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Wolfgang Breuer
Gnadenlos
Ein Wittgenstein-Krimi

Dieses Buch ist ein Roman. Handlung und Personen, wie Täter und Opfer, sind frei erfunden. Allerdings spielen darin auch real existierende Personen im sehr realen Wittgensteiner Land eine gewichtige Rolle. Diesen Menschen schulde ich für ihr freundschaftliches Einverständnis dazu meinen aufrichtigen Dank. Sie machen die Geschichte ein ganzes Stück weit authentischer. Bezüge zu und Anspielungen auf Ereignisse des aktuellen Zeitgeschehens sind ebenso gewollt wie notwendig.
Wolfgang Breuer
Gnadenlos
Ein Wittgenstein-Krimi
Foto Cover und Coverrückseite: W. Breuer
Autorenfoto: Fotoatelier Christiane
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© Herbst 2021
Impressum
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E-Book: ISBN 978-3-96136-129-8
Print-ISBN 978-3-96136-128-1
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Inhalt
Dienstag, 16. Juli
Mittwoch, 17. Juli
Donnerstag, 18. Juli
Freitag, 19. Juli
Samstag, 20. Juli
Montag, 22. Juli
Donnerstag, 25. Juli
Freitag, 26. Juli
Donnerstag, 28. November
Dienstag, 16. Juli
Es war einer jener Tage im Juli 2019, an denen man sich selbst in Wittgenstein nur ausgesprochen ungern im Freien aufhielt. Eine unbarmherzige Sonne brannte vom Himmel und dörrte das Land und die Menschen aus. Jede auch noch so kleine Bewegung führte in diesen Horrortagen zu Schweißausbrüchen. Wohl dem, der da eine intakte Klimaanlage in seiner Nähe wusste.
Theo Schöneborn gehörte nicht zu den Privilegierten. Denn das Kühlaggregat an seinem Arbeitsplatz hatte kapituliert. Es war zwar erst 14:47 Uhr. Doch das digitale Thermometer am Wachtisch der Berleburger Polizei meldete eine Außentemperatur von 36,4 Grad. Und 31,3 Grad für drinnen.
Innen zwar nicht ganz objektiv gemessen. Weil irgendeine Intelligenzbestie den Messfühler in die Scheibe des großen Fensters mit Südblick geklebt hatte. Trotzdem litt Theo unter dem Gefühl, im eigenen Saft zu kochen.
Das verstärkte sich für den ‚Diensthabenden‘ zunehmend, seit er einen Mann am Telefon hatte, den er partout nicht verstehen konnte. „WER sind Sie?“, versuchte er es nun zum dritten Mal. Und wieder hörte der Kommissar nur ein geknödeltes „Wöwach“ oder so ähnlich.
Theo verdrehte die Augen. „Das darf doch alles nicht wahr sein“, motzte er halblaut. „Will der mich hier verarschen, oder was?“ Am liebsten hätte er aufgelegt. Aber was, wenn es sich bei dem Anruf tatsächlich um einen Notruf handelte? Immerhin war das Gespräch über 110 reingekommen. „Hören Sie“, versuchte er es also nochmal, „ich kann Sie nicht verstehen. Kann es sein, dass Ihr Telefon eine Macke hat?“ ‚Oder hat der Typ eine‘?, ergänzte er in Gedanken.
„Ach fo! … Wowent!“ Es folgte sekundenlanges Knarzen und Kratzen in der Verbindung – und schließlich ein klar verständliches aber irgendwie gehetztes „‘tschuldigung, mein Headset ist wahrscheinlich im Eimer. Können Sie mich jetzt verstehen?“
„Ja, jetzt verstehe ich Sie klar und deutlich.“
Der Diensthabende wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. „Okay, dann versuchen wir es noch einmal. Wer sind Sie und was kann ich für Sie tun?“
„Mein Name ist Dörnbach, Klaus Dörnbach. Ich habe hier einen Toten gefunden“, hechelte der Anrufer kurzatmig in sein Mobiltelefon.
„Einen Toten? Wo haben Sie den gefunden?“
„Auf dem Friedhof in Birkelbach. Ich bin im Moment sowas wie der Totengräber hier, verstehen Sie?“ Die Worte des Mannes kamen schleppender. Dem Anrufer schien die Hitze irgendwie noch mehr zuzusetzen als seinem Gesprächspartner.
„Aha, ein Toter. – Auf dem Friedhof in Birkelbach. – Irgendwie nichts Besonderes, oder?“ Theo wischte nochmal über Stirn und Nacken und atmete tief durch.
„Stimmt. Aber der hier liegt nicht etwa schon im Grab oder in irgendeinem Sarg. Der liegt da einfach so rum. Auf dem Weg!“
‚Was ist das denn für eine schräge Geschichte‘, dachte Theo. Wollte ihn da vielleicht einfach nur ein Kollege mit verstellter Stimme foppen? Aber auf der offiziellen Notrufleitung … Immerhin wurden die Gespräche ja aufgezeichnet.
„Wo genau liegt die Leiche denn dort?“
„Direkt vor der Kapelle. Und das noch nicht lange“, quälte sich der Mann zu sagen.
„Woher wissen Sie das?“
„Weil ich vor knapp zweieinhalb Stunden hier vorbeigekommen bin, um ein Grab fertig auszuheben.“
„Ja und?“
„Da war der noch nicht da. Da war überhaupt keiner da.“
„Und jetzt?“
„Ääh, keiner. Nur ich und der Tote. … Hören Sie, wenn Sie noch einen Moment so weitermachen, kann ich mich gleich daneben legen.“
„Sind Sie sicher, dass er tot ist?“
„Natürlich bin ich sicher. Für wie blöde halten Sie mich denn?“, schnaufte der Leichenfinder. „Keine Atmung, kein Puls und viel, viel Blut aus einem Riesenloch im Nacken. Mehr tot geht eigentlich nicht.“
Dörnbachs Stimme wurde immer schwächer. ‚Der klappt mir gleich zusammen‘, mutmaßte der Kommissar. ‚Also kein Jux‘, entschied er und fuhr die inneren Systeme hoch.
„Okay. Rühren Sie ihn bitte nicht mehr an und bleiben Sie vor Ort, Herr Dörnbach. Die Kollegen sind gleich bei Ihnen.“
„Ja. Aber machen Sie schnell. Ich halte das nicht mehr lange durch. Schicken Sie am besten gleich auch noch einen Krankenwa…“, hörte der Beamte noch ganz schwach. Dann war es still.
„Herr Dörnbach! Alles in Ordnung mit Ihnen?“
Keine Reaktion. Auch nach einem zweiten und dritten Versuch. Nichts. Im Hintergrund hörte Theo lediglich ein vorbeifahrendes Auto. Die Handyverbindung war also nicht unterbrochen.
Schöneborn ließ die Leitung weiter offen und funkte sämtliche Streifen an, die im nördlichen Wittgenstein unterwegs waren. Dazu die Kripo im eigenen Haus und den Rettungsdienst mit Notarzt an Bord.
Vier Minuten später, um 14:51 Uhr, traf der erste Streifenwagen am Friedhof ein. Dirk Finkbeiner und Bernd Kleinheisterkamp hatten ihren Wagen auf dem Parkplatz abgestellt und waren die wenigen Schritte über eine Treppe bis zur Nordseite der Kapelle gerannt. „Wir sind vor Ort“, meldete Bernd mit knappen Worten an die Wache, bevor er überhaupt irgendetwas von Bedeutung wahrgenommen hatte.
Da kniete Finkbeiner bereits wenige Meter vor ihm. Als er näher kam, wurde Kleinheisterkamp schlagartig anders. „Ach du Sch…“, presste er hervor. Auf dem Boden lag ein Mann mit angezogenem linkem Bein und einer klaffenden Wunde im Genick, aus der Unmengen an Blut ausgetreten waren. Um den Kopf herum hatte sich eine große dunkelrote Lache gebildet. Ein ekelerregender Anblick, von dem auch noch ein schäbiger süßlicher Geruch ausging. Wie Leim klebte der in der Luft.
‚Zwei Liter mindestens‘, schätzte Bernd, bevor ihn eine aufsteigende säuerliche Flüssigkeit in seinen Backentaschen zum Wegschauen zwang.
Finkbeiner hatte mitbekommen, dass der Kollege durch heftiges Schlucken gegen die Übelkeit ankämpfte und bat ihn, sich auf die Suche nach dem Anrufer zu machen. Von dem war bisher weit und breit nichts zu sehen. „Hier können wir sowieso nichts mehr machen“, meinte er und streifte ein paar Vinylhandschuhe über, um ein Handy zu sichern, das neben dem Toten lag. Links vor ihm ein Strauß bunter Sommerblumen.
Mit größtem Unbehagen machte sich Bernd auf die Suche. Zumindest beim ersten Rundblick hatte er niemanden entdecken können. Keine Menschenseele sonst auf dem kleinen Friedhof. ‚Was Wunder auch‘, dachte er, ‚wer wird bei dieser Hitze schon freiwillig Grabpflege betreiben?‘ Nur oben am Hang lag ein frisch geschaufeltes Grab offen.
Entschlossen und mit nicht mehr ganz so saurer Spucke im Mund ging er ein paar Schritte weiter, um eine riesige Thuja zu umrunden. Dann sah er ihn. Auf einer Bank neben dem mächtigen Lebensbaum saß tatsächlich ein Mann in orangefarbener Arbeitshose und weißem T-Shirt. Total in sich zusammengesunken und völlig regungslos. In seinem Schoß ein Handy.
„Hallo“, sprach er den offenbar Schlafenden etwas unbeholfen an, „hallo, können Sie mal wach werden, bitte?!“ Der Mann reagierte nicht. „Hallo!“, versuchte er es erneut. Diesmal lauter. Nichts. Nur aus dem Handy kam deutlich vernehmbar ebenfalls ein „Hallo. Hallooo, Bernd, bist Du das?“ Das war Schöneborns Stimme. Noch immer stand die Verbindung mit der Wache in Berleburg.
„Ja, Kleinheisterkamp hier.“
„Wie sieht es aus bei Euch?“
„Besch…eiden. Ein Toter, männlich, erwachsen, vermutlich erschlagen, fast geköpft. Und der Mann hier bewusstlos. Ich sehe jetzt erstmal zu, dass ich den wach bekomme. Ich lasse das Handy weiter auf Empfang, okay?!“, rief er in das Gerät.
Während er von Bernd nur ein „in Ordnung“ zu hören bekam, begann er, dem Zusammengesunkenen leichte Ohrfeigen zu verpassen. Rechts, links, rechts, links. Jeder Klaps begleitet von lautem „Halloooo, haaaallooo“.
„Brüll doch nicht so!“, rief Dirk, „hier liegt schließlich ein Toter.“
„Und hier ein Bewusstloser!“, konterte Bernd. „Ich kann machen was ich will. Ich kriege ihn einfach nicht wach.“
Plötzlich waren Martinshörner zu hören, die schnell näher kamen. Kurz vor der Friedhofskapelle gaben die Alarmtröten schließlich auf und wenig später standen zwei Männer von der Rettung auf dem Friedhof.
„Okay, ich glaub’, ich lass’ das mal mit dem Wachmachen“, rief Kleinheisterkamp ins Handy. „Der Notarzt ist gerade gekommen. Ich mach’ dem mal Platz hier.“
Doch der Mediziner reagierte nicht auf sein Winken. Er nickte zunächst nur Dirk zu und ging neben dem Toten in die Hocke. Doch des Arztes Hoffnung, in der blutigen Hülle noch eine Spur von Leben zu finden, war bald geschwunden. Nach wenigen Tests schüttelte er sachte den Kopf und stand auf.
„Kommen Sie, Herr Doktor, bitte!“, rief Bernd dem Mann in Weiß zu. „Hier ist noch ein Mann. Aber der lebt.“
Der Arzt setzte sich in Gang. ‚Doktor P. Kulenkamp‘ stand auf seinem Namensschild. Nach einem knappen „Hallo“ beugte er sich über den Mann auf der Bank, fühlte nach dessen Puls und kontrollierte die Pupillen.
„Schnelle Atmung, erhöhter Puls, niedriger Blutdruck und“, dabei legte er seine Hand auf Dörnbachs Stirn, „mindestens 40 Fieber“, raunte er dem zweiten Retter zu, der neben ihm aufgetaucht war. „Machst Du schnell ein EKG?“, bat er den drahtigen Assistent, der mit einem ganzen Bauchladen von Instrumentarien bepackt war.
„Sagen Sie, war er noch bei Bewusstsein, als Sie hier ankamen?“ Kleinheisterkamp, der sich dafür verfluchte, dass er am Morgen noch ein Unterhemd unter das Poloshirt angezogen hatte, schaute den Doc an und schüttelte den Kopf. „Nö. Er saß da, als ob er schliefe. Ich wollte ihn wach machen. Doch er zeigte keine Reaktion. Das Revier hatte uns schon darüber informiert, dass der Mann bei der Meldung des Totenfundes am Telefon plötzlich immer leiser geworden sei.“
„Typisch für einen Hitzschlag!“, rief der Arzt seinem Assistenten zu. Sein Blick auf das Display des hastig angeschlossenen EKG’s bestärkte ihn offenbar in seiner Diagnose. „Mach’ mir bitte eine Ringer-Infusion fertig. Und dann müssen wir ihn kühlen. Raus hier aus der Sonne!“
Wenig später lag Klaus Dörnbach auf der Fahrtrage des Rettungswagens und wurde im Schatten der Einsegnungshalle mit Wasser auf den Unterarmen langsam heruntergekühlt. Der Fahrer des Rettungswagens hatte praktischerweise gleich eine ganze Gießkanne voller Blumenwasser aus dem Becken geholt, an dem sich sonst die Friedhofsbesucher bedienen können.
„Übertreib’s bitte nicht!“, rief der Arzt, während er den Totenschein für den Mann am Boden ausfüllte, „aber die Temperatur muss deutlich runter.“ ‚Todesursache unklar‘ schrieb er.
„Ich vermute, der Mann ist mit einem scharfkantigen schwereren Gegenstand erschlagen worden. Vielleicht war es ein Spaten, mit dem ihm das Genick gebrochen wurde“, erklärte er den beiden Polizisten. „Etwas ähnliches habe ich mal in einer Dokumentation über militärischen Nahkampf gesehen.“
Kleinheisterkamps Innenleben kam erneut in Bewegung. Doch der Beamte wollte sich keine weitere Blöße geben und versuchte sich in Routine. „Doktor, können Sie etwas über den Todeszeitpunkt sagen?“
„Schwierig bei der Hitze. Ich schätze, zwischen 13:15 Uhr und 14:00 Uhr.“
„Das deckt sich ungefähr mit dem, was der Anrufer unserem Diensthabenden am Telefon erzählt hat“, schaltete sich Dirk Finkbeiner ein und schabte sich am Hinterkopf. „Aber vielleicht hat er ja was gesehen“, deutete er in Richtung des bewusstlosen Totengräbers.
Als habe der zugehört, kam plötzlich Bewegung in Klaus Dörnbach. Brüllend bäumte er sich auf und griff sich mit beiden Händen an den Kopf. „Boooaaah, ich glaub’, mir fliegt der Schädel weg!“ Ungelenk wedelte er mit den Armen und versuchte, sich von der Infusion zu befreien. Doch der Rettungssanitäter unterband diese Aktion. „Vorsicht!“, rief er, „legen Sie sich bitte wieder hin. Es geht Ihnen nicht gut. Sie waren die ganze Zeit über bewusstlos.“
„Aber ich hab’ so wahnsinnige Kopfschmerzen. Mensch, gebt mir doch was, damit das aufhört.“
„Okay, okay“, rief Dr. Kulenkamp, „das ist zwar nicht die erste Wahl. Aber Sie kriegen was.“ Mit einem Griff in seine ‚Doc Adams-Tasche‘ beförderte er eine Spritze zutage und leerte deren Inhalt in den Venenzugang, über den auch die Kochsalz-Infusion in den linken Arm des Patienten tropfte. „Es wird Ihnen gleich besser gehen“, beruhigte er den Mann in der Arbeitskluft.
„Komm, gib mal `n bisschen Gummi. Die haben die Leiche schon abtransportiert, bevor wir am Tatort aufschlagen“, nörgelte Pattrick Born ungeduldig. „Wir hätten schon längst da sein müssen.“
„Wusstest Du, dass diese Scheiß-Bahnschranke vor der Alten Mühle kaputt ist?“, blaffte Rüdiger Mertz zurück. „Da kommt da alle Schaltjahre mal ein Zug. Und dann geht dieses Miststück einfach nicht mehr auf“, erinnerte er diese beknackte Situation. „Und du stehst da und kommst nicht vor und nicht zurück.“
Gefühlte zehn Minuten hatten sie warten müssen, bis sich schließlich die Schranke öffnete und sich die mittlerweile entstandenen Fahrzeugpulks wieder in Gang setzten.
Immerhin hatten sie derweil per Handy die gröbsten Infos bei den Kollegen auf dem Friedhof in Birkelbach abfragen und alles Mögliche in die Wege leiten können. Die SpuSi war informiert und Vertragsarzt Dr. Louis Peter, als Leichenbeschauer. Die Rechtsmedizin in Siegen hatte keine Kapazitäten frei. „Fahren Sie außen rum über Hemschlar und Schameder“, hatten sie dem Arzt nahegelegt, „sonst stecken Sie im selben Schlamassel wie wir.“
„Guck, da isser schon“, meldete Mertz, als sie auf den Parkplatz unterhalb des Friedhofs fuhren. Vor ihnen war gerade ein schlanker Mann in komplett weißen Klamotten aus einem BMW geklettert. Zwei Streifenwagenbesatzungen begannen gerade, um den Friedhof herum nach auffälligen Fundstücken zu suchen.
„Warten Sie Doktor!“, rief ihm Born hinterher, „wir kommen mit.“
„Sorry, habe nicht viel Zeit“, rief der über die Schulter und verschwand schnellen Schrittes über eine Treppe. Die Kripo-Männer trabten hinterher. Doch weit kamen sie nicht.
