Читать книгу: «Der Feind in meiner Ehe»
Inhalt
Impressum 2
Widmung 3
Vorwort 4
1 6
2 15
3 26
4 29
5 35
6 44
7 64
8 90
9 94
10 99
11 136
12 143
Epilog 149
Zitatesammlung 152
Quellenverzeichnis 155
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-820-3
ISBN e-book: 978-3-99107-821-0
Lektorat: Mag. Elisabeth Pfurtscheller
Umschlagfoto: Milyova, Yingko | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Wally Gruber
www.novumverlag.com
Widmung
Meinen drei Kindern
Vorwort
Es ist der 3. August 2020 – der erste Tag einer neuen Idee.
„Ich werde ein Buch schreiben!“
Noch nie hatte ich mich vorher mit diesem Thema beschäftigt. Aber nun ist es ganz klar, dass ich das tun muss. Tun muss, um endlich die Heilung für meine Seele einzuleiten. Tun muss, um der Welt zu zeigen, dass mein Mann, der mich seit 28 Jahren unterdrückt und demütigt, nicht der tolle, bewunderungswürdige, kreative, wohlhabende Mensch ist, den viele in ihm sehen. Er ist anders. Das Buch ist keine Abrechnung mit meinem Mann, es ist eine Befreiung.
Ich muss dieses Buch auch schreiben, für die zahlreichen Menschen, die unter narzisstisch gestörten Partnern leiden, sei es im privaten oder beruflichen Bereich, und diese Bürde nicht loswerden können. Leider habe ich selbst viel zu spät gemerkt, dass ich mit einem Narzissten verheiratet bin – seit mittlerweile 27 Jahren.
Dabei geht es mir in diesem Buch nicht darum, „schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit zu waschen“, sondern darum, zu zeigen, dass sich Frauen wehren können, wenn schon nicht körperlich, dann mit alternativen Methoden. Ich schreibe dieses Buch als energetischen Ausgleich. Meine Ehejahre haben mich viel Energie gekostet. Zu viel. Vielleicht kommt nun ein bisschen davon wieder zurück zu mir.
In meinem privaten Umfeld trennen sich nach langen Ehejahren immer mehr Frauen von ihren Männern, da sie diese narzisstischen Tendenzen bei ihren Partnern einfach nicht mehr aushalten. Auch für diese Leidensgenossinnen schreibe ich dieses Buch. Ich möchte sie wissen lassen, dass sie nicht alleine sind und dass nicht SIE es sind, die ein verkehrtes Weltbild in sich tragen. Durch den jahrelangen Umgang mit einem Narzissten ist es schwer, seinen Selbstwert aufrechtzuerhalten. Kopf und Seele werden systematisch mürbe gemacht, die Selbstzweifel werden immer mehr. Es kostet unglaublich viel Kraft, diesem Vorgehen Paroli zu bieten.
Viele haben diese Kraft nicht mehr. Auch für sie schreibe ich dieses Buch.
Auch für meine drei erwachsenen Kinder. Sie haben kaum Ahnung, wie es mir emotional geht, wie ich die vielen Ehejahre überstanden und erduldet habe, auch um sie zu schützen. Niemand weiß, wie es in mir aussieht. Auch deshalb muss ich dieses Buch schreiben.
Aufarbeitung und Psychohygiene.
Namen und Orte in diesem Buch sind verändert. Die Geschichte aber ist genauso passiert. Ein Tatsachenbericht. Alles ist wahr und von mir so erlebt.
Wally Gruber
1
Wie alles begann
Ich habe seine über alles geliebten Chilipflanzen vergiftet. Nicht alle, aber einige. Von ihm selbst gezogen, permanent gepflegt und gehätschelt, manche so scharf, dass sie ein normaler Mensch nicht essen kann und man selbst zum Schneiden Handschuhe anziehen muss. Sie wachsen im Wintergarten, das quasi als Gewächshaus fungiert.
Nun werden vier von ihnen sterben, da ich eine große Portion Salz in den Topf mit Erde gestreut habe. Nun geht es mir besser. In den letzten 28 Jahren habe ich alles probiert: Ich habe diskutiert, ich habe geweint, ich habe getobt, ich habe gefragt. Aber nichts hat geholfen, um meinen Mann dazu zu bewegen, mich nicht mehr mit Worten zu demütigen. Ein verbaler Schlag tut genauso weh wie ein Schlag ins Gesicht. Ich fühle mich misshandelt. Seit vielen Jahren.
Heute habe ich beschlossen, mich aktiv zu wehren. Vier Chilipflanzen werden sterben. Es ist der 4. Juli 2020.
Wie konnte es zu dieser Aktion kommen, die so gar nicht zu meiner Person passt?
Ein langer Weg.
Im Spätsommer 1992 besuchte ich meine Eltern in einer bayerischen Kleinstadt. Mein Vater holte mich ans Telefon, es sei ein Matthias Gruber dran, der fragte, ob hier noch die Wally wohnen würde. Matthias Gruber? Das lag aber sehr lang zurück …
1975 war ich mit meinen Eltern samt Bruder am Goldstrand in Bulgarien im Urlaub. Es dauerte nicht lange und wir hatten einen sehr netten Kontakt zur Familie Gruber, zu Hause am anderen Ende von Bayern und nun am selben Strand ihren Urlaub verbringend. Der Sohn Matthias war ein recht lustiges, aufgewecktes Bürschchen und wir beiden Zehnjährigen verbrachten viel Zeit zusammen mit Schwimmen, Karten spielen und Quatsch machen. Zwei Wochen gingen schnell vorbei und wir begannen eine Brieffreundschaft, die für die nächsten fünf Jahre bestehen sollte. Es war jedes Mal sehr schön, Post von Matthias zu bekommen, vor allem, weil er seine Geschichten immer mit lustigen Zeichnungen dekorierte. Als ich eines Tages einen Brief losschickte, darin ein Foto von meinem Tanzpartner und mir, aufgenommen am Abschlussball des Schultanzkurses, bekam ich keine Antwort mehr. Die Brieffreundschaft war eingeschlafen, Matthias mit seiner Familie an einen anderen Ort gezogen. Sehr viel später sollte ich erfahren, dass er schlichtweg eifersüchtig war. Er behauptet, er sei damals schon in mich verliebt gewesen.
