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WOLFS

MEDIZIN



Inhalt

Vorwort

Zum Geleit: Die Kraft der Wildnis

Nordmongolei

Auf der Suche nach dem Ex Oriente Lux

Der Medizinmann und der Schamane

Opferlamm und Hundebiss

Indianerfilme und Pferdeherden

Owoos und Kultstätte

Buddhistisches Heiligtum, zahme Rehe und Gewitter

Ulmen und Eschenahorn in Erdenet

Vom Fleischessen

Pflanzen zum Räuchern

Der lange Schatten des Schlaraffenlandes

Heilquellen

Der magische Vulkan

Das sterbende Schaf

Murmeltier

Gruß der Geier

Mit dem Kräuter-Bold unterwegs

Chaga

Hanf und andere Unkräuter

Gefährdete Umwelt

Schamanen und Lamas

Ein reiches Land

Die spirituelle Blindheit der Titanen

Die Jurte als kosmisches Abbild

Mutterbaum


Sibirien

Auf in die Taiga

Kjachta – der Glanz vergangener Tage

Burjaten, die »Waldmongolen«

Der größte Leninkopf und der größte Buddha

Altgläubige

Fahrt zum Baikalsee

Ein roter Wolf und eine weiße Göttin

Ewenken, ein Volk der Birken und Rentiere

Schmiede und schwarze Schamanen

Seereise

Insel der Robben

Alexej und die Insel der Zauberer

Wo die Götter wohnen

Von Wölfen und Tauben

Der Schamane mit dem gespaltenen Daumen

Dschingis Khan, der schamanische Herrscher

Temudschin, mein Jugendidol

Anhang

Tartaren und Tataren

Drei Seelen

Tenger, der Himmel

Dank

Bibliografie

Register

Vorwort

Im Sommer 2017 waren Wolf-Dieter Storl und ich mit einer kleinen Gruppe in der Mongolei und in Sibirien. Es ging vorrangig um eurasische Pflanzenheilkunde und Schamanismus. Dort in den Steppen ist der Vorhang zur Anderswelt dünn und transparent, sodass das Manifeste und das Feinstoffliche einen viel engeren Kontakt haben als hier in Mitteleuropa. Dies ist keine verbrämte Esoterik von verklärten Spinnern, sondern von jedem mehr oder weniger stark empfindbare Realität. Die Gruppenteilnehmer waren Ethnologen und Therapeuten, Menschen, die mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen stehen. Wie schön war es doch zu sehen, dass die beiden Welten, die ohne scharfe Abgrenzung ineinander übergehen, ohne Grundsatzdiskussionen, ohne Wenn und Aber akzeptiert wurden!

Wolf-Dieter Storl nennt sein Buch Wolfsmedizin. Dieses Tier spielt in der mongolischen Tradition und Schöpfungsgeschichte eine große Rolle. Dschingis Khan hatte den Beinamen »der blaue Wolf«. Die Nomaden verehren und fürchten dieses Tier. Auf der einen Seite ist der Wolf Teil ihrer Ideologie, auf der anderen der Fressfeind ihrer Zuchttiere. Bei einer früheren Mongoleireise hörte ich des nachts mal Wölfe, krabbelte aus dem Zelt und wurde von zähnefletschenden Hunden der Nomaden umringt. Allerdings standen sie so, dass sie nach außen geiferten. Was kurzzeitig wie ein aggressiver Akt mir gegenüber aussah, war genau das Gegenteil: Sie wollten mich in Schutz nehmen vor ihren wilden Verwandten!

Sowohl in der Mongolei als auch in Sibirien ist der Schamanismus lebendig. Er war es immer, selbst als er in Sowjetzeiten als »konterrevolutionär« verfolgt wurde. Der Schamanismus ist dort in den Völkern so tief und fest verankert, dass politische Gegenmaßnahmen nur wenig aus- und anrichten konnten. Der Schamane als Verbinder zwischen den Welten hat einen festen Stellenwert im Alltag dieser ethnischen Gruppen. Milch- und Wodkaopfer vor dem Kühlergrill der Jeeps bei der Weiterfahrt, das Anhalten, Umrunden und Steineopfern bei Owoos als Symbol für das Erbitten einer guten Reise zeigen diese Verbundenheit mit der anderen Dimension. Bei manchen Autos, mit denen wir dort gefahren sind, war dieser Schutz auch bitter nötig!

Schon an den Überschriften in diesem Buch konnte ich erkennen, dass es sich um eine Art Tagebuch handelt, denn sie beziehen sich tatsächlich auf Geschehnisse auf dieser Fahrt. Da ich bisher alle Bücher von Wolf-Dieter gelesen habe, freue ich mich besonders, nun eine Reisedokumentation von ihm vorliegen zu haben.

Peter »Pitt« Germann

Dortmund, Mai 2018

Zum Geleit: Die Kraft der Wildnis

Wolfsmedizin. Was hat das zu bedeuten? Was will es sagen? Wölfe sind zu Hause in der Wildnis, am Rande der Menschenwelt. Sie haben die Reinheit und Kraft der wilden, unverdorbenen Natur; sie sind Grenzgänger. Ein wirklicher Heiler ist ebenfalls ein Grenzgänger, einer, der über die Grenzen der gesellschaftlichen Konventionen hinausgeht. Er muss ein solcher sein, denn Krankheit und Wahnsinn, Tod und Fortpflanzungstrieb, sie lassen sich nicht durch die Gebote der Rationalität und Ethik eingrenzen. Heute in unserer entzauberten Welt, in der Sicherheit und Berechenbarkeit oberste Priorität haben, haben wir vergessen, dass die wilden, nicht zähmbaren Kräfte der Natur (und die der tiefen Psyche) auch das Potenzial der Vitalität, Fruchtbarkeit und Heilung in sich tragen. Es ist die Kraft der Wildnis, die immer wieder in die erstarrte, geordnete, zivilisierte Welt hereinzubrechen droht, sie aufwirbelt, energetisiert und dadurch Neues – auch Heilendes – ermöglicht. Naturnahe Völker, wie es auch unsere Vorfahren waren, integrierten diese Energien in Form von periodisch zelebrierten, oft orgiastischen Festen in ihre Kultur, bei denen die Götter und Geister der Berge, Sümpfe und Wälder durch die Dörfer stürmten, die Menschenseelen ergriffen, durch sie hindurch tanzten und dabei die Fruchtbarkeit der Felder und Weiden, der Tiere und der Menschen freisetzten. Die wilde Jagd Wodans, der Zug der Percht, das rasende Treiben im Gefolge des Dionysos, die Lupercalien und Saturnalien der Römer, das keltische Samhain (Halloween) oder das indische Holi-Fest sind Ausdruck dieser participation mystique, die immer wieder eine heilende Katharsis ermöglicht.

Bei den kleineren, ursprünglicher lebenden Jäger- und Sammlervölkern fand die Berührung mit den Geistern der wilden Natur eher auf einer individuellen Ebene statt. Die Schamanen und Schamaninnen, die indianischen Medizinmänner und -frauen, auch die indischen Sadhus und Sadhvis gehen auf Visionssuche in die Einsamkeit. Der Gang auf den hohen, schwer zugänglichen Berg oder – wie bei den irischen Kelten – auf eine kleine sturmumbrauste Insel ist zugleich ein Gang in die dunklen Gründe der eigenen Seele. Dort, wo harte Askese, Fasten und Wachen das Ego dämpft und die Ekstase (griechisch ekstasis, »das Außer-sich-Geraten«) ermöglicht, dort wo sich die Grenzen zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Wildnis und Kulturland verwischen, finden sie das »Loch in der Zeit«; dort begegnen ihnen ihre Hilfsgeister – Adler, Bären, Wölfe, Hirsche, Schlangen – und schenken ihnen die notwendigen heilenden Visionen. Und gerade weil sie außerhalb der Ordnung stehen, können sie die ursprüngliche Ordnung erkennen und damit aufrechterhalten (DUERR 1978:52).

Schamanen, Medizinleute und Kräuterweiber kennen sich in der Wildnis, dem finsteren, schwer zugänglichen Wald, der einsamen Heide und den schroffen Bergen gut aus, ebenso wie in den Tiefen der inneren Seelenlandschaft. Sie vermögen es, die Gegenden jenseits des schützenden Hags, der die kleine Insel unseres domestizierten Daseins einhegt, zu bereisen. Sie haben selbst so etwas wie eine Wolfsnatur. Es gibt mittelalterliche Darstellungen von Hexen (Schamaninnen), die auf Wölfen reiten. Da ist es kein Wunder, dass ein Schamanengott wie Odin/Wodan, der die Heilkräuter und Zaubersprüche kennt, Wölfe als Begleiter hat. Auch eine schamanische Persönlichkeit wie Johnny Appleseed, der im amerikanischen Siedlergrenzland unterwegs war, wurde von einem Wolf begleitet, den er aus einem Fangeisen befreit hatte. Viele indianische und sibirische Schamanen haben Beziehungen zum Geist der Wölfe; bei meinem Freund Bill Tallbull war es ein Steppenwolf, der ihm bei seiner Visionssuche erschien und ihm seine Lebensaufgabe als Medizinmann und Botschafter zum »grünen Volk« (Pflanzen) wies.

Wölfe verkörpern die Urkraft von Freiheit und Abenteuer – sagt der Schweizer Künstler Peter Schneider. Es ist die Freiheit, vor der sich viele Schafsnaturen, die einen Hirten brauchen, fürchten. Eine Begegnung mit dem Wolf steht für Wandlung, für seelische Metamorphose. Psychoanalytiker finden in der Wolfssymbolik die finstere Seite des Unbewussten, den Ort unserer Urängste, den uns ständig folgenden »Schatten« (ZERLING/BAUER 2003:324). Diesen zu konfrontieren, anstatt ihn zu fliehen, bringt Heilung. Die grimmige Initiation der echten Schamanen besteht darin, den inneren Wolf, den Verwandler, die angsterregende Seite des Seins kennenzulernen, sodass sich die göttliche Ganzheit manifestieren kann.

Der Wolf steht auch für sichere Instinkte. Auch die braucht ein Heiler, nicht nur angelesenes Kopfwissen.

Wolfsmedizin. Es gab schon ein Buch mit ähnlichem Titel, geschrieben von einem konventionellen Mediziner namens Lewis Mehl-Madrona. Er wusste zwar, dass seine Großmutter eine Tscherokesen-Indianerin war, eine Kräuterheilerin, aber das war ihm eher peinlich. Als Arzt fühle er sich der modernen positivistischen Wissenschaft verpflichtet. Dennoch wagte er sich, trotz Vorbehalte, an das Heilwissen indianischer Medizinleute heran. Beim Besuch einer Schwitzhütte erlebte er bei einem Schwerkranken, dem die Schulmedizin keine Chance mehr gab, eine spektakuläre Spontanheilung. Er hatte keine Wahl, als einen guten Teil seines erlernten medizinischen Wissens und der entsprechenden Technologien infrage zu stellen oder wenigstens deren monopolistische Deutungshoheit zu hinterfragen. Er versuchte, das indianische schamanische Wissen in seine Praxis zu integrieren. Coyote medicine, also »Steppenwolf-Medizin«, nannte er seine unkonventionelle Angangsweise, die altüberlieferte schamanische Therapien in dem Versuch, Menschen zu heilen, mit einbezieht (MEHL-MADRONA 2011).

Als Peter Germann mich einlud, ihn und seine Freunde auf einer Reise nach Sibirien und in die Mongolei zu begleiten, konnte ich nicht Nein sagen, denn in diesem wenig besiedelten Teil der Erde gibt es noch Wölfe ebenso wie echte Schamanen. Das sibirische und mongolische Schamanentum ist uralt, seine Wurzeln liegen in der jüngeren Altsteinzeit, als die Menschen der nördlichen Halbkugel, zu denen auch unsere europäischen Vorfahren gehören, noch Mammutjäger waren. Auch den Bisons (Wisente), Rentieren, Pferden, Wollnashörnern, Auerochsen und anderen Herdentieren stellten sie nach. Verhaltensforscher vertreten die Ansicht, dass diese Großwildjäger ihre Jagdtaktiken den Wolfsrudeln abgeschaut haben.

Diese paläolithischen Nomaden lebten im Winter in sogenannten Grubenhütten, die teilweise in den Erdboden eingelassen waren und deren Dächer mit Tierfellen bedeckt waren; das gab Schutz gegen Wind und Kälte. Im Sommer lebten sie in Stangenzelten (Tipis), die schnell aufgebaut und abgebaut werden konnten. Stangenzeltartige Wohnhütten fand man noch lange in der sibirischen Taiga. Die Jurte der Steppenbewohner ist aus dem Stangenzelt ihrer steinzeitlichen Vorfahren hervorgegangen. Viele der paläolithischen Heilmethoden, wie die Schamanenreise in die Geisterwelt, um Krankheitsursachen zu erkunden, die therapeutischen Rituale, Überhitzungstherapien und die Heilpflanzenkunde haben sich in Eurasien und bei den nordamerikanischen Ureinwohnern bis heute erhalten. Ethnobotaniker konnten feststellen, dass die meisten der damals, vor rund fünfzehntausend Jahren angewendeten Heilkräuter noch immer in diesen Regionen und in derselben Art und Weise Anwendung finden. Auch unsere Volksmedizin wurzelt in diesem altsteinzeitlichen Urgrund, auch wenn sie von Elementen anderer Kulturkreise aus Altägypten, Sumer und Arabien teilweise überlagert wurde.