„Entschuldigung“, sprach sie eine Frau an, „sind Sie von der Polizei?“
„Allerdings“, antwortete Pattrick Born, „was können wir für Sie tun?“
„Was ist hier passiert?“, fragte die recht kleine, untersetzte Dame mit Rollator, die so etwas wie ein Piratenkopftuch trug.
„Es gab einen Todesfall auf dem Friedhof.“
„Ach Gott“, gluckste sie, „ein Todesfall auf einem Friedhof. Wie überraschend. Seit wann müssen sich denn Polizei und Rettungsdienst um Verstorbene auf Friedhöfen kümmern? Und dann noch mit einem solchen Aufwand.“ Dabei machte sie mit ihrem rechten Arm eine ausladende Bewegung und wäre dabei fast vornüber gestürzt. Verlegen lachte sie auf und fand schließlich Halt an ihrem Gefährt.
Pattrick winkte verärgert ab. „Seien Sie bitte nicht albern“, bat er. „Das ist eine sehr ernste Sache hier. Für sowas haben wir wirklich keine Zeit. Verzeihen Sie also bitte, dass wir uns verabschieden. Schönen Tag noch und alles Gute.“
Zack, waren die beiden Kriminaler unter einem Polizei-Absperrband hindurchgeschlüpft. Zum Glück waren sie noch rechtzeitig zur Leichenschau gekommen.
In gebührendem Abstand zum Toten, der von Louis Peter umgedreht und sogar einmal aufgesetzt wurde, standen der Notarzt und die Kollegen Kleinheisterkamp und Finkbeiner.
Nach wie vor kühlten die beiden Sanis den überhitzten Dörnbach, bei dem inzwischen die schmerzstillende Spritze angeschlagen hatte. Er war samt Fahrtrage so umgedreht worden, dass er das Szenario nicht mitansehen musste.
Gleichwohl war nicht zu verhindern, dass er Ohrenzeuge der Suche nach der Todesursache wurde.
„Keine Frage, dem Mann wurde mit großer Wucht ein Schlag in den Nacken versetzt“, dozierte Doktor Peter. „Tatwaffe vermutlich ein schweres scharfkantiges Metallteil. Damit wurde ihm das Genick gebrochen. Der Tod trat sehr wahrscheinlich sofort ein.“
Die Luft über dem Friedhof flirrte vor Hitze. Vor den Augen der Umherstehenden waberten die Grabsteine und schienen wie in einer Fata Morgana über dem Boden zu schweben. Nicht der kleinste Luftzug bewegte die Blätter an den alten Bäumen. Und kein Vogel gab auch nur einen Laut von sich. Auch unten im Ort schien das Leben erstorben zu sein.
Selbst der Leichenbeschauer hielt für einen Moment inne. Man hatte den Eindruck, als habe die ganze Welt in diesem Moment aus Ehrfurcht vor der Situation den Atem angehalten. ‚Das nennt man wohl Grabesstille‘, sinnierte Pattrick Born.
Doch plötzlich riss ein deutlich vernehmbares Räuspern die Anwesenden aus ihren Gedanken. Das „Chrp-hmmm“ wirkte fast wie Lärm, obwohl es von weiter oben auf dem Friedhof kam. Richtiggehend erschreckt schauten die Anwesenden alle gleichzeitig in diese Richtung. Wer traute sich da, diese unheimliche Andacht zu stören?
Es war die Frau mit dem Rollator. Sie war wohl durch das obere Tor auf den Gottesacker gekommen und lehnte nach vorn gebeugt auf den Griffen ihres fahrbaren Untersatzes. Als sie sah, dass sie entsprechende Aufmerksamkeit erregt hatte, baute sie sich mühsam auf und winkte heftig. „Hallo, kann bitte mal einer der Herren Polizisten zu mir kommen?!“, rief sie. „Ich muss Ihnen was Wichtiges berichten.“
„Ach, nicht schon wieder“, brummte Pattrick Born. „Die Frau ist extrem neugierig.“ Verärgert fragte er: „Hat eigentlich jemand vergessen, das Tor dort oben mit Absperrband dicht zu machen? Oder hat sie das einfach ignoriert?“
„Nee“, meinte Kleinheisterkamp kleinlaut.
„‚Nee‘ in Form von was? Nee, nicht abgesperrt, oder nee, ignoriert.“
„Nee, nicht abgesperrt.“
„Okay, dann geh jetzt bitte zu ihr und frag sie, was sie zu berichten hat. Der Dame scheint es ja nicht besonders gut zu gehen, wenn ich sie mir so angucke. Und vergiss das Trassenband nicht, damit Du hinter ihr absperren kannst.“
‚Ja, ja, mein Herr, ich lauf ja schon‘, kochte es in dem Polizeihauptmeister. ‚Ihr von der Kripo nehmt euch heute mal wieder besonders wichtig, was?! Keine Sau hatte vorhin die Zeit dazu, dort oben zu gucken, ob es noch ein zweites Tor gibt. Aber zu spät kommen und dann motzen, das könnt ihr euch erlauben, ohne, dass man als Fußvolk den Mund auftun darf.‘ Kleinheisterkamp, wegen seiner dauerblassen Haut von den Kollegen heimlich auch ‚Kleingeisterbahn‘ genannt, spuckte innerlich Gift und Galle.
„Komm Kollege, ich gehe mit Dir“, hörte er plötzlich die Stimme von Sven Lukas neben sich. Der ‚Freak‘ war aufgetaucht wie Phönix aus der Asche. Genauso wie der Kripo-Chef, der sich hinter Sven gerade zu der Leiche herunterbeugte.
„Wo kommt Ihr denn plötzlich her?“, fragte Bernd verdattert.
„Geflogen, mein Lieber, geflogen“, lächelte der ‚Freak‘ und schnappte nach der Rolle mit dem Plastikband, die der andere gerade von einer Bank aufgepickt hatte.
„Quatsch, Du musst nicht mitkommen. Ich bin schon alleine groß“, wehrte sich Bernd.
„Kein Widerspruch“, lächelte Sven, „ich sehe doch, wie angefressen Du bist. Jetzt stell Dich nicht so an. Ich komme mit. Pattrick hat das nicht so gemeint.“
„Hat er wohl. Der kann einem manchmal ganz schön auf die …“
„Pssst!“, fuhr Sven dazwischen, „mach Dich nicht unglücklich und komm mit. Jetzt interviewen wir beide erst mal die Dame da oben und dann sperren wir das Tor ab. Okay?“
„Okay.“ Widerwillig lief Bernd Seite an Seite mit Lukas bergan. „Bist Du eigentlich über die Lage informiert?“, fragte er eher beiläufig.
„Klar, Schöneborn hat uns während unserer Anfahrt über Funk eingeweiht.“
„Na, dann ist es ja gut“, wirkte Kleinheisterkamp immer noch etwas unwirsch. Irgendwie stank es ihm, dass einem die Leute von der Kripo immer den Zucker von der Schnitte leckten, sobald sich mal ein interessanter Fall auftat.
Als sie oben ankamen, erhellte sich die Miene der Frau mit dem Piratentuch. „Schön, dass Sie kommen konnten“, grüßte sie breit lächelnd. „Ich bin Britta Homrighausen. Guten Tag.“ ‚Wie kann man in einer solchen Scheiß-Situation nur so fröhlich sein?‘, fragte sich der Kommissar, dem nicht entgangen war, dass die Frau größte Probleme hatte, aufrecht stehen zu bleiben, während sie ihre rechte Hand zum Gruß anbot. ‚Und das Tuch auf dem Kopf ist sicher auch kein gutes Zeichen.‘
„Auch guten Tag“, gab er lächelnd zurück und schüttelte vorsichtig die kräftige Hand der kleinen Frau. „Ich bin Sven Lukas von der Kriminalpolizei Bad Berleburg. Und das ist der Kollege Bernd Kleinheisterkamp.“
„Hallo“, sagte der. Während er behutsam die gereichte Hand schüttelte, fragte er galant: „Warum nehmen Sie nicht einfach Platz? Sie haben ja zum Glück eine Sitzgelegenheit dabei.“
„Mach’ ich, danke. Sie glauben gar nicht, wie gerne. Wollte nur höflich sein.“ Etwas umständlich quetschte sich die recht umfangreiche Dame zwischen die Griffstützen ihres Rollators auf die Sitzfläche. Als sie schließlich saß, fragte Lukas: „Frau Homrighausen, Sie haben uns zugerufen, Sie hätten etwas zu berichten. Um was geht es denn dabei?“
„Tja, wissen Sie“, begann die Frau, „ich weiß ja gar nicht, ob das für Sie irgendeine Bedeutung hat. Aber ich sehe mich als Staatsbürgerin schon verpflichtet, der Polizei Dinge und Ereignisse anzuzeigen, die mir verdächtig erscheinen.“
‚Oh Gott‘, schauderte es beide Beamten gleichermaßen, ‚mal wieder so eine Fadengerade‘, wie Jürgen Winter Leute nannte, bei denen das Grundgesetz unter dem Kopfkissen liegt und die sich vor Wichtigkeit keinen Rat wissen.‘ Schon der bedeutungsschwangere Aufgalopp ließ Übles ahnen.
„Ah ja. Und was ist Ihnen verdächtig vorgekommen?“
„Ich gehe mal davon aus, dass der Mann, der dort unten gerade untersucht wird, ermordet worden ist.“
„Wer sagt Ihnen das?“
„Niemand. Das ist ja das Problem. Der Kollege, den ich vorhin danach gefragt habe, hielt es ja nicht für nötig, mir zu erzählen, was dort passiert ist.“
Sven machte große Augen. „Warum hätte er das tun sollen?“
„Ganz einfach“, lächelte Frau Homrighausen, „weil ich ihn bei seiner Ankunft danach gefragt habe.“
„Naja, also wissen Sie“, meinte der ‚Freak‘ und schabte an seinem Kinn, „wir sind ja auch keine Auskunftei. Wir sind die Polizei und haben für Recht und Ordnung zu sorgen. Unter anderem auch für die Aufklärung von Verbrechen. Aber damit können wir natürlich erst anfangen, wenn wir uns ein Bild von der Lage gemacht haben.
Und wenn ich Sie richtig verstanden habe, war der Kollege ja auch gerade erst am Friedhof aufgetaucht, als Sie ihn fragten. Da konnte er doch noch kein Bild von der Lage haben. Es war also ein wenig viel verlangt, von ihm zu erfahren, was da passiert war.“
„Außerdem“, fügte Bernd hinzu, „ist es nicht immer ganz schlau, mit jedem darüber zu reden, was uns gerade beschäftigt.“
„Verstehe. Aber vielleicht wissen Sie inzwischen trotzdem, ob der Mann da unten ermordet worden ist.“
„Ja, das wissen wir.“ Lukas wurde ein wenig ungeduldig.
„Und wie?“
„Also bitte, das führt nun wirklich zu weit.“
Die Dame ließ sich allerdings nicht beirren. „Wie denn nun? Erschossen, erwürgt, erschlagen?“
„Frau Homrighausen, ich bitte Sie. So neugierig kann man doch gar nicht sein. Was hat denn das für einen Belang für Sie? Oder arbeiten Sie etwa für eine Zeitung oder sonst ein Medium?“
„Blödsinn. Ich frage nur deshalb so energisch nach, weil es sein kann, dass ich eventuell Maßgebliches dazu beitragen könnte, den Täter zu fassen. Falls der arme Mann …“, unterbrach sie sich mit theatralisch erhobenem Zeigefinger und schaute ins Nirgendwo, „falls …“
„Falls er was?“
„Falls er erschlagen wurde.“
Die Polizisten schauten sich an, als hätten sie eine Erscheinung der dritten Art gehabt. Wie, um alles in der Welt, kam die Frau denn ausgerechnet auf Erschlagen? War sie etwa die Täterin? Eher nicht. Sie konnte sich ja so kaum auf den Beinen halten. Aber vielleicht hatte sie den Toten bereits gesehen, bevor überhaupt ein Polizist am Tatort gewesen war.
‚Schwachsinn‘, verwarf der Kommissar diesen Gedanken wieder. ‚In beiden Fällen hätte sie nicht so nervig nach der Todesart und der Mordmethode fragen müssen. Oder ist das alles hier nur eine miese Schau?‘
„Ich sag’s Ihnen“, rang er sich schließlich durch, „er wurde tatsächlich erschlagen.“
„Also doch“, flüsterte sie. „Dann muss ich Ihnen was zeigen. Kommen Sie mal mit!“
„Wohin?“
„Raus aus dem Friedhof. Nur ein paar Meter. Da vorne steht mein Wagen.“
Genauso umständlich, wie sie sich gesetzt hatte, schälte sie sich wieder aus ihrer Sitzposition heraus und startete mit dem Rollator in Richtung Ausgang. Gemessenen Schrittes trotteten die Beamten hinterher, bis die Frau an einem grünen Polo stehen blieb und mit klimperndem Schlüsselbund versuchte, die Heckklappe zu öffnen.
„Kommen Sie“, bot sich Bernd an, „ich helfe Ihnen.“ Fast behutsam nahm er der dankbaren Frau die Schlüssel aus der Hand und öffnete den hinteren Fahrzeugbereich.
„Da, schauen Sie“, deutete sie auf die untere Ablage, „das meine ich. Das wollte ich Ihnen zeigen.“
„Oh Shit“, entfuhr es Kleinheisterkamp. Mit weit aufgerissenen Augen rammte er dem ‚Freak‘ einen Ellenbogen in die Flanke. „Ein Spaten. Da drin liegt ein Spaten.“
Der Kollege nickte. „Ja, sehe ich. Woher haben Sie den denn, Frau Homrighausen? Haben Sie den von zu Hause mitgebracht?“
„Quatsch, hab’ ich nicht!“, antwortete sie scharf. „Den habe ich unten vom Parkplatz aufgepickt.“
„Wie – aufgepickt? Lag der da einfach so rum?“
„Nicht einfach so. Den hat einer dort in die Hecke geschmissen, bevor er sich mit seinem Auto aus dem Staub gemacht hat.“
„Oha, jetzt wird es interessant. Sie haben jemanden gesehen, der diesen Spaten weggeworfen hat, bevor er sich ins Auto setzte und davonfuhr?“
„Davonraste. Richtig!“
„Wie sah der Mensch aus?“
„Kann ich nicht sagen. Ich kam gerade erst von oben die Straße runter. Ich hatte meine Freundin besucht und wollte nach Hause, als mir im Vorbeifahren das Auto auffiel, das da mit der Schnute zur Straße und mit offener Fahrertür auf dem Parkplatz stand. Ich guckte rüber und konnte gerade noch sehen, wie jemand, der ziemlich durch die Wagentür verdeckt war, den Spaten in Richtung Hecke warf.“
„Und dann?“
„Danach konnte ich nichts mehr sehen. Weil mir die Hecke nach wenigen Metern die Sicht versperrte.“
„Ja, aber Sie sagten doch, der Mensch sei davongerast“, insistierte Kleinheisterkamp. „Das konnten Sie doch dann gar nicht mehr sehen.“
„Konnte ich wohl. Als ich unten auf der Hauptstraße gerade Richtung Womelsdorf abgebogen war, hat mich dieser Irre mit seinem Mordskarren überholt und ihn unten in der Kurve beinahe auf die Seite gelegt. Dann war er weg.“
Bernd schüttelte den Kopf. „Das gibt’s doch gar nicht. Das sind doch gerade mal knapp hundert Meter bis in die Kurve.“
„Ja, ja, komm, das ist jetzt nicht so wichtig“, unterbrach der ‚Freak‘. „Was war denn das für ein Auto? Sie sagten ‚Mordskarren‘. Was denn für einer?“
„So’n Audi Q weiß der Himmel was. So’n riesiger SUV auf jeden Fall. Ziemlich neues Modell.“
„Farbe?“
„Weiß.“
„Und die Autonummer? Haben Sie sich die Autonummer merken können?“
„Äääh … ja, nee, nicht genau.“
„Was denn nun? Ja oder nein?“
„Ja, nur einen Teil. Vorne auf alle Fälle HU, dann nix, also da nix, wo früher ein Strich war und dann ein I … mehr weiß ich nicht. Der war einfach zu schnell.“
„Das ist aber immerhin schon mal was. Und mit ‚HU, Trennung I‘ sind Sie auf alle Fälle sicher?“
„Aber ja. Ich hab’ noch für mich geflachst, der fährt genauso wie seine Autonummer: ‚Hui‘.“
„Danke, Frau Homrighausen. Das hilft uns wirklich sehr. Noch was zum Fahrer?“
„Nee, zu dem wirklich nichts. … Außer …, ich hab’ auf dem Parkplatz unter der Tür seine Beine rausgucken sehen. Dunkle Hose und schwarz glänzende Lederschuhe. Mein lieber Mann, hab’ ich noch gedacht. Bestimmt ein Industrieller oder sowas in der Art.“
„Wieso meinen Sie?“
„Naja, wer läuft denn bei so einer Hitze heutzutage noch in Schwarz rum?“
„Und oben?“
„Nix gesehen. Ich glaub’, der hatte getönte Seitenscheiben.“
„Noch eine Frage. Wann war das denn genau? Wie spät war es? Können Sie sich erinnern?“
„Natürlich. Ich hab’ mich oben am Berg von meiner Freundin verabschiedet, da begannen gerade die 14-Uhr-Nachrichten. Also war ich ungefähr vier, fünf Minuten später hier.“
„Sind Sie sicher?“
„Natürlich. Als ich losfuhr, hab’ ich extra noch das Radio lauter gestellt. Spitzenmeldung war, dass sich heute diese Frau von der Leyen mit einer Rede als Kommissionspräsidentin in Brüssel bewirbt.“
„Wahnsinn. Was Sie sich alles merken können.“
„Es interessiert mich halt. Ich kann mit der Frau zwar politisch nichts anfangen. Aber eigentlich finde ich alles, was Frauen in Spitzenpositionen so leisten, richtig toll.“
„Danke. Kleinen Moment mal bitte“, meinte Sven und ging ein paar Schritte zur Seite. Per Handy rief er bei Petra Fischer im Kommissariat an. „Tu mir bitte einen Gefallen und gib’ gerade mal eine Fahndungsmeldung raus. ‚Gesucht wird ein weißer Audi SUV, Q-Modell neuerer Bauart, Farbe weiß, Kennzeichen HU, Trennung, I, mehr ist nicht bekannt. Es gibt auch keine Infos zum Fahrer. Das Fahrzeug wurde gegen 14:10 Uhr zuletzt gesehen in Birkelbach, Fahrtrichtung vermutlich Erndtebrück.“
Nach dem Zusatz der üblichen Präliminarien wie ‚Hinweise an …‘ und so weiter beendete er sein Telefonat und kehrte wieder zu den beiden zurück. „So, Frau Homrighausen, jetzt noch was ganz Wichtiges: warum sind Sie eigentlich wieder hierher zurückgekommen?“
„Ja nun“, antwortete sie und machte eine kleine Pause, „als ich zu Hause war, ist mir erst einmal richtig klar geworden, was ich da eigentlich erlebt habe. Erst der weggeworfene Spaten, dann dieser davonrasende Audi-Fahrer. Ich dachte, da ist irgendwas im Busch. Deshalb bin ich nochmal losgezogen. Und als ich hier ankam, war schon die Polizei vor Ort.“
„Und dann haben Sie den Spaten an sich genommen?“
„Klar. Und das wollte ich Ihrem Kollegen sagen. Aber der hatte ja keine Zeit für mich.“
„Ja okay, aber warum haben Sie ihm den Fund denn nicht einfach gezeigt?“
Diese Frage hätte Sven besser nicht gestellt. Denn sie brachte ihm nicht nur einen vorwurfsvollen Blick ein. Er bekam auch eine richtig pampige Antwort. „Wie denn bitte, Herr Kriminalrat? Rollator fahren, Spaten halten und noch hinterherrennen? Vergessen Sie’s!“
Der ‚Freak‘ schwankte zwischen Mitleid und Ausraster. ‚Weiß der Himmel, wie oft diese Nervensäge das Ding schon in der Hand gehabt und damit Täterspuren verwischt hat‘, dachte er. Die wären nämlich ohne Schwierigkeiten nachweisbar gewesen. Spatenstiel und Griff hatten schließlich einen Lacküberzug. Für die KTU eigentlich so etwas wie ein Elfmeter. Aber jetzt …
Als hätte sie die Gedanken des Kommissars erahnt, griff die kleine Frau kurzerhand in den Kofferraum. „NEIN, NICHT!“, brüllten die Polizisten, die einen Meter zu weit weg standen, um eingreifen zu können. Aber sie grinste nur und holte einen Arbeitshandschuh hervor. „Für Sie scheine ich ja wohl der absolute Vollpfosten zu sein. Oder?! Ich werde das Teil doch nicht mit bloßen Händen anfassen.“
Fassungslos schauten die beiden Polizisten auf den Spaten. Man musste kein Fachmann sein, um festzustellen, dass das scharfkantige Teil mit brachialer Gewalt in etwas hineingeschlagen worden war, das Blut und Haare an der linken Blattseite hinterlassen hatte.