Jener Matthias also, den ich 17 Jahre nicht mehr gesehen hatte, rief bei meinen Eltern an, bei denen ich an diesem Tag zu Besuch war. Es war, als würde nach langer Zeit ein alter Freund mit mir Kontakt aufnehmen. Es fühlte sich vertraut an.
Matthias sagte, er hätte in nächster Zeit geschäftlich in meiner Gegend zu tun und würde sich auf ein Treffen mit mir freuen.
Zwei Wochen später trafen wir uns zu einem schönen Abendessen. Er war sehr großzügig und übernahm die Rechnung. Der Abend war kurzweilig und sehr amüsant. Matthias hatte viele Geschichten zu erzählen. Als Geschäftsführer einer Werbeagentur war er sehr erfolgreich. Hauptsächlich produzierte er Musik für Rundfunkwerbespots in seinem Tonstudio. Ich war beeindruckt. Sportlich hatte er sich die Ausdauersportart Schwimmen ausgesucht. Das passte wie die Faust aufs Auge zu meinem Leben. Ich hatte Musik und Sport studiert und war an einer Realschule als Lehrerin tätig.
Ein gut aussehender, charmanter, junger Mann. Witzig, großzügig, humorvoll, interessant. Wir hatten viel Spaß schon am ersten Abend. Es fühlte sich schon wieder vertraut an.
In drei Wochen würde ich in seiner Stadt zu einem Tanzworkshop sein. Seine Einladung, an jenem Wochenende bei ihm zu übernachten, konnte ich quasi nicht ablehnen. Es prickelte zu sehr.
Das Wochenende wurde ein sehr verliebtes. Ein Livekonzert in einer Diskothek tat ihr Übriges. Ich hatte Feuer gefangen.
Unsere Wohnungen lagen 200 Kilometer voneinander entfernt. Wir besuchten uns gegenseitig abwechselnd an den Wochenenden. Wir beide waren unfassbar verliebt. Nach bereits sechs Wochen feierten wir inoffiziell Verlobung und tauschten Ringe.
„Weg von der Straße!“ – Das war mein Spruch. Ich hatte mich festgelegt.
Die offizielle Verlobung fand mit Familien und Verwandten weitere vier Wochen später statt. Die kleine Feier war stilvoll und jeder konnte nun sehen: Wir gehören zusammen. Mehr als 17 Jahre nach unserem ersten Zusammentreffen hatten wir uns dazu entschlossen.
Die weiteren Wochen und Monate waren geprägt von gegenseitigen Besuchen an den Wochenenden. Jeden Montag wartete ein großer Blumenstrauß vor meiner Wohnungstür. Ich war sehr beeindruckt von so viel Aufmerksamkeit.
Heute weiß ich, dass Narzissten Meister darin sind, eine positive Fassade aufzubauen: freundlich, redegewandt, charmant, attraktiv, interessant, erfolgreich – das sind die Attribute, mit denen Narzissten im frühen Stadium einer Beziehung beschrieben werden. „Love Bombing“ ist das Mittel der Wahl. Die Begehrte wird mit Aufmerksamkeiten quasi überschüttet, damit nicht der leiseste Zweifel an der Ernsthaftigkeit der entgegengebrachten Zuneigung entsteht. Diese Hingabe ist aber nicht ehrlich gemeint, sondern pures Kalkül und dient nur dazu, den anderen zu manipulieren. Kritische Gedanken beim Partner werden mit der Taktik „ganz schnell und ganz viel“ weggewischt. Mit Aufmerksamkeiten und Schmeicheleien lullen Narzissten andere Menschen ein, von denen sie sich narzisstische Zufuhr versprechen und die sie deshalb rasch und fest an sich binden möchten.
Die Schulferien verbrachte ich in seiner Stadt, lernte die Mitarbeiter der Werbeagentur kennen und Matthias und ich hatten eine wirklich schöne Zeit mit viel Verliebtheit und großer gegenseitiger Zuwendung. Ganz besonders schön war ein Trip zum Jahreswechsel 1992/93 nach Verona, Florenz, Siena und Venedig. In Venedig fiel mir zum ersten Mal auf, dass Matthias die italienischen Namen aus dem Reiseführer unglaublich übertrieben aussprach, so als wollte er zeigen, wie toll sein Italienisch sei. Das war irgendwie verstörend für mich, brauchte er die italienische Sprache doch genau wie ich in erster Linie dazu, um im Restaurant die richtigen Speisen zu bestellen. Warum diese Übertriebenheit? Komisch.
Das nächste komische Gefühl: Eines Morgens, es war nach dem Frühstück in meiner Wohnung, hatte ich kurz das Gefühl, dass mich dieser Mann genau in diesem Moment, an diesem Ort stören würde. Verwirrend! Ich konnte mir dieses Bauchgefühl nicht erklären, schob es ganz schnell beiseite und begab mich wieder in meine heile Welt. Alles war doch gut so, wie es war … Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Hätte ich doch bloß auf mein untrügliches Bauchgefühl gehört!
Wir waren verliebt! Die montäglichen Blumensträuße blieben. Matthias bemühte sich sehr um mich und war ein toller Partner an meiner Seite. Mir gefielen seine Kreativität und sein Humor, seine coolen und selbstbewussten Sprüche. Sein Auftreten war souverän, das Benehmen vorbildlich. Er kam aus einem guten, soliden Elternhaus. Der Großvater war nach dem Zweiten Weltkrieg sehr schnell zu einem erfolgreichen Großindustriellen aufgestiegen. Der Vater Physiker, die Mutter als evangelische Katechetin an verschiedenen Schulen beschäftigt. Die Eltern hatten sich getrennt, als Matthias 15 Jahre alt war. Der jüngere Bruder studierte Physik, die jüngere Schwester Psychologie. Matthias hatte einige Semester Jura studiert, bevor er das Angebot von seinem zukünftigen Geschäftspartner bekam, in die Werbeagentur einzusteigen. Das Studium hatte er also abgebrochen und war von da an nur als kreativer Kopf, Musiker und Produzent in der Agentur beschäftigt. Der Erfolg gab ihm recht. Es ging steil bergauf und die Agentur hatte große Aufträge an Land gezogen. Mehrere Mitarbeiter wurden eingestellt.
