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Will Berthold

Hölle am Himmel

Roman

SAGA Egmont

Hölle am Himmel

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

Copyright © 2017 by Will Berthold Nachlass,

represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de).

Originally published 1974 by Lübbe Verlag, Germany.

All rights reserved

ISBN: 9788711727027

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmontwww.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

1

Der Frühling ließ sich nicht lumpen. Schon der Morgen zeigte sich von seiner besten Seite, und eine rötliche Sonne stand am Horizont. Sie spiegelte sich silbern auf den Jet-Riesen, die auf Frankfurts Rhein-Main-Flughafen zum Frühstart bereitstanden. Mit ihren mächtigen Schwingen und ihren gedrungenen Rümpfen sahen sie aus, als duckten sie sich ungeduldig vor dem Sprung über den großen Teich.

Aus allen Richtungen gingen Schönwettermeldungen ein. Der Tag war wie geschaffen für den Luftverkehr, und Martin Nobis, der deutsche Flugkapitän und Chefpilot der Jet-Air-Intercontinental sah mit einem Blick auf die Wetterkarte, daß ihn die Sonne bis New York begleiten würde. Sein Jet-Riese sollte als erster um 6 Uhr 59 nach Übersee starten. Er war bereits 71 Minuten früher auf dem Flughafen eingetroffen. Überpünktlichkeit war für ihn ein Gesetz, auch wenn es bedeutete, daß seine Mutter vor Tag und Tau aufstehen mußte, um ihn nach Frankfurt zu fahren.

Es war natürlich schierer Unfug, aber das konnte er allen klarmachen, nur nicht der alten Dame selbst. Sie war noch hartnäkkiger als er. Außerdem wußte er, wie sehr er nach der Trennung ihren liebenswerten Eigensinn vermißte.

Er war ein Mann von dreiundvierzig, der kein Gramm Ballast an seinem Körper duldete. In sein Gesicht hatten sich die Abenteuer des Lebens wie Keilschrift eingeritzt. Schon auf den ersten Blick wirkte er wie ein Mann mit Mumm.

Der Flugkapitän hatte die Startvorbereitungen überprüft. Nun blieben ihm noch ein paar Minuten für einen Vorgang, der nicht auf der Check-Liste stand.

»Komm, Mutschka«, sagte er zu seiner Begleiterin, »ich bring’ dich zum Wagen.« Er legte den Arm um ihre Schultern, zog die kleine Frau leicht an sich. Aus der Entfernung sahen sie nicht aus wie Mutter und Sohn, sie glichen eher einem Liebespaar, das vor dem Abflug noch ein wenig Zärtlichkeit herausschinden wollte.

»Ist es schon soweit?« fragte die zierliche Frau. Sie war über sechzig, hatte die Figur einer Dreißigjährigen; ihr schmales Gesicht, beherrscht von lebhaften Augen, wirkte beinahe alterlos. Sie trug Schuhe mit hohen Absätzen, wie immer. Für den Morgen war sie ein wenig zu elegant gekleidet, aber ein Hauch Extravaganz gehörte zu ihrer Persönlichkeit.

Sie gingen nebeneinander zum Parkplatz, ganz langsam, als könnten sie die Zeit betrügen. Mutter und Sohn sahen sich häufig, aber immer nur kurz. Und sie hatten nie gelernt, rasch voneinander Abschied zu nehmen.

»Paß auf dich auf, mein Kleiner«, sagte Maria Nobis zu Martin, der sie um gut drei Kopflängen überragte.

Sie umarmte ihn, glitt behende in den Wagen, winkte ihm zu und startete stürmisch wie ein Mädchen. Martin stellte wieder einmal fest, wie jung seine Mutter geblieben war.

Es war 6 Uhr 41. Die Passagiere gingen gerade an Bord der Boeing 747, die den Namen ›Happy Day‹ führte. Die gutgelaunte Gesellschaft erwartete auch einen glücklichen Tag, Bob S. Greenhill vielleicht ausgenommen, dem vor dem Start immer das Flugverbot seines Hausarztes einfiel. Aber wann hätte der New Yorker Geschäftsmann schon einmal auf die Empfehlungen seiner Umwelt gehört?

6 Uhr 50. Die Bodentreppen wurden weggefahren, die Einstiegs-Luken geschlossen.

In diesem Moment platzte die angenehme Vorstellung von einem reibungslosen Luftverkehr.

Entführungsverdacht. Bombenalarm.

Nichts Neues in Frankfurt. Oder auf einem anderen Weltflughafen.

Der Prokurist einer Bank, der einen Geschäftsfreund aus Chicago abholen wollte, hatte auf der Toilette zufällig ein Gespräch mitgehört.

»Zwei Männer, vermutlich Ausländer«, meldete er aufgeregt dem amtierenden Flugleiter. »Bombe in der Maschine nach New York.«

»Aber in welcher?« fragte Müller zwo gequält. »Allein in der nächsten halben Stunde starten fünf.«

Es würde keine starten. Der Rhein-Main-Flughafen mußte zwangsläufig die Abflüge stoppen, bis alle Maschinen überprüft waren. Immer wieder gelang es Verrückten oder Verbrechern durch Bluff oder Bomben den Luftverkehr lahmzulegen.

Die Polizei rückte aus. Kriminalbeamte mischten sich unter die Passagiere. Die Feuerwehr hielt sich in Reserve. Zwei Notärzte standen bereit. Sprengstoff-Spezialisten wurden alarmiert.

Der Aufwand wirkte lächerlich, aber ein Versäumnis wäre tödlich.

Im letzten Moment gelang es, die New York-Passagiere der Lufthansa, der Panam, der BEA und der TWA am Flugsteig zurückzuhalten, aber die beinahe vollbesetzte Boeing 747 der Jet-Air-Intercontinental stand bereits mit laufenden Triebwerken auf der Rollbahn.

Im Cockpit duftete es nach Lack, Farbe und Leder. Der Jumbo, gestern in New York erstmals in Dienst gestellt, trat heute den Rückflug seiner Jungfernreise an. Eine solche Premiere nutzte der Chefpilot, um sich – zum Leidwesen seines Präsidenten Lovestone – vom Schreibtisch weg an den Steuerknüppel zu stehlen, zumal seine Mutter nur eine gute Autostunde von Frankfurt entfernt lebte.

Flugkapitän Nobis sah auf die Uhr. Die Starterlaubnis ließ auf sich warten. Ein Flughafen, der im Jahr viele Millionen Passagiere ›umsetzt‹, konnte sich auch nicht die kleinste Unpünktlichlichkeit leisten; dann drohte ein Chaos. Der Tower blieb stumm.

Flugkapitän Nobis griff zum Mikrofon.

»Jet-Air-Flug 99«, meldete er sich. »Was ist eigentlich los? Habt ihr uns vergessen oder macht ihr Frühstückspause?«

»Mitnichten«, antwortete der Mann ruhig. »Tut mir leid, aber Ihr Flug wird sich weiter verzögern.«

»Das hab’ ich gerne«, versetzte der Jumbo-Kommandant. Der deutsche Flugkapitän war nicht nur der Chefpilot seiner Linie, er saß seit einem Jahr auch als Vertreter des fliegenden Personals in ihrem Vorstand und war Sprecher von 751 Flugkapitänen, 913 Co-Piloten und 2 499 Stewardessen.

»Vielleicht wollen uns ein paar Herren der Wüste wieder einmal mit dem Nahost-Problem vertraut machen«, unkte der Co-Pilot.

»Oder ein Ehemuffel versucht seine hochversicherte Frau loszuwerden«, spöttelte der Bord-Ingenieur.

»Nein«, warf Peggy, die blonde Chefstewardeß ein, die alle Passagiere für eine Amerikanerin hielten, obwohl sie aus München stammte. »Ein frommer Räuber will zum Papst nach Rom.«

»Schluß damit!« sagte Nobis barsch; ihm lag diese Unterhaltung nicht. Alles war schon einmal dagewesen und konnte sich jederzeit wiederholen.

»Jet-Air-Flug 99«, meldete sich endlich der Mann im Turm wieder. »Wir schicken einen Bus für die Passagiere. Wir müssen Ihren Jumbo durchsuchen … Bombendrohung.«

Flugkapitän Nobis erhob sich.

Als Halbgott in Blau hätte er die Räumung der Maschine auf seinen Ersten Offizier abwälzen können. Aber der Mann, von dem eine berühmte US-Journalistin gesagt hatte, er könne länger fliegen als laufen – sein verstorbener Vater war ein Lufthansa-Pionier der ersten Stunde gewesen – erledigte wie immer die Dreckarbeit selbst.

»Wir haben eine kleine Verspätung, weil Manöver der NATO den Luftraum blockieren«, log er mit dem Charme des geborenen Verführers. »Ich darf Sie zu einem kleinen Frühstück in unsere Cafeteria einladen …«

Er schaffte den Auszug der Passagiere mühelos.

Ein VW-Transporter karrte Sprengstoff-Spezialisten heran. Sie begannen, den üppigen Jumbo mit elektronischen Suchgeräten abzutasten. Die Männer arbeiteten stumm und schnell, hatten angespannte Gesichter und wissende Hände, die vor den zurückgelassenen Taschen und Aktenmappen nicht haltmachten.

Martin Nobis nahm an, daß die Fluggäste in Kürze wieder an ihre Plätze zurückkehren dürften.

»Können Sie noch eine verspätete Passagierin an Bord nehmen?« fragte jemand von der Flugabfertigung.

»Von mir aus eine ganze Hammelherde«, knurrte Nobis. »Wenn sie stubenrein ist.«

2

Aus geschäftlichen wie persönlichen Gründen hätte sich der Flugkapitän gewählter ausgedrückt, wäre ihm der Name der Nachzüglerin bekannt gewesen, die schon beim Betreten der Abfertigungshalle die verlogene Ruhe an den Schaltern gewittert hatte: eine Verschwörung des Schweigens, um keine Panik aufkommen zu lassen.

»Oh, Miß Fairday«, überschlug sich der Jet-Air-Vertreter bei der Begrüßung. Obwohl seine Linie mit dem Slogan warb: »Bei uns ist jeder prominent«, führte sie eine Geheimliste besonders bedeutender Persönlichkeiten. VIPs – very important persons, und auf dieser stand die verspätete Passagierin ganz oben.

»Vielleicht kann ich Sie noch in unseren Jumbo einschleusen«, raunte er der attraktiven Journalistin zu, die gerade den deutschen Bundeskanzler für das amerikanische Fernsehen interviewt hatte.

Er griff nach ihrem Gepäck; wild die Koffer um sich schleudernd bahnte er sich einen Weg durch das Gewühl, als kämpfte er sich mit einer Machete durch den Urwald, aber Brenda Fairday kam rascher voran. Willig wichen die Passagiere beiseite, und selbst Herren gesetzten Alters drehten sich nach ihr um. Sie ging sicher, mit ausgesprochen melancholischen Schritten. Achtlos, wenn auch ohne Arroganz, ließ sie die bewundernden Blicke hinter sich liegen wie wurmstichige Äpfel, die vom Baum fielen.

An den Schaltern der Polizei- und Zollkontrolle stauten sich die Menschen. Pedantisch kontrollierten die Beamten heute die Pässe zweimal und das Gepäck dreimal. Man brauchte Brenda nicht erst zu erklären, daß etwas faul war, wenn sie um 7 Uhr 30 noch die Maschine nach New York erreichte, die um 6 Uhr 59 starten sollte.

Der Mann von der Jet-Air-Intercontinental versuchte, die VIP-Passagierin ohne Kontrolle durchzuschleusen, er verschwendete seine Beredsamkeit an taube Ohren. Die Beamten wollten höflich bleiben, sich aber dabei auch auf keinerlei Risiko einlassen. Seit die Unterwelt den Himmel entdeckt hatte, war die modernste Art zu reisen zu einer der gefährlichsten geworden.

»Rasch, rasch«, sagte der Mann von der Fluglinie.

Der Wagen mit Brenda Fairday fuhr Slalom um abgestellte Riesenvögel. Auf einem Welt-Flughafen, auf dem in einem Abstand von 20 bis 30 Sekunden Flugzeuge starten und landen, genügte eine Unterbrechung von einer halben Stunde, um die Abstellplätze zu verstopfen. Bei der Starterlaubnis würden dann die Passagier-Flugzeuge bevorzugt, und der dicke Eierfrachter konnte so lange in der Sonne stehen, bis Küken ausschlüpften.

Brenda passierte eine DC-10, aus deren Leib kreischende Geräusche kamen.

»Sie verlangen ihr Frühstück«, sagte der Lotse.

»Wer?« fragte Brenda zerstreut.

»Eine ganze Fuhre Affen«, versetzte der Mann lachend.

Im letzten Moment kam die Amerikanerin an Bord, als Passagierin Nr. 366. Peggy, eine alte Bekannte von einem halben Dutzend Atlantik-Flügen, begrüßte sie mit Handschlag und geleitete sie an ihren Platz.

Die Stewardessen trugen bereits flache Schuhe. Die schlanken, hochgewachsenen Mädchen stellten sich Fragen, die sie nicht beantworten konnten. Sie schritten den schmalen Gang entlang, als präsentierten sie sich auf einem Laufsteg zur Wahl der Schönheitskönigin. Schon ihr Anblick förderte das Wohlbehagen der Passagiere.

»Ich habe eine Überraschung für Sie«, sagte die blonde Bordfee.

Brenda schaute verblüfft auf die neueste Ausgabe des TIME-Magazins. Sie blickte auf die Titelseite wie in einen Spiegel: ein schmales Gesicht, umrahmt von sanftroten Haaren, beherrscht von moosgrünen Augen. Das Foto war kaum retuschiert und hervorragend gedruckt. Sie durfte mit Original und Kopie zufrieden sein.

»Ladys and Gentlemen«, sagte Peggy in das Bordmikrofon, »wir bedauern die Verspätung. Bei dem hervorragenden Wetter werden wir sie wieder einholen … Inzwischen darf ich Sie mit der Schwimmweste vertraut machen.«

Man kennt sie in fünf Kontinenten, las Brenda Fairday ihren Steckbrief. Man liest sie in mindestens 16 Sprachen. Sie versteht es, den Zeitungsleser an die Mattscheibe zu locken oder dem Fernsehzuschauer wieder eine Zeitschrift in die Hand zu drücken, je nachdem, in welchem Fach sie sich versucht, las sie und lächelte. In jedem hat sie Erfolg.

Brenda sah einen Augenblick zu Peggy, die in ihrer Unterweisung fortfuhr:

»Unsere Boeing 747 ist das wohl sicherste Flugzeug der Welt. Sie fliegt mit einer Reisegeschwindigkeit von 940 Kilometern in der Stunde, und sie kostet über 80 Millionen Mark …«

Während die anderen Passagiere diese imponierenden Zahlen anhörten, um sie gleich wieder zu vergessen, las Brenda weiter:

Ihr Gesicht ist eher schön als hübsch. Interessant geschnitten. Ihre natürliche Sinnlichkeit wird durch den Verstand gefiltert. Sie kann tragen, was sie will. Sie wirkt in Jeans genauso attraktiv wie im Cocktailkleid. Sie huldigt nicht der modischen Unsitte, ihre weiblichen Reize in das Schaufenster zu legen, doch sie unterschlägt sie auch nicht.