„Boah! Das ist ja noch nicht mal ganz trocken“, beschrieb Bernd die offensichtlichen Spuren der Gewalttat. „Und der Spaten ist messerscharf. Schau mal, der scheint nagelneu zu sein.“
Vor der Kapelle hatte der Leichenbeschauer seine Arbeit mittlerweile beendet und vorab bereits ein vages Urteil zur Todesursache gefällt. „Tod durch Genickbruch, spätestens aber durch hohen Blutverlust. Hervorgerufen durch einen massiven Schlag mit einem scharfkantigen Gegenstand in Höhe des vierten Halswirbels.“
Das deckte sich mit den Vermutungen des Notarztes, der gemeinsam mit dem inzwischen heruntergekühlten Dörnbach bereits das Gelände verlassen hatte. Der Mann mit dem Hitzschlag war auf dem Weg ins Krankenhaus nach Berleburg. Auf eine Vernehmung hatten die Beamten angesichts seines Zustandes vorerst verzichtet.
Den Toten hatten die Kollegen mit einer Alufolie zugedeckt, weil der Mann noch nicht abtransportiert werden konnte. Der Staatsanwalt ließ mal wieder auf sich warten. Und auch der Leichenwagen war noch nicht da. Es gab also noch gar keine Möglichkeit, das Opfer vor den höchst interessierten Fliegen durch einen Plastiksack, oder gar einen Zinksarg zu schützen.
Mit spitzen Fingern hatte Dirk Finkbeiner den Geldbeutel des Getöteten aus dessen Gesäßtasche gefriemelt und darin sowohl Führerschein als auch Personalausweis gefunden. Nach eindeutiger Identifizierung über die Passfotos war klar, bei dem Toten handelte es sich um Daniel Böttcher aus Bad Berleburg. Der Bedauernswerte war gerade einmal 39 Jahre alt geworden.
In der Kurstadt liefen bereits die Recherchen zu Personenstand, Beruf und eventuellen Angehörigen. Klaus Klaiser hatte das in Auftrag gegeben und nebenbei beobachtet, dass die beiden Kollegen oben beim Friedhof noch immer mit der Rollator-Dame beschäftigt waren.
Per Handy fragte er nach und staunte, als ihm der ‚Freak‘ von dem Spaten und Frau Homrighausens Beobachtungen erzählte. „Sag bloß. Die Frau hat den Mörder gesehen und die Mordwaffe einfach mitgenommen?“
„Davon müssen wir im Moment mal ausgehen.“
„Und sie selbst? Kommt sie als Täterin nicht in Frage?“
„Nee, das glaube ich nicht. Geht rein technisch gar nicht. Kleinheisterkamp sieht das auch so.“ Mehr wollte er am Telefon mit Rücksicht auf die Zeugin nicht sagen. Wie hätte er denn ihr Handicap beschreiben sollen, ohne dass sie das mitbekommen würde? Die Frau war ohnehin schon hibbelig genug.
„Ich komme mal rauf zu Euch.“ Der Kripo-Chef wollte gerade das Telefonat beenden, als ihm noch etwas einfiel. „Habt Ihr eigentlich eine Fahndung nach dem Wagen rausgegeben?“
„Klar. Läuft schon ‘ne ganze Weile. Aber sollten wir bei dieser Hitze nicht den uniformierten Kollegen den Rest des Geländesuchspiels ersparen? Ich meine, es reicht doch wahrscheinlich, wenn die sich auf den Bereich um den Parkplatz konzentrieren.“
Doch die hatten ohnehin schon ergebnislos abgebrochen und versuchten, sich mit Getränken aus den Einsatzfahrzeugen zu erfrischen. Aber die hatten sich längst der Außentemperatur angepasst, wie man dem einen oder anderen Fluch entnehmen konnte.
„Sei mal kurz ruhig“, bat Manni Burmester den Kollegen. Die Leitstelle in Siegen gab gerade die Fahndungsmeldung per Funk an alle Streifen heraus. „HU, Trennung I“, hatte er mitbekommen und wartete auf die Wiederholung. Beim Stichwort „weißer Audi SUV, Q-Modell“ streckte er sich kerzengerade durch.
„Bingo!“, rief er, „den haben wir doch heute Vormittag bei der Kontrolle oberhalb von Weidenhausen in der Mache gehabt. Der ist doch gefahren wie ein Henker, über 45 Klamotten zu schnell.“
„Stimmt.“ Georg Hutschneider streckte seinen Daumen hoch. Den Fahrer hatte er sich gemerkt. Weil er derjenige Beamte war, der im Bulli saß, den ganzen Papierkram erledigen und die Bußgelder kassieren musste.
„Der stand total unter Zeitdruck und hat die 160 Euro ohne Widerspruch sofort bezahlt. Mit seiner Karte. Hatte angeblich `n wichtigen Termin. ‚Den Führerschein kann ich doch behalten, bis Ihr mir schreibt, oder?‘, hat er noch gefragt. Dann ist er abgedüst.“
Hutschneider kramte in seiner Kladde die Durchschläge der Protokolle und Zahlungsbelege durch. … „Moment, wir haben doch seine Personalien hier, hab’s gleich.“ Mit nassem Finger blätterte er den ansehnlichen Stapel durch wie ein Geldbündel.
„Hier!“, brüllte er förmlich, „das ist er. Warte, äääh, Jörg Rainer Radtke, geboren 15.10.73, wohnhaft Willy-Brandt-Straße 53, Hanau.“
„Klasse!“ Burmester jubilierte. „Und das Kennzeichen?“
„HU-I 9537.“
„Super!“ Georg ballte triumphierend die rechte Faust. Dann griff er zum Funkmikro und rief die Leitstelle. „Wär’ doch gelacht, wenn der uns durch die Lappen ginge.“
Die Streifenpolizisten staunten nicht schlecht, als sie vor dem Mc Donald’s in Geisweid von einem schlanken Mann in schwarz-weiß angesprochen wurden. Sie hatten sich gerade mit einer großen Cola samt viel Eis eingedeckt, um den Rest ihrer Schicht auf den brüllend heißen Straßen besser ertragen zu können. Da war der weiße Audi Q5 auf den Parkplatz gefahren.
‚Henner‘ Seifert auf dem Beifahrersitz hatte sofort kapiert, wer da aus dem Wagen gesprungen war und auf sie zukam. Schließlich hatten sie die Fahndung nach dem Wagen schon zweimal im Funk mitbekommen.
Doch bevor er auch nur papp sagen konnte, klopfte der Mann bereits an die rechte Seitenscheibe und bat durch die typische Handbewegung, diese herunterzulassen.
„Entschuldigung, können Sie mir sagen, wie ich hier zum Friedhof komme?“
„Zum Friedhof?“ Seifert schaute ein wenig belämmert.
„Ja, Friedhof. Ich bin jetzt die Straße zweimal bis zum Ortsende und zurück gefahren und kann ihn nicht finden. Auch das Navi zeigt keinen Friedhof an. Und ich bin ohnehin schon viel zu spät für die Beerdigung.“
„Warten Sie“, mischte sich Kollege Jens Blecher ein, „ich zeig’ Ihnen auf der Karte, wie Sie hinkommen.“ Mit einem Stadtplan von der Ablage stieg er auf der Fahrerseite aus und kam heftig niesend um den Bulli herum. „Hier“, reichte er Henner den Plan an dem Mann vorbei, „guck im Quadranten D3 nach. Ich muss mir mal eben die Nase putzen.“
Henner war irritiert, ließ sich aber nichts anmerken, als sich der Audi-Fahrer ihm zuwandte. Denn er sah im Hintergrund, dass Blecher statt in die Hosentasche nach hinten zum Gürtel griff. Blitzschnell hatte er von dort seine Handschellen vorgeholt und in Bruchteilen von Sekunden bereits das rechte Handgelenk des arglos fragenden Mannes gefesselt.
„Hey, was soll das?!“, schrie Radtke entsetzt auf und wollte sich abrupt umdrehen. Aber da hatte der Beamte bereits seinen linken Arm mit stahlhartem Griff auf den Rücken gedreht.
„Aua! Das tut weh!“
„Dann bleiben Sie einfach ruhig stehen. Dann passiert Ihnen nichts.“
„Was hab’ ich denn getan, verdammt nochmal? Sie können mich doch nicht einfach hier auf offener Straße ohne Grund und Ursache festnehmen.“
„Doch können wir. Nach Ihnen wird nämlich bundesweit gefahndet, Herr Radtke.“
Es schien den Polizisten, als schwinde die sommerliche Bräune im Gesicht des Festgenommenen. „Nach mir wird was?“
„Gefahndet“, antwortete Henner. „Sie werden polizeilich gesucht.“
„Verstehe ich nicht. Warum das denn? Was wirft man mir denn vor? Etwa zu schnelles Fahren? Ich hab’ doch bei Ihren Kollegen schon gezahlt. Und die haben mich weiterfahren lassen. Oder kann man deswegen neuerdings auch noch nachträglich festgenommen werden?“
„Nein, deswegen nicht.“
Irritiert blickte der Mann von einem Polizisten zum anderen. Längst war sein blütenweißes Hemd an verschiedenen Stellen leicht transparent geworden. Es klebte dort an seinem athletischen Körper. „Aber weshalb denn dann?“
„Das wird man Ihnen auf der Dienststelle sagen. Bitte kommen Sie jetzt mit uns.“
Die Nachricht vom schnellen Fahndungserfolg hatte eingeschlagen wie eine Bombe. „Effektiver geht es ja nun wirklich nicht“, freute sich Klaus Klaiser, der immer noch auf dem Friedhof in Birkelbach stand und dort nach einem Intensivgespräch mit Frau Homrighausen auch noch mit einem Neuen von der Spurensicherung zusammengerumpelt war.
„Verdammt, das ist doch immer dasselbe“, hatte der losgemault und sich aufgepumpt wie ein Ochsenfrosch. „Wie sollen wir denn jetzt noch brauchbare Fingerabdrücke und Spuren am Tatort sichern können, wenn hier tausend Leute überall rumlatschen und alles begrabschen?“
‚Lieber Himmel was ist das denn für eine peinliche Figur?‘, wollte der ‚Freak‘ gar nicht glauben, wie dieser Mensch sich aufführte. Der Typ war gerade erst aufgetaucht und hatte keinerlei erkennbaren Grund für sein Gestänker.
„Sagen Sie mal“, fuhr er ihm deswegen in die Parade, „haben Sie das aus schlechten Krimis oder was? Sie können hier gerne ohne das Gemotze antreten. Oder gab’s bei Ihnen zum Mittagessen Heftzweckensalat mit Glasscherbendressing?“
Die wenigen Zeugen des Auftritts mussten an sich halten, um nicht laut loszulachen. Nur der SpuSi-Mann blieb bei seinem Stiefel. „Wie kommen Sie mir denn vor?“, fauchte er verächtlich, „haben Sie überhaupt ‘ne Ahnung, was es bedeutet, manchmal jeden Grashalm umdrehen zu müssen, um überhaupt was zu finden?“
„Mehr als Sie glauben. Genauso wie alle anderen Kollegen hier.“ Lukas hätte den Mann ohrfeigen können. „Wir machen unseren Job schließlich auch nicht erst seit gestern.“
„Ja, aber nicht meinen.“
„Den möchten wir ja auch gar nicht haben“, schaltete sich Klaus ein. „Und jetzt zeigen Sie doch bitte einfach mal, was Sie draufhaben.“
Der Angesprochene fuhr herum. „Dann halten Sie sich doch schon mal da raus.“
„Au, au, au“, rief der Kripo-Chef und lief verdächtig rot an, „jetzt aber mal ganz langsam, ja?! Sie lassen jetzt einfach den Dampf aus dem Kessel und stellen sich ordentlich vor. Hier hat keiner auch nur die Spur einer Ahnung, mit wem wir es zu tun haben.“
Irgendwie schien das nicht zu helfen. „Wer ist ER denn?“, fragte der SpuSi-Mann blöde grinsend in die Runde.
„Och“, meinte Sven, „nur unser Chef. Erster Kriminalhauptkommissar Klaiser.“
„Ach so.“ Sendepause. Als hätte ihm jemand irgendwo eine Nadel reingesteckt, verlor der Aufgepumpte zusehends an Spannung. Seine Hände suchten irgendeine Parkposition, fanden aber keine. „‘tschuldigung“, stotterte er, „ich … ich … konnte ja nicht wissen. Ich ääh, ich bin Markus Hilpert und vertrete den Leiter der Spurensicherung, Herrn Steiner.“
„Na dann. Wäre schön, wenn Sie ihn auch in Sachen Benimm vertreten würden. Und in Sachen Kompetenz.“ Stinksauer drehte Klaus ab, Richtung Ausgang. „Was für ein Fatzke“, zischte er. Aber dann kam der Anruf mit der Information über die Festnahme.
„Weißt Du was, lass uns sofort nach Siegen fahren und uns den Herrn in der Arrestzelle vorknöpfen“, schlug Klaiser vor. Und als Sven ihn von der Seite anschaute und auf sein durchgeschwitztes T-Shirt deutete, fügte er grinsend hinzu. „Stell Dich nicht so an. Heißer wird’s heute eh nicht mehr. Ich mach’ die Fenster auf. Der Fahrtwind wird Dich schon trocknen.“
Doch hatte der allenfalls die Wirkung eines gigantischen Heißluft-Föns und sorgte dafür, dass der Entschluss zur Wageninnenbelüftung bald wieder rückgängig gemacht wurde. Zumal die schon etwas in die Jahre gekommene Klimaanlage endlich ihre Arbeit aufnahm.
„Ich verstehe nicht ganz, warum dieser Radtke nach Siegen gefahren ist“, meinte Sven nach einer Weile. „Warum fährt der Kerl nicht so schnell wie möglich auf irgendeine Autobahn und haut so weit wie möglich ab?“
„Hab’ ich mich auch schon gefragt. Vollkommen schräg. Stattdessen bleibt er in der Nähe und sucht einen weiteren Friedhof.“
„Wie? Er suchte einen weiteren Friedhof? Wer sagt das denn?“
„Die Kollegen, die ihn einkassiert haben.“
Der ‚Freak‘ runzelte die Stirn und fragte eher belustigt, „meinst Du, der hätte eventuell noch ‘ne Leiche, die er im Kofferraum mitgebracht hat?“
„Um Gottes Willen! Nein!“
„Was macht Dich da so sicher?“
„Was mich da so sicher macht? … Naja, er hätte doch niemals eine Polizeistreife nach dem Weg gefragt. Schon allein, um nicht aufzufallen.“
„Oder gerade doch. Weil das niemand für möglich halten würde.“
„Nee, nee“, lachte Klaus und beschleunigte am Ortsausgang, „er hätte die Leiche doch schon in Birkelbach entsorgen können. Einfach in das frisch geschaufelte Grab, ein bisschen Erde drauf und fertig. Bei der Beerdigung wäre dann auch noch ein Sarg drauf gekommen. Die nächsten 30 Jahre hätte kein Mensch die Leiche darunter jemals wiedergefunden.“
„Vielleicht hatte er das ja vor, aber kam nicht mehr dazu. Weil ihn der Mann erwischt hat, den wir dort tot aufgefunden haben. Erschlagen mit dem Spaten, den er mitgebracht und dann weggeworfen hat. Radtke konnte ja nicht ahnen, dass diese Frau Homrighausen das mitgekriegt und an uns verpetzt hat.“
„Und wieso fährt er dann ins Siegerland, um die Leiche zu entsorgen, statt das hier irgendwo in der Nähe zu versuchen?“
„Das müssen wir ihn schon selbst fragen. Du hast mir doch eingetrichtert, dass Mörder häufig völlig irrationale Entscheidungen treffen. Ich ruf’ mal eben bei den Kollegen in Siegen an und bitte die, sein Auto und den Kofferraum zu durchsuchen.“
„Mach’ das“, stimmte Klaiser zu. „Um alle Zweifel auszuschließen kann man das mal machen.“
Hinter dem Bahnübergang in Altenteich gab der Chef richtig Gas. Diese ewigen Geschwindigkeitsbegrenzungen auf der B62 gingen auch eiligen Polizisten mitunter sehr auf den Zeiger. Und dann noch diese Hitze. Vor ihnen waberten Straße und Landschaft wie ein Trugbild in der Luft.