Als ich 1992 den Betrieb kennenlernte, waren außer den beiden Geschäftsführern eine Grafikerin und eine Sekretärin beschäftigt. Bald kamen Texter und Produzenten dazu. Auch der Vertrieb wurde erweitert. Sänger*innen und Sprecher*innen gingen ein und aus und es war ein sehr interessantes neues Umfeld, das ich kennenlernen durfte. Berühmte Synchronstimmen wurden gebucht. Faszinierend außerdem die Kontakte zu privaten und öffentlichen Rundfunkstationen, bei denen die Werbespots eingebucht wurden. Überall interessante Menschen, die mich beeindruckten und ihre Spuren in meinem jungen Leben hinterließen. Einblick zu bekommen in ein Metier, das ich bisher nicht kannte, fand ich unglaublich bereichernd und freute mich auf jeden Besuch in seiner Stadt und seiner Wohnung.
Im April 1993 stellte ich mit deutlicher Überraschung fest, dass ich ein Kind erwartete. Nun gut, ich war Ende zwanzig und bereits verlobt. Wir überlegten, was wir tun sollten, und kamen zum Entschluss bald zu heiraten.
Alles wurde schnell und gründlich organisiert und somit heirateten wir im Juli 1993 – lustigerweise in derselben Kirche, in der seine Eltern geheiratet hatten – und feierten ausgiebig mit circa hundert Gästen auf dem Land in der Nähe meines damaligen Lebensmittelpunktes. Als Hochzeitsgeschenk überreichte mir mein Mann eine Geige, die er für mich hatte anfertigen lassen. Ich war völlig geplättet!
Ich hatte nicht gewusst, dass er Kontakt zu meinem Geigenbauer aufgenommen und die Geige in Auftrag gegeben hatte. Vor Monaten hatte er mich gefragt, was ich mir wünschen würde, wenn ich viel Geld zur Verfügung hätte. Mir fiel damals spontan eine Meistergeige von „meinem“ Geigenbauer ein, die ich mir wahrscheinlich in meinem ganzen Leben nicht hätte leisten können.
Ich selbst stamme aus eher, wie man so schön sagt, bescheidenen Verhältnissen. Eine fleißige Arbeiterfamilie. Eine Großmutter, die den Krieg durchgestanden hat und vergebens auf ihren im Krieg gefallenen Mann gewartet hat.
Trotz der sehr bescheidenen Verhältnisse hatte meine Großmutter in einer bayerischen Kleinstadt ein Haus gebaut und einen großen Garten angelegt. Hühner, Enten, Gänse und Hasen gehörten genauso zur Familie wie ein bis zwei Schweine, die gefüttert wurden, um sie später zu schlachten. Mit viel Fleiß und Hartnäckigkeit ernährte die Großmutter die Familie. Kochte, versorgte Vieh und Garten. Im Urlaub war sie so gut wie nie. Bei ihr bin ich aufgewachsen, da meine Eltern beide arbeiten mussten. Wir alle wohnten in einem Haus. Die Eltern hatte ich nicht vermisst. Ich hatte ja die Oma. Eine resolute, dicke Frau. Sie war es, die so lange im Wald Heidelbeeren gesammelt und sie verkauft hatte, bis sie es sich leisten konnte, mir ein Akkordeon zu kaufen. Ich wollte zwar lieber Klavier oder Orgel spielen, aber diese Instrumente waren für meine Familie zu teuer. Also ging ich drei Jahre in den Musikunterricht und lernte Akkordeon spielen. Zur Geige kam ich im Gymnasium, als mein Musiklehrer mich fragte, ob ich das Instrument spielen wolle. Er bräuchte Nachwuchs für sein Schulorchester. Also erlernte ich zusätzlich auch das Geigenspiel und spiele heute noch regelmäßig in einem Sinfonieorchester. Mehr als 35 Jahre Orchesterspiel führten mich unter anderem auf Konzertreisen nach Japan und Südtirol. Ich liebe es, mich in dem Orchesterklang zu baden und mit meinen Musikerkollegen*innen klassische Musik aktiv erleben zu dürfen. Es ist ein Geschenk.
Sozialisiert wurde ich in Kinderjahren von meinen Nachbarjungs. Alle zwei bis drei Jahre älter als ich. Jeden Tag gab es andere Mutproben zu bestehen, bei denen ich nicht selten die Erste war, die sie durchführte, nur um meinen Jungs zu beweisen, dass ich eben nicht „die Kleine“ war. Die ganzen Sommerferien durch gab es Völkerball auf der Straße, einer Sackgasse mit sehr wenig Verkehr.
Die Erziehung durch meine Eltern war streng. Sie waren 19 und 21 Jahre jung, als ich zur Welt kam. Meine Mutter, sehr dominant, mein Vater gutmütig mit einem gesunden Humor. Aber auch er war streng. Über all die Jahre habe ich mich mit meinem Vater immer besser verstanden als mit meiner Mutter. Sie ist eine eifersüchtige, neidische Frau – beides Charakterzüge, die mir selbst absolut fremd sind. Die motorische Begabung habe ich von meinem Vater vererbt bekommen. Er ist sehr sportlich und kommt in vielen Sportarten gut zurecht, ohne einen Trainer konsultiert zu haben. Mein Vater hat eine gutes Bewegungsgefühl.
Ausgestattet mit diesen Anlagen hatte ich ab meinem zweiten Lebensjahr mit dem Skifahren angefangen. Mit acht Jahren kam das Gerätturnen hinzu, das mir mit den Jahren zahlreiche gewonnene Wettkämpfe bescherte. Später trainierte ich auch Judo und Volleyball. Mein Wochenprogramm war gut gefüllt. Samstags besuchte ich ein Pferd in unserer Nähe, da ich ja so wahnsinnig gern reiten gelernt hätte. Aber dafür reichten die finanziellen Mittel meiner Eltern nicht. Um das Pferd durfte ich mich kümmern und auch schließlich ins Gelände reiten. Ich war glücklich. Viele Jahre hielt diese Verbindung. Im Gymnasium lief es ordentlich, ich konnte mich im Mittelfeld halten. Schulisch musste ich mich immer vorbereiten, mir ist der Stoff leider nie „zugeflogen“. Fleiß hieß die Devise. Meine Eltern konnten mich kaum unterstützen. Hauptsächlich wurden die Vokabeln in Englisch und Latein von meiner Mutter abgefragt.