Sie arbeitet hart mit dem Einsatz ihres Kopfes, nicht mit den Vorzügen ihres Geschlechts. Sie läßt die Blicke ihrer Bewunderer an sich heran, nicht deren Hände. Sie hat das Glück der Tüchtigen. Nicht sie jagt die Ereignisse, die Sensationen scheinen hinter ihr her zu sein. Die Niederung eines nicht selten verkrampften Gespräches über die Gleichberechtigung der Frau läßt sie unter sich wie ein Falke das Mauseloch. Die Männer träumen von einer solchen Frau – und die Frauen von einem solchen Erfolg …«

»Wir werden in einer Höhe von über 12000 Metern fliegen«, fuhr die Chefstewardeß Peggy fort. »Und den Nordatlantik in …«

Aber dieser Erfolg ist teuer bezahlt, überflog Brenda den Text: Miß Fairday gibt ihr Lieblingsalter mit 29 an. Heute ist sie 30 und klug genug, zu wissen, daß sie alle zwölf Monate ein Jahr älter wird. Es muß ihr klar sein, daß sie alles ihrer Karriere opferte. Sie hatte keine Zeit für Dinge, die andere Frauen erfüllen mögen. Entweder sie versteht es, Affären und Romanzen gegenüber der Öffentlichkeit perfekt zu tarnen, oder – was wahrscheinlicher ist – es gibt sie nicht …

Brenda lehnte sich zurück. Das Heft in ihrer Hand wurde schwer, ihr Lächeln starr. Sie war getroffen und konnte sich nicht dagegen wehren. Dinge, die sie kaum zu denken wagte, wurden hier in einer Zeitschrift mit Millionen-Auflage breitgetreten.

Mit Männern hatte sie es schwer, weil sie es mit ihnen zu leicht hatte. Aus der großen Zahl ihrer Bekannten tauchten in der Erinnerung Figuren auf; Szenen – kürzere und längere – rollten noch einmal ab.

Erleichtert stellte Brenda fest, daß ein Gesicht stehen blieb: Martin.

Zuerst nur ein Kontrast von nachtblauen Augen und schwarzen Haaren; Martin – einer, der mehr dachte als sprach. Nie über Geld, nie über Frauen, nie über Gesundheit, nie über Krieg.

Sie hatte ihn interviewt, und daraus wäre beinahe ein Zwiegespräch für immer geworden; damals, in New York, vor zwei Jahren. Sie erlebte eine Romanze in Asphalt und war versucht, ihren Erfolg an den Nagel zu hängen und die Frau eines Mannes zu werden, der schon eine Geliebte hatte: die Fliegerei.

»Und so wünsche ich Ihnen einen angenehmen Flug im Namen unseres Flugkapitäns Nobis und seiner Crew«, schloß Peggy.

Brenda war hart im Nehmen. Nichts regte sich in ihrem Gesicht, als sie hörte, daß Martin den Jumbo flog. Die Begegnung mit ihm hatte sie immer erwartet, befürchtet und gewünscht.

Die TIME glitt zu Boden. Time heißt Zeit, und es war Zeit, daran zu denken, was sich aus dem Geschenk des Zufalls machen ließe.

Brenda merkte nicht, daß der Riesenvogel über die Piste raste, schwerfällig abhob und dann seine Schnauze zielstrebig in den Himmel bohrte. Sie blieb noch angeschnallt, als sich die anderen längst aus den Gurten befreit hatten. Der Jet-Air-Flug 99 ging auf Kurs, während Brenda den ihren noch suchte.

Der Düsenriese flog mit voller Pulle, als könne er die Sonne überrunden. Das größte Flugzeug der zivilen Luftfahrt erreichte beinahe Schallgeschwindigkeit. Trotzdem störte der berüchtigte Turbinenlärm an Bord nicht; es hörte sich an, als brumme ›Jumbo‹ vor Zufriedenheit, daß er stündlich 15000 Liter Treibstoff durch seine Düsentriebwerke gurgeln durfte.

Es war 8 Uhr 41. Genau in dieser Minute explodierte die Bombe.

Nicht an Bord der ›Happy Day‹.

In New York.

3

Die Explosion zerriß die Stille der Nacht. Der Schall brach sich an den verlebten Fassaden der Häuser in Brooklyn. Aber die aus dem Schlaf gerissenen Bewohner drehten sich nur auf die andere Seite. In einer Stadt, in der zum Beispiel der Durchschnittsbürger Morris S. Kanbar innerhalb von 14 Monaten elfmal von Banditen auf offener Straße überfallen oder von Einbrechern heimgesucht worden war, machte eine Detonation nur wenig Furore.

Erst nahmen Augenzeugen an, daß der Anschlag dem Kennedy-Airport in Idlewild gegolten hätte. Dann wies jedoch eine hohe Feuersäule wie ein blutiger Riesenfinger dem Katastrophen-Kommando den Weg zu der dahinterliegenden Basis der Jet-Air.

In Rekordzeit tauchte der Präsident der Fluglinie am Unglücksort auf. Mr. Norman S. Lovestone glich nicht einem Mann, der aus dem Schlaf gerissen worden war, sondern eher dem Titelbild eines Herren-Magazins: ein junges Gesicht umrahmt von schlohweißen Haaren, der Typ des ordentlichen US-Geschäftsmannes, der an Gott, Golf, Gesundheit und Gerechtigkeit glaubt. Und in seinem Fall noch an Groß-Flugzeuge.

Die Rettungstrupps schufteten wie besessen. Hangar B war so wenig zu retten wie die Boeing 707, die hier vor ihrem Verkauf an eine Charter-Fluggesellschaft überholt werden sollte. Der Schaden belief sich auf etwa zehn Millionen Dollar und ließ sich weitgehend auf die Versicherung abwälzen.

Die Rufschädigung mußte die Fluggesellschaft jedoch selbst verkraften.

»Du stehst im Weg, du Trottel«, brüllte einer der Feuerwehrleute. Er erkannte seinen Chef erst, als er ihn brutal beiseite gedrängt hatte. »Oh, Verzeihung«, stotterte er und stürzte sich wild in die Löscharbeit.

»Schon gut, mein Junge«, rief ihm Mr. Lovestone nach.

Seine Leute waren tüchtige Burschen. Keine Panik. Jeder Handgriff saß. Sie riegelten beinahe mühelos den Brandherd ab.

Erst als der Spitzenmann der Jet-Air daran dachte, daß einer von ihnen die Bombe gelegt haben mußte, bekam er trotz der Hitze kalte Füße.

Er stampfte in sein Büro zurück.

Dieser Anschlag hatte nichts mit Kuba zu tun, nichts mit Palästina, nichts mit Israel, der PLO oder Ägypten. Verschwommen spürte der erste Mann der Jet-Air, daß etwas Ungeheuerliches auf ihn zukam.

Er betrat sein Hauptquartier. Während ihn der Lift in das oberste Stockwerk katapultierte, überlegte er, daß er wegen der Presse wohl besser in den Keller gefahren wäre; aber er wollte vom Nimbus der Jet-Air retten, was noch zu retten war.

Keine Entführung bisher. Kein Unglücksfall. Täglich über hundert Langstrecken-Flugzeuge im Einsatz, insgesamt mindestens 40000 Passagiere an Bord. Sie waren bei der Landung genauso zufrieden wie eine halbe Million Kleinaktionäre, vorwiegend in Amerika und in Deutschland, bei der Abrechnung. Die Bilanz der Firma schwebte über den Wolken, wo ewig schönes Wetter herrscht.

Auch der Konkurrenz ging es gut, selbst wenn ihr die Jet-Air gelegentlich eine ›Jumbo‹-Nasenlänge voraus war. Jeder Gedanke, sie könnte hinter dem Attentat im Hangar B stecken, war absurd. Der Luftverkehr nahm so rasch zu, daß ihn sämtliche Fluglinien zusammen kaum schaffen konnten.

Der Spitzenmanager betrat sein Vorzimmer.

»Wo stecken Sie denn bloß?« fuhr er seine Sekretärin an und begriff umgehend, daß ihr Dienst nicht um drei Uhr Ortszeit begann: »Entschuldigen Sie, Myrna«, sagte er, »ich bin ein bißchen …« Er sah, wie sie Kaffeewasser aufsetzte. »Gut«, sagte er, »aber rufen Sie zuerst die Bundespolizei in Washington an. Versuchen Sie, irgendwie Larry Merx an die Strippe zu bekommen.«

Der Hausherr der Jet-Air wollte in sein Büro zurückgehen.

»Überflüssig, Norman«, sagte eine bekannte Stimme hinter ihm.

Mr. Lovestone fuhr herum, begrüßte den FBI-Sonderbeauftragten zur Bekämpfung von Flugzeug-Entführungen und stellte erleichtert fest: »Eigentlich hätte ich mir denken können, daß Sie schneller sind als ich.«

»Vertrauen ehrt«, versetzte der große, schlaksige Mann trokken. Er sah aus, als sei er unentwegt damit beschäftigt, seine zu lang geratenen Arme und Beine unterzubringen. Sein Gesicht wirkte hungrig. Wenn er lächelte, glich es einer gesprungenen Glasscheibe.

Der Spezial-Agent schnupperte und lächelte Myrna an. Sonst wirkte er aufreizend langsam, fast träge, als interessiere ihn eine Tasse Kaffee und sonst nichts auf der Welt. Dabei hatte der Mann in den letzten 27 Minuten – seit der Übernahme des Falls – ein gewaltiges Pensum erledigt.

»Gibt es eine Erklärung für diese Gemeinheit?« fragte Norman S. Lovestone.

»Ja«, antwortete der Mann aus Washington. »Aber sie ist beschissen.«

Der Hausherr ließ die rüde Ausdrucksweise durchgehen. »Sie denken wohl an ein Verbrecher-Syndikat?« fragte er.

»An was sonst«, entgegnete Larry Merx. »Papas Gangster mit modernsten Mitteln.« Er wußte, wovon er sprach. Die zunächst in den USA ausgebrochene Entführungswelle hatte ihn rasch ins Fach geschwemmt. Er konnte glänzende Erfolge gegen Erpresser, Psychopathen, Polit-Spinner und Versicherungs-Betrüger vorweisen, doch nicht grundlos hetzte ihn seit einigen Monaten die Sorge, daß eine nach Cosa-Nostra-Muster organisierte Bande Flugzeug-Entführungen als eine Marktlücke des Verbrechens entdeckt haben könnte. Wenn sie den Untergrund in die Stratosphäre verlegte, würde am Himmel die Hölle ausbrechen.

Das Telefon schrillte. Die beiden Männer verfolgten gespannt, wie Myrna gelassen den Hörer abnahm.

»Für Sie«, sagte sie und nickte dem FBI-Mann zu.

Larry Merx hörte sich einen Bericht an. »Gut, kommen Sie gleich hoch, Mike«, befahl er. Er drehte sich nach dem Luft-Reeder um. »Nicht viel Neues«, erklärte er. »Keine Verletzten. Die Explosion erfolgte gezielt in der Pause während des Schichtwechsels. Womöglich die unblutige Einleitung einer Erpressung ganz großen Stils.«

»Um Geld?« fragte Mr. Lovestone.

»Darauf können Sie sich verlassen, Norman.«

»Dann sollten wir es den Leuten vielleicht geben«, sagte er zögernd.

»Vielleicht«, erwiderte der FBI-Mann verächtlich. Er war entschlossen, mit eigener Münze zu bezahlen. »Trinken Sie Ihren Kaffee aus«, bat er. »Wir vertreten uns ein bißchen die Beine.«

In der Tür begegneten sie einem Mann mit einem fast auffälligen Durchschnittsgesicht. »Das ist Mike Blower«, stellte ihn Larry vor. »Sie haben nichts dagegen, daß er sich ein bißchen in Ihrem Arbeitszimmer umsieht?« fragte er.

»Natürlich nicht«, antwortete der Hausherr.

Sie gingen über den Flur zum Lift.

»Ich gebe Ihnen jede Vollmacht, Larry. Sie dürfen meinen ganzen Laden umkrempeln. Es darf nur nichts an die Öffentlichkeit …«

»Wir werden den Reportern einen erstklassigen Unglücksfall servieren.«

»Wir stehen alle zu Ihrer Verfügung. Ich sowieso. Aber auch mein Vertreter, unser Finanzmann, die Personalchefin, der ganze Vorstand und …«

»Die Herren sind alle in New York?« fragte der FBI-Mann.

»Ja«, entgegnete Mr. Lovestone. »Das heißt«, verbesserte er sich gleich, »unser Chefingenieur ist gerade bei den Boeing-Werken und Martin Nobis …«

»… fliegt wieder einmal in der Weltgeschichte umher«, ergänzte Larry.

»Verbieten Sie einem Fisch das Schwimmen!«

»Beneidenswerter Junge«, erwiderte Larry, und sein ausgemergeltes Gesicht zeigte einen Augenblick so etwas wie Sehnsucht. Einst war er in Kalifornien als Leiter der Testflug-Abteilung Martins Chef gewesen. Der deutsche Pilot hatte sich dabei als sein bester Mann erwiesen und war später zu seinem einzigen Freund aufgerückt.

Sie begegneten Löschfahrzeugen, die vom Explosionsherd zurückkamen. Das Feuer war gebändigt, nur dicke, schwärzliche Schwaden standen über Hangar B wie über Kains, des Brudermörders, Opferaltar.

»Sie wissen, daß Sie eine Laus im Pelz haben?« fragte der FBI-Mann.

»Ich weiß gar nichts«, antwortete Lovestone beleidigt.

»Dann will ich es Ihnen erklären: Wir verfolgen einen heißen Tip, daß aus dem engsten Kreis Ihres Hauses geheime Informationen nach draußen gelangen.« Er blieb stehen. »Machen Sie kein so unglückliches Gesicht, Norman«, tröstete er. »Wir sind ja bei Ihnen.«

Der Transistor in seiner Brusttasche gab ein Signal.

»Wo stecken Sie, Chef?« fragte der FBI-Agent Mike Blower an.

»Sie treffen uns in zwei Minuten vor dem Hauptportal.«

Er war vor ihnen da. Sein Gesicht wirkte wiederum ausdruckslos, aber Larry sah ihm an, daß er fündig geworden war.

»Schießen Sie los«, sagte er.

»Erstens war Ihr Telefon angezapft, Sir«, wandte er sich an den Präsidenten. »Dann habe ich, getarnt in einer Lampe, in einem Aschenbecher und in einem Buchrücken auf Anhieb drei Wanzen gefunden.«

»Wanzen?« fragte der Hausherr. Er sah noch immer aus wie ein Gentleman, doch wie einer, der gerade ein anrüchiges Haus verläßt.

»Elektronisches Ungeziefer«, erläuterte Larry Merx. »Mini-Sender, die jedes Gespräch in Ihrem Büro mitgehört und weitergeleitet haben. In Ihrem wunderschönen Arbeitszimmer finden ja auch die Vorstands-Konferenzen statt. Da hätten wir eine Erklärung für die Indiskretion.« Ohne Nachdruck setzte er hinzu: »Eine.«

»Zuerst einmal brauche ich einen Whisky«, erwiderte Mr. Jet-Air grimmig. »Und dann sagen Sie mir, was ich tun kann!«

»Eine ganze Menge«, versetzte Larry. »Wir drehen den Spieß um. Wir werden die Wanzen nutzen, um unsere Gegenspieler in eine Falle zu locken.«

Norman S. Lovestone nickte düster.

»In den nächsten Stunden werden sich die Gangster mit Ihnen in Verbindung setzen und Geld verlangen. Wie ich annehme, telefonisch.«

»Und?« fragte Mr. Lovestone matt.

»Sie werden empört sein, Norman. Sie werden toben. Und dann Umfallen. Aber ganz langsam. Verstehen Sie? Ich brauche Zeit. Wir peilen den Anrufer an. Für uns ist jede Sekunde wertvoll.« Der FBI-Mann überzeugte sich, daß ihm der Luft-Reeder folgen konnte.

»Wie steht’s eigentlich um Ihr schauspielerisches Talent?«

»Ich hab’ mal den König Lear gespielt«, erwiderte der Hausherr kläglich. »Als Elfjähriger in einer Schüleraufführung.«

»Ich will Sie nicht verrückt machen«, sagte Larry. »Doch von Ihrem Geschick wird es abhängen, ob die vielleicht größte Schweinerei in der Geschichte der Luftfahrt verhindert wird oder nicht.«

Sie probten das zu erwartende Gespräch so lange durch, bis der FBI-Spezialist zufrieden war.