Eine echte Feldforschung bedeutet, dass der Forscher die Sprache des indigenen Volkes, bei dem er sich aufhält, beherrscht und mindestens einen ganzen Jahreszyklus hindurch mit ihnen verbringt. Eine Reise ist also keine Feldforschung, sondern eher ein Erkundungsausflug, eine allgemeine Ortung.

»Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende«, schrieb der große Kulturanthropologe Claude Lévi-Strauss im ersten Satz seines Buches Traurige Tropen (Lévi-Strauss 1982), in dem er seine Reise in die Urwälder des Amazonas beschrieb. Darin kommt die Enttäuschung zum Ausdruck, die ihn erkennen ließ, was der Kontakt der Reisenden mit den indigenen Völkern anstellt. An sich aber war Lévi-Strauss überzeugt, dass auch Reisen interessante frische Eindrücke und Erkenntnisse vermitteln können, solange sie nicht Projektionsflächen für die eigenen Vorurteile werden. Bei einer Reise kommt es weniger darauf an, wie weit oder wie lange man unterwegs ist, sondern wie tief sie geht.

Es ist nicht meine Absicht, hier noch ein weiteres ethnografisches Werk hervorzubringen, sondern einen Blick auf die Heilpflanzenkunde und die schamanischen Heilmethoden der Sibirier und Mongolen zu werfen, denn diese gewähren Einsichten in die zirkumpolare1 Heilkunde der Großwildjäger der jüngeren Altsteinzeit. Warum ist das interessant? Zu einem, weil das auch unsere ältesten therapeutischen Wurzeln sind, wie auch die der nach Amerika gewanderten Paläosibirier, aus denen die Indianer hervorgegangen sind.

1 Zirkumpolar: die Gebiete rund um den Nordpol (Grönland, Kanada, Sibirien, Nordeuropa).


Auf der Suche nach dem Ex Oriente Lux

Peter »Pitt« Germann, der geniale Leiter der Dortmunder Heilpflanzenschule Phytaro, lud mich ein, mit einigen seiner Freunde eine »Safarireise« durch die Mongolei und in die Republik Burjatien im östlichen Sibirien zu machen. Das klang höchst interessant, da ich mich als Ethnologe viel mit den mongolischen Steppenvölkern, den am Baikalsee lebenden Burjaten und den ebenfalls dort lebenden Rentierhirten, den Ewenken (Tungusen), befasst hatte. Den Ewenken verdanken wir übrigens das Wort »Schamane« – šaman, »jemand, der bewegt und abgehoben ist«. Es bezeichnet jene Meister der Ekstase und der Trance, deren Aufgabe es ist, gute Beziehungen zu den Geistern und Göttern herzustellen. Nicht nur, was die Kultur der Nomaden und Taigabewohner betraf, auch ethnobotanisch würde die Reise hoch interessant sein.

Die neun Teilnehmer, die sich alle für traditionelle nicht-westliche und schamanische Methoden der Heilkunde interessierten, trafen sich am Frankfurter Flughafen für den Aeroflot-Flug über Moskau nach Ulan Bator. Da an dem vielbeschäftigten Flughafen lange keine Startbahn für unseren Flug frei wurde, schafften wir den Anschlussflug in die Mongolei nicht, die nächste Verbindung würde erst am nächsten Tag möglich sein. Also saßen wir im Schermetjewo International Airport fest. Glücklicherweise waren wir nicht gezwungen, mit unseren Köfferchen auf den Bänken in der Transitwartehalle zu sitzen. Die russische Fluggesellschaft zeigte sich äußerst großzügig, wir bekamen Zimmer zum Schlafen und einen Haufen Gutscheine für Speis und Trank, sodass wir, wie der liebe Gott in Frankreich, ungeniert die Speisekarte rauf und runter schlemmen konnten. Lauter Gerichte, die wir kaum kannten: salzig-saure Rassolnik (Fleischsuppe), Borschtsch, Wildpfanne, Piroggen (Teigtaschen), gefüllte Bliny (Pfannkuchen), Bœuf-Stroganoff und andere Leckerbissen. Jutta, eine Teilnehmerin, konnte zum Glück Russisch und übersetzte die Namen der mysteriösen Speisen. Mit Kompott (Obstgetränk), Sbiten (Gewürz-Honig-Tee), Waldbeerentee, Moosbeerensaft, Kwass und gutem Moskowskaja-Bier löschten wir unseren Durst; auch das berühmte »Wässerchen« (Wodka) probierten wir. Es war ein Fest. Die tolle Stimmung schmiedete die Gruppe fest zusammen. Wir dachten an Edward Snowden, den mutigen Whistleblower, der die geheimen Pläne eines globalen Überwachungsprogramms des US-Geheimdienstes enthüllte, nach Russland floh und vierzig Tage in derselben Transitzone ausharren musste, bis ihm schließlich Asyl gewährt wurde.

Am nächsten Tag waren wir wieder auf dem Weg. Wegen der Unterbrechung verpassten wir einen Termin mit einem bekannten Schamanen und den geplanten Ausflug in den Hustai-Nationalpark, wo es Przewalski-Pferde in freier Wildbahn gibt.

Beim Anflug auf Ulan Bator schwebten wir über eine hellbraune, hügelige, von zahlreichen Autopisten zerfurchte Landschaft. Pferdeherden waren zu sehen und an den Rändern der Metropole Jurten und kleine Häuschen mit bunten Dächern. 1,5 Millionen Menschen, die Hälfte der Bevölkerung der Mongolei, lebt in der aus allen Nähten platzenden Stadt.

Abfertigung, Passkontrolle und Gepäckaufnahme im Chinggis Khaan International Airport gingen schnell. Die mongolischen Gastgeberinnen, die uns begleiten und führen würden, und die Fahrer der Geländewagen wollten ohne Verzögerung aufbrechen. Aber eine Schwierigkeit gab es dann doch: Die Passkontrolle ließ Lutz nicht durch. Als Luxemburger brauche er ein Visum, sagte der Beamte. Sicherlich ein Versehen, denn die anderen Mitreisenden mit deutschen, schweizerischen und französischen Pässen und auch ich mit einem amerikanischen Pass bekamen ohne Umstände den Stempel zur visafreien Einreise. Vielleicht war dem Beamten das Land Luxemburg unbekannt? Das war sicherlich nur eine kleine Formalität. Ein Anruf beim Luxemburger Konsulat, dann würde alles okay sein. Wir warteten geduldig am Ausgang. Die Zeit zog sich in die Länge.

Vielleicht, meinte ich, sollten wir Ganesha, den Elefantengott, den mächtigen Sohn Shivas, den Herrn der Widerstände und der Überwindung von Widerständen, anrufen. Wenn Ganesha gnädig gestimmt wird – so heißt es in der südasiatischen Tradition –, dann macht er den Weg frei. Denn nichts kann den mächtigen Dickhäuter aufhalten, und wenn er dennoch in ein Fangnetz gerät, dann wird sein Reittier, eine kleine Ratte, das Netz mit ihren Nagezähnen durchnagen. Für den westlichen Rationalisten mag diese Vorstellung völliger Unsinn sein, für mich jedoch ist es ein Bild, eine Imagination, die auf verborgene Wirklichkeiten weist, auf spirituelle Wesenheiten, mit denen man in Resonanz gehen kann und die tatsächlich den Menschen beistehen und helfen können. Ein christlicher Heiliger, etwa der Christophorus, hätte es auch getan. Aber ich kannte leider keine Christophorus-Lieder. Nun, dann würden wir eben ein Ganesha-Mantra singen!


Ganesha, der Elefantengott, Herr der Überwindung von Widerständen.

Glücklicherweise hatte sich Nadine, eine junge Frau, orange gekleidet und mit langen Filzlocken auf dem Kopf, zu uns gesellt. Sie kam gerade von einem Schamanentreffen im Altaigebirge und würde uns auf unserer Reise durch die Mongolei begleiten. Als Schülerin des nepalesischen Schamanen Mohan Rai, einem glühenden Verehrer Shivas, würde sie sicherlich ein geeignetes Mantra kennen, das dem armen Lutz aus der Klemme helfen könne.

Sie sang OM Gam Ganapataye Namo Namah und allmählich stimmten wir mit in das Lied ein. Ja, und dann erschien Lutz in der Gepäckabgabe. Wir atmeten auf. Aber er war nur da, um seine Koffer zu identifizieren. Dann verschwand er wieder. Er wurde umstandslos in den nächsten Flug zurück nach Moskau gesteckt und abgeschoben. Weder Bitten, Betteln noch Bakschisch, auch nicht das Luxemburger Konsulat konnten da was machen. Der göttliche Elefant ließ sich diesmal nicht umstimmen.

Der Medizinmann und der Schamane

Eine der beiden Frauen, die uns als Reiseführerinnen begleiteten, wandte sich mir zu und sagte: »Ich bin Orgilmaa. Wir kennen uns ja. Wir sind uns schon mal begegnet. Kennst du mich noch?« Ich kratzte mich am Kopf. Woher sollte ich sie kennen?

»Erinnerst du dich nicht? Es war vor siebzehn Jahren, da war ich mit bei dem Schamanentreffen in Garmisch. Ich war die Übersetzerin und Assistentin des großen mongolischen Schamanen Zeren Baawae. Du und ich, wir haben damals das Gespräch zwischen dem Cheyenne-Medizinmann Elkshoulder und Zeren Baawae übersetzt.«

Da kam es mir wieder in den Sinn. Was für eine Überraschung! Da fliegt man um die halbe Welt und trifft jemanden, den man kennt! Es war damals, Ende Oktober im Jahr 2000, bei der internationalen Schamanenkonferenz Wanderer zwischen den Welten im Kurhaus von Garmisch-Partenkirchen, wo wir uns begegnet waren. An der Schwelle eines neuen Jahrtausends trafen sich damals um die zweitausendfünfhundert New-Age-Begeisterte. Sie versammelten sich, um mithilfe traditioneller Schamanen, Medizinmänner und Heiler aus verschiedenen Kulturen den Planeten auf eine höhere spirituelle Schwingungsebene zu bringen (Gottschalk-Batschkus 2000). Eine groß aufgezogene Monsterveranstaltung war das, mit gewichtigen Sponsoren.2 Man hatte mehrere Ethnologen gebeten, »ihre« Schamanen zu diesem Event einzuladen. Auch ich wurde gefragt und lud daraufhin den Medizinmann George Elkshoulder, den Hüter der Überlieferungen der Cheyenne, ein, teilzunehmen. Der alte Medizinmann kam; ich glaube nicht, dass er wirklich die lange Flugreise machen wollte, aber bei den Cheyenne herrscht der Brauch, dass man die Bitte eines Freundes nicht abschlägt.

»Es ist lange her«, sagte Orgilmaa nachdenklich, »die beiden Alten (sie meinte Elkshoulder und Baawae) sind inzwischen auch schon gestorben.«

Orgilmaa sprach ein ausgezeichnetes Deutsch, da sie, wie viele andere Mongolen, in DDR-Zeiten in Leipzig studiert hatte. Die Volksrepublik Mongolei galt damals als sozialistischer Bruderstaat, mit dem reger Handel und kultureller Austausch betrieben wurde. Die DDR errichtete dort ein Fleischkombinat, eine Streichholz- und eine Teppichfabrik und beteiligte sich am Bergbau. Die Sozialistische Mongolische Volksrepublik und der ostdeutsche Arbeiter-und-Bauernstaat sind schon längst Geschichte, aber noch immer bestehen die Beziehungen. Beim ASEM (Asien-Europa-Gipfel) 2016 reiste sogar Bundeskanzlerin Merkel, an alten Handelsbeziehungen anknüpfend, nach Ulan Bator. Und es heißt, bis zu vierzigtausend Mongolen können sich noch immer auf Deutsch verständigen.

Das Schamanentreffen in den bayrischen Bergen stand ganz im Zeichen der zeitgenössischen One-World-Vision. In diesem neuen Jahrtausend, mit dem Aufbruch ins Wassermann-Zeitalter, sollten die Menschen endlich begreifen, dass wir alle Kinder Gaias sind. Universelle Liebe, Gewaltlosigkeit, die Erkenntnis der Einheit von Mensch und Natur, ja, nichts weniger als die Rettung der Erde, waren die hehren Ziele der Veranstaltung. Die Schamanen, mit ihrer Einsicht in die tieferen spirituellen Dimensionen des Seins – und nicht etwa die Vertreter der ausbeuterischen, dogmatischen Weltanschauungen und der etablierten Religionen, die es ja waren, die den Karren in den Dreck gefahren hatten – sollten uns den Weg dahin weisen. Die Konferenz sollte den Schamanen, die aus der ganzen Welt angereist waren, eine Plattform zum Dialog und zur Vernetzung bieten. Das war der Wunsch, dafür war das esoterisch bewegte Publikum auch bereit, einen eher saftigen Eintrittspreis zu zahlen.

