Читать книгу: «Mörderisches Bamberg»
Werner Rosenzweig
MÖRDERISCHES BAMBERG
EIN FRANKEN-KRIMI
Volk Verlag München
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ISBN 978-3-86222-367-1
www.volkverlag.de
Inhalt
Prolog – Johanna
Ein knappes Jahr später
Pressekonferenz
Die Villa
Café am Dom
Orientierungslos
Überfordert
Wer nicht wagt …
Zusammenarbeit
Überstunden
Santi-Figli-di-Dio
Widerspruch
Du sollst nicht lügen
Mafia
Informationsaustausch
Ertappt
Tonis Liste
Wie alles begann
Grenzkontrolle
Zusammenfassung
Erstkontakt
Der ehemalige Domspatz
Das dritte Opfer
Heilloses Durcheinander
Der rätselhafte Hausverwalter
Gefragt – gesagt
Die Sonnleitners
Wer einmal lügt …
Beim Schneiders Willi
Das Interview
Das Telefonat
Die erste Kolumne
Neuigkeiten
Neues aus der Presse
Neue Erkenntnisse
Am Hollergraben
Bei Max Müller
Ratloser Mafioso
Der frühe Vogel
Strategiebesprechung
Bürgerpark Hain
Verhaftung
Vernehmung
Die Wut des Diözesanrates
Unterwegs in Würzburg
Mafia und Vatikan
Reserls Rückkehr
Lignellis Vermächtnis
Lignellis Geständnis
Filmaufnahmen
Alibis
Di Rossis Geschichte
Die Postbotin
Gottesdienst
Warum?
Ehrlich gesagt
Danksagung
Prolog – Johanna
Johanna, die Tochter von Max und Irmgard Sonnleitner, sah schon von Kindesbeinen an immer blass und kränklich aus. Ihre feinen, hellen Gesichtszüge ähnelten denen einer Porzellanpuppe. Leicht zerbrechlich, fast durchscheinend. Auch ihr zarter Körperbau vermittelte stets den Eindruck von Anfälligkeit und Instabilität. Doch der erste äußere Eindruck konnte täuschen. Wenn sie wollte, konnte Johanna durchaus zäh und widerspenstig sein. Sie hatte ihren eigenen Kopf, wie man so schön sagt. Außerdem war sie in hohem Maße intelligent und wusste ihren Willen durchzusetzen.
Als sie fünf Jahre alt war, bemerkte das Kindergartenpersonal erstmals zentralnervöse Bewegungsstörungen an ihr. Der Körper des Mädchens verfiel ab und an in eigenartige Zuckungen, die Johanna offensichtlich nicht beeinflussen konnte. Ganz am Anfang dauerten sie nur wenige Sekunden. Im Laufe der Zeit kamen die Anfälle in immer kürzeren Zeitabständen und die wilden Zuckungen und Körperverrenkungen konnten bis zu einer halben Minute andauern. Hinzu kamen seltsame gutturale Laute, die sie von sich gab, die aber niemand verstand. In diesen Phasen hatte sie ihren Körper nicht mehr unter Kontrolle.
„Sie kann nichts dafür“, diagnostizierte ein Facharzt. „Ihre Tochter ist krank“, klärte er nach mehreren Untersuchungen die Eltern auf, „ich vermute bei ihr eine seltene Krankheit. Das sogenannte Tourette-Syndrom, eine nervliche Erkrankung genetischen Ursprungs. Neben den nervösen Zuckungen, den sogenannten Tics, kommt bei Ihrer Tochter aber noch eine weitere Begleiterscheinung hinzu. Eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, was man abgekürzt auch als ADHS bezeichnet.“
Max und Irmgard Sonnleitner waren geschockt, als sie den Erklärungen des Arztes lauschten.
„Was kann man dagegen tun?“, wollte Johannas Vater wissen.
„Ist die Krankheit heilbar?“, fiel ihre Mutter ein.
„Nun, auf jeden Fall müssen wir Ihre Tochter medikamentös behandeln“, riet der Arzt, „was aber nicht heißen muss, dass die Medikamente Heilung bringen. Sie können günstigenfalls bewirken, dass die Anfälle in längeren Zeitabständen, also weniger häufig und weniger heftig erfolgen. Ob Johanna je wieder gesund wird, kann ich heute noch nicht sagen, aber es gibt Hoffnung. Es gibt Fälle, bei denen die Krankheit nach der Pubertät so gut wie völlig abklingt beziehungsweise gänzlich verschwindet. Wie sich das bei Ihrer Tochter entwickeln wird, kann Ihnen heute niemand vorhersagen. Wichtig ist jedenfalls die Schule. Ich meine vor allem das Klassenumfeld und die Lehrerschaft. Sie wissen, Kinder können grausam sein. Einige könnten sich lustig machen über Johannas Krankheit. Wenn das passiert, müssen die Lehrer sofort einfühlsam einschreiten. Johanna darf kein Mobbing-Opfer werden, denn das könnte sich nur negativ auf den weiteren Krankheitsverlauf auswirken.“
„Warum gerade Johanna? Warum hat Gott ausgerechnet uns damit bestraft?“
Je älter ihre Tochter wurde, desto häufiger traten die Anfälle auf. Nebenwirkungen der Medikamente blieben nicht aus. Johanna wurde häufig schwindelig, ab und an konnte sie nur noch verschwommen sehen und sie klagte über Benommenheit.
Ihre Eltern litten mit ihr und entwickelten eigene Schuldgefühle. „Was für ein unerzogener Fratz“, mussten sie sich anhören, wenn sie mit Johanna im Eiscafé saßen und ihre Tochter mal wieder von einem ihrer Anfälle geplagt wurde. „Schlechte Angewohnheiten, versäumte Erziehung … Liegt wohl am Elternhaus … Wenn das mein Kind wäre …“
Die Sonnleitners hatten österreichische Wurzeln. Ihre Vorfahren kamen aus der Steiermark, ganz in der Nähe von Graz, und ihre nächsten Verwandten lebten immer noch in dieser Gegend. Vor zwei Jahren war die Familie von Österreich nach Strullendorf bei Bamberg umgezogen. Ausschließlich wegen der Krankheit ihrer Tochter.
Bei Johanna stand im Herbst der Wechsel von der Grundschule an ein Gymnasium an. Lange hatten sie im Internet recherchiert, welche Schule für ihre Tochter am besten geeignet wäre. Dann waren sie auf die Einrichtung der Santi-Figli-di-Dio in Bamberg gestoßen, deren Träger das Erzbistum Bamberg war. Diese Heiligen Kinder Gottes seien eine Laienorganisation der römisch-katholischen Kirche, die im Bereich der Seelsorge und der geistlichen Bildung von minderjährigen Kindern wirke, lernten sie, als sie sich lange genug mit der Website von Santi-Figli-di-Dio auseinandergesetzt hatten.
Die Sonnleitners waren besonnene Leute. Sie brachen nichts übers Knie und holten sich auch andernorts Rat zu der kirchlichen Laienorganisation ein. Sie sprachen mit den Zuständigen in den Diözesen Wien, St. Pölten und Linz.
„Wer sagt Ihnen denn, dass nicht der Teufel selbst die Krankheit über Ihre Tochter gebracht hat?“, meinte der Wiener Beauftragte des Befreiungsdienstes. „Glauben Sie mir, der Satan ist omnipräsent. Mit unseren Exorzismen haben wir nur gute Erfahrungen gemacht.“ Doch die Sonnleitners wollten nichts von Exorzismus hören. „Ich selbst bin auch ein Mitglied von Santi-Figli-di-Dio und kann Ihnen die Bamberger Schule nur wärmstens ans Herz legen“, fuhr der Geistliche fort. „Wenn Sie möchten, kann ich bei der örtlichen Organisation auch ein gutes Wort für Sie einlegen.“
„Unsere Erziehung und Bildung basiert auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes“, versicherte wenige Tage darauf der Schulleiter, Dr. Johannes Sieber, den Sonnleitners. „Wir sind ein Internat und können uns so rund um die Uhr und individuell um jeden einzelnen unserer Schüler kümmern. Sehen Sie, bei Santi-Figli-di-Dio handelt es sich um eine im Jahr 1963 von dem italienischen Bischof Angelo Marotti gegründete Laienorganisation der römisch-katholischen Kirche in Form einer Personalprälatur. Was heißt das? Eine Prälatur ist eine vom Zweiten Vatikanischen Konzil angeregte und eingeführte institutionelle Rechtsform der römisch-katholischen Kirche. Papst Paul VI. hat sich damals noch persönlich für deren Gründung eingesetzt. Santi-Figli-di-Dio soll sich in besonderem Maße seelsorgerisch und mit Bildungsauftrag um Kinder kümmern, die Probleme jeglicher Art haben. Natürlich stehen das Kirchliche und die Lehre der katholischen Kirche dabei auch mit im Vordergrund. Schließlich bezuschusst der Vatikan das Vorhaben.“ Dr. Sieber lächelte und breitete die Arme aus. „Wir sind quasi eine gottgewollte Bewegung zum Schutze Minderjähriger und ein Vorzeigeprojekt in ganz Europa, arbeiten aber ganz im Stillen, ohne große Selbstdarstellung. Falls gewünscht, ist unsere Einrichtung sogar während der offiziellen Schulferien für unsere Schüler offen. Wir bieten ununterbrochene Betreuung, auch Nachhilfe. Insbesondere für leistungsschwächere Jugendliche wird dieses Angebot seitens der Eltern gerne angenommen.“
Am ersten Schultag im Herbst stand Johanna Sonnleitner mit ihren Eltern pünktlich um viertel vor acht vor dem Gebäude der Santi-Figli-di-Dio-Schule. Ihr Vater hatte als Bilanzbuchhalter schnell einen Job bei einem ortsansässigen Steuerberater gefunden und ihre Mutter wollte erst abwarten, wie es Johanna in der neuen Schule gefiel, bevor sie sich um eine Halbtagsstelle, vielleicht als Kassiererin, umsehen würde. Alle hofften auf einen neuen, besseren Lebensabschnitt.
Doch es sollte ganz anders kommen.
Ein knappes Jahr später
Samstag, 26. August
Wieder so ein Tag, an dem Franziska Berger ihren Job hätte verfluchen können. Warum war sie auch so blöde gewesen, den Telefonanruf überhaupt entgegenzunehmen? Sie hätte es riechen müssen, als das Display ihres Mobiltelefons das Wort Unbekannt anzeigte. Als dann auch noch die näselnde Stimme ihres Leitenden Redakteurs Bernd Hühnertod wie aus einem Schleimbeutel in ihr rechtes Ohr kroch, war sie schon bedient.
Hühnertod! Sie mochte ihn nicht. Er hatte anscheinend von seinem privaten Festnetz aus angerufen. Ein klebriger Typ. Mitte 40, verheiratet, zwei Kinder und männlich attraktiv wie eine Schuhschachtel voller Kellerasseln. Doch das rüttelte in keinster Weise an seinem Selbstwertgefühl. Ständig versuchte er, einen seiner kurzen, speckigen Arme um seine weiblichen Mitarbeiterinnen zu legen, wenn er während gemeinsamer Besprechungen eine Chance dazu sah und es als opportun empfand. Widerlich. Vielleicht wollte er durch diese Gestik tatsächlich nur Teamgeist signalisieren, vielleicht auch nicht.
Dieser talgige Typ mit seiner blassen Haut und dem geschliffenen Hochdeutsch kam in der Redaktion nirgends gut an. Ein „Preuße“ aus Wolfenbüttel, was wollte der in Franken?
„Franziska, wir haben eine Leiche“, fiel er mit der Tür ins Haus, an diesem wunderschönen Samstagmorgen im August, „direkt vor deiner Haustür.“
Franziska verschluckte sich fast an ihrem Kaffee. Sie saß gerade an ihrem spärlichen Frühstück mit Toast und Bamberger Hörnla.
Wir haben eine Leiche! Sie spürte, wie ihr der blanke Zorn den Hals hochkroch, und spülte ihn schnell mit einem Schluck Tchibo Milde hinunter, denn die näselnde Stimme in ihrem Ohrn fuhr schon fort: „Franziska, dank meiner exzellenten Beziehungen zur hiesigen Polizeiinspektion erhielt ich eben einen Anruf. Im Linken Regnitzarm, direkt an der Schleuse 100, hat der Fluss einen Leichnam angespült. Ein Jogger hat die Polizei informiert. Angeblich soll es sich um ein Kind handeln. Vertreter der Spurensicherung sind auf dem Weg dorthin und die KTU der Kripo Bamberg schickt auch ihre Leute. Du wohnst ja quasi um die Ecke. Mach dich schnell auf die Socken. Am besten gleich. Und Franziska, ich brauche Fotos, jede Menge Fotos!“
Franziska Berger, Lokalredakteurin und ermittelnde Reporterin des Fränkischen Tags, wünschte ihrem Leitenden Redakteur insgeheim die Pest an den Hals. Dank meiner exzellenten Beziehungen … Angeber! Kein: „Ich weiß, es ist Samstag und es ist eigentlich dein freier Tag, aber könntest du bitte …“ Höflichkeit war diesem Typ fremd. Das Wort „Bitte“ fehlte in seinem Wortschatz völlig. Wieder ein Wochenende, das er ihr gerade vermieste.
Franziska hatte sich schon des Öfteren dabei ertappt, dass sie an ihn zusammen mit seiner Frau denken musste. Eine hochaufgeschossene Klapperdürre mit dem Charme einer Gottesanbeterin. Wie es die beiden wohl miteinander …? Igitt! Irgendwann musste die Interaktion jedenfalls erfolgreich gewesen sein, derweilen ein Junge und ein Mädchen aus dieser Verbindung hervorgegangen waren, die wie knöcherne Seepferdchen aussahen.
Eigentlich hätte in Bamberg an diesem Donnerstag die Sandkerwa rund um die Elisabethenkirche beginnen sollen, aber der Veranstalter, der Bürgerverein 4. Distrikt, hatte die Kirchweih im sogenannten Sand, einem Viertel der historischen Altstadt zwischen Regnitz und Dom, schon im Mai absagen müssen. Das erste Mal nach 66 Jahren und aus geradezu tragischem Grund: Die Sandkerwa war an ihrem eigenen Erfolg gescheitert. Im Laufe der letzten Jahrzehnte war sie einfach zu groß geworden. Mehr als 300.000 Besucher hatten sich in den letzten Jahren begeistert durch die engen Altstadtgassen gewälzt und die historischen Hinterhöfe besetzt, die unterjährig gar nicht zugänglich waren, sich aber während der Kirchweihzeit in buntgeschmückte Weinstuben und Tanzflächen verwandelten. Der ehrenamtliche Veranstalter hatte sich nun nicht mehr in der Lage gesehen, die aktuellen strengen Sicherheitsauflagen zu erfüllen, geschweige denn zu finanzieren.
Ein Aufschrei war durch die Stadt gegangen. Der Oberbürgermeister hatte sich eingeschaltet. Es hatte alles nichts geholfen. Im Gegenteil, einen CSU-Stadtrat hatte es den Job gekostet. Er hatte sich etwas ungeschickt geäußert – dass die Sandkerwa sowieso nur eine Belustigung für das Prekariat sei – und dann hinzugefügt: „Niedrige Schichten kommen zusammen, um sich zu besaufen.“ Mit diesen beiden kurzen Sätzen hatte er es geschafft, Hunderttausende Menschen zu beleidigen.
Franziska nippte erneut an ihrem Kaffee und biss herzhaft in ihren Frühstückstoast mit dem selbstgemachten Apfelgelee. Sie sah auf die Uhr. Mist, sie musste sich beeilen, wenn sie vor der Polizei an der Schleuse 100 eintreffen wollte. Von ihrer Wohnung im netten Gässchen Am Hollergraben aus war es wirklich nicht weit bis zum alten Ludwig-Donau-Main-Kanal, benannt nach seinem Bauherrn König Ludwig I., und zur Schleuse. Schnell sprang sie nach einer kurzen Katzenwäsche in ihren Adidas-Jogginganzug, schnappte sich ihre Canon G 3X mit dem 200 Millimeter Teleobjektiv und stürmte aus dem Haus.
Draußen überfiel sie die Hitze des jungen Tages. Wieder so ein Sommertag, der direkt aus dem Auge der Sonne gekrochen kam und den man später in die Kategorie „Klimawandel“ einordnen würde. Franziska wickelte sich den Tragegurt ihrer Kamera eng ums Handgelenk und spurtete los.
Wo sich der Linke Regnitzarm mit dem Alten Kanal vereinte, stand eine kleine Menschenansammlung. Sieben Personen zählte Franziska, mitten unter ihnen ein hochgewachsener, schlanker Mann von vielleicht 40 Jahren, der wild gestikulierend auf die anderen einredete und ab und zu auf das Wasser vor der Schleuse deutete.
Franziska lief direkt auf die kleine Gruppe zu. „Entschuldigung, Franziska Berger vom Fränkischen Tag“, stellte sie sich kurz vor. „Hier wurde eine Wasserleiche gefunden?“
Aus der Ferne trieb der laue Sommerwind das Heulen von sich schnell nähernden Martinshörnern heran. „Da unten“, meldete sich der hochgewachsene Jogger, der noch immer inmitten der Gruppe stand. Er zeigte auf das dunkle Wasser, das an der Steineinfassung des Kanals sanft hin und her schwappte. „Ich habe sie ganz zufällig entdeckt, als ich hier vorbeikam. Ist noch keine halbe Stunde her. Schrecklich. Hoffentlich ist die Polizei bald hier.“
Franziska folgte der ausladenden Handbewegung des Mannes, trat näher an den alten Kanal heran und starrte auf den kleinen, nackten Körper, der – Rücken nach oben, Kopf, Arme und Beine fast komplett in den dunklen Fluten der Regnitz verschwindend – auf der Wasseroberfläche trieb. Die langen blonden Haare waren das Einzige, was sich an dem bedauernswerten Leichnam bewegte. Immer wieder griffen leichte Strömungen der Regnitz nach ihnen und wirbelten sie durcheinander.
Mechanisch griff Franziska nach ihrer Kamera, drückte den winzigen Einschaltknopf und betätigte die Zoom-Funktion. Ich brauche Fotos, jede Menge Fotos, fielen ihr die Worte dieses Wolfenbütteler Vollpfostens ein. Reporterin hin oder her – sie hasste sich dafür, was sie gerade tat. Sie nahm dem kleinen menschlichen Körper, der leblos auf dem Wasser dahintrieb, seine letzte Würde. Groß und fürchterlich entblößt erschien der Leichnam auf dem Display ihrer Kamera.
Klick, klick, klick, verrichtete sie ihre Arbeit, bis ihr eine Polizistin von hinten auf die rechte Schulter tippte: „Bitte treten Sie von hier zurück und begeben Sie sich hinter die Absperrung“, vernahm Franziska fast erlösend. Dann wurde sie freundlich, aber bestimmt hinter das weißrote Plastikband geführt, hinter dem nun auch der Jogger und die restlichen Leute der ehemals siebenköpfigen Gruppe standen. Sie hatte sich zwischenzeitlich durch die Ankunft vieler Neugieriger mehr als verdoppelt. Drei weißblaue Polizeieinsatzfahrzeuge versprühten ihr rotierendes Blaulicht in den jungen, hellen Tag und Beamte der Spurensicherung stiegen in ihre Einweg-Schutzanzüge der Marke Microgard 2000. Ein Polizeiboot rauschte mit schäumender Bugwelle auf dem Fluss heran und verlieh der Szene zusätzliches Drama.