Sie gingen im Arbeitszimmer des Hausherrn auf Posten. Sie mußten warten. Eine Stunde, zwei. Endlos. Mitunter versuchte Mr. Lovestone etwas zu sagen, aber der FBI-Spezialist erinnerte stumm an die Wanzen. Sie sahen immer wieder auf das Zifferblatt. Die Zeit schien zu stehen wie eine verstopfte Sanduhr.

4

Bisher war der Jet-Air-Flug 99 ohne Zwischenfall verlaufen. Die Schönwetterbrücke reichte von Frankfurt bis New York. Über dem Jumbo wölbte sich der Himmel wie eine seidige Kuppel, und sein endloses Blau färbte noch tief unten auf die See ab.

»So ein Flug vergeht wie im Flug«, sagte ein Passagier, der Brenda Fairday schon seit einer halben Stunde mit seinen Kalauern verfolgte.

Sie winkte Peggy heran.

»Läßt sich ein kurzer Besuch im Cockpit arrangieren?«

»Ich will’s versuchen, wenn ich der Crew das zweite Frühstück serviere«, zögerte die Chefstewardeß. »Ich muß den Captain fragen. Sie wissen ja …«

Während sie sprach, ließ Peggy Mr. Greenhill nicht aus den Augen. Zehn Jahre Langstreckenflug hatten ihren Blick für schwierige Passagiere geschärft: Sie wußte, daß sich der Mann nicht wohlfühlte. Verdorbener Magen? überlegte sie. Flugangst? Ein Herzfehler?

»Geht es Ihnen nicht gut, Sir?« fragte sie den bekannten Geschäftsmann.

»Unsinn«, wehrte er ab.

Vorsorglich gab Peggy ihrer Kollegin einen Wink, sicherheitshalber nach einem Arzt Ausschau zu halten. Der Passagier – merkwürdigerweise wirkte er im Sitzen größer als im Stehen – mußte es bemerkt haben.

»Lassen Sie das«, protestierte er. »Ich brauche keinen Doktor.« Er atmete schwer. »Was ich brauche, ist ein großer Bourbon. Ohne Wasser! Ohne Eis!«

Es war sicher nicht das Richtige für ihn, aber solange Betrunkene nicht randalierten und nach ihren Beinen haschten, war eine Stewardeß darauf gedrillt, den Passagieren auch unsinnige Wünsche zu erfüllen, selbst wenn sie als Entführer, bewaffnet mit Handgranaten oder Pistolen, das Öffnen der Cockpit-Tür verlangen sollten.

Flugkapitän Nobis gab seine Position an die Bodenstation durch. Die Navigation erfolgte automatisch, sicherer als jede menschliche Berechnung, mit einer Zielabweichung von höchstens 30 Kilometern auf eine Entfernung von 8000 Kilometern. Das fliegende Ungeheuer war so genial konstruiert, daß man mitunter meinte, der Jumbo steuere seinen Flugkapitän, statt umgekehrt.

Vielleicht gingen deshalb Martins Gedanken streunen, landeten immer wieder bei dem schmucken, verträumten Häuschen inmitten eines Weinbergs. Dahin, nach Klingenberg, hatten sich seine Eltern vor Jahren zurückgezogen. Die Verbindungen Vaters nach drüben hatten Krieg, Zusammenbruch, Haß und Greuel überlebt und dem jungen Martin den Start in den USA ermöglicht. Er fiel sofort durch sein fliegerisches Gefühl auf; es war fast kurios, daß zu dieser Zeit ein Deutscher zum jüngsten Testpiloten Amerikas aufrückte.

Martin war schon bei der Verkehrsfliegerei gelandet, als sein Vater starb. Der Tod war nicht nur grausam, sondern auch lächerlich: Der Flug-Veteran aus einer Zeit, in der man sich im Tiefflug noch an Kirchtürmen orientierte, der Pilot, der mit einer klapprigen JU aus Stalingrad und Breslau bis zuletzt noch Verwundete herausgeflogen hatte, wurde von einem Auto angefahren und erlag den Verletzungen.

Vielleicht kam es daher, daß sich Martin in der Luft sicherer fühlte als auf der Erde.

Dieses Unglück band ihn noch fester an die Mutter. Die alte Dame lebte zwischen Rebstöcken und Fotos, zusammen mit dem Katzenpärchen Romeo und Julia, die sich wie die eigentlichen Hausherren aufführten, den Stunden entgegen, in denen ihr großer Sohn bei ihr war. Dann kochte sie ihm sämtliche Leibspeisen auf einmal, als könne er sechzehn oder achtzehn Stunden lang ununterbrochen essen, und sie war voller Stolz auf sein berufliches Können, und voller durchtriebener Neugier, was seinen Junggesellenstand anbelangte.

»Wie lange willst du dich denn noch als Vagabund allein in der Welt herumtreiben?« fragte sie ihn immer.

»Hast du denn eine Braut für mich, Mutschka?«

»Nein«, erwiderte sie. Es machte einen Teil ihres Charmes aus, daß sie so eine schlechte Lügnerin war. Nach den Gesetzen weiblicher Logik setzte sie auf eine Schwiegertochter – voller Eifersucht, daß es in Martins Leben neben ihr noch eine andere Frau geben könnte. Aber wie sollte sie sonst zu Enkelkindern kommen, von denen sich Romeo und Julia am Schwanz ziehen ließen?

Jedenfalls durchschaute Martin sie in diesem Punkt völlig, und sie kämpften beide mit List und Liebe.

Peggy erschien, um den Imbiß zu servieren. Zweimal Kaffee mit reichlich Beilagen für Flugkapitän und Bord-Ingenieur. Der Co-Pilot, der stets mit Übergewicht kämpfte, bekam nur ein Glas Tee. Beim Rückflug war er immer auf Diät gesetzt, denn mit Sicherheit würde ihn die Jet-Air auf die Waage stellen.

»Darf ich Ihnen etwas Salat bringen, Jim?« schloß Peggy ihren Dauerwitz ab.

»Laß dir das nicht gefallen, armer Junge«, grinste Martin Nobis und griff nach dem dicksten Schinkenbrot; er sah, wie sein junger Mann an jedem Bissen mitschlang. »Komm«, sagte er und erhob sich. »Zur Entschädigung übergeb’ ich dir den Vogel.«

Er stellte belustigt fest, daß sein Co-Pilot beim Platzwechsel wesentlich schneller war als er. Jim würde sehr bald schon einen erstklassigen Captain abgeben. Martin Nobis hatte Hunderte von Piloten ausgebildet oder überprüft. Eine einzige Fehlanzeige, und selbst diese nicht in fliegerischer, sondern in menschlicher Hinsicht.

Die Stewardeß hielt sich noch immer im Cockpit auf.

»Gibt’s noch was, Peggy?« fragte Nobis.

»Ja«, begann sie vorsichtig. »Eine Passagierin möchte Sie besuchen.«

»Die Zeiten sind vorbei.«

»Es handelt sich um –«

»Keine Ausnahme.«

»Und das gilt auch für mich, Martin?« fragte Brenda, die die fünf Meter Niemandsland zwischen Bar und verbotener Zone überschritten hatte.

Daß er ihre Stimme sofort erkannt hatte, stellte sie fest, als Martin sich ganz langsam – wie in Zeitlupe – umdrehte, in der Art eines Realisten, der seinen Leuten verhehlen möchte, daß er Tagträume hat.

»Brenda«, sagte er, und seine Augen waren beredter. Einen Moment stand er da, als wisse er nicht, ob er seine Hände in die Taschen stecken oder zärtlich um ihren Kopf legen sollte.

»Das«, setzte er albern und gedehnt hinzu, »ist aber eine Überraschung.«

»Du hast dich nicht verändert«, erwiderte Brenda.

»Aber du bist schöner geworden«, sagte Martin.

»Oder du kurzsichtig!«

»Ein Pilot hat scharfe Augen«, entgegnete Martin.

Er stand auf und geleitete Brenda an die Bar zurück. Sie ließen sich nebeneinander nieder, und in diesem Moment glaubten sie beide, Worte zu hören, die nicht gesagt wurden, obwohl sie stimmen mochten.

»Warum hast du dich zwei Jahre lang nicht gemeldet?« fragte Brenda.

»Weil du dich so lange nicht gerührt hast. Außerdem wollte ich deiner Karriere nicht im Wege stehen.«

»Und ich nicht deiner Flug-Passion«, sagte sie. »Weil wir uns beruflich nichts nehmen wollten, haben wir uns privat den Weg verbaut.«

Sie sahen sich voll an. Zwei Jahre Einsamkeit, überspielt durch Geschäftigkeit, waren vergessen.

»Kennst du noch meine New Yorker Wohnung?« fragte Martin.

»Du wirst lachen«, erwiderte sie, »ich hab’ sogar noch den Schlüssel.«

»Das Schloß ist seitdem nicht geändert worden«, versetzte er in seiner typischen Art. »Du entschuldigst«, sagte er und ging in das Cockpit zurück, wo man bereits in New Yorker Ortszeit rechnete.

5

Der morgendliche Ansturm hatte New York in einen brodelnden Eintopf von Lärm, Hast und Mief verwandelt, aber nach neun Uhr begann die überforderte Millionenstadt auf kleinerer Flamme zu kochen. Die Wolkenkratzer verschluckten Hunderttausende von Menschen, um sie am Abend wieder auszuspucken.

Der Tag hatte Tritt gefaßt, sechs Stunden hinter Mitteleuropa. Nur in der Zentrale der Jet-Air-Intercontinental in der Nähe des Flugplatzes Idlewild war er vorzeitig gestolpert.

9 Uhr 33.

»Spreche ich mit Mr. Lovestone?« fragte eine verzerrte Stimme. »Hören Sie gut zu. Ich erzähle nichts zweimal. Entweder Sie gehen auf meine Bedingung ein«, fuhr der Unbekannte fort, »oder es fliegt wieder eine Maschine in die Luft. Diesmal eine vollbesetzte.« Die Stimme in der Leitung drohte: »Zum Beispiel Ihr neuer Jumbo ›Happy Day‹ mit 366 Passagieren und 16 Mann Besatzung.«

Mr. Lovestone quollen die Augen aus dem Kopf, und sein rechteckiges Zimmer wurde einen Moment lang rund und drehte sich wie ein Karussell. »Hier ist der Zentralsitz einer Fluglinie«, fuhr Norman dann den Erpresser an. »Und keine Irrenanstalt.«

Larry Merx lenkte ihn wie der Leitstrahl eine Maschine bei einer Blindfluglandung.

»Wer sind Sie überhaupt?« schrie der Präsident in die Muschel und steigerte seine Stimme zu dem Organ eines Mannes, der 35111 Mitarbeiter sicher durch die Fährnisse des Geschäftslebens steuert.

»Ich bin der Bursche, der heute nacht ein kleines Feuerwerk in Ihrem Hangar B veranstaltet hat«, erwiderte eine verzerrte Stimme, die sich jetzt anstrengte, ein wenig langsamer zu sprechen. »Ich will eine Million. Bis heute mittag. Punkt zwölf Uhr. In Hundert-Dollar-Scheinen.«

Als der Spitzenmanager diese Forderung hörte, nahm er ein Wechselbad von Hitze und Frost. Er hatte die Vermutung des Experten von der Bundespolizei in Washington für übertrieben gehalten. Doch diese Hoffnung war jetzt geplatzt wie ein Reifen. »Sie sind ja wahnsinnig«, stöhnte er auf.

»Oder Sie«, konterte die blecherne Stimme. »Falls Sie nicht auf mich hören. Oder die Polizei bemühen.« Er lachte heiser. »Denken Sie an Ihre wunderschönen Jets in der Luft«, drohte er. »Denken Sie an die vielen unschuldigen Passagiere an Bord.«

Larry Merx starrte auf das Zifferblatt: 42 Sekunden. Dann sah er gespannt durch die offene Tür ins Vorzimmer, wo sein Assistent Mike Blower mit den Fahndungs-Trupps der Telefongesellschaft und der New Yorker Kripo in Sprechverbindung stand.

Der Mann gab das Signal, hob den Arm, und das hieß, daß der Standort des Erpressers mit Erfolg angepeilt worden war. Das hieß, daß in dieser Sekunde Dutzende von Streifenwagen mit Sirenengeheul durch die Weltstadt hetzten. Das hieß, daß Larry eine Chance hatte, einen Mann zu fassen, der ihm den Weg zu der Bande weisen müßte.

»Und wenn ich bezahle?« fragte der Präsident zögernd.

»Dann lassen wir Sie in Ruhe.«

»Und wer garantiert mir das?« fragte Mr. Lovestone.

»Niemand«, versetzte der Erpresser kalt. »Sie haben keine andere Wahl, als uns Vertrauen und Geld zu geben.«

Obwohl mit jeder weiteren Sekunde dieses Telefonats die Chance stieg, den Unbekannten zu fassen, rechnete Larry doch nicht mit einem Erfolg. Wenn der Anrufer zu einer Gang gehörte – woran nicht zu zweifeln war –, mußte er ein Fachmann sein und wissen, daß er gefahrlos nicht länger als 40 Sekunden sprechen konnte. Ein Profi würde das Gespräch jetzt abbrechen und von woanders aus fortsetzen.

Der FBI-Spezialist sah, daß Mr. Jet-Air am Ende war, er schob ihm hastig einen Zettel mit einem Stichwort zu.

»Und wie sollen wir Ihnen das Geld überhaupt zukommen lassen?« griff es Mr. Lovestone hastig auf.

»Sie halten die Million bereit. In einem Paket. Punkt zwölf Uhr. Am Hauptportal Ihrer Firma. Wir schicken Ihnen einen Boten und überzeugen uns, daß ihn niemand verfolgt. Andernfalls –«, drohte der Erpresser und legte auf; nach einer Minute und zehn Sekunden.

Von nun an rollte die Fortsetzung des Gesprächs mit anderen Worten. Regie: FBI. Medium: eingeschmuggelte Mikrofone. Zuhörer: eine nach Cosa-Nostra-Muster organisierte Unterwelt-Bande.

»Myrna, ich verbitte mir, daß Sie mich mit jedem Wahnsinnigen verbinden«, rügte der Präsident.

»Soll ich die Polizei verständigen?« fragte die Sekretärin.

»Um Gottes willen«, entgegnete Mr. Lovestone. »Auf keinen Fall. Vorläufig wenigstens. Verbinden Sie mich bitte mit der Chase Manhattan. Fragen Sie den Hauptkassierer, ob er bis heute mittag eine Million in Hundert-Dollar-Noten für uns beschaffen kann.« Er verbesserte sich sofort: »Oder nein, lassen Sie das noch, bis ich die Herren des Vorstandes gesprochen habe.«

Als Larry Merx sah, daß sein Zauberlehrling auf eigenen Beinen gehen konnte, stürmte er das verwaiste Arbeitszimmer des Chefpiloten Martin Nobis, das er nach gründlicher Untersuchung auf Abhörgeräte requiriert hatte.

Mike Blowers Gesicht trug schwer an einer Neuigkeit.

»Wir haben die Nummer, Chef«, begann er.

»Nun lassen Sie das weiße Kaninchen schon aus dem Zylinder hopsen, Sie Magier«, antwortete Larry gereizt.

Sein Assistent reihte die Ziffern zu einer Zahl aneinander; sie besagte Larry nichts.

