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Veronika R. Meyer

Stromlos

Veronika R. Meyer

Stromlos

Ein Wimmelbild des Schreckens

orte Verlag

© 2016 by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn

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Gesetzt in Arno Pro Regular

Satz: orte Verlag, Schwellbrunn

ISBN 978-3-85830-201-4

ISBN eBook 978-3-85830-202-1

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Der grosse Regen

Ein Gewimmel von Regenschirmen da unten. Kaum Menschen zu erkennen, bloss das bunte, ständig wechselnde Ballett ihrer Schirme. Die Musik dazu das ununterbrochene Rauschen des Regens. Julia Kehl blickte aus dem Fenster ihrer Alterswohnung am Spisertor in St. Gallen. Sie war über neunzig, aber sie konnte sich nicht erinnern, dass es früher einmal so lange andauernd geregnet hätte. Sie wusste, dass Erinnerungen täuschen können, aber hatte man je dergleichen gesehen? Immerhin musste sie sich heute nicht ins Schirmballett stürzen. Selber kochen war nicht mehr nötig, was sie genoss, und wenn sie sonst etwas brauchte, fand sie das meiste im Supermarkt, der sich im gleichen Gebäude befand.

Julia trat vom Fenster zurück, fuhr mit dem Lift ins Restaurantgeschoss hinunter und sinnierte über den Regen nach. An ihrem Frühstückstisch wurde Weltuntergangsstimmung zelebriert: «Der Bodensee wird Rorschach schlucken, wenn das nicht bald aufhört.» – «Und das Bähnli nach St. Georgen hinauf wird nicht mehr fahren können, die Steinach bringt zu viel Wasser.» – «Man hätte die geplante Rhein-Sanierung, dieses Rhesi-Projekt oder wie, schon längst bauen sollen. Gestern Abend sagten sie im Fernsehen, wenn das mit dem Regen so weiter gehe, werde der Rhein ins Seeztal hinüberschwappen.» Womit immerhin Rorschach gerettet wäre, dachte Julia. Die Diskussion verstummte ziemlich schnell, als Gipfeli und Brötchen mit reichhaltigen Beilagen serviert wurden und kräftiger Kaffeeduft den Nasen schmeichelte.

Der Himmel selbst schien flüssig geworden zu sein, seit Tagen schon. Konnte man diese Flut überhaupt Regen nennen? Waren das nicht Wasserstürze, fortwährend kippende Löschtanks irgendwo da oben, zerberstende Wolken? Zeitweise sah man durch die Wasservorhänge kaum zum Berner Münster hinüber. Dann und wann beruhigten sich die Elemente zu Nieselregen, um nach einer halben Stunde umso kräftiger Stadt und Land ungeniert begiessen zu können.

Noch vor einer Woche hatte man unter grosser Hitze gelitten; es war erst Mitte Mai, aber die Dreissig-Grad-Grenze war bereits mehrmals überschritten worden. Die Bademeister in den Freibädern freute dies, die Bierfabrikanten auch. Erst vor Kurzem waren auch in den höchstgelegenen Skigebieten die Anlagen geschlossen worden, denn der Winter war schneereich gewesen wie schon lange nicht mehr. Dann aber fiel es auch den unermüdlichsten Snowboardern nicht schwer, das Brett gegen die Badehose zu vertauschen; es war eine Lust, sich in Sonne und Schwimmbad zu tummeln. Bis der Regen kam. Warmer Regen, gleich von Anfang an heftig und nahezu ununterbrochen. Daniel Rüegsegger, der Historiker und Universitätsprofessor in Bern, mochte Regen, je stärker desto lieber; ihn packte jedesmal ein archaisches Gefühl, das er nicht erklären konnte und auch nicht wollte. Vielleicht waren deswegen historische Flut- und Überschwemmungsereignisse eines seiner Forschungsthemen geworden. Eigentlich galt er als Kapazität auf diesem Gebiet, aber ausser ein paar Kolleginnen interessierte sich kaum jemand für diese alten Geschichten.

Am ersten Tag stand er oft am offenen Fenster und genoss das Rauschen. Wunderbar nach dieser Hitze. Später häuften sich die beunruhigenden Meldungen in den Nachrichten. Im Fernsehen und per Webcams konnte er zuschauen, wie die Aare an Wucht zunahm. Die Reguliermassnahmen im Drei-Seen-Land verhinderten anfänglich Überschwemmungen, man hatte aus früheren Hochwassersituationen viel gelernt und wusste jetzt, dass man den Bielersee rechtzeitig absenken musste. Das war Anfang Mai nicht einfach gewesen, denn die Schneeschmelze war in den Bergen in vollem Gang, so dass Lütschine, Kander, Simme und Saane ihre Wasserpracht geradezu jubelnd dem Mittelland entgegen führten. Aber die tüchtigen Mitarbeiter der Regulierzentrale in Bern hatten die Situation im Griff. Hatten sie jedenfalls zu Beginn des Regens.

Daniel Rüegseggers Sorge nahm zu. Am dritten Tag des grossen Regens vertiefte er sich wieder einmal in die Burgunderchronik, welche Diebold Schilling im Auftrag der Berner Räte 1483 fertiggestellt hatte. Eines der jüngsten Ereignisse darin ist die Flutkatastrophe von 1480: Do man zalt von der gebûrt unsers herren und behalters Jhesu Cristi tusent vierhundert und achzig iare an einem dornstag vor sant Marien Magdalenen tag ving es an regen und regnet drig tag und nacht aneinandern, das es nie ufgehort und warent anders nit, dann gros slegregen. Schilling war Augenzeuge und musste sich nicht aufs Hörensagen verlassen.

Am vierten Tag des grossen Regens – ein solches Ereignis war hierzulande historisch nicht belegt, aber warum sollte es unmöglich sein? – überschlugen sich die Schadenmeldungen. Thun stand trotz des Entlastungsstollens unter Wasser, ebenso das Mattequartier in Bern, grosse Teile des Berner Seelands und die Dörfer entlang der Emme. Was nicht an die Öffentlichkeit drang, war eine gehässige Telefonkonferenz auf höchster Regierungsebene zwischen den Kantonen Bern, Solothurn und Aargau: «Sie überschreiten die reglementarisch erlaubte Höchstwassermenge der Aare in Murgenthal jetzt schon seit 29 Stunden! Uns reicht’s!» – «Wir stehen selbst vor einem Desaster! Sind Sie dort unten zu wenig katholisch? Beten Sie doch mal inbrünstig zu Petrus, vielleicht hilft das. Wenn wir einen Ausweg wüssten, hätten wir den Regen schon längst abgestellt. Zehntausende Personen sind im Kanton Bern bedroht!» – «Und jetzt bedrohen Sie noch viel mehr Leute im Solothurnischen und im Aargau. Das hat man von einem Lumpenkanton wie Bern, unfähig und immer schnell am Schieberöffnen beim Regulierwehr Port!» Es war einer Mitarbeiterin in der Telefonzentrale zu verdanken, dass hier die unergiebige Diskussion unter einem fadenscheinigen Vorwand beendet wurde. Drei Regierungsräte sassen zornig, frustriert und voller Angst in ihren Büros und wussten keinen Ausweg. Die Rettungskräfte waren seit Tagen im Einsatz, aber menschliche Ingenieurkunst und Tatkraft wirkten jetzt lächerlich klein. Sandsäcke und schweres Räumgerät gegen ein Jahrtausendhochwasser?

Am fünften Tag waren die Niederschläge endlich weniger heftig, aber der warme Regen hatte die Schneeschmelze erst recht in vollen Schwung gebracht. Die Pegel der Flüsse und Seen stiegen noch immer. Daniel wanderte von seiner Wohnung im Länggassquartier zur Äusseren Enge und in den Kleinen Bremgartenwald, wohlweislich in Gummistiefeln. Der Wald triefte vor Nässe und strotzte gleichzeitig vor lebenskräftigem Grün. An der Geländekante, welche die Aare überragt, blieb er stehen. Der Fluss zwängte sich achtzig Meter unter seinem Standort durch sein Bett, sein gewaltiges Rauschen schien nach mehr Platz zu schreien, seine braune Farbe war ein einziger Protest. Uni-Kollegen aus der Geologie hatten ihm schon vor Jahren erklärt, dass die Aare hier übersteilte Hänge geschaffen hatte, ein Gelände, das noch nicht zur Ruhe gekommen war und sich deshalb noch während Tausenden von Jahren durch Rutschungen da und dort verändern würde, bis die Engehalbinsel, der Kleine Bremgartenwald und eigentlich auch die Autobahn verschwunden wären. Jetzt, wo einige Kilometer flussabwärts ein See, eine Staumauer, ein konventionelles und ein Kernkraftwerk standen, könnte bereits morgen eine Katastrophe eintreten.

Auch in St. Gallen regnete es noch immer stark. Manches dauert in dieser Stadt länger als anderswo, manches macht man gründlicher, das betrifft auch das schlechte Wetter. Julia Kehl blickte auf den Spiserplatz hinunter. Eine Komposition der Trogenerbahn hielt an, einige bunte Schirme stiegen aus, andere ein. Wie oft in den letzten Tagen war sie auch jetzt froh, dass sie bloss beobachten konnte und nicht handeln musste. Eigentlich hatte sie allen Grund, glücklich zu sein: Noch nie hatte sie so sorgenfrei gelebt wie jetzt. Der Körper zwickte zwar da und dort, aber da war nichts Gravierendes. Materiell ging es ihr gut, die Rente reichte für die kleine Wohnung mit Vollpension, sie hatte hier neue Bekannte gefunden, manchmal unternahm sie eine kleine Reise, und sie war jeden Tag neugierig auf alles, was um sie herum und in der Welt passierte.

Aber heute waren die Nachrichten bedrückend. Rorschach lag unter Wasser, und Julia erinnerte sich beschämt an ihren gestrigen Gedanken, dass nämlich dieses Städtchen eher geschützt werden sollte als beispielsweise Sargans. Sie war halt ihr Leben lang ein Bodenseekind geblieben, und alles was sich hinter den Churfirsten oder dem Gonzen befand, lag für sie weit weg. Jetzt hatte man tatsächlich nur mit Mühe verhindern können, dass der Rhein Sargans eroberte, aber die Ebene zwischen Fluss und Dorf war überflutet. Die Behörden befürchteten Dammbrüche am Rhein. An einer besonders kritischen Stelle wurde deshalb eine Autobahnunterführung hastig zubetoniert. Ebenso lag das Gebiet nördlich von Widnau unter Wasser, die Autobahn wurde vorsichtshalber gesperrt, und die Eisenbahn fuhr nicht mehr. Auch die beiden Energy-Wings-Getränkefabriken in Widnau und im vorarlbergischen Nüziders standen im Wasser, was zu einem vierwöchigen Betriebsunterbruch führte – auch wegen der späteren Ereignisse in der Grossregion St. Gallen – und in der Folge weltweit Abermillionen von Jugendlichen frustrierte. Der Firmenbesitzer war wütend bis zur Weissglut, was ihm einen Herzinfarkt bescherte. Dass er ihn überlebte, ärgerte sowohl seine Konkurrenten wie auch seine Kritiker.

Wahre Schreckensmeldungen kamen aus dem St. Galler Oberland. Die Dörfer Weisstannen und Vättis waren durch mehrere grosse Erdrutsche von der Aussenwelt abgeschnitten. Die Arbeiten zur Räumung mussten immer wieder unterbrochen werden, weil weitere Rutsche nicht nur drohten, sondern tatsächlich auch niedergingen. Im Bildschirm von Julias Wohnung stand zitternd ein Mitarbeiter des Werkhofs Mels. «Herr Pfiffner, was geschah an der Strasse nach Weisstannen?» – «Wir versuchten, die Erdmassen im Rauchsteintobel mit zwei Baggern wegzuschaufeln, als ein weiterer grosser Rutsch kam. Ich konnte gerade noch abspringen und wegrennen, weil ich weiter unten arbeitete. Dann musste ich zuschauen, wie Dreck, Felsen und Wasser die beiden Maschinen verschütteten. Kollege Alex Müller konnte sich nicht retten. Ich war machtlos. Immer wieder stürzten Steine hinunter, ich musste mich in Sicherheit bringen.»