‚Fehlt nur noch eine Flasche kaltes Bier als Fata Morgana‘, dachte Klaus und musste grinsen. Der ‚Freak‘ telefonierte, schien aber ähnliches zu denken. Zumindest zeigte er während des Gesprächs nach vorne und meinte kopfschüttelnd „is’ ja irre. … Nein, nein, Kollege, nicht Du!“
Sarah Renner und Rüdiger Mertz war dagegen absolut nicht zum Lachen zumute. Eher das Gegenteil war der Fall. Denn sie saßen einer von Weinkrämpfen geschüttelten jungen Frau gegenüber. Pia Böttcher hatte ihr Gesicht in beiden Händen vergraben und war zu keinem Gespräch in der Lage. „Ich begreife das nicht, ich begreife das einfach nicht“, stammelte sie immer nur.
Natürlich hatten beide ein mulmiges Gefühl im Bauch gehabt, als ihnen das Überbringen der Todesnachricht aufgetragen wurde. Niemand unter den Kollegen übernahm solche Aufgaben gerne und schon gar nicht freiwillig. Aber Mertz gehörte zu den erfahreneren Kollegen und war, so schlimm das auch klingen mag, ohnehin an der Reihe.
Da Sarah Renner die im Moment einzig verfügbare Polizistin war, musste sie Rüdiger begleiten. Denn der Chef wollte, dass eine Beamtin dabei ist, wenn die Nachricht vom Tod eines Familienmitglieds an eine Frau überbracht wird und kein Notfallseelsorger zur Verfügung steht.
Ohne Widerspruch stellte sich die Kollegin dieser Aufgabe. „Weil auch solch unschöne Aufgaben zum Polizeiberuf dazugehören“, hatte sie gesagt.
„Wer um alles in der Welt hat Daniel denn das angetan?“, flüsterte die Frau kraftlos und starrte die Beamten an. Ihre geröteten Augen suchten eine Antwort in den Gesichtern von Sarah und Rüdiger. Die Ermittlerin schüttelte nur sachte den Kopf und schämte sich fast für ihre polizeitypische Phrase voller Hilflosigkeit. „Wir wissen es nicht, Frau Böttcher. Noch nicht.“
„Dabei hat er doch nur ein paar Blumen zum Grab seiner Tante bringen wollen“, erzählte sie nach Minuten des Schweigens. „Seine pflegebedürftige Mutter habe ihn darum gebeten, sagte er mir noch am Telefon … Ach Gott …“, ein erneuter Weinkrampf schüttelte sie, „… das war unser letztes Gespräch … Die letzten Worte von ihm.“
Schluchzend wandte sie sich ab. „Daniel war während seines Urlaubs fast täglich in Birkelbach. Er liebte seine alte Mutter abgöttisch.“
Der Weinkrampf der jungen Witwe nahm kein Ende. Und sowohl Sarah als auch Rüdiger schien es gänzlich unangebracht, jetzt die üblichen Fragen zu stellen. ‚Hatte er Feinde, wer könnte ihm Böses gewollt haben, wie war er mit Kolleginnen und Kollegen zurechtgekommen?‘ Heute nicht! Das musste warten.
Gut eine halbe Stunde nach Beginn der traurigen Mission nahm sich schließlich der Hausarzt Pia Böttchers an, um ihr ein Beruhigungsmittel zu spritzen. Rüdiger hatte Dr. Gedeon telefonisch hergebeten, nachdem er auf dem Sekretär im Wohnzimmer ein Rezept über Psychopharmaka für die Hausherrin entdeckt und Sarah darauf aufmerksam gemacht hatte. Beide fürchteten, sie könnte sich unter der Last der Ereignisse etwas antun.
„Eine absolut richtige Entscheidung“, wie der Arzt den Kripo-Leuten bescheinigte. „Es muss jetzt auch reichen. Ich möchte Sie bitten zu gehen und mit Ihren Fragen bis morgen, eventuell auch später, zu warten“, bestätigte er ihren ohnehin gefassten Entschluss. Unter den gegebenen Umständen sei eine Befragung reines Gift für die junge Frau.
„In Ordnung“, willigte Mertz ein. „Aber den PC von Herrn Böttcher müssen wir auf jeden Fall mitnehmen.“
Die Witwe nickte. Und der Arzt ging den beiden voraus ins Arbeitszimmer, wo sie einen Laptop fanden und vom Netz nahmen. „So, aber jetzt gehen Sie bitte.“
Nichts, was sie lieber taten. Dieser beklemmenden Atmosphäre entkommen zu dürfen, war schon fast eine Gnade. Vor allem für Sarah. Still setzte sie sich in den Wagen. Und Rüdiger, der mit ihr eigentlich kurz das weitere Vorgehen besprechen wollte, traute sich nach einem Blick zu ihr herüber nicht, sie anzusprechen. Er ahnte, wie aufgewühlt sie tief im Inneren war.
Als sie auf ihrer Fahrt von dem netten Haus am Herrenacker hinunter in die Stadt am Tor zum Schlosspark vorbeikamen, verdrückte die Kollegin verschämt ein paar Tränen. „Du musst Dich nicht schämen für Deine Gefühle“, versuchte Mertz zaghaft ein Gespräch. „Du kannst mir glauben, dass mir so etwas genauso zu Herzen geht wie Dir.“
„Du meinst, weil ich weine?“, fragte sie tapfer zurück.
Er nickte. „Genau das meine ich. Und ich finde es groß, dass Du so lange an Dich gehalten hast.“
„Lieb von Dir. Aber es war etwas anderes. Schau mal in den Rückspiegel. Siehst Du das händchenhaltende Pärchen? Bei diesem Anblick habe ich an Tom und mich gedacht und mir überlegt, was wäre, wenn man mir die Nachricht von seinem Tod überbrächte. Ich wüsste nicht, was ich täte. Ich würde mich wahrscheinlich umbringen.“
Rüdiger wartete einen Moment, um richtig auf die überbordenden Gefühle der Kollegin reagieren zu können. Aber außer einem leichten Schnüffeln hörte er nichts mehr. Sachte zupfte er ein Kosmetiktuch aus der Box in der Mittelkonsole und reichte es zu ihr rüber. „Tom ist Dein Freund?“
„Oh ja.“ Tapfer tupfte Sarah sich die Augen trocken. Dann zeigte sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht. „Und den lass’ ich auch nicht mehr los.“
„Das ist immer dasselbe Theater hier“, brummte Klaus Klaiser. „Wenn Du in Weidenau zur Polizei willst, musst Du weite Wege gehen.“ Sein Gemütszustand ließ sich am Geräusch des Schaltgetriebes ablesen, als er den Rückwärtsgang reinhaute und versuchte, im total zugeparkten Hof umzudrehen.
Sven Lukas wagte es nicht, das Aufjaulen der Getriebezähne auch nur mit einem Ton zu kommentieren. Die hohen Temperaturen machten heute wirklich allen zu schaffen. Sogar dem sonst so disziplinierten Chef, der sich zur weiteren Stellplatzsuche anderswo anschickte.
„Guck, da vorne will einer raus!“, rief der Kollege, „den Platz schnappst Du Dir doch, oder?“ Klaiser nickte, setzte den Blinker und fuhr in Warteposition.
Doch kaum war der Nissan rückwärts aus der Lücke herausgefahren, schoss von der Einfahrt her ein Golf-Cabriolet heran und belegte das begehrte Fleckchen Parkraum wieder. Grinsend stieg ein braungebrannter, junger Bärtiger aus, stolzierte vor dem wartenden Audi her und zwinkerte Klaus zu.
Der Kripo-Chef kochte. „Eine Unverschämtheit reicht mir für heute, mehr brauche ich nicht“, motzte er und sprang aus dem Wagen, bevor ihn der ‚Freak‘ zurückhalten konnte. „Entschuldigen Sie“, sprach Klaiser den ausgesprochen muskulösen Hipster von hinten an, „haben Sie nicht gesehen, dass ich vor Ihnen da war und dort parken wollte?“
Doch der würdigte ihn nicht eines Blickes, zeigte ihm im Weitergehen einen Stinkefinger über die Schulter und rief in breitem Siegerländer Slang: „Do mosste halt schneller sin, Oppa!“
„Sie glauben doch wohl nicht, dass ich mich von Ihnen so behandeln und beleidigen lasse. Mit drei großen Sätzen schoss der düpierte Kriminalist an dem Golf-Proll vorbei, baute sich auf Abstand vor ihm auf und forderte ihn auf, stehen zu bleiben.
„Wat?“, fragte der Grinsemann erheitert und ging langsam auf Klaus zu, „wat soll isch? Mach Disch ma’ net läscherlisch, Do Dost.“
Sven knirschte mit den Zähnen und ahnte Fürchterliches. So hatte er den Chef noch nie gesehen. Doch der fuhr innerlich offenbar gerade komplett runter und sagte ganz nüchtern: „Das reicht jetzt! Ich hoffe, Sie können lesen.“
„Wat willst Do Kasper dann vo mia?“, fragte der Typ. Provozierend knuffte er Klaiser mit der Faust auf die Brust. Doch der blieb ungerührt stehen und schaute ihm schnurgerade in die Augen. „Ich will Ihnen nur zeigen, wen Sie gerade beleidigt und attackiert haben.“ Damit griff er blitzschnell nach der wieder nach vorn fahrenden Faust, drehte sie nach innen und veranlasste deren Besitzer, vor Schmerz pfeifend eine Rumpfbeuge zu machen. „Was ist jetzt?“, fragte er trocken und hielt dem Gebückten seinen Dienstausweis vor die Nase, „können Sie’s selbst entziffern, oder soll ich’s Ihnen vielleicht doch besser vorlesen?“
Der ‚Freak‘ behauptete hinterher sehr zur Gaudi der Kolleginnen und Kollegen, dass man hätte hören können, wie der Muskelmann geschluckt habe. Dabei sei sein Kehlkopf am Hals hervorgetreten und rauf und runter geschossen, „als wenn er ‘ne Maus verschluckt hätte, die dringend wieder raus wollte.“
Sein zweites Zusammenrumpeln an diesem brüllend heißen Tag endete mit einem klaren Punktsieg für Klaus. Björn Schlemper, so hieß der Typ, landete als Personalie samt dem Tatvorwurf „fortgesetzte Beleidigung und Nötigung“ im Notizbuch und anschließend in seinem Golf, um mit einem Affenzahn vom Hof zu fahren. „Entschuldigung“, hatte er noch fast tonlos gestammelt.
„Den hätte ich mit auf die Wache genommen“, war der ‚Freak‘ enttäuscht vom Vorgehen seines Chefs.
„Und?“, hatte der gefragt, „wo hätten wir dann unseren Wagen hinstellen sollen? Der wird seine Abreibung schon noch bekommen.“
Jörg Rainer Radtke lag ausgestreckt auf der Pritsche einer Arrestzelle, als Sven Lukas einen Blick durch die Kontrollklappe warf. „Hallo!“, rief er von innen, „kann ich jetzt endlich mal mit jemandem sprechen, der mir sagt, was mir konkret vorgeworfen wird?“
„Da sind Sie bei uns genau richtig“, antwortete Sven und bat den „Schließer“ darum, den Mann in den Vernehmungsraum zu bringen. Klaus nutzte die Zeit, um sich weiter mit den beiden Beamten zu unterhalten, die Radtke festgenommen hatten. „Der hat keinerlei Widerstand geleistet.“ Soviel könnten sie sagen. Und dass er sich überhaupt keiner Schuld bewusst sei. Er habe vorher nur nach dem Friedhof gefragt und nicht begriffen, was plötzlich mit ihm geschah. „Also wie ein Mörder sieht er nicht gerade aus“, merkte Jens Blecher an. „Aber was heißt das schon?“
Tatsächlich staunten die Kriminalbeamten nicht schlecht, als Radtke ins Vernehmungszimmer geführt wurde. ‚Eine durch und durch gepflegte Erscheinung‘, dachte Sven schon fast neidisch. ‚Durchtrainierter Körper in feinem Zwirn und mit irre teuren Schuhen, garantiert handgenäht und aus Italien.‘ Der Mann sah aus wie geleckt. Lediglich sein blütenweißes Hemd klebte noch hier und da an seiner verschwitzten Haut.
„Guten Tag, ich bin Klaus Klaiser und das ist mein Kollege Sven Lukas. Wir sind von der Kriminalpolizei Bad Berleburg. Nehmen Sie bitte Platz.“
„Danke“, antwortete der Mann jovial. Formvollendet, als komme er zu einem Geschäftsmeeting, stellte auch er sich vor. „Ihnen auch einen guten Tag. Mein Name ist Jörg Rainer Radtke und ich bin CEO der BenRaMet in Hanau. Bitte, was wirft man mir vor?“
„Herr Radtke, Sie stehen im Verdacht, heute in der Zeit zwischen 13:15 Uhr und 14:00 Uhr auf dem Friedhof in Erndtebrück-Birkelbach einen Mann ermordet zu haben.“
„WAAAS?!“ Mit weit aufgerissenen Augen sprang der Mann auf und rief: „Das ist doch nicht Ihr Ernst, oder?!“ Mit fast irrem Blick starrte er den Kripo-Chef an. „ICH soll einen Mann umgebracht haben? Mit allem Respekt – Sie sind ja wahnsinnig!“ Offenbar hatte er mit allem möglichen gerechnet, nur nicht mit einem Mordvorwurf.
„Herr Radtke, setzen Sie sich wieder. Zunächst muss ich Sie darüber belehren, dass es Ihnen nach dem Gesetz freisteht, sich zu der Beschuldigung zu äußern oder zur Sache nicht auszusagen und einen Verteidiger hinzuzuziehen.“
„Auf einen Anwalt kann ich verzichten! Aber natürlich werde ich mich äußern. Nur wüsste ich nicht zu was. Wie kommen Sie denn dazu zu behaupten, dass ich einen Menschen ermordet habe? Das ist doch hanebüchen!“
„Wir haben eine Zeugin, die Sie auf dem Friedhof gesehen hat.“
Der Festgenommene bekam einen trockenen Mund. Heiser fragte er, „wie bitte? Sie haben eine Zeugin?“
„Ja, sagte ich doch. Aber jetzt will ich erst einmal wissen, was Sie in Birkelbach wollten.“
„Ich wollte zu einer Beerdigung.“
„Beerdigung?“
„Ja. So eine Veranstaltung auf dem Friedhof, bei der tote Menschen, die in der Regel in Särgen, oder als Asche in einer Urne liegen, in einem Erdloch verbuddelt werden. Und zwar solche Menschen, die vorher schon tot waren und nicht erst auf dem Friedhof ermordet werden müssen.“
‚Du provozierst mich nicht‘, nahm sich Klaiser vor und fragte ganz ruhig: „Wann sollte die sein?“
„Um 14 Uhr.“
„Ja, aber da war doch gar keine Beerdigung.“
„Das ist es ja. Ich dachte, ich spinne, als ich dort ankam. Trotz einer ziemlich nervigen Polizeikontrolle war ich um 13:56 Uhr dort. Aber da war keine Menschenseele zu sehen. Niemand! Absolute Ruhe. Dabei hatte man mir eine Riesenbeerdigung angekündigt. Der Verstorbene war immerhin Chef einer der ganz großen Gießereien hier. Hans Völz. Sagt Ihnen vielleicht was.“
„Nein, sagt mir nichts“, antwortete Klaiser. „Aber ich weiß, dass in Birkelbach heute keine Beerdigung stattgefunden hat. Haben Sie sich etwa im Datum geirrt?“
„Nein, habe ich nicht!“
„Glaube ich Ihnen sogar“, klinkte sich der ‚Freak‘ ein. „Sie sind doch nicht von Hanau nach Birkelbach gefahren, ohne sich über den genauen Termin zu informieren.“ Dabei grinste er den Probanden frech an und dachte, ‚Junge, du kannst mir viel erzählen, bloß komm mir jetzt nicht mit irgendeinem Scheiß.‘
„Bin ich auch nicht. Der Besuch bei der Trauerfeier war ursprünglich auch gar nicht geplant. Aber weil ich, sagen wir mal, ziemlich in der Nähe war, wurde ich kurzfristig von meinem alten Herrn gebeten, dorthin zu fahren.“
„Von Ihrem Vater? Wie muss ich das verstehen?“
„Mein Vater ist der Seniorchef unseres Unternehmens. Er fühlte sich heute Morgen nicht besonders und sah sich außerstande, selbst zu kommen. Aber Völz war einer unserer ältesten Geschäftspartner. Er meinte, da müsse jemand von uns dabei sein.“
„Aha. Sie sagten, Sie wären in der Nähe gewesen. Wo denn da?“
„Als mich die Information ereilte, dass ich nach Siegen-Wittgenstein muss, war ich gerade bei der Firma Düssmann in Allendorf/Eder. Das ist ja nun wirklich nicht weit weg.“
„Düssmann Heizungen?“
„Genau. Heizung, Klima und so weiter. Einer unserer Premium-Kunden. Mit solchen Kunden telefoniert man nicht mal eben so, wenn Neues ansteht. Zu solchen Gesprächen fährt man persönlich hin. Wir haben da ein komplett neues Projekt im Köcher. Da sollte jetzt bald ein Knopf dran gemacht werden.