»Es handelt sich hierbei um einen Nebenanschluß der Jet-Air«, erläuterte Mike Blower. »Genutzt wird er von Mr. Lionel Taylor.«

»Dem Chefingenieur?« erwiderte Larry nach kurzem Nachdenken. »Und der Mann ist zur Zeit in Kalifornien.«

»Ja«, bestätigte der Helfer, »und zwar ist es ein Autoanschluß. Dieser Dreckskerl von Anrufer ist einfach in Manhattan spazierengefahren.«

»Sehen Sie, es gibt für alles eine natürliche Erklärung«, stellte Larry fest. »Nur meistens zu spät.«

»Aber das Auto von Mr. Taylor?«

»Vermutlich gestohlen und bis jetzt noch nicht entdeckt.«

Wie zur Bestätigung seiner Kombinationsgabe ging Sekunden später die Meldung ein, daß der Cadillac von der Verkehrspolizei sichergestellt worden war. Ohne Insassen. Falsch geparkt; am Rand der breiten Auffahrt zum Riesengebäude der UN, die Taxis, Omnibussen und Staatskarossen Vorbehalten ist.

Larry Merx hatte den Anruf auf Tonband mitgeschnitten und hörte es ab. Er spulte zurück und begann von neuem:

»Merken Sie etwas, Mike?« fragte er.

»Der Mann hat seine Stimme unkenntlich gemacht. Vermutlich durch eine Cellophan-Folie über der Membrane.«

»Mehr fällte Ihnen nicht auf?«

»Dem Akzent nach ein Italo-Amerikaner.«

»Schon besser«, entgegnete Larry. »Und nun hören Sie noch einmal genau zu.« Er wollte sichergehen, daß er sich nichts einbildete. »Achten Sie auf die Worte ›Hauptportal‹, ›Passagiere‹ und ›Ruhe‹, drängte der Chef.

»Hört sich an, als ob der Mann mit einem harten Rachen-R sprechen würde«, erwiderte sein Assistent zögernd.

»Gut, Mike. Schnappen Sie sich unsere Maschine. Fliegen Sie sofort nach Washington und jagen Sie diese Feststellung durch den Computer.«

Das FBI-Archiv hatte 6000 genaue Lebensläufe Verdächtiger gespeichert und die Fingerabdrücke von 90 Millionen Amerikanern. Vielleicht enthielt die Kartei auch Hinweise auf Stimmen mit einem Rachen-R – sofern es nicht erst durch eine künstliche Verzerrung entstanden war.

Mr. Jet-Air kam herüber.

»Ausgerechnet bei uns«, sagte er. »Können Sie sich das erklären, Larry?«

»Ja«, versetzte der FBI-Mann gelassen. »Die Jet-Air hat viel Geld. Außerdem sitzt vermutlich ein Komplize der Bande im Haus.«

Er betrachtete den Mann mit dem jungen Gesicht und den schlohweißen Haaren. »Und zwar sehr hoch oben.«

»Finden Sie ihn«, fuhr Mr. Lovestone ihn an.

»Nur mit Ihrer Hilfe«, entgegnete Larry. »Zunächst einmal brauche ich die Personalveränderungen des letzten halben Jahres.«

»Das liegt in zehn Minuten auf Ihrem Schreibtisch.«

»Dann werden Sie«, fuhr der Spezialist aus Washington fort, »eine Firma mit der Rationalisierung Ihrer Fluglinie beauftragen. Sie wird Ihnen vier Mann schicken – vier FBI-Leute, die sich hier in allen Abteilungen umsehen werden.«

Er stellte fest, daß Mr. Jet-Air von dem Vorschlag wenig begeistert war.

»Hören Sie zu, Norman: Die Täter, die bis jetzt Attentate auf Flugzeuge verübt haben, waren Amateure. Aber auf ihr Konto kommen immerhin in den letzten 19 Jahren bereits 802 Menschenleben. 691 Passagiere und 111 Besatzungsmitglieder. Offizielle Feststellung des ›Büros für Entwicklung der Luftfahrt‹ in Rom. Nur geklärte Fälle. Wir wissen nicht, wie viele weitere Unfälle in Wirklichkeit Verbrechen waren.«

Er sprach ohne Betonung, aber der Hunger in seinem Gesicht wirkte dabei satt vor Angst. »Und nun haben wir es, wenn nicht alles trügt, erstmals mit echten Gangstern zu tun. Mit hartgesottenen Profis, die ohne weiteres einen Jumbo mit 400 Menschen in die Luft sprengen.«

»Ich will Ihnen etwas sagen«, erklärte Lovestone müde. »Ich zahle die Million.«

»Kommt nicht in Frage«, erwiderte Larry.

»Übernehmen Sie die Verantwortung?« fuhr ihn der Generaldirektor an.

»Das muß ich wohl«, entgegnete der große, drahtige Mann. »Bis zwölf Uhr mittags wird gar nichts passieren.«

»Vielen Dank für Ihren Trost«, erwiderte Norman S. Lovestone. Er wagte nicht, daran zu denken, was nach diesem Ultimatum geschehen könnte.

6

Jet-Air-Flug 99 meldete als voraussichtliche Ankunftszeit in New York 10 Uhr 32. Der Jumbo hatte die in Frankfurt durch den falschen Bombenalarm entstandene Verspätung weitgehend wieder aufgeholt. Gleich mußte das Flugzeug als winziger Punkt auf dem Radarschirm der Bodenstation auftauchen. Kaiserwetter an diesem Bilderbuchtag. Nicht die sanfteste Brise behelligte die Boeing 747.

Die meisten Passagiere sahen sich schon den zweiten Film an. Django, der Rächer, geisterte über die Leinwand. Wie in den meisten Wild-West-Schinken siegte am Ende das Gute und das Böse blieb auf der Strecke. Im übrigen uniformierte die Passagiere die gute Laune. Einmal mehr bestätigte sich die Mundpropaganda, daß Jet-Air-Intercontinental die erfahrensten Piloten, die strengsten Sicherheitsvorschriften, die beste Küche und die hübschesten Stewardessen hätte.

Im Cockpit, dem Gehirn des Riesenvogels, wurde geschwiegen. Jim, der Erste Offizier, flog die Boeing 747, und das hieß, daß er lediglich den Auto-Piloten überwachte. Der Bord-Ingenieur wurde nur aktiv, wenn etwas nicht stimmte, und Martin Nobis kämpfte um eine Orientierung privater Art, seitdem er Brenda begegnet war. Sein Bewußtsein schrieb an dem Kapitel Liebe, mit ungelenker Handschrift. Auch wenn er es sich nicht eingestand, war er ein Mann nach Maß der Frauen, die bei ihm leicht maßlos werden konnten. Seine Erinnerung häufte die Abenteuer mit dem schönen Geschlecht wie Kleingeld aufeinander. Auch wenn er seine Vergangenheit drehte und wendete, blieb nicht viel mehr als ein wenig flüchtige Zärtlichkeit, irgendwo, mit irgendwem, genossen, vergessen.

Und an der Bar des kleinen Salons, gleich hinter dem Cockpit, nur ein paar Meter von der Jumbo-Kanzel entfernt, saß jetzt die junge Frau mit den Katzenaugen und den sanftroten Haaren und drohte, eines Luftmillionärs lässiges Verhältnis zu den Gefühlen zum Absturz zu bringen.

Martin erhob sich von seinem Sitz vorn rechts. »Habt ihr eigentlich etwas gegen Damenbesuch?« fragte er in einem Ton, der keine Antwort erwartete.

Jim, der Co-Pilot, grinste durch die vierfach verstärkte Cockpit-Scheibe, als sich der Flugkapitän gespielt langsam aus seinem Bereich entfernte. Einen Moment lang glich er eher einem Einsteigdieb als einem Chefpiloten.

Dann stellte er fest, daß Brenda noch immer allein an der Bar saß. Die beiden Erste-Klasse-Passagiere in der Polsterecke waren so in ihr Schach-Duell vertieft, daß er sich ungestört mit seiner Dame befassen konnte.

»Wir werden in 59 Minuten in New York landen«, sagte Martin zu seiner prominenten Passagierin.

»Interessant«, erwiderte sie lächelnd. »Aber das ist doch nicht alles, was du mir zu sagen hast.«

»Ich bin im Dienst«, ging er auf ihren Ton ein. »Danach werde ich auf dich einreden wie ein – ein Staubsaugervertreter.«

»Und um welchen Artikel handelt es sich wirklich?«

»Hm, einen Schuß Romantik«, entgegnete Martin, »und zwei Portionen Einsamkeit.«

Er blickte auf Brendas schmale, langgliedrige Hände, und er spürte sie auf seiner Haut. Sie sah in seine Augen in diesem seltsamen Mitternachtsblau, in sein zerklüftetes Gesicht und fragte sich, wie sie Martin je aus den Augen hatte verlieren können; aus den Augen, nie ganz aus dem Sinn.

»Wie stehen wir zueinander?« fragte sie.

Der Mann im Fliegerblau sah sich einen Moment nach den Schachspielern um. »Das hängt allein von dir ab«, antwortete er ein wenig matt.

»Nein«, versetzte Brenda. »Von uns.«

»Nicht ganz von uns.« Er wurde ernst. »Auch von unseren verdammten Berufen.«

»Wir werden sie an die Leine legen«, erwiderte die berühmte Globetrotterin, »und unser Privatleben hegen wie Orchideen.«

»Ich bin jetzt im Vorstand der Jet-Air«, begann er zögernd. »Ich komm’ nicht mehr so viel zum Fliegen wie früher.« Martin verfolgte, wie der Passagier Bob S. Greenhill sich etwas mühsam über die Wendeltreppe nach oben zwängte und sich in dem kleinen Salon – offiziell hieß er Ausruhraum – prüfend umsah, als wollte er ihn kaufen.

»Was machst du, wenn wir in New York sind?« wandte er sich an Brenda.

»Zuerst einmal schlafe ich mich richtig aus«, antwortete sie.

»Dann muß ich einen Tag in den Schneideraum, um das Interview mit dem deutschen Bundeskanzler einzurichten.«

»Und dann?«

»Dann warte ich auf einen Anruf«, sagte Brenda lachend. »Oder auch auf deinen Ansturm. Ganz wie du willst.«

»Ich habe da ein paar revolutionäre Ideen«, hakte er ein.

»Ich höre.«

»Ich spreche«, entgegnete Martin und geriet ins Stocken. Er betrachtete ihre feine Nackenlinie. Sein Blick tastete sich weiter zu ihren schmalen Schultern.

»Du siehst mich an, als ob ich ein Marzipanschweinchen wäre«, sagte sie lachend.

»Ich liebe Süßigkeiten«, konterte er. »Wann hast du den letzten Urlaub gehabt?«

»Vor einem Jahr«, erwiderte Brenda. »Zwei Tage.« Sie fing das Stichwort auf, fragte zurück: »Und du?«

»Das ist schon so lange her, daß ich es vergessen habe«, sagte er. »Meinst du nicht, wir sollten unseren Nachholbedarf zusammenlegen, und …«

»Einverstanden«, antwortete sie. »Und wohin geht die Reise, Captain?«

»Wohin Sie wollen, Madam. In die Südsee. Auf die Bahamas. An die Côte d’Azur. Oder bloß nach Florida.«

»Alles ganz abgedroschen«, sagte Brenda. »Ich möchte dir etwas vorschlagen.«

»Bitte –«

»Etwas noch Abgedroscheneres – nach Venedig. In die Stadt der Liebenden.«

»Wir werden in jeder Stadt unser Venedig feiern«, erwiderte Martin. »Wenn du willst.«

»Darf ich Ihnen etwas anbieten, Miß Fairday?« fragte Peggy, die Chefstewardeß.

»Nein danke – das heißt«, verbesserte sich Brenda, »vielleicht einen Orangensaft mit Eis.«

»Und den servieren Sie bitte im Cockpit, Peggy«, bat der Captain, stand auf und lud Brenda ein in sein Instrumenten-Reich.

»Wenn Sie schon dabei sind, Miß«, bat Passagier Greenhill und deutete auf die Whisky-Flasche, »geben Sie mir bitte auch etwas Medizin für mein müdes Herz.«

Martin stellte seine Leute vor und sagte ein wenig stolz: »Wer Miß Fairday ist, brauche ich euch ja wohl nicht zu erklären.« Dann schob er ihr einen Hocker zu und begann den Jumbo vorzuführen, als hätte er ihn selbst konstruiert. Schließlich waren ja einige Verbesserungen auf seine Anregung hin zustande gekommen.

Ein Klingelzeichen forderte den Piloten auf, eine andere Funk-Frequenz einzuschalten, gewissermaßen die Hausleitung der Jet-Air. Über diese Welle konnte das Hauptquartier einer die ganze Welt befliegenden Linie jedes einzelne Flugzeug, ob es gerade den Nordpol oder Japan überquerte, ständig erreichen.

»Jet-Air-Flug 99, Captain Nobis«, meldete er sich.

»Hallo, Martin«, rief Larry Merx.

»Freut mich, dich zu hören«, erwiderte der Jumbo-Kommandant.

»Wart’s ab«, entgegnete der FBI-Spezialist sarkastisch.

Brenda, die sich auf Stimmen verstand, fiel sofort auf, daß der Mann zynisch und zärtlich zugleich sprechen konnte.

»Wie fühlst du dich?« fragte Larry.

»Wie neu geboren«, sagte Martin und warf einen anzüglichen Seitenblick auf Brenda.

»Paß auf dich auf«, erwiderte der Freund und FBI-Spezialist. »Und auf deinen Jumbo. Und auf deine Passagiere.« Einen Moment lang glaubte man, Larrys Atem zu hören. »Wir haben hier einen Haufen Ärger.«

»Wir nicht«, brummte der Captain.

»Dann tut es mir um so mehr leid, Martin«, fuhr der Mann fort, »daß ich dich gleich nach der Landung brauche.« Nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: »Ich fürchte, wir haben einen heißen Tag vor uns … Ende.«

»Ende«, bestätigte der Chefpilot. Erst jetzt dachte er daran, daß eine Unbefugte die Warnung mitgehört hatte.

»Leider muß ich dich bitten«, begann Martin zögernd.

»Ich hab’ nichts gehört«, erwiderte Brenda. »Ich war privat im Cockpit zu Besuch. Off the record.«

»Danke.«

»Ich möchte dir vorschlagen, daß wir künftig Beruf und Privatleben klar auseinanderhalten«, sagte Brenda.

»Und das kannst du?« fragte der Flugkapitän lachend.

»Nur nicht übertreiben«, ging sie auf seinen Ton ein. »Ich will’s versuchen.« Sie erhob sich. »Und nun verlaß ich dich freiwillig.«

Die Cockpit-Tür blieb unverschlossen.

Bald endete das eintönige Blau des Atlantik; der Jumbo hatte die Küste erreicht und näherte sich New York, dieser Orgie von Erfolg, Reichtum und Größenwahn.

Die Piste war noch nicht zur Landung freigegeben. Martin kreiste über Brooklyn und Queens. Die Wolkenkratzer schienen mit Riesenfingern nach der Boeing zu greifen.

Endlich kam die Landeerlaubnis. Der Pilot drückte die Maschine nach unten, fuhr die Luftbremsen aus und setzte weich auf.

Die Passagiere quollen aus dem Riesenvogel, und wie immer war Brenda Fairday sofort von Reportern umringt.

»Wie war’s in Bonn?« rief ihr einer zu.

»Anstrengend.«

»Was gefällt Ihnen in Deutschland?«

»Vieles.«

»Und was mißfällt Ihnen?«

»Manches.«

»Das sind doch keine Antworten«, erwiderte der Mann mit dem sanft verwilderten Aussehen.

»Das sind auch keine Fragen«, versetzte Brenda trocken.

Bevor sie weiterging, drehte sie sich noch einmal nach Martin um. Er fing Brendas Blick auf und erwiderte ihn rasch. Nur Larry Merx, der gekommen war, um den Freund in Empfang zu nehmen, bemerkte es.

»Gratuliere zu deinem Geschmack«, sagte er und begrüßte Martin in spröder Männerart. »Damit endet leider auch der heitere Teil dieses Tages.«

Sie stiegen in den Wagen des FBI-Mannes.