Durch die stete musikalische und sportliche Ausbildung in Kindheit und Jugend war es für mich kein Problem, nach dem Abitur die beiden Aufnahmeprüfungen für das Musik- und Sportstudium zu bestehen. Ich war in meinem Abschlussjahrgang die Einzige in Bayern mit dieser Fächerkombination. Das Studium hatte mir großen Spaß gemacht. Ich hatte meine Hobbys studiert und durfte sie nun unterrichten. Genauso, wie ich meine Fächer liebe, erfüllt mich auch die Arbeit mit meinen Schülern*innen.
Mein Umgang mit den jungen Menschen ist von Respekt geprägt. Ich möchte keinen Tag meines Lehrerdaseins missen. Bestätigt wurde mir meine pädagogische Arbeit durch zahlreiche positive Beurteilungen durch die Schulleiter der verschiedenen Schulen, in denen ich tätig war.
Schon zu Beginn des Studiums arbeitete ich bei einem erfolgreichen Sporttheater-Projekt mit, das mich auf viele Bühnen Deutschlands führte und bei dem ich insgesamt 23 Jahre aktiv bleiben sollte. Requisiten einladen, Anfahrt, Aufbau, Beleuchtungsproben, Vorprogramm, Bühnenshow, Abbau, Einladen und Heimfahrt waren viele hundert Mal notwendig. Teamarbeit obligatorisch. Diese Truppe war fast wie eine zweite Familie geworden nach so vielen Jahren. Das Team, allesamt Individualisten, einfach großartig in der Zusammenarbeit. 1986 hatten wir in einem Theaterzelt in München mehr als fünfzig Vorstellungen in acht Wochen gespielt. Alle ausverkauft. Ich erzähle mein früheres Leben nicht, um besonderen Eindruck zu hinterlassen. Überhaupt nicht. Ich erzähle es, damit ich – ganz einfach – mein Leben vor der Ehe in Auszügen beschreiben kann. Es war der Ist-Zustand.
Und nun sollte ich also mein erstes Kind bekommen. Mein Leben änderte sich gewaltig.
Nach der Hochzeit verbrachten wir drei Wochen auf Kuba – unsere Flitterwochen.
Ein traumhafter Urlaub mit vielen interessanten Begegnungen. Aber hier fand ein Ereignis statt, das mich sehr irritierte: Mein mir frisch angetrauter Ehemann hatte am Strand eine junge Frau bespuckt! Was war passiert?
Wir beobachteten ein Kleinkind, das einen kleinen Hundewelpen am kubanischen Strand immer wieder ins Meer geworfen hatte. Der Welpe paddelte um sein Leben zurück zum Strand, war am Ende seiner Kraft und hatte bereits viel Salzwasser geschluckt. Er tat uns sehr leid. Das Schauspiel ging eine ganze Zeit und der Welpe wurde zusehends schwächer und drohte zu ertrinken. Die Mutter des Kindes sah tatenlos zu und ließ ihren Sohn gewähren. Wir beobachteten den kleinen Jungen noch etwas, dann schritt mein Mann ein: Er machte die Mutter des Kleinkindes ausfindig, begann, sie auf Englisch zu beschimpfen. Er steigerte sich immer mehr hinein, aber die Frau sprach nur Spanisch, kein Englisch. Sie ließ ihn immer wieder wissen, dass sie ihn nicht verstehe. Das brachte Matthias so in Rage, dass er die Frau, die vor ihm auf ihrem Handtuch saß, anspuckte. Ich war wie versteinert und geschockt über seine Tat. Ich zog mich zurück auf meinen Liegeplatz und beobachtete das weitere Schauspiel. Jetzt war natürlich Feuer unterm Dach! Der halbe Strand war in Aufruhr. Ein Tourist, der eine Kubanerin bespuckt! Es wurde die Strandpolizei gerufen und der Polizist redete sehr lange auf meinen Mann ein. Viele Kubaner standen im unmittelbaren Umkreis und unterstützten ihn und die Frau.
Zu allem Übel stellte sich dann noch heraus: Es war gar nicht die Mutter des Jungen! Es war eine völlig unbeteiligte junge Frau, die von einem deutschen Touristen am Strand bespuckt worden ist. Ich wollte im Erdboden versinken.
Dass man einen anderen Menschen grundsätzlich nicht anspuckt, ist die eine Sache, aber wie muss es dieser Frau zumute gewesen sein, die mit dem ganzen Vorfall gar nichts zu tun hatte? Mir war das alles wahnsinnig peinlich. Diesen Mann hatte ich erst vor ein paar Tagen geheiratet! Das Ende vom Lied war, dass der Polizist von Matthias verlangt hatte, sich bei der Frau zu entschuldigen. Das tat er auch: Sehr theatralisch griff er mit beiden Händen ihre Hand, verneigte sich mehrmals tief vor ihr und wiederholte unzählige Male „I am sorry, I am so sorry, so sorry …“. Ein völliges Affentheater. Total unglaubwürdig. Keine ehrliche Reue. Für mich ein echter Schock! Ich hatte den ganzen Prozess beobachtet, ohne mich einzumischen, und war entsetzt über die Handlungen meines Mannes. Ich schämte mich so sehr und mir tat die Frau unendlich leid.
Matthias aber fühlte sich gut und stark und hatte nicht den Anflug eines schlechten Gewissens. Ich konnte überhaupt nichts mehr sagen. Jede Diskussion mit ihm wäre zwecklos gewesen. Er war im Recht – aus seiner Sicht. Und er hatte sich ja entschuldigt – also war alles gut. Für ihn!
Ich war schockiert! Kein Ausweg weit und breit!
2
Eine Tochter
Nach den Flitterwochen fing also für mich wieder die Schule an. Ich hatte in der Schwangerschaft überhaupt keine Beschwerden. Den Sportunterricht richtete ich danach aus, dem werdenden Kind nicht zu schaden. Alles war in bester Ordnung. Noch immer besuchten mein Mann und ich uns abwechselnd am Wochenende in unseren Wohnorten. Ende der 20. Schwangerschaftswoche machten sich erste Kindsbewegungen bemerkbar. Wie wunderbar! Und beim ersten Kind besonders aufregend! Am Telefon erzählte ich gleich Matthias davon, dass ich das Kind spüren könne und er müsste, wenn er am Wochenende zu mir kommen würde, unbedingt die Hand auf den kleinen Bauch legen, um das Wunder zu erleben. Sehr kalt und emotionslos teilte er mir mit, dass er am Wochenende nicht kommen würde, da er noch ein Projekt abschließen müsse. Das fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Meine euphorische Stimmung fiel sofort auf den Nullpunkt.