Und dann platzt mitten in diese Gespräche der Anruf von meiner Assistentin, die mich über Papas Bitte informierte.“
„Ja, gut. Ihre Assistentin rief an“, zuckte Sven mit den Achseln. „Und weiter?“
„Das hat mich gestört. Wissen Sie?! Wenn es um solch komplexe Verhandlungen geht, dann kann ich solch halb private Telefonate nicht besonders gut haben. Darum habe ich meiner Assistentin gesagt, ich würde mich später melden, sie aber gebeten, schon mal alles Weitere in die Wege zu leiten und vorzubereiten.“
„Was gab es in die Wege zu leiten?“
„Naja, beispielsweise passende Kleidung. Ich hatte keinen dunklen Anzug dabei. Also hat sie Kontakt mit einem Herrenausstatter aufgenommen, der mir diese Sachen hier“, er zeigte auf Hose und Hemd, „direkt vor die Firmentür gefahren hat. Gott sei Dank hab’ ich Idealmaße und kann alles in meiner Größe von der Stange tragen. Ich hab’ mich dann bei Düssmann auf der Toilette umgezogen.“
Der ‚Freak‘ hörte nur kopfschüttelnd zu und fragte schließlich hämisch: „Ja, ja, und die anderen Klamotten, gegen die Sie diese hier getauscht haben, wurden im Firmenklo runtergespült, oder was?“
„Nee, Herr Kommissar, derlei Blödeleien können Sie sich sparen. Die liegen im Kofferraum meines Wagens. Direkt neben dem Kranz, den meine Assistentin noch extra in Allendorf hat machen lassen.“
„Also ein Kranz im Kofferraum – und keine Leiche“, flüsterte Klaus dem ‚Freak‘ zu. „Die Kollegen sollten doch nachgucken, verdammt.“
„Wie bitte?“ Radtke schaute von einem zum anderen. „Was für eine Leiche im Kofferraum?“, fragte er angefressen.
„Nichts, nichts. War nicht für Sie gedacht. … Was haben Sie denn gemacht, als Sie merkten, dass sich in Birkelbach in Sachen Beerdigung nichts abspielt?“
„Ich konnte gar nicht glauben, dass man mich so in die Wüste geschickt hat. Deswegen bin ich ausgestiegen, von meinem Wagen aus eine halbe Treppe hinaufgelaufen und habe auf den Friedhof geschaut. Aber da regte sich nichts. Nur ein paar Gräberreihen weiter oben war jemand dabei, ein neues Grab auszuheben. Ich hab’ den nicht gesehen, sondern habe immer nur eine Schaufel mit Erde hochkommen gesehen. Und mein Rufen hat er offenbar nicht gehört.“
Klaiser nickte. „Das muss wohl dieser… ääh Dörnbach gewesen sein“, flüsterte er wieder. „Mit seinem kaputten Headset in den Ohren.“ Sven nickte. „Und sonst ist Ihnen nichts aufgefallen?“
„Was hätte mir sonst auffallen sollen?“
„Zum Beispiel ein Mann mit einem Blumenstrauß.“
„Nein. Niemand. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass dort niemand zu sehen war.“
„Wir glauben aber schon. Und zwar der Mann, der direkt vor der Friedhofskapelle umgebracht wurde. Und zwar von Ihnen!“
„Sie …, Sie … Sie sind ja total verrückt!“ Radtke schnappte nach Luft. „Warum hätte ich das tun sollen?“
„Weiß ich nicht. Sagen Sie’s uns.“
Der Verdächtige atmete mehrmals tief ein und ließ die Luft durch seinen gespitzten Mund wieder heraus. Mittlerweile war sein Hemd trotz der recht angenehmen Temperatur im Vernehmungsraum fast transparent und klebte wie eine zweite Haut an ihm.
„Hören Sie, auch wenn Sie es noch ein paar Mal probieren. Ich habe niemanden ermordet! Und ich habe auch keinen Mann mit einem Blumenstrauß gesehen. Weder auf dem Friedhof, noch sonst wo. Ist das klar?!“
Die Kriminalisten blieben ruhig. „Herr Radtke, Sie sind doch von der Zeugin gesehen worden“, insistierte Sven weiter.
„Dann lügt diese Frau. Ich war nicht auf dem Friedhof. Kapieren Sie das endlich!“
Wieder Getuschel zwischen den Kommissaren, die schließlich aufstanden und sich mit „einen Moment bitte, wir kommen gleich wieder“, nach draußen verabschiedeten. „Sie sollten vielleicht doch einen Anwalt hinzuziehen. Sie dürfen das Telefon hier benutzen.“
Draußen pulte der Chef sein Handy aus der Tasche und bat die Kollegen in Berleburg um eine kurze Recherche nach dem verstorbenen Gießereibesitzer Hans Völz und dessen Beerdigung und um einen klärenden Anruf bei der Assistentin von Jörg Rainer Radtke bei der BenRaMet in Hanau.
Außerdem sollte nachgefragt werden, ob der Totengräber schon vernehmungsfähig wäre. Falls ja, solle er von seinen Beobachtungen berichten, die er während seiner Arbeit gemacht habe.
Jörg Rainer Radtke hatte die gut zehn Minuten Pause genutzt, um mindestens eine halbe Flasche Mineralwasser in sich hineinzuschütten. Und um seine Firma in Hanau darum zu bitten, ihm einen brauchbaren Rechtsanwalt in Siegen auszugucken. Der möge zur Polizei in der Weidenauer Straße kommen und sich melden, wenn er da wäre.
Die Kommissare hatten sich draußen noch einmal vergegenwärtigt, dass die Zeugin den Festgenommenen nicht auf dem Friedhof gesehen hatte. Aber sie konnten sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass dort ein Mann zu einer Beerdigung auftaucht, die nicht stattfindet und dann nicht mitbekommen haben will, dass dort ein paar Meter weiter ein Mann tot auf dem Weg liegt.
Zunächst wollten sie von dem Festgenommenen aber erst einmal seine Version der Vorkommnisse hören, um ihr Bild von der Sache zu vervollständigen.
„Nachdem auf dem Friedhof wirklich tote Hose war, bin ich zum Wagen zurück und habe mit unserer Firma telefoniert, um zu fragen, was da eigentlich schiefgelaufen war“, erklärte Radtke also. „Wie sich dabei herausstellte, war das Ganze ein Verständigungsfehler meinerseits. Ich hatte, wie ja bereits erzählt, während der Fahrt bei meiner Assistentin Ort und Zeit der Beerdigung erfragt.
Vierzehn Uhr habe ich ja noch verstanden. Aber das mit dem Ort muss ich total verbaselt haben. Frau Süderbrink hatte nicht Birkelbach gesagt, sondern Birlenbach.“
„Ich glaub’s ja nicht! BIRLENBACH?“, wurde Sven Lukas grob und laut. „Sagen Sie mal, wollen Sie uns hier verarschen?“
„Nicht im Mindesten“, blieb der Angebrüllte ruhig. „Das war einfach ein Hörfehler von mir.“
„Das können Sie Ihrer Großmutter erzählen. Welcher Geschäftsmann aus Hanau kommt denn durch einen Hörfehler beim Namen Birlenbach ausgerechnet auf Birkelbach?“
Radtke schüttelte den Kopf. „Ein x-beliebiger Geschäftsmann aus Hanau vielleicht nicht.“
„Na sehen Sie“, triumphierte Sven.
„Aber einer wie ich, der knapp zwei Jahre Soldat in Erndtebrück war, schon.“
Klaiser tat verwirrt. „Wie jetzt? Sie waren zwei Jahre beim Bund in Erndtebrück? Waren Sie … ääh Panzerkommandant oder sowas?“
„Nee-he-he“, lachte der Unternehmer, der das Täuschungsmanöver durchschaut hatte, „Panzer bei der Luftwaffe … Was soll denn das? Mann, Mann, Mann. Ich war in ‚Elendsbrück‘, wie die Soldaten dort sagen, sowas wie ein Fluglotse für Militärflugzeuge. Im CRC, dem ‚Control and Reporting Center.‘ War ‘ne tolle Zeit. Ich erinnere mich gerne daran. Und deshalb hatte ich es schon fast als schicksalhafte Fügung gesehen, dass ich wenigstens mal wieder in die Nähe komme.“
Die Beamten schauten sich an. Sollten sie ihm das glauben? Oder wollte er ihnen einen Mordsbären aufbinden? ‚Der Typ ist mir eine Spur zu tough‘, dachte der ‚Freak‘ und startete noch einen Versuch.
„Sie wollen uns aber nicht weismachen, dass Sie während Ihres Dienstes in Erndtebrück nie etwas von Birlenbach gehört haben.“
„Doch, will ich“, kam es wie aus der Pistole geschossen zurück. „Ich kannte Birlenbach weder vom Namen her, noch von einem Besuch dort. Und auch die Birlenbacher Straße, in der mich Ihre Kollegen festgenommen haben, kannte ich nur vom Navi, das mich von Birkelbach aus dorthin gelotst hat.“
Klaus griff sich an den Kopf. Dem Manne war nicht beizukommen. Allerhöchste Zeit, dass sich die Kollegen endlich rührten und berichteten, ob und was sie über diesen ominösen Gießereibesitzer und seine Beisetzung herausbekommen hatten. Aber vorher musste noch eine ganz wesentliche Frage geklärt werden. „Wo hatten Sie eigentlich den Spaten her, den Sie da in die Hecke gefeuert haben?“
Radtke schaute ihn etwas blöde an. „Was? Das hat Ihre Zeugin etwa auch gesehen?“
„Ja, hat sie. Tatsächlich, das hat sie“, wiederholte der Chefermittler und freute sich, den Delinquenten endlich in die Bredouille gebracht zu haben.
„Sie brauchen gar nicht so dämlich zu grinsen“, entgegnete der aber ziemlich pampig. „Ich bin über dieses Scheißding gestolpert, als ich telefonierend vom Friedhof zum Wagen zurückkam. Ich hab’ den Spaten neben dem Auto einfach nicht gesehen.“
„Glaube ich Ihnen nicht.“
„Glauben Sie doch, was Sie wollen. Es war aber so.“
„Das ist doch Blödsinn. Wenn der Spaten wirklich neben dem Wagen gelegen hätte, dann wäre er Ihnen doch spätestens nach ihrer Fahrt auf den Parkplatz beim Aussteigen aufgefallen.“
„Das sehe ich auch so. Aber scheinbar hat mich die Stille dort dermaßen irritiert, dass ich das Ding einfach übersehen habe.“
„Ach, übersehen …“, wiederholte Sven mit zynischem Unterton.
„Ja, übersehen“, flüsterte Radtke, hielt die Hände vor seine Augen und verschwand für ein paar Sekunden in Gedanken.
„Ach so, stimmt ja!“, rief er plötzlich. Offenbar war ihm die Szene wieder ins Gedächtnis zurückgekommen. „Ich bin nämlich nach dem Aussteigen nach hinten zum Kofferraum, also linksherum gegangen, um den Kranz dort herauszunehmen. Hab’ mich aber dann doch entschieden, ihn erst noch drin zu lassen und nachzusehen, was da eigentlich los ist, beziehungsweise, warum da nichts los ist.“
„Dann hätten Sie den Spaten ja spätestens dann sehen müssen. Der lag doch auf Ihrem Weg.“
„Nein. Ich bin vom Kofferraum aus diagonal über den kleinen Parkplatz zum Friedhofstor gelaufen. Da stand ja sonst kein anderes Auto. Ich habe das Ding erst gesehen, als ich schon drüber gestolpert war.“
„Und? Wie sah der Spaten aus?“
„Was ist das denn für eine Frage? Wie ein Spaten eben so aussieht.“
„Ich wollte wissen, ob da Blut dran war“, nervte es Klaiser mittlerweile, dem CEO jede Antwort wie einen Wurm aus der Nase ziehen und dabei zusehen zu müssen, wie seine Hoffnungen auf einen schnellen Fahndungserfolg den Bach runtergingen.
„Hab’ ich nicht drauf geachtet. Ich hab’ den einfach vor Wut gegen die Hecke gefeuert, bin eingestiegen und losgefahren. Dabei hatte ich die Hoffnung, den Angehörigen von Herrn Völz wenigstens noch am Grab kondolieren und den Kranz loswerden zu können.“
Wieder steckten die Kriminalisten die Köpfe zusammen und tuschelten. „Das klingt alles viel zu schlüssig“, meinte Lukas, „der wars nicht, verdammte dicke Hacke.“ Der Chef nickte.
„Hören Sie“, unterbrach Radtke die beiden, „wenn Sie am Ende sind mit Ihrem Latein, dann würde ich jetzt gerne wieder fahren.“
„Hätten Sie gerne, was?!“ Klaiser war noch unentschlossen.
„Ja, hätte ich gerne“, antwortete sein Gegenüber ziemlich barsch. „Ich habe meine Zeit nämlich nicht gestohlen.“
„Wir auch nicht“, antwortete Klaus bissig.
„Jetzt werden Sie leider etwas unverschämt, Herr Klaiser. Ich habe Sie nicht gebeten, mich festzusetzen und mir eine halbe Ewigkeit dieses Theater hier vorzuführen.“
„Also …“, setzte Klaus an und schnappte nach Luft. Doch Radtke fuhr ihm einfach lautstark in die Parade.
„Nix! Jetzt bin ich dran! Ich habe wirklich viel Verständnis dafür, dass die Polizei ihren Job ordentlich macht, um Kapitalverbrechen wie dieses möglichst schnell aufzuklären. Aber sowas wie hier habe ich noch nicht erlebt. Erst die Festnahme – mit Publikum und so. Vielen Dank dafür. Ließ sich wohl nicht vermeiden.
Aber der anschließende Aufenthalt in der Zelle ohne jede Information und dann dieses Rumgeeiere bei der Vernehmung. Das ist wirklich eine Zumutung. Mir reichts! Sie haben doch nichts in der Hand. Absolut nichts!“
„Was hätten Sie denn an unserer Stelle gemacht, wenn Ihnen eine solche Zeugenaussage präsentiert worden wäre?“, fragte Sven fast hilflos und fing sich dafür einen bösen Blick seines Chefs ein.
„Was ich gemacht hätte? Ich hätte mich eins zu eins an die Fakten gehalten. Die Frau hat mich schließlich nicht auf, sondern am Friedhof gesehen.“
„Also jetzt aber …“, begehrte Klaiser auf, „wer seinen Wagen auf einem Friedhofparkplatz abstellt, das Fahrzeug eindeutig verlassen hat und Trauerkleidung trägt, tat dies mit Sicherheit nicht, um von dort aus einkaufen zu gehen. Wir müssen gründlich ermitteln. Ob es dem Betroffenen passt oder nicht. Und Sie sind nun mal der einzige Mensch, der etwa zur Tatzeit dort gesehen wurde. Von einer durchaus glaubwürdigen Zeugin.“
„Da sagen Sie was“, erwiderte Radtke und runzelte die Stirn, „war das etwa eine Frau mit einem grünen Golf oder Polo? Habe ich der das alles hier zu verdanken?“
„Wie kommen Sie darauf? Haben Sie die Frau etwa gesehen?“
„Natürlich habe ich sie gesehen. Vier, fünf Sekunden lang vielleicht. Sie kam vom Berg herunter am Parkplatz vorbei, als ich gerade einstieg. Und sie war nicht langsam unterwegs. Vier, fünf Sekunden. Überlegen Sie mal. Es ist doch schon irre, dass sie gesehen hat, wie ich den Spaten weggeworfen habe.“
„Da haben Sie recht. Das ist in der Tat bemerkenswert. Aber war es wirklich nur das eine Mal, dass Sie die Frau gesehen haben?“
„Nee, ich hab’ sie kurz danach unten im Ort nochmal kurz gesehen.“
„… und mit Ihrem Überholmanöver fast zu Tode erschreckt“, ergänzte Klaus, als sich plötzlich piepend eine Nachricht auf seinem Handy bemerkbar machte. Die Kripo-Männer steckten die Köpfe zusammen, um zu lesen.
‚Hans Völz, Gießereibesitzer, beigesetzt heute, Dienstag, 14 Uhr, auf dem Friedhof in Siegen-Birlenbach, NICHT IN BIRKELBACH. Sehr große Beerdigung, Sekretariat der BenRaMet bestätigt Nachfrage von Radtke wg. Irritation Birkelbach – Birlenbach,
Gemeindearbeiter Dörnbach noch nicht vernehmungsfähig. Gruß Petra.‘
„Ich sag ja, er wars nicht“, raunte Sven. „Die Nummer war für die Katz’ und unser Mörder genießt die Freuden der Freiheit.“
„Stimmt“, antwortete Klaus knapp, gab noch zwei, drei Anweisungen per WhatsApp an die Kollegen in Berleburg durch und sagte schließlich im Aufstehen: „Herr Radtke, wir haben Ihre Angaben überprüft. Sie können gehen. Ich entschuldige mich bei Ihnen ausdrücklich für die entstandenen Unannehmlichkeiten und wünsche Ihnen eine gute Heimfahrt.“
Jörg Rainer Radtke lächelte fast gütig, als er sich ebenfalls erhob und meinte, „schon in Ordnung. Ich muss mich auch bei Ihnen entschuldigen für mein teilweise doch recht harsches Verhalten. Man kommt halt nicht so oft unvermittelt in eine Situation, in der man völlig zu Unrecht für einen Friedhofskiller gehalten wird. Ich muss zugeben, das war schon eine nervenzehrende Geschichte.
Aber vielleicht sind Sie so nett und beschreiben mir den Weg zum Friedhof in Birlenbach. Den Kranz sollte ich schon noch auf das Grab von Herrn Völz legen.“
Doch die Aufgabe mussten sie an einen ortskundigen Kollegen von der Siegener Wache delegieren.
Noch bevor sie wieder in Klaus’ Audi einstiegen, der einem glühend heißen Backofen ähnelte, war dessen Besitzer innerlich längst auf Garstufe 3. „Was für ein gottverdammter Superscheißtag“, geriet er wieder in einer Form aus der Fassung, die Lukas bis zum Mittag noch fremd gewesen war.