»Du hast es ja ganz schön eilig«, sagte der Chefpilot. »Darf ich mir nicht einmal die Hände waschen?«

»Wir werden sowieso noch genug Dreck anfassen«, erwiderte Larry und informierte in knappen Worten den Freund über den Erpressungsversuch.

»Wir müssen diese Burschen in die Falle locken. Mr. Lovestone hat sich vor den Abhör-Mikrofonen mit seinem Vorstand eine erbitterte Redeschlacht geliefert. Mit knapper Mehrheit wurde entschieden, daß das Lösegeld bezahlt wird. Spätestens über das Telefon, das sie angezapft haben, erfuhren unsere Gegenspieler, daß das Geld in den gewünschten Hundert-Dollar-Noten tatsächlich von der Bank geholt wurde, verpackt in ein braunes Paket.«

Sie hatten die Jet-Air-Basis erreicht, aber Larry blieb noch einen Moment im Wagen sitzen. »Nun hör gut zu, mein Junge«, fuhr er fort. »Das echte Paket liegt im Tresor. Ich habe ein zweites nachbauen lassen. Mit Papierschnipseln und Mini-Sendern; sie strahlen Signale aus, die wir mühelos verfolgen können. Kapiert?«

»Ja«, erwiderte Martin. »Ganz schönes Risiko!«

»Ohne Schweiß kein Preis«, alberte Larry, obwohl ihm nicht danach zumute war. »Außerdem«, erklärte er noch, »wissen nur Mr. Lovestone, du und ich, daß wir diesen Gangstern das Geld nicht aushändigen werden.«

Martin wollte aussteigen. »Wart’ noch einen Moment«, bat Larry. »Was war mit Tony Forthman los?«

»Warum?« wich der Freund aus.

»Ich will kein Salz in deine Wunden streuen, aber …«

»Er war mein junger Mann«, erklärte der Chefpilot, »eine echte Begabung. Einer, der mit Verstand und Gefühl fliegt.«

»Und?«

»Keine Disziplin. Leider. Es begann mit Weibergeschichten. Ich hab’ sie eine Weile übersehen. Dann fing Tony mit dem Saufen an. Da gab’s dann kein Pardon mehr.«

Larry hörte aus der Stimme seines Freundes ein Bedauern heraus.

»Vor fünf Monaten mußte ich ihn auf die Straße setzen.«

»Und wo ist er jetzt?«

»Keine Ahnung«, erwiderte Martin.

Es war 11 Uhr 02. Das Paket für die Erpresser wurde – wie gefordert – zum Hauptportal gebracht. Die Verfolger hatten in abenteuerlichen Vehikeln Stellung bezogen: in einem Milchauto, einem Müllwagen, einem Lieferauto für Kartoffel-Chips, einem Oldtimer und einem italienischen Sportflitzer. Alle Wagen verfügten über Empfangsantennen und waren mit Fahndungsspezialisten besetzt.

12 Uhr. Die Spannung wuchs. Sobald die Täter das Paket in Empfang genommen hatten, sollte auch ein neutral aufgemachter Polizei-Hubschrauber zur Verfolgung starten.

12 Uhr 30. Noch immer wartete Larrys ›Falschgeld‹ auf den Adressaten. Es war klar, daß Unpünktlichkeit eine der Waffen seiner Gegenspieler war.

Um 13 Uhr gab der FBI-Spezialist für Luftpiraterie Martin einen Wink, über die hauseigene Radiofrequenz wohl besser die Jet-Air-Flugkapitäne in aller Welt vorsichtig zu warnen. Der Chefpilot hielt nicht viel davon. Die Fehler werden auf der Erde gemacht, nicht in der Luft. Schließlich rief er seine Piloten. »Hier sind ein paar Spinner am Werk«, sagte er, »aber seid trotzdem vorsichtig, Jungs. Ende.«

Wenn es in New York 15 Uhr ist, zeigt die Kirchturmuhr in dem fränkischen Weinort Klingenberg die neunte Stunde des Abends an, und Martins Mutter würde erst zu Bett gehen, wenn er ihr die glückliche Landung in New York bestätigt hatte.

Er griff nach dem Telefon, wählte durch. Sein Gesicht entspannte sich, wirkte weich, verjüngt.

»Herrlicher Flug, Mutschka«, sagte er. »Ein reiner Genuß.«

»Schön, Martin«, antwortete Maria Nobis. »Aber stell’ dir vor, ich hab’ tatsächlich den Marmorkuchen beim Abflug vergessen.«

»Es gibt Schlimmeres«, erwiderte Martin lachend.

»Kurz vor Klingenberg ist es mir eingefallen«, sagte sie. »Ich bin noch einmal umgekehrt. Ich hab’ ihn einer Stewardeß von der Panam in die Hand gedrückt. Sie wird ihn noch heute bei dir abliefern.«

»Vielen Dank«, sagte Martin und lächelte. »Ich werde ihn heute noch aufessen. Auf einen Sitz. Und dann schlaf gut, Mutschka.« Er legte auf und stellte sich vor, wie kritisch sein Freund Larry das Hausgebäck untersuchen würde. Mindestens zweimal in der Woche ließ ihm Mutschka die Produkte ihres Herdes auf dem Luftwege zukommen. Die Zöllner grinsten schon. Nur ein Anfänger hatte sich die Kuchen-Luftbrücke nicht erklären können und den Gugelhupf auf der Suche nach Haschisch in winzige Portionen zerstückelt und sich dann unter dem Gelächter seiner Kollegen bei Martin stotternd entschuldigt.

Um 15 Uhr 18 steckte sich Larry Merx nach siebenmonatiger Entwöhnung die erste Zigarette an, warf sie angewidert weg und griff nach der nächsten. Das Paket lag noch immer unbeachtet in der Portier-Loge. Viel Zeit blieb nicht mehr; die Batterien der Mini-Sender würden bald erlahmen.

Gegen 17 Uhr begann Larry zu fürchten, daß die Gangster nie erscheinen würden. Und nach 18 Uhr gestand er seinen Mitwissern den Fehlschlag ein.

»Es gibt doch nur eine Erklärung dafür«, erwiderte Martin giftig. »Verrat.« An den Gesichtern seiner Zuhörer sah er, daß er nur das aussprach, was sie dachten. »Und das heißt, Sie, Norman, ich oder Larry stecken mit den Gangstern unter einer Decke!«

»Hör auf mit dem Unsinn«, fuhr ihn Larry gereizt an.

»Aber er hat doch ganz recht«, schaltete sich Präsident Lovestone ein.

19 Uhr. Noch immer kein Abholer. Kein weiterer Anruf. Keine neue Weisung.

Kurze Zeit später meldete sich Mike Blower, Larrys Assistent aus der FBI-Zentrale in Washington. »Vielleicht haben Sie einen Toten aufgeweckt, Chef«, begann er. »Ich bin hier auf einen Italo-Amerikaner gestoßen, der mit Rachen-R spricht: Jack Dossola.«

Agent Blower konnte sich weitere Erklärungen sparen. Der Mann, Anführer eines Cosa-Nostra-Ablegers, war vor einem Jahr aus den USA ausgewiesen worden und hatte seitdem als verschollen gegolten.

»Gut, Mike«, erwiderte Larry. »Bringen Sie die Akten mit. Versetzen Sie unser Krisenkommando in Alarmbereitschaft und kommen Sie so rasch wie möglich zurück.« Er legte auf. Sein Gesicht wirkte wölfisch, gejagt von der Frage: ›Warum hat die Falle versagt?‹

7

Die Villa war ein altes Patrizierhaus an der Sutton-Place, einer exklusiven Sackgasse, die abseits vom Lärm und Staub Manhattans lag. Der Hausherr hatte die Jalousien heruntergelassen, im Dämmerlicht wirkte er wie ein alter Mann. Doch war er weder so alt wie er wirkte, noch würde er an einem Tag wie heute schlafen.

»Hangar B war gut«, sagte er zu seinem Besucher. »Was hinterher kam, war Stümperei.« Er nahm einen Schluck aus seinem Glas. »Ich hätte nicht verreisen sollen.«

»Sie haben uns befohlen, die Jet-Air unter Druck zu setzen«, erwiderte der Besucher. »Das haben wir getan. Nicht ohne Erfolg. Wir brauchen nur noch zu kassieren. Die Jet-Air zahlt eine Million.«

»Nonsense«, erwiderte der Mann, den nur zwei Bandenmitglieder je zu Gesicht bekommen hatten. Die anderen wußten nicht einmal, daß es ihn gab. Der unbekannte Boß verfügte über einen bürgerlichen Namen und einen guten Ruf in der City. Als Finanzmann war er der Freund hoher Politiker und saß im Kirchenvorstand. Seine Tochter hatte er mit einem Eierkopf von der Harvard-Universität verheiratet. Niemand wußte, daß die eigentliche Handelsware dieses Geldmaklers das Verbrechen war.

»Eine Million, Boß!«

»Ein Trinkgeld«, winkte der Hausherr verächtlich ab. »Außerdem hat uns die Polizei längst eine Falle gestellt. Verlassen Sie sich darauf, Jack.« Er lächelte grämlich. »Ihr benehmt euch wie Anfänger!« Er nahm noch einen Schluck Bourbon. »Was ist ein Jumbo wert?«

»An die fünfzig Millionen Dollar.«

»Jet-Air würde ihn gern für ein paar Millionen zurückkaufen. Aber das ist noch nicht das richtige Geschäft. Wenn die richtigen Passagiere in der Maschine sitzen, kommt ein enormes Lösegeld zusammen. Bestimmt noch einmal zehn oder zwölf Millionen, vielleicht sogar fünfzehn. Nach oben sind überhaupt keine Grenzen gesetzt.«

»Aber wie wollen Sie das anfangen, Boß?«

»Meine Sache«, versetzte er. »Ihr tut, was ich euch sage. Außerdem will ich Geld und keine Leichen. Daß das in eure verdammten Makkaroni-Gehirne nicht hinein will.«

Er sah Angst im Gesicht dieses Mannes, den die Unterwelt fürchtete, und genoß sie. »Also, es muß ein Jumbo sein«, sagte er. »Trommeln Sie Ihre Leute zusammen. Möglichst Burschen, die bei der Polizei noch nicht aufgefallen sind. Sechs, acht Männer. Vielleicht noch ein paar Mädchen. Sparen Sie nicht mit Personal. Übrigens werde ich selbst dabeisein.«

»Sie, Boß?« erwiderte Jack Dossola verblüfft. Er hatte kleine Hechtaugen, eine Nase, die vorsprang wie eine feststehende Klinge. Sie stammte aus zweiter Hand. Die plastische Operation in Rom hatte den Italo-Amerikaner nicht schöner, jedoch für die Polizei unkenntlich gemacht. Gegen Fingerabdrücke, die sich nicht ändern ließen, konnte er sich durch Handschuhe schützen.

»Wann steigt die Sache?« fragte er.

»Wenn sich der Lärm gelegt hat«, erwiderte der Geschäftsmann mit dem Doppelleben. »Vielleicht verwirren wir unsere Freunde aber auch mit etwas Nervenkrieg. Wie weit seid ihr mit diesem Forthman?« fragte er dann.

Jack Dossola grinste. »Er säuft uns aus der Hand.«

»Gut, Jack. Halten Sie sich bereit.« Er verabschiedete seinen Besucher mit einer ungeduldigen Handbewegung. »Und lassen Sie sich hier nie wieder blicken.«

Der Mann stand auf, und Jack Dossola wunderte sich, wie schnell sich ein Sitzriese in einen Stehzwerg verwandelte.

8

Die Entführung eines vollbesetzten Jet-Riesen lag in der Luft, und so erlebte Larry Merx die vorderhand längste Nacht seines Lebens. Jede Stunde Zeitgewinn war wichtig, um einem rabiaten Gangster-Anschlag zuvorzukommen. Und so verlangte der FBI-Experte von seinen Männern, was er sich selbst abforderte.

Zunächst einmal machte er das Jet-Air-Hauptquartier wieder stubenrein …

Er ließ die Wanzen, die Mini-Spione, aus Mr. Lovestones pompösem Arbeitszimmer entfernen und baute die Abhörvorrichtung wieder aus dem Telefon aus. Am Morgen würde auch die im Tresor verwahrte Million Lösegeld zur Bank zurückgebracht werden. Das war seine Art, zuzugeben, daß seine Falle versagt hatte.

Wenn er sich selbst mit einschloß, hatten nur drei Personen von seinem Plan gewußt. Sein Scheitern erschien ihm deshalb unbegreiflich. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als nach seinem Leitsatz vorzugehen: Wunder gibt es nicht, und Rätsel werden gelöst.

»Wir haben Mr. Lovestone überprüft«, meldete sich eine halbe Stunde später einer seiner Leute. »Der Mann ist völlig in Ordnung. Er kennt nur seine Arbeit und seine Familie, hat Geld wie Heu, und das versauert auf der Bank.« Er sprach und atmete heftig. »Nicht der geringste Ansatzpunkt für eine Erpressung.«

Larry hatte kein anderes Ergebnis erwartet. Er griff nach der nächsten Zigarette, der vorletzten in seinem Päckchen. Ein ganz hübscher Verbrauch für einen Mann, der gestern noch Nichtraucher gewesen war.

»Wir haben auch den Chefpiloten Nobis unter die Lupe genommen«, fuhr der Mann vorsichtig fort.

»Ach nein«, bemerkte Larry Merx giftig.

»Für ihn gilt das gleiche«, ergänzte der FBI-Mann. »Seine Freizeit und mein übriges Geld wären ein prächtiges Gespann.«

»Und warum habt ihr mich nicht überprüft?« fragte Larry spöttisch.

Keiner lachte über den faulen Witz, denn jeder seiner Leute wußte, daß das geringste Versäumnis genügte, um Hunderte von Menschenleben in Gefahr zu bringen.

Zum drittenmal im Verlauf dieser unruhigen Nacht suchte Larry den Chefpiloten in der Flugzentrale auf. Der Freund saß vor einer großen Wandtafel und verfolgte die Flüge seiner Piloten. Sobald eine Maschine gestartet war, flammte ein Lämpchen auf. Mit einem Blick konnte Martin feststellen, daß um vier Uhr New Yorker Ortszeit bereits 23 Passagier-Flugzeuge den Luftraum füllten. Die ersten Jets waren im Morgengrauen in Tokio und Manila gestartet, dann in Bangkok und New Delhi. Es schien, als brütete die nach Westen weiterwandernde Sonne Riesenvögel aus.

»Alles in Ordnung, Martin?« fragte der FBI-Mann.

»Kein Zwischenfall«, bestätigte der Chefpilot. »Kein Hilferuf. Keine Alarmnachricht. Ein Sturmtief über dem Indischen Subkontinent, aber darauf verstehen sich unsere Leute ja.«

Ein Bote brachte einen Zettel. Martin faßte ihn mit spitzen Fingern an, las den Text und grinste dann breit. Er griff zum Mikrofon und rief die Boeing 707, die kurz vor der Landung in Singapur stand.

»Jet-Air-Flug 121«, meldete sich Flugkapitän Wagner.

»Hier spricht Martin Nobis«, erwiderte der Chefpilot. »Gratuliere, Bob. Dein Stammhalter wiegt fünf Pfund und 27 Gramm.«

Ein paar Sekunden blieb es still.

»Aber das ist doch noch eine ganze Woche zu früh.«

»Um so besser«, meinte Martin. »Mutter und Kind sind jedenfalls wohlauf.«

»Vielen Dank, Martin.«

»Und wie geht es euch sonst?« fragte der Chefpilot.

Anstelle des Flugkapitäns antwortete der Co-Pilot der zu acht Tagen Fernost-Route eingeteilten Crew: »Bestens. Bis auf das Essen. Wir haben alle schon Schlitzaugen.«

Albern setzte er hinzu: »Reis stopft.«

Der Chefpilot warf wieder einen Blick auf die Wandtafel: 32 Jet-Riesen zogen jetzt auf ihrem vorgeschriebenen Kurs dahin, und auch in New York wurden die ersten Maschinen startklar gemacht.