Die Vernetzung und der Dialog funktionierten allerdings lediglich bei jenen der anwesenden »Neoschamanen«, denen die New-Age-Philosophie ihr Leibgericht war, die von einem Schamanentreffen zum anderen jetteten und das Bild des kleinen blauen, vom Weltall aus fotografierten Globus als Ikone verinnerlicht hatten. Diese Neoschamanen hatten Teil an dem zeitgemäß »korrekten« Weltbild, teilten dessen Vokabular und Symbolik. Sie konnten gut und schöngeistig miteinander Gedanken austauschen.

Bei Vertretern wirklicher traditioneller Stammesvölker, wie etwa Elkshoulder und Baawae, ging das nicht so einfach. Sie kamen sich eher wie Fremde in einer fremden Welt vor. Ein Stammesschamane aus dem mittelamerikanischen Urwald, der von seinem Ethnologen auf der Bühne wie ein exotisches Tier vorgeführt wurde, weinte, nachdem er genötigt wurde, einen »schamanischen« Tanz aufzuführen.

Die Vertreter der indigenen Völker zeigten einander höflichen Respekt, aber – das war mein Eindruck – die inneren spirituellen Welten waren absolut nicht die gleichen. Ebenso wie die verschiedenen Sprachen ihren jeweils eigenen Wortschatz, ihren spezifischen Satzbau (Syntax), ihre Phonetik (Lautlehre) und Grammatik aufweisen, so ist es auch mit den metaphysischen Strukturen: Sie weisen in jeder kulturellen Überlieferung ihre eigene »Grammatik« auf. Die Fülle der Symbole und Imaginationen sowie die spirituellen Techniken (Rituale, Askese, Fasten, Gebrauch von Entheogenen3), die das »Jenseitige« greifbar machen, haben sich über lange Zeiträume hinweg und unter bestimmten natürlichen Umweltbedingungen herausgeformt. Sie lassen sich nicht vereinheitlichen und über einen Kamm scheren. Einem südamerikanischen Schamanen werden zum Beispiel kein Eisbär und keine Robbe als Tierhelfer erscheinen; seine Seele wird nicht durch das Rauchloch eines Tipis zum Nordstern fliegen. Das soll aber nicht heißen, dass die Visionen und Abenteuer der Seele nichts weiter sind als subjektive Halluzinationen, Einbildungen oder Projektionen. Die Götter und Geistwesen, welche die Natur beseelen, kleiden sich in bildhafte Erscheinungen ein, die im jeweiligen kulturellen Kontext Sinn machen.

Für einen traditionellen Medizinmann wie Elkshoulder machte das New-Age-Weltbild wenig Sinn. Allein das Bild der Erde als kleiner blauer Globus, der in einem unendlichen schwarzen All einen Stern umkreist, war ihm fremd. Für ihn war die Welt dreiteilig: oben der Himmel, unten die Erde und wir, Menschen, Tiere, Pflanzen, in der Mitte. Er blieb bei den sichtbaren Phänomenen: Die Sonne wandert, wie eine Spinne auf unsichtbaren Fäden, über den Himmel und durchquert nachts die Unterwelt.

Auch sonst befand sich der alte Indianer kaum im Einklang mit der neuen globalen Spiritualität. Fremd war ihm der shamanism light, der sich bei den indigenen Naturvölkern wie in einem Supermarkt bedient und die Elemente oberflächlich und nach Belieben neu zusammengesetzt hatte. Seine Sichtweise war irritierend politisch unkorrekt. Auch ich war schockiert, als er fragte: »Was hat der Schwarze hier zu suchen?«, nachdem er Peter Costello, einen Stammesältesten der australischen Aborigines, zum ersten Mal sah. Aber ehe man den alten Indianer moralisch an den Pranger stellt, sollte man den Kontext der Aussage verstehen. Seit Kolonialzeiten wurden in den Vereinigten Staaten die Menschen nach ihren genetischen Merkmalen eingeordnet und bewertet (Isenberg 2017:178f). Ganz oben in der Wertskala befinden sich die WASPs4 und unten, am »Bodensatz«, konkurrieren Schwarze, Mexikaner und Indianer um die letzten Plätze. Als die Afroamerikaner im Zuge der staatlich geförderten Bürgerrechtsbewegung in den Genuss bevorzugter Behandlung (affirmative action) kamen, fühlten sich viele Indianer düpiert. Aber vielleicht war es nicht einmal das, was ihn dazu bewegte, das sprachliche Tabu zu verletzen, vielleicht war es einfach nur Ausdruck der Überraschung, denn im Land der Cowboys im Schatten der Rocky Mountains sah man praktisch nie Schwarze.

Dann fragte er mich: »Where are the Germans?« (Wo sind die Deutschen?)

Ich verstand die Frage nicht. Was sollte das bedeuten?

»Ja, hier. Das sind die Leute hier«, versicherte ich ihm.

»Das sind keine richtigen Germans«, antwortete er, »ich meine die, die so tapfer im Krieg gekämpft haben.« Dann erfuhr ich, dass er im Zweiten Weltkrieg als amerikanischer GI an der Front gewesen war. Damals stand ihm ein ganz anderer Menschentypus gegenüber. Die sanften, empfindsamen New-Ager, die sich auch ihrer Tränen nicht schämen und ihre Gefühle offen zeigen, sind da was ganz anderes. Der alte Indianer kam aus einer Kultur, in der kriegerische Tugenden gefragt sind, einer Kultur, die härteste Askese übt, um die Aufmerksamkeit der Götter zu erlangen, einer Kultur, wo durch Fasten in der einsamen Wildnis Visionen gesucht werden, einer Kultur, in der sich die Männer beim Sonnentanz Pflöcke durch Brust und Schulter bohren, die mit langen Lederriemen am heiligen Sonnenpfahl befestigt werden; sie umtanzen den Pfeiler, bis sie in Trance fallen und die Pflöcke aus ihrem Fleisch losreißen, wobei sich ihre Seele vom Leib löst und wie ein Adler in den Himmel fliegt – eine archaische schamanische Technik übrigens, die den außerleiblichen Astralflug bewirkt. Es war diese Mentalität der harten Selbstbeherrschung, die es den Cheyenne ermöglicht hatte, länger gegen die europäische Invasion zu kämpfen als jeder andere Stamm in Nordamerika mit Ausnahme der Apachen. Der Völkerkundler Karl Schlesier, der diese Indianer gut kennt, schreibt: »Durch die übernatürlichen Mächte zum Hüter eingesetzt über Pflanze, Tier und Wasserlauf, zum Verteidiger der alten Ordnung berufen, (…) kämpften die Cheyenne mit Stoßlanze und gefiedertem Pfeil gegen moderne Armeen nicht nur um die eigene Selbstbehauptung, sondern für die ganze Welt des Graslandes. (…) Die Cheyenne im Bildersaal amerikanischer Erinnerungen: Das sind rasende, präzise zuschlagende Reiter, die sich spukhaft vom Gegner lösen und wie Rauch verschwinden. Das sind verwegene Krieger, Adlerfedern und Bärenkrallen, Schilde aus Büffelleder und mit Zeichen bemalte Pferde. Das sind Frauen, die furchtlos die Kugeln auf sich ziehen, um andere zu schützen. Das sind Häuptlinge und Bewahrer heiliger Bündel von uralter, gelassener Nobilität. Das ist ein klagendes Lied über einer Ebene, die mit dem Himmel verwächst, und ein einzelner Mann, der, von Feinden umringt, klaglos einen harten Tod auf sich nimmt« (Schlesier 1985:9).

Es war dieser Geist – ein Geist, der übrigens auch den mongolischen Nomaden nicht fremd ist –, der in dem alten Medizinmann wie ein heiliges Feuer glühte. Kein Wunder, dass er sich unter den lieben Leuten, die ihm wie Weicheier und Alles-ist-Licht-und-Liebe-Mimosen vorkamen, nicht wohlfühlte.

Ein anderes Mal fragte er mich: »Wo sind denn die Medizinmänner und Medizinfrauen, von denen du sagtest, sie wollten sich hier zum Powwow treffen, um starke Medizin5 zu machen? Was ich hier sehe, sind hauptsächlich Unterhalter (showmen), wortgewandte Prediger und einige, die irgendwelche Rituale machen. Und der da (er zeigte auf einen populären Schamanen, einem Superstar des Seminarbetriebs), der hat zwar Federn am Hut, aber fliegen kann er nicht! Das ist ein Lügner!«

»Warum«, fuhr er fort, »hast du mich überhaupt hierhergebeten?«

»Zum einen«, antwortete ich, »weil wir keinen Zugang mehr zu den Geistwesen und zu unseren Ahnen haben. Wir haben keine heiligen Lieder mehr, keine Rituale. Wir haben alles verloren. Ich dachte, vielleicht könntest du uns helfen.«

Er sagte nichts. Geschwätz und theoretische Diskussionen sind nichts, womit die Indianer ihre Zeit verschwenden.

Da ich merkte, dass ihm der esoterische Rummel unangenehm war, entschloss ich mich, ihm mal die schöne Tiroler Berglandschaft zu zeigen. Mit dem Auto fuhren wir die Serpentinstraße hinter der majestätischen Zugspitze hinauf, kurvten entlang wilder Felsenschluchten und durch Fichten- und Tannenwälder bis hin zum Fernpass. Elkshoulder sprach während der Fahrt kein Wort. Mit wachen Sinnen nahm er die Natur in sich auf: Die schäumenden Wasserfälle, die moosbewachsenen Felsformationen, die alten knorrigen Tannen, die Birken, Eschen und Espen, und – wenn es welche gab – die Tiere. Kein Adler am Himmel, kein Hirsch im Tann, kein Murmeltier entging seinem scharfen Blick. Als wir am Abend, nach vier oder fünf Stunden Herumgekurve, wieder im Konferenzsaal waren, sagte er: »Nichts habt ihr verloren! Wenn ihr eure Lieder und eure heiligen Rituale wiederfinden wollt, dann geht zu den Bäumen, geht zu den Tieren, den Bergspitzen, den Flüssen. Sie sind alle da. Fragt sie. Sie wissen es. Sie werden euch wiedergeben, was ihr verloren habt!«

Wieder einmal wurde mir klar, dass für die Indianer, wie auch für andere indigene Völker wie die Mongolen, die Natur die Quelle aller Spiritualität ist. Nicht irgendwelche Schriften, Bücher und mönchische Gedankenkonstruktionen, sondern die Berge, Schluchten, der Himmel, das Gewitter, die Bäume und Kräuter, die Gewässer, die Vögel und Fische sind die Sprache des Göttlichen. Man muss ihnen nur lauschen, muss das Geplapper der Gedanken abschalten, muss leer werden, um ihre Weisungen aufzunehmen, um wieder heil zu werden.

Die Tage gingen vorüber, Workshops und Seminare wurden gehalten. Die Schamanen und Medizinleute aus den indigenen Kulturen verhielten sich einander gegenüber respektvoll, aber sie tauschten sich nicht wirklich aus. Die Veranstalter waren leicht irritiert. Das ging doch nicht, dass die Schamanen und Medizinleute im Speisesaal oder im Referentenzimmer einfach herumsaßen und kaum miteinander redeten! Sie, denen es gegeben ist, in andere Wirklichkeiten zu blicken, sollten sich doch rege austauschen, ihre Visionen teilen, sich vernetzen.

Zwei engagierte Frauen, Christine Gottschalk-Batschkus von der Ethnomedizinzischen Gesellschaft und die Völkerkundlerin Amélie Schenk, schafften es, dass sich der mongolische Schamane Zeren Baawae mit dem Medizinmann der Cheyenne an einen Tisch setzte. Orgilmaa und ich wurden beauftragt, das ungeduldig erwartete Gespräch zu übersetzen – Orgilmaa vom Mongolischen und ich vom Englischen ins Deutsche.

Die beiden großen Meister der spirituellen Künste schauten einander erst einmal schweigend an. Offensichtlich erkannten sie die persönliche psychische Kraft, die medicine power, oder wie die Mongolen sagen, das »Windpferd« (Chiimori), das der jeweils andere in sich trug.

»Was kannst du heilen?«, fragte Baawae.

»Alles«, antwortete Elkshoulder.

»Ich kann auch alles heilen«, sagte Baawae.

Nach einer kurzen Pause sprach der mongolische Schamane weiter: »Ich kann alles heilen, nur bei Kehlkopfkrebs habe ich Schwierigkeiten. Kannst du das heilen?«

Ich fand es merkwürdig, dass der Schamane mit dem Heilen von Kehlkopferkrankungen Probleme hatte. Aber dann kam mir die kulturelle Bedeutung dieses Organs in Zentralasien in den Sinn. Die Kehlkopfregion ist ein Fokus für Angstgefühle. Im buddhistischen Lamaismus, dem die Mehrzahl der Mongolen inzwischen angehören, gibt es die Vorstellung einer Hölle, in der die Totengeister von Heißhunger geplagt werden; ihre Bäuche sind zwar riesig groß, aber ihre Hälse (Kehlkopfregion) sind ganz dünn und eng, sodass sie nichts schlucken können; es ist ihnen unmöglich, sich satt zu essen.