Julia schlief so schlecht wie lange nicht mehr. Als sie am nächsten Morgen zum Frühstück ging, lag das nationale Sensationsblatt aufdringlich wie immer auf dem Tischchen beim Empfang. «Alex M. (23) im Weisstannental verschüttet. Wegen anhaltenden Unwetters mussten die Rettungsarbeiten über Nacht eingestellt werden.» Heute schmeckten ihr Gipfeli und Kaffee nicht. Dieser Alex war nur wenig älter als ihre Urenkel.

Auch Daniel Rüegsegger kämpfte in dieser Nacht mit innerer Unruhe und fand keinen Schlaf. Die Aare war heute Nachmittag viel mächtiger unter ihm vorbeigerauscht, als er es sich vorgestellt hatte. Irgendwann hörte er Sirenen, aber das war ja nichts Aussergewöhnliches. Vielleicht mussten in Stuckishaus weitere Keller ausgepumpt werden. Im Vergleich zu den Zivilschützern und Feuerwehrleuten, die jetzt im Dauereinsatz standen, kam er sich wie ein Nichtsnutz vor, in einem ungefährdeten Quartier behaglich im Bett liegend, dabei sich das Konzept für eine weitere Veröffentlichung über irgendein historisches Hochwasser im Kopf zurechtlegend. Oder sollte er sich vielleicht künftig auf genau das jetzige Ereignis konzentrieren und alles, auch das kleinste Detail darüber sammeln und der Forschung zugänglich machen?

Im Gegensatz zu Daniel hatte der Kantonale Führungsstab in Bern das grösste Risiko der aktuellen Situation übersehen. Das war eigentlich nicht verwunderlich; es galt, von Stunde zu Stunde die Rettungskräfte neu zu organisieren, Pumpen und anderes Gerät zu verschieben und immer dort zu intervenieren, wo Hilfe am nötigsten war. Einmal war ein Sondereinsatz an der Kander nötig, weil die örtliche Feuerwehr der Situation nicht mehr Herr wurde, dann war bei Langnau eine Brücke zu schützen, und auch im Berner Mattequartier unten konnten die Menschen nicht im Stich gelassen werden.

Es war gegen elf Uhr nachts als der Wald am Aarehang auf einer Breite von fünfzig Metern ins Rutschen geriet. Nicht weit von der Stelle, wo Daniel Stunden zuvor gestanden war, setzte sich das durchnässte, schwere Erdreich mitsamt den Bäumen langsam in Bewegung, gewann an Geschwindigkeit und riss Hunderte Stämme in den Fluss. Nur einige wenige Bewohner der gegenüberliegenden Seftau wurden Zeugen des Ereignisses, weil sie mit dem Hund Gassi gingen, auf dem Balkon eine Zigarette rauchten oder von einem Konzert spät nach Hause kamen. Sehen konnte man in Finsternis und Regen nichts, aber ein dumpfes, unheimliches, noch nie gehörtes Grollen war hörbar, gefolgt von nicht enden wollendem Bersten, ohrenbetäubendem Knacken und von zahllosen peitschenden Schlägen auf das Wasser der Aare.

An Julia Kehls Frühstückstisch war die Stimmung mies. Sie ärgerte sich über das kleinkarierte Denken einiger Mitbewohner. «Mein Neffe hat mir schon vor Wochen versprochen, morgen mit mir eine Blueschtfahrt in den Thurgau zu unternehmen. Bei dem Regen wird sicher nichts draus.» – «Es gäbe bestimmt nicht viel zu sehen. Die Apfelblüten sind doch schon längst alle abgefallen, vom Regen weggeputzt. Kaufen wir halt Äpfel aus Neuseeland!» – «Ich will jetzt endlich Sonne! Eigentlich wollte ich nach der Pensionierung nach Spanien ziehen, aber meine Frau war dagegen. Und jetzt, wo sie gestorben ist, schaffe ich diesen Umzug nicht mehr. Ich werde in diesem elenden Kaff hier verrecken.» Es war nicht auszuhalten.

Gottlieb Wegelin stiess zur keifenden Runde. Er war jeden Morgen spätestens um sechs Uhr putzmunter, und weil man nicht vor sieben Uhr zum Frühstück gehen konnte, schaute und hörte er mit Leidenschaft die neusten Nachrichten auf allen erreichbaren Kanälen – Lokalradio, Deutsch- und Westschweizer Sender, TV-News aus Süddeutschland und Österreich. Beim Frühstück waren manche froh, von ihm kompetent über die Ereignisse der vergangenen Stunden informiert zu werden, je nach Interesse summarisch oder detailreich; andere ärgerten sich über ihn und nannten ihn «wandelndes Tagblatt». Jetzt war Gottlieb bleich und aufgewühlt: «In der Nähe von Bern gab es einen riesigen Erdrutsch, und die Aare wird gestaut.» Einer der Stänkerer reagierte unwirsch: «Erdrutsche gibt’s hierzulande auch, wird wohl nicht so schlimm sein.»

Während der Nacht stieg der Pegel der Aare oberhalb des Rutschgebiets rasch an. Einige Häuser in der Seftau und Felsenau wurden vollständig überflutet. Dank des guten Alarmkonzepts konnten sich alle betroffenen Personen retten, einige erst im letzten Moment, nur mit ihren Kleidern oder dem Nachtgewand, aber immerhin. Feuerwehr und Zivilschutz mussten Korpsmitglieder wieder aufbieten, die erst vor wenigen Stunden zur Erholung nach Hause entlassen worden waren. Zwei riesige Scheinwerfer wurden installiert, um den Ort der Katastrophe auszuleuchten. In Umrissen wurde ein Damm aus Baumstämmen, Erdreich und Felsblöcken sichtbar, so gross, dass die Lichtkegel wie schwache, irrlichternde Kerzenflammen wirkten. Gegen fünf Uhr morgens gewann das Bild im diesigen Regen des grau erwachenden Tages deutlichere Konturen, und wer es sah, meinte in die Hölle zu blicken; nicht in einen Feuerschlund, sondern in einen braunen, reissenden Strom, der sich hämisch über den Damm stürzte. Die verkeilten Bäume boten dem Wasser Widerstand, aber wie lange noch?

Regierungsrat Thomas Berger, der schon bald nach dem verheerenden Rutsch alarmiert worden war, kam vor Ort gegen alle inneren Widerstände zur quälenden Einsicht, dass da mit noch so schwerem Gerät nichts auszurichten war. Es gab nur eines: Der Damm musste gezielt gesprengt werden, punktuell, damit das gestaute Wasser einigermassen kontrolliert abfliessen konnte. Ein wahnwitziger Plan, aber der einzig mögliche. Er eilte in sein Büro, wo er über eine Hotline direkt die einzelnen Mitglieder des Bundesrats erreichen konnte. Diese Einrichtung war ihm immer komisch und übertrieben erschienen, er hatte sie selbstverständlich nie benützt. Er wählte die Verbindung zu Verteidigungsminister Roland Oberli. Dieser war vor wenigen Stunden geweckt und über die kritische Lage an der Aare informiert worden. Irgendwie empfand Oberli es in seiner Ratlosigkeit als Erleichterung, mit Berger darüber sprechen zu können. «Meinst du sprengen? Von Flugzeugen aus? Bist du verrückt?» – «Ja, das meine ich wirklich. Mit Flugzeugen kenne ich mich nicht aus, aber ich denke, dass wir den Einsatz von Spezialtruppen benötigen.» – «Können wir denn nicht erst einmal abwarten? Jetzt regnet es nicht mehr stark, und wie du sagst, ist die unmittelbare Umgebung oberhalb des Damms bereits überschwemmt. Dort wird die Situation kaum mehr schlimmer werden.» – «Aber unter dem Wohlensee steht das Kernkraftwerk Mühleberg, das macht mir Sorgen.» – «Ja, schon irgendwie beunruhigend. Letzte Woche sah ich zufällig dessen Leiterin Claudine Rochat bei einem Apéro. Wir diskutierten über Hochwassergefahren allgemein, dann über das Kernkraftwerk, doch sie meinte, dem könne nichts passieren. Ich fragte sie sogar direkt, ob man das Werk nicht ein paar Tage lang abschalten sollte, bis das Hochwasser vorbei sei. Weil sich aber in diesem Moment dein Kollege Steuri mit Sektglas und Lachsbrötchen zu uns vorgedrängelt hatte, wechselten wir das Thema. Er will immer und bei jeder Gelegenheit bloss über die maroden Kantonsfinanzen sprechen.»

Während sich in Bern das Wetter endlich etwas beruhigte, nahm in St. Gallen am Vormittag die Intensität des Regens nochmals zu. Über die Eggen ging ein Starkregen nieder, in der Waldegg konnte sich niemand an ein so heftiges Ereignis erinnern. Der Rütiweiher, der dank seines neuen Damms in den letzten Tagen St. Georgen vor Hochwasser geschützt hatte, lief über und schickte seine Fluten in die Steinach. Diese führte ohnehin so viel Wasser, dass die Mülenenschlucht vorsorglich für Fussgänger gesperrt worden war. Nun tobte der Bach, zum Fluss angewachsen, durch St. Georgen und riss einige parkierte Autos mit, während der Verkehr durch das Quartier gerade noch rechtzeitig unterbunden werden konnte. Auch die Fussgänger konnten in sichere Seitenstrassen fliehen. Aber zwei Schülerinnen, Biljana Kosic und Noëmi Iff, die trotz des Verbots ihren Heimweg wie immer durch die Schlucht genommen und sich beim Anblick der braunen Flut wohlig gegruselt hatten, wurden bei der oberen Brücke, noch bevor sie diese betreten hatten, vom Sturzbach mitgerissen. Er presste sie in die Tiefe, hob sie an die Oberfläche, trieb sie bald gegen das linke, dann an das rechte Ufer und drückte sie schliesslich gegen die Pfosten bei der Talstation der Mühleggbahn. Mutige Passanten, die selber im knöcheltiefen Wasser standen, versuchten die Mädchen zu bergen, aber dies gelang erst nach einer Viertelstunde durch die Polizei. Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos.

Die Stadt schrie auf. Nicht, weil sich das Wasser einen Weg über den Gallusplatz und durch die Moosbruggstrasse zum Spisertor hinunter suchte; nicht, weil es an der Lämmlisbrunnenund der Steinachstrasse Keller überflutete, bis es hinter der Olma beim städtischen Werkhof Wiedacker an die Lärmschutzwand der Autobahn prallte und dort einen See bildete; sondern weil zwei junge Menschenleben ausgelöscht worden waren. Mit Bitternis nahm man nachmittags zur Kenntnis, dass der Regen schwächer wurde und sich hin und wieder ein Stück Himmel zeigte, wie ein nasser, bläulicher Fetzen Stoff hinter den Wolken aufgespannt. Warum erst jetzt?