Mein erster Gedanke: O Gott, diesen Mann hatte ich vor ein paar Wochen geheiratet!
Ich war sehr enttäuscht. Warum interessierte er sich nicht für meine Emotionen? Er hatte sein Nichtkommen nicht mal bedauert! Ich musste seine Botschaft einfach so hinnehmen. Konnte nichts dagegen tun. Zum zweiten Mal in unserer kurzen Ehe spürte ich Machtlosigkeit. Ich ging zur Selbstreflexion über. Hatte ich zu große Erwartungen an ihn? Hat er wirklich so viel Arbeit, dass er es nicht schafft, sich das Wochenende freizunehmen?
Seit der Hochzeit blieben auch die wöchentlichen Blumensträuße aus. Nicht, dass ich sie erwartet hätte, aber mir ist dieser Umstand nur aufgefallen und das habe ich gespeichert.
Ich hatte Matthias immer bewundert wegen seiner Schlagfertigkeit und seines rhetorischen Geschicks. Hier war er mir haushoch überlegen, was ich neidlos anerkannte. Körperlich eher zart und ohne große Muskelkräfte, hatte sich sein Mundwerk zu einer, wie er selbst behauptet, „Revolverfresse“ entwickelt. Auf sie war er sehr stolz! Mit ihr konnte und kann er zuschlagen, dass es genauso wehtut, als ob man eine Ohrfeige bekommen würde. Sein Credo, das er in geselliger Runde gern allen Freunden und Bekannten wissen ließ, lautete: „Lieber einen Freund verlieren, als auf eine Pointe verzichten.“ Das klang spontan sehr lustig, aber es bewahrheitete sich über die Jahre. Richtige Freunde hat Matthias bis heute nicht.
Ende des Jahres 1993 fing die Zeit des Mutterschutzes an. Da unsere junge Familie zusammen sein sollte, zog ich in die Stadt, in der die Werbeagentur beheimatet war, 200 Kilometer entfernt von meiner Heimat. Für mich war es nie ein Problem, andere Menschen kennenzulernen und schon bald traf ich mich mit anderen werdenden jungen Müttern zur Geburtsvorbereitung. Mitte Januar 1994 kam unsere Tochter Rebekka zur Welt. Es war eine unkomplizierte Spontangeburt. Für das erste Kind dauerte die schmerzhafte Prozedur auch nicht ungewöhnlich lang. Als wir nach der Versorgung gemeinsam in unserem Bett zur Station geschoben wurden, war ich der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt. Diesen heftigen Geburtsschmerz hatte ich nicht erwartet. Nun war aber alles gut, das Mädchen hatte perfekte Apgar-Werte und nun konnten wir uns beide im Krankenhaus erholen. Wie aufregend so eine Geburt ist! Unglaublich!
Schon am nächsten Tag schleppte ich mich zur Rückbildungsgymnastik im Krankenhaus. Nur nicht nachlässig werden! Obwohl mein Gewicht kurz vor der Geburt nur etwa 10 kg über dem Normalgewicht lag, wollte ich so schnell wie möglich wieder fit sein. Außerdem hatte ich mich schon zusammen mit dem Zwerg zum Babyschwimmkurs angemeldet. Eine sehr schöne Sache, die wir beide wenige Wochen später sehr genossen.
Meine Tätigkeit als Lehrerin an der Schule war vorerst auf Eis gelegt, da ich mich um Rebekka kümmern wollte, bis sie das Kindergartenalter erreicht hatte. Danach könnte man ja weiterplanen. Außerdem war ich verbeamtet und eine Stelle an einer Realschule in Bayern war mir sicher. Also wurde ich Vollzeitmutter und genoss diese Berufung sehr.
Als Rebekka ein paar Wochen alt war, ging ich mit ihr zum Babyschwimmen. Was für ein Spaß für Mutter und Kind! Das machten wir nun jede Woche über einige Jahre.
Matthias war mittlerweile sogar an den Wochenenden in der Agentur, da sehr viele Aufträge reinkamen und die Erfolgsrichtung steil nach oben zeigte. Jeden Tag war ich mit dem Kinderwagen am Fluss unterwegs. Jeden Tag alleine. Auch samstags und sonntags. An den Wochenenden waren die anderen Familien immer komplett, ich war immer alleine mit dem Kind. Ich fühlte mich von meinem Mann alleine gelassen. Ich war einsam. Aber dieses Gefühl schluckte ich die meiste Zeit tapfer hinunter.
Wir sprachen darüber, dass die Lage für mich sehr unbefriedigend sei und ich auch gern meinen Mann an meiner Seite hätte. Aber es war nichts zu machen. Es wurde nicht nur an den Wochenenden gearbeitet, sondern auch nachts. War Matthias zu Hause, war er der liebste Papa der Welt. Eigentlich kam er nur zum gemeinsamen Abendessen nach Hause, kümmerte sich um Rebekka, um dann später wieder in die Agentur zu verschwinden. In den nächtlichen Stillpausen rief ich ihn oft an, um zu fragen, wann er nach Hause käme. Zwischen drei und vier Uhr morgens war für gewöhnlich die Antwort. Das war leider keine Ausnahme, das war die Regel.
Als Rebekka sechs Monate alt war, waren wir unterwegs in die Toskana, um zwei Wochen Urlaub zu machen. Diese Fahrt nutzte ich und hatte einen Sturm entfacht. Auf gar keinen Fall ginge das so weiter, dass ich sieben Tage die Woche flussauf- und -abwärts alleine den Kinderwagen schieben würde. Am Wochenende seien alle Familien komplett, nur ich würde immer alleine sein. Dafür wäre ich nicht in seine Stadt gezogen! Wenigstens einen einzigen Tag in der Woche solle er für die Familie da sein, entweder Samstag oder Sonntag. Ansonsten sei ich nicht bereit, ein zweites Kind zu bekommen. Ich hatte ihm das Messer auf die Brust gesetzt. Die einzige Wahl, die ich hatte.
In den nächsten Monaten wurde es besser, aber nicht gut. Er nahm sich entweder samstags oder sonntags Zeit für die Familie. Niemals beide Tage. Und dann auch nur tagsüber. Abends waren meine kleine Tochter und ich wieder alleine.