„Sie heißen?“, vernahm Franziska eine tiefe Bassstimme in ihrem Rücken. Sie stammte von einem untersetzten, schnauzbärtigen Mann mit dichten Augenbrauen, nicht größer als einen Meter 70, Mitte 50, lichtes Haupthaar, aber dennoch nicht unsympathisch – ein Eindruck, der von den vielen Lachfältchen um seine Augenwinkel und seinen Mund herrührte. „Entschuldigung, mein Name ist Harald Hagenkötter, Kriminalhauptkommissar und Leiter des Kriminaldauerdienstes der Kriminalpolizeiinspektion Bamberg.“ Während er sein Sprüchlein aufsagte, hielt er ihr seinen Dienstausweis unter die Nase. „Können Sie sich ausweisen? Was machen Sie hier? Warum haben Sie den Leichnam fotografiert?“
Franziska erwachte aus ihrer Lethargie. „Ich bin von der Presse“, hörte sie sich sagen, „Fränkischer Tag. Ich bin zufällig hier vorbeigekommen. Ich wohne ganz in der Nähe.“
„So so, zufällig hier vorbeigekommen“, murmelte der Kriminalbeamte, „mit schussbereiter Kamera?“
„Die habe ich immer dabei, egal, wohin ich unterwegs bin“, versuchte sich die Lokalreporterin herauszureden. „Man weiß ja nie, was einem so alles vor die Linse läuft.“
„Oder schwimmt. Und wenn es eine Wasserleiche ist“, ergänzte der Kriminalhauptkommissar. „Trotzdem haben Sie mir Ihren Namen noch immer nicht verraten.“
„Oh, Entschuldigung. Franziska Berger. Franziska Berger vom Fränkischen Tag. Ich bin Leiterin der Lokalredaktion Bamberg und wohne hier gleich um die Ecke. Am Hollergraben. Und Sie sind der Leiter der Mordkommission Bamberg?“, wollte sie wissen.
Der untersetzte Kriminalbeamte lachte auf. „Und Sie sehen wohl zu viele Kriminalfilme? So wie im Fernsehen läuft es im richtigen Leben bei uns nicht ab. Wir haben keine ständig besetzte Mordkommission. Erst, wenn tatsächlich ein gewaltsamer Todesfall vorliegt, gründen wir ein Ermittlungsteam und das wird von einem Kommissionsleiter geführt.“
„Ist das denn der Fall? Ich meine, ein gewaltsamer Todesfall?“
„Dazu kann ich Ihnen keine Auskunft geben.“
*
Franziska saß auf ihrer weißen Ledercouch im Wohnzimmer und hatte aus Bequemlichkeit die Beine auf die Glasplatte ihres Couchtisches gelegt. Hühnertod hatte schon dreimal ganz aufgeregt auf ihren Anrufbeantworter gesprochen und um dringenden Rückruf gebeten. Das war ihr im Moment herzlich egal. Das ging ihr quasi am Arsch vorbei. Sollte er doch in der Hölle schmoren.
Ihr ging das Bild des toten Kindes nicht mehr aus dem Kopf, das die Polizei schließlich aus der Regnitz geborgen hatte. Ein Mädchen, schätzungsweise zwischen zehn und zwölf Jahre alt. Mehr war von der Polizei erst nicht zu erfahren gewesen. Als Franziska aber eine junge Beamtin entdeckt hatte, die sie noch von ihrem Bericht über einen früheren Todschlag kannte, hatte diese ihr verraten, dass das Kind möglicherweise gar nicht ertrunken sei. Dagegen sprächen die Hämatome am Hals der Toten, das hätte der anwesende Rechtsmediziner auf den ersten Blick festgestellt. Natürlich müssten erst die Ergebnisse der bevorstehenden Obduktion abgewartet werden, um dies mit Sicherheit sagen zu können, hatte die junge Polizistin Franziska noch mit auf den Weg gegeben. „Aber von mir haben Sie die Information nicht!“
Auch Stunden später konnte sich Franziska nicht von dem Erlebnis an der Schleuse 100 lösen. Das tote Mädchen spukte in ihren Gedanken herum. Noch nie hatte sie eine Leiche, geschweige denn ein totes Kind fotografiert. Wo kam das Mädchen her? Hatte es hier in Bamberg gewohnt? War es hier zur Schule gegangen? Hatten seine Eltern schon eine Vermisstenanzeige aufgegeben? War es tatsächlich ermordet worden? Aber warum und wie zum Teufel war die Leiche in die Regnitz gekommen? Fragen über Fragen. Morgen am Sonntag, um elf Uhr, hatte die Kripo in der Schildstraße 81 eine Pressekonferenz anberaumt. Sie musste unbedingt dorthin, wollte wissen, was dem Kind zugestoßen war.
Sein tragischer Tod hatte ihr jedenfalls jegliche Lust auf einen geselligen Abend mit Freunden verleidet. Wie gut, dass die Sandkerwa heuer nicht stattfand. Wie hätte man bei Bier und Musik fröhlich feiern können, wohl wissend, dass ein kleiner, aufgeschnittener und wieder zugenähter Körper in einem Kühlfach des Instituts für Rechtsmedizin in Erlangen auf die Lösung eines möglichen Verbrechens wartete?
Pressekonferenz
Sonntag, 27. August
Franziska Berger traf eine halbe Stunde vor elf Uhr an dem vierstöckigen Gebäude der Kriminalpolizeiinspektion in der Schildstraße ein. Der Wolfenbütteler hatte sie schon wieder genervt. Um 18 Uhr wollte er ihren Bericht für die Montagsausgabe haben. „Du kriegst die komplette erste Seite, Franziska“, hatte er gelokt, „und von mir aus auch die ganze dritte, wenn du sie brauchst. Bleib dran. Versuch, so viele Informationen wie möglich zu bekommen. Ich verlasse mich auf dich.“
Das Getue nervte sie. Sie selbst wollte wissen, was mit dem toten Kind passiert war, und konnte dabei zum Glück von ihrem Presseausweis profitieren. Scheiß doch auf die Auflage der Zeitung. Menschlichkeit ging in so einem Fall vor Geschäft.
Franziska kannte den Weg zum Presseraum der Kripo im Erdgeschoss. Es war schon allerhand los. Die meisten Kollegen der Konkurrenzblätter waren schon da. Der BR war mit einem Kamerateam vertreten. Schnell sicherte sie sich einen freien Platz in den vorderen Reihen. Alles war vorbereitet. Die Namensschildchen auf dem langgezogenen Konferenztisch vor ihr standen schon. Sie las von links nach rechts: Polizeimeister Helmut Vorndran, Aktenführer / Prof. Franziskus Stich, Rechtsmediziner und forensischer Anthropologe / Werner Grandjean, Kriminalkommissar und Pressesprecher / Harald Hagenkötter, Kriminalhauptkommissar und Kommissionsleiter. Auf der Stirnwand hinter der noch leeren Stuhlreihe prangte in großen Buchstaben Polizeipräsidium Oberfranken.
Pünktlich um elf Uhr öffnete sich eine Seitentür. Die auf den Namensschildern Angekündigten hielten Einzug und nahmen ihre Plätze ein. Unruhe kam auf, Papier raschelte und die ersten Blitzlichter zuckten durch den Raum. Pressesprecher Grandjean griff nach seiner Brille, setzte sie auf seine Nasenspitze und sah über den Brillenrand in die Menge der anwesenden Journalisten. Es kehrte gespannte Ruhe ein. Alle hingen an den Lippen des Pressesprechers. Der ließ sich Zeit, bis auch der letzte Husterer, das letzte Schnäuzen verklungen waren.
„Meine Damen und Herren von den Medien“, begann er, „ich heiße Sie herzlich willkommen hier in der Kriminalpolizeiinspektion Bamberg, auch wenn der Anlass dazu nicht gerade ein freudiger ist.“ Dann stellte er seine Kollegen links und rechts neben sich vor, bevor er zur Sache kam: „Wie Sie zwischenzeitlich alle wissen, wurde gestern gegen neun Uhr ein auf dem Linken Regnitzarm treibender weiblicher Leichnam entdeckt, den der Fluss in Höhe der Schleuse 100 angetrieben hat. Einem Jogger ist der Leichnam aufgefallen, er hat über sein Mobiltelefon unverzüglich die Notfallrufnummer 110 angerufen. Vor Ort stellte sich heraus, dass es sich bei dem Leichnam um ein Mädchen im Alter von vermutlich elf Jahren handelte. Die Tote war völlig entkleidet, persönliche Gegenstände wurden weder an ihrer Person noch im Umkreis der Fundstelle entdeckt, was unter anderem dazu führt, dass wir ihre Identität noch nicht feststellen konnten.“
„Ist es richtig, dass das Mädchen einem Verbrechen zum Opfer fiel?“, schrie ein Reporter der Nordbayerischen Nachrichten ungeduldig dazwischen.
„Lassen Sie uns bitte erst vollständig berichten, bevor wir auf Ihre Fragen eingehen“, wehrte Grandjean die Frage ab. „Aber so viel vorab: Ja, es ist richtig, dass unser Rechtsmediziner und forensischer Anthropologe, Herr Professor Dr. Stich, bereits am Fundort Würgemale am Hals des Opfers festgestellt hat. Herr Professor Stich und einer seiner Kollegen haben die Tote zwischenzeitlich in der Rechtsmedizin Erlangen obduziert und der Herr Professor wird Sie gleich über die wesentlichen Erkenntnisse seiner Untersuchung informieren.“ Ein langer Blick fiel über den Brillenrand auf die versammelte Presse. „Kommen wir noch einmal kurz auf die Tote zurück: Bis jetzt liegen uns keine Vermisstenanzeigen vor. Wir tappen also im Dunkeln, um wen es sich bei dem toten Kind handelt. Was die Todesursache beziehungsweise die Gründe der Tat anbelangt, ermitteln wir in alle Richtungen, von Menschenhandel bis zum Sexualdelikt. Zu Todeszeitpunkt und -umständen bitte ich nun Herrn Professor Stich um seinen Bericht. Herr Professor?“
Der Rechtsmediziner sah in die Runde und räusperte sich. Er hatte bisher geradezu teilnahmslos gewirkt, fast wie ein Fremdkörper in der illustren Runde. Sein faltiges Gesicht ruhte aufgestützt in seinen Fingern. Sein Blick über den dicken Tränensäcken hatte irgendwo an der Decke gehangen, doch nun angesprochen kam Leben in seine stahlgrauen Augen und er ergriff das Wort: „Die Frage lautet doch: Ist das Kind in der Regnitz ertrunken oder wurde es bereits tot in dem Gewässer abgelegt, was man im Übrigen als Leichen-Dumping bezeichnen würde. Sprechen wir zuerst über das Ertrinken an und für sich: Der Tod tritt hierbei nach fünf typischen Phasen ein. Die kritischste ist die Phase drei, Dyspnoe genannt. Dabei ist der Ertrinkende bereits unter Wasser geraten und sein Körper versucht früher oder später zwangsweise, das letzte Mal nach Sauerstoff zu schnappen. Doch es ist bereits zu spät. Bei diesem letzten Luftschnappen wird Wasser aspiriert, das sich dann in den Atemwegen mit Luft und Schleim vermischt. Nur ein noch lebender Körper zeigt diese Reaktion. Ich meine dieses letztmalige, verzweifelte Schnappen nach Sauerstoff.“ Professor Dr. Stich ließ den Mund auf- und zuklappen wie ein Fisch. „Wird dagegen ein bereits toter menschlicher Körper im Wasser abgelegt, bleibt dieses letzte Luftschnappen verständlicherweise aus. Beim Tod durch Ersticken hingegen, zum Beispiel wenn jemand erdrosselt wird, zeigen sich andere Symptome, sogenannte Tardie’sche Flecken. Auffällige Erstickungsblutungen unter dem Lungenfell – wie im Fall unserer weiblichen Leiche. Vor diesem Hintergrund ist das Ergebnis meiner Untersuchungen eindeutig: Das Mädchen war bereits tot, als es in den Fluss geworfen wurde. Das heißt, wir sprechen von einem gewaltsamen Tod, vermutlich von Mord.“
Das hektische Kratzen von Stiftspitzen über Papier, gepaart mit eifrigem Tastaturklappern, erfüllte den Raum.
Stich hob einen Finger und dozierte weiter: „Das bringt uns zum Todeszeitpunkt. Dazu ist generell zu sagen, dass der Verwesungsprozess eines menschlichen Körpers im Wasser wesentlich langsamer voranschreitet als dies an der Luft der Fall ist. Dennoch, auch unter Wasser tun unsere bekannten Darmbakterien ihren Dienst, verstoffwechseln den menschlichen Körper von innen her und produzieren dabei Gase. Irgendwann reicht die Dichte der Leiche dann nicht mehr aus, um den Körper unter Wasser zu halten, er treibt an die Oberfläche. Das alles hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie beispielsweise der Wassertemperatur, der Wasserqualität, der Wassertiefe und anderen Gegebenheiten. Je tiefer eine Leiche im Wasser liegt, desto höher ist der Wasserdruck. Einmal in große Tiefe gesunken, kommt der Ertrunkene wahrscheinlich nie mehr nach oben.“ Der Professor gestikulierte und redete sich regelrecht in Rage: „In der Regnitz herrschen aber eigene Bedingungen, insbesondere was die derzeitigen Wassertemperaturen anbelangt. Nach meinen Einschätzungen, basierend auf besagten aktuellen äußeren Bedingungen, dürfte das tote Mädchen vor sieben bis zehn Tagen im Fluss abgelegt worden sein. Dennoch – dass sie gefunden wurde, ist ein großer Zufall, denn länger als 30 Minuten treibt ein menschlicher Körper im Normalfall nicht an der Wasseroberfläche. Irgendwann sind die Gase aus ihm entwichen, dann taucht er natürlich wieder unter. Auf eines muss ich in diesem Zusammenhang deutlich hinweisen: Der Grund des Linken Regnitzarms ist außergewöhnlich stark bewachsen, dazu kommen Hindernisse wie Steine und verhaktes Geäst, teils sogar knapp unter der Wasseroberfläche. Dies könnte dazu geführt haben, dass der Leichnam sich unter Wasser verhakt hat, vielleicht sogar mehrmals, und der Verwesungsprozess so beeinflusst wurde. Auch postmortaler Tierfraß, zum Beispiel durch Aale, kann einen hohen Einfluss auf die Treibedauer an der Oberfläche haben. Dennoch: An der Schleuse 100, wo die Leiche des Mädchens entdeckt wurde, verursacht die Strömung der Regnitz leichte Wirbel. Nur so ist es aktuell zu erklären, dass die Tote nach der langen Liegezeit im Wasser noch auf der Oberfläche trieb.“
Der Rechtsmediziner sah einen Moment versonnen in die Runde. „Soweit meine Ausführungen“, endete er dann und schien selbst erstaunt, endlich zum Punkt gekommen zu sein.
„Darf ich noch einen kurzen Moment um Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit bitten“, schaltete sich nun Kriminalhauptkommissar Hagenkötter in die Gesprächsleitung ein und unterband damit die aufkommende Unruhe. „Sie haben alle gehört, was der Professor gesagt hat. Wir konzentrieren uns bei unseren Ermittlungen also auf verdächtige Vorgänge, die sich vor rund sieben bis zehn Tagen am Flussufer zugetragen haben könnten und möglicherweise beobachtet wurden. – Und nun zu Ihren Fragen.“
In der ersten Reihe hob ein BILD-Reporter den rechten Arm und schoss direkt seine Frage ab: „Was tun Sie im Moment, um die Identität des Opfers festzustellen?“
„Nun, unsere Teammitglieder konzentrieren sich zunächst auf alle Schulen in Bamberg und der näheren Umgebung. Ob wir allerdings jetzt in der Ferienzeit die betreffenden Schulleiter antreffen werden – wir werden sehen. Parallel erhoffen wir uns durch Ihre Berichterstattung Hinweise aus der Bevölkerung.“
Auch Franziska hatte ihre Hand gehoben.
„Ja, Frau Berger?“, erteilte ihr Hagenkötter das Wort.
„Gibt es konkrete Hinweise, dass das Mordopfer sexuell missbraucht wurde?“, wollte sie wissen. „Ich meine, wenn Sie schon in Richtung Sexualdelikt ermitteln? Schließlich ist es doch nicht normal, dass ein Kind völlig nackt in der Regnitz treibt?“
„Tut mir leid, darauf kann ich keine Antwort geben. Das könnte unsere Ermittlungsarbeit negativ beeinflussen.“
„Also ja“, ließ die Fränkischer-Tag-Reporterin nicht locker.
„Keine weiteren Kommentare dazu.“
„Warum sollte das Kind denn sonst nackt sein?“, wollte ein anderer wissen.
„Darüber können wir im Moment nur spekulieren. Vielleicht, um uns die Feststellung der Identität zu erschweren.“
„Oder doch ein Hinweis auf sexuellen Missbrauch?“ hakte der Fragesteller nach.
„Wie gesagt, dazu kein weiterer Kommentar“, bekam er zur Antwort.
Franziska ging ein weiterer Gedanke durch den Kopf. Wieder hob sie die Hand.
„Ja, Frau Berger.“
„Sie sprechen davon, dass der Mörder das Mädchen vor rund sieben bis zehn Tagen in der Regnitz entsorgt hat. Heißt das auch, dass sie zu diesem Zeitpunkt ermordet wurde?“
Hauptkommissar Hagenkötter schien durch die Frage etwas überrascht und richtete seinen Blick auf den Rechtsmediziner Stich. „Eine gute Frage“, ergriff der das Wort, „eine sehr gute Frage, Frau Berger.“ Seine Tränensäcke hingen ihm wie Bleigewichte unter den Augen. „Und nein, das heißt es nicht. Wir wissen nicht, wie viel Zeit zwischen dem tatsächlichen Todeszeitpunkt und dem Zeitpunkt verstrichen ist, da man das Kind in die Regnitz geworfen hat.“
„Dann kann man den tatsächlichen Todeszeitpunkt nicht mehr feststellen?“
„Ich befürchte, dass es so ist“, gab der Rechtsmediziner zu. „Das liegt daran, dass eine möglichst genaue Todeszeitbestimmung in den meisten Fällen nur 36 Stunden nach dem Eintreten des Todes machbar ist. Natürlich bietet die forensische Entomologie auch darüber hinaus noch Möglichkeiten …“ Stirnen wurden gerunzelt, erneutes Raunen ging durch den Raum und Professor Stich sah sich zu einer Erklärung genötigt: „Entomologie, meine Damen und Herren, ist die Insektenkunde. Das Alter der diversen Insektenlarven auf frischen Leichen verrät dem geschulten Auge so einiges. Doch ich erinnere daran: Die Leiche trieb im Wasser. Da haben es Eier wie Larven der Schmeißfliege schwer. Bei einer Wasserliegezeit von zehn bis 14 Tagen kommt es stattdessen zur Besiedlung der Körperoberfläche mit Algenrasen. Das war bei dem Mädchen noch nicht der Fall. Also können wir relativ gut einschätzen, wie lange der Leichnam im Wasser trieb. Aber, wie gesagt, das hilft uns nicht viel bei der Bestimmung des exakten Todeszeitpunkts.“
„Konnten an der Wasserleiche noch Spermien festgestellt werden?“, versuchte es Franziska direkt beim Rechtsmediziner.
„Nach 72 Stunden ist dies kaum mehr möglich“, erklärte Professor Stich, „ob Wasserleiche oder nicht.“ Ein scharfer Blick von Hagenkötter ließ ihn hinzufügen: „Und dazu gibt es von mir auch keinen weiteren Kommentar mehr.“
Es folgten noch ein paar banale Fragen zu den Mitgliedern des Ermittlungsteams und der Verweildauer der Leiche im Fluss, dann schloss der Pressesprecher die Veranstaltung.
Die Journalisten strömten dem Ausgang zu. Ein jeder wollte so schnell wie möglich nach Hause. Es war schließlich Sonntag und erneut ein wunderschöner Sommertag, den man gerne im Freibad, auf dem Bierkeller oder ganz einfach daheim im Garten beim Grillen von Bratwürsten, Fleischspießen oder Steaks verbringen wollte.
Auch Franziska stand bereits vor dem Polizeigebäude und öffnete gerade das Schloss ihres abgesperrten Fahrrads, als eine junge Frau in ihrem Alter auf sie zukam: „Franziska? Bist du es? Wir haben uns ja Ewigkeiten nicht mehr gesehen!“
Die Angesprochene hob den Kopf. „Tina? Tina Meisel? Was machst du denn hier?”
„Ich arbeite hier“, bekam Franziska zur Antwort.
„Bei der Kripo?“
„Bei der Kripo!“
„Ich dachte, du wolltest Jura studieren und später die Kanzlei deines Vaters übernehmen?“
„Dachte ich am Anfang auch“, lächelte Tina Meisel, „aber nach vier Semestern war mir diese sture Paragrafen-Lernerei zu langweilig. Ich wollte was Sinnvolleres tun und hab mich bei der Polizei beworben.“
„Und dein Vater?“
„Der war natürlich tief enttäuscht. Aber dass ich nicht bis zu meinem Rentenalter zerstrittene Ehepaare scheiden will, musste er am Schluss einfach akzeptieren.“
„Na dann. Aber was für ein schöner Zufall, dass wir uns getroffen haben“, stellte Franziska fest. „Was machst du jetzt? Musst du heute noch arbeiten? Am Sonntag?“
„Nein, nicht wirklich, nach der Pressekonferenz ist für mich jetzt Schluss. Aber du bist als rasende Reporterin ja auch am Wochenende im Einsatz, wie’s aussieht.“
„Stimmt. Und was hast du jetzt vor?“, wiederholte die Journalistin ihre Frage.