Trotzdem atmete die Stadt auf, als am späten Nachmittag endlich wieder einige zaghafte Sonnenstrahlen ihre Türme beschienen. In Bern beschwor Bundesrat Roland Oberli die Armeeleitung, bis zum Abend einen Plan für die Sprengung des Damms vorzulegen und diese am nächsten Tag durchzuführen. Zudem waren er und Regierungsrat Thomas Berger bei ihrem langen Gespräch zu Schlüssen gekommen, vor denen ihm graute. Erstens musste das Kernkraftwerk Mühleberg abgeschaltet werden; das war allerdings nicht tragisch, denn Strom war zur Zeit im Überfluss vorhanden, aber das Grauen meldete sich, wenn Oberli daran dachte, warum die Abschaltung nötig war. Und zweitens mussten die Behörden der Gemeinden zwischen Wohlensee und Drei-Seen-Land beauftragt werden, die schon längst ausgearbeiteten Evakuationspläne wegen Hochwassers zu aktivieren, wenn auch vorerst nur auf der ersten Stufe und ohne Mitteilung an die Bevölkerung. Es wurde ein hektischer Tag für Oberli, Berger, verschiedene Katastrophenstäbe und die Zivilschutzbehörden. Kernkraftwerk-Leiterin Claudine Rochat war bis anhin wirklich überzeugt gewesen, dass ihrer Anlage nichts geschehen könne. Doch als sie am Morgen vom neugebildeten Damm in der Seftau erfuhr, kamen ihr erstmals Zweifel. Während sie noch unschlüssig war, ob sie wirklich eine Schnellabschaltung verfügen solle, erhielt sie den entsprechenden Befehl vom eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat. Eigentlich war sie erleichtert, wenn auch in ihrem Stolz verletzt, denn nun musste sie nicht selber entscheiden.

Die Aare führte trotz der Wetterberuhigung nach wie vor eine Wassermenge, die alles übertraf, was in historischen Quellen beschrieben war. Daniel Rüegsegger kam zum Schluss, dass in der Stadt Bern seit ihrer Gründung im Jahr 1191 nie ein grösseres Hochwasser aufgetreten war. Es war eine Jahrtausendflut. An verschiedenen Örtlichkeiten der Engehalbinsel kam es zu kleineren Erdrutschen, wobei erneut zahlreiche Bäume in die Aare fielen, sich vor Ort verkeilten oder aber zum Damm geschwemmt wurden, der dadurch noch mächtiger wurde. In der Seftau wurden grosse Bagger platziert, sogar ein Kran aufgebaut. Auf der gegenüberliegenden Seite, im Rutschgebiet, war dies nicht möglich. Doch alle Anstrengungen waren vergeblich. Konnte wieder einmal ein Stamm aus dem Wasser gehievt werden, so dauerte es nicht lange, bis ein nächster daher gespült kam. Das Können der erfahrenen Maschinenführer und die Kraft ihrer mächtigen Geräte blieben ohne Wirkung.

Es war bemerkenswert, wie viele Militärhelikopter während des Vormittags über dem Damm erschienen und nach einigen Runden wieder verschwanden. Offenbar wurde ein Plan für die Sprengung entwickelt. Dann wieder machten sich zahlreiche Helikopter privater Firmen die besten Plätze streitig, die von verschiedenen Medienhäusern und sogar von freischaffenden Fotografen gechartert worden waren. Es war für alle Passagiere in den Maschinen eindrücklich zu beobachten, wie alles Bemühen am Fluss unten mit den Spielzeugbaggern und dem Kran so gut wie wirkungslos blieb.

Daniel konnte sich trotz viel Arbeit und drängenden Terminen die Jahrtausendflut und den Damm nicht entgehen lassen. Nachmittags stand er wieder an der Geländekante des Kleinen Bremgartenwalds und staunte. Er staunte über die braune Aare, den Damm, die treibenden Bäume auf dem Fluss, die Bagger, die Helikopter. Die Sicht auf die Situation war allerdings sehr beschränkt, denn die gefährdeten Zonen am Hang waren grossräumig abgesperrt worden. Nachdenklich, aber nicht wirklich überrascht vom Geschehen, wanderte er zur Strasse zurück und hinunter zur Halenbrücke. Auf ihr standen zahlreiche Schaulustige, beim jetzigen Wasserstand etwa dreissig Meter über der reissenden Flut. Flussaufwärts war die Neubrügg zu sehen, eine gedeckte Holzbrücke aus dem sechzehnten Jahrhundert. Die Situation dort schien kritisch zu sein. Die steinernen Brückenpfeiler waren nicht mehr sichtbar und das Wasser reichte bis zur Fahrbahnverkleidung aus Holz. Wahrscheinlich war auch die Strasse überschwemmt. Während sich Daniel gedankenverloren darüber wunderte, dass die Neubrügg den Fluten widerstehen konnte, wurde er plötzlich von rasch stärker werdendem Helikopterlärm aufgeschreckt. Ein ganzes Geschwader flog ihm entgegen, nicht etwa in Formation, sondern in einem beängstigenden Durcheinander. Fasziniert beobachtete er die Helikopter, die wie ein Schwarm filigraner Insekten wirkten. Jetzt verharrten sie über der Neubrügg, so dass auch er seinen Blick wieder senkte. Da begann die Holzkonstruktion zu beben; die ehrwürdige Brücke, die fast fünfhundert Jahre lang allen Unwettern und Fluten getrotzt hatte, schien sich zu wehren, aber dann – nach zehn Sekunden oder einer Minute? – erschien die reissende Flut zuerst zwischen den Balken, welche das Dach trugen, stieg blitzschnell höher und wälzte sich schliesslich über das Dach selbst. Es war nicht zu erkennen, in welchem Augenblick die Brücke brach, aber bald gab es keine Zweifel mehr, dass sie geborsten war, denn jetzt sah Daniel nur noch einen Wasserschwall, der auf seinem Scheitel Bäume und Brückenbalken trug und mit einer unglaublichen Geschwindigkeit in seine Richtung stürzte. Er war von diesem Anblick so fasziniert, dass er keinen Moment lang ans Weglaufen dachte. Und auch als die Flutwelle die Halenbrücke erschütterte, stand er am Geländer, hielt sich fest, sah für eine Sekunde die Wasserfront direkt unter sich, rannte wie die übrigen Zuschauer über die Fahrbahn zum anderen Geländer und war überwältigt vom Blick auf Strudel und mitgerissene Bäume. Weil aber die Halenbrücke die Aare in einem grossen Bogen überspannt und normalerweise keiner ihrer Pfeiler im Wasser steht, hielt sie der wütenden Aare stand und Daniel sah, wie die Flut ungebrochen dem Wohlensee zu jagte. Die Helikopter jagten hinterher.

Der Damm bei der Seftau war achtzehn Stunden nach seiner Entstehung gebrochen.

Gottlieb «Tagblatt» Wegelin las heute kein Buch und schrieb auch keinen Brief, was er sonst oft tat, sondern starrte auf den eingeschalteten Fernseher, trat ans Fenster und starrte in den Regen hinaus, setzte sich wieder vor die Glotze, obwohl den ganzen Tag über bei den Nachrichtenkanälen nicht viel Neues zu sehen war. Alle zeigten Bilder vom Damm bei der Seftau, die sich über die Stunden kaum veränderten. Aus der Luft war zu beobachten, wie die Bagger erfolglos werkelten und die Aare weitere Bäume gegen das Bollwerk spülte. Dagegen waren die flussaufwärts gelegenen überschwemmten Quartiere kaum ein Thema in der Berichterstattung. Die Reporter übertrafen sich gegenseitig mit aufgeregten, aber nichtssagenden Kommentaren über Damm und Flut. Wer für ein Interview vor eine Kamera geschleppt wurde, wirkte hilflos. Ob Regierungsrat, Wasserbauingenieur, Meteorologin, Genie-Offizier, Mitglied des Kantonalen Führungsstabs oder Seftau-Bewohnerin – alle waren schockiert und mit einem Szenario konfrontiert, das sie sich bisher nie hatten vorstellen können oder wollen. Obwohl also die ganze Berichterstattung seit dem Vormittag nichts Neues mehr hergab und Gottlieb den Ton ohne Informationsverlust hätte ausschalten können, blieb er in seinem Aktionsmuster zwischen Fernseher und Fenster gefangen. Als gegen elf Uhr Polizei- und Sanitätswagen mit Geheul am Spisertor vorbei rasten, schaute er wieder hinaus und sah, wie die Steinachflut von der Moosbruggstrasse her den Platz erreichte und den Verkehr zum Erliegen brachte. Wer Auto fuhr, traute sich nicht weiter, und dem Lokomotivführer der Trogenerbahn erging es offenbar gleich. Doch bereits nach einer Viertelstunde versiegte das Wasser, und es kehrte so etwas wie Normalität ein. Dass endlich auch der Regen nachliess, bemerkte Gottlieb allerdings nicht. Er ging zum Mittagessen, das eine Abwechslung bot, aber seine düsteren Gedanken nicht vertreiben konnte. Doch dann verwünschte er sich, dass er an diesem Tisch sass, eine liebevoll angerichtete Mahlzeit vor sich; als nämlich die Serviceangestellte bemerkte, in der Mülenenschlucht seien zwei Mädchen umgekommen. Die Diskussionen, welche ohnehin nicht lebhaft gewesen waren, verstummten. Wahrscheinlich ging es den meisten ähnlich wie Gottlieb: Man kam sich hilf- und kraftlos, unnütz und sehr alt vor. Wenn selbst Polizisten und Sanitäter, die vor einer Stunde vorbeigeheult waren, nichts ausrichten konnten, was könnte man denn selber tun, wie helfen?

Gegen fünf Uhr nachmittags wurde jedermann, der wie Gottlieb Wegelin vor einem Fernseher sass, Zeuge des Dammbruchs bei Bern und der riesigen Flutwelle, welche die Neubrügg zerstörte, unter der Halenbrücke durchjagte, die leichte Konstruktion des Stegmattstegs mühelos in Stücke brach und von Kappelen- und Wohleibrücke kaum gebremst wurde – wobei diese beiden Bauwerke vermutlich stark beschädigt wurden. Nach dem letzten Hindernis schoss die Wasserwand über den Wohlensee. Soweit man dies anhand der von den Helikoptern aus gefilmten Videos beurteilen konnte, wurde sie nicht kleiner. Sie wirkte sehr schnell, und doch dauerte es unerträglich lange, bis sie nach den letzten Windungen des Sees das Flusskraftwerk Mühleberg mit Maschinenhaus und Staumauer erreichte.

Während mehr als einer halben Stunde drückten und zerrten die Fluten an der Mühleberg-Staumauer. Vor wenigen Jahren war sie mit Stahlpfählen verstärkt worden. Gewaltige Wassermassen schossen über die Entlastungsklappen neben dem Maschinenhaus und stürzten in die Tiefe; ein Niagarafall im Bernbiet. Allerdings mit dem Unterschied, dass der Mühlebergfall im braunen Wasser auch ein ausgedehntes Mikadospiel aus Bäumen mitführte, welche zum Teil am Stauwehr zersplitterten und nach dem Fall in den Wasserwalzen verschwanden, um viel weiter flussabwärts wieder an der Oberfläche zu erscheinen. Andere Bäume gingen nicht zu Bruch, sondern türmten sich oberhalb des Wehrs wie vorher beim Damm bei der Seftau. Aber die Staumauer hielt. Glück gehabt.

Um 17.52 Uhr kippte sie mitsamt dem Maschinenhaus um wie ein Spielzeug. Es war entsetzlich zu beobachten, wie das zwanzig Meter hohe Bauwerk dem Wasserdruck nachgab. Die neuen Pfähle hatten als Hebel gewirkt. Jetzt stürzte nicht nur die gewaltige Abflussmenge der Aare in die Tiefe, sondern der See selbst entleerte sich. Eine unvorstellbar mächtige Wasserwand eilte zügig dem nahen Kernkraftwerk zu. Bäume, Geschiebe und Schlick aus dem Seegrund eilten mit.