Weiterhin spielt auch der Kehlkopfgesang (Khöömei) eine zentrale Rolle in dieser Kultur. Der Gesang dient nicht nur zur Unterhaltung, sondern als Kommunikation mit und als Wiedergabe der Töne und Klänge der Natur – das Pfeifen des Windes durch die Bäume oder über die Steppe, Tierstimmen, Wolfsgeheul, Vogelgesang und Geisterstimmen sind da zu hören. Die dabei erzeugten Obertöne verbinden mit der Geisterwelt, die dunkleren Basistöne gehören zur irdischen Welt. Das Singen hat eine schamanische Dimension. Es ist tatsächlich so, dass der Sänger beim Obertonsingen leicht entrückt ist und während des Singens keine alltäglichen Gedanken denken kann. Tiere reagieren auf Kehlgesang; auf menschliche Zuhörer wirkt er heilend; er kann auch die Selbstheilkräfte anregen.

»Ja, Kehlkopfkrebs kann ich auch heilen«, sagte Elkshoulder.

»Wie machst du das?«

»Mit einer Pflanze!«

»Wie sieht diese Pflanze aus?«, wollte Baawae wissen.

Ich war selber gespannt, welche Heilpflanze das wohl sein könnte. Cathy Welschbillig, eine Ethnopharmakologin aus Luxemburg, die sich zu der Runde gesellt hatte, spitzte ebenfalls die Ohren und rückte näher, um die Antwort genau zu hören. Die junge Frau hatte bei den Northern Cheyenne in Montana Feldforschung betrieben und eine Doktorarbeit über deren Heilpflanzen geschrieben (Welschbillig 1997). Einige der Medizinleute des Stammes, auch mein Freund Tallbull, waren ihre Gewährsleute.

»Sie hat grüne Blätter, einen Stängel und gelbe Blüten.« Das war’s, mehr sagte er nicht. Cathy und ich sahen einander an und zuckten mit den Schultern. Auch Zeren Baawae sagte nichts weiter. Hatte Elkshoulder vielleicht, wie ich es oft bei den indianischen Medizinleuten erlebt habe, seinem Gegenüber ein mentales Bild telepathisch vermittelt? Könnte sein, aber ich glaube, das war es nicht. Wie oft bei indigenen Heilern und Schamanen ist das Wissen um Heilpflanzen persönlicher Besitz. Es wurde ihnen von den Geistern in der Vision geschenkt und gehörte nur ihnen. Immer wieder hatte ich das bei den Cheyenne erlebt: Materielle Gegenstände wurden umstandslos geteilt – mit dem geparkten Pick-up-Truck konnte man einfach wegfahren, das Winchester-Gewehr vom Gestell an der Wand nehmen, wenn man diese Dinge dringend brauchte; man konnte sich ungeniert aus dem Kochtopf oder Kühlschrank bedienen –, aber Visionen und Rituale, die einem die Geister geschenkt hatten, die waren Privatbesitz. Später erwähnte Elkshoulder, dass seine Mutter ihm das Wissen über diese gelb blühende Heilpflanze geschenkt hätte. Welche es ist, blieb sein Geheimnis.

Nach dem Gespräch kam es zu einer Pressemitteilung. Darin hieß es, die internationalen Schamanen tauschen sich aus, was schwere Krankheiten, zum Beispiel Krebs betrifft, und erwägen mögliche Behandlungsmethoden. Einige der großen Tageszeitungen und Magazine nahmen das auf. Ein Reporter der BILD-Zeitung erschien und wollte ein Foto von dem indianischen Medizinmann knipsen. Elkshoulder verweigerte sich. Er hatte als Bedingung seiner Teilnahme an der Konferenz festgelegt, dass er weder gefilmt noch fotografiert wird. Er war überzeugt, dass es ihm die Lebenskraft absauge, wenn das geschehe. Es schien, als verstehe der Reporter die Welt nicht mehr: »Aber wir sind BILD!«, meinte er, »Da will doch jeder rein!«

Opferlamm und Hundebiss

Ein oder zwei Tage darauf sollte Zeren Baawae seine schamanische Kunst zur Schau stellen. Unter dem freien Himmel, im Stadtpark von Garmisch, sollte er die Geister der Berge herabrufen und verehren. Ein solches Ritual bedarf immer eines Blutopfers, am besten ein Schaf. Aber wie sollte das gehen? Im öffentlichen Park eines bayrischen Kurorts und zudem in einer Hochburg der CSU?

Amélie Schenk, die zuständige Ethnologin, hatte die rettende Idee. Ein Osterlamm aus der Backform, das wäre es! Ein passendes Ersatzopfer! Das sei nichts Außergewöhnliches, es sei, wie man in der Religionsethnologie sagt, eine »Substitution«. Die Götter würden es annehmen. Schließlich ist das Schaf auch das bevorzugte Opfertier der abrahamitischen Religionen; während die Muslime noch immer ein lebendiges Schaf beim Bayram-Fest opfern, backen die Katholiken einen Osterkuchen in Lammform.

Eine relativ kleine Gruppe neugieriger Zuschauer hatte sich auf dem Rasen eingefunden. Der berühmte Schamane hatte seinen Schamanenmantel angelegt, in dem seine Schutzgeister wohnten; in den Händen hielt er seine große runde Rahmentrommel und den dazugehörigen Schlägel. Neben ihm zur linken Seite stand seine Assistentin, Orgilmaa. Vor ihnen, auf dem Erdboden, befand sich der in Schafform gebackene, luftige, gelbe Kuchen.

Langsam, rhythmisch seinen Körper bewegend, fing der Schamane an zu trommeln und seine Zauberlieder zu singen. Die Zuschauer standen im Halbkreis um den Geisterbeschwörer herum. Neben mir war Hky Eichhorn, der Windhornbauer, der selbst so etwas wie ein indigener Schamane ist und es vermag, mit seinem »Windhorn« (Didgeridoo) die Naturgeister zu rufen und zu bewegen. Rechts neben mir stand der Rahmentrommelbauer Rolf Baumann aus der Schweiz. Da ihn das Schamanentum besonders interessierte, hatte er sich mit seinem alten Campingbus extra auf den Weg nach Garmisch gemacht. Wie immer hatte er seinen treuen Schäferhundmischling mit dabei. Der Hund, der eine freundliche Natur hatte, brauchte keine Leine, er folgte Rolf brav bei Fuß.

Während Baawae mit seinem Schamanisieren allmählich in Fahrt geriet, fiel mein Blick auf den Hund. Als Hundeliebhaber hat mich schon immer das Verhalten dieser Tiere interessiert. Ich merkte, wie er den Kuchen witterte und neugierig wurde. Er blickte zu seinem Herrn auf, als wolle er um Erlaubnis bitten, das Gebäck näher zu erkunden; dieser aber war ganz von dem Spektakel absorbiert. Langsam und ganz vorsichtig wagte sich der Hund in die Runde, um an dem Kuchen zu schnuppern. Orgilmaa bemerkte ihn, bückte sich freundlich zu ihm herunter und der Hund schaute zu ihr hinauf. In dem selben Augenblick wirbelte der Schamane herum und traf Orgilmaa mit seiner großen Rahmentrommel im Gesicht, sodass das Blut spritzte und sie zu Boden stürzte.

Eine Schockwelle ging durch die Zuschauer. Die Ethnologin war sich sofort sicher, der Hund hätte zugebissen. Sie verkündete das und alle schienen ihr zu glauben. Ich hatte aber genau gesehen, dass das nicht so war.

Sanitäter kamen herbeigeeilt. Auch zwei uniformierte Polizisten erschienen und schnauzten den armen Rolf im Kommandoton an: »Warum war der Hund nicht angeleint? Es besteht Leinenpflicht!«

»Und überhaupt, ist der Hund geimpft?«, fragten sie noch, als sie ihn, samt Hund, wie ein Verbrecherduo abführten. Kein guter Tag für die bundesdeutsch-schweizerischen Beziehungen!

Orgilmaa, deren Lippe geplatzt war und die einen lockeren Zahn hatte, wurde in der Notfallklinik ärztlich versorgt. Die Verletzung wurde vom Arzt genäht – also wie eine Platzwunde behandelt und nicht wie ein Hundebiss. Hundebisse werden wegen der Gefahr von Wundinfektion und Blutvergiftung grundsätzlich nicht genäht. Das ist, weil die Zähne im Hundemaul mit allen möglichen gefährlichen Staphylokokken, Streptokokken, Pasteurellen und anderen Keimen besetzt sein können. Aus ärztlicher Sicht handelte es sich also um eine Platzwunde und keine Bisswunde. Trotzdem verlangte man von Rolf, dass er Behandlung und Schadensersatz zahlt. Die wilden Berggeister verlangten ein echtes Blutopfer. Sie hatten sich – so schien es mir – mit dem christlichen Osterlammkuchen nicht zufriedengegeben. Eigentlich, könnte man sagen, war die Beschwörung der wilden Berggeister erfolgreich gewesen.

Das Ereignis hatte sich auf der Konferenz schnell herumgesprochen. Ein nepalesischer Schamane verkündete großspurig: »Was da geschah, ist nicht nur eine Beleidigung des großen mongolischen Schamanen, es ist eine Beleidigung des Schamanismus überhaupt. Der Hund muss getötet werden, um das wiedergutzumachen!«

Einer der anwesenden Ethnologen, ein international bekannter Experte, dessen Namen ich hier nicht nennen will und der wahrscheinlich gerade eine lange Linie Kokain geschnupft hatte, stieg darauf ein. Mit gezücktem Kurzschwert lief er durch die Hallen des Kurhauses, um das Todesurteil an dem Hund zu vollstrecken. Er sah auch mich und zischte, ehe er weiterraste: »Ich weiß, du weißt, wo er sich versteckt, aber du sagst es nicht!«

Er hatte recht, ich wusste, wo sich Rolf und sein treuer Gefährte aufhielten, ich hatte sie gerade in ihrem Camper auf dem Parkplatz besucht. Rolf hatte mir erzählt, dass er zwar gesehen hätte, wie sein Hund auf den Kuchen zuging, aber er hätte sich aus Respekt vor dem Schamanen gescheut, ihn zurückzurufen. Er wollte das Ritual nicht stören.

Auf dieser Reise in der Mongolei erzählte ich Orgilmaa die Geschichte, wie ich sie erlebt hatte. Sie war aber nach wie vor davon überzeugt, der Hund hätte sie gebissen.

»Das Letzte, was ich sah, ehe ich das Bewusstsein verlor, waren die gefletschten Zähne des Hundes!«

Das mag wohl sein, dachte ich. In dem Moment, als die Trommel auf sie krachte, bekam der an sich friedliche Hund einen plötzlichen Schreck, zog die Lefzen hoch und zeigte die Zähne.

Jeder der Anwesenden schien etwas anderes gesehen zu haben. Es erinnerte mich an den japanischen Filmklassiker Rashōmon (»Lustwäldchen«) von Akira Kurosawa: Im finsteren Wald wird ein Samurai ermordet und seine Frau vergewaltigt. Jeder Zeuge – ein Mönch, ein Holzfäller, die Frau selbst sowie der tote Samurai, der seine Version durch einen Geisterbeschwörer vermittelt – berichtet eine andere, dennoch glaubwürdige Version des grausamen Zwischenfalls. Was war wirklich geschehen? Man kann es nicht sagen. Jedes Zeugnis ist stichhaltig. Das Problem der selektiven Wahrnehmung oder der kognitiven Verzerrung wird damit angesprochen und ist in den philosophischen Diskurs als Rashomon-Effekt eingegangen. Selbstverständlich spielt dieser Effekt auch in der ethnologischen Feldforschung eine Rolle – und auch in diesem Bericht von einer magischen Reise. Obwohl wir zusammen gereist sind, hat jeder Teilnehmer eine andere Reise unternommen.

Indianerfilme und Pferdeherden

Nach kurzem Frühstück in einer Wohnung irgendwo in der nicht besonders einladenden Innenstadt von Ulan Bator machten wir uns mit drei robusten Allradfahrzeugen auf den Weg ins offene Gelände. Die Glasfassaden der neuen, von internationalen Konzernen hochgezogenen Hochhäuser, die grauen Plattenbauten aus sozialistischen Zeiten und schließlich die Bretterhütten und Jurten der ärmeren Stadtbewohner hinter uns lassend, fuhren wir über zerfurchte, staubige Pisten durch eine fast menschenleere, grenzenlose, von vielen verschiedenen Beifuß- und Gänsefußarten bewachsene Steppenlandschaft. Diese hügelige Steppe, überdeckt von einem unendlich weiten, tiefblauen Himmel, die Täler, in denen gelegentlich Schwarzpappeln wuchsen, und die sanften Berge, die an der feuchteren Nordseite mit Kiefern, Lärchen, Espen und Birken bewachsen waren, erinnerten stark an Wyoming und Montana. Auch im amerikanischen Westen erstreckt sich ein tiefblauer Himmel, der Big Sky, von Horizont zu Horizont. Nur hier, in der mongolischen Steppe, gab es keine Ranches, keine Getreidesilos, keine Zäune, keine asphaltierten Straßen. Auf den schier grenzenlosen, weiten Grasflächen weideten freilaufende Herden von Schafen, Ziegen, Yaks, Rindern und vor allem Pferde. Junge Reiter, die eins mit ihren wendigen Pferden zu sein schienen, hüteten zusammen mit großen Hunden die Tiere. Hier und da, völlig eingepasst in die Landschaft, sah man die Jurten (mongolisch Ger) der Nomaden.

