Читать книгу: «Die Wiedergewinnung des Heilens»

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ISBN E-Book 978-3-95779-138-2
ISBN gedruckte Version 978-3-95779-052-1
Diesem E-Book liegt die Erste Auflage 2017 der gedruckten Ausgabe zugrunde.
E-Book-Erstellung: CPI books GmbH
© 2017 Info3-Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KG,
Frankfurt am Main
Umschlag: Frank Schubert, Frankfurt am Main
Titelabbildung: Christus heilt einen Gelähmten. Byzantinisches Mosaik aus der Kathedrale von Monreale, Sizilien.
Über dieses Buch
In diesem Buch übt Volker Fintelmann leidenschaftliche Kritik an dem heutigen, durchgehend ökonomisierten Gesundheitssystem. Weil diesem eine ethische Grundlage fehlt, will Fintelmann der Medizin aus seinem Verständnis des Christentums heraus Impulse für eine neue Moral der Verantwortlichkeit und Liebe geben.
Im Mittelpunkt stehen dabei die Heilungsgeschichten der Evangelien, die Fintelmann in einem neuen Licht interpretiert. Das von ihm in Anknüpfung an Rudolf Steiner entwickelte Verständnis christlichen Heilens wird darüber hinaus auf überraschende Weise konkret, wenn etwa Zirkulationsvorgänge im Organismus mit der Christus-Kraft in Verbindung gebracht werden. Imposante Patientengeschichten aus der eigenen lebenslangen Praxis-Erfahrung runden dieses Plädoyer für ein vertieftes Verständnis des Heilens ab.
Ein Leitsatz Volker Fintelmanns lautet: „Eine Krankheit heilen heißt, ihren Sinn zu erfüllen.“
Über den Autor

Dr. med. Volker Fintelmann
geboren 1935, war nach seinem Studium unter anderem Ärztlicher Direktor am Hamburger Klinikum Rissen und baute dort eine anthroposophisch ergänzte Medizin auf. Über 20 Jahre leitete er die von ihm gegründete Carl Gustav Carus Akademie. Er ist Autor zahlreicher Bücher.
Inhalt
1. Was ist mit „christlicher Medizin“ gemeint?
2. Der Arzt als Leibsorger
Menschenverständnis
Menschenliebe
Beispiele für eine ethikunabhängige Medizin
Änderungen tun not
3. Vom Heilen
Zweierlei Kranksein
Die Realität des Bösen
Was ist Gesundheit?
Techniken des Heilens
Tätige Nächstenliebe
Heilmut
Therapiegemeinschaft
Die Heilungen in den vier Evangelien
Die Auferweckung des Lazarus
Der Aussätzige
Die verdorrte Hand
Die Gelähmten
Die Blinden, Stummen und Tauben
Heilung der Besessenen
Konsequenzen für eine zukünftige Medizin
4. Glaube und Wissen
5. Die Menschenkunde des Johannes-Evangeliums
Die sieben ICH-BIN Worte
Die Weltenkraft der Liebe
6. Vom Schweigen
7. Die heilende Arznei
8. Raphael, der christliche Merkur
9. Das Lukasevangelium als innere Anweisung für den Heilwillen
Das exoterische Studium von Natur und Mensch
Die esoterische Vertiefung
Die Ausbildung moralischer Fähigkeiten
Herzdenken und Heilwille
10. Medizin als Schule zur Selbstlosigkeit
Schenken und Danken
11. Christi Wirken in unserem Leib
Die leiblichen Wirkungsstätten Christi
Der physische Leib
Der Lebensleib
Der Empfindungsleib
Der Ich-Leib (Ich-Organisation)
12. Rudolf Steiner und die Medizin
13. Ausklang
Zur Person des Autors
Anhang: Die Heilungsgeschichten in den Evangelien im Überblick
Anmerkungen
„Das grund-christliche Motiv ist die Nächstenliebe, und aus ihr kann ich eine neue Medizin entwickeln.“
Volker Fintelmann
Ich werde gehen den WEG,
der die Elemente in Geschehen löst.
Und mich führt nach unten zum VATER,
der die Krankheit schickt zum Ausgleich des Karma.
Und mich führt nach oben zum GEISTE,
der die Seele in Irrtum zum Erwerb der Freiheit leitet.
CHRISTUS
Führt nach unten und nach oben,
harmonisch Geistesmensch in Erdenmenschen zeugend.
(Rudolf Steiner im Pastoralmedizinischen Kurs)
1.
Was ist mit „christlicher Medizin“ gemeint?
Das für dieses Buch gewählte Motto ist ein Meditationstext aus dem Kurs zur Pastoralmedizin1, den Rudolf Steiner im Herbst 1924 in Dornach für Ärzte und Priester der noch jungen Bewegung zur Erneuerung einer christlich-sakramen talen Religion, der „Christengemeinschaft“ hielt. Die Ärzte wiederum waren Mitglieder der auch gerade erst begründeten Medizinischen Sektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum in Dornach. Die Texte der neun Vorträge wurden lange Jahre nur auf Anfrage persönlich übergeben, ehe sie im Rahmen der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA) der Öffentlichkeit zugänglich wurden. Dieser Pastoralmedizinische Kurs (GA 318), wie er in Kurzform genannt wird, war Steiners Grundlegung für eine zukünftige Medizin, deren Grundkomponenten er mit den Begriffen „spiritualisiert“ und „durchchristet“ bezeichnete. Trotz Anerkennung einer zu dieser Zeit neu gefassten, ganz auf die modernen Naturwissenschaften gestützten Medizin, die alles sinnlich Beobachtbare zum ausschließlichen Gegenstand ihrer Wissenschaftsmethodik machte, sah Steiner die unverzichtbare Notwendigkeit einer Ergänzung durch eine Geisteswissenschaft, die er „Anthroposophie“ nannte. Deren Hauptanliegen ist die bewusste Verbindung des Geistigen im Menschen mit dem Geistigen im Weltall. Anthroposophie kann so auch als Wissenschaft des Unsichtbaren in Ergänzung der Wissenschaften einer sinnlich-erfassbaren, „sichtbaren“ Welt bezeichnet werden, die wir gemeinhin Naturwissenschaften nennen. Dieser auch von mir erlebten gedanklichen Verbindung von dualen Erkenntniswegen bzw. -methoden, das Miteinander von Stoff und Geist oder – wie es im vorangestellten Meditationstext heißt – „Erdenmensch und Geistesmensch“ begegnete ich in einem Vortrag des schon hochbetagten Thure von Uexküll im Ärztlichen Verein der Ärztekammer Hamburg in dessen Worten: „Die Medizin hat im 20. Jahrhundert den Geist aus sich herausgetrieben. Und es wird höchste Zeit, dass sie ihn wieder hereinbittet“.2
In dem umfangreichen Werk Rudolf Steiners bin ich einer Christologie oder auch Christosophie begegnet, die mir immer deutlicher verstehbar machte, was ich in mir als „christlich“ erlebte, das mich jedoch in große Schwierigkeiten mit den verschiedenen christlichen Konfessionen brachte. Mein zunächst kindlich-jugendlich erlebtes Christsein fand keinen Widerhall im Protestantismus, in den ich durch meine Eltern hineingeboren wurde und in dessen Rahmen ich auch in der Dahlemer Dorfkirche in Berlin christlich getauft wurde. Schon im Vorkonfirmandenunterricht rieb ich mich an der weitgehend gedanklich vermittelten Hinführung zur göttlichen Trinität, am Katechismus, an der Mittelpunktorientierung auf die Kreuzigung und das Karfreitagsgeschehen hin und an dem Mangel, Ostern und die Auferstehung als das Zentralereignis real zu erfassen. Stattdessen wurden gerade durch einige Berliner Theologen die Evangelien entmythologisiert, es wurde das Bild vom einfachen Menschen Jesus von Nazareth gezeichnet und die göttliche Einwohnung in diesem durch Christus mit der Jordantaufe wie an den Rand gedrängt.
Noch schwerer hatte ich es mit dem Katholizismus, insbesondere mit dem dort gelebten Dogmatismus, der grauenvollen Geschichte der Christianisierung heidnischer Völker und der Inquisition. Dostojewskis Geschichte vom Großinquisitor, eingefügt in sein Monumentalwerk „Die Brüder Karamasow“, bestätigte mich in meiner inneren Distanz, auch, was ich als Flüchtling im Sudetenland an meinen überwiegend katholischen Klassenkameraden erlebte, die mich zum Beispiel baten, ihnen zu helfen, für die allfälligen Beichten Ideen zu entwickeln, die sie dem Beichtvater vortragen könnten. Und von beiden Konfessionen entfernte mich das Erleben der ihnen gemeinsamen, mächtigen Intoleranz sowohl untereinander als auch gegenüber Nichtchristen und Andersdenkenden, ebenso wie ihre Toleranz gegenüber dem Nationalsozialismus oder auch anderen Diktaturen. Die Diskriminierung der Frau in der Katholischen Kirche, der Einfluss der Psychoanalyse in der Protestantischen, die Glaubenskriege – alle diese Elemente erlebte ich als Kontrast zu dem, was in mir als Empfindung eines Christentums lebte, für das Toleranz, Mitgefühl (Empathie), der Blick auf meinen Nächsten und seine Bedürfnisse, vor allem jedoch Wahrheitssuche und Freiheit so entscheidende Elemente bilden, dass ihr Fehlen oder Negieren mich denken ließ: „Ohne sie kein Christentum“!
In der modernen Medizin, der ich zunächst im Studium und dann in den Lehrjahren des Arztberufes täglich begegnete und deren Teil ich zunehmend wurde, begegneten mir viele der Verhaltensweisen und Auffassungen, die ich eben mit Blick auf die christlichen Konfessionen schilderte:
– die Dogmatik einer Wissenschaft, in der nur akzeptiert wurde und wird, was sie zu denken oder praktizieren erlaubt („wissenschaftlich anerkannt“);
– die Aussonderung anderer medizinischer Systeme, die oft getragen sind von jahrhunderte-, ja jahrtausende alten Traditionen und als Alternative oder Glaubensmedizin, ja zum Teil auch als Paramedizin diskriminiert wurden;
– eine immer analytischere Auffassung vom Menschen als Zusammensetzung unglaublich vieler Teile, also ein Puzzle bild statt eines Gemäldes seiner Ganzheit;
– der immer deutlichere Verlust verbindlicher Ethik, beispielhaft gekennzeichnet am Ablegen des „Nil nocere“, dieser wesentlichen Aussage im Eid des Hippokrates, der einmal für den Arztberuf verbindlich war: „Du darfst deinen Patienten keinen Schaden zufügen“.
Dazu zählt auch die immer sichtbarere Haltung, an der Krankheit eines Menschen so viel als möglich zu verdienen, die Medizin also als Markt (miss-) zu verstehen; und schließlich auch die immer größere Distanz des Arztes zum Kranken, sein Verdrängtwerden durch Apparate. Das alles erlebte ich als ein zunehmendes Erkalten und ein ungeheures Missverständnis meiner Wahl des Arztberufes.