Das Kernkraftwerk war seit einigen Stunden abgestellt, aber wegen der Nachzerfallswärme der Brennelemente fiel immer noch eine Leistung von siebzig Megawatt an, die durch gepumptes Kühlwasser in die Aare abgeführt wurde. Die Pumpen bezogen den nötigen Strom aus dem allgemeinen Netz, weil das Werk selber nun nichts mehr produzierte.

Sekunden nach der Zerstörung der Staumauer erreichte die Flut die obere elektrische Unterstation am linken Aareufer und setzte sie unter Wasser. Zwei Minuten später wurde die untere Station ebenfalls überflutet. Damit war das Kernkraftwerk vom allgemeinen Stromnetz getrennt. Die mit Diesel betriebene Notstromanlage startete dank der Versorgung mit Notstrom-Batterien selbständig.

Um 17.55 Uhr spülte die Front der fünf, sechs Meter hohen Wasserwand über das Kernkraftwerk. Sie führte eine Flut an, die während Stunden anhielt.

Um 18.01 Uhr war das Maschinenhaus mit den Generatoren überflutet. Das Wasser stieg und stieg, drang in die Nebengebäude ein. Was dort gelagert wurde, war vorerst verloren.

Um 18.05 Uhr wurden die Notstromanlage und die Batterien überflutet, weil sie seinerzeit in einem tief gelegenen Raum installiert worden waren, und fielen aus. Die konventionellen Kühlsysteme arbeiteten nicht mehr.

Jetzt sprang das Spezielle Unabhängige System zur Abfuhr der Nachzerfallswärme, lustigerweise Susan genannt, an. Es musste mit seinen eigenen Dieselgeneratoren die Notkühlung gewährleisten. Tatsächlich funktionierte das System wie vorgesehen.

Um 18.23 Uhr schaltete sich Susan wieder ab. Ursache war vermutlich die Verstopfung der in der Aare positionierten Röhre, welche die Kühlwasserzufuhr ermöglichen sollte. Die Öffnungen in der Röhre waren mit Geschiebe, Schlick und Bäumen zugepackt.

Der Stromausfall war total. Auch so triviale Systeme wie elektrische Türöffner, Lifte, Beleuchtung oder die Auslesegeräte für die Dosimeter der Angestellten funktionierten nicht mehr. Die Computer stürzten ab, der Mailverkehr war verunmöglicht und die interne Kommunikation funktionierte nur noch mit den Mobiltelefonen oder indem man den Gesprächspartner aufsuchte. Die Leit- und Steuerungstechnik war jedoch dank ihrer eigenen Notstrombatterien noch funktionsfähig, jedenfalls für die nächsten Stunden.

Das Kernkraftwerk hätte jetzt dringend etwa zwei Megawatt Notstrom benötigt. Es war unmöglich, die dazu erforderlichen Dieselaggregate rasch an Ort und Stelle zu bringen. Alle Zufahrtsstrassen waren überflutet wie auch das Werksgelände. Der Druck im Reaktor wurde abgesenkt, so dass er mit Kühlwasser aus einem Hochreservoir versorgt werden konnte. Bei dieser heiklen Operation wurden zahlreiche Brennstabhüllen beschädigt, weil sie sich zwischenzeitlich erhitzt hatten und sich beim Kontakt mit dem kalten Wasser Risse bildeten. Radioaktivität trat in den Reaktor aus. Der Druck stieg gefährlich an, so dass der sich bildende Wasserdampf in das Reaktorgebäude abgelassen werden musste, welches dadurch radioaktiv verseucht wurde.

Um 1.34 Uhr nachts ereignete sich im Innern des Reaktorgebäudes eine Explosion, wahrscheinlich wegen der Bildung von Knallgas aus Wasserstoff, der aus dem beschädigten Reaktor entwich, und Luftsauerstoff. Teile des Dachs wurden weggesprengt, Radioaktivität trat in die Umgebung aus. Der Wind kam von Westen, allerdings war er nur schwach, aber er verfrachtete den radioaktiven Staub Richtung Bern.

In St. Gallen verfolgte Stadtpräsidentin Gisela Löpfe die Vorgänge in Mühleberg mit grösster Unruhe. War denn nicht der heutige Tag schrecklich genug gewesen? Zwei tote Mädchen wegen des Hochwassers. Dass die Feuerwehr den ganzen Nachmittag lang mit dem Auspumpen von überschwemmten Kellern beschäftigt gewesen war, hatte sie dagegen kaum zur Kenntnis genommen. Aber diese neue Katastrophe! Eine geborstene Staumauer und ein überschwemmtes, unkontrollierbares Kernkraftwerk. Eine radioaktive Wolke aus Mühleberg könnte ohne Weiteres bis nach St. Gallen reichen. Löpfe befragte das Internet und nahm zur Kenntnis, dass die Distanz bis zum Unfallort hundertsiebzig Kilometer betrug. So nahe wie jetzt hatte sie sich Bern noch nie gefühlt, pflegte sie doch sonst gerne das uralte Klischee, wonach die Ostschweiz für Bundesbern nicht existiere. Sie wünschte sich, dass die Welt hinter Winterthur, das heisst westlich davon, aufhören möge. Sollten Vorkehrungen zum Schutz der Bevölkerung getroffen werden? Sie bestellte die Stadtregierung per Mail zu einer ausserordentlichen Sitzung am nächsten Vormittag – und nach kurzem Nachdenken gleich auch noch die sieben kantonalen Regierungsräte. Spätabends, aber immerhin noch vor Mitternacht, liess sie sich ins Bett fallen und träumte von diffus katastrophalen Ereignissen, gegen die sie ankämpfte, aber mit ihren Massnahmen immer zu spät kam; vielleicht waren es auch die falschen Massnahmen, jedenfalls warfen unidentifizierbare Bedrohungen ihre eiskalten Schatten über die Stadt und löschten alles Lebensglück aus.

Während der Nacht war es ausserordentlich schwierig, im Kernkraftwerk irgendwelche Notmassnahmen zu treffen, nicht zuletzt, weil die Anlage grösstenteils im Dunkeln lag. Nur noch wenige Notstrombatterien waren funktionsfähig, und manche Gebäude waren wegen der grossflächigen Überschwemmung kaum erreichbar. Sämtliche Untergeschosse waren überflutet. Mehrere Personen wurden vermisst. Nach der Explosion zeigten die noch verfügbaren Messgeräte steigende Strahlungswerte. Das beschädigte Reaktorgebäude durfte von ausgewählten Mitarbeitern nur kurzzeitig betreten werden, was aber ohnehin bald vom Schichtleiter verboten wurde, weil dort nichts auszurichten war. Herumliegende Trümmer hatten weitere Teile der Anlage in Mitleidenschaft gezogen, und sie erschwerten den Zugang zu kritischen Stellen. Die Devise hiess Kühlung, Kühlung, Kühlung, was aber nur einigermassen gelang, solange das Hochreservoir noch nicht leer war. Der Wasservorrat reichte bis zum Morgen, dann übernahmen Helikopter die Kühlung aus der Luft. Sie füllten ihre Tanks mit Wasser aus der nahe gelegenen Saane und entleerten sie durch die Löcher im Dach direkt in das Reaktorgebäude. Ein Pilot durfte nicht mehr als sechs Flüge durchführen, nachher wurde er vorsichtshalber ersetzt, damit seine Strahlenbelastung möglichst gering blieb.

Eine verlorene Stadt

Was während diesen Stunden und den folgenden Tagen in Mühleberg genau geschah, wird vielleicht nie vollständig aufgeklärt werden können. Jedenfalls trat am Nachmittag nach der Explosion plötzlich deutlich mehr Radioaktivität aus, was nur durch den Beginn einer Kernschmelze erklärbar war. Immerhin war die Notfallzone eins um das Werk bereits in der Nacht evakuiert worden; sie umfasste die Dörfer Mühleberg, Wileroltigen und Golaten sowie einige Weiler. Die Autobahn A1, welche mitten durch diese Zone führte, musste zwischen Frauenkappelen und Kerzers gesperrt werden.

Im Nachhinein gerieten die Schäden durch die Flutwelle in den Gebieten unterhalb von Mühleberg beinahe in Vergessenheit. Sie übertrafen alles Vorstellbare. Natürlich hatten die Bundesbehörden schon vor Jahrzehnten Szenarien für den Fall entwickelt, dass die Mühleberg-Staumauer brechen würde – wie auch für alle anderen grossen Talsperren in der Schweiz. Die Notfallpläne wurden alle paar Jahre aktualisiert und der Bevölkerungs- und Infrastrukturentwicklung angepasst. Doch dies waren Gedankenspiele, Berichte auf Papier und auf Servern. Jetzt waren diese Gedankenspiele lebendig geworden. Direkt an den Ufern des Wohlensees wohnten nur relativ wenige Menschen, die meisten davon in den Einfamilienhäusern zwischen Kappelenring und Talmatt, die übrigen in den verschiedenen Weilern. Sie alle hatten ihre Wohnungen und Häuser bereits am Morgen nach der Entstehung des Seftau-Damms verlassen müssen. Etwa um siebzehn Uhr dröhnten die Sirenen zwölfmal in den Gebieten unterhalb der Staumauer mit unheimlich tiefem Ton: Wasseralarm! Wer sich in Niederried, Kallnach, Müntschemier, ja auch in Aarberg, Lyss und Studen nicht schon während des Tages in Sicherheit gebracht hatte, musste es jetzt tun. Ein Chaos blieb erstaunlicherweise aus, was wohl dem Umstand zu verdanken war, dass die betroffenen Ortschaften nicht besonders gross waren. Trotzdem tötete die eine Stunde später anrollende Flut ein gutes dutzend Menschen, offenbar solche, die den Alarm nicht beachtet hatten oder sich nicht aus eigener Kraft aus der Gefahrenzone retten konnten. Die Wehranlagen bei Niederried stellten für die Wassermassen kein Hindernis dar, sie wurden einfach vollständig überflutet. Der Wohlensee war nach dem Durchgang der Flutwelle ein grässlich brauner, verschlammter, nahezu leerer Fjord, die Aare bis Niederried ein wütender Fluss, die Gegend weiter unten kahlgeschlagen. Ein See voller Trümmer erstreckte sich bis Aarberg, wo er sich mit den bereits vorher überfluteten Gebieten des Seelands vereinigte.

Nach der nächtlichen Explosion im Kernkraftwerk und den steigenden radioaktiven Strahlungswerten im Lauf des Nachmittags trafen sich in Bern am frühen Abend alle anwesenden Regierungsmitglieder von Bund und Kanton zu einer Katastrophensitzung: Bundespräsident Ludovic Dubied, die Bundesräte Roland Oberli, Patrick Vonarburg, die Bundesrätinnen Beatrice Fässler und Antonella Rezzonico. Bundesrat Thierry Favre befand sich zu Gesprächen in Pretoria, und Bundesrätin Marina Jauch leitete eine Wirtschaftsdelegation, die Indien besuchte. Im Schlepptau des bleichen Regierungsrats Thomas Berger trafen fünf seiner Kolleginnen und Kollegen ein, während Finanzdirektor Steuri seit einer knappen Woche in den Ferien weilte.