Den Spruch vom total vermiesten Tag musste der Chef per Telepathie von Rüdiger Mertz übernommen haben. Denn der äußerte sich wortgleich, nachdem er Sarah gebeten hatte, auf der Birkefehler Höhe „mal rechts ran“ zu fahren und ausgestiegen war.
„Drei Todesnachrichten an einem Nachmittag“, stöhnte er, „das übersteigt alles, was ein Mensch ertragen kann.“
Die Kollegin empfand ähnlich. „So schlimm hatte ich mir das alles nicht vorgestellt. Ich glaube nicht, dass ich das so schnell wegstecke“, versuchte sie Konversation zu machen. Und ihr Blick irgendwohin ins Leere verriet, dass ihr fast fluchtartiges Verlassen Birkelbachs nicht später hätte kommen dürfen.
Luise Böttcher, die Mutter des Mordopfers hatte wohl schon seit Stunden auf die Rückkehr ihres Sohnes gewartet und war sehr erschrocken, als Sarah und Rüdiger ins Wohnzimmer kamen. Sie waren durch den traditionell unverschlossenen Stall in das alte Bauernhaus gelangt, nachdem sie vergeblich geklingelt und die Haustür verschlossen vorgefunden hatten.
„Wer sind Sie?“, hatte die alte Dame jammernd gefragt und ein Kissen schützend vor den Oberkörper gezogen. „Ich habe nichts, was ich Ihnen geben kann.“
„Die Minuten danach waren furchtbar“, erzählte Sarah später den Kollegen. „Wir dachten, die arme Frau stirbt auf der Stelle. Als sie vom Tod ihres Sohnes erfuhr, entglitten schlagartig nicht nur ihre Gesichtszüge, das kleine Frauchen sackte vielmehr total in sich zusammen. Keine Bewegung, kein Schnaufer mehr. Ich war überzeugt, dass sie tot ist.“
Zum Glück aber hatte Mertz blitzschnell reagiert, sich hinter den Sessel gestellt, der fast federleichten Frau unter den Armen hindurchgefasst, sie hochgerissen und auf den Fußboden gelegt. Als er gerade mit Wiederbelebungsversuchen beginnen wollte, schlug Frau Böttcher die Augen wieder auf – und erschrak erneut, als sie Rüdigers Gesicht so dicht über dem ihren sah.
Von dem Moment an, so berichteten die beiden Beamten, hätten sie den Eindruck gehabt, die Frau habe durch die Nachricht vom Tod ihres jüngsten Sohnes einen Schock erlitten, der ihre Erinnerung komplett ausgelöscht hatte. In ihrer Hilflosigkeit riefen sie einen Notarzt und bemühten sich bis zu dessen Eintreffen abwechselnd, der alten Dame zu trinken zu geben.
„Was ist denn hier los – was machen Sie hier?“, rief plötzlich eine verstörte weibliche Stimme hinter ihnen. Völlig unvermittelt war eine Frau ins Wohnzimmer getreten und hatte die beiden Polizisten kniend rechts und links von Frau Böttcher angetroffen. Sarah, während sie ihr Schlückchen für Schlückchen Wasser aus einem Glas einflößte und Rüdiger, während er beruhigend die verhutzelte linke Hand des Frauchens streichelte.
Sie brauchten einen Moment, um der entsetzten Frau klar zu machen, dass sie von der Polizei wären und von ihr gerne wissen wollten, wer sie denn eigentlich sei. Denn so ganz hatten sie sich nicht vorstellen können, dass eine nahe Verwandte einen alten Menschen bei solch brutalen Temperaturen allein lässt.
„Erzählen Sie mir zuerst mal, was Sie hier wollen. Und wo ist eigentlich mein Bruder Daniel?“ Sie war also eine Tochter der alten Frau Böttcher.
„Hören Sie“, hatte Rüdiger Mertz eine Antwort versucht, musste dann aber erst einmal absetzen, um zu überlegen, wie er ihr den Mord an ihrem Bruder möglichst schonend beibringen sollte. „Daniel äääh“, er konnte doch um Gottes Willen jetzt nicht das Wort ‚war‘ benutzen. „Daniel ist also Ihr Bruder?“, stammelte Rüdiger.
„Ja, natürlich. Daniel ist mein jüngster Bruder. Die beiden älteren sind leider längst tot.“
‚Oh Gott, das ist ja grauenhaft.‘ Fieberhaft ersann der Kommissar einen Ausweg aus der katastrophalen Situation. Doch die resolute Frau ließ ihm keine Zeit.
„Also, was ist?“
„Es tut mir sehr leid, Frau … äääh …“
„Stremmel“, unterbrach sie sein Gestotter, „Brigitte Stremmel. Was tut Ihnen leid?“
„Es tut mir ausgesprochen leid, Frau Stremmel, Ihr Bruder Daniel ist … auch … tot.“
„Wie bitte? Erzählen Sie doch keinen solchen Quatsch! Das kann doch überhaupt nicht sein. Wir haben doch heute Mittag noch hier gemeinsam zu Mittag gegessen, Daniel, Mama und ich. Das ist doch ausgemachter Blödsinn“, reagierte sie brüsk. „Er ist doch nur kurz zum Friedhof gegangen, um Blumen auf Tante Hertas Grab zu bringen.“
„Und dort haben wir ihn tot aufgefunden“, erklärte Rüdiger. „Leider.“ Er flüsterte fast. Denn er wollte die alte Dame unter keinen Umständen noch mehr aufregen. Doch die saß völlig teilnahmslos in ihrem Sessel und blickte ins Leere.
„Nein, bitte nicht. Nicht auch noch Daniel. …“ Brigitte Stremmel begann leise zu weinen.
„Wir hätten Ihnen diese Nachricht lieber erspart, glauben Sie mir das. Aber es ist leider so.“
„Wie ist er denn gestorben? Er war doch topfit. Ein Sportler, wie er im Buche steht.“
Mertz hatte nicht den Nerv, der Schwester auch noch zu erklären, auf welch widerwärtige Art der Bruder ums Leben gekommen war. Hilfesuchend blickte er zu Sarah herüber. Doch die schüttelte nur fast unmerklich den Kopf und schaute zu Boden.
Vor Rüdigers Augen flimmerte es. ‚Unterzuckerung‘, dachte er, ‚gleich kippst du um.‘ Doch es half ihm alles nichts.
„Wie ist er gestorben?“, insistierte die Schwester erneut.
„Er wurde ermordet, Frau Stremmel.“
Sarah zog blitzschnell einen Stuhl aus der Essecke des Zimmers herbei, weil sie fürchtete, auch die Frau könne jeden Moment zusammenbrechen. Die ging jedoch zu einem der Fenster, riss es auf und schnappte nach Luft. „Hört das denn nie auf? Herrgott, warum strafst Du uns denn so hart?
Erst wird Florian beim Holzfällen von einem Baum erschlagen, dann verunglückt Clemens mit dem Motorrad und stirbt. … Und jetzt auch noch Daniel – auf dem Friedhof! Haben Sie eine Ahnung, was das mit mir und vor allem mit meiner Mutter macht?!“ Die letzten Worte schrie sie mit geweitetem Blick, während sie sich umdrehte und auf die zusammengesunkene alte Dame zeigte.
Draußen vor dem Haus fuhr ein Rettungswagen vor. Türen krachten ins Schloss. Dann klingelte es.
„Der Notarzt. Den haben wir bestellt“, rief Sarah regelrecht erleichtert und startete Richtung Hausflur. „Bleiben Sie, ich mache auf.“
Derweil hatten Klaus und Sven in Siegen mit einigem Widerwillen den grünen Audi bestiegen, dessen Innenraum es locker hätte mit einem türkischen Hamam aufnehmen können. Einzig der Dampf fehlte. Noch immer kartete Klaiser lautstark die Ereignisse des Tages nach: „Erst der ekelhafte Mord bei dieser Affenhitze, dann der nervige SpuSi-Futzi und jetzt dieses Dilemma mit einem Täter, der keiner war. Ich hab’ die Schnauze gestrichen voll. Und dann kommt auch noch dieser Schnaudigl hinterhergeeiert. Was für ein Brechmittel von einem Rechtsanwalt.“
Sven war geschockt. Plötzlich erschien ihm sein großes Vorbild in Sachen Ruhe und Selbstbeherrschung in einem Zerrbild. Er traute sich nicht einmal, begütigend auf den Mann einzuwirken, der während seiner Schimpftirade den Glutofen mit hochdrehendem Motor aus der Parklücke herausschießen ließ und mit gewagtem Manöver in den fließenden Verkehr der Weidenauer Straße einfädelte. „Leck mich am Buckel, was für ein Kotzbrocken“, motzte Klaiser lautstark weiter.
Doktor Jeremias Schnaudigl schien ihm tatsächlich den letzten Nerv gezogen zu haben. Nicht nur, weil der sich erst nach beendetem Verhör und Freilassung des verdächtigten Jörg Rainer Radtke ins Spiel gebracht hatte. Unmittelbar nach seinem viel zu späten Auftauchen auf der Wache. Sondern vor allem deshalb, weil der Advokat massiv insistierend den ganzen Tatbestand noch einmal aufgeblättert haben wollte.
Er sei schließlich von der Firma des Herrn Radtke beauftragt worden und leider nicht früher abkömmlich gewesen, begründete der Fiesling seinen nachträglichen Informationsanspruch. Dass das aber nach Auskunft der Ermittler jeder Grundlage entbehrte, war für ihn unerheblich.
Nach einem knapp fünfminütigen Einzelgespräch mit seinem Mandanten hatte er schließlich auf eine Erklärung des Kripo-Chefs gedrängt, dass alle gegen Radtke erhobenen Vorwürfe fallen gelassen und weitere Ermittlungen gegen denselben eingestellt würden.
Als er das in Form eines Kurzprotokolls notiert und von Klaus unterschrieben haben wollte, war dem schließlich in einer Orgie von lautstarken Zurechtweisungen und Gesetzeszitaten der Kragen geplatzt.
„Das wird Konsequenzen für Sie haben“, hatte der Anwalt Klaiser hinterhergerufen, als der gemeinsam mit dem Kollegen das Polizeigebäude verlassen hatte.
„Ist mir schon klar“, war dessen fast lautstarke Antwort. „In Form einer satten Anwaltsrechnung zu Lasten des Steuerzahlers. Fürs Zuspätkommen. Adieu Herr …, ach, ich sag’s lieber nicht.“
Nach diesem deftigen Abgesang war Ruhe eingetreten im Auto. Sie hatten schon das Werk der Waggon Union in Dreis-Tiefenbach passiert, als der ‚Freak‘ sich schließlich traute, den Mund aufzumachen und zu fragen, ob es Klaus jetzt besser gehe.
„Ja, habe mich ausgekotzt. Musste sein. Sorry, dass Du’s abgekriegt hast. Aber jetzt weißt Du wenigstens, wie ich mich nach einem solchen Kack-Tag fühle. Im Übrigen hast Du Dir ja auch einen ganz schönen Bock erlaubt, mein Lieber.“
„Wieso? Was hab’ ich gemacht?“
„Das weißt Du doch selbst. Oder hast Du meinen ‚Anschiss-Blick‘ etwa nicht bemerkt. Wie kommst Du denn um alles in der Welt dazu, einem Verdächtigen zu erklären, wie hilflos wir bei der Ermittlung gegen ihn waren?“
„Hä?“ Lukas begriff nicht, worauf der Boss hinauswollte.
„Soll ich’s Dir vorbeten, oder fällts Dir wieder ein? ‚Was hätten Sie denn an unserer Stelle gemacht …?“, zitierte er langsam, mit weibisch verstellter Stimme und pendelndem Kopf.
„Seit wann müssen wir Verdächtigen gegenüber unsere Ermittlungsmethoden rechtfertigen? Das ist unprofessionell, Mensch!“
Der Zusammengestauchte wurde auf dem Beifahrersitz immer kleiner. „Ja, hast ja recht.“
„Hast recht, hast recht“, äffte Klaus nach. „Und? Warum hast Du’s dann gemacht?“
„Der …, der Radtke hat mir halt leidgetan. Weil zu dem Zeitpunkt eigentlich schon klar war, dass er’s nicht gewesen sein konnte und wir ihm den ganzen Nachmittag versaut haben.“
„Was haben wir?“
„Wir haben ihm den ganzen Nachmittag versaut.“
Klaus runzelte die Stirn und hätte um ein Haar eine rote Fußgängerampel übersehen. Als er schließlich abgebremst hatte, schaute er seinen Beifahrer an und meinte: „Hast recht, das haben wir. Handschellen, Zelle und Verhör statt Beerdigung …, das muss man nicht unbedingt haben, wenn man nix verbrochen hat.“
Mit einem nachhaltig brennenden Schlag mit der flachen Hand auf Svens Oberschenkel entschied er schließlich, „wir fahren jetzt nach Erndtebrück und hauen uns beim Eisdealer auf meine Rechnung ‘ne Riesenportion rein. Damit wir endlich mal wieder auf eine halbwegs ordentliche Betriebstemperatur runterkommen.“
„Ja, aber wie soll’s denn mit dem Fall weitergehen? Wir haben ja nichts, rein gar nichts auf der Pfanne.“
„Überlegen wir beim Eis“, beendete Klaus die Diskussion und liebkoste förmlich die Armatur der Klimaanlage, die mittlerweile die Luft im Audi auf ein erträgliches Maß heruntergekühlt hatte. „Außerdem habe ich den Kollegen vorhin noch per WhatsApp ein paar Aufgaben gegeben.“
„Welche?“
„Erfährst Du auch beim Eis. Und jetzt is’ gut. Ich brauch’ mal ein paar Minuten Durchzug in der Birne.“ Sprach’s und startete seine allseits gefürchtete Deep-Purple-CD. „Bam-bam-baa, bam-bam-baraa, bam-bam-baa, ba-ba!“, dröhnte ‚Smoke on the water‘ aus der Klaiser’schen Musikanlage. In einer Lautstärke, die sogar manchen Passanten kopfschüttelnd hinter dem Audi herschauen ließ.
Klaus Dörnbach erwachte aus einem eigentümlichen Dämmerschlaf und hatte große Schwierigkeiten, seine Umwelt wahrzunehmen. War es finster, dort, wo er offensichtlich schwitzend auf einem Bett lag, oder war er auf dem Weg zur totalen Erblindung? Vorsichtig tastete er nach links. Da war nichts. Nur etwas mit dünnem Schlauch dran steckte in seinem Handrücken. Der Griff nach rechts dagegen ertastete ein nacktes Bein.
Ein spitzes „Huch“ ließ den Totengräber dermaßen zusammenfahren, dass ihm vom Genick aus ein beißender Stich unter die Schädelplatte jagte. Übelkeit stieg in ihm auf.
„Schatz, Gott sei Dank“, sagte eine wohlbekannte Stimme mit einem scheppernden Echo zu ihm. Als er noch einmal prüfend in dieselbe Richtung tastete, fühlte er nicht nur einen nackten Oberschenkel, sondern auch eine Hand, die die seine leicht umfasste. Es war die seiner Frau, die offenbar auf der Bettkante saß und selbst etwas eingedöst war.
„Maus, ich brauche bitte was zu trinken. Schnell, sonst muss ich kübeln“, flüsterte er. Doch selbst die verminderte Lautstärke trug nicht dazu bei, diesen widerlichen Hall aus seinen Worten zu reduzieren. Alles hörte sich so an, als riefe er in eine tiefe Höhle hinein, von deren Felswänden seine Worte hundertfach reflektiert wurden. ‚Besser den Mund halten!‘, befahl er sich.
Sekunden später spürte er, wie ihre linke Hand unter seinen Kopf glitt und ihn behutsam anhob, während ein eigentümlich starres Kunststoffrohr zwischen seine Lippen fuhr. „Hier Schatz, trink. Aber sei vorsichtig“, hämmerte es zwischen seinen Ohren.
Seine Frau Marie-Luise, die ihn immer zur Vorsicht gemahnte, war in diesem Moment seine Retterin. Oh Gott, war ihm schlecht! Gierig sog er an dem Rohr. Und bevor es bitter in seiner Speiseröhre aufsteigen konnte, spülte er kühles Wasser dagegen und wollte gar nicht mehr damit aufhören. Bis Marie-Luise die Tülle der Schnabeltasse aus seinem Mund zog.
„Weiter!“, bat er. Doch das büßte er sofort mit einem weiteren Stich im Denkgehäuse. Und wieder schepperte es in seinen Gehörgängen. Nur diesmal endete der Tumult nicht. Denn es war eine Tür aufgeflogen und seinem Empfinden nach eine ganze Elefantenherde trampelnd ins Zimmer gekommen. Der Krach wurde schier unerträglich.
Dörnbach umklammerte seinen Kopf und krümmte sich schreiend vor Schmerz bis zur Embryonalstellung.
Entsetzen im Blick des Stationsarztes, der gerade hereingekommen war. Schockstarr und hilflos schaute er erst auf den Mann auf dem Bett und dann auf dessen Frau. Dörnbach brüllte, was seine Stimmbänder hergaben. Die Ratlosigkeit im Gesicht des Mediziners war unübersehbar.
Aber dann, auf einmal, war alles vorbei. Das Schreien schien erstickt. Klaus lag, in Schweiß gebadet, auf der Seite. Hechelnd und schluckend schnappte er nach Luft. Doch sein Gefühl hatte sich schlagartig gebessert. Kein Stechen mehr im Kopf, kein Klang und kein Gepolter mehr in den Ohren. Plötzlich war alles verstummt. Als sei das Kabel zu seinem inneren Lautsprecher abgeknipst worden.