»Feierabend, Martin!« sagte Larry.

»Nach dir«, erwiderte der Chefpilot.

»Ich bin hier zu Hause«, entgegnete der FBI-Spezialist. »Wir haben euer feines Gästehaus für uns beschlagnahmt.«

Mike Blower, Larrys Assistent, beendete den Streit. Er stürzte außer Atem herein, als hätte er den Weg von Washington nach New York im Laufschritt zurückgelegt.

»Die Sache ist brandheiß«, schoß er los und legte seine Ausgrabungen aus dem FBI-Archiv auf den Tisch. »Unsere Kollegen in New York hatten diese Dossola-Gang schon lange im Auge. Das Übliche: Prostitution, Rauschgift, Spielhöllen, Erpressung. Auf einmal gab’s bei einem Banden-Krieg Morde am laufenden Band. Da griff das FBI zu und drehte die Dossola-Leute durch die Mangel. Dabei gingen 49 Gangster hoch.«

»Und Jack Dossola?«

»Dem Burschen war nichts nachzuweisen. Da haben es unsere Leute in New York mit der üblichen Tour probiert: Steuerhinterziehung.«

»Und bevor es soweit ist, ist er getürmt?«

»Untergetaucht«, versetzte Mike Blower. »Aber es nicht sicher, ob er noch lebt. Man hat drei Monate später einen ziemlich unkenntlichen Toten aus dem Hudson gezogen, und seitdem streiten sich die Experten, ob es Dossola war oder nicht. Da haben sich unsere schlauen Leute in Washington etwas ganz Besonderes einfallen lassen, nämlich Ausweisung«, höhnte Mike.

»Das faule Ei des Kolumbus«, quittierte Larry Merx; »da er nicht mehr in den USA sein darf, gibt es ihn nicht mehr.«

»Ja, eine Kartei-Leiche«, entgegnete Mike Blower. »Trotzdem kann ich nicht glauben, daß sich der Kerl in New York aufhält; er ist in der Unterwelt bekannt wie ein bunter Hund. An jeder Grenzstation, in jedem Polizeirevier hängt seine köstliche Visage.«

»Vielleicht hat er sich ein neues Gesicht schneidern lassen«, sagte Larry. »Durch eine plastische Operation zum Beispiel. Und die Verhafteten sitzen alle noch?«

»Ja«, antwortete der Assistent. »Und bei guter Führung kommt der erste in frühestens elf Jahren wieder aus dem Knast.«

»Tüchtiger Richter«, versetzte Larry trocken. »Haben Sie auch überprüft, ob sich die Burschen tatsächlich alle noch in Haft befinden?«

»Blitzumfrage: 48 sind hinter Schloß und Riegel, verteilt auf drei Strafanstalten.«

»Und die Nummer 49?« fragte Larry gespannt.

»Ist unsere Chance.« Der Mann mit dem Dutzendgesicht überreichte seinem Chef die Mitteilung wie einen Blumenstrauß.

»Er hat den Spitznamen ›Riccio‹, der Igel. Wegen seiner stacheligen Haare. Er ist ein V-Mann. Wir hatten ihn in die Bande eingeschleust und bei der Verhaftung entkommen lassen. Tolle Schießerei am hellichten Tag. Alle ballerten in die Luft, und seitdem ist Riccio in Cosa-Nostra-Kreisen ein berühmter Mann.«

»Mensch«, erwiderte Larry. »Hüten Sie ihn wie Ihren Augapfel.«

»Schon veranlaßt«, versetzte Mike Blower stolz.

»Nun platzen Sie bloß nicht vor Tüchtigkeit«, entgegnete sein Chef und lachte zum erstenmal in dieser Nacht.

9

Morgens um sieben war Martin abgeschlafft. Er verließ seinen Posten und fühlte sich wie ein Deserteur. Der glänzende Pilot war ein miserabler Autofahrer. Er nahm ein Taxi, das ihn zur 57. Straße brachte. Hier hatte er eine komplette Junggesellenwohnung gemietet. Es war schierer Luxus, aber wenigstens eines der Betten, in denen er schlief, sollte sein eigenes sein.

»Halten Sie vor dem Haus mit dem Baldachin«, sagte er zu dem Fahrer, bezahlte und stieg aus.

Er ging mit unsicheren Schritten zum Lift, schleppte die Müdigkeit mit sich herum wie einen Sack Zement. Sonst wirkte nach tagelanger Abwesenheit seine Wohnung immer abgestanden, aber heute war sie gut durchlüftet und dazu noch von einem verlockenden Duft überlagert: sie roch nach Brenda.

Er riß die Zimmertür auf.

Sie kam ihm lächelnd entgegen. Fast wäre er ihr ohne sein Zutun in die Arme gefallen.

»Ich bin’s wirklich«, sagte sie. »Entschuldige, daß ich bei dir eingedrungen bin.«

»Wenn du schon da bist«, erwiderte Martin lächelnd, »dann könntest du auch gleich bleiben.«

»Darüber läßt sich reden«, entgegnete sie und sah skeptisch in sein von den Strapazen plissiertes Gesicht. »Ist etwas passiert?« fragte sie besorgt.

»Nein, gar nichts«, versetzte er.

»Mein Urlaub hat schon begonnen«, wechselte Brenda das Thema. »Und wie steht’s mit deinem?«

»Schlecht«, brummte er.

»Du gehst jetzt unter die Dusche, und dann schläfst du dich aus«, sagte sie.

»Du bist ganz schön herrschsüchtig«, konterte Martin.

»Kann mir schon vorstellen, wie du dich als meine Frau benehmen wirst.«

»Soll das ein Antrag sein?« fragte Brenda.

»Du wirst doch eines Mannes Müdigkeit nicht ausnutzen wollen?« grinste er.

Er zog Brenda an sich. Sie wich ihm nicht aus. Ihr Puls schlug in seinen Händen. Er spürte die Sehnsucht wie eine Stichflamme.

Sie machte sich behutsam von ihm frei. »Ich übernehme die Telefonwache«, versprach Brenda Martin.

Er schlief sofort ein. Als er erwachte, sah er benommen in moosgrüne Augen und rötliche Haare. Alles verschwamm vor seinem Blick, bis er Brendas Lippen spürte. Und da wußte er endgültig, daß er nicht träumte.

»Wie spät?« fragte er.

»15 Uhr«, antwortete sie.

»Höchste Eisenbahn.« Er sprang aus dem Bett, ging ans Telefon.

»Diese langweiligen einfarbigen Pyjamas wirst du dir abgewöhnen müssen«, rief ihm Brenda nach.

»Du willst es wohl gestreift oder getupft?« Er grinste breit. »Du möchtest einen Tiger im Haus?«

Brenda wollte den Wohnraum verlassen, um nicht Zuhörerin des Telefongesprächs zu werden. Aber er gab ihr einen Wink, dazubleiben. Er wählte ohne richtig hinzusehen eine endlose Nummer.

»Hallo, hier New York«, begrüßte er seine Mutter. »Was gibt es Neues in Klingenberg?«

»Hast du deinen Kuchen bekommen?« fragte sie.

»Aber ja«, schwindelte er. »Und auch schon aufgegessen.«

»Soll ich dir wieder einen backen?«

»Nein, bitte keinen Kuchen«, sagte er rasch.

»Was möchtest du dann?« Sie blieb hartnäckig.

»Vielleicht ein bißchen fränkischen Leberpressack«, antwortete er, um ihr den Gefallen zu tun.

»Geht morgen ab.«

»Aber bitte nicht so viel«, lachte Martin.

Brenda sprach ganz gut deutsch, aber diesem Zwiegespräch belangloser Zärtlichkeit konnte sie kaum folgen. Sie sah nur, wie es aus seinem Gesicht die Falten und Kerben schrubbte.

»Gute Nachricht, Mutschka«, sagte er. »In zehn Tagen bin ich wieder da. Mit Rücksicht auf ihre deutschen Aktionäre hat die Jet-Air in diesem Jahr ihre Hauptversammlung nach Frankfurt verlegt. Was sagst du dazu?«

»In zehn Tagen erst?«

»Und dann hab’ ich noch eine Überraschung!« Martin hatte spontan beschlossen, seine Mutter auf Brenda vorzubereiten. »Ich bring’ dir jemanden mit.«

»Einen Freund?«

»Nein«, entgegnete er gespielt beiläufig. »Eine Freundin.«

Die Leitung blieb stumm; seiner Mutter mußte es die Stimme verschlagen haben.

»Sieh’ sie dir mal an, Mutschka«, sagte er. »Vielleicht ist es die Richtige.« Bevor er auflegte, wünschte er ihr noch ›Gute Nacht‹, obwohl er genau wußte, daß er sie um den Schlaf gebracht hatte.

»Mit wem hast du gesprochen?« fragte Brenda.

»Mit der Frau, mit der du dich demnächst auseinandersetzen mußt.« Mit einem schadenfrohen Lächeln fügte er hinzu: »Dabei wünsche ich dir schon im voraus viel Glück.«

»Deiner Mutter?«

Er nickte: »Und da gibt’s auch noch zwei Katzen«, sagte er.

»Stimmt das mit der Hauptversammlung?«

»Ja«, bestätigte er. »Wir machen dann Zwischenstation auf dem Weg nach Venedig … und zwischendurch Hochzeit.«

»Langsam«, erwiderte Brenda ernsthaft. »Dazu gehören zwei.«

»Nein«, versetzte Martin übermütig. »Drei. Und ich kann dir jetzt schon sagen, wie du es anstellst. Am besten redest du meine Mutter gleich mit ihrem Kosenamen an. Und dann sagst du: ›Liebe Mutschka, ich will Ihnen Ihren großen Jungen gar nicht wegnehmen. Ich will nur dafür sorgen, daß Sie ganz schnell Enkelkinder bekommen. Wir werden versuchen uns zu beeilen.«

»Du bist albern«, antwortete sie.

»Nein, verliebt«, sagte er, und das hörte Brenda wieder gern.

»Außerdem habe ich Hunger«, fuhr Martin übergangslos fort. »Und zwar auf etwas Handfestes.«

Er meldete Jet-Air, wo er in den nächsten Stunden zu erreichen sei. Dann gingen sie auf den Sauerkraut-Boulevard, das deutsche Viertel rund um die 86. Straße. Sie landeten im ›Jagerhoüse‹, einem Restaurant mit einem großen, hohen Saal, ringsum mit Holz verkleidet und mit wertvollen Bildern bestückt. Der Pianist spielte Wiener Lieder. Das Eisbein schmeckte nicht wie in Berlin, das Bier nicht wie in München, die Bratwürstel nicht wie in Nürnberg – dafür aber speiste das Heimweh mit.

Das ›Jagerhouse‹ war gut besucht, Martin und Brenda nahmen die anderen Gäste gar nicht wahr; sie hatten nur Augen füreinander.

»Die Sache ist die«, begann er umständlich. »Eigentlich habe ich ja meine wilden Jahre hinter mir.« Er verlor den Faden und entschloß sich zum Direktangriff. »Himmel, was soll ich lange reden«, schimpfte er, »ich hab’ dich einfach lieb.«

»Ich fürchte, mir geht’s genauso«, erwiderte Brenda.

»Dann ist ja alles in bester Ordnung. Wenn jetzt nur nicht dieses dämliche Schlamassel bei der Jet-Air wäre – ausgerechnet jetzt!«

»Der Spuk ist sicher bald vorbei«, tröstete ihn Brenda.

»Das hoffe ich. Vielleicht übertreibt auch mein Freund Larry«, sagte Martin und lächelte spöttisch. »Ein Bankier sieht nur Geld. Ein Arzt nur Krankheiten. Ein Pastor nur Sünden –«

»– und ein Blinder sieht gar nichts«, ergänzte Larry Merx, der unbemerkt hinzugetreten war und die letzten Worte gehört hatte.

»Deine Auftritte sitzen«, kommentierte Martin launig. Er stellte seinen Freund vor. »Wir können ruhig über alles reden«, sagte er, »ich hab’ mit Brenda ein Abkommen getroffen, daß –«

»Ich weiß«, versetzte der FBI-Spezialist knapp. »Miß Fairday hat gestern ein Angebot ihres Verlegers abgelehnt, eine Reportage über Flugzeug-Entführungen zu schreiben.«

»Sie sind wohl allwissend«, stellte Brenda fest.

»Nur vorsichtig«, antwortete Larry bescheiden.

»Wir haben Tony Forthman gefunden. Deinen früheren Lieblingsschüler. Ganz schön abgerutscht, der Mann. Hascht, säuft, treibt sich mit Gangstern herum.«

Martins gute Laune trübte sich.

»Das ist leider noch nicht alles. Er erteilt Verbrechern theoretischen Flugunterricht. Bei einer heimlichen Hausdurchsuchung haben wir eine komplette Passagier-Liste gefunden.« Larry ließ Martin Zeit, diese Nachrichten zu verarbeiten. Dann fuhr er fort: »Du mußt mir helfen. Ich bin überzeugt, daß der Weg zu den Banditen über Tony Forthman führt. Natürlich könnte ich mir den Burschen greifen und in die Zange nehmen. Aber dabei kommt kaum etwas heraus, davon ganz abgesehen, daß die Hintermänner vorzeitig gewarnt werden.«

Der Ober brachte die Speisekarte. Der FBI-Experte winkte ab. »Man müßte versuchen, privat an ihn heranzukommen. Gibt es jemand bei dir, mit dem sich dieser Tony angefreundet hat?«

»Angefreundet ist zuviel«, antwortete Martin. »Er war einige Zeit hinter Peggy her, wie ein Hund hinter dem falschen Hasen. Sie ist unsere Chefstewardeß«, erläuterte er, »und soeben mit mir vom Frankfurt-Trip zurückgekommen. Ein modernes Mädchen. Sehr selbständig. Macht gerade ihren Blindflugschein als Sportpilotin, als ob die Abenteuer auf ihren Langstreckenflügen nicht ausreichen würden –« Mitten im Satz brach er ab, begriff, daß er schon zuviel gesagt hatte. Er verstand nicht viel von Larrys Job, aber er befürchtete zu Recht, daß der Freund Peggy als Köder mißbrauchen könnte.

»Weiter«, bat Larry.

»Was willst du eigentlich von dem Mädchen?«

»Ich möchte vielleicht mit Peggys Hilfe versuchen, eine Katastrophe zu vermeiden.«

»Sie ist mit einem unserer Ingenieure verlobt«, erwiderte der Chefpilot. »Eigentlich sollte sie längst verheiratet sein. Sie konnte sich nur nicht von ihrem Beruf trennen und –«

»Wir werden sie fragen«, unterbrach ihn Larry. »Es soll ihre freie Entscheidung sein.«

»Freie Entscheidung ist gut«, versetzte Martin gereizt. »Die Antwort kann ich dir jetzt schon sagen –«

»Dann ist Peggy die Richtige«, entgegnete Larry.

10

Das Lokal am Broadway war so heruntergekommen wie seine Gäste. Nebenan versprach die müde Leuchtschrift eines abgewrackten Premierentheaters den ›garantiert dreckigsten Film des Jahres‹. Vor der Kaschemme lungerten zwielichtige Typen herum. An der Theke saßen Hascher und Dealer, Nutten, Säufer und Knastbrüder.

Es war keine Kneipe, in die ein junges, hübsches Mädchen allein gehen sollte, und Peggy mußte mit sich kämpfen, nicht wieder umzukehren.

Alle starrten sie an. Die Gespräche an der Bar rissen ab. Tony Forthman erkannte sie sofort. Seine Augen wurden rund wie Dollar-Stücke.