Ivan Illich, Jesuitenpater und Soziologe, hat die oben genannten Elemente einer aus seiner Sicht zur Kirche gewordenen medizinischen Wissenschaft mit größter gedanklicher Schärfe und zum Teil beißender Kritik in seinem Buch „Die Enteignung der Gesundheit“ ausführlich dargestellt.3
Ich schreibe das alles, um deutlich zu machen, was in mir im Gegensatz dazu durch Steiners Forderung einer „Durchchristung der Medizin“ angeregt und belebt wurde – und um anzudeuten, was ich mit „christlicher Medizin“ meine. Es geht mir dabei gerade nicht um eine konfessionelle Medizin, sondern um eine durch und durch freiheitliche, in der die Einzigartigkeit jedes Menschen erfahren und zum Ausgangspunkt allen Handelns gemacht wird. Eine weitere Aussage Steiners, wonach „Christus unabhängig von konfessionellen Religionen für alle Menschen gekommen ist“ wurde mir Leitbild: ER hat helfend in die Evolution der Menschheit eingewirkt, sie neu belebend und mit dem Freiheitsimpuls verbindend. Es ging ihm nicht um die Stiftung einer neuen Religion – das haben Menschen aus seinem Wirken gemacht – es ging ihm um das Heil der Menschen in ihrer Begegnung mit dem Göttlichen und den Gegenkräften, auch das Böse genannt (Steiner sprach auch von Widersachern). Christus begründete ein Menschenbild, indem er sich selber zum Bild des Menschen machte. Pontius Pilatus hat das in seinem „Ecce homo“ wahrgenommen, kaum vollbewusst, eher ahnend-intuitiv. Christliche Medizin beginnt daher aus meiner Sicht mit dem Schaffen eines Menschenbildes, das die Gliederung in Leib, Seele und Geist neu entdeckt, differenziert beschreibt und zugleich die göttliche Schöpfung in ihm erlebt.
Der erste Schritt ist somit ein Erkenntnisakt. Steiner nannte das in Vorträgen über „Die Geheimnisse der menschlichen Organisation“ „Menschenverständnis“. Christliche Medizin begründet jedoch auch eine ethisch-moralische Handlungswelt. Diese nannte Steiner an gleicher Stelle „Menschenliebe“. „Es gilt als die eigentliche Quelle des Moralisch-Geistigen in der Menschheit nur dasjenige, was man Menschenverständnis nennen kann, gegenseitiges Menschenverständnis, und die auf dieses Verständnis der Menschen gebaute Menschenliebe.“4
Achtmal habe ich zusammen mit meinem Freund Johannes Lenz, Pfarrer der Christengemeinschaft, ein dreitägiges Seminar „Wege zu einer Christlichen Medizin“ kontinuierlich Jahr für Jahr in der Carl Gustav Carus Akademie Hamburg durchgeführt. Die dort vorgetragenen Inhalte und das in Gesprächen aller Teilnehmer erlebte Verbindende bilden die Grundlage dieses Buchs. Es ist ein sehr bewusst persönlich gehaltenes Buch, es birgt die Essenzen meines eigenen Weges als Arzt, wo ich immer im Austausch mit Pfarrern oder Priestern stand, also ganz im Sinne von Steiners Pastoralmedizin. Es möchte den Leser Fragen erleben lassen, die vielleicht auch in ihm existieren, bewusst oder noch unbewusst. Es möchte Denkanstöße statt fertiger Antworten vermitteln und es möchte Wege aufzeigen, auf welchen die Medizin den Menschen in seiner Ganzheit wiederfindet, den sie methodisch durch ihr zergliederndes Denken aus dem Blick verloren hat. Und es möchte vor allem auch wieder eine Perspektive des Heilens eröffnen, das der modernen Medizin ebenso wie die Ganzheit Mensch verlorenging. Der Kardiologe Bernard Lown, der die Klassifikation der Herzrhythmusstörungen schuf und die Elektrostimulation des Herzens (Kardioversion) entwickelte, hat diesen Aspekt in seinem Buch „Die verlorene Kunst des Heilens“5 ausführlich und auch sehr persönlich beschrieben. Denn Heilen ist mehr und auch etwas anderes als Gesundmachen. Eine Orientierung sollen dafür die Heilungsgeschichten der Evangelien geben, verbunden mit dem Blick auf die Entwicklungsgeschichte, in welcher die Menschen das Heilsein verloren haben.
Christliche Medizin ist also eine begriffliche Benennung eines Wegs, der die Medizin und vor allem alle in ihr beruflich Tätigen aus der Sackgasse führen möchte, in die sie durch die einseitige Festlegung auf eine rein naturwissenschaftliche, „objektivierende“ Wissenschaft geraten sind. Das wird natürlich auch große Konsequenzen für alle Menschen haben, die sich der Medizin anvertrauen oder oft auch ausliefern müssen, für jene Menschen, die wir im Allgemeinen „unsere Patienten“ nennen. Deshalb hoffe ich, dass dieses Buch auch von letzteren gelesen wird. Denn meine Hoffnung auf eine veränderte, „menschengerechtere“ Medizin ruht darauf, dass sie aus den Forderungen der Patienten entsteht. Es ist in der gegenwärtigen Zeit schwer vorstellbar, dass sich das festgefahrene System der Medizin aus sich heraus metamorphosiert. Zu stark scheinen mir die selbstangelegten Fesseln, als dass nicht Hilfe von außen kommen müsste, um sie zu lösen. Zu schwach sind auch Einsicht und Wille der Ärzte, im Blick auf die Bedürfnisse ihrer Patienten etwas zu ändern. Wenn die Ärzte rebellierten, was selten genug geschah, dann eigentlich immer nur, wenn es um die Neufassung ihrer Gebührenordnung und eine befürchtete Schmälerung ihrer Einkommen ging. Ich habe nicht erlebt, dass Ärzte einmal für ihre Patienten auf die Straße gingen, zum Beispiel dann, als weitgehend alle Arzneimittel der Komplementärmedizin von der Erstattung gesetzlicher Krankenkassen ausgeschlossen wurden. Wie anders das einmal gedacht wurde, zeigt die 1982 bei der Generalversammlung des Weltärztebundes in Lissabon verabschiedete Deklaration:
„Ein Arzt sollte immer, auch angesichts faktischer, ethischer und rechtlicher Schwierigkeiten, seinem Gewissen folgen und nur dem Wohle des Patienten dienen. Die folgende Deklaration enthält einige der wesentlichen Grundrechte, welche die Ärzte für die Patienten sicherstellen wollen. Wenn die Gesetze oder die Regierung eines Landes dem Patienten diese Rechte durch Maßnahmen vorenthalten, sind die Ärzte gehalten, geeignete Mittel und Wege zu suchen, diese Mittel dennoch zu gewähren.
– Der Patient hat das Recht auf freie Arztwahl.
– Der Patient hat das Recht, von einem Arzt behandelt zu werden, der seine klinischen und ethischen Entscheidungen frei und ohne Einfluss von außen treffen kann.
– Der Patient hat das Recht, einer Behandlung nach angemessener Aufklärung zuzustimmen oder sie abzulehnen.
– Der Patient hat das Recht, zu erwarten, dass der Arzt über seine medizinischen und persönlichen Daten Schweigen bewahrt.
– Der Patient hat das Recht, in Würde zu sterben.
– Der Patient hat das Recht auf geistige und moralische Unterstützung, die er auch ablehnen kann; das schließt das Recht auf den Beistand eines Geistlichen seiner Religion ein“.
2.
Der Arzt als Leibsorger
So sehr man versucht sein kann, das Körperliche, den Leib des Menschen als vergänglich und damit weniger bedeutsam für sein ewiges Leben als die unsterbliche Seele und den über alle Zeiten andauernden Geist anzusehen, so sehr ist in Wirklichkeit der Leib der vollkommenste Aspekt der Schöpfung Mensch. An ihm haben die schöpferischen oder eben göttlichen Kräfte von Beginn an gearbeitet, er wurde immer im Bild eines Tempels gesehen. Und ihn neiden die Widersacher den Göttern, weil sie Vergleichbares nicht schaffen können. Alle Versuche im Ausdruck von Technik und Kunst sind stümperhaft im Vergleich mit dem Menschenleib, und das ist den widerstrebenden Mächten bewusst. Deshalb versuchen sie auch, sich dieses Leibs zu bemächtigen. Die moderne Medizin ist einer ihrer großen Helfer dieses Ansinnens.
„Der Körper ist nicht des Menschen, der Körper ist Gottes“, sagt Steiner in Vorträgen zu jungen Ärzten und Medizinstudenten.6 Er beschreibt schon früh in Vorträgen zu einer geisteswissenschaftlich („okkult“) erforschten Darstellung des gesunden Menschen („Physiologie“)7 und dann ganz am Ende seiner Vortragstätigkeit 1924 im Pastoralmedizinischen Kurs8 den Beruf des Arztes als einen Gottesdienst. Was überhaupt nicht heißt, als Priester oder Pfarrer zu wirken, sondern im Dienste der Schöpfung am Gesundsein und Gesunderhalten (Salutogenese) des menschlichen Leibes verantwortlich mitzuarbeiten. So wie der Priester oder Pfarrer Seelsorger sein soll, ist der Arzt berufen zur Leibsorge. Und das ist eine tief bedeutsame und hoch verantwortungsvolle Berufung. Denn: „Der Leib hat einen dem Denken entsprechenden Bau“.9 Dieser Satz aus Steiners „Theosophie“ macht die Bedeutung unseres Leibes klar. Alles Erkennen, das in unser Denken mündet, braucht einen ihm entsprechenden, das heißt „gesunden“ Bau. In unserem Denken ist unser Ich tätig, mit ihm reflektiert es seine Begegnungen mit der Welt und mit sich selbst (Selbsterkenntnis). Der Leib bildet dem Ich die Werkzeuge („organon“, griechisch Werkzeug), die es zu seinem differenzierten Denken braucht. Alle Organe und die Organsysteme wie Blut, Muskulatur, Zentralnervensystem, Knochen- und Bindegewebe sind vielgestaltige Werkzeuge für das Ich, damit es erkennend tätig sein kann. Und jedes Organ hat für das Denken einen ganz eigenen Aspekt. Wir brauchen für das Denken nicht nur das Gehirn, wir denken mit dem ganzen Körper. Dieser, als Organismus bezeichnet, kann – um im Bilde zu bleiben – als die Werkstatt des Ich angeschaut werden, in welcher jedes Organ ein bestimmtes Werkzeug bildet, mit dem das Ich seine Erkenntnis der Welt, seine „Weltanschauung“ schöpferisch bildet, so wie der Tischler seine Möbel oder der Schuhmacher die Schuhe. Dieses schaffende Ich, das im Erkennen die Welt mitschafft und auch verändert, braucht gleichermaßen den ihm entsprechenden Bau seines Leibes, ebenso wie das empfindende und fühlende Ich, das als Kern oder auch Frucht in der Hülle der Seele lebt und wirkt. Solcherart muss eine wirkliche Psychosomatik angeschaut werden, und eigentlich kann es keine Medizin vom Menschen geben, die nicht psychosomatisch ist.