„Jetzt fahre ich nach Hause.“
„Wartet jemand auf dich oder hast du Zeit? Eigentlich sollten wir unser unverhofftes Wiedersehen ordentlich feiern.“
Tina lächelte. „Nun, nachdem ich mich vor vier Wochen von meinem Verlobten getrennt habe, habe ich eigentlich wieder alle Zeit der Welt.“
„Wollen wir einen Kaffee miteinander trinken, ein bisschen quatschen? Komm, ich lade dich ins Domcafé ein. Die haben richtig leckere, leichte Schnitten.“
„Wow, ins Domcafè“, rief Tina begeistert, „da sage ich nicht nein. Und du glaubst, wir kriegen da am Sonntag noch einen Platz?“
„In einer halben Stunde schon“, meinte Franziska, griff zu ihrem Mobiltelefon und drückte eine eingespeicherte Nummer. „Draußen vor dem Eingang“, meinte sie, nachdem sie ihr kurzes Gespräch beendet hatte, „hält man für uns in der kleinen Sitzgruppe zwei Plätze frei.“
Die Villa
Sonntag, 27. August
Im Süden der Weltkulturerbestadt Bamberg, dort wo ihr südlichster Stadtteil Bug an die Regnitz stößt und sich der Fluss in seinen linken und rechten Arm teilt, verlaufen die beiden Straßen Im Wiesengrund und Paradiesweg unweit des Bamberger Klinikums. Es ist eine ruhige, hügelige Wohngegend. Die wenigen Häuser stehen auf riesigen Grundstücken mit altem Baumbestand. Hinter dem Paradiesweg dehnt sich dichter Wald aus, der bis hinunter zum westlichen Ufer des Linken Regnitzarmes reicht. Von dort aus führt der Obere Leinritt entlang des Flussufers bis hin zum Bamberger Altstadtrand, wo man entweder die Flussfähre benutzen oder über 60 Stufen steil zum Stephansberg aufsteigen kann, wo die schönsten und urigsten Bierkeller der Stadt liegen. Nur rund drei Kilometer sind es bis dorthin. Ideal für Spaziergänger, Radler und Jogger. Und gegenüber, auf der anderen Seite des Flussarms, quasi als ebenfalls naturbelassenes Spiegelbild, bieten der Luisen- und der Theresienhain einen weiteren Weg, bis ins Stadtzentrum zu spazieren.
Kein Spaziergänger, der sich hier im Süden der Stadt herumtrieb, hatte Einblick auf die hochbarocke Villa aus dem 17. Jahrhundert, die nur über einen breiten Feldweg zugänglich war, der vom Paradiesweg abzweigte. Weit von der vorderen Grundstücksgrenze abgesetzt, umrahmt von altem Eichen- und Buchenbestand und durch eine hohe Kirschlorbeerhecke verdeckt, stand sie weit hinten auf dem rund 5.000 Quadratmeter großen Grundstück. Wem die Villa gehörte, wussten selbst die unmittelbaren Nachbarn nicht ganz genau. Nur der Verwalter, der sich um das Anwesen kümmerte, kam ab und an mit seinem blauen VW-Tiguan hierher. Man kannte sich nicht, grüßte auch nicht. Er schien sowieso ein verschlossener Typ zu sein. Gerüchteweise hörte man, dass die Villa einer kirchlichen Organisation gehören sollte. Das könnte stimmen, denn an so manchen Wochenenden war mächtig was los auf dem Anwesen: Dann reisten plötzlich Pkws an, die so gar nicht aus der näheren Umgebung stammten, und einige ihrer Insassen trugen kirchliche Gewänder, während um ihre dicken Hälse Kreuze und Kruzifixe jeglicher Art baumelten. „Die halten wieder mal ihre Exerzitien“, versicherten sich dann die Einheimischen gegenseitig und betrachteten neugierig die Kfz-Kennzeichen der Ankömmlinge – allen voran der depperte Schneiders Toni.
Tatsächlich waren an zwei Seiten der geometrisch gestalteten Gartenanlage langgezogene Parkbuchten angelegt worden, die Platz für mehr als 20 Autos boten. Zum Haupteingang des zweigeschossigen Gebäudes führte eine breite, fünfstufige Halbrundtreppe aus Buntsandstein und an der Hausfassade wurde eine üppige Prachtentfaltung betrieben, wobei der aufmerksame Betrachter das Gefühl bekam, dass die Grenzen der einzelnen Kunstgattungen Architektur, Skulptur und Malerei bewusst verwischt worden waren. Am ganzen Gebäude herrschte absolute Symmetrie vor. Über dem Eingang hatte ein findiger Steinmetz einen im Querschnitt einen Meter großen Kreis in die weiße Fassade gemeißelt und in dessen Inneren ein Kreuz, dessen Querbalken ungewöhnlich hoch angesetzt war. Beides war mit Blattgold ausgelegt, das, besonders wenn es in der Sonne glitzerte, von Reichtum und Macht sprach.
Draußen auf den Parkplätzen der Villa standen an diesem Sonntag zwei schwere Mercedes-Limousinen. Eines der beiden Dienstfahrzeuge trug ein hierzulande seltenes Kennzeichen: SCV für Stato della Cittá del Vaticano. Das andere war in Bamberg zugelassen. Die beiden Fahrer lehnten an ihren Limousinen, rauchten und unterhielten sich so gut es ging – was gar nicht so einfach war, denn Giuseppe Bertone aus Frascati, einer kleinen Stadt südöstlich von Rom, konnte nur ein paar Brocken Deutsch und Max Müller, ein waschechter Oberfranke, absolut kein Wort Italienisch. Zudem sprachen beide nur ein leidliches Englisch.
Giuseppe war mit seinem Dienstherrn, Bischof Carlo Eposito, Mitglied der römischen Kurie ebenso wie der Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen, vor zehn Tagen von Rom nach Bamberg aufgebrochen. Übermorgen sollte es wieder in den Vatikan zurückgehen. Der offizielle Besuch diente lediglich dem Informationsaustausch – was man auch immer darunter verstehen mochte – und war seit gestern vorbei, aber sein Bischof wollte sich noch einen Tag lang das schöne Bamberg ansehen, vor allem die Kirchen St. Martin, St. Michael, die Heilig-Grab-Kapelle, die Obere Pfarrkirche und wie sie sonst noch alle hießen.
Für Giuseppe war es bisher eine angenehme Dienstfahrt gewesen. Wenig zu tun, ein schönes Hotel, eine Stadt mit Charme und viel Freizeit. Wie letzte Woche, als sein Bischof vom Oberbürgermeister und Vertretern des Erzbistums zu einem Abendessen eingeladen worden war und er wieder einmal frei bekommen hatte. In einer Gaststätte in der Altstadt hatte er ein Gericht probiert, das die Einheimischen Schäufele nannten. Ein riesiger Berg Fleisch und zwei Glees mit Breggerli, so groß wie Kanonenkugeln. Das Ganze war in einem See von Soße geschwommen und dazu hatte es fränkisches Sauerkraut gegeben, in Speckwürferli gedämpft. Giuseppe hatte keine Ahnung, was er da genau gegessen hatte, aber es hatte vorzüglich geschmeckt und die Worte Schäufele, Glees, Breggerli und Speckwürferli hatte er sich extra von der freundlichen Bedienung aufschreiben lassen. Wieder zurück in seinem Hotel hatte er sie leider nicht in seinem kleinen deutschen Wörterbuch für die Hosentasche gefunden. Also hatte er nach Schäufele gegoogelt. Als er den Suchbegriff Glees eingegeben hatte, war er auf eine Ortschaft in der Eifel gestoßen, und bei Breggerli hatte die Suchmaschine gänzlich gestreikt und alles Mögliche ausgespuckt, aber eben nicht was Breggerli bedeutete.
Für Giuseppes Dienstherren, den Bischof, schienen die bisherigen Tage dagegen sehr anstrengend gewesen zu sein. Die vielen Besprechungen. Er hatte sich seit ihrer Ankunft verändert gezeigt, war ständig gereizt, nervös gewesen und schien von Sorgen belastet. Wahrscheinlich war er einfach überarbeitet. Nach Giuseppes Meinung sollte er mal etwas kürzer treten, schließlich war Eposito mit seinen 65 Jahren auch nicht mehr der Jüngste.
Giuseppe liebte seinen Bischof. Eposito hatte ihn vor vielen Jahren quasi aus der Gosse geholt, am Stadtrand von Rom, wo er sich als Mitglied einer jugendlichen Straßengang herumgetrieben hatte. Diebstahl und Rauschgifthandel waren das Handwerk, von dem er damals etwas verstanden hatte. Als ihn die Polizei schließlich geschnappt hatte, war seine Akte irgendwie auf dem Tisch von Bischof Eposito gelandet. Wahrscheinlich reiner Zufall. Carlo Eposito hatte Giuseppe daraufhin in der Jugendstrafanstalt besucht. Sie hatten lange miteinander gesprochen. Als er seine Strafe abgesessen hatte, war der Bischof dagewesen, hatte ihn auf eine ordentliche Schule geschickt und seine weitere Ausbildung bezahlt. Es hatte eine klare Vereinbarung gegeben: Beim kleinsten Gesetzesverstoß wäre Giuseppe wieder auf der Straße gelandet.
Heute, mit 31, war Giuseppe seit fünf Jahren der persönliche Fahrer Epositos und verehrte ihn wie seinen eigenen Vater. In Momenten vertrauter Zweisamkeit, wenn sie gemeinsam unterwegs waren, nannte er seinen Bischof schon mal gelegentlich Papà Eposito.
Giuseppe litt mit seinem Dienstherrn. Dessen momentan schlechte Verfassung setzte auch ihm zu. Seit etwas mehr als einer Woche ging das nun schon so: Am vorletzten Samstag waren sie beide das erste Mal hier an der Villa vorgefahren. Es war frühmorgens, kurz vor neun Uhr, gewesen. Sein Bischof hatte ein Seminar leiten sollen. „Du kannst wieder fahren, Giuseppe“, hatte Eposito zu ihm gesagt, „mach dir einen schönen Tag und hol mich hier um 19 Uhr wieder ab.“ Pünktlich war er zur Stelle gewesen, aber Eposito war nicht erschienen. Für Giuseppe war es eine lange Nacht des Wartens geworden. Erst gegen drei Uhr nachts hatte der Bischof in Begleitung zweier Personen das Haus verlassen. Sie hatten ihn auf dem Weg zum Wagen gestützt, er hatte völlig aufgelöst, desorientiert, verzweifelt gewirkt und war körperlich ausgelaugt gewesen. Mehr als überarbeitet. Giuseppe hatte sich um seinen Bischof gekümmert und ihm in den Wagen geholfen.
Was genau Eposito in so erbärmliche Verfassung gebracht hatte, das wusste er bis heute nicht. Bei aller Vertrautheit – Kirchenangelegenheiten gingen ihn als Fahrer nichts an. Darüber wurde nicht gesprochen. Aber seit diesem verdammten nächtlichen Ereignis in den frühen Morgenstunden des 20. August war Eposito nicht mehr der Alte. Es wurde Zeit, wieder nach Italien zurückzukehren.
„Was ist dein Eindruck von Bamberg?“ Max Müller, der andere Chauffeur, riss Giuseppe aus seinen Gedanken.
„Mi scusi?“
„Bamberg schee?“, kürzte Müller seine Frage ab.
„Bamberg Bier gut“, antwortete Giuseppe und wollte spontan auch auf das Schäufele zu sprechen kommen. „Du Sssäufala?“, drückte er sich ungeschickt aus.
Dem Oberfranken fiel sichtlich die Kinnlade herunter. So eine Unverschämtheit! „Naa, i trink nix, wenn i mitn Auto unterwegs bin“, blaffte er Giuseppe beleidigt an und zog dabei ein griesgrämiges Gesicht. Für ihn war die Kommunikation mit dem italienischen aufgestellten Mäusedreck vorbei.
*
Drinnen in der Bibliothek der Villa herrschte seit längerer Zeit schweres Schweigen. Der römische Kurienbischof und der Vorsitzende des einheimischen Diözesanrats starrten auf den blank geputzten Tisch, auf dem zwei leere Kaffeetassen standen. Die beiden Männer waren allein im Haus, der Hausverwalter war in der Stadt unterwegs.
Die Stimmung der ernst dreinsehenden Männer war an einem Tiefpunkt angelangt. Was es zu bereden gegeben hatte, war in den beiden letzten Stunden längst gesagt worden. Es gab nichts Neues hinzuzufügen und dennoch ergriff der Bischof noch einmal mit leidvoller, leiser Stimme auf Italienisch das Wort: „Das ist mir wirklich noch nie passiert, seit ich im Namen von Santi-Figli-di-Dio Exorzismen abhalte“, wiederholte er sich. Er konnte das Unglück noch immer nicht fassen. „Der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe. Die Kleine war so stark von ihm besessen, dass mir die Kontrolle entglitt. Sie schlug um sich, hatte blutunterlaufene Augen und diese höllische Fratze … Sie griff mich an, kratzte mich am Hals, spuckte mich an und dann dieses Geschrei … dieses furchtbare Geschrei … Es klang, als ob der Leibhaftige selbst mich aus den tiefsten Winkeln der Hölle anschrie. Ich konnte nicht anders, ich musste das Böse besiegen. Ich habe zugedrückt. Fester, immer fester …“ Die Stimme des Bischofs verlor sich, seine Augen waren weit vom Schrecken der Erinnerung. „Als ich mich wieder unter Kontrolle hatte, rührte sie sich nicht mehr. Sie lag einfach nur da. Ich wollte das nicht. Satan war es, der mich dazu verleitet hat. Warum hast du mich nicht rechtzeitig von dem Mädchen weggerissen?“
„Carlo, darüber haben wir doch schon etliche Male gesprochen. Johannes und ich mussten uns im Wohnzimmer um diese zwei Idioten kümmern. Als ich deine Schreie hörte, ins Zimmer stürzte und dich von der Kleinen wegzog, war es bereits zu spät.“
„Es wäre besser gewesen, ich hätte abgelehnt. Egal, wer mich darum gebeten hat. Gütiger Gott, was soll ich bloß tun? Vergib mir meine Tat, oh Herr!“ Als er geendet hatte, sank Kurienbischof Eposito in dem großen ledernen Ohrensessel in sich zusammen und starrte weiter schweigend ins Leere.
Café am Dom
Sonntag, 27. August
Etwa zur gleichen Zeit nahmen Franziska Berger und Tina Meisel im kleinen Außenbereich des Domcafés ihre reservierten Plätze ein. Alle Stühle waren besetzt, wie fast immer an solch herrlichen Sonnentagen. Die Gäste schnatterten munter durcheinander, genossen ihre Kaffees mit leichten Quarkschnitten oder appetitlich zubereiteten Eisbechern. In der kleinen Ringleinsgasse, die vorbeiführte, wälzten sich die Touristen bergab und bergauf. Die einen wollten hinunter in die Dominikanerstraße, wo sie direkt auf das Bamberger Kultgasthaus Schlenkerla stießen, wo das besondere Rauchbier, bekannt für seinen an geräucherten Schinken erinnernden Geschmack, ausgeschenkt wird. Die anderen, die es die Ringleinsgasse hinauf in Richtung Karolinenstraße trieb, hatten von dort nur noch einen kurzen Weg zum Kaiserdom, zur Alten Hofhaltung oder zur Neuen Residenz mit ihrem bekannten Rosengarten, von wo man einen herrlichen Blick auf das ehemalige Kloster St. Michael genoss. Doch nicht nur Touristen füllten die Altstadt. Tausende von Bambergern ließen sich die Freude an ihrer abgesagten Sandkerwa nicht nehmen und durchstreiften in Feierlaune die engen Gassen.
Tina und Franziska indessen hatten eher Interesse an der reichhaltigen Karte des Cafés am Dom, in dem nach traditioneller Handwerkskunst gefertigte Spezialitäten offeriert wurden: frische und hausgemachte Kuchen und Torten, feine Pralinen, Sahnetrüffel und andere Leckereien; alles, was die Augen gerne aufnahmen, was der Zunge und dem Gaumen schmeckte und sich wohlig im Magen anfühlte. Seit ihrer gemeinsamen Schulzeit hatten sich die beiden Frauen nicht mehr gesehen, obwohl sie doch in derselben Stadt wohnten. Damals waren sie beide gerade 20 gewesen, als sie am E.T.A Hoffmann-Gymnasium ihr Abitur gemeistert hatten. Rund neun Jahre waren seitdem vergangen, aber sie fühlten sich nach nur wenigen ersten holprigen Fragen schnell wieder verbunden.
Tina erzählte gerade, wie sie nach dem Abi erst einmal um die halbe Welt gereist war – vom Papa finanziert –, bevor sie sich an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen für ein Jurastudium eingeschrieben hatte. Franziska hatte niemanden gehabt, der ihr das Reisen hätte finanzieren können. Also hatte sie nach dem Abi für ein paar Monate bei einer örtlichen Supermarktkette gejobbt, Kartons geschleppt und Paletten gefahren, die Packstücke im Zentrallager eingeordnet oder in den riesigen Kühlraum gebracht. Ihr schwer verdientes Geld hatte sie gespart, bevor sie sich für das Herbstsemester an der örtlichen Otto-Friedrich-Universität eingeschrieben und sich fortan mit Medienkultur, Gesellschaftswissenschaften, Informationstechnik und Aspekten der Kommunikationspolitik auseinandergesetzt hatte. Als sie ihren Bachelor in Kommunikationswissenschaften in der Tasche gehabt hatte, war der Bewerbung bei der Mediengruppe Oberfranken in der Gutenbergstraße 1 nichts mehr im Weg gestanden. Vor zwei Jahren hatte sie sich sogar an die Finanzierung ihrer Eigentumswohnung Am Hollergraben gewagt.
„Und du hast zwischenzeitlich tatsächlich den Weg zum gehobenen Polizeiverzugsdienst eingeschlagen?“, wollte Franziska jetzt von ihrer ehemaligen Mitschülerin wissen.
„Ja und ich hab es bis heute nicht bereut. Wenn schon nicht Anwalt, dann zumindest ein Job, bei dem es auch um Recht und Gerechtigkeit geht. Wir haben ein gutes, kollegiales Team und ich fühle mich dort wohl.“ Tina klang überzeugt und aufrichtig. Die Arbeit bei der Kripo schien ihr wirklich enormen Spaß zu machen.
Franziska erinnerte sich an die gemeinsame Schulzeit. Tina Meisel hatte damals schon als unbedingt zuverlässig gegolten, was sie versprach, das hielt sie auch. Ihr roter Lockenkopf und die kecken Sommersprossen um die kleine Stupsnase herum waren es, die ihr zu ihrem damaligen Spitznamen Pumuckl verholfen hatten.
„Erzähl“, forderte Franziska sie jetzt auf. „So einfach kommt man doch nicht an eine Position wie die deine. Da war der Weg doch sicher hart?“
„Ach, da gibt es gar nicht so viel zu erzählen. Mit dem Abi in der Tasche war ich ja fast ein Jahr in der Welt unterwegs. Neuseeland, Australien, Japan, Thailand, Singapur, Bali und Indien. Nach vier Semestern Jura hab ich einfach keinen Sinn mehr gesehen und hingeschmissen. Alles viel zu weit weg vom echten Leben. Also Bewerbung bei der Kripo Bamberg. Eingestellt: als Kriminalkommissar-Anwärterin – das geht, wenn man Abi hat. Ansonsten muss man erst noch durch die harte Schule mit Streifendienst und Co. Die nächsten drei Jahre war ich an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Bachelorstudium. Zurück in Bamberg hab ich dann Bernd kennengelernt, war unheimlich verliebt, bis ich vor vier Wochen mitbekommen hab, dass er auch anderswo rumvögelt.“
„Und dann gleich die Trennung?“
„Na klar. Die andere hat den Trottel echt verdient.“
„Sicher wahr“, nickte Franziska. „Trotzdem klingt das ganz schön abgebrüht nach nur einem Monat. Du trauerst ihm echt nicht nach?“
„Ich hab ja einen großartigen Job, mit dem ich mich trösten kann. Seit zwei Jahren und acht Monaten bin ich jetzt als Kriminalkommissarin im Dienst.“ Tina strahlte.