Sein berühmter Satz war stets: „Ich mache das doch alles für die Familie!“ Heute weiß ich: Er machte das alles in erster Linie für sich. Seine Agentur, seine Karriere, sein Verdienst.
Wir haben nicht schlecht gelebt. Eine kleine Wohnung hat uns genügt. Ansprüche hatte ich nicht viel.
Nun kam aber dazu, dass sich unsere süße kleine Tochter, die sehr pflegeleicht war, motorisch nicht gut entwickelte. Bis zum Alter von sechs Monaten war unser Kinderarzt, der die obligatorischen Untersuchungen durchführte, noch nicht beunruhigt. Aber als das Baby sich mit sieben Monaten immer noch nicht von der Bauch- auf die Rückenlage, oder umgekehrt, drehen wollte, mussten wir handeln. Rebekka musste zweimal in der Woche zu einer Physiotherapeutin, die sich auf Babys spezialisiert hatte, zur Vojta-Gymnastik. Das Kind wird in eine Art „Schwitzkasten“ genommen, dabei werden verschiedene Reflexpunkte mit den Fingern gedrückt, sodass das Kind zum Reflexumdrehen kommt. Die ganze Prozedur dauert ca. 20–25 Minuten, in denen das Baby aus vollem Hals schreit und sich gegen die unangenehme Position wehrt. Ich musste diese Behandlung von der Physiotherapeutin erlernen und mit Rebekka zweimal pro Tag arbeiten. Konsequent jeden Tag! Für eine Mutter gibt es wirklich schönere Aufgaben. Jeden Tag waren wir beide nassgeschwitzt. Aber was sein musste, musste sein. Es half dem Kind bei seiner Entwicklung. Und schließlich wollten wir ja nichts versäumen!
Eines Abends kam Matthias von der Arbeit nach Hause, während wir wieder mal mitten in der an den Nerven zehrenden Behandlung waren. Er sah die schreiende Tochter, samt der schwitzenden Frau, nahm das Kind auf den Arm mit den Worten: „Ach, du arme Rebekka. Quält dich deine Mutter wieder mal so schrecklich?“ Um ein Haar hätte ich geheult. Es war nur meiner eisernen Selbstdisziplin geschuldet, dass es nicht dazu kam. Die Tränen hinunter schluckend dachte ich nur: ICH mache hier diesen Scheißjob, nicht DU!!! Du bist ja fein raus. Ich bin diejenige, die sich zweimal am Tag bei ihrem Kind unbeliebt machen muss, nur um diese in ihrer Entwicklung nach vorne zu bringen. Ich war wütend und frustriert zugleich. Aber ich wollte die Stimmung nicht zerstören und habe nichts gesagt. Ein Fehler, wie ich jetzt weiß. Wir hatten ein gemeinsames Abendessen und dann ging Matthias wieder zurück in den Betrieb. Wie jeden Abend. Es gab kein gemeinsames Familienleben. Er meinte nur, er könne ja momentan nichts für das Baby tun, da ich es stillte, und er hätte ja so wahnsinnig viel Arbeit. Ich glaubte, ihm den Rücken stärken zu können, damit er zusammen mit seinem Geschäftspartner die Werbeagentur erfolgreich führen würde. Und: Ich war ja eine selbstständige und gut organisierte, junge Frau. In seinen Augen konnte ich sehr gut mit mir selbst und dem Baby zurechtkommen.
Natürlich konnte ich das. Sehr gut sogar. Ich spulte mein Pflichtprogramm ab: Babyschwimmen, Krabbelgruppe, zweimal in der Woche Vojta-Gymnastik mit der Physiotherapeutin, lange Spaziergänge an der frischen Luft mit dem Kinderwagen. Vollzeitmutter, jeden Tag 24 Stunden. Die ganze Woche.
Sexuell war nicht mehr viel von meinem Mann zu erwarten. Er richtete es sich so ein, dass es so etwa alle zwei Wochen zum Sex kam. Manchmal waren es sogar nur alle vier Wochen. Ich hatte mich darauf eingestellt und klagte nicht.
Da ich immer noch im Sinfonieorchester Geige spielte und außerdem mit einem erfolgreichen Sporttheater des Öfteren auf allen möglichen Bühnen stand, organisierte ich diese Wochenenden mit Baby und Babysitter. Dafür war es notwendig, Rebekka und alles Gepäck ins Auto zu laden und freitags 200 Kilometer zu meinen Eltern zu fahren. Sowohl meine Mutter als auch meine Schwägerin waren oft als Babysitter bei meinen Aktivitäten dabei. Diese wollte ich auf keinen Fall aufgeben, da ich ja schon meinen Beruf als Lehrerin wegen der Familie auf Eis gelegt hatte. Die aktiven Wochenenden, angefüllt mit Orchesterproben oder Auftritten mit dem Sporttheater ließen sich recht gut organisieren, inklusive der Stillpausen für Rebekka. Meine Familie hatte mich dabei tatkräftig unterstützt. Sonntagabends saß ich wieder im Auto und wir beide fuhren zurück in unser Alltagsleben.
Manchmal ging ich in die Agentur, nur um meinen Mann zu besuchen. Rebekka hatte ich natürlich dabei und alle waren sehr nett zu ihr. Sie war ein Sonnenschein! Eines Tages setzte ich mich in den Aufnahmeraum des Tonstudios, in dem für gewöhnlich die Takes für die Rundfunkspots aufgenommen wurden. In diesem Raum stand ein Klavier. Ich hatte zwar Musik studiert, aber mein Können am Klavier hielt sich in Grenzen. Darum nutzte ich kurz dieses Instrument im Aufnahmeraum, um in Zeitlupe „Alla Turca“ von Mozart zu üben. Als Geigerin hatte ich schon immer Schwierigkeiten, die beiden Notensysteme für rechte und linke Hand gleichzeitig zu lesen. Dafür braucht es wirklich Übung. Mit dem Klavierspielen hatte ich sehr spät angefangen – erst im Studium bekam ich Unterricht bei einer sehr guten und geduldigen Klavierlehrerin. Nun saß ich also in besagtem Aufnahmeraum und versuchte mich an Mozarts berühmtem Marsch. Natürlich war ich nicht sehr erfolgreich, aber ich hatte mich durchgebissen und war froh, dass die Tür zum schallisolierten Aufnahmeraum geschlossen war und mich niemand in meiner Stümperhaftigkeit hören konnte. Vor allem nicht die Angestellten meines Mannes!