„Was war das denn?“, hörte er nach gefühlten zwei, drei Minuten eine Männerstimme sagen. „Herr Dörnbach? Alles okay bei Ihnen?“
‚Seltsam‘, dachte der Angesprochene, ‚das klingt wieder völlig normal.‘ Vorsichtig löste er die Hände vom Kopf und machte die Ohren frei. Abermals hörte er seinen Namen. Nur diesmal lauter. „Geht es Ihnen wieder besser, Herr Dörnbach?“
„J… ja“, antwortete er zaghaft. Kein Echo mehr. „Ja, ich glaube, jetzt geht es mir wieder ganz gut.“
„Keine Kopfschmerzen mehr?“
„Nein, jetzt nicht mehr.“
„Das ist ja prima. Sie scheinen die Krise überstanden zu haben. Das freut mich sehr“, meinte der Medizinmann mit deutlich entspannteren Gesichtszügen. Er konnte sich gar nicht erklären, was diese seltsame Attacke bei seinem Patienten ausgelöst hatte. ‚Dem müssen wir nachgehen‘, schrieb er auf seinen inneren Aufgabenblock.
Aber zunächst forderte er Dörnbach auf, wenn es denn möglich sei, den Kopf leicht anzuheben. „Ich mache Ihnen diese Binden erst einmal ab. Aber behalten Sie zunächst noch die Augen zu. Es könnte Sie zu arg blenden.“
Geduldig ließ der Mann auf dem Bett die Prozedur über sich ergehen, obwohl er schmerzvoll einige Kopfhaare samt Wurzel einbüßte. Eines der Heftpflaster hatte beim Anlegen des Verbands statt der Haut ein kleines Haarbüschel etwas weiter oben erwischt.
Kaum waren die Binden vom Kopf gewickelt, erkannte Dörnbach, dass es rosa durch seine Augendeckel leuchtete. ‚Blind also auch nicht‘, dachte er und riskierte trotz Warnung einen blinzelnden Blick. Und dann sah er sie, seine wunderschöne Marie-Luise, die mit Tränen in den Augen und im knatschengen Bleistiftkleid seitlich auf dem Bett saß und die Schnabeltasse in der Hand hielt.
„Hallo Maus“, flüsterte er lächelnd, „da bin ich wieder.“
„Das ist schön“, säuselte Marie-Luise, die erst jetzt realisierte, dass die Gesichtshaut ihres Mannes feuerrot war. Er hatte sich einen Sonnenbrand der Extraklasse eingefangen, schien das aber noch nicht zu spüren. Sachte tastete der Arzt die besonders betroffenen Stellen ab und flüsterte der inzwischen dazugekommenen Krankenschwester etwas zu.
„Was ist eigentlich passiert, Schatz?“, fragte die Schöne besorgt. „Ich habe nur gehört, dass Du mit einem Hitzschlag hergebracht worden bist.“
„Das frage ich mich gerade auch“, antwortete ihr Mann. Angestrengt versuchte er, sich die Ereignisse der letzten Stunden vor dem endgültigen Blackout ins Gedächtnis zurückzurufen. Dann hatte er’s. „Ich …, ich habe einen Toten auf dem Friedhof in Birkelbach gefunden.“
„Du hast was?“
„Einen Toten gefunden. Auf dem Friedhof in Birkelbach, als ich dort an einem Grab gearbeitet habe.“
„Wie bitte?“ Die Gattin war entsetzt. „Seit wann arbeitet denn der Chef der Gemeindewerke Erndtebrück an einem Grab in Birkelbach? Habt Ihr denn für sowas jetzt auch keine Leute mehr?“
„Doch, doch, Maus. Aber …, aber ich bin ja auch gleichzeitig Chef des Bauhofs. Und da gibt es diesen Friedhofsarbeiter, den Leipold, von dem ich Dir erzählt habe. Der ist doch so krank. Den hat’s heute Morgen wieder mal umgehauen, noch bevor er nach Birkelbach konnte. Das Grab, das er gestern angefangen hatte, musste aber heute Abend fertig sein. Morgen um elf Uhr ist dort Beisetzung.“
Die Worte flossen einfach so aus ihm heraus. ‚Irgendwie‘, dachte er, ‚klingt das alles stimmig, was ich hier erzähle.‘ Wie weggewischt war seine Unsicherheit. „Und weil die anderen Leute schon alle unterwegs waren, hab’ ich mir halt gedacht, ‚komm, kannst auch mal wieder ein bisschen Bewegung brauchen‘ und bin hin. Aber dann war das so wahnsinnig heiß, dass es mich einfach aus den Latschen gehauen hat.“
„Na super“, lachte sie entrüstet, „Deine Hilfsbereitschaft bringt Dich noch mal irgendwann um.“
„Ich bitte Dich“, protestierte er sachte, „ich kann doch den armen Kollegen nicht einfach malochen lassen, obwohl es ihm so dreckig geht. Aber das Grab musste fertig werden. Du weißt doch, dass wir die Verpflichtung zur Betreuung aller Friedhöfe haben. Also auch das Ausheben von Grabstellen.“
„Darf ich kurz stören?“, fragte die Schwester und begann, ihm eine Art schmerzstillende Brandsalbe auf Stirn, Wangen und Ohren zu schmieren.
„Mag ja alles sein“, fuhr Marie-Luise unbeirrt fort, „aber was ist denn dann Besonderes daran, dass man bei der Buddelei Tote findet? Du hast mir doch selbst erzählt, dass Grabstellen nach maximal 30 Jahren aufgelassen werden. Wenn man da gräbt, findet man mit Sicherheit den einen oder anderen. Sieht halt nicht mehr so gut aus.“
„Stimmt, meine Süße. Ich habe den aber nicht unten gefunden. Meiner lag oben. Vor der Kapelle. Und auch nicht als Skelett, sondern aus Fleisch und Blut. Viel Blut. Und noch warm.“
Frau Dornhöfer erschrak bis ins Mark. Und die Schmierbewegungen der Schwester gerieten ins Stocken. „Das ist ja entsetzlich! Mein Gott. Wo kam der Tote denn her?“
„Das weiß ich eben nicht. Auf alle Fälle lag er vor der Friedhofskapelle auf dem Bauch, hatte einen Blumenstrauß dabei und einen klaffenden Schmiss im Genick. Ich war gerade aus dem Loch geklettert und wollte mich dort unten in den Schatten setzen, um was Kaltes zu trinken. Mir war eh schon hundsmiserabel zumute. Und dann das.“
„Welch ein Luxus“, quittierte Sven Lukas die Lieferung seines ‚Tropical Bechers‘ und streckte alle Viere von sich. „Den hab’ ich mir wahrlich verdient.“ Sie hatten jetzt Pause. Da ging kein Weg dran vorbei. Zumal der Chef sich kurz zuvor noch rückversichert hatte, dass in Sachen Fahndung und Zeugensuche alles Menschenmögliche getan werde.
„Lass’ es Dir schmecken“, rief er dem Kollegen mit vollem Mund zu und achtete unter schnellem Löffeln streng darauf, dass die Sonne nicht allzu viel von seinem Eis verflüssigte. Er hatte dem ‚Freak‘ mit dem ‚Cup Dolomiti‘ größenmäßig in nichts nachstehen wollen. Zumal er schließlich auch die kühle Zeche zu zahlen hatte.
„Würde jetzt noch ein sachter Luftzug der brütenden Abendhitze den Garaus machen, wäre ich der wiederhergestellteste Kriminalist aller Zeiten.“ Doch diesen Gefallen tat ihm der ungewöhnliche Sommer 2019 nicht einmal in Erndtebrück.
Gut 20 Minuten schlabberten die beiden die riesigen Portionen in sich hinein, beobachteten die Menschen um sich herum und redeten so gut wie nichts. Nur, wenn mal wieder ein Vertreter der Poser-Szene mit röhrendem Triebwerk den Kreisel vor dem ‚Dolomiti‘ umrundete, ließ der ‚Freak‘ den einen oder anderen deftigen Spruch los.
„Lauter schwanzlose Gesellen“, kommentierte er kopfschüttelnd das eitle Gehabe der Typen in ihren hochgezüchteten Boliden.
„Wie meinst Du das?“, erkundigte sich der Chef belustigt.
„Na ja“, meinte Sven, „wer derart aufdrehen muss, um den Mädels zu imponieren, hat in der Regel sonst nicht viel zu bieten. Das ist statistisch belegt. Die Vögel sind in Sachen Potenz meist mächtig unterbelichtet. Deshalb brauchen sie ja diese Ersatzpimmel.“
„Ach“, lachte Klaus und schaute seinem Kollegen tief in die Augen. „Da muss ich aber jetzt richtig staunen.“
„Wieso das? Was meinst Du?“
„Och, pfff, ich denke da gerade an einen aufstrebenden Oberkommissar aus meiner Dienststelle, dessen Namen wir jetzt mal nicht nennen wollen. Der fährt gelegentlich auch wie eine gesengte Sau, wird aber bald Vater. Sollte da an dessen Theorie was nicht stimmen, oder muss ich mir ernsthaft Gedanken machen?“
„Also weißte …!“, hüstelte sein Gegenüber und griff nach der Eiskarte, um dem Chef gespielt mal richtig eins überzubraten. Der konnte aber ausweichen und dabei gerade noch verhindern, bei seinem Seitschwung seinen gläsernen Eispokal samt dazugehörigem Tablett vom Tisch zu fegen.
Die beiden mussten lachen. Zumal eine Frau am Nachbartisch, es war wohl die Bedienung, vor Schreck einen derart spitzen Schrei ausgestoßen hatte, dass der Gast vor ihr vor Schreck sein Eis vom Löffel in den Kaffee sausen ließ. „Boaaaah, Erdbeer-Plörre! Die mag ich überhaupt nicht. Hier, trinken Sie’s“, rief der Mann und reichte die Tasse zu Klaiser rüber.
Klaus konnte sich vor Lachen nicht mehr halten. Vor allem, weil der mit der Tasse auch noch ein Gesicht machte, als habe man ihn vergiftet. Mit einer Hand griff er hektisch an seinen Hals, tat, als schnappe er nach Luft und ließ seine Zunge unter Erstickungsgeräuschen immer weiter aus dem Mund wandern. Ein Bild für die Götter.
„Attenzione, is komme!“ kreischte daraufhin die Bedienung, rauschte um den Tisch herum und versuchte, den vermeintlich Sterbenden mit einem nassen Putztuch zu erfrischen.
Doch das war dem eindeutig zu viel. Gestenreich versuchte er den Lappenangriff abzuwehren und sank röchelnd vom Stuhl auf die Knie. Die Hände zum Himmel gestreckt rief er: „Signorina, bitte, bitte nicht mit dem nassen, dreckigen Lappen. Ich verspreche Ihnen, auch nicht zu sterben!“
„Oh Gott, oh Gott, oh Gott!“, johlte Klaiser und drohte vor Lachen keine Luft mehr zu bekommen. Auch der ‚Freak‘ und die Leute an den Nachbartischen bogen sich vor Lachen. Johlend sprangen einige von ihnen auf, um das Drama genauer betrachten zu können. Doch plötzlich stand der vom nassen Textil bedrohte Mann auf, hob den rechten Arm und bedankte sich lautstark.
Lächelnd griff er nach der Hand der Bedienung, küsste sie galant und sagte: „Meine Damen und Herren, darf ich uns vorstellen: Debora und Luka Minelli. Wir sind Situationskomiker und auf der Durchreise hier bei einem Eis hängen geblieben.“ Mit einer tiefen Verbeugung nahmen die beiden regelrechte Ovationen der Menschen drum herum entgegen. „Sie waren ein tolles Publikum. Vielen Dank!“
„Gibt’s ja nicht“, flüsterte Sven kopfschüttelnd und versuchte, sich zu beruhigen. „Stimmt!“, kam auch Klaus langsam wieder zu Atem. „Das ist wirklich kaum zu fassen. Wie kann man denn aus einem solchen Zufall einen derartigen Brüller produzieren?“
„Es bot sich halt an“, lachte der Mime. „Meine Frau hatte ein wenig Kaffee verschüttet und gerade erst das Wischtuch von der Theke geholt, als Ihnen beinahe der Glaskelch runtergefallen wäre. Das nennt man in unserem Gewerbe eine Steilvorlage. Mit der schnellen Reaktion auf solche Situationen verdienen wir unser Geld bei kleinen und großen Veranstaltungen.“
„Bewundernswert, klasse!“ Die Leute auf der Terrasse konnten sich gar nicht mehr beruhigen. Doch auf eine Zugabe ließ sich das Ehepaar nicht mehr ein. Dafür aber auf die Einladung durch die beiden Polizisten. „Eis geht immer, danke.“
„Mach jetzt bloß keinen Fehler“, flüsterte Klaus dem ‚Freak‘ grinsend ins Ohr. „Sonst werden wir hier noch zum Horst gemacht.“
„Weißt Du denn, wer der Tote dort auf dem Friedhof war? Hast Du den gekannt?“ Marie-Luise saß noch immer auf der Bettkante ihres Mannes und versuchte gemeinsam mit ihm, sein Kurzzeitgedächtnis wieder auf Vordermann zu bringen. Dörnbach ging es zwar von Minute zu Minute besser. Aber so ganz frei von Lücken war seine Erinnerung noch immer nicht.
„Keine Ahnung. Hab’ ich Dir doch schon gesagt. Ich glaub’, ich hab’ den ohnehin nur auf dem Bauch liegend gesehen. Mit Gesicht nach unten.“
„Was heißt, Du glaubst?“
„Ha, ich weiß es halt nicht genau. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich ihn angefasst habe. Als ich ihn fand, lag er in einer so großen Blutlache, dass ich mich, glaub’ ich, nur noch geekelt und weggedreht habe.“
„Und woher wusstest Du, dass er tot war?“
„Na ja, weil da doch, wie gesagt, … schon so viel … Blut war …“ Klaus Dörnbach kam ins Stocken.
„Was ist mit Dir?“
„Ich überlege gerade, an irgendetwas wollte ich mich doch erinnern“, antwortete er, tief in Gedanken. … „Nee, fällt mir nicht ein.“
Die Schöne strich mit der linken Hand sanft über seine immer noch glühende Stirn. Das gab ihr Gelegenheit, unauffällig auf die Armbanduhr zu schauen. ‚Mist‘, dachte sie, als sie die Uhrzeit vergegenwärtigte, ‚das wird eng.‘ Ausgerechnet heute hatte sie nämlich ein Date. Aber davon durfte ihr Gatte nichts wissen. Niemals!
Jeden zweiten Dienstag 19 Uhr, zu einer Zeit, wo Klaus sonst ständig in einer Ausschusssitzung oder im Gemeinderat saß, war sie mit einem alten Klassenkameraden verabredet. Zum Sex. Im Wald, im Auto, in einer Feldscheune. Egal. Sie brauchten das. Beide. Aber ihrer beider Ehen sollten nicht darunter leiden.
Vor fast genau einem Jahr hatte sie ihn wiedergetroffen. Bei einem Klassentreffen in Jagdhaus. 20 Jahre, nachdem beide das Abitur gemacht und damals eigentlich wenig für einander übrig hatten. Doch das Wiedersehen mit diesem plötzlich extrem sympathischen und sportlichen Typen hatte sie elektrisiert. Und ihn ebenfalls.
Wie auf ein stilles Kommando hin waren sie noch am selben Abend auf dem Weg zu ihren Autos auf dem Parkplatz des Restaurants übereinander hergefallen. „Ich will mit Dir schlafen“, hatte er ihr ins Ohr geflüstert. „Und ich mit Dir. Sofort!“
In dieser Nacht erlebte Marie-Luise zum ersten Mal in ihrem Leben hemmungslosen Sex auf dem Rücksitz eines Mercedes. Ein ekstatisches Liebesabenteuer, das sie niemals für möglich gehalten hätte. Und das sie fortan nicht mehr missen wollte.
„Ich hab’s“, riss Klaus seine Frau aus ihren Gedanken.
„Was hast Du?“, fragte sie, regelrecht erschrocken.
„Ich hab’ das Fahrzeug vom Bauhof hinter der Kirche im Schatten geparkt. Die Schlüssel stecken in meiner Hosentasche. Der Wagen wird morgen gebraucht. Kannst Du die Schlüssel heute Abend noch bei denen in den Briefkasten werfen?“
„Klar, mach’ ich. Hast Du eigentlich schon mit der Polizei gesprochen?“
„Natürlich, ich habe den Toten ja gefunden und der Polizei gemeldet. Wieso fragst Du?“
„Na, nicht dass die auf die Idee kommen, Du wärst das mit dem Mord gewesen. Haben die Dich auf dem Friedhof nicht angesprochen?“
„Ich glaub’ nicht. Ich kann mich aber nicht richtig erinnern. Da waren zwar jede Menge Uniformierte. Aber ich hab’ da so gut wie nichts mitgekriegt. Wegen dieser irrsinnigen Kopfschmerzen. Das Einzige, was ich mitbekommen habe, war ein Brausebad mit einer Gießkanne. Das tat richtig gut. Aber dann bin ich immer wieder weggetreten, … glaube ich.“
Marie-Luise wurde hibbelig. Halb sieben war schon durch. Und noch hatte sie ihr Handy nicht wieder eingeschaltet, wusste also nicht, wo sich ihr Lover mit ihr treffen wollte. Sie müsste jetzt weg. ‚Du geiles Miststück‘, beschimpfte sie sich in Gedanken, ‚hast du’s denn wirklich so nötig, dass dir selbst am Krankenbett deines Ehemannes nichts anderes einfällt?‘
Aber dem ging es augenscheinlich deutlich besser. Und ja, sie hatte es nötig, verdammt nochmal! Sie musste hier raus. Telefonieren.
Dörnbach spürte die Unruhe, die seine Frau ergriffen hatte. „Hast Du noch was vor?“, fragte er.
„Nein, wieso?“ Mit der Gegenfrage versuchte sie Zeit zu gewinnen, um eine plausible Ausrede zu finden.
„Na ja, Du wirkst so, wie soll ich sagen? So … nervös. Als müsstest Du dringend noch irgendwohin.“
‚Nein, bitte, bitte nicht‘, dachte sie. ‚Der weiß doch nicht etwa Bescheid über meine Dates. Hat der ihm etwa bei seinem Zufallstreffen neulich was über uns erzählt?‘
„Was ist, meine Süße? Warum bist Du so …, so … anders?“
„Ich bin nicht anders. Ich …, ich muss nur noch was fürs Abendessen einkaufen. Dazu bin ich ja heute gar nicht gekommen. Ich konnte doch nicht ahnen, dass Du im Krankenhaus landest.“ ‚Scheiß-Ausrede!‘, dachte sie.