„Wow, das klingt nach echtem Berufsglück, ich beneide dich.“
„Wieso das denn?“, wunderte sich die Polizeibeamtin. „Du stehst doch schon viel länger im Beruf, hast keine Zeit verloren wie ich, immer zielstrebig. Wahrscheinlich bist du auch sehr erfolgreich, ich hab deinen Namen immer wieder unter Artikeln bei uns im Fränkischen Tag gelesen – hab aber zu keinem Zeitpunkt vermutet, dass genau du dahintersteckst, sonst hätte ich mich längst schon mal bei dir gemeldet. Und seit der Schulzeit hast du dich auch kaum verändert – immer noch rank und schlank. Ganz ehrlich: Das ist ein schönes Leben. Was willst du mehr? Bist du eigentlich liiert?“
„Gott behüte, bloß das nicht!“
„Auch schlechte Erfahrungen?“, fragte Tina neugierig nach.
„Gott sei Dank nein. Der Richtige hat sich einfach noch nicht bei mir vorgestellt. Braucht er aber auch nicht so bald, ich bin ganz gern unabhängig.“
„Auch keine lose Beziehung?“
„Auch keine lose Beziehung!“, bestätigte Franziska.
„Und was machst du, wenn dir mal danach ist? Na ja, ich meine … wenn dir mal nach Sex zumute ist?“
Franziska musste lauthals lachen, schüttelte ihre blonde Tina-Turner-Mähne und meinte: „Dann gehe ich in den Mojow-Club, oder ins Agostea, da lernst du immer jemanden kennen.“
„Auch für einen One-Night-Stand?“
„Warum nicht?“
Die jungen Frauen grinsten sich an und rückten dann zur Seite, um dem Kellner Platz zu machen. Der stellte zwei Milchkaffees, eine Obstschnitte und einen beeindruckenden Eisbecher vor den beiden ab und wünschte guten Appetit.
Franziska griff nach ihrer Kuchengabel. „Sag mal, wenn du schon nicht in die Fußstapfen deines Vaters treten wolltest, hat sich dann wenigstens einer von deinen kleinen Brüdern erbarmt?“
„Axel oder Johannes als Anwalt?“ Tina lachte und zog den blauwandigen Kelch mit ihrem Früchteeis näher zu sich heran. „Kannst du dich nicht mehr an sie erinnern, wie faul die zwei damals waren? Null Bock auf gar nichts. Nur Flausen und Fußball im Kopf. Am Ende waren meine Eltern froh, dass sie überhaupt die Mittlere Reife geschafft haben.“ Sie stach beherzt in ihren Eisbecher. „Der Ehrgeiz kam bei den beiden erst viel später. Johannes hat sich dann bei Siemens in Erlangen beworben, für eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Und, was für ein Wunder, er wurde tatsächlich genommen. Heute bereist er als Vertriebler die halbe Welt und verkauft U-Bahnzüge. Anscheinend sehr erfolgreich. Vor zwei Jahren hat er die Liebe seines Lebens geheiratet – wie er sagt. In zwei Monaten wird er Vater.“
„Aber das ist doch schön“, freute sich Franziska. „Und Axel, der hoffnungsvolle Nachwuchsspieler vom FC Bamberg?“
„Ach, der Axel“, Tina verdrehte die Augen. „Der war ja schon immer ein Hitzkopf und ist das auch geblieben. Immer in Bewegung, Stillsitzen ist einfach nicht seine Sache. Mit der Fußballerkarriere ist’s leider nichts geworden, dafür hat er seine ganzen anderen sportlichen Hobbies zum Beruf gemacht. Der tanzt auf allen Hochzeiten: In Staffelstein betreibt er eine Paragliding-Schule, führt Wandergruppen durch die Fränkische Schweiz und bringt Leuten am Walberla bei Schlaifhausen das Klettern bei.“
„Oh, ein echter Naturbursche. Da fliegen die Mädels sicher scharenweise auf ihn“, warf Franziska ein.
„Schon, aber soviel ich weiß gibt es da nichts Festes. Das letzte, was ich von Axel zu diesem Thema gehört habe, ging in etwa so: Schwesterherz, die Weiber rennen mir die Bude ein, warum soll ich da mein Herz in feste Hände geben? Na ja, der Junge sieht schon gut aus, das muss man neidlos zugeben.“
Franziska lachte. „Was meinen die beiden eigentlich dazu, dass aus ihrer Schwester eine große Verbrecherjägerin geworden ist?“
„Ich glaube, sie finden das eigentlich ganz spannend. Nur Johannes wird immer spießiger, seit er verheiratet ist. Der würde mich lieber an einem Schreibtisch sehen, wo das gefährlichste die scharfen Kanten der Papierstapel sind. Tja.“
Einen Moment lang herrschte Schweigen, während Franziska und Tina beide nach ihren Milchkaffees griffen und den ersten Schluck genossen.
„Tina, was ist eigentlich deine Meinung zu dem Fall, den ihr seit gestern zu lösen habt?“, nahm Franziska den Faden wieder auf und gestikulierte mit ihrer Kuchengabel. „Ich meine das tote Mädchen aus der Regnitz?“
„Aha, auf diese Frage hab ich schon gewartet. Da meldet sich die eifrige Journalistin in dir. Du weißt aber, dass ich dir darüber nichts sagen darf.“
„Ja, ich weiß. Ich frage dich auch nicht, um darüber zu schreiben. Mir geht das arme Ding nur ständig durch den Kopf. So jung und schon tot. Ermordet. Was müssen das für Menschen sein, die so eine Tat begehen? Unvorstellbar. Schrecklich. Auch deshalb hab ich vorhin gesagt, dass ich dich beneide. Weißt du, anstatt immer nur von außen drüber zu schreiben, würde ich mich am liebsten selbst auf die Suche machen und den Mörder zur Strecke bringen.“
„Bloß nicht!“, schreckte die Kommissarin zurück. „Das könnte verdammt gefährlich werden. Dafür sind wir zuständig. Mein Chef, der Hagenkötter – du hast ihn auf der Pressekonferenz gesehen, der mit dem Schnauzbart – kriegt den Täter schon zu fassen. Da bin ich mir absolut sicher. Er ist geradlinig, vielleicht ein wenig querköpfig, aber gerecht – und ein verdammt guter Ermittler.“
„Ich meine ja nur … Oh, Mist!“ Franziska hatte einen Blick auf ihre Uhr geworfen. „Wie die Zeit dahinrast! Um 18 Uhr will mein Chef meinen Bericht über euren neuen Fall auf dem Tisch haben und ich hab noch keine einzige Zeile geschrieben. Ich muss, Tina. Treffen wir uns bald mal wieder? Ich hab mich so gefreut, dass wir uns nach so langer Zeit wieder begegnet sind. – Ich übernehme die Rechnung“, setzte sie hinzu, als Tina in ihre Handtasche greifen wollte und war kurz darauf winkend verschwunden.
Wer ist die Tote in der Regnitz?, hämmerte sie zuhause in die Tastatur ihres Laptops, nachdem sie am Hollergraben angekommen war. Vor ihrem geistigen Auge erschien der sich sachte drehende Leichnam des toten Mädchens, durch einen Wasserwirbel an der Oberfläche der Regnitz gehalten. Um viertel vor sechs drückte sie auf Senden und schickte ihren Beitrag an den Fatzke aus Wolfenbüttel.
Orientierungslos
Montag, 28. August
Bischof Carlo Eposito ging es immer noch mehr als schlecht. Die tote Johanna war in seinen Gedanken, in seiner ganzen Verzweiflung. Niemand konnte ihm die Last abnehmen, die große Schuld, die er auf sich geladen hatte. Wann immer es ihm möglich war, betete er für das Seelenheil der von ihm Getöteten und schloss ihre trauernden Eltern in seine Gebete mit ein. Er wusste noch nicht, wie das Ganze ausgehen würde.
Sein langjähriger Bekannter und guter Freund von Sensheim hatte quasi die Regie übernommen vor gut einer Woche: „Lass mich mal machen … ich regle das schon, du kannst nichts dafür, ein schrecklicher Unfall …“ Dann hatte man ihn zu seinem Wagen geführt, wo sich Giuseppe seiner angenommen hatte. Der gute, treue Giuseppe. „Fahren Sie den Bischof in sein Hotel und bringen Sie ihn zu Bett“, hatte von Sensheim seinen Fahrer auf Italienisch angewiesen. „Kümmern Sie sich um ihn.“
Eposito hatte bis um die Mittagszeit geschlafen. Dann waren die Geschehnisse der letzten Nacht in sein Gedächtnis zurückgekrochen. Fetzenweise. Er konnte sich seitdem nicht richtig konzentrieren. Je angestrengter und häufiger er nachdachte, desto öfter fiel er in ein Tal der Erschöpfung und hätte sich am liebsten nur ins Bett gelegt. Heute, gleich nach dem Frühstück, hatte von Sensheim ihn am Hotel abgeholt. „Heute ist dein letzter Tag in Bamberg, Carlo. Morgen um diese Zeit befindest du dich bereits wieder auf der Rückfahrt nach Rom. Alles wird gut. Gott wird dir vergeben, schließlich hast du in seinem Auftrag gehandelt. Lass uns diesen letzten Tag gemeinsam in Bamberg verbringen. Zeit genug, heute noch unsere schönen Bamberger Kirchen zu bewundern. Das hast du dir doch gewünscht. Das lenkt dich hoffentlich etwas ab.“ Doch das Gegenteil war der Fall.
Diözesanrat Maria Ludwig von Sensheim führte ihn durch die Altstadt, zeigte ihm alle bekannten Kirchen, die er sehen wollte, erzählte von deren Geschichte und den vielen kostbaren Kunstwerken, die sie in ihren Mauern bargen. Carlo Eposito lauschte zunächst den Worten seines Freundes, aber dann, als sie aus der St. Martinskirche traten, fiel ihm der erste dieser verteufelten Kästen auf, der unmittelbar neben dem Kircheneingang platziert war. Ein Mann stand davor, wühlte in seinen Hosentaschen nach Münzen und warf diese in ein kleines Plastikkästchen, bevor er sich eine Zeitung entnahm. Tod in der Regnitz, Polizei tritt immer noch auf der Stelle. Fette Buchstaben prangten vom Titelblatt. Eposito sprach zwar kaum Deutsch, aber die Worte Regnitz und Polizei brachte er schnell zusammen. Der Tod des Mädchens beherrschte die Schlagzeilen.
„Gehen wir zur Oberen Brücke“, vernahm er die Worte seines Freundes und Stadtführers wie aus der Ferne. „Das hier zu unserer Linken ist übrigens der Neptunbrunnen. Wir Bamberger nennen ihn Gabelmann, wegen des Dreizacks, den Neptun in der Hand hält.“ Eposito nahm den Brunnen gar nicht richtig wahr. Dafür starrte er auf den nächsten Zeitungskasten, unter dessen Plexiglasscheibe er eine weitere Schlagzeile erkannte. Die Worte Tod und Regnitz verstand er. Diese verdammte Stadt schien voll von diesen Zeitungskästen zu sein. Drüben, jenseits der Straße Obstmarkt standen schon wieder zwei von diesen Dingern.
„Das Viertel hier hat sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts stark verändert“, hörte er von Sensheim erzählen, „vor allem nach den Luftangriffen vom 22. Februar 1945.“ Doch Eposito war auch die Geschichte dieses Bamberger Viertels egal. Am liebsten hätte er sich an Ort und Stelle in Luft aufgelöst. Er fühlte die Blicke der Menschen, die an ihm vorbeigingen. Sie schienen ihn anzuklagen und zu fragen: Warum? Warum hast du sie erwürgt? Was hat sie dir angetan?
Nichts! Er wollte ihr doch nur helfen, sie von ihrer Besessenheit befreien. Er hatte doch nichts falsch gemacht?
„Ich beschwöre dich, Satan, Feind des menschlichen Heils, erkenne die Gerechtigkeit und Güte Gottes, des Vaters, der deinen Hochmut und deinen Neid durch gerechtes Urteil verdammt hat. Weiche von dieser Dienerin Gottes, die der Herr nach seinem Bild geschaffen, mit seinen Gaben beschenkt und als Tochter seiner Barmherzigkeit angenommen hat.“
Sein Gebet war innbrünstig gewesen und das Mädchen war sofort in Trance verfallen. Dann hatte er die lateinischen Gebete aus dem Rituale Romanum gesprochen, hatte der Besessenen das Ende seiner grünen Stola auf die Brust gelegt und sie mit Weihwasser bespritzt.
„Fugite partes adversae – Flieht, ihr diabolischen Kräfte“, hatte er gebetet und dem Mädchen mit seinem Daumen und dem Katechumöl das Kreuz auf die Stirn gezeichnet. Dann, ganz urplötzlich, ohne Vorwarnung, war es geschehen: Das Mädchen war von einer Sekunde auf die andere aus der Trance erwacht und in rasende Zuckungen verfallen, hatte sich wie eine Schlange gewunden und war ihm mit ihren spitzen Fingernägeln in den Hals gefahren. Er hatte ihren heißen Atem gespürt, der nach dem Leibhaftigen gerochen hatte. Der Satan, der in diesen zarten Körper gefahren war, hatte sich mit unheimlichen Kräften gegen seine Vertreibung gewehrt.
Dann waren der Kehle des Mädchens diese gutturalen Laute entfahren, dieses Gebrüll, das aus dem Grund der Hölle zu kommen schien. Sie waren immer lauter geworden, das Mädchen hatte ihn angefaucht, nicht mehr aufgehört. Der Satan hatte ihn persönlich angegriffen, ihn, den Gesandten Gottes, hatte ihn von seinem Vorhaben abbringen wollen, das Böse aus dem Körper des Kindes zu vertreiben.
Hätte er sich bloß nicht auf diese Sache eingelassen.
Er war in Panik geraten. Böse Mächte hatten gedroht über ihn zu kommen. Er hatte sich wehren müssen, hatte Satan eine Lehre erteilen müssen, hatte den Heiligen Geist in seiner Not angerufen. Gemeinsam würden sie den Teufel besiegen! Dann, tatsächlich, war die Kraft des Heiligen Geistes über ihn gekommen und hatte ihm die Hände an den dünnen, nackten Hals des sich unter ihm windenden Beelzebubs geführt.
Er hatte zugegriffen, erst mit einer, dann mit beiden Händen. Dann hatte er gedrückt. Fest. So fest er konnte. Luzifer hatte sich vehement gewehrt. Doch er hatte nicht locker gelassen und plötzlich hatte er gemerkt, wie die Kräfte des Satans schwanden. Der Gestank der Hölle hatte sich verzogen.
Als er die Augen geöffnet hatte, war vor ihm das Kind gelegen. Es hatte sich nicht mehr gerührt, war nur mehr eine leere Hülle gewesen.
Er, Eposito, hatte über das Böse gesiegt – doch das Kind war tot.
Immer wieder spielten sich diese Szenen vor seinem geistigen Auge ab, und zwischenzeitlich fragte er sich, ob nicht doch der Teufel diese Schlacht gewonnen hatte. Er hatte ihn zum Morden verführt, hatte ihn benutzt und zum Narren gehalten. Auch sein langjähriger Freund, Maria Ludwig von Sensheim, konnte ihm nicht mehr helfen. Als er ihn von dem Mädchen wegriss, war es bereits zu spät.
*
Der Kurienbischof stand in seinem Zimmer im Hotel Brudermühle. Er war gerade vom Abendessen zurückgekehrt. Die mörderische Hitze, die tagsüber über der Stadt gelegen hatte, machte ihm gesundheitlich zu schaffen. Er hatte von Sensheim gebeten, die Besichtigungstour früher zu beenden, als ursprünglich geplant.
Nun blickte er von seinem Hotelzimmer geistesabwesend auf das Alte Rathaus hinüber, das zum Greifen nahe war. Noch immer wälzten sich die Touristenströme über die Obere Brücke. Unter seinem Fenster rauschten die Wasser der Regnitz und die Strömung des Flusses schien eine Todesmelodie zu komponieren, die drohte, seinen Kopf und seine Gedanken platzen zu lassen. „Raus, du musst hier raus!“, brüllte ihm eine innere Stimme zu.
Fluchtartig verließ er sein Zimmer und fand sich Minuten später etwas orientierungslos auf der Unteren Mühlbrücke wieder. Er starrte erneut hinüber zum Alten Rathaus. Es begann zu dämmern, die Sonne stand bereits tief im Westen und die Hitze verlor allmählich ihre Kraft.
Regungslos stand er da, der schlaksige alte Mann, und wusste nicht so recht wohin. Die trüben Augen in seinem langen, schmalen Gesicht waren gegen den Himmel gerichtet, als ob er ein Zeichen Gottes erwartete. Doch Gott meldete sich nicht, ließ ihn allein mit seinen Ängsten. Seine gewaltigen Ohrmuscheln waren auf Empfang geschaltet, doch alles, was sie wahrnahmen, war das ständige Rauschen der Flussströmung. Die Falten, die sich beiderseits seiner Nasenflügel und des Mundes nach unten zogen, hatten sich in den letzten Tagen noch tiefer in sein Gesicht gegraben. Ein aufmerksamer Betrachter wäre nicht umhingekommen, ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit dem amtierenden Papst zu attestieren, wenn da nicht des Bischofs Haupt gewesen wäre – haarlos wie ein Kinderpopo.
Dann kam plötzlich Bewegung in seine hagere Gestalt. Schritt für Schritt legte er zurück, ohne darauf zu achten, wohin er ging. Er folgte dem Fluss stromaufwärts. Was hatte er nur falsch gemacht? Pater Amorth fiel ihm ein, sein ehemaliger Lehrmeister für Exorzismen, der letztes Jahr in hohem Alter verstorben war, sowie der emeritierte deutsche Papst Benedikt XVI. Ein kluger Mann, nicht nur in kirchlichen Angelegenheiten. Im Jahr 2009 soll er mitten auf dem Petersplatz zwei vom Teufel besessene Männer, Giovanni und Marco, vom Bösen befreit haben. Völlig irrsinnig sollen sie vorher ihre Köpfe auf das Pflaster des Platzes gestoßen haben und wie ein Peitschenhieb soll es die beiden getroffen haben, als Benedikt XVI. mit seinem Segen den Kampf gegen Satan gewonnen und die bösen Mächte vertrieben hatte. Wenn er wieder zurück in Rom war, musste er, Eposito, Benedikt unbedingt an seinem Wohnsitz, im Kloster Mater Ecclesiae, besuchen, musste sich den Rat dieses weisen Mannes einholen und ihm im Rahmen des heiligen Sakraments der Beichte erzählen, was sich in Bamberg ereignet hatte.
Er fasste wieder Mut. Ein leichtes Lächeln huschte für einen Moment über seinen Mund und seine trüben Augen versprühten wieder so etwas wie einen Funken Hoffnung.
Während er seinen Gedanken nachgehangen war, hatte Eposito nicht auf seinen Weg geachtet. Nun sah er sich um. Er war ständig flussaufwärts gegangen, an alten, verfallenen Mühlen vorbeigekommen, hatte diverse kleine Brücken überquert und las jetzt Mühlwörth von einem Straßenschild ab Das sagte ihm nichts. Links von ihm schloss eine lange Häuserzeile die schmale Teerstraße ab, rechts von ihm rauschte die schnell fließende Regnitz vorbei. Dann sah er, drüben auf der anderen Flussseite, ein Haus, das er dieser Tage schon einmal besucht hatte. War das nicht die Villa Concordia, heute Sitz des Internationalen Künstlerhauses? Maria Ludwig von Sensheim hatte ihn letzte Woche dorthin geführt und ihm einiges über das Gebäude erzählt. Nur schade, dass er sich so gut wie nichts gemerkt hatte – einst musste es wohl ein barockes Bürgerpalais gewesen sein.
Die Dunkelheit war zwischenzeitlich mit aller Macht über die Stadt hereingebrochen. Lediglich ein schmaler Streifen mattroten Lichts hinter dem westlichen Horizont kündete davon, dass die Sonne weiter auf ihrer Wanderung war. Über ihm schickte die kommende Nacht ihr dunkles Blau voraus, durchsetzt mit funkelnden Sternen und, ganz im Osten, einem satten, glänzenden Vollmond. Es wurde Zeit, umzukehren.