«Je pense que nous nous en tirons à bon compte.» – «Sind Sie wahnsinnig, Sie sind wohl der einzige, der das glaubt!» – «Ich will mich jedenfalls nicht verstrahlen lassen, ich gehe weg.» – «Sie Memme, es geht nicht um uns, es geht um den Schutz der Bevölkerung!» – «E della Svizzera.» – «Die Schweiz ist stark, sie hat noch jedes Unglück aus eigener Kraft bewältigt.» Das war keine geordnete Sitzung, denn jedermann hatte Angst, ob zugegeben oder nicht. Einige klammerten sich an Vertuschungsfantasien und Durchhalteparolen, andere sahen das Land in ein schwarzes Loch aus Strahlung, Chaos und wirtschaftlichem Niedergang stürzen. Die neusten Strahlenwerte, welche aus Mühleberg gemeldet wurden, waren hoch, aber nicht katastrophal; lokal wurden bis 0,005 Millisievert pro Stunde gemessen. «Il faut évacuer Berne!» – «Und Biel und Fribourg auch!» – «Jetzt sind Sie alle wahnsinnig, das ist doch gar nicht machbar. Und wenn die Leute ein bisschen Strahlung abbekommen, so wirkt sich das erst in vielen Jahren aus. Krebs hat es schon immer gegeben und wird es immer geben.» – «Die haben doch alle Jodtabletten erhalten, jetzt können sie diese mal ausprobieren.» Bundesrätin Rezzonico fiel beinahe in Ohnmacht und sagte nichts mehr. Die Stimmung wurde immer gereizter, gleichzeitig schlich sich blankes Entsetzen ein. Bundespräsident Dubied erschrak zutiefst ob dem Gedanken, dass in seinem Präsidialjahr die Stadt Bern, ein Unesco-Weltkulturjuwel aus grauem Sandstein, aufgegeben werden müsste, wie auch eine Reihe weiterer Städte. Dieses Szenario war nicht auszuhalten, und er vertagte die Sitzung auf den nächsten Morgen in der Hoffnung, dass sich die Situation in Mühleberg nach und nach beruhigen würde.

Bereits im Lauf des Tages hatten die ersten Einwohner von Bern und anderen Ortschaften beschlossen, ihre Wohnorte zu verlassen. Es waren die besonders ängstlichen oder besonders rationalen Menschen. Auch wer sonst mit Bus oder Postauto zur Arbeit pendelte und für längere Reisen den Zug benützte, machte jetzt das Auto flott oder mietete eines. Es wurde mit unentbehrlichen, wichtigen und sentimentalen Dingen vollgestopft, dann ging die Fahrt vielleicht zu entfernt wohnenden Verwandten, zu Freunden oder irgendwohin, ohne konkretes Ziel. Auch die besonders rationalen Menschen verhielten sich unter diesen Umständen irrational; die meisten fuhren in die von ihrem Wohnort aus entgegengesetzte Richtung in Bezug auf das Kraftwerk. Nur weg von hier!

Bundesrätin Rezzonico erlebte ein kochendes Wechselbad zwischen ihrem Pflichtgefühl dem Amt gegenüber und ihrer Angst. Schliesslich schrieb sie ein Mail an ihren Kollegen und Bundespräsidenten Dubied, reiste mit einem späten Zug nach Luzern und anderntags zu ihrer Familie ins Tessin.

Die nächste Katastrophensitzung im Bundeshaus begann bereits um sieben Uhr morgens. Es waren noch vier Bundesräte und sechs Regierungsräte anwesend, zudem war der Stadtpräsident von Bern, Claude Guggisberg, eingeladen oder eher herbeibefohlen worden. Die neusten Messwerte aus Mühleberg waren katastrophal: doppelt so hoch wie am Vortag, etwa 0,01 Millisievert pro Stunde und stetig zunehmend. Wahrscheinlich hatte auch im Abklingbecken der verbrauchten Brennelemente eine Kernschmelze begonnen. Es herrschte leichter Westwind – Bern war akut gefährdet. Im Gegensatz zum Vorabend prallten nicht mehr verschiedene Meinungen lautstark aufeinander. Die meisten Anwesenden äusserten sich nur, wenn sie von Bundespräsident Dubied dazu aufgefordert wurden. Entsprechend zäh entwickelte sich eine Diskussion, die nach einer guten Stunde, während der immer höhere Strahlenwerte aus Mühleberg gemeldet wurden, im bis dahin unvorstellbaren Entschluss gipfelte, drei Viertel der Notfallzone zwei um Mühleberg zu evakuieren. Eine halbe Million Menschen: die ganze Stadt Bern samt Köniz und Ostermundigen, südlich davon das Gebiet bis Schwarzenburg, im Norden Jegenstorf, Lyss und Biel wie auch alle Orte, die zwischen den genannten lagen, dazu Kerzers, Aarberg und die Dörfer rund um den Bielersee. Letzteres war notwendig, weil das Aarewasser zwischen Mühleberg und Hagneck radioaktiv verseucht war. Bald würde die Radioaktivität auch im Bielersee stark ansteigen, und das Pumpwerk, von dem die Stadt Biel den grössten Teil ihres Trinkwassers bezog, würde abgestellt werden müssen. Die Region Ins-Murten-Avenches und die Stadt Fribourg sollten nicht evakuiert werden, obwohl sie auch in der Zone zwei lagen, weil der Wind nicht in ihre Richtung wehte. Die dortige Bevölkerung sollte sich aber auf eine Evakuation vorbereiten.

Bundeskanzler Guy Pache informierte die Zivilschutzbehörden und anschliessend die Medien, während sich der Bundesrat in aller Eile darauf vorbereitete, den vor Jahren eigens für die Landesregierung erstellten riesigen Bunker in den Felsen hinter Kandersteg zu beziehen. Die Sommersession der eidgenössischen Räte, welche in der folgenden Woche hätte beginnen sollen, wurde abgesagt und der nächste Urnengang auf unbestimmte Zeit verschoben. Jetzt hatte das Land andere Probleme zu bewältigen, als über die drei zur Abstimmung stehenden Volksinitiativen zu befinden: «Die Schweiz den Schweizern», «Keine Chips für Haustiere» und «Für eine fixe Lohnobergrenze in allen Branchen».

Gerüchteweise vernahm man später, dass Bundesrat Favre und Bundesrätin Jauch von ihren Auslandreisen vorerst nicht in die Schweiz zurückgekehrt seien.

Die Evakuation der halben Million Menschen überforderte alle Beteiligten, die Behörden von Bundes- bis Gemeindeebene, die Zivilschützer und die sonstigen Rettungskräfte. Für eine solche Katastrophe lagen keine Pläne vor, wo die Leute fürs Erste unterkommen sollten und wie man sie später auf das unverstrahlte Gebiet der Schweiz verteilen würde. Verteidigungsminister Roland Oberli verfügte, dass sämtliche Rekruten, die zur Zeit in Ausbildung waren, für die Evakuation eingesetzt wurden, was das organisatorische Durcheinander nicht kleiner machte. Viele Leute weigerten sich, ihren Wohnort zu verlassen; sie erklärten sich höchstens bereit, nur in dringenden Fällen nach draussen zu gehen und ansonsten in ihren vier Wänden zu bleiben, im Übrigen hätten sie ja ihre Jodtabletten geschluckt. Besonders alte Menschen wollten bleiben, wo sie waren. Im allgemeinen Chaos wurden manche von ihnen durch die Helfer abgeschleppt, andere überliess man ihrem Schicksal.

Daniel Rüegsegger wollte nicht abgeschleppt werden. Einen Moment lang erwog er, zu Freunden ins Elsass zu reisen, aber die Vorstellung von hoffnungslos verstopften Strassen und bis zum Bersten gefüllten Zügen schreckte ihn ab. Und eigentlich hatte er sich doch vorgenommen, dieses Desaster, das durch ein Hochwasser ausgelöst worden war, zu dokumentieren. Als ein Trupp Zivilschützer sein Quartier nach vergessenen Personen absuchte, war es ein Einfaches, sich zu verstecken, denn diese Männer waren verängstigt, müde und nicht besonders eifrig. Daniel fotografierte, so viel er konnte. Obwohl es verboten war, sich in die Notfallzone eins zu begeben, radelte er eines Nachts nach Oberruntigen und knipste frühmorgens das verwüstete Gelände des Kernkraftwerks vom anderen Ufer aus. Einige Personen in weissen Ganzkörper-Schutzanzügen stapften dort drüben herum, und für einen Laien war völlig unklar, was sie taten. Dann nahm er von Wickacker aus einen Augenschein der Trümmer von Staumauer und Maschinenhaus, die in der Aare lagen. Sie führte jetzt endlich weniger Wasser, und die umspülten Betonblöcke, riesigen Rohrstücke und Maschinenteile ergaben ein Bild, das grotesk wirkte, tatsächlich aber unvorstellbar schrecklich war. Im steilen Waldgelände oberhalb des ehemaligen Wasserkraftwerks konnte er unbemerkt fotografieren. Auf dem Rückweg, den er so weit möglich durch den Wald nahm, sah er kaum Menschen, und glücklicherweise interessierte sich niemand für ihn. Die Häuser zwischen Talmatt und Kappelenring am ehemaligen See unten waren von der Flutwelle zerstört worden, aber dank der frühzeitigen Evakuation, vor dem Dammbruch, gab es hier keine Opfer zu beklagen. Daniel dokumentierte auch diesen Ort der Verwüstung. Die Kappelenbrücke war unpassierbar, so dass er zur Halenbrücke radelte, auf der er vor wenigen Tagen Zeuge der Katastrophe geworden war. Wieder stand er nachdenklich am Geländer, aber als unerwartet heftiger Regen aufkam, strampelte er durch den Bremgartenwald hinauf ins Länggassquartier und zu seiner Wohnung.

Dieser Regen bedeutete das endgültige Verdikt für Bern und die Rettung für die Gebiete östlich davon. In der Kraftwerksruine war nochmals viel Strahlung ausgetreten; gleichzeitig strich eine heftige Niederschlagszone vom Jura her über das Seeland, erreichte Mühleberg, zog weiter Richtung Bern und kam dort zum Stillstand. Sie brachte massiven radioaktiven Fallout mit sich. Vorher hatten die Behörden noch gehofft, dass die Stadt nach einer gründlichen Dekontamination wieder bewohnbar würde – wobei eigentlich niemand eine Ahnung hatte, wie man denn so eine Dekontamination praktisch durchführen könnte. Manche Fachleute hofften weiterhin, aber die Pessimisten behielten Recht: Wie sich später herausstellte, war Bern verstrahlt, auf Generationen hinaus. Alle Verkehrswege blieben unpassierbar, Münster und Bundeshaus würden zerfallen, die unersetzlichen, weltbedeutenden Schätze im Historischen Museum und in den Kunstmuseen ebenso. Dagegen blieben praktisch alle Gebiete ausserhalb der Zone zwei vom Fallout verschont.

Es war bekannt, dass sich in Bern noch zahlreiche Leute aufhielten, so wie Daniel. Vielleicht zehntausend Personen. Man organisierte sich, holte Lebensmittel in Worb oder Schönbühl, die Stromversorgung funktionierte noch, und das Trinkwasser war nicht verseucht. Nun wurde über die Medien dringendst dazu aufgerufen, die Stadt zu verlassen. Daniel dokumentierte, so viel er konnte, sprach mit allen, die er zufällig auf der Strasse traf und fragte sie nach ihren Beweggründen. Er knipste verlassene Wohnungen, herumstreunende Hunde, aufgebrochene Supermärkte, das leere Inselspital. Nach einer Woche reiste er mit seinem Auto zu den Freunden im Elsass. Dort arbeitete er hektisch an der Aufarbeitung des gesammelten Materials. Er schrieb seine Erlebnisse, Beobachtungen und Vermutungen detailliert nieder und plante, sie zusammen mit den Fotos als Buch zu veröffentlichen. Es gelang ihm nicht mehr. Nach einigen Monaten, im Januar des nächsten Jahres, wurde er krank. Er vermutete eine heftige Grippe, aber es war Leukämie. Offenbar eine Folge seines Ausflugs nach Mühleberg und seines viel zu langen Aufenthalts im radioaktiv kontaminierten Bern. Im April, elf Monate nach der Reaktorkatastrophe, starb er in Strassburg. Daniel Rüegsegger, Historiker, Forschungsgebiet Historische Hochwasser, dreiundfünfzig Jahre alt, Opfer eines Jahrtausendhochwassers und eines Schrottreaktors.

