Читать книгу: «Jahrhundertwende»
Wolfgang Fritz Haug
Jahrhundertwende
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im
Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Deutsche Originalausgabe
© Argument Verlag 2016
Glashüttenstraße 28, 20357 Hamburg
Telefon 040/4018000 – Fax 040/40180020
www.argument.de
Lektorat: Ilse Schütte-Kronauer
Umschlag und Satz: Martin Grundmann, Hamburg,
unter Verwendung des Angelus Novus (1920) von Paul Klee
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018
ISBN 978-3-86754-862-5
Wolfgang Fritz Haug
Jahrhundertwende
Werkstatt-Journal
1990 – 2000
Argument
»Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.«
Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte
»Manchmal wünschte ich, Sie hielten ein Journal mit vielen Eintragungen in der Baconischen Form über alle die Gegenstände, die Sie gerade interessieren, unmethodisch im ganzen, ich meine antisystemisch. Solche wissenschaftlichen Aphorismen könnte man einzeln, in der oder jener Zusammenstellung […] verwerten […]; anstatt einen davon umzubauen, könnten Sie einen neuen bauen usw. – Es wäre sozusagen epische Wissenschaft!«
Bertolt Brecht an Karl Korsch, April 1948
Vorweg: Im Rückblick
I.
Der weltgeschichtliche Umbruch, dem die Öffnung der Berliner Mauer im November 1989 das Gesicht gegeben hat, begann früher und dauerte länger als dieses emblematische Ereignis. Manche Beobachter lassen das »kurze 20. Jahrhundert« mit dem Ersten Weltkrieg beginnen und mit dem Zusammenbruch des – der russischen Oktoberrevolution und dem Zweiten Weltkrieg entsprungenen – europäischen Staatssozialismus enden. Meine Aufzeichnungen aus den 1990er Jahren wirken, als wäre ich dieser Idee gefolgt. Die kalendarische Jahrhundertwende, von der als »Jahrtausendwende« so viel Aufhebens gemacht worden ist, wird hier mit keiner Silbe erwähnt. Es ist die Folge der Ereignisse sowie die Art, wie diese mit der Gegenwart 25 bis 15 Jahre später zusammentreten, die mir im Nachhinein vor Augen führt, dass sich der Zusammenbruch der Sowjetunion als eine Zäsur begreifen lässt, in der die noch unabsehbar weiterwirkende krisenhafte Konfiguration des 21. Jahrhunderts auftaucht.
Vom als passive Revolution einsetzenden Projekt einer sozialistischen Demokratisierung der SU hatte ich mich hinreißen lassen zu einer Studie über die von Michail Gorbatschow, dem Generalsekretär der KPdSU, vorgelegten Zustandsanalysen und Umgestaltungskonzepte dessen, was als »Perestrojka« in die Sprachen der Welt und damit in die Geschichte eingegangen ist.1 Meine 1989 erschienene und im Grundtenor optimistische Studie wurde alsbald von der Krisendynamik dieses Umgestaltungsversuchs eingeholt, was mich in deren atemlosen Chronisten verwandelte, der in dieser immer zugleich selbstkritischen Arbeit seine Ideengläubigkeit abbüßte. Ich warf mich in die »Sisyphos-Arbeit, aus dem Strom der Ereignisse und dem Gewirr der Diskurse, wovon Einzelnen nur winzige Ausschnitte wahrnehmbar werden, Material an Land zu ziehen; wissend, dass man vieles verpasst, von Tag zu Tag Reflexionen an Einzelnes zu knüpfen und immer wieder neu dazu anzusetzen, dem Schwarm von Einzelheiten ein Gesicht abzugewinnen«. So kündigte ich mein Perestrojka-Journal2 an, und so ähnlich lässt sich auch das hier vorgelegte Werkstatt-Journal beschreiben.
Nach den »zwölf Monaten, die die Welt veränderten«, die im Perestrojka-Journal von Juni 1989 bis Mai 1990 Revue passieren, geht es im Folgenden um die zehneinhalb Jahre von Juni 1990 bis Ende 2000. Beim Wiederlesen war ich betroffen vom Zeitlupentempo und der unheimlichen Gründlichkeit, mit der die Lawine der Veränderungen zu Tale ging, nationale Entwicklungsregime und soziale Einrichtungen in vielen Teilen der Welt vernichtete und einen Rattenschwanz bestialischer Bürgerkriege und imperialistischer Interventionen nach sich zog. Wie von Sonja Margolina im Dezember 1991 vorausgesagt, erwies sich der Zusammenbruch der Sowjetunion als »historischer Supergau«, ein schlimmeres politisches Tschernobyl, denn hier gab es »kein Mittel, die verschiedenen Kettenreaktionen, die die Völker der SU erschüttern, zu unterbinden«.
Im Spiegel der Ereignisse türmen sich Trümmer auf Trümmer, entbrennen Kriege und setzt sich die politisch-ökonomische und ideologische Vernichtung verbleibender sozialistischer Elemente weit über den Untergang des europäischen Staatssozialismus hinaus fort. Dennoch kann unser Blick nicht der des mythischen Engels der Geschichte sein. Der Wind, der uns ins Gesicht bläst, kommt nicht vom Paradiese, sondern vom Urknall des Universums her, und wir haben auch keine Flügel, in der dieser sich und damit uns fangen kann. Nichts hindert uns daran, den Bann des Rückblicks zu brechen und uns mittels der dem Geschichtsmaterialismus von Benjamin empfohlenen Stützen »der Erfahrung, des gesunden Menschenverstands, der Geistesgegenwart und der Dialektik« in die geschichtliche Prozessrichtung umzuwenden. Wo jener Engel »eine einzige Katastrophe« sieht, »erscheint vor uns eine Kette von Begebenheiten«. Kriege und Verfolgungen verschwinden zwar nicht aus unserem Blick, aber von Mal zu Mal treten die tektonischen Verschiebungen, die das große Erdbeben ausgelöst und die vielen Nachbeben verursacht haben und weiter verursachen, deutlicher hervor: die Entwicklung der informatisch potenzierten Produktiv- und Destruktivkräfte, die im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts rasant erfolgende Auskristallisierung des Internet und die dadurch angebahnten Veränderungen der Vergesellschaftungsweise. Die vermeintlichen Sieger der Geschichte erfahren sich ihrerseits in den krisengetriebenen Strudel der Veränderungen hineingerissen. Die schöpferische Seite der großen Zerstörung meldet sich im vielförmigen Auftauchen, an allen Ecken und Enden, von Elementen des transnationalen Hightech-Kapitalismus, dies nun aber im Horizont der planetarischen Umweltkrise, die der auf fossiler Energie basierenden Produktionsweise ihre Grenze zeigt.
II.
Im Rückblick war ich erstaunt, wie wenig Erzählung, etwa von der Gründung des Instituts für kritische Theorie, das Journal enthält, ja wie es kaum die »Werk-Tage« im Sinne der Erarbeitung meiner in diese Jahre fallenden Schriften schildert, sondern sich im interstitiellen Gewebe der Lebens- und Arbeitszeit, einem nebenherlaufenden Kontinuum aktiver Geistesgegenwart aufhält, gelegentlich unterbrochen von Selbstreflexionen. Das Hauptamtliche ist weitgehend abwesend, zum Beispiel meine akademische Lehre. Als Sparringspartner dienen mir die bürgerlichen Medienintellektuellen, von denen, wie man sehen wird, nicht wenige beharrlich die intellektuelle Kompetenz verabschieden, als wollten sie ihren eigenen Partialverzicht in dieser Form projektiv abarbeiten.
Vermutlich ist es genau jener zum Habitus gewordene Dauerversuch, ›auf dem Tag‹ zu bleiben, in dem sich niederschlägt, wie mich nicht nur das Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus, sondern auch die kritische Ausgabe von Antonio Gramscis Gefängnisheften in Atem hielten. Auf Stil und Materialverständnis dieses Werkstatt-Journals scheint nicht zuletzt von Gramscis Arbeitsweise ein Ansteckungseffekt ausgegangen zu sein. Sie ist zugleich eine Lebensweise und hält dazu an, sich in die Diskurse der Zeit hineinzubegeben, ihnen ihr Moment der Wirklichkeitserkenntnis abzugewinnen und es der Ideologie zu entwinden. Sie scheint mir unentbehrlich für die ständige Weiterentwicklung theoretischer Denk- und praktisch-politischer Handlungsfähigkeit im Augenblick des geschichtlichen Prozesses.
Die Diskurse, in die ich mich dabei ständig einmische, stammen aus unterschiedlichsten Richtungen. Doch die mit Abstand häufigste Quelle für die ›herrschende Meinung als Meinung der Herrschenden‹ ist die Frankfurter Allgemeine. Hier ist Kritik gefragt. Von vielen wird sie als einfache Zurückweisung verstanden. Nicht so von Marx. Dieser Kritiker par excellence grenzt sie ab »von einer Verneinung, die mit der kapitalistischen Produktionsweise deren Früchte wegwirft«.3 Diesem Verständnis steht die vulgärmarxistische These vom »notwendig falschen Bewusstsein […], wenn man zu den Herrschenden zählt«, im Wege.4 Die Klasseninteressen blockieren die Rationalität, indem sie diese kanalisieren; aber sie löschen sie nicht aus. Man darf sich also nicht seitenverkehrt antagonistisch kanalisieren lassen. Der Karl Marx, der die Holzbank im British Museum drückte, tat dies im Dom der unter bürgerlicher Hegemonie gesammelten Rationalität aller Zeiten. Selbst noch für seine Kritik der politischen Ökonomie fand er unentbehrliche Vorarbeiten seitens bürgerlicher Ökonomen, namentlich bei Ricardo, den er dafür rühmt, geradezu eine »Kritik der bisherigen politischen Ökonomie« geleistet zu haben (MEW 26.2, 166). Eine entsprechende Erfahrung lässt sich im Spiegel meiner Werkstattnotizen machen. Auf den Höhepunkten des Korruptionsskandals der CDU, der fast zu einer Staatskrise führte, oder des irreführend so genannten »Kosovo-Krieges«, der ein Krieg gegen Jugoslawien war, wird man sehen, dass bestimmte Redakteure der FAZ in kaum überbietbarer Schärfe als Kritiker hervortraten. Sie ihrerseits gleichzeitig zu beerben und zu kritisieren, bezeugt auch eine Form von Respekt. Ihnen etwas abzugewinnen, macht diese Kritik zur immanenten und charakterisiert sie als bestimmte Negation. Als solche enthält sie ein Moment der Zustimmung, aber eines, über dessen Status, ob rechtens Zwischenakt oder Haupthandlung, gestritten wird.
Es kommt mir nicht vor allem darauf an, Recht zu behalten. Erkannte Fehler wiegen mehr als sedimentierte Überzeugungen. Richtig scheint es mir auf jeden Fall, wenn ich von Tag zu Tag daran arbeite, die chaotische Mannigfaltigkeit der Geschehnisse zu entwirren, zu entziffern und ihre inneren Zusammenhänge aufzuspüren, und dabei versuche, »im Untergegangenen auch das Uneingelöste zu sehen, im Defekten und Defizienten auch den Funken eines Unaufgebbaren«5 am Glühen zu halten.
III.
Von sich selbst als Wesen aus Fleisch und Blut, den eigenen Träumen, Verletzlichkeiten, Schwächen und Zweifeln zu schweigen, empfiehlt die Vorsicht. In der Werkstatt aber regiert das experimentelle Denken. Ohne Risiko ist es nicht zu haben. Nicht nur das Material, auch sein Bearbeiter wird bearbeitet. Das Experimentieren, was das Material hergibt und mit sich machen lässt, ist Sache eines Subjekts, freilich eines, das eingetaucht ist in den geschichtlichen Prozess, dem es auf die Schliche zu kommen versucht. Die Unschärferelation, die dadurch hereinkommt, gehört ins Bild, muss sichtbar gemacht werden. Sie auszublenden, würde sie unbearbeitbar machen. Sie im Bild zu belassen, mag erfahrungsoffenen und experimentierfreudigen Geistern den Zugang erleichtern. Und dies ist bitter nötig angesichts des »Zerberstens der Bindeglieder zwischen den Generationen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart«, das Eric Hobsbawm im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts registrierte.
Vielleicht tragen die folgenden Aufzeichnungen in ihrer an Einzelheiten sich festmachenden Streuung dazu bei, eine Brücke zwischen den Zeiten und Generationen zu schlagen, auch wenn manches den später Geborenen wie böhmische Dörfer vorkommen mag. Die Möglichkeit, im Internet zu suchen, macht Anmerkungen in solchen Fällen zumeist entbehrlich. Auf ein Namensregister verzichte ich, weil es zur personalisierenden Neugier einlädt. Was nicht interessiert, mag bedenkenlos überblättert werden. Wer Lesen als Herauslesen praktiziert, wird entdecken, dass unter sich wandelnden Bedingungen immer wieder Anderes zu einem spricht.
Danksagung
Wer wären wir ohne Weggefährten! Else Laudans spontane Reaktion auf einen ersten Einblick ins Manuskript half mir über die Schwelle der Bedenken, das Material zu veröffentlichen. Bei der Bearbeitung, Kürzung und Korrektur der Notizen standen mir Klaus Bochmann, Jan Rehmann, Jörg Tuguntke, Thomas Weber und immer wieder Frigga Haug zur Seite, ganz besonders aber Ilse Schütte und Jan Loheit. Martin Grundmann gestaltete den Umschlag und gab trotz einer Erkrankung dem Buch mit bewährter Sorgfalt seine typographische Gestalt, zuletzt unterstützt von Iris Konopik. Ihnen allen gilt mein herzlichster Dank.
Erster Teil
1990
5. Juni 1990
Nach einer Volksuni-Veranstaltung fand ich einen Spiegel-Artikel von Rolf Schneider, den jemand ausgerissen, sorgfältig zusammengeheftet, dann zusammengefaltet und auf irgendeiner Bank des Hörsaals vergessen hatte. Dort geht es um den DDR-Prozess gegen Walter Janka, Wolfgang Harich und andere von 1957. Irgendetwas an diesem Sozialismus war nicht weniger als völlig verkehrt. Angesichts dessen segelt Rolf Schneider hart am Rande einer totalen Absage an jeden Sozialismus. Ein einziges Wörtchen, »dieser«, hält sie, schwach genug, in der Schwebe: »Der Sozialismus, dieser, braucht zu seiner Existenz die Autokratie und den Terror. Anders bricht er zusammen. Substanzielle Reformen sind sein Untergang. Die Stalinisten wussten das. Alle Reformer, einschließlich des Michail Gorbatschow, wussten es wohl nicht.« – Ich »wusste« es auch nicht, glaube aber auch nicht, dass es in Bezug auf die SU etwas so Eindeutig-Alternativloses zu wissen gibt.
24. Juni 1990
Peter Brandt vermutet, dass – ähnlich wie 1949 in der Bundesrepublik – »das große Kapital und die liberal-konservativen Kräfte eine historische Schlacht gewonnen« haben. Dass die Linke nicht gut vorbereitet war auf die neue Virulenz der nationalen Frage, ist ein Faktor, aber nicht der Hauptgrund. Diesen sieht B »in dem für alle unerwartet raschen und radikalen Zusammenbruch des Systems sowjetischen Typs mit der Bürokratie als einer herrschenden und privilegierten Schicht, mit der politischen Diktatur und weitestgehend verstaatlichter Zentralverwaltungswirtschaft und, damit verbunden, in dem dramatischen Niedergang der sowjetischen Weltmachtposition.« (»Die deutsche Linke und die Nation«, Gewerkschaftliche Monatshefte, Mai/Juni, 274).
In derselben Nummer wendet sich Detlef Hensche gegen den »Abschied von antikapitalistischen Zielen« unterm Eindruck der Tatsache, »dass der reale Sozialismus niedergeht bzw. sich radikal verändert« (403). Ohne »weitergesteckte politische Perspektiven« bleibt es bei »Handwerkelei« (»›Der Sozialismus geht‹ – was kommt? Lehren aus dem Niedergang«, 404). Das Reden von Marktwirtschaft »in wichtigen Sektoren pure Ideologie« (wo die Konkurrenz ausgeschaltet ist). Oder gesamtgesellschaftliche Irrationalität als Preis für profitgetriebene innerbetriebliche Rationalisierung. BRD: »Verlagerung sozialer Probleme ins Ausland«. Dritte Welt: »Abhängigkeit, Not und Elend dieser Völker haben sich in den letzten Jahren verschärft. Unter diesem Gesichtspunkt wirken konservativer Siegestaumel über den Erfolg des Kapitalismus zynisch und partnerschaftlicher Burgfrieden einäugig.« (404f) Frauengleichstellung und Ökologie weitere Politikfelder. Ebenso: »Die Durchsetzung und Sicherung individueller Freiheitsräume und die Fortentwicklung der Demokratie«. All das »erfordert Antworten, die den Verwertungsinteressen des Kapitals zuwiderlaufen und durch partnerschaftliche Mitverantwortung nicht zu erreichen sind« (405). »Auch in kapitalistisch geprägten Verhältnissen sind Freiräume, begrenzter Fortschritt, Zonen demokratischer Beteiligung möglich. Sie gilt es auszubauen; einzelne Zugeständnisse sind zu verallgemeinern; Bruchstellen und immanente Widersprüche müssen immer wieder genutzt werden.« Kampf notwendig. Aber »Alternativ-Denken nach dem Prinzip: Konflikt oder Kooperation ist Unfug.« Doch keine Partnerschaft möglich, wegen ungleicher Macht.
Allgemeinere Gründe für die Fehlentwicklung: »Die Arbeiterbewegung war mit Vorrang auf die Macht im Staat und in der Wirtschaft fixiert.« Zitiert Rosa Luxemburg, sehr schön (406), benennt »bürokratische und zentralistische Wurzeln« und die »Dominanz des Repräsentations- und Stellvertreter-Systems« (407): »Die Versuchung ist immer wieder groß, sein Amt für die Kollegen einzusetzen, für sie zu handeln und zu verhandeln – in bester Absicht, versteht sich –, nicht jedoch mit ihnen zu handeln und zu kämpfen.« (Ebd.) Er denkt die Kritik an der Neuen Heimat parallel zur Kritik am »Realsozialismus«. – Dann plötzlich Gramsci! »Proletkult und Intellektuellenvorbehalte haben eine lange Tradition, auch bei uns. Dabei wissen wir spätestens seit Gramsci, dass nicht allein der starke Arm des Arbeiters, sondern ebenso die öffentliche Meinung, die kulturelle Hegemonie über die eigene Durchsetzungskraft entscheiden.« (410)
25. Juni 1990
Gründungskongress der KP Russlands. – Ihr neuer 1. Sekretär, Iwan Kusmitsch Poloskow (Jg. 1935), ein Agrarexperte, bekräftigte den ML, unklar, ob nur formelhaft oder trotzig restaurativ. Ähnlich wie Ligatschow sagt er von sich, er habe die Perestrojka von Anfang an unterstützt. Ruft nun zur Einheit der Partei und bietet Jelzin Zusammenarbeit an. Ausdifferenzierung. Neues Spiel der Kräfte. Hauptsache, sie machen sich nicht verrückt.
Gorbatschow, der nach der russischen Eigengründung einer zunehmend entkernten Kommunistischen Partei der Sowjetunion vorsitzt, beantwortete zum Abschluss des Gründungsparteitags schriftlich eingereichte Fragen. »Die sozialistische Idee und die kommunistische Perspektive« hätten noch ein »langes Leben« vor sich, sagte er. In der gegenwärtigen »Umschichtung der politischen Kräfte« müsse er das Amt des Generalsekretärs und das des Staatspräsidenten noch zusammenhalten. Poloskow unterstützte ihn darin, da die Macht des Staatspräsidenten noch nicht voll zum Tragen komme und die Macht der Partei nicht einfach abgebaut werden könne. Indem er zugleich eine stärkere Einbeziehung der Partei in den Entscheidungsprozess forderte, schien er aber eine bereits vollzogene Machtverschiebung zum Präsidentenamt wieder zurücknehmen zu wollen.
Eine blinde Dialektik waltet hier: Der Hegemon Russland meldet sich zur Überraschung aller Randvölker, die sich durch ihn unterdrückt wähnen, aus der Vorherrschaftsrolle ab, und nun schlägt die Ablösung der Randrepubliken um in die des »Zentrums«. Während der eine Pol des politischen Kräftebogens die russische Regierungsmacht erobert, gewinnt der Gegenpol die Parteiführung.
Die Verwandlung der Union in eine Konföderation verlangte einen Starken Mann; dessen Stärke müsste, um Erfolg im Sinne der Perestrojka zu haben, seine eigne Schwächung bewirken.
26. Juni 1990
Gorbatschow auf der russischen Parteikonferenz am 19.6.: »In diesen etwas mehr als 1500 Tagen haben wir eine weitreichende Wende in einem Riesenland vollzogen, die mit den größten und schärfsten revolutionären Wenden in der Weltgeschichte vergleichbar ist«. Die einen sehen darin »Möglichkeiten zur Humanisierung«, die anderen »einen Zusammenbruch, einen totalen Zerfall, eine wahre Apokalypse«. Jetzt gelte es, eine Art »Risikoraum« zu durchqueren, »da neue Mechanismen der Perestrojka noch nicht in Gang kamen, während die alten schon beinahe abgeschaltet sind«. Höchste »sozio-ökonomische Labilität« und Versagen der Perestrojka »in einigen Richtungen« bestimmen die Lage. Gegen die »populistische Taktik«, aus der Krise politisches Kapital zu schlagen, beschwört Gorbatschow die Einheit »aller vernünftig denkenden patriotischen Kräfte des Volkes«.
Der Übergang zur Marktwirtschaft müsse »ohne Beeinträchtigung des Lebensniveaus der Bevölkerung« bewerkstelligt werden. Doch das ist lange vorher schon zur Illusion geworden, der schöne Schatten, den er auf sein eignes Projekt wirft. Auch wehrt er sich dagegen, den Übergang als Rückkehr zum Kapitalismus aufzufassen. Zur Staatsaufgaben in einer sozialistischen Marktwirtschaft erklärt er u.a. den Schutz des Rechts auf Arbeit, des Lebensniveaus und der Ökologie, sowie Aufrechterhaltung und Entwicklung der Infrastruktur.
Der auf dem Märzplenum des ZK beschlossenen (zugestandenen?) Konferenz waren heftige Auseinandersetzungen zur Frage »Muss die KP Russlands sein oder nicht« vorausgegangen. Nun versucht Gorbatschow zu vermeiden, dass Russland und die Sowjetunion gegeneinander ausgespielt werden – auf Staats- wie Parteiebene. »Russland, auf dessen Territorium sich die ganze Struktur der zentralisierten staatlichen Landesleitung herausgebildet hat, verschmolz gleichsam mit der Unionsstruktur in Wirtschaft und Leitung.« Jetzt sei »die Frage nach einer neuen Rolle der KPdSU und ihrer radikalen Erneuerung in aller Schärfe aufgeworfen«. – Jedenfalls nur mehr eine Rolle neben anderen und in einem viel größeren Stück.
29. Juni 1990
Was jetzt auf die DDR zukommt, ist keine Vereinigung, sondern eine Okkupation, schreibt André Brie (»Staatsstreich«, in: Sozialismus 6/90). Der Staatsvertrag ein Staatsstreich, weil er ohne Verfassungsprozeduren die Verfassung außer Kraft setzte. »Die BRD sonnt sich im Schatten des Scheiterns der DDR.« Künftig entfällt die Systemkonkurrenz als Ansporn für sozialintegrative Zugeständnisse. Was die internationalen Kräfteverschiebungen zwischen Ost und West angeht, so fühlt Jochen Willerding, der die Kommission für internationale Politik beim PV der PDS leitet, sich an München 1938 erinnert. Deutsches Vormachtstreben, wie oft schon Kriegsursache, wieder am Ball. Jupp Schleifstein beschwört die sozialistische Linke, organisatorische Initiative zu ergreifen, damit die PDS einen westlichen Partner erhält.
Der Kurs der DM steigt. Die USA erhöhen, allen Wahlversprechen ihres Präsidenten zuwider, die Steuern. Ihr Defizit in den letzten Monaten übertrifft alles Bisherige. Das Kapital kann nun aber woanders hin und »will« das anscheinend auch. Karl Georg Zinn meint, die bundesdeutschen Arbeiter hätten durch zu niedrige Löhne (sinkende Lohnquote) den Konsum des US-Mittelstands und den US-Staatshaushalt subventioniert (ebd.).
Hansgeorg Conert sieht im Machtverlust der KPdSU, der weit mehr als nur ein Autoritätsverlust sei, die »bemerkenswerteste« Veränderung in der gegenwärtigen SU. Er bringt Beispiele von durch Demonstrationen erzwungenen Rücktritten von Parteisekretären. Das könnte natürlich auch Zeichen für eine Demokratisierung sein. Das Politbüro und das ZK hätten bereits ihre gesamtstaatlichen Entscheidungsfunktionen eingebüßt. – Für die sozialdemokratische Tendenz Schatalin in den Präsidialrat berufen. Zerfall der staatstragenden Identifikation in der RSFSR. Die Soziologin Nazimowa, die bei den Bergarbeiterstreiks in Westsibirien war, fand die KPdSU bei den streikenden Arbeitern völlig abgemeldet. In der Wirtschaftspolitik hat sich inzwischen die Auffassung durchgesetzt, dass »direkte Erzeuger-Abnehmer-Beziehungen unerlässlich« sind. Rückfall in regionale oder lokale Tauschwirtschaft? Gefragt sind Instrumente der Prozessregulierung.
Conert hält den Niedergang der KPdSU für unaufhaltsam, die Kommunisten werden Minderheiten auf allen möglichen Sowjet-Ebenen. Er rechnet mit Enttäuschung an derzeitigen Publikumshelden wie Jelzin und endlich mit »Unregierbarkeit«. Dies sein letztes Wort.
*
Steffen Lehndorff zu Besuch. Erzählt vom Parteiaustritt Schleifsteins. Ich kann es nicht glauben. Bedenken gegen die umstandslose Bildung einer Linken Liste mit der PDS, weil dann der Wahlkampf sofort wieder alle Energien von der Neubesinnung abzieht.
30. Juni 1990
Heinz Jung am Telefon: Er sei vollkommen abgerückt von der Auffassung, die er in der Besprechung meines Gorbatschow-Buches6 zum Ausdruck gebracht hat. Gorbatschows Politik habe den Test der Praxis nicht bestanden, und er selber stehe ihm nun »sehr kritisch« gegenüber. Er habe »wenig Hoffnung, dass etwas bleibt« – wieviel Unausgesprochenes in diesem »Etwas«! – »außer Türöffnung für die kapitalistische Moderne«, die dem Land nicht viel mehr als den Status der Türkei zugestehen werde. – Jung hat von meinem Perestrojka-Journal gehört. Seit September hat er ebenfalls Buch geführt und »gegen die Realität angeschrieben«. Schließt es morgen ab.
Im Aprilheft der »Marxistischen Blätter« Wütend-Enttäuschtes von Gerd Deumlich, notiert am Abend der DDR-Wahlen vom 18. März: »Das Volk – diese Idealisierung eines Subjekts, das sich immer nur richtig entscheidet, erst recht, wenn es schon die Höhen einer entwickelten sozialistischen Gesellschaft erklommen hat, wird man sich wohl abgewöhnen müssen.« – Mir scheint, dass die am Gängelband der DDR geführte DKP sich seit langem »das Volk abgewöhnt« hat.
1. Juli 1990, als Pressekorrespondent für die »Volkszeitung« auf dem Flug nach Moskau
An diesem Sonntagmorgen auf der Fahrt nach Schönefeld zum Flug nach Moskau vorbei an den Schlangen der vor Schulhäusern und Polizeiwachen um DM anstehenden DDR-Bürger. Denn heute wird der Übergang zur Westwährung vollzogen. Die Waren drängten sich bereits an die Straßenränder: dicke Bündel gelbleuchtender Mohrrüben, rote Kirschen, Beeren, Blumen. Viele Geschäfte hatten an diesem Sonntagmorgen geöffnet.
In der DDR waltete eine veraltete Gerechtigkeit, die Käthe-Kollwitz-Visionen hungernder Kinder entsprungen zu sein schien. Das Elementare war drastisch verbilligt, das Anspruchsvollere entsprechend verteuert. Im Effekt wurden dadurch gerade die leistungsfähigeren Schichten der Arbeiterklasse beeinträchtigt, was dazu beitrug, den gesamten Gang der Wirtschaft zu verlangsamen.
*
Heinz Jungs Umschwung vom Anhänger zum Gegner Gorbatschows – in weniger als einem Jahr – hilft, die Stimmung auf dem russischen Parteitag zu verstehen. Sein Sinneswandel ist die Antwort auf die zwölf hinter uns liegenden Monate der gesellschaftlichen Desintegration, ja Demoralisierung der bisher autoritär-sozialistischen Länder. Die Zusammenbrüche in Mitteleuropa und der weitergehende Staatszerfall in der Sowjetunion sind für ihn schlimmer als der frühere Zustand. Anscheinend war er nicht durch die Diagnose der unheilbaren Krankheit des alten Regimes gewonnen worden, sondern durch die Hoffnung auf einen relativ kurzfristig erneuerten Sozialismus. Als er diese Hoffnungen aufgeben musste, wandte er sich gegen Gorbatschow. Er rechnet ihm nicht die Neuöffnung zugute. Vermutlich ist es die kapitalistische Expansion, die den Umschwung bewirkt hat.
Der »konservativen« Mehrheit des russischen Parteitags mögen ähnliche Umschwünge vorhergegangen sein. Wie wohl Tatjana Saslawskajas Tableau der sozialen Gruppen nach Graden der Trägerschaft bzw. Gegnerschaft im Verhältnis zur Perestrojka von 1987 heute aussehen würde?
Der APN-Kommentator Dmitri Gaimakow sah im russischen Parteitag die Revanche für »die erzwungene Delegierung der Macht von den Parteikomitees an die Sowjets«. »Delegierung« eine sonderbare Kategorie für den Machtransfer in die Parlamente.
Dass es bislang keine russische Parteiorganisation gab und ihre Schaffung eine Schwächung der KPdSU bedeutet, deutet auf das imaginäre Moment der Sowjetunion. 60 Prozent der Mitglieder der KPdSU leben in Russland, wo es allerdings 120 Nationalitäten bzw. Ethnien gibt. Die russische Hegemonialmacht konnte eben deshalb, weil Hegemonialmacht, keine eigne Organisation brauchen. Die jetzige Bewegung zweideutig, denn der Zerfall geht mit Emanzipation schwanger (falls es sich nicht umgekehrt herausstellt und die Emanzipation den allseitigen Zerfall bringt).
Gegenwärtig fährt Russland in Gegensätze auseinander: Die Partei, vor allem das Funktionärskorps, zieht sich in diffuser Besitzstandswahrung nach der einen Seite zusammen, das Parlament, näher am Elektorat, in die entgegengesetzte Seite. Bisher hatte Gorbatschow diesem Gegensatz die Macht seines Zentrismus abgewonnen. Nun fahren ihm die Gegensätze davon, und sein Zentrismus hängt in der Luft. Zentrifugalität wird zum Generalnenner. Das kostet zugleich den Generalsekretär und den Präsidenten ein Gutteil der jeweiligen Amtsmacht. Lew Woronin, 1. Stellvertreter des sowjetischen Ministerpräsidenten, erwartet ausgerechnet vom Markt, dieser werde »die zentrifugalen Bestrebungen verhüten«.
Wjatscheslaw Schostakowski, der Rektor der Parteihochschule, einer der führenden Vertreter der demokratischen Plattform, schätzt, dass 65 Prozent der Delegierten des 28. Parteikongresses zur Nomenklatura gehören (Hauptamtliche, Leiter, Offiziere). Seiner Richtung schwebt die Gründung einer »Partei des sozialen Fortschritts und der Demokratie« vor, die eine »linkszentristische Orientierung« haben soll (linke Mitte?). Die Konsolidierung der Konservativen bestimme die Situation, während die Linken wie üblich träge verharrten, bzw. vor lauter Selbstentzweiung die rechte Gefahr übersähen.
2. Juli 1990, Moskau
Beginn des 28. Parteikongresses der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. – »Schicksalsparteitag« (K. J. Herrmann im ND, 28.6.). – Engelbrecht, den ich abends am Telefon erreiche, begeistert von Jakowlews Furioso, das ihm Ovationen eintrug, nachdem er den Konservativen seinen Zorn und seine Verachtung hingeworfen hatte. War wohl seine Abtrittsrede. Er wirkt künftig im Präsidialrat. – Engelbrecht erklärt mir die beiden Rituale, um einen Redner fertig zu machen bzw. einen Hohen zum Abtreten aufzufordern: höhnischer Beifall oder Schwenken der Delegiertenkarten; »der ganze provinzielle Pöbel von Betonköpfen« im Saal, der dies praktiziert, sei die paradoxe Folge einer halben Demokratisierung der Delegiertenwahl. Unter der Herrschaft des mechanischen Auswahlschemas von früher hatte es eine Quotenregelung gegeben, die Arbeiter, Bauern, Frauen und Jugendliche begünstigte. Ca. 2000 Stimmen des ›rechten‹ Blocks. Die Demokratisierung des Wahlverfahrens begünstige diesen, da die anderen Richtungen ihre Stimmen auf mehrere Rivalen verteilten. Am Freitag vor dem Parteitag hat Gorbatschow auf einer ZK-Sitzung Bedingungen formuliert und sich ultimativ Anpöbelungen verbeten. In einer Hinsicht zeichnet sich eine Teilniederlage ab: den Entwurf zu einem neuen Statut musste er im Wesentlichen zurücknehmen; er wollte eine neue Struktur, bestehend aus einem Vorsitzenden mit Stellvertretern und einem Parteipräsidium (der PDS vergleichbar). G wollte mehr Zeit für Staatsgeschäfte. Engelbrecht meint, es sehe nach künftiger rechtszentristischer Führung aus.
*
G. Melikjan (Staatliche Kommission für Wirtschaftsreform): Aktiengesellschaften seien die beste »Entstaatlichungsform«, weil nicht Privatisierung, da die operative Verfügung übers Kapital nicht weggegeben werde. Mir schwant, dass das eine Milchmädchenrechnung ist, weil es ohne Spekulation keine Aktie geben kann. Die Alternative wären festverzinsliche Papiere. Über die Triebkraft möglicher Anleger schweigt sich der APN-Bericht aus. Ich glaube, es gibt einfach noch keinen ökonomischen Common Sense. – Der Wert der Produktionsgrundfonds betrage ca. 2 Billionen Rubel. In 1,5 bis 2 Jahren könnten davon allenfalls für 100 bis maximal 200 Mrd Rubel in Form von Aktien verkauft werden.
3. Juli 1990
Zu den Paradoxien des politischen Spiels der Kräfte in der KPdSU gehört die Forderung der »Arbeiter-Plattform«, einer linken Minderheit, nach »strenger Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit«. Sie sieht die »Schattenkapitalisten« sich in der Partei »ausbreiten« und das Land hinübergleiten in eine »bürgerliche Diktatur«. Der unheimliche Witz ist, dass diese ihre Warnung Teil der Gefahr ist.
Gorbatschows Agieren beobachtend, fällt mir auf, wie er einmal gefällte Beschlüsse an und für sich untergeordneter Gremien wie festgefügte Tatsachen behandelt, von denen auszugehen ist. So jetzt die Beschlüsse des Märzplenums zur Landwirtschaftspolitik. Die Delegierten folgen ihm darin, obgleich sie eigentlich das souveräne Gremium schlechthin bilden, das sein ZK ohne weiteres desavouieren könnte. Die jetzt einzusetzende Kommission soll also die Verwirklichung jener Beschlüsse kontrollieren, nicht etwas Neues auskochen. Listig lässt er mit den Händen abstimmen, dass er diese Kommission nicht leiten muss. Denn er kandidiert für den Vorsitz der Kommission zum Parteistatut, und alle andern Kandidaten ziehen sich zurück, sodass er mit 3.166 gegen 1.046 Stimmen gewählt wird. Das Dispositiv dieses Kongresses erinnert mich an einen Laser-Generator; was dort das gebündelte Licht, sind hier die gebündelten Stimm(ung)en.
Alexander Degtjarew, stellvertr. Vorsitzender der Ideologiekommission des ZK, gibt Ergebnisse der Meinungsumfragen unter den Delegierten bekannt. Bezeichnend diese Rolle der Demoskopie; als seien die Delegierten selber noch einmal ein Demos, der erst gesichtet und repräsentiert werden muss. Aber das ist wohl auch so. Nur die wenigsten kommen zu Wort, und dies als Resultat hart ausgetragener Kräfteverhältnisse; schon dieses Wort zählt in der Regel nicht viel; nichts aber scheint die einzelne Stimme zu zählen, die als Knopfdruck in die Zählmaschine eingegeben wird.
Befragt nach dem Hauptgrund der Krise, heißt es am häufigsten, »die ideologischen Markierungen für die Ziele der Umgestaltung fehlen«; am zweithäufigsten, die Umgestaltung werde halbherzig betrieben; am dritthäufigsten, die Apathie.
3. Juli 1990 (2)
Gorbatschows gestriger Rechenschaftsbericht enthält wenig Vorwärtsweisendes. Er bräuchte diese Partei als »zementierende Kraft unseres multinationalen Staates«, d.h. als multinationale Kraft einer universalistischen politischen Kultur, hängt aber zugleich den kommunistischen Horizont aus, der längst zur sturen Mauer geworden ist, an der die Plakate abblättern, verfügt also über keine Losung, die zumindest im Glauben die Menschen in eine bessere Zukunft risse. Da Gorbatschow zugleich die »Umwandlung des superzentralisierten Staates in einen wirklichen Bundesstaat« betreibt und die unmittelbare Aufgabe darin sieht, »die Souveränität der Republiken und der örtlichen Selbstverwaltung mit realen wirtschaftlichen Inhalten zu füllen«, hängt er in den Widersprüchen einer fast magischen Problemstellung: die »Unteilbarkeit der KPdSU mit der maximalen Selbständigkeit der kommunistischen Bewegungen der Unionsrepubliken und Autonomien« zu vereinbaren. Die baltischen Republiken bieten ein Lehrstück: die dortige Spaltung der KP hatte zur Folge, »dass die kommunistische Bewegung in den Republiken weitgehend geschwächt wurde und dort andere politische Kräfte an die Macht kamen«. So schärft er als wichtigste Lehre ein: »Zusammen stellen die Kommunisten eine starke politische Kraft dar, doch diese Kraft wird zerbröckeln, wenn sie sich auf ihre nationalen Quartiere zurückziehen.« Aber was sollen sie der nationalen Agitation entgegensetzen? Der Klassenkampf ließe eine internationalistische Position aufbauen, aber von ihm ist nicht die Rede. Statt von einer im genauen Sinn sozialen Basis der Partei zu sprechen, bestimmt Gorbatschow die KPdSU als »politische Organisation des ganzen Volkes«. Gegensatzlos? Das erinnert an Stalins »Staat des ganzen Volkes«? Nicht die Pluralität von Bedürfnissen und Interessen ist das Problem, sondern die Antagonismen sind es. Hier redet Gorbatschow drum herum, als wäre das sozialistische Projekt gegensatzlos. Die KPdSU soll diejenigen Interessen vertreten, »die Millionen von Individuen zu einem Volk verbinden.« Der Markt, auf den er orientiert, spaltet indes die Gesellschaft bereits, und diese Spaltung führt dem Nationalismus paradoxe Energie zu (paradox, weil der Markt jede Nation unbarmherzig in Gewinner und Verlierer zerlegt). Nur als unerbittlich funktionierende Sanktionsmaschinerie in einer sich im Selbstlauf beschleunigenden Wirtschaft würde der Markt zugleich Kohäsionseffekte zeitigen. Jetzt bedingt die ökonomische Misere ein allgemeines Rette-sich-wer-kann.
Gorbatschow erwähnt den Vorwurf, er habe »das Land in ein ›globales Experiment‹ verwickelt, ohne einen theoretischen Vorlauf oder ein Reformkonzept zu besitzen.« Und da hat sich ja in der Tat ein Abgrund des Nicht-Vorhergewussten oder -Gewollten aufgetan, eine Verkettung von Zwangslagen, die seinem Handeln immer neue Impulse aufzwingen. Am wenigsten hatte man (einschließlich meiner) wohl erwartet, die Idee des Sozialismus könnte vom Versuch ihrer Neubelebung doppelt verletzt werden. Gorbatschow kann nur allgemein sagen, was nötig wäre, diesen Begriff mit neuem Leben zu erfüllen: »freie Arbeit, Selbstverwaltung und Wohlstand des Volkes« wäre ein »humaner und demokratischer Sozialismus«, der »das stalinsche Sozialismus-Modell durch die zivile Gesellschaft freier Männer und Frauen« ablösen würde. Diese Perspektive bleibt vorerst gleichsam ins Körperlose gebannt, hat keine materielle Basis mehr, vor allem im nächsten ›materialistischen‹ Sinn der Versorgung jener freien Männer und Frauen mit Lebensmitteln. Die »Befreiung vom Monopolismus« bleibt vorerst eine rein negative.
Neu, wie er die Frauenfrage aufnimmt; und endlich gewahrt er die neue Arbeiterbewegung. Klar, dass die KPdSU eine Partei im Wortsinn werden muss: Teil eines weiten politischen Spektrums. Klar auch, dass sie parlamentarische Partei zu sein hat und dass die Transposition vom Monopol der Staatspartei dorthin ein Salto mortale sein wird.
4. Juli 1990
Ajas Mutalibor (1. Sekr. Aserbaidschan): »Die Geschichte wird den politischen Mut des Mannes gebührend einschätzen, der sich für eine revolutionierende Perestrojka entschieden hat. Doch seine Zeitgenossen können sich nicht mit Unentschlossenheit und Inkonsequenz abfinden, wegen derer die große Initiative untergehen kann.«
Leonid Abalkin hat dem Parteitag auf seine Weise das historische Surfprinzip erklärt: Jede gesellschaftliche Bewegung muss »die Tendenz fortschrittlicher Veränderungen des gesellschaftlichen Prozesses aufspüren und möglichst zu deren Realisierung beitragen«. Eine Partei, die dem zuwiderhandelt, »wird unweigerlich […] abtreten«. – Was daran verzweifelte Rhetorik ist, um das Neue in die Köpfe des Apparats zu hämmern, was er selber davon so denkt, vermag ich nicht abzuschätzen. Aber da ist es wieder, das ›eiserne Gesetz des Fortschritts‹. Diesmal will es die Absage an die »Idee der sozialistischen Wahl«. Von der Gegenseite wendet sich Generaloberst Nikolai Schljaga, 1. Stellv. d. Chefs der politischen Hauptabteilung der Sowjetarmee und der Seekriegsflotte, scharf »gegen Entideologisierung und Entpolitisierung der Streitkräfte […]. Die Partei als die politische Avantgarde der Gesellschaft darf die Armee nicht verlassen.«
APN verteilt ein Interview mit Wladimir Lysenko (Kandidat in Philosophie) von der Demokratischen Plattform. Sein Credo: »Die Gesellschaft sollte sich auf natürliche Weise entwickeln und ihren eignen Gesetzen folgen.« Da sind sie wieder, Natur und Gesetz, diese scheinschweren Kaliber, mit denen auch der ML in die Gegend schoss. Immerhin findet L. es »notwendig, sich auf marxsches Denken als Ganzes zu stützen, einschließlich von Werken Plechanows, Bernsteins und Gramscis«. Vor allem müsse man weg von Lenins Lehre von der Partei neuen Typs.
Abel Aganbegjan: »Die UdSSR auf dem Wege zur Integration in das Weltwirtschaftssystem«, ein kleiner Artikel von vier Manuskriptseiten, verteilt von APN, preist den Weg von der Selbstisolierung zum offenen Wirtschaftssystem, das sich in den Weltmarkt einklinkt. Völlig theorie- und bedenkenlos.
*
Hans Ulrich Kempski (»Der Magier probiert einen neuen Trick«, SZ v. heute) nennt Gorbatschows Bericht »eine seltsame Rede, die erst hinterher bewusst werden lässt, wie sehr sich Gorbatschow bedeckt hält: keine Versprechungen und keine Prognosen, auch keine Schuldzuweisungen.« Auf dem XXVII. Parteikongress hatte er noch rasche Besserung versprochen und Kampfansagen gegen negative Erscheinungen und Personengruppen ausposaunt.« Diesmal räume er bloß ein, »bisher vergeblich nach einem grandiosen Gedanken […], nach einem rettenden Geistesblitz zugunsten der Perestrojka« gefahndet zu haben. Das Wort »radikal« durchziehe nun als »trotzig-theatralische« Beschwörungsformel den Diskurs. – Die ausländischen Beobachter rätselten, warum es ihm nicht gelingt, »seine geradezu magische Strahlkraft, die ihn im Ausland gleichsam zum Supermann macht, zu Hause in der Sowjetunion in Erfolge umzumünzen«. Die »kaum strittige« Antwort laute: »weil die Perestrojka nicht nach einem durchdachten Plan in Gang gesetzt worden sei«. Nur 4,8 Prozent der KPdSU-Mitglieder sollen sich noch als »gläubig« bekennen. Den schütteren Applaus für Gorbatschow im Vergleich zum »rauschhaften Beifall« für Jakowlew erklärt Kempski aus Sätzen wie diesem, dass es »nicht nur leere Regale, sondern auch leere Seelen« gegeben habe. Dieser Satz habe die Seelen der Delegierten erreicht.
Der Verteidigungsminister, Dmitri Jasow, gegen »Entpolitisierung« der Armee. Wegen einer Welle von Wehrdienstverweigerung fehlten 400 000 Soldaten. Erlitt danach einen Schwächeanfall und musste vom Podium geführt werden. – Ligatschow lobte die Armee: sie habe »endlich angefangen, sich selber zu verteidigen«. Klingt nach gefährlichem Spiel. Gekontert wird es von Schewardnadse: die Konfrontation mit dem Westen habe in 20 Jahren 700 Mrd Rubel gekostet. Sagt damit indirekt, dass das alte Regime zugrundegerüstet wurde. Die Politik müsse dafür sorgen, »dass man keine Gegner und Feinde hat«. Träumt er? Oder schläfert er ein?
4. Juli 1990 (2)
Die Souveränitätserklärung des sich eigenstaatlich neuformierenden Russland unter Jelzin hat alles verändert. Ein Parameter der Veränderung ist die Existenz der unter Stalin zwischen 1934 und 1938 geschaffenen Branchenministerien. In Russland hat man sie radikal gekappt. Ebenso in Moldawien und natürlich in den baltischen Republiken. Die Branchenministerien stehen für das System der Ressourcen-Zuweisung-von-oben.
*
Ein junger Journalist aus Baku erklärt mir als oberste Spielregel des Parteitags: Niemand spricht aus, was er wirklich will.
Meckern, Herummosern. Engelbrecht nennt, was da im Plenum Stunde um Stunde füllt: Luft ablassen.
5. Juli 1990
Der ›Radikalreformer‹ Nikolaj will durch Ausdehnung des Warencharakters auf bisher un(ver)käufliche Güter bzw. Rechtstitel die inflationäre Kluft zwischen Geldumlauf und Warenangebot schließen. Derzeit werde die sowjetische Ökonomie durch »heißes Geld«, das der Ware auflauert (geschätzte 300–350 Mrd Rubel), und durch »Kapital« bzw. Geld, das dem Profit zustrebt, destabilisiert. Eine Situation am Rande der Panik verlange unmittelbare Erfolge, sonst gehe die Geldlawine nieder. Das Reich des Privateigentums soll in die gesellschaftliche Anlagesphäre und die Naturbedingung »Boden« vorgeschoben werden. Er nennt das: Geldrückkauf durch den Staat. Den daraus resultierenden Grundbesitz tituliert er als »ewige Pacht«. Ansonsten will er Wohnungen zum Erwerb freigeben. Die Genossenschaften sollen freie Bahn bekommen, wodurch eine gewisse Kapitalisierungsmöglichkeit für lauerndes Geld entstehe. Staatsanleihen, vom Monatsgeld bis zu Laufzeiten von zehn Jahren, sollen weiteres Geld binden. Planüberschießende Vorräte und nichtfungierende Produktionsmittel sollen auf den Markt bewegt werden (unklar, durch welche Hebel und warum die Ladenhüter plötzlich Absatz finden sollen). Vorübergehend soll der PKW-Export zugunsten des Inlandsmarkts reduziert werden. Der Spirituosenhandel soll wieder »normalisiert« (freigegeben) werden, um zig Mrd Rubel Nettoertrag zu erhalten, die jetzt der Schwarzmarkt absahnt.
5. Juli 1990 (2)
Meldungen, die an diesem Tag über den Fernschreiber gelaufen sind und deren Zusammenstellung zeigt, dass der Perestrojka inzwischen eine selbständige Dynamik zugewachsen ist, die nicht mehr von einer einzigen politischen Kraft oder einem Machtzentrum aus kontrolliert werden kann:
KPdSU-Kongress: Die Sektion »Erneuerung der Partei« hat so viele Delegierte angezogen, dass die Sitzung in den großen Saal des Kreml verlegt werden musste, wo sonst das Plenum tagt. Zwar erklärten sich alle Redner für Erneuerung, aber deren Richtung war heftig umkämpft. Die Mehrheit sprach sich dafür aus, an der kommunistischen Perspektive festzuhalten. Der Stalin-Biograph Dmitri Wolkogonow nannte dagegen den Kommunismus »ein ephemeres Ziel« und schlug vor, ein neues Programm abzufassen und die KPdSU in »Partei des Demokratischen Sozialismus« (PDS) umzubenennen. Der ZK-Sekretär Juri Manajenkow verteidigte die Einheitlichkeit der Partei: »Ich glaube nicht, dass getrennte Teile eines Organismus lebensfähiger sind als der ganze Organismus.« Boris Pugo, Vorsitzender der Kontrollkommission, schlug vor, diese zu einer Art »Komitee für Verfassungsaufsicht in der Partei« umzufunktionieren.
In Moskau ist die erste Nummer der Zeitschrift »Bisnes i Banki« (Business und Banken) erschienen. Sie soll unter Geldmarktgesichtspunkten Wirtschaftsinformationen aller Art bringen und wendet sich an Banker, Unternehmer, »Geschäftsleute«.
Die Kumpel des kusnezker Kohlenreviers beraten die Fragen eines 24-stündigen politischen Streiks am 11. Juli. Forderungen: Rücktritt der Regierung; Abschluss eines neuen Unionsvertrags; Annullierung der nicht durch direkte Wahl zustande gekommenen Parlamentsmandate; »Entpolitisierung« (Entparteilichung) der repressiven Staatsorgane Armee und KGB. Der Vorsitzende der kusnezker Arbeiterkomitees, Wjatscheslaw Golikow, sieht den Ausweg in der Entwicklung von Demokratie, Marktwirtschaft und Sozialpolitik sowie der Legalisierung der Opposition als Institution. – Es soll ein aktiver Streik (in den Betrieben) werden, über dessen Formen die Arbeitskollektive vor Ort entscheiden; manche Kollektive werden zwar Kohle fördern, über diese jedoch nach eigenem Ermessen verfügen. Um Ausschreitungen zu verhindern, sind Arbeiterkomitees gebildet und eine Sicherheitspartnerschaft mit der Polizei angebahnt worden.
In Budapest verhandelt man die letzten Finanzierungsfragen im Zusammenhang mit dem Abzug der Sowjettruppen.
In der Parteitags-Sektion zu Nationalitätenproblemen erklären sich alle Diskutanten für die Beschleunigung des Abschlusses eines neuen Unionsvertrags, um die Wirtschaftslage normalisieren zu können. Im ZK-Rechenschaftsbericht wurde eingestanden, dass man sich statt mit Konfliktprävention mit Konfliktmanagement beschäftigt habe, der Entwicklung ständig hinterherrennend. – Ein ZK-Sekretär teilt mit, dass von den 2 Mio Deutschen nur 300 000 in die ehemalige Heimat zurückkehren möchten; falls der bevorstehende Kongress der Sowjetdeutschen zustimmt, will das Politbüro eine extraterritoriale Assoziation der Sowjetdeutschen bilden, ausgestattet mit den Rechten einer Autonomen Republik.
Das litauische Parlament hat die Aufnahme von Verhandlungen mit der SU-Regierung gebilligt und ihre Kontrolle an sich gezogen.
Kaliningrad, früher Königsberg, ist durch Beschluss des Stadtsowjets für den Tourismus geöffnet worden. Die Stadt war seit Kriegsende Sperrgebiet.
Der Gebietssowjet von Odessa weist moldawische Gebietsansprüche zurück. In der umstrittenen Region leben u.a. Rumänen, Bulgaren, Russen, Juden und Gagausen.
In Moskau geht eine Ausstellung von Petrotechnologie zu Ende, wo vor allem japanische und westeuropäische Firmen Ausrüstungen anbieten, die für die Erdölförderung im fernöstlichen Teil der SU geeignet sind, sowie Technologien petrochemischer Verwertung, Tankstellen und sogar Motels.
Parteitags-Sektion »ideologische Arbeit«: Iwan Frolow, der als Anwärter für die Nachfolge Medwedews gilt, gab Rechenschaft als ZK-Sekretär und Prawda-Chef. Die Initiative zur Perestrojka gehöre der Partei, sagte er, aber viele »Mitläufer, die nach 1985 mutig zu werden begannen«, würden das jetzt vertuschen. Die meisten Redner erklärten den Autoritätsverfall der KPdSU mit der Schwächung ihres »ideologischen Einflusses«.
In Leningrad haben Jugendorganisationen – darunter Anarchisten, aber auch der Komsomol – einen Block der Linkskräfte gegründet. Die Erklärung sagt: Die Wirtschaftskrise führe zur massenhaften Enttäuschung an der Demokratisierung und folglich zur Möglichkeit der Wiederherstellung des staatlichen Autoritarismus. Deshalb müssten alle Kräfte sich sammeln, die an Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und Humanismus festhalten.
Der Oberste Sowjet und die Regierung Estlands haben ein Treffen ehemaliger estnischer SS-Angehöriger verboten.
Usw. usf.
6. Juli 1990
Der APN-Fernschreiber im Pressezentrum gibt nur fragmentarisch-rätselhafte Eindrücke von der Debatte zur Wirtschaftsumgestaltung. Abalkin will anscheinend Marktwirtschaft-sans-phrase.
Alexej Sergejew, Professor an der Gewerkschaftshochschule, polemisiert scharf gegen die zwei Linien: die »konservative« der Regierung und die bürgerlich-reaktionäre, die »höchst sonderbar« selbst »auf den höchsten Parteiebenen als linksorientiert und demokratisch bezeichnet wird«. APN unterschlägt, wie er diese zweite Linie charakterisiert. Die erste resultierte im »langsamen und schwierigen Hinabgleiten […] zu einer Gesellschaftsordnung der ökonomischen Ungleichheit«. Die zweite setzt an am faktischen »Bündnis zwischen der Schattenwirtschaft – den bislang noch illegalen Kapitalisten – und den Resten des voluntaristischen und bürokratischen Systems, die sich an ihre Machtpositionen klammern«. Beide »verheißen den Volksmassen nichts Gutes […]. Die UdSSR würde […] praktisch zu einer Halbkolonie von höher entwickelten kapitalistischen Ländern und danach würde sie sich schnell aus einem Bettler in einen ausgeplünderten Bettler verwandeln.« Die Warnung ist klar. Rätselhaft das Fragment, das sie ihm (des Einklangs mit der Marktpolitik wegen, denke ich) zugestehen: »Die einzige wissenschaftlich fundierte Verhaltensweise […] besteht darin, sich auf den Prozess der Vergesellschaftung der materiellen Produktion zu stützen, der sich in der gesamten Weltwirtschaft objektiv entfaltet.«
Alexander Busgalin, Vertreter der »Marxistischen Plattform«, bejaht die Entstaatlichung des Eigentums und die Entbürokratisierung der Wirtschaftslenkung, widersetzt sich jedoch dem Verkauf der Betriebe an Privatpersonen. Er plädiert für »Eigenständigkeit der Arbeitskollektive und ihre reale Selbstverwaltung«, »Vertragsbeziehungen zwischen Zentrum, Produzenten und Verbrauchern« und »demokratisch ausgearbeitete langfristige Zielprogramme zu einer strukturellen Umgestaltung […]. Das ist der Weg zur Wiederherstellung des gesellschaftlichen Eigentums«.
Die These, die KPdSU solle sich als »Partei des gesamten Volkes« verstehen, wurde von vielen Rednern angegriffen. »Arbeiter und Bauern und alle Werktätigen«, war ihre Gegenformel.
7. Juli 1990
W. Schostakowski behauptet, die Formel »Partei des ganzen Volkes« sei von den Theoretikern des »entwickelten Sozialismus« verkündet worden. Er verfolgt die Linie nicht zurück zu Stalins »Staat des ganzen Volkes« (war das 1936 in der Verfassung?). Das »ganze Volk« ist allenfalls eine beschwörende Anrufung, die mit populistischer Gewalt gegen alles Dissidente schwanger geht. Schostakowski sieht für die KPdSU die Rolle einer »politischen Vorhut der Gesellschaft, doch ihre Grundlage bildet der Teil der Werktätigen, der einen humanen, demokratischen und auf Selbstverwaltung basierenden Sozialismus anstrebt.« Dass die sozialen Antagonismen der politischen Vertretung des »ganzen Volkes« im Wege stehen, dämmert in dem merkwürdigen und nicht weiter verfolgten Bedenken, die Beziehung auf eine bestimmte soziale Basis würde dazu führen, »dass Kräfte, die andere Interessen vertreten, an Boden gewinnen«. – Den von der KPdSU geförderten Menschentyp nennt er den »Erfüllungsgehilfen«.
Die KPdSU beschäftigt insgesamt 214 000 Personen.
Parteitheoretisch: Der Spalt in einer parlamentarischen Partei, die an der Regierung ist; es regiert ja nicht die Partei, sondern ihre Regierungsvertreter regieren, Vertreter hoch 2 oder hoch 3.
*
In seinem Rechenschaftsbericht sagte Medwedew, das ZK sei nicht länger ein »Ideologie-Ministerium«. – Jakowlew in seinem Bericht: Die Partei der revolutionären Idee zu einer Machtpartei geworden. Jetzt der Zusammenstoß zwischen der »Idee der Volksmacht und der Praxis der Volksunterdrückung«. Die Wende zur Demokratie sei Jahrzehnte zu spät gekommen.
Lew Saikow in seinem Bericht: Die gesamte Militärpolitik des Landes wurde vom Politbüro gesteuert. (Merkwürdig, daneben/darunter noch eine extra Regierung zu halten.) Er sprach von der von ihm geleiteten Sonderkommission, die bis vor kurzem nie erwähnt wurde, wo Außenpolitik und die Repressionsapparate aufeinander abgestimmt wurden, wo außer Schewardnadse und Jakowlew u.a. die Chefs von KGB und Armee saßen. Ihre Haupterrungenschaft war der Rückzug aus Afghanistan und die Beendigung des Kalten Kriegs. – Zu den (einseitigen) Abrüstungsmaßnahmen gehört die Öffentlichkeit von vielem, was bislang der Geheimhaltung unterlag.
Das Problem beim Übergang zur parlamentarischen Daseinsform der KPdSU ist, dass sie nicht mit Mehrheiten bei den Wahlen rechnen kann. Auch hat sie Handlungsfähigkeit einseitig akkumuliert in direkter befehlsadministrativer Machtausübung. Ihre Leute haben nicht gelernt, sich in öffentlicher Konkurrenz durchzusetzen.
Reflexion am Rande des Parteitags: Das »Persönliche« eine eigenartige Instanz; seine Bedeutung abhängig vom Institutionengefüge und der politischen Kultur des Lebens in diesem Gefüge. Die Mehrheit dieser Delegierten scheint »unter« ihrem Bewusstsein ein großes Verlangen nach dem großen Führer zu spüren. Man muss aufpassen, ein solches Verlangen nicht vorschnell mit Strukturen des »Unterbewussten« zu erklären. Das Geflecht von mittragenden Einlassungen ist noch zu schwach; es fehlt an einem Common Sense, an entsprechenden bewährten Erfahrungen und also auch an Gewohnheiten. Merkwürdig wäre, setzte sich das Verlangen nach einem Volkskönig durch, obwohl es kein politisches Fundament für dieses Volkskönigtum gibt.
Gorbatschow – Zentrist ohne Zentrum, und doch der einzige Kandidat.