Nach meiner Übezeit verließ ich den Aufnahmeraum Richtung Regieraum, in dem Matthias gerade arbeitete. Prompt und mit breitem Grinsen präsentierte er die Tonaufnahme, die er gerade von meinem „Alla Turca“-Versuch gemacht hatte. Ich fühlte mich so erniedrigt und blamiert! Er hatte mir vorgeführt, wie schlecht mein Klavierspiel war. Ich konnte keine Worte finden, so sprachlos war ich. In diesem Aufnahmeraum übte ich nie wieder. Für viele Jahre hatte ich nach diesem Ereignis das Klavierspielen eingestellt. Sogar heute, nach so vielen Jahren, ist es mir lieber, wenn mich beim Klavierüben niemand hört. Der Schmerz sitzt noch immer tief. Mein Mann fand das alles einfach nur lustig.
Nachdem ich mit Rebekka viele Wochen mit Vojta-Gymnastik gearbeitet hatte, stellte die Physiotherapeutin auf Bobath-Gymnastik um. Langsam, aber sicher drehte sich das Kind von selbst auf die Bauchlage und wieder zurück. Mit vierzehn Monaten fing Rebekka an, sich in den Vierfüßlerstand hochzudrücken. Ein Alter, in dem andere Kinder schon selbständig laufen. Sie war immer noch sehr zart und hatte trotz der vielen Übungen recht wenig Kraft. Aber ich hatte sie ohne Pause die letzten Monate gefördert. Nun fing, sehr langsam und zögerlich, das Krabbelalter an. Wir hatten schon einen kleinen Erfolg geschafft. Aber was würde aus ihrer motorischen Entwicklung in Zukunft werden? Mit anderen Babys verglichen, hatte unser Kind einen deutlichen Entwicklungsrückstand. Ich war skeptisch, aber immer noch hoffend, dass dieser Rückstand würde ausgeglichen werden können. Wir arbeiteten doch so intensiv daran! Das eigene, aktive Sporttreiben hatte mich gelehrt, niemals aufzugeben. Genauso sah ich das in Bezug auf Rebekka. Sie machte jeden Tag brav ihre Übungen mit mir und wehrte sich nicht dagegen. Unser täglich Brot.
Mit zwei Jahren kam die Frühförderung dazu, die einmal pro Woche bei uns in der Wohnung stattfand. Rebekka konnte nun endlich frei laufen, aber sie war noch immer sehr wacklig unterwegs. Außerdem hatte sie ganz fürchterliche X-Füße. Sie lief quasi auf der Innenseite des Fußes, wenn sie keine guten Schuhe anhatte.
Meine damalige Stepptanzlehrerin war Hippotherapeutin und sie sagte mir, ich solle mit Rebekka mit dem Training auf einem Pferd beginnen. Ohne Sattel müsste sich das Kind an der Mähne festhalten und die Knie fest ans Pferd drücken. Durch das Ausgleichen der Bewegung des Pferdes würde außerdem ihr schlechtes Gleichgewicht geschult. Gesagt, getan. Den Ratschlag befolgten wir gern und ich fuhr mit ihr zweimal pro Woche zu einem Pferdehof in der Nähe und führte sie zwanzig Minuten auf einem Pony sitzend durch das Gelände. Durch das Ausgleichen der Bewegungen des Pferdes bekam sie ein viel besseres Gleichgewicht und durch den Innendruck der Schenkel drehten sich allmählich ihre Füße und sie konnte sich mehr auf die Fußsohle stellen. Ich führte sie auch noch im Gelände umher, als ich zum zweiten Mal schwanger und unser Sohn Julian auf die Welt gekommen war.
Trotz des monatelangen Reittrainings fiel Rebekka beim Laufen oft hin und ihre Reflexe waren so verzögert, dass sie viele Wunden an Stirn, Kinn oder an den Schläfen davontrug. Auch die Feinmotorik war nicht altersentsprechend, obwohl die Therapeuten der Frühförderung sich viel Mühe gaben. Die Entwicklungsberichte waren jedes Mal ernüchternd. Wir mussten uns eingestehen, dass Rebekka sich nicht wie ein normales Kind entwickeln würde. Wir waren traurig und ratlos.
Auch ihre Sprache bestand nur aus ein paar Silben und wenigen Wörtern. Sie konnte sich nicht richtig ausdrücken. Wir gingen auf die Suche nach einem geeigneten Kindergarten für unser Töchterlein. Gott sei Dank fanden wir ganz in der Nähe unserer Wohnung einen wunderbaren Integrativen Kindergarten, in dem behinderte und nicht-behinderte Kinder zusammen aufwachsen durften. Die Leiterin der Einrichtung, eine unfassbar positive, liebenswerte und offene Frau, hatte die kleine, zarte Rebekka gleich ins Herz geschlossen und im Alter von drei Jahren und acht Monaten begann für unser Mädel die Kindergartenzeit.
Sie fühlte sich sofort pudelwohl. Zeitgleich suchte ich nach einer weiteren motorischen Entwicklungsmöglichkeit und fand sie beim Mutter-Kind-Turnen eines Sportvereins. Dies sollte für viele Jahre unser nachmittäglicher Zeitvertreib einmal pro Woche bleiben. Julian war bald auch dabei. Er entwickelte sich prächtig. Nun erst hatte ich einen Vergleich. So wie er sollte sich also ein Kind normalerweise entwickeln.
Rebekka sprach immer noch sehr schlecht und artikulierte, ohne Spannung in den Mundraum zu bringen. Sie nuschelte sehr und nur wenige Menschen konnten sie verstehen. Ihr selbst machte das nichts aus. Sie war ein sehr fröhliches Kind.
Mit vier Jahren fing sie an, mit Logopäden*innen zu arbeiten. Die ersten Jahre zweimal pro Woche. Später nur noch einmal. Sieben lange Jahre fuhr ich mein Kind zur Sprechtherapie und holte sie danach wieder ab. In dieser Zeit wurde vieles besser, aber bis heute artikuliert Rebekka nicht sauber und muss immer wieder daran erinnert werden, „ordentlich“ zu sprechen. Auch der Wortschatz ist begrenzt. Sie kann sich gut mit Menschen unterhalten, aber sie verwendet dafür nur einfache Wörter und Satzstrukturen.