Der Schein des Monds brach sich in den Wassern der Regnitz und vermischte sich mit dem grünen Schimmer einer einsamen Leuchtreklame. Vom nahen Stadtzentrum tönte immer noch Verkehrslärm herüber. Carlo Eposito trat näher an das eiserne Geländer am Flussufer heran, das hier zum Schutz der Fußgänger aufgestellt worden war. Erst jetzt bemerkte er die Informationstafel, die sich hauptsächlich an Touristen richtete. Schleuse 100 las er im fahlen Schein einer altertümlichen Laterne. Das sagte ihm etwas. Hier in der Nähe musste es gewesen sein, wo der Fluss die Leiche des Mädchens freigegeben hatte. Herr, nimm Johanna auf in deinen Schoß.
„He! Papa.“ Eine Gestalt hatte sich aus dem tiefen Schatten eines riesigen Wacholderstrauchs geschält und kam langsam auf den Kurienbischof zu.
Ihr Gesicht war von einer übermächtigen Kapuze verborgen. Eposito war sich dennoch sicher, dass er diesen Mann nicht kannte.
Dann ging alles sehr schnell. Das dünne Stahlseil legte sich wie eine geschmeidige, hinterlistige Schlange um den faltigen Hals des Bischofs. Sofort wurde die Schlinge mit großer Kraft zugezogen. Eposito spürte einen brennenden Schmerz, versuchte, sich zu befreien, war jedoch machtlos gegen die Kraft des Angreifers, der dem Zappelnden jetzt sein Knie in den rechten Oberschenkel stieß, ihn zu Fall brachte und zu Boden drückte.
Unbeholfen lag der Bischof bäuchlings auf dem rauen Kopfsteinpflaster, sein Gesicht wurde in den Staub des engen Weges gedrückt. Die Häuserzeile rückte hier ganz eng an den Fluss heran. Eposito roch den trockenen Dreck der Straße, der sich mit dem Gestank von Diesel und Benzin vermischte, er sah die Asphaltflecken, die das Pflaster durchzogen, hörte sein eigenes, rasselndes Stöhnen. Es klang nach dem nahenden Tod. Der fremde Angreifer saß auf ihm und zog immer noch mit seiner ganzen Kraft an der stählernen Schlinge. Hat dich Gott geschickt? Ist das die Strafe für meine Tat? Wartet nun das Fegefeuer auf mich?
Eposito spürte den Schmerz des Todes nicht mehr, als er in die Bewusstlosigkeit hinüberdämmerte. Dann explodierte ein helles, gleißendes Licht in seinem Kopf und trug ihn fort. Gott, mein Herr, bald bin ich bei dir. Ich bin ein Sünder. Verstoße mich nicht. Nehme meine Buße an.
Der Mörder löste das Stahlseil vom Hals des Toten und steckte ihm ein papierenes Kärtchen mit einer handgeschriebenen Zeile in eine seiner Anzugstaschen: Papa era cattivo. Dann machte er sich am Bischofsring zu schaffen und verschwand still und leise in der Dunkelheit.
Überfordert
Dienstag, 29. August
„So eine Scheiße!“ Harald Hagenkötter fluchte wie ein Rohrspatz und zupfte unentwegt an seinem Schnauzbart. Eine typische Geste, wenn er nervös oder verärgert war.
Da war noch nicht einmal die Identität des toten Mädchens in der Regnitz geklärt und schon bescherte ihm der heutige Dienstag ein weiteres Mordopfer. Noch dazu einen römischen Kurienbischof aus dem Vatikan. Prost Mahlzeit, das konnte noch heiter werden.
Der Bamberger Oberbürgermeister war der erste, der am frühen Morgen angerufen hatte, gleich darauf ein Vertreter des Erzbistums und beide waren nicht erfreut gewesen. Gerade hatte er noch den Polizeipräsidenten für Oberfranken aus Bayreuth an der Strippe gehabt. Sie alle hatten ihn mit Fragen gelöchert, die er noch nicht beantworten konnte. Und er ärgerte sich: Für das tote Mädchen interessierte sich plötzlich kein Schwein mehr. Alles drehte sich nur um den römischen Bischof.
Jetzt war Hagenkötter auf dem Weg zum großen Besprechungszimmer. Dort hatte er sein Ermittlerteam zusammengerufen. Aufgaben mussten neu verteilt werden. Leider fehlte Professor Stich, auf dessen Erfahrung und Urteilsvermögen er so gerne baute. Die Obduktion der Leiche war schon in vollem Gange und Stich somit gut beschäftigt.
Im Besprechungsraum herrschte Hektik. Seine Leute waren von den Ereignissen genauso überrascht worden wie er. Der Hund eines frühen Spaziergängers hatte den toten Bischof gegen fünf Uhr morgens gefunden. Sein Herrchen, ein 80-jähriger Rentner, war völlig überfordert gewesen. Was tun? Ein Mobiltelefon hatte der Mann nicht dabei. Am nächsten Wohnhaus klingeln? Jetzt, um diese Uhrzeit? Gott sei Dank war ein Zeitungsausträger vorbeigekommen, der dann die Polizei angerufen hatte.
Hagenkötter warf die Tür des Besprechungszimmers hinter sich zu. „Guten Morgen!“
„Guten Morgen“, tönte es zurück, dann wurde es mucksmäuschenstill.
„Jetzt haben wir die Kacke am dampfen. Ich weiß nicht, was momentan in dieser Stadt los ist. Alle Schaltjahre haben wir mal einen Mord aufzuklären und jetzt, innerhalb von zwei Tagen, liegen gleich zwei Fälle auf dem Tisch. Wenn das so weitergeht … Wer von der Spusi war heute früh am Tatort? Gibt es irgendetwas Auffälliges, wo wir ansetzen können?“
Gerhard Frank von der Spurensicherung meldete sich als Erster: „Hautschuppen haben wir genug gefunden, aber im Moment sind wir erst bei der Auswertung. Das Opfer wurde erdrosselt. Vermutlich mit einer Würgeschlinge oder einem ähnlichen Instrument. Ich soll Ihnen von Professor Stich ausrichten, dass er noch vor Ort Blutaustritte durch Mund und Nase festgestellt hat. Das passiert, wenn die Luftröhre durch Druck so stark komprimiert wird, dass sie reißt. Die Male und der Druck auf das Halsgewebe waren auffallend gleichmäßig verteilt: tief, scharf abgegrenzt und in ähnlicher Ausprägung rund um den Hals feststellbar. Als Mordwerkzeug wurde also wahrscheinlich ein Drahtseil benutzt – da würde ich aber noch die genaue Obduktion abwarten, um sicher zu sein. Das Auffälligste an der Leiche steckte aber in seiner linken Anzugtasche: Der Täter hat eine Nachricht hinterlassen. Einen Zettel, etwa DIN A 6-Format, handbeschrieben. Die Schrift ist sehr gut lesbar: Papa era cattivo. Der Zettel ist gerade im Labor. Die KTU kümmert sich darum.“
„Mein Italienisch ist jetzt nicht das beste. Könnte mich mal jemand aufklären?“ Hagenkötter zupfte wie wild an seinem Schnauzbart herum.
„Papà era cattivo – zu Deutsch: Papa war böse, wenn ich mich nicht irre. Aber ich hab den Zettel noch nicht selbst gesehen …“, kommentierte Tina Meisel.
„Papa war böse? Sind wir hier im Kindergarten oder in der Klapsmühle?“, schnaufte Hagenkötter. „Ist das alles?“
„Sein Bischofsring ist auch weg“, schaltete sich Gerhard Frank noch einmal ein. „Ansonsten fehlt offenbar nichts. Geldbörse, persönliche Dokumente, Hotelschlüssel – alles noch vorhanden.“
„Wer bringt denn einen Bischof um, nur um seinen Ring zu klauen?“ Der Hauptkommissar sprach mehr zu sich selbst als zu seinen Mitarbeitern. „Und was hat dieses Papa-Getue damit zu tun?“
„Der Bischofsring ist sicher nicht der Grund seines Todes“, meinte Tina. „Der Geistliche trug keine Amtskleidung, sondern einen ganz normalen, schlichten schwarzen Anzug. Von hinten hätte der Mörder unmöglich erkennen können, dass er es mit einem hohen Würdenträger der römisch-katholischen Kirche zu tun hatte – und Eposito wurde ja wohl von hinten erdrosselt?“ Sie legte die Stirn in Falten. „Von vorn allerdings hätte man den weißen Kragen seines Kollarhemds sehen können, das ist dieser typische Priesterkragen. Aber bedenken wir: Es war mitten in der Nacht und der Angriff ging sicherlich ganz schnell vonstatten. Und überfällt jemand gezielt einen Geistlichen? Nur wegen seines Rings? Unwahrscheinlich.“
„Außer der Mörder kannte sein Opfer“, überlegte Hagenkötter. „Worauf diese seltsame Botschaft Papa war böse hindeuten könnte.“
„Aber wer bringt denn wohlwissend einen friedlichen Bischof um?“, zweifelte Tina noch immer.
„Auch Bischöfe sind keine Engel. Auch die haben manchmal Dreck am Stecken. Die Leiche ist noch bei Professor Stich am Institut für Rechtsmedizin in Erlangen, nehme ich an?“
„Genau. Er und ein Kollege müssten gerade bei der Autopsie sein. Um die Mittagszeit hole ich seinen schriftlichen Bericht persönlich ab, den zum Mädchen aus der Regnitz bringe ich auch gleich mit.“
„Gut, Frau Meisel. Apropos, was gibt es Neues im Fall unserer kleinen Wasserleiche? Irgendwelche Hinweise zu ihrer Identität?“ Hagenkötter blickte in die Runde.
Nun meldete sich zum ersten Mal Tinas Kollege Franz Schmuck. Der Mann war ein echter Ehrgeizling, der keinen Hehl daraus machte, auf der Karriereleiter so schnell wie möglich nach oben kommen zu wollen. Natürlich hatte er längst registriert, dass Tina zu Hagenkötter einen speziellen Draht hatte. Doch eines musste man ihm zugutehalten: Schmuck war kein Intrigant. Niemals wäre es ihm eingefallen, sich Tina gegenüber in unfairer Weise zu positionieren oder sie gar bloßzustellen. Er wollte durch eigene Leistungen überzeugen. Außerdem schätzte er seine Kollegin.
„Wir tappen immer noch weitgehend im Dunkeln“, begann Schmuck jetzt, „es ist zum Verrücktwerden. Aber gestern Abend hat sich bei mir ein Dr. Sieber gemeldet und erklärt, dass er der Leiter der Santi-Figli-di-Dio-Schule sei. Ich hatte noch nie von dieser Schule in Bamberg gehört, aber gut … Kurzum, er kam schnell zum Punkt und hat vermeldet, dass eine Schülerin abgängig sei und dass ihre Eltern ihm im Nacken säßen. Wenn ich ganz ehrlich sein soll: Seine Geschichte klang sehr verwirrend. Ich habe ihn für morgen neun Uhr ins Kommissariat einbestellt.“
„Sehr gut, Schmuck“, lobte Hagenkötter, „den Mann hören wir uns an. Gut möglich, dass seine abgängige Schülerin unsere Wasserleiche ist. Frau Meisel, sind Sie mit dabei? Und erkundigen Sie sich doch mal, was es mit dieser komischen Schule auf sich hat. Im Moment müssen wir uns noch an das halten, was wir sicher wissen. Gab es sonstige verwertbare Spuren oder Auffälligkeiten an der Leiche des Mädchens, die wir gestern noch nicht auf dem Schirm hatten?“
Ludwig Zahn von der Kriminaltechnischen Untersuchungsabteilung meldete sich zu Wort: „Wir haben bei dem toten Mädchen unter den Fingernägeln Fremd-DNA feststellen können und mit der bundesweiten Datei abgeglichen. Leider ohne Erfolg. Aber wir können davon ausgehen, dass sie sich heftig gegen ihren Mörder gewehrt hat.“
„Hmm. Frau Meisel, ich will den Obduktionsbericht, sobald Sie von Professor Stich zurück sind. Kommen Sie damit sofort zu mir. Das hat absoluten Vorrang.“ Zeigefinger und Daumen von Hagenkötters rechter Hand zogen wie wild an seinem Schnurrbart. Leicht nervös sah er sich in der Runde um. „Wie schaut’s aus, können wir uns so, wie wir hier sitzen, heute Abend nochmal treffen? Sagen wir um 19 Uhr? Ordentlich spät, aber ich würde gern mit Ihnen die Ergebnisse beider Obduktionsberichte durchgehen, Mädchen und Bischof. Ich weiß, was ich Ihnen damit zumute, aber die Angelegenheit ist verdammt wichtig.“
Hagenkötter erntete heftiges Kopfnicken.
„Ich danke Ihnen, Kollegen. Und Frau Meisel, bitte rufen Sie gleich Dr. Stich an und fragen Sie ihn, ob er bereit wäre, sich telefonisch zuzuschalten. Wer weiß, ob Sie ihn in seinem Institut überhaupt persönlich erwischen.“
„Mach ich, Chef“, antwortete Tina. „Sobald ich aus Erlangen zurück bin, verteile ich Kopien der Obduktionsberichte an die Kollegen, damit sie die Chance haben, sich vor unserem Abendtreffen einzulesen.“
„Prima. Herr Schmuck, Sie konzentrieren sich zwischenzeitlich auf die zweite Leiche. Dieser römische Bischof ist mit einem Chauffeur nach Bamberg gekommen, ein Italiener namens Bertone. Nehmen Sie sich den Fahrer bitte vor. Fühlen Sie ihm auf den Zahn. Ich möchte lückenlos wissen, wo sich das Mordopfer wann in Bamberg aufgehalten hat.“
Wer nicht wagt …
Dienstag, 29. August
In der Mediengruppe Oberfranken Zeitungsverlage GmbH & Co. KG in der Gutenbergstraße 1, der Heimat des Fränkischen Tags, saß Franziska seit einer halben Stunde ihrem Chef, dem Wolfenbütteler Arsch mit Ohren, in seinem luxuriös ausgestatteten Büro gegenüber. Auf dem ausladenden Schreibtisch und in den Regalwänden standen die üblichen Familienfotos herum. Die Lieben daheim sollten doch auch während eines kräfteraubenden Arbeitstags omnipräsent sein: die Gottesanbeterin, Seepferdchen weiblich und Seepferdchen männlich.
„Franziska, dein Bericht und deine Fotos waren top. Gute Ausgabe gestern. Bleib da dran an dem Fall, aber bitte sei so lieb und kümmere dich heute vorrangig um den toten Bischof.“ Bitte, er hatte erstmals das Wort bitte verwendet. „Der Mord ist ja ein echter Hammer. Und schon wieder ganz in deiner Nähe! Hast du ein Alibi? Hä, hä … Aber Spaß beiseite. Franziska, versuch herauszufinden, was der hier in Bamberg gemacht hat. Sprich mit der Polizei, sprich mit dem Erzbistum, sprich mit dem Papst, wenn es sein muss, sprich mit Gott und dem Teufel, recherchier dich so tief in sein Leben rein, dass du hinten wieder rauskommst. Irgendwo muss es ja wohl einen Ansatzpunkt für seinen gewaltsamen Tod geben.“ Hühnertod stand auf und lief gestikulierend hinter seinem Schreibtisch auf und ab. „Wofür war er innerhalb des Vatikans zuständig? Wer vom Erzbistum hat ihn hier betreut? Ist er jemandem auf die Füße getreten? Und so weiter und so fort. Wozu erzähl ich dir das? Du bist ja selbst ein alter Hase und weißt, worauf es ankommt.“
„Und was ist mit dem toten Mädchen?“, wollte Franziska wissen. „Recherchieren wir jetzt nur noch zum ermordeten Bischof oder wie soll ich das verstehen?“
„Selbstverständlich nicht, aber der Tod so eines Kurienbischofs hat schon eine gewisse Priorität. Die Schlagzeilen, das Öffentlichkeitsinteresse. Du verstehst doch … Der bayerische Innenminister hat im Radio eine rasche Aufklärung versprochen. Das hier hat politische Dimensionen! Wir benötigen deinen Bericht für die morgige Ausgabe. Wir brauchen Auflage, Franziska, Auflage!“
Die Lokalredakteurin musste an sich halten, so sehr gingen ihr die Aussagen ihres Vorgesetzten gegen den Strich. Zähne zusammenbeißen. „Können Sie mir denn schon etwas über die Ermordung des Kurienbischofs sagen?“
„So gut wie nichts, außer, dass er heute, gegen fünf Uhr morgens, in der Nähe der Schleuse 100 erdrosselt aufgefunden wurde.“
„Und Ihre exzellenten Beziehungen zu unserer örtlichen Polizeiinspektion?“ Franziska konnte sich den kleinen Seitenhieb nicht verkneifen.
Der Wolfenbütteler setzte ein schlechtes Pokerface auf und antwortete mit eisigem Schweigen.
„Sind wir dann fertig, kann ich mich gleich an die Arbeit machen? Ansonsten ist der Tag vorbei und wir haben keinen Artikel“, setzte Franziska nach.
„Klar, wir sind für den Moment fertig. Weißt du schon, wo du ansetzen wirst?“
„Beim Stich!“
„Beim Stich?“ Bernd Hühnertod sah ziemlich bescheuert drein, doch Franziska hatte sein Büro schon verlassen.
*
Ob ihr Vorhaben von Erfolg gekrönt sein würde, wusste Franziska nicht, aber sie hatte sich vorgenommen, den Stier bei den Hörnern zu packen. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt. 20 Minuten später fuhr sie in ihrem Mini Cooper auf dem Frankenschnellweg an der Ausfahrt Hirschaid vorbei. Die Silhouette des XXXL-Möbelhauses grüßte zu ihr herüber.
Franziska wollte Professor Stich in Erlangen einen Besuch abstatten. Er hatte die Leiche des toten Mädchens obduziert. Ob er an dem Kurienbischof auch schon dran war, konnte sie nicht ermessen. Natürlich hatte sie Zweifel daran, dass Stich ihr überhaupt Informationen zu den Details der Autopsie preisgeben würde. Alles, was nicht schon in den bisherigen Presseberichten erschienen war, musste zumindest offiziell sicherlich unter Verschluss bleiben. Vielleicht empfing er sie auch gar nicht. Sie musste es einfach probieren. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Außerdem: Männer verhielten sich manchmal völlig irrational. Vor allem, wenn ihnen eine attraktive Interviewpartnerin gegenübersaß. Dann konnte auch das Ego eines erfolgsverwöhnten Mannes eine gewichtige Rolle spielen, selbst bei so erfahrenen Herren wir Professor Stich. Franziska warf einen prüfenden Blick in den Rückspiegel. Ja, das könnte klappen.
Sie wusste, dass in der Universitätsstraße 22, wo das Institut für Rechtsmedizin zu finden war, nur sehr wenige Parkplätze zur Verfügung standen, also fuhr sie gleich auf den Großparkplatz hinter dem Erlanger Bahnhof und machte sich zu Fuß auf den Weg. Von irgendwo her läuteten Glocken zur Mittagsstunde, als sie vor dem Sekretariat von Professor Franziskus Stich stand. Ein kurzes, kräftiges Durchatmen, dann klopfte sie zweimal deutlich und laut an die Tür und drückte sofort die Klinke. Eine attraktive Frau Mitte 30 mit schwarzem Pagenschnitt und mächtiger Oberweite sah Franziska fragend an.
„Guten Tag, mein Name ist Franziska Berger, ich komme aus Bamberg …“ – weiter kam sie nicht.
„Ich weiß, ich weiß“, unterbrach sie der Pagenschnitt und wackelte mit der Oberweite. „Sie sind ja pünktlich wie die Maurer. Ich habe Sie schon erwartet. Die Autopsien der beiden Bamberger Mordopfer, richtig? Den Bericht den Bischof betreffend habe ich gerade erst fertiggestellt. Der Chef hat ihn aber auch schon unterschrieben.“
Franziska war im ersten Moment so verdattert, dass sie nicht wusste, wie sie reagieren sollte, doch dann erfasste sie die Bedeutung der Worte. „Ähm, ja, die beiden Autopsieberichte, genau“, antwortete sie und bemühte sich um ein Pokerface.