8. Juli 1990
»Es wurde demontiert, ohne zugleich aufzubauen.« (ND, 3.7.90) Frank Wehner, Berichterstatter des ND, hält es noch immer für erwähnenswert, »dass kein Beschluss gefasst wurde, ohne dass es Gegenstimmen gegeben hätte«. Auch der Titel gemäßigt-nostalgisch: »Lenin blickt diesmal eher skeptisch in den Saal«. Für »Fehler« in den letzten fünf Jahren habe »die Partei einen hohen Preis zu bezahlen«. Aber was ist mit den sechzig Jahren davor? Begreift nicht, dass ihre Stellung und Funktion der Urfehler. »In scharfem Ton« weist Gorbatschow laut ND die Forderung nach Parteirückzug aus den Repressionsapparaten zurück; unterschlagen wird sein revolutionärer Zusatz, auch alle andern Parteien könnten dort Gruppen aufmachen. Ebenso weggelassen die Frauenfrage und die neue Arbeiterbewegung.
ND, Titelseite, Herrmann/Wehner unkritisch und konzeptionslos: »Ligatschow setzte sich für die Zusammenarbeit aller marxistisch-leninistischen Kräfte, für den klassenmäßigen Zugang bei der Formierung der Sowjets der Volksdeputierten und eine folgerichtige, stufenweise Verwirklichung der Reformen ein.« Wer, bitte, sind die »marxistisch-leninistischen Kräfte«? Ist der ML denn kein Problem? Was, bitte, wäre ein »klassenmäßiger Zugang bei der Formierung der Sowjets der Volksdeputierten«? Also doch keine freien Wahlen? Und wer spräche im Namen welcher Klassen? Mit welchem Anspruch (Privileg)? Schließlich: was wäre dann »folgerichtig«? Welches wären die »Stufen« und ihre Reihenfolge? Ist denn irgendjemand gegen Folgerichtigkeit als solche und gegen »stufenweise Verwirklichung der Reformen«? Gegen was und wen richtet sich das? Warum werden die Beschwerden gegen die Pressefreiheit nicht berichtet? Nicht der Wink mit Armee und KGB?
»Schewardnadse, der seine Unterstützung für die Politik Gorbatschows deutlich machte« – was man im ND für mitteilenswert hält! Hier schreibt das Unbewusste, zumindest Ungesagte. – »Aufsehen erregte dessen Bereitschaft, nicht für Leitungsorgane der Partei zu kandidieren«. – Hübsche Bereitschaft. Im Kommentar bezeichnet Frank Wehner die Position Ligatschows als »Sozialismus der reinen Lehre«. Als ob das reine Lehre gewesen wäre.
Nicht anders der Ton im ND vom 5.7. (Klaus Joachim Herrmann: »von der Klärung zur Klarheit?«): nostalgisch, äußerst ungeklärt selber. Am treffendsten noch, was als absurdes Zeugnis berichtet wird: auf der Demo im Gorkipark ein Transparent: »Es lebe der letzte Parteitag der KPdSU!« – Es ist tatsächlich der letzte.
An der Kritik, die geübt wird, übersieht der Berichterstatter das positionelle, das Vorentschieden-Indirekte, das Genörgel, das Fehlen wirklicher Analyse und Strategie.
9. Juli 1990
Gestern Gorbatschow mit rund 2/3 der Stimmen gewählt: zum ersten Mal direkt und geheim vom Parteitag, also auch nicht mehr durch Palastintrigen im Politbüro absetzbar. Awaliani kandidierte gegen ihn, kein Vertreter der Machtkonservativen.
12. Juli 1990
Ligatschow sagte, seine Differenzen mit Gorbatschow beträfen die Taktik, nicht die Strategie. Alle, denen es um die Verteidigung des Sozialismus gehe, sollten sich hinter ihm sammeln. Diese Bewahrungsposition unterminierte er freilich durch die ironische Frage, warum den Sowjetmenschen zugemutet werden solle, nach 70 Jahren des Kollektiveigentums »den Sozialismus durch die Einführung des Privateigentums zu retten«. – Hält er Staatseigentum für Kollektiveigentum?
1916 Delegierte stimmten dann überraschend für die Streichung Ligatschows aufgrund seiner »konservativen« Ansichten von der Kandidatenliste. Die Streichung wurde zwar wieder rückgängig gemacht, aber der Ausgang war damit klar. Gorbatschows Kandidat, der ukrainische Parlamentspräsident Wolodymyr A. Iwaschko, würde das Rennen machen. Zur Kandidatur war übrigens auch der Karrierist Frolow vorgeschlagen worden.
Zum Streik scheint Gorbatschow keine konstruktive Position zu finden. Als Lysenko (Demokratische Plattform) beantragte, die Forderung der Streikenden nach Rücktritt der Regierung zu unterstützen, soll Gorbatschow laut FAZ gesagt haben, die »Anstifter« des Streiks hätten ihr Ziel nicht erreicht.
*
Wjatscheslaw Kostikow, Kommentator von APN, malt das Bild eines durch den Parteitag schicksalhaft erschütterten Gorbatschow, der als ein anderer hervorgeht, nachdem man ihn der »Demontage des Sozialismus« angeklagt hat. Der Parteitag habe ihn einige Jahre seines Lebens gekostet. Das Wort »Schicksal« liebe er besonders. Er wird mit dem Zaren Boris Godunow verglichen (»und tobend haben sie mich verflucht«), der als Progressiver »seiner Zeit voraus war«. Seit 1985 hätten sich »seine Ideen, Reden, Ansichten, Machtstellung, Wertsystem« »beträchtlich gewandelt«. – Dieser Kommentator lässt einen künftigen präsidialen Würdigungsjournalismus ahnen und verurteilt mich, der ich konzeptionelle Kontinuität bei Gorbatschow sehe, zum Illusionisten.
*
Gorbatschow zur Parteitags-Diskussion über seinen Bericht: Scharf gegen Inkompetenz, Flegelei, demagogische Agitation, »gemeine Berechnung« und opportunistische Anpassung an Stimmungen. »Man darf sich nicht von Leuten gängeln lassen, die in der Politik inkompetent sind, das bringt Unglück.« Er spottet über die, welche Vor- und Nachteile auf die Goldwaage legen. »So etwas wie die Perestrojka […] muss man nach neuen, historisch dimensionierten Kriterien einschätzen.« Sein Hauptkriterium: »Befreiung der Gesellschaft«, Freisetzung der »Tatkraft des Volkes«. Dass dabei nicht nur Gutes und Konstruktives an die Oberfläche gekommen ist, »muss man hinnehmen – so ist das nun mal mit der Revolution«. Alle haben noch nicht genügend »gelernt, von der neuen Freiheit Gebrauch zu machen«.
Was die Verlagerung der Macht in die parlamentarischen Konfliktbearbeitungsorte angeht, registriert er »ein kühles Verhältnis zwischen den Sowjets und der Partei«. Mehr noch: »Bei einem Teil der Deputierten zeichnet sich […] eine Konfrontationshaltung ab.« Viele sind aber auch »einfach verunsichert und in einem Schockzustand; da kam die alte Krankheit zum Vorschein: Mangel an Initiative, an selbständigem Denken, das Unvermögen, unter demokratischen Bedingungen, in einer ungewohnten Situation frei von Klischees zu handeln.« Ergo: nicht nur Widerstand ist schuld am Nichtklappen, sondern Habitus. Im Diskussionsverhalten vieler Delegierter habe er »mit den Poren geortet, dass keineswegs alle begriffen haben: diese Partei existiert und arbeitet bereits in einer neuen Gesellschaft, wir brauchen eine andere, erneuerte Partei mit einem neuen Arbeitsstil«. Zur »Partei und ihren Geschicken« sagt er: »Für mich ist das die Frage meines ganzen Lebens und der menschlichen Haltung.«
Gorbatschow vermerkt bei den, »wie man sagt, ›einfachen‹ Genossen, Arbeiter, Bauern, Intellektuellen sowie Sekretäre der Grundorganisationen der Partei das meiste Verständnis für die Ungewöhnlichkeit und Neuartigkeit der Situation […]. Obwohl die Definition ›einfache‹ ja noch aus ›jener Zeit‹ stammt, und ich hätte sie wohl nicht gebrauchen sollen.« – Er denkt nur den Gegensatz zur Nomenklatura, nicht von Gramsci her.
Im Blick auf die neue Arbeiterbewegung akzeptiert er die Kritik am nachhinkenden Reagieren auf diese: »Die Parteikomitees, u.a. das ZK, sind daran schuld, dass sie […] sich ihre Haltung zu den entstehenden neuen Formen der Arbeiterbewegung zu lange überlegt haben.« Auch räumt er ein, »dass wir in den zwischennationalen Beziehungen vieles übersehen und Zeit versäumt haben«, lässt das aber nicht einseitig auf der Führung sitzen: »Wir […] alle zusammen – geben Sie das endlich zu [Beifall] – haben gedacht, in dieser Beziehung sei bei uns alles in Ordnung.«
Zur Kritik an der Nichteinmischung der SU in Osteuropa: »Was denn, wieder Panzer, wieder schöne Lehren, wie man zu leben hat?«
Ideologie. – »Dieser Bereich […] wurde vermutlich der heftigsten Kritik ausgesetzt.« Eine Schwierigkeit sieht er darin, dass viele negative Phänomene nicht nur Hinterlassenschaft der Vergangenheit, sondern »auch ein Ergebnis des ›explosionsartigen‹ Charakters der Freiheit« sind. – »Ideologie« konzentriert sich im Sprachverständnis der KPdSU in diesem historischen Moment auf den Sozialismusbegriff. Dies das Feld der Traditionalisten. Gorbatschow greift folgendermaßen ein: Alles drehe sich darum, was wir unter dem Sozialismus verstehen«. Die »Ideologie des Sozialismus« sei kein Lehrbuch, sondern werde »sich zusammen mit dem Sozialismus selbst in dem Maße herausbilden, in dem wir dazu beitragen, dass das Land satt, geordnet, zivilisiert, geistig reich, frei und glücklich ist«. Den »ideologischen« Tiefstand der auf den ML bestehenden Traditionalisten charakterisiert er damit: Wann immer ein Redner die Fragen philosophisch zu stellen und zu behandeln begann, »verfiel der Saal in Apathie oder er wurde niedergeklatscht«. Das Verlangen nach Wiederherstellung einer verbindlichen Denkordnung bekommt zu hören: »Wir werden es nicht erlauben, alles von den Klassikern Geschaffene in einen neuen ›Kurzen Lehrgang‹ zu verwandeln«.
Ökonomie. – Der Zustand des politischen Akteurs KPdSU ist das eine, die zerreißenden Konflikte und Ungewissheiten über die Umgestaltung des gesamten ökonomischen Mechanismus und aller Verhältnisse in Produktion und Distribution ist das andere, wahrscheinlich viel schwierigere Feld. Gorbatschow unzufrieden damit, dass der Parteitag mit Dreiviertelmehrheit das Wort »Markt« aus dem Namen der Kommission für Wirtschaftsreform gestrichen hat. Die »jähe Wende zu einer radikalen Änderung der Situation in der Volkswirtschaft« werde folglich »nach wie vor nicht verstanden«. Weiterzumachen wie bisher, werde »das Land in den Bankrott führen«.
Demnach tritt er inzwischen für Marktwirtschaft sans phrase ein, sagt er doch auch, deren Vorzüge seien »weltweit erwiesen«, und die Frage bestehe »nur darin, ob unter den Marktverhältnissen eine hohe soziale Sicherheit gewährleistet werden kann«. Die Antwort laute: »gerade die regulierbare [regulierte?] Marktwirtschaft wird es gestatten, den gesellschaftlichen Reichtum so zu vergrößern, dass das Lebensniveau aller steigen wird. Und natürlich haben wir die Staatsmacht in unseren Händen, die […] den Prozess des Übergangs zur Marktwirtschaft nicht ›ausufern‹ lassen« werde. Zwar dürfe man nicht mit den Preisen beginnen, aber die Preisreform sei unvermeidlich.
Trotz meiner Zweifel an der sozialen Leistungsfähigkeit der Marktwirtschaft überzeugen mich die Argumente, die Gorbatschow gegen bestimmte in unserem westlichen Sinn »linke« Kritiken vorbringt. Angesprochen von einem Arbeiter, wann endlich Ordnung herrschen wird und es keine Schieber mehr geben wird, erwidert er: der Markt, und nicht die Polizei, müsse das erledigen. Und noch einmal: Auf die Frage des Sekretärs eines Gebietskomitees: »Können Sie das tun, was Andropow getan hat?«, habe er geantwortet: »Die Bekämpfung des Schwarzmarkts ist zu 80 Prozent eine ökonomische Frage. [Beifall] Wenn es keine entwickelte Wirtschaft gibt, wird sich der Schieber gesundstoßen [Beifall], am Mangel schmarotzen all diese Jobber der Schattenwirtschaft und korrumpierten Elemente.«
Zur Landwirtschaft bekräftigt G nur das x-mal Gesagte: »Veränderung der Produktionsverhältnisse auf der Grundlage der Gesetze über das Eigentum, über den Grund und Boden, über die Pacht, und andrerseits die Hilfeleistung für die Infrastruktur, […] für den Bau von Landmaschinen usw.«. Konfiguration: 1) »allen freiwilligen Entscheidungen freien Spielraum zu gewähren«; 2) den Austausch Stadt-Land ins Gleichgewicht zu bringen; 3) die Lebensverhältnisse auf dem Land zu verbessern; 4) Ökologie gleichrangig mit Lebensmittelproduktion. – Wunderbar, aber im Sinn von Wunder verlangend. »Von daher wurde deutlich, dass die Macht eines Präsidenten gebraucht wird«.
13. Juli 1990
Gestern Abend erklärte Jelzin im Großen Saal des Kreml seinen Parteiaustritt, sehr wirksam, vor laufenden Fernsehkameras, man hätte eine Nadel fallen hören. Dann verließ er den Saal. Empörte Rufe: »Schande, Schande«, plötzlich sehr müde wirkende Gesichter. Die Demokratische Plattform hat sich nun abgespalten und konstituiert sich als eigne Partei. Jelzin erklärte, als russischer Präsident müsse er überparteilich sein, Präsident aller Russen, der sich nicht an die Linie der KPdSU binden könne. Er hat damit weiteren Wind aus Gorbatschows Segeln genommen.
Gestreikt wurde auch in Workuta, wo Arbeiter ihre Parteibücher in einen großen Papiersack warfen.
FAZ-Reißmüller: »Nur wenn die Partei nicht mehr der Staat ist, kann der Leninismus absterben, das Grundübel in der Sowjetunion.«
*
Die FAZ setzt ihre auf Säuberung der DDR-Universitäten gerichtete Serie fort: Ralf Georg Reuth (»Weiter auf antikapitalistischem Weg. Die PDS-Gesellschaftswissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität geben nicht auf«) stellt vor allem Heinrich Fink an den Pranger. Er steht im Wege als widerständiges, weil unbelastetes Element. Dieter Segert wird an zweiter Stelle angegriffen, an dritter Michael Brie, der aber mit seinem Bruder André verwechselt und zum Wahlkampfleiter der PDS erklärt wird. Brie habe Kontakte zu Markus Wolf, wird mitgeteilt, als ob das Stasi bedeute. Dieter Klein kriegt vorgehalten, auf dem SEDParteitag vom Dezember 1989 eine wirkliche Herrschaft des Volkes, nicht eine bloße Westkopie angestrebt zu haben.
14. Juli 1990
Außer Gorbatschow und Iwaschko lauter Neue im Politbüro gewählt. Schewardnadse nicht. In der FAZ interpretiert Werner Adam es als eine Art Halbherzigkeit, fast Feigheit, dass Gorbatschow »sich nicht dazu durchringen mochte«, die sozialistische Wahl zu widerrufen und zum Kapitalismus überzugehen.
15. Juli 1990
Laut Fernsehen 400 000 auf dem Platz der Manege. Keine Rede, in der die KPdSU nicht »verbrecherisch« genannt wurde. Ihre Führer sollen vor Gericht gestellt, ihr Eigentum beschlagnahmt werden. Gorbatschow habe sich zu den »Konservativen« geschlagen. Durch seinen Austritt scheint Jelzin diese Deutung festgelegt zu haben.
Später ein Bericht über sowjetische Faschisten, schwarz uniformiert, vom Popen gesegnet, mit Judenhass und Zarenemblemen. Sie sehen tatsächlich den unsrigen ähnlich und wünschen auch, mit diesen in Kontakt zu treten. Juden verlassen zu Zehntausenden das Land, in Israel eine Wohnungskrise.
16. Juli 1990
In seinem Schlusswort sagte Gorbatschow, dies sei nicht der letzte Parteitag der KPdSU und nicht ihr Begräbnis, wie vorhergesagt worden war. »Die Kommunistische Partei lebt und wird leben. Sie wird ihren historischen Beitrag zum Fortschritt des Landes und zum Fortschritt der Weltzivilisation leisten.« Ein Rückfall in die »alten Gewohnheiten« würde den »Tod der Partei« bedeuten. Er werde »alle verfassungsmäßige Macht als sowjetischer Präsident« gebrauchen, um die Politik der Umgestaltung durchzusetzen und zu verhindern, dass irgendjemand »die Perestrojka zerbricht«.
Die Resolution »Für einen humanen, demokratischen Sozialismus« erklärt sich für die Überwindung der »historischen Spaltung der Arbeiterbewegung«, für Zusammenarbeit von »Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten, national-demokratischen Parteien sowie allen Organisationen und Bewegungen, die für Frieden, Demokratie und sozialen Fortschritt kämpfen«. Die innere Situation der SU sei bestimmt durch die Polarisierung zwischen einer »konservativ-dogmatischen Strömung«, die zurück zum autoritären Sozialismus der Vergangenheit will, und einem radikalen Antisozialismus, ja Faschismus und Monarchismus; in den nationalen Bewegungen immer mehr Chauvinismus.
Gorbatschow hat den Rückzug der KPdSU aus der Kontrolle der Massenmedien dekretiert. BBC brachte das in Zusammenhang mit der gestrigen Demonstration. Engelbrecht, den ich mit einigem Glück am Telefon erwische, sagt, der »konservative« Angriff sei dauerhaft abgewehrt. Daher sei die Demonstration auf dem Manegeplatz »die richtige Veranstaltung zum falschen Zeitpunkt« gewesen; nach dem russischen Parteitag wäre sie angemessen gewesen, jetzt nicht mehr. – Ich sage, im Fernsehen sei von 400 000 Demonstranten die Rede gewesen. E. erwidert, ich solle getrost die Hälfte streichen. Er war dort. Der Platz nur locker besetzt. Die Schaulustigen überwogen. Ein harter Kern von einigen Zigtausend umschloss die Rednertribüne. Weiter hinten zündeten die radikalen Sprüche nicht. Nicht die geballte Kampfstimmung wie im Februar oder April. Awaliani verglich er mit der SA. Dieser rechtsdemagogische Populismus sei gefährlich.
Wir hätten uns vom sinnlichen Eindruck zunächst irreführen lassen, als wir die Grundstimmung für machtkonservativ hielten. Was wir für »rechts« (er spricht diese Sprache allzu bedenkenlos) hielten, sei Ignoranz, Ungeübtheit, Verständnislosigkeit, Nicht-Mitkommen mit dem Neuen gewesen. Frei nach: Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Für das Folgenreichste hält E. rückblickend Gorbatschows Treffen mit den Sekretären der Grundorganisationen. Sie habe er gewonnen. Daraus sei ein zweiseitiger Energietransfer gefolgt. Kraft für ihn, Orientierung für die Verunsicherten.
Auf Gorbatschows Wunschliste (85 Namen) standen Gelman, Roy Medwedjew, Falin u.a. Sie hatten zwar mehr als die Hälfte der Stimmen erhalten, aber auch viele Gegenstimmen. Es bedurfte des massiven Auftretens von Gorbatschow u.a., die Beschwörung, nicht alles Erreichte des Kongresses in letzter Minute wieder zunichte zu machen, um die Delegierten dazu zu bewegen, das ZK entsprechend zu erweitern. – Der Opportunist Iwan Frolow hat es ins Politbüro geschafft. Ist aber nicht für »Ideologie« zuständig; dieses Ressort wurde Aleksandr Dsachossow (1934) übertragen, der den Ausschuss für Internationales im Obersten Sowjet leitet. Eine einzige Frau im Politbüro, anscheinend das übliche schamlose Feigenblatt: Galina Semenowa, Chefredakteurin der Zeitschrift »Krestjanka« (Die Bäuerin) seit 1981, nunmehr zuständig für Frauenfragen.
Mit Katja Maurer von der »Volkszeitung« meinen Abschlussartikel zum Parteitag vorbesprochen. Nach den Machtkonservativen wären nun die Gorbatschow-Leute zu behandeln. Allerlei Fragen von der Art, ob dies oder das »noch eine Zukunft« habe: die KPdSU, die Sowjetunion, der Sozialismus … Die nur 16 Prozent für Ligatschow eine große Überraschung. Wie zu erklären? Konzeptionslosigkeit der Machtkonservativen? Der Kultusminister, ehemals Chef des Tanganka-Theaters, zu den Delegierten: wir werden uns von der Jugend des Landes isolieren und die Beziehungen zu den Intellektuellen zerstören, wenn wir die Roy Medwedjew, Lazis, Gelman, Schatalin, Falin u.a. nicht wählen.
Die SU tut den großen Schritt von einem Wirtschaftsmodell zum anderen, das in der Logik der Dinge eigentlich nur mehr das des Westens sein kann. Zur sich neuen Konfiguration von Politik gehören der Nato-Generalsekretär, der die Feindrolle der SU für beendet erklärt, und Helmut Kohl, der eine Obergrenze der deutschen Armee und Geld und die Perspektive besonderer deutsch-sowjetischer Beziehungen anbietet.
Was verstehen die Leute um G unter »sozialistischem« Charakter der Politik? Die Rettung vor einem wilden Kapitalismus in einem drittrangigen Land.
Fragen. – Droht ein sowjetischer Bonapartismus, ein Präsidialregime mit Exekutiv-Verselbständigung auf Basis eines Klassengleichgewichts? Spricht dafür nicht die demokratisch dubiose Durchsetzung von Gorbatschows Kandidaten? Das Wiederholenlassen von Mehrheitsentscheidungen? So war freilich auch gehandelt worden, nachdem Ligatschow durch Mehrheitsentscheid von der Kandidatenliste gestrichen worden war. Oder entsprang es blindem Gehorsam, dass der kurz zuvor noch Gefeierte nicht gewählt worden ist? Nachträglich herrscht anscheinend der Eindruck, Gorbatschow habe den Kongress »total beherrscht«. NZZ erklärt Gorbatschows Erfolg mit alten Disziplin-Mechanismen und Angst vor weiterem Autoritätsverfall der KPdSU in der Öffentlichkeit.
Inwiefern ist Gorbatschow der (einzige) Garant der Umgestaltung? Ist die Angst des Westens vor seinem möglichen Verschwinden begründet?
Ist die Bewegung in den Städten, obwohl sie sich gegen Gorbatschow richtet, progressiv? Gibt es Ansätze einer nach Selbstverwaltung strebenden demokratischen Bewegung? Was bliebe andrerseits als Machtbasis der Partei? Provinz? Armee? Es sind doch wohl nicht nur die Funktionäre.
17. Juli 1990
So viele Energien in den Startlöchern, bereit zum Sprung –
Zwei Ungleichheiten: 1. Gedanken ungleich Worte; – 2. Worte ungleich Taten.
Manche sagen, Gorbatschows Text sei gut, aber unwirklich. Worte, denen nichts gefolgt sei. Und doch ist eine Revolution im Gange! Allerdings könnte sie in eine Konterrevolution münden. Dies dadurch begünstigt, dass dem Zerstören kaum ein neuer Aufbau entspricht.
25. Juli 1990
Perestrojka-Journal. – Erich Wulff, dem ich große Teile zu lesen gegeben hatte, schreibt dazu: »Es wirkt fast wie ein Drama, eine Schicksalstragödie, was da abläuft, an welcher der Seher auch nichts mehr ändern kann. Vielleicht ist ein bisschen zu kurz gekommen die rückblickende Reflexion darüber, weshalb die anderen Alternativen – Demokratisierung der DDR nach dem 9. November – sich als Illusionen erwiesen haben. Was und wann wurde Entscheidendes versäumt? Oder: gab es danach nichts mehr, was versäumt werden konnte? Irgendwann im November oder Dezember schätzt Du die Wiedervereinigungsparolen noch als ganz randständig, extrem ein – und nicht lange danach beherrschen sie nicht nur das Bild, sondern sind auch allesamt international akzeptiert.«
6. August 1990
Gestern bei Helmut Steiner, in seiner von Büchern und Papieren belagerten Wohnung am Prenzlauer Berg. Seine Frau, Roswitha März, eine Mathematikerin, hat fünf Jahre in Leningrad studiert. »Mathematiker beweisen Sätze.« Steiners Vorstellungen vom Nacharbeiten der Vergangenheit hängen noch in dieser. Das Unrecht, das den Bloch, Kofler, Trotzki zugefügt wurde, soll gutgemacht werden. Aber, sage ich, ihr verfehlt die Gegenwart.
8. August 1990
Inzwischen Jelzin angeblich »Hauptstütze« Gorbatschows. Die Stäbe der beiden arbeiten gemeinsam am Übergangsplan.
Türkei. – 75 Prozent Inflation. Hauptgrund: 50 Prozent des Staatshaushalts gehen für den Schuldendienst an westliche Banken drauf. In Istanbul würde der Durchschnittslohn gerade zum Mieten einer bescheidenen Wohnung reichen. Die guten Nachrichten gelten dem andern Extrem der Gesellschaft: Seit 1986 sind die Börsenkurse um 3000 Prozent gestiegen. Allein von Januar bis April 1990 um 50 Prozent! Der Export besteht zu 70 Prozent aus Rohstoffen, 10 Prozent sind Konsumgüter.
Börsenkrise in Tokio und New York. Die USA vor der Rezession. Die Invasion Kuwaits durch den Irak hat die Ölpreise hochgetrieben, was zusätzlich niederdrückend auf die US-Konjunktur wirkt.
9. August 1990
Von Ilse Ziegenhagen erfahren, dass »Sonntag« (DDR) und »Volkszeitung« (BRD) fusionieren.
10. August 1990
In der »Volkszeitung« schreibt Reinfried Musch: »Wenn man was zusammenholen will, was an Sozialismus-Theorie auf marxscher Grundlage in der DDR da ist, muss man es von draußen tun. Es wird von drinnen nicht mehr gehen.« Er hat das Gefühl, dass von der westlichen Linken die Situation nicht verstanden wird. »Sie wollen nicht selbst herausholen, was hier vorhanden ist, sie nehmen nur, was abfällt.« – Wenn ich nur wüsste, wie nehmen.
In der gestrigen FAZ das Entsprechende von Unternehmerseite: die Aktivität müsse vom Westen ausgehen.
16. August 1990
GB, ursprünglich Maurer, dann »Philosoph«, arbeitet jetzt als Nachtportier. Versucht, geistig am Leben zu bleiben. Will zurück in die Wissenschaft. Aber das könnte nur »mönchisch« gelingen, neben der Lohnarbeit.
Die Leitglosse der heutigen FAZ (Heike Schmoll, »Kirche nach dem Sozialismus«): »Dass Gott die Mauer zu Fall gebracht habe, ist nur ein Beispiel für Aussagen, die sich anmaßen, Gottes unbestrittenes [!] Handeln in der Geschichte direkt zu deuten und im einzelnen zu benennen.«
20. August 1990
Frigga hat eine Einladung zur Teilnahme an jenem nach dem Schneeballprinzip verfahrenden System erhalten, wo man an den Erstplazierten 30 DM überweist, so und so viele neue Leute zur Mitwirkung anwirbt und dafür auf der Liste der Berechtigten einen Platz erwirbt (den vierten), der mit jedem Durchgang eins aufrückt. Auf die Weise soll man rechnerisch nach kurzer Zeit zigtausend Mark erhalten können. In Wirklichkeit bricht die Kette irgendwann zusammen, einige haben sich bereichert, die große Menge geht leer aus, bzw. zahlt die Spesen. Da man nicht wissen kann, wann die Kette reißt, ist es ein Glücksspiel. Wir hatten von solchen geldreligiösen Praktiken gehört, pflegen alle derartigen Aufforderungen in den Papierkorb zu werfen. Aber hier zögerten wir, denn unter den vier Namen waren drei, die wir kannten, zunächst Albert E., bis vor kurzem Redakteur der »Marxistischen Blätter«, jetzt Herausgeber von »Z« (»Zeitschrift für marxistische Erneuerung«). An letzter Stelle stand Therese Dietrich, eben die, welche noch vor wenigen Wochen in unserm Ost-West-Workshop Labica referiert und danach ihr Ausscheiden aus dem marxistischen Projekt erklärt hatte. Beklemmung. Wir fühlen uns wie damals, als wir davon erfuhren, dass einer unserer langjährigen Mitforscher aus dem »Projekt Ideologietheorie«, Herbert B., der Scientology-Sekte beigetreten war.
22. August 1990
Arnold Schölzel nun PDS-Vorsitzender an der Humboldt-Uni. Micha Brie sein Stellvertreter. André Türpe kandidiert für die PDS zum Magistrat. Unsere Forschungsgruppe ist also über diese Personen stark mit von der Partie. Benno Hirschmann sagt fünf Jahre Strudel voraus, in den wir hineingezogen werden. Er spricht mit dem Triumph des gewohnheitsmäßigen Überbringers schlechter Nachrichten.
25. August 1990
In eine Liste der feigen Umbenennungen aufzunehmen: Werner Tübkes »Bauernkriegspanorama« heißt künftig »Panorama Bad Frankenhausen«.
Kapitalistische Internationale. – »Die politische Führung der Nato arbeitet im Bewusstsein, dass die heutige Welt Einzelgänge von Staaten allein wegen der wirksamsten ›Internationale‹, dem weltweiten Kommunikationsnetz von Industrie, Banken und Technik, nicht zulässt – zumindest nicht im industrialisierten Gebiet der Nordhalbkugel unserer Erde.« (Jan Reifenberg, »Von der Abschreckung zum Konsens«, in: FAZ)
Die nächste Kriegsfront. – »Der Kalte Krieg war der Dritte Weltkrieg, viel kostspieliger als der zweite«, sagte Falin. Die nächste Kriegsfront wird bereits rekognosziert. Sie erscheint als »Folge des jahrzehntelangen Luxus einer ausschließlichen Beschäftigung mit dem Ost-West-Gegensatz […]. Nukleare oder durch Androhung des Einsatzes chemischer Waffen ausgeübte Erpressung im ›Gürtel der Instabilität‹ der islamischen Staaten von Pakistan bis Marokko kann weit gefährlicher werden als zu Zeiten des Kalten Krieges.« (Reifenberg, ebd.)
26. August 1990
In meinem Radiogespräch mit Peter Huemer vom Mai zu kurz gedacht: Bipolarität der Weltordnung setzte die Dritte Welt frei. Dass jetzt der Irak der neue Feind, ist trotz aller fundamenta in re ein Vorwand: Der Feind von morgen ist die Dritte Welt. Aber so, wie das Verhungern der Vielen ein Feind der Satten ist.
Huemer gestern: Österreich wird in den deutschen Sog geraten; in 2–3 Jahren wird es eine »Identitäts«-Diskussion geben. In der BRD sieht er »die reichste Gesellschaft der gesamten Menschheitsgeschichte«. – Teresa Orozco schildert die Verwandlung der Innenstädte Ost- und Westberlins als innere Drittweltisierung.
28. August 1990
Von einer Reise in den Norden der DDR rückkehrend, erzählte Frigga von einer freundlichen, kinderreichen und –lieben Gesellschaft und einer demokratisch-egalitären Urlaubskultur an der Ostsee. Sie meint: unbrauchbar für Mercedesfahrer, weil man dort bisher keine Ausschließung kenne. Aber ohne kulinarische Kultur. Die Preise noch immer ein Witz im Vergleich zu den hiesigen.
*
Der Sinn meiner Arbeiten zur NS-Rezeption: einen Anstoß geben, ja geradezu erzwingen, dass weitergegangen werde, dass die Fragen noch einmal aufgemacht werden, darauf bauend, dass die Abstoßung der nazistischen Erfahrung ausreiche, den neu in Gang gebrachten Prozess in die entgegengesetzte Richtung laufen zu lassen. Was aber, wenn einzig Destabilisierung einer freilich schon immer scheinhaften Ordnung herauskommt, die zwar hohl, aber immerhin dem Nazismus entgegengesetzt war. Was, wenn die neue Schamlosigkeit, von der Peter Huemer gesprochen hat, die Gelegenheit nutzt?
Zurückblickend auf Kohls Visionen von deutscher Wiedervereinigung von 1986: Was damals Wunschtraum, ist heute erfüllt, ja übererfüllt, unerwartet für uns, die wir es für fern aller Realpolitik hielten. Haltepunkte (Verankerungen) der alten Weltordnung waren die Juden und der Osten, die deutsche Schuld und die aus ihr folgende Teilung. Nun aber waren die Juden beschäftigt mit den Arabern und brauchten die Unterstützung des Westens, also auch der Bundesrepublik, und der sowjetische Hegemonieraum im Osten löste sich auf. Plötzlich hatten die deutschen Unternehmer (die Konzernmanager) die Hände frei. Der riesige Akkumulationsraum (und zunächst Kapitalzerstörungsraum) des Ostens ergab sich ihnen. Reagans Hambacher Rede.
30. August 1990
Christian Meier arbeitet (in der FAZ) an folgendem Problem: Nachdem die DDR-Bürger »sich befreien wollten«, »haben sie gar nicht so selten den Eindruck, sie hätten nur die Herrschaft gewechselt«. Er kommt zurück auf sein Thema vom vergangenen Herbst: was er damals DDR-Identität nannte, nennt er jetzt »DDR-Mentalität«.
Vorgestern Abend hörte ich von Uwe Damm einiges über Ambivalenzen im Arbeiterbewusstsein der DDR. Man muss selbst Äußerungen der Resignation und Absage an die eigenen Kräfte sehr sorgfältig lesen. Uwe hat eine subversive Hermeneutik entwickelt. Denkt mit den Händen. Formuliert nah an den Arbeitenden.
September 1990
Jiří Kosta erklärte in einem Gespräch in der Augustnummer der Neuen Gesellschaft den Dritten Weg und die sozialistische Marktwirtschaft für Irrtümer. Den Begriff »Demokratischer Sozialismus« könne man behalten, wenn geklärt sei, dass es sich dabei um eine Orientierung an den Grundwerten Freiheit, Gleichheit, Solidarität handeln muss, die ein innerkapitalistisches Korrektiv anstrebt. Als mitteleuropäische Erfahrung (vor allem der Ungarn) gibt er zu verstehen, dass eine Mischwirtschaft nicht funktioniere und dass er sich die »soziale und ökologische Marktwirtschaft« nur als kapitalistische vorstellen kann.
*
Die BRD war unfähig, der RAF jenen Rückzug aus dem Terror offen zu lassen, den die Existenz der DDR möglich machte. Inge Vietts offener Brief an ihr magdeburger Arbeitskollektiv schildert die DDR als einen Staat, dessen Leitwerte sie akzeptierte. Joscha Schmierer, der ihren Brief in der Augustnummer der »Kommune« zitiert, liest aus den Verwicklungen eine typisch deutsche tragische Farce heraus. Die BRD hält krampfhaft den Mythos einer ungebrochenen Kontinuität der RAF aufrecht. – Im Übrigen scheint Schmierer der Versuchung nachzugeben, den Kapitalismus nun, da er gesiegt hat, für ebenso irreal zu erklären wie den besiegten Sozialismus. – Metastasen linken Bewusstseins. Welcher Konformitätsdruck wird nun auf uns wirken?
7. September 1990, Ortisei
Pluraler Marxismus. – Ist es zu spät, den dritten Band zu veröffentlichen? Unversehens renne ich nicht einmal mehr offene Türen ein, sondern da sind keine kriegssozialistischen Mauern mehr, vielmehr ist da eine neue Mauer, erbaut aus Geschwätz, welches das Schweigen über die Hauptsache kaschiert. Was gegenwärtig, nach dem Untergang des Marxismus-Leninismus als Offizialideologie des befehlsadministrativen Regimes, an Kritik post mortem geübt wird, steht unter dem Verdacht aller nachträglichen Kritik an Besiegten: Nachher ist man nicht vor allem klüger, sondern es ist opportun, das Gestürzte zu treten. Manche der Mitmacher des Alten machen schon wieder mit.
Diesem Verdacht könnten die Beiträge meines dritten Bandes nicht ausgesetzt werden. 1. Historisierung des Projekts die Voraussetzung. 2. Bewertung meiner Beiträge zur »Widerspiegelungs-Diskussion« vom Standpunkt der Frage, was sie beitragen zur Archäologie des künftigen Marxismus. 3. Verselbständigung der angekündigten Beiträge zur Politik des Kulturellen.
Die unfreiwillig komische, blamierte Losung der DDR-Führung: den Kapitalismus zu überholen, ohne ihn einzuholen, in der mehr Sinn steckte als im Triumph über den Untergang der DDR, passt auf den Streit, dessen eine Seite in diesem Buch festgehalten ist: Scheint diese ganze Diskussion überholt, so ist sie doch nicht eingeholt.
Wenn es heute um rettende Kritik in den Trümmern geht, um Unterscheidungsvermögen –
Wenn man mir heute, mit dem Rücken zum siegreichen Kapitalismus, vorwirft, ich hätte seinerzeit nicht völlig gebrochen, sondern Ja, aber … gesagt, so ist dies auf eine Weise richtig: Ich hatte das klassische Terrain, also das Terrain der Klassiker, das der ML beanspruchte, als Kampffeld akzeptiert. Im Klassikerauftrag zu handeln, war das Imaginäre des befehlsadministrativen Sozialismus. Insofern stellten meine Einwände immanente Kritik dar, ging es doch auch darum, die Bruchstellen zwischen dem Gedankenmaterial, aus dem dieses Imaginäre sich aufbaute, und der wirklichen Basis dieses Imaginären aufzudecken. Dabei nicht zu vergessen die partiellen Entsprechungen zwischen jener Basis, den befehlsadministrativen Produktionsverhältnissen, und diesem Material, mit dem die Fassade des ideologischen Überbaus verkleidet war.
Pluraler Marxismus – Formel für Beliebigkeit? Dagegen: Vom IMSF zur SPD gewandert der Vorwurf, ich würde bestimmen, was Marxismus sei und was nicht.
Schwäche: Nicht Kritik der avancierten bürgerlichen Theorien, sondern Sich-Freistrampeln im Veralteten.
29. September 1990, Berlin
Folge der Annexion Kuwaits durch den Irak: In Rotterdam der Ölpreis bei 41,5 USD, obwohl der US-Präsident 10 Prozent der nationalen Ölreserve hat verkaufen lassen. Das wird Inflation und Zinsen hochtreiben, die Depression in den USA kann zur großen Krise werden. Schon jetzt der Staatshaushalt am Rande des Chaos. Zu alledem saugt Japan Geld zurück aus den USA, weil die fallenden Börsenkurse das Wertpapiervermögen der Banken reduziert haben. Die Grundstückpreise in den USA fallen, weil Anlagen verflüssigt werden müssen.
Die BRD verschuldet sich wegen der DDR, wo man derzeit »Besetzung« und »Vergewaltigung« erfährt, Begriffe, die selbst im noch drei Tage amtierenden CDU-Kabinett verwendet werden. Bitterkeit auf einem Hintergrund der Angst. Die Oktoberrevolutionäre geschasst. Die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften sollen systematisch ruiniert werden. Eine der Waffen ist ausgerechnet das Staatseigentum an Grund und Boden. Staatseigentum, vormals zur Vorenthaltung von realer Vergesellschaftung dienend, dient nun zur Entgesellschaftung.
Überraschend durchs Bundesverfassungsgericht das Wahlgesetz verworfen, das eigens zugunsten der rechtskonservativen DSU und zur Vernichtung der PDS gemacht worden war. PDS und Bürgerinitiativen kriegen plötzlich doch noch eine Chance.
»Kindergipfel« der UNICEF: als bildeten Kinder als solche eine Interessengruppe, also hungerten Kinder und nicht junge genau wie ältere Arme. Kinder als Kategorie quer zu den Klassen.
30. September 1990
Traum von meinem Vater. Er stand an meinem Bett, und schien sich zu entschuldigen, dass es ihm nie leicht gefallen sei, Liebe zu zeigen. Ich sagte: Ich hätte mir nicht vorgestellt, dass es ohne dich so schwer sein würde. Er umarmte mich, hob mich dabei hoch. Ich war wohl wieder ein Kind. Die Tränen schossen mir in die Augen. Aber es war klar, mir würde Kraft zuwachsen. – Zu denken, was für ein verhutzelter Männerembryo er war, als ich ihn zuletzt lebend sah.
*
Aus Mexiko Bolívar Echeverría zu Besuch. Er sprach über die arabische Gegenmodernisierung als Reaktion auf schlechte Modernisierung. Sieht den deutschen Kapitalismus in der Pflicht, den Osten bis Sibirien zu modernisieren und sich zu subsumieren.
Weil Subsistenz nicht viel mehr als nichts kostete, sei die Arbeitskraft in der DDR keine Ware gewesen. Die sozialistischen Länder hatten die Grundversorgung als Ziel. Dagegen sieht Bolívar heute im Sozialismus die Perspektive der Befreiung des Marktes. Folglich habe Lenin unrecht, wenn er in der Ware schon das Kapital angelegt sieht. Man müsse den Einschnitt zwischen dem ersten und dem zweiten Abschnitt bei Marx ungeheuer stark lesen. Eingreifen heiße zerstören; das Kapital greife ein. Kurz, Bolívar versucht, die Rehabilitierung des Marktes zu Marx zurückzuverlegen.
Fidel Castro sei im Kriegskommunismus befangen; ein Kapitän, der mit dem Schiff unterzugehen sich anschicke. Im Gegensatz dazu hält Bolívar die Regierungsabgabe der Sandinisten für »ganz logisch«. Ungeheuer wichtig, dass sie die Armee behalten haben. Die ökonomische Krise völlig ungelöst. Die Sandinisten suchen zusammen mit der bürgerlichen Regierung nach einer Lösung.
Bolívar erzählte vom »theoretischen Stierkampf« (corrida de toros) um Octavio Paz (Agnes Heller, Cornelius Castoriadis, Peter Sloterdijk und 15 andere): Das Ende des Kommunismus, Zeit des Liberalismus. Erhielten für ihre Inszenierung beste Sendezeiten. Die Linke eingeschüchtert. Carlos Monsiváis war der eingeladene Lizenz-Linke. Als er auf Paz, der alles erdenklich Schlechte von den Linken behauptet hatte, erwidern wollte, schnitt man ihm das Wort ab. Tags darauf replizierte er in La Jornada. In der Folge meldeten sich immer mehr Intellektuelle zu Wort, dazu der Politologenkongress. Pablo Gonzalez Casanova, der auf diesem Kongress eine Rede über die Lage der Sozialwissenschaften Lateinamerikas gehalten hat, soll zu Armando Hart gesagt haben: »In Kuba braucht ihr eine zweite Revolution.«
Die von Bolívar mitherausgegebene Zeitschrift Cuadernos Políticos unterbricht fürs erste ihr Erscheinen. »Wir brauchen zunächst einige Zeit zum Nachdenken.«
Bolívar arbeitet über Barock in Lateinamerika. Leitet die spezifische Diskursweise von diesem Phänomen her. Barock als Modernitätsform. Z.B. existiere die Bedeutung »nein« nicht. Um zu negieren, benützten sie »ja, ja«. Das Wesentliche wird im Nebensächlichen bedeutet.
Als erste Kulturpolitik der Geschichte sieht er die der Jesuiten des 17. Jahrhunderts: Dammbau gegen die Reformation.
*
Zum »Veralteten« der DDR gehörte die Orientierung auf Schriftkultur. Das Buch. Die Zeitschrift.
Wieso der Platinpreis fällt: Man rechnet mit Rezession (Krise), daher mit weniger Investition in Umweltschutz, für den Platin gebraucht wird.
1. Oktober 1990
Die USA drängen sich der westlichen Welt als Söldner auf, sagte Bolívar. Sie wollen den Krieg und haben nun wenigstens den Kriegszustand.
Panik an der Börse von Tokio. Die Kurse halbiert im Vergleich zum Jahresbeginn.
Zum ersten Mal Schüsse bei einer PDS-Veranstaltung.
*
BVG-Urteil zum Wahlgesetz. – Parteien der DDR müssten dort 23,75 Prozent der Stimmen erhalten, um insgesamt über die 5-Prozent-Hürde zu gelangen. Bundesdeutsche Parteien, die einzig im Bundesgebiet kandidieren würden, bräuchten stattdessen nur 6 statt wie bisher 5 Prozent. Das wäre als Ungleichbehandlung anfechtbar. Die FAZ (Fromme) sauer auf das Verfassungsgericht.
Vorbesprechung der Volks-Universität 1991. – Ina Merkel gegen das Deutschland-Thema. Die DDR-Bürger wollten endlich etwas über die weite Welt wissen. Weder Nabelschau noch deutsche Selbstablehnung. Ina kicherte fortwährend, aber es lauerten Tränen.
Bis zur körperlichen Attacke soll André Brie, gegen den »Revisionismus« seines Vaters wütend, gegangen sein. Ehedem Kampfgruppenführer. Michael erwähnte es, als ich von den bitter herabgezogenen Mundwinkeln seines Bruders sprach.
*
Unendlich schwierig und sehr notwendig, gerade jetzt als Linker die Widersprüchlichkeit der Situation zu denken. Von Eckart Spoo einen Rundbrief, worin er einseitig richtige Äußerungen von Steinkühler zitiert, die er entgegengesetzt einseitig richtig kritisiert. – Steinkühler schreibt in Metall, die Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober biete der Menschheit »eine neue, vielleicht sogar eine allerletzte Chance«. – Spoo: »Gesamtdeutschland als letzte Chance der Menschheit? Geht es nicht eine Nummer kleiner?« – Steinkühler näher an der Wahrheit. Jetzt ist Weltinnenpolitik möglich geworden, ohne dass im mindesten sicher wäre, dass wir nicht nur westlichen Imperialismus-der-Sieger bekommen. Aber die deutsche Vereinigung ist ja nur Ausdruck einer globalen Änderung, die der Menschheit tatsächlich eine letzte Bewährungsprobe einräumt.
2. Oktober 1990
Tengelmann inseriert in der FAZ ganzseitig: »Wir freuen uns auf Deutschland«. Dto. die Dresdner Bank: »Mit dem 3. Oktober beginnt für uns und für alle Deutschen der Aufbruch in eine neue Zeit.«
Gestern Abend mit Michael Brie im »Haus des Welthandels« an der Friedrichstraße: im Erdgeschoß bereits Kaisers Kaffeegeschäft von Tengelmann eingezogen.
Verliererseite: Die PDS hat aus Furcht vor Terroranschlägen ihre für heute Abend geplante Großkundgebung abgesagt. – Siegerseite: Die FAZ hat zur Feier des Einheitstages den Umbruch verändert: Leitartikel quer über eine halbe Seite. Mehr denn je Regierungsblatt. Kohl füllt eine Seite mit Sätzen wie: Nun ist »der geistige Klammergriff der kommunistischen Ideologie beseitigt«. De Maizière fungiert nur in einem Inserat der Bundesbahn.
Ina Merkel gestern voller Unbehagen über das Unbehagen an Deutschland. Aber sie empfindet es selbst. Auch ich werde der Sache nicht froh. Die Machtverdichtung hier wird uns als Subjekte hinterrücks mitverwandeln, weil sie die Art, in der wir als Deutsche in die Welt eingeschrieben sind, verändern wird. Für die anderen sind wir nun einmal Repräsentanten bzw. Partizipanten Deutschlands.
Pit Jehle bemerkte die systemische Intelligenz einer Staatsordnung, in der es mehrere Instanzen gibt, deren keine gänzlich kompetent ist. Selbst die Generalkompetenz der Zweidrittelmehrheit des Parlaments vielfach gebrochen. Jetzt das BVG-Urteil. U.a. hatte die »verabscheute« PDS zum ersten Mal das Verfassungsgericht angerufen und gleich Recht bekommen. Das ist eine bemerkenswerte Verfassungslektion, die da der PDS erteilt wird. Die Instanzen könnten einander freilich auch blockieren.
*
Die enorme Erleichterung wird überlagert vom Eroberergestus der bundesdeutschen Herrschenden und Machthabenden. Mehrere Siege, die einander durchkreuzen. Obenauf die Kreuzzügler des »Privateigentums«, nein: des Kapitalismus.
Jens Jessen (FAZ, 29.9.): »Wiedervereinigung« = »Entmachtung einer ganzen Priesterkaste«. »Noch ehe den deutschen Intellektuellen mangelnde Unterstützung des Wiedervereinigungsprozesses vorgeworfen werden konnte, verstanden sie, dass der Vereinigungsprozess gegen sie gerichtet war.« F. K. Fromme ebenda über »das stille Zusammensinken der DDR«.
*
Michael Brie hielt seine erste Vorlesung zu Luhmanns Artikel übers Ende der DDR. »Was lernen die Landtiere aus dem Verenden der Fische? Nichts!«
2. Oktober 1990 (2)
Im Gorki-Theater bei der Abschiedsvorstellung der DDR. Klaus Pierwoß, der als Dramaturg an dieses Theater gegangen ist, hat mich eingeladen. Die Schauspieler und Schriftsteller sitzen im Licht, eine stille Feierlichkeit des Saales auf sie gerichtet wie auf ein stellvertretendes Wir. Volker Braun liest die »Kolonie«, eine Kafka-Paraphrase vom Frühjahr 1989, die noch immer prophetisch wirkt, obwohl sie schon mehrfach veröffentlicht ist, darunter auch im Argument. Ich registriere diesen Unterschied unserer Textproduktionen, dass diese Wirkung mir verwehrt ist. Ich muss meine schwitzende Unvollkommenheit beim möglichst klaren Sagen immer wieder neu anstrengen.
Volker, klassisch: »Ich bleibe hier, mein Land geht in den Westen …«. Ein anderer liest von Thomas Brasch: »Bleiben will ich, wo ich niemals war …« Biermann: »Das bisherige Stück ist aus. Nun habe ich endlich nicht mehr Recht.« Heißt: Recht gegen seinesgleichen. Und Heiner Müller: »Dies ist eine Zeit, in der man die Lehren vergraben muss, so tief, dass die Hunde nicht rankommen.«
Nicht mehr Recht haben gegen Mächtige, die sich auf dieselbe Tradition wie wir berufen. Jetzt predigen wir, ganz normal, den Fischen. Jetzt haben wir »Recht« gegen Mechanismen.
Nach der Pause muss ich aufs Diskussionspodium. Wenn vorher Feierlichkeit die literarische Nostalgie entgegennahm, so lässt der Saal nun den Hund raus nach einem Zwischenruf, warum keine Frauen auf dem Podium. Lasse mich von Pierwoß, der das zu verantworten hat, in den sicheren Untergang schicken. Analyseversuche gehen im Lärm unter. Ich habe kein Glück bei meinen öffentlichen Auftritten in der DDR. Das Gefühl, hier nichts zu suchen zu haben. Ursula Werner, die man schließlich zur Ausfüllung der Frauenrolle aufs Podium geholt hat: »Wenn uns jetzt die Gesellschaft der Warenproduktion überrollt …«, und Langhoff sieht die Zahnärzte und Gynäkologen mit ihren brillantenbehängten Damen das Theater besetzen. Als Lyrik die Nostalgie peinlich, als politische Meinung unerträglich. Neben mir Frank Castorf, der an der Volksbühne Aufsehen erregt hat mit seiner Inszenierung der Räuber. Für ihn ist die Bombe (werfen) das politische Ding an sich, von dem abgebracht zu werden die Kunst freisetzt.
Ich versuche, etwas über den Funktionswandel des Theaters nach der Freisetzung der Öffentlichkeit zu sagen. Vor allem versuche ich, die Zweideutigkeit der Situation in Worte zu fassen, die Überlagerung von Erleichterung und Bedrückung. Einerseits eine Befreiung; dem Zensurstaat nicht nachzuweinen. Andrerseits kommt die Emanzipation als Unterordnung. Aber nicht zu leugnen, dass der Bundesrepublik auch eine eigne Dignität zugewachsen ist. Unglück, wenn die Intellektuellen drinnen jammern, während das Volk draußen feiert. Wir sind getrennt von der Freude des Volkes. Das ist ein Unglück. Auf dem Podium nimmt keiner den Faden auf. Nur aus dem Publikum erhalte ich Schützenhilfe von Claus-Henning Bachmann, der über die Volksuni als Versuch, Intellektuelle und Volk zusammenzubringen, spricht und an seine Prägung vom »wissenschaftlichen Volksfest« erinnert.
3. Oktober 1990
Als es auf Mitternacht zuging, schoben Anneli, Arne (die Tochter) und Volker Braun und ich uns mit der, durch die, gegen die Menge dem Brandenburger Tor entgegen, das wir aber nicht erreichten. Die Straße Unter den Linden war mit einer Million zertretener Plastikbecher und unzähligen leeren Flaschen und Dosen bedeckt.
In unvorstellbarem Gedränge erreichte ich den Bahnsteig, quetschte mich in einen total überfüllten Zug, der an ebenso überfüllten Bahnsteigen vorbei zum Zoo fuhr.
*
Mathias Schreiber zieht (in der FAZ vom 29.9.) über Lafontaine her, weil dieser »übereilt die gerade mühsam erworbene Einheit-in-Freiheit an das ›Europäische‹ abtreten möchte«. Führt einen ungenannten SPDler vor, weil dieser der DDR empfohlen haben soll, es doch eher mit Österreich zu probieren. Lafontaines Bemerkung, auch Gesamtdeutschland sei ein Provisorium, weil ja Europa konstituiert werden müsse, kontert er im Carl-Schmitt-Ton: »Die Taktlosigkeit solcher Witzeleien entspricht der Unangemessenheit provisorischen Verhaltens in entscheidenden Situationen.« Das erste Mal, dass ich in der FAZ Kursivdruck gesehen habe. Selbst typographisch herrscht der Ausnahmezustand.
Morgan Stanley rechnet damit, dass in Deutschland die Zinsen auf über 10 Prozent steigen, woanders noch höher, weil aus der BRD wegen der Ostinvestitionen enorm viel weniger Kapital exportiert werden wird. »Schwere Schläge« werde das »außerdeutsche Europa« erleiden durch steigende Ölpreise und höhere Kapitalkosten. Was aber, wenn Weltwirtschaftskrise? Wie schlüge diese nach Deutschland herein? Hier denken sie nicht weiter.
Die Schieder-Gruppe, mit 1,17 Mrd DM Umsatz stärkstes Möbelkapital Europas, baut in Polen aus. Bislang 95 Prozent der dortigen Produktion in den Westen exportiert. Terms of trade: Holz kostet 50 Prozent im Vergleich zu hier, Arbeit weniger als 10 Prozent (220 DM pro Monat, Überstunden am Wochenende mit Handkuss, Krankenquote die Hälfte im Vergleich zur BRD). In Polen nun zwei neue Polstermöbelwerke fürs »untere Preissegment«, in Ostberlin eines fürs mittlere. Ein Ausdehnungshemmnis: die Bundesrepublik lässt polnische Auszubildende nicht ins Land.
4. Oktober 1990
Erhaschte Bruchstücke zweier Sendungen, von einer jener unzähligen »Talkshows« (welch ein Sprachbastard!) und einer Sendung aus Weimar, wo Jugendliche aus Erlangen und solche aus der DDR ihre Meinung sagen durften. Erstere gemütlich-langweilig. Die DDR-Jungen eine Überraschung: genau blickend, unberauscht.
»In den Schoß gefallen« ist den (uns) Deutschen diese Einheit. »Geschichte« passiv, tangential zur aktiven Geschichte: am Rande der Perestrojka.
Was versagt hatte: die Zentralverwaltung durch eine Staatspartei, die entsprechende Produktionsverhältnisse mit einem strukturhomologen politischen und ideologischen Überbau versah. Wenn eine Partei diktiert, dehnt sich der Staat überall dorthin aus, wo sie zugange ist, und holt auch die Diktierende in sich hinein. Die Parteiverhältnisse werden staatsförmig. Es ist ein absolutistischer Staat, der rekrutiert und kooptiert, gesichert durch universelle Kontrolle (informationelle Durchdringung, Disposition über Chancen und Sanktionen, Repression). Nicht feudal, aber absolutistisch: der moderne Fürst. Aufgeklärt, informiert durch Marx, Engels und Lenin: So hat mir das schon vor einem Menschenalter der Architekt Weise erklärt, einer der Erbauer der Stalinallee. Deren Symmetrie demonstriert eine absolute Generalvernunft. In ästhetischer Form drückt sie die reale Subsumtion der Gesellschaft unter den Staat aus.
Das Ersticken von Initiative antisozialistisch. Der Staat hochwidersprüchlich: unmittelbare Bedingung von Sozialismus und antisozialistische Tatsache in einem. Letztere hat den Sozialismus bestimmt.
Man müsste im öffentlichen Diskurs das interessierte Amalgam aus Kapital und dezentraler Handlungsstruktur auseinanderlegen. Zumal die Imperien des transnationalen Kapitals Transversalstaaten sind, die Profitkriterien als Korrekturinstanz gegen bloßen Administrationismus haben.
*
Verfassungsgerichtsurteil: Spontan sagte ich mir, »es gibt noch Richter«. Bei zweitem Überlegen: das Urteil auch ein Schachzug gegen die SPD. Diese hatte ja vor allem die Ausschaltung der Linkskonkurrenz PDS betrieben, um widerstrebende Linke zu zwingen, wieder einmal das kleinere Übel SPD zu wählen. Nun werden die Stimmen sich aufsplittern, und die linken Teile werden sich nicht wie Teile einer Linken verhalten können. Dennoch das Urteil gut für die Linke, zumal der Sieg der Konservativen ohnehin gesichert erscheint. Wenigstens Aspekte von Übergang, Experiment und Neuerungschance werden gegeben sein.
Vom DDR-Staat schreibt Fromme in der heutigen FAZ, dass er »den Zugang zum Innern des Menschen nicht fand«. Reißmüller, unzufrieden damit, dass Bundespräsident von Weizsäcker der Jugendrevolte von 1968 »ein demokratisches Verdienst« zugesprochen hat: »Auf den roten Fahnen der Marschierer von damals stand nicht Demokratie, sondern Gewalt, Rohheit, Zerstörung.« Sehen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in spätbourgeoisen Augen so aus?
Der Vizepräsident der Bundesbank (Schlesinger): Die konjunkturellen Voraussetzungen der BRD für die »Vereinigung« »könnten kaum besser sein«.
Die FAZ, in der noch immer Konzerne in ganzseitigen Anzeigen Deutschland (be)grüßen, verbraucht unendlich viel Platz für Stimmungsberichte. Eine große nationale Sektparty hält an. Nichts spiegelt sich in solchen Medien von der Skepsis vieler. Bei Butter-Beck murmelte die Verkäuferin am 2.10.: »ein Trauertag«.
Im ZDF die erste Sitzung des um Volkskammerabgeordnete erweiterten Bundestags. Dass Ullmann und Gysi ihre Jungfernreden hielten, wurde erwähnt, aber kein Wort davon gesendet, nur die beiden Kahlköpfe wurden gezeigt. Im Ost-Fernsehen dagegen kriegte jeder ein paar Sekunden. Man hat die dortigen Redakteure noch nicht ausgewechselt.
5. Oktober 1990
Der US-Dollar auf historischem Tiefstand, nachdem die Fed verlauten ließ, man wolle keine neuen Zinssteigerungen. Um dennoch, in Konkurrenz mit dem deutschen Kapitalbedarf, Geld ins Land zu kriegen, muss man das eigene für die Ausländer verbilligen: billiger Dollar als Ersatz für teures Geld.
Barbier weitet in der FAZ hierfür den Begriff des Teilens aus: Nachdem alle Politiker davon gesprochen haben, im neuen Deutschland müssten die Reicheren mit den Ärmeren (d.h. denen aus der DDR) teilen, die Regierung der Reichen aber entsprechende Steuererhöhungen (vor den Wahlen) ausschließt, erklärt die FAZ nun die Finanzierung über den Kapitalmarkt »mit ihrer rationierenden Wirkung« zu einer Form des Teilens, weil diese Kreditaufnahmen die Zinsen hochtreiben. Natürlich schweigt das vom Nehmen, blendet die Zinsnehmer aus.