Als Rebekka gut vier Jahre alt war, hörten wir von einem Bekannten, dass eine Therapieform in Belgien dem Kind eventuell helfen könnte. Er selbst wurde dort von seiner Legasthenie geheilt und fand es ziemlich unglaublich, was mit ihm passiert war. Also informierten wir uns und fuhren zur „Tomatis-Therapie“ nach St. Truiden, Belgien, 600 Kilometer von zu Hause entfernt. Beim ersten Besuch sollten wir zehn Tage bleiben. Mittlerweile hatte der Entwicklungsstand des Mädchens eine deutliche Retardierung erreicht. Vor allem der sprachliche Bereich machte uns große Sorge. Rebecca war durch die Hypotonie der Mundmuskulatur kaum zu verstehen. Die weiteren Besuche im Tomatis-Zentrum waren jedes Mal für fünf Tage anberaumt. Alle sechs Wochen machten wir beide uns auf den Weg. Ich tat alles, um dem Mädchen bei seiner Entwicklung zu helfen. Kämpfte mit aller mir zur Verfügung stehenden Kraft gegen die Entwicklunsverzögerung meiner Tochter an.
Rebekka machte jedes Mal kleine Entwicklungssprünge nach vorne und so brachten wir sie in den kommenden drei Jahren insgesamt achtundzwanzig Mal nach Belgien, um die Entwicklung unserer kleinen Tochter anzukurbeln. Fünfundzwanzig Fahrten davon hatte ich alleine mit ihr unternommen.
Die Kosten dafür mussten wir selbst übernehmen. Die Krankenkasse hatte es abgelehnt, diese alternative Therapieform zu bezahlen.
Als Rebekka sechs Jahre alt war, ließ ich sie einen ganzen Tag lang im Kinderzentrum München untersuchen. Man stellte einen deutlichen Entwicklungsrückstand im motorischen, sprachlichen und kognitiven Bereich, also eine Retardierung, fest. Den Grund dafür konnten mir die Ärzte nicht sagen. Ich war enttäuscht und fühlte mich zum ersten Mal ausgelaugt. Ich hatte sechs Jahre lang wie eine Löwin um die Entwicklung meiner Tochter gekämpft. Sollte das alles umsonst gewesen sein? Die vielen Arztbesuche, die Therapien und der Logopädieunterricht? Die Fahrten nach Belgien? Ich war das erste Mal richtig frustriert. Ich hatte das alles doch gemacht, damit eine Besserung eintritt!
Die ganze Familie hatte gehofft. Wir wurden von der Realität bitter enttäuscht.
Zum Schuleintritt besuchte Rebekka eine Förderschule in einer kleinen Stadt. Nach fünf Jahren wechselte sie auf eine Schule für Körperbehinderte. Sie hatte zusammen mit ihrem Behindertenausweis nun auch offiziell den Stempel „Behinderung“ bekommen. Das war nicht leicht für uns zu akzeptieren. Mir ging es nicht gut. Mit Matthias konnte ich darüber nicht reden. Er hätte es nicht verstanden. Er meinte nur: „Du machst das super mit Rebekka.“ Das sollte auch so ziemlich das einzige Lob bleiben, das er mir aussprach.
Mit ungefähr acht Jahren fing unsere Tochter mit dem Reiten an. Sie brauchte länger als die anderen Kinder in der Gruppe, aber sie lernte, sich gut auf dem Pferd zu halten und es vorwärtszureiten. Schließlich fing sie nach einigen Jahren sogar mit dem Springen an. Ich war sehr erstaunt, dass ihr das ohne viel Mühe gelang.
Im Winter zuvor hatte sie mit ihrem Bruder Julian den ersten Skikurs besucht. Auch hier brauchte sie länger als er, aber schlussendlich konnte sie in langsamen Bögen eine flache Piste hinunterfahren. Ich war sehr stolz auf sie!
Bis heute zählen Reiten, Schwimmen, Skifahren und Radfahren zu ihren Lieblingssportarten. Fußball musste sie immer mit den beiden Brüdern spielen.
Inlineskates und Eislauf standen ab und zu auch auf der sportlichen Liste.
Durch das jahrelange Reittraining verbesserte sich ihr Gleichgewicht immens und sie konnte nun viel schneller und sicherer laufen. Motorisch ist Rebekka wirklich gut in Schuss, was dem Umstand geschuldet ist, dass ich nie aufgegeben habe, sie zu fördern und zu fordern.
Auch die musikalische Förderung hatte ich übernommen. Nachdem Julian und Rebekka einen Kurs der musikalischen Frühförderung besucht hatten, fing ich mit den beiden mit Blockflötenunterricht an. Auch hier benötigte Rebekka mehr Zeit, um Notenschrift und Griffe zu lernen. Aber es war kein Problem. Sie lernte langsam, aber stetig.
Als Julian sechs Jahre alt war, begann ich mit seinem Klavierunterricht. Er war sehr schnell und es dauerte nicht lange, da brauchte er eine „richtige“ Klavierlehrerin.
Rebekka wollte nun auch Klavier lernen. Also machte ich mit ihr die ersten Schritte an diesem Instrument. Bis heute sitzen wir zusammen am Klavier, probieren und üben neue Stücke und es ist erstaunlich, wie gut sie sich die Musik merken kann. Wenn möglich, spielt sie die Stücke auswendig. Auch hier braucht sie recht lange, bis die kleinen Stücke sitzen, aber wenn sie sie im Gedächtnis verankert hat, kann sie sie immer wieder abrufen. Auch das ist bewundernswert mit ihrem Handicap.
Heute lebt Rebekka in einer anthroposophisch geprägten Dorfgemeinschaft und ist sehr glücklich. Sie liebt das Leben auf dem Land und die Menschen dort und ist sehr gut aufgehoben. Rebekka arbeitet als Haushaltshilfe in einer der Wohngruppen. Einmal im Monat kommt sie über das Wochenende zu uns, freut sich auf unser Pferd und reitet mit ihm Dressur und ins Gelände. Sogar leichtes Springtraining steht ab und zu auf dem Programm. Auch den Winter- und den Sommerurlaub verbringt sie bei uns zu Hause. Beim Skiurlaub ist sie jedes Jahr dabei. Sie fährt alle Pisten ohne Angst im Carvingschwung hinunter und hat sehr viel Spaß dabei.
Sie hat sich prächtig entwickelt und ist eine glückliche junge Frau.
Бесплатный фрагмент закончился.
