kann noch fliehen nach dem Wald von Larissa und nach den Sümpfen von Minturnä; ein Schiff nimmt mich auf und bringt mich nach Sizilien oder Ägypten, wo ich mich verberge.
Fliehen! sagte Sporus, immer bleich und kalt wie ein marmornes Götzenbild, fliehen! und wo hinaus denn?
Hier hinaus, rief Nero, indem er die Zimmertüre aufstieß und hinausstürzte; hier bin ich hereingekommen, so kann ich auch hier wieder hinausgehen.
Ja, sagte Sporus, aber seit du hier eingetreten bist, ist die Öffnung verschlossen, und ich zweifle, ob es dir allein gelingen wird, den Felsblock vom Eingang zu entfernen, so trefflich du dich sonst als Athlet bewährt haben magst.
Beim Jupiter! es ist wahr! rief Nero und erschöpfte seine Kraft vergebens, indem er sich bemühte, den Felsblock wegzuheben. Wer hat diese Höhle verschlossen? Wer hat den Stein davorgewälzt?
Ich und die Freigelassenen, antwortete Sporus.
Und warum habt ihr das getan? Warum habt ihr mich eingeschlossen wie Cacus in sein Loch?
Damit du dort sterben sollst wie er, sagte Sporus mit einem Ausdruck des Hasses, wie ihn niemand seiner sanften Stimme zugetraut hätte.
Sterben, sterben! schrie Nero, indem er mit dem Kopf gegen die Wand rannte wie ein wildes Tier, das einen Ausgang sucht. Sterben! So will denn alle Welt, daß ich sterben soll, und jedermann verläßt mich?
Ja, alle Welt verlangt, daß du sterben sollst, aber nicht jedermann verläßt dich, da du mich bei dir siehst und ich mit dir sterben werde.
Ja, ja, murmelte Nero und ließ sich auf die Matratze niedersinken; ja, das heißt Treue halten.
Du irrst dich, Cäsar, sagte Sporus, während er mit verschränkten Armen Nero gegenübertrat, der in die Kissen seines Lagers biß; es ist nicht Treue, es ist noch viel mehr, es ist Rache!
Rache! rief Nero, sich rasch umwendend, Rache! Und was habe ich dir denn getan, Sporus?
Jupiter! er fragt noch! sagte der Eunuch mit zum Himmel erhobenen Armen. Was du mir getan hast? …
Ja, ja … murmelte Nero, erschreckt an die Wand zurückweichend.
Was du mir getan hast? antwortete Sporus, indem er einen Schritt näher trat und kraftlos die Arme herabsinken ließ. Aus einem Kinde, das dazu geboren war, einst ein Mann zu werden und seinen Anteil zu erhalten an den Gefühlen der Erde und den Freuden des Himmels, hast du ein armes Geschöpf gemacht, das nirgends mehr hingehörte, das auf nichts mehr ein Anrecht und keine Hoffnung mehr übrig hatte. Alle Herrlichkeit und alles Glück der Welt sah ich, gefesselt durch das Bewußtsein meiner Ohnmacht und Nichtigkeit, an mir vorüberziehen, wie Tantalus das Wasser und die Früchte sieht, die er doch nie erreichen kann. Und das ist noch nicht alles; wenn ich in Trauerkleidern in der Stille und Zurückgezogenheit hätte weinen dürfen, würde ich dir vielleicht verzeihen, aber in Purpur mußte ich mich kleiden, wie die Mächtigen, lächeln wie die Glücklichen, mitten in der Welt mußte ich leben wie ein wirklicher Mensch und war doch nur ein armes Gespenst, ein trauriger Schatten.
Aber was wolltest du denn mehr, sagte Nero zitternd; ich habe mein Gold mit dir geteilt und mein Vergnügen und meine Macht. Du bist bei allen meinen Festen dabei gewesen, du hast Höflinge und Schmeichler um dich gehabt, und als ich nicht mehr wußte, was ich dir schenken sollte, gab ich dir meinen Namen.