Vorgewarnt

Die St. Galler Stadtpräsidentin Gisela Löpfe erwachte bereits um halb sechs Uhr aus ihren Alpträumen. Ein Blick auf ihr Tablet liess sie erstarren: In Mühleberg hatte sich eine Explosion ereignet, Radioaktivität war ausgetreten. Konnte das möglich sein? Alle Behörden hatten seit jeher und auch neulich anlässlich der letzten Revision bestätigt, das Kernkraftwerk sei siiiicher. Ja, da waren ein paar Risse im Kernmantel, auch schon fast seit jeher, die hatte man aber irgendwie repariert. Einige ewige Pessimisten wiesen ebenfalls seit jeher darauf hin, dass die Notkühlung bei einem Hochwasser ausfallen könnte. Hatten sie jetzt Recht bekommen? Das war schlimmer als alles, was Gisela geträumt hatte. Ihr nächster Blick auf das Tablet galt der Wetterlage: schwacher Westwind. Jetzt kamen ihr diese hundertsiebzig Kilometer, die Entfernung zwischen Mühleberg und St. Gallen, noch viel kürzer vor als am Vorabend. Sie schrie auf, weckte ihren Mann, der noch wie ein Murmeltier schlief, und erklärte ihm, was passiert war und was dies für die Stadt bedeuten könnte. Tim Löpfe war ein ruhiger Typ; er meinte, man müsse doch vorerst auf genauere Informationen warten und es sei noch keine Suppe so heiss gegessen worden wie gekocht. Insgeheim war er froh, dass er sich nicht um das Stadtwohl kümmern musste, sondern seiner Arbeit als Anästhesiepfleger in der Klinik Stephanshorn nachgehen konnte.

Gisela tippte verstört auf ihrem Tablet herum, suchte und fand weitere Details zu den Ereignissen der letzten Nacht, doch sie waren widersprüchlich. Sie liess das Gerät fallen, stürzte ins Bad, verwechselte Shampoo und Body Lotion, war mit ihrer Frisur unzufrieden und versuchte, sich trotzdem adrett zu präsentieren. Der Spiegel zeigte ihr das Gesicht einer mittelalterlichen Frau, die ihre Angst nicht wegschminken konnte. Sie war eine Person, die ausgiebig frühstücken musste, aber heute schmeckten ihr die Brötchen, welche Tim bereits besorgt hatte, und die selbstgemachte Beerenkonfitüre nicht. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit nahm sie nicht den Bus, stattdessen marschierte sie die knapp drei Kilometer bis zum Rathaus. Die Krisensitzung, die sie gestern Abend anberaumt hatte, würde um neun Uhr beginnen, und sie musste sich vorher irgendwie austoben. Am liebsten hätte sie bei den Street-Workout-Geräten vor dem Volksbad eine Reckstange gepackt, sich hängen lassen und mit den Beinen gestrampelt. Natürlich traute sie sich nicht, und umso wilder marschierte sie weiter – als ihr plötzlich klar wurde, dass sie, entsprechend der Längsausrichtung der Stadt, nach Südwesten wanderte, gegen Mühleberg zu. Doch inzwischen hatte sie das Rathaus erreicht. Sie stürmte in ihr Büro, ohne jemanden zu grüssen, was sie sonst immer mit natürlicher Freundlichkeit tat. Dort las sie die neusten Meldungen über die Reaktorkatastrophe, wühlte ziellos in den Papierbergen auf ihrem Schreibtisch, wollte einen Bericht zur demographischen Entwicklung der Stadt lesen, konnte sich nicht konzentrieren, trank einen Kaffee und einen zweiten. Sie rief im Computer wieder die Bilder aus Mühleberg auf, worauf jetzt die Helikopter zu sehen waren, welche Wasser in das Reaktorgebäude leerten. Es sah aus, als ob man mit gefüllten Fingerhüten einen überhitzten Kochtopf kühlen wollte. Dann ging sie ins Sitzungszimmer.

Kollege Yann Niederhauser sass bereits da und starrte in seinen Laptop, wo ebenfalls die Helikopter kreisten. Kollegin Uschi Neff von der Direktion Soziales und Sicherheit steckte den Kopf in den Raum und sagte, sie habe eine Besprechung wegen der geplanten Asylunterkunft in Winkeln, die sie nicht absagen könne. Löpfe fuhr wütend hoch, was ein so starkes Signal war, dass Neff ohne weiteren Protest an ihren Platz schlich. Kollege Niklaus Wuillemin tauchte auf, fahrig und gestresst. Kollege Franz Amberg tauchte nicht auf. Yolanda Schubiger und Gallus Riedwyl von der Kantonsregierung stolperten ins Sitzungszimmer und sagten, die übrigen fünf Regierungsräte hätten keine Zeit. Als auch Stadtschreiberin Diana Steingruber eingetroffen war, mochte Löpfe nicht länger auf Amberg warten. Sie musste ihre Nervosität überspielen, indem sie die Diskussion eröffnete.

«In Mühleberg ist das Kernkraftwerk explodiert», sagte sie ohne einleitenden Small Talk. «Uschi, was müssen wir tun?» – «Soviel ich weiss, war es dort nur nötig, die Zone eins zu evakuieren, etwa dreieinhalbtausend Personen. Für uns besteht überhaupt keine Gefahr.» – «Aber was müssten wir tun, wenn sich die Situation verschlimmern sollte?» Stadträtin Neff war erst seit Kurzem im Amt und hatte sich noch nie so etwas überlegt. Sie konnte sich auch nicht erinnern, dass jemals ein Chefbeamter dieses Thema erwähnt hätte. «Ich weiss nicht, ist das nicht Bundessache?» Wuillemin warf ein, das sei bestimmt Bundessache, er als Planungs- und Baudirektor müsse jedenfalls diesbezüglich keine Anordnungen treffen. Stadtschreiberin Steingruber meldete Zweifel an, auch wenn sie Wuillemin nicht direkt widersprach. Niederhauser sagte nichts, hatte den Kopf gesenkt und malte Wolken und Sterne auf seinen Notizblock. Das war eigenartig, wie er sich selber eingestehen musste, denn als Direktor der Technischen Betriebe skizzierte er in Besprechungen manchmal Rohrleitungen und Bohrlöcher, Dinge in der Erde, aber niemals Dinge am Himmel. Löpfe fragte die beiden Regierungsräte nach ihrer Meinung. «Ich denke tatsächlich, dass der Bundesrat oder das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat etwaige Massnahmen wie ein Verbot, sich im Freien aufzuhalten, oder gar Evakuierungen anordnen müsste», brummelte Riedwyl, der Gesundheitsdirektor; es klang eher wie ein Selbstgespräch und daher nicht besonders überzeugend. Die Kantonsregierung musste sich dringend um die Hochwasserschäden im Rheintal und St. Galler Oberland kümmern, da hatte sie für eine Reaktorkatastrophe keine freie Kapazität. Schubiger gab freimütig zu, dass sie keine Ahnung habe, aber als Finanzdirektorin auch keine Ahnung haben müsse. Im Übrigen sei sie dagegen, die Bevölkerung durch irgendwelche Verlautbarungen zu verunsichern. Stadtpräsidentin Löpfe konsultierte die Newsticker auf ihrem Laptop. Die Lage in Mühleberg schien unverändert zu sein. Weil auch sie nicht wusste, was man tun sollte und weil die Argumente von Regierungsrätin Schubiger etwas Überzeugendes hatten, wie auch Schubiger persönlich immer überzeugend wirkte, schloss sie die Sitzung. Es war erst halb zehn vormittags, aber sie war erschöpft und fühlte sich als Versagerin.

In Gottlieb Wegelins Alterswohnung lief der Fernseher die ganze Nacht über. Er wollte nichts verpassen und hatte vor, die Ereignisse vom Bett aus zu verfolgen, ganz entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten. Aber der Tag war traumatisierend gewesen, und die Müdigkeit übermannte ihn rasch. So verpasste er die Meldung kurz vor zwei Uhr nachts, dass sich im Kernkraftwerk Mühleberg eine Explosion ereignet habe. Es war eigentlich nicht notwendig, sie in Echtzeit mitzubekommen, weil niemand etwas Genaueres wusste. Die Situation war ähnlich wie beim Seftau-Damm: Fachleute sollten den Fernsehreportern Auskunft geben, dabei konnten sie nichts anderes, als blosse Vermutungen anstellen. Einige stellten ihre Mutmassungen als Expertise dar, andere wollten sich nicht konkret äussern, und die dritten prophezeiten das Schlimmste. Wer diese Nacht wirklich wach vor dem Fernseher verbrachte, wurde Zeuge eines sich fortwährend drehenden Karussells halbstündlich wiederholter Meinungen mit einem zumindest stark beschädigten Reaktor im Zentrum. Vielleicht drohte sogar ein GAU, und der Reaktor würde in nuklearer Glut schmelzen.

Als Gottlieb erwachte, war es bereits Viertel vor sieben. Auch er hatte wirr geträumt und musste sich zuerst orientieren. Sein Blick fiel auf das Fenster, dann merkte er, dass der Fernseher noch eingeschaltet war und dass jemand etwas von einer Explosion sagte. Es war ein aufgeregter Reporter, der die Ereignisse der Nacht zusammenfasste. Dann zoomte die Kamera auf das Gelände des Kernkraftwerks, das nach wie vor überschwemmt war. Schaute man genau hin, so erkannte man, dass einige Betontrümmer herumlagen und das Dach des Reaktorgebäudes beschädigt war. Aber viel gab es nicht zu sehen, zudem nichts Deutliches, weil die Kamerateams vom Geschehen offenbar ziemlich weit entfernt waren. Gottlieb sortierte seine Knochen, die morgens oft schmerzten, und stand auf.

Am Frühstückstisch beteiligten sich die Stillen auch heute nicht an den Gesprächen. Für einmal war Gottlieb nicht der Bestinformierte, was aber belanglos war. Auch wer schon seit fünf Uhr Morgens die Neuigkeiten verfolgt hatte, konnte bloss berichten, dass es in Mühleberg eine Explosion gegeben habe, dass man über das Ausmass des Unglücks noch nicht viel wisse und erst recht nichts über die möglichen Folgen. «Ische e Catastrofe», sagte Pensionärin Rosanna Salarori kopfschüttelnd. Hans Bollhalder, der verhinderte Spanien-Auswanderer, fragte sich im Stillen, ob er zusammen mit Rosanna in südliche Gefilde abhauen sollte. Schnell verscheuchte er dieses Hirngespinst, denn sie war noch weniger fit als er, also würde er doch in diesem Kaff verrecken. Seit letzter Nacht bestand sogar die Möglichkeit des Todes durch radioaktive Strahlung. Was eigentlich nicht schlimmer war als alle anderen Möglichkeiten. Julia Kehl freute sich an diesem Morgen vor allem über den herrlichen Sonnenschein, der ihre Lebensgeister anfeuerte. Sie war während ihres langen Lebens vielleicht dreimal in Bern gewesen, und heute Morgen sah sie auf der kleinen Karte, die im Skandalblatt abgedruckt war, dass Mühleberg noch weiter entfernt war als diese Stadt. «Das kann uns doch nichts anhaben», meinte sie, «das ist so weit weg. Das Hochwasser ist jetzt vorbei, uns geht es gut, und das wird auch so bleiben.»