Immer stärker schieben sich heute Erkrankungen in das soziale Leben, die als „psychisch“ bezeichnet werden, weil äußerlich erkennbare krankhafte Veränderungen an den Organen nicht feststellbar sind. Und doch sind auch sie „organisch“, weil das gesunde Wechselverhalten, die Interaktion von Seele und Leib gestört, nicht gesund ist. Dazu zählen auch sogenannte Verdauungsstörungen („Funktionelle Dyspepsie“), Unverträglichkeiten gegenüber Nahrungsmitteln, Reizmagen und Reizdarm, kurz alle Erkrankungen, die wir heute funktionell nennen, und die immer noch nicht wirklich ernstgenommen werden. Das Gestörtsein des Leibes entzieht sich hier weitgehend einer sinnlich-manifesten Objektivierung. Und so werden sie gerne als „nicht-organisch“ oder als Befindlichkeitsstörungen abgetan. Nimmt man jedoch ernst, dass auch in diesen leiblichen Störungen das Ich in seiner Tätig keit behindert wird, dass sein Erkennen der Welt, der Mitmenschen und auch seiner selbst dadurch verzerrt oder verfälscht werden kann, bekommen auch diese scheinbar nur funktionellen Erkrankungen für den Arzt die Aufgabe, sie zu heilen, um den gesunden Organismus als Voraussetzung für ein frei wirkendes Ich wiederherzustellen und zu befestigen.
Der Leib ist schon dem Verständnis der naturwissenschaftlichen Medizin nach ungeheuer komplex. Wie ist doch jedes Gewebe von besonderer Art („Parenchym“), wie staunenswert sind die Architekturen z.B. eines Leberläppchens, eines Nierenglomerulums oder auch die Knochenstrukturen. Welche Welt voller Wunder betreten wir mit der Betrachtung des Leibes, makroskopisch wie mikroskopisch. Welche Schönheit begegnet uns durch ihn, welche Weisheit der Schöpfung. Wie kann ich es als selbstverständlich nehmen, in welcher Weise der gesunde Organismus in allen Vorgängen geregelt ist, wie er sich auch begrenzt, wie Vergehen und Entstehen im Gleichmaß geschehen. Ich kann das nur staunend erfassen, und mich ergreift tiefe Ehrfurcht vor dieser Vollkommenheit. Diese beiden Eigenschaften, Staunen und Ehrfurcht, als notwendige Voraussetzungen der Begegnung des Arztes mit dem Leib des Patienten müssen neu entdeckt und auch geschult werden, will der Arzt seiner Berufung als Diener in der Mitarbeit an der Schöpfung Leib gerecht werden.10 Denn diese ist nicht abgeschlossen, ihre Wirklichkeit ist das Werden, nicht das Gewordene. Nur scheinbar ist ein Schienbein immer das gleiche. In Wirklichkeit befindet es sich in dauerndem Abbau und Wiederaufbau, es ändert sich in seiner Stofflichkeit, in seiner Struktur und letztlich auch in seiner Form oder Gestalt. In der Kindheit und Jugend kann man dem geradezu zusehen, später sind die Vorgänge äußerlich so verlangsamt, dass sie als unverändert erscheinen. Doch im Feinstofflichen, mikroskopisch erfassbar, dauert die Veränderung an, setzen sich Abbau und Aufbau fort. Und im Alter werden die Vorgänge wieder anschaulicher in den vielfachen Deformationen, dem Schrumpfen oder der stark verlangsamten Regeneration.
Wir stoßen auf die allem zugrundeliegenden Funktionen, die wir schon Abbau und Aufbau oder auch Regeneration nannten, die als Stoffwechsel bezeichnet werden, als Bildung von „Säften“, Zellen oder Hormonen. Auch hier erleben wir eine staunenswerte Fülle von Tätigkeiten, die wir dem Leben zuordnen, weil es sie im Leichnam so nicht mehr gibt. Sie äußern sich quantitativ, wenn wir lernen, dass unsere Nieren weit mehr als 100 Liter Primärharn bilden, von dem durch Rückresorption der größte Teil wieder in den Organismus aufgenommen wird und von dem wir nur etwa ein bis zwei Prozent wirklich ausscheiden; oder dass die Speicheldrüsen etwa 1,5 Liter Speichel täglich bilden; wir mehr als 25 000 Atemzüge der Ein- und Ausatmung in 24 Stunden tun, und das Herz noch viermal mehr Pulsschläge als Ausdruck seiner Arbeit im Zusammenziehen (Systole) und Wiederausdehnen (Diastole) leistet, also rund hunderttausend Schläge in 24 Stunden. Sie äußern sich auch qualitativ, z.B. in der Elastizität unserer arteriellen Gefäße, des Knorpels, ja auch der Knochen; in der Kontraktilität der Muskulatur, die in der sogenannten glatten Muskulatur eine dauerhaft an- und abschwellende Form z.B. als Peristaltik des Magens und der Därme annimmt; oder als weiteres Beispiel der Viskosität des Blutes, das in einem ständig labilen Gleichgewicht von Gerinnung und Verflüssigung gehalten wird.
Und der Leib bildet in sich Empfindsamkeit. Bekannter Ausdruck hiervon ist der Schmerz, aber auch die große Welt unserer Emotionen, von Leidenschaft, Antrieb, Instinkten oder Begehren. Für alles Empfinden findet sich kaum noch sinnlich Beobachtbares in organischen Veränderungen, durch die Empfindung bildet sich Subjektivität, die sich dem Mess-, Zähl- und Wägbaren und deren Objektivität entzieht. Und doch liegen auch dem Empfinden organische Vorgänge zugrunde, die wir noch angedeutet in Redensarten erleben, wenn uns das Wasser im Munde zusammenläuft, etwas an die Nieren geht, einem die Galle überläuft. Der Empfindungsleib ist der leibliche Ort, an dem sich Leib und Seele begegnen, sich kurz verschmelzen, sich wieder trennen, was als Ein- und Ausatmen anschaulich wird. Nur müssen wir die Atmung viel umfassender denken als nur reduziert auf Lungenatmung. Denn jedes Organ atmet, ist differenzierender Träger der Empfindung, Ort des Erlebens der Seele in der Begegnung mit dem Leib. Die Organe sind Tore der Seele zur Welt, aber auch Spiegel für ihr Selbsterleben.
Dreifach also ist der Leib gegliedert: stofflich, lebendig und empfindend. Und mittels der Wärme durchdringt ihn das Ich, jeden Ort bis zur einzelnen Zelle prägend und ihn sich „entsprechend“ zu machen, wie es durch die Immunologie auch längst entdeckt und beschrieben wurde. So ist der gesunde Leib ich-geprägt, nichts in ihm ist fremd oder darf sich verfremden, alles in ihm ist auf Integrität veranlagt, bildet über das Ich Individualität. Der schwedische Immunologe Prof. Hans Wigzell formulierte es einmal auf einem Kongress in Järna/Schweden so deutlich: „Alle Fakten zeigen, dass das Immunsystem jedes Menschen einzigartig ist. Und es gibt keine Kopie von ihm“. Die Individualität schafft sich ein äußeres Erscheinungsbild in der Biografie. Auch in ihr wird die Unverwechselbarkeit und Einzigartigkeit jedes Menschen deutlich. So müsste sie wesentlicher Bestandteil der Medizin werden, im individuellen Verständnis von Kranksein, dem ganz speziellen Weg einer Heilung, der individuellen Art einer Gesundheit. Jeder Versuch einer kollektiven Erkenntnis führt vom Menschen weg, schafft Illusionen.
Christliche Medizin heißt also immer auch individualisierende Medizin. Was durchaus erlaubt, Artmäßiges oder Typisches vom Menschsein in den forschenden Blick zu nehmen, doch immer im Bewusstsein, dass hiermit Grundsätzliches festgestellt wird, seine Anwendbarkeit auf den konkreten Menschen jedoch stets überprüft werden muss und ihm nicht einfach übergestülpt werden darf. Hier liegt die Einschränkung einer Evidenz-basierten Medizin, die sich als sogenannter Goldstandard der erkennenden Medizin weit von der Wirklichkeit Mensch entfernt hat, sich jedoch als dogmatisch geprägte Haltung wie in einer geschlossenen Burg gegen jede Öffnung verteidigt. Der englische Arzt David Sackett, der diesen Begriff bildete, wusste das und stellte der äußeren Evidenz eine innere gegenüber. Sie zusammen bildeten für ihn erst eine Wirklichkeit ab.11
Der zukünftige Arzt muss sich also in zweierlei Richtung neu ausrichten, um den Leib und seinen Anteil an der Ganzheit Mensch wirklich anschauend zu erfassen. Er muss eine Physiologie als Ausdruck des gesunden Menschen erarbeiten und so in sich zur Anschauung bringen, dass er die Veränderung zur Krankheit als Abweichung oder Vereinseitigung erfasst und im Durchschauen dieser krankhaften Vorgänge sogleich entdeckt, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um wieder geordnete bzw. gesunde Verhältnisse herzustellen. Und er muss sich zugleich in seiner ethisch-moralischen Tätigkeit schulen, um Diener seiner Berufung sein zu können.
Beides soll nur kurz erläutert werden. Wieder wird dabei das Verständnis einer hier gemeinten christlichen Medizin zugrundegelegt und die eigene Erfahrung dieses Weges miteinbezogen.
Menschenverständnis
Um seinen diagnostischen und therapeutischen Blick für den Menschen zu schulen, muss der Arzt sein Erkennen methodisch erweitern. Er kann nicht bei dem stehenbleiben, was ihn die universitäre Medizin lehrt. Deren Methode ist eine analytisch-beweisende, die misst, zählt und wägt, die Objektivierbarkeit anstrebt und alles Subjektive ausschließen will. Dabei bemerkt sie nicht, wie sehr sie den Menschen zu einem Objekt macht. Und sie nimmt ihn immer weniger direkt mit den menschlich zur Verfügung stehenden Sinnesorganen wahr, sondern delegiert das Wahrnehmen an Apparate, deren Mitteilungen sie als Ergebnisse registriert und vor allem interpretiert. Womit die scheinbar reine Objektivität oft schon verlassen wird und sich die Subjektivität des Interpretierenden einmischt. Es gibt viele Untersuchungen, wonach ein objektiver Befund von verschiedenen Ärzten unterschiedlich bewertet wird. Auch scheint die jeweilige Befindlichkeit und Gestimmtheit des Beurteilenden die Interpretation der Ergebnisse zu beeinflussen. In meinem Spezialgebiet etwa, der Gastroenterologie, kamen verschiedene Spezialisten bei der Beurteilung eines gastroenterologischen Befundes am gleichen Patienten nur zu einer Übereinstimmung von maximal 80 Prozent, oft lag die Übereinstimmung aber niedriger. Auch das durchaus objektiv gemessene und aufgezeichnete Elektrokardiogramm (EKG) kann bis heute nicht rein maschinell bewertet werden, stets ist es der Arzt, der das Ergebnis interpretiert. Dennoch sind diese diagnostischen Maßnahmen nicht falsch oder gar überflüssig, doch sind sie einseitig und unvollständig zum Verständnis eines konkreten Menschen.