„Ich mag es, wenn jemand pünktlich ist“, lächelte der Pagenschnitt, griff in eine Schublade des Schreibtisches, zog zwei braune Umschläge heraus und drückte sie Franziska in die Hand. „Und richten Sie Herrn Hagenkötter auch schöne Grüße von Herrn Professor Stich aus“, flötete die mächtige Oberweite noch, sah damit offenbar die kurze Konversation als beendet an, setzte sich ein Headset auf den Kopf und wandte sich wieder der Tastatur ihres Computers zu.
Franziska war immer noch ziemlich perplex, als sie wieder auf dem Gang stand. Langsam stieg dazu ein Gefühl des Triumphs in ihr auf, gepaart mit der Besorgnis, dass ihr unrechtmäßiges Verhalten sie in große Schwierigkeiten bringen konnte. „Cool down, cool down“, sprach sie sich selbst Mut zu.
Draußen auf der Straße vor dem Institut nahm sie sofort ihr Mobiltelefon zur Hand, beglückwünschte sich zur Macht des Zufalls und wählte die Nummer von Tina Meisel, die sie erst vor zwei Tagen frisch eingespeichert hatte.
„Tina Meisel, Kripo Bamberg.“
„Franziska hier, hallo Tina. Sag mal, meldest du dich immer mit deiner vollen Berufsbezeichnung, auch auf deinem privaten Handy?“
Franziska hörte Tina lachen. „Wenn ich im Dienst bin, ist für mich kein Telefonanruf privat, auch nicht am persönlichen Handy. Was gibt’s denn?“
„Tina, können wir uns kurzfristig treffen? Es ist sehr wichtig.“
„Sorry, Franziska, ich bin gerade dienstlich nach Erlangen unterwegs. Ich hätte nicht einmal ans Handy gehen können, wenn ich nicht wegen eines Unfalls bei Möhrendorf im Stau stehen würde.“
„Bist du auf dem Weg in die Universitätsstraße 22?“
„Woher weißt du das?“
„Tina, ich halte die beiden Berichte, die du abholen willst, schon in meinen Händen. Kennst du das Café Mengin am Schlossplatz? Ich warte da auf dich. Und dann erzähle ich dir eine Geschichte, die du kaum glauben wirst.“
Zusammenarbeit
Dienstag, 29. August
30 Minuten hatte Franziska Zeit, sich einen Cappuccino und einen Toast Hawaii zu bestellen, die beiden Berichte aus den unverschlossenen Kuverts zu nehmen und Seite für Seite abzufotografieren, bevor Tina völlig aufgelöst und überhastet ins Café gestürzt kam und sich schnaubend neben ihr niederließ.
„Was machst du nur für Sachen, Franziska! Das kann uns beide in Teufels Küche bringen.“
„Ich weiß, ich weiß! Aber hör mir erst mal zu …“
Nachdem sich Tina ein großes Mineralwasser bestellt hatte, begann Franziska zu erzählen: vom Auftrag Hühnertods bis zur beinahe fatalen Verwechslung des Pagenschnitts im Büro von Professor Stich.
Die Kommissarin zweifelte nicht an der Aufrichtigkeit ihrer Worte: „Aber wie ich dich von früher kenne, hast du die Gunst der Stunde schon genutzt, habe ich recht?“
Franziska hatte den Anstand, wenigstens eine Sekunde lang betreten dreinzuschauen. „Klar, ich war einfach zu neugierig und hab reingelesen. Und ich sage dir ganz aufrichtig – der Bericht zur Wasserleiche hat mich schockiert. Hast du eine Ahnung, was dem Mädchen in ihrem jungen Leben schon widerfahren ist?“
„Offensichtlich nicht, du hast mir den Blick in den vollständigen Obduktionsbericht ja voraus.“
„Es ist einfach widerlich. Was muss da für eine Bestie am Werk gewesen sein? Tina, ganz ehrlich: Ich kann mich da nicht nur auf das passive Schreiben irgendwelcher Artikel beschränken. Ich muss da tiefer rein, ich will wissen, wer der Mörder ist.“
Tina machte große Augen und schnaufte tief durch. „Franziska, nein, was denkst du dir nur, wenn du so was sagst? Bitte halt dich da raus, du bist Journalistin und keine Kriminalerin, du kennst meine Bedenken. Der Mörder läuft noch frei herum. Jetzt nehmen wir einmal an, du kommst ihm wirklich auf die Spur: Wenn er sich in die Enge getrieben fühlt – wer weiß, zu welchen weiteren Taten er bereit ist! Und was machst du dann? Ich will nicht noch eine dritte Leiche auf dem Tisch haben.“ Tina schüttelte heftig ihren Lockenkopf. „Was treibt dich eigentlich? Geht es dir wirklich nur um den beruflichen Erfolg? Um die Schlagzeile Bamberger Journalistin überführt Sexmonster?“
„Nein, Tina, das ist es nicht.“ Franziska sah die Kommissarin, ihre frühere Schulfreundin, ernst an. „Zumindest nicht vordergründig. Natürlich habe ich meinen jornalistischen Ehrgeiz … aber ich habe auch persönliche Gründe.“ Sie zögerte und wich Tinas Blick aus, bevor sie langsam und leise weitersprach. „Vielleicht erinnerst du dich – damals am Gymnasium … es gab da diese Zeit, in der ich … anders war. Zurückgezogen, depressiv.“
Tina war still geworden und fixierte Franziska mit weit hochgezogenen Augenbrauen.
Diese hob nun wieder ihren Blick. Ein tiefes Atemholen. „Ich sage das, weil ich will, dass du mir vertraust, Tina, und weil ich dir vertraue … Als ich 14 war, wurde ich selbst Missbrauchsopfer. Mein Lieblingsonkel, der Bruder meiner Mutter, hat mich auf einem gemeinsamen Ausflug in die Fränkische Schweiz vergewaltigt … Unmittelbar danach war ich geschockt, wusste nicht, was ich tun sollte. Vor allem, als er sich bei mir heulend entschuldigte und mich beschwor, niemandem etwas davon zu erzählen, sonst käme er ins Gefängnis … Kannst du dir vorstellen, was in mir vorging? Die körperliche Verletzung war schlimm, aber die psychische noch so viel mehr … die Angst, die Verzweiflung, die Schutzlosigkeit, alles war kaputt.“
„Mein Gott, Franziska, ich hatte keine Ahnung …“
„Am nächsten Tag habe ich es meiner Mutter erzählt. Die hat sofort das Telefon genommen und die Polizei angerufen.“ Franziska griff nach ihrer Cappuccinotasse, obwohl die schon längst leer war. „Was danach kam, war für mich fast schlimmer als die eigentliche Tat selbst. Versteh mich nicht falsch, ich bin meiner Mutter sehr dankbar für ihr Handeln – es war wichtig, Anzeige zu erstatten, niemand darf mit so etwas davonkommen. Aber wie mit mir dann umgegangen wurde … die hochnotpeinlichen Fragen, die angeblich zur Wahrheitsfindung notwendig waren, die Einzelheiten des Tathergangs, die ich detailliert erzählen musste, nur weil der Richter sie hören wollte. Ob ich mich gegenüber meinem Onkel in einer aufreizenden Art und Weise gezeigt habe? Ob ich ein sexuelles Lustgefühl verspürt habe? Ich habe mich am Ende so schuldig gefühlt und mich so sehr geschämt. Ein Jahr lang war ich in psychotherapeutischer Behandlung.“
Tina hatte Franziskas Bericht mit gerunzelter Stirn zugehört und griff jetzt vorsichtig nach ihrer Hand. „Das wusste ich alles nicht. Es tut mir so leid. Wie geht es dir heute damit?“
Franziska lächelte leicht. „Meistens ist alles gut. Und dann an manchen Tagen auch wieder nicht. Vielleicht bin ich auch immer noch deshalb am liebsten allein, ohne Mann. Wer weiß?“ Sie griff nach dem Kuvert mit dem Obduktionsbericht zur unbekannten weiblichen Wasserleiche. „Ich könnte kotzen, wenn ich daran denke, was dem toten Mädchen alles widerfahren ist. Ich meine, der Bericht von Professor Stich lässt da wenige Zweifel offen. Lies selbst! Nein, Tina, du kannst mich nicht dazu bringen, an dieser Stelle inaktiv zu bleiben. Ich werde recherchieren und keine Ruhe geben, bis das Schwein gefunden ist, das dieses Verbrechen begangen hat. Und wenn ich ihn vor euch finde, dann schneide ich ihm höchstpersönlich die Eier ab und werfe sie in die Regnitz!“ Franziska hatte sich in Rage geredet, ihr Gesicht zeigte eine wilde Entschlossenheit.
Tina hielt immer noch die Hand ihrer gerade wiedergewonnen Freundin in ihren beiden, wollte erst wieder den Kopf schütteln – und traf dann spontan einen Entschluss, der sie den Job kosten konnte: „Franziska, der Dienstvorschrift nach müsste ich jetzt meinem Chef sofort von unserem Gespräch berichten und überhaupt erklären, wie du zu den beiden Autopsieberichten gekommen bist. Aber ich glaube, dass ich so mit einem Schlag unsere neue Freundschaft und dein Vertrauen in mich zerstören würde. Das will ich nicht. Außerdem weiß ich beim besten Willen nicht, wie ich dich, ohne dich zu verraten, davon abhalten soll, auf eigene Faust zu ermitteln. Ich kann aber auch nicht zulassen, dass du dabei unter die Räder kommst. Also mache ich dir den Vorschlag der Zusammenarbeit – wenn“, sie hob ihren Zeigefinger, „wenn du mir hoch und heilig versprichst, keinerlei unabgestimmten Einzelaktionen zu unternehmen, nicht über Ermittlungsergebnisse zu schreiben, die keinesfalls an die Öffentlichkeit gelangen dürfen, und vor allem keiner Menschenseele von unserer Abmachung zu erzählen. Hör mir zu …“
Überstunden
Dienstag, 29. August
Wieder war die Runde vom Vormittag im Besprechungszimmer zusammengekommen. Es war Punkt 19 Uhr, als Hagenkötter und Tina Meisel den Raum betraten. Auch die Telefonverbindung nach Erlangen stand. Am Ende der Leitung wartete Dr. Stich auf den Beginn der Besprechung. Jeder der anwesenden Polizeibeamten hatte die Obduktionsberichte sorgfältig gelesen. Keiner wollte sich eine Blöße geben.
Hagenkötter kam sofort zur Sache und griff zm bereitliegenden Telefonhörer. „Doc?“, brummte er in den Apparat.
„Bei der Arbeit.“
„Schön, dass Sie dabei sind“, freute sich der Hauptkommissar. „Ich stelle Sie jetzt auf Lautsprecher. Wir sitzen hier in großer Runde und haben Ihre beiden Obduktionsberichte gelesen.“
Allseitiges stummes Kopfnicken begleitete Hagenkötters Worte.
Der grinste, drückte ein Knöpfchen und fuhr fort: „Doc, Sie haben das Wort, wir lauschen.“
Es vergingen ein paar Sekunden, dann hallte ein tiefes Räuspern aus dem Lautsprecher. „Erst mal einen schönen Abend an alle. Beginnen wir mit dem Mädchen. Ja, ein wirklich interessanter Fall. Also, die Todesursache ist immer noch klar wie Kloßbrühe: Das Kind wurde erdrosselt und erst danach im Fluss abgelegt. In Ihrer Lunge befand sich kein Wasser. Die Sache mit der Fremd-DNA ist euch auch schon bekannt. Konntet ihr damit etwas anfangen?“
„Leider nicht“, antwortete Kriminalkommissar Ludwig Zahn. „Die haben wir nicht im Computer.“
„Schade“, fuhr Stich fort. „Dafür kann ich mit zwei traurigen Überraschungen aufwarten: Das Mädchen war keine Jungfrau mehr und – haltet euch fest – die Kleine hat Crystal Meth konsumiert. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Haaranalyse war eindeutig.“
„Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, eine Haaranalyse durchzuführen?“ Hagenkötter wirkte deutlich aufgewühlt und drangsalierte seinen Schnurrbart.
„Es war ihre Haut“, erklärte der Professor. „Sie hatte eine aschfahle Haut und eingefallene Wangen. Typische Merkmale von Meth-Konsumenten.“
„Aber das Mädchen lag doch über eine Woche in der Regnitz!“
„Stimmt, aber die spezielle Färbung ist mir doch spanisch vorgekommen. Im Zusammenhang mit diesen extrem konkaven Gesichtszügen. Sie dürfen sich über meinen guten Riecher ruhig freuen, Herr Hauprkommissar!“
„Natürlich, natürlich. Und am Ergebnis der Haaranalyse kann absolut kein Zweifel bestehen?“
„Nun, die Haaranalyse ist die zuverlässigste Methode, um festzustellen, ob jemand Rauschgift konsumiert hat“, klang es aus dem Lautsprecher. „Über das Blut oder den Urin sind die Substanzen nur wenige Stunden oder Tage nachweisbar. Mit den Haaren verhält sich das völlig anders, darin werden vom Körper verschiedenste Substanzen und Stoffwechselprodukte abgelagert. Die pigmentbildenden Zellen an den Haarwurzeln nehmen sie auf und binden sie in Melanin. Das ist das Pigment, das dem Haar seine Farbe verleiht.“
„Das heißt, das einmal konsumierte Crystal Meth wächst quasi nach außen“, platzte Kommissar Schmuck dem Rechtsmediziner ins Wort.
„So kann man das auch sagen“, antwortet Stich belustigt.
„Und woher wissen wir, dass es sich exakt um Crytal Meth handelt und nicht beispielsweise um Kokain?“, bohrte Tina weiter.
„Weil man über die Analysen mittels der sogenannten Gaschromographie und Massenspektronomie nicht nur Konsummenge und -häufigkeit feststellen kann, sondern vor allem die exakte Substanzart.“
„Aber wie zum Teufel kommt so ein junges Ding an Crystal Meth?“, wunderte sich Schmuck lautstark. „Da stimmt doch was nicht!“
„Genau das ist der Punkt“, pflichtete Hagenkötter ihm bei, „und genau das müssen wir herausbekommen. Jetzt fehlt uns als oberstes Puzzlestück nur noch die Identität der Toten. Dazu irgendeine hilfreiche Beobachtung, Doc?“
„Sorry, da kann ich nichts beitragen.“
Auch was den Tod des Kurienbischofs anging, brachte der zweite Obduktionsbericht keine bahnbrechenden Erkenntnisse. Der Professor bestätigte lediglich nochmals, dass der Kleriker mit einem Drahtseil erdrosselt worden war: „Da kommt nicht der geringste Zweifel auf, deutliches Erdrosseln. Am Opfer waren hauptsächlich auf den Wangen, der Zunge und der Innenseite der unteren Augenlider die typischen punktförmigen Blutungen – in den sogenannten Petechien – zu sehen. Der Blutstau ist dafür verantwortlich. Unser Bischof hatte keine Chance.“
Santi-Figli-di-Dio
Mittwoch, 30. August
Santi-Figli-di-Dio – Heilige Kinder Gottes war im Jahr 1963, im Auftrag des Papstes, von dem italienischen Bischof Angelo Marotti als Laienorganisation der römisch-katholischen Kirche in Rom gegründet worden. Das hatte Tina recherchiert. Genau wie bei der umstrittenen Laienorganisation Opus Dei handelte es sich um eine Personalprälatur, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil angeregt und eingeführt worden war. Der eigentliche Sinn und die Aufgaben dieser institutionellen Rechtsform bestanden in der besonderen seelsorglichen Betreuung minderjähriger Jugendlicher, verbunden mit einer konsequenten geistlichen Erziehung im Sinne der katholischen Kirche.
An der Spitze der Organisation stand ein Prälat im Range eines Bischofs, der in seinem Tun vom Generalrat unterstützt wurde. Ansonsten herrschte eine strenge, hierarchische Grundordnung vor, ähnlich dem Vorbild der Diözesen. Mitglieder der Institution waren – der Name verriet es schon – im Wesentlichen Laien, die ihr Leben dem Ruf Gottes gewidmet hatten. Daneben gab es auch Priester, die sich in der ähnlich aufgebauten Gemeinschaft Zum Goldenen Kreuz organisiert hatten. Die Laien unterstanden in institutioneller Hinsicht dem regionalen Bischof und erhielten eine umfassende theologische Ausbildung. Die Regeln waren streng: Alle Mitglieder waren aufgerufen, nach Heiligkeit zu streben, nach einem christlichen Leben in der Nachfolge Jesu. Ein Tagesplan, der bestimmte, zeitlich festgelegte Gebete vorsah, sollte helfen, den Alltag zu strukturieren. Körperliche Bußübungen waren bei den priesterlichen Mitgliedern Pflicht, wurden aber auch bei den Laienvertretern gern gesehen. Absoluter Gehorsam wurde erwartet, konservatives Gedankengut herrschte vor und hätte man die politischen Neigungen der Mitglieder hinterfragt, wäre dabei ein überaus rechtsgerichteter Trend ans Tageslicht gekommen, da war sich Tina sicher.
Neben Rom hatten die Heiligen Kinder Gottes noch Stützpunkte in Turin, Neapel und Mailand. Die Santi-Figli-di-Dio-Schule in Bamberg war ihre erste Organisationseinheit außerhalb Italiens und offenbar als Sprungbrett für weitere Gründungen in anderen europäischen Städten gedacht. Das Besondere der Bamberger Einrichtung war ihr Bemühen um Kinder und Jugendliche mit körperlichen Behinderungen oder sogar geistigen Einschränkungen – sofern sie den Besuch eines Gymnasiums nicht unmöglich machten. Ein Internat versprach auf den Einzelfall abgestimmte Pflege und Betreuung.
Das alles wusste nun auch Kriminalhauptkommissar Hagenkötter von seiner Mitarbeiterin, als Dr. Johannes Sieber, der Leiter der örtlichen Santi-Figli-di-Dio-Schule am Mittwoch, morgens um neun Uhr, in sein Büro geführt wurde. Der Kollege, der den Herrn hereingeleitet hatte, nickte Tina und ihrem Chef kurz zu und schloss dann die Tür.
„Nehmen Sie Platz“, bot Hagenkötter seinem Gast einen Stuhl an. „Können Sie sich vorstellen, warum wir Sie zu diesem Gespräch eingeladen haben?“
„Ich kann es nur vermuten. Geht es um das tote Mädchen in der Regnitz?“
Tina überfiel sofort ein Gefühl der Abneigung und des Misstrauens, als Dr. Sieber zu sprechen begann. Da saß ein eiskalter Typ vor ihnen, dem man besser mit einer Portion gesundem Misstrauen gegenübertrat. Allein sein äußeres Erscheinungsbild war schon grenzwertig. Sie schätzte ihn auf um die 50. Dunkelbraunes, gegeltes Haar mit Linksscheitel, der wie mit dem Lineal gezogen aussah. Verhärmtes Gesicht, das kein Lächeln zuließ. Stocksteife Haltung und dann erst noch die Kleidung: weißes Hemd unter braunem Anzugsjackett, das bestimmt schon 20 Jahre auf dem Buckel hatte. Die blaue Krawatte passte dazu wie die Faust aufs Auge. Seine weißen Socken, die in braunen Sandalen steckten, hatte er unter Hagenkötters Schreibtisch versteckt.
„Wie kommen Sie auf das tote Mädchen in der Regnitz?“, fragte Hagenkötter. „Ich habe sie mit keinem Wort erwähnt.“
„Wir vermissen eine Schülerin“, erklärte Dr. Sieber. „Sie ist im gleichen Alter. Also, ich meine das Alter des toten Mädchens. Natürlich vorausgesetzt, die Angaben in den Zeitungen stimmen.“
„Aber bei uns gemeldet haben Sie sich diesbezüglich nicht. Sie haben ausschließlich den Verlust der Schülerin angemerkt. Oder sehe ich das falsch?“
Dr. Sieber blieb eine Antwort schuldig. Stattdessen griff er in eine der Innentaschen seines Jacketts und knallte ein Hochglanzfoto auf den Tisch. „Das ist die Schülerin, die wir vermissen“, erklärte er. „Johanna. Johanna Sonnleitner.“
Hagenkötter und Tina erkannten sie sofort.