»Peggy«, rief er und kam ihr entgegen. »Du hier?« Er schob ihr einen Hocker zu. »Ich weiß schon alles. Die Jet-Air hat dich gefeuert. Wegen 60 Gramm Hasch.« Er winkte den Keeper heran. »Lächerlich!«

Gerüchte kursierten unter den Angestellten der Fluglinie oft noch schneller als die Jets flogen. So hatte es sich auch rasch verbreiten lassen, daß die Stewardeß bei der Zollkontrolle mit Rauschgift gefaßt worden war. Jeder, der mit dem Kennedy-Airport zu tun hatte, wußte bereits 24 Stunden später davon. Die blonde Deutsche aus München war von der Polizei einen Tag eingesperrt und von einem gerissenen Anwalt gegen Kaution vorläufig freigeboxt worden.

»Ich hab’ auch ’ne Stinkwut auf die Jet-Air im Leib«, sagte Tony.

»Na, ja«, schränkte Peggy ein: »Man soll sich eben nicht erwischen lassen.«

»Dann stell’ mich mal deiner Braut vor«, sagte ein Mann mit einer Igel-Frisur, der er seinen Spitznamen verdankte.

»Mein Freund Riccio«, präsentierte der Ex-Pilot den einzigen Überlebenden der alten Dossola-Bande. »Der Stolz der Unterwelt.«

Der wirkte wendig und windig. Er hatte die Augen und die Ohren offen, vielleicht ein wenig zu deutlich, und so erkannte Peggy Larrys V-Mann sofort.

»Und das ist Johnny«, stellte Tony einen zweiten Unterweltler vor, der ihn zu bewachen schien …«

»Peggy ist,’ne alte Freundin von mir.« Er raunte Johnny zu: »Mensch, die fehlt uns noch. Genau was wir brauchen.«

Dann wandte er sich wieder an die Stewardeß: »Wie geht’s deinem Verlobten?«

»Auch geplatzt«, versetzte das Mädchen und griff nach dem Whisky-Glas.

Sie saßen lange, und sie tranken viel.

»Wie wär’s mit ’nem kleinen Stellungswechsel?« fragte Tony.

»Aber nicht auf deine Bude.«

»Ich werd’ doch nicht mit der Tür ins Haus fallen«, schäkerte Tony. »Außerdem wohne ich im Hotel.« Er lallte schon ein wenig. »Da sind übrigens noch Zimmer frei.«

»Darüber ließe sich reden«, antwortete Peggy gedehnt. Sie spielte ihre Rolle vorzüglich.

Bis sie sich einig wurden, war es zwei Uhr früh. Lärmend verließen sie die Kneipe. Tony, Peggy, Johnny, Riccio. Und im kurzen Abstand zwei Unbekannte der Bundespolizei.

Riccio war als erster auf der Straße. Plötzlich raste ein Wagen mit aufgeblendeten Scheinwerfern in wahnwitziger Geschwindigkeit auf ihn zu. Geblendet versuchte er auszuweichen, aber der Wagen erfaßte ihn. Riccio wurde auf den Kühler genommen und gegen eine Hauswand geschleudert.

Ohne Licht raste der Wagen mit Vollgas weiter.

Als der Ambulanzwagen eintraf, war Riccio bereits tot. Unfall mit Fahrerflucht stand im Protokoll.

11

In diesem Jahr wurden allein auf der Nordatlantik-Route mehr als fünfzehn Millionen Passagiere erwartet, und der Massenansturm auf die Jet-Riesen hatte schon ungewöhnlich früh eingesetzt. Die Urlauber wollten die verbilligten Preise der Vorsaison nutzen. Diese stürmische Entwicklung brachte den Fluglinien volle Kassen und dem FBI-Mann Larry Merx ein kaum mehr zu bewältigendes Arbeitspensum.

Daß sein V-Mann Riccio durch einen Unfall ums Leben gekommen war, bevor er präzise Hinweise über die wiedererstandene Dossola-Gang geben konnte, betrachtete Larry als Mord, auch wenn er es nicht beweisen konnte. Der ›Igel‹ war zu unvorsichtig gewesen, und nun bangte der FBI-Spezialist um Peggy, seine letzte Trumpfkarte. Sie war in das drittklassige Hotel umgezogen, in dem Tony Forthman wohnte, aber ihre Situation wurde jeden Tag schwieriger, da sie sich, ohne Verdacht zu erregen, den Nachstellungen des verkrachten Piloten kaum mehr entziehen konnte. Sie hatte Larry die Nachricht zugespielt, daß der Mann tatsächlich beabsichtigte, im Auftrag einer Gangsterbande ein Passagier-Flugzeug zu entführen.

Aber wann? Und wo?

Der Anschlag konnte überall und zu jeder Zeit verübt werden. Womöglich war die Bedrohung der Jet-Air nur ein Ablenkungsmanöver, und das Attentat galt einer anderen Linie. In dieser trüben Lage gab es nur einen Lichtblick: Solange sich Forthman noch in New York aufhielt, blieb eine Galgenfrist.

Bald schon – und doch zu spät – erfuhr Larry, daß er einen verhängnisvollen Trugschluß gezogen hatte. Weil ein fantastischer Gangster-Plan jegliche Vorstellung überforderte.

Natürlich waren die Kontrollen bei der Abfertigung der Passagiere auf ein Höchstmaß verstärkt worden. Der zeitraubende Aufwand schien sich zu lohnen, denn immerhin hatte die Jet-Air seit Beginn dieser Sondermaßnahmen alle ihre Fluggäste sicher ans Ziel gebracht – und das waren Hunderttausende; täglich ungefähr 40000, die Bevölkerung einer mittleren Stadt.

Allein diese Zahl zeigte den FBI-Leuten ihre Grenzen. So sehr sie sich auch anstrengten, das Einschmuggeln von Pistolen, Handgranaten oder gar Bomben zu verhindern, diese Blockade blieb praktisch nur Stückwerk, konnte nie lückenlos sein. Die Polizei und die Zollbeamten durften keine Panik unter den Passagieren hervorrufen, keine stundenlangen Verspätungen verschulden. Sie durften nicht alle Passagiere in die kleinen Nebenräume bitten, um sie nackt zu durchsuchen – bei früheren Flugzeugentführungen hatten die Täter Waffen im intimen Bereich versteckt.

Der Jet-Air-Flug 111 von New York nach Frankfurt war schon vier Tage vor dem Start ausgebucht. 41 weitere Anwärter standen auf der Warteliste. Eigentlich war es das gleiche Bild wie bei allen Abflügen, nur die Bordgesellschaft des Jumbo ›Happy Day‹ war diesmal illustrer. Unter den Passagieren würde sich fast der ganze Vorstand der Fluglinie befinden, der auch zur Aktionärs-Hauptversammlung nach Frankfurt mußte. Der Chefpilot Nobis nutzte diese Gelegenheit, den Riesenvogel selbst zu lenken. Brenda würde ihn begleiten, und sie planten, den Europa-Flug als Hochzeitsreise fortzusetzen.

Auf der Passagierliste standen weiterhin: hohe kirchliche Würdenträger aller Konfessionen, auf der Rückreise von einem Bibel-Kongreß in New York, ein französischer Modeschöpfer mit vier Top-Mannequins, drei US-Senatoren und bekannte Industrielle aus fast allen europäischen Ländern, die in den Staaten zu Handelsgesprächen zusammengekommen waren.

Im letzten Moment schaltete sich auch noch das State-Department mit einem sehr heiklen Wunsch ein: Ein bekannter Atomwissenschaftler hatte sich im letzten Moment entschlossen, an einer Nuklear-Tagung in Wien teilzunehmen. Der Mann war eitel und wollte ein wenig gefeiert werden. Da er ein Geheimnisträger ersten Ranges war, bat die US-Regierung ihre Bundespolizei, dem Mann einen unauffälligen Reisebegleiter mitzugeben.

Unter normalen Umständen hätte sich Larry Merx einem solchen Vorschlag erbittert widersetzt, da die FBI-Tätigkeit grundsätzlich auf amerikanisches Territorium beschränkt ist. Aber in diesem Fall war er erleichtert, daß er seinen Assistenten Mike Blower als bewaffneten Privatmann in den Jumbo schmuggeln konnte.

Der Start war für 7 Uhr 59 angesetzt, und das bedeutete, daß sich die Passagiere wegen der verschärften Kontrollen mindestens eine Stunde früher auf dem Kennedy-Airport einzufinden hatten. Eine gemischte Gesellschaft: Prominente neben Namenlosen, viele Mütter mit Kindern.

Die Kleinen boten den Polizeibeamten am wenigsten Probleme. Auch die Senatoren durften die Sperre ohne Kontrolle passieren. Eine weitere Erleichterung stellten auch die Stammgäste der Jet-Air dar, Leute wie zum Beispiel Bob S. Greenhill, ein bekannter Finanzier, der sich ein Haus an der Sutton-Place leisten konnte. Als Abzeichen seiner beruflichen Tüchtigkeit führte er stets ein kleines Diktiergerät bei sich. Die Bedenken gegen ihn waren weniger polizeilicher als gesundheitlicher Art: Man wußte, daß der Mann herzkrank war und Höhenflüge schlecht vertrug. Die meisten Reisenden merkten nicht, daß sie elektronisch nach Waffen abgetastet wurden. Trugen sie Metall am Körper, gab das Spezialgerät Warnsignale. Seit die Luftpiraten dazu übergegangen waren, Plastikwaffen zu verwenden, konnten freilich diese unsichtbaren Argusaugen versagen.

Der Mann, der jetzt die Sperre passierte, war hager, hatte kleine Hechtaugen und eine fast dolchartige Nase. Automatisch verglichen zwei Polizeibeamte sein Gesicht mit dem Foto des untergetauchten Gangsters Dossola. Keine Ähnlichkeit. Der Passagier zeigte einen brandneuen Diplomatenpaß vor, der ihn als Henry Smith auswies.

»Gott, ist der häßlich«, raunte ein Beamter seinem Kollegen zu. »Dachte immer, die verwenden bei unseren Botschaften nur so geschliffene Burschen wie Rock Hudson.«

Um 7 Uhr 45 war der Jumbo ›Happy Day‹ voll besetzt. Die Stewardessen kümmerten sich um die Passagiere und schufen sofort eine behagliche Atmosphäre. Nur Bob S. Greenhill beachtete die hübschen Mädchen nicht. Um seine Nerven zu bekämpfen, zählte er sie. Es waren 13 – die Unglückszahl.

»Ladys und Gentleman«, sprach eine Stewardeß in das Mikrofon: »Im Namen unseres Flugkapitäns Nobis und seiner Crew darf ich Sie begrüßen und Ihnen einen angenehmen Flug wünschen.«

Es hörte sich an, als käme die Stimme vom Tonband, aber das hätte sich die Jet-Air so wenig erlaubt, wie Speisen aus der Konservendose, es sei denn, ein Häppchen Kaviar – jährlich insgesamt vier Tonnen.

Zu dieser frühen Stunde ging es am Himmel bereits lebhaft zu. Der letzte Mittwoch des Monats Mai versprach, ein Rekordtag für den Luftverkehr zu werden. Und in den Zeitungen, die von den flotten Stewardessen des Jumbos ›Happy Day‹ angeboten wurden, konnten die Passagiere lesen, daß dank der strikten Sicherheitsmaßnahmen die Zahl der Flugzeugentführungen zurückgegangen war.

Die Boeing 747 startete auf die Minute pünktlich um 7 Uhr 59 in New York. Ausgebucht bis auf den letzten Platz. Beladen bis an die Grenze des zulässigen Höchstgewichts. Der Jumbo, Spezialanfertigung für die Jet-Air-Intercontinental, mußte erst viele Tonnen Treibstoff durch die Düsentriebwerke jagen, bevor er auf 12000 Meter Höhe kam. Dann schwenkte er auf die vorgeschriebene Luftstraße ein und nahm Kurs auf Frankfurt. Jim, der Erste Offizier, gab die Position an die Bodenstation durch. Er trug ein Sonntags-Gesicht, denn für ihn sollte dieser Flug ein letzter Test vor seiner Ernennung zum Captain sein.

Um zehn Uhr war die Welt am Himmel noch in Ordnung. Keine Verspätung. Kein Unfall. Keine Panne. Und schon gar kein Alarmruf. Chefpilot Nobis hatte seine Armbanduhr bereits auf Mitteleuropäische Zeit umgestellt; sie zeigte 16 Uhr an, und das hieß, daß er gegen 21 Uhr in der Main-Metropole landen würde.

In fünf Stunden. Mutschka würde ihn abholen. Wie immer. Aber zum erstenmal war er nicht allein. Und diesmal würde es eine für ihn entscheidende Begegnung werden; eine Zwischenlandung, die vermutlich eine Art Endstation für Martin bedeutete. Würden sich Brenda, seine zukünftige Frau, und die alte Dame vertragen? Immer wieder probte er in Gedanken das Zusammentreffen, das sicher nicht so unproblematisch verlaufen würde, wie dieser Jet-Air-Flug 111.

Nach zwei Stunden Flugzeit erhob sich der Diplomat Smith von einem Sessel in der Ersten-Klasse-Kabine und stieg über die Wendeltreppe nach oben in die Lounge. Er nahm an der Bar einen Drink, rauchte eine Zigarette und nickte einem anderen Passagier zu wie einem flüchtigen Bekannten.

Smith, alias Dossola, sah auf die Uhr.

Er wartete noch zwei Minuten.

Dann erhob er sich und ging auf die Cockpit-Tür zu. Mit diesen Schritten wurden die Insassen des Jumbo einem ungewissen Schicksal ausgeliefert. Aus einer simplen Atlantik-Überquerung, auf acht Stunden programmiert, sollte ein Flug in die Hölle werden.

An der Art, wie die Cockpit-Tür aufgerissen wurde, erkannte der Flugkapitän, daß es Scherereien geben würde.

»Guten Morgen, meine Herren«, sagte der Eindringling mit italo-amerikanischem Akzent.

Martin drehte sich unwillig um.

Schon im ersten Moment witterte er die Kälte, die von diesem verpfuschtem Typ ausging.

»Wer sind Sie?« fuhr er ihn an. »Und was haben Sie hier zu suchen?«

»Ich heiße Smith«, erwiderte der Unbekannte und schloß behutsam die Cockpit-Tür hinter sich. »Henry Smith. Ich möchte Sie bitten, mich vorübergehend als Ihren Chef zu betrachten.«

Er sprach wie ein Schurke, der einen Gentleman spielt; er hatte kleine, fischige Augen, schmale, blutleere Lippen, eine stark vorspringende Nase wie eine Messerspitze und Schnittnarben hinter beiden Ohren. Um sie zu bemerken, mußte man schon genau hinsehen, und dazu würde Martin künftig reichlich Gelegenheit haben.

»Entführung?« fragte er.

»Sie begreifen rasch«, erwiderte der Luftpirat. Der Mann war unbewaffnet, und Martin mußte seinen Co-Piloten Jim mit den Augen bremsen, sich nicht auf den Kidnapper zu stürzen.

Die Stunde X. Nicht unerwartet, doch überraschend. Sie hatten sie hundertmal am grünen Tisch erörtert und noch öfter im Sandkasten durchgespielt. Grundsätzlich stellte der Chefpilot Nobis seinen Flugkapitänen frei, das Cockpit während des Fluges zu verschließen; er selbst hielt nichts davon, denn eine Pistole, an die Schläfe einer Stewardeß oder einer anderen Geisel gesetzt, würde zwangsläufig die Tür aufsprengen. Die meisten Flugkapitäne schlossen sich freiwillig der Auffassung ihres Chefpiloten an, aber alle Meinungen waren bislang bloße Theorie geblieben. Nun begann die Praxis bereits mit der Frage, warum dieser sicherdreiste Halunke keine Waffe im Anschlag hielt.