Auch die Ziesel, die mit den Präriehunden verwandten Erdhörnchen, gaben den Eindruck, als wäre man in einem Spiegelbild der nordamerikanischen Prärie gelandet. Genau wie ihre Verwandten standen diese Nager, Männchen machend, auf ihren Bauten und hielten Ausschau nach Raubvögeln und Füchsen.

Ich malte mir aus, was für fantastische Western man hier drehen könnte. Nicht nur wegen der Ähnlichkeit der Waldsteppe mit der Landschaft im nördlichen Montana, sondern auch wegen der Ähnlichkeit des hiesigen Menschentypus: Die glatten schwarzen Haare, die hohen Wangenknochen, der gelbbräunliche Teint der Haut und auch die Lidfalte der Augen glich oft denen der amerikanischen Ureinwohner. Und dann, wie sie reiten konnten! Dieses Steppenvolk war genauso zu Hause auf dem Rücken eines Pferdes wie die Prärieindianer.



Pferde sind allgegenwärtig in der Nordmongolei. Hier ein Hirte mit seinen freilaufenden Pferden. Unten ein Ziesel, ein mit den Präriehunden verwandtes Erdhörnchen.

Erst als ich wieder zu Hause war, erfuhr ich, dass tatsächlich sogenannte Indianerfilme in der Mongolei gedreht wurden, und zwar als Koproduktionen der DDR und der Mongolischen Volksrepublik. Es sind Filme, in denen die Indianer die Guten sind und die US-Kavallerie die Bösen. Heldenhaft wehren die Ureinwohner sich gegen Kolonialismus und Unterjochung. Der DEFA-Film Der Scout (1983) zum Beispiel erzählt vom Zurückholen einer vierhundertköpfigen Pferdeherde, welche die US-Kavallerie den Nez-Percé-Indianern gestohlen hatte. Der mutige Häuptling Weiße Feder, gespielt von Gojko Mitić – die »Chef-Rothaut der DEFA« –, befreit die Pferde. Gojko, der auch Winnetou-Darsteller bei den Karl-May-Festspielen und Idol der DDR-Jugend war, brauchte viel Schminke und eine schwarze Perücke, um als Indianer glaubhaft zu sein. Die mongolische Schauspielerin Nasagdordschiin Battseseg, die in dem Film als Indianer-Squaw auftrat, dagegen nicht, und auch nicht die mongolischen Reiter, die mit ihren langen schwarzen Haaren aussehen wie echte Indianer.

Kaum jemand liebt Pferde so sehr wie die Mongolen. Auf dem Rücken der kleinen, zähen, wendigen Rosse eroberten die mongolischen Reiter unter der Führung Dschingis Khans im 13. Jahrhundert ein Riesenreich, das sich von China über Afghanistan und Persien bis nach Russland und Osteuropa erstreckte. Ein Bericht erzählt, dass die Krieger Dschingis Khans auf ihren Feldzügen neben ihrem Reitpferd jeweils noch drei oder vier Pferde zum Wechseln oder auch als lebenden Proviant mitnahmen. Die mongolischen Krieger vermochten es, im Sattel zu schlafen. Bis zu hundertzwanzig Kilometer konnten sie am Tag auf dem Pferderücken zurücklegen.

Dschingis Khan ließ es nicht ungestraft, dass der Herrscher des großen Choresmien-Reichs6 Ala ad-Din Mohammed II. – der »Schatten Allahs«, der »zweite Alexander« – mongolische Gesandte und Botschafter heimtückisch ermorden ließ. Nichts hasste der Khan mehr als Wortbruch. Der Mensch galt ihm so gut wie sein Wort, und diesen Frevel würde er rächen. Im Herbst 1218 zogen seine Reiter durch staubtrockene Wüsten und, mitten im eiskalten Winter, über praktisch unübersteigbare Gebirge. Mannshoher Schnee und eine Kälte, in der die Adern der Pferde zu platzen und die Hufe abzufrieren drohten, hielten sie nicht auf. Sie kämpften sich zwischen den hohen Bergen durch ungeheure Schneestürme und über vereiste Pässe hindurch. Alle überflüssigen Lasten warfen sie ab. Die Beine ihrer Pferde umwickelten sie mit Yakhäuten, sich selbst mummten die Krieger in Doppelpelze ein. Um sich zu erwärmen, öffneten sie den Pferden die Adern, tranken das heiße Blut und schlossen sie wieder.

Erschöpft und ausgehungert, aber für seine Feinde völlig unerwartet, stieß das Reiterheer in die blühenden Täler des Großreichs hinab. Mohammed II., der über ein zahlenmäßig weit überlegenes Heer verfügte, schickte Spione, um erst einmal den Feind auszukundschaften. Der Bericht gab nichts Erfreuliches her: »Die barbarischen Reiter sind tapfer wie Löwen, keine Mühseligkeit und keine Beschwerden des Krieges können ihnen etwas antun. Sie kennen weder Ruhe noch Rast, wissen nichts von Flucht oder Rückzug. Wenn sie aufbrechen, führen sie alles, was sie brauchen, mit sich. Sie sind mit getrocknetem Fleisch und gesäuerter Milch zufrieden, sie halten sich nicht an das (für Muslime) Erlaubte (halāl) oder Verbotene (harām), sondern essen das Fleisch aller Tiere, selbst das der Hunde und Schweine. Sie öffnen ihren Pferden die Ader und trinken das Blut. Ihre Pferde brauchen weder Stroh noch Weizen; sie scharren mit ihren Hufen den Schnee auseinander und fressen das Gras darunter oder kratzen die Erde auf und sind zufrieden mit Wurzeln und Kräutern (…) Kein Gebirge und kein Fluss kann sie aufhalten. Sie übersteigen jede Schlucht und schwimmen neben ihren Pferden über die Flüsse, indem sie sich an ihren Mähnen und Schwänzen festhalten« (Tomascy 1997:160). Ohne ihre kleinen robusten, strapazierfähigen Pferde hätten die mongolischen Steppenreiter ihr Riesenreich nicht erobern können.

Noch heute kommen – statistisch gesehen – auf jeden einzelnen Mongolen drei Pferde. Die Mongolen reiten von Kindesbeinen an. Schon Dreijährige werden auf den Pferderücken gesetzt; und Fünfjährige können schon wie der Teufel reiten – bis zu zwanzig Kilometer im Vollgalopp.

Für die Gäste werden Airag, vergorene Stutenmilch, und getrocknete Quarkplätzchen bereitgestellt.

Vor allem aber werden die Pferde wegen der Stutenmilch gehalten. Die leicht säuerliche, erfrischende, leicht vergorene Stutenmilch (Airag; Kumys bei den Turkvölkern) hat einen hohen Nährwert, ist voller lebensnotwendiger Vitalstoffe (Vitamin A, B, C), Aminosäuren, Fette und leichtverdaulichem Zucker. Sie ersetzt den Steppenvölkern Obst und Gemüse, das sich in dem extremen Klima schlecht anbauen lässt. Airag gilt praktisch als Allheilmittel. Die Steppenkrieger trugen die Milch einst in am Sattel befestigten Lederbeuteln mit sich, dabei wurde sie genügend durchgeschüttelt, was den Gärprozess förderte. Ansonsten walken die Frauen mit Stößeln die Stutenmilch.

Die vergorene Stutenmilch – der Alkoholgehalt liegt zwischen ein und drei Prozent – ist auch aus einem anderen Grund wichtig. Sie wird zu einem Milchschnaps gebrannt, dem Archi. Und dieser klare Schnaps – er kann auch aus Yakmilch gebrannt werden – wird verwendet, um die Geister und Götter gut zu stimmen. Die Pferde sind also nicht nur wirtschaftlich von Bedeutung, sie sind auch heilig, sie verbinden mit den Göttern. Oft wurde bei der Bestattung eines mongolischen Schamanen ein Ross mit geopfert, damit er auf diesem in den Himmel reiten konnte. Manchmal sieht man die Köpfe und Schädel geopferter Pferde bei den Owoos, den mongolischen Kultstätten auf kraftvollen Plätzen. Solches Brauchtum war auch den heidnischen Europäern nicht ganz fremd. Auch die Kelten, Slawen, Römer und andere indoeuropäische Völker, wie die Iraner und Indoarier, kannten das Rossopfer für die Götter, dessen Fleisch dann rituell verspeist wurde – ein Brauch, der die christlichen Missionare sehr störte, was im Jahr 732 zum päpstlichen Verbot von Pferdefleisch führte. Die Germanen hingen die Köpfe geopferter Rosse über das »Windauge«, die Rauchöffnung am Giebel, durch das die Geistwesen ein- und ausgingen, um Unheil abzuwehren. Das Raiffeisen-Logo mit den gekreuzten Pferdeköpfen erinnert daran. Mit den Schädeln der geopferten Pferde konnten die Schamanen und Schamaninnen sprechen. Das Motiv erscheint zum Beispiel in dem alten Volksmärchen von der Gänsemagd, wo die zur Magd erniedrigte Königstochter mit dem über einen finsteren Torbogen aufgehängten Kopf ihres Pferdes Fallada spricht und es ihr antwortet (STORL 2014b:221ff).



Oben: Beim Stutenmelken. Unten: Siegermedaillen in der Jurte des Hengstzüchters.

Einige Tage später, irgendwo in der Grassteppe in der Nähe eines alten buddhistischen Klosters, waren wir zu Gast bei einer Nomadenfamilie, die uns stolz ihre Herde von mehreren hundert Pferden zeigte, die hauptsächlich wegen ihrer Milch gehalten wurden. Alle zwei Stunden mussten die Frauen die Stuten melken. Man konnte sehen, dass das gar nicht so leicht ist; Kühe melken ist einfacher. Die große Pferdeherde lief frei herum. Allein die kleinen bockigen Fohlen waren an einem langen Seil festgebunden. Um die Stuten zu melken, wurden die Kleinen dann ihren jeweiligen Müttern vor der Nase gehalten. Wenn die Stute ihr Junges roch, schoss die Milch ins Euter. Die Frauen melkten, indem sie mit dem linken Bein auf dem Boden knieten; auf dem Schenkel des rechten Beins ruhte der mit einer Schnur am Arm befestigte Eimer; einen Arm legte die Melkerin um das Bein des Pferdes, während sie die kurzen Zitzen strich. Heutzutage sitzen einige der Melkerinnen auf Melkschemeln. Selbstverständlich bleibt auch Milch – etwa die Hälfte – für die Fohlen zurück.

Nachdem wir beim Melken zugeschaut hatten, lud uns der Herr des Lagers in die gemütliche Familienjurte ein und bewirtete uns als Erstes mit Airag und steinhart getrockneten Quarkplätzchen. Offensichtlich war die Familie wohlhabend, denn neben dem Altar stand sogar ein Fernsehapparat. Der konnte von einem Stromaggregat betrieben werden. An der Wand dahinter hingen zahlreiche Medaillen und Orden. Sie seien für seine schnellen Hengste, erklärte der Familienvater stolz. Er rief seinen zehnjährigen Sohn herbei und erklärte, dieser habe beim diesjährigen Nadaam-Fest beim Pferderennen den ersten Preis geholt. Das Nadaam-Fest im Juli, das »Fest der drei männlichen Spiele«, ist das größte und wichtigste Fest in der Mongolei. Es hat seinen Ursprung in den Klan- und Stammestreffen, wie sie schon zu Zeiten des Dschingis Khan stattfanden. Die große Veranstaltung beginnt mit Paraden und Umzügen, wobei Tracht getragen wird und die Soldaten wie die Krieger des Dschingis Khan gekleidet sind. Die drei männlichen Spiele sind Ringkampf, Bogenschießen und Pferderennen. Außer bei den Ringkämpfen nehmen auch Frauen und Mädchen an den Wettkämpfen teil. Frauen sind in der mongolischen Gesellschaft sowieso sehr selbstbewusst und frei.

Ein Höhepunkt des Nadaams sind die Pferderennen, eingeteilt in Altersklassen der Pferde. Die längste Strecke ist 35 Kilometer lang. Die Jockeys sind Kinder, auch Mädchen, die oft sogar ohne Sattel reiten. Bei diesen wilden Rennen geht es vor allem um den Ruf der Pferde und des Züchters, weniger um den der Reiter. Die gewinnenden Hengste sind ein Vermögen wert und werden zu Höchstpreisen gehandelt. Weil seine Zucht so erfolgreich war und er eine große Herde besaß, galt unser Gastgeber als reicher Mann.

Cècile, ein Mitglied unserer erlauchten »lausigen Gesellschaft« (in irgendeinem missmutigen Moment hatte ich unsere Reisegruppe eine »lausige Gesellschaft« geschimpft – eine Bezeichnung, die für den Rest der Exkursion zum geflügelten Wort wurde), blühte in der Gegenwart der Pferde richtig auf. In ihrer Liebe zu diesen Tieren stand sie den Mongolen in nichts nach. Man lieh ihr eines der stolzen kleinen Rösser und dann sah man sie wie der Wind über die Steppe reiten. Dschingis Khan hätte seine Freude daran gehabt.