In der BRD nahm die Arbeitslosigkeit im September um 85 000 ab (auf 1,73 Mio), in der DDR nahm sie um 83 500 zu und stieg auf 450 000. Das sieht nach einem Nullsummenspiel aus: was die DDR verliert, gewinnt die BRD. Das täuscht aber. In der DDR nahmen die Kurzarbeiter um 271 700 auf 1,8 Mio zu, und das Neusprech wurde um den paradoxen Euphemismus »Nullarbeit« bereichert. Mindestens 20 Prozent der »Kurzarbeiter« sind auf »Nullarbeit« gesetzt, also »Nullkurzarbeiter« oder kaschierte Arbeitslose, was deren Zahl fast verdoppelt. Seit dem Vorjahr hat die Zahl der Arbeitsplätze in der BRD um 700 000 zugenommen.
Zum Auftakt der deutschen Einheit alle Generäle der NVA entlassen, ebenso alle Regionaldirektoren der »Treuhand«, die man durch westdeutsche Unternehmer bzw. deren Manager ersetzt.
Vietnam lehnt sich an China an.
6. Oktober 1990
Ligatschow nannte die Rechts-links-Unterscheidung im gegenwärtigen politischen Spektrum der SU »primitiv«. Hauptgegner der KPdSU seien »national-separatistische und revisionistische (?) Kräfte«, die einen »bourgeoisen Entwicklungsweg« bei Auflösung der Sowjetunion wollten. L. schreibt an seinen Erinnerungen.
*
Klaus Bochmann erzählt, sein Ältester (Martin, 14), der nie etwas für die FdJ übriggehabt hat, sei am Tag der Einheit im Blauhemd zur Schule gegangen. Seine Clique hatte das so verabredet.
Brief von Kathrin A., jener Pädagogikstudentin aus Leipzig, die in Philosophie (oder war es »Gesellschaftswissenschaft«?) eine Abschlussarbeit über meine Schriften machen sollte. Auch dieses Projekt einer nachholenden Rezeption ist nun abgebrochen.
Obwohl in Zeitnot, schreibe ich ihr postwendend: Dein Brief hat mich bewegt, mehr, als Du annehmen magst. Seine Trauer steckte mich an, denn die Erfahrungen, die wir mit der neuen Einheit auf unseren Tätigkeitsgebieten inzwischen machen konnten, stimmen nicht froh. Aus der Ex-DDR spüren wir einen enormen Opportunitätsdruck, der es noch schwerer macht, kritische Positionen aufrechtzuerhalten. Dazu bedrückt es, ohnmächtiger Zeuge zu sein, wie unsere Herrschenden generalstabsmäßig die Machtpositionen besetzen, als wäre da ein Krieg verloren worden, und wie sie außerhalb aller Demokratie einen Kreuzzug des Kapitalismus gegen alle ihm nicht unmittelbar subsumierten Eigentumsformen durchführen (ich denke vor allem an Genossenschaften). Vieles, was jetzt passiert, ist mir zuwider. Zumal, was Du aus der Hochschullandschaft schilderst. Fred Jameson, ein amerikanischer Marxist (ja, das gibt es), den ich heute traf, verglich die Art, wie der BRD-Staat mit der DDR umspringt, mit der Besetzung der Südstaaten durch den Norden nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Offenbar hat man auch damals zielgerichtet jegliche politische Eigenständigkeit zerstört. – Und doch fiel mir beim dritten Überlegen auf, dass mir viel wohler sein könnte, wenn Du und Deine Generation nicht mit Nostalgie reagierten. Nachweinen können wir dem, was als bessere Möglichkeit für einen viel zu kurzen historischen Moment aufschien, nicht aber dem alten Regime. Und weil dieses in Wahrheit schon lange keine Zukunft mehr hatte und also auch jemandem wie Dir keine bieten konnte, ist Dein, wie Du schreibst, »eigenartiges Gefühl, mit 22 Jahren eine Vergangenheit zu haben«, eine Selbsttäuschung. Es ist vielleicht doch das Ende einer vormundschaftlichen Imagination, was Du mit derart gemischten Gefühlen nur halbklar registrierst. Nicht dass es keine Hoffnungen und Ziele gäbe, um die jetzt gebangt werden muss. In jenem Imaginären steckt auch unendlich Wertvolles und hoffentlich irgendwann einmal Zukunftsfähiges, das jetzt unterschiedslos niedergemacht werden soll. Um es zu retten, müssen wir es aber kritisieren und ins Illusionslose übersetzen. Momentan fürchte ich mich vor der Rückblickshaltung, die Dein Brief ausdrückt, weil sie erwarten lässt, dass Dich so die einzig wirkliche Zukunft gleichsam von hinten ereilt. Es ist nicht einmal auszuschließen, dass diese Rückwärtsgewandtheit bei vielen nur ein kurzes Durchgangsstadium ist, um sich später desto rückhaltloser nach der neuen Decke zu strecken. – Es geht mir mit diesen Andeutungen nicht um Altersweisheiten, wie Du als jemand, die noch in der Straße der Jugend wohnt, annehmen magst: sondern um die Verteidigung einer Hoffnung, die ich in Dich und Deinesgleichen setze. Bitte schreibe, wie es Dir weiter ergeht, und schau mal wieder vorbei. Ich schicke Dir mit gleicher Post mein »Perestrojka-Journal«, von dem ich vermutlich erzählt habe. Bin neugierig zu erfahren, was Dir daran fremd ist und ob es etwas gibt, wo unsere Welten zusammenhängen.
7. Oktober 1990
Sibylle Haberditzl schreibt zum Perestrojka-Journal: »Ich habe heut Nacht bis 1/2 vier Uhr früh in Deinem Journal gelesen und möchte Dir für Deine Arbeit und Ungeschminktheit danken. Viele Einzelheiten sind da wie Eislers Fliege in Bernstein aufbewahrt, sehr bewegend und nützlich. Ein Meisterstück Deine und Friggas Aufzeichnungen aus Moskau. – Die Silvesterfeier mit den Eisler-Liedern7 war übrigens erst 1969/70 – also noch zwei Jahre länger war Eisler hier unbekannt.«
*
Schewardnadse auf der 45. UNO-Vollversammlung: Das Ende des Kalten Krieges ermöglicht die Renaissance der UNO. Ein »Lichtjahr« Entfernung zurückgelegt seit 1989. Die Zwangsmaßnahmen gegen den Irak artikuliert er als Ausdruck des Neuen Denkens mit seiner Dominanz gesamtmenschlicher Interessen. Seine Aussagen beschreiben aber natürlich keinen Zustand, sondern ein Seinsollen, eine Bestrebung, die hegemonial werden soll: »Von nun an ist die Weltgemeinschaft gewillt, nach einheitlichen Normen zu handeln.« Daraus folgt: »Dass der Rüstungsstand eines Landes nicht sein ausschließliches Recht und seine Prärogative sein, dass ihm in dieser Hinsicht nicht freie Hand gelassen werden darf.« Die UNO soll mit militärischer Exekutive ausgestattet werden. – Schewardnadse sieht die Gefahr, dass auf den Eisernen Vorhang der Elendsvorhang zwischen Norden und Süden folgt. Die UNO soll sich gegen wissenschaftlich-technischen Monopolismus einsetzen.
In der FAZ vom 15.9.90 berichtet Walter Haubrich über die von Octavio Paz organisierte Intellektuellenkonferenz, von der mir Bolívar Echeverría erzählt hat. »Semprun konstatierte erfreut das Verschwinden des Parteien und Regierungen eng verbundenen ›organischen‹ Intellektuellen, der er selbst ja als Mitglied des Politbüros der KP Spaniens gewesen war, und meinte, die westliche Linke habe die Dissidenten in Osteuropa nicht genügend unterstützt. Die Marktwirtschaft […] habe endgültig [!] ihre Überlegenheit bewiesen, und die Geschichte habe gezeigt, dass die Arbeiterklasse nicht die Gesellschaft führen könne. Als ›organische‹ Intellektuelle im Sinne Sempruns wurden […] auch Heidegger und Lukács wegen ihrer Unterstützung totalitärer Diktaturen kritisiert. Dagegen pries der ungarische Philosoph Ferenc Feher [in der FAZ: Seher] den tschechoslowakischen Präsidenten Vaclav Hável als Beispiel eines ›unorganischen, aktiven, post-machiavellistischen Intellektuellen‹.«
Hans-Christoph Rauh, der mich noch vor kurzem (1988?), als das in seinem Land noch einer üblen Nachrede gleichkam, zum Postmarxisten machte, ist jetzt Postmarxist.
9. Oktober 1990, Flug nach Stuttgart
Die Mauer aus der Luft – nur mehr eine Schneise in der Landschaft, eine Straße vielleicht; ich meine schon zu sehen, wie sich diese Verletzung der Landschaft wieder schließt, allenfalls Narben hinterlassend, wie einmal der römische Limes.
Die bisherige Weltordnung des Ost-West-Antagonismus definierte für unsere Mächtigen übermächtige Zwänge, auf die sie Rücksicht zu nehmen hatten. Wer zu den Herrschenden antagonistisch stand, konnte sich gleichsam an jene Struktur anlehnen. Für die Bundesrepublik hieß das: das Deutsch-Nationale war durchkreuzt. Jetzt ist diese Blockierung weg; wir sind mit unseren Herren und unseren politischen Antagonismen allein.
*
Analysiert man die Gemengelage der Motivationen genau, zeigt sich, dass viele heimlich der Diktatur nachweinen. Mein Journal ein Probemedium, damit der Umbau nachvollziehbar, Treue im Verrat.
9. Oktober 1990 (2)
Vom Flughafen zu Theo Bergmann. Er ist Spitzenkandidat der Linken Liste/PDS. Finde ihn vom Laster der Politiker eingeholt: ruppig-schnelle Urteile, schwach im Zuhören.
Lesung aus dem Perestrojka-Journal in Stuttgart: Wendelin Niedlich, dieser Glücksfall eines Buchhändlers, fand mich zu romantisch. Die Träume zu sehr im Vordergrund.
10. Oktober 1990
Als es meiner Mutter schlecht ging, sah in einem Sessel ihre Mutter, im anderen mein Vater. Die Toten stehen ihr bei. Ihre Toten.
*
Abends, als ich durch Stuttgarts Innenstadt der Buchhandlung Niedlich zustrebe, meine ich zu sehen, dass diese multinationale Straßenbevölkerung das Proletariat von heute sei.
In der Diskussion wendet sich jemand gegen »das Gerede von der Revolution« in der DDR: kein anderes Volk könnte seine Regierung durch Davonlaufen erpressen.
Der Taxifahrer gegen Rommel (den Oberbürgermeister), weil der Ausländer ins Mietshaus reingesetzt habe. Irrsinnige Geschichten, wohlgehütetes Imaginäres, um den Hass gegen »die Ausländer« zu hegen: Muslime, die mitten auf der Treppe oder mitten auf der Straße vor seinem Auto, »im Dreck!«, wenn er es eilig hat, ihren Gebetsteppich ausbreiten und »zum Neckar« – so übersetzt er Mekka – hin beten. – Die Ausländerfrage = das Auseinander der Arbeiterklasse.
Derselbe Taxist, unermüdlich gesprächig, hatte eine merkwürdige Mischung aus potenziell kritischem Wissen und Entschärfungen der Kritik auf Lager. Von verfälschten Lebensmitteln und dass es noch keinem geschadet habe und so. Hengstenbergs angebliches Filderkraut, das aus Jugoslawien stammt. Er ist Ostpreuße, aus Allenstein; seine Kinder und Enkel lernen und kultivieren angeblich den ostpreußischen Dialekt, sozusagen als Zweitdialekt neben dem Schwäbischen, das ihre wirkliche Heimatsprache ist.
*
Was wir vom »Argument« nicht geschafft haben, das hat »Niemandsland« geschafft: die Fusion mit einer der DDR-Neugründungen.
*
Meine Mutter schwankt. Mal wollen ihre Toten sie zu sich holen, mal stehen sie ihr bei. Ich versuche, sie darin zu bestärken, dass sie ihr beistehen.
Die Tränen meiner Mutter. Jetzt, im Zug, die meinen. Ob wir uns noch einmal sehen, fragte sie.
11. Oktober 1990
Leere Säle in Stuttgart und Ulm, wo ich aus dem Perestrojka-Journal vorlesen soll. Das Thema tot. Der Wind bläst mir ins Gesicht. In Ulm, in der kalten, lauten ehemaligen Fabrikhalle des Roxy 20 Leute, darunter zwei »Groupies«, ein von vorneherein Abgeneigter, der bald geräuschvoll geht, ein Ex-Maoist, alles immer schon besserwissend, ein Verdrehter, dem man die wie auch immer bewirkte Zerstörung seiner Vernunft nicht ansieht. In Stuttgart, bei Wendelin Niedlich, waren es nur sieben, dafür ausnahmslos gute Gesichter.
12. Oktober 1990, Dubrovnik, Inter-University-Center
West-östliches Seminar über Ästhetik und Politik
Valeri Podoroga über Eisensteins Gewalt-Ästhetik, die er sehr »russisch«, aber merkwürdigerweise mit Foucault (Überwachen und Strafen) artikuliert, vorführt. Aus Eisensteins »Streik«: Schlachthausszene mit Streikenden vs. Soldaten geschnitten. Zelebrierte Verstrickung. Ich komme mir diesseitig, ja hausbacken vor. Körperzauber: »Nur der zerstörte menschliche Körper kann die Grenzen seiner Expressivität realisieren.« Protoplasmatische Körper: alles Solide zerstört und rekonstruiert, so dass sie Spuren oder Erinnerung der Zerstörung an sich tragen.
Die unheimliche Arbeit am Bild. Die Wahrheit über das Nehmen desselben. Das zeitaufwendig Hochkomponierte dem flüchtig-momentanen Verbrauch dargeboten, der nicht anders kann, als sich unmittelbar absorbieren zu lassen.
Man schießt Fotos. Aufnahme konnotiert anders: a take. Im Gebrauch liegen die Grenzen anders.
*
Vor allem seinetwegen habe ich Fred Jamesons und Susan Buck-Morss’ Einladung angenommen: Merab Mamardaschwili aus Tbilisi. Nelly Motroschilowa hatte von ihm respektvoll geraunt. Vielleicht zehn Jahre älter als ich, kahl, an Foucault erinnernd und im Gestus etwas Französisch-Mediterranes. 1946, »im dunkelsten Tunnel«, entschloss er sich (kam ihm »der Funke in den Sinn«), ein linguistisches Fenster aufzumachen: lernte Englisch, und zwar mittels eines Radios Marke Mende (Nordmende?). Die Bücher, die nicht da sein sollten und sich doch einfanden: Dickens, Hemingway, wurden zu Stützpunkten einer anderen Weltmöglichkeit. Später lernte er Französisch, Italienisch, Spanisch; er liest Deutsch.
Die Brücke zwischen Ost- und Westintellektuellen muss gebaut werden, sage ich. Ja, erwidert er, und sie kann nur persönlich gebaut werden, im Gespräch. – Deshalb bin ich hergekommen, sage ich. Aber das Gespräch ist rätselhaft schwierig.
Unser (westlicher) Marxismus hat vielleicht die gleiche Funktion wie ihr (östlicher) Mystizismus: Distanznahme im Verhältnis zur legitimierenden Macht des Faktischen der Herrschaft.
Das Gefühl, dass auch ich meine Art von Rückzug antreten muss, aber in der widerständigen Materie einer sozialen Denkwelt, deren Besseres niemals preisgegeben werden darf.
Valerij Podorogas Interesse für die Ästhetik des Schreckens – Bohrer wäre sein Gesprächspartner. Ich verstehe nur vage und per analogiam, warum dieses Thema, und warum so? Ich müsste seinen archimedischen Interessenspunkt suchen, um ihn durch Kritik zu verstehen. Variante des Gefühls der Ohnmacht im Verhältnis von Diskursformationen: nicht kritisieren zu können. Hermeneutischer Stierkampf. Vorm Untergehen suche ich mich zu retten, indem ich mitten im unverstandenen Vortrag Notizbuch führe – wie früher im Café. Die anderen mögen denken, ich schriebe mit. So trage ich bei zum Seminarbluff.
Merab bricht in den hermetischen Diskurs durch Vergleiche ein, lenkt die Aufmerksamkeit auf die Behandlung des Auges bei Eisenstein im Unterschied zu Buñuels Chien andalou.
Valerij fasziniert von Hitlers Megalomanie, der phantasmatischen Architektur, den Plätzen, die von der Masse auszufüllen, die nur in Simulation leben könne. Bei Eisenstein das Schafott in die Inszenierung geschlüpft.
Fred Jameson versucht, seinen westmarxistischen Diskurs anzuknüpfen, spricht von der unaufhebbaren Spannung zwischen Freud und Marx, von der Frage, ob Gewalt aus der Kindheit oder aus der gesellschaftlichen Umgebung komme, aber das bleibt äußerlich. Podoroga repliziert mit der Produktivität der Gewalt. Jeder von uns, jede Epoche, habe einen eigenen Gewaltstil.
Jameson kann als fast plumper Vertreter gesunden Menschenverstandes ungemein imponieren. Man ahnt das US-Milieu, die Konkurrenzen und Gremien, worin er trotz seines Marxismus seinen Weg gemacht hat.
Die Gruppe »Objektive Philosophie« zieht die Worte Mumie und Simulakrum zu »Mumakrum der Macht« zusammen, und meint damit das Lenin-Mausoleum. Großes Gelächter bei einigen Moskauern. Das inspiriert Merab, einen Witz von 1954 zu erzählen, als Stalin noch neben Lenin im Mausoleum lag. Fragt einer, wer ist das? Antwort: Stalin. Und, auf den einbalsamierten Lenin deutend, wer ist das? Antwort: Stalins Lenin-Orden.
13. Oktober 1990
Boris Groys gehörte zum Freundeskreis von Komar & Melamid (Sots Art). Er sei aus der SU als Marxist weggegangen. Behauptet eine Homologie zwischen Stalin und dem Künstler als diktatorischem Absolutisten totaler Weltrekonstruktion.
Die SU als Konsumentenstaat. Dominanz der Frage, was können wir vom Westen nehmen, nie, was können wir geben.
14. Oktober 1990, Sonntag
In der International Herald Tribune von vorgestern ein Abgesang von William Pfaff auf Reaganomics und Thatcherismus (»The Economics of Innocence Gets its Comeuppance«, ursprünglich für die Los Angeles Times geschrieben). Nicht der Appell an den Eigennutz sei ihre stärkste Zugkraft gewesen, sondern ihre »Unschuld«, ihr »Rousseauismus«: die gute Natur korrumpiert durch menschliche Einmischung … Pfaff reflektiert nicht darüber, dass hier unter »Natur« das Gewimmel menschlichen Wirtschaftshandelns gedacht wird, während »der Mensch« für den intervenierenden Staat steht. Diese Eigentümlichkeit zu analysieren, würde den Diskurs zu weit führen. Er will ja nicht auch nur den Schatten eines Zweifels auf die kapitalistische Wirtschaftsform werfen, sondern innerhalb derselben eine etwas andere Wirtschaftspolitik. Das Ende der Reaganomics sei vergangenen Freitag gekommen, als George Bush »shut down the American government for lack of money to pay to go on«, womit Thatchers Kapitulation vor der deutschen Währungspolitik zusammengefallen sei. In England die Zinsen heute so hoch und der Wirtschaftszustand so schlecht wie damals, als Thatcher zur Macht kam; die Inflation doppelt so hoch wie bei den westeuropäischen Konkurrenten. In den USA war die Illusion geschürt worden, man könne alles haben, ohne zu bezahlen: »Weltführungsrolle, hohe Militärausgaben, Raumforschung, old-age-entitlements, billiges Benzin, Sparkassenbetrug (Savings-and-Loan-Krise), Armeen an den Golf«. Umsonst, weil man glaubte, Steuersenkung würde die Konjunktur anheizen und das Steueraufkommen vergrößern. Der Thatcherismus nicht so naiv. »Er war eine harte Doktrin gnadenloser Privatisierungen, dem Markt überlassend, was immer ihm überlassen werden konnte: Flüge & Züge, Wasser & Strom, Gesundheit, Kunst, Unterhaltung, Bildung, Forschung, die Zukunft der Nation selbst«. Gewaltsame Operationalisierung von Adam Smith: »Es machte ein Prinzip der theoretischen Ökonomie zu einer operationalen Doktrin.« Annahmen: Effizienz als solche = gesellschaftlich nützlich, ja sogar ethisch gut. Jetzt flottieren die Zinsen für Hypotheken auf Grundbesitz, d.h. die Eigenheimbesitzer müssen bluten. Das geht an den englischen Nerv.
Die Kritik von links hatte immer gelautet: Institutionalisierung und Ausbeutung des Eigennutzes mit dem Effekt, die Reichen reicher und die Armen ärmer zu machen. Pfaff haut sie mit ihren Waffen: sie sind im Grunde vom selben Schlag, aus dem die »Saint-Justs, Lenins und Pol Pots« entspringen. Prima! Nun haben die Kritiker ihr Fett weg, und niemand soll merken, dass Pfaff sich in den Aporien des Kapitalismus herumtreibt.
*
Dragan über die jugoslawischen Verhältnisse: 1000 DM vor einem Jahr noch ein Vermögen, jetzt kaum mehr viel. Die Löhne verdoppelt, aber die Preise verdreifacht. Sieht keine Chance. Eine unproduktive Gesellschaft.
15. Oktober 1990
Merab: Individualität, Diskontinuität, Irreversibilität – postklassische Gesichtspunkte. Nietzsche und Heidegger als Zeitgenossen, Marx der erste, dem der Zweifel dämmerte.
*
Kaum ist die Nachkriegszeit beendet, ist eine neue Vorkriegszeit angebrochen. Die FAZ spielt mit dem Konzept.
Auf dem Korso der Altstadt von Dubrovnik beobachte ich folgende Gebrauchsweise von Jeans: über einem schwarzen Trikot Jeans, denen die Hosenbeine abgerissen sind, und zwar irre weit oben, heiße Höschen: die Trägerin vielleicht 15, mit ihren Freunden flanierend.
*
Valerij Podoroga: Nachdem Ligatschow weg ist, gibt es nur mehr ein letztes Hindernis für die Perestrojka, und das ist Gorbatschow selbst. Ich fragte Merab Mamardaschwili nach seiner Meinung dazu. Er erwiderte, er habe keine, weil Gorbatschow für ihn kein Gegenstand seines Nachdenkens sei – seit 20 Jahren habe er sich geweigert, Politiker auch nur wahrzunehmen. Keiner der Mächtigen soll ihm in der Sonne stehen.
Valerij will mir die Bedeutung von Nikolai Trawkin (Chef der Demokratischen Partei) einschärfen, der viel wichtiger sei als G. Popow. Merab ironisch: Ja, er ist schön exotisch.
Heidegger ist Merab unangenehm, aber fast einziger Zeitgenosse für ihn. Beschreibt ihn als verführt von seiner eigenen Sprachkraft, Poesie, was seinen Gedanken immer zu früh enden lasse. Er selber arbeite an einer Metatheorie des Bewusstseins. Hat soeben ein Buch über Descartes in Druck gegeben.
Was uns auseinanderwirft –
*
Bei Rozarij, wo man den besten frischen Fisch in Dubrovnik bekommt, wird am Nebentisch über den Round Table von Cavtat gesprochen. Ein Amerikaner sagt, er habe einen Brief von Paul Sweezy erhalten.
Im Unterschied zu FH, die für Teile der Frauenbewegung arbeitet und von ihnen getragen wird, keine soziale Bewegung, für die zu arbeiten. – Zu lehren wird mir immer suspekter.
*
Perestrojka. – Die Prawda soll fürchterlich niedergehen. Freund Frolow hat alle gegen sich, die »Konservativen« und die »Liberalen«; die ersten, weil er ihnen Gorbatschows Kurs aufzwingt, die zweiten, weil er keine Ahnung von Journalismus hat. Jetzt soll die Prawda autonom werden. Bin neugierig, wo das Stehaufmännchen wiederkehrt.
Le Monde vom Samstag behauptet, die Japaner seien verbittert, weil nur Deutschland jetzt seine Vergangenheit als besiegtes Land losgeworden sei.
Assad kriegt die pax syriana im Libanon als Gegenleistung für sein Bündnis mit den USA. Ägypten gewarnt durch die Ermordung des zweiten Mannes im Staat. Jameson meinte, auch das Attentat gegen Schäuble sei in diesem Zusammenhang zu sehen. Er machte mich auf den Artikel von Rafic Boustani und Philippe Fargues aufmerksam: »Entre Golfe et Méditerranée« (Le Monde, 13.10.). Klientelisierung der arabischen Welt durch das Petrogeld der Golfregion. Die Ökonomie des arabischen Nahen Ostens, des »Mashrek«, dreht sich seither um die Verwaltung des Einkommens. Der kosmopolitischste Arbeitsmarkt der Welt. Auch darauf hatte Fred geachtet: der Artikel zeigt, dass beide viktimisierte Länder, der Libanon wie Kuweit, eine in der arabischen Welt beispiellos freie Presse gehabt hatten, die nunmehr ausgeschaltet ist. Der König war nackt: die Verschiebung des Gravitationszentrums des Mittelmeers an den Golf hat den Leuten nichts gebracht.
George Bush laut FJ »in freiem Fall«.
15. Oktober 1990 (2)
Mein Vortrag über Jeanskultur hat auf Aluna (vom Philosophie-Institut der moskauer Akademie der Wissenschaft) wie ein Werbespot gewirkt. Sie bekam Lust, stante pede in die Altstadt zu gehen und Jeans zu kaufen. Verlangen nach diesem Imaginären.
Merab sprach von der Unmittelbarkeit der Vergesellschaftung bei Marx, die der künstlichen Welt von Markt und Geld nicht bedürfen soll. Aber wie, fragte er, kommen wir dann in Kontakt mit den anderen?
*
Am Strand gehört, Gorbatschow habe den Nobelpreis erhalten. Merab gesteht zu, dass er diesen verdient habe. Michail Kusnezow, der an der Grenze zum Hanswurst agiert, mit ständigem Kopfnicken mich umdienernd, alle Worte mehrfach hervorstoßend, bis ihnen allmählich die Folgewörter anwachsen – zu G äußert er sich knapp und scharf: da sei keine Kontinuität, nie könne man wissen, was er als nächstes tun werde. »Muss man das?« wirft Merab ein. Er kehrt den Kyniker hervor. Meine Versuche, Herrschaft zu analysieren, buttert er in conditio humana und Gott unter. Wenn ich von einem bestimmten Nichtwissen spreche, wird er unweigerlich sagen: »Hat der Mensch je etwas gewusst?« Mittendrin erwähnt er Foucaults »fürchterlichen Tod« (an AIDS). Will sich ein Reise-Texterfassungsgerät (Sinclair) zu seinem Macintosh anschaffen.
Fred Jameson sagt, binnen 14 Tagen seien die USA zum Krieg bereit.
16. Oktober 1990
Iwailo Ditschew aus Sofia, auf dessen Visitenkarte kurz »Writer« steht und der die Mumakrum-Show mitaufgezogen hat: die »sozialistische« Gesellschaft lässt sich anders als die bürgerliche Gesellschaft mit ihren ausdifferenzierten Organisationen nicht von innen beschreiben.
*
Laut Washington Post hat man in Saudi-Arabien riesige zusätzliche Erdöllager entdeckt, die bis ins 22. Jahrhundert den derzeitigen Ausstoß garantieren sollen. Man hat diese Informationen angesichts der Golfkrise gerade jetzt herausgelassen, zusammen mit der Ankündigung verstärkter Lieferungen. Das wirkt unmittelbar aufs Ölpreisniveau, mittelbar auf die Interessen der Hauptölverbraucher am Ausgang des Golfkonflikts.
Schlanke Produktion. – James P. Womack, Daniel T. Jones & Daniel Roos: The Machine that Changed the World (New York 1991). MIT-Studie über Autoproduktion (1985–90). Überschrift des FAZ-Berichts: »Die in Japan entwickelte Produktionsweise wird die Welt erobern«. Verdrängung der »mass production« durch »lean production« (»lean« bedeutet mager, schlank, entschlackt). Die neue Produktionsweise brauche von fast allem weniger, zumal Arbeit, aber auch Zeit, Lagerbestände, Stückzahl zur Rentabilität. 90 Fabriken in 17 Ländern vergleichend untersucht mit dem Resultat, dass bei VW die Produktivität nur halb so hoch wie bei japanischen Spitzenbetrieben. Veränderte »Industrie-Organisation« als Ausdehnung des Polyzentrismus auf die Zulieferer, die tendenziell wie ein unabhängig arbeitendes Profitcenter im eigenen Verbund aufgefasst werden. Der Informationsaustausch mit ihnen wird »maximiert und nicht minimiert«. Die Zulieferer entwickeln oft die zugelieferten Teile relativ selbständig. Ferner werden horizontale Verbundsysteme (Keiretsu) aus Unternehmen vieler Branchen gebildet, die den Mitgliedern finanzielle Reserven, Sicherheit vor feindlichen Übernahmen, Innovations- und Rationalisierungsimpulse, überhaupt einen Ideenpool, sowie Synergie-Effekte vermitteln. Räumliche Nähe zum Endverbraucher macht es vorteilhaft, in jedem der drei großen Märkte (Nordamerika, Europa, Asien) eigenständige Produktionssysteme aufzubauen. Das verlangt eine »post-nationale« Unternehmenskultur mit Personaltransfer in allen Richtungen und globaler Produkt- und Finanzstrategie. Die Studie kommt zum Schluss, dass sich internationale Keiretsu-Verbünde und Zuliefer-Partnerschaften herausbilden werden. Der transnationale Kapitalismus nimmt Form an. Die Keiretsu modifizieren schon jetzt die Konkurrenz. Einiges an dem Modell könnte bei der Mafia abgeguckt sein.
17. Oktober 1990
Gestern Abend löste ich durch eine Nebenbemerkung einen thematischen Sprung aus. Karen Sjörup über Astrologie: Donnerstags bricht das Telefonnetz im Roskilde Universitetscenter zusammen, weil es im Horoskopdienst der Post die neuen Ansagen gibt.
Manchmal erscheinen die Lippen wie von innen ausgebissen; bitter und bissig erinnert der Mund an den der Schwarzer. Auf das Scheitern der ersten Frauenbewegung sei die unzufriedenste Frauenbewegung aller Zeiten gefolgt. Sie habe die Söhne als ihre Ersatzmänner behandelt, sie von den Vätern getrennt: Muttersöhne, deren Männlichkeit von Frauen geformt war. Die Töchter seien von ihren Müttern rausagitiert worden aus dem Frauen-(Mutter-)Universum: Bildungserwerb, Selbstverdienerin werden! Frei, ihre eignen Bilder davon zu machen, was eine Frau sein sollte. Verweist auf Dorothy Dinnerstein: The Minotaur and the Mermaid, über inneres Matriarchat in beiden Geschlechtern.
Der Muttersohn unterhalte keine Beziehungen zu anderen Männern, weil nie in Männlichkeit initiiert. Die Institutionen des Patriarchats zusammengebrochen. Nun werde sich ein neues postmodernes Patriarchat bilden.
Laut Slavoj Žižek wird das jugoslawische Imaginäre vom umgekehrten Nullsummenspiel beherrscht: Jede Nation glaube, dass sie in wenigen Jahren in einer Art Schweiz des Wohlstands leben könnte, würden die anderen Nationen ihr nichts wegnehmen.
Žižek in Blue Jeans und dunkelblauem Hemd; knapper gepflegter Vollbart; Schatten unter den Augen. Spricht mit leichtem Sprachfehler, das S gerät leicht zum Sch, dabei schnell wie ein Maschinengewehr, die locker gelassenen Backen und Lippen schüttelnd, immer am Rande des Kasperns, immer mit Witzen Überraschungsangriffe führend. Ich frage mich, an wen mich die Art erinnert, wie er den Kopf herumwirft. Sagt, er sei vor zehn Jahren als Nichtmarxist aus seinem Job geworfen worden, jetzt von derselben Amtsperson als Marxist. Sieht in Slowenien, seiner Heimat, eine neue moralische Mehrheit zurück auf dem Weg zum NS. Sieht das etwa darin angedeutet, dass letzte Woche der Kultusminister den Lehrerinnen das Tragen von Hosen verboten habe.
18. Oktober 1990, am Flughafen von Dubrovnik
Vaclav Havel lobte Gorbatschow als »Beschleuniger des Unausweichlichen«.
Merab. – Der Philosoph – Bürger des unbekannten Landes. Hier lebe er wie ein Spion. Möglichst wenig auffallen. – Das kam mir vor, wie die Beschreibung eines Theologen von Nietzsches »unbekanntem Gotte«. Während des Abschiedsessens summte Merab vor sich hin. Er isolierte sich, wie mir schien, in einer Aura des Selbstgefallens. Man hatte uns, »die zwei Foucaults«, nebeneinander platziert.
Dragans kurzes Lächeln in den Mundwinkeln. Er stellt sich dar als einen, der es nicht nötig hat. Rief mir ein Taxi, rührte indes keinen Finger, als ich mich mit den Gepäckstücken mühte. Etwas von einem Puma, gelassen, mit einer Art von Gleichgültigkeit, die etwas Verächtliches hat. Fred Jameson erschien nicht zum Abschied.
Bin mir selbst im Wege, aneckend-versöhnlich, als wären die Widerhaken falsch angebracht. Schwierigkeit, eine Sprache gegen den Diskurs zu finden. Wieder das Gefühl des Außenseiters.
Dass ich am Wahrheitsbegriff festhalte, kommentierte Jameson mit »bullshit«; er wurde böse, als ich Foucaults Entdeckung der Geschichtlichkeit des Sexualitätsbegriffs rühmte, die er eine Erfindung (im Sinne von Fiktion) genannt haben wollte. Die Psychoanalyse-Anhänger hatten anscheinend das Gefühl, es werde am Ast gesägt, den sie als Sitzplatz schätzen. Dabei hatte ich nur gesagt, sie müssten auf ihr »natürliches« Maß schrumpfen, d.h. auf die Situation und den Prozess therapeutischer Analyse.
Ideologie – das sind die andern! Darauf achten, wo ich dieses Muster gleichfalls bediene.
Auch »Wissenschaft« wurde fallengelassen. Alles Kunst? Schlimmer: alles Material für Diskurse.
Fred hat als neuestes Paradigma Reichelts Kapitallogik entdeckt. Susan Buck-Morss verschwimmend. Wo sie eingreift, ist sie mir zugänglicher, so dass ich immer wieder in der Diskussion ihren Gedanken weiterführte, was allerdings nicht erwidert wurde. Mit Grausen sehe ich einiges für mich voraus.
18. Oktober 1990 (2), unterwegs
Günter Matthes schreibt im Tagesspiegel den erstaunlich einsichtigen Satz: »Dass Marx und Lenin das Scheitern ihrer Ideologie überleben, wissen wir.« Es geht um Denkmäler.
*
Proton ein »vibrierendes Bündel aus drei Quarks, 2 up und ein down Quark«. Inzwischen glaubt man, 6 Quarks zu kennen: Charm, Strange, Top, Bottom, Up, Down. (Comic strip-Sprache). Diese sollen mit den sogenannten Leptonen die gesamte Materie aufbauen. Das Wort Quark soll Gell-Mann aus Joyce, Finnegan’s Wake, übernommen haben (»Drei Quarks für Muster Mark.«).
*
Mörikes Maler Nolten. –Es beginnt mit einer Bildbeschreibung, von der man allmählich verstehen wird, dass sie die fatale Verschlingung der Neigungen vorwegnimmt, die der Roman entfalten wird: Auf offener See in einem Kahn ein derber Satyr mit einem schönen Knaben, den er soeben einer verliebten Nymphe gewaltsam überliefert … Man »vergisst das Ungeheuer über der Schönheit des menschlichen Teils«. – Verknotung: obgleich der Satyr »der Nymphe durch den Raub und die Herbeischaffung des herrlichen Lieblings einen Dienst erweisen wollte, so straft ihn jetzt die heftigste Liebe zu ihr mit unverhoffter Eifersucht«. – Satyr: Seine »muskulöse Figur steht […] seitwärts […] überragt die übrigen. Eine stumme Leidenschaft spricht aus seinen Zügen«. – Ambivalenz: Er möchte sich […] abkehren, allein er zwingt sich zu ruhiger Betrachtung, er sucht einen bittern Genuss darin.« – Ambivalenz des Knaben: Er »beugt sich angstvoll zurück und streckt, doch unwillkürlich, einen Arm entgegen« – fast entflieht ihm »das leichte, nur noch über die Schultern geschlungene Tuch«. – Nymphe: Sie sucht »mit erhobenen Armen den reizenden Gegenstand ihrer Wünsche zu empfangen«.
Ineinander verschachtelte Ambivalenzen: der junge Nolten gegenüber Elsbeth; Quidproquo: der Freund und die Fremde zwischen ihm und seiner Braut.
Bisher: »strebte mit Heftigkeit an mich zu reißen, was mir notwendige Bedingung meines Glücks schien«; – Buße: »bitter«; – Verzicht: »ich habe nun der Welt, habe der Liebe entsagt«; – Sublimation: Liebe »wird ein unvergänglicher Besitz meines Inneren bleiben«, »darf mir nicht mehr angehören, als mir die Wolke angehört, deren Anblick mir eine alte Sehnsucht immer neu erzeugt«; – Philosophie: Große Verluste bringen dem Menschen die höhere Aufgabe seines Wesens nahe […] zu seinem Frieden; – Ästhetische Rekompensation (11): arm-Verlust = reich: »Nichts bleibt mir übrig als die Kunst, aber ganz erfahre ich […] ihren heiligen Wert […] Befreit von der Herzensnot jeder ängstlichen Leidenschaft […] Fast glaub’ ich wieder der Knabe zu sein, der auf des Vaters oberem Boden vor jenem Bilde gekniet«.
Der aufdringliche Knabe, der Modell gestanden hatte: »ein Anteros!«, lautet Noltens anzüglicher Kommentar, einer, der wiederliebt, bei dem man auf Gegenliebe stößt. Der alte Maler Tillsen, in dessen Haus der Bildhauer Raimund einen Raum als Atelier nutzen darf, beschreibt den Jungen so: »Wirklich ein delikates Füllen, schmutzig, jedoch zum Küssen die Gestalt« (2. Buch, 25). Als Raimund seine Verlobte herumgekriegt hat, ihm Modell zu sitzen, wird der Knabe, »Muster« für »einen Amor aus Ton«, entlassen. »Jetzt liegt ihm die aufdringliche Kröte, die sich gar gut gestanden, tagtäglich auf dem Hals, und dass der Junge nicht schon im Hemdchen unters Haus kommt, ist alles.« Hat sogar der »Braut« mit einem Stock aufgelauert.
Larkens: »leidenschaftlich« zu Nolten, dem »Geliebten« (17); dessen Mentor. Pflegt das »gebrochene Liebesverhältnis« Nolten/Agnes, um sich »an der eingebildeten Liebe eines so reinen Wesens« zu freuen. Dazu muss er der Unreine sein mit Sex-Vergangenheit. Selbstmord-Perspektive, Abreise. Er ist gegen den ideologischen Fundamentalismus (er soll Hypochonder wegen früherer Sexualausschweifungen sein, 16): »Wirst insgeheim gegängelt von einem imaginären spiritus familiaris, der in deines Vaters Rumpelkammer spukt.« (12)
Nolten: keine »Diätetik des Enthusiasmus« (14); Kunst kompensiert: »Versuch zu ersetzen, was uns die Wirklichkeit versagt«.
Unerwartet bei Mörike dem Ausdruck Fernsehen begegnet, der eine divinatorische Kraft meint. Höchst sonderbar, was das für die Rezeption bewirkt, wenn ein Ausdruck so stark und fremd eingeholt wird. Ein »Fernsehen nach Zeit und Raum«, »Vorgesicht«, »zweites Gesicht«.
19. Oktober 1990
Frank Heidenreich schickte mir Rainer Lands im Sonntag erschienenen Artikel über meine »Wahrnehmungs-Versuche«. Franks Kommentar zu Land trifft den Punkt: »Er zieht nicht nur gegen eine bestimmte historische Realität des Sozialismus, der sich vom (kapitalistischen) Weltmarktzusammenhang abkoppelte, zu Felde, sondern auch gegen das Vor-Denken einer alternativen ökonomischen Logik«. Land portraitiert mich als Anhänger eines Systembegriffs von »Sozialismus«, obgleich ich mich dagegen in mehreren der Texte ausspreche.
20. Oktober 1990
Ernst Günter Vetter verkündet im Wirtschaftsleitartikel der heutigen FAZ, »dass die politische Kraft der Imperien in der Geschichte auf deren ökonomischer Leistungsfähigkeit beruhte. Sie zerfielen, wenn ihre Wirtschaft erlahmte. Die Auflösung der russischen Weltmacht ist das aktuellste Beispiel für diese These.« So begünstigt diese Zeit einen bürgerlichen Ökonomismus. Freilich zieht das die Frage nach sich, ob in Gestalt der Wirtschaftskraft der BRD, die sich kraft Einverleibung der DDR und Hegemonisierung Mittel- und Osteuropas derzeit potenziert, sich am Ende »eine Basis für eine neue Macht imperialen Ausmaßes« bildet. Denn ohne Zweifel wird die BRD »zu einem ökonomischen Kraftzentrum in Europa«. Er denkt wohl (wie ich): zum stärksten und folglich hegemonialen Zentrum. Er lässt François Furet sagen: »die wirtschaftliche Logik, die heute die Machtverhältnisse bestimmt, ist kaum beruhigender als die militärische«. Um die andern Westeuropäer zu beruhigen, wechselt er das Terrain von der Ökonomie als Basis für imperialistische Politik zur Stimmungslage der Leute: »Die Deutschen träumen von Wohlstand – nicht von der Größe.«
22. Oktober 1990
Enrique Curiel, bis vor wenigen Jahren stellvertretender Vorsitzender der KP Spaniens, erklärte: »Die von Lenin begonnene Reise ist jetzt endgültig zu Ende.« Gemeinsam mit 200 anderen trat er der Spanischen Sozialdemokratie (PSOE) bei.
Auf der Suche nach einem Motto für die nächste Volksuni: Rückwärts in die Zukunft. Oder: Verzweifelte Hoffnung Deutschland. Oder: Deutschland, Deutschland unter anderen.
*
Helmut Dubiel (»Die demokratische Frage«, in: Blätter, 4/90): Dem affirmativen Institutionalismus setzten die Linken Anti-Institutionalismus entgegen. So fehle es an Demokratietheorie. Jede Mediatisierung des »Willens des Volkes« werde von den Linken gewohnheitsmäßig abgelehnt. – Falsche Kategorie, rousseauistischer Zungenschlag in diesem doppelten Singular: der (eine) Wille des (einigen) Volkes, statt Cluster oder Assoziation oder wie immer von Willen der Bevölkerung. – Linke Staatstheorie sieht Dubiel »zwischen Herrschaftsdämonisierung und politischer Romantik« (411ff). Er trifft etwas, zum Beispiel auch beim Projekt Ideologie-Theorie. Aber er kippt dann doch zu sehr in die affirmative Grauzone (besser: rosa Zone).
Claude Lefort bestimmt in Anlehnung an Hannah Ahrendt das »symbolische Dispositiv der Demokratie«: 1. radikaler Abbau transzendenter Rechtfertigung politischer Herrschaft, die vollends entzaubert wird; 2. »alle Themen zulässige Streitgegenstände im öffentlichen Diskurs« (das heißt in einem »sozial unabgeschlossenen Diskurs«); 3. Artikulation der realen Vielfalt muss möglich sein. Erst dann lässt sich von Zivilgesellschaft sprechen: »Assoziation von Bürgern, die sich nicht mehr als eine fest gegliederte, historisch abgeschlossene quasi körperhafte Einheit erfährt, sondern buchstäblich als ein zur Zukunft hin offenes ›politisches Projekt‹, das die Bedingungen seiner eigenen Programmierung ständig zur öffentlichen Disposition stellt.« (417f) Dubiel sieht diesen Impuls in der osteuropäischen Umwälzung am Werk. Terminologie: »nur ein Dispositiv« bedeutet bei ihm: »ermöglichende Struktur« (418). Dagegen steht »Flucht in vordemokratische Einheitssymbolisierungen wie ›Volk‹ oder ›Nation‹«.
Was Dubiel nicht weiß (oder unterschlägt), ist die Tatsache, dass im Projekt eines »Pluralen Marxismus« seit einem guten Jahrzehnt solche Aspekte zunehmend deutlich in marxistisches Denken eingearbeitet werden, freilich eingebettet in eine viel komplexere Wirklichkeitsanalyse. Für ihn scheint Herrschaft vor allem ein Seminarthema.
*
Zivilgesellschaft. – »Zivile Gesellschaft« bestimmt Volker Gransow als »Entstaatlichung von Gesellschaft als Ziel und Prozess. Das bedeutet nicht ›Absterben des Staates‹, sondern einen staatlich garantierten Bereich individueller Freiheiten und autonomer Sozialbeziehungen.« (»Bocksprung in die Zivile Gesellschaft?«, in: Blätter …, 12/89) Merkwürdigerweise sieht er dergleichen schon bei Aristoteles. »Die Neudiskussion des von Aristoteles bis Gramsci bekannten Begriffs begann als Reaktion auf die entstehende autonome Organisation von Teilen der polnischen Gesellschaft um 1980. Es ist möglich, dass ›Zivile Gesellschaft‹ zum Schlüsselbegriff einer neuen Kritischen Theorie wird, weil hier wichtige Elemente sowohl der radikalen Demokratie wie des Sozialismus ›aufgehoben‹ werden.« (1443) Verweist auf Andrew Arato, »Civil Society, History & Socialism«, in: Praxis International, 1/2, 1989.
23. Oktober 1990
Die Jugendlichen aus der DDR stolzer, Deutsche zu sein, als die gleichaltrigen Westdeutschen.
Mathias Schreiber (in der FAZ vom 19.10.) über die »Namensnot« beim Reden über das, was bislang DDR hieß. Dieses Zeichen, DDR, erklärt er für »ein eklig belastetes Stasi-Propagandakürzel«. So mimetisiert der feine Herr Ästhet eine Wut von unten. Manche sprechen jetzt von den »fünf neuen Bundesländern« oder einfach von den »fünf neuen Ländern«. »Ost-Deutschland« lehnt er ab, weil dieses Namenlose die Mitte sei. Die Bundespost nennt die DDR »VGO« (heißt das »Verwaltungs-Gebiet Ost«?), lässt aber sicherheitshalber auch »DDR« auf die Säcke schreiben. In unserem Reichelt-Supermarkt hängen Schilder an den Kassen, die einem mitteilen, dass DDR-Münzen bis 50 Pfennig »nur in der DDR gelten«, daraus entnehme ich, dass es, wo’s ums Geld geht, die DDR noch gibt.
In der Hauptstadtfrage droht der FAZ-Herausgeber Fack den Berlinern an, falls sie wieder mehrheitlich rot-grün wählen, »wird Bonn das Rennen machen« (19.10.).
In Moskau stellte vergangene Woche Abel Aganbegjan Gorbatschows Wirtschaftsprogramm vor. G sei tatsächlich »der Hauptautor des Dokumentes«; er habe mehrere Tage daran gearbeitet, und »jeder Punkt wurde mit ihm abgesprochen«. Laut TASS ist es nun klar: »Es wird keinen Kapitalismus in der UdSSR geben.« Die einzelnen Republiken sollen über das Tempo der Durchführung entscheiden sowie über »Sein oder Nichtsein« des Privateigentums an Boden.
Die Hass-Reaktion habe ich ja in Dubrovnik zu spüren bekommen, etwa aus dem Munde von Valerij Podoroga. In Moskau gründete sich jetzt eine »Demokratische Union« als antisozialistische Sammlungsbewegung.
Bourgeoise Ausbeutungskritik. – Nach dem Sturz des ›realsozialistischen‹ Sicherheitsstaats eröffnet Ernst-Otto Maetzke in der FAZ (19.10.) eine neue Front, die er, den Sozialismus beerbend, als Front des Kampfes gegen Ausbeutung artikuliert: »Nicht mehr die Herrschenden saugen den Bürger aus, […] sondern die Bürger erwürgen den Staat mit Ansprüchen.« Diese Gefahr malt er als tödlich: »Der realexistierende Sozialismus ist untergegangen; die realexistierende Demokratie ist nicht davor gefeit«. Anlass für das Alarmgeschrei ist, dass die Reichen mehr Steuern zahlen sollen. Die Haushaltskrise in den USA und der Generalstreik in Griechenland dienen als Demonstrationsobjekte.
*
Nicht vergessen: Die Zensurgeschichte, die mir Wladimir in Dubrovnik erzählt hat. Als er die Fernseh-Diskussion »Marx-Lenin-Gorbatschow« übersetzt hatte, veranlasste Frolow die Streichung eines einzigen Satzes, und zwar einer Äußerung von mir: Als Nelly Motroschilowa mir vorgehalten hatte, es sei schade, dass ich die sowjetische Philosophie-Literatur in den »Woprossy« nicht verfolgt habe, sagte ich: »Das war, als müsste man in einem Heuhaufen nach einer Stecknadel suchen.« Anscheinend fühlte er sich mit-gemeint.
25. Oktober 1990 – Flug nach München
Die PAN-AM, der Quasimonopolist im Westberlin-Flugverkehr einer ganzen Epoche, kapituliert vor der Lufthansa, und das Witzige ist, dass das zusammenhängt mit der Kapitulation der DDR vor der Bundesrepublik.
Seit dem Ende des Kalten Krieges (der Systemkonkurrenz) führen die USA Kriege in Granada, Libyen, Irak – alles unbotmäßige Drittweltländer.
Peter Glotzens Kommentar, als Achim ihm bei der Frankfurter Buchmesse mein Perestrojka-Journal in die Hand gedrückt hatte und er den Titel (Versuch, beim täglichen Verlieren des Bodens unter den Füßen neuen Grund zu gewinnen) gelesen hatte: »Das macht der Haug doch seit dreißig Jahren.«
Merkwürdig, dass es in München wie in Berlin kaum Hochhäuser gibt, was doch heute die meisten Drittweltstädte haben. Vielleicht hängt das mit der größeren Solidität des deutschen Kapitalismus zusammen, wie ein Gleichnis für breite Bodenständigkeit.
26. Oktober 1990 – Abflug von München
Im Pschorr-Keller auf Einladung eines Bildungskreises aus dem DKPUmfeld aus dem Perestrojka-Journal gelesen. Es lief nicht schlecht, obwohl die Diskussion zur politischen Diskussion wurde. Nur Horst Holzer, bis zur Ruben-Affäre im Umkreis Buhrs, schien zu verstehen, dass nicht allein theoretische These und politischer Leitartikel unserer derzeitigen Situation angemessen sind, sondern dass auch ins Traumhafte übergehende Beschreibungen eine unentbehrliche Möglichkeit bieten, gewisse »Zwischenlagen« auszudrücken. Holzer lebt übrigens seit Jahren von Medienforschung für den Bayrischen Rundfunk. Aus der akademischen Lehre ist er längst ausgeschieden. Als Gegenleistung für sein freiwilliges Verlassen der Universität verzichtete der Staat auf die Rückforderung von zehn Jahren Gehalt.
Meine Gastgeber Brigitte und Leo Mayer wohnen in einem Siedlungsvorort des münchener Ostens, umschlossen von Industrie- und Gewerbegebieten. Das Haus ein Schmuckkästchen. Ich frage mich, wer es sauber hält. Brigitte ist Buchhalterin in einer kleinen Druckerei, Leo Ingenieur bei Siemens. Die Kinder schon außer Haus. Ich schlief im Zimmer des Sohnes, der Elektro- oder Fernmeldeingenieur studiert und bei Siemens Praktikum gemacht hat. Computerspiele, die ihn süchtig machten: das sowjetische eine Art Puzzle, wo es darum geht, aus abstrakten Figuren eine Mauer zu bauen. Um sich der Versuchung zu entledigen, formatierte (löschte) er kurzerhand alle Spieldisketten. »Es kommt mir keine mehr ins Haus.« Die Simulationen erfuhr er als Raub an Handlungsfähigkeit.
Brigitte und Leo haben übrigens als Modelle gedient für eine Werbekampagne der IG Metall. Sie sind das Musterpaar, das ich schon in Inseraten gesehen habe. Man hat sie mit zwei (fremden) Kindern, 7 und 10, professionellen Fotomodellen, ausgestattet. Nur das Künstliche sieht heutzutage wirklich natürlich aus.
Ich höre von Spannungen zwischen Linker Liste und PDS. Die LL »wird es nicht bringen«, sagt man mir.
*
Bildersturm. – F. K. Fromme im heutigen FAZ-Leitartikel: Der Marx-Kopf in Chemnitz »muss schon aus ästhetischen Gründen weichen. Man könnte sogar sagen: aus Respekt vor dem Philosophen, der in einem nicht kleinen Teil der Welt Rechtfertigungen für Herrschaft hergegeben hat. Auch Lenin-Denkmäler aber verdienen ihren Platz nicht mehr. Sie bedeuten eine Verherrlichung des Terrors«. Als »Auswuchs« müsse auch der Name »Ho-Chi-Minh-Straße« beseitigt werden. Frankfurter Machiavellismus: »Die Symbole der alten SED wegzubringen, ist geboten. […] Mit dem Fall der Symbole vollendet sich der Absturz von der Macht.«
Einem Nebukadnezar-Regime, einer altasiatischen Despotie gleichend, aber zugleich ein soziales Modernisierungsregime mit Marxismus-Leninismus als weltlicher Religion.
26. Oktober 1990 (2)
Staat und Wirtschaft, ineinandergreifend. – Der »Präsident der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände«, also einer der korporativen Sprecher der BRD-Kapitalisten, rief dieselben auf, sich über die Staatsagentur (»Treuhand«) in die Leitungsebene der DDR-Ökonomie einsetzen zu lassen: »Gehen Sie in die Aufsichtsräte oder, wenn möglich, in die Geschäftsführungen der Ost-Unternehmen, oder senden Sie fähige Mitarbeiter dorthin!«
Konrad Adam schreibt Engels die Lehre zu: »Die Familie wird aufgelöst, das Eigentum verboten, der Staat stirbt ab«. »Engels’ Antipode« Hajek behalte recht: Familie & Eigentum als Grundfesten des Staates. Adam riskiert den Satz, dass »der Versuch, Krankenhäuser, Schulhäuser und Elternhäuser betriebswirtschaftlich zu taxieren, zwangsläufig in die […] Barbarei führen muss«. Verrückterweise ist das gegen den Sozialstaat, nicht gegen den Thatcherismus gemünzt. Denn ohne meine Auslassung heißt es: »zwangsläufig in die Irre sozialstaatlicher Barbarei führen muss«.
27. Oktober 1990
Heute Gorbatschows Wirtschaftsreformplan erhalten. Das Dokument beginnt: »Es gibt keine Alternative zum Übergang zur Marktwirtschaft.« Das »Ziel besteht darin, eine sozial orientierte Wirtschaft aufzubauen, die gesamte Produktion nach den Interessen des Konsumenten auszurichten, den Warenmangel und die Schmach des Schlangestehens zu überwinden, die wirtschaftliche Freiheit der Bürger tatsächlich zu sichern, Bedingungen für die Förderung des Fleißes, der Kreativität, der Initiative und der hohen Produktivität herbeizuführen.« Ob Spätere einmal das Schweigen mithören und die Euphemismen erkennen werden?
Aus Halle schreibt André Gursky, an der dortigen Uni würden Westberliner (er nennt Christian Fenner) zur Zeit den Ton angeben und sich »als ›Besatzer‹, in gewisser ›Siegerpose‹ und teilweise arrogant geben«. Ab kommenden Montag wird André in Darmstadt vielleicht doch ein liberalkritischeres Klima erfahren. Bin neugierig auf seinen Bericht.
Die »Scientology Church« preist in der ehemaligen DDR groß ihr »Reinigungsprogramm« an.
28. Oktober 1990
Gregor Gysi umhergeschleudert im Zusammenwirken von (alten?) Kräften aus der PDS und den Vernichtungsstrategien, denen die PDS von rechts ausgesetzt ist. Das riesige Vermögen wird, vom Gegner populistisch genutzt, zum Unvermögen der PDS.
Die Ungarn erregen das Missvergnügen der FAZ, weil sie »ganz unmarktwirtschaftlich jede Preissteigerung zu einem Drama« machen. »Markt« für die FAZ etwas Quasi-Religiöses, daher »unmarktwirtschaftlich« zu sein ein bedenklicher Charakterfehler. Führe zu einer »Anspruchsgesellschaft«. »Die Ungarn waren schon immer anspruchsvoll. Was sie früher gehindert hat, die kommunistische Herrschaft ergeben hinzunehmen […], droht nun unter demokratischen Umständen den Erfolg zu gefährden.« – Anlass war die Heraufsetzung der Benzinpreise um 60 Prozent.
Die FAZ druckt eine Rede Dmitri Lichatschows über »die Mission der russischen Kultur in der modernen Welt«. Die Russen, sagt dieser, sind innerlich polarisiert, sie leben und sterben für eine Vergangenheit oder für eine Zukunft, sind aber ohne Gegenwart. Das gelte fürs Volk wie für die Intellektuellen. »Die russische Literatur zerquetscht die Gegenwart zwischen Vergangenheit und Zukunft.«
29. Oktober 1990
Die SU wertet kraft Verordnung von Gorbatschow den Rubel ab und räumt ausländischem Kapital auch ohne die bislang geforderte sowjetische Beteiligung die Wirkungsmöglichkeit ein. Wjatscheslaw Kostikow schreibt in einem Kommentar in »Sowjetunion heute«: »Somit ist die Frage, ob die jetzige Generation der Sowjetbürger vielleicht im Kapitalismus leben wird, keineswegs gegenstandslos. […] Die akzeptabelste Bezeichnung für die Gesellschaft, die unter großen Qualen aus den Ruinen des sowjetischen Totalitarismus erwächst, wäre sicherlich Rechtsstaat. […] Der Sozialismus als hohes humanistisches Ideal existiert und wird existieren.« – Er wird in die Transzendenz verbannt. Das Diesseits liefert sich dem Kapitalismus aus.
30. Oktober 1990
In der SU scheint die Rede von der »Auflösung des letzten Imperiums« eine Art von Realität zu erhalten. Jede erdenkliche ethnisch-linguistische Unterscheidung wird nun zum Titel national-staatlicher Verselbständigung. Die Not des Nicht-mehr-und-noch-nicht führt zum Rette-sich-wer-kann. Dabei fragt sich jeder, wann und wie die militärische Zwangsgewalt auf den Plan tritt. Gorbatschow vor dem Dilemma, unabkömmlich zu sein und wegzumüssen, um Kredite zu beschaffen.
Lew Kopelew hat gestern in Köln gesagt, ein totaler Zusammenbruch Russlands »wäre verderblicher als tausende Tschernobyl-Katastrophen und würde verderblicher für alle Völker in Ost und West auf dem ganzen Planeten sein«. Der praktische Sinn dieser apokalyptischen Warnung ist es, Hilfe fürs Überstehen dieses Winters zu mobilisieren.
Die FAZ (Jens Jessen) beschreibt das Schicksal, das die neue »Normalität« den deutschen Schriftstellern bereitet: »Die Äußerungen der Autoren, mögen sie noch so polemisch sein, sinken zurück in jenes Stimmengewirr, von dem eine pluralistische Gesellschaft ohnehin beherrscht wird.« Soll heißen: das in einer pluralistischen Gesellschaft herrscht, die ohnehin hinterrücks beherrscht wird.