„Ach sooo“, lachte Dörnbach befreit, „das hättest Du mir doch sagen können.“
„Quatsch. Das hättest Du in umgekehrter Situation doch auch nicht gemacht.“
Der Rest war weglächeln aller Zweifel und ein dicker Kuss für ihren Mann. Dann stand sie auf und musste sanft seine Hand abwehren, die ihre nackten Beine tätschelte. „Werd’ Du erst mal gesund. Wir sehen uns morgen“, lächelte sie und warf ihm noch einen Handkuss zu, bevor sie das Zimmer verließ.
Draußen auf dem Flur zog sie hastig ihr Handy aus der Handtasche und schaltete es ein. Selbst der Moment, bis sich das Teil im Netz einloggte, war ihr schon zu viel. Aber kaum war das geschehen, kam die Ernüchterung. Keine WhatsApp, kein Anrufversuch. Daniel hatte sich noch nicht gerührt. Ungewöhnlich nach den Liebesschwüren, die sie noch am Vormittag von ihm am Telefon gehört hatte.
Schnellen Schrittes verließ sie die Station und war wenige Augenblicke später über die breite Treppe herunter durchs Foyer ins Freie gelangt. Hektisch wählte sie seine Handynummer. Der Ruf ging raus. Aber da tat sich zunächst einmal nichts. Bis sich plötzlich eine Frauenstimme meldete. „Hallo, mit wem spreche ich bitte?“
Marie-Luise Dörnbach erschrak. Wer war das? Daniels Frau konnte das nicht sein. Sie kannte deren Stimme, die bedeutend höher war und in der immer ein leichter Kiekser mitschwang.
„Gegenfrage, wer sind denn Sie?“
„Ich bin Kommissarin Sarah Renner von der Kriminalpolizei in Bad Berleburg.“
Sie bekam schlagartig Gänsehaut am ganzen Körper. ‚Um Gottes Willen! Was war da los? Wie um alles in der Welt kam denn diese Kommissarin an Daniels Handy?‘
„Hallo?“, fragte Sarah erneut nach, „wer sind Sie denn bitte?“
Marie-Luise war unschlüssig. Sollte sie sich mit ihrem Namen melden und gegenüber der Polizei outen? Und war das überhaupt nötig? Aber die Antwort auf ihre Fragen wurde ihr von Sarah Renner abgenommen.
„Nun kommen Sie schon. Ich kann Ihre Nummer hier im Display ohnehin erkennen. Und Sie sind hier auch gespeichert – unter ‚MaLu‘. Es dürfte ein Leichtes sein, hinter Ihre Identität zu kommen. Wäre es denn so schlimm, wenn ich sie von Ihnen erführe?“
Die Anruferin gab darauf keine Antwort. „Was ist mit Daniel?“, wollte sie viel dringender wissen. „Was ist mit Daniel Böttcher? Warum hat die Polizei sein Handy?“
„Darauf werde ich Ihnen am Telefon keine Auskunft geben. Aber ich werde Ihnen ein paar Fragen stellen. Und Sie können entscheiden, ob Sie darauf antworten wollen.“
„In Ordnung.“
„Sind Sie mit Herrn Böttcher verwandt?“
„Nein.“
„Okay. Das ist damit schon mal klar. Darf ich fragen, wo Sie im Moment sind?“
‚MaLu‘ gab keine Antwort. Was sollte das? Warum war es so wichtig zu erfahren, wo sie sich aufhält?
Sarah Renner ahnte, dass es sich bei der Anruferin um ein amouröses Verhältnis Böttchers handelte. ‚Wer weiß, wo sich die Frau derzeit befindet. Vielleicht schon in Vorfreude in einem Bett?‘ Schließlich hatte die Kommissarin für heute 19 Uhr in Böttchers Handy-Kalender ‚Malu love‘ gefunden. Eine Wiederholung ähnlicher solcher Beiträge, alle zwei Wochen dienstags.
„Gut, wenn Sie mir das nicht sagen wollen, dann frage ich Sie, ob es Ihnen möglich oder zuzumuten wäre, zu uns ins Kommissariat zu kommen?“
Frau Dörnbach war in höchster Aufregung. Was war bloß passiert? „Hatte Herr Böttcher einen Unfall?“ ‚Blödsinn‘, dachte sie sofort. ‚Für Unfälle ist die Kripo nicht zuständig.‘
„Frau MaLu oder wie immer Sie heißen mögen, können Sie zu uns ins Kommissariat kommen? Ich verspreche Ihnen, ich werde Ihnen hier alles erklären.“
Wieder schwieg die Angesprochene einen Moment, lenkte dann aber ein und sagte: „In Ordnung. Ich komme zu Ihnen.“
„Wissen Sie, wo die Polizeiwache in Bad Berleburg ist und wie lange Sie bis zu uns etwa brauchen?“
„Ich bin in zehn Minuten bei Ihnen.“ Sie unterbrach die Verbindung und stieg in ihren Wagen, der mit offenem Dach direkt unterhalb der zentralen Klinikzufahrt geparkt war. Die Sitze ihres 207er Peugeot Cabrio hatten die Sonnenglut gespeichert. Sie musste sich vorsehen, dass ihre perfekt gebräunten Beine keine Verbrennungen davontrugen.
Aber die bildschöne Frau liebte es, in dem offenen ‚feuerroten Mädelswagen‘, wie ihn Klaus nannte, bei Männern am Straßenrand Stielaugen zu provozieren. Und daher wurde so oft wie irgend möglich ‚offen‘ gefahren. Nur im Moment waren all diese Gefühle passé. Ihr wundervolles dunkles Haar, der makellose Körper im engen Bleistiftkleid hatten keinerlei Bedeutung in ihrer augenblicklichen Befindlichkeit.
„Lieber Himmel, was kommt denn da Aufregendes?“ Harry Senftleben am Wachtisch fuhr regelrecht elektrisiert hoch, als er Marie-Luise Dörnbach vor dem Reviergebäude aus ihrem Wagen steigen sah. Und dann kam dieses Bild von einer Frau auch noch die Treppe zu ihm hinauf, um Sekunden später vor ihm zu stehen. Nur die Plexiglasscheibe trennte die beiden.
Harry bekam einen trockenen Mund. Trotzdem brachte er ein ganz passables „Guten Abend, wie kann ich Ihnen helfen?“, heraus.
„Guten Abend, ich möchte bitte zu Frau Renner von der Kripo. Ich werde dort erwartet.“
„Und wen darf ich dort bitte melden?“
„Sagen Sie ihr bitte, MaLu wäre hier.“
Senftleben legte seinen ‚Aha, verstehe-Blick‘ auf, griff nach dem Hörer und wählte. „Du, Sarah, hier ist Besuch für Dich. Eine Frau … Ja, genau die. … Okay, ich lasse sie durch in den Flur.“ Der Summer ertönte. Und Harry bedeutete der Besucherin mit großer Geste, dass sie schon mal durch die Sicherheitstür dürfe. „Warten Sie dort bitte. Sie werden gleich abgeholt.“
„Danke Ihnen.“ Mehr brachte die Frau nicht heraus, als sie, kaum merklich zitternd, die Tür aufdrückte. Und sie spürte auch nicht die Blicke des Polizeikommissars, die ihr in den Innenflur folgten. Heute Abend fehlte ihr die Sensorik dafür.
Sein Gespür jedoch funktionierte. Und es sagte ihm, dass diese Besucherin unter ihrer schönen Maske höchst unsicher und traurig war.
Sarah war ebenfalls sehr angetan von der äußeren Erscheinung Marie-Luises. Aber als sie ihr am Fuß der Treppe gegenüberstand und sich mit Handgeben vorstellte, wurde ihr schnell klar, wie es innerlich um die Frau bestellt war. Eine feuchte, kalte Hand, die nur lasch zugriff, vermittelten ihr den Eindruck von Nervosität und Angst.
Und der Eindruck verstärkte sich, als sie ihr im Kommissariat einen Stuhl anbot. Mit zitternden Knien hatte die Frau Platz genommen aber dabei betont, „ich äääh, ich äääh, ich will eigentlich gar nicht lange sitzen. Ich …, ich möchte bitte sofort wissen, was mit Daniel geschehen ist und wo er sich aufhält. S…sofort!“
„Erst, wenn Sie mir Ihren richtigen Namen nennen und mir sagen, aus welchem Grund Sie so sehr am Verbleib von Herrn Böttcher interessiert sind. Wenn ich Sie vorhin richtig verstanden habe, sind Sie ja keine Angehörige.“
„Das ist schon richtig. Eine Angehörige bin ich nicht. Aber Sie haben mir doch am Telefon gesagt, dass Sie mir alles erklären würden, sobald ich herkomme.“
„Stimmt. Aber zunächst müssen wir mal Ihre Identität klären. Sie werden sicher verstehen, dass wir Informationen über Dritte schon aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht einfach so an jede x-beliebige Person herausgeben können.“
Die Augen der Schönen wanderten hin und her. Es fiel ihr offensichtlich schwer, während des Gesprächs Blickkontakt mit ihrer Gesprächspartnerin zu halten. Auch das inzwischen von Petra Fischer hereingereichte Glas Wasser vermochte ihre Nervosität nicht zu mindern. „Ich bin aber keine X-Beliebige, das können Sie mir glauben.“
Wieder ging die Tür auf. Nur diesmal betrat Rüdiger Mertz grüßend das Büro und drückte Sarah mit höchst interessiertem Blick auf den Gast ein Stück Papier in die Hand. „Hier, schau mal. Interessant. Oder?!“
„Oh ja. Sehr sogar“, schnaufte die Kommissarin, während sich Rüdiger mit überschlagenen Beinen auf die Schreibtischkante setzte und sie erwartungsvoll anschaute. Kaum merklich nickte sie ihm zu.
„Guten Abend, mein Name ist Rüdiger Mertz.“
„Guten Abend“, nickte Marie-Luise.
„Frau Marie-Luise Dörnbach, Sie wollen sich uns offensichtlich noch immer nicht mit Namen vorstellen. Gibt es dafür einen Grund?“
Die Nennung ihres Namens hatte sie getroffen wie ein Blitz. Hektisch griff sie nach dem Wasserglas und nahm zwei, drei Schlucke. ‚Woher kennen die meinen Namen? Ich bin doch der Polizei bisher niemals aufgefallen.‘ Aber antworten mochte sie nicht. Starren Blickes umklammerte sie das fast leere Glas und harrte der Dinge, die da noch kommen sollten.
„Frau Dörnbach, kann es sein, dass Sie die Ehefrau von Herrn Klaus Dörnbach sind und in Erndtebrück, Danziger Straße 48 wohnen?“
„Was soll das?“, brach es plötzlich aus ihr heraus. „Das spielt doch hier alles keine Rolle. Und überhaupt, woher wissen Sie das eigentlich alles?“
„Frau Dörnbach, unterschätzen Sie uns bitte nicht. Einen Namen und eine Adresse über eine Telefonnummer herauszubekommen, das ist nun wirklich eine unserer leichtesten Übungen. Und da sie als Inhaberin der Nummer exakt dort wohnhaft gemeldet sind, wo auch der Herr Dörnbach wohnt, der heute Mittag einen Toten gefunden hat und mit einem Hitzschlag in die Klinik eingeliefert wurde, sind wir natürlich hellhörig geworden.“
Marie-Luise starrte Mertz mit großen Augen an. „Aha, hellhörig!“, bellte sie plötzlich. „Und was habe ich mit dem Toten zu tun, den mein Mann gefunden hat?“
Rüdiger schaute fragend zu Sarah herüber. Doch die hob die Schultern und zeigte ihre nach oben gedrehten Handflächen. Es war also an ihm, mit der furchtbaren Information herauszurücken.
„Weil es sich bei dem Toten um den von Ihnen vermissten Daniel Böttcher handelt.“
Vor Marie-Luises Augen begann das Licht zu flackern. Und in ihren Ohren machte sich ein hochfrequentes Pfeifen bemerkbar. Die Gnadenlosigkeit dieser Nachricht ließ sie plötzlich nicht mehr Herrin über ihre Sinne und ihren Körper sein. Ihr Oberkörper taumelte. Dann klappte sie zusammen.
Klaus Klaiser hing am Telefon, seit er zu Hause eingetroffen war. Im Moment hatte er gerade Rüdiger Mertz an der Strippe und holte sich eine Art Tagesrapport. Ein Ritual, das er immer dann pflegte, wenn er für eine Weile nicht auf der Dienststelle und daheim alleine war.
Ute hatte einen Zettel auf dem Küchentisch hinterlassen. ‚Sind drüben bei Kellers. Geburtstag von Johanna. Luisa wird über Nacht bei ihrer Freundin bleiben.‘ Und da die Kellers gute Freunde und sehr gesellig waren, könnte es auch für sie etwas später werden.
„Wie war’s denn bei der Witwe unseres Mordopfers?“, begann er seine Abfrage.
„Oh, nicht sehr schön. Frau Böttcher scheint psychisch labil zu sein.“
„Wie kommst Du darauf?“
„Haja, wir mussten halt den Arzt rufen, weil sie uns total zusammengeklappt war.“
„Aber ich bitte Dich. Das passiert doch ständig, dass Menschen einen Zusammenbruch erleiden oder einen Knacks bekommen, wenn sie plötzlich vom Tod ihres Partners erfahren.“
„Och Chef, das musst Du mir doch nun wirklich nicht erzählen. Aber diese Frau Böttcher nimmt Psychopharmaka. Wir haben ein Rezept in ihrem Wohnzimmer entdeckt und deswegen den Hausarzt zurate gezogen.“
„Aha. Und wie hat der reagiert?“
„Der hat unsere Vermutung indirekt bestätigt. Mehr mochte er nicht sagen. Schweigepflicht. Du kennst das ja. Wir werden uns ein oder zwei Tage gedulden müssen, bis wir uns mit der Dame intensiver unterhalten können.
Aber auch mit seiner Mutter und der Schwester war kein normales Gespräch zu führen. Trauer ohne Ende. Daniel war der dritte Sohn und Bruder, den die beiden in den letzten Jahren verloren haben.“
„Aua“, Klaus holte tief Luft und ließ sie langsam wieder raus, „das ist grausam. Ich weiß gar nicht, wie eine Mutter überhaupt noch weiterleben kann, wenn eines ihrer Kinder stirbt. Und hier sind es gleich drei. Mein Gott.“
„Du wirst verstehen, dass wir dort keine weiteren Gespräche geführt haben.“
„Allerdings. Aber Ihr habt wenigstens schon mal den Wagen des Toten gesichert!?“
„Gesichert ja, aber noch keine Auswertung von den KTUlern. Die brauchen noch ‘ne Weile.“
Rüdiger Mertz hatte es sich daheim auf der Terrasse gemütlich gemacht und die Beine hochgelegt – auf Mareikes Schoß. Nachdem sein Vater verstorben war, konnten die beiden ein wesentlich entspannteres Leben führen. Die Pflege des alten Herrn hatte vor allem Rüdigers Frau sehr angestrengt und beide zeitlich eingeengt.
„Nur eines hätte selbst das berühmte Lieschen Müller erkannt, wenn es sich den Karren mal genauer angeschaut hätte. Auf einer Wolldecke im Kofferraum gab es jede Menge Flecken eindeutiger Herkunft.“
„Du sprichst wieder mal in Rätseln, mein Lieber. Was meinst Du mit ‚Flecken eindeutiger Herkunft‘?“
„Na, schon mal was von Hobbyflecken gehört?“
„Du meinst Spermaflecken?“
„Rrrichtiiich! Der Wagen scheint so was wie ‘ne rollende Juckelmulde gewesen zu sein. Ein fahrbarer Puff, falls Dir der andere Begriff auch nicht geläufig sein sollte.“
Klaiser blies die Backen auf. Manchmal fiel es ihm einfach schwer, sich in der Terminologie verschiedener Kollegen zurechtzufinden.
„Und das waren Flecken, die so offensichtlich waren, dass man sie beim Blick in den Wagen sofort erkennen musste?“
„Nö, Chef. Die Decke war schön zusammengefaltet, wurde aber bei der ersten Grobsichtung von den SpuSi-Leuten aus dem Wagen genommen. Und da rieselte es förmlich vertrocknete Nachkommen“, übertrieb er. „Morgen werden wir dazu mehr erfahren. Vor allem von Kollegin Renner, die sich vorhin ausführlich mit der Frau des Totengräbers auseinandergesetzt hat.“
Klaiser überlegte einen Moment. „Mit der Frau von diesem Dörnbach? Interessant. Warum das?“
„Du wirst es nicht glauben. Die lag wohl des Öfteren auf besagter Wolldecke in dem Mercedes.“
„Nein!“
„Doch!“
„Du willst mir aber jetzt nicht ernsthaft erzählen, dass Frau Dörnbach die Gespielin des getöteten Daniel Böttcher war?“
„Genau das wollte ich Dir erzählen. Und Du wirst erstaunt sein, wer die Quelle für diese Info war. Was meinst Du?“
„Woher soll ich das wissen? Wer denn?“
„Sie selbst. Frau Dörnbach ist nämlich bei Sarah vorstellig geworden und hat sich nach Böttcher erkundigt, mit dem sie eigentlich heute um 19 Uhr ein weiteres Schäferstündchen gehabt hätte. Aber der konnte den Termin aus nachvollziehbarem Grund nicht wahrnehmen. No fucking today, cause the lover ‘s away.“
„Ja, ja, Du und Deine Sprüche, Mensch. Die Geschichte ist viel zu ernst. Erzähl mir lieber mal, wieso diese Frau wegen eines geplatzten Liebesabenteuers bei der Polizei auftaucht.“
Der nachfolgende Bericht ließ kein Detail aus. Samt der sich aufdrängenden Schlussfolgerung, dass die Aussage des Herrn Dörnbach, er habe den Mann zwar gefunden, mit seinem Mord aber nichts zu tun, womöglich so nicht stimmte.
Бесплатный фрагмент закончился.