Beifuß

Zur Gattung Beifuß (Artemisia) gehören weltweit rund 300 bis 500 Arten. Die Heimat dieser Korbblütler sind vor allem die Steppen und Halbwüsten. Allein in der Mongolei gibt es 65 Arten des Beifußes. Schon in der eiszeitlichen Mammutsteppe am Rande der Gletscher gehörten die Artemisien zur dominanten Flora. Ihr würzig herber Duft begleitete die paläolithischen Großwildjäger tagtäglich. Das Aroma dieser Pflanze war das Erste, was das Kindlein nach der Geburt – mit dem ersten Atemzug sozusagen – einatmete. Bei den Prärieindianern und bei den nomadischen Mongolen ist das noch heute so. Für diese Völker ist es der Duft der Heimat.

Beifußpflanzen, insbesondere die verschiedenen Unterarten des Gewöhnlichen Beifußes (A. vulgaris), gelten, wo immer man sie findet, als Ritualpflanzen und Zauberkräuter. Der Rauch des getrockneten Krauts reinigt spürbar die geistig-seelische Atmosphäre. Seit eh und je spielte das Räuchern mit Beifuß in schamanischen Ritualen bei der Anrufung der Geister eine wichtige Rolle. Der Duft öffnet – wie die Hindus sagen – das Kronenchakra (Sahasrara), er wärmt und putzt die feinstofflichen Kanäle.

Die Böden der Ritualplätze, auch der Schwitzhütten, werden bei den Indianern mit Beifußkraut bestreut. Zwar kennt die mongolische Kultur die Schwitzhütte nicht mehr, aber sie war in Zentralasien in vorhistorischen Zeiten bekannt, etwa bei den Turkvölkern im Altai; auch die finnougrischen Völker kannten die Dampfsauna (Savusauna), wie auch die skythischen Reitervölker der westasiatischen Steppe (McKee 2007). Die Schwitzhütte galt bei vielen Völkern als Schoß der Erdgöttin, die die auf Wiederverkörperung harrenden Tier- und Menschenseelen sowie die Pflanzensamen hütet. Der Gang in die Schwitzhütte ist eine regressio ad uterus, eine Rückkehr in den Schoß der Mutter Erde. Hier in der Dunkelheit, nackt wie bei der Geburt, schwitzen sich Kranke gesund; hier offenbaren sich die Götter und Ahnengeister in der Vision. Wie einst in der Eiszeit in der schützenden Geborgenheit der Schwitzhütte werden noch heute in der ländlichen russischen Banja oder im baltischen Dampfbad (Pirts) die Kinder geboren.

Die Artemisia-Gewächse – die Griechen weihten sie der Göttin der Wildnis, Artemis, der Herrin der wilden Tiere, der Beschützerin der Gebärenden – sind archetypische Frauenkräuter. Sie galten noch lange als Pflanzen der Geburt, als Frauen- und Hebammenkräuter. Sie wurden verwendet zur Anregung der Fruchtbarkeit oder, im entgegengesetzten Sinn, zur Auslösung der verspäteten Periode (STORl 2016:84).

Medizinisch lassen die Artemisia-Kräuter fließen, was fließen soll: Sie öffnen die körpereigenen Entgiftungswege, treiben Harn, Schweiß und Galle, fördern die Verdauung und die Menstruation (Madejsky 2008:59). Alle, insbesondere der Wermut, haben eine wurmtötende Wirkung. Das Wissen um die heilkundlichen und magischen Anwendungen dieser Gattung nahmen die Paläosibirier, aus denen die Indianer hervorgingen, mit in die Neue Welt.

Während der letzten Eiszeit, vor rund fünfzehntausend Jahren, war der Meeresspiegel weltweit um etwas mehr als hundert Meter niedriger als heutzutage, sodass eine Landverbindung, so breit wie das heutige Frankreich, zwischen Kamtschatka und Alaska entstand. Mammutelefanten, Wildpferde, Hirsche, Wisente und andere Herdentiere konnten deswegen ungehindert die Beringstraße überqueren (Flannery 2001:206ff). Ihnen folgten selbstverständlich die Raubtiere: der Braunbär, Wölfe – und der paläolithische Mensch. Diese Jäger und Sammler trugen ihr gesamtes kulturelles Wissen mit sich, auch das Wissen um die Heil- und Zauberkräuter. Einige der ihnen bekannten Pflanzen, wie etwa der delikate, silbergraue Eisbeifuß oder »Frauenbeifuß« (A. frigida) wächst zirkumpolar von Nordeuropa über Asien bis nach Nordamerika und wurde weiterhin wie gewohnt verwendet. Wo aber die einwandernden Großwildjäger die ihnen bekannten Heilpflanzen in der Neuen Welt nicht vorfanden, übertrugen sie Brauchtum und traditionelle Anwendungen auf ähnliche nordamerikanischen Arten, wie etwa auf den Steppenbeifuß (A. tridentata,

A. ludoviciana). Andere Arten wiederum, wie der Estragon (A. dracunculus, englisch tarragon), ein verdauungsförderndes, entkrampfendes und entzündungshemmendes Würzkraut, könnte, wie einige Ethnobotaniker vermuten, auch von den altsteinzeitlichen Einwanderern in die Neue Welt mit eingeschleppt worden sein.

Die Nomenklatur der rund fünfhundert Arten der Gattung der Artemisias ist verhältnismäßig kompliziert, teilweise überschneidend und oft konfus. Häufig werden Unterarten oder Varietäten als eigene Arten (Spezies) gelistet oder umgekehrt werden nah verwandte Arten in einen Topf geworfen. Es kommt darauf an, ob man als Botaniker taxonomisch ein Splitter (Aufteiler) oder Lumper (Zusammenleger) ist.

Ich zähle mich eher zu den Zusammenlegern. Die traditionellen Heiler sind zwar genaue Beobachter, aber keine pingeligen Haarspalter, ihnen sind die kleinen botanischen Unterscheidungen egal, Hauptsache die Pflanze wirkt heilend.

Einige in der Mongolei und Sibirien vorkommende Beifußarten

Artemisia adamsii: Diese auf überweideten, degradierten Böden wachsende Beifußart ist äußerst bitter und wird von weidenden Tieren gemieden. Sie enthält ein aromatisches ätherisches Öl, bestehend vor allem aus Thujon (65 Prozent) und Beta-Thujon (7,1 Prozent), das antibakteriell wirkt und in der mongolischen Heilkunde verwendet wird. Thujon ist bekanntlich ein Nervengift, das einst im Absinthwein, dessen wichtigste Zutat der Wermut (A. absinthium) war, in der Belle Époque, im ausgehenden 19. Jahrhundert, die Künstlerelite in den kreativen Rausch versetzte.

Der Einjährige Beifuß (Artemisia annua).

Artemisia annua: Der Einjährige Beifuß, der in England den schönen Namen Sweet Annie trägt, hat hellgrüne, aromatische, gefiederte Blätter. Diese, Qinghao genannt, wurden schon lange in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) als Leber-Qi-stärkend und als kühlendes, feuchte Hitze ausleitendes Fiebermittel verwendet. Auch gegen Wechselfieber kam es zum Einsatz. Diese Anwendung fand wissenschaftliche Bestätigung. 2015 erhielt die chinesische Pharmakologin Tu YouYou den Nobelpreis für Medizin für den Beleg, dass sich das in diesem Beifuß enthaltene Artemisin sowie dessen Derivate als hoch wirksam gegen Malaria-Plasmodien erweisen, auch bei solchen, die chloroquinresistent sind. Im Vergleich zu anderen Malariamitteln zeigen sich nur wenige Nebenwirkungen. Nicht nur gegen Malaria wirkt dieses Heilkraut, sondern es soll auch bei Krebserkrankungen, Borreliose, viralen Infektionen und Pilzerkrankungen helfen.

Der Einjährige Beifuß kommt gelegentlich auch in Mitteleuropa, etwa an der Elbe, wildwachsend vor.

Artemisia dracunculus: Diese Artemisia-Art ist der wohlbekannte Estragon. Wir kennen ihn im Essig, als Würze für Fisch- und Geflügelspeisen und als eine der berühmten französischen Fines herbes. In der europäischen Volksheilkunde gilt Estragon als wassertreibend bei Wassersucht, galletreibend, verdauungsfördernd und appetitanregend. Schwangere sollten das Kraut meiden, da es abtreibend wirkt.

Der Name Estragon, wie auch die englische Bezeichnung tarragon, gehen auf das persische und arabische Tarchun (»kleiner Drache«) zurück, was seinerseits vermutlich ein Lehnwort vom altgriechischen Drákōn (»Drache«) ist. Er heißt entweder so, weil seine Blätter angeblich an die Haut eines Reptils erinnern, oder weil er gegen Schlangen- und Basiliskenbisse verwendet wurde. Namen wie das holländische slangekruid, das italienische dragoncella oder das französische herbe dragonne deuten das an. Mit unserer heutigen materialistischen Sichtweise denken wir an biologische Reptilien, aber wahrscheinlicher ist es, dass nicht physische, sondern astrale Schlangen- oder Drachenwesen gemeint waren, also Krankheitsdämonen aus Parallelwelten. Auch in China heißt die Pflanze Drachen-Beifuß (long hao) und gilt als entspannend für das Qi.

A. dracunculus ist in der Mongolei und in Sibirien endemisch. Händlerkarawanen trugen die Würzpflanze in den islamischen Nahen Osten. Nach Europa kam sie im 13. Jahrhundert, entweder durch die Kreuzritter oder durch die Mongolen, die damals ihr Reich bis nach Osteuropa ausgedehnt hatten. In Deutschland wurde sie wohl erst im 16. Jahrhundert bekannt.

Nach Amerika kam die Pflanze viel früher. Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Medizinleute der Paläosibirier bzw. der ersten Indianer diese wichtige Heilpflanze, zusammen mit der Magenwurz (Acorus calamus) mit im Gepäck hatten, als sie die Landbrücke Beringia überquerten. Vermutlich haben sie – aber eher unabsichtlich – auch die Große Brennnessel mit eingeschleppt (Wolters 2000:19). Estragon wird auch mit in den Schwitz- oder Dampfbädern der Indianer verwendet. 55 Prozent aller in der indianischen Schwitzhütte angewendeten Pflanzenarten und -gattungen – Beifuß, Aster, Schafgarbe, Wacholder, Kiefer, Fichte, Engelwurz, Kirsche (Rinde), Nelkenwurz, Minze, Ampfer, Brennnessel, Läusekraut, Holunder, Waldrebe, Tragant, Kalmus und andere – wachsen zirkumpolar; das heißt, man kannte sie schon in der Alten Welt (Wolters 2000:22). In Wyoming und der kargen Steppe östlich der Rocky Mountains gedeiht der wildwachsende Estragon sehr gut. Die Indianer dort benutzen das Kraut als Heilmittel bei Magen-Darm-Beschwerden, bei exzessiver Monatsblutung und anderen Frauenbeschwerden; Abkochungen der Wurzeln werden in der Schwitzhütte verdampft bei Rheuma und steifen Gelenken, sowie »um alte Leute stärker zu machen«.

Der Eisbeifuß oder Frauenbeifuß (Artemisia frigida).

Artemisia frigida: Als ich auf den Weideflächen in der Mongolei und in Burjatien die weitläufigen Bestände des sogenannten Eisbeifußes oder Frauenbeifußes (englisch fringed sagewort) entdeckte, freute ich mich sehr. Auch wenn seine Verbreitung ein Zeichen der Überweidung ist, schenkte mir das filigrane, silbergraue, nach Kampfer duftende Kräutlein eine gute Erinnerung, denn beim allerersten Mal, als ich die Pflanze sah, war ich mit Bill Tallbull in der Karststeppe am Rande der Big Horn Mountains unterwegs. Der alte Cheyenne Medizinmann zeigte mir an dem Tag die verschiedenen Artemisia-Arten, die auf den trockenen, karstigen Böden wuchsen. Darunter den, bis zu einem Meter hoch wachsenden, hellgrauen Großen Steppenbeifuß (A. tridentata, englisch big sagebrush), dessen Blattenden an drei Schneidezähne erinnern und der von den Indianern als Mittel bei Fieber und Magen-Darm-Beschwerden verwendet wird (Moerman 1999:101).

Vor allem war es ihm wichtig, mir den Weißen Steppenbeifuß (A. ludoviciana, syn. A. gnaphalodes) zu zeigen, den die Cheyenne Hētăn’ i wān ōts (hētăn’, »Mann«; wān’ōts, »Beifuß«), also »Männerbeifuß« nennen. Die weißen Amerikaner nennen diesen Beifuß white sage (»weißen Salbei«), silver wormwood, western mugwort oder einfach nur sage7. Für die Cheyenne ist es eine der heiligsten Pflanzen überhaupt. Sie wird in allen Zeremonien zur Reinigung und Weihung verwendet:

• In den zeremoniellen Hütten und Schwitzhütten werden seine Zweige auf dem Boden ausgelegt, sodass die Spitzen in Nord-Süd-Richtung und die Richtung des Feuers deuten. Die gesammelten Heilkräuter werden auf diesen Beifuß gebettet (STORL 2014a: 162).

• Mit Büscheln aus Männerbeifuß wird das Wasser auf die glühenden Steine in der Schwitzhütte gesprengt.