»Ich muß Ihnen mitteilen, daß Sie bis auf weiteres die Toilette am Oberdeck nicht mehr benutzen können«, sagte der Luftpirat. Er lächelte schief; sein Mund wurde krumm wie ein Kleiderbügel. »Wir haben an diesem Örtchen eine Bombe eingebaut und können sie jederzeit auch aus der Ferne zünden … Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, wird Ihnen Ihre Bodenstation gleich das Modell unserer recht witzigen Höllenmaschine erläutern. Wir lassen gerade in Ihrem New Yorker Hauptquartier den Plan hinterlegen, und …«

»Was heißt wir?« erwiderte Martin gereizt. »Wie viele Entführer haben sich hier eigentlich eingeschlichen?«

»Fragen stelle ich«, erwiderte Mr. Smith. »Es sind zum Beispiel 73 Mütter mit 107 Kindern an Bord. Außerdem ein Kardinal, sechs Bischöfe, ein Oberrabbiner und zwei Patriarchen. Dazu tragen Sie als Kapitän die Verantwortung für drei US-Senatoren und mehrere bekannte Wissenschaftler. Glücklicherweise sind auch Herren Ihres Vorstands auf dem Weg zur Hauptversammlung an Bord; sogar Mr. Lovestone, Ihr Präsident. Außerdem eine ganze Reihe prominenter Wirtschaftsführer und natürlich auch Brenda Fairday, Ihre Verlobte, und …«

Der Mann kannte die Passagierliste besser als der Flugkapitän, und Martin erfaßte, daß er es weder mit einem Verrückten oder einem Amokläufer noch mit einem Einzeltäter zu tun hatte, sondern daß eine ganze Bande nach raffiniertem Plan vorging.

Seine Gefühle mußte er ausschalten; er hatte sich ausschließlich auf die Sicherheit der Passagiere einzustellen.

»Ich will unser Verhältnis nicht unnötig belasten«, fuhr der Gangster in seinem zynisch-höflichen Ton fort, »aber wir würden nicht zögern, diesen Jumbo in die Luft zu sprengen, falls Sie sich unseren Wünschen ernsthaft widersetzen sollten.«

»Was wollen Sie eigentlich, Sie Selbstmörder?«

»Das erfahren Sie gleich«, erwiderte Henry Smith. »Ich möchte nur, daß Sie von vornherein Ihre Situation richtig sehen. Entweder sind Sie schon bald wieder ein freier Mann – oder …«, er sprach betont nebensächlich, »vielleicht aber auch schon in zwei Minuten tot.«

»Sie aber auch«, zischte ihn Martin an.

»Wir haben nichts zu verlieren«, entgegnete der Pirat gelassen, »aber Millionen zu verdienen.«

»Ich beuge mich der Gewalt, so lange Sie nicht verlangen, daß ich die Flugbestimmungen verletze. Verstehen Sie denn überhaupt etwas von der Fliegerei?«

»Natürlich nicht soviel wie Sie«, sagte der Entführer, »aber genug, daß Sie mich nicht hinters Licht führen können.« Ein schräges Lächeln kroch langsam über sein Gesicht, von links nach rechts. »Im übrigen haben wir wohl ein gemeinsames Interesse am Überleben, nicht?«

»Zur Sache«, versetzte Martin Nobis. »Kann ich die Bombe sehen?«

»Das nicht«, sagte Smith. »Aber ich zeige Ihnen etwas anderes.« Er öffnete die Cockpit-Tür und winkte einen Komplizen herbei, der an der Bar saß: »Nun zeig mal den Herren deine Artillerie, Sandy!«

Der Mann schob sich heran, öffnete grinsend seine Jacke, präsentierte stolz eine Maschinenpistole. Chefpilot Nobis verwünschte die Magnetschranken bei der Abfertigungkontrolle, die auf Reißverschlüsse, Herzschrittmacher, Zahnprothesen, Sprungdeckeluhren, Stahlnägel in Hüftgelenken und auf Drahtbügel in den Büstenhaltern ansprechen, aber eine ganze Kollektion von Plastikwaffen passieren lassen.

»Ich glaube nicht, daß du dazu kommst, an Bord Schießübungen zu veranstalten, Sandy«, sagte der Anführer und gab seinem Gorilla einen Wink, Wache zu halten.

»Das ist nur einer meiner Leute«, erläuterte der Entführer, »keineswegs der einzige.« Er lächelte und entblößte dabei seine Zähne. »Falls Sie sich langweilen sollten, können Sie sich mit dem Rätsel befassen, wie viele von uns wirklich an Bord sind.« Er sprach, als leierte er einen fremden Text herunter. »Zunächst einmal stellen Sie den Sprechverkehr auf Lautsprecherbetrieb um«, befahl er. »Ich bin neugierig.« Er klappte den Stuhl neben dem Bordingenieur auf, setzte sich, betrachtete die Instrumente, sah auf seine Armbanduhr. »In etwa fünf Minuten werden Sie den Notruf für Entführung ausstrahlen und gleichzeitig Ihren Passagieren mitteilen, daß sie sich in unserer Gewalt befinden.«

Jack Dossola schlug seine Beine lässig übereinander und zündete sich eine Zigarette an. »Zur Beruhigung werde ich selbst ein paar Worte mit den Leuten sprechen. Zuvor aber möchte ich noch mit Ihrem Präsidenten über ein paar geschäftliche Dinge verhandeln.« Er wandte sich an den Co-Piloten. »Erheben Sie sich, junger Mann!«

Martin sah seinen Ersten Offizier scharf an, weil Jim dem arroganten Erpresser an die Kehle fahren wollte.

»Sie bitten Mr. Lovestone zu uns. Nur ihn. Und kein Wort von der Sache. Sandy wird Sie begleiten.« Er öffnete die Tür, winkte seinen Leibwächter heran: »Paß auf«, befahl er und deutete auf den Co-Piloten, »daß unser Freund keine Dummheiten macht. Andernfalls legst du ihn einfach um.«

Auf einmal hatte er seine eigene Sprache wiedergefunden.

12

Brenda Fairday war die einzige Frau unter den Erste-Klasse-Passagieren, aber sie hätte die Blicke der Mitreisenden auch auf sich gezogen, wenn die Auswahl größer gewesen wäre. Ein paar Autogrammjäger hatten sich aus der Touristenklasse zu ihr durchgekämpft; und während die bekannte Publizistin ihnen den Wunsch erfüllte, überlegte sie, ob ihre Leser sie auch mit dieser lästigen Aufmerksamkeit verfolgen würden, wenn sie künftig eine schlichte Frau Nobis wäre.

Sie konnte mit ihrem Aussehen zufrieden sein, obwohl sie im Spiegel eine strenge Kritikerin war. Als Frau hatte sie bislang ihre äußeren Vorzüge als einen Glücksfall gewertet, ohne sie zu überschätzen. Sie war einfach glücklich, dem Mann ihrer Wahl zu gefallen. Alles hatte sich geändert, und es gab endlich keinen Aufschub mehr. Dabei war ihr erster Anlauf vor zwei Jahren mit Martin verunglückt. Sie war in den Sog der Sehnsucht geraten und ein wenig verwundert darüber, daß man erst 30 Jahre alt werden mußte, um diesem Aufstand der Gefühle zu verfallen.

Neben Brenda saß Mike Blower. Nur sie und die Offiziere im Cockpit wußten, daß dieses Dutzendgesicht nicht ein farbloser Geschäftsmann aus Boston, sondern ein FBI-Agent war. Hinter ihm Professor Hammersmith, der berühmte Atomwissenschaftler, der gar nicht bemerkte, daß er bewacht wurde, und in der Reihe vor Brenda bereitete Mr. Lovestone die Begrüßungs-Ansprache an seine deutschen Aktionäre vor.

Es kam kaum ein Gespräch auf. Die Stimmung war flau, fast schläfrig. Brenda schreckte hoch, als Mike den Co-Piloten sah.

»Wie schaut denn der aus?« sagte er und lachte. »Schon komisch, wenn ein Pilot luftkrank wird, was?«

Jim stand auf der Wendeltreppe, hinter ihm ein anderer Passagier. Brenda erfaßte sofort, daß der Mann im Fliegerblau verstört war und der FBI-Mann sie mit seinem dummen Witz darauf aufmerksam machen wollte. Jim hielt sich krampfhaft am Geländer fest, ging wie geschoben. Er sah aus wie ein Mann, der im Schock Fahrerflucht verübt hatte und von einem Kripo-Beamten abgeführt wurde.

Mike Blower setzte ein schläfriges Gesicht auf, gähnte und beugte sich nach vorn, wo Mr. Lovestone saß.

Jim winkte dem Präsidenten mit den Augen.

»Mr. Lovestone«, sagte er halblaut.

Der Präsident sah unwillig von seinen Notizen auf.

»Was ist denn los?« fragte Mr. Jet-Air abweisend.

»We are hijacked«, raunte Jim ihm zu.

Mr. Lovestone verlor seine gesunde Gesichtsfarbe. Er stand zögernd auf. Er wirkte einen Moment lang wie gelähmt, obwohl er noch nicht begriffen hatte, daß er seine Ansprache morgen nicht halten konnte.

Sie gingen über die Wendeltreppe nach oben. Zu dritt.

»Augen auf, Mund zu«, raunte der FBI-Mann Brenda zu. »Wir sind gekidnappt.« Laut und aufdringlich fragte er: »Darf ich Sie zu einem Drink einladen, Miß Fairday?« Er dienerte linkisch. »Oben im Salon.«

»Nur Orangensaft«, zögerte Brenda und ging dann voraus.

Ohne zu fragen, hatte der FBI-Mann sie zu seiner Gehilfin ernannt. Er verstand sein Handwerk, auch ein Profi, aber auf der gesetzlichen Seite. Mit einer Pistole bewaffnet. Ausgerüstet mit einem Mini-Mikrofon und einer Mini-Kamera. Außerdem munitioniert mit 15 harten Dienstjahren bei der US-Bundespolizei. Seine Geheimwaffe: Keiner kannte ihn –zumindest kein Passagier – und auch kein Gangster, der sich für einen Passagier ausgab.

Brenda setzte sich an die Bar. Sie sah dem Co-Piloten und Mr. Lovestone nach, die im Cockpit verschwanden, und wandte sich einem alten Bekannten, Mr. Greenhill zu. »Die haben wohl heute den Tag der offenen Tür«, fragte sie verwundert.

»Entschuldigen Sie mich einen Moment, Miß Fairday«, sagte Mike und näherte sich hastig dem WC vor dem Cockpit.

»Das ist leider gesperrt«, fing ihn der Passagier, der den Co-Piloten bewacht hatte, ab.

»Warum?«

»Weiß ich auch nicht«, brummte Sandy. »Aber es gibt ja noch genug andere.«

Verstohlen sah er zur Cockpit-Tür; er wartete ungeduldig darauf, daß der Zauber endlich losginge und er seine MP nicht mehr unter der Jacke zu verstecken brauchte. Sein Unwillen lenkte ihn ab; für ein, zwei Sekunden nur – aber Mike hatte inzwischen sein Bild mit der unsichtbaren Kamera geschossen.

Der Bordlautsprecher räusperte sich: »Hier spricht der Captain«, sagte Martin in das Mikrofon. Seine Stimme hatte es schwer, sich gegen Gespräche, Geräusche und die Filmvorführung durchzusetzen. »Ladys und Gentlemen« ,begann er von neuem, »ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, daß einige Herren an Bord sind, die andere Ansichten über unser Reiseziel haben.«

Es wurde still, obwohl die meisten die Tragweite dieser Worte noch nicht erkannt hatten. Nur die Kinder tobten weiter in den Gängen, aber die Stewardessen hatten andere Sorgen, als sie auf ihre Plätze zu zwingen.

»Diese Leute haben eine Höllenmaschine in der Maschine versteckt. Im Interesse Ihrer Sicherheit muß ich mich ihren Forderungen fügen«, fuhr der Chefpilot fort. »Ich bitte Sie, Ruhe zu bewahren und alle unbesonnenen Handlungen zu unterlassen.« Seine gelassene Stimme klang müde, als er hinzufügte: »Der Anführer dieser Leute wird Ihnen seine weiteren Pläne selbst erläutern.«

Es war still, bis auf ein Kinderlachen und ein halblautes Gebet, das einer der Bischöfe sprach. Doch keiner hörte zu, obwohl viele gläubige Christen in der Maschine waren.

»Schick, Mädchen!« fistelte der Pariser Modeschöpfer. »Das gibt ′ne Reklame!«

»Hoffentlich haben wir noch etwas davon«, maulte eines seiner Modelle.

Dann kam wieder eine Welle der Stille. Jetzt hatten auch die letzten begriffen, daß sie in der Falle saßen. Wie immer in Krisensituationen, erwiesen sich zunächst die Frauen als das starke Geschlecht.

Laute wurden leiser und verstummten ganz. Schwätzer entwickelten sich zu Schweigern. Bereits nach der ersten Durchsage zeigten sich Ansätze, die eine Zufallsgemeinschaft bis an die äußerste Grenzsituation treiben sollte. In ein Wechselspiel von Angst und Mut, von Hitze und Kälte, von Egoismus und Selbstlosigkeit, von Erbärmlichkeit und menschlicher Größe.

Der Atomwissenschaftler blieb weiterhin der Typ des zerstreuten Professors, und am meisten Angst zeigte der Oberrabbiner, der an arabische Terroristen glaubte und als einziger erleichtert war, zu erfahren, daß er sich nur in der Hand hartgesottener amerikanischer Gangster befand.

Ihr Anführer bezog in der Lounge sein Hauptquartier. Sandy hatte die Waffe im Anschlag und trieb Brenda, Mr. Greenhill und Mike Blower nach unten.

»Ich heiße Henry Smith«, stellte sich der Verbrecher vor. »Und ich bin Ihr neuer Reiseleiter. Wenn Sie sich ruhig verhalten, passiert Ihnen nichts. Wir sind keine Unmenschen. Uns kommt es nicht aufs Blutvergießen an, sondern aufs Geldverdienen.«

Der italienische Akzent war für den FBI-Mann unüberhörbar und das Rachen-R ganz deutlich. Also Jack Dossola, sagte sich Mike Blower. Vielleicht der meistgesuchte Gangster unserer Zeit, passierte unentdeckt alle Kontrollen, und auch sein Steckbrief, der an jeder Ecke hängt, konnte ihn nicht aufhalten. Also hatte sich der Verbrecher ein zweites Gesicht Gesicht schneidern lassen, das keinerlei Ähnlichkeit mit seinem Fahndungsfoto aufwies.

Die Gelegenheit war günstig.

Lautlos arbeitete die Kamera.

Die neue Visage des Gangsterführers war im Kasten. Es fragte sich nur, wie man den Film aus 12000 Meter Höhe und 3000 Meilen Entfernung der US-Polizei zuspielte.

Ausgerechnet der schmächtige Mr. Greenhill stellte sich dem Gangsterboß in den Weg: »Ich habe eine Geschäftsbesprechung«, zeterte der angesehene Mann von der Sutton Place. »Ich muß heute abend in Frankfurt sein.«

»Schlagen Sie sich das aus dem Kopf«, erwiderte Dossola gleichgültig.

»Sie Lump!« schrie der Geschäftsmann. »Sie Verbrecher!«

Der Mann mit der Dolchnase stieß den Passagier grob auf seinen Sessel zurück.

»Überlegen Sie sich künftig besser, was Sie sagen«, entgegnete er. »Ich kann Ihnen jetzt schon garantieren, daß Sie der Letzte sein werden, den wir laufenlassen – falls Sie sich ab jetzt gut führen.«

»Und ich verspreche Ihnen«, versetzte Mr. Greenhill, »daß Sie für diese Frechheit fünf Jahre Sing-Sing extra bekommen.«

Keiner mischte sich in den Streit. Es war 10 Uhr 16 New Yorker Zeit, und Captain Nobis bereitete den Code 3100 vor. Es war der internationale Notruf bei Entführungen.

Auf dem Radarschirm würde der Jumbo ›Happy Day‹ als ein blinkender Punkt erscheinen und der Bodenstation die Hölle am Himmel signalisieren.

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9788711727027
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