*
Mörike, Maler Nolten. – Ich staune beim Wiederlesen, wie wenig mir früher die sonderbare Behandlung der Geschlechterverhältnisse und der »Liebe« zwischen Männern aufgefallen ist. Larkens redet den Maler an mit »Liebling meiner Seele« (II.30). Danach arg idyllisch bei Agnes. Die Volker-Geschichte: er wollte nichts von Frauen wissen, wie seine Mutter einst nichts von Männern: der Wind hat ihn mit ihr gezeugt (77). Der Präsident, der mit seiner Frau eine Hassbeziehung unterhält, fragt sich, »warum jenes namenlose Weh, das alle Mannheit, alle Lust und Kraft der Seele bald bänglich schmelzend untergräbt, bald zornig aus den Grenzen treibt, warum doch jene Heimatlosigkeit des Geistes […] das Erbteil herrlicher Naturen sein muss?« Dann verabschiedet er sich von Nolten mit den Worten: »Schlafen Sie wohl! Lieben Sie mich!« (115) – Die »Bildung« bei Mörike als Quer-Ordnung geschildert, weil sie Stützpunkte unter den Reichen hält. Larkens geht unter Handwerker (Arbeiter), ja, er geht ins Proletariat. Dort zu leben, ist wie eine Verkleidung. Aber warum bringt er sich um? – Auch die Frauen merkwürdig umgetrieben: Margots Leidenschaft für Agnes. Elsbeth: durch Nacht und Dornen »keuchte sehnende Liebe«. Das Liebesverlangen bringt die Menschen fatal überkreuz. »Das Unerträgliche, das Fürchterliche dabei ist, dass hier weder Vernunft noch Gewalt etwas tun können.« (161)
31. Oktober 1990
In der FAZ die Rede von »jener Entente zwischen den traditionellen deutschen Machteliten und der nationalsozialistischen Bewegung, auf deren Grundlage das Kabinett Papen-Schleicher am 30. Januar 1933 zur politischen Macht gekommen war« (Reinhold Brender, der sich vermutlich verschreibt beim Zitieren aus Ulrich Heinemanns Buch über den Grafen von der Schulenburg). So wünschen sie sich rückblickend die Geschichte, frei nach dem Motto alles für das Volk, nichts durch das Volk, dem Motto, das von der Schulenburg bereits am 1. Februar 1932 in die NSDAP eintreten ließ.
Hans D. Barbier beruhigt im FAZ-Leitartikel die wegen der hochschnellenden Staatsverschuldung beunruhigten Bürger. »Der Zins ist sozusagen die Brücke zur Zukunft. Wenn morgen mit Sicherheit der Weltuntergang zu erwarten wäre, dann brächen alle Zinssätze auf Null zusammen.« Hübsche Modellannahme. Vielleicht umgekehrt: die Zinsen sprängen hoch, da niemand mehr Geld herleihen, sondern es verjubeln würde.
Die SPD scheint die bevorstehenden Wahlen schon verloren zu haben. Kohl hatte das Glück, dass die DDR-Mehrheit auf »Wiedervereinigung« drängte und die internationale politische Konstellation deren Verwirklichung erlaubte. Er tat das Seine, den Zusammenbruch der DDR zu beschleunigen, und ist jetzt im Wort, die große Suppe auslöffelbar zu machen. Verständlich, dass die Leute an ihm festhalten. Ohne dieses »historische« – das heißt paradoxerweise: ohne großes Zutun in den Schoß gefallene – Geschenk hätte er vermutlich die Wahl an Lafontaine verloren. Diesem blieb jetzt nur die Rolle des Warners, dessen, der trotz Vorbehalten nicht dagegen sein konnte.
Die Vorwürfe an die PDS werden immer feiner. Jetzt beschwert man sich, dass sie bei ihrer Vermögensaufstellung die Grundstückspreise vom Ende letzten Jahres zugrunde gelegt habe, statt die jüngste Bodenspekulation zu berücksichtigen.
Die westeuropäische Integration hat nicht nur Mittel- und Osteuropa in ihr Kraftfeld gerissen und zunächst jede eigenständige Wirtschaftspolitik desartikuliert, sondern sie hat auch wieder andere abgekoppelt. So Neuseeland, das sich als Land ohne Zukunft fühlen soll, seit sein Lammfleisch an den Zollschranken der EG hängenbleibt. Hoffnungslosigkeit hat sich breitgemacht, und viele denken an Auswanderung. In ebendieses Land hat Yuri seine ganzen Hoffnungen investiert.
*
Von APN erhielt ich das Dokument »Hauptrichtungen zur Stabilisierung der Volkswirtschaft und des Übergangs zur Marktwirtschaft«. Marktwirtschaft ohne den Zusatz »sozialistisch«, nicht einmal mehr »sozial«. Dementsprechend »Entstaatlichung und Privatisierung des Eigentums«, Ausschluss also anderer Formen von Entstaatlichung? Der Kompromisscharakter kommt in einem der aufweichenden Zusätze zum Ausdruck: »Unter der Privatisierung ist dabei nicht unbedingt ein Übergang zum Privateigentum, sondern ein allgemeiner Prozess des Wechsels des Eigentümers durch Übergabe oder Verkauf des Staatseigentums […] an Kollektive, Kooperativen, Aktiengesellschaften, ausländische Firmen und Privatpersonen zu verstehen.« Faul! Und noch immer ein »staatliches Kontraktsystem« als Korsett der Wirtschaft. Auch soll »ein Verzeichnis der Tätigkeitsarten bestätigt werden, die verboten oder ein Staatsmonopol oder nur nach dem Erhalt einer staatlichen Lizenz zulässig sind«.
Für die dritte Phase ist die Bildung des Wohnungsmarktes vorgesehen. »Sie wird gestatten, eine besonders wichtige Ware in den Umsatz einzuschalten, die dazu angetan ist, einen beträchtlichen Teil der kaufkräftigen Nachfrage der Bevölkerung zu absorbieren und derart zum Gleichgewicht auf dem Verbrauchermarkt und zur Stimulierung der Arbeitsaktivität beizutragen.«
Merkwürdig, dass in der vierten Phase, in der es darum gehen soll, »den Marktmechanismus auf vollen Touren laufen zu lassen«, noch immer die Schattenwirtschaft »verstärkt« bekämpft werden soll. Der Abschnitt zur Bodenreform klammert die Eigentumsfrage aus, spricht von »einer Wirtschaft mit mehreren ökonomischen Formationen im Agrarbereich«. Am Schluss ist dann von einer »sozial orientierten Marktwirtschaft« die Rede. Keinerlei realutopisches Potenzial. Die weiße Flagge ist gehisst.
1. November 1990
André Gursky rief an aus Darmstadt: Er staunt über liberale Eigen-Sinnigkeit und kritische Haltung bei den gastgebenden Professoren (Schumann und Böhme). In Halle dagegen walten Kommissare einer Gleichschaltung, die sich als Reeducation à la 1945 geriert. Ich rate André, sich mit Helmut Dubiel und dem Institut für Sozialforschung ins Benehmen zu setzen und den Anschluss an die Diskussion über zivilgesellschaftliche Demokratie zu suchen.
2. November 1990
In der Sowjetunion herrscht die Logik des Zerfalls. Russland tritt de facto aus; zugleich desintegriert es sich selbst. In Moldawien haben die Gagausen ein Parlament gewählt, geschützt vor der Bevölkerungsmehrheit durch Sowjettruppen. Gorbatschow hat Studenten im Kreml empfangen und vier Stunden mit ihnen diskutiert. Bald werde die neue Ordnung auftauchen. Ich, der ich zur Zeit für ein Seminar über die Spätantike lese, entdecke überall Parallelen. Auf »Vernunft« nicht zu bauen, solange die »mechanischen« Bewegungen die Sache auseinandertreiben. Man muss also sehen, wie diese »Mechanik« der Verhältnisse sich entwickelt und welche Eindrücke sie morgen auf die Bevölkerungen machen wird. Gestern hat die russische Republik Jelzins 500-Tage-Plan des Übergangs zu Marktwirtschaft und der Privatisierung in Kraft gesetzt.
In Deutschland spricht sich Thomas Ebermann in einer Wahlbroschüre der »Linken Liste/PDS« für Wahlboykott aus. Er arbeite »am Aufbau einer linksradikalen Kristallisationsbewegung«, und »über die Volksmassen sollte man sich nie Illusionen machen«. Die »Linke Liste/PDS« »verkörpert eigentlich all das, weswegen ich die Grünen verlassen habe«. Jan Feddersen, der das Gespräch geführt hat, sagt merkwürdigerweise von Antje Vollmer und ihrer Richtung, dass sie »sich heute als Protagonisten einer alternativen Weltpolizeikultur verstehen – gegen die Kritiker einer Verparlamentarisierung. – Die Broschüre, die »Streitschrift« heißt, wirkt schwach auf uns, und das Motto auf der Rückseite demotivierend: »Alle wollen regieren. Wir nicht.«
3. November 1990
Nachdem Gorbatschow aus Spanien dankend 40 Mio Zigaretten als Gastgeschenk mitnahm, hat die sowjetische Regierung das Tausendfache in der BRD bestellt, um im bevorstehenden Winter, der schrecklich zu werden verspricht, eine explosive Reibungsfläche weniger zu haben. Das ist in etwa der Verbrauch eines Monats.
Mit Frigga nach Ostberlin zu einer Konferenz »Krise des Sozialismus«, zu der die Stiftung Gesellschaftsanalyse, Nachfolgerin der alten Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, eingeladen hatte. Im Haus am Köllnischen Park, das als Mitveranstalter fungierte, wusste man nichts von der Tagung. So nutzten wir den plötzlich freigewordenen Samstag für einen ausgiebigen Spaziergang durchs immer noch seltsam fremde Ostberlin, das Anflüge einer schönen Stadt hat, immer wieder denkend, dass wir das jetzige Stadtbild vielleicht zum letzten Mal sähen.
Die Thesenpapiere übrigens ziemlich unausgegoren. Bei manchen lugen die alten zurechtgeschneiderten Legitimationsweisheiten hervor, zum Beispiel in der Rede von »jenen Ländern, die nach 1917 die Gestaltung des Sozialismus zu ihrem Ziel erhoben«. Nicht nur sind »Länder« mystifizierte Akteure, nicht nur also sind die bitteren Kämpfe und Wirren verschwiegen, aus denen die Bolschewiki als diktatorische und schließlich selber diktatorisch beherrschte Kraft hervorging, sondern der großenteils von der Sowjetarmee im Gefolge des Zweiten Weltkriegs unter sowjetische Hegemonie gebrachte und nach sowjetischem Modell regierte Ostblock kriegt eine allzu harmonische Entstehungsgeschichte angedichtet. ML wird in Anführungszeichen weitergeführt, ist also keineswegs geräumt, hängt jedoch im Unentschiedenen. Diese Autoren haben die Revolution in der SED gewiss nicht gemacht. In einem anderen Papier (von Gisela Lindenau und Herbert Schwenk) vergilbte Floskeln wie die vom »Wesensinhalt linker Politik« – so spricht bei uns kein Mensch, das klingt wie eine schlechte Übersetzung aus dem Sowjetischen. An der Macht der Fakten orientiert, heißt es von der bürgerlichen Gesellschaft, sie habe »sich angesichts des Scheiterns des ›realen Sozialismus‹ als die einzig moderne und offene Gesellschaft erwiesen«. Schwammig wird als epochale Notwendigkeit behauptet: »Die Förderung des Zusammenwirkens verschiedener Gesellschaften im Sinne einer ›Revolution‹, einer Entfaltung der positiven Elemente jeder Gesellschaft in der Welt im Interesse des Fortschritts der Menschheit.« Dagegen fuchtelt unser Freund Wladislaw H. in seinem Thesenpapier mit neuen Begriffen, was nicht ohne Interesse ist. Wie Kraut & Rüben sein Katalog »verschütteter Grundideen« des Sozialismus: »Soziale Gerechtigkeit, Humanismus, Vergesellschaftung und Pluralismus«. Andererseits redet er unbestimmt von »›genetischen‹ Fehlern im Marxismus« und der »Simplifizierung, Vulgarisierung und Dogmatisierung der Theorie in Form des ›Marxismus-Leninismus‹ durch die Politbürokratie« usw. Das kommt mir simplifiziert, ja vulgarisiert vor. Im folgenden Thesenpapier erklärt Alexandra Wagner: »Kapitalverwertung muss nicht notwendig mit Hochrüstung, Raubbau an der Natur und menschlicher Arbeitskraft verbunden sein.« Aber das lässt sich höchstens von einem der Musterländchen im reichen Zentrum so behaupten. Im Weltmaßstab des Kapitalismus ist es unerlaubt verharmlosend. Zwischen bürgerlicher und ziviler Gesellschaft vermag sie nicht zu unterscheiden. »Eine linke Fundamentalkritik am Kapitalismus hat Berechtigung, wenn sie nicht mit einer pauschalen Verurteilung der bürgerlichen Gesellschaft als Ganzer und mit der Forderung nach deren schlichter Zerschlagung und Errichtung einer ›Antigesellschaft‹ verbunden ist.« Lob der, wie es tautologisch heißt, »dem Profitprinzip zugrundeliegenden Gewinnorientierung«, Kritik indes an einem »Zustand, in dem die Entscheidung darüber, was, wo und wie produziert wird, von den egoistischen Interessen der ökonomisch Mächtigen gefällt wird«. Aber wie will sie egoistisches von nichtegoistischem Profitstreben unterscheiden? Neue Variante von raffendem vs. schaffendem Kapital?
4. November 1990
In Rumänien Unruhen gegen eben jene marktwirtschaftliche Preispolitik, die Jelzin jetzt für Russland vorhat.
5. November 1990
Nun haben sich Gorbatschows Wirtschaftsberater öffentlich die Hände in Unschuld gewaschen: Petrakow, Schatalin u.a. sagen in einem Brief an die Komsomoslkaja Prawda eine Inflationsspirale und den wirtschaftlichen Kollaps voraus. Wenden sich gegen Gorbatschows Plan, desavouieren aber auch ihre eignen Vorstellungen von gestern, die in Gestalt des 500-Tagesplans vor fünf Tagen in Russland in Kraft gesetzt worden sind. Eine politische Organisation hat derweil zur Gewalt gegen Gorbatschow aufgerufen.
7. November 1990
Dass Kohl seinen Vergleich von Gorbatschow mit Goebbels – war es 1987? – heute öffentlich »töricht« nennt, spricht für ihn. Vermutlich kann nur ein Konservativer die Beziehungen mit der SU (oder was sich aus ihr entwickelt) produktiv gestalten.
9. November 1990
Besuch von Thomas Metscher. Hans-Jörg Sandkühler, erzählte er, lehne es neuerdings ab, seine Position »materialistisch« zu nennen, und bezeichne sich als »internen Realisten«.
10. November 1990
Auch an der Bremer Uni, im Streitgespräch mit Franke von der SPD, hat Gysi den Saal für sich gewonnen.
11. November 1990
Gorbatschow zum Jahrestag des Mauerfalls in Bonn von Menschenmengen desto stürmischer gefeiert, als ihnen bewusst ist, wie verzweifelt seine Stellung in der SU wird. Das Glück der Konstellation ist ganz auf die Seite der »Deutschen« (ihrer Herrschenden) übergewechselt: Nationalökonomie und Weltkonjunktur stimmen (momentan) zusammen wie überhaupt Ökonomie und Politik, dazu die Stimmung der Beherrschten mit den Gestimmtheiten der Herrschenden. In der SU geht zur Zeit alles daneben. Nichts kommt rechtzeitig.
Im Film von Max Ophüls über den deutschen Umbruch, einer jede Totalisierung blockierenden Aneinanderreihung von Interview-Stücken mit persiflierenden Einblendungen aus Spielfilmen und Musicals, beeindruckte mich Kurt Masur, den kein Starschauspieler hätte besser darstellen können. Er wies die oberflächlichen Fragen und insinuierenden Bemerkungen dessen, der halt seine Story haben wollte, zurück. Er sprach von einer veritablen »Zerstörung der Seelen« der ehemaligen DDRBürger, die jetzt zu beobachten sei.
Beim Aufräumen auf die August-Nummer von »Sowjetunion heute« gestoßen, wo Gorbatschow als Sieger des 28. Parteikongresses geschildert wird. Aus wachsender Entfernung ändert sich auch mein eignes Bild von jenem Sieg. Was da als »konservatives« Aufbegehren erschien, war wohl bereits ein Echo (ein Weitergeben) der massenhaften Unzufriedenheit mit dem Gang der Dinge. Die Erfahrung der Parteivertreter, nichts Überzeugendes mehr sagen zu können, also der im Einzelnen sich ausdrückende Hegemonieverlust, hatte eine Grenze erreicht, wo sie nicht weiterwussten. Aber Gorbatschow weiß ja auch nicht weiter. Er findet noch rund 20 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung, heißt es, und hätte keine Chance mehr, zum Präsidenten gewählt zu werden.
*
Theorie des Stalinismus. – Heft 3/90 (September) der »Gesellschaftswissenschaften« (Moskau) enthält einen Artikel von Grigori Wodolasow über »Das Wesen und die Wurzeln des Stalinismus«. Seine Denkweise mutet zunächst objektivistisch an, unter Gesetzen und sich in Oberflächenerscheinungen ausdrückenden Geschichtsdeterminanten tut er es nicht. Von objektivistischem Standpunkt entsteht der Terrorismus als Subjektivismus. Was nicht gleichsam von selbst kommt, soll demnach mit Gewalt erzwungen werden. Dennoch nicht uninteressant. Wodolasow will zeigen, dass Marx und Lenin die besten begrifflichen Waffen gegen den Stalinismus bieten, falls man in der Lage ist, ihr Denken weiterzuentwickeln zum Begreifen der »sozialen Welt eines anderen Typs«, in der wir heute leben. Auch den Term »Abweichung« lehnt er daher als unangemessen ab. Die drei Merkmale des Stalinismus: die Individuen als »Rädchen« des Mechanismus, die Partei als Kader-Orden und die These von der Zuspitzung des Klassenkampfes beim Aufbau des Sozialismus, die Gewalt unausweichlich machte: »Das ist ein prinzipiell anderes Projekt.« Wodolasow artikuliert dieses Projekt als »links« und ordnet ihm eine soziale Basis in Gestalt der unkultivierten Subproletarier zu und einen interessierten Akteur in Gestalt der diktatorischen Bürokratie. Als System sei der Stalinismus »Diktatur der Bürokratie«, mit einer »antihumanistischen, voluntaristischen Ideologie einer bürokratischen Elite, welche die Gewalt […] verabsolutiert« und die Menschen und das Land wie einen Lehm auffasst, woraus man mit Willen & Disziplin alles formen kann (206).
Wodolasow will zeigen, dass der Stalinismus sich wie eine Krebswucherung immanent gebildet und allmählich und bewusstlos entwickelt habe. Zu den Vorbedingungen gehört, dass alle Rivalen Stalins in den 20er Jahren »ein wenig auf dem ›linken Bein‹ hinkten – sie maßen eine zu große Bedeutung der menschlichen Initiative und Aktivität in der Geschichte bei.« Solcher Linksradikalismus der Führenden gründete in der »Psychologie eines bedeutenden Teils der revolutionären Massen«. W. unterscheidet im Volk der Oktoberrevolution zwei Flügel, einen »revolutionär-realistischen«, demokratischen und einen linksrevolutionär-kasernenkommunistischen, der zur Basis des Stalinismus werden sollte. Dieser zweite Flügel stützte sich auf die am meisten Unterdrückten und Verelendeten, deren »halbasiatische Kulturlosigkeit« Lenin charakterisiert habe (LW 33, 448). Scholochows Nagulnow (aus Neuland unterm Pflug) und Platonows Safronow (aus der Baugrube) seien literarische Repräsentanten dieses Typs. Die verblüffenden Erfolge, »im Oktober und im Bürgerkrieg, als sie nach allen bekannten Gesetzen des Kräfteverhältnisses nicht siegen konnten, aber siegten, festigten in ihnen den Glauben an ihre Allmacht« (211). (W. unterlässt es, auf Lenins hierzu stimmende Charakterisierung des Marxismus als »allmächtig« einzugehen.)
Wo immer möglich, arbeitete Lenin auf Grundlage von Freiwilligkeit und Überzeugung. Aber das war der langsame Weg. Stalin repräsentierte den schnellen Weg. Und er hatte zunächst und immer wieder Erfolge. Wodolasow vergleicht sie mit Leistungen, die durch Doping erzielt werden, worauf ein langer Katzenjammer folgt. Jedenfalls wurde der Stalinismus, der den Begriff der »Volksfeinde« für seine realen oder imaginären Kritiker einführte, zum konzentrierten Volksfeind. Mit Marx (MEW 8, 199) charakterisiert W. die bonapartistischen Züge der Kulakenverfolgung. Bürokratie sei »zur adäquaten sozialen Basis des Stalinismus« geworden, heißt es, den Begriff der Klassenbasis verkürzend, wie es vielleicht ja wirklich der Fall war. Die Theorie wird nun zu einer »sorgfältig durchdachten reaktionären Doktrin«. Interessant die Annahme, »dass der Hauptinhalt des Kampfes und der Repressalien der 30er Jahre (den vielleicht die Teilnehmer selbst nicht ganz erfassten) in der Konfrontation des ›bürokratischen‹ und des ›volkstümlichen‹ Stalinismus bestand.« Den letzteren überwinde man dadurch, dass die Menschen in demokratischen Praxisformen ihre Kraft erführen, wodurch es möglich werde, die Bürokratie zu überwinden, »ohne auf die mythische Kraft einer starken Persönlichkeit zu vertrauen« (219).
Chruschtschows Scheitern wird – ganz in Übereinstimmung mit dem entsprechenden Kapitel (9.3) meines Gorbatschow-Buchs – herangezogen, um die Notwendigkeit der Entfesselung eines revolutionären Prozesses der Perestrojka gegen absolutistische Vorstellungen zu verteidigen. Die gegenwärtige Krise dieses nun tatsächlich entfalteten Prozesses wird nicht mitgedacht.
15. November 1990
Das eigne Projekt ›historisch‹ zu betrachten, ist gefährlich. Gefährlich nicht nur für die emotionale Hülle, die nun als Illusionsblase durchschaut wird, sondern wegen der gefährlichen Metastasen des Jetzt. Die »Illusionslosigkeit« gerät zur Illusion zweiten Grades, die das Totenreich auf Erden immer schon vorwegnimmt.
Historisch betrachtet wäre anzunehmen, dass »Marxismus« wie jede andere »Philosophie« nur als Staatsideologie zu dauern vermöchte. Freilich nicht als Ideologie eines bestimmten Staates, sondern als Ideologie einer bestimmten Staatlichkeit, Politik im antiken Sinn. Konkrete Politik würde dann von den Adepten daraus abgeleitet und von den Machtinteressenten damit legitimiert.
*
In Thomas von Aquins Summa theologica lesend, diesem in die große Erzählung zwischen Exitus und Redditus eingebauten System aller erdenklichen Zweifel und ihrer definitiven Beantwortung, scheint es mir, dass dieses Genre der Traum der marxistisch-leninistischen Handbuchschreiber und ihrer Auftraggeber war.
16. November 1990
Svetlana und Alexander Askoldow werden sich als Gäste der Akademie der Künste für einige Monate in Berlin aufhalten. Gestern Abend statteten wir ihnen einen ersten kurzen Besuch ab. Der Schrecken und die Angst des sowjetischen Zerfalls sprechen aus ihnen. Schon an der Wohnungstür hörten wir, dass es in Moskau kein Salz und keine Streichhölzer mehr gibt.
Frigga bemerkte die mimetische Sprechweise von Alexander, der mit den Händen gestaltet und nicht nur mit dem Gesicht, sondern mit dem ganzen Körper ausdrückt, was er sagt. Vielleicht desto mehr, als er weiß, dass wir kaum russisch verstehen und auf die englische Übersetzung Svetlanas angewiesen sind.
Sie machen Gorbatschow zum Clown, sagte er. Alles, was Gorbatschow tut, ist von vorneherein durchkreuzt. Die heutige, vom Obersten Sowjet gegen Gorbatschows Willen verlangte Rechenschaft erwarten sie mit hoffnungsloser Verzweiflung.
Jelzin schildern sie als ziemlich üblen Demagogen, der auch im Alltäglich-Mitmenschlichen mies sei, wie im Suff jederzeit herauskomme. Wir verstehen nicht nur Kritik an J., sondern spüren wieder einen Hauch vom heillosen Auseinanderfallen, das derzeit für die russischen Verhältnisse so charakteristisch ist. Die Askoldows deuteten sogar eine Art von »Verrat« seitens Jakowlews an, weil dieser mit Jelzin nach dessen Parteiaustritt gesprochen und ihm die Hand gedrückt habe.
Als ich Alexander das »Perestrojka-Journal« überreiche und erkläre, was ich darin versucht habe, sagt er mehrfach, er hätte ähnliches tun müssen, Theorie und Interpretation aufschiebend, einfach täglich verzeichnen, was geschieht.
17. November 1990
Telefonisch von Irene D. die Nachricht, Michael B. habe sich vor seiner Fakultät als Stasi-Mitarbeiter (seit 1977) offenbart. Lähmungsgefühle.
Gorbatschow scheint eine Woche Aufschub gewonnen zu haben. Sein Schachzug: eine Art Länderkammer (Aufwertung des »Föderationsrates«) als Vorgriff auf einen neuen Unionsvertrag. Er spricht von Machtkampf. Der BBC-Kommentator heute früh sagte, Gorbatschow habe seine Grenze erreicht, bis wohin man mit ihm »Reformen« machen könne. Er sei eben doch ein Kommunist.
19. November 1990
Gorbatschows »Überraschungsmanöver« bestand darin, dass er sich die Unionsregierung unterordnen will, wie das in den USA der Fall ist. Das läuft auf Entlassung von Ryschkow hinaus. Der Föderationsrat soll durch ein interrepublikanisches Komitee unterstützt werden. Der Präsidialrat soll durch einen Sicherheitsrat ersetzt werden. Die alte Idee einer Kontrollbehörde, die in allen Republiken Stützpunkte erhalten und die Verwirklichung von Gesetzen garantieren soll, taucht wieder auf. Eine weitere Sonderbehörde beim Präsidenten soll sich mit Schwarzmarkt und Kriminalität befassen. Die Rede, in der Gorbatschow dieses Konzept vorstellte, dauerte nur 10 Minuten, im Gegensatz zu der anderthalbstündigen Eröffnungsrede, worin er nichts Neues gesagt hatte.
Jetzt wird anscheinend spekuliert, dass Sobtschak eine führende Stellung in der neuen Exekutive bekommen soll.
Gestern am ehemaligen DDR-Fernsehen, jetzt DFF 1, zufällig eine Diskussion über Anna Seghers gesehen, offenbar ausgelöst durch eine Bücherverbrennung, der ihr Werk zum Opfer gefallen war und durch Kampagnen zur Umbenennung von Straßen usw., die ihren Namen tragen. Verzweifeltes Aufbäumen der DDR-Schriftsteller, den Platz ihrer Literatur verteidigend. Die Frage, warum die Seghers im Janka-Prozess geschwiegen hat. Es wurde angedeutet, dass unter Angst. Eine Sendung, die bereits wie aus einer anderen Zeit wirkt und gewiss nicht mehr lange erlaubt sein wird. Zeigt eine tiefe Verletzung.
23. November 1990
Rundfunkdiskussion (in DS Kultur) mit Träder und Kapferer, moderiert von der wackeren Ulrike Bürger. Ob der Marxismus eine Sackgasse der Menschheitsentwicklung. Man müsste so viele Gleichungen des Tages aufsprengen: Marx = Marxismus, Marxismus = Marxismus-Leninismus, diktatorischer Staatssozialismus = Sozialismus.
Ich habe ja Marxismus gleichsam in der Fernuniversität studiert, nämlich auf Distanz bei Abendroth, Adorno, Benjamin, Bloch, Brecht, Gramsci, Horkheimer, Lukács.
Träder (von Buhrs Institut) hat in Leipzig bei Wittich studiert. Das Argument und das Wissen, dass es im Westen eine lebendige marxistische Tradition gab, habe eine »belebende Wirkung« für sie gehabt. Er sprach es sächselnd: »belehmnd«, sodass ich zunächst »lähmende Wirkung« verstand. Buhr schildert er als gespalten. Er sei halt auch Philosoph.
Vom Sender in der Nalepastraße mit einem klapprigen Taxi, dessen Türgriff beim Zuziehen abging, über Köpenick nach Friedrichshagen, in einem immer noch fremden Land. An Michael Bries Wohnungstür steckte ein Zettel: »Bin kurz zum Arzt, 11h30«, und es war erst kurz danach. Ein kalter Regen ging nieder. Nachdem ich eine Weile fröstelnd den verhangenen Müggelsee und die riesigen Weidenbäume, die sich über ihn beugten, betrachtet hatte, flüchtete ich ins Treppenhaus, mit zweifelnden Gedanken an den, der mich doch herbestellt hatte. Etwas später erschien ein kleiner Junge, der artig Guten Tag sagte und die Tür inspizierte, bis er den Zettel entdeckte. Das war der achtjährige David Brie, dessen Schulklasse jetzt Schwimmen hatte, wovon er aber befreit war wegen seiner Hand. Er schob den Verband zurück, zeigte Verbrennungsnarben und erzählte den Hergang, wie er Rühreier hatte machen wollen und wie beim Einschlagen des Eis das siedende Öl auf die Hand spritzte, worauf er die Pfanne fallen ließ. Er bat mich herein, und ich durfte die von der glühend heißen Pfanne hinterlassenen Brandkerben auf dem Küchenfußboden besichtigen. David ließ sich nicht zweimal bitten, mir einen Kaffee zu brühen. Dann begann er, Schulaufgaben zu machen, während ich meine Zeitung las, verblüfft ob so viel Bravheit.
Eine halbe Stunde später sah ich durchs Fenster, wie Micha Brie aufs Haus zuging, das Gesicht gotisch-holzgeschnitzt, momentan meinte ich den Schädel darunter zu sehen. Dann sitzt er mir gegenüber, und die Ausstrahlung ist wieder da.
»Rein sachlich«, sagt er, sei seine Mitwirkung in der SED viel einflussreicher gewesen und belaste ihn viel mehr als die Mitarbeit bei der Staatssicherheit, zu der er sich 1976 oder 1977, er entsinnt sich nicht genau, nach Rückkehr aus der SU schriftlich verpflichtet hat. Er hatte so etwas wie Gutachten über Ausländer abzugeben, die Studienaufenthalte in der DDR absolvierten. Er habe nie jemandem geschadet, auch niemals über andere Personen aus seiner Umgebung berichtet, nie etwas gegen sein Gewissen getan, sei übrigens auch nie dazu angehalten worden. In den letzten Jahren habe er nur mehr seine eigene Sicht der Dinge mitgeteilt in Gestalt seiner Artikeltexte oder Redemanuskripte, die er – nachträglich – zur Kenntnis gab.
Die offizielle DDR existierte auf drei Ebenen, mit denen, wer immer Verantwortung übernahm, unvermeidlich in Berührung kommen musste: die des Staates, die der Partei und die der Staatssicherheit. Sonderbare Verdreifachung aller Vorgänge. Spaltung und Selbstzweifel liefen quer zu diesen drei Ebenen durchs gesamte Gefüge, vor allem seit in der SU mit der Perestrojka begonnen wurde und sich herausstellte, dass die DDRFührung Reformbestrebungen zurückwies.
Sachlich magst Du recht haben, ich glaube Dir jedenfalls, sage ich zu Brie, aber nach den groben Gesetzen von Politik und Medien ist Stasi-Mitarbeit ein Stigma, politischer Aussatz gleichsam. Hast Du nicht diejenigen gefährdet, die, wie Heinrich Fink, Deine Berufung zum Professor gefördert haben, dazu all die Gruppen, mit denen Du Dich seither eingelassen hast? Wie gehst Du damit um, frage ich, und ich frage gleichsam stellvertretend für solche Gruppen wie die Volksuni, nicht als moralischer Richter. M. wiederholt, der Sache nach seien seine Stasi-Aktivitäten harmlos gewesen. Er war vier Jahre im Hochschul-Ministerium tätig und kann nur sagen, dass nicht nur die drei Ebenen der Macht ineinandergriffen, sondern auch allein auf der staatlichen Ebene des Ministeriums viel bedenklichere Dinge sich abspielten. Im Übrigen habe er sich in dem Moment selbst angezeigt, als er für ein akademisches Amt vorgeschlagen wurde. Wichtig ist für ihn, dass seine eignen Studenten sich keineswegs von ihm abgewandt haben. Er möchte nun seinen Fall exemplarisch vor dem Ehrenausschuss der Universität behandelt haben. Der ASTA war schon bei ihm und wird sich in das Verfahren einmischen. Irgendwie muss die Universität, muss der gesamtdeutsche Staat mit der Stasi-Vergangenheit umzugehen lernen. »Du bist gut beraten«, schärft er mir ein, »wenn Du bei allen einigermaßen interessanten akademischen Intellektuellen jüngeren Alters entsprechende Aktivitäten unterstellst«, und ich beginne zu ahnen, wen er meint, ohne ihn zu nennen. Stattdessen nennt er J., der Ende der siebziger Jahre in Leipzig von der Stasi verhört wurde und dem sie so übel mitspielten, dass er von da an über sein oppositionelles Intellektuellenmilieu an sie berichtete. Sein eigner Fall ist dagegen viel leichter. Er ist überzeugt, der Hochschulminister Meyer habe von seiner Stasi-Aktivität gewusst, als er ihn ernannt hat.
24. November 1990
Im letzten »Freitag« spricht Katja Maurer skeptisch-bewundernd vom genialen Trick, mit dem Gorbatschow seine Umbauvorschläge (Präsidialregierung in einem Föderalstaat), die er vermutlich schon des längeren in der Tasche gehabt habe, just in dem Moment hervorzog, als er selbst verloren schien. Sie stellt es so dar, dass selbst Jelzin und andere Gegner nun wieder auf einmal nur von ihm erwarten würden, die nötigen Maßnahmen zum Durchstehen dieses Winters zu ergreifen.
In derselben Nummer schreibt Thomas Rothschild über seinen »Akt« bei der österreichischen Staatssicherheit und über die Nachteile, die ihm daraus erwachsen sind. Gegen die öffentliche Heuchelei im Zusammenhang mit der Stasi. Gestern Abend eine ungewöhnlich offene, improvisierte, unkonsumistische Fernsehdiskussion, vom NDR in Leipzig organisiert, die sich u.a. damit befasste. Die kluge und humane Trauer der Revolutionäre vom Neuen Forum, die ihre Revolution verloren haben. Sie wissen auch, dass sie nicht die Urheber, sondern die Vollzieher waren.
25. November 1990
Gestern Besuch von Paulin Hountondji, der inzwischen Kultusminister seines Landes geworden ist. Er spricht von einem wilden Antisozialismus. Man schüttet jetzt das Kind mit dem Bade aus. Meine Formulierung, dass nun im Prinzip die Möglichkeit wiedergeöffnet sei, gefällt ihm. Er habe mich seinerzeit benutzen wollen, meine Marx-Interpretation gegen die herrschende ML-Ideologie ausspielend. Jetzt völlig unmöglich, Marx eine Ware, die niemand mehr kauft.
27. November 1990
Seit Sonntagnacht streiken die Reichsbahner; Frigga hatte größte Mühe, von Berlin wegzukommen. In der Berichterstattung ein auffallender Gegensatz zwischen den westlichen und den östlichen Medien. Im Westen wird die Erklärung der Regierung übernommen, aus der man den Eindruck gewinnen muss, bei der Reichsbahn werde im Vergleich zur Bundesbahn ein halb so großes Schienennetz von doppelt so viel Menschen betreut. In Wirklichkeit sind die Belegschaften nicht nur etwa gleich stark (je rund eine Viertelmillion), sondern es werden bei der Reichsbahn die gesamten Produktions- und Reparaturbetriebe mitgeführt, die man bei der Bundesbahn längst privatisiert hat und hier nun eben gleichfalls privatisieren will. Auch wird im Fernsehen verbreitet, die Reichsbahner verdienten eh schon mehr als die andern. Es wird kaum gesagt, dass dieses »Mehr« von Löhnen ausgesagt wird, die maximal 1500 DM betragen. Davon kann eine Familie in diesen Zeiten der Privatisierungen und Preiserhöhungen nicht annähernd normal leben, das ist unter der Armutsgrenze. Ich verstehe, dass es riesige Menschengruppen in der vormaligen DDR gibt, denen es noch schlechter geht. Aber hier hat sich zum allerersten Mal eine große Gruppe gewehrt, hat das angstschlotternde Sich-Anpassen unterbrochen. Man hielt es nicht mehr für möglich. In fast allen anderen Bereichen herrscht seit Monaten das Rette-sich-wer-kann. Nein, der Streik ist ein Glück, ein Zukunftsvitamin, das Beste, was seit den Demonstrationen vom letzten Herbst und den Runden Tischen passiert ist. Er kommt wenige Tage vor der Wahl. Und die Reichsbahn ist die einzige Branche in der vormaligen DDR, die gebraucht wird, deren Betreiber also überhaupt die Macht haben, wirklich zu streiken. Berlin ist jetzt auf dem Schienenweg abgeschnitten, wie seit der Blockade nicht mehr. Noch verkehrt die S-Bahn.
Achtzigtausend sollten fürs Erste entlassen werden, und statt sich zu desolidarisieren, hoffend, es werde andere treffen, haben die Eisenbahner mit 97 Prozent für den Streik gestimmt, also für die kollektive Verteidigung: Die erste Forderung betrifft den Kündigungsschutz, der dem bei der Bundesbahn Üblichen angeglichen werden soll. Das verunmöglicht keineswegs Entlassungen, schützt nur die dienstälteren Kollegen, die auf dem Arbeitsmarkt keinerlei Chance mehr haben. Erst die zweite Forderung gilt dem Lohn und ist sehr maßvoll: hier will man die Hälfte der Bundesbahnlöhne erreichen. Solche Informationen muss man sich mühsam herausfiltern.
*
Laut Gorbatschows Vorschlag eines neuen Unionsvertrags wird UdSSR künftig »Union der souveränen Sowjetrepubliken« bedeuten. Das Sozialistische verschwindet aus dem Namen. Der Kongress der Volksdeputierten wird in dem Entwurf nicht erwähnt; daraus schließt Werner Adam ein bisschen sehr schnell, dessen derzeitige Sitzung könne die letzte gewesen sein. Außer Militär- und Außenpolitik soll die Unionsregierung »gemeinsam mit den Republiken die Strategie der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes und die Schaffung von Bedingungen zur Entwicklung eines unionsweiten Marktes auf der Grundlage einer gemeinsamen Währung« betreiben. Ein ungeheuer kompliziertes Mächtegerangel zwischen Republiken und Union zeichnet sich ab. Die Union verfügt noch nicht einmal über einen eigenen Unionsdistrikt wie die USA. Ein Verfassungsgericht soll die Konflikte schlichten. In den USA ist die heutige Struktur aus einem Bürgerkrieg hervorgegangen. Ob ein neuer Bundesstaat ohne eine derartige Kriegsgeburt zur Welt kommen kann? Aber hier gibt es – vielleicht außer der Armee, deren Belastbarkeit aber höchst ungewiss ist – keinen Akteur, der den Nordstaaten entspräche.
29. November 1990
Gorbatschow hat die Reise zur Entgegennahme des Nobelpreises absagen müssen.
Mit Wanja von Heiseler telefoniert, der mich zu einem Seminar nach Moskau einlädt. Mit der Überzeugung eines Ordenspaters beschied er mich, dass die Unterscheidung zwischen ziviler und bourgeoiser Gesellschaft fehl am Platze sei. Dass es die Bürger (Bourgeois) waren, die das Konzept società civile eingeführt hätten, sei wesentlich. Ich verweise auf die koinonía politikè, das bringt ihn dazu, mich zu belehren, dass es im alten Athen Ware und Geld gegeben hat usw. Ich merke, dass ich keine Lust habe, solche Diskussionen zu führen, und mache meine Teilnahme an der moskauer Tagung davon abhängig, dass Leute eingeladen werden, die auf dem Feld mit nennenswerten Arbeiten hervorgetreten sind. Wanja bleibt ein marxistisch-leninistischer Ordensgeistlicher, grade auch in der Abkehr vom ML. Da macht sich ein Haltungselement vor aller konkreten Theorie und Politik geltend, das aus dem stalinschen Parteityp fortlebt.
1. Dezember 1990
Gorbatschow vorm ZK: Er habe die Bedeutung der Arbeiterklasse für die Perestrojka unterschätzt. Spricht sich kategorisch gegen die Privatisierung des Bodens aus.
Der Krieg gegen den Irak rückt näher. Der UNO-Sicherheitsrat folgte dem Antrag der USA, ein Ultimatum bis zum 15. Januar zu stellen.
3. Dezember 1990
Der Wahlausgang ein Schock. Für mich kam das Ausscheiden der Grünen aus dem Parlament völlig unerwartet. Großflächige Pechsträhne alles Linken. Die PDS wird nun die einzige Opposition links von der SPD sein. Nachdem sie bis zur letzten Minute mit Skandalkampagnen überzogen worden ist, ist es erstaunlich, dass die meisten ihrer Wähler, wenigstens in Ostberlin, an ihr festgehalten haben.
In England musste jetzt gerichtlich geklärt werden, dass dem Ausdruck Arbeiterklasse etwas Wirkliches entspricht. Es ging um einen Wohnblock, der 1937 zu einem symbolischen Zins dem londoner Gemeinderat verpachtet worden war unter der Bedingung, dass die Wohnungen Angehörigen der Arbeiterklasse zu vermieten seien. Die Politiker wollten die Wohnungen meistbietend verkaufen und vertraten die Meinung, der Ausdruck Klasse sei »widerwärtig«, und jene Bindungsklausel sei »verbraucht« und »wirkungslos«. Und war nicht im Wohnungsgesetz von 1925 festgelegt worden, zur Arbeiterklasse gehöre, wer wöchentlich nicht mehr als 3 Pfund verdient? Der Richter ließ sich vom Oxford Dictionary überzeugen, dass eine »Arbeiterklasse« existiert, solange es Menschen gibt, »die gegen Lohn in manuellen oder industriellen Berufen tätig sind«.
6. Dezember 1990
Zu untersuchen, wie das Streben nach Vergesellschaftung zu Verstaatlichung geführt hat.
7. Dezember 1990
Vor einem Jahr formulierte es der Vorsitzende ›meiner‹ Gewerkschaft (GEW), Dieter Wunder (in den Gewerkschaftlichen Monatsheften 12/1989): »Für die Gewerkschaften gibt es keinen Grund mehr, ihren Beschlüssen die Vorstellung einer alternativen Gesellschaftsordnung zugrunde zu legen – es gibt derzeit keine realistische Vorstellung einer wünschenswerten Alternative.« Als wäre in Gestalt der DDR eine solche wünschenswerte Alternative untergegangen! Das ist blanker Opportunismus. Dass es keine realistische Vorstellung gibt, stimmt, galt aber schon zuvor.
Die Rechtskonservativen machten ihr Dezemberheft von 1989 mit einer Grabinschrift auf: »Karl Marx – geboren 1818 – gestorben 1989«. Ich hatte immer geglaubt, er sei 1883 gestorben. Auch sie denken auf Staatsmacht hin.
Wie anders Georges Labica, der in der Zeitschrift »M« vom März/ April 1990 die Frage stellt: »Le communisme enfin possible?« Freilich tappen wir im Dunkeln, sehr weit weg von weitergehenden Hoffnungen auf Umgestaltung. Auch wenn im Kontext unserer Landesgeschichte, wie Ulrich Sonnemann Anfang des Jahres gesagt hat, »eine Volksrevolution, die eine Staatsmacht stürzt, nichts Geringeres als ein Novum von abenteuerlich befreiender Heiterkeit und Brisanz ist« (Diskus 1/90, 9). Jetzt scheint Bier- & Bananenernst an die Stelle getreten.
Auf solcherlei Gedanken komme ich, weil ich auf- und wegräume: das zur Verwendung im Perestrojka-Journal bestimmte Material, das liegen blieb und von immer neuem Material überschichtet wurde. »Eine Zeit des Umbruchs und der Erneuerung des Sozialismus in der DDR« – das waren die ersten Worte des Leitartikels von Gretchen Binus im Januarheft der IPW-Berichte. Blicke zurück, und du wirst zur Salzsäule.
8. Dezember 1990
Niederlage des Denkens überhaupt, wenn die Vorstellung einer Gedachten Gestaltung des Stoffwechsels der Menschen mit der Natur (Produktion) und untereinander (Distribution) eine Niederlage erleidet.
9. Dezember 1990
Gorbatschow ist vorgestern im Kreml mit 3000 Direktoren sowjetischer Staatsbetriebe zusammengetroffen. Diese Leute anscheinend außer sich vor Zorn über die Perestrojka, die planlos begonnen worden sei und einen zerstörerischen Kurs eingeschlagen habe. Ryschkow bei diesen Personen offenbar anerkannt, Abalkin nicht. Gorbatschow wird vorgeworfen, zwischen den Fronten zu pendeln, statt »wirklich zu regieren«. Von immer mehr Seiten wird der Ausnahmezustand gefordert. Es sieht so aus, als sei die vormalige SU nun in der Hand von Warlords. Laut FAZ rückt Gorbatschow näher an KGB und Armee.
10. Dezember 1990
Große Ereignisse, wenn endlich eingetroffen, verschwinden in Banalität. Wahrnehmungsschwierigkeiten angesichts der Abrüstung Europas. Unbefangene Wahrnehmung unmöglich, weil die Veränderung von unseren Herrschenden als Landnahme nach einem Sieg praktiziert. Alles mit Zweideutigkeit geschlagen. Der latente Krieg gegen den Irak könnte die Form sein, in der die Vereinten Nationen das Zivilisationsmuster der Staatenbeziehung durchsetzen – oder die Form, in der die USA sich weiterhin (zu verschwendendes) billiges Erdöl verschaffen. Führende Leute der USA haben jedenfalls angekündigt, die Truppen würden auch nach einem Abzug des Irak aus Kuweit in der Region bleiben.
In der FAZ die Ansprache von Herbert Gottwald zur Wiedereröffnung des Historischen Instituts der Jenaer Universität. Der Untertitel definiert die Schuldigen: »Plebejer des Geistes degradierten die Geschichtswissenschaft in der ehemaligen DDR«. G. nutzt Jaspers Nachkriegsvorträge zur Schuldfrage als Matrix. Die »erzählende und orientierende« Funktion von Geschichte sei zu restituieren, »erzählend in dem Sinne, dass sie die Entzauberung der modernen Welt mit narrativen Mitteln zu kompensieren versucht«. Marxisten seien zu dulden unter der von Golo Mann 1972 formulierten Bedingung, »dass sie auch die Gegenargumente darlegen, als ob es im Augenblick ihre eigenen wären, und dass sie zum Widerspruch auffordern«. (Ich will gerne so verfahren, tue es längst, wüsste aber nicht, dass man mir gegenüber so verfährt.) Gottwalds sonderbar weichgefederte eigene Stellungnahme: »Man mag die sogenannte doppelte Glaubenskrise des Marxismus, wonach einmal der Glaube an den gesetzmäßigen Fortschritt der Geschichte zerbrochen sei und sich zugleich auf der anderen Seite der Glaube an die revolutionären Potenzen der Arbeiterklasse verabschiedet habe, durchaus akzeptieren. All dies ändert aber wenig an dem Tatbestand, dass von den Marxschen Gedanken und Methoden tiefgreifende Impulse für das 20. Jahrhundert im allgemeinen, für die Theorie und Empirie historischer Sozialforschung und insbesondere für die Analyse der bürgerlichen Gesellschaft ausgegangen sind.«
14. Dezember 1990
Traf mich mit Alexander Filippow, er aus Bielefeld, ich aus Solingen kommend, in Bochum im Café Ferdinand, hinterm Bahnhof. Er ist Friedrich-Ebert-Stipendiat, arbeitet sonst in Moskau unter Juri Dawydow, dessen Entfremdungsbuch ich kenne, und hat sich auf die westdeutschen Konservativen spezialisiert. 1980 habe er als junger Assistent (wie wir sagen würden) einen Bericht über unser »Projekt Ideologie-Theorie« geschrieben. Der Bericht sei indes nicht veröffentlicht worden, weil zu marxistisch. Die zuständige Frau Galzowa, die heute entscheidenden Einfluss bei Nowy Mir ausübe, habe damals ausgerufen: »Armes Russland! Nach 70 Jahren gibt es noch immer Leute, die an Marx glauben!« An jenem Institut für Wissenschaftlichen Kommunismus habe man sich für alles außer für Kommunismus interessiert, sagt F., er selber habe hauptsächlich Weber, Popper und anderes dergleichen übersetzt. 1984 Referat über Orwells Neusprech. Als Habermas im April 1989 in Moskau am Institut für Philosophie auftrat, seien viele, oft gerade die Jüngeren, mit ihm unzufrieden gewesen, weil er zu sehr an Marx angeknüpft habe.
Im Gegensatz zu berühmten »Radikalreformern« stellt F. sich als Opfer des alten Regimes vor: Als Jude, Parteiloser und Unverheirateter habe er drei negative Karrieremerkmale gehabt. Jakowlew sei exemplarisch für Karriere im Zentrum des alten Regimes, sich allenfalls durch Englischkenntnisse von anderen unterscheidend; 1972 habe er die Kollektivierung der Landwirtschaft gefeiert. Ligatschow gehöre dagegen zu den Organisatoren vor Ort. Die Karrieren bedingen anscheinend rivalisierende Gruppen innerhalb der Elite. I. Frolow lese selber und habe »Sinn für Qualität«. Er sei der wichtigste Gate-Keeper zu Gorbatschow gewesen, der Denkimpulse weitergeben oder blockieren konnte.
Die neuen ›demokratischen‹ Politiker schildert Filippow als gute Redner ohne praktische Fähigkeiten. Die städtische Verwaltung Moskaus sei unter Popow und seinem Stellvertreter Stankijewitsch schlimmer daran als zuvor. Nostalgisch spricht er von den alten »kommunistischen« Verwaltern. In Leningrad sei es nicht anders. Andernorts, wo die alten Chefs in den neuen Strukturen sich haben behaupten können, herrsche zwar weniger Demokratie, sei aber die Versorgung mit Lebensmitteln »normal«, gleiche dem gewohnten Sozialismus mit seinen Mängeln, aber erträglich. In Moskau seien inzwischen nicht mehr nur die Regale leer, sondern es gebe keine Regale mehr. »Gute alte Zeit« unter Breschnew! Eine Wende zur ideologischen Verschärfung habe der Einmarsch in die ČSFR mit sich gebracht. – Die SU, merke ich, ist eben auch bei sich selbst einmarschiert; der Ausnahmezustand der Unterdrückung der andern schlägt unverzüglich auf die Unterdrücker zurück. Breschnew hat die hohen Ölpreise für sozialpolitische Geschenke genutzt, nicht für die Erneuerung der Produktionsstrukturen. Als die Ölpreise fielen, musste ein neuer Chef mit neuer Politik her.
Gorbatschow habe sich ohne jedes Szenario in die Perestrojka gestürzt. Jetzt keine Zeit mehr für neue Ideen, daher der Präsidialrat abgeschafft. Angesichts des Schicksals der ungarischen Reformpolitiker, die alle von der Entwicklung verschlungen worden sind, werde Gorbatschow die Reformen keinesfalls weiterbringen, sondern auf der jetzigen Stufe stehenbleiben und sie zu stabilisieren versuchen. – Hier spricht Filippow BRDSprache, schillert vom Neostalinismus zum Neoliberalismus hinüber. Als Meinung anderer referiert er: Es gehe Gorbatschow um Zeitgewinn, damit die alte Elite die neuen Positionen zu besetzen vermöge, um dann eine Diktatur nach chilenischem Muster einzurichten, auf dem Bündnis von Konzernen und Militär beruhend, dem Land Liberalismus aufzwingend.
F. sagt, er habe meine Gorbatschow-Studie zu einem Drittel gelesen. Ohne sie direkt zu kritisieren, widerspricht er in der Sache, diskreditiert nach Kräften meine Zeugen und unterläuft meine theoretischen Konzepte, zumal das der Zivilgesellschaft. Die SU sei kein Staat im eigentlichen Sinn, sondern ein Imperium, an dessen Bestand die Möglichkeit eines sowjetischen Universalismus (er nimmt meinen Term) gebunden sei.
Wenn das Imperium zerfällt, tritt nicht Zivilgesellschaft hervor, sondern entstehen Staaten, die mit Menschen- und Bürgerrechten wenig anfangen können. Bei F. scheint durch, dass er das Imperium mit Gewalt zusammengehalten haben will. Gleiches schreibt er Gorbatschow zu, der wisse, dass er anders gestürzt würde. Wenn die Union auf dem Spiele stünde, würde Gorbatschow nicht davor zurückscheuen, Blut zu vergießen. In den sezessionistischen Republiken seien jetzt selbst große Teile der russischen Minderheit für die Abspaltung. Der antirussische Nationalismus der dortigen Mehrheit werde sie allerdings binnen kurzem eines bessern belehren. F. anscheinend für neue Diktatur, sieht jedenfalls keinen andern Weg für Russland als den des Zwangs, repressive Daseinssicherung als mögliches Legitimationsmuster. Deutschland und Japan gelten ihm als Beispiele dafür, dass »Liberalismus aufgezwungen werden kann«.
Niemand kommt bei Filippow schlechter weg als die »liberalen Elitären«. Tatjana Saslawskaja etwa, die für Preiserhöhung bzw. für Freigabe der Preise spreche und dies durch Sozialpolitik ausgleichen zu können glaube, obwohl es doch hierfür vorerst weder Ressourcen noch Institutionen gebe, habe sich von der alten Administration benutzen lassen und sei jetzt bei breiten Schichten zu recht in Misskredit.
Nebenbei erfahre ich von F., einer seiner Freunde habe in der Prawda gelesen, Mamardaschwili sei gestorben. Ich glaube nicht daran.
15. Dezember 1990
Immer wieder sehe ich Merab, wie er genießerisch am Strand sitzt, seinen Leib der Sonne entgegenhält, ab und an provozierend Metaphysisches von sich gebend. Er muss leben! Er lebt in meiner Erinnerung, und wie!
*
Die gestrige Lesung im Alten Bahnhof Bochums ging gut. In der Diskussion sprach einer davon, dass in den vormals »sozialistischen« Ländern heute zum ersten Mal in der Geschichte der Kapitalismus zu einer Utopie geworden ist, also an die Stelle gerückt ist, an der bisher unsere Visionen von Sozialismus standen. Die Entwertung der »Trabis« als Bewusstseinstatsache. Wie schon in Solingen werde ich nach dem »neuen Grund« gefragt, von dem im Titel die Rede ist. Viele verstehen nicht, dass das Ausloten der Katastrophe, die Verständigung über den Konstruktionsfehler des befehlsadministrativen Systems und die Arbeit an einem neuen Common Sense der Linken derzeit das Wichtigste.
Einer scheint es unanständig zu finden, ein »Tagebuch« zu veröffentlichen. So was erscheint nach dem Tod. In Solingen ein blutjunger Praktikant der lokalen Zeitung; er schien es egoistisch zu finden, andern die Lektüre eigner Eindrücke anzudienen. Im Publikum versprengte Veteranen von ’68, alten zerschlissenen Sofas gleichend, die von mir zuletzt die Kritik der Warenästhetik (1971) gelesen haben.
Die Jüngeren beginnen sich zu spalten (vorerst ohne es zu merken) in solche, die vom Neoliberalismus überzeugt werden und solche, bei denen der Diskurs der neuen radikalen Linken greift. Zwischen diesen Fronten habe ich es schwer.
*
Der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank, Wilfried Guth: »Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs […] ist auch die vom Westen losgelöste Existenz Osteuropas beendet.« Feiert die neuen Nationalismen im Osten als »eine entscheidende Triebkraft für den fundamentalen Umschwung«. Treibt einen Keil zwischen die europäischen und die außer-europäischen Republiken der SU, indem er den ersteren die Assoziierung an die EG anbietet. Weiß aber, was er an G hat, und bietet folglich den Sezessionisten nur Vages. »Es wäre daher allzu spekulativ, heute darüber nachzudenken, ob zum Beispiel die baltischen Republiken in Zukunft ein so hohes Maß an politischer Souveränität bekommen werden, dass ihr Einschluss in die EG ernsthaft erwogen werden könnte.« Rückblick: »Während der letzten zwölf Monate waren wir vorrangig Beobachter, Zeugen einer kaum fassbaren Bewegung politischer Befreiung«. Diese Zeit sei vorbei, und Banker sowie Unternehmer sollen nun anpacken. Natürlich geht es ihnen um eitel Gemeinwohl.
16. Dezember 1990
Eine Gleitlandung von Ideen auf dem Boden von Tatsachen –
Wie Botschaften aus dem Jenseits gelangen jetzt Besprechungen aus der vormaligen DDR an mich, in denen meine Arbeiten zum ersten Mal ernst genommen werden. So über das Gorbatschow-Buch im »Referateblatt Philosophie« 26 (1990) 2: »Angesichts der notwendigen revolutionären Erneuerung des Sozialismus in unserem Land ist die Lektüre der haugschen Arbeit dringend zu empfehlen.« Als das gedruckt wurde, war das bereits vergangen, abgetriebene Zukunft in der Vergangenheit.
17. Dezember 1990
Die USA auf dem Weg in die Wirtschaftskrise. Beschweren sich, dass ihre Verbündeten zu wenig für die Kriegsvorbereitung spendieren. Kosten weit über 35 Mrd USD.
18. Dezember 1990
Über 60 Prozent der Bevölkerung in der ehemaligen BRD halten die Wirtschaftslage für gut, 3 Prozent für schlecht. In der ehemaligen DDR halten über 60 Prozent sie für schlecht, 2 für gut. Das ist schlagend komplementär. Die Lage ist indes stabil, weil in der vormaligen DDR 60 Prozent daran glauben, dass es besser wird.
Gewinner des Umbruchs ist zumal die Automobilindustrie (bzw. das Finanzkapital, soweit es jene kontrolliert). 1990 sind schon jetzt 1 Mio PKWs in die DDR verkauft worden, davon 1/5 Neuwagen; ich schätze, dass dadurch mindestens 12 Mrd DM in den Westen abgeflossen sind. Nun will VW 5 Mrd investieren bei Zwickau, während Mercedes mit 1 Mrd das Ifa-Werk in Ludwigsfelde bei Berlin zu »einer der größten und modernsten« Stätte für Lastwagenproduktion ausbauen will; BMW baut Karosserieteile in Eisenach; ebenda hat Opel die Produktion von 16 000 »Vectra« pro Jahr aufgenommen, investiert zusätzlich eine Mrd in ein neues Werk, das (mit 2600 Arbeitsplätzen) jährlich 150 000 PKW bauen soll, vorwiegend »Corsa« und »Kadett«. Schon jetzt unterhält Opel 350 Verkaufsstellen mit 9000 Angestellten in der DDR.
Frontberichte in einer zügigen und enormen Eroberung: Die Deutsche Bank hat das Filialsystem der ehemaligen Staatsbank übernommen, wie die Großkaufhäuser die »Centrum-Warenhäuser«, BASF die Synthesewerke Schwarzheide. Unilever lässt in 7 Werken zu Lohnverhältnissen fertigen und möchte die Margarinewerke Pratau und Chemnitz übernehmen. Coca-Cola hat die Weimarer Getränke übernommen, Binding die Radeberger Brauerei sowie die Brauerei Krostitz bei Leipzig und über die Binding-Tochter Berliner Kindl die Potsdamer Brauerei und die Bürgerbrauerei in Berlin. Reemtsma übernahm VEV Tabak Nordhausen, Philipp Morris und Reynolds die andern beiden Zigarettenfabriken.
Das Stasi-Stigma wirkt im Sinne der Übernahme. Man muss seine Wirkungsbedingungen und Effekte studieren.
In England Stagflation: über 10 Prozent Inflation, »unternormaler« Auftragsbestand bei 54 Prozent der Firmen, steigende Arbeitslosigkeit.
Bei uns werden anstelle von Steuererhöhungen allerlei Abgaben eingeführt (vor allem eine Straßenbenutzungsgebühr) sowie das Telefonieren verteuert.
19. Dezember 1990
Wieder einmal lugt ein Stückchen Wahrheit durch, gleich wieder verdeckt von taktischen Macht- und Meinungsspielen: »Denn so urgewaltig sich die Wende im letzten Herbst auch vollzogen haben mag, ohne die stillschweigende Duldung gerade dieser Kreise der Staatssicherheit wäre sie wohl kaum zu diesem glücklichen Ende gekommen.« (J. M. Möller im Leitartikel der FAZ) Die Rede ist von Leuten wie Markus Wolff. Es ist die Verdichtung von Wut gen gestern und Verzweiflung gen morgen, die sich unseren Herrschaften als Vehikel anbietet, um die DDR-Bevölkerung zu desartikulieren. Bei Möller taucht dieses Potenzial als »tiefer Pessimismus« auf, »der die Menschen in den neuen Bundesländern schon seit längerem erfüllt und der sie mittlerweile fast alles glauben lässt, was ihren düsteren Eindruck bestätigt«. Diese ins Negative sich stürzende Leichtgläubigkeit ist es, woran man das DDR-Volk jetzt vor allem hebelt.