Einen ergänzenden Schritt habe ich die anschauend-vergleichende Methode genannt. Sie erfasst vor allem alle Lebensvorgänge und die mit ihnen verbundene Funktionalität. Ein einfaches Beispiel hierfür sei der Unterschied des einmalig bestimmten Nüchtern-Blutzuckers im Verhältnis zum Blutzucker-Tagesprofil. Noch aussagekräftiger jedoch ist ein Glukose-Belastungs-Test. Ähnlich sehe ich das Verhältnis vom Einzelwert des Kreatinins zur Kreatinin-Clearance. Die noch außerhalb des Menschen messbaren Vergleiche müssen jedoch gesteigert werden zu einer unmittelbaren Anschauung des anderen Menschen. Früher nannte man das auch den klinischen Blick, und es gab Lehrvisiten oder auch Atlanten, die einen lehrten, die Veränderungen in der unmittelbaren Anschauung des erkrankten Menschen gegenüber dem gesunden aufzufassen. Ich will hier nicht in Einzelheiten gehen, doch ist es für mich eindeutig, dass der geschulte Arzt Wesentliches am Patienten exakter wahrnimmt als jeder Apparat. Das war im Übrigen vor 50 Jahren auch gemeinsame Überzeugung erfahrener Ärzte. Nach Einführung der Ultraschalldiagnostik in der Gastroenterologie fragte ich den damals mit dieser Methode erfahrenen Prof. Rettenmaier von der Universität Erlangen, wie hoch er denn selber den Anteil der Aussagekraft seiner Befundung in der eigenen klinischen Erfahrung sähe? Er lächelte und antwortete: „Mehr als 90 Prozent“!
Wir bleiben der naturwissenschaftlichen Methode treu, sinnlich Erfahrbares über die geschulte Beobachtung wahrzunehmen. Doch macht das so Wahrgenommene etwas mit mir als Wahrnehmenden, das über die einfache Registrierung oder Interpretation hinausgeht. Ich bemerke an mir, wie in mir Gefühle, z.B. der Empathie, des Mitfühlens oder auch des Mitleids geweckt werden, und damit unmittelbar verbunden der aufkommende Wille, hier helfend eingreifen zu wollen. Diesen Impuls nannte Steiner den Heilwillen.
Und ich gehe noch einen methodischen Schritt des Erkennens weiter. Ich trete dem Patienten physiognomisch-beschreibend gegenüber. Hier nun verbleibe ich nicht mehr nur in reiner Sinneswahrnehmung, sondern hier greift meine Intuitionsfähigkeit ein, die mich Wirklichkeiten erkennen lässt, die über das hinausgehen, was meine Augen unmittelbar sehen, meine Ohren hören oder mein Geruchssinn riecht. So wurde mir auch verstehbar, was in den Evangelien angesprochen wird, wenn es heißt „Wer Ohren hat zu hören, der höre“ oder auch „Wer Augen hat zu sehen, der sehe“. Ich kann auch das Bild nehmen, sozusagen zwischen den Zeilen zu lesen oder in einer Anamnese das vom Patienten Nichtgesagte zu hören. Intuition ist ein vielfach und unterschiedlich gebrauchter Begriff. Für mich wurde Intuition die erlebte Fähigkeit, innerlich etwas wahrzunehmen oder aufzufassen, was äußerlich nicht in Erscheinung tritt. Diese Intuitionsfähigkeit erfasst grundsätzlich Ganzheiten, sie ist nicht aufs Detail gerichtet. Ich kann sie lernen bzw. schulen, vor allem durch sorgfältige Beobachtung und die daraus gewonnene Erfahrung und ständige Wiederholung (Reproduktion) beider. Steiners Untertitel seiner „Philosophie der Freiheit“ wurde mir dafür Leitbild: „Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode“. In der Intuition erlebe ich den Unterschied von Abstraktion und Anschauung, und ich war immer wieder fasziniert, welche Sicherheit mir eine intuitiv gefasste Wahrnehmung oder auch Diagnose gab.
Ein Beispiel hierfür soll eine charakteristische Krankengeschichte eingefügt werden. Ein gut 60-jähriger Mann wurde auf Intervention seines väterlichen Freundes, der mein Patient war, aus einer anderen Klinik in unser Krankenhaus und die von mir geführte Innere Abteilung verlegt. Er war schwer krank, tendenziell kachektisch (unterernährt), vor allem physisch kraftlos. Alle bisherigen Versuche der körperlichen Erkräftigung vor allem mit Infusionen waren erfolglos geblieben. Wir fanden schnell heraus, dass ein großer Nebennierentumor und zahlreiche Rundherde in beiden Lungen existierten. Was den intuitiven Menschen in mir aber geradezu ansprang, war die unglaubliche Finsternis, die von diesem Menschen abstrahlte. Das war umso auffälliger, als er ein warmherziger, sensibler, für mich sehr liebenswerter Mensch war. Aus meinem Verständnis war diese Ausstrahlung von Finsternis ein unmittelbarer Hinweis auf eine Tuberkulose.12 Nun war der Patient Jurist und Vorstandsmitglied eines Großunternehmens. Ich konsultierte deshalb auch zu meiner Kontrolle einen der besten Hamburger Lungenfachärzte und teilte ihm meine Vermutungsdiagnose mit. Er untersuchte den Patienten gründlich einschließlich Bronchoskopie und Gewebsproben. Er war sicher, dass es sich um einen Nebennierenkrebs mit Lungenmetastasen handelte und schlug eine entsprechende Therapie mit Operation und Zytostatika vor. Er blieb auch bei seiner Diagnose, als sich in den Gewebs proben kein Krebs zeigte, was nach einigen Tagen feststand. Ich hatte mittlerweile mit dem Patienten gesprochen und ihm beide Diagnosen mitgeteilt und auch mein Dilemma gesagt, dass ich intuitiv sicher sei, dass es eine Tuberkulose sei und ich ihm den dafür notwendigen Weg der Therapie führen könnte, der Spezialist allerdings von Krebs ausging. Was von außen geschaut auch viel wahrscheinlicher war, denn Tuberkulose war zu der Zeit bei uns äußerst selten, Krebs dagegen häufig. Der Patient allerdings vertraute mir und meiner Diagnose und wir machten uns auf den therapeutischen Weg. Und die rasch folgende Besserung seines Befindens gab uns recht, mehr noch die nach etwa sechs Wochen folgende Nachricht, dass in einem durch den Lungenfacharzt sicherheitshalber angesetzten Tierversuch tatsächlich Tuberkelbakterien nachgewiesen wurden. Der Patient wurde gesund bis auf eine Einschränkung der Nebennierenfunktion, hier mussten wir in geringer Dosierung Hormone substituieren. Wir konnten die Therapie ganz auf eine Konzeption der anthroposophischen Medizin aufbauen und brauchten dazu keine chemisch-definierten Tuberkulostatika.
Finsternis und Licht sind Elemente des ersten Tages der Schöpfung (Mos.1,1). Sie waren eins, ehe Gott das Licht von der Finsternis trennte und selbstständig machte. Seither bilden Licht und Finsternis eine Polarität. Letztere bewirkt alle Schwere, auch die Schwerkraft der Physik ist Ausdruck der Finsterniskraft. Das Licht dagegen bewirkt „Leichte“, es führt in die Weite, während die Finsternis alles verdichtet und auf einen Mittelpunkt zuführt.
Da es sich um Kraftwirkungen handelt, können wir auch von peripherisierenden und zentralisierenden Kräften sprechen. Beide wirken auch in uns, die Schwere mehr im Körper, die Leichte mehr in der Seele. Wir brauchen beides. Diese geistigen Wirkkräfte innerlich zu erfahren und zur Anschauung zu bringen, braucht meditative Schulung und fördert die Befähigung zur Intuition. Steiner hat einen berufsspezifischen Meditationstext vermittelt, in welchem die Schweremacht des Körpers und die Leichtekraft der Seele in ihren harmonischgöttlichen Zusammenhang gestellt werden. Sie müssen sich im Menschen begegnen, dürfen sich aber nicht verbinden oder durchmischen („ergreifen und durchdringen“ heißt es im Text). Tun sie es, entsteht Krankheit.13 Überwältigt die Finsternis das Licht, bildet sich das Milieu für die Tuberkulose oder auch die Depression.14 Das Bild des Arztes kann auch sein, dass die Gesetzmäßigkeit des Körpers die der Seele überwältigt. Der Leser kann erahnen, welche therapeutische Intuitionen durch diese Bilder in uns entstehen können, das Licht zu intensivieren, die Seele zu befreien, ein ganz anderes inneres Erlebnis jedenfalls als die leitliniengerechte Verordnung von Tuberkulostatika oder Antidepressiva. Was wiederum erfordert, auch die Besonderheiten der Erdenstoffe zu studieren und zur inneren Anschauung zu bringen, z.B. Phosphorus als Lichtträger, Magnesium als metallgebundenes, hellstes Licht. Hier verstehen wir Paracelsus in seinem Anruf, der Arzt müsse „durch der Natur Examen gehen“.
Auch die Erde wurde durch das Geschehen von Golgatha und Ostern mit der Christuskraft durchdrungen, sowohl mit Leib und Blut als auch durch das Eindringen bis zum Erdmittelpunkt in der sogenannten Höllenfahrt am Karsamstag. Darüber werde ich später in einem eigenen Kapitel schreiben, denn das Verständnis der Arznei aus Natursubstanzen braucht ebenso die Durchchristung wie das Verständnis vom Menschen und seiner vielgegliederten Ganzheit in Leib, Seele und Geist.
Menschenverständnis, wie es hier als Anteil einer christlichen oder eben durchchristeten Medizin gemeint ist, braucht die geschulte Wahrnehmung durch alle Sinne, deren Zwölfheit Rudolf Steiner ausarbeitete, braucht Exaktheit im Beobachten, Vorurteilslosigkeit im Begriffebilden, geduldiges Wiederholen immer gleicher Erkenntnisbemühungen und Selbstlosigkeit gegenüber dem anderen Menschen bzw. der Natur. Diese soll sich ihm aussprechen, nicht ich soll sie aus dem Eigenen beurteilen oder gar interpretieren. So kann man Steiner verstehen, der die Medizin eine großartige Erziehung zur Selbstlosigkeit nannte, was doch mit Blick auf unsere Gegen wart geradezu als paradox oder sogar widerlegt erscheint. Doch ist die von Steiner gemeinte Selbstlosigkeit unverzichtbare Voraussetzung einer christlichen Medizin, oder wie Paulus es aussprach „Nicht Ich, der Christus in mir“ (Galater 2,20) oder – wie ich es sehe, statt „in mir“ – „in meinem Ich“, das ja auch mein Selbst beschreibt. Sehen mit Christi Augen, hören mit Christi Herz bzw. Ohren setzt Selbstlosigkeit voraus (siehe Kapitel 10).