Rosanna blieb heute länger als üblich im Restaurant unten sitzen und sinnierte über die Catastrofe. Etwas überrascht stellte sie fest, dass diese nicht an allen Tischen das grosse Thema war; manche sprachen wie immer über das Wetter oder ihre Enkelkinder. Erst nach zehn Uhr trippelte sie in den Lift und wählte die dritte Etage. Gemächlich fuhr sie zusammen mit einer rumänischen Reinigungsangestellten nach oben, als die Kabine stecken blieb. Die beiden Frauen schauten sich an. Rosanna hätte am liebsten lautstark reklamiert, nun aber nahm sie zum ersten Mal wahr, wie die Putzfrau hiess: Sie trug ein Namensschild «Elena Niculescu». Elena war die Ruhe selbst und nickte Rosanna freundlich zu, dann drückte sie auf die Notruf-Taste und sprach ins Mikrophon. Rasche Hilfe wurde versprochen, was aber zu grosse Hoffnungen weckte, denn diese Hilfe nahte erst nach einer Dreiviertelstunde. Zufälligerweise waren heute gleich beide Mitarbeiter der Altersresidenz, die Liftevakuationen durchführen konnten, nicht anwesend, und man musste auf externe Hilfe warten. Es war gegen elf Uhr, als Aufzugsmonteur Milos Bekcic am Spisertor eintraf – die automatische Eingangstüre funktionierte nicht, und eine Mitarbeiterin öffnete ihm eine Nebentüre. Bekcic hatte bereits in vier anderen Gebäuden Personen aus steckengebliebenen Liften befreit. Nun stieg er energisch die sieben Stockwerke ins Dachgeschoss hinauf und knipste seine Stirnlampe an. Er schloss die Türe zum Serviceraum auf, schaltete den Hauptschalter aus, trat an die Maschine, entfernte den Wellenschutz und steckte das Handrad auf die Welle, kippte den Bremslüfthebel und drehte am Rad. Dadurch senkte sich die Liftkabine langsam zur nächstgelegenen Etage, deren Halteposition Bekcic an Markierungen auf den Drahtseilen erkannte. Er rannte treppab, öffnete die Lifttüre mit einem Spezialschlüssel und befreite Rosanna und Elena. Die Putzfrau hatte all ihren Charme aufwenden müssen, um die temperamentvolle Pensionärin zu beruhigen. Nun fiel Rosanna dem Monteur vor Begeisterung um den Hals: «Grazie infinite!» Dieser, ein jovialer Mann, lachte und tätschelte ihr die Wange, aber für einen Schwatz fehlte die Zeit. Er musste sich noch um einige weitere Aufzüge mit eingeschlossenen Personen im Gebäudekomplex kümmern und eilte fort. Rosanna stellte fest, dass sie sich nicht auf dem richtigen Stockwerk befand und wandte sich seufzend zur Treppe. Elena erkannte ihr Problem, nahm sie beim Arm und führte sie umsichtig auf die obere Etage und in ihre Wohnung. Rosanna sank in ihren bequemen Sessel am Fenster mit Panoramasicht auf den Spisertor-Platz mit dem Kreisel, den Gleisen der Trogenerbahn und den vielen Fussgängerstreifen. Es war ungewöhnlich ruhig dort unten. Es fuhren weniger Autos herum als sonst, und es tauchte nie eine Bahnkomposition auf. Die Anzeige des Parkleitsystems war erloschen.

Stadtpräsidentin Gisela Löpfe war nach der Sitzung in ihr Büro zurückgekehrt, wo sie versuchte, die aktuellen Tageszeitungen durchzublättern. Alle zeigten in grossen Luftaufnahmen, wie die Flut aus dem Wohlensee das Kernkraftwerk erreichte und überschwemmte. Des Weiteren gab es ein nichtssagendes Interview mit dessen Leiterin Claudine Rochat zu lesen. Doch die Explosionskatastrophe hatte sich erst nach Redaktionsschluss der Blätter ereignet und war deshalb nicht dokumentiert. Allerdings konnte sich Gisela jetzt auf gar nichts mehr konzentrieren. Sie schob die Zeitungen beiseite, so dass sie auf den Boden fielen, und ging hinunter in die Apotheke neben dem Rathaus. Sie hatte keine Ahnung, welches Präparat sie beruhigen könnte: ein Tee, ein Duftöl, ein pflanzliches Medikament? Kaum hatte sie begonnen, ihr Problem der Pharmaassistentin zu schildern, fiel das Licht aus. Die Kasse gab einen letzten Pieps von sich und versagte den Dienst, so dass ein Kunde nicht bezahlen konnte und mit seinen Blutdruck-Tabletten, Augentropfen und einer Zahnpasta in der Hand ratlos dastand. Einer Kundin entfuhr der gequälte Ausruf «Da gits doch nöd!», als sie gewahrte, dass die automatische Eingangstüre jeglichen Automatismus verloren hatte und sich keinen Millimeter mehr bewegte. Die Inhaberin der Apotheke, die goldbebrillte Frau Dr. Angelika Rottmann, tauchte aus dem düsteren Hintergrund auf und versuchte, Gelassenheit zu verbreiten, aber nach wenigen Minuten gab sie es auf, öffnete die Glastüre mit einem Werkzeug und entliess die Kundschaft. Der Blutdruck-Mann musste nicht bezahlen, und Gisela stakste mit leeren Händen zurück zum Rathaus. Auch dort liess sich die Eingangstüre durch die Passanten nicht beeindrucken, so dass ihr ein Mitarbeiter des Empfangs öffnen musste. Verstört wandte sie sich zur Treppe und schlurfte die Stufen hoch. Vor zwei Stunden war sie noch hinaufgerannt, jetzt hatte sie nicht die geringste Eile. Was sollte sie tun?

Sämtliche Computer streikten. Das Smartphone streikte; entweder waren die Antennen ausgefallen oder das Netz war völlig überlastet. Im Rathaus war vor einiger Zeit auf digitale Telefonie umgestellt worden, und ohne Computer funktionierte nichts. Gisela hatte im Büro kein batteriebetriebenes Radio, und sie mochte nicht suchen gehen, ob irgendwo eines zu finden wäre und ob es funktionieren würde. Sie schaute auf den Bahnhofplatz hinunter, konnte sich aber später nicht erinnern, was da zu sehen gewesen war. Jedenfalls verharrten die Uhren am Postturm auf zehn Uhr vier. Die Stille im Büro und draussen war beängstigend. Gisela warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Gleich war es elf, aber von den Kirchen waren weder Stundenschläge noch Geläute zu hören. Sankt Mangen, Sankt Laurenzen und der Dom blieben stumm wie alle anderen Kirchen der Stadt. Das Elf-Uhr-Läuten war für die meisten Einwohner so selbstverständlich, dass sie es üblicherweise kaum wahrnahmen. Jetzt fehlte es plötzlich.

Der Stromausfall dauerte fast zwei Stunden lang, nämlich bis kurz vor Mittag, und betraf praktisch das ganze Stadtgebiet vom Neudorf bis zur Sitter. Tausendfacher Ärger und Stress waren die Folge, von einigen Verkehrsunfällen mit Blechschaden, Computerabstürzen und mehr als nur gereizter Stimmung in den schummrig beleuchteten Einkaufszentren ganz zu schweigen. Aber einige Menschen wurden mit einem unerwarteten Moment von Spass oder Glück beschenkt:

Ein kleiner Bub, der mit seinem Grossvater durch die Steinachstrasse spazierte, staunte ob all der Trolleybusse, die mit ihrem Reserve-Dieselantrieb langsam und röhrend ins Depot fuhren und schaute ihnen verzückt nach.

Ein junger Mann, der an einem Tischchen vor seinem Lieblingscafé einen Espresso geniessen wollte, wurde belehrt, dass zur Zeit keine einzige Kaffeemaschine funktioniere. Stattdessen erhielt er ein strahlendes Lächeln von der Serviererin. Erst jetzt fiel ihm auf, wie hübsch diese Frau war, und er nahm sich vor, sie gelegentlich zum Essen einzuladen.

Eine Bäuerin auf dem Marktplatz schätzte sich glücklich, dass sie bereits vor dem Mittag alle ihre Karotten, Rispentomaten, Broccoli und Frühkartoffeln verkauft hatte, dazu das Holzofenbrot, die Konfitüren und die eingelegten Tomaten. Sonst wurde es immer zwei Uhr nachmittags oder noch später, bis die Ware weg war. Manche Kundinnen erzählten ihr etwas von: «Im Coop geht nichts mehr, zum Glück gibt es den Markt.»

Wer gerade zitternd im Wartezimmer eines Zahnarztes auf die Behandlung wartete, wurde nach einiger Zeit nach Hause geschickt. Dumm war nur, dass fast überall die Terminbücher von Hand geführt wurden, so dass man mit einem kleinen Kärtchen in der Hand durch ein düsteres Treppenhaus auf die Strasse hinunter stolperte und bereits dem Ersatztermin entgegenzitterte.

Nach einer Ewigkeit, wie es den meisten schien, war der Spuk vorbei. Im Spisertor fanden sich nach und nach die Bewohner zum Mittagessen ein. Küchenchef Rolf Beer entschuldigte sich persönlich an jedem Tisch: «Wir haben belegte Brote und Salat vorbereitet, und weil wir seit einer halben Stunde wieder Strom haben, können wir Ihnen auch eine Suppe offerieren. Mehr war leider nicht möglich!» Die am Morgen vorbereiteten Kartoffelgratins musste Beer seufzend in den Bio-Abfall werfen. Immerhin wurde daraus neuerdings Kompogas produziert. Wie stets reklamierten einige Gäste und mochten die Improvisationskunst der Küchenmannschaft nicht würdigen. Andere dankten und hofften, dass so etwas nie wieder geschehe. Wer sich nach dem Essen noch einen Kaffee gönnte, hatte den unerwarteten Eindruck, der Gaumen werde auf so liebliche Weise gekitzelt wie schon lange nicht mehr.

Im Rathaus konnte Gisela Löpfe den Computer wieder hochfahren. Es dauerte ein bisschen, bis das Netz funktionierte, aber eigentlich hätte sie lieber nicht gesehen, was es an Neuigkeiten aus Mühleberg zu berichten gab. Die Strahlenwerte stiegen. Die Experten vor den Kameras sagten in gewundenen Sätzen nicht viel mehr, als dass man nicht wisse, was im Reaktor zurzeit geschehe. Die Kommentare waren etwa so viel wert wie Zinngiessen und Kaffeesatzlesen. Gisela holte sich am Bahnhofgrill eine Bratwurst, kehrte in ihr Büro zurück und konnte trotz der fehlenden echten Informationen den Blick nicht vom Bildschirm lösen. Sie hatte das Gefühl, dass die Ratlosigkeit, mit der sie am Vormittag die Sitzung beendet hatte, zu einem Monster anwuchs, das sich in ihr Gehirn setzte und dort alle rationalen Gedanken auffrass.

Tim Löpfe hatte vom Stromausfall nichts bemerkt. In der Klinik Stephanshorn war er zu einer Schlüsselloch-Operation der Gallenblase eingeteilt worden. Es trat eine unerwartete Komplikation auf, deshalb dauerte der Eingriff länger als geplant. Bei der Patientin lag eine kleine Arterie anders als normal, es kam zu einer Blutung, und das Gefäss musste genäht werden. Die beiden Chirurgen arbeiteten hochkonzentriert. Jede Person des Teams gab ihr Bestes, und es wurde nur das nötigste gesprochen. Irgendwann schien es Tim, als würden die Anzeigen auf den verschiedenen Monitoren einen Augenblick lang verschwinden, aber das Ereignis war so kurz, dass er es gleich wieder vergass. Die Notstromaggregate waren zuverlässig angesprungen, schnurrten im Untergeschoss wie friedliche Stubenkatzen und lieferten den Operationssälen, der Intensivstation, der Neonatologie und der ganzen kritischen Infrastruktur die benötigte Energie. Dank dem Können und der Professionalität aller Beteiligten führte die Operation zu einem vollen Erfolg. Tim erfuhr erst während der Rückkehr in sein Büro vom Stromausfall, der glücklicherweise vorbei, aber auf den Korridoren das dominierende Gesprächsthema war. Auch die Küche war mit Notstrom versorgt worden, so dass im Restaurant das ganze Verpflegungsangebot erhältlich war. Tim gönnte sich eine dicke, goldene Omelette mit Zwiebeln, Kapern und viel Tomatensauce.