• Vor dem Sonnentanz werden die Tänzer mit dem Kraut frottiert.

• Beim Fasten und der Visionssuche in den Bergen setzen sich die Männer auf Unterlagen aus diesem Beifuß.

• Sakrale Körperbemalung wird mit Büscheln dieses Krauts abgewischt.

• Mit den Zweigen wird, zur Verehrung der Geister, Wasser in die vier Himmelsrichtungen versprengt.

• Waffen, die getötet haben, werden damit abgerieben. Ebenso Pferde, die aus Versehen von einer Donnerlanze – damit wird auf magische Weise Blitz und Gewitter herbeigeführt – berührt wurden, oder Menschen, die ein Tabu verletzt haben, werden so behandelt.

• Mit dem Männerbeifuß wird geräuchert, um schlechte Träume oder böse Geister zu vertreiben. (Manchmal wird der Räuchermischung etwas getrocknetes Christophskraut (Actea rubra, Cheyenne Mots’ iun, »süße Medizin«8) beigemischt.

Als wir über das Vulkangestein beim Lake DeSmet liefen, entdeckte ich eine andere Artemisia-Art, die Tallbull einfach zu ignorieren schien.

»Was ist das für eine Pflanze?«, wollte ich wissen.

»Die geht uns gar nichts an«, sagte er. »Es ist He’ evano’ estse, der Frauenbeifuß. Eigentlich sollten wir ihn gar nicht anschauen; er ist nur für Frauen.«

Mehr wollte er nicht sagen. Als wir wieder in der Siedlung waren, fragte ich die Frau von Elkshoulder, was es mit dem hübschen Beifuß auf sich hatte.

»Woher weißt du etwas darüber?«, fragte sie, wobei sie im Gesicht rot wurde. »Wer hat dir darüber erzählt?«

»Bill Tallbull«, antwortete ich.

»Der Narr!«, war alles, was sie sagte.

Später erfuhr ich, dass der Frauenbeifuß, nicht nur bei den Cheyenne, sondern auch bei den Sioux, Omaha, Pawnee, Ponca und den Schwarzfußindianern wichtiger Teil der weiblichen Kultur ist.

Er wird als Tee zur Regulierung der Menstruation getrunken; auch als Badezusatz wird er von den Frauen verwendet. Zur Reinigung nach den vier Tagen in der abgesonderten Menstruationshütte wird die Frau mit dem Kraut beräuchert.

Andere Indianerstämme kennen den Frauenbeifuß als Hilfsmittel bei Erkältungen und Verdauungsbeschwerden. Die Chippewa räuchern Patienten damit, die an Krämpfen und Gallenkoliken leiden.

Auch die Mongolen, die den Frauenbeifuß Agi Sharalj nennen, räuchern – zusammen mit Quendel (Thymian) und Wacholder – mit diesem angenehm herb duftenden Kraut, um die Atmosphäre und die Seele zu reinigen und um gute Geister anzulocken. Orgilmaa erzählte uns, dass man die Räucherschale mit dem schwelenden Kraut drei Mal im Uhrzeigersinn um den Bauch (Solarplexus) kreisen lassen soll. Medizinisch verwendet man es auch bei abnormer oder unregelmäßiger Menstruation, als galletreibendes Mittel und bei Glieder- und Gelenkreißen. Auch bei Wurmbefall wird es angewendet.

Artemisia gmelinii (Synonyme oder Varietäten: Artemisia sieversiana, A. sacrorum,

A. racemilifera, A. hedinii, A. vestitas): Der Gmelin-Beifuß oder Heiligenbeifuß

(englisch Russian wormwood), der von dem Chemiker und Botaniker Johann Friedrich Gmelin (1748–1804) entdeckt wurde, fühlt sich in Sibirien und der Mongolei wohl.

Der Zwergstrauch hat zarte, aromatische, fiederschnittige Blätter und blüht im August. Die Blätter werden in diesen Ländern als Gewürz verwendet und volksmedizinisch bei Leberproblemen, Kopfschmerzen und Bauchschmerzen eingesetzt. Die Droge wirkt wurmwidrig, antibakteriell, pilzwidrig und galletreibend. In Nepal wird mit dem getrockneten Kraut beim Puja, dem Ritual zur Verehrung der Götter, geräuchert. Der Rauch vertreibt auch Mücken und lästige Insekten.

Artemisia macrocephala (syn. A. griffithiana, A. akbaitalensis): Diese Beifußart fällt durch ihre großen Blüten auf, die einen kamilleartigen Duft haben. Der englische Name ist large flowered wormwood, der chinesische da hua hao; einen deutschen Namen scheint diese Pflanze noch nicht gefunden zu haben. In der Mongolei wird sie als heiß und bitter eingestuft und wird vor allem bei Halsentzündung, Bauchweh und Zahnschmerzen verwendet, auch bei Lungenerkrankungen und »Fieber, das von Tumoren kommt«. Auch sie hat eine wurmtreibende Wirkung.

Artemisia vulgaris (Unterarten: Artemisia vulgaris var. mongolica; Artemisia integrifolia;

A. argyi, A. chinensis): Mehr als alle anderen Artemisia-Arten ist der Gewöhnliche Beifuß, wie auch seine vielen Unterarten, das Schamanenkraut schlechthin. Überall auf der Welt, wo er wächst, wird mit ihm geräuchert und gezaubert. Als Beispiel:

Kein schamanisches Heilritual (Chinta) ist in Nepal möglich, ohne dass ein Strauß des heiligen Krauts mit auf dem Altar steht.

Am oberen Teil des Stängels werden die Blätter schmal und spitz und nehmen die Gestalt eines Dreizacks an. Daher ist die Pflanze Shiva, dem Gott der Götter (Mahadev) und Herrn der Schamanen geweiht. Der Dreizack ist übrigens in ganz Asien, auch in der Mongolei und in Sibirien, ein Symbol des Schamanentums.

Auch im germanischen Kulturkreis wurde das Kraut schamanisch verwendet. Im angelsächsischen Kräutersegen wird es als das »Älteste der Wurze« (also der Heilkräuter) angesprochen, »mit Macht gegen Drei und gegen Dreißig, gegen fliegendes Gift und gegen das Übel, das über das Land dahinfährt«. In den heiligen Festen dieser Völker, der Sommersonnwende und den Wintersonnwendnächten, spielt es eine zentrale Rolle. Es wurde beim Springen über das Mittsommerfeuer als Sonnwendgürtel getragen – deswegen heißt es auch »Gürtelkraut« oder »Sonnwendkraut« –, zu Weihnachten diente es als Räucherkraut (zusammen mit Wacholder) zur Reinigung und Weihung von Haus und Hof. Es wurde auch zum Würzen der Weihnachtsgans genommen, einer totemischen Mahlzeit – deswegen wird es vielerorts »Gänsekraut« genannt. Die Gans war für die Germanen, Slawen, wie auch die Sibirier ein Symbol der fliegenden Seele. Schamaninnen flogen meistens in Gänsegestalt in die Anderswelt hinaus.

Viele glauben, dass der Name Beifuß darauf hindeutet, dass das Kraut »bei Fuß« wächst oder in die Schuhe gelegt wurde, wenn die Füße beim Wandern müde wurden. Das ist volksetymologisch zwar interessant, stimmt aber nicht. Beifuß geht auf das althochdeutsche Wort bîbôz zurück, verwandt mit bôzzen (schlagen, stoßen), wie beim anabôz (Amboß) oder dem Butzen oder Butzemann (ein »Klopfgeist«). Es ist also das Kraut, mit dem die unholden Klopfgeister oder Poltergeister vertrieben wurden, und wie Jakob Grimm vermutet, wurden mit ihm Verhexte geschlagen, um sie vom Zauber zu befreien (Marzell 1943:434f). Beifuß wird auch Besenkraut genannt. Mit Besen fegte man nicht nur Staub und Dreck aus dem Haus, sondern auch die unguten Geister, die sich darin verstecken.

Die Pflanze ist aber nicht nur ein Schamanenkraut, sondern auch ein Hebammen- und Frauenkraut. »Weiberkraut« ist einer seiner vielen Namen. Es wird eingesetzt bei Unregelmäßigkeiten der Periode, zur Geburtserleichterung bei stockenden Wehen, es reinigt bei zu lange zurückgebliebener Nachgeburt und es wird ebenfalls bei Wechseljahrbeschwerden angewendet.

Auch in der ostasiatischen Medizin spielt Artemisia argyi (chinesisch Ài yè), eine Unterart der A. vulgaris, eine wichtige Rolle als uteruserwärmendes Frauenheilmittel. Es wird sogar bei instabiler Schwangerschaft und drohendem Abort eingesetzt (Hempen 2007:597). Beifuß gilt als bitter, warm und scharf und wirkt bei Yang-Mangel in den Funktionskreisen von Leber, Milz und Nieren.


Der Gewöhnliche Beifuß (Artemisia vulgaris) am Baikalsee.

Bei einer Steißlage des Kindes erfolgt heutzutage die Geburt meistens durch Kaiserschnitt. Die traditionelle chinesische Heilkunde kennt jedoch eine Methode, das Kind in die richtige Richtung zu drehen, den Kopf nach unten, und zwar mithilfe des Beifußes. Eine Moxazigarre wird für zehn bis zwanzig Minuten an der Außenseite der kleinen Fußzehe, an den sogenannten Zhijin-Punkt (Blasenmeridian 67) gehalten, sodass es die Schwangere spürt. Dabei kniet sie und stützt sich auf die Ellenbogen. In mindestens der Hälfte der Fälle dreht sich das Baby.

Mit Beifuß lässt sich auch ein Kranker aus dem Koma holen. Dabei wird der Bauchnabel des komatösen Patienten mit Kochsalz gefüllt, darüber wird eine frische Scheibe Ingwerwurzel gelegt und darauf ein Beifußkegel angezündet. Der durch die Wärme ausgelöste Reiz bringt den Patienten wieder zu sich (FAZZIOLI 1989:79).

Owoos und Kultstätte

Kurz nachdem wir die Hauptstadt in Richtung Norden verlassen hatten, entdeckten wir auf einer kleinen Anhöhe am Rande der Straße ein Owoo, eine Steinanhäufung, aus deren Mitte Äste und Stöcke ragten, die mit bunten, vor allem blauen Seidenstreifen umwunden waren. Das Blau der Stoffstreifen (Chadak) steht für den »ewig blauen Himmel«, den mächtigen, alles überspannenden Tenger, den Gefährten der Mutter Erde. Auch andere Farben waren vertreten: Rot für Erde oder Feuer, Weiß für die Wolken und die Reinheit, für Sonnenlicht oder Milch; Gelb für die Erde und die Weisheit, Grün für das Wasser und das Leben.

Um eine gute Reise zu haben, riet uns Orgilmaa, den Owoo drei Mal sonnenläufig zu umwandeln und drei Steine, einige Münzen oder eine andere Gabe daraufzulegen. Auf dem Steinhaufen lagen auch Schädel von geopferten Horntieren und Pferden, Wodkaflaschen, Zigaretten, zu Briketts gepresster Schwarztee sowie abgelegte Krücken und Bandagen. Für unkundige Touristenaugen sah es fast so aus wie eine wilde Deponie. Das Aufhängen von kleinen bunten Stoffstreifen brachte mir einen ähnlichen Brauch der Cheyenne-Indianer in den Sinn. Auch sie hängen solche »Decken für die Geister« an Bäumchen oder Zäune.

Genauso sehr wie die sakrale Kultstätte selbst faszinierten mich die Pflanzen, die da rund um den Steinhaufen wuchsen. Mir fiel als Erstes ein Kraut mit sattgrünen gefiederten Blättern auf, welche die hungrigen Weidetiere offensichtlich in Ruhe ließen. Als ich die Pflanze neugierig anfasste, biss sie zurück – Autsch! Es war eine Brennnessel, genauer gesagt, die Sibirische Hanfnessel (Urtica cannabina). Die Mongolen essen die jungen Blätter als ein vitamin- und mineralstoffhaltiges Spinatgemüse oder in Suppen. Ebenso wie die Große Brennnessel (Urtica dioica) in Europa, verwendet man diese Nesselart in Sibirien und der Mongolei als Faserpflanze zur Herstellung von Garnen, Stricken, Netzen und sogar Textilien. Die Samen sind ölhaltig und können zu Kochöl oder Lampenöl gepresst werden.



Oben: Owoo, eine schamanische Kultstätte. Unten: Die Sibirische Hanfnessel.

In der mongolischen Heilkunde gilt die als Sugod bekannte Pflanze als »heiß«, »ölig« und »bitter« im Geschmack. Sie gilt als wundheilend, blutstillend, harntreibend und wird bei Lymphschwellung und Zuckerkrankheit eingesetzt.

Auch Salzkraut (Salsola spp.) wuchs dort. Es war noch im grünen Zustand, aber wenn die Samen reif sind, vertrocknet es, bricht an den Wurzeln ab und rollt vom Wind getrieben als »Steppenroller« über die Erde, wobei es seine Saat ausstreut. Es ist das tumbleweed, das in manchen Cowboyfilmen (Western) geisterhaft über die Prärie rollt. Dabei ist die Pflanze gar nicht einheimisch in Amerika, sondern kam als Neophyt um 1870 mit einer Lieferung russischer Flachssamen in die Neue Welt. Der Medizinmann Bill Tallbull sagte mir, dass die Geister manchmal in den rollenden Gebüschen übers Land reiten.