Menschenliebe
Selbstlosigkeit ist auch die Voraussetzung um lieben zu können. Dabei verstehe ich hier Selbstlosigkeit so, dass ich ein Selbst als Ich ausgebildet haben muss, welches ich zurückstelle, um bei dem anderen zu sein, ja vielleicht in seinen Dienst stelle, damit er durch mich werden kann, z.B. gesund. Dazu wieder ein Christuswort: „Liebe deinen Nächsten so wie dich selbst“ (Luk.10,25–28). Wer sich nicht selbst zu lieben lernte, wird auch nicht andere/anderes lieben können. Deshalb ist die Kindheit und Jugend auch eine so wichtige Zeit, das Selbst auszubilden und zu lernen, Ja zu sich zu sagen. Von außen angeschaut eine Zeit starker Egoität. Ich habe meine fünf Kinder in deren Kindheit oft liebevoll „meine kleinen Egoistentierchen“ genannt, denn dieser Egoismus ist noch nicht seelengebunden oder Ich-geprägt, sondern leibbildend. Der von Eltern und Vorfahren gebildete und vererbte – ich könnte auch sagen geschenkte – Leib (den Steiner auch so anschaulich Modell-Leib nennt), muss ja über zwei Jahrzehnte zu einem Individual-Leib werden, einem Leib, in dem jeder Ort, jede Flüssigkeit, alle Bewegung vom Ich ergriffen und einzigartig, unverwechselbar wird. Ein Geschehen, das wir dann abstrakt Immunsystem oder erworbene Immunität nennen. In den allerersten Anfängen meiner Lehrzeit zum Arzt, noch als Medizinalassistent vor der eigentlichen Approbation, durchfuhr mich beim Zuschauen einer äußerst ruppigen Blutentnahme aus einer Armbeugenvene, die der Chefarzt selbst durchführte (es war eine Privatpatientin), der fragende Gedanke: „Liebst du eigentlich den Menschen“? Womit mir schlagartig bewusst wurde, dass ich Arzt nur sein kann, wenn ich den Menschen liebe. Nicht den Einzelnen, sondern den einzelnen Menschen als göttliche Schöpfung. Da hatte ich Steiners Aussage noch nicht gelesen. Später las ich bei Carl Gustav Carus: „Jeder Mensch, ja jede Kreatur ist eine Idee Gottes. Und alle sind gleich wert“.15 Und damit sind wir bei der ethisch-moralischen Seite der Medizin, die heute nicht mehr vermittelt wird, die jedem selbst überlassen bleibt, die aber eine der beiden Hauptwurzeln einer christlichen Medizin ist.
Es war kein Ritual, wenn man den Arzt vor der Erlaubnis, den Beruf ausüben zu dürfen, den Hippokratischen Eid sprechen ließ. Es war ein Gelöbnis und zugleich Handlungsanweisung. Und es war das alle Ärzte verbindende ethisch-moralische Element. Mit Auslöschen der Hippokratischen Medizin, die zur Humoralpathologie verkommen war, wurde auch dieser Eid nicht mehr gesprochen. Heute kennt ihn wohl kaum noch jemand. Und nichts anderes, gemeinsam Verbindliches ist an seine Stelle getreten. Es ist erschütternd auszusprechen, dass sich die Medizin seit dem 20. Jahrhundert zunehmend in einem ethikfreien Raum bewegt. Tauchen ethische Fragen auf, wie z.B. die Definition des Hirntodes als endgültiger Tod des Menschen auch beim Fehlen „sicherer“ Todeszeichen (wie sie jeder Arzt im Studium lernte), werden für eine solche Einzelfrage Ethik-Kommissionen gebildet, in der keineswegs nur Ärzte, sondern auch andere Berufe, vor allem Juristen, mitwirken.
Eine Medizin ohne verbindende Ethik ist unchristlich. Denn das ganze Christentum ist getragen von einer Ethik, welche die zehn Gebote, die Moses vermittelte, zusammenfasst und übergreift in dem einen Gebot, das Christus uns gibt: „Liebet einander“ (Joh.15,12–13). So einfach das klingt, so unerfüllbar scheint dieses Gebot seit 2000 Jahren, heute mehr denn je, wo die apokalyptische Zeit des „Krieges Jeder gegen Jeden“ angebrochen scheint. Und dennoch: gerade weil es so aussichtslos scheint, muss an besonderen Stellen mit der Umsetzung dieses Gebots begonnen werden. Und wo wäre das naheliegender als in der Medizin? Vielleicht noch in der Pädagogik, viel unvorstellbarer dagegen in der Wirtschaft. Weil es so grundsätzlich ist, möchte ich einige Zeitphänomene erwähnen, um zu verdeutlichen, wo der Medizin eine verbindende Ethik fehlt bzw. welche Handlungsweisen sich in einem ethikfreien Raum einstellen.
Beispiele für eine ethikunabhängige Medizin
Jeder gesund empfindende Mensch wird mir zustimmen, wenn ich sage, dass ein maximales Gewinnstreben auf Kosten der kranken Menschen unethisch ist. Doch finden wir in allen Bereichen der Medizin ein Denken der Marktgesetze der Wirtschaft. Der Arzt Professor Giovanni Maio, Inhaber des Lehrstuhls für Medizinethik an der Universität Freiburg, spricht von der Ökonomisierung der Medizin.16 Der Arzt will gut, lieber sehr gut leben durch seine Arbeit. Jahrzehntelang zählte tatsächlich der Arztberuf zu denen mit den besten Aussichten, viel Geld zu verdienen. Als das gesetzgeberisch immer mehr eingeschränkt wurde, erfanden die Ärzte die sogenannten IGEL-Leistungen, die nicht von Krankenkassen erstattet wurden und die der Patient selber zu zahlen hat. Dass die meisten von ihnen von zweifelhaftem Nutzen sind, zeigt ihren Hintergrund. Auch verbanden sich Ärzte mehr und mehr zu Betrügereien, indem Leistungen abgerechnet wurden, die gar nicht erbracht worden waren. Was dadurch leicht möglich ist, dass die meisten Patienten die Arztrechnungen gar nicht kennen. Sie gehen direkt an die Krankenversicherung. Erst kürzlich erlebte ich selber, dass von einem Orthopäden eine große neurologische Untersuchung abgerechnet wurde, die von ihm gar nicht durchgeführt worden war. Als ich den Arzt daraufhin ansprach, erklärte er, er käme nicht auf seine notwendigen Einnahmen, wenn er sich streng an die Gebührenordnung hielte. Was oft auch zutrifft, jedoch ein Systemfehler ist und nicht durch Betrügen korrigiert werden dürfte. Viele Leistungen werden wiederum erbracht, die gar nicht nötig waren, z.B. EKG- oder Röntgenuntersuchungen. Darauf angesprochen heißt oft die Antwort „Der Apparat muss sich amortisieren“. Und so könnte ich viele weitere Beispiele nennen, wie sie auch der erwähnte Professor Maio in seinem Buch beschreibt.
Die Medizingeräteindustrie gehört zu den Wirtschaftszweigen, die extrem am kranken Menschen verdienen. In Hamburg hat man errechnet, dass eine überschaubare Zahl von Computer-Tomografen ausreichend wäre, um die reale Zahl notwendiger Untersuchungen zu bewerkstelligen. Es waren jedoch zehnmal so viele Apparate aufgestellt. Auch ständig erhöhte Sicherheitsvorschriften steigern Umsätze. So mussten wir in unserem Krankenhaus über hundert noch relativ neue sogenannte Infusoren austauschen, weil sie ganz neu geschaffenen Sicherheitsvorschriften nicht mehr entsprachen. Sie hatten bis zu dem Zeitpunkt des Austausches immer tadel los funktioniert, ohne dass Sicherheitsprobleme auf getaucht waren. Das kostete viel Geld, das im Budget nicht vorgesehen war. Und wir durften die einwandfrei funktionierenden Geräte auch nicht ärmeren Ländern schenken, sie wurden eingezogen und vernichtet. Schließlich wollte man ja auch in diese Länder seine Waren verkaufen, wenn vielleicht auch zu einem niedrigeren Preis. Denn das ist auch so ein Phänomen: Das gleiche Arzneimittel kostet in verschiedenen Ländern unterschiedlich viel. In Deutschland z.B. können Medikamente hochpreisig verkauft werden. Sogenannte Reimporte wurden gesetzlich untersagt.
Die hohen Entwicklungskosten für ein neues Arzneimittel werden auf den Preis bei Markteinführung umgelegt. Das sind dann „innovative“ Arzneimittel, die patentrechtlich geschützt ohne Konkurrenz sind und von uns allen über die Krankenkassenbeiträge finanziert werden. Dabei steht überhaupt nicht fest, ob alle diese Arzneimittel eine Verbesserung in der Behandlung einer bestimmten Krankheit erbringen. Vorausgehende Untersuchungen und Studien haben Hinweise dafür ergeben. Ob sich das jedoch bei nun Tausenden von Kunden („Patienten“) bestätigt, wird erst in der breiten Anwendung erprobt, die nächsten Jahre werden es zeigen. Schlimmstenfalls müssen sie wegen schwerer Nebenwirkungen sogar wieder vom Markt genommen werden, möglichst jedoch erst, wenn sie die Entwicklungskosten eingespielt haben.
Arzneimittelhersteller der Komplementärmedizin haben praktisch nie die Geldmittel, um neue Arzneimittel z.B. der Phytotherapie zu entwickeln, was noch verstärkt wurde, als sie aus der Erstattungspflicht der Krankenkassen 2004 ausgeschlossen wurden. So entstanden Nahrungsergänzungsmittel, die in Wirklichkeit als Arzneimittel gedacht sind, die aber den strengen Kriterien des Arzneimittelgesetzes nicht unterworfen wurden, z.B. der erwiesenen Wirksamkeit und Unbedenklichkeit.
Ein ganz anderes Phänomen ist das der Schädigung von Menschen durch die Medizin. Unwidersprochen werden Zahlen veröffentlicht, dass z.B. in den USA jährlich 150 000 Menschen auf Grund medizinischer Interventionen sterben. Hauptursache sind Krankenhausinfektionen, unerwünschte Arzneimittelwirkungen oder nicht bedachte Interaktionen mehrerer gleichzeitig und vielleicht von verschiedenen Ärzten, die nichts voneinander wussten, verordneter Medikamente. Und natürlich gehören auch Kunstfehler der Ärzte und anderer medizinischer Berufe dazu. Für Deutschland gibt es keine exakt ermittelten Vergleichszahlen, man geht von etwa 40 000 Todesfällen aus. Und das wird als unvermeidbar oder fast selbstverständlich hingenommen, kein Aufschrei erfolgt, kein Entsetzen. Geschähe so etwas im politischen Raum, würde wohl von Völkermord gesprochen. Und das Entsetzliche daran ist, dass sich solche Zahlen jährlich wiederholen. Das Ganze geht nur weil als common sense offenbar gilt, dass die Medizin eben nicht nur nutzt, sondern auch schadet. Deshalb musste das „Nil Nocere“, dass der Arzt dem Kranken nicht Schaden zufügen dürfe, mit dem Hippokratischen Eid verschwinden. Die Medizin macht sich nicht mehr dafür verantwortlich, und der betroffene Mensch hat eben Pech gehabt, so ist die Wirklichkeit. Ich halte das für zutiefst unethisch.