„Ich hielt es für besser, mich erst mit den Eltern der Schülerin zu beraten, bevor ich die Polizei informiere.“
„Ich denke, Sie sind uns eine Erklärung schuldig, Herr Dr. Sieber!“ Hagenkötters Aufforderung kam schneidend und bestimmt. „Ihr Foto zeigt wirklich das tote Mädchen, das in der Regnitz trieb.“
„Mein Gott!“ Der Schulleiter schlug theatralisch die Hände vor dem Gesicht zusammen, schaute aber weiter sehr kühl und unberührt drein. „Ich habe es geahnt. Die armen Eltern!“
„Wir warten auf Ihre Erklärung“, erinnerte ihn Tina.
„Ja, natürlich. Mein Gott, wo soll ich bloß beginnen?“
„Am besten am Anfang“, forderte ihn der Hauptkommissar auf.
„Also gut.“ Dr. Sieber reckte das Kinn und richtete seinen Blick starr auf das Foto, das er selbst mitgebracht hatte. „Ich versuche mich kurz zu fassen: Die Sonnleitners sind Österreicher. Vor einigen Jahren sind sie nach Strullendorf gezogen, weil … es ist eine private Angelegenheit der Familie, kann ich das offenlegen?“
„Ich würde es Ihnen dringend empfehlen“, brummte Hagenkötter.
„Nun. Ihre Tochter Johanna leidet … litt an einer seltenen Krankheit, dem Tourette-Syndrom. Das kam bei ihr in Schüben, tagelang ging es ihr gut und dann brach es wieder mit Macht aus ihr heraus: unkoordinierte Bewegungen, Verrenkungen, dazu wilde Laute … Das war auch der Grund, warum ihre Eltern Johanna an unsere Schule gegeben haben. Sie müssen wissen, unsere Schule …“
„Wir haben uns informiert“, schnitt ihm Hagenkötter das Wort ab. „Fahren Sie fort!“
Sieber zog nur kurz pikiert die Nase kraus. „Na gut. Johannas Eltern mussten wegen eines Trauerfalls in der Familie kürzlich zurück in die Heimat, nach Graz, wollten ihrer Tochter aber die Reisestrapazen und, ich vermute, auch die ganze mit einer Beerdigung verbundene Aufregung nicht zumuten. Deshalb fragten sie mich, ob wir uns in der Schule um Johanna kümmern, sie während ihrer Abwesenheit in Obhut nehmen könnten – trotz Schulferien.“
„Wann genau war das?“, wollte Hagenkötter wissen.
„Die Sonnleitners brachten Johanna am 19. August zurück zur Schule, hatten vor, am 23. nach Graz zu fahren und kamen vorgestern wieder zurück.“
„Warum schon am 19., wenn sie erst am 23. losfuhren?“, hakte Hagenkötter nach.
„Da müssen Sie die beiden schon selber fragen“, wich der Schulleiter aus. „Das entzieht sich meiner Kenntnis.“
„Sie sprachen gerade von Obhut, Herr Dr. Sieber“, schaltete sich Tina ein. „Können Sie sich erklären, wie, wann und vor allem warum Johanna Ihrer Obhut entglitt? Ich meine, das Mädchen wurde mehr durch Zufall am 26. August tot in der Regnitz aufgefunden. Ermordet wurde sie nach unseren Einschätzungen aber rund eine Woche davor, also um den 19. August herum, an dem Sie sie wieder in der Schule aufgenommen haben wollen. Ist Ihnen beziehungsweise Ihren Betreuern nicht aufgefallen, dass Johanna sofort abgängig war?“
Dr. Sieber sah Tina nur mit leicht gerunzelter Stirn an.
„Haben Sie sich keine Sorgen gemacht? Warum haben Sie nicht schon früher eine Vermisstenanzeige aufgegeben? War Ihnen egal, wo Johanna abgeblieben war?“ Tina war dieser geschniegelte und gebügelte Typ, wie man in Franken sagt, so unsympathisch, dass es ihr schwerfiel, ihre Abneigung zu verbergen. Ihm fehlte einfach jeglicher Hauch von Mitgefühl, er war kalt wie eine Hundeschnauze.
„Nein, natürlich ist uns bei den Santi-Figli-di-Dio kein einziger unserer Schutzbefohlenen egal. Lassen Sie mich erklären: Ich wähnte Johanna auf einer Exerzitienfahrt nach Gößweinstein. Ich muss zugeben, ein peinliches Beispiel schlechter Kommunikation: Pater Ferdinand, einer unserer Religionslehrer, kam vor ein paar Wochen mit diesem Vorschlag zu mir. Aber lassen Sie mich von Anfang an erzählen.“ Sieber setzte sich etwas bequemer zurecht und schlug die Beine übereinander. „Sehen Sie, wir haben selbst während der bayerischen Schulferien unsere Tore für unsere Schüler geöffnet. Das unterscheidet uns von anderen Schulen. Derzeit beherbergen wir rund 30 von ihnen in unseren Mauern – trotz Ferienzeit. Um ihnen auch etwas Urlaubsgefühle zu verschaffen, schlug Pater Ferdinand einen elftägigen Ausflug nach Gößweinstein in der Fränkischen Schweiz vor. Um die geistlichen Werte in den Vordergrund zu stellen, haben wir den Ausflug als Exerzitienfahrt mit religiösem Hintergrund deklariert. Ich war begeistert.“ Sein Tonfall und sein kaum vorhandenes Mienenspiel ließen etwas anderes vermuten. „Nur, dass Johanna auch daran teilnehmen sollte, da waren Pater Ferdinand und ich uns zunächst uneinig. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Johanna, ihrer Krankheit wegen, an so einer Exkursion teilnehmen könnte. Da hätte es doch einen ständigen Betreuer gebraucht, der sich gekümmert hätte, sobald sie einen ihrer Anfälle … ich meine, in der Öffentlichkeit kann man sie doch so nicht allein lassen. Nicht machbar mit weit über 20 Exkusionsteilnehmern und nur einem Betreuer. Nun ja, einen Tag später kam sie heulend zu mir. Daraufhin erklärte sich eine andere Lehrkraft, Pater Friedhelm, bereit, die Truppe zu begleiten und sich ausschließlich um das Wohlergehen von Johanna zu kümmern. Er war sogar bereit, die Reisekosten aus eigener Tasche zu bezahlen. Ich war tief gerührt und gab schließlich mein Okay. Was ich bis letzten Montag nicht wusste, war, dass Johanna zur Abfahrt des Busses nicht erschienen war.“
„Nicht erschienen? An welchem Tag war das genau?“ Tina glaubte Sieber kein Wort.
„Das war am 21. August.“
„Und Ihre beiden Lehrkräfte, Pater Ferdinand und Pater Friedhelm“, übernahm Tinas Chef wieder die Wortführung, „haben Sie nicht darüber informiert, dass Johanna fehlte, und sind einfach ohne sie losgefahren?“ Auch Hagenkötter hatte das ungute Gefühl, dass der Schulleiter log oder zumindest einen Teil der Wahrheit unterschlug, konnte ihm aber im Moment nichts Gegenteiliges nachweisen.
„Ja und nein. Sie waren guten Glaubens, dass ich meine Zusage, Johanna mitfahren zu lassen, kurzfristig doch wieder zurückgenommen hätte. So sagte es mir Pater Ferdinand in einem Telefonat, welches ich vorgestern mit ihm geführt habe. Er wähnte Johanna hier an der Schule und war schockiert, als er von mir hörte, dass dies nicht der Fall sei. Sie kommen übrigens morgen am Vormittag mit den anderen Schülern wieder von ihrem Ausflug zurück. Dann können Sie sich gern bei den beiden rückversichern.“
„Sie sagten, Johannas Eltern wären mittlerweile wieder aus Graz zurück?“, fragte Hagenkötter.
„Sie kamen am 28. zurück und machen mir seitdem die Hölle heiß. Natürlich wollten sie ihre Tochter abholen. Morgens gab ich Ihnen noch die Auskunft, dass sich Johanna auf einem Ausflug befindet, da fielen sie fast aus dem Häuschen.“
„So – nur deshalb haben Sie Pater Ferdinand angerufen“, mutmaßte Tina.
Dr. Sieber reagierte nicht. Doch der Kommissarin war das kurze, unkontrollierte Zucken seiner über dem Knie gefalteten Hände nicht entgangen. Sie schwieg und sah den Schulleiter geduldig mit leicht geneigtem Kopf an.
„Was sollte ich denn tun?“, brach es schließlich doch aus ihm heraus. „Die beiden führten sich auf wie die Derwische und drohten mir mit der Polizei! Natürlich habe ich da meinen Kollegen hinterhertelefoniert.“
„Und dann haben Sie die Polizei angerufen und sind bei unserem Kollegen, Kommissar Schmuck, gelandet?“
„Schon“, gab der Schulleiter zu.
„Sehr seltsam“, kommentierte Hagenkötter eisig. „Sie glaubten Johanna auf Exerzitienfahrt und ihre Betreuer nahmen an, dass das Mädchen an der Schule geblieben sei. Aber gut, darüber werden wir nochmals detailliert sprechen müssen. Ihre Logik leuchtet mir noch nicht ein. Warten wir die Rückkehr der Ausflügler ab. Wir werden da wirklich noch einiges zu klären haben.“ Unvermittelt wechselte er die Tonlage und fragte fast schon aufgekratzt: „Herr Dr. Sieber, kommen wir zu dem ermordeten Kurienbischof. Kannten Sie Carlo Eposito?“
„Sie meinen den Bischof, den man am Dienstag in der Früh tot an der Regnitz gefunden hat?“ Sieber wirkte verwirrt.
„Genau den meine ich.“
„Ich weiß zwar schon, dass er ein hochrangiges Mitglied bei Santi-Figli-di-Dio ist … ich meine war, aber persönlich sind wir uns nie begegnet. Schade, er war ein großer Befürworter und Förderer unserer Prälatur, wie mir berichtet wurde.“
„Aha. Herr Dr. Sieber, bevor wir Sie wieder entlassen können, hätte ich noch eine Bitte an Sie: Können Sie uns eine Liste zusammenstellen lassen, auf der die Namen und Privatadressen sämtlicher Lehrkräfte stehen, die die Klasse von Johanna Sonnleitner unterrichten? Wir bräuchten die Liste bis spätestens morgen um die Mittagszeit.“
Sieber protestierte umgehend: „Es ist immer noch Ferienzeit. Meine Sekretärin ist im Urlaub.“
Hagenkötter überhörte den Einwand. „Und was mich auch noch interessieren würde: In Ihrer Organisation herrscht ja recht strikte Ordnung. Wie muss ich mir denn so einen normalen Tagesablauf der Santi-Figli-di-Dio-Mitglieder vorstellen?“
„Nun, Herr Hagenkötter“, Siebers Gesichtszüge entspannten sich sichtlich, hier fühlte er sich auf sicherem Boden, „die Mitglieder unserer Institution haben sich aus eigenem Willen ein Leben in Christi auferlegt. Dazu gehören strenge Regeln, wie dieses Leben zu führen ist. Grundsatz dieser Regeln sind unsere Gebete. Am Morgen nach dem Aufstehen denken wir zuerst an unseren Herrn und beten drei Vaterunser, um die Mittagszeit beten wir den Rosenkranz und besuchen nach dem Mittagessen die Heilige Messe mit dem Empfang der Kommunion. Nachmittags folgt eine Lesung aus dem Neuen Testament und gegen Abend …“
„Danke, Herr Dr. Sieber, ich denke, ich bin schon im Bilde.“ Hagenkötter stand auf. „Wir danken Ihnen für Ihre kurzfristige Bereitschaft zu diesem Gespräch. Es wird wohl nicht das letzte gewesen sein. Sollten Ihnen weitere Details zum Verschwinden von Johanna einfallen oder sollten Sie Wissen zum Aufenthalt von Bischof Eposito in Bamberg erlangen, bitte ich Sie, entweder mich oder Frau Meisel unverzüglich anzurufen, und schicken Sie uns morgen ihre beiden Patres vorbei, sobald sie wieder an der Schule eingetroffen sind. Sofort. Wir müssen dringend mit ihnen reden. Auf Wiedersehen – und noch einen schönen Tag.“
Sieber erhob sich zackig von seinem Stuhl. „Ich danke auch. Und wann immer Sie weiteren Gesprächsbedarf haben, melden Sie sich einfach bei meiner Sekretärin. Ich bin gerne bereit, bei Johannas mysteriösem Tod Aufklärung zu leisten, wenn es mir möglich ist.“ Er reichte Hagenkötter seine Hand zum Abschied und drehte Tina dabei geradezu demonstrativ den Rücken zu.
„Ach, Herr Dr. Sieber, fast hätte ich es vergessen“, Hagenkötter stieß sich mit dem Handballen seiner Linken an die Stirn, so als wolle er sein Gehirn für seine Vergesslichkeit verantwortlich machen. „Sagen Sie, wie war Johanna an ihrer Schule untergebracht? Hatte sie ein eigenes Zimmer oder teilte sie sich eines mit einer anderen Mitschülerin?“
„Aufgrund ihrer Krankheit haben wir Johanna ein eigenes Zimmer zugewiesen. Inklusive Notrufknopf.“
„Das müssen wir uns mal ansehen. Am besten gleich. Ein Team unserer Spurensicherung wird Sie zurück zur Schule begleiten.“
Der entsetzte Blick Siebers war Gold wert. Und Hagenkötter war noch nicht fertig mit ihm: „Entschuldigung, aber irgendwie habe ich heute meinen vergesslichen Tag. Hatten oder haben Sie Kenntnis davon, dass an Ihrer Schule Rauschgift konsumiert wird?“
„An unserer Schule?“ Dr. Sieber warf die Hände in die Luft und zeigte sich äußerst belustigt. „Nie und nimmer. Das wäre ja gerade so, als würde ich Sie fragen, ob Ihnen in den Reihen Ihrer Mitarbeiter nicht schon Verbrecher aufgefallen sind. Noch einen schönen Tag, Herr Hagenkötter. Habe die Ehre, Frau Meisel.“ Damit verließ er den Raum.
„Der lügt von vorne bis hinten“, waren Tinas erste Worte, als die Tür hinter dem Schulleiter zugefallen war. „Warum haben Sie ihn nicht mit dem Missbrauch konfrontiert?“
„Da gebe ich Ihnen recht. Ich meine, das mit dem Lügen. Und dass wir von dem Missbrauch wissen, braucht er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht zu erfahren“, orakelte Tinas Vorgesetzter. „Um 14 Uhr haben wir einen Termin mit den Vertretern des Erzbistums. Mal sehen, welche seltsamen Geschichten uns die Herren Geistlichen auftischen. Haben Sie Lust, mich zu begleiten?“
„Sehr gerne.“
Widerspruch
Mittwoch, 30. August
In der Zeit, in der Harald Hagenkötter und Tina Meisel den Ausreden und Halbwahrheiten des Dr. Siebers lauschten, bereiteten sich Kommissar Franz Schmuck und ein inoffizieller Italienisch-Übersetzer darauf vor, nebenan gleich mit Giuseppe Bertone, dem Fahrer des Bischofs, zu sprechen. Schmuck hatte Nino Bellini, einen Kollegen aus dem Rauschgiftdezernat, gebeten, kurzfristig und ausnahmsweise mit Übersetzungsdiensten auszuhelfen. Gerade spähten sie zu zweit durch den Einwegspiegel, hinter dem der Fahrer wartete.
Bertone saß seit fünf Minuten in dem kleinen, spartanisch ausgestatteten Vernehmungszimmer. Ein Tisch, vier Stühle, ein Fenster mit Oberlicht und der obligatorische riesige Spiegel an einer der beiden Stirnwände, das war es. Er kannte solche Räume aus seiner Jugend und war sichtlich nervös. Dazu kam die Trauer um seinen ermordeten Bischof. Ein Polizeibeamter stand mit verschränkten Armen neben der geschlossenen Tür und starrte schweigend vor sich hin. Endlich betraten zwei Männer den Raum und nahmen Bertone gegenüber Platz. Giuseppe fühlte sich unwohl und rutschte auf seinem Stuhl hin und her.
Kommissar Schmuck nahm den Italiener scharf ins Auge: klein, untersetzt, ein kräftig sprießender Dreitagebart, pechschwarzes glattes Haar, das bestimmt jeden Tag eine halbe Tube Haarcreme abbekam. Wie man sich einen typischen Mafioso vorstellt – rein äußerlich. Doch Schmuck war erfahren genug, sich von der Optik allein nicht täuschen zu lassen.
„Kennen Sie diesen Mann?“, wollte der Kommisar wissen, nachdem er sich und seinen Kollegen vorgestellt und sich Bertone gegenüber hingesetzt hatte. Er zog ein Foto aus seiner Jackentasche und hielt es Bertone hin.
„Si, lui è il Signore Sieber, il direttore della scuola Santi-Figli-di-Dio“, nickte der Fahrer den beiden Polizeibeamten zu, brachte dabei aber immer noch nervös seinen Stuhl zum Wackeln.
Bellini bestätigte Schmuck die Bekanntschaft Bertones mit Sieber, dem Leiter der Santi-Figli-di-Dio-Schule.
„Frag ihn, ob sein Dienstherr und Sieber sich hier in Bamberg getroffen haben“, bat Schmuck seinen italienischen Kollegen vom Rauschgiftdezernat.
Nach kurzem Zögern fing Bertone an, zu erzählen.
„Er sagt, er weiß es nicht. Er sagt aber auch, dass Sieber seinen Bischof in Roma besucht hat, letzte Jahr.“
„Was war der Anlass des Besuchs?“
Bellini versuchte sich wieder an einer Simultanübersetzung: „Sieber hat mit seine Exzellenz gesprochen. Über die Santi-Figli-di-Dio-Organisation. Mehr weiß er auch nicht, er war nicht dabei.“
„Bellini, mach ihm doch bitte deutlich, dass wir ganz genau wissen müssen, was er Tag für Tag gemacht hat, seit er hier in Bamberg mit Eposito angekommen ist, wohin er wann seinen Bischof gebracht hat, ob Eposito Leute getroffen oder gesehen hat, die er kennt, und was sein Dienstherr in seiner freien Zeit gemacht hat. Sag ihm am besten, dass wir das unbedingt wissen müssen, um den Mörder von Carlo Eposito zu überführen.“
Rund eine Minute redete Nino Bellini auf Giuseppe Bertone ein, der zwischendurch häufig und heftig mit dem Kopf nickte und immer wieder „Già, già…“ murmelte.
„Er sagt, dass er uns kann zeigen, wo er seine Exzellenz hingefahren hat und wo. Und dass meistens ein Mann in einem schwarzen Mercedes sich um seinen Bischof gekümmert hat.“
„Kennt er den Mann? Hat er einen Namen?“
„Hat er nicht, es war aber ein Kirchenmann aus Bamberg. Bertone kennt die Nummer von dem schwarzen Mercedes und den Name von dem Fahrer und er sagt, dass Bischof Eposito ganz komisch und … come si dice – durcheinander, verstört war, seit er … aus einem schönen Haus gekommen ist … früh am Morgen vom 20. August.“
„Welches schöne Haus?“
„Weiß er nicht, hat keinen Name. Sieht aus wie eine Villa … mit großem Kreis und großem Kreuz in Gold.“
„Eine Villa mit einem großen Kreis und einem Kreuz in Gold? Eine Kirche vielleicht?“
„Keine Ahnung. Er meint, er kann uns das zeigen, uns hinführen.“
„Aha. Ja, das müssen wir noch sehen. Vielleicht klappt’s ja auch mit der Erinnerung, wenn wir ihm einen Stadtplan zeigen. Als Chauffeur muss er doch mit einem Navi in Bamberg unterwegs gewesen sein. Da erkennt er vielleicht den Straßennamen wieder. Bellini, frag ihn doch mal, wie der Bischof als Mensch und Vorgesetzter war.“
Nach fünf Minuten bereute Kommissar Schmuck seine Frage. Giuseppe Bertone war in einen wahren Rederausch verfallen. Schmuck verstand zwar kein Wort, konnte aber schon an der Gestik und an Bertones Stimmlage erkennen, dass der Fahrer seinen ermordeten Bischof verehrt hatte und nun auf das Höchste lobte. Bald liefen dem Mann Tränen der Trauer über sein bärtiges Gesicht, wenn er über Papà Eposito sprach.
Schmuck wechselte mit Bellini einen langen Blick und zuckte dann leicht mit den Schultern. Bei allem Respekt vor dem Verlust Bertones durfte er noch nicht lockerlassen: „Wann ist er denn genau mit seinem Bischof von Rom nach Bamberg aufgebrochen?“
Bellini räusperte sich und wieder ging ein italienischer Wortschwall zwischen dem Fahrer und Bellini hin und her.