22. Dezember 1990, Los Quemados (La Palma)
Hier wurzelt alle Ökonomie in der Ökonomie des Wassers. An der nötigen Infrastruktur der Bewässerung hat das Gemeinwesen seine Aufgabe. Alte Ordnungen der Verteilung der Ressource. Feudale und dann wieder (oder kombiniert) kapitalistische und Monopolansprüche beschworen Kämpfe auf Leben und Tod herauf. Einer der durch den Staat vermittelten Kompromisse besagt, dass an einer derartigen Anlage dem einzelnen Bauern so viel Wasser zusteht, wie er an einem Tag im Monat mit einem ausgehöhlten Kürbis schöpfen kann. Sie schöpften wie der Teufel, und der Erschöpfung kamen sie durch Nachbarschaftshilfe zuvor. – Koppelungsstelle zwischen Arbeitszeit und Gebrauchswert: ein Tagwerk Wasser.
26. Dezember 1990
Sonderbare Serie von Träumen. Gestern Nacht in einer Kirche, an die Zionskirche erinnernd, eine Podiumsdiskussion, bei der Alexander Dubček auftrat, in vornehm-wehmütiger Haltung von der Empore sprechend. Zwei Nächte träumte mir von Gysi. Es ging um irgendeine Unkorrektheit in seiner Partei, worüber eine Versammlung tagte; ich glaube, jemand hatte einen Handel mit Parteikrempel aus der vorigen Epoche aufgemacht, und Gysi sagte zu mir: »Einer hat halt immer die Hände unter der Decke.« Wieder eine Nacht zuvor HK, die ich aus einer Redaktionssitzung befördern musste, während sie sich, auf Kindsgröße schrumpfend, an mein Bein klammerte, wimmernd und feucht wie ein sexueller Kobold. Heute Nacht hatte man angesichts der Weltwirtschaftskrise den kühnen Entschluss gefasst, das gesamte Gewicht des Staates in die ökonomische Waagschale zu werfen, Krise und Bankrott gleichsam wegzugarantieren. Nachdem die Planwirtschaft zusammengebrochen und vom Privatkapitalismus vereinnahmt worden war, musste sie nun hinterrücks wieder eingeführt werden, als staatliche Trägerschaft der gesamten Wirtschaft, oberflächlich noch die bisherigen Formen weiter- und auslaufen lassend. Es war ein gigantisches und einmaliges Experiment, und ich hatte getan, was ich beim umgekehrten Vorgang bezüglich der DDR versäumt hatte: Beobachter animiert, die von überall her Material sammelten, um das Geschehen aufzuzeichnen.
27. Dezember 1990
Sonst träume ich monatelang nichts (zumindest erinnere ich mich nicht daran), jetzt allnächtlich. Diesmal von einem Kongress in Ost-Berlin, mit ehemaligen SEDlern, die noch benommen von der Katastrophe waren. Die emotionale Qualität ihres Zusammenhangs untereinander und mit der untergegangenen DDR.
Ich habe es noch nicht im Ernst begriffen. Weltgeschichtliche Sackgasse? In den Träumen lernen die Emotionen.
28. Dezember 1990
Schlecht geschlafen und heftige Traumarbeit. Ein Unbewusstes, das zurande zu kommen versucht. Blutige Befreiungskämpfe in der Antike, aber am Schluss, unter den Linden, nach dem gerufen, der »das alles« verantwortet. Ein gründgenscher Conférencier inszenierte dessen Auftritt: Hitler! Aber Hitler war schwarz.
In der zweiten Hälfte der Nacht im Traum mit Volker Braun sisyphusgleich am Staat gearbeitet.
Tagsüber lerne ich Altgriechisch. Großes Bedürfnis danach. Wie ein Tor zu einem nächsten Lebensabschnitt. Es könnte der letzte sein.
Der Urlaub halb vorbei; ich lege den Artikel »Dummheit« zur Seite und wende mich dem Vorwort zur Gramsci-Ausgabe zu.
1991
4. Januar 1991
Auf dem Flughafen von La Palma entdeckte Frigga zwei DDR-Kolleginnen, die in der Argument-Frauen-Redaktion mitgearbeitet hatten. Da sind wir also eine Urlaubsgemeinschaft geworden. Was für ein Wandel seit vor einem Jahr. Große Bedrückung angesichts des Wie. Das Wort der Tage heißt »Abwicklung«. Ich kann mich nicht des Gedankens erwehren, dass es derselben Spracharbeit entspringt wie einst die »Endlösung«.
Aus einer herumliegenden Zeitung vom Rücktritt Schewardnadses im Konflikt mit Gorbatschow erfahren. Er sieht die Gefahr einer neuen Diktatur.
5. Januar 1991
Klaus Bochmann berichtet Bedrückendes über »Abwicklung« und »Evaluierung« aus Leipzig und Halle. Auch in Halle hatten Studenten die Universität besetzt. Hatten anscheinend versucht, mich für irgendeinen Vortrag zu gewinnen. Nur an der Humboldt-Universität hat sich der Rektor auf die Seite der Studenten gestellt.
In den USA steigt die Arbeitslosigkeit. Nach amtlichen Angaben (denen nicht zu trauen ist) waren es im Oktober noch 5,7 Prozent, im Dezember bereits 6,1. Im Arbeitsministerium rechnet man für Juli mit dem Zusammenbruch der Arbeitslosenversicherung in mindestens acht Bundesstaaten.
7. Januar 1991
Wenn Antisozialismus Kristallisationskern eines jeden Faschismus, was wird dann, nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten, aus der faschistischen Gefahr? Marginal?
Wird die Kapitalistenklasse wieder problemlos hegemonial, Konsens bündelnd für ein Projekt, das Profitinteressen mit zivilgesellschaftlichem Universalismus artikuliert? Ist der heraufziehende Ölkrieg dafür exemplarisch?
Gramscis Terminologie. »Subalterne« hatte ich als Tarnwort unter Bedingungen der Zensur verstanden. Hat aber Sinn: Kategorie vom Standpunkt der Selbstregierung.
9. Januar 1991
Die von der litauischen Regierung beschlossenen Preiserhöhungen schufen Fronten quer zu den Nationalitäten. Endlich! Nationen gegeneinander – das war unbearbeitbar. Vergebens rief der Parlamentspräsident über den Rundfunk um Hilfe gegen die Demonstranten. Das Parlament wurde aufgebrochen, die Regierung Prunskiene trat zurück, die Preiserhöhungen sind ausgesetzt.
10. Januar 1991
Was Lafontaine von den Kosten der Vereinigung und von der Unmöglichkeit, ohne Steuererhöhungen zurechtzukommen, gesagt hatte, pfeifen jetzt die unzufriedenen Spatzen von den Dächern. Aber der Name L. wird nicht genannt.
Einer Bücherliste in Gramscis 1. Gefängnisheft entnehme ich: Heinrich Manns Untertan heißt in der französischen Ausgabe Le Sujet.
11. Januar 1991
Weltkrieg neuen Typs. – Mit einer Mischung aus Schrecken und Faszination wartet die bürgerliche Welt auf den Öl-Krieg, denn »Golf« ist doch nur ein geographischer Name für Öl. Ich vermag mich der lüsternen Haltung der Konsumenten von Fernsehbildern vom Krieg nicht gänzlich zu entziehen, obgleich sie mir zuwider ist. Was bevorsteht, ist ein Weltkrieg neuen Typs: scheinbar erklärt die ganze Welt, vertreten durch die Weltorganisation, dem Irak den Krieg. Real und doch auch nur scheinhaft, weil unter der von den USA hegemonisierten Welt eine andere sich rührt. Der Krieg mag sich ausbreiten, soundso viele Völker oder Teile von ihnen werden sich – gegen ihre eignen Regierungen – daran beteiligen.
Mein Bruder fragte, ob es ratsam sei, während der möglichen Kriegszeit Urlaub auf einer der kanarischen Inseln zu machen. Ich riet ihm ab. Ich rechne mit einem Krieg, den ich mir nicht vorstellen kann.
12. Januar 1991
Baudrillard benützt die Vorkriegssituation zur Bebilderung seiner Simulationsthese. Der Krieg am Golf finde nicht statt. Joseph Hanimann, dessen Bericht ich den Hinweis entnehme, gibt zu wenig Material, um diese Äußerungen von verschmockter Blödheit zu unterscheiden.
13. Januar 1991
Dürrenmatts Rede auf Gorbatschow. – Am Tag vor seinem Tod, am 14. Dezember 1990, hat Dürrenmatt seine am 25. November gehaltene Rede auf Gorbatschow überarbeitet. Logik und Ausgang des Kalten Krieges leitet er aus der epochalen Leit-Destruktivkraft, der Atombombe, ab, die »eine Kettenreaktion an Furcht« ausgelöst habe. Die Ideologien nur Rationalisierungen eines »irrationalen Konflikts«, dessen Bewegungsform die Unbeweglichkeit war, in der jede Seite sich lähmend in der andern spiegelte. So kam es, »dass die beiden Gegner, im Versuch, einander zu Tode zu rüsten, das Resultat des Zweiten Weltkrieges umkehrten, die Verlierer des heißen Krieges, Deutschland und Japan, wurden zu Siegern des Kalten, und wenn der deutsche Bundeskanzler den tiefsinnigen Ausspruch tat, Karl Marx sei tot und Ludwig Erhard lebe, so vergaß er, dass die Bundesrepublik nur durch den Kalten Krieg zu dem geworden ist, was sie war und schon nicht mehr ist, weil sie sich dank eines Marxisten mit der deutsch-demokratischen Republik zu einem neuen Deutschland vereinigen konnte.«
Dürrenmatt, der Nichtmarxist, schärft ein, man müsse G als Marxisten ernst nehmen, der den Marxismus zu erneuern versucht. (Einiges an Dürrenmatts Darstellung deutet darauf hin, dass er mein Buch über Gorbatschow kannte.) Er schildert die Demilitarisierung der Systemkonkurrenz und die entsprechende Korrektur der Annahmen über das Verhältnis von Imperialismus und Krieg (verwechselt dabei übrigens den 27. Kongress der KPdSU mit dem siebzehnten). Gorbatschow »ahnte die Wirkung kaum, die er auslöste«, als er am Parteiprogramm entsprechende Änderungen vornahm.
Dürrenmatts Kenntnisse über Marx bzw. Marxismus (Marxismen, muss man ja sagen) sind ebenso begrenzt wie diejenigen über die Spezifik menschlicher Entwicklung im Vergleich mit tierischer Evolution. Er macht da keinen Unterschied. Auch hält er Marx für einen mechanistischen Materialisten, für den die industrielle Revolution »abgeschlossen« gewesen sei und der keinen Begriff von Destruktivkräften und vom möglichen Untergang gehabt habe. Das alles falsch. Aber interessant der Hinweis, dass Vaihinger in seiner Philosophie des Als-Ob sich auf Adam Smith bezogen hat, und zwar auf dessen »abstraktives« Als-Ob, die Individuen handelten alle ausschließlich egoistisch. Dann eine etwas privatphilosophische (kaum vermeidlich beim theoretisierenden Schriftsteller) Herr-Knecht-Dialektik. Axiom: das Herr-Knecht-Verhältnis ist »in der menschlichen Natur begründet«. Darauf kenne die Politik zwei Antworten: »Die realistische besteht darin, das Verhältnis Herr und Knecht gerechter, den Knecht freier und den Herrn unfreier zu gestalten, ohne freilich das Verhältnis Herr und Knecht je aufheben zu können […]; die Freiheit liegt mit der Gerechtigkeit ständig im Kampf, der Kapitalismus mit dem Sozialismus, die Welt kann nur sozialer werden, nie sozialistisch, oder nur kapitalistischer, aber nie kapitalistisch.« Die fiktive Antwort auf das (wie bei Aristoteles als naturgemäß vorgestellte) Verhältnis von Herr und Knecht gebe Marx mit seiner Abstraktion des Klassenkampfs. Abstraktionen sind für D allesamt »abstraktive Fiktionen«. Smith’s Abstraktion des Egoismus gilt D als rational im Unterschied zur marxschen Abstraktion des Klassenkampfs.
Man spürt den Stückeschreiber, der seinen Boden betritt, wo er diese luftigen Gedanken handeln lässt. Denn weil die Arbeiterklasse und ihre Emanzipation Fiktionen und weil Fiktionen nicht handeln, muss sich ein Akteur-in-ihrem-Namen finden, und das ist natürlich die Partei. Sie tritt an die Stelle der Bourgeoisie und stellt so das Herr-Knecht-Verhältnis wieder her, aber als gespenstische Repräsentanz der Knechte. Das setzt auch die Abstraktion von Smith, den Egoismus, wieder ins Spiel, aber ganz unfiktiv, die Klassenfiktion vollends zum blutigen Witz machend, als Machtkampf innerhalb der Partei.
Hübsch die Beobachtung von einer Nebenspaltung der Partei in Planer und Beaufsichtiger: »Die Planer haben die Produktion zu planen, und die Beaufsichtiger einerseits die Proletarier, ob sie die Pläne im Sinne der Planer ausführen, andererseits die Planer zu beaufsichtigen, ob sie parteigemäß planen, was wiederum die Planer zwingt, die Beaufsichtiger zu beaufsichtigen, ob sie im Sinne der Partei oder in ihrem eigenen Sinne beaufsichtigen, ein ganzes System von Beaufsichtigern und Planern, bis hin zum obersten Beaufsichtiger und Planer, der als einziger Herr auf einer Pyramide von Knechten sitzt, wobei jeder Knecht die unter ihm befindlichen Knechte als Knechte empfindet und sich als Herr.«
Es ist immer noch Dürrenmatts dramatisches Muster von der Welt als Irrenhaus (»Die Physiker«), wohinein sich ihm der Stoff wie von selbst füllt. Nicht realistische Züge: Waren es früher noch Klassiker-Interpretationskämpfe, mittels derer Machtkämpfe geführt wurden, so geriet Aufstieg zunehmend zur Treueprämie der jeweils höheren Türhüter, wodurch die gesamte Herr-Knechte-Verkettung zu einer Verkettung des Aufstiegs wurde. Das bekannte Regime der verwalteten Apathie entstand.
Gorbatschow sei als »Arbeitsunfall des Politbüros« an die Spitze gekommen. »Zuerst wunderte er sich« – über die Stagnation. (Die von D hier verwendeten Zitate und die kategorialen Verdichtungen finden sich allesamt in meinem Buch.) Es folgt der Rückgriff auf den späten Lenin, der die Perestrojka zu einer »taktischen Maßnahme, die kommunistische Revolution in der Sowjetunion weiterzuführen«, habe machen sollen, wobei Gorbatschow aber übersehen habe, »dass der Kommunismus mehr ist als eine Ökonomie«. Das entgleist wieder. Hier schließt D sein mechanistisches und ökonomistisches Marx-Bild an. Die nie verstandene, aus Furcht vorm (technisch nicht besiegbaren) Tode motivierte Erfindung der Metaphysik, der Magie, der Religion, der Kunst, in einem Wort: der Kultur. Kant, der den Menschen zum Ärger Goethes für radikal böse gehalten habe, ist Dürrenmatts Held. Die Fiktionen sind notwendig, aber der Einsichtige muss nicht an sie glauben. Marx transponierte die Metaphysik in die Fiktion vom Klassenkampf, blieb ihr jedoch unbewusst immer verhaftet, war kein Revolutionär, das war Lenin. Marxens Theorie sei letztlich Religion. Hier bezieht D einiges ihm Passende von Künzlis unsäglicher Marx-»Psychographie«, etwa über angeblichen jüdischen Selbsthass.
Mein Gott, ist eine solche Weltanschauung bequem! Und wie wohl sie aufgenommen wird von der erfreuten Umwelt der Herrschaftsinteressenten! Sie gibt den Freibrief, der den Zugang ins FAZ-Feuilleton gewährt. Aber unter ihrem Schirm gelangen auch Wahrheiten in die Zeitung, die denselben Interessen sehr unbequem sind: Den bundesdeutschen (parasitären) »Siegesrausch« – »die freie Marktwirtschaft wurde heilig gesprochen, das Wort Sozialismus verteufelt« – konfrontiert D mit dem Blick auf eine soziale Welt, die unserem physikalischen Weltbild gleicht: alles fliegt katastrophisch auseinander. »Wir bauen uns eine technische und ökologische Katastrophenwelt auf. Die Galaxis der Armut droht die unsere des Wohlstands zu durchdringen, die freie Marktwirtschaft beschwört Krisen herauf, Hochkonjunkturen dauern nicht ewig, sie saugen wie ein Schwarzes Loch die Ressourcen der Dritten Welt auf. Alte Nationen fordern wieder neue unabhängige Staaten, anderen droht der Untergang. Nie war der Hunger, das Elend und die Unterdrückung so groß, und schon droht im Golf ein Krieg, bei dem nicht für ein Ideal, sondern für Öl gestorben wird. […] Wir können uns im Chaos verlieren oder in eine höllische Ideologie zusammenstürzen, und die atomaren Waffen sind erfunden. Sie können nicht rückgängig gemacht werden.«
Zurück zu Gorbatschow: Dürrenmatt sieht ihn einzig beim ersten Zug frei, aber das Bedeutende an ihm sei, dass er bei den folgenden Zügen von seinem Plan nicht abwich. Daher Auflösung des Ostblocks, Sturz der kommunistischen Regierungen. Die entprivilegierte KP »gleicht jetzt einer frei schwebenden Pyramide, die in sich zusammenfällt«. Selbstapplikation, paradox: »Die Perestrojka überwindet mit marxistisch-leninistischer Logik die marxistisch-leninistische Ideologie. Diese war eine Arbeitshypothese. Sie hat ihre Arbeit getan und kann fallen gelassen werden.«
All das mündet in eine Apotheose Gorbatschows als eines praktisch gewendeten Kant: »Was wir brauchen, ist die furchtlose Vernunft Michail Gorbatschows. Was sie bewirken wird, wissen wir nicht, er steht der wirtschaftlichen und politischen Krise gegenüber, die er durch die Perestrojka hatte vermeiden wollen. Auch eine Scheinordnung, die zerstört wird, schafft eine Unordnung. Aber eine furchtlose Vernunft ist das einzige, was uns in der Zukunft zur Verfügung stehen wird, diese möglicherweise zu bestehen, uns, nach der Hoffnung Kants, am eigenen Schopfe aus dem Untergang zu ziehen.«
13. Januar 1991 (2)
Truppeneinsatz in Litauen. – »Noch bevor Bagdad in Flammen steht«, wundert (entrüstet?) sich der ZDF-Kommentator. Es soll über zwanzig Tote gegeben haben, der erste ein sowjetischer Soldat mit einem Schuss im Rücken. Eine Parallele zu 1968, als die SU den britischen (?) Krieg gegen Ägypten für den Einmarsch in der ČSFR nutzte. Aber der Unterschied zu beachten: diesmal geht es um den Erhalt der SU selbst, und Gorbatschows Ultimatum, das dem Truppeneinsatz vorausging, verlangte die Wiederherstellung der Verfassungsordnung. Aber was weiß ich, vielleicht handelt es sich um großrussische Tricks, vielleicht spielt die Armee bereits mit. Die Sprecher des Westens, soweit sie heute vom ZDF gezeigt wurden, vermitteln den Eindruck, die Perestrojka sei beendet, eine neue Phase angebrochen. Ins Bild passt Schewardnadses Rücktritt.
Aber seit Tagen liest es sich in der FAZ so: bislang war es im »deutschen« oder auch »westlichen« Interesse, Gorbatschow zu stützen, jetzt steht er im Wege. Dies, weil er sich gegen die Auflösung der SU wendet (wenden muss, auch im Namen des rechtsstaatlichen Universalismus).
Von den überall in der BRD und sonstwo stattfindenden Demonstrationen gegen den Ölkrieg kein Wort im ZDF.
14. Januar 1991
Kommentar eines New Yorker Börsenmaklers zum Öl-Krieg. – »Dies ist der erste moderne Krieg, der nach dem Vorbild der Futures-Märkte geführt wird.« Er will damit sagen, dass morgen der Fälligkeitstermin sein wird.
Litauen. – Der Militäreinsatz anscheinend vorbereitet von langer Hand und nach alten Mustern. Anzeichen: die Ersetzung des Innenministers Bakatin durch Pugo, Schewardnadses Rücktritt, die zeitliche Abstimmung mit dem Vortag des erwarteten Krieges gegen Irak. Jetzt nur mehr von halb so vielen Toten die Rede wie anfangs. Der nach Prunskienes Rücktritt gewählte neue Ministerpräsident über Nacht samt Familie verschwunden … Aber die Armee beherrscht das Feld nicht allein, Verfassungsorgane haben sich eingemischt. Das müsste im Sinne Gorbatschows sein, für den Gewalt nur als Rahmen für einen verfassungsmäßigen Rechtsstaat infrage kommt.
Zu den Preiserhöhungen, die den unmittelbaren Anlass für die Chaotisierung der litauischen Politik gebildet hatten, finde ich in der FAZ die erhellende Bemerkung: »Wer nicht an Devisen gelangt, hat Schwierigkeiten. Deshalb die Proteste in Litauen: Die bis auf das Fünffache angehobenen Preise sind mit einem durchschnittliche Monatslohn, der bei 250 bis 300 Rubel liegt, nicht mehr zu bezahlen, sondern nur mit schwarz getauschter Fremdwährung.«
Die geldzugewandte Seite der Welt. – Gestern ist Lothar Späth zurückgetreten, einer der fähigsten bürgerlichen Politiker. Er hatte sich so viele stattliche Zuwendungen von so vielen Kapitalisten machen lassen, dass es beim besten Willen nicht mehr unter »Persönliches« abgelegt werden konnte. Blendax, Grundig, SEL. Grundig etwa mietete für 500 000 DM eine Concorde für eine Ferienreise Späths nebst sieben Nahestehender in die Karibik. Die Zuwendungen anscheinend immer derart konsumtiv. Ein üppig-feudaler Lebensstil deutet sich an. Die FAZ dezent und spitz zugleich: »Späth konnte sich nicht der Täuschung hingeben, dass er als Person für all die Industriellen und Reichen so anziehend war, dass sie sich seinetwegen in Kosten stürzten.«
15. Januar 1991
Vor-Kriegszeit.
Von Monika Leske, Benno Hirschmann und André Türpe eine Kritik meiner »Fragen zur Frage ›Was ist Philosophie‹«, die mir den Mund verschließt. Geschimpfe, engstirniger Missionarismus, was mir jäh klarmacht, dass die SED nicht nur von oben gebellt hat, sondern dass auch »heilige Überzeugungen« dahintersteckten. Auf »philosophischem« Gebiet taut hier unvermutet ein entwicklungslos eingefrorener Diskurs wieder auf. Ich soll also zum Schimpfen (Verletzen, Heruntermachen) verführt werden und will (wollte?) doch mit diesen Menschen zusammenarbeiten. Warum wollte ich mit ihnen zusammenarbeiten? In der Erwartung, dass es nun möglich würde, objektiv wie subjektiv, die unterlassene Diskussion befreiend nachzuholen, erneuernd in einem gemeinsamen geistigen Universum tätig zu werden. Nun gebärden die andern sich mir gegenüber wie gegen einen Feind, und es stellt sich heraus, wir haben kein gemeinsames Universum.
In der DDR sei »die Philosophie« unterdrückt gewesen; meine Philosophie-Kritik nützlich für ihre Unterdrücker. – Der Mensch: das philosophische Wesen. Philosophie: nach Totalität fragen. – Operative Dialektik nicht als solche erkannt, man begnügt sich mit Dialektik als Gegenstand.
Es lohnt nicht. Die Fehler ergeben kein Profil.
16. Januar 1991
Treffen unserer Ost-West-Forschungsgruppe »Philosophie im NS-Staat«. Monika und Benno feiern den Ast, auf dem sie zwar nicht sitzen, aber gerne sitzen würden. Es verhält sich bei ihnen umgekehrt wie bei dem Fuchs, der die unerreichbaren Trauben sauer nennt. Sie möchten die Unerreichbaren erreichen und nennen sie deshalb schon einmal süß, als kämen sie ihnen dadurch näher. Die Wesenskonzeption erlaubt ihnen die Erschleichung einer objektiven Unschuld. Die marxsche Kritik treffe nicht die »unsterbliche Seele der Philosophie«. Dagegen: Das Denken der Gesellschaft anstelle der prima philosophia.
18. Januar 1991
Krieg. – Verstört über den Krieg und die Mühe, ihn wahrzunehmen. Kriegsberichterstattung im BBC; schon heute früh triumphieren sie in Erwartung eines Blitzsieges. Zu früh. Aber gestern überall Demonstrationen. Erstaunlich die Schüler, die in Bonn und Berlin zu zehntausenden demonstrierten. Die USA, die die größten Interessen am Golf-Öl haben, wollten den Krieg und bekamen ihn. Auch die FAZ trieb zum Krieg. Doch brauchen unsere Regierenden eine ruhigere Umwelt für ihr derzeitiges Hauptprojekt, die kapitalistische Modernisierung und Integration der alten DDR.
Michael Nerlich rief an und sprach über den Misserfolg im Krieg als moralleitenden Faktor. Der (schnelle, das ist wichtig!) Sieger wird recht gehabt haben.
Aber da ist noch eine andere Seite der Sache, nicht die momentan dominierende, aber vielleicht langfristig entscheidend: Nachdem die Zweite Welt aufgegeben hat, sich als Festung dem kapitalistischen Weltmarkt und seinen Hegemonialmächten zu verschließen – wie könnte eine Dritte Welt da sich halten? Die UNO wird von der Kräfteverschiebung blindlings eingeholt: sie findet sich unversehens als Form für westlichen Inhalt. Eine List der Vernunft wäre es – aber das ist zu schön, um wahr zu sein –, würde die Form auf diesem Umweg letztlich doch noch bestimmend.
*
Radiodiskussion (in DS Kultur) mit Eberhard Fromm, Fiedler und Kapferer über Feindbilder der DDR-Philosophie. Kapferer hat lange vor dem Ende der DDR zu forschen begonnen: die Bornierung seiner Forschung kommt jetzt zupass, hat er doch den alten Hauptfeind der DDR-Ideologie weggelassen, das unreglementierte Denken, zumal das im Anschluss an Marx. Heute stört dieses die anderen schon wieder. Daher müssen die abgestandenen und mehr oder weniger reaktionären Positionen jetzt den Adelstitel erhalten, Hauptfeinde der DDR-Ideologie gewesen zu sein.
20. Januar 1991
Es arbeitet in der deutschen Sprache. Zwei Bruchstücke: FNL = die »fünf neuen Länder«; die »Wessies« als »Besserwessies«.
22. Januar 1991
Jo Rodejohann fordert mich auf, einen Appell von 166 russischen Intellektuellen zu unterstützen, worin es heißt, dass »der Präsident und das Parlament die Demokratie verraten«. In Reaktion auf den Armee-Einsatz in Vilnius: »Der Umsturz hat bereits begonnen. Wenn er gelingt, erwarten uns wieder Lager, Terror, Angst, Hunger und Ruin.« – Ich finde den u.a. von Juri Afanasjew unterschriebnen Text maßlos, ein Dokument von Realitätsverlust. Jo verharmlost, wenn er ihn »hart und bitter« nennt.
23. Januar 1991
Krieg. – Seit einer Woche grausige Unterhaltung, elektronische Spielhalle, rund um die Uhr über CNN. Im Schatten dieses Krieges zerbricht Gorbatschows Politik und Position, wie es scheint, unaufhaltsam. Schewardnadses Rücktritt war nur der Anfang, die Auflösung des Präsidialrats scheint die Fortsetzung beschleunigt zu haben. Ausgerechnet Schatalin formulierte gestern ein Ultimatum an Gorbatschow: entweder Rücktritt oder Bruch mit der KPdSU, Auflösung der Sowjetunion, ökonomischer Liberalismus. Juri Afanasjews Sprache »extremistisch«: Gorbatschow für ihn plötzlich ein Mann des Lagers, der Diktatur.
Ich arbeitete derweil fieberhaft an Band 1 der Gramsci-Ausgabe, kam zu nichts anderem. Gestern, zum 100. Geburtstag Gramscis, lieferten wir die letzten Überarbeitungen ab, besprachen die noch offenen Fragen, stellten die Weichen für den Druck am Wochenende. Aber der Krieg und Gorbatschows Krise beherrschten alle Zwischenzeiten.
Krieg. – Hauptüberschrift der heutigen FAZ: »Der Luftkrieg gegen den Irak ›ermutigend und insgesamt planmäßig‹«. Das verstehen sie unter Nachrichten. Das Wörtchen »insgesamt« steht fürs Scheitern der Blitzkriegshoffnungen. Israel konnte nicht geschützt, die Raketenwaffe des Irak nicht ausgeschaltet werden. Eine ungeheuer anschwellende Massenbewegung drängt andere arabische Staaten zum Kriegseintritt auf Seiten des Irak. – 20 Prozent der bekannten Ölreserven des Globus im Irak und in Kuweit. – Trotz Ungewissheit des Krieges steht der »Sieger« für die FAZ fest: die Hochtechnologie. An anderer Stelle wird deutlich, dass das nur ein Deckname ist für die Rüstungsindustrie. Beim Hersteller der »Patriot«-Raketen, mit denen man einige irakische Raketen hat abschießen können, der Raytheon Company, »sind inzwischen die Fertigungskapazitäten rund um die Uhr ausgelastet«. Aufwind fürs Rüstungskapital (Wehrtechnik), »nicht nur moralisch, auch wirtschaftlich«: an der Börse »die größte ›Rüstungshausse‹ seit dem Zweiten Weltkrieg«. Nachfrageschub aus dem In- und Ausland.
26. Januar 1991
Riesige Friedenskundgebung in Bonn. Nicht weniger als am Höhepunkt der Friedensbewegung. Diese also nicht verschwunden.
Die Überdeterminierungen in der Konflikt- und Interessenlage bilden einen Knoten, der die Linke mitfesselt. Außer dass man den Krieg wegwünscht, keine klare Botschaft. Eines klar: die herrschende Weltunordnung fürs Weiterleben auf dem Globus tödlich. Andrerseits ordnet sich die Welt im Krieg auch um.
Immanente Dummheit des US-Lagers: dass sie den Arabern nicht starke Angebote machen, also nicht etwa versuchen, die palästinensischen Interessen aus der Kriegsfront des Irak herauszulösen.
28. Januar 1991
Krieg. – Vereinzelte Zeugnisse eines unausdenkbaren Grauens des Golfkrieges, tote Kinder, im Ölschlamm eines tausend Quadratkilometer großen Petroleumteppichs verendende Vögel. Mit der Kriegslogik Vorherrschaft der Lügen & Zensur.
Im letzten Quartal von 1990 ist das Sozialprodukt der USA offiziell um über 2 Prozent geschrumpft (Wachstum 1988: 4,5 %; 1989: 2,5 %; 1990: 0,9 %). Der Notenbankpräsident, Greenspan, verspricht in halbklaren Worten kriegswirtschaftliche Konjunkturimpulse. Bereits jetzt würden mehr PKWs gekauft. Gegen Steuererhöhung. Der Krieg werde nicht viel kosten. Dafür zwei Gründe: erstens werde »der Krieg bisher mit bereits bezahlten Waffen aus den Lagern geführt«; zweitens »tragen die Verbündeten einen nicht unerheblichen Anteil der Kosten im Rahmen des ›burdensharing‹«. – Mit anderen Worten: Lagerräumung, bezahlt mit Tributen.
In Deutschland sind die Urlaubsbuchungen laut DER zwischen 30 und 40 Prozent zurückgegangen. Die Lufthansa, deren Auslastung seit Kriegsbeginn von 60 auf 40 Prozent gesunken ist, hat 6 Prozent ihrer Flüge gestrichen. Die Leute fürchten die Ausdehnung des Krieges in diffusen Terrorismus.
*
Heute Nacht, gegen ein Uhr, die Gramsci-Dateien auf eine Diskette gepackt, völlig erschöpft, dann mit Klaus Bochmann, Leonie Schröder und Pit Jehle zu Barbara Steinhardt, wo wir die Fertigstellung bei einer Flasche Champagner feierten. Heute gehe ich langsam durch die Welt, wie ein Rekonvaleszenter.
Noch später in der Nacht erzählte mir Klaus, dem ich von M. erzählt hatte, dass Friedrich Schorlemmer bis Frühjahr 1990 unter Drohanrufen zu leiden hatte, die vermutlich von der Stasi kamen.
31. Januar 1991
Sandra Harding erklärt den Krieg mit den Interessen des militär-industriellen Komplexes. Abgesehen von der Rüstungsproduktion ist da ein riesiges Personal, das sie als »middle class« einstuft. Wäre es tatsächlich zur »Friedensdividende« gekommen, hätte dies eine Umschichtung an die Unterklassen bedeutet. Die Dritte Welt innerhalb der USA schwillt an.
1. Februar 1991
Heute kam von Bé Ruys einer der »Occasional Letters« von Ajit Roy, datiert vom September 1990. Er schreibt darin, ich hätte bei der Volksuni den Tod des historischen Marxismus ausgerufen, während er, Ajit, für dessen Unsterblichkeit und Erneuerung eintrete. Ich habe ihm geschrieben, dass ich allenfalls vom Ende des ML gesprochen habe und kräftig an der Erneuerung des Marxismus arbeite. Warum sonst das enorme Opfer an Lebenszeit (und auch, weniger wichtig, Geld) auf mich nehmen, das die Herausgabe der Gefängnishefte Gramscis gekostet hat oder die Arbeit am Neuen marxistischen Wörterbuch.
2. Februar 1991
Gelman aus dem ZK ausgeschlossen. Die SU spricht mit vielen Stimmen durch- und gegeneinander. Noch immer zeichnet sich kein neuer geschichtskräftiger Block ab. Zerfall. Nachdem der Markt nicht eingeräumt und gestaltet werden konnte, herrscht der Schwarzmarkt, und gegen ihn wird der KGB eingesetzt.
In der TAZ vom vergangenen Dienstag lese ich ein vorzügliches »Tischgespräch im Bistro« von F. C. Delius. In der Tradition von Lessings Falk und Jahn und von Brechts Flüchtlingsgesprächen arbeitet er sorgfältig mit dem Material dieser Tage, FAZ-Artikel, Kneipengesprächen. Karl Kraus’ Die letzten Tage der Menschheit lassen grüßen. Ich folge dem spontanen Impuls und rufe ihn an, bitte ihn, fürs »Argument« zu schreiben.
In derselben Nummer der TAZ ein interessantes Gespräch von Max Thomas Mehr mit Ernst Tugendhat über den Golfkrieg. Für T sind die USA schuld am Krieg, und dieser ist »das größte Verbrechen seit Hitler«. »Ich rede ganz bewusst antiamerikanisch, wie man ganz bewusst antideutsch sein musste im Zweiten Weltkrieg.« Tugendhats sehr scharfe und scharfsinnige moralphilosophische Analysen kranken daran, dass er nichts von politischer Ökonomie versteht. Er inkriminiert die Waffenlieferungen an den Irak, plädiert damit implizit (vielleicht ohne es zu wollen) für ein kriegstechnologisches Dauerembargo, von dem er wohl auch nicht sieht, dass es, wie im Falle des gegen den Osten gerichteten Embargos, ganz »normale« zivile Exporte behindern würde wegen des Transfers militärisch nutzbarer Technologie. Aber wie dann das Öl bezahlen? Wiederum übersieht er, dass der Irak versucht, die Welt-Ölpreise hochzudrücken, was in einer vom Geld (Kapital) beherrschten Welt auch eine Form staatlich-militärisch aufgebauter ökonomischer Gewalt ist. Gegen diese Öl-Hochpreispolitik stellen sich daher auch die Länder der Dritten Welt, die auf Ölimporte angewiesen sind, Indien zum Beispiel. Krieg zwischen industriellem Kapital und Grundrentenbeziehern, transponiert. Man muss den Weltverhältnissen auf den Grund gehen, deren Irrationalität in Kriegsform umgeschlagen ist. Die Interessen der BRD an der Kapitalisierung der ehemaligen DDR, denen der Krieg in die Quere kommt, blendet T. aus.
Tugendhat differenziert hinsichtlich der UNO. Dass sie sich »endlich einmal zu einem wirklichen gemeinsamen Schritt durchgerungen hat«, war »für viele Nationen vielleicht etwas besonders Erhebendes«. Aber die UNO hat allen Verhandlungsspielraum dem Westen überantwortet, und viele Länder haben sich in Abhängigkeit von den USA begeben. Diese »wollen die unangefochtene Macht Nummer eins sein«. Welthegemon mit Klienten.
3. Februar 1991
Politische Ökonomie des DDR-Anschlusses. – Lutz Hoffmann, Präsident des DIW, analysiert in der gestrigen FAZ sehr strategisch vom Standpunkt des Gesamtkapitalisten die ökonomischen Aspekte des DDR-Anschlusses. Die derzeitige Misere erklärt er der Sache nach mit der Niederlage der Politik Lafontaines, ohne dessen Namen zu nennen: »Durch die lange Weigerung, die Notwendigkeit hoher Infrastrukturinvestitionen – mit öffentlichem wie privatem Kapital – als Preis für die rasche Einführung der Währungsunion anzuerkennen, hat die Bundesregierung viel Zeit für die Sanierung der ostdeutschen Infrastruktur verloren.« In Hoffmanns Sprache: »nicht ökonomische Rationalität, sondern die politische Ökonomie« hat das Sagen gehabt. Unter letzterer versteht er mit Anthony Downs »Neuer politischer Ökonomie« (An Economic Theory of Democracy, 1957) ein System, das darauf basiert, »dass der wirtschaftspolitische Entscheidungsträger nicht die gesellschaftliche Wohlfahrt [maximiert], sondern seinen politischen Nutzen, der vor allem in der Wahrscheinlichkeit besteht, wiedergewählt zu werden«. Das geht gegen Helmut Kohl.
Mit mangelnder Infrastruktur erklärt Hoffmann das bis dato festzustellende Ausbleiben des großen Kapitals. Interessant, wie er die Folge der Einschnitte sieht. Währungsunion: »Im Grunde handelte es sich um den Vorschlag einer radikalen Handelsliberalisierung, verbunden mit einer drastischen Aufwertung.« Die DDR-Wähler wollten das Westgeld. Was ihnen »nicht bewusst war«, waren die Folgen für die Arbeitsplätze. Nur die Subventionierung der Exporte ins alte RGW-Gebiet8 milderten den ökonomischen Kollaps für eine Weile noch etwas ab.
»Extrembeispiel« für einen Sieg der »auf Stimmenmehrheit zielenden politökonomischen Rationalität« mit chaotischen Folgen ist für ihn Gorbatschow.
In den »Fünf Neuen Ländern«, kurz »FNL«, ist laut FAZ die Verbitterung besonders groß bei den Abgeordneten der letzten Volkskammer und den Mitgliedern der Regierung de Maizière. Sie hatten die Anschlusspolitik gemacht und fanden sich über Nacht auf dem politischen Abstellgleis. Empörung darüber, zum bloßen Steigbügelhalter degradiert zu sein. Man sieht nachträglich auch klar, dass de Maizières Sturz seit langem »für den Herbst nach den Bundestagswahlen« geplant gewesen ist. Von »Politik wie mit der Neutronenbombe« soll man vor allem in kulturpolitischen Kreisen sprechen: der Westen nicht an lebendiger Kultur, sondern an den Immobilien interessiert; für ihn nur neuer Raum hinzugekommen, ein Terrainkalkül, für welches die DDR-Bevölkerung nun 40 Jahre gelebtes Leben auszulöschen habe.
5. Februar 1991
Neuer Tiefenrekord des US-Dollars. »Pessimisten erinnern an die langwierige Depression nach 1929 und halten nach dem Zusammenbruch des Sozialismus den Kollaps des Kapitalismus, ausgelöst durch eine schwere Krise des Finanzsystems, für möglich.« (Gerald Braunberger im Wirtschaftsleitartikel der FAZ) In den USA sind die Steuereinnahmen wegen der Rezession (wie sie die Krise entnennen) um 87 Mrd USD unter den Erwartungen geblieben. Die Sanierung der Sparkassen wird noch über 100 Mrd USD kosten. Aus dem erhofften New Deal mit Sozialinvestitionen in Verkehr, Gesundheit und Bildung wird nichts.
In ihrem Editorial-Entwurf fürs nächste »Argument« lässt Nora Räthzel uns bereits mitten im Dritten Weltkrieg sein. Eines von vielen Anzeichen der Unsicherheit und Verwirrung. Wir wollen klar dagegen sein und erfahren uns verstrickt.
Die FAZ dagegen auf ganz hohem Ross. Gestern zeichnete Reißmüller im Leitartikel Serbien »als Festung des Kommunismus, aus der sich vielleicht eines Tages im Zusammenwirken mit einer wieder zur alten Ordnung gebrachten Sowjetunion der Leninismus-Stalinismus in der östlichen Hälfte Europas aufs Neue ausbreiten ließe. Zu diesem Zweck lassen sie ihre Panzer auffahren. Die ersten Schüsse würden einen Krieg auf mitteleuropäischem Boden eröffnen.« – Man will vollends aufräumen.
Verzweifelt bemüht sich Gorbatschow um einen neuen Unionsvertrag. Ich habe früher (wie er) übersehen, dass dies zu den Vorbedingungen der sozialökonomischen Umgestaltung gehört hätte. Ich habe immer verstanden, dass die politischen Reformen den ökonomischen vorausgehen müssten (natürlich Wechselverhältnis der Reformetappen in Politik und Ökonomie), aber auf die inneren Reformen blickend vergessen, dass auch ein solches »Innen« bei Lockerung der äußeren Zwangsfesseln erst geschaffen werden müsste. Jetzt wirkt Gorbatschow wie ein Gefangener seiner Gewaltapparate.
Lese nun erst, was Gorbatschow am 28. November 90 bei einem Treffen mit »Kulturschaffenden« (u.a. mit Jewtuschenko) gesagt hat: Lockere Plauderei, bisschen philosophischer Würdezierrat (»die alten Griechen hatten wieder einmal recht: alles fließt, alles bewegt sich«). Dazwischen Protokollsätze wie Notschreie (»das ist eine schleichende Konterrevolution«) und jenes Bekenntnis zum Sozialismus, von dem ich seinerzeit in der Presse gelesen hatte, das er aber dadurch wieder in Luft auflöst, dass er sich mit dem spanischen Regierungschef Felipe González vergleicht, »einem ebenfalls überzeugten Sozialisten«. Zum Privateigentum sagte er: »Ich habe mich immer für Marktwirtschaft ausgesprochen und tue das weiter. Doch obwohl ich für Marktwirtschaft bin, akzeptiere ich beispielsweise kein Privateigentum an Grund und Boden. Machen Sie mit mir, was Sie wollen – ich akzeptiere es nicht. Pacht – selbst für hundert Jahre, sogar mit dem Anspruch auf den Verkauf und die Vererbung der Pachtrechte – bitte schön.« Das schützt selbstwirtschaftende Bauern und geht gegen Bodenspekulation. Ansonsten spricht sich Gorbatschow für Privateigentum in der Produktion aus, glaubt aber nicht, dass es dominieren wird bzw. dass seine Dominanz vom Volk hingenommen würde. Sonderbares Wischiwaschi: »Durch verschiedene Formen des Aktienbesitzes, durch Pacht und dann vielleicht durch vollen Erwerb wird der Betrieb zum Volkseigentum gemacht. Man (?) soll den Menschen (?) dieses Eigentum geben (?). Mögen sie es verwalten und über ihre (?) Produktion verfügen (?).« a) Wer ist dieses »Man«?; b) »Die Menschen« – welche? c) Verkaufen nicht = geben; d) Die Produktion eines Betriebs nicht = »ihre« (der Privateigentümer) Produktion; fehlen die Arbeiter; e) der Staat wird die Eigentümer (wie alle übrigen) doch wohl zur Kasse bitten, also einen Teil »ihrer Produktion« in Steuern verwandeln, über die sie mitnichten verfügen.
Dann spricht Gorbatschow von Grenzen der Veränderung, Unantastbarkeiten, die er »letzte Bastion« nennt: »da darf man um den Tod nicht weichen, wie vor Moskau, wie vor Stalingrad.« Was er meint, ist die multinationale Gesellschaft der Sowjetunion. Soll etwa das Kriegspotenzial der Supermacht SU unter Nachfolgestaaten aufgeteilt werden?
Auf die Genese der Perestrojka zurückblickend, erwähnt er einen Spaziergang mit Schewardnadse im Dezember 1984, wo sie sich darüber verständigt haben, dass »alles verfault« ist. Er nennt keinen anderen. Sah also den Rücktritt Schewardnadses wohl auch nicht voraus.
6. Februar 1991
Gestern kam ein junger Geophysiker (Lehmann) aus der vormaligen DDR, der seit vier Jahren in Leningrad studiert, in meine Sprechstunde. Er will zur Philosophie überwechseln. Erfährt sich im Vergleich zu den sowjetischen Studenten als mathematisch unbegabt, obwohl auch er von einem Spezialgymnasium kommt. Als sein Stipendium auf DM umgestellt wurde, kam das einer Verdreißigfachung gleich. Inzwischen sogar das Fünfzigfache. Durch den Einzug der 50- und 100-Rubelscheine sei das Vertrauen in die Währung vollends zusammengebrochen. Er glaubt nicht, dass diese Maßnahme irgendwie den Schwarzhandel trifft. Studieren würde er gerne bei Merab Mamardaschwili, wenn dieser nicht gestorben wäre. So höre ich zum zweiten Mal von diesem Tod, an den ich nicht glauben mag.
Seit der Annexion Kuwaits im August 1989 sind 5–10 Mrd USD auf schweizer Banken verlagert worden. Bis September 1989 waren es schon 2,3 Mrd USD aus dem Nahen Osten. Dafür musste man die Wachstumsannahmen von 2 auf 1 Prozent halbieren.
In der FAZ ein Artikel des Kölner Historikers Otto Dann über Ernest Gellners Nations and Nationalism von 1983, durchsetzt mit ›Gramscismen‹, ohne Gramsci zu nennen. Im Kern geht es um das Verhältnis von »Kulturgesellschaft« und »politischer Gesellschaft« als Schlüsselfrage der Nationalstaatsbildung. Mit der Verallgemeinerung der Schriftkultur im Zuge der Industrialisierung homogenisiert sich aus der agrargesellschaftlichen Heterogenität heraus die Kultur. Für Gellner ist dies der entscheidende Akt bei der Nationbildung. Die Nation ist nichts Naturales, betont er, basiert nicht auf einem Volk, sondern wird durch den Nationalismus erst geschaffen. Die Intellektuellen als Träger der Schriftkultur spielen dabei eine entscheidende Rolle. Gellners These: Nationalismus ist die adäquate Form für Kapitalismus. Dann verweist auf Benedikt Anderson, Imagined Communities, 1983. Für Otto Dann und die FAZ ein gefundenes Fressen, den Nationalismus aus dem Schatten des NS zu holen. Friedrich Meineckes »Kulturnation« wird wieder ausgegraben, ihre Kongruenz mit der »Staatsnation« zur strategischen Schlüsselposition erklärt.
9. Februar 1991
Enzensbergers Artikel über Saddam Hussein als »Hitlers Wiedergänger« (im »Spiegel« dieser Woche) führt die Sprache des Propagandisten, nicht des Intellektuellen. Hantiert mit unbezweifelbaren Eindeutigkeiten, kennt keine Überdeterminierung. Projiziert unwillkürlich. H. ist ein Vernichter; ergo ein zu Vernichtender. Dadurch der Diskurs zu einem Vernichtungsdiskurs geworden. H. »der Feind des Menschengeschlechts«. Ein anthropologisches Problem: die menschliche Natur selbst, ihre personifizierte Unmenschlichkeit. Totale Absage an Politik: »Keine denkbare Politik kann es mit einem Feind des Menschengeschlechts aufnehmen.« E. lässt die Logik der Endlösung in sich ein. – Mit Schrecken sehe ich, wie der Krieg den geschätzten E. um den Verstand bringt. Aber ich vermag mich nicht frontal gegen ihn zu stellen, abgesehen von der propagandistischen Wellenlänge. Denn zu den widersprüchlichen Bestimmungen dieses Krieges gehört auch die Parallele zum Nazismus. Freilich bildet E. auch diesen mythisch-geschlossen ab, als politisch verkörperten Todeswunsch.
*
Rainer Gruenter konstatiert die periodische Wiederkehr der »levée en masse in den Rückschritt«. Man könne heute »von einer Konjunktur des Schreckens sprechen«. Statt des apokalyptischen Reiters hat er den »apokalyptischen Anarchisten« im Visier. Nennt keinen. Als Begleitpersonal »die Verkäufer der Ängste«. »Epidemische Untergangssucht und Gewaltsympathie«. Es sei daher möglich, dass einer der »apokalyptischen Anarchisten« ein Super-Tschernobyl »als fundamentalistisches Warnspiel für eine ebenso unbelehrbare wie unersättlich weltverzehrende Menschheit inszenieren kann«. Im Zeitgeist und seinen typischen Gebilden werde dies vorangetrieben durch »eine pathologische moralische und geistige Ungeduld, die der heute von Historikern beobachteten Beschleunigung der Geschichtszeit« entspreche. In dieses Bild fügt sich Enzensbergers Husseinmythos. »Störend kann der despotische Diktator, können die Eliten, aber auch die machtlosen und machtverachtenden Minderheiten […] sein, die sich der Norm der anarchistischen Ungeduld widersetzen.« – Der Krieg ist los, die Krise kommt von überall her.
*
Gabriele Lindner hat sich heute vom Wörterbuchprojekt verabschiedet. Sie bringe es nicht zusammen mit den Belastungen des Moments. Fast alle, die nach dem Zusammenbruch der DDR zu uns gestoßen waren, sind inzwischen wieder verschwunden. G.L. grüßte von Otto Reinhold, der die Radiosendung über die DDR-Philosophie gehört hat und mir bestellen lässt, meine Äußerungen hätten ihm am meisten zugesagt. Ich ließ mir seine Telefonnummer geben.
Immer wieder Trauer darüber, dass sich nicht die Revolution-in-der-DDR hat halten können.
10. Februar 1991
Kulturkritik als Melancholie des Kapitals. – »Ganz gleich, ob von Fastfood-Ketten die Rede ist, vom Bevölkerungswachstum, von Übertötungskapazitäten in der Hochrüstung, vom ›Siegeszug‹ der wissenschaftlichen Rationalität, von der Steigerung des Bruttosozialprodukts, von der ›Entfesselung der Produktivkräfte‹, von der ›industriellen Massenfertigung‹ oder von der Auto-, Beton- und Kommunikationsgesellschaft: stets, wenn ein Teil seine Funktionen unkontrolliert auf Kosten aller anderen Teilfunktionen erweitert, steht die Lebensfähigkeit des Ganzen auf dem Spiel.« (Bernd Guggenberger, FAZ vom 2.2.) – Arbeitsteilige Melancholie des Kapitals, das sich da als Natur in der Natur entnennt und sich über das Entropiegesetz beugt. »Imperialismus des Partiellen«, »Chauvinismus der Art«, mit einem Wort: der Untergang der »Zuvielisation«. Alle Politiken arbeiten »letztlich nur dem großen Widersacher, der sprengenden Kraft sozialer Desintegration, in die Hand«. Weil, wer Ordnung schafft, unversehens Unordnung um ein Vielfaches vermehrt. Gruenter könnte diesen Diskurs mit im Auge gehabt haben.
11. Februar 1991
Die FAZ schreibt, dass sich Wallstreet »seit genau vier Monaten in einer echten Hausse befindet«. In Zürich und Frankfurt »fließen Milliarden vom Geldmarkt an die Kapitalmärkte«. Die Zinsen sinken.
*
Lese jetzt erst Biermanns vor genau zwei Wochen datierten ZEIT-Artikel »Kriegshetze Friedenshetze«. Er argumentiert differenzierter als Enzensberger, hat nicht die US-Interessen und die Mehrschichtigkeit des Konflikts vergessen. Aber auch er bläst zum Krieg. Der Friedensbewegung wirft er vor, sie möchte jetzt »die Zerstörung der ABC-Fabriken und Raketen aufhalten, mit denen Saddam & Co Israel vernichten wollen«. Er will diese Zerstörung der Zerstörungsmittel, und ich würde sie, bliebe es dabei, ebenfalls wollen. Er sieht auch den Messecharakter des Kriegs vom Standpunkt der USA als Leistungsschau der US-Rüstungsindustrie, ebenso die Rechtfertigung der durch die Beendigung des Kalten Kriegs bedrohten Staatsausgaben fürs Militär.
Als linken Selbstbetrug, durchmischt (und z.T. manipuliert) von Heuchelei, deutet er die antiamerikanisch artikulierte Hauptlosung der Friedensdemonstranten: sofortiger und bedingungsloser Waffenstillstand. Kehrt die Losung eines PDS-Flugblatts, »Schickt Politiker in die Wüste, nicht Soldaten!«, gegen die soeben von einem Volk in die Wüste geschickten Politiker der PDS. Immer noch einmal: gegen die Endlösung, gegen die Nazis war der auch damals von miesen Interessen mitbenutzte Krieg notwendig. So der heutige: zum Schutz vor einer neuen »Endlösung« und zur Zerstörung eines Militärregimes, das ABC-Waffen einzusetzen bereit ist. Hussein-Hitler haben beide die Ausrottung der Juden vorangekündigt, beide sind »Emporkömmlinge, Tyrannen, Demagogen und Machtparanoiker«. Während man bei Hitler nicht wissen konnte, ob die Drohung leeres Wort war, weiß man bei Hussein heute, dass sie ernst gemeint ist.
Biermanns Skizze amerikanischer Interessen: »Natürlich geht es […] ums Öl. Noch schlimmer: Das Pentagon brannte schon lange darauf, seine Waffen auszuprobieren. Noch perverser: Die US-Rüstungslobby braucht dringend den Beweis dafür, dass die Billionen Dollars kein rausgeschmissenes Geld waren. Der lukrative Ost-West-Konflikt ist ihnen verdorben, aber die Aktionäre der Kriegsindustrie wollen, dass das Wettrüsten trotzdem weitergeht. Und bei den Präsidentschaftswahlen will kein Kandidat die jüdischen Stimmen verspielen.« Desto besser, sagt Biermann. Ohne diese schmutzigen Interessen würden die USA ihre Kriegsmaschine nicht in Gang gesetzt und Israel verteidigt haben. Saddams mörderischen Eroberungskrieg gegen den Iran sahen die USA zufrieden und belieferten ihn mit Waffen, »Saddams Völkermord an den Kurden war denen eine hässliche Lappalie, und Saddams Terror gegen das eigene Volk war ein totalitäres Kavaliersdelikt. Die USA hatten schon so viele unglückliche faschistische Liebschaften in der Welt.« Das kuwaitische Öl – List des Zufalls, um die »zuverlässig miesen Interessen« zu mobilisieren.
Hilflos-gutwillig, keineswegs unwahr: Palästinenser und Israelis sind die einzigen, deren existenzielle Interessen auf dem Spiel stehen und die »eigentlich Verbündete sein sollten«.
Gegen den irakischen Diktator bietet Biermann sein ganzes gesundes Misstrauen auf. »Der Hass auf die Juden und die Liebe zu den Palästinensern sind nur zwei Seiten derselben falschen Münze, mit der er die Einheit der arabischen Welt unter seiner Führung kaufen will.« Er sieht keinen Todeswunsch wie Enzensberger, sondern das Kalkül, im Tiefbunker trotz bis zu 5 Millionen Toten durchstehen zu können.
»Grade weil er so schön komplex ist, führt uns dieser Krieg modellhaft das Perpetuum mobile unserer Selbstvernichtung vor.« Die Rüstungskonzerne liefern Waffen, zu deren Bekämpfung sie dann noch modernere Waffen liefern müssen. Die armen Länder bezahlen mit Elend und Unwissenheit, die reichen mit dem Surplus, das sie den Armen hätten übertragen müssen. Das Personal, das diese Kriegswirtschaft betreibt, gehört zu Kriegsverbrechern erklärt. »Und die feinsinnigen Rechtsanwälte, die wasserdichten Notare, die hanseatischen Kaufleute und respektablen Geschäftsführer, die alle am Geschäft mit dem Tod verdient haben, verdienen den Tod, genau wie Göring und Krupp und Eichmann.« – Biermann weiß natürlich, dass Krupp ihn 1945 keineswegs erleiden musste, und er weiß erst recht, dass diese seine Worte ganz folgenlos bleiben werden und er sie genau deswegen sagen darf, weil eben jene hanseatischen Kaufleute und respektablen Geschäftsführer gar nicht so sind. So bleibt ihm bei allem Richtigen, trotz aller mitgeschmuggelten Wahrheitskassiber, eben doch nur die eine effektive und effiziente Botschaft: »Ich bin für diesen Krieg«.
12. Februar 1991
Der irakische »Rote Halbmond« soll die Zahl der Kriegstoten mit sechs- bis siebentausend angegeben haben.
Pierre Salinger u. Eric Laurent, Guerre du Golfe, Paris 1990: Laut ZEIT vom 8.2. soll dies die bisher beste Dokumentation der Entstehung des Golfkrieges sein. Die Autoren »nähren tiefe Zweifel« an der offiziellen westlichen Version. 1) Anlass für den Einmarsch am 2.8.90 in Kuwait: Der Emir hatte 10 Mrd USD für den Krieg gegen den Iran beigesteuert, und Saddam soll die Streichung dieser Schuld zur Bedingung für den Abzug gemacht haben. 2) Die US-Botschafterin in Bagdad, April Glaspie, hatte am 25. Juli zu dem Streit gesagt: »Unsere Seite hat keine Meinung zu innerarabischen Konflikten.« Am 31. Juli hat Jon Kelly, Nahostexperte im Außenministerium, vor dem auswärtigen Ausschuss des Repräsentantenhauses erklärt, die USA seien im Falle eines irakischen Angriffs auf Kuwait vertraglich nicht zum Eingreifen verpflichtet.« 3) Schon am 3.8., also lange vor der UNO-Resolution, scheinen die Kriegsziele im Weißen Haus festgelegt gewesen zu sein. 4) König Fahd von Saudi-Arabien hat die USA nicht ins Land gerufen, sondern der Aufmarsch wurde nach einem unter Carter für einen Ost-West-Konflikt ausgearbeiteten Plan begonnen. 5) Angesichts dessen »ruft« Fahd die USA um Hilfe, und in einem Geheimprotokoll werden für die Nachkriegszeit US-Stützpunkte in Bahrein und Kuwait vorgesehen. 6) Alle Vermittlungsversuche, der OAU, Frankreichs, der Sowjetunion, werden durch Druck entmutigt und ihre Vertreter auf Kriegslinie gebracht. 7) Das Ganze mündet in die Frage: »Diktierten Ungeduld und Unkenntnis oder aber Arglist und Aggressivität die Haltung der Amerikaner?«
*
»Der reale Krieg geht um die Vormacht im Islam« (Oliver Fahrni im »Freitag« vom 1.2.). Beschleunigt den Umbruch in den arabischen Ländern. Massenhafte Absage an die westliche »Modernisierung« aus Hoffnungslosigkeit. Von den Ölscheichs in den achtziger Jahren finanziert, zwecks »Re-Islamisierung ihrer Gesellschaften von unten«, um der iranischen Gefahr einen Riegel vorzuschieben. Daher seien die islamischen Intellektuellen so sprachlos (das verstehe ich gut; sie sind wie wir in Widersprüchen gefangen). Fahrni zitiert den Marokkaner Zaki Laídi: im Kern eine »Mobilisierung der Frustrationen«. »Die schnelle Entwicklung der elektronischen Medien habe den Armen der Welt die Illusion einer anderen Lebensweise vermittelt, ohne ihnen den Zugang dazu zu erlauben.« – Das erinnert mich an meine Thesen zur Auswirkung der Warenästhetik, bloß dass ich damals nicht den Nord-Süd-Gegensatz im Auge hatte. Ich müsste nachsehen, was ich als Vorwort zur nie erschienenen argentinischen Ausgabe der Kritik der Warenästhetik geschrieben habe. – Also: Premiere oder erst Generalprobe auf kommende Nord-Süd-Kriege?
Krippendorff sieht die eigentliche (aber vorerst blockierte) Lösung hinter den hilflosen Friedensdemonstrationen: »Regierungsgegner aller Völker, vereinigt euch!«
»Königsmechanismus«: eine Anordnung der Interessenwidersprüche derart, dass ihre Austragung die Zentralmacht reproduziert.
*
Rückblick auf die atemberaubende Utopie des Neuen Denkens (1985– 1990). – Michael Brie (»Zur Herrschaft verdammt? Experimentierfelder für eine neue Weltordnung«, in: Freitag, 1.2.) analysiert, wie die durch die Perestrojka neu aufgeworfene deutsche Frage »die realen Machtstrukturen, das tatsächliche Kräfteverhältnis und die bewussten oder auch instinktiven Strategien der Hauptkräfte der Gegenwart offenbarte«. Er konfiguriert die politischen Alternativen, wodurch unterm Strich bestürzend deutlich wird, dass die hoffnungsvoll aufgebrochenen Völker von den westlichen Interessen zu Vehikeln gemacht wurden. Die deutsche »Vereinigung« wurde zur Generalprobe für die Herstellung einer Neuen Weltordnung des transnationalen Kapitalismus »westlicher« Provenienz.
Das weltpolitische Machtvakuum, das der Kalte Krieg hinterlassen hatte, wurde »geradezu blitzartig« gefüllt: 1. Stellvertretende Niedermachung des »die Supermächte nachäffenden Zöglings«. – 2. Ökonomischpolitische Erpressung von SU und China. – 3. EG und Japan akzeptieren (und finanzieren partiell) die führende Rolle der USA bei der Herstellung jener korporativen Weltherrschaft des trilateralen »Westens«. Das erlaubt den USA, den Verlust der ökonomischen Hegemonie durch militärische Hegemonie zu kompensieren. – 4. Krieg als Fernsehspiel und Ausblendung (Zensur) von Informationen (aber die Opferbilder werden folgen). – 5. »Die linken und liberalen Intellektuellen aber finden gegenwärtig nur zu ohnmächtigem Protest, hilflosem Räsonnement oder machtpolitischem Scheinrealismus.«
Paradoxer Erfolg: Die »Politik einer Perestrojka für die Sowjetunion und die ganze Welt war erfolgreich bei der Auflösung einer Supermacht und damit der alten internationalen politischen Sicherheitsstrukturen sowie beim Zerfall des Staatssozialismus zumindest in Osteuropa. Sie scheiterte vor den Aufgaben des Aufbaus einer neuen internationalen wie auch inneren demokratischen soziopolitischen Ordnung in der UdSSR.« Den Schlüssel zu diesem Paradox sieht Brie in den Machtstrukturen und der Lebensweise der drei kapitalistischen Weltmachtzentren (mit ihrer »ungeheuren und faszinierenden Dynamik«), wo Massen (80 Prozent) und Eliten darin übereinstimmen (»ein stabiles und kaum wirklich zu erschütterndes Bündnis«, derselbe Block, der den Anschluss der DDR durchsetzte), entsprechende Selbstveränderung abzulehnen. »Eine wirkliche Perestrojka könnte nur von ihnen ausgehen, oder sie muss scheitern.« Als Folge hiervon sei die UNO von den USA instrumentalisiert, »neues Wettrüsten unvermeidlich und jede Alternative vorerst zerschlagen«.
MB zitiert Hondrich, der im »Spiegel« der Vorwoche die »pax americana et europea« (Japan vergessend) damit als notwendig begründet hat, dass die »weniger zivilisierten Länder« noch nicht den Krieg zu verurteilen gelernt hätten. Der Westen sei »zur Dominanz verurteilt«. Brie ergänzt: »Wer Dominanz sagt, spricht verschämt von Herrschaft.« Daher gewaltsame Entwaffnung. Hobbes redivivus, äußerlich erzwungene Zivilität, allenfalls Vorstufe »wirklicher Zivilisation«. Deren Merkmal wäre »selbstbewusste, freie, demokratisch erstreitbare Fähigkeit zur Selbstbeschränkung, Interessenabwägung und zur eigenen Neubesinnung.« Gemessen daran stecken wir noch in der Barbarei. Einer »pluralen Weltordnung« steht vor allem westliche Lernunfähigkeit im Wege. Von dieser haben die Eliten der Dritten Welt gelernt, sie ahmen nach, und für den Westen ist gerade diese »nachmachende Entwicklung« bedrohlich geworden. »Für kurze Zeit schien uns 1989 Geschichte wieder möglich. Aber die Chancen wurden zerstört. Die Zukunft wurde vernichtet […]. Die Apokalypse ist unausweichlich geworden.« – Undialektisch.
*
Glück. – Gesundheit, Erfolg in sinnvoller Arbeit, Liebesglück. Prekär im allgemeinen Unglück. Keineswegs das Substanzielle, wovon Adorno so merkwürdig spricht.
Systemisch vorgesehen: Plastikeuphorie, Masturbation und Schnaps bei Pay-TV im Hotelzimmer.
13. Februar 1991
Der nächste hat sich verabschiedet: Uwe Rauhöft aus Potsdam, der mit einer ideologietheoretischen Arbeit hängengelassen worden ist und einen westlichen Betreuer suchte (seine Betreuerin – Helga Marx, zusammen mit Wolfgang Jonas und Valentine Linsbauer Autorin der Produktivkräfte in der Geschichte von 1969 – war »abgewickelt« worden). Rauhöft gibt »die Philosophie« auf und wählt zunächst ein Babyjahr, um sich später wieder seinem ursprünglichen Beruf eines Mathematiklehrers zuzuwenden.
Für die Zürcher Wochenzeitung einen kleinen Kommentar zu Biermann und Enzensberger geschrieben. Nichts ist weiter weg als die Zeit der Hoffnungen von vor einem Jahr.
14. Februar 1991
Hörte am Radio Biedenkopf die Durchkapitalisierung der ehemaligen DDR mit der »ersten Mondreise der Amerikaner« vergleichen. Die Leute dort über die Maßen unzufrieden und enttäuscht. Aber sie wenden sich keineswegs der PDS zu, die sich ihnen als Interessenvertretung anbietet.
15. Februar 1991
Gorbatschow soll »Diktatur des Gesetzes« ankündigen: der Rechtsstaat wird aufgezwungen.
Vom Krieg nun Totenbilder: als zwei Raketen die, wie es heißt, 2 Meter dicken Wände eines Luftschutzbunkers in Bagdad durchschlagen hatten, war auch der von beiden kriegführenden Seiten errichtete Schleier vor den Ziviltoten zerrissen. Die Welt bekam Hunderte von verbrannten Frauen und Kindern zu sehen. Die Journalisten suchten vergeblich nach Spuren des Befehlsbunkers, von dem die USA weiterhin behaupten, dass er in jenem Bunker gewesen sei. Es scheint, sie haben mehr Waffen als Ziele.
16. Februar 1991
Mária Huber beschreibt in der ZEIT vom 1.2., was mir auch der Student aus Leningrad gesagt hat: Die partielle Währungsreform in der Sowjetunion machte fast nur Ärger, schadete den Leuten, brachte das gesamte Leben durcheinander, traf jedenfalls die Mafia so gut wie gar nicht. Die ZEIT überschreibt den Artikel: »Alle Macht dem KGB«. Auf der Titelseite ein Artikel von Christian Schmidt-Häuer: »Ein halber Putsch? Gorbatschows Wende am Ende«. – Oder rückt jetzt der Sturz Gorbatschows ins Visier des Westens? Ist es mit der Interessenübereinstimmung vorbei? Die Nachrichten aus der SU konfus-katastrophisch; ich entdecke keine Handschrift darin.
Laut Katja Maurer hat Engelbrecht gefragt, wo denn die Artikel von Haug blieben. Ich glaube, er will sehen, wie ich in der Hölle schmore.
Simulation. – Die Attrappenwaffe als Waffenattrappe, Mario Mosellis Plastikpanzer aus Turin, die jetzt im Irak US-Raketen auf sich ziehen. Der Preis nicht simuliert: 15 000 USD für einen russischen T 55 (falls es stimmt, was die ZEIT schreibt).
18. Februar 1991
Eberhard Radczuweit, der den Verein Deutsch-Sowjetische Kontakte ins Leben gerufen hat, schreibt als Reaktion auf mein Buch, inzwischen habe er den Boden unter den Füßen verloren. »Wer als Sozialist auf die Perestrojka hoffte, kann Melancholiker werden.« Er will von Westberlin aus in den sowjetischen Meinungsstreit eingreifen: »Unsere FHW-Leute sollen das Mysterium der Sozialen Marktwirtschaft entschleiern, unsere Marxisten über ML diskutieren und die ›Berliner Realisten‹ in der Manege kritische Malerei vorstellen, wo der Sozialistische Realismus (Stalinistischer Idealismus) den Realismusbegriff schlechthin in Verruf brachte.« Mich will er über A. Bytschkow nach Moskau einladen lassen. Das Institut für Gesellschaftswissenschaften habe »endgültig den Boden verloren«.
21. Februar 1991, auf der Reise nach Aachen
Zur Abwechslung bei einem DFG-geförderten Colloquium über Institutionentheorie, eingeladen von Karl-Siegbert Rehberg, der ein etwas synkretistisches, aber interessante Gedanken aufnehmendes Papier verschickt hat. Sinngemäß heißt es dort etwa: Wie bei den Reichen vom Geld, schweigt man bei den Mächtigen von der Macht. In seinem Diskurs lockert R. die härtesten Tatbestände (z.B. den gegenwärtigen Krieg), um sie so umzugruppieren, dass wenig verschwiegen und doch alles folgenlos ist. Als Denker könnte er die passive Revolution personifizieren.
Konservativ ist die Institutionentheorie, wo sie ›uns‹ herabsetzt zu Ein- und Unter-Geordneten, indem sie Ordnung alias Herrschaft als Unverfügbares voraussetzt. Ich riskiere die These, dass jede Institution als Kompromissbildung entsteht. Werde dabei von Hans-Joachim Giegel unterbrochen, der verlangt, man solle endlich den normativen Ansatz von Honneth diskutieren. Da zu meiner Verwunderung weder er noch die Joas, Honneth u.a. den Begriff »Kompromissbildung« verstehen, obwohl ich auf Freud und die Wiederaufnahme seiner Gedanken bei gewissen Linguisten und Semiotikern hingewiesen hatte, erhalte ich immer wieder griffiges Material, um nachzusetzen.
Ich schlage (vergebens) vor, die römischen institutiones als Kernbeispiel zu nehmen, dem wir nicht grundlos den Ausdruck entlehnen. Es herrscht die Tendenz, den Institutionenbegriff auf jede kulturelle Bestimmtheit, auf jede Üblichkeit auszudehnen. Eine solche Ausdehnung gibt es in der Wirklichkeit; Kerninstitutionen stützen sekundäre Institutionalisierungen. Daher ist der Begriff Institutionengefüge unentbehrlich, man muss, was er meint, dann aber auch konkret als solches analysieren. Für mich der Staat die I. par excellence. Die sog. Religion bildete ja in Gestalt der Theokratie eine frühe Form von Staat, die aber gegenüber der Kriegslogik nicht stabil war. Erst die komplexe Kompromissbildung, bei der nicht nur Herrschende und Beherrschte, sondern auch die drei Ordnungen der Regierung, der Religion und des Krieges ins Verhältnis gebracht sind, gibt den Kernbestand des Institutionengefüges her.
Schließlich frage ich, warum der Ideologiebegriff in den Thesen von Rehberg und Göhler nicht vorkommt. Riskiere den Satz: Jede Institution ist eine ideologische Macht. Werde indes belehrt, dass man diesen Begriff nicht mehr benutzen könne, genau so wenig wie Herrschaft. Von Ideologietheorie scheint hier niemand etwas zu wissen. Göhler: Ideologie ist interessiertes Bewusstsein, Lenk: Zurückbleiben hinter dem fortgeschrittensten Bewusstsein, Honneth: eine Weltdeutung mit Sperren.
Hans Joas überrascht die Anwesenden mit der Kategorie der »kollektiven Efferveszenz«, die er aus dem Französischen von Durkheim ins Deutsche übernimmt, ein wunderbares symbolisches Kapital schaffend. Er begeistert sich für »affektive Bindungswirkungen«, was Kurt Lenk zum Hinweis auf Freuds und Webers Analysen des Führerkults provoziert. Seine These: Institutionen gehen aus Erlebnissen der »kollektiven Efferveszenz« oder Fusionserlebnissen hervor. Michael Greven will wissen, wie er dann den Parlamentarismus denkt. Göhler sieht die Verfassungsgebung der BRD als rein zweckrationalen Akt, der erst später retrospektiv seinen Gründungsmythos nach sich zieht.
Joas praktiziert die »Fusion« als Denkform: »Die wirkliche Begründung einer Freundschaft ist die Freundschaft, die Begründung eines Glaubens der Glaube, einer Bindung die Bindung.« Das kriegt einen positivistischen Dreh, weil er Kritik verwirft: Gegen die Wirklichkeit ein soziales Ideal zu richten (und so denkt er Kritik), sei klassisch-jugendlich. Er hat merklich Begeisterung für seine Ware entwickelt. Und das ist eine gefährliche Ware: Bindungsmythen, zwischen Sorel und Mussolini. Im Übrigen wittere ich Institutionentechnokratie in kritisch-theoretischer Verpackung. Werde aber belehrt, dass Joas nichts mit Kritischer Theorie zu tun hat. Ich riskiere die These, dass jede I. vom Gemeinwesensfundus schöpft und dass die »kollektive Efferveszenz« ein entsprechendes Erleben ist.
Ein Schmalz-Bruns von der Bundeswehrhochschule kommt mir in der Pause aggressiv. Studenten aus Aachen retten mich. Sie kennen Schriften des Projekts Ideologietheorie und haben meine Einladung angeregt.
*
Abends bei Kurt Lenk, den ich zuerst nicht wieder erkannt hatte und der mir jetzt wieder so vertraut ist, als lägen nicht zwanzig Jahre zwischen dieser und unserer letzten Begegnung. Seine Diskussionsbeiträge helfen mir, die enorme Feindseligkeit der Prätendentengeneration zu überstehen. Lenk sieht diese Ex-Achtundsechziger ihre Versöhnung mit dem Establishment begehen. Man hat sich damals in einander getäuscht, keine der beiden Seiten ist so, wie damals gemeint. Auch ich spüre bei ihnen einen Willen zum Positiven, der immer dann eine aggressive Wendung nimmt, wenn Kritik geübt wird.
22. Februar 1991, Aachen
Greven schlägt vor, die Position von Honneth, Giegel u.a. als Konstruktive Theorie zu bezeichnen, jedenfalls nicht mehr als Kritische Theorie, denn diese war institutionenkritisch. Er beschreibt den Gestus der Habermasianer als ein permanentes Entwerfen von Denkmöglichkeiten: »Man könnte dies so fassen …«. Diese Konstruktive Theorie betreibe eine normative Institutionentheorie, von der man über die Gegenwartsgesellschaft kaum mehr etwas erfährt. Der einstige Gehlenschüler Rehberg fügt hinzu: Die Nachtseiten institutioneller Zusammenhänge, die vielleicht Institutionalisierungsgrund waren, werden vor lauter Affirmativität ausgeblendet.
Hans Joas erklärt sich mit Habermas nur in der einzigen Weise verwandt, gleichfalls kilometerweit entfernt von Adorno zu sein. Axel Honneth erklärt Habermas’ Verschweigepraxis mir gegenüber kühl mit »Inkompatibilität der Theorieansätze«. Da irrt er, der er am selben Machtspiel teilhat: zur honorierten Linken des Systems zu gehören und dem die systemkritische Linke zu opfern. In der Diskussion warf er mir vor, »radikal skeptisch« zu sein. Ich nehme den Ball auf. Wenn skepséô untersuchen, erforschen bedeutet, dann will ich weiter untersuchen, was ist, wogegen er konstruiert, warum es so sein muss, wie es ist. Ich bestehe immer wieder (mit geringem Echo) darauf, dass wir uns als institutionelle Diskursanten selbst ins Bild einbeziehen müssen.
Auf der Fahrt nach Frankfurt ignorieren mich diese falschen Frankfurter. Ich meinte während der gesamten Tagung etwas wie Hass von ihnen zu spüren. Wer bin ich?
Privatisierung. – Nun nehmen sie sogar die Kläranlagen aufs Korn. Die giftigen Exkremente werden über uns kommen.
23. Februar 1991, Frankfurt
In Frankfurt bei den Götzes überaus lieb aufgenommen: zunächst von den Kindern. Grete mit ihren neun Jahren eine kleine Persönlichkeit, macht Ballett und spricht sehr bestimmt. Den zwei (oder drei?) Jahre älteren Florian nennt sie ihren »kleinen Bruder«. Es stimmt in gewisser Weise; er scheint die Zeit anhalten zu wollen an der Schwelle zur Pubertät, ungeheuer zart und phantasievoll.
Bei der IMSF-Tagung im Haus der Jugend am Deutschherrenufer finde ich Jupp Schleifstein noch kleiner geworden, auf einen Kinderkörper zusammengeschrumpft. Verteidigt Gorbatschow. Man musste runter von der Gewalt, daher nun Zerfall und Auflösung.
Die Tagung beginnt überraschend unergiebig. Hatte vom altkommunistischen Milieu mehr erwartet. Flüchte in der Mittagspause zu den Götzes, vor allem der Kinder wegen.
Heinz Jung erzählt mir sein Leben und bringt mir den alten Spruch bei: »Professoren und Doktoren – Proletariat, Du bist verloren!« Er kriegte ihn dereinst von seinem alten kommunistischen Onkel zu hören, der ihm eurokommunistische Tendenzen verübelte.
25. Februar 1991
Eine ebenso intelligente wie gut vorbereitete Radio-Journalistin (Walz) interviewte mich für den Bayrischen Rundfunk über die Gramsci-Ausgabe.
26. Februar 1991
Nach fünfstündiger Autofahrt Lesung in Bremen (aus dem Perestrojka-Journal). War müde, fand keine Form, beim Diskutieren kein Ende. Das Publikum (MASCH) freundlich, wollte aber über den Krieg reden. Ich meine zu merken, dass sie unter der Maske radikaler Kritik unsere Niederlage verinnerlichen und sage, sie hätten die Dinge früher zu harmlos gesehen und jetzt zu negativ. Der Moment, da ich aus dem Journal vorlesen konnte, scheint vorbei.
1. März 1991, Fern (Lungau)
Die Shakespeare-Sonette präsentieren sich überraschend: Reklame fürs Heiraten und Kinderzeugen. Eine recht manierierte Metaphernkompetenz führt sich vor, möglicherweise ironisch-doppelbödig. Dass der Adressat ein Jüngling ist, dessen Schönheit vom älteren Dichter besungen wird, erinnert an die antike Päderastie; in der Schwebe gehalten wird (zumindest in den ersten neun Sonetten), ob diese Erinnerung zulässig ist. Manifest dient die »Schönheit« als Vehikel, das die Zeit unaufhaltsam in Bewegung setzt, indem sie dieselbe zum Vergänglichen schlechthin macht, dem indes ein Weg zur Dauer offensteht in Gestalt des Erben (heir).
Die Ähnlichkeiten (resemblances), in die das Problem des rechten und rechtzeitigen Nützens der Schönheit eingewoben ist, sind aberwitzig: Zeuger, Sohn und »glückliche Mutter« harmonieren zusammen wie wohlgestimmte Saiten im Akkord. Wenn die starke Jugend (strong youth) der Sommer ist, so der Sohn, in dem sie wieder auflebt, das im Sommer aus Blüte und Frucht hergestellte »Destillat«, das im Alters-Winter in Glaswänden (der Schnapsflasche) lebt, während draußen der Tod herrscht.
*
Im Golf »Feuerpause«; das Wort »Pause« droht mit Wiederaufnahme im Falle verweigerter Fügsamkeit. Der Bodenkrieg soll eine Art Spaziergang gewesen sein. »Es war wie Truthahnschießen« (vom Flugzeug aus), beschrieben US-Soldaten ihren Feldzug. Nur 79 US-Soldaten sollen gefallen sein, auf irakischer Seite dagegen »bis zu 200 000«, freut sich die FAZ. Schon wieder Sektlaune. Nur ein Tropfen Wermut: Die BRD hat gewissermaßen verloren, weil sie es an Kriegsbegeisterung missen ließ. In der FAZ-Leitglosse verhöhnt Fack die »ablassheischende Nachtwächterrolle« der BRD: dass sie keine Soldaten geschickt, sondern sich freigekauft hat (»Ablass«). Der Grund für diesen Ärger ganz materialistisch: Die riesigen Summen für den Wiederaufbau Kuwaits werden nicht nach Regeln des Weltmarkts (Preis- und Qualitätskonkurrenz) vergeben, sondern feudal, als Lohn für Gefolgschaftstreue: Aufträge wie Lehen. Deutsches Kapital hofft jetzt, wenigstens durch die koreanische Hintertür Zugang zu diesen Profittöpfen zu erhalten. Südkorea hat Flugzeuge und Sanitäter für den Krieg gestellt, und in manchem koreanischen Kapital steckt ein deutsches. Den ersten »Auftrag« aber erhält die US-Armee, die sich dadurch in ein riesiges Lohnunternehmen verwandelt: sie darf die von ihr angerichteten Trümmer aufräumen. Neue Verhältnisse kündigen sich an: das Ölscheichtum, einer der größten Grundrentner der Welt, der sich längst in den westlichen Industrialismus eingekauft hat (z.B. bei Mercedes-Benz), zahlte zunächst mit über 50 Mrd USD die Aufrüstung des Irak, dann die Zerstörung dieser Ausrüstung durch die USA und nun den Wiederaufbau. Eine neue Dimension von angewandtem Militärkeynesianismus. Ein Grund für Konflikte in der OPEC (und mit dem Irak): Was Kuwait an niedrigen Ölpreisen verliert, gewinnt es an westlichen Kapitalprofiten.
Irak. – Katastrophale militärische Niederlage. Die Elite-Panzertruppen zum Schluss eingekesselt und ausgeschaltet. Infrastrukturell das Land kaputt, ökonomisch völlig am Boden, angewiesen auf Gnadenerweise. – Die Chemiewaffen nicht eingesetzt. Warum nicht? Unfähig dazu oder aus Selbsterhaltung (Kriegsbegrenzung)? Die Raketen eher symbolisch. Das Kalkül einer Ausweitung des Krieges (auf möglichst viele islamische Länder, ausgelöst durch ein provoziertes Eingreifen Israels) ist nicht aufgegangen. Israel konnte von den USA herausgehalten werden.
USA. – Warum stellten sie (und wann) den Krieg ein? Welche Rolle spielten dabei UNO, Sicherheitsrat, Sowjetunion? Gingen die USA so weit als irgend möglich, an die äußerste Grenze der Resolutionen des Weltsicherheitsrats?
In der BRD fielen die Aktien wegen der Feuereinstellung: hinterm Rauchschleier des Krieges scheint die Weltrezession wieder hervorzutreten.
Slowenien will eine eigne Währung einführen. Heißen soll sie zwischen donaumonarchischem Taler und amerikanischem Dollar: »Tolar«.
2. März 1991
Gina Thomas ist sich nicht zu schade, in der gestrigen FAZ mit einem imperialistischen Kiplingzitat, das im Munde eines britischen Offiziers vor dem Fronteinsatz im Irak bei der Truppe Wirkung gezeigt haben soll, fürs Bildungswesen zu werben. Dabei geht es irgendwie ums Töten zwecks dauernder Weltherrschaft (»als Mittel dauernder imperialer Überlegenheit«) und darum, ein richtiger Mann zu werden. Wie aus Theweleit. Und für so was will die Thomas klassische Bildung.
Im Irak soll es zu Bewegungen gegen das Baath-Regime gekommen sein, in Basra »Anarchie« herrschen, nachdem die Führungsschicht sich fluchtartig davongemacht habe.
Jugoslawien rutscht weiter in den Bürgerkrieg. Kroatien setzt »Sonderpolizei« gegen serbische Autonomisten ein. Gestern sechs Tote. Nun soll die Armee eingreifen.
Im Januar in der Bundesrepublik 22 000 Wehrdienstverweigerer angesichts des Golfkrieges.
*
Gewimmel von Assoziationen: Phantasiegestalten, Sekundenfilme, ein anderes Reich der Schatten, mögliche Leben, ungelebte Möglichkeiten. Diesen Gestalten sich zuzuwenden, sie auszukosten, das heißt Ausruhen.
3. März 1991
Shakespeare-Sonette. – Fair war einmal = kalós. Wirft ein überraschendes Licht auf die fairness und von dieser zurück ins alte Griechentum. The sonnetts: Liebesmanierismus mit eingeblendetem (manieristischem) Antimanierismus (130).
XXII: Zauberhafte Teilhabe des Liebenden an der Jugend des Geliebten. Dieser Zeitzauber geht nur gleichgeschlechtlich. Er unterstellt jedoch (Unmöglichkeit am Grunde jedes Zaubers) Gegenliebe. Dann lebt eines jeden Herz in der Brust des andern. »How can I then be elder than thou art?« Er sagt nicht, dass dann für den jungen Geliebten das komplementäre Gegenteil gelten müsste: How can thou then be younger than I am?
Synästhesien, hervorgehend aus den alten Analogien und den mittelalterlichen Ähnlichkeiten: To hear with eyes belongs to love’s fine wit.
XXXV: Irgendein öffentlicher Sexskandal scheint geschehen. Sie dürfen sich nicht mehr sehen. Der Dichter-Liebhaber mit sich selbst im Clinch: for thy sensual fault I bring in sense. Seine Zerrissenheit artikuliert er als inneren Bürgerkrieg: such civil war is in my love and hate.
*
Joseph S. Nye jr. (Harvard): Transformation der amerikanischen Macht. Das gewandelte Umfeld in Gestalt der transnationalen Konzerne und der ökologischen Politiken kostet die Staaten ihre Autonomie. Dazu reiht er den »Terrorismus« (Deckwort).
Terrorismus. – Vergleich mit der Piraterie des 16.–17. Jahrhunderts. Doppelte Übergangserscheinung von Freibeuterei in Handel und von beidem in die moderne Staatsmarine. Die britische Flotte bildete sich aus eben jener mixed economy aus Handel und Freibeuterei. Die Entfaltung von Welthandel per Schiff machte – außerhalb der um die entsprechenden Machtpositionen sich drehenden Kriege – Verkehrssicherheit auf See nötig. Zu Lande die Räuber. Heute entsprechen jenen alten Störern alle Arten von Mächten, die der auftauchenden globalen Verkehrsordnung des transnationalen High-Tech-Kapitalismus in die Quere kommen. Völker, denen ihr Recht vorenthalten ist, kommen kaum als Völkerrechtssubjekte in Frage. Die Unterliegenden werden doppelt unterliegen, falls sie nicht nachhaltig kämpfen und effektiv stören. Erst wenn sie das tun und dabei nicht besiegt werden können, werden die Herrschenden bestrebt sein, sie in den Völkerrechtskompromiss einzubeziehen.
Das schlechte Gewissen während des Golfkrieges nährte die Terroristenangst. Zusammenbruch des Flugtourismus und überhaupt eines Teils des Flugverkehrs. Auffallend wenig wirklicher Terrorismus in dieser Zeit.
5. März 1991, Esslingen
Der Oberste Sowjet hat ein neues Währungsgesetz verabschiedet, das schon wieder (noch immer) Staat gegen Geld (Eigenlogik des Marktes) einsetzt, derart wieder Wirklichkeit (und Eigentätigkeit der Leute) von sich abspaltend.
7. März 1991
»Von der SED gestohlenes Grundvermögen« nennt die FAZ-Leitglosse den aus Enteignungen hervorgegangenen genossenschaftlich genutzten Boden der DDR. Hybris der Sieger. Aber im Osten reift ein zweiter Aufstand heran, und die Klügeren aus den bürgerlichen Parteien haben begriffen, dass Ökonomie vor dem Prinzip Privateigentum rangiert. Zumindest verbal macht man jetzt Zugeständnisse: »Sanieren, um verkaufsreif zu machen«, soll der neue Auftrag an die »Treuhand« lauten, die bisher privatisiert hat um der Privatisierung willen und zu diesem Zweck die Unternehmen zuerst vollends ruinierte: Ausrottungskreuzzug gegen nichtkapitalistische Eigentumsformen.
*
Mit Barbara, meiner ›illegitimen‹ Halbschwester, traf ich mich auf dem Parkplatz des pforzheimer Krankenhauses Siloa. Sie führte mich auf den Trümmerberg. Als die Stadt am 22. Februar 1945 ohne jeden militärischen Sinn vernichtet wurde und mit ihr 17 000 Menschen untergingen, da war B. noch im Mutterleib. Es war wie ein Gleichnis: der Boden, auf dem wir zusammenkamen, waren die Trümmer einer großen Liebe, einer unheilbaren Verstrickung dreier Menschen. Mein Vater war beinahe vierzig, das Mädchen Else knapp halb so alt (sie ist am 4. August 1924 geboren).
Zu denken, dass diese Else, die nie einen anderen Mann hatte, noch lebte, als ich vor drei Jahren in Pforzheim über Antifaschismus sprach, während Barbara mit ihrem Mann inkognito im Publikum saß, um mich zu beobachten. Ihre Mutter lehnte damals den Gedanken, mich kennenzulernen, noch strikt ab. Jetzt versuchen wir, die fragmentarischen Hinweise, die wir von unseren Müttern haben, zusammenzusetzen und unsere jeweilige Verstrickung zu erkunden. Es ist ein Puzzle, aber kein Spiel, allzu viel Dunkles hängt an dieser Familiensaga.
Barbara hat blaugraue Augen. Sie ist Lehrerin in einer Grundschule, auf dem Trümmerberg befürchtet sie einen Moment lang, in einem Kind den Schüler wiederzuerkennen, mit dem sie am Morgen »zusammengerasselt« ist. Sie ist mit allerlei Selbstetikettierungen zur Hand, als wollte sie möglicher Kritik zuvorkommen: »unfähig zur Spontaneität«, »konfliktscheu« usw.
Ihre Mutter hat das Unglück ihrer großen und »schuldigen« Liebe auf eine Weise verallgemeinert, dass sie alles Unglück aus der Umgebung auf sich nahm; sie war »der Jesus von Pforzheim«. Als Arzthelferin die Klagen der Patienten nicht nur anhörend, sondern das geklagte Leid mitduldend. In jenem Schicksalsjahr 1945 war Elses Mutter der Schwangeren nicht beigestanden, sondern hatte sie zu einer Tante geschickt. Standardsatz der Mutter: »was sollen da die Leute sagen«. »Diesen Satz haben meine Kinder nicht ein einziges Mal von mir gehört«, sagt Barbara. Sie schildert ihre Ältere (Brita, 15) als verschlossen und hausgebunden, die jüngere (Berit, 10) als »Außenministerin« der Familie, nicht zu Hause zu halten. Als mein Brief kam, sagte Berit sofort: »kriege ich jetzt einen Onkel?«
Namenszauber: Barbara (genannt Bara), Bernd; Brita, Berit.
Als wir uns verabschieden, zögert B. einen Moment lang, ob sie mich nach Hause einladen soll. Meine Schwester zu sein, lehnt sie ab; wir haben nicht denselben Vater, sondern nur denselben Erzeuger, sagt sie, und Geschwister haben eine gemeinsame Geschichte, während wir nur eine dunkle Geschichte unter uns haben, wie den Schutt von Altpforzheim, als ein Unbewusstes unserer Kindheit.
8. März 1991
Geschichten meiner Mutter. – Die von einem Arzt eines Tags diagnostizierte Rückgratverkrümmung, die sie darauf zurückführte, dass sie als Kind stets verschraubt bei Tisch saß, weggedreht von ihrem Vater, um ihn nicht sehen zu müssen, zur Körperform gewordener Vaterhass. Irgendeine schlechte Sitte seinerseits widerte sie an. Mütterliche »Sexualaufklärung« nach ihrer ersten Periode, die viel zu früh gekommen sei, bei noch ganz kindlich dünnem Körper: »Und dann gibt es da noch etwas, aber das sollte man lieber lassen.«
In der FAZ ein Gedicht von Werner Söllner, Swanns Arrangement mit sich selbst, das, wie schon der Titel zeigt, mit Kennern von Proust kommuniziert, die den Namen Swann wie ein Emblem für die Suche eines Homosexuellen nach seiner verlorenen Jugendzeit (Jugendliebe) lesen: Vergangenheit, halb / vergessener Ton, bittere Frucht, einzig / gelebte Zeit: süßer Kern deiner Flucht. In der Gegenwart fühlt sich das poetische Ich in einem Abgrund / voll Traum und Verlust / dieser süßen Last aus allem / was du gesehen hast. Hübsch die Rede von den Zimmern / die dich noch immer bewohnen.
9. März 1991
Sabine Brandt darf im FAZ-Feuilleton hetzen, gegen Hermann Kant, Helmut Baierl, Gerhard Bengsch (»Krupp und Krause«), die sie mit Bedacht zwischen schreibenden Sicherheitspolizisten untermüllt, um darüber zu lamentieren, dass sie kraft deutscher Einheit jetzt die demokratischen Grundrechte nutzen dürfen und »unsere Mitbürger« geworden sind: »Das müssen wir schlucken, wie die Generation vor uns nach 1945 manches und manchen hat schlucken müssen.«
Laut Neil Postman hat der Durchschnittsamerikaner an seinem 20. Geburtstag 800 000 Werbespots über sich ergehen lassen. Rechnet man die ersten drei Lebensjahre ab, wären das knapp 134 pro Tag. Er würde sich nicht wundern, wenn demnächst Jesus mit einer Flasche aufträte: »Als ich damals in Kanaa Wasser in Wein verwandelte, war er nicht entfernt so gut wie dieser Pinot Noir von Gallo.«
10. März 1991
In Moskau eine riesige Demonstration der »Demokraten« gegen Gorbatschow. Afanasjew, der in meinem Gorbatschow-Buch von 1989 noch als eine der Stimmen im Einklang mit G, wenngleich sich in manchem vorwagend, vorkommt, seit mehr als einem Jahr ein scharfer Gegner, ja Feind. Als mein Buch erschien, gingen die Flitterwochen der Perestrojka, als sich noch alle Unzufriedenheit hinter G sammelte, eben zu Ende. Die Taktik Jelzins jetzt, Gorbatschows rechtsstaatliche Rekonstruktion der Sowjetunion zu durchkreuzen. Der Bürgerkrieg, vor dem G warnt, sei dessen Krieg gegen das Volk, schreien sie.
11. März 1991
Im Deutschlandsender Kultur – einem Sender der ehemaligen DDR, der noch existiert und wo ich zu Wort komme, wie nie zuvor (und vermutlich auch nicht danach) in der Bundesrepublik – eine Diskussion über Gramsci mit Johannes Agnoli und Otto Kallscheuer. Manfred Lötsch, der zugesagt hatte, bleibt aus. Meine beiden Gesprächspartner haben aus entgegengesetzten Gründen ein Interesse daran, Gramsci als Anhänger der Diktatur des Proletariats hinzustellen, Kallscheuer, um ihn zugunsten von Croce zu verlassen, Agnoli, um ihn als Kronzeugen gegen den bürgerlichen Parlamentarismus zu haben. Ich vermute dagegen, dass bei Gramsci aufgrund seiner Fragestellung (Scheitern des revolutionären Kommunismus im Westen) zu aller bewussten Fragestellung eine gleichsam hinterrücks erfolgte Problemverschiebung hinzugekommen ist, die seine weiterwirkende Aktualität ausmacht: Transposition der (Klassen-) Kämpfe in die politische Kultur. In der Gesprächsstruktur fehlt ein DDR-Intellektueller. Aus taktischen Gründen stütze ich mich vor allem auf den abwesenden Peter Glotz und spare die Kritik an ihm aus. Sie läuft darauf hinaus, dass bei ihm das emanzipatorische Projekt Gramscis wegschwimmt und eine inhaltsleere Orientierung auf etwas allgemein Umkämpftes herauskommt. Das drückt die Konstellation der drei »Denkfiguren« aus, die Glotz bei Gramsci herausgreift: Meinungsführerschaft, Volkstümlichkeit, Kompromissfähigkeit. Da ist jede Spur dessen getilgt, worum es dabei spezifisch geht.
12. März 1991
Mutationen der Warenform. – »Shareware« und »public domain-software« als Modifikationen der Warenform, Realscholastik einer Produktionsweise, die dem klassischen Privateigentum entwächst. »Shareware« ein Unbegriff für das »Hinüberragen« einer Ware in den Nichtwarebereich, wo die Dinge ohne Gegenleistung von jedem angeeignet werden können wie das Einmaleins oder das Alphabet. »Shareware« ist die gute Miene zum bösen Spiel, dass sich Programme durch jeden unbegrenzt reproduzieren lassen bei reinen Materialkosten. Das hat den Markt gespalten in einen formellen und einen informellen. Der formelle Markt verlangte Rechtsschutz, dieser aber nur zufällig wirksam. Der informelle Markt verlangt kein Vertriebssystem, die »Ware« verbreitet sich »von selbst«, wie es vom Kapitalstandpunkt heißt (in Wirklichkeit verbreiten sie die Benutzer: einer der Unterschiede von ziviler und bourgeoiser Gesellschaft). Das materielle Interesse der Verwerter zieht sich nun auf die Handbücher zurück, da aber auch diese kopiert werden, auf die Zusage eines Up-date-Service gegen Zahlung der Registrierungsgebühr. Eine Halbform sind daher die Kurzformen, die gegen eine kleine Gebühr verkauft werden und die der Nutzer probefahren und mit konkurrierenden Programmen vergleichen kann, um sich dann ggf. für den Erwerb der Vollform zu entscheiden. – »Public domain-software« ist mit öffentlichen Mitteln entwickelt und darf nach US-amerikanischem Recht daher nicht als Ware gehandelt werden.
16. März 1991
Die SU hat den steckbrieflich gesuchten alten Erich Honecker in einem Militärflugzeug nach Moskau gebracht. Der Akt widerrechtlich, aber widerwärtig wäre gewesen, ihn zu unterlassen. Hans-Jochen Vogel, hierin idealtypischer Sozialdemokrat, sprach sich im Bundestag für die strafrechtliche Verfolgung H.s aus, erinnerte aber an die zehn Jahre Haft unter den Nazis und daran, dass H. vor wenigen Jahren noch mit allen Ehren in Bonn empfangen worden war.
Der Golf-Krieg für die USA das erwartete Geschäft. Tribute der »Bundesgenossen« minus Kosten, großzügig gerechnet, = 7,4 Mrd US-Dollar Reingewinn. Darin ist enthalten, dass für den Abzug aus der Golfregion 7 Mrd USD, dazu für den Heimtransport noch einmal 5,2 Mrd USD und schließlich 6,4 Mrd USD für Wiederbeschaffung eingerechnet sind. Man sieht, dass über die Kriegskosten hinaus Alimente verlangt werden. Die Gesamtkosten werden auf 47,5 Mrd USD geschätzt. Der Überschuss soll nicht zurückgegeben werden, weil Menschenleben nicht mit Geld aufzuwiegen sei, wie der demokratische Abgeordnete Schroeder aus Colorado, Anwärter auf einen kleinen Tui-Preis, gesagt hat. Einzelsubsidien: Kuwait: 13,5 Mrd USD; Saudi-Arabien: 13,5 Mrd USD; Japan: 9 Mrd USD; BRD 5 Mrd USD; Vereinigte Arabische Emirate: 2 Mrd USD; Südkorea: 305 Mio USD.
In der SU läuft morgen die Abstimmung über den Erhalt der Union, die als Verbund gleichberechtigter souveräner Republiken (Kasachstan setzt dafür: Staaten) reartikuliert wird. Alle Eigentumsformen, die das Funktionieren eines einheitlichen Unionsmarktes begünstigen, sollen legitim sein.
Bezeichnend die Unterstützung, die aus Kasachstan kommt, der nach Russland flächenmäßig zweitgrößten Republik (2,717 Mio km2, 16,2 Mio Menschen): Ihrer Zusammensetzung nach ein Spiegelbild der Union, würde sie mit dieser zerfallen. Wie derzeit die Tschechoslowakei und Jugoslawien zerfallen, nein, schlimmer, weil dort bei allem Durcheinander doch relativ klare ethnisch-politische Grenzen ziehbar, während im sowjetischen Völkergemisch eine Art Afrikanisierung ausbrechen könnte.
17. März 1991
Im heute zur Abstimmung gestellten Entwurf zu einem neuen Unionsgesetz besagt der 4. Punkt: »Die Republiken betrachten den Aufbau und die Entwicklung einer zivilen Gesellschaft als die wichtigste Voraussetzung für Freiheit und Wohlstand«. – Ja, aber wie verstanden? Lauert unter der zivilen der Wechselbalg der bourgeoisen Gesellschaft?
Erkenntnis, kapitalistisch: »Wir erkennen Sie« heißt in der Bankensprache dasselbe wie »we credit you«, nämlich »wir schreiben Ihnen gut«.
Transnationaler Kapitalismus. – Als globale Produktionsweise schafft er sich eine globale Sprache, weltweit und branchenübergreifend, eigens genormt für Electronic Data Interchange (EDI). Unter Leitung der UNKommission für Europa wurde gemeinsam mit den Normeninstituten von 60 Ländern der Sprachstandard EDIFACT entwickelt (Electronic Data Interchange for Administration, Commerce & Transport).
Hochtechnologische Produktionsweise. – Mikromechanik als neues Forschungsgebiet. Hier geht es um »Mems« (mikro-elektro-mechanische Systeme), Chips, die nicht nur speichern können, sondern auch »spüren« (Sensoren) und »reagieren« (Mikromaschinen). Oder mechanische Informationsspeicherung mittels mikromechanischer Speicherzellen, bei denen die Wölbung von winzigen Stegen – dünner als ein Haar und tausendfach auf einem Chip angeordnet – die Information darstellt: nach oben = 1, nach unten = 0. Mit elektronischen Komponenten gekoppelt, ergibt das ein Mems. Der Begriff »Maschine« (und die Disziplin des Maschinenbaus) erfährt hier eine Ausdehnung ins Mikroskopische und dadurch einen Verallgemeinerungs- und Abstraktionsschub im Vergleich zur für Marx noch dominanten Werkzeugmaschine. Entwickelt werden »Mikroaktoren« – Zahnräder, Getriebe, Mikromotoren und -turbinen –, deren Funktionieren sich nur unterm Mikroskop beobachten lässt. Die Methoden der Fertigung aus dünnen Materialschichten ähneln z.T. denen der Chip-Produktion. Die Anwendung wird dadurch gekennzeichnet sein, dass sich ungeheure Mengen solcher Mikromaschinen auf engem Raum unterbringen lassen: Hunderte pro Chip, von denen wiederum hundert auf einem Silizium-Wafer Platz finden. Werkstoffe und ihre mechanischen Eigenschaften sind in diesem Bereich noch zu erforschen. Man kennt noch keine metallurgischen Rezepte für Werkstoffhärtung in Mikrodimensionen. Wiederum erfordert das eine Revolutionierung der Messtechnik, zugleich der Klimatisierung von Räumen. – In Berlin arbeitet das Fraunhofer Institut für Mikroelektronik an solchen Technologien. (E. Arzt: »Motor und Chip in einem. Neue Horizonte für High-Tech-Materialien in der Mikromechanik«, FAZ, 12.3.)
*
Kathrin A. schreibt aus Leipzig von der Angst der vielfachen Ungewissheit, Angst der Chancenlosigkeit, aber auch Angst der hinterrücks verändernden Macht der Chancen. In ihrer Umgebung hektische Suche nach Möglichkeiten, Geld zu verdienen, mit der Vorstellung, sich dann die jetzigen Ideale weiter leisten zu können. Ihr Freund hat sein Studium nach vier Jahren abgebrochen, um sich in Herford bei der Commerzbank zum Geschäftsstellenleiter ausbilden zu lassen. Nach acht Wochen wird sie ihn zu Ostern erstmals wiedersehen, und sie fragt sich, ob sie ihn dann wiedererkennt. Er hat ein kritisches Bewusstsein, aber wird er nicht seine Zweifel verdrängen müssen, um voranzukommen? Und in drei Jahren wäre er Filialleiter einer Bank und seine Frau marxistische Pädagogikdoktorin. »Ich weiß nicht, ob wir das können.«
In Tönen der inneren Vergewisserung, die merkwürdig abstechen von dieser Existenzangst, spricht Kathrin, wo sie von ihren Fortschritten im Russischstudium schreibt, das sie in ein paar Monaten abzuschließen hofft: »Nach 10 Jahren Russischunterricht und einigen Reisen in die SU ist es ein schönes Gefühl, die Sprache nun richtig zu lernen. Ich fühle mich wie zuhause, auch wenn die gefühlsmäßige Bindung an dieses Land verschwommen ist. Sich für diese Sprache, diese Menschen, die Geschichte dieses Landes zu interessieren und sich damit nun intensiv zu beschäftigen, ist wie die Erfüllung eines Vermächtnisses. Das Beste und Schönste meines bisherigen Lebens nehme ich mit in die neue Zeit. Ein Teil meines Inneren festigt sich und wird mir immer erhalten bleiben. Wenn das Studium auch hart ist, beruhigt es mich, es gibt mir innere Festigkeit.« Dieser innere Halt jetzt von größter Bedeutung.
Kathrin ist es gelungen, das Thema ihrer Diplomarbeit bei den Pädagogen unterzubringen: »Massenkultur, Massenmedien und Kommunikation in den gesellschaftstheoretischen Auffassungen W. F. Haugs«. Freilich ist unsicher, ob der Antrag auf »Forschungsstudium« genehmigt wird, ob der Betreuer dann noch arbeiten darf und ob die Hochschule in den nächsten Jahren überhaupt noch existiert. Deshalb hat sich K. parallel bei der Lufthansa um eine Ausbildungsstelle als Stewardess beworben, ja sogar als Pilotin. »Also wenn nicht alles schiefgeht, vergrabe ich mich ab Oktober in Büchern oder gehe in die Luft. Den Sommer will ich in den USA verbringen«. – Hoffnungen zwischen Stewardess und marxistischer Pädagogikdoktorin! So werden wohl jetzt zwei Generationen in eine ungeheuerliche Mobilität in jeder Hinsicht geschleudert, weil ja auch Ehen und Kinder mit auf dem Spiel stehen. Eine fast ekstatische Wiedergewinnung von Zukunft nach der nostalgischen Zukunftslosigkeit vom vergangenen Oktober schildert Kathrin in Gestalt einer Parisreise zu Sylvester: »Ich habe mich (obwohl ich kein Französisch kann) sofort heimisch gefühlt. Als ich im Musée d’Orsay vor ›meinem‹ Cézanne und vor ›meinem‹ van Gogh, nun allerdings vor den Originalen, stand und als ich ›meine‹ Montmartretreppen runter- und wieder raufstieg, wusste ich nicht, ob ich schwebte oder fiel und fiel. Ich hab’ getanzt, gelacht und geheult zugleich. Zum ersten Mal habe ich gefühlt, dass MIR nun die Welt offensteht. Es war wie eine Befreiung.«
Die Rezension meines »Perestrojka-Journals« im ND hat K. übrigens so verstanden, dass das Buch »jetzt auch hier erscheint«. Da spricht noch die alte DDR.
18. März 1991
Bei einer Tagung des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft sagte der Vorstandsvorsitzende der Asia Brown Boveri, Eberhard von Koerber, es sei wichtiger, »Arbeitsplätze zu erhalten, als im Eiltempo in Ostdeutschland eine lupenreine Marktwirtschaft einzuführen«. Er scheint an befristete Schutzzölle zu denken. Anlass des Treffens war der »Zusammenbruch« der Ostmärkte.
Auf dem Binnenmarkt selbst bei Fahrrädern die übliche Verlagerung von Produktion (und Arbeitsplätzen) von Ost- nach Westdeutschland: in der DDR 300 000 Räder weniger, in der BRD 300 000 mehr, dazu ging die gesamte Produktionssteigerung von 100 000 Rädern an den Westen, wo also unterm Strich ein Zuwachs von 400 000 herausgekommen ist.
19. März 1991
In der SU zeichnet sich eine Zweidrittelmehrheit für den neuen Unionsvertrag ab. In »Sowjetunion heute« lese ich einen Hinweis darauf, dass die Einheit der USA Ergebnis eines Bürgerkriegs war.
Karl Otto Pöhl (Bundesbank) hat die Währungsunion vor einem EGGremium heute als katastrophal eingeschätzt. Die BBC berichtete es voller Genugtuung. Ebenso, dass in Leipzig gestern eine Montagsdemo gegen die Ruinierung der vormaligen DDR-Wirtschaft stattgefunden hat. Die ARD-Nachrichten enthielten uns beides vor. Immerhin bekam man etwas mit von einer Demonstration in Leuna, wo der IG Chemie-Vorsitzende »Rechtsideologen« bezichtigte, auf Kosten der Arbeitsplätze den Übergang zur Marktwirtschaft »übers Knie zu brechen«.
In den USA ist der Energie-Erzeugerpreis im Februar (also während des Ölkriegs) um 0,1 Prozent zurückgegangen. Jetzt steigt und steigt der Dollarkurs. Scheint mir logisch, weil die Kriegskontributionen, die kuweitischen Lohnaufträge an die US-Armee und Saudi-Arabiens Waffenkäufe die Dollarnachfrage um rund hundert Milliarden in die Höhe getrieben haben müssen.
Morgen soll Band 1 unserer Gramsci-Ausgabe ausgeliefert werden, und gestern realisierte ich, dass der Vertrag, den Georg Stenzaly mir geschickt hat, keine Unterschriften trägt. Im Brief versucht er, diesen Tatbestand bauernschlau zu verstecken, liefert aber zugleich andeutungsweise die Gedanken, die in seinem Kopf vorgegangen sind: Gramsci schon 50 Jahre tot, also die Rechte frei verfügbar.
Rundbrief. – Liebe Freundinnen und Freunde, seit Monaten (oder sind es Jahre?) fange ich die meisten Briefe (falls ich zum Schreiben komme) mit einer Entschuldigung an. Als Ein-Person-Betrieb (auch an der FU), der neben Lehre und Forschung auch noch einige Projekte mit-betreibt (Gramsci, die Volksuniversität, Philosophie im deutschen Faschismus, dazu ein Kooperationsprojekt mit der IG Metall und ein »Antiken-Projekt«), bricht mein Zeithaushalt spätestens immer dann zusammen, wenn ich mich in Schreibklausur begebe, um ein Buch fertigzustellen. Dann bleiben Briefe monatelang liegen, die freundlichsten Einladungen unbeantwortet. Übrigens geht es Frigga, zu deren Projekten die Frauenkrimireihe hinzugekommen ist, nicht anders; wie in meinem Zimmer gibt es auch im ihrigen drückende Schichten aus unbeantworteter Korrespondenz. Eigentlich bräuchten wir ein »Privatsekretariat«, wenn dieser Schuldenberg nicht immer weiter anwachsen soll. Aber das ist Zukunftsmusik. Es bleibt nichts anderes übrig, als dass wir uns bei denen, die wir versetzt haben, entschuldigen. Es gibt mildernde Umstände:
In den letzten drei Jahren bin ich in eine atemlose Produktionsdynamik gerissen worden. Es fing mit der Studie über die Perestrojka an (1987–89), die, kaum veröffentlicht, schon von der Krise der Perestrojka überholt schien. So begann ich im Juni 1989 das »Perestrojka-Journal«, wodurch der Zusammenbruch der DDR mich schließlich unvermutet in dessen Chronisten verwandelt hat, der, obwohl von der dort herrschenden Ideologie negiert, selber keineswegs alles an der DDR negiert hatte und nun sein Denken und alle bisherigen Überzeugungen seines Milieus radikal in Frage stellen lassen musste. Parallel zu diesem politischen Tagebuch erschienen die »Wahrnehmungs-Versuche«. Im Sommer 1990 ließ ich mich sogar verführen, als Pressekorrespondent zum 28. Parteikongress der KPdSU zu fahren.
Wenn die Verhältnisse plötzlich in Bewegung geraten, wenn nach langen und langsamen tektonischen Verschiebungen das große Erdbeben geschieht, dann ist es unmöglich, geruhsam und schonlich zu handeln. Es herrscht ein Ausnahmezustand, der die Lebensweise verändert. So ging es uns 1989/90. Jetzt ist, um ein anderes Bild zu nehmen, die Lawine ins Tal gerauscht; auch wenn Trümmer umherliegen und neue Not wächst, ist doch die relative Ruhe einer gewöhnlicheren Gangart wieder eingekehrt.
Ende 1989/Anfang 1990 habe ich zusammen mit dem Leipziger Romanisten Klaus Bochmann und dem Ostberliner Übersetzer Joachim Meinert, dazu aus Westberlin mit Pit Jehle und Leonie Schröder, eine neue Arbeit angefangen: die kritische Gesamtausgabe von Gramscis Gefängnisheften ins Deutsche zu übersetzen. Dieser Tage erscheint der erste Band, im Herbst der zweite. Einschließlich eines Registerbandes werden es zehn Bände, und wir werden, falls wir sehr gut arbeiten, Ende 1995 damit fertig sein. Die Übersetzergruppe, zu der Ruedi Graf und Gerhard Kuck gestoßen sind, veranstaltet Intensivseminare, wo Probleme besprochen und die Standards und Kriterien vereinheitlicht werden. Jede Übersetzung wird gegenlektoriert, dann wird der Gesamttext vom Bandherausgeber ein drittes Mal durchgearbeitet und schließlich von der Gruppe noch einmal von vorne bis hinten Korrektur gelesen. Ihr seht, wir sparen keine Mühe. Natürlich wollen wir eine möglichst eng am Original sich haltende Übersetzung machen, die keine Unebenheit ausbügelt.
Nachdem ich seit 1988, wegen der Arbeit an dem Gorbatschow-Buch, unser anderes Großprojekt, das Neue Wörterbuch des Marxismus, etwas stiefmütterlich behandelt hatte, nicht nur wegen der Zeitökonomie, sondern auch wegen der stürmischen Veränderung der Verhältnisse im »Weltmarxismus«, wende ich diesem Projekt nun wieder einen erheblichen Teil meiner Arbeitskraft zu. Ich nutze dafür mein Forschungssemester. Wer sich an die Gründungsbedingungen des Projekts erinnert – Boykott durch DKP, DDR, ML, das Ausweichen ins Internationale etc. –, der wird verstehen, dass dieses Projekt nach dem Zusammenbruch der DDR umzubauen war. Nicht nur müssen die neuen Erfahrungen verarbeitet werden, nicht nur hat sich unsere Perspektive geändert, nachdem eine ganze Formation historisch geworden ist, sondern auch das marxistische theoretische »Personal« hat sich verändert. Das lässt sich an der Wörterbuchredaktion ablesen, zu der inzwischen drei Redakteure aus der vormaligen DDR gestoßen sind. Dem Projekt sind zusätzliche Aufgaben zugewachsen, an wissenschaftlicher Kommunikation und Erneuerung in der marxistischen »scientific community« mitzuwirken. Das Projekt wird uns zweifellos bis zum Jahr 2000 beschäftigen, aber wir sind entschlossen, den ersten Band (A bis G) tatsächlich zum Jahresende 1991 zu schaffen. Manche Autoren haben Mühe, an solche Versicherungen zu glauben, weil wir ähnliches schon vor dem großen Umbruch im Osten gesagt hatten. Ich hoffe, sie werden meine Ernsthaftigkeit an den inzwischen vorgelegten Arbeiten ablesen und die Chance begreifen, die der Aufschub geboten hat. Anders hätten wir ein inzwischen bereits veraltetes Werk vorgelegt.
So viel über die allgemeinen Projekte, an denen ich mitarbeite. Dazu kommt die Fertigstellung von Band 3 des Pluralen Marxismus, einem Ketzerwerk, dem inzwischen die orthodoxe Inquisition abhanden gekommen ist, dessen Funktion (und daher auch dessen Inhalt) ich völlig neu überlegen muss. Ferner steht die Neuauflage meines Sartre-Buchs von 1966 an.
Ich weiß, das alles sieht nach individual overstrech & overstress eines Menschen aus, der einen voluntaristischen Schlag hat und so unweise ist, Glücksgüter und -haltungen dem zu opfern, was er als Aufgabe ansieht.
20. März 1991
Xenophon, Anabasis VII, 4.7: im griechischen Expeditionsheer Päderastie normal, heißt es. Aber waren dort Knaben mit? Wenn nein, etwas anderes. Die »meisten Forscher« seien sich darin einig, »dass die männliche Liebe dem Ethos der Kriegergemeinschaft entsprang« (46). – Basiert z.T. auf H. J. Marrou, Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum (1977). Marrou erklärt: »Die griechische Homosexualität ist militärischen Charakters.« (75)
21. März 1991
In der SU endlich wieder Politik erkennbar. Mit der Dreiviertelmehrheit für die Beibehaltung der Union im Rücken verkündete Gorbatschow den ersten Akt der Preisreform. Er hat dafür die Zustimmung aller Republiken (außer den baltischen) gewonnen, auch wenn Jelzin nur seinen Stellvertreter unterschreiben ließ, um aus einem eventuellen Misserfolg Kapital schlagen zu können. Es läuft so, wie Gorbatschow es immer angestrebt hat: die staatlichen Subventionen werden zurückgenommen, was den »Gesamtpreis« um die gleiche Summe hochtreibt, und die freiwerdenden Mittel werden (zu 85 Prozent) auf die Löhne draufgeschlagen. Theoretisch gesehen, müssten jetzt die Marktmechanismen volkswirtschaftlich sinnvoll wirken. Was den Widerstand gegen die Preiserhöhungen angeht, der noch vor einem Jahr das Programm von Ryschkow im Vorfeld zum Scheitern gebracht hat, so scheint er zermürbt zu sein durch die Krise. Preiserhöhungen verlieren ihren Schrecken angesichts des größeren Schreckens, dass es zu regulären Preisen fast nichts mehr zu kaufen gibt und am Schwarzmarkt eh horrende Preise verlangt werden. Auch könnte es sein, dass sich Widerstand verzettelt und erschöpft hat. Der Streik der Bergarbeiter muss also nicht zum Generalstreik werden, sondern könnte die Form werden, in der die Gesellschaft diffus seine ›Sinnlosigkeit‹ realisiert.
Im DDR-Gebiet wird laut Sachverständigenrat »der Aufschwung« vorerst ausbleiben, der Zusammenbruch noch weitergehen. Vom Bausektor strahlen keine Konjunktureffekte aus. Auch wird jetzt vom verschlechterten Umfeld (Weltrezession) gesprochen.
22. März 1991, Gramsci-Colloquium im Haus am Köllnischen Park
Schwäche und Stärke meiner Kommunikationsweise sind zwei Seiten einer Medaille: esoterisch mit einer Fassade, die überaus zugänglich ist. Hält einen Schock bereit.
Bemerke die Tendenz, die Struktur der gramscischen Reflexionen dem Gefängnisdasein zuzuschreiben. Die so reden, haben vermutlich nie geforscht, sonst wüssten sie, dass das, was sie als haftbedingt schildern, zum normalen Prozess wirklicher Forschung, die eine fortgesetzte Anomie ist, gehört. Das ständige Umarbeiten, Umwerfen der Anordnung, die Unordnung, das Sich-Sperren des Materials, das Darüber-Krankwerden, die Schlaflosigkeit, das unabstellbare Zwangsdenken usw.
Joe Buttigieg hat recht, wenn er annimmt, dass die meisten, die Gramsci im Munde führen, einfach zu faul sind, um sich sein Denken wirklich anzueignen. Der Mangel an kritischer Strenge, sagt er, hat die intellektuellen Milieus der Linken erreicht. Lorianismus bedeutet billiges Denken, das die Schleusen öffnet. Gramsci spürte darin eine der Vorbedingungen des Faschismus.
Gramscis Methode ist arbeitsaufwendig.
Frank Deppe befürchtet jetzt vor allem, dass Begriffe wie »Zivilgesellschaft« als eine black box fungieren, in die alles aus den theoretischen Traditionen der Arbeiterbewegung Mitzunehmende hineinprojiziert wird. Man müsse viele Linien nebeneinander berücksichtigen. Er hat recht und unrecht, denn er gewichtet noch zu wenig die Beispiellosigkeit der Arbeitsweise der Gefängnishefte und neigt dazu, deren Besonderheit in Gramsci als solchem aufzulösen.
Nach einer ärztlichen Visite bei Gramsci verlangte der Arzt, man möge ihn einen Blick auf die Hefte werfen lassen. Die Folge von anscheinend unverbundenen Paragraphen mit wechselnden Themen durchblätternd kam er zur Diagnose, dieser Gefangene müsse ein Psychotiker sein.
Gramscis Verteidigung vor Gericht basierte darauf, seine Parteiführerschaft zu bestreiten. Da schrieb Grieco einen hymnischen Brief, worin er Gramsci zum größten Parteiführer hochlobte. Das machte Gramsci zum Märtyrer, was dieser nie sein wollte. Eine Falle.
Kuno Füssel sprach vom Hilflosen Atheismus der alten DDR, die den Atheismus zur Staatsreligion erhob und zum Erziehungsziel machte und die Zivilgesellschaft ins Privatleben einsperrte. Im Anschluss daran parallelisierte Jan Rehmann Gramscis Ökonomismuskritik und Marx’ Religionskritik. Der Vergleich knirscht.
*
Zivilgesellschaft. – Eine marxistische Sozialistin widmete 1901 ihre römische Antrittsvorlesung der Zivilgesellschaft: Teresa Labriola, Tochter Antonios, sprach sich dagegen aus, die Bildung der Zivilgesellschaft in die Zukunft zu verlegen. Geregelte Solidargemeinschaft.
Zweidrittelgesellschaft. – Gewohnt, fürs untere Drittel zu sprechen, vergisst die Linke leicht, dass es darauf ankommt, einen Block zusammenzubringen, der die besser situierten Zweidrittel spaltet und einen erheblichen Teil davon mit dem unteren Drittel zusammenschließt.
Peter Glotz: von der Nomenklatura zur Prokura.
23. März 1991
Anne Showstack-Sassoon reagierte abwehrend, als ich ihr beim Gramsci-Colloquium vom neuen Elend in der vormaligen DDR erzählte. Sie verteidigte ihre Freudentränen, die sie sich vorm Bildschirm hatte machen lassen.
Der Dietz-Verlag hat der Redaktion von »Utopie kreativ« zu Ende Juni gekündigt. Die Treuhand hat alle Stiftungen der PDS eingefroren.
Lexikalische Neuzugänge. – Abwicklung, Evaluierung, Nullarbeitszeit, Treuhand, Warteschleife.
Mit Kathrin A. vereinbart, dass sie ein paar Tage an der Fertigstellung des Sartre-Buchs (Neuauflage) mitarbeitet. Etwas wie Angst in ihrer Stimme.
24. März 1991
Wie ein Vogel im Käfig flattern die Wünsche, die meine Seele sind, in meinem eingespannten Leben. Bevor er tot zu Boden fällt, wird er die Tür offen sehen. Kaum mehr Leben vor mir, gemessen an den stürmischen Verlangen. Von der Tagung bleibt mir jenes spitzbübische Mädchen Franziska im Kopf, wie ein Lichtbild in einer Welt des Mangels. Fata Morgana, wechselnd zwischen Kind und Geliebter.
25. März 1991
In Leipzig die größte Montagsdemo seit jenem Herbst 89. Auf dem berliner Alex dito. »Wohlstandslüge, Wahllüge, Hauptstadtlüge«, die Losungen in die drei Farbfelder der bundesdeutschen Fahne geschrieben. Wechseln Symbole die Front? Die Zusammenrottung der Übelstände, deren leicht fassliche Artikulation wird für die Regierung gefährlich. Wie Schaum auf der Woge die rasche Forderung des künftigen SPDVorsitzenden nach Neuwahlen. In Leipzig forderte der IG Metall-Chef Steinkühler den Vorrang der Sanierung vor der Privatisierung. Die Krise in Ostdeutschland noch vor ihrem Tiefpunkt. Zugleich gehen die Auftragsbestände der westdeutschen Industrie zurück, weil die Auslandsbestellungen. Der Dollar auf Rekordstand, man schreibt dies der ostdeutschen Krise zu. Die Börse geht nach unten.
Der Anschluss der DDR hat der alten Bundesrepublik (im letzten Quartal 90) fast 5 Prozent Wachstum gebracht bei einem Beschäftigungsstand, der um 886 000 über dem Vorjahresniveau lag (dass die Arbeitslosen nur um 220 000 abgenommen haben, spiegelt die Zuwanderung). All das bei Rückgang der Auslandsnachfrage. Stärkstes Wachstum bei den »Ausrüstungsinvestitionen« (11,9 Prozent).
*
Im ND-Gespräch, das Brigitte Hering mit Harald Neubert und mir heute geführt hat, nutzte Neubert mich zur Selbstrehabilitierung. Dieser Vorruheständler, dessen Persönlichkeit immer unverwechselbare Funktionärsfarbe tragen wird, jenes spezifische DDR-Grau, hat sich mit seiner Treue zur Sache dennoch Umtriebigkeit bewahrt. Ihn rettet, dass er mit Kontakten zur italienischen KP befasst war, daher u.a. auch Gramsci kannte, was alles relativ zur ML-Orthodoxie als ungeheuer ketzerisch galt.
Horizontale Kontakte scheinen im SED-Apparat ein Schattendasein geführt zu haben. Neubert schildert die Wandlitz-Nomenklatura als nicht mit einander kommunizierend: es hätte als Fraktionsbildung verstanden werden können. Noch heute sollen sie isoliert und beleidigt in ihren Wohnungen sitzen und nicht einmal Telefonnummern voneinander haben. Otto Reinhold habe die Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED zwar vor unliebsamen Einmischungen abgeschirmt, deren Kader jedoch nie anders denn als seine Unteroffiziere behandelt.
Brigitte Hering erzählte, beim ND sei es erst richtig schlimm geworden, nachdem Günter Schabowski den Usus eingeführt hatte, alle Artikel vorher bei Günter Mittag einzureichen. Sie meint, Kurt Hager sei entmachtet gewesen. Aber Neubert sagt, Hermann Axen habe bis zuletzt Angst vor Hager gehabt. Axen, fett und klein von Statur, war nicht dumm, aber feige.
Jürgen Kuczynski soll eine schlimme Rolle gespielt haben, als die Kybernetik entlarvt und die sich abzeichnende wissenschaftlich-technische Revolution geleugnet wurde. Er soll Ulbricht und später Honecker mit Zahlen beruhigt haben, von einer technologischen Revolution könne noch lange überhaupt keine Rede sein. Obwohl ich den alten ›Kutsch‹ mag, kann ich mir das vorstellen. Erinnere mich, wie FH in ihren ersten Auseinandersetzungen als Automationsforscherin auch auf Kuczynskis Leugnung der Möglichkeit von Automation im faulenden Kapitalismus stieß – und zwar stieß wie gegen eine Rezeptions-Barriere, denn die westlichen Nachplapperer der DDR machten sich derlei sogleich zu eigen und entlarvten alles, was dem widersprach.
Wie aus einem Königsdrama, wenngleich aus der Materie kleiner Leute: Als Honecker seinen Glückstraum erlebte, jenen Fackelzug der Zehntausende, die winkenden Jugendlichen, die am 40. Jahrestag der Republik an ihm vorbeizogen, da erlebte er den Vorabend seines Sturzes. Der Triumph ging mit dem Untergang schwanger. Kann für jeden gelten, mutatis mutandis.
26. März 1991
Traf mich mit Jens-Uwe Heuer, Jahrgang 1927, Akademiemitglied, Jurist, jetzt Bundestagsabgeordneter der PDS. Wie in alten Zeiten war das Treffen am Ausgang des Bahnhofs Friedrichstraße verabredet worden. Heuer hat ein vorzügliches Buch über Demokratie geschrieben, das Ende 1989, also nach dem (bzw. mitten im) Umbruch, herausgekommen ist. Das Vorwort datiert vom Mai 89, und das Buch hatte seit 87 fertig beim Verlag gelegen. Es dokumentiert, dass in der Schlussphase der DDR ein ganz neuer Theorietyp herangereift war, der nach Übergang in die Praxis verlangte. Heuer ist ein Wissenschaftler, den es in die Politik verschlagen hat. Er arbeitet mit einem Kollegen an einem Buch über die letzte (freigewählte) Volkskammer. Er zeigt, wie strategisch verhindert worden ist, dass sich die DDR vor dem Anschluss noch als Rechtsstaat rekonstruieren konnte. Sie musste unterhalb der Ebene juristischer Normalität bleiben, um als Konkursmasse behandelt werden zu können. Aufgrund veralteter Unterlagen mache ich einen peinlichen Fehler: gewinne Heuer für den Wörterbuchartikel »Demokratie«, erst später merkend, dass dieser nicht nur vergeben, sondern sogar schon geschrieben ist.
Die Krise zwingt die Regierung zu einem Strategiewechsel, ja sogar teilweise zu einem ideologischen Paradigmenwechsel. Dies ist der Moment der Opposition.
27. März 1991
Michael Zöller (Professor für politische Soziologie und Erwachsenenbildung an der Universität Bayreuth) kriegt in der FAZ eine Seite, um Krieg als Mittel der Politik zu rechtfertigen, ja selbst perspektivisch eine Politik ohne Krieg zur schlechten Utopie zu erklären. Da wird der Sieg im Golfkrieg verarbeitet. Dass Saddam Öl in den Golf hat pumpen lassen, wird den westlichen Kriegsgegnern und Umweltschützern angelastet. Eine bemerkenswerte Tui-Leistung. Im Westen war gefordert worden, zu verhandeln, um Umweltschäden abzuwenden. »Das Umweltmotiv konnte sich im Westen politisch auswirken und brachte deshalb eine propagandistisch einfallsreiche Phantasie auf die Idee, Öl in den Golf zu pumpen. […] So zeigt das Lehrbeispiel, dass die Forderung nach Gewaltverzicht nicht nur das Ziel verfehlt hat, ein höheres Gut, nämlich die Unversehrtheit der Umwelt zu schützen, sondern die bewusste Schädigung der Umwelt erst attraktiv gemacht hat.« – Die Kritik am Videospiel-Charakter der Kriegsberichterstattung des Fernsehens dreht Zöller mit einem anderen Tui-Trick um: Wer die Zurschaustellung der Vernichtungsschläge kritisiere, ästhetisiere den Krieg und klage dessen »Ernsthaftigkeit« ein. In Wahrheit hätten die neuen gezielt einsetzbaren Waffen eine »Humanisierung des Krieges« bewirkt. Damit rehabilitiert Zöller ein altes konservatives Axiom, wonach »Politik und Gewalt oder auch Krieg und Frieden nicht voneinander getrennt werden können, sondern nur verschiedene Aggregatzustände sozialer Beziehungen sind«.
Auf der Leserbriefseite spricht dagegen Herbert Vonach, Professor am Institut für Kernphysik in Wien, von den »Kriegsverbrechen« der USA, deren blindwütige Bombardierung der Städte, vor allem in der letzten Phase, bei Hinauszögern des Waffenstillstands, er mit der Zerstörung Dresdens vergleicht.
29. März 1991, Karfreitag
Einheitseffekte. – Was Westdeutschland gewinnt, verliert Ostdeutschland. Kurz, Westdeutschland gewinnt.
Der Dollar weiter nach oben. Fasziniert betrachtete Arnold Schölzel am Mittwoch immer wieder die Überschrift des FAZ-Börsenberichts: »Montagsdemos treiben den Dollar hoch«. Dass die Art der Wiedervereinigung die Ostdeutschen als die Dummen dastehen lässt, hat die internationale Kreditwürdigkeit der Bundesrepublik erhöht.
Arbeitslosigkeit. – Die französische Ökonomie führt eine für die Epoche typische Bewegung vor: Die Wirtschaft wächst 1,5 Prozent weniger als die Produktivität. Das drückt sich in steigender Arbeitslosigkeit aus (derzeit 9,2 Prozent der aktiven Bevölkerung). Große Unternehmen, darunter der Rüstungs- und der Autobranche, haben Massenentlassungen angekündigt. Heute früh habe ich im Radio gehört, dass IBM vier Prozent seiner Beschäftigten (15 000) entlässt.
Sowjetunion. – Die Unionsregierung belagert von einer Hauptstadtbevölkerung, die gegen sie ist. Gorbatschow hat nicht verloren, aber er hat seit langem die Initiative und fast allen Konsens verloren, mehr noch unterhalb des Konsenses die Tiefendimension des Glaubens an eine Zukunft. Noch unklar, wohin die Preisreform führt. Die Schwarzmarktpreise noch immer das Zehnfache der (hochgesetzten) regulären Preise. Laut FAZ wird der Privatsektor beeinträchtigt durch die Preiserhöhungen, weil er die Löhne anpassen müsse. Heißt das, er hat bisher schon zu Schwarzmarktpreisen produziert?
30. März 1991
Im Radio wird Schewardnadses warnende Empfehlung berichtet, »die beiden sowjetischen Führer« müssten sich arrangieren, weil es sonst keinen Weg gebe. Von wegen Zivilgesellschaft! Da sind zwei Führer wie Naturtatsachen, um sie herum muss das Land sich bauen. Zufällig übersetze ich gerade § 75 aus dem zweiten der Gefängnishefte. Einen Artikel Robert Michels’ lesend, der sich auf Max Weber stützt, beschäftigt sich Gramsci dort mit charismatischen Führern und jenem Typ von Parteiung, der um sie herum aufgebaut wird. Nach Gramscis Einsicht »fällt das sogenannte ›Charisma‹ im Sinne von Michels in der modernen Welt immer mit einer primitiven Phase der Massenparteien zusammen, mit der Phase, in der die Doktrin sich den Massen als etwas Nebulöses und Inkohärentes darstellt«. Gramsci schreibt das Nebulöse mit Blick auf die faschistische Partei der Tatsache zu, dass hier eine absterbende Klasse sich mit vergangenem Ruhm bewusstlos gegen die Zukunft abschirmen will. Gorbatschow führt die rationale Programmpartei, Jelzin verschafft jenem glühenden Nebel Ausdruck, der den Bürgerkrieg birgt. Launisch, wechselnd, intensiv und unklar folgt er dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Unzufriedenheit, um deren desartikulierenden Strahl just immer dorthin zu bündeln, wo Gorbatschow an der Rahmenkonstruktion der Zivilgesellschaft und eines ihr dienenden Staates arbeitet.
In der Wochenendbeilage der FAZ ein hintergründiger Erlebnisbericht von Sonja Margolina über eine riesige Demonstration gegen Gorbatschow und für Jelzin. Sonderbare Perspektive, die den Phänomenen mit einem Ja begegnet, in dem sie sich fangen und verlieren wie in einer Falle. Und sonderbare Kategorien. So die des Ästhetischen: »Gorbatschow […] hat die Ästhetik des letzten Schritts der Rettung des Imperiums und dem Machterhalt geopfert, nun verliert er wohl beides.« Die Demonstration schildert die Margolina als einen Karneval, den vor allem die 50 bis 55-Jährigen betreiben und dem vor dem orgiastischen Höhepunkt die Luft ausgeht. Sie schildert sie als zum Absterben verurteilte Klasse, die bewusstlos am eigenen Untergang arbeitet: »Die Menschen sind überwiegend gut gekleidet: in Pelz, Lamm-Mänteln und schicken Mützen. Es sind keineswegs arme Leute, die ungeachtet der Wirtschaftskrise über ihre Verhältnisse leben. Sie sagen ›nein‹, aber ahnen nicht, was auf sie zukommt. Sie haben das Wort ›Abwicklung‹ noch nicht gehört und können sich kaum vorstellen, dass ihre tollen Pelze vielleicht die letzte Pracht in ihrem Leben bleiben werden. In Moskau, der Residenzstadt, ist die Hälfte der Berufstätigen einfach überflüssig – ein offenes Geheimnis. Doch man kann es sich kaum vorstellen. Würden sie hierherkommen, wenn sie durchschauen würden, welches Schicksal ihnen Jelzins Programm der Privatisierung bereiten wird? ›Freiheit‹ – rufen sie. Freiheit von der Arbeit, vom gewohnten sozialen Status, Freiheit für die anderen – die Jungen, Arroganten, Schlauen, die an ihre Stelle treten werden.«
Die Jungen schildert sie als konformistisch, darauf bedacht, für sich etwas aus der Gesellschaft herauszuschlagen. »Von kleinen Randgruppen abgesehen, ist die heutige Jugend politisch indifferent und infantil.«
31. März 1991
Aggressive Naivität. – Schirrmachers Leichtigkeit kommt mir vor wie die Folge einer Gewissenlosigkeit, seine schnelle Intelligenz wie die Folge einer Abwendung. Sein Artikel über Andrej Sacharows Memoiren (in der Literaturbeilage der FAZ vom 25.3.) geradezu »amerikanisch« in seiner aggressiven Naivität. Selbstverständlicher Standpunkt der Sieger als der Guten. Die Macht im eigenen Rücken unsichtbar haltend, zeigt er die böse Macht stets beim Andern (hier Sowjetrusslands). Schönreden der »Dissidenz« von einem, dem sie nie in den Sinn kommt. Die Macht, der er dient, ist nicht besser, nur besser funktionierend. Mir scheint fast, er glaubt an das Reich des Bösen. Sollte er das tun, wäre er böse.
In derselben Literaturbeilage feiert Rüdiger Bubner den »intellektuellen Patriotismus« Manfred Riedels und macht den »Verfassungspatriotismus« madig, weil dieser die Nation verfehle. Daneben beweihräuchert Mattenklott Enzensbergers manieristische Absagelyrik.
Das Erstaunlichste ein langer und aufwendig geschriebener Artikel von Gustav Seibt über den Historiker Ernst Kantorowicz und dessen zwei Leben, da er nach der Auswanderung 1933 sich eine neue Wissenschaftlerkarriere in den USA aufgebaut hat. Seibt beschreibt mit beflissener Lust dessen georgeschen Hymnus auf den Staufenkaiser Friedrich II. (ein Buch von 1927, das Hitler mehrfach gelesen haben soll und das Goebbels Mussolini geschenkt hat). Es ist hochgradig fiktional in seiner Beseitigung aller Kontingenz (der Held ist stets und in jedem Detail wesentlich) oder etwa in seiner imaginären homoerotischen Wunscherfüllung einer »bis ins Alter knabenhaften«, aber desto männlicheren Körperlichkeit. Rudolf Borchardt hat das 1930 als »Umfälschung der Weltgeschichte auf Georges Posen« verspottet, die zeigen wolle, »wie George als Hannibal die Schlacht bei Cannae schlägt, während George als Scipio bei Zama den Punier abtut und dann als Cäsar ostwärts und als Ariovist westwärts den Rhein überschreitet« usw. Dreißig Jahre später dann geradezu das Gegenbuch, das just das Fiktionale in der Geschichte behandelt: Die zwei Körper des Königs. Seibts Lob unecht, weil das Lobenwollen durchlugt. Kantorowicz ist eben Jude. Hat zudem den Deutschen das Allerheiligste bereitet, den Kyffhäuser, danach sogar noch amerikanische Ehren auf sich gehäuft. So einer muss heimgeholt werden. Hier kann man studieren, wie das Pantheon erneuert wird.
1. April 1991, Ostermontag
Detlev Rohwedder, der Präsident der »Treuhand«, erklärt »eine reinrassige, gedanklich saubere und schnörkellose Marktwirtschaft« in der vormaligen DDR für undenkbar. Er sagt von sich, »aus einem gewissen patriotischen Eros heraus« die Stelle angenommen zu haben.
3. April 1991
Die RAF betreibt geradezu chirurgische Kriegsführung in der symbolischen Ordnung von Staat und Wirtschaft. Nun den Chef der »Treuhand«, auf die sich unser aller Aggressionen gerichtet hatten. Auf teuflische Weise erfüllt sie unbewusste kindische Wünsche. So verhindert sie deren politische Reifung. Rohwedder hat zur Mannschaft von Helmut Schmidt gehört. Sozial-Technokrat, Sanierer, nicht Privatisierer.
4. April 1991
Kathrin A. ist gespalten: Eine Hälfte von ihr trauert der untergegangenen Perspektive nach, »Staatskundelehrerin« der DDR zu werden. Eigentlich eine abscheuliche Vorstellung. Auf mich als Thema ist sie von einem Dozenten angesetzt worden, der sich inzwischen vom Marxismus abgewandt hat. Nun könnte es sein, dass sie über ihr Zufallsobjekt an diesem hängen bleibt.
In der FAZ zeichnet Reißmüller das Bild von einer »grotesken Rück-Wende« Gorbatschows. Bei den Leuten wachse das Verlangen nach Ruhe und Ordnung, Politikmüdigkeit, Überdruss an Demokratie und Öffentlichkeit. Gegen den »Gorbatschowismus im Westen, der sich zusammensetzt aus Unterwürfigkeit, Lust an albernem Personenkult und einem verständlichen Bedürfnis, zu vertrauen und Hoffnungen zu hegen«. Was Reißmüller an G stört: »Seine sozialistischen Anschauungen (wahrscheinlich mehr Gefühle), die früher abblätterten, festigen sich wieder.« Immerhin lässt er auch eine Spur der Notwendigkeit sozialistischer Politik sehen: Bei dominanter Privatisierung käme es zu einer gigantischen, zig Millionen erfassenden »Massenarbeitslosigkeit, die sozial abzufedern der Sowjetstaat kaum imstande wäre«.
9. April 1991
Renate Wahsner, Philosophieprofessorin am Einstein-Laboratorium, stutzte mir meine Laienvorstellungen von neuer Physik arg oberlehrerhaft zurecht. Versicherte immer wieder, dass es hier um »Messen und Rechnen« geht, nicht um Bedeutungen, und dass man sich diesen nur mit größter methodologischer Vorsicht nähern dürfte. Ich hatte gefragt, wie Engels’ Projekt im Lichte der neuen Physik weiterzudenken sei. Wahsner ging sofort auf die Hinterbeine. Ich kriegte nicht viel mehr mit, als dass es da eine enorme Anlage aus Schutzvorkehrungen gab.
10. April 1991
Fast zwei Stunden lang am Prenzlauer Berg nach der Kneipe gesucht, in deren Hinterzimmer laut Dietmar Wittich das MEGA-Treffen stattfinden sollte. Fragte in jeder Kneipe, an jeder Würstchenbude, die Bierfahrer, Taxisten, Passanten, in der Sternwarte und im Kino Odyssee. Und bei einer Odyssee ohne Troja und ohne Ithaka blieb es, nachdem ich mich von einer Richtung in die entgegengesetzte umherschicken hatte lassen. Kein Glück bei diesen Begegnungen, Ostberlin ist immer noch Ausland, und diese ehemaligen Kommunisten verblüffen mich durch die Kombination aus Verschwörertum und Nicht-zu-Ende-Organisieren.
12. April 1991
Von Novosti ein paar Erklärungen, die Gorbatschow auf der »1. Parteikonferenz der Streitkräfte der Sowjetunion« (offenbar wurde hier eine neue politische Bühne eröffnet) abgegeben hat: Kühl und knapp für Rechtsstaatlichkeit, gegen »Rückfall in Unterdrückung und Gewalt«, aber für eine Ordnungsfunktion der Armee. Lässt die Gefahr des Bürgerkriegs nach einem Putsch durchscheinen: »Man darf nicht zulassen, dass sich unter der Parole der Verteidigung des Sozialismus oder unter irgend einer anderen Parole die Jahre 1937–38, 1952–53 usw. wiederholen.« Sieht eine faschistische Gefahr, »Leute einer gewissen ›braunen‹ oder ›halbbraunen‹ Schattierung, die an die Macht drängen«. Er bekennt sich als Kommunist und artikuliert die sozialistische Perspektive »mit den Zielen, die dem Volk seit Jahrhunderten vorschweben. Das sind soziale Gerechtigkeit, Demokratie, Freiheit, stabile und normale Beziehungen zwischen den Menschen und menschliche Solidarität«. Es könnte sein, dass er die Rechnung ohne das wirkliche Volk macht. Aber unzweifelhaft ist in seiner Position eine stabile Kontinuität zu erkennen. Dagegen hat Jelzin etwas Komödiantisch-Wechselhaftes.
13. April 1991
Die gestrige Gesellschafterversammlung des »Argument« wurde geleitet von Horst Meyer, dem neuen Trabi-Geschäftsführer, Chef von »Sachsenring« in Zwickau.
*
G als neuer Jaruzelsky? Nein, ungleich tragischer.
In der FAZ propagiert E. G. Vetter im Anschluss an eine Tagung der Raymond-Stiftung (liberal-konservativer Block) »so etwas wie die Aufforderung zu einer antisozialistischen Vision« auf Grundlage einer »sozial bestimmen Marktwirtschaft«, um »alle Anbiederungs- und Verführungsversuche eines alten und neuen Sozialismus im Keime zu ersticken«. Karl-Dietrich Bracher brandmarkte laut Vetter auf besagter Tagung es als »besonders üblen Trick, wenn Vertreter der gescheiterten totalitären Systeme in den Mantel des ›demokratischen Sozialismus‹ schlüpfen, den sie bis dahin mit brutalen Methoden bekämpft haben.« – Da ist was dran. Aber das Ganze dient einer Mobilmachung auch gegen den authentischen demokratischen Sozialismus, das macht diese Wahrheit zur interessierten Lüge.
Im Übrigen kommt es genauso, wie ich es schon vor einem Jahr vorausgesagt habe: Mit Geheimdienstaugen und in unveränderter Zielrichtung observieren unsere Herrschenden, was an demokratisch-sozialistischen Tendenzen sich noch regt. Jetzt ist die Gruppe um Land und Brie im Visier; sie werden in der heutigen FAZ von Thomas Rietzschel wieder einmal denunziert, als wären sie Wendehälse.
14. April 1991
Swetlana Askoldowa sagte immer wieder: Gorbatschow verliert. Die Leute sind verrückt. Sie verändern sich in ihrem Verhalten zueinander. Gorbatschows unsichere Entscheidungen. Keine greift mehr. Laut Swetlana ist Gorbatschows TV-Verantwortlicher, Krawtschenko, aus dem Journalistenverband ausgeschlossen worden.
Später kam Wim Wenders dazu, die Zigarre im Mundwinkel selbst dann noch, als er seinen Borschtsch vor sich hatte. Vor drei Tagen habe ich seinen Film »Hammett« zum zweiten Mal gesehen.
Achim Engelberg erzählte heute von Heinz Pepperle, der seinen Studenten an der Humboldt Universität rät, jetzt für eine ganze Weile immer wieder Heidegger, Hartmann, Husserl und Cassirer zu lesen. – Pepperle wird weiterbeschäftigt.
16. April 1991
Besuch Rolf Heckers von der MEGA. Am Telefon war er über-höflich, auf eine ganz veraltete Weise, als lebten wir im Absolutismus und als ginge es um eine Audienz bei irgendeiner Durchlaucht. Er kam fein krawattiert, ich war in Jeans. Gefiel mir aber doch, einer gewissen Sorgfalt im Sprachgestus wegen, an dem mich, ebenso wie an seinem Mund, etwas an Werner Haberditzl erinnerte. Berichtete Einzelheiten darüber, wie die MEGA-Redakteure kaputtgemacht werden. Vom Arbeitsamt als »Nullkurzarbeiter« bezahlt, dürfen sie den Tag nicht an ihrem Arbeitsplatz im Institut verbringen. Hecker hat die Unterlagen nach Hause genommen. Bei Dietz liegen zwei Bände druckfertig; aber die Produktion wurde gestoppt. Ein Trauerspiel.
Nachdem ich bislang für sie eine Unperson war, soll ich nun ein Darlehen geben, damit die nächsten beiden Ausgaben ihrer Berichte erscheinen können.
17. April 1991
Otto Zonschitz erzählte von der Besprechung beim neuen Kultursenator, ›unserem‹ Ulrich Rohloff-Momin. Die Theatermanufaktur hat so gut wie alle gegen sich. Eine unentrinnbare Konstellation. Das eigene Theater für Otto zur tödlichen Falle geworden. Wie schon einmal vor einem Jahr schlage ich ihm vor, ein Stück mit dem einfachen Titel Gramsci auf die Bühne zu bringen und Flagge zu zeigen, falls denn der Untergang tatsächlich unvermeidbar sein sollte.
19. April 1991
Von Manfred Wekwerth eine Art Hilferuf. Der Expertenbericht zur Neuordnung der Berliner Bühnen enthält fürs Berliner Ensemble den Kernsatz: »Die Tradition Brechts fortsetzen – die Führung des Theaters als Familienbetrieb beenden.« Er schickt einen Artikel mit seinen Überlegungen zur künftigen Theaterpraxis des BE, den er vor einem Jahr geschrieben hat und der, wie er schreibt, »leider von niemand beachtet worden, also auch nicht veröffentlicht« ist. Er will ihn im Argument veröffentlichen, um es der »Inquisition nicht so leicht zu machen«. Ich finde den Artikel gut, und Frigga veranlasst, dass er noch ins laufende Heft kommt, dass also ein anderer Artikel in letzter Minute wieder herausgenommen wird.
Die derzeitige Lage tut auf bedrückende Weise gleichsam wichtig mit uns. So viele wenden sich jetzt an uns um Hilfe. Frigga fand heute sogar, Argument wäre der richtige Verlag, um die MEGA fortzuführen.
20. April 1991
In der Prawda soll G mit dem »gütigen« Zar Alexander II. verglichen worden sein, der als liberaler Reformer freiwillig auf einen Teil seiner Macht verzichtet hat und schließlich umgebracht wurde.
Wendezeitgeist. – Im FAZ-Feuilleton kriegt Antje Vollmer drei Spalten, wo sie den »Abschied von einem Traum von Gerechtigkeit durch Gleichheit, der in Wirklichkeit immer missionarische oder totalitäre Züge trug«, ausruft: »Abschied vom sozialdemokratischen Jahrhundert«. Die Grünen als »Spürhunde« der großen neuen Themen, als Laboratorium, dem die großen Parteien ihre Ideen entnommen haben. Die grüne Partei »stellt sich zunehmend als ein Epochenprojekt zur ›Abwicklung‹ alter Ideologien […] dar«. Sonderbare Vorstellung von Politik, die »Abwicklung« ins Wappen der Grünen zu schreiben. Ernst Nolte kriegt Zucker für sein Hochhalten des Nationalen und die Wiederentdeckung des Bürgers. Ich habe den Eindruck, das Bürgertum will Antje, die jetzt aussichtsreich für den Vorsitz der Grünen kandidiert, benutzen, um die PDS wegzukriegen. Oder wäre es so, dass die Rechtswendung der Grünen den Linken nichts anderes übriglässt als die PDS zu wählen?
Otto Zonschitz lud uns gestern in eine Vorstellung des Wiener Jura-Soyfer-Theaters: »Astoria«, inszeniert von Ilse Scheer. Eine Entdeckung! Hašek und Brecht lassen grüßen, ein aufklärerischer Jux mit dem Staat. Weiß aber nichts von einer hintergründigen Dialektik von notwendiger Utopie und Staat, liefert indes, wenngleich verständnislos, die Anschauung dazu.
Die Theatermanufaktur in verzweifelter Situation. Angesichts der Hoffnungslosigkeit hat Zonschitz, gegen seinen ursprünglichen Vorsatz, von dem Gramsci-Projekt erzählt. Die Idee zündete sofort, nun ist es beschlossen.
21. April 1991
Gestern Abend von Tabori »Weißmann und Rotgesicht«. FH hält das für ein Randgruppenstück bzw. eines über Verlierer, weil ein Jude, seine spastische Tochter und ein Indianer die Akteure sind. Ich finde das Stück absurdistisch.
Situation: in der Irre, in der Wüste, unterm wartenden Geier. Aber es gibt einen Ausweg auf dem Muli, und am Schluss reitet der Indianer mit dem Mädchen davon (freilich in eine Welt, von der wir spüren, dass sie nur die Verlängerung dieser Szene sein wird).
Konstellation: der Indianer, der ein Weißer sein will und die Juden hasst; der Jude, der die Asche seiner verstorbenen Frau (versprochenermaßen und blödsinnigerweise) nach New York bringen und dort in einem Park verstreuen will (nicht ganz blödsinnigerweise, weil die Verstorbene dort kurzzeitig glücklich war, mit einem andern); das Mädchen, das einen Mann will, aber eine Pflegerin braucht, sodass bisher kein Mann sie wollte.
Handlung: Agon zwischen dem Juden und dem Indianer; die Spastikerin als Schiedsrichterin und Prämie in einer Person. Erinnert an Brechts Dickicht der Städte. Gekämpft wird nach der Regel, wer verliert, gewinnt. Gottlose Frömmigkeiten. Ein Endspiel ohne die Konsequenz und Geometrie des beckettschen. In dieser Wüste gibt es Wasser. Macht den Eindruck des witzig Hingekitschten. Das Material nicht richtig verwendet.
Lustprämien: Blasphemie, Sexvokabular, aber ohne Spaß. Was alles Sagbar wird. Projektionsfläche (nicht Identifikationsfiguren): in kosmischer Ausgesetztheit konfrontiert mit dem, was »letztlich« jeder allein angehen muss. Letztlichkeit (das Ultimative des Daseins). Momente der Wahrheit, zugleich saurer Kitsch: Ontologisierung durch Vermittlungslosigkeit. Und alles das auch wieder nicht. Aufgeweichter Beckett, konsumierbar – längst Rezeptions- und Geschwätzgewohnheiten.
Henning Schaller, von dem das Bühnenbild stammt, erkannte mich nicht wieder. Er hatte die Veranstaltung im Friedrichstadtpalast vom Dezember 1989 geleitet.
Dario Fos Lieblingszitat: »Wenn du nicht weißt, woher du kommst, wirst du schwerlich verstehen, wohin du gehen wirst.« (Gramsci) Fo!
22. April 1991
Die Friedrichstadt-Passage soll abgerissen werden. »Wenn 1,4 Milliarden Mark auf teurem Grund investiert werden sollen, sind 85 Mio Mark Gebäudewert und 25 Mio Mark Abrisskosten nur ein untergeordneter Posten in der Kalkulation.« (FAZ) – Herrensprache.
23. April 1991
Die Sojusgruppe forderte am Wochenende Ausnahmezustand mit Parteien- und Streikverbot, widrigenfalls soll Gorbatschow abgesetzt werden. Aber inzwischen weiten die Streiks sich aus. Für heute ist ein Generalstreik in Weißrussland angekündigt, mit Gorbatschows Rücktritt als Streikforderung. Die Leute sollen nur mehr lachen beim Namen G, und zwar böse. So habe ich selbst es schon vor einem Jahr auf dem Polizeirevier des Arbat gespürt.
Kohl, der große Vereinigungskanzler, zahlt jetzt die Rechnung, die Lafontaine verfrüht präsentiert hatte. Die Sozialdemokraten reden von Regierungswechsel.
24. April 1991
Wechselbalg-Waren. – Als Indikator für die Fäulnis der sowjetischen Gesellschaft berichtet Kerstin Holm (keine unverdächtige Zeugin), dass es auf einem Moskauer Markt kaputte Glühbirnen zu kaufen gibt, das Stück zu 1 Rubel, deren »Gebrauchswert« darin besteht, dass man sie am Arbeitsplatz in eine Lampe schraubt und die funktionierende mitgehen lässt.
Der schlingernde und schwindende Gorbatschow hat wieder einmal einen Kompromiss schließen können: sein Antikrisenplan ist, mit Zugeständnissen versehen, von acht Republikchefs, darunter Jelzin, unterzeichnet worden. Noch immer beim Umstellen von der Befehlsadministration auf eher horizontale Vereinbarungen, die von beidseitigem Vorteil sind. Marx war zu schnell mit seinem Spott über Bentham. Gewiss fangen nun alle Probleme des Marktes wieder von vorne an, aber die Probleme der Despotie lauerten im blinden Fleck von Marx, dem Wie einer nicht marktförmigen großräumigen Vergesellschaftung der Produktion.
Merkwürdigerweise stiegen zur Zeit des Anschlusses der DDR die deutschen Auslandsinvestitionen, während ausländische Investitionen in Deutschland sanken. An der DDR wurde verdient, aber (noch) nicht dort investiert. Die Vorbereitungen für den »gemeinsamen Markt« gingen vor. Ende 1989 waren es 185 Mrd DM Direktinvestitionen westdeutscher Unternehmen im Ausland, vor allem in Frankreich und Großbritannien. In Osteuropa 1/2 Mrd. Europäisches Kapital übertraf erstmals mit 45 Mrd DM das amerikanische (40 Mrd DM).
In der FAZ schimpft Barbier auf die FDP, die, wohl als Reaktion auf den politischen Gegenwind, den Ausdruck »soziale Offenheit« in ihre Phraseologie aufgenommen hat: »Die Botschaft einer liberalen Partei müsste doch lauten: ›Nichts sichert das Soziale so sehr wie eine marktwirtschaftliche Politik.‹ Nur für diese Botschaft wird die FDP auf Dauer gebraucht.« – Ob »soziale Offenheit« ein Wink an die SPD ist, also die Koalitionsfrage mit dieser aufmacht?
Kohl, der Sieger von 1989/90, sieht nicht mehr gut aus. Im Osten wirkt der kapitalistische Marktkult verheerend. In der FAZ dekretiert diese Ideologie heute: »Im Vergleich zu Westdeutschland werden in den neuen Bundesländern zu viele Menschen beschäftigt.« Sartres Zuvielsein kriegt Bedeutungszuwachs. Dabei wird mitgeteilt, dass die Zahl der Erwerbstätigen in der ehemaligen DDR vom ersten Quartal 89 bis Ende 90 um 1,7 Mio zurückgegangen ist. Könnte es sein, dass dieses »Verschwinden« von Arbeitsbevölkerung bereits aus den Arbeitslosenzahlen herausgerechnet ist? Der Durchschnittsbruttolohn lag Ende 90 bei 1357 DM oder bei knapp 37 Prozent des westdeutschen. Die Produktivität wird mit 28,5 Prozent der westdeutschen angegeben.
*
Gestern die Überarbeitung des Sartre-Buchs abgeschlossen. Nur das neue Vorwort steht noch aus. Es müsste gelingen, die Weise zu bestimmen, wie der Absurdismus in die geistige Situation nach dem Zusammenbruch des Sozialismus neu eingeschrieben ist. Wenn es keine Alternative (oder keinen Glauben an eine mögliche Alternative) mehr gibt, dann sind viele dagegen, ohne ändern zu wollen. Muss nicht das wie ein Generator des Absurden wirken?
26. April 1991
Gestern und heute mit Gerhard Scheumann einen Aufruf »Rettet die MEGA« besprochen und schließlich geschrieben. Scheumann, der als »Schnauze des Regimes« abgestempelt wird, deshalb letztes Jahr aus der PDS ausgetreten ist und auch das Kapitel Film in seinem Leben beendet hat, ein Musterbeispiel freigesetzter Kraft. Von ihm lerne ich, dass die DDR-spezifischen Anoraks, neben den Jeans die wahre Volkskleidung, »Frischhaltebeutel« genannt wurden.
Unser Kultursenator Rohloff soll Wekwerth zum Rücktritt von der Intendanz des BE aufgefordert haben. Der aber widersetzt sich, schon weil er dann nicht einmal Arbeitslosengeld kriegen würde. Wekwerth inszeniert übrigens gerade den Schwejk. Bin neugierig darauf.
Vor einigen Tagen habe ich gehört, dass Ehrenfried Galander, der einen Teil der ökonomischen Manuskripte im Rahmen der MEGA betreute, jetzt Gebrauchtwagenhändler ist. Es verschlägt mir die Sprache. Klaus Schulte, der mich heute besuchte, rechnet damit, dass die vorenthaltene machbare Verarbeitung von Geschichte und Zusammenbruch des Sozialismus durch seine bisherigen Träger »fürchterliche Spätfolgen haben wird, moralische Schäden größten Ausmaßes«.
27. April 1991
Im Septemberheft 1989 von »Sinn & Form« eine Rede Werner Mittenzweis auf Jürgen Kuczynski lesend, finde ich lauter Eigenschaften als notwendig gelobt, die mir abgehen: sich beim Schreiben von Büchern nie in Klausur begeben, Kritik richtig dosieren, sich nie ins Abseits drängen lassen.
2. Mai 1991
Vor der Vereinigung hat eine öffentliche Diskussion Biedenkopfs mit DDR-Intellektuellen stattgefunden, eingeleitet von Christa Wolf. »Sinn und Form« hat eine schriftliche Fassung abgedruckt, die sich rückblickend fast wie eine Anhörung liest, durch die Konsens für eine politische Kandidatur beschafft wird. Ich lese sie zur Vorbereitung eines Referats bei der PDS.
Biedenkopf erklärt, »eine elementare Bedingung […] der Existenz menschlicher Gesellschaft, nämlich ihre Zukunftsfähigkeit, [ist] selbst zur Utopie geworden«, nachdem er im Satz zuvor die »Notwendigkeit utopischer Zielvorgabe« betont hat. Geben wir also, mag er sich sagen, den Leuten als »utopisches Ziel« ihr Überleben vor. Da ist die Utopie in sich selbst zurückgefesselt, vom Guten Leben aufs Leben schlechthin. Der Konsumismus wie eine Katastrophe, die man den Vielen doppelt vorhält: ihr Verlangen nach Gütern wird ihnen als Treibsatz der Katastrophe erklärt, und ihr Verlangen nach Mitbestimmung als das, was die Rettung blockiert. »Eine Hauptursache fand ich in der Schwierigkeit, unter demokratischen Bedingungen in bestehende Besitzstände einzugreifen.«
Solche Diskurse sprechen zumal durch ihr Schweigen. Dieser verlangt stillschweigend undemokratische Bedingungen, um auf eine nachhaltigere Wirtschaftsweise umsteigen zu können. Dabei war es doch gerade eine Blockierung realer Demokratie, die in der Geschichte der BRD wie in anderen entwickelten kapitalistischen Gesellschaften überschüssige Energien in den quantitativen Verteilungskampf umlenkte.
Die enorme Dynamik entsteht aus der Überlagerung zweier Dynamiken: der des kapitalistischen, über den Weltmarkt vermittelten Mechanismus und der politischen der Konsensbeschaffung durch Klassenkompromisse, wobei bis 1989 der Kompromissdruck auf die Kapitalseite durch die Systemkonkurrenz verstärkt wurde.
Das schwarze Loch in Biedenkopfs Diskurs ist der Kapitalismus, der gegenwärtig, auf hochtechnologischem Produktivkräfteniveau, die Organisationsform des transnationalen Kapitalismus angenommen hat. »Weltmarkt« hat unter diesen Bedingungen eine neue Stellung bekommen. Er ist nicht mehr nur gleichsam der Zwischenraum nationaler Volkswirtschaften, sondern diese sind zu bedrängten Nischen in ihm herabgesunken. In diesem Prozess hat u.a. auch die DDR ihre ökonomische Basis in Gestalt ihrer Akkumulationsfähigkeit verloren, lange vor dem Verlust ihrer staatlichen Existenz.
Biedenkopf kennt nur mehr soziale Marktwirtschaft, deren staatlich vermittelten Kompromiss zwischen Lohnarbeit und Kapital er im Sinne der Sozialbindung des Eigentums als »normative Durchdringung des Ganzen« fasst. »Das unterscheidet die Marktwirtschaft vom Kapitalismus«. Sie beruhe darauf, »dass eine Koordination der gesellschaftlichen Subjekte untereinander im Rahmen bestimmter Spielregeln wesentlich leistungsfähiger ist als die Planung weniger für viele«.
Wo Biedenkopf diese Leistungsfähigkeit konkretisiert, spricht er auf einmal doch von Kapitalismus, und sagt, in diesem würden »wie im Sozialismus« die Bedürfnisse als »grenzenlos« definiert, und im Ziel gebe es »zwischen den beiden Systemen keinen Unterschied«: »Die Steigerung selbst ist das Ziel.« In der Steigerung aber, der Akkumulation, erwies der Kapitalismus sich als leistungsfähiger.
Das scheint im Resultat zu stimmen, und doch kann man die Erklärung so nicht stehen lassen, denn die »Akkumulation um der Akkumulation willen« (Marx) ist die systemische Bewegungsform des Kapitalismus; in jeder Spielart von Sozialismus würde sie als Widersinn wirken. Von Kapitalismus ist also nur dort die Rede, wo seine Überlegenheit behauptet wird.
Infolge dieser Diskursstrategie werden die unleugbaren Effekte der Grundmechanismen des Kapitalismus nie anders als geistig hergeleitet. Und Biedenkopf sieht diese Effekte! Das verselbständigte exponentielle Wachstum des westlichen Akkumulationstyps zerstört jedes Gleichgewicht, sagt er. Er spricht sogar die – für west-ideologische Ohren – Ungeheuerlichkeit aus, dass in der gegebenen Weltwirtschaftsordnung »die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden«, dass das hegemoniale Muster dieser Ordnung »nicht verallgemeinerungsfähig« ist und folglich die Menschenrechte im Verhältnis der Akkumulationszentren zu ihren Armutsperipherien ad absurdum führt (1046f).
So ist es nicht weniger als ein Untergangszenario, was er entwirft. Und wieder fällt seine Erklärung, mit Brecht zu reden, »nie unter ein geistiges Niveau hinunter«, weil er die herrschenden Interessen ungeschoren lässt. Die Katastrophe der Menschheit erfolge unterm »Einfluss von Aufklärung und Industrialisierung« (1038). Mit andern Worten: »Eine wesentliche Ursache für diesen scheinbaren Zwang zum exponentiellen Wachstum sehe ich im Zusammenwirken von technisch-naturwissenschaftlicher Entwicklung, Säkularisation und modernem wissenschaftlichem Denken.« (1041) Keine Rede von der Jagd nach Profit und Extraprofit; auch nicht davon, dass den Profitjägern ihrerseits Krisengefahren und Untergangsdrohung im Nacken sitzen. Die kapitalistische Akkumulation ist grenzenlos; wo ihre Resultate, vor allem in Gestalt der Überproduktion von Kapital, ihr selbst zur Grenze werden, stürzt sie die Wirtschaft in die Krise. Militärkeynesianismus (mit und ohne Krieg) und andere Formen der Kapitalzerstörung bilden Standardauswege. Technologie und Wissenschaft sind Material solcher Prozesse, nicht das Maßgebende.
Biedenkopf scheint zu vergessen, dass die faktisch zur Geltung kommenden »Bedürfnisse« nicht Ausgangspunkt sind, sondern Resultat eines Prozesses von Versagungen und Kompensationen. Sieht er denn nicht die systembedingte Abdrängung des menschlichen Wesens ins Konsumtive, weg aus Kommunikation und sozialer Gestaltung, bei gleichzeitiger »Monetarisierung« der Bedürfnisbefriedigung und kulturbildender Macht der Warenästhetik? Was die vermeintliche Unheilsrolle der Erkenntnis betrifft, stößt Biedenkopf immerhin auf die »Frage der gesellschaftlichen Verwertung des Wissens«. Schreckt aber sofort zurück vor dem Unaussprechlichen, der kapitalistischen Produktionsweise, deren Mechanismen, Instanzenspiel und Kräfteverhältnisse den Ausschlag geben. Bemüht, sich wechselseitig den Schwarzen Peter der Arbeitslosigkeit und der Strukturkrise zuzuschieben, überstürzen die nationalen Regierungen unter dem Deckwort der Modernisierung die kapitalistische Binnen-Ökonomisierung, die eine ins Gigantische wachsende Außen-Verschwendung mit sich führt. Auf den Ruf, »die Japaner kommen«, reagieren sie mit dem Niederreißen kultureller Schranken. Biedenkopf weiß das und muss sich das Wissen zugleich verbieten.
Der vom wirklichen Kapital schweigt, beschwört metaphorisch das »ökologische ›Kapital‹, das die Erde angesammelt hat, vor allem das Energiekapital, und unsere Unfähigkeit, dem Verzehr dieses Kapitals zu widerstehen« (1044).
Wie die Marktwirtschaft funktioniert, müsse man ebenso wenig begreifen, wie die Funktionsweise eines Rechners oder Fernsehers. Es genüge zu wissen, dass sie funktionieren.
Vollends hübsch: »Wozu braucht man Eigentum? Das ist eine der kompliziertesten Fragen, die es gibt. […] Man weiß nicht, wie es funktioniert, aber man weiß, was man damit machen muss.« (1055).
Missionar, der kontrafaktisch von einem Wunder redet, das nicht eintritt. Dies ist die wirkliche Utopie, die er den DDR-Bewohnern gibt. Unerklärlichkeit der Marktwirtschaft, des Eigentums, Bewusstlosigkeit der darin Befangenen (Marx: »Sie tun es, aber sie wissen es nicht.«), Glaube an ihr Funktionieren.
Es bedarf einer Sprache, um das Schweigen zu brechen, auf dem dieser Diskurs beruht. Diese Sprache, die sich den Sachen selbst anmisst und in der sich die bis gestern Verstaatlichungsgeschädigten und nun Privatisierungsgeschädigten über eine Analyse der Verhältnisse und solidarische Alternativen verständigen können, wird künftigem kritischen Denken seinen Atem geben. Nostalgie wäre tödlich, Eschatologie verlöre den Boden unter den Füßen. Kritik und Analyse der kapitalistischen Wirklichkeit, in der wir heute leben (dämmernd oder dahintaumelnd oder unseren Chancen der Selbstverwirklichung nachstrebend), die theoretischen Denkmittel neu aneignend und durch den Filter einer radikalen Kritik am befehlsadministrativen Regime treibend, legen den Boden frei für Solidarität und alternative Handlungsfähigkeit. Im Praktisch-Politischen schließt eine solche Kritik Berührungspunkte mit einer aufgeklärt konservativen Politik wie der eines Kurt Biedenkopfs nicht aus. Es gibt heute keine Alternative zu sozial-ökologischem Reformismus. Wie dieser aussehen kann, darum wird zu ringen sein. Verträgt sich Reformismus mit marxistischem Denken? Dies wird auszuprobieren sein. So viel scheint klar: Das Denken wird nichts wert sein, wo es keine Politik erhellt; und der Reformismus wird versacken im Filz, wo er den klaren Blick einbüßt, den nur eine im Ernst kritische Theorie dieser Gesellschaft scharfzuhalten erlaubt.
3. Mai 1991
Helmut Gollwitzer am Telefon: »Ich will nicht mehr leben. Ich kann ohne Brigitte nicht leben. Das hat sich nun herausgestellt.« – Plötzlich der unendliche Schmerz.
6. Mai 1991
Die letzten beiden Tage im PDS-Milieu verbracht. Gastvortrag auf der Programmkonferenz. Das Übergewicht der Rentner. Das gebrochene Selbstbewusstsein. Der ehemalige Philosophieprofessor von der Humboldt-Universität, der sich mir gleich zweimal hinter einander als »abgehalfterter Philosoph« vorstellt. Seelsorge notwendig. Aber mit meinen Ideen von einem Neuanfang komme ich mir exotisch vor.
Abends bei einer Marx-Geburtstagsfeier des »Anti-Eiszeit-Komitees«, nominell wie vor einem Jahr, aber real welch ein Unterschied! Gysi erscheint nicht, ebenso wenig Altvater. Eine Psychologin, Martina Schönebeck, springt für den angekündigten Hans-Joachim Maaz (»Gefühlsstau«) ein, aus dem Publikum wird Käthe Reichel hochapplaudiert. Immerhin sitzt neben mir Ilsegret Fink, eine vorzügliche Pastorin, Heinrich Finks Frau, mit der ich die historisch-staatlichen Persiflagen vergleiche, die sich auf Christus bzw. auf Marx berufen. Sonst eine immer wieder versackende Diskussion. Es überwiegt das Bedürfnis, die derzeitige Misere auszudrücken, ja dem verlorenen Schutz nachzutrauern. Käthe Reichelt, die so oft gute Texte gut gesprochen und gespielt hat, verblüffte mich damit, welchen hilflosen Text sie nun mit der gleichen Leidenschaft vortrug. Sie sprach aus der geistigen Welt des Erich Honecker, eine Armenpolitik, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert hat, und ich sagte ihr das. Nachher war sie plötzlich weg, und ich bereute, nicht noch einmal mit ihr gesprochen zu haben.
Übrigens soll die Ost-CDU jetzt für ehemalige SED-Mitglieder geöffnet werden.
In der FAZ ein Bericht von Petra Kolonko aus Pjöngjang, worin ich einiges aus meiner Erinnerung wiederfinde. Aber fahrlässig und bewusstlos eingenommene Imperialperspektive. Und Kolonko muss übertreiben: »Schulkinder sieht man in Pjöngjang gruppenweise im Stechschritt durch die Straßen laufen und dabei Marschlieder singen.« – Sie sollte mal selber den Stechschritt üben, um den Unterschied zu merken.
Anscheinend geht der Umbau der SU weiter und zwar mehr in Richtung auf einen Staatenbund als auf einen Bundesstaat. G wie ein vielseitig belagerter Moderator des Prozesses. Russland (und damit Jelzin) kriegt nun als Lohn fürs Einschwenken auf einen Kompromisskurs einen eignen Geheimdienst. Schewardnadse gibt G noch drei Monate. Entweder gelingt bis dahin die Weichenstellung für eine Rekonstruktion des gesellschaftlichen Lebens – oder G muss abtreten.
7. Mai 1991
Versprecher, den ich bei der Marx-Diskussion in der Humboldt-Universität aufschnappte: »die früheren Menschen der DDR«. Vielleicht gewollt, jedenfalls kennzeichnend für eine Stimmung.
8. Mai 1991
Michael Stürmers FAZ-Leitartikel ist »Der Kreml nach dem Golf« überschrieben, meint aber »Der Kreml nach Gorbatschow«. Der Historiker benützt bereits den raunenden Imperfekt des Erzählers: »Die erste Perestrojka kam, einschließlich Michael Gorbatschow, aus der Einsicht, dass ohne durchgreifende Modernisierung von Staat und Gesellschaft die Sowjetunion als Weltmacht abdanken müsse.« Hat die SU den Golfkrieg verloren? Ja, sagt Stürmer, mit »ihrer Technik von gestern« und ihrem Versuch, mittels eines diplomatischen Kompromisses den Krieg zu verhindern. Kurz, der Golfkrieg ist den Russen und diese sind der Welt damit auch vor-geführt worden, um zu zeigen, wer der Herr ist. Stürmer gibt sogar zu verstehen, das Abkommen zur deutschen Einheit sei vom Obersten Sowjet nur deshalb ratifiziert worden. Die BRD hat den Krieg gewonnen, auch diesen. Das Ganze läuft auf die Prognose hinaus, die militärische Niederlage werde, wie immer in der russischen Geschichte, »noch einmal in die Modernisierung von oben führen«.
13. Mai 1991
Gestern im Gorki-Theater »Mein Kampf« von Tabori. Unterhaltend, weil oft witzig und manchmal anrührend. Aber Tiefeleien ohne Tiefe; der Nazismus als Quatsch aus dem Männerasyl. Endlich Lösung vom Makel, der etwa noch am Kapitalismus haftete. Und fürs heutige Israel hochbequem, weil Juden als gewaltfreie Erben der Weisheit der Völker. »Schuhplattler zu Donner«. Großartig gespieltes – Studentenkabarett.
Nach der Vorstellung trafen wir uns mit Ernst Schumacher in der Kantine. Er beschwor uns, irgendetwas zu tun für die DDR-Intelligenz, der man jetzt ihre Renten unter die Armutsgrenze drücken will. Sie haben den Kalten Krieg verloren.
*
Zu meiner Verwunderung hat Dieter Claessens mir einen Korb erteilt, als ich ihn um Unterzeichung des Aufrufs für die MEGA anging. Er habe die MEGA nie in die Hand genommen und werde es auch künftig nicht tun. – Merkwürdig private Einstellung zu einem gewaltigen Stück theoretischer Weltliteratur.
14. Mai 1991
Von einer »reaktionären Wende« Gorbatschows spricht der Direktor des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien (BIOST), Heinrich Vogel. Das ist die Perspektive jenes fiebernden und widersprüchlichen Gemischs, das sich rechts von sozialistischen Reformperspektiven formiert hat. Hinter der vermeintlichen »Wende« Gorbatschows verbirgt sich dessen Verlust der Balance. Das zentristische Spielen mit und zwischen rivalisierenden Kräften war irgendwann zu Ende. Vogel hält eine Konsolidierung der Umgestaltung für unmöglich.
16. Mai 1991
Leonid Luks, Chef der Osteuroparedaktion der »Deutschen Welle« erklärt in der FAZ (»Droht der Sowjetunion ein Bürgerkrieg?«) Gorbatschows »Inkonsequenz« zum »Geheimnis seines Machterhalts, seiner Verwandlung in einen eigenständigen politischen Faktor, ja in eine Institution«. Dem liege »das labile Gleichgewicht« ganz heterogener Kräfte zugrunde, die nicht mit einander können und deren keine stark genug ist, die andere unterzukriegen: Gorbatschow der »Puffer«. Stärken und Schwächen sind demnach kontrapunktisch verteilt: die KPdSU und ihr Apparat halten effektive Verwaltungsmacht, aber kaum nennenswerte Konsensmacht (nur noch 6 Prozent sollen sie stützen); die »Demokraten« sind insofern Erben der Dissidenten, als sie den Massen misstrauen, eine These, der Jelzins Populismus zu widersprechen scheint. Jede der antagonistischen Formationen hält laut Luks die Perestrojka von ihrem Standpunkt für gescheitert. Die Krise des Landes scheint dem recht zu geben. »Das zerfallende Kommandosystem und die im Entstehen begriffene zivile Gesellschaft funktionieren nach völlig unterschiedlichen Mustern und lähmen sich gegenseitig.« Aber man solle sich vom »immer weiter voranschreitenden Zerfall der wirtschaftlichen und politischen Mechanismen« nicht täuschen lassen: »Dennoch handelt es sich hier wohl um ein schöpferisches Chaos, in dem sich die Verwandlung der sowjetischen Gesellschaft von einem Objekt in ein Subjekt der Geschichte vollzieht.«
Ich stelle mir vor, wie Georg Fülberth höhnen würde, wüsste er, dass ich die Dinge nicht in jeder Hinsicht anders sehe. Aber kann es noch die sowjetische multinationale Gesellschaft sein? Kann es sie überhaupt geben, nachdem sie als solche im befehlsadministrativen System keine Rolle eigenen Rechts spielte?
*
Einen Packen Theaterkritiken zu Zonschitz’ Aufführung der Schatten gelesen. Totschlag mit Worten. Ich wundere mich, dass Otto das überlebt. Roland Wiegenstein vom WDR von allen der Fahrlässigste. Widerwärtig. Insgesamt muss, da wohl keine Verschwörung, ein struktureller Effekt vorliegen, den ich nicht begreife. Es muss etwas mit der Gesamtsituation der Theater in dieser Doppelstadt zu tun haben, wobei sich das Unheil ausgerechnet über der Theatermanufaktur entlädt, die das Pech hat, in dem Haus zu spielen, aus dem die Schaubühne!! hervorgegangen ist.
Detlev Albers äußert sich »entsetzt« über Friggas Beitrag zur Situation der Linken im vereinten Deutschland in der Märznummer von »Z«; er habe daran gemerkt, »in welch verschiedenen Welten wir inzwischen leben«. Ich rätsle, was den Anstoß gegeben haben könnte. Ist es, weil Frigga den westdeutschen Linken nahelegt, »sich mit den verbleibenden Linken aus der ehemaligen DDR zu verbinden«? Ich merke daran, dass die Sozialdemokratie sich weiter nach rechts bewegt haben muss.
17. Mai 1991
In der SU Zeichen der Politikfähigkeit, wieder auf Grundlage der sich zusammensetzenden Republikführungen unter Moderation von Gorbatschow: 13 von 15 Präsidenten haben sich mit der Sowjetregierung auf ein Antikrisenprogramm geeinigt. Georgien und Estland blieben weg. In den USA soll sich Schewardnadse für die Einschaltung der UNO zur Beilegung regionaler Konflikte in der SU ausgesprochen haben.
Kathrin am Telefon: ist glücklich, die Russischprüfung mit drei bestanden zu haben, war einen Monat »krankgeschrieben«, kommt jetzt nach Berlin und – ich falle aus allen Wolken, wie ich das höre – beabsichtigt eigentlich nicht, zur Volksuniversität zu kommen, weil sie vormittags schlafen muss, nachmittags nicht so recht weiß. Ich finde das ›vollkommen unmöglich‹, wie man so schön kontrafaktisch sagt. Banges Vorgefühl, ob die VU in Ostberlin ankommt. Das Risiko scheint größer als gedacht.
21. Mai 1991
Der Jurist Friedrich-Christian Schroeder von der Universität Regensburg verlangt in der FAZ, die PDS für Umweltschäden in der vormaligen DDR haftbar zu machen. Will auf Enteignung hinaus. Merkwürdig das Eventualargument, »dass die PDS illegale Ersatzorganisation einer verbotenen Partei« sei. Phantasiert er ein Verbot herbei? Das von ihm aufgemachte Schadensbild lässt sich auf jede Regierungspartei einer Industriegesellschaft anwenden. Die Begründung der Schäden im einzelnen nach der Logik des Hexenhammers. Ausgerechnet die SED mit ihrem Erbepathos soll die historische Vergangenheit auszulöschen versucht haben. Dass vieles abgerissen wurde, steht auf einem andern Blatt. Von vielen westdeutschen Städten weiß man, dass die Bomben des Zweiten Weltkriegs nicht so viel an alter Stadtsubstanz zerstört haben wie die »Sanierungen« der Wohlstandsjahre. Und sind in der BRD etwa nicht auch »schwerste Umweltschäden eingetreten«? Müssen die Regierungsparteien fürs Waldsterben aufkommen? Schroeder argumentiert mit der Generalkompetenz des Politbüros, das über der Regierung stand. Das ist tatsächlich ein gewaltiger struktureller Unterschied zur bundesdeutschen Machtstruktur. Aber man kann dieses Faktum (und viele haben das getan) auch als Verstaatlichung der Partei auslegen. Nicht die Partei regierte, sondern in der Partei wurde regiert. Der beherrschte Staat beherrschte die Partei. Er war in der Partei wiedergekehrt. Schroeder ruft nun nach Prozessen gegen die PDS, in denen irgendwie Geschädigte Schadensersatz einklagen. Er verheißt Finanzierung ihrer Prozesskosten.
22. Mai 1991
Kathrin erschien tatsächlich nur kurzzeitig, ihr Freund überhaupt nicht, er wollte Fallschirmspringern zusehen. Aber die VU »kam an« in Ostberlin. Von mir habe ich freilich (wie zumeist) das Gefühl, dem historischen Moment nicht genügt zu haben, ein alterndes Füllen, stets bereit, loszusprengen, natürlich nicht in irgendeine Richtung, sondern schon in eine der »richtigen«, aber einseitig: wenn ich die Suppe fad finde, würze ich sie, das sieht dann für manche so aus, als böte ich Würze statt Suppe.
Reinhart Mocek fragte nach dem »Gedankensystem« von Marx (fragte also unverändert marxistisch-leninistisch. Ohne Rede von der historischen Mission der Arbeiterklasse sei Marxismus oder auch nur marxistische Theorie sinnlos. Er hat Brechts vernichtende Kritik an dieser Figur nie zur Kenntnis genommen. Seine weiteren Kriterien sind: Geschichtsgesetze, Materialismus, Dialektik (letztere sieht er in Selbstorganisations-Forschung weiterverfolgt). Die Diskussionsanordnung erlaubt keine Bearbeitung der von Mocek genannten Fragen. Mir fehlt es an gesammeltem Überblick und kalkulierter Argumentation. Ich lege los bei Agnolis (Mocek nennt ihn Avinieri) Kriterien der Absage an Rechtsstaat und Markt und Stamms kulturrevolutionärem (intellektuellenfeindlichem) Gestus.
Mocek sieht blass und fast verhärmt aus, anders als noch in Frankfurt. Wir Westmarxisten seien »auf dem besseren Pferd«. Er unterscheidet mit gewissem Recht den »Popular-ML« vom wissenschaftlichen. In den akademischen Institutionen habe es kein Nachplappern gegeben. Habermas hat sich jetzt erinnert, bei seinem Besuch in Halle (auf Einladung Moceks) sei Erich Hahn als Aufpasser dabeigesessen; in Wirklichkeit habe Habermas darum gebeten, weil es um eine gemeinsame Veranstaltung beim Weltphilosophenkongress ging.
Jan Vogeler, auf den ich mich gefreut hatte, entpuppte sich als wahre Kongressplage. Zog von Veranstaltung zu Veranstaltung mit immer derselben Litanei. Die ersten beiden Male hörte man sie noch wohlwollend an, bis man begriff, dass seine rituell wiederholte Versicherung, er sei ein sowjetischer Kommunist, gekommen um zu lernen, die Tatsache maskierte, dass er überhaupt nicht zuhörte und schon gar nicht lernte. Am schlimmsten sein Auftritt beim Perestrojka-Workshop des letzten Tages, wo er nicht nur seinen unthematischen Sermon endlos wiederholte, sondern auch noch alle übrigen gröblich missverstand. Als ich Michael Stürmer zitiert hatte, hielt er mich für dessen Anwalt. Eine dumme Propagiererei, totalitär, aber nun als angestrengte Zahnlosigkeit. Ein Jesuit einer Revolution, die es nicht mehr gibt. Seine Wirklichkeitsbehauptungen: Dreiviertel der sowjetischen Bevölkerung stehen unerschütterlich hinter Gorbatschow; in Moskau sind die Geschäfte leer, die Kühlschränke aber voll – und zwar für sechs Monate im Voraus. G habe niemals von sozialistischer Marktwirtschaft gesprochen, immer nur von Marktwirtschaft sans phrase. Ich schließe daraus auf eine neuerliche Wende, die in der alten Struktur erfolgt und daher ihr Immer-Schon hinter sich wirft und so als Erbin der ideologischen Ewigkeit auftritt. – Eigentlich war er für gestern Abend auf Besuch bei mir angesagt, blieb aber zu meiner Erleichterung ohne Entschuldigung aus.
Hans Mottek scheint nun der ›chinesischen Variante‹ den Vorzug zu geben.
26. Mai 1991
Vor drei Tagen ist in Leningrad eine Börse aufgemacht worden. Am ersten Tag soll es zu 150 Transaktionen im Wert von rund 50 Mio Rubel gekommen sein. Unklar, was da umgesetzt wurde. Im Juni soll darüber abgestimmt werden, ob Leningrad in St. Petersburg rückbenannt wird.
28. Mai 1991
Die »Neue Gesellschaft« (Sonderheft 2: Der Sozialismus der Zukunft) druckt einen Text von Jean Elleinstein unter dem programmatischen Titel: »Der Marxismus stirbt, der Marxismus ist tot, es lebe der Sozialismus!« »Wir sind in Westeuropa nicht mehr in der […] kapitalistischen Phase«, meint er. Die Geschichte habe »zugunsten des demokratischen Sozialismus entschieden, der die Hauptkraft in Europa ist«. Er sei »nicht mit einer Produktionsweise zu verwechseln«, sondern soll sich offenbar damit bescheiden, als politischer Diskurs in der kapitalistischen Produktionsweise ein Element von deren Regulation zu sein. Vielmehr nicht einmal das: »Bei der Komplexität der heutigen Welt müssen wir wissen, dass wir es mit etwas durch und durch Neuem zu tun haben«, jedenfalls nicht mit dem »von Marx beschriebenen Kapitalismus«. Den Tod des Marxismus bemisst er an unserem Entferntsein »von der Revolution, von der Diktatur des Proletariats und vom Klassenkampf, auf den allein man die Geschichte nicht reduzieren darf, so wichtig er auch gewesen (!) ist« usw.
Nur konvertierte Kommunisten können so sprechen. Sie liefern der rechten Sozialdemokratie den ideologischen Zement.
2. Juni 1991
Das Ende der DDR eine »Implosion« (Kossok).
Der konstanzer Jurist Bernd Rüthers (»Im Zwischenreich der Gleichen«, FAZ, 18.5.91) denkt über die »Verbände« (die Interessengruppen) nach, deren »Herrschaft« Theodor Eschenburg in den 50er Jahren angeprangert hat. Barbier im Vorspann dazu (und ich stelle mir vor, wie der Analytiker des »integralen Staates«, Gramsci, das gelesen haben würde): »Mit den polaren Begriffen ›Staat‹ und ›Bürger‹ ist die Mechanik der politischen Willensbildung […] nicht zu fassen« (einigen Schmu lasse ich weg). »Die gelebte Verfassung stützt sich auf Elemente und Verbindungsstücke zwischen diesen Polen – auf Information und Wissensübertragung, auf informelle und formalisierte Methoden der Abstimmung, auf die Tuchfühlung von Kollektiven, die […] den Bürgern Gelegenheit bieten, im Vorraum der Politik ihre Interessen zu bündeln.« Auch wenn er die Gewerkschaften mitmeint: »Bürger« kommt hier zu seinem kategorialen Recht, denn eigentlich spricht er über Lobbys, und »Vorraum der Politik« ist längst über das Antichambrieren hinaus. Für Barbier sind die Verbände eine funktionale Notwendigkeit, um »das bisweilen chaotisch wabernde Willensgeflecht der Menge aller Bürger« in Richtung auf ein »als halbwegs geordnete Zielfunktion artikulierbares Wollen der Gesamtheit« vorzustrukturieren (für hegemoniefähige Positionen in Stellung zu bringen). Dabei beschränken sich die Verbände nicht auf die Funktionen von »Filtern oder Verstärkern«, sondern »sie selbst sind Generatoren zusätzlicher Wünsche und Forderungen. Sie kanalisieren Widersprüche, aber sie beseitigen sie nicht im Sinne der Ermittlung eines allgemein akzeptierten Nullsaldos der Verteilungsansprüche in den Kategorien der Macht oder des Geldes.«
Rüthers hält die »staatsfreien Verbände« für eine Besonderheit liberaler Verfassungsstaaten und behauptet: »Autoritäre und totalitäre Systeme beseitigen ausnahmslos alsbald die lästige Konkurrenz außerstaatlicher Machtzentren«. Verkennt in dieser Allgemeinheit völlig die Herrschaftsstruktur autoritär-kapitalistischer Staaten, selbst faschistischer. In der BRD gebe es rund 15 000 Interessenverbände. Für den Erfolg eines Verbandes sei entscheidend »die Überzeugungskraft seines strategischen Langzeitkonzeptes«. Personifiziert sei sie in ihren »heute meist akademisch gebildeten Führungseliten« bzw. »akademischen Stabseliten«. Gleiches gelte für die Gewerkschaften. Fähigkeit zur Selbstkritik nennt Rüthers als weitere Erfolgsbedingung. »In ihrer Vielfalt streben die organisierten Interessen der Gesellschaft zu den Hebeln politischer Macht […]: im Parlament, in den Parteien, von der Exekutive und von der Justiz.« Die Instrumentarien ihrer Einflussnahme sind »unvorstellbar vielfältig«. Öffentlich vertreten sie zumeist »nicht die höchst materiellen Verbandsziele«, sondern »etikettieren und propagieren dieses sehr partielle Eigenwohl gern als Gemeinwohl«. Intern müssen sie aus Interessenvielfalt und Konkurrenzen ein »vertret- und durchsetzbares ›Gesamtinteresse‹ destillieren«, um sie »operationabel« zu machen.
Das Korporative als »eiserne Grenze« sowohl der Individualitäten als auch der Anwandlungen zu wirklicher Allgemeinheit. Rüthers entwirft ein Bild des »Hauptgeschäftsführer« als des kunstvoll-diskreten Herrschers im Verband. Dieser Abschnitt (der längste) eigentümlich fad und rührselig, als habe er ihn für einen imaginären Verband solcher Hauptgeschäftsführer geschrieben.
4. Juni 1991
Helga Grebing hält die Fahne des »demokratischen Sozialismus« hoch (»Warum Sozialdemokraten am Sozialismus festhalten müssen«, FR, 26.4.). Auf diese Orientierung zu verzichten, »käme einem Verrat der Sozialdemokratie an ihrer Geschichte gleich« und hieße »zuzugeben, dass man insgeheim dann doch wohl das kommunistische Regime […] für den eigentlichen Sozialismus gehalten hat«. Sie weist die Bezeichnung »Sozialismus an der Macht« für das Untergegangene zurück und spricht vom »totalitär-bürokratischen Kommunismus«. Die Sozialdemokratie habe mit den Kommunisten ein »ökonomistisches Paradigma« geteilt, das jetzt erledigt sei. Auch »das ökonomische System, das sich auf einen einseitig interpretierten Marxismus-Begriff gründete, ist gescheitert; Sozialismus kann offensichtlich in kapitalistisch noch nicht voll entwickelten Gesellschaften […] gar nicht möglich sein.« Auch wenn bei uns ein »sozial erheblich temperierter Kapitalismus« herrsche, bleibt »die ökonomische Grundstruktur der Gesellschaft eine kapitalistische«, auch gebe es »noch keine Alternative zu einer mit Marx’ Ideen gesättigten Kapitalismus-Kritik«. Demokratischen Sozialismus artikuliert Grebing als regulative Idee möglichst allseitiger Demokratisierung. Mit Gorz unterscheidet sie Abschaffung von Aufhebung des Kapitalismus. Ihre Haltung nicht schlecht. Darauf zurückzukommen.
Bei Aufräumversuchen stoße ich auf einen Artikel von Peter Scherer (Sozialismus 10/1990), der »eine neue politische Eiszeit ankündigt: Die bipolare Welt verändert sich zur polaren.« Er sieht einen »Arktischen Block« zwischen USA und SU kommen, dessen Dimensionen »sowohl Japan als auch Europa zu einer Art gewerbefleißiger Stadtstaaten heruntersinken« lassen würden. Die (wenig rosige) Alternative dazu wäre, dass »der westeuropäische Imperialismus dem Osten des Kontinents sich in ähnlicher Weise ›anschließen‹ kann, wie es das westliche Deutschland derzeit mit dem östlichen tut«. – Ein Zeugnis für den Schock, den der Zusammenbruch des Ostblocks bewirkt: der als instabil erfahrenen Welt wird alles Mögliche zugetraut.
6. Juni 1991
Gefühlsfelder, tief unter der Erdkruste, unter einem Druck, der sich, wenn sie plötzlich zufällig angebohrt werden, mit artesischen Effekten geltend macht. So das verlorene Kind, von dem du nicht weißt, bist du es oder wolltest du es finden.
11. Juni 1991
Die Siegesparaden in den USA, die größten seit Ende des Zweiten Weltkriegs, haben etwas Altrömisches. Vor allem machen sie den UNOAuftrag und die Zielsetzungen zur Farce. Überdies der »Sieg« doppelt lächerlich, einerseits wegen des hochtechnologischen »Truthahnschießens«, andrerseits wegen der Multiplikation der Probleme, die er hinterlassen hat. Zum Beispiel fällt in diesen Tagen das weltliche Algerien in die Hände des islamischen Fundamentalismus. Wird nicht Marokko folgen? Tunesien? Sowieso Jordanien?
*
Auf der Fahrt zu den Bries hielten wir vor dem Haus in Hirschgarten, wo einst Friggas Großvater gewohnt und sie selbst viele Wochenenden verbracht hat. Das Haus verwahrlost, aber der Ginko lebte noch und schlug grade aus. Pathetisch das alte durchgerostete Gartentor zum Müggelseedamm, das von innen vom Flieder vollkommen zugewachsen ist und gehalten wird. Mit einer Art von Scheu betrachten wir den rostigen Klingelknopf und das Schild mit dem Namen »Kassler«.
Michael Bries Vater war Botschafter in Japan, kannte daher Wolfram Adolphi, den langjährigen Japankorrespondenten der DDR und jetzigen Berliner PDS-Vorsitzenden, der kürzlich seine Mitarbeit bei der Stasi bekannt hat.
13. Juni 1991
Die Askoldows zurück aus Moskau. Swetlana erzählt, sie hätten drei Wochen auf eine Platzkarte für die Eisenbahn warten müssen, und Eisenbahn musste es sein wegen der vielen Bücher, die diesmal mitzunehmen waren (sie richten sich anscheinend hier zur Arbeit ein). Der Zug überfüllt, viele wirkten auf sie wie Kriminelle. Ihr gesamter Wagen wurde vom sowjetischen Zoll übergangen. Die Schaffnerin, von ihr nach den Gründen befragt, meinte, jemand aus ihrem Wagen habe den Zoll »gekauft«.
19. Juni 1991
Dieter Senghaas (»Es gibt eine große Unbekannte: Die Sowjetunion«, FR) beschreibt den Effekt der Perestrojka als »Osmanisierung« der SU, Einleitung einer vielleicht langen Siechphase, weil weder in Politik, noch in Ökonomie ein wirklicher Schnitt vollzogen worden sei. Er sieht die Lösung in der Auflösung. Jetzt herrsche »Anomie«, das heißt »eine tendenzielle Chaotisierung der Lebensverhältnisse, eine gesamtgesellschaftliche Regression«.
23. Juni 1991
Dass Berlin wieder Hauptstadt werden soll, lässt uns einerseits kalt, andrerseits schwant uns, dass das zum Teufelspakt für die Stadt werden könnte.
25. Juni 1991
Merkwürdige Wirtschaftsnachrichten: Die FAZ spricht von einer »Gründerwelle in der Bundesrepublik«, worunter sie versteht, dass 230 500 Geburten »nur« 162 000 Todesfälle von Unternehmen gegenüberstehen. Aus dem DDR-Gebiet aber meldet sie 40 000 (Aus-)Löschungen gegenüber 169 000 Gründungen, die wiederum rund 100 000 Arbeitsplätze brächten oder 1,69 Arbeitsplätze pro neugegründeter Firma. Falls da nicht ein gewaltiger Druckfehler vorliegt, kann die Misere im Osten als aufgeklärt betrachtet werden.
28. Juni 1991
In »Sinn und Form« ein erstaunliches Gespräch zwischen dem Chefredakteur Sebastian Kleinschmidt und Hans-Georg Gadamer. Kleinschmidt war zu diesem als der Personifikation von Hermeneutik gepilgert. Gadamer begegnet ihm wahrhaft grandseigneural, fast ›liberal‹ in seiner gegnerlosen Gelassenheit. Schön, wie die Rolle des Calvados in diesem Gespräch wie ein Refrain vorkommt, nicht ohne Platon als Kronzeugen einzuführen. In den ›Wonnen der Vergeblichkeit‹ findet dann die Wiedervereinigung zwischen den Gesprächspartnern, einschließlich Marion Kleinschmidts, statt. Gadamer erscheint ›links‹ von den gewendeten Ossis: So viel ist ihm »doch klar, dass irgendetwas sehr falsch sein muss in unserem gesellschaftlichen Tun, wenn junge Menschen nur von der Vergeblichkeit überzeugt sind«. Er setzt auf die Angst, die er als den Affekt der Freiheit begreift und von der er erwartet, dass sie »die Funktion« hat, »dass wir im Laufe von hundert oder zweihundert Jahren […] so etwas wie eine Selbstkontrolle dieser aus den Fugen geratenen Natur, die man Mensch nennt, aufbauen«. Maliziös sein spitzes Diktum: »Habermas sagt immer, er kenne die Wirklichkeit nicht, und ich sage immer, Habermas kennt die Wirklichkeit nicht. Wir sind uns völlig einig in dieser Uneinigkeit. Manchmal denke ich, […] er weiß gar nicht, wie ideologisch er ist.«
29. Juni 1991
Zwischen Atemlosigkeit und langem Marsch der Philologie bei der Übersetzung von Gramscis Gefängnisheften. So vieles zu besorgen. Vor allem der Aufruf zur Rettung der MEGA hat viel Zeit gekostet.
*
Gestern Abend mit Otto Zonschitz in der Voraufführung des Schwejk, eingeladen von Wekwerth, der Regie geführt hat. Das Stück von Brecht, mitsamt zwei eingebauten Passagen aus den Flüchtlingsgesprächen, ist hervorragend. Die Inszenierung lag glücklos darüber. Fand (suchte?) keinen Ansatzpunkt in der Gegenwart. Wekwerth im Verhalten und Reden ungenau, hatte vielleicht getrunken. Das stand im Widerspruch zu seinem »genauen« Aussehen. Äußerte sich zu meinem Entsetzen begeistert über Nicolai Hartmann. Er hat offenbar eine Zeitlang bei Harich studiert.
Traf Lothar Scharsich wieder, der das Bühnenbild gemacht hat: »Zum Kelch« als eine Art Kellerlokal über zwei Stockwerke, Eingang im dritten Stock, die Treppen ein zentraler Handlungsraum, das Ganze nur ein ziemlich schmaler vertikaler Ausschnitt aus der Bühne. In der Kantine lernte ich Scharsichs Frau kennen, die schriftstellerisch arbeitet, und den sechsjährigen Max, einen gelockten Amor.
Aus Japan schreibt Toshiaki Kobayashi, auch dort sei nun »die Autorität des Marxismus zusammengebrochen. Das gilt nicht nur für die alten Linken, sondern für die neuen.« Er schreibt übrigens »Autolität«. Als er mich im März 1990 besuchte, erzählte ich ihm, dass die Koreaner, mit denen ich es in Pyongyang zu tun gehabt hatte, den Namen Luise Rinser als »Ruise Linsel« aussprachen.
*
Institutionalisierte Restauration. – Die FAZ definiert die »Treuhand« als »diejenige Einrichtung, die wegen der friedlichen, das heißt, eigentlich ausgebliebenen Revolution in der einstigen DDR den ›amtlichen‹ Versuch macht, einen wesentlichen Teil der von den Kommunisten nach dem Krieg durchgesetzten Ordnung in Ostdeutschland rückgängig zu machen«.
5. Juli 1991
Die deutschen Kapitalexporte sind 1990 im Vergleich zu 1989 um fast die Hälfte gestiegen (40 Prozent Zuwachs) auf knapp 30 Mrd DM. Runde Dreiviertel gingen in die EG: GB 5,5, Benelux 6,6, Irland 3,3, Frankreich 1,86, Spanien 1,58. In die USA gingen 3,6. Es handelt sich darum, Positionen im »Gemeinsamen Markt« zu besetzen. Offenbar sagen sich die Unternehmer, die DDR ist eingesackt, kann also warten. Erstaunlich die Liste der Kapitalimporteure: Schweden 0,953, Japan 0,898, Italien 0,741. Erstaunlich daran, wie wenig und dass Schweden die Liste anführt.
14. Juli 1991
Gestern Abend im Gorki-Theater Steffen Menschings und Hans-Eckardt Wenzels Programm »Die Meisenwürger vom Friedrichshain«, dessen Titelsong im nächsten Argument erscheint. Die Situation einer einstmals oppositionellen DDR-Szene ins Atmosphärische verschoben bearbeitet. Die ästhetisch-traumhafte Verschiebung bringt es mit sich, dass die ›Bearbeitung‹ die Situationsempfindungen in der Schwebe, also auch wiederum unbearbeitet lässt. Sehr eindrückliche kulturelle Spezifik. Das Publikum fast nur aus dem Osten, eine Fan-Gemeinde im Wechsel von Atemlosigkeit und (für uns fast immer überraschendem) Beifall. Ich war hingerissen, gerade auch von diesem Wechselspiel. Eine für uns Westliche schwer durchdringbare eigentümliche Realität, die wir unbedingt respektieren müssen.
15. Juli 1991
Westdeutschland in die »Dominanzfalle« geraten (Karl-Otto Hondrich).
20. Juli 1991
Die unendlichen Mühen der Gramsci-Übersetzung machen mich verstummen.
22. Juli 1991
Gestern Tanja und Michael (»Micha«) Brie zu Besuch. Durch die Blume boten wir Micha die Mitherausgeberschaft des Argument an, und durch die Blume lehnte er ab. Er sprach von Resonanz und gegen Ghetto. In letzterem scheint er uns zu sehen. Durch die Blume sprechend hielten wir schonende Distanz, aber man spürte es körperlich wie einen Krampf. FH wurde gröber, sprach von Überläufern zu Habermas. Micha ergänzte: zu Luhmann.
Vor 14 Tagen wurde er fristlos entlassen wegen seiner Stasi-Mitarbeit, hat aber geklagt.
26. Juli 1991
Jugoslawien. – Eine anscheinend instinktiv befolgte Machtlogik der FAZ-Schreiber: Stärkung der Einheit bei ›uns‹ und den ›uns‹ befreundeten Mächten (der katholischen Kirche, den USA …), Schwächung der anderen, der tatsächlich oder möglicherweise in irgendeiner (oft unklaren) Weise konkurrierenden Mächte. Jugoslawien soll verschwinden, ›wir‹ sind, wie selbstverständlich, im Bunde mit den national ausscherenden Kräften. Die Chaosdrohung des Bürgerkriegs geht – natürlich nur bei ›den Anderen‹ – immer von den größeren Einheiten aus, nie von ihrer Zerlegung. Man muss den untergründigen Filiationen nachgehen, die solche instinktiven Parteinahmen tragen: der große Marktinteressent Bundesrepublik übt – als ein in Wechselwirkung mit anderen seinesgleichen Getrieben-Treibender – eine devastierende Wirkung auf Vergesellschaftungsformen aus, die sich auf niedrigerem Produktivkräfteniveau regulieren; ihre Desintegration setzt dort relative Marktinteressenten heraus, die alsbald das Weite suchen möchten. So zunächst Slowenien, der höchstindustrialisierte und finanziell das ganze Land durchdringende Norden. Auf offenem Markt wird Slowenien es zu nicht viel mehr als zu einem Klientenstatus gegenüber den entwickelten Zentren der EG bringen. Erhofft wird die Ankunft des bis dato jenseitigen Kapitals.
In der SU könnte zuwege gebracht werden, was Jugoslawien versäumt hat: ein zwischen den Mitgliedsrepubliken ausgehandelter neuer Unionsvertrag. Würde die Union zur bloßen Schattenunion, in der alle Macht bei den Republiken läge, könnte das Ganze sich wie das britische Commonwealth in irgendeine lockere Formation mit allen möglichen Übergangsformen zwischen Integration und völliger Auflösung verwandeln. Ob eine solche Struktur der multinationalen Realität der Bevölkerungen Rechnung tragen könnte? Ob sie in der Lage wäre, die nationalistischen Antagonismen notfalls mit Gewalt in rechtsstaatliche Bahnen zu kanalisieren?
Gorbatschow proklamierte vorgestern den Abschied der KPdSU vom Klassenkampf. Nach Stalins »Staat des ganzen Volkes« nun die »Volkspartei«, aber diesmal sozialdemokratischen Typs, in einer Gesellschaft agierend, die weitgehend entstaatlicht ist und sich zunehmend kapitalistisch reguliert. Jedenfalls versucht G, den bisherigen Hauptakteur zu transformieren, um eine handlungsfähige Kraft »sozialistischer Orientierung« (mehr nicht) zu behalten.
Übrigens »dereguliert« jetzt auch Indien: »sozialistische« Elemente werden abgerissen, Währungs- und Außenhandelspolitik liberalisiert. Die Inder werden sich wundern. Anscheinend gilt jede Form eines sozialstaatlichen »Merkantilismus«, das heißt der Bewahrung ökonomischer Handlungsfähigkeit auf nationaler oder regionaler Stufenleiter, als zum Scheitern verurteilt.
29. Juli 1991
Unserer Initiative zur Rettung der MEGA war ein zwar begrenzter, aber immerhin vorläufiger Erfolg beschieden. Bis Ende des Jahres gibt die Treuhand entsprechende Mittel (für den Verein) frei.
Dämonisierend dagegen gewandt hat sich der mainzer Soziologe Helmut Schoeck in der Welt vom 14. Juli: »Marx, krankhaft herrschsüchtig und hasserfüllt, säte eine Saat, die genauso aufging, wie er es gewollt hatte, in totaler Destruktion. Wie es jedoch nach der Zerstörung aller vorgefundenen Lebensgrundlagen weitergehen soll, darüber steht bei Marx und Engels nichts.« Groteskes Gekreische. Gegen den Vorschlag des Ministers Ortleb, eine kritisch-marxistische Beschäftigung mit dem ML irgendwo pflegen zu lassen, denn: »Die Wiederentdeckung des Marxismus im Westen als ›Lehre des Heils‹ vor 20 Jahren in der 68er-Bewegung war von ein paar Marxismus-Lehrstühlen in Westdeutschland aus inszeniert worden. Will Minister Ortleb davon unbedacht [?] eine Wiederholung herbeireden?« – Schoeck sollte selbst mal versuchen, eine solche Bewegung von seinem Lehrstuhl aus zu inszenieren. Wir, die wir daran aktiv beteiligt waren, verfügten jedenfalls über keine Lehrstühle.
30. Juli 1991
Am 2.7. hat Jakowlew in der Iswestija die KPdSU abgeschrieben. An ihren Strukturen habe sich, besonders in der russischen Partei, nichts geändert. »Nur die alte Faust, eingebaut in das System Stalins und Breschnews«, sei weg. Merkwürdig, wie J. die Gegner des Übergangs zu kapitalistischer Marktwirtschaft, unter denen doch sicher auch aufrichtige Sozialisten sind, auf den einzigen gemeinsamen Nenner des »grenzenlosen Egoismus« bringt. Andererseits kann ich ihm nicht widersprechen, wenn er die Revolution-von-oben als erschöpft und ihre Reserven als ausgelaugt beschreibt sowie vorhersagt, mit hoher Wahrscheinlichkeit sei mit Versuchen zu rechnen, »mit den Ideen der Perestrojka und ihren Initiatoren abzurechnen«. Insgesamt ein Aufruf zur Gründung einer »Demokratischen Partei«.
9. August 1991
Im Doppelsinn ›historischer‹ Fehler, das Neue nicht aus dem Vorhandenen schaffen zu wollen. So in der SU: aus den vorhandenen Entitäten und Akteuren des Wirtschaftens müssten die neuen geschaffen werden. Privatkapitalismus zu wünschen töricht. Schon wieder ein Großer Sprung, aber diesmal rückwärts-vorwärts, zunächst das Gewesene überspringend, dann das Werden.
19. August 1991
Heute Nacht um vier wurde Gorbatschow durch einen Putsch abgesetzt. Morgen wäre der neue Unionsvertrag unterschrieben worden. Ausnahmezustand. Möglich, weil Gorbatschows Position längst dishegemonial geworden war. Die Zwangseinheit wird das reorganisatorische Moment verspielen und Zerfall und Bürgerkriege ernten.
*
Während in Moskau der Umsturz lief, verbrachte ich nichtsahnend meine seit Wochen erste Nacht ohne ›philologisches‹ Zwangsdenken. Band 2 der Gefängnishefte ist fertig, nur noch die letzten Korrekturen sind zu kontrollieren. Morgen geht das Buch in die Druckerei.
Gestern Abend besuchte mich Michail Nelken. Hat seit 1980 im Akademieinstitut für Philosophie gearbeitet, in der Abteilung für Geschichte des Marxismus. Dort wurde man in Ruhe gelassen. Nur als ein Kollege über August Thalheimer arbeiten wollte, griff Buhr ein, der Komplikationen voraussah: das Thema war zu parteinah. Dennoch glaubte Nelken 1980, sich in der Epoche geirrt zu haben, als er im Zuge des Parteiverfahrens gegen Ruben den Stalinismus in Aktion erlebte, und zwar nicht etwa den von oben, sondern den verselbständigten eines sozialen Mechanismus, wie er innerhalb der Parteigruppe spielte.
*
Katja Maurer vom »Freitag« bestellte einen Artikel zum Staatsstreich. Zum Glück ist der Gramsci in der Druckerei, und ich nehme den Auftrag an. Aus Genf ruft Helen Brücker vom »Vorwärts« an und will den Artikel ebenfalls.
Keine Kremlastrologie, aber doch Rätselraten um Gorbatschow, hat er im Glashaus gelebt?
Auf dem Spiel: Die um ein Haar erreichte Ablösung des Zentral-Superstaats durch eine von den Republiken eingegangene lockere Union. – Zivilgesellschaftliche Ordnung mit individuellen Menschenund Bürgerrechten, unabhängig von ethnischen und nationalen Kollektivzugehörigkeiten.
20. August 1991
Die sowjetische »Junta« besteht aus Leuten, die Gorbatschow eingesetzt hat. Selbst Lukjanow, der Vorsitzende des sowjetischen Parlaments (des »Obersten Sowjets«), soll sich angeschlossen haben. Bedeutet dies Vorwegnahme der Absegnung?
Es heißt, Gorbatschows Politik sie in eine »Sackgasse« geraten. Vielleicht ist es umgekehrt, und er hat das objektiv Mögliche, wenn auch nicht das subjektiv Gewollte bewerkstelligt.
Für die FAZ war er schon lange der Mohr, der seine Schuldigkeit getan hat. Von der für heute ursprünglich vorgesehenen, vom Putsch blockierten Unterzeichnung des neuen Unionsvertrags argwöhnt Reißmüller, »die Nationalitätenpolitik, das Verhältnis zwischen Zentralstaat und Unionsrepubliken, die Wirklichkeit der Sowjetföderation, das alles solle wieder so werden, wie es unter Breschnew war«. Doch Gorbatschows »reformerische Nationalitätenpolitik hat die Völker ermutigt, nach jahrzehntelanger erzwungener Stummheit ihre natürlichen Rechte geltend zu machen«. – Was für Euphemismen! Die »vielfältige Wirklichkeit nationalen Bewusstseins und Willens im Reich« ein Faktor, in den die FAZ gewissermaßen gewohnheitsmäßig investiert.
Scheitern eines zivilisatorischen und zivilgesellschaftlichen Projekts. Ein viel größeres Drama, als es zunächst schien. Ich versuchte, an meiner Sicht festzuhalten, die ein sozialistisches Subjekt voraussetzte, ohne mir darüber klar zu werden, wer dies sein könnte.
Gorbatschow zu beseitigen und Jelzin zu lassen, hätte keinen Sinn. Der neue russische Parlamentarismus muss das Ziel sein. Das Parlament von Panzern umstellt. Massenmedien unter Zensur. Ruhe und Ordnung des Polizeistaats. Was der Staat schon immer konnte: Notstandsstaat mit Ausnahmezustand. Restauration von Befehlsverwaltung.
Was ist das Programm der Putschisten? (Engholm: »man muss auch auf die Vernunft von Staatsstreichern setzen können«.) Markt ohne Demokratie? Woher sollen Konsens und Autorität kommen? Notstandsmaßnahmen zur Versorgung. Paradoxe Chance tatsächlicher Besserung vom gegenwärtigen Tiefpunkt aus auf ein Niveau, weit unterhalb des breschnewschen. ›Historisch‹ zum Scheitern verurteilt. Voluntarismus der Unfähigen.
Man muss sich immer wieder neu darüber verständigen, was das Rationale der Perestrojka sein konnte. Nicht das subjektive, sondern das historisch mögliche Worumwillen.
Es sind nicht die Gegner, die »schuld« sind, dass da etwas verloren wurde. Die Auszehrung kam von innen, als historische Unproduktivität.
21. August 1991
Während sich die Armee in Moskau bisher zurückhält, nimmt sie in den baltischen Staaten eine systematische Besetzung vor. Noch in der Nacht hat das Parlament Estlands den Austritt aus der Union erklärt.
Dass Schewardnadse auf der Moskauer Kundgebung zum Kampf gegen die Junta aufrief, zeigt mehr als alles andere den definitiven Bruch der bisherigen Balance, die G verkörperte. Point of no return: Umschlag im Aggregatzustand der politischen Kräfte. Sie werden nun alle vor die Entscheidung im latenten Bürgerkrieg gestellt. Das macht ihre Qualifikation für die Zukunft aus. Die Vergangenheit endet; eine neue Zeit beginnt. Man riskiert den Tod für seine künftige Identität, die nicht mehr die einfache Verlängerung der bisherigen ist.
Eine Ausflucht: Die Krankheiten greifen um sich. Pawlow, der Regierungschef, ist erkrankt und durch seinen Vize ausgetauscht worden; auch Besmertnich, der Außenminister, hat sich für zwei Tage krank gemeldet, wie es, merkwürdig, in den Nachrichten hieß. Sie warten ab, wer gewinnt.
Lange ging es immer weiter wie bisher, und immer sagte man sich, es kann nicht mehr so weitergehen. Heiner Müller: »Gorbatschows Sturz ist natürlich bedauerlich, aber er war leider vorauszusehen. Er hat sich zu lange zwischen Skylla und Charybdis bewegt, ohne sich wirklich entscheiden zu können. Es gab auch nur schwierige Alternativen.« Hier vertut sich Müller in den Mythen. Wer sich zwischen Skylla und Charybdis befindet, muss den Versuchungen sowohl der unmittelbaren Gewalt- als auch der Gefallenslösungen widerstehen, statt sich zwischen ihnen zu entscheiden. Eigentlich ist es genau das, was G getan hat, den Weg zwischen Skylla und Charybdis zu steuern.
*
Ich soll auf einer Kundgebung der PDS vor der sowjetischen Botschaft sprechen. Biete stattdessen einen Artikel fürs ND an.
21. August 1991 (2)
Tränen bei der Nachricht vom Scheitern des Staatsstreichs und der Rückkehr Gorbatschows. Und das, wie eine symbolische Revanche, am Jahrestag des Einmarschs in Prag 1968. »Freude« zu sagen, wäre untertrieben. Der artesische Brunnen des Gemeinwesens, Emotionen, die unter großem Druck eingeschlossen und normalerweise von der Oberfläche verbannt sind.
Die vielen Nachrufe auf G von gestern sind – von gestern.
Andrej Gurkow von Moscow News, der gestern sich um die Chance der Rückkehr in die Sowjetunion geredet zu haben schien, sprach aus, was auch mir durch den Kopf gegangen war: endlich haben die Moskauer, die Russen, hat das Volk einen Erfolg erlebt, nachdem seit langem alles immer nur das depressive Gefühl der Misere vermittelt hatte; dieses Erfolgserlebnis wird neue Energien freisetzen.
Otto Lazis, blass, mit depressiv hängenden Gesichtszügen, erklärte mit ausdrucksloser Stimme die KPdSU für »nicht mehr existent«. Seine Argumente: Die Partei wurde nicht konsultiert vor dem Putsch, war also nicht aktiv involviert, schwieg dann fast zwei Tage, bis endlich heute Iwaschko forderte, mit Gorbatschow zusammenzutreffen. Dieser war der Mann des Kompromisses, sagt auch Lazis, und die Zeit der Kompromisse ist vorbei.
Der Staatsstreich ist gescheitert, weil, wie es heißt, von drei Divisionen zwei »zu Jelzin« übergelaufen seien. Ausgerechnet jener General Makaschow, dessen Allüren des Starken Mannes schon vor dem Parteitag Putschgerüchte genährt hatten, stellte sich »als Russe« zu Jelzin.
Meinen Freitag-Artikel übers Telefon im Züricher Alternativradio »LoRa« verlesen. Obwohl gestern geschrieben, war er ganz heutig.
22. August 1991
Die FAZ liest sich den Umsturz des Umsturzes in Moskau so zurecht: »Der Kommunismus ist besiegt«; »Das Volk […] stand auf«; »der Held von Moskau«, Boris Jelzin, hat jetzt »freie Bahn, mit den reformerischen Halbherzigkeiten, welche die Politik des sonst so verdienstvollen Gorbatschows kennzeichneten, Schluss zu machen« – offenbar durch Erzeugung einer Privatwirtschaft von Unternehmern und Besitzern. »Denn dies zeichnet sich bei allen Reformversuchen in Osteuropa immer deutlicher ab: Je größer die Restposten sind, die vom Realsozialismus in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft mitgeschleppt werden, desto schlechter werden die Chancen eines raschen Wiederaufbaus« usw. (Fack im Leitartikel). Kreuzzug, x-te Folge: Sozialzersetzung (staatlich erzwungene Privatisierung). Versprechen: dann kommt das Wirtschaftswunder, dann wendet die unsichtbare Hand des Marktes rasch alles zum Guten. Derweil vertrustet sich der transnationale Kapitalismus weiter. Das blitzkriegartige Plattmachen der DDR-Wirtschaft wäre nur das Vorspiel. Nichts Eigenständiges käme hoch gegen die übermächtige Konkurrenz. Nur dass im weiten Russland riesige Gebiete verdumpfen würden. Und während in der winzigen DDR die bisherigen »Genossen« die Chance haben, entweder in Sozialrentner verwandelt zu werden oder in ganz normale Lohnarbeitende, deren Chefs zwar aus dem Westen kommen, aber zumeist Deutsche sind wie sie, also auch all dem unterworfen, was das Parlament an Sozialstaatlichem aushandeln mag, gibt es im Osten Europas, von den asiatischen Teilen der SU ganz zu schweigen, nichts davon. Die Rosinen aus jedem Kuchen werden vom Auslandskapital übernommen. Die ökonomische Gewalt, nunmehr dominanter Gewalttypus, kann nichts anderes sein als die der ökonomisch Gewaltigen: das sind heutzutage global planende komplexe Riesenapparate, Staaten nicht mehr im Staat, sondern quer zu den Nationalstaaten, eben transnationale Durchdringungen. Ihre Macht in einem Land ist desto größer, je geringer dessen politische Artikulationsmacht ist. Länder, die beides vereinen: strategische Knotenpunkte des transnationalen Kapitals und nationale Politikfähigkeit, die also den transnationalen Interessen einen »nationalen« Charakter aufzuprägen vermögen, bilden die Zentren dieser Weltordnung. In ihnen bildet sich eine strategische Allianz von Marktinteressen und national-demokratischen Interessen. Die machtgeschützte ›Naivität‹ ihrer Vertreter, ihre ignorante Selbstgerechtigkeit, ist eine wesentliche Bedingung ihrer imperialen Expansion. Indem sie den schwächeren Nationen oder Ländern ihr politisches System nahebringen, entfernen sie diese von der ökonomischen Fortüne, mit der sie locken. Wann immer die weniger Akkumulationskräftigen der Peripherie direkt nach dem politisch-ökonomischen Modell der Zentren greifen, verbauen sie sich den Weg zu eigenständiger ökonomischer Entwicklung, werden zu Absatzmärkten, Lieferanten von Ressourcen aller Art, dinglicher wie menschlicher, zum politisch unabhängigen ökonomischen Vasallengebiet. Ihr Status wird der der unabhängigen Abhängigkeit, der abnehmenden Zulieferer. Sie sinken aufs Niveau staatlicher Lohnunternehmer, denen hegemoniale Unternehmen von außen die terms of trade diktieren.
Auch die TAZ ließ »das Volk« dem Ruf Jelzins folgen. In Wirklichkeit kamen in Moskau nicht eben viele. Ihr Mut war ungeheuer wichtig, aber er war nur das Material, aus dem sonst, zum Beispiel 1973 in Chile, von der FAZ gefeiert, Märtyrer in Massen geschaffen werden. Die Repressionsmaschinerie wurde als finsteres Ornament der Drohung ausgefahren, und die Frage ist, wieso es bei der Drohung blieb. »Bisher«, schrieb Walter Süß in der TAZ (21.8.), »scheinen sie noch zu glauben, die bloße Drohung werde genügen.« Um (wenigstens vorübergehend) zu gewinnen, hätten die Putschisten »ihren bisherigen konservativ-zentristischen Kurs aufgeben und zu offener, massiver Repression übergehen« müssen. Süß hat recht, die bloße Drohung wirkte nicht mehr. Aber warum hat die Junta es bei ihr belassen? Vielleicht ist es nicht übertrieben zu sagen: im Militär hat sich die Auseinandersetzung entschieden – durch seine Spaltung. Und was hat diese bewirkt? War es das hervorgekehrte Russentum Boris Jelzins? Dann sollte sich die FAZ das Bejubeln »nationaler« Bewegungen nochmals überlegen: von ihnen ist zunächst Russland gefährdet, innerhalb dessen Grenzen sich die Proklamationen autonomer Gebiete multiplizieren. Russentum wird nicht vor großrussischem Chauvinismus schützen.
»Die Sowjetunion ist nie das geworden, was mit der Oktoberrevolution 1917 erreicht werden sollte.« (Johannes Grotzky, Herausforderung Sowjetunion. Eine Weltmacht sucht ihren Weg, München 1991) – Ganz recht, sagt Jasper von Altenbockum in seiner Rezension (FAZ von heute): »Sie ist wieder das, was sie schon immer war: ein absolutistisch verwaltetes Vielvölkerreich, eine Kolonialmacht, ein Völkerkerker.« Es sind, werden wir belehrt, hundertundfünf ethnische Gruppen und Völker. Wunderbares Material, um es zur Weltmarktsubalternität zu ›befreien‹.
Mit dem Rubel geht es wie seinerzeit mit der Mark der DDR, er fällt ins Bodenlose, als er noch 4 Pfennige brachte, wurde der Handel eingestellt, dem Angebot stand keine Nachfrage mehr gegenüber, und der Rubel wurde, zumindest in Berlin, unverkäuflich. Das war am Dienstag. Vermutlich drückten Fluchtgelder auf den Markt.
Gorbatschow sah »gut« aus, im Sinne von urlaubsartig, obgleich es zwei Uhr nachts war, als er auf dem Flughafen anlandete. Er wirkte erschüttert, weich, das Peronistische, das sich in den letzten beiden Jahren immer öfter in seine Züge geschlichen hatte, war abgefallen. Man habe ihn 72 Stunden von der Außenwelt abgeschnitten, ihm nicht einmal Fernsehen gestattet. Offenbar habe man seine Zustimmung erpressen wollen. Er habe standgehalten, weil ihm klar gewesen sei, dass die Verschwörer nicht durchkämen. Nur deshalb?
Die Verlierer sehen natürlich schlecht aus. Ihr Abgang wie Schmierenkomödie. Man darf sich dadurch nicht beeindrucken lassen. Es ist, als wären diejenigen, die noch gestern G politisch totgesagt haben, den Putschisten gram ob dieser ihrer erwiesenen Unfähigkeit. Die TAZ (Helge Donath) verspottet die »unentschlossene Altherrenriege«, als wäre eine entschlossene Jungmännerriege besser. Und sie spricht vom »Moskauer Schmierentheater«, weil »Lumpen und Feiglinge in der Hauptrolle«. Als stünden Pinochetisten in einem höheren Würderang. Merkwürdig auch, dass die TAZ noch danach als »Gefahr« ausspricht, was doch die einzige Hoffnung (und tatsächliche Lösung) war, dass sich »verschiedene Teile der Armee nun auch militärisch gegenüberstehen«.
Die Hydra des Extremismus begleitet seit Montag das Geschehen wie eine schwarze Wolkenfront im Hintergrund. G soll den Putsch gegen sich womöglich selbst geplant haben. Das cui bono des Gerüchts liegt auf der Hand. Vertuscht werden soll, dass G ja das erste tatsächliche Opfer war, nicht Jelzin. Segbers im Fernsehen verkörpert, als er mit solchen Gerüchten konfrontiert wird, blendend TV-gerecht den engagierten Sachverstand, der ein seltenes Glück für die Öffentlichkeit ist, wenn er auf einen Gatekeeper-Posten kommt.
»Michail Gorbatschow ist wieder an der Macht«, mit diesem Satz der Nachrichtensprecher beginnt auch die TAZ. Dieser Satz stammt aus dem Weißen Haus der USA; im Telefonat mit dem US-Präsidenten soll Gorbatschow gesagt haben: »Ich bin wieder an der Macht.« Aber der Satz ergibt keinen Sinn, denn da ist kein Wieder, und »die Macht« ist quantitativ und qualitativ ruckartig verändert, weil die Kräftekonstellation es ist, aus der sie resultiert. Die Macht ist jetzt woanders.
Bilder der Freude aus Moskau. Sie dürfen nicht davon ablenken, dass der Staatsstreich in der Bevölkerung weithin auf Gleichgültigkeit oder sogar Zustimmung gestoßen ist.
Die Schlagzeile der TAZ auf der Titelseite lässt noch den alten Witz der Subversivzeitung erahnen: »Gorbatschow wieder gesund«. Bereits der Untertitel angesteckt vom ideologischen Wahn des Westens: »Das Ende des Sowjet-Imperiums«. Statt die Transformation zu sehen. Christian Semmler, ehedem »KPD«-Führer, schreibt: »Die Niederlage der Putschisten setzt den endgültigen Schlussstrich unter das sowjetische Imperium.« Klaus Hartung: »Und die Wahrheit ist: Die Demokratie existiert. […] die Perestrojka kann nicht mehr scheitern, denn sie ist schon von der Demokratie abgelöst worden. Jetzt geht es nicht mehr um Umgestaltung, sondern um die Demokratie selbst. […] Die Demokratie wurde in diesen Tagen geboren.« Den Staatsstreich versteht er als den Versuch, »mit einer Palastrevolte eine neue Zentralgewalt zu simulieren«.
Jewgenij Bowkun sagte zum »Freitag«, es sei das Verdienst von G, »dass der Putsch fast ein Jahr hinausgezögert werden konnte. Das haben die demokratischen Kräfte dazu nutzen können, sich zu konsolidieren.« In dieser Zeit wurden die parlamentarischen Institutionen Russlands geschaffen. Ohne sie hätte Jelzin nicht die Legalität beanspruchen können.
Kohls Selbstrechtfertigung hinsichtlich des Tempos der deutschen Einheit umdrehend, schreibt Michael Jäger: »Hätte er die Vereinigung nicht mit dem Tempo des Bankräubers durchgezogen, der sich beim Einbruch beeilt, weil er die Polizei schon unterwegs weiß, Gorbatschow wäre vielleicht noch heute im Amt.«
Das ist als Retourkutsche gut, aber vielleicht nur gut gemeint. Doch Jäger hat recht, dass die Vorenthaltung materieller Hilfe seitens des Westens Gorbatschow geschwächt hat und dass die Vorbedingung eines sofortigen und totalen institutionellen Übergangs zum Kapitalismus darauf hinausläuft, dass »der Sowjetunion kein ›eigener Weg zum Kapitalismus‹ gestattet« ist.
Die »ZEIT« von heute veraltet. Haben anscheinend einen langwierigen Produktionsprozess. Ulrich Greiner: »In Gorbatschows Politik war Glasnost folgenreicher als die Perestrojka. Diese ist gescheitert, jene aber hat Veränderungen bewirkt, für die nur das Wort Revolution taugt.« Da spricht Selbstüberschätzung eines Journalisten: die Medien konnten geschlossen oder unter Kontrolle genommen werden, während das politische Produkt der Perestrojka, das russische Parlament mit seinem vom Volk gewählten Präsidenten, zur »Bastion demokratischer Legalität« (Semmler in der TAZ) wurde.
Von Biermann hochmütige Fehleinschätzungen der russischen Bevölkerung, auch der Bergarbeiter, denen er, ihren politischen Streik unterschlagend, vorhält, sie hätten bloß für »ein Stück Seife mehr pro Mann und Monat« gestreikt.
22. August 1991 (2)
Von den sowjetischen Journalisten kriegt G genaue Fragen nach den Verantwortlichen und nach seiner Verantwortung, da er jene doch in ihre Machtstellungen berufen hat. Er holt weit aus und weicht auch aus. An der Partei hält er fest. Und an der sozialistischen Idee. Man merkt, dass er die KPdSU gerne in eine große sozialdemokratische Partei umformen würde. Sanktioniert die inzwischen von Jelzin und dem russischen Parlament erlassenen Dekrete.
Gerhard Simon (BIOST) sieht ihn Mitleid heischen und Zustimmung fordern. Die russischen Dekrete sanktionierend wisse G vermutlich noch gar nicht, was sie enthalten: Enteignung der KPdSU (ZK-Gebäude und Zeitungen), Abschaffung der Roten Fahne, eine eigene russische Armee, Russifizierung der gesamten Industrie. In der Tat markieren diese Landnahmen eine ungeheure Machtverschiebung. Jelzin schmiedet das Eisen, das jetzt noch heiß ist. Es gibt kein sowjetisches Fernsehen mehr, nur mehr ein russisches.
Dass G an der Partei und der sozialistischen Orientierung festhalten will, kommentiert die westliche Presse bekümmert und kopfschüttelnd: G, der doch jetzt die Chance hätte, von der KPdSU loszukommen, wodurch er überhaupt erst wieder neue politische Chancen bekäme, G will in der Partei mit den Putschisten abrechnen, aber nicht mit der Partei als solcher.
Die Fernsehbilder zeigen sehr sinnfällig, wie hier eine nationale Fusion geschieht, Wiederkehr des verlustig gegangenen Gemeinwesens im Nationalimaginären. Diese seit langem Niedergeschlagenen und Gedemütigten, Hoffnungslosen, denen es immer schlechter ging und die jeden Glauben an sich verloren hatten, in der Feier dieses Sieges werden sie als Russen wiedergeboren. »Nationale Erhebung« bedeutet hier wortwörtlich eine Erhebung für die Individuen.
*
Die USA überlegen derzeit, ob sie mehr am Fortbestand der Union interessiert sind oder an ihrer Auflösung. Ich rechne damit, dass das neue russische Nationalbewusstsein bald Maß nehmen wird an den Dissidenzen der anderen Nationalitäten »auf russischem Boden«.
*
Heute kam mit der Post die Erklärung der Junta. Nicht einfach von der Hand zu weisen.
23. August 1991
Statt des Sturms aufs KGB-Zentrum der Bildersturz: Die Statue Felix Dserschinskis, des KGB-Gründers, wurde heute Nacht gestürzt.
Sich vorzustellen, die KPdSU wäre an vorderster Front mit dabei gewesen, ihren Generalsekretär zu retten! Nun wird der Umsturz des Umsturzversuchs sie zu Fall bringen. Jetzt findet eine politische Revolution statt, aber als nationale Revolution. Ihr Zeichen ist der Engel der Geschichte, wie Benjamin ihn sieht: der Wind bläst zwar vom Paradiese her, aber treibt sie gerade deswegen fort davon, hinterrücks in die Zukunft.
Die FAZ (EF) spricht vom »geradezu weltgeschichtlichen Epochenwechsel« der vergangenen drei Tage. Sie feiert seinen Gehalt bedenkenlos als die nationale Rekonstitution Russlands, blind dafür, welches weltzivilisatorische Potenzial da seiner Verwirklichung beraubt und welches nationalistische Potenzial hier herausbeschworen wird. Es ist, als erhielte der Putsch gegen Gorbatschow nun den Sinn eines Putsches von entgegengesetzter Seite: »Gorbatschow verkennt den historischen Moment […] Der politische Horizont endet dort […] Die Begriffsstutzigkeit, die Gorbatschow erkennen lässt, ist auch in der öffentlichen Meinung und unter den Politikern des Westens weit verbreitet. Auch hier glaubt man weiterhin, dass mit den Begriffen ›Glasnost‹ und ›Perestrojka‹ der optimale Weg […] beschrieben sei« usw.(EF). Und was die Perspektive des Zusammengehens von Gorbatschow und Jelzin anbelangt: »eine merkwürdige Vorstellung, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die beiden Männer verschiedenen Zeitaltern angehören«. Die FAZ fördert einen Jelzin, der die KPdSU verbietet. Reißmüller macht in kaum mehr verschleierten Worten klar, dass der Übergang zum Kapitalismus die Beseitigung Gorbatschows voraussetzt. Es gibt viele Hindernisse. »Aber nicht einmal die kleineren werden sich überwinden lassen, solange der Präsident am ›Sozialismus‹ hängt, solange er ›sozialistischem‹ Eigentum den Vorrang gibt vor privatem.« Und Werner Adam, wohl wissend, dass G in der Tat weiterhin »am ›Sozialismus‹ hängt«, verkündet dessen politisches Todesurteil: »Hielte Gorbatschow aber an der Vorstellung fest, diese Partei mithilfe eines neuen Programms reformieren zu können, wäre wohl auch ihr Generalsekretär nicht mehr zu retten.«
In den Schlieren des Diskurses fängt sich Reinhard Olt, der in einem Artikel über Alexander Ruzkoj schreibt: »Ruzkoj sieht sich selber als Kommunist, aber als ›aufgeklärter‹. Er und seine Gesinnungsfreunde, die auf Seiten derer waren, die dem Putsch widerstanden, treten für politische Freiheiten, Pluralismus, Marktwirtschaft, ein Mindestmaß an sozialen Garantien für die Menschen, für Rechtsstaat und Parlamentarismus ein. Sie sprechen sogar, es muss Gläubigen der ›reinen Lehre‹ die Haare zu Berge stehen lassen, von der Errichtung einer bürgerlichen Gesellschaft‹.« Den Schlusseffekt kriegt Olt hin, weil er »Zivilgesellschaft« als »bürgerliche Gesellschaft« übersetzt. Sonst alles ziemlich genau der Gehalt der Perestrojka, die doch totgesagt werden soll.
*
In der TAZ vom Mittwoch (21.8.) – wie lange das her ist! – ein interessantes Gespräch mit Boris Groys, der von Willi Winkler als »sowjetischer Philosoph« vorgestellt wird. Groys sah den Staatsstreich siegen, »jede Gegenwehr zum Scheitern verurteilt«, »und das Volk verhält sich weitgehend passiv«. – Diese vom Gang der Ereignisse tags darauf widerlegten Gewissheiten dürfen einen nicht daran hindern, den Gedankengang ernst zu nehmen, dem sie entstammen, auch wenn er nicht sehr klar artikuliert ist. Den Staatsstreich sieht Groys in der Linie des Stalinismus: »Stalin wollte den Marxismus-Leninismus zerstören«, sagt er merkwürdigerweise, »und zum Zarismus des 19. Jahrhunderts zurück – was ihm nicht ganz gelang. Jetzt werden wir es mit einem vollkommenen Stalinismus zu tun haben: einem modernen Staatsapparat, in dem Beamte das Sagen haben.« Nun sei ein antiwestlicher nationaler Militärstaat zu erwarten, ein »Gewaltsystem« anderen Typs: »Der Übergang von der ideologischen Zwangswirtschaft zur ökonomischen wurde noch nicht vollzogen. […] hier im Westen ziehen wir den ökonomischen Zwang vor. Andere, etwa die Menschen in der Sowjetunion, bevorzugen den ideologischen. Es ist in mancher Hinsicht der erhabenere Zwang. Dieser ideologische Zwang bietet nach dem Ende des Kommunismus eine neue Ersatzreligion. Der Staatsgedanke wird zementiert.« – Groys scheint Genuss am Unheil zu finden. Das schärft seine Analysen. Ich erinnere mich gut an sein Auftreten in Dubrovnik, vor bald zwei Jahren. Er schenkte mir seinen Gesprächsband »Die Kunst des Fliehens«.
*
Jelzin hat Gorbatschow wie einen zahmen Bären vorgeführt. Dieser Musste das Protokoll einer Geheimsitzung verlesen, bei der mit einer Ausnahme alle Minister entweder für den Staatsstreich waren oder sich opportunistisch heraushielten. Dann unterzeichnete er im Beisein des protestierenden Gorbatschow vor laufenden Kameras ein Dekret, das die Aktivitäten der KPdSU bis auf weiteres verbietet. Das ZK-Gebäude bereits versiegelt.
24. August 1991
Ohne rechtsstaatliche oder parlamentarische Prozeduren akquiriert Jelzin Macht per Erlass und übt, gestützt auf Charisma, eine revolutionäre Diktatur aus. Das vom zusammengebrochenen Staatsstreich hinterlassene Vakuum füllte er blitzschnell aus. Gorbatschow, der dies alles möglich gemacht hat, wird wie eine Trophäe im Triumphzug mitgeführt und gedemütigt.
Im gestrigen »Tagesspiegel«, der irrtümlich in meinem Briefkasten gelandet war, entdeckte ich einen Artikel von Uwe Engelbrecht, »Von Russland soll das Heil der Menschheit ausgehen«, aufrechte Wahrheiten zwischen Ironie und Melancholie. Im Ton weniger des Anprangerns als des Staunens, durchmischt mehr mit Angst als mit Spott, berichtet E. von der Genese eines nationalen Mythos. »Vorerst schickt sich Russland an, erst einmal die ganze Union in seinen Griff zu nehmen.«
Prozedur im russischen Parlament: »Es war nicht mehr zu unterscheiden, was Vorschlag, Antrag oder Beschluss war: Schlag auf Schlag wurden zumeist ohne Abstimmung das Gebäude des ZK der KPdSU, sodann ihr Vermögen für beschlagnahmt erklärt« usw. Reihenweise wurden Absetzungen proklamiert (und dabei die örtlichen Parlamente übergangen). Das Klima eine Mischung aus emphatischer Hochstimmung und Niederbrüllen von Differenzen.
Statt des geographisch-neutralen Terms »Rossija« wird immer öfter das altimperiale »Rusj« gebraucht. Engelbrecht schildert das Schüren von Rausch und Selbstberauschung durch die russischen Politiker, etwa den »altbürokratischen« russischen Ministerpräsidenten Silajew, der sich zu der Phrase verstieg: »Russland hat die Welt gerettet.« Jelzins Vize Ruskoj blies den Sieg aufs Format der Überwindung des Nazireichs 1945 auf.
Der redliche Engelbrecht erinnert an die spärliche Befolgung der Aufrufe zu Streik und Demonstration in Moskau, die Disfunktionen des KGB, das Umschwenken der Luftlandedivision aus Tula und vieles andere mehr. Hinzugefügt werden könnte die Information, die ich gestern Abend im Fernsehen aufgeschnappt habe, wonach die Junta das Politbüro um Zustimmung gebeten, aber keine Mehrheit erhalten haben soll, was das Bewusstsein ihrer Anführer von ihrer Parteiloyalität her zersetzt habe.
Ein KGB-Vize soll bei einer Einsatzbesprechung gesagt haben: »Sie haben das Wort Demokratie zu vergessen, Sie haben das Wort Perestrojka zu vergessen – die hatte 1985 begonnen, bis Gorbatschow sie 1987 in eine Konterrevolution überleitete.«
Бесплатный фрагмент закончился.