Ein letzter Blick noch auf die Krankenversicherungen. Die sogenannten gesetzlichen Krankenkassen (GKV) wurden in der Regierungszeit von Bismarck gegründet, um den Ärmsten der Armen auch eine Krankenbehandlung zu sichern, die bis dahin Arzt oder Spital nicht bezahlen konnten. Manche wurden durch Armenärzte aufgefangen, die diese Arbeit freiwillig und oft ohne Bezahlung leisteten. Die Reichsversicherungsordnung wurde als Solidarleistung der Gesellschaft gesehen, vor allem die Arbeitgeber mussten sich an den Beiträgen beteiligen, denn viel Krankheit und Elend entstand auch durch die Arbeitsbedingungen. Man denke nur beispielhaft an die Kohlebergwerksarbeiter und ihre Staublungen. Mehr und mehr wurde die GKV eine Zwangsversicherung, in die alle bis auf einen kleinen Anteil solcher Bürger einzahlen mussten, die sehr hohe Einkünfte hatten. Bis heute wird eine „Solidargemeinschaft“ beschworen, die längst nicht mehr existiert. Stattdessen ist eine Selbstbedienungsmentalität entstanden. Der Versicherte sagt etwa: „Ich muss doch wenigstens soviel wieder herausholen wie ich eingezahlt habe“, die Ärzte und andere medizinische Berufe feilschen um höhere Vergütungen, die Versicherungsgesellschaften bauen große Paläste, die Vorstände verdienen Jahresgehälter, die meist höher als das unserer Bundeskanzlerin sind. Und nirgendwo entsteht eine gemeinsame Verantwortung, mit dem Geld aller sorgsam umzugehen und auch nur zu fragen, was der Bürger eigentlich von diesem „seinen“ Geld erwartet. Über 70 Prozent aller Deutschen wünschen sich z.B. die Behandlung mit komplementärer Medizin, deren Arzneimitteln, deren besonderen Angeboten wie Kunsttherapien, Physiotherapien, besonderen Massagen oder modernen Pflegetherapien. Darauf wird jedoch überhaupt nicht eingegangen. Stattdessen hat man fast alle Arzneimittel der Komplementärmedizin aus der Erstattungsfähigkeit der GKV ausgeschlossen. Menschen, die solche Arzneimittel für sich wollen, müssen sie aus der eigenen Tasche bezahlen, oft mehrere hundert Euro im Monat. Und wenn das Geld, mit dem in den angesprochenen Bereichen verschwenderisch umgegangen wird, nicht mehr reicht, werden eben die Beiträge erhöht, und falls das wegen bevorstehender Wahlen nicht opportun ist, werden Leistungen ausgegliedert, Selbstbeteiligungen kreiert oder Kosten „gedeckelt“ (z.B. Arzneimittelkosten). Auch in dem gesamten System der GKV fehlt jegliche Art ethischer Einflussnahme, jeder sucht für sich einen größtmöglichen Anteil aus dem Gesamttopf herauszunehmen, die Haie viel, die kleinen Fische weniger (was in ihrer Masse aber noch mehr bedeutet).
Längst hätte entdeckt werden können, dass eine Gesellschaft, die sich auf eine freie Marktwirtschaft stützt, völlig andere Formen einer Krankenversicherung braucht, eher eine Haftpflicht- (siehe Kraftfahrzeugversicherungen) als eine überholte Solidaritätsversicherung. Denn eine Gesellschaft der Solidarität im Allgemeinen sind wir nicht! Wir denken nicht nach dem christlichen Motiv „Was ihr einem meiner geringsten Brüder angetan habt, das habt ihr mir getan“ (Matth.2,40). Und vor allem handeln wir nicht danach.
Änderungen tun not
Schauen wir nun auf die Aufgabe, im Namen einer christlichen Medizin die geschilderten Verhältnisse wieder in eine ethisch-moralische Haltung einzubetten und sie damit neu zu gestalten, dann wird eine erste grundsätzliche Notwendigkeit ganz deutlich: Die Veränderungen müssen von Einzelnen ausgehen, von jedem von uns! Das grund-christliche Motiv ist die Nächstenliebe, und aus ihr kann ich eine neue Medizin entwickeln. Und das heißt an erster Stelle Selbsterziehung, und davor noch Selbsterkenntnis. Jeder müsste sich fragen, inwieweit er durch sein Verhalten an der Misere mitgewirkt hat. Habe auch ich als Arzt Leistungen manipuliert, mir ein Arzneimittel besorgt, das ich brauchte, im Austausch mit einem, das auf dem Rezept stand, das ich aber nicht wollte? Oder als Patient: Habe ich mich krankgemeldet, obwohl ich hätte arbeiten können?
Die Zulieferer der Medizin, an erster Stelle die Arzneimittelhersteller, müssen sozialisiert werden, womit ich meine: Ihnen muss klar werden, dass ihr Platz in der Gesellschaft ein dienender ist, dass sie im Dienste des krank gewordenen Menschen arbeiten müssten, ihn nicht als Kunden missverstehen, durch den der Gewinn des Unternehmens maximiert werden kann. Die Gewinne der Hersteller müssten Stiftungen zufließen, durch die wiederum medizinische Forschung gefördert werden kann. Es müssten Präventionsprogramme finanziert werden, um sich von einem Motto für das 21. Jahrhundert leiten zu lassen, das ich so formulieren möchte: „Es muss immer wichtiger werden, Gesundheit zu erhalten, als Krankheiten zu behandeln“. Es muss eine präventive Medizin ausgearbeitet werden, die diesen Namen verdient, die sich nicht in Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen erschöpft, sondern mit der Gesundheitserziehung schon in der Kindheit beginnt. Welche die Arbeitswelt so gestaltet, dass nicht immer mehr Menschen wegen „psychischer Ursachen“ (deren wichtigste wohl das weite Feld der Depressionen ist) „krankgeschrieben“ werden müssen. Wir müssen Arbeit wieder als zentralen Anteil eines gesunden Menschenseins definieren, dürften als solidare oder eben christlich-geprägte Gesellschaft Jugendarbeitslosigkeit überhaupt nicht zulassen, müssten ein Recht auf Arbeit festschreiben.
Doch zum Anfang zurück: Diese Veränderungen können nur von Einzelnen ausgehen, jeder von uns kann damit anfangen. Und das Element der Liebe kann uns dabei leiten. Liebe zu uns selbst, zu unserem uns so treu ein Leben lang dienenden Leib, den wir zu pflegen lernen müssen, dem wir zu danken lernen müssen. Liebe auch zu unserem Nächsten, Liebe zur Natur und zur ganzen Erde und letztlich auch zu den göttlichen Kräften, die uns, die Welt, ihre Gesetzmäßigkeiten geschaffen haben und ihren Blick auf alles gerichtet halten, auf dass es Zukunft habe, im Zentrum den Menschen als eine einmal gedachte Krone der Schöpfung. Christus hat die Liebefähigkeit in unsere Welt getragen, er ist substanziell Liebe und durch ihn in Verbundenheit mit der Menschheit kann die Erde zum Planeten der Liebe werden.17
Hier möchte ich wieder zurücklenken auf die Medizin und meine Blickrichtung als Arzt, dem Menschenliebe als die zentrale Kraft, aber auch als Befähigung für seinen Beruf notwendig ist. Aus der Kraft vieler Einzelner wird immer mehr Kraft für das Ganze entstehen. Das wird dauern, nicht schnell gehen, aber es wird Veränderungen bewirken, wie sie schon heute erlebbar sind. Es gibt ein reales Bild dafür: Ein steter Tropfen höhlt den Stein.
3.
Vom Heilen
Heilen ist für mich ganz und gar mit Christus verbunden und von ihm unabhängig weder zu denken noch faktisch möglich. Das ist mein persönliches Bekenntnis, der Mittelpunkt oder das Herzstück dieses Buches. Das möchte ich im Weiteren darstellen und begründen.
Christus ist das Heil der Welt, womit vor allem Erde und Mensch angesprochen werden, er ist der Heiland. Er stellt für das Heilen den Heiligen Geist in seinen Dienst, der deshalb auch der heilende Geist genannt werden kann. Denn Heilung geht immer vom Geist aus, weil dieser urgesund ist. Steiner sagt, dass es töricht sei, von Geisteskrankheiten zu sprechen, „weil der Geist immer gesund ist und eigentlich nicht erkranken kann“.18 Das gilt auch für den geistigen Kern des Menschen, unser Ich. Deshalb muss jede Krankheit heilbar sein, wenn es gelingt, das Ich in seine Herrschaft von Seele und Leib so zu integrieren, dass es gesundend wirken kann. Und so trägt auch jeder Mensch seinen eigentlichen Heiler in seinem Ich in sich selbst. Carl Gustav Carus hat schon im 18.Jahrhundert gewusst und ausgesprochen, dass Heilung immer vom „Spriritus“ ausgeht, eine heilenwollende Medizin eine spirituelle sein muss.19 Und Steiner weist in einem seiner wichtigsten medizinisch-menschenkundlichen Vorträge mit dem Thema „Der unsichtbare Mensch in uns“ darauf hin, dass von Heilen durch Menschenkunst eigentlich nicht gesprochen werden könne, da der Heiler in jedem Menschen selber vorhanden sei.20 Ich verstehe das auch so, dass jedem Menschen der Christus innewohnt. Darauf soll später hingeschaut werden.
Der oben bereits zitierte Bernard Lown spricht von der verlorenen Kunst des Heilens. Ich habe vor langen Jahren in einem Editorial im „Deutschen Ärzteblatt“ gelesen, dass, wer noch vom Heilen in der Medizin spräche, ein Scharlatan sei. Leider habe ich den Text nicht aufgehoben, zu groß war das Entsetzen in mir, denn ich erlebte mich als einen Arzt, der angetreten war, heilen zu wollen. Und nun sollte ich ein Scharlatan sein!? Es ist aber so, dass die moderne Medizin in ihrer naturwissenschaftlichen Ausgestaltung das Heilen aus sich heraus verbannt hat, wie es Lown gut begründet dargestellt hat. Geradezu blasphemisch oder einfach zutiefst zynischbösartig wurde der Begriff des Heils im nationalsozialistischen Gruß missbraucht, wenn Millionen von Menschen „Heil Hitler“ riefen oder brüllten.
Den Inhalt dieses Begriffs „Heil“ oder „Heilen“ zu entdecken, führt uns in die Mysterien des Christuswesens. Und in den Evangelien wird ja überdeutlich, dass Heilen ein wesentlicher Anteil seines Wirkens ist, dass er auch seine Jünger beauftragt, heilend in seinem Namen und Kraft tätig zu werden, von denen keiner der Profession eines Heilers entstammte. Dieser Anteil am Verständnis des Heilens soll weiter unten in Betrachtungen zu den Heilungen in den vier Evangelien folgen, denn sie können Leitbilder für eine neue Form des Heilens werden.
Ist Heilen eigentlich eine Kunst? Ist oder war die Medizin eine Heilkunst, oder sollte sie dieses wieder werden? Ich denke, Heilen ist mehr als eine Kunst. Medizin ist zu einem Anteil erst einmal auch Handwerk, wovon die Behandlung abgeleitet ist, also etwas praktisch mit den Händen zu tun. Und es ist wichtig und gut, wenn sich die Geschicklichkeit mit dem Künstlerischen verbindet. Ein guter Möbeltischler wird immer auch ein Künstler sein, ebenso ein Schuhmacher oder der Bäcker, der auch Konditor ist. Handwerk und Kunst sind sicher Elemente des Heilens, so wie auch die vorausgehende Erkenntnis des spezifischen Heilbedarfs. Heilen möchte heute ganz individuell vollzogen werden, ganz mit dem Blick auf die besondere Individualität. Und ich muss auch das Wesen (den Kern) des Krankseins, der vielfältigen Krankheiten kennen, wenn ich sie heilen will.
Zweierlei Kranksein
Folgt man Rudolf Steiners Darstellungen über die Menschheitsevolution und ihre Zusammenhänge mit der Entwicklung von Natur, Erde und Kosmos, entdeckt man, dass es zweierlei Kranksein geben muss: ein menschheitliches und ein persönliches.
Ersteres entstammt dem evolutionären Augenblick, als der Mensch sich vom Göttlichen trennte oder auch getrennt wurde, um seinen Weg zur Freiheit anzutreten. Diese „Sonderung“ vom Zusammen- oder gar Einssein mit Gott wird christlich der Sündenfall genannt. Dieser Begriff hat viel Verwirrung und manche Irrwege bewirkt, weil Sünde und Krankheit zusammengeworfen wurden, Krankheit als Strafe angesehen wurde, ja sogar ein Ablasshandel der Kirche entstand, fast ein Vorentwurf unserer Ökonomisierung der Medizin. Einssein mit Gott tauchte im Bild des Paradieses auf, die Vertreibung daraus leitete den schon genannten Gang zur freien Person ein, die im Erkennen Gut und Böse zu unterscheiden lernte. Die Gegenkräfte oder Widersacher Gottes wirkten mit im Symbolum der Schlange, die interessanterweise „aufgerichtet“ auch am Merkurstab des Arztes auftaucht. Und noch etwas können wir bemerken. Dem Sündenfall voraus geht die Trennung des Menschen selbst in Mann und Frau. Das göttliche Geschöpf Mensch im Paradies war eine Einheit des Männlichen und des Weiblichen, im Bild der Mythologie ein Hermaphrodit. Nun ist der Mensch in zwei Hälften getrennt, und wenn er sich äußerlich in Ehe oder Partnerschaft vereint, nennt er – oder nannte er früher zu mindestens – den anderen gerne seine bessere Hälfte.An die Einheit erinnert noch die embryologische Entwicklung und auch die Tatsache, dass Androgene und Östrogene in jedem Menschen, ob Frau oder Mann, vorhanden sind, wenn auch in der Menge unterschiedlich.
Dieses Getrenntwordensein, diese Unvollständigkeit des heutigen Menschen, diese Einseitigkeit von Frau und Mann, bewirkt die eine Form des Krankseins, die auch „Sündenkrankheit“ genannt wurde, aber besser und unmissverständlicher „Sonderungskrankheit“ heißen müsste. Sie entsteht als ein notwendiger Schritt der Entwicklung, sie ist Durchgang der Entwicklung und wird in fernen Zeiten „geheilt“ sein, wenn die Trennung aufgehoben, das Getrennte wieder vereint sein wird. Doch diese menschheitliche Urkrankheit, auf die wir hier schauen, hatte Konsequenzen in der harmonischen Gestaltung des Menschen, von Leib, Seele und Geist. Das hat Rudolf Steiner in großartigen Vorträgen mit dem Titel „Die Welt der Sinne und die Welt des Geistes“21 ausführlich und anschaulich dargestellt. Deren Inhalte stellen in meinen Augen für eine zukünftige Medizin eine einzigartige Inspiration dar Jedenfalls hätte ich ohne sie nicht so Arzt werden können, wie ich es sein wollte. Der Hauptgedanke Steiners ist, dass durch das Einwirken der Schlange (ein Bild Luzifers, des Verführers) der Mensch „gestaucht“ wird, so dass die verschiedenen leiblichen und seelischen Glieder fester und tiefgreifender miteinander verbunden wurden, als die Götter es ursprünglich veranlagten. Steiner nennt es Verschiebungen der vier Leibesglieder. Es entstanden dadurch neue, auch organische Anlagen, z.B. Ernährung und das Verdauungssystem, das Drüsensystem; es entstanden aber auch Disharmonien, die sich als Hindernisse, Widerstände gegen die gewollte Entwicklung zur „auf sich selbst gegründeten, freien Persönlichkeit“22 erweisen sollten. Insofern ist der Mensch heute und noch über lange Entwicklungsphasen „krank“, was auch Ungleichgewicht oder Disharmonie genannt werden kann. Früher sprach vor allem die Kirche von „sündig“, ein – wie sich zeigte – sehr missbräuchlicher Begriff. In der Menschenweihehandlung der Christengemeinschaft wird dieses Menschsein kurz vor der Kommunion so ausgesprochen: „Krank ist die Behausung, in die DU eintrittst, aber durch DEIN WORT wird meine Seele gesund“. Die Gesundung durch das Sakrament ist ein Auf-den-Wegbringen.
Der andere Anteil daran ist die persönliche Arbeit jedes einzelnen Menschen, was ich Läuterung oder eben Harmonisierung der Seele in Denken, Fühlen und Wollen nennen möchte. Das bewirkt Harmonisierung oder Gleichgewichtung von Leib und Seele, damit der urgesunde Geist ungehindert in beide hineinwirken kann, oder – anders angeschaut – seine intakten Werkzeuge jederzeit zu seiner eigenen Gestaltung und der Arbeit an der Welt einsetzen kann. Hier ist Heilung keine Aufgabe von Arzt oder Priester, hier wird Heilung aus der ich-bewussten Verbindung des Menschen mit Christus erreicht – eine Verbindung, wie sie als erster Mensch Paulus vollzog.
Oft kann man der Frage begegnen, wie Gott denn den Menschen auf so einen schwierigen, ja durchaus gefahrvollen Weg schicken konnte? Wie er ihn durch die Widersacher so angreifbar machen konnte? Im Alten Testament gibt das Buch Hiob eine verschlüsselte Antwort. In unserer Zeit hat Goethe in seinem „Faust“ nicht nur eine ebenso rätselvolle Antwort einer „Erlösung“ gegeben, sondern den ganzen mühevollen, unrechten, abschweifenden Weg des Menschen in großen Bildern voller Mythologie gezeichnet, sodass man diese Dichtung auch als das Buch der Einweihung des Menschen auf dem Weg zur Verwirklichung der Freiheit erleben kann. Und er skizziert, welche Rolle das sogenannte Böse, die Widersacher, übernehmen, als „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft“.23 Vielleicht noch einen Blick auf das Wort Erlösung: In ihm verbirgt sich auch anschaulich, dass das zu tief ineinander Gestauchte von Leib und Seele wieder voneinander gelöst werden muss, um in Harmonie miteinander tätig zu sein, immer im Dienste und als Werkzeuge des Ich.
Haben wir bisher auf die menschheitliche Dimension des Krankseins geschaut, richten wir jetzt den Blick auf das persönliche Kranksein. Dieses ist das Feld der Medizin, des Arztes, der Pflegenden, Therapeuten und aller anderen medizinischen Berufe, die gemeinschaftsbildend am Heilen mitwirken. Hier sammelt sich die Fülle der spezifischen Krankheiten, die den Menschen aufsuchen können und mit denen er sich ganz persönlich auseinandersetzen muss. Und die er lernen sollte zu überwinden, um dadurch neue Kräfte zu gewinnen. Im Überwinden begegnet er dem Widerstand, den Widersachern. In einem weiteren Vortragszyklus „Die Offenbarungen des Karma“24 beschreibt Steiner, wie Gott die Fähigkeit zum persönlichen Kranksein dem Menschen schenkt als Kraft gegen die Versuchungen und Abirrungen auf seinem Wege zum freien Menschen, zur inneren, harmonischen Vereinigung von Geistesmensch und Erdenmensch. Er differenziert dieses Geschenk zum einen in Krankheit als Kraft, Luzifer nicht zu erliegen, und zum anderen in Karma oder Schicksalsgesetz, um gegen Ahriman zu bestehen. Beide Kräfte repräsentieren die Trennung von Licht und Finsternis in ihren Einseitigkeiten von Erdflüchtigkeit und Erde-werden in Form des Materialismus. So offenbart sich uns der Weg zum Vatergott in dem Meditationstext, der zum Motiv für dieses Buch gewählt wurde: Dass ich den Weg gehen werde, der mich zum Vater führt, der die Krankheit zum Ausgleich des Karma schickt. Dazu kann gleich die weitere Aussage Steiners gestellt werden, dass man nie gegen das Karma werde heilen können bzw. dürfen.25
Legen wir diese alles übergreifende Gesetzmäßigkeit im persönlichen Kranksein den weiteren Betrachtungen zugrunde, so finden wir immer erkennbarer eine Systematik und in ihr eine Ordnung der unterschiedlichen Arten der Krankheiten und des Krankseins. Das soll hier nicht ausgearbeitet werden, das habe ich einführend und ausführlich in meinem Buch „Intuitive Medizin“26 dargestellt, und darüber gibt es eine umfassende Literatur in Vorträgen Rudolf Steiners, seinem Buch mit der Ärztin Ita Wegman und vielen anderen Autoren der Anthroposophischen Medizin. Doch einige Hinweise möchte ich hier noch anfügen.
Die Hauptforderungen des persönlichen Krankseins und dazu gehörender Krankheiten zeigen, wie sie sich als Gegenkräfte gegen die Widersacher einsetzen lassen. Es gibt solche, die mehr der Überwindung der Vererdung, der Verfestigung, dem Verfallen in den Materialismus dienen, wozu alle Sklerose- und Geschwulstkrankheiten (wobei nicht die Krebsgeschwulst gemeint ist, sondern gutartige Geschwülste), aber auch Hypochondrie und Depression, Neurasthenie und andere Verhärtungskrankheiten im Leiblich-Lebendigen zählen. Und es gibt die mehr auflösenden, erdflüchtigen Krankheiten wie Entzündungs- und Allergiekrankheiten, Hysterie und Wahnkrankheiten, die sich mit dem Illusionären, der Wunschnatur im Menschen verbinden.
Eine dritte Art des Bösen oder Widerstands ist erst später in der Entwicklung aufgetaucht und tritt in unserer Zeit mehr und mehr auf. Ihr Einwirken ist nicht Versuchung oder Verführung des Menschen, sondern Zerstörung, und zwar unseres Kerns, unseres Ichs. Ich habe es deshalb auch das absolut Böse genannt, weil in seinen Angriffen kein Anteil mehr von Förderung liegt, sondern Vernichtung das einzige Ziel ist. Politisch wurde das deutlich im Nationalsozialismus, Bolschewismus und Maoismus, heute auch im religiösen Fundamentalismus. Gesellschaftlich zeigt es sich mehr und mehr im Krieg Jeder gegen Jeden, in zerstörerischer Egozentrik. Und in der Krankheit zeigt es sich in den Besonderheiten von Krebs, AIDS und auch z.B. der Hepatitis C. Auch hier haben ich oder andere an anderer Stelle Darstellungen verfasst, die diese Aussagen verständlicher machen.