„In der Nacht vom 17. auf 18. August, sagt Bertone. Aber fast hätte Reise nicht geklappt.“
„Und warum nicht?“
„Ah, das ist eine Geschichte: wegen der Mercedes-Limousine. Papst Franziskus mag nicht, wenn Kleriker aus dem Vatikan mit Autos reisen, die … lussuoso, wie sagt man – viel Luxus haben. Franziskus mag Limousinen nicht, er mag die kleinen Wagen, dabei haben die letzten beiden papa vor Franziskus noch viele eingekauft: Mercedes und so … Weißt du, Schmuck, dass es mehr als 60 Papamobile im Vatikan gibt? Sagt man so.“ Bellini zeigte das begeisterte Gesicht eines wahren italienischen Autoliebhabers. „Aber Franziskus benutzt sie nicht. Er will direkte Kontakt mit den Menschen haben. Und wenn er doch mal eine Pkw nimmt, dann nimmt er eine Ford Focus – usato, gebraucht! Stell dir das vor, Schmuck! Im Vatikan gibt es eine oceano von Wagen. Alte und neue. Und dazu der Museo delle Carozze im Lateranpalast. In dem Museum gibt es Schätze: Oldtimer aus den 1920er Jahre. Von Fiat, Bianchi, Graham-Paige, Itala, Citroën – meraviglioso! Andere sind in der Tiefgarage des papa weggesperrt – für alle andere tabù…“ Der italienische Kollege gestikulierte leidenschaftlich.
Schmuck hatte jetzt aber genug: „Danke, Bellini – aber weshalb wäre es mit Bamberg fast nichts geworden?“
„Ah sì … Es ging um die Genehmigung von der Reise nach Bamberg. Als dann der Chef vom parco rotabile, von alle Autos im Vatikan, endlich ja gesagt hat, fehlte die bomboniera…“
„Die was?“
„Gastgeschenk war noch nicht angeliefert und …“
„Und das Geschenk war?“, unterbrach Kommissar Schmuck Bellini schon wieder.
„Ein Karton Fotos von papa Franziskus im Postkartenformat, mit gesegnete Wünsche.“
Die Befragung des Fahrers zog sich noch bis zur Mittagszeit hin, dann hatte der Kommissar eine recht übersichtliche Tabelle vor sich auf dem Tisch liegen, die zeigte, wo und wann sich Eposito während seines Bamberger Besuchs in etwa aufgehalten hatte. Aus dem Papier war allerdings nicht immer ersichtlich, mit wem sich der Kurienbischof getroffen hatte, und Bertone versicherte glaubhaft, keine Ahnung zu haben, um welche Themen es dabei gegangen war. Zudem schien Eposito seinen Fahrer nicht durchgängig beansprucht zu haben, was ein paar zeitliche Lücken in Schmucks Tabelle offenbarten. Ganz zufrieden mit seinem Ergebnis war Schmuck deshalb nicht, aber vielleicht brachte der Nachmittag neue Erkenntnisse. Da wollte Bertone ihnen alle Orte zeigen, zu denen er seine Exzellenz gefahren hatte. Das Vorzeigen eines Bamberger Stadtplans hatte leider nichts gebracht. Hoffentlich hatte er hinter dem Steuer eines Wagens ein besseres Erinnerungsvermögen.
Du sollst nicht lügen
Mittwoch, 30. August
Vor fünf Minuten hatten Hauptkommissar Hagenkötter und seine Mitarbeiterin Tina Meisel ihr Büro verlassen und waren unterwegs zum Heinrichsdamm 32. Das Erzbistum hatte sie zum erbetenen Gespräch ins Bistumshaus St. Otto eingeladen, in das Gebäude, wo einst die Priesterseminare des Erzbistums abgehalten worden waren. Am Domplatz selbst stünden gerade keine freien Besprechungsräume zur Verfügung, hatte man ihnen am Telefon gesagt. „Wer’s glaubt, wird selig“, raunzte Hagenkötter jetzt und zupfte an seinem Schnauzer, „die zeigen uns damit nur, welche Sympathien sie für uns haben.“
Vor 89 Jahren, am Festtag des heiligen Kaisers Heinrich, dem 13. Juli, war das neue Seminargebäude eingeweiht worden – nach mehr als 70 Jahren Generalsanierung – und diente heute hauptsächlich der Unterbringung zweier Hauptabteilungen des Erzbischöflichen Ordinariats und weiterer diözesaner Einrichtungen.
Pünktlich um 14 Uhr trafen die Ermittler im Gruppenraum 4 ein. An den Wänden hingen Bilder von Papst Franziskus, dem ehemaligen Papst Benedikt und von früheren Bischöfen des Erzbistums. Die Beamten wurden bereits erwartet. Ein Mitarbeiter der erzbischöflichen Pressestelle, der sich selbst vom Domplatz 2 herüber bemüht hatte, begrüßte sie und stellte seine Kollegen und Kolleginnen vor. Frau Doris Haberkamm aus der Abteilung Polizeiseelsorge, einen Herrn Dr. Sowieso aus der Rechtsabteilung, Marke „Weltliches Recht“, und einen hochrangigen Mitarbeiter aus dem Generalvikariat. Sie schienen alle sehr desinteressiert, fand Tina. Jedenfalls sahen sie deutlich gelangweilt aus.
Auf dem langgezogenen Tisch inmitten des Gruppenraums standen eine große Thermoskanne mit Kaffee, dazu Kaffeetassen und zwei Teller mit Gebäck. Der Raum wirkte kahl und leblos, bot kein natürliches Licht von außen, dafür aber Sitzgelegenheiten für mindestens 14 Personen. Lediglich an der Stirnwand, gleich neben der Tür, hing ein überdimensioniertes, schmuckloses Kreuz aus Eichenholz. Der Herr ist mit dir, verkündete eine Inschrift auf dem Querbalken.
„Ja, nochmals vielen Dank, dass Sie sich für uns so kurzfristig Zeit genommen haben“, eröffnete Hagenkötter die Gesprächsrunde, nachdem jeder Platz genommen hatte. „Vielleicht ist teilweise auch etwas missverstanden worden?“ Er blickte Frau Haberkamm tief in die Augen. „Wir sind nicht gekommen, um über unser Seelenheil zu sprechen, sondern um möglichst rasch Licht in den mysteriösen Tod des römischen Kurienbischofs Carlo Eposito zu bringen.“
Doris Haberkamm lief im Gesicht rot an wie eine reife Tomate. Man sah ihr an, dass sie sich am liebsten in Luft aufgelöst hätte.
„Sind wir da vielleicht etwas falsch verstanden worden?“, fuhr der Hauptkommissar fort.
„Keineswegs“, antwortete der Geistliche aus dem Generalvikariat, „wir stehen Ihnen für alle Fragen zur Verfügung. Ob wir diese allerdings auch beantworten können, werden wir ja gleich sehen. Frau Haberkamm leistet uns Gesellschaft, weil sie sich als erfahrene, langjährige Mitarbeiterin mit den Gepflogenheiten des Erzbistums bestens auskennt.“
„Na schön. Beginnen wir doch mit einer ganz einfachen Frage“, schlug Hagenkötter vor. „Erzählen Sie uns doch, warum Eposito nach Bamberg kam und was er hier gemacht hat. Dazu muss es ja wohl einen Anlass gegeben haben. Oder liege ich da falsch?“ Er zog die Augenbrauen in die Höhe und sah reihum in die Gesichter seiner Gesprächspartner auf der anderen Seite des Tischs.
Frau Haberkamm betrachtete mit Interesse ihre blau lackierten Fingernägel.
Der erzbischöfliche Rechtsverdreher checkte auf seinem Mobiltelefon sein E-Mail-Postfach und der Pressesprecher sah seinen Kollegen aus dem Generalvikariat fragend an.
Es dauerte etwas, bis dieser aus seiner Lethargie erwachte, sich räusperte und „Allgemeiner, routinemäßiger Informationsaustausch“ ausspuckte. Dann verzog er sich wieder in seinen Kokon und wartete ab, was als nächstes geschah.
Tina warf einen schnellen Seitenblick auf ihren Chef. Da hatte es der Herr aus dem Generalvikariat mit nur drei Worten geschafft, Hagenkötters Blutdruck zu versauen. Sie lehnte sich vorsichtshalber ein wenig zurück.
„Wie darf ich das verstehen? Allgemeiner, routinemäßiger Informationsaustausch?“ Tinas Chef begann, innerlich zu kochen. „Können Sie das bitte etwas präzisieren? Wer tauscht sich da mit wem über welche Themen aus? Helfen Sie mir doch auf die Sprünge!“
„Oh nein, so geht das nicht!“ Der Anwalt aus der Rechtsabteilung war wach geworden und plusterte sich auf wie ein Pfau. „Es widerspricht dem kanonischen Recht der katholischen Kirche, erzbischöfliche Interna zu nichtkirchlichen Zwecken an weltliche Dritte weiterzugeben.“ Dann schwieg er wieder, blieb aber kampfbereit und sah Hagenkötter herausfordernd an.
Die Mundwinkel des Kripobeamten zuckten unkontrolliert und er zwirbelte seinen Schnurrbart. Dann holte er tief Luft, um loszudonnern: „Mein lieber Herr erzbischöflicher Jurist, der weltliche Dritte scheißt auf Ihr kanonisches Recht und wird Ihnen gleich gewaltig aufs Kirchendach steigen! Wir haben es hier mit einem Mordfall an einem Ihrer Würdenträger zu tun und ich habe die Aufgabe, diesen Fall zu lösen. Kommen Sie mir bloß nicht mit hirnrissigen Argumenten daher. Verarschen kann ich mich auch alleine, dazu brauche ich Ihre lächerlichen Eskapaden nicht. Die sind unnötig wie ein Kropf. Wir können dieses Gespräch jetzt auf zivilisierte, vielleicht ja sogar hilfreiche Weise angehen oder gerne bei uns in der Schildstraße fortsetzen.“
Die Halsschlagader des so gescholtenen Juristen schwoll schlagartig an, da kroch aber schon der Geistliche aus dem Generalvikariat wieder aus seinem Kokon. „Aber, meine Herren, mäßigen wir doch unseren Ton“, schlug er vor. „Sehen Sie, Herr Hauptkommissar, der Besuch eines Kurienbischofs ist schon etwas Außergewöhnliches. Das ist nichts für unsere Ebene.“ Dabei breitete er seine Arme in Richtung der links und rechts von ihm sitzenden Kollegen aus. „So ein wichtiger Besuch wird bei uns im Erzbistum ganz oben abgestimmt. Wie Sie vielleicht wissen, gibt es in Deutschland 27 Bistümer, davon sieben Erzbistümer. Bamberg ist eines davon und untersteht direkt dem Vatikan. Das heißt aber im Umkehrschluss, dass wir uns auch um die Belange der Bistümer Eichstätt, Speyer und Würzburg mitkümmern müssen. Wer kann da immer wissen, was sich alles im Erzbistum abspielt, vor allem im Vorfeld eines hohen Besuchs. Wir, so wie wir hier vor Ihnen sitzen, waren alle nicht direkt in die Bambergreise des Kurienbischofs eingebunden.“
„Ich fall vom Glauben ab, verdammte Hacke, warum sitzen wir dann hier?“ Hagenkötter war immer noch sichtlich erbost. „Sie stehlen uns unsere kostbare Zeit. Für Larifari sind wir nicht hergekommen.“
„Ich verstehe, dass Sie aufgebracht sind, schlage aber vor, das Beste daraus zu machen. Wie wäre es, wenn Sie uns Ihre Fragen hinterlassen und wir klären das intern?“
„Aufgebracht? Ich höre wohl nicht richtig! Ich bin stocksauer! Sagen Sie das ruhig auch Ihren Vorgesetzten. Was ich wissen will, ist: Warum kam der Bischof nach Bamberg? Mit wem hat er hier gesprochen? Wer hat ihn hier wann betreut? Wir brauchen eine Kopie seines Besuchsprogramms mit sämtlichen Namen und Adressen seiner Gesprächspartner. Und wir brauchen einen erzbischöflichen Ansprechpartner, der uns darüber verbindlich Auskunft geben kann.“
„Und dazu auch bereit und berechtigt ist“, warf Tina ein.
Der erzbischöfliche Rechtsverdreher auf der anderen Seite des Tischs grinste maliziös. Die stumme Botschaft war eindeutig: Daran werdet ihr euch noch die Zähne ausbeißen!
Er sah die Besprechung offenbar als beendet an und war im Begriff aufzustehen, als er von Hagenkötter ein deutliches „Halt!“ vernahm. „Wenn wir schon hier sind, dann können Sie uns hoffentlich wenigstens ein paar Fragen allgemeiner Natur beantworten. Soweit wir wissen, war Eposito im Vatikan Mitglied der Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen. Was darf ich mir darunter vorstellen?“
Mit provozierender Langsamkeit ließ sich der Anwalt wieder auf seinen Stuhl sinken und meinte: „Nun … ich verstehe Ihre Frage nicht, Herr Hauptkommissar?“
„Ich meine, was ist die Aufgabe dieser Kommission? Ich denke nicht, dass ein römischer Kurienbischof nur zum Urlaub machen nach Bamberg gekommen ist oder? Irgendetwas wird er wohl zu erledigen gehabt haben. Oder sehe ich das falsch?“
Der Geistliche räusperte sich. „Ähm, ja … ich meine nein. Also, sehen Sie, die vatikanische Kinderschutzkommission wurde im Jahr 2014 von Papst Franziskus zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Missbrauch und körperlichen Misshandlungen ins Leben gerufen.“
„Als Folge der jahrzehntelangen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche“, kommentierte Hagenkötter.
Tina nickte knapp. „Hatte Seine Exzellenz einen besonderen Grund, deswegen nach Bamberg zu kommen?“, hakte sie nach. „Und falls Sie dazu auch wieder keine Informationen haben: Könnten Sie diesen Punkt bitte noch auf die Liste der zu klärenden Fragen setzen?“
„Um Himmels willen, nein! Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Doch nicht hier bei uns in Bamberg!“ Der Mitarbeiter des Generalvikariats schrie es regelrecht hinaus, setzte aber schnell wieder ein unverbindliches Lächeln auf. „Die Kommission zum Schutz der Minderjährigen soll mit der Kongregation für die Glaubenslehre kooperieren und sie ist berechtigt, Berichte über die Wirksamkeit von Kinderschutzmaßnahmen anzufordern und Vorschläge an den Papst zu richten.“
„Das sind Grundsatzfragen, die haben mit dem gewaltsamen Tod von Bischof Eposito nichts, aber auch gar nichts zu tun“, muckte der Kirchenmann für weltliches Recht auf. „Außerdem dürfte das Prozedere dazu den Hauptkommissar sicherlich langweilen.“
„Oh nein, keinesfalls, das interessiert mich sogar sehr. Sagen Sie“, Hagenkötter wandte sich wieder dem Geistlichen zu, „hat die Kommission denn schon jemals etwas bewirkt?“
„Erinnern Sie sich an den Namen Robert Finn? Der war vor einigen Jahren in der Presse präsent?“ Hagenkötter schüttelte sein Haupt und zupfte an seinem Schnauzer. „Robert Finn war Bischof von Kansas City, Saint Joseph und Opus-Dei-Mitglied. Jedenfalls wurde er verurteilt, weil er den Kinderpornografie herstellenden Diözesanpriester Shawn Ratigan gedeckt hatte. Auf Empfehlung der Kommission hat Papst Franziskus Robert Finn abgesetzt.“
„Nur abgesetzt?“ Tina spürte, wie auch ihr Blutdruck sich anschickte, dem ihres Chefs in unbekannte Höhen zu folgen. „Und bestraft? Auch das kanonische Recht sieht dafür sicherlich Strafen vor?“
„Das geht nun aber doch zu weit, Frau Kommissarin!“ Der kirchliche Jurist war empört.
„Ausnahmsweise muss ich Ihnen da recht geben. Kommen wir zurück zu Bischof Eposito“, nahm Hagenkötter den Faden auf. „Wir erwarten eine schnelle Klärung und Beantwortung unserer Fragen …“
„Ich versichere Ihnen noch einmal: Epositos Reise war ein reiner Routinebesuch. Erfahrungsaustausch, Gespräch zur Umsetzung der Kinderschutzmaßnahmen im Erzbistum, Anregungen und so weiter …“
„Und so weiter? Bis jetzt dachte ich, dass Sie nicht direkt in das Besuchsprogramm des Bischofs eingebunden waren. Das waren doch Ihre Worte? Woher wollen Sie ausschließen können, dass es bei diesem ominösen Besuch nicht um Gravierenderes ging? Aber vielleicht wissen Sie doch mehr, als Sie zuzugeben bereit sind. War der Ermordete nicht auch Mitglied der Organisation Santi-Figli-di-Dio? Und ist das Erzbistum Bamberg nicht auch Träger der gleichnamigen Schule hier vor Ort?“
„Das gehört aber nun wirklich überhaupt nicht hierh…“ Weiter kam der geistliche Anwalt nicht.
„Sie lernen es einfach nicht oder? Ob das hierhergehört oder nicht, entscheiden nicht Sie“, fiel ihm Hagenkötter schroff ins Wort. „Im Rahmen unserer Ermittlungen liegt das immer noch in der Hand der Polizei. Sie scheinen mir einer zu sein, der lieber vertuscht, als sich kooperativ zu zeigen.“ Der Ermittler lehnte sich langsam in seinem Stuhl zurück. „Und das erweckt wiederum in mir das Gefühl, dass das Erzbistum sehr wohl Dreck am Stecken haben könnte und möglicherweise bewusst nicht mit offenen Karten spielt. Deshalb meine klare Frage, auf die ich eine ebenso klare Antwort erwarte: Hat das Erzbistum Kenntnis darüber, ob Bischof Eposito sich im Rahmen seines Besuches hier in Bamberg auch mit dem Leiter der Santi-Figli-di-Dio-Schule, Herrn Dr. Sieber, oder mit einer anderen Person der Schule getroffen hat?“
Eisiges Schweigen legte sich über den Raum. Frau Haberkamm zuppelte an ihren Nägeln herum. Hagenkötter sprach mit zusammengekniffenen Augen weiter: „In welcher Beziehung steht das Erzbistum generell zur Santi-Figli-di-Dio-Schule? Wobei ich deren, wie soll ich es nennen … Meditationszentrum am Paradiesweg mit einschließe.“
Keiner der Anwesenden rührte sich. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.
„Immer noch nichts? Dann nur noch eines von mir: Ich möchte Ihnen wirklich nahelegen, unsere Fragen einer schnellen Klärung zuzuführen. Verstehen Sie meine Worte durchaus als Warnung oder, besser gesagt, als einen gut gemeinten Rat. Wir werden nicht eher lockerlassen, bis wir den Mord an Eposito restlos aufgeklärt haben. Wer uns dabei behindert oder die Unwahrheit spricht, kann rechtlich belangt werden und zwar nicht nach dem kanonischen, sondern nach dem ganz weltlichen Recht.“
„Sie drohen …“, versuchte es der erzbischöfliche Anwalt, wurde aber von seinem Kollegen aus dem Generalvikariat abgewürgt.
„Entschuldigen Sie unsere offensichtliche Inkompetenz“, beschwichtigte der. „Wir werden uns intern zu Ihren Fragen erkundigen und Ihnen Auskunft erteilen, sobald wir ein Ergebnis haben. Was die Santi-Figli-di-Dio-Organisation anbelangt, denke ich aber, dass wir uns so weit aus dem Fenster lehnen und Ihnen versichern können, dass das Erzbistum keinerlei Aktivitäten in deren Interessen wahrnimmt, weder ihren schulischen, noch sonstigen Betrieb betreffend. Auch unsere Rechte und Interessen an dem, wie haben Sie es so … treffend genannt, Meditationszentrum am Paradiesweg sind nur theoretischer Natur. Falls beispielsweise Probleme rechtlicher Natur auftreten, helfen wir gerne mit Rat und Tat. Ansonsten ist die Prälatur völlig autark.“
„Endlich eine klare Aussage“, zeigte sich Hagenkötter versöhnlich und griff nach einem der bis jetzt unangetasteten Teller mit Gebäck. „Aber dennoch ein allerletzter gut gemeinter Rat – danach möchte ich dieses unerquickliche Gespräch für heute beenden: Auch Sie sollten das achte Gebot beachten und einhalten.“
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