Читать книгу: «Archiv der verlorenen Kinder»
Zum Buch
Eine Familie aus New York bricht zu einer Reise auf. Das Ziel ist Apacheria, das Land, in dem einst die Apachen zu Hause waren. Gleichzeitig sind Tausende von Kindern aus Südamerika auf dem Weg in den Norden. Meisterhaft verknüpft Archiv der verlorenen Kinder Reise und Flucht zu einem vielschichtigen Roman voller Echos und Reflektionen.
Eine Mutter, ein Vater, ein Junge und ein Mädchen packen in New York ihre Sachen ins Auto und machen sich auf in die Gegend, die einst die Heimat der Apachen war. Sie fahren durch Wüsten und Berge, machen Halt an einem Diner, wenn sie Hunger haben, und übernachten, wenn es dunkel wird, in einem Motel. Das kleine Mädchen erzählt Witze und bringt alle zum Lachen, der Junge korrigiert jeden, der etwas Falsches sagt. Vater und Mutter sprechen kaum miteinander.
Zur gleichen Zeit machen sich Tausende von Kindern aus Zentralamerika und Mexiko nach Norden auf, zu ihren Eltern, die schon in den USA leben. Jedes hat einen Rucksack dabei mit einem Spielzeug und sauberer Unterwäsche. Die Kinder reisen mit einem Coyote: einem Mann, der ihnen Angst macht. Sie haben einen langen Marsch vor sich, für den sie sich Essen und Trinken einteilen müssen. Sie klettern auf Züge und in offene Frachtcontainer. Nicht alle kommen bis zur Grenze.
Mit literarischer Virtuosität verknüpft Valeria Luiselli Reise und Flucht zu einem vielschichtigen Roman voller Echos und Reflektionen, zu einer bewegenden und brandaktuellen Geschichte darüber, was Flucht und was Menschlichkeit bedeuten in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist.
»Fesselnd und immer überraschend – ein leidenschaftlich engagiertes Buch, eine wunderschöne, liebevolle Hommage an die Kinder, die wir behüten sollen.«
THE NEW YORKER
Über die Autorin
Valeria Luiselli, geb. 1983 in Mexiko City, schreibt für Magazine und Zeitungen wie Letras Libres und die New York Times. Sie hat bisher zwei Romane veröffentlicht, „Die Schwerelosen“ und „Die Geschichte meiner Zähne“, sowie die Essays „Falsche Papiere“. Ihre Bücher wurden in über 20 Sprachen übersetzt und mit Preisen ausgezeichnet. „Archiv der verlorenen Kinder“ ist der erste Roman, den sie in Englisch geschrieben hat. Sie lebt in New York.
VALERIA LUISELLI
Archiv der verlorenen Kinder
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Verlag Antje Kunstmann
Für Maia und Dylan
INHALT
TEIL I: FAMILIEN-SOUNDSCAPE
Umzüge
Schachtel I
Wege & Wurzeln
Schachtel II
Ohne Papiere
Schachtel III
Vermisst
Schachtel IV
Abschiebungen
TEIL II: WIEDERHOLUNG
Deportationen
Landkarten & Schachteln
Schachtel V
Kontinentale Wasserscheide
Verloren
TEIL III: APACHERIA
Staubtäler
Herz des Lichts
Echo Canyon
TEIL IV: ARCHIV DER VERLORENEN KINDER
Schachtel VI
Dokumentieren
Schachtel VII
TEIL I
UMZÜGE
Ein Archiv setzt einen Archivar voraus,
eine Hand, die sammelt und ordnet.
ARLETTE FARGE
Weggehen heißt ein wenig sterben.
Ankommen heißt nie ankommen.
MIGRANTENGEBET
ABFAHRT
Sie schlafen mit offenem Mund und dem Gesicht zur Sonne. Junge und Mädchen, mit Schweißperlen auf der Stirn und trockenem weißem Speichel auf den roten Wangen. Sie belagern den gesamten hinteren Raum des Wagens, alle viere von sich gestreckt, schwer und friedlich. Vom Beifahrersitz werfe ich hin und wieder einen Blick nach hinten, drehe mich dann wieder um und studiere die Karte. Im zähflüssigen Verkehr kriechen wir über die George Washington Bridge der Stadtgrenze entgegen und fädeln uns in die Interstate ein. Ein Flugzeug zieht über uns hinweg und hinterlässt eine gerade lange Narbe im Rachen des wolkenlosen Himmels. Mein Mann, der am Steuer sitzt, rückt seine Mütze zurecht und wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.
FAMILIENLEXIKON
Ich weiß nicht, was mein Mann und ich unseren Kindern später mal sagen werden. Ich bin mir nicht sicher, welche Teile unserer Geschichte wir für sie auswählen und bearbeiten, welche wir hin und her schieben und wieder einfügen, um eine endgültige Version zu erhalten – auch wenn das Auswählen, Umstellen und Bearbeiten von Tönen und Klängen vermutlich am besten zusammenfasst, womit mein Mann und ich unseren Lebensunterhalt verdienen. Aber die Kinder werden fragen, weil Kinder nun mal so sind. Und wir werden ihnen einen Anfang, eine Mitte und ein Ende erzählen müssen. Wir werden ihnen eine Antwort geben, eine richtige Geschichte erzählen müssen.
Der Junge wurde gestern zehn, einen Tag vor unserer Abreise aus New York. Wir kauften ihm schöne Geschenke. Er hatte ausdrücklich gesagt:
Kein Spielzeug.
Das Mädchen ist fünf und fragt seit Wochen unablässig:
Wann werde ich sechs?
Da sie keine unserer Antworten zufriedenstellt, sagen wir meistens etwas Schwammiges wie:
Bald.
In ein paar Monaten.
Schneller, als du denkst.
Das Mädchen ist meine Tochter, der Junge der Sohn meines Mannes. Ich bin die biologische Mutter des Mädchens, die Stiefmutter des Jungen und in der Praxis für beide die Mutter. Mein Mann ist Vater und Stiefvater für jeweils eines der beiden Kinder, aber auch einfach Vater. Folglich sind das Mädchen und der Junge: Stiefschwester, Sohn, Stieftochter, Tochter, Stiefbruder, Schwester, Stiefsohn, Bruder. Und weil Bindestriche und unwichtige Nuancen die Sätze der Alltagsgrammatik verkomplizieren – das wir, das sie, das unser, das euer –, entschieden wir uns, nachdem wir zusammenzogen, als der Junge fast sechs und das Mädchen noch ein Kleinkind war, für das viel schlichtere unsere, wenn wir über die beiden sprachen. Sie wurden: unsere Kinder. Und manchmal: der Junge, das Mädchen. Die beiden lernten rasch die Regeln unserer privaten Grammatik und gewöhnten sich die generischen Substantive Mama und Papa an, oder manchmal nur Ma und Pa. Und zumindest bis heute bestimmte unser Familienlexikon den Rahmen und die Grenzen unseres gemeinsamen Lebens.
FAMILIENPLOT
Mein Mann und ich lernten uns vor vier Jahren bei Tonaufnahmen für