Doch möchte ich eine kurze Einfügung folgen lassen, um die angesprochene Dreiheit des Bösen soweit zu charakterisieren, dass der Leser versteht, warum ich immer wieder auf sie hinweise. Ohne ihr Verständnis ist eine spirituelle Medizin nicht denkbar. Sie haben eine evolutionäre Funktion, die sich auch durch Krankheiten Ausdruck verschaffen kann. Ich möchte etwas von der hinter ihnen liegenden Ordnung zeigen, ihrer Sinnhaftigkeit auf dem Weg zum freien Menschsein, ihrer Möglichkeit, dass durch sie Karma wirksam wird. Denn es wird auch bei der Kürze der Darstellung ablesbar, dass es falsch, ja für den Erkrankten eine Art Diebstahl sein kann, ihm die Krankheiten einfach nur wegzunehmen. Er selber soll sie überwinden lernen, er sollte den Gewinn neuer Kräfte und Fähigkeiten durch seine Auseinandersetzung mit ihnen haben. Und deshalb ist es unsere Aufgabe, Krankheiten zu heilen, was wieder zurückführt zu der Frage, was Heilen ist, wodurch es sich unterscheidet von Gesundmachen. „Die Krankheit bekommt erst ihren Sinn, wenn sie geheilt wird“27, wieder so eine tief wirkende Aussage Steiners, die ein Leitgedanke einer ethisch-christlichen Medizin werden könnte.
Die Realität des Bösen
Das Böse und dessen Wirken tritt an wirklichen Schlüsselstellen der christlichen Religion auf. Im Paradies als der Versucher in Gestalt einer Schlange, in den Evangelien immer wieder als Satan, schon in Christi Versuchung am Ende seiner Fastenzeit nach der Menschwerdung durch die Jordantaufe, auch mit Blick auf Judas Ischariot oder sogar Petrus. Und in dem Zentralgebet aller Christen, dem Vaterunser, heißen die beiden letzten Bitten: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“.
Schon vorchristlich finden wir eine Dualität des Bösen, die sich Gott entgegenstellt, Luzifer, der gestürzte Engel, und aus der persischen Kultur Ahriman, der Herr der Finsternis als Gegenspieler des Lichtes, Ahura Mazdao. Beide Gegenkräfte fokussieren sich auf die Menschen, wollen sie in ihre Macht bekommen, von dem Weg der göttlichen Evolution oder Vorsehung ablenken. Sie sind auch untereinander Gegner, denn der eine strebt mit allem Wesen weg von der Erde, will auch keinen Fortschritt; der andere wirkt aus den Erdtiefen durch die Materie und will die Evolution so beschleunigen, dass sich alle Entwicklung vorzeitig und die göttliche Ordnung verwirrend vollzieht. Wunschdenken, Täuschung, Illusion und die Lüge sind gewichtige Werkzeuge dieser Kräfte. Und obwohl sie völlig Entgegengesetztes anstreben, haben sie sich verbündet, um zusammen stärker zu wirken. Sowohl Luther als auch Goethe haben deshalb diese Zweiheit als Einheit benannt, obwohl in der Bibel mit Diabolos und Satanas zwei unterschiedliche Namen existieren. Mephistopheles im „Faust“ ist beides, schwerpunktmäßig allerdings mit ahrimanischen Zügen. Dabei müssen wir beachten, dass die beiden eine Polarität schaffen, deren Mitte „das Gute“, das Ausgleichende bildet. Das ist die Aufgabe Christi seit dem Mysterium von Golgatha. Das wird als künstlerische Imagination in der Holzplastik von Rudolf Steiner und Edith Maryon deutlich, die im Goetheanum in Dornach/Schweiz aufgestellt ist und „Der Menschheitsrepräsentant“ genannt wird. Oder auch in Dürers berühmtem Kupferstich „Ritter zwischen Tod und Teufel“, wo mehr der Mensch als ritterliches Wesen die Mitte bildet. Und so müssen wir es auch verstehen: Jeder von uns ist mit seinem Ich in diese polaren Kräfte gestellt, seit der Mensch vom Baum der Erkenntnis gegessen hat und das Gute vom Bösen unterscheiden kann oder könnte. Steiner hat vielfach aufgezeigt, wie verbunden der Mensch sowohl in seinem Leib als auch in seiner Seele mit Ahriman und Luzifer ist, wie er auch von ihnen begabt wird. Sie sind ja Teil von einer Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft (Faust!). Sie sind Widersacher, die uns ins Böse, das heißt in ihre Welten bannen, wenn wir ihrer nicht achten. Wir überwinden sie, indem wir sie erkennen! Ein Bild dafür sehe ich immer in Saint Exupérys kleinem Prinzen, wenn der Fuchs den Prinzen bittet, ihn zu zähmen. Und weil der kleine Prinz nicht weiß, was zähmen ist, fragt er nach. Und der Fuchs antwortet: „Zähmen heißt sich vertraut zu machen“. Nichts hilft Ahriman und Luzifer so sehr, als wenn wir ihre Existenz ignorieren und sie unentdeckt bleiben, wir sie in die Welt der Mystifizierung, des Aberglaubens aussondern.
Nun ist die Frage nach dem Bösen jedoch vielschichtiger geworden. Denn es tritt ein drittes Element des Bösen auf, das zweihörnige Tier, das aus den Tiefen der Erde aufsteigt (Apokalypse des Johannes, Kap. 12 und 13), und das dort mit der Zahl 666 benannt wird, die auch die Zahl des Menschen sei. Traditionell wird diese Kraft des Bösen der Antichrist genannt.28 Steiner charakterisiert diesen als Sonnendämon und nennt als seinen Namen Sorat.29 In der nordisch-germanischen Mythologie der Edda finden wir diese Dreiheit wieder: die Mitgardschlange, der Fenriswolf und der aus der Erde im Feuer aufsteigende Surtur. Thor, Odin und Freyr werden ihre Opfer und die Götterdämmerung tritt ein.
Ich denke, dass aus der eigentlichen Polarität des Bösen durch das Christusgeschehen eine Dreiheit wurde, die Steiner „das Mysterium von Golgatha“ nennt, das jedoch mit der Menschwerdung Christi, der Jordantaufe, ihren Anfang nimmt. Die Versuchung Christi ist bereits eine dreifache, und es ist für mich aufschlussreich, wenn Steiner sagt, dass die dritte Versuchung („Steine zu Brot“) von Christus nicht vollständig zurückgewiesen wurde, sodass eine Kraft des Bösen blieb, die erst mit Golgatha überwunden wurde, nach ihrem letzten Angriff auf Gethsemane.30 Sorats Angriff zielt auf das Ich, den eigentlichen Menschen. Diesem Ich hat Christus jedoch sein Ich-Bin eingepflanzt, in ihm finden wir die Urgesundheit und auch die Auferstehungskräfte. Und mit jedem Angriff auf ein Menschen-Ich greift der Antichrist Christus an. Er ist der größte Gegner des Christus, sagt Steiner. Er bezeichnete Christus auch als höchsten Sonnengeist, der sich nun aber mit der Erde verbunden hat. – In Sorat sehe ich kein förderndes Prinzip wie bei Luzifer und Ahriman, er ist nicht Widerstand, er ist Zerstörer. Deshalb nenne ich ihn den Vertreter des absolut Bösen.
Vielleicht darf ich ein Beispiel aus der Medizin schildern, um anschaulicher zu machen, wie Sorats Kräfte nur auf Zerstörung gerichtet sind. Die Krebskrankheit habe ich schon eine Krankheit in der Auseinandersetzung mit Sorat genannt. Sie ist Ausdruck des faustischen Ringens des Menschen der Neuzeit um seine Identität. Sie macht ihm die Frage bewusst: „Wer bist du?“ oder „Wer willst du werden?“. Und das sind Fragen unseres Ichs, die es sich nur selbst beantworten kann. Doch diese Entdeckung des Selbst will Sorat verhindern. Krebs ist nicht zufällig eine der häufigsten Krankheiten unserer Zeit, denn das 20. Jahrhundert zeigte in den menschenverachtenden Diktaturen des Nationalsozialismus, Bolschewismus und Maoismus die extreme Intensivierung des zerstörerischen Impulses Sorats.
Schon im 1.Weltkrieg trat etwas auf, was seine Handschrift trug: Giftgas (Stickstoff-LOST) als Vernichtungswaffe. Im 2.Weltkrieg haben die USA die Forschung solcher Giftstoffe als Waffen mit ungeheurer Zerstörungskraft vorangetrieben, neben der Entwicklung der Atomwaffen. Und als ein unmittelbarer Ableger dieser Kampfstoffe entstanden die ersten Zytostatika, schwere Zellgifte, mit denen die Krebsgeschwülste und ihre Zellen vernichtet werden sollten. Die Sprache der Krebsforschung und Krebstherapie wurde eine ganz militärische, man entwickelte Strategien, formulierte „je aggressiver der Tumor, umso aggressiver die Therapie“, und immer wieder die Vernichtung der Krebszellen, „koste es, was es wolle“!
Beeindruckend, dass der große Krebsforscher und Nobelpreisträger Prof. Dr. Günter Blobel in einem Interview sagte: „Wenn wir wüssten, was die wirkliche Ursache der Krebskrankheit ist, bräuchten wir nicht Atombomben auf Krebszellen zu werfen, wie wir es heute tun: wir bombardieren die kranken Zellen, töten dabei aber auch unendlich viele gesunde Zellen und rufen damit schwere Nebenwirkungen hervor, die den Patienten stark belasten“.31 Krebs ist eine menschheitsbezogene Krankheit, ein Zeitenschicksal, dem jeder Mensch ausgesetzt ist, wie ja auch die genetische Forschung zeigt. Deshalb ist der an Krebs Erkrankte immer neben der persönlichen Auseinandersetzung mit dieser Krankheit auch ein Kämpfer für den Menschheitsfortschritt, sein Leiden eines für uns alle.
Die Krebskrankheit als Auseinandersetzung mit einer Kraft, die keine Ich-Entwicklung zulassen will, die den freien Menschen verhindern will, wird beantwortet mit einer der zerstörerischsten Therapien, die es heute in der Medizin gibt. Ist das wirklich eine Lösung?
Ich möchte hier einhalten, weil ich ja nur andeutungsweise darauf aufmerksam machen möchte, dass eine Medizin, die das Geistige wieder zu einem Teil ihrer Wissenschaft machen möchte, sich auch mit der Frage des real wirkenden Bösen befassen muss, ob mit Blick auf die Krankheiten oder moderner Therapien. Eine gute Zusammenstellung vieler Aussagen Steiners zu diesem Thema findet sich bei Erhard Fucke32, meine Anschauung der Krebskrankheit habe ich auch ausführlich dargestellt.33,34 Das Wirken des Bösen ist für mich ein unvermeidbares Thema einer christlichen Medizin, denn die Medizin ist ein wichtiger Schauplatz damit verbundener Kämpfe, und jeder in ihr zum Heil des Menschen Tätige muss sich entscheiden, auf welcher Seite er steht und in wessen Dienst er sich stellt.
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