Das ist es eben, warum ich dich hasse, Cäsar. Wenn du mich hättest vergiften lassen wie Britannikus, oder ermorden wie Agrippina, oder wenn du mir hättest die Adern öffnen lassen wie dem Seneka, würde ich dir im Augenblick meines Todes haben vergeben können. Aber du hast mich weder wie einen Mann noch wie eine Frau behandelt, sondern wie eine Marmorstatue, die blind und stumm ist und kein Herz hat, wie ein leichtfertiges Spielzeug, aus dem du alles machen konntest, was deiner Laune wohlgefiel. Die Gunstbezeigungen, von denen du sprichst, waren vergoldete Demütigungen, weiter nichts. Obwohl du mich mit Schande bedecktest und über alle Häupter erhobst, konnte doch jedermann meine Schmach ermessen. Und das ist noch nicht alles. Vorgestern, als ich dir den Ring gab, konntest du mir einen Dolchstich dafür versetzen, dann hätten die anwesenden Männer und Frauen wenigstens geglaubt, daß ich es wert sei, den Tod zu empfangen; aber du hast mich mit der Faust geschlagen wie einen Schmarotzer, wie einen Sklaven, wie einen Hund!
Ja, ja, sagte Nero, ja, ich habe unrecht getan. Vergib mir, mein guter Sporus!
Und dennoch, fuhr Sporus fort, wie wenn er die Unterbrechung Neros überhört hätte, dennoch konnte dieses Geschöpf ohne Namen, ohne Geschlecht, ohne Freunde, ohne Herz, wenn auch nichts Gutes ausrichten, so doch dir Übles zufügen; es konnte des Nachts in dein Zimmer dringen, deine Schreibtafeln stehlen, auf denen du den Senat und das Volk zum Tode verurteilt hast, und sie auf dem Forum und auf dem Kapitol ausstreuen, wie wenn der Sturmwind sie verweht hätte, so daß du keine Gnade mehr zu erwarten hast weder von dem Volk, noch von dem Senat. Es konnte dir die Kapsel entwenden, die das Gift der Locuste enthielt, und dich allein, ohne Verteidigung, ohne Waffen denen überlassen, die dich suchen, um dich zu einem schmachvollen Tode zu schleppen.
Du irrst dich! rief Nero und zog einen Dolch unter dem Kopfkissen seines Bettes hervor; du irrst dich, es bleibt mir noch dieses Eisen.
Ja, sagte Sporus, aber du wirst nicht wagen, davon Gebrauch zu machen, weder gegen die anderen noch gegen dich. Dem Eunuchen ist es zu danken, wenn der Welt das Schauspiel gegeben wird, wie ein Kaiser unter Ruten- und Peitschenschlägen seinen Geist aufgibt, nachdem er nackt mit der Gabel am Halse auf dem Forum und auf den Märkten umhergeführt wurde.
Aber ich bin hier gut versteckt, sie werden mich nicht finden, sagte Nero.
Ja, ja, es wäre möglich, daß du ihnen entgangen wärest, wenn ich nicht einem Hauptmann begegnet wäre, dem ich anvertraute, wo du dich befindest. Um diese Stunde noch pocht er an die Türe der Villa; Cäsar, er kommt, er kommt …
Oh! ich werde ihn nicht erwarten, sagte Nero, indem er die Spitze seines Dolches auf sein Herz richtete. Ich werde mich erstechen, ich werde mich töten.
Du wagst es nicht, sagte Sporus.
Doch, murmelte Nero auf Griechisch und suchte mit der Spitze seines Messers eine Stelle, wo er sich treffen könnte, zögerte aber noch immer, mit dem Eisen zuzustoßen. Es würde Nero nicht anstehen, wenn er nicht zu sterben wüßte. Ja, ja, ich habe ein schändliches Leben geführt, und ich sterbe in der Schmach. O Welt, Welt, was für einen großen Künstler verlierst du an mir! … Plötzlich hielt er inne, stieß nicht zu und horchte mit gesträubtem Haar und schweißbedeckter Stirn auf ein Geräusch, das er vernahm; er stotterte die Verse von Homer:
Das ist der Hufschlag der eilenden Rosse …
In diesem Augenblick stürzte Epaphroditus in das Zimmer. Nero hatte sich nicht getäuscht, es waren die Reiter, die ihn verfolgten und, von den Weisungen des Sporus geleitet, gerade auf die Villa zukamen. Der Kaiser hatte keinen Augenblick mehr zu verlieren, wenn er nicht in die Hände seiner Henker fallen wollte. Er faßte daher einen entscheidenden Entschluß; er nahm Epaphroditus beiseite und ließ ihn beim Styx schwören, daß er niemanden seinen Kopf überlasse und lieber seinen ganzen Körper verbrenne. Dann zog er den Dolch aus seinem Gürtel, wohin er ihn wieder gesteckt hatte, und legte die Spitze an seinen Hals. Jetzt kam der Lärm schon viel näher, und drohende Stimmen erschallten. Epaphroditus sah, daß die letzte Stunde gekommen sei. Er ergriff Neros Hand, legte den Dolch an die Kehle und stieß ihn tief hinein bis an den Griff; dann stürzte er mit Sporus hinaus in die Höhle und schloß die Zimmertüre hinter sich zu.
Nero stieß einen fürchterlichen Schrei aus, riß die tödliche Waffe heraus und schleuderte sie weit von sich, er schwankte, fiel mit starren Augen und schweratmender Brust auf ein Knie nieder, dann auf das andere; er versuchte sich noch mit einem Arm zu stützen, während das Blut aus seinem Halse hervorsprang zwischen den Fingern hindurch, mit denen er die Wunde zu schließen suchte. Endlich warf er noch einen letzten, verzweifelten Blick voller Todesangst um sich, und da er sich allein sah, sank er mit einem tiefen Seufzer zu Boden. In diesem Augenblick öffnete sich die Türe, und der Hauptmann erschien auf der Schwelle. Wie er den Kaiser regungslos am Boden sah, stürzte er zu ihm hin und wollte das Blut mit seinem Mantel stillen; aber Nero stieß ihn mit einem letzten Kraftaufwand zurück.

Ist das die Treue, die ihr mir geschworen habt! sprach er mit vorwurfsvollem Tone; dann hauchte er seinen letzten Seufzer aus, aber seine Augen blieben merkwürdigerweise starr und weit offen stehen.
Die Soldaten, die den Hauptmann begleitet hatten, traten herein, um sich zu überzeugen, daß der Kaiser zu leben aufgehört habe, und da sie darüber nicht mehr im Zweifel sein konnten, kehrten sie nach Rom zurück, um dort seinen Tod zu verkündigen, so daß der, welcher am Abend vorher noch der Herr der Welt gewesen, einsam in seinem Blute liegen blieb und kein Sklave an ihm die letzten Pflichten erfüllte.
Ein ganzer Tag ging darüber hin. Am Abend trat eine bleiche Frau ernst und langsam in das Sterbezimmer.
Icelus, der Freigelassene Galbas, der das Volk aufgereizt hatte, war inzwischen in Rom allmächtig geworden, wo man der Ankunft seines Herrn entgegensah. Von ihm hatte sie die Erlaubnis erhalten, dem Kaiser den letzten Liebesdienst erweisen zu dürfen. Sie entkleidete ihn, wusch das Blut von seinem Leibe und hüllte ihn in einen weißen goldgestickten Mantel, den er getragen und ihr geschenkt hatte, als sie ihn zum letzten Mal sah. Dann ließ sie ihn auf einem bedeckten Wagen, den sie mitgebracht hatte, in aller Stille nach Rom führen. Dort ordnete sie ein einfaches Begräbnis an wie für einen bescheidenen Bürger und bestattete den Leichnam in dem Grabmal des Domitius, das man vom Marsfeld aus auf dem Hügel der Gärten erblickt. Hier hatte Nero sich bei seinen Lebzeiten ein Grab aus Porphyr bestellt, das ein Altar von Marmor aus Luna überragte und ein Säulengeländer aus Marmor von Thasos umschloß.
Nachdem sie diese Pflichten erfüllt hatte, verweilte sie einen ganzen Tag stumm und regungslos, wie die Statue des Schmerzes, knieend und betend, am Kopfende des Grabes.
Als es Abend wurde, stieg sie langsam von dem Hügel der Gärten herab, folgte, ohne rückwärts zu blicken, dem Weg in das Tal der Egeria und kehrte zum letztenmal in die Katakomben zurück.
Epaphroditus und Sporus fand man tot nebeneinander in der Höhle liegen und zwischen ihnen die goldene Kapsel. Sie hatten den Inhalt brüderlich geteilt, und das Gift, das für Nero bereitet war, hatte für sie beide gereicht.