Buddhistisches Heiligtum, zahme Rehe und Gewitter

Die Fahrt ging weiter in den Norden, über holprige, zerfurchte, von Geländewagenreifen gnadenlos ausgefräste, mehrspurige Pisten, durch eine endlos weite, aber auch völlig überweidete Grassteppenlandschaft. Pitt fragte sich, wie die Fahrer ohne Kompass, Landkarten oder Verkehrsschilder die so weit auseinanderliegenden Ziele fanden.

Offensichtlich hatte es lange nicht geregnet. Das Gras war kurz und sah recht welk aus. Wegen der Trockenheit wirbelten dichte Staubwolken hinter den Geländewagen auf. An einem etwa hundert Kilometer von Ulan Bator entfernten buddhistischen Heiligtum, dem Aglag-Tempel und -Kloster, machten wir Halt. Das Kloster, das sich auf einer von Kiefern und Lärchen bewaldeten Anhöhe befindet, war neu; es wurde erst nach dem Niedergang der kommunistischen Herrschaft von einem Künstler und buddhistischen Lama namens Gankhüügiin Pürevbat gegründet und aufgebaut.

Der Weg in den heiligen Tempelbezirk führte zuerst über eine kurze offene, mit grauem Beifuß bewachsene Strecke, zwischendrin ragten hier und da Türkenbundlilien, Feuerlilien und gelb blühende Kreuzblütler hervor. Die meisten unserer Gefährten eilten voraus, um das berühmte Kloster zu sehen; Marianne Ruoff, eine ethnobotanisch interessierte Ärztin aus Bern, und ich waren da viel langsamer; die Pflanzen hielten uns fest.

Der Pfad führte entlang eines knochentrockenen Bachbettes, an dessen Rändern Birken, Espen und einige Weiden wuchsen, weiter oben standen Lärchen. Auch dieser Hain war trocken; schneeweiße Stämme abgestorbener Birken lagen, wie erschlagene Krieger, verstreut auf dem Boden. Die Dürre hatte ihnen zugesetzt.

Als wir neugierig botanisierend den trockenen Bach entlangliefen, gesellte sich plötzlich ein hellfarbenes Reh zu uns. Das schöne Tierchen zeigte keine Angst; wie ein braves Hündchen folgte es uns den Berg hinauf zum Tempel. Sicherlich hatten es die Mönche gezähmt, denn Rehe haben im Buddhismus eine besondere Bedeutung. Sie symbolisieren den unruhigen Intellekt, das sprunghafte menschliche Denken (Sanskrit: Vritti), das unaufhörliche Kopftheater, welches das absolute Bewusstsein verhüllt und das man mittels Meditation unter Kontrolle bringen sollte. Ein zahmes Reh dagegen ist das Bild des gebändigten, zur Ruhe gekommenen Geistes. Rehe gelten den Anhängern Shākyamunis (Buddha) als besonders heilig, da – wie es in den Jātaka-Erzählungen heißt – Buddha selbst eine seiner früheren Inkarnation als Rehbock in Sārnāth, einem Hain nahe dem Ganges, verbracht hat. Am selben Ort, nicht weit von der Stadt Varanasi, hielt der historische Buddha seine erste Predigt und setzte »das Rad der Lehre (Dharma-Chakra) in Bewegung«.

Das Kloster, das von vielen Pilgern, auch von neugierigen Touristen aus der benachbarten chinesischen Volksrepublik besucht wird, machte mit seinen bunt bemalten Gebäuden und Götterstatuen einen heiteren Eindruck; es hatte etwas von einem buddhistischen Disneyland. Überall grüßten die in Graniturgestein und -felsen gemeißelten mystischen Tiere und Gottheiten: Ein steinerner Gecko, ein Skorpion und der Adler Garuda hielten Wache; Krokodile, ein Einhorn, Schildkröten und andere Geschöpfe der Anderswelt verzauberten die Besucher.

In einem Teich neben dem Devotionalienladen tummelte sich eine Menge Frösche und viel zu dicke Fische; recht fette Enten und auch Gänse schwammen ebenfalls in dem nicht mehr ganz so sauberen Wasser. Indem sie die Tiere füttern, können sich die Pilger in der Tugend der Mildtätigkeit üben, im Glauben, dadurch ihre eigene karmische Bilanz aufbessern zu können. Eigentlich taten mir die überfütterten Tiere leid. Offensichtlich fehlte bei den meisten Pilgern das Verständnis für das wahre Wesen dieser Geschöpfe. Die Fische und Vögel taten mir genauso leid wie die Katzen und andere fleischfressende Tiere, die überzeugte Buddhisten zur Tugend der Barmherzigkeit erziehen und karmisch unterstützen wollen, indem sie sie vegetarisch ernähren.



Oben: Abgestorbene Birken. Wie gefallene Krieger liegen sie da. Unten: Bilsenkraut, mit dem Adler Garuda und einem Tempel im Hintergrund.

Weiter oben auf der Höhe, vor dem kunstvollen Haupttempel wucherten beeindruckend vitale, stattliche Bilsenkraut-Pflanzen (Hyoscyamus niger). Verwendeten die Mönche dieses hochtoxische Nachtschattengewächs medizinisch? In der mongolischen Heilkunde soll es ja wegen seiner schmerzstillenden Eigenschaften und auch bei Gebärmutterleiden Anwendung finden. Oder benutzten sie die Samen etwa, wie die tibetanischen Bön-Schamanen, als Rauschmittel, um Kontakt mit wilden Geistern aufzunehmen, oder in tantrischen Ritualen? Vielleicht aber sind die vielen kräftig wachsenden Giftpflanzen auch Ausdruck des seelischen Giftes, das die Pilger dort abgeleget hatten.

Derweil hatten die Fahrer unten auf dem Parkplatz im Tal zwischen den Geländewagen Klapptische und -stühle aufgestellt und diese mit einer Plane überdacht. Der mitreisende Koch zauberte eine warme Mahlzeit herbei.

Ehe das Essen fertig war und alle eingetrudelt waren, legte ich mich abseits auf den trockenen, rissigen Boden, schaute hinauf in den Himmel und vergegenwärtigte mir Tenger (auch Tengri), die alles überspannende Himmelsmacht, die einst auch die Indoeuropäer als Dyaus, Dios, Theos und die Germanen als Tius verehrten. Während ich sinnend da lag, kam ein Wind auf. Er wurde immer stärker und trieb brodelnde Gewitterwolken herbei, die von einem Augenblick zum anderen dunkler wurden. Das Wetterleuchten, das den Horizont erhellte, rückte rapide näher. Es war, als würde ich fliegen, als berührte meine Seele die wirbelnden, grauschwarzen Wolken. Irgendwas in mir verlangte nach Regen. Himmelswasser sollte das ausgedörrte Land laben, durchtränken – wahrscheinlich war es die dürstende Erde selbst und die schmachtenden Gräser und Kräuter, deren Hoffnungen durch meinen Geist flossen. Die immer schwärzer werdenden Wolkengebilde nahmen die Gestalten von ringenden, sich windenden, schwarzen Drachen und Schlangenkreaturen an. Aus ihren Mäulern züngelten die Blitze als grelle Feuerzungen, die dann donnerkrachend auf die Erde einschlugen. Und dann, urplötzlich, begann ein wolkenbruchartiger Niederschlag. Im Nu pitschnass geworden, suchte ich Zuflucht unter der zwischen den Wagen gespannten Plane.

Der immer stärker werdende Sturmwind und der niederprasselnde Regen machte es für unsere Gruppe unmöglich, fertig zu essen. Die Plane flatterte wild und drohte davonzufliegen; die Teller und Becher fielen vom Klapptisch und rollten vom Wind gepeitscht über den Platz. Schleunigst suchten wir in den Fahrzeugen Schutz. Gerade als wir losfuhren, trommelte heftiger Hagel auf die Fahrzeugdächer. Im Nu bedeckte sich die rollende Steppenlandschaft mit einer Schicht eisiger Hagelkörner; die Hügel und Täler färbten sich winterlich weiß, derweil sich Nebelschwaden erhoben und geisterhaft über den Boden zogen. Schließlich verwandelte sich der Hagel wieder in einen wolkenbruchartigen Regen. Schlammige Sturzbäche rissen das überweidete Gelände auf, fraßen sich in die Erde hinein, tobten über die Lehmpisten hinweg und rauschten in die Täler. Wir kamen nicht weit. An einem braune Erde mit sich reißenden, wühlenden Sturzbach waren wir gezwungen anzuhalten. Man konnte nicht wissen, wie tief das vorbeiflutende Schlammwasser war. Zwanzig Meter weiter unten sahen wir einen leichten Pkw, den der Malstrom mitgerissen hatte. Unsere stoischen Fahrer beobachteten die Situation genau, fassten schließlich Mut, gaben Gas und schafften es ohne Probleme durch die reißende Flut. Das Zelten konnten wir an diesem Abend getrost vergessen, alles war viel zu nass, der vorgesehene Lagerplatz stand unter Wasser.

Merkwürdigerweise folgten uns Wetterleuchten, gelegentlicher Regen und Gewitter überall, wo wir uns in den nächsten Tagen aufhielten. Es war, als seien uns die Gewittergötter auf den Fersen. Aber wir freuten uns, es tat gut zu sehen, wie die Erde wieder lebendiger und grüner wurde.

Ulmen und Eschenahorn in Erdenet

Wir hatten keine andere Wahl, als auf einer der wenigen Asphaltstraßen weiter als geplant nach Norden zu fahren, und zwar in die Kupferbergbaustadt Erdenet, wo wir uns ein Hotel nahmen. Für die meisten von uns war der Hotelaufenthalt gar nicht so unwillkommen, denn da konnte unsere »lausige Gesellschaft« erst einmal duschen und etwas Geld wechseln. Am Abend dann gab es ein recht feudales Essen im Speisesaal, wobei jeder einen mit Spiritusflamme geheizten Topf mit Brühe bekam, in dem er sich nach Belieben Gemüse, Fleisch, Pilze und dergleichen garen konnte. Die kulinarischen Köstlichkeiten wurden mit Dschingis-Khan-Wodka und Dschingis-Khan-Bier heruntergespült.

Von Erdenet selbst sahen wir nicht viel, denn schon am nächsten Tag, gleich nach dem Frühstück, fuhren wir weiter. Unser Anliegen war ja die Natur und die Heilkunde und weniger Städtebesichtigungen. Dennoch bekamen wir einen Eindruck von dieser Stadt, die mit fast neunzigtausend Einwohnern die zweitgrößte Metropole des Landes ist. Die Stadt ist neu, und die Landflucht trägt dazu bei, dass die Bewohnerzahl rapide wächst. Erdenet wurde erst 1975 aus dem Boden gestampft, nachdem man dort unter der Erde riesige Kupfervorkommen entdeckte und der Abbau des Erzes als Joint-Venture zwischen der Sowjetunion und der Mongolischen Volksrepublik in Betrieb kam.9 Eine Stadt vom Reißbrett: fantasielose Plattenbauten und andere unästhetische Betonkästen im sowjetischen Stil dominieren das Stadtbild. Am Rande der grauen Stadt befinden sich kleine Häuser mit bunten Dächern und einige Jurten. Riesige Abräumhalden, so groß wie Berge, überschatten die Stadt; dahinter befindet sich eine Mondlandschaft mit Aufbereitungsanlagen, die angeblich mit giftigen Schwermetallen belastet sind.

Die Frühaufsteher unter uns ließen es sich nicht nehmen, die wilde Vegetation auszukundschaften, die an Straßenrändern und in den staubigen Gassen rund um das Hotel wuchs. Da entdeckten wir verschiedene Beifußarten, die Cannabisblättrige Brennnessel, den mongolischen Löwenzahn, verschiedene Gänsefußarten und einige gelb blühende Korb- und Kreuzblütler.

Die sozialistischen Stadtplaner hatten viele Sibirische Ulmen (Ulmus pumila), auch als Zwergulme bekannt, zur Begrünung der Straßen angepflanzt. Dieser zähe, schnellwüchsige Baum erträgt das extreme Kontinentalklima der Mongolei, wo die Temperaturen zwischen minus vierzig Grad Celsius im Winter und plus vierzig Grad im Sommer schwanken können; auch Trockenheit ist für den zähen Baum kein Problem. Gegen das Ulmensterben ist er gefeit. Mir war diese zähe Ulmenart gar nicht unbekannt. In der Prärie im Westen der USA wurde sie nach den verheerenden Staubstürmen (Dustbowls) der 1930er-Jahre in breiten Bändern als Heckengehölz zum Windschutz angepflanzt. Ihre Aufgabe sollte es sein, weitere Winderosion zu verhindern; inzwischen jedoch wird die Pflanze als aggressiver Neophyt (invasive alien) eingestuft. Sie hybridisiert auch mit der amerikanischen Rotulme (Ulmus rubra, englisch slippery elm), was Naturpuristen verärgert. Im Mittelmeerraum ist das Bäumchen inzwischen ebenfalls gelegentlich anzutreffen; auch da bildet es Bastarde mit den dort einheimischen Ulmen.

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