An der Universität auf dem Rosenberg oben stand das Ende des Frühjahrssemesters bevor. Professorinnen und Professoren bemühten sich, die letzte Vorlesungsstunde ihres jeweiligen Kurses als zusammenfassenden Höhepunkt zu gestalten, was nicht allen gleich gut gelang. Als während der Zehn-Uhr-Pause der Strom ausfiel, merkten das nicht alle Studierenden sofort, weil sich viele nach draussen begeben hatten, um die lange vermisste Sonne zu geniessen. Wer aber eine Toilette aufgesucht hatte, tappte in der Dunkelheit, je nach Temperament fluchend oder verängstigt, nach dem Ausgang. Gegen zehn Uhr fünfzehn trollte man sich durch Korridore und Treppen wieder den Hörsälen zu, doch dieses Mal erschienen die vertrauten Wege wie düstere Pfade durch ein Betonlabyrinth, das von Notlampen spärlich beleuchtet war. In den Unterrichtsräumen mit Fenstern bemühten sich manche Dozenten mit aller rhetorischen Kraft, die wichtigsten Punkte der zu Ende gehenden Vorlesung in Erinnerung zu rufen und plastisch darzustellen. Das war eine Herausforderung, die nur wenigen wirklich gelang, denn für ein Mal konnten keine Computer, Beamer oder Tageslichtprojektoren benützt werden. Einige Könner alter Schule besannen sich auf frühere Zeiten und zeichneten ihre Grafiken mit bunten Kreiden und wahrem Feuereifer auf die Wandtafel. Wer nicht zu den Könnern gehörte – und zu jung für viel Wandtafelerfahrung war – brabbelte vor sich hin oder liess die Stunde ausfallen. In den Räumen ohne Tageslicht verzichtete man ohnehin auf die Vorlesungen.

Luca Bänninger sass in der Makroökonomie-Vorlesung eines Brabblers. Bald einmal schweiften seine Gedanken ab. In Mühleberg war also letzte Nacht das Kernkraftwerk explodiert. Und jetzt war die Universität von einem Stromausfall heimgesucht worden, vielleicht war die ganze Stadt oder ein noch grösseres Gebiet betroffen. Sein Smartphone gab ihm darüber keine Auskunft wie auch nicht über andere Probleme, denn das Netz schien zu streiken. Selber denken blieb die einzige Option, und Luca dachte über seine private Mikroökonomie nach. Wie lange würde der Stromausfall dauern? Würde der Mühleberg-Unfall Konsequenzen für St. Gallen haben? Was musste er tun, um in einem möglichen Strudel bedrohlicher Ereignisse nicht unterzugehen? Alle Szenarien, die ihm in den Sinn kamen, benötigten Geld, und davon besass er nicht allzu viel. Im Übrigen ging es bei der Mikroökonomie nicht nur um ihn alleine, sondern zumindest um die vierköpfige Wohngemeinschaft, in der er lebte. Tatjana Gordejewa studierte an der Uni Internationale Beziehungen, und sie stammte aus einer neureichen Familie. Sie verbrachte viel Zeit mit Shoppen und schleppte beinahe wöchentlich neue Schuhe oder Designer-Handtaschen in die Wohnung. Luca hatte seinen Plan noch vor der Elf-Uhr-Pause fertig: Er musste sich mit Tatjana verbünden und sie erst einmal auf dem Campus finden. Es war ungewohnt, nach einer Person Ausschau zu halten, ohne das Smartphone benützen zu können. Aber Tati stand wie oft vor dem Hauptgebäude bei Hans Arps Schalenbaum, der ihr ausnehmend gut gefiel. Luca war ziemlich aufgedreht und kam direkt zur Sache.

«Hallo Tati, vergiss die Vorlesungen, wir haben jetzt Wichtigeres zu tun! Hast du die Kreditkarte dabei? Komm, wir müssen einkaufen gehen.» Sie hatte tatsächlich keine Lust, weiterhin einer Wandtafel-Vorlesung zu folgen, und trottete neben Luca durch Dufour- und Splügenstrasse zum Migros-Markt St. Fiden. Unterwegs legte er ihr seine Sicht der Dinge und denkbaren Katastrophen dar. Tati fand alles in höchstem Mass nachvollziehbar und schätzte sich glücklich, dass sie in der gleichen Wohngemeinschaft wie dieser so weitsichtige Kumpel lebte. Unten angekommen, stellten die beiden fest, dass auch der Supermarkt vom Stromausfall betroffen war; vor dem geschlossenen Eingang standen einige Security-Typen und hielten die Neugierigen auf Distanz. Luca und Tati wandten sich zu einem Kiosk, wo man einkaufen konnte, obwohl weder Kasse noch Licht funktionierten. Die Verkäuferin reichte ihnen bereitwillig zwei Energy-Wings-Büchsen und meinte bloss, das seien so ungefähr die letzten, die sie noch am Lager habe, denn die Firma im Rheintal könne wegen der Hochwasserschäden zurzeit nicht produzieren. Tati wies auf eine Bank, auf der sie sich niederliessen und eine Einkaufsliste zu schreiben begannen.

Kurz vor zwölf erwachte die Stadt aus der ungewohnten Stille. Offenbar gab es wieder Strom. Die Sicherheitsmänner lümmelten vor der Migros noch eine Weile lang herum, dann durften die Kaufwilligen den Konsumtempel betreten. Luca und Tati schnappten sich beide einen grossen Einkaufswagen und rafften zusammen, was sie notiert hatten:

30 Liter Wasser ohne Kohlensäure und ein paar Sixpack Bier.

Teigwaren in allen Varianten, Glasnudeln, Kartoffelstock, Rösti, Mais, Hirse, Reis – ebenfalls in allen Varianten – und Linsen.

Stapelweise Konserven: Spargeln, Erbsen-Karotten, Bohnen, Ravioli, was immer sie fanden, auch Fleisch in Büchsen.

Salz, Öl, Fett, Bratbutter, Saucen und Suppen, Trockenfleisch und Landjäger.

Eingelegte Heringe, Essiggurken, Ketchup, Mayonnaise, Dip-Saucen.

60 Eier, denn «damit kann man alle möglichen Gerichte zubereiten», meinte Tati.

Knäckebrot und Zwieback.

Mehl, Zucker, Milchpulver, Frühstücksgetränkepulver, Kaffee, Müsli, Konfitüre, Schachtelkäse, Parmesan.

Energieriegel, Biscuits, Biberli, Schokolade, Mini-Marzipan-Gemüse.

An der Kasse zückte Tati ihre Karte, dann ruckelten sie mit den vollen Wagen durch Strassen und Gässchen bis zu ihrer Wohnung an der Engelgasse. Nachmittags folgte eine Expedition in ein Fachgeschäft für Outdoor-Artikel, wo sie einen grossen Campingkocher, zahlreiche Gaskartuschen, Zündhölzer, Batterien, Dynamo-Taschenlampen und ein Dynamo-Radio erstanden. Dabei kamen sie in der Vadianstrasse an einem Plakat vorbei: Lebensqualität ist, dass ich mir einen Tag ohne Strom gar nicht vorstellen kann. Anschliessend überprüfte Luca den Grill, der auf dem Dachgarten stand, und nahm sich vor, am nächsten Tag Holzkohle und Anzündwürfel zu kaufen.

Gisela Löpfe hatte die Bratwurst mit einer grossen Tasse Tee hinuntergespült. Sie surfte durch alle möglichen amtlichen Webseiten, aber ausser der knappen Mitteilung, dass in Mühleberg die Zone eins noch in der vergangenen Nacht evakuiert worden sei, fand sie dort kaum Informationen zur Reaktorkatastrophe. Zudem hatte diese Mitteilung auf den verschiedenen Informationskanälen, inbegriffen die Webseiten der Printmedien, nahezu den gleichen Wortlaut. Die einzige handfeste, aber sehr beunruhigende Information betraf die im Lauf des Nachmittags steigenden Strahlungswerte rund um das Kernkraftwerk. Aus Bundesbern war nichts anderes zu erfahren, als dass der Bundesrat am frühen Abend zu einer Sondersitzung zusammentreten werde. Eigentlich wollte Gisela die Antwort studieren, die ein Mitarbeiter der Standortförderung auf eine jener nervigen Interpellationen aus dem Stadtparlament verfasst hatte: «Macht es Sinn, bei Vollbeschäftigung und angesichts der knappen städtischen Baulandreserven weiterhin neue Firmen anzulocken?» Aber keiner der Sätze des Textes schaffte es wirklich in ihr Hirn. Das Ratlosigkeitsmonster besetzte jede Synapse ihrer grauen Zellen. Schliesslich verschickte sie wie am Vortag wieder eine Einladung zu einer Sondersitzung an Stadt- und Kantonsregierung. Am kommenden Morgen um neun würde man über allfällige Entscheide des Bundesrats mehr wissen. Gisela machte sich viel früher als üblich auf den Heimweg, auch jetzt zu Fuss, denn heute hatte sie nicht die geringste Lust, im Bus von Passagieren angequatscht zu werden. Ihre Rechnung ging aber nicht auf: Vor ihrem Wohnblock wollte ein Nachbar wissen, was da in Bern vor sich gehe und was sie als Stadtpräsidentin zu tun gedenke. Eigentlich sagte ihre abwehrende Handbewegung schon alles, aber sie rang sich doch zu einem «Wir werden das morgen Vormittag besprechen» durch. Der Nachbar hatte sie noch nie so ratlos gesehen. Offenbar wusste sie kaum mehr als ein einfacher Bürger wie er.

Im Lauf des Abends wurde bekannt, dass sich der Bundesrat zu einer Sondersitzung getroffen, aber vorläufig keine Beschlüsse gefasst habe. Bundeskanzler Guy Pache verwies in allen Landessprachen auf die geplante Sitzung am nächsten Morgen. Mehr war nicht zu erfahren, obwohl die nach Informationen gierende Meute der Journalisten ihn mit Fragen überhäufte. In einer anderen Situation hätte Gisela am Fernsehschirm diese Meute mit Schmunzeln beobachtet, doch jetzt gierte sie selbst nach Neuigkeiten. Sie fragte sich, ob es bei der morgigen St. Galler Krisensitzung überhaupt etwas Konkretes zu beschliessen geben würde, und wenn ja – was.

Im Spisertor genoss Julia Kehl den Tag. Sie hatte am Vormittag seit Langem wieder einmal Patiencen gelegt, und erst als sie nachdenklich die ausgebreiteten Karten betrachtete, fiel ihr auf, dass es ungewöhnlich ruhig war, denn aus keinem Nebenzimmer war ein quäkendes Radio zu hören, und draussen kurvten weniger Autos als sonst um den Kreisel. Einmal fuhr ein weisser Lieferwagen der Firma Auffi Lifte vor und parkierte auf dem Trottoir. Doch die Sonne schien, das war die Hauptsache, und als Julias vierte Patience aufging, war sie vollkommen zufrieden. Beim Mittagessen erfuhr sie mit Verwunderung vom Stromausfall, liess sich aber Suppe und belegte Brote schmecken und kam mit Rosanna Salarori ins Gespräch. Das war etwas schwierig, denn Julia konnte nicht Italienisch und Rosanna nicht besonders gut Deutsch. Doch das Abenteuer mit dem steckengebliebenen Lift bot genug Stoff für eine aufregende Erzählung, «Die signora Niculescu war tanto cara, so lieb», und «Der signore vom ascensore molto forte», sprudelte es aus Rosanna.

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9783858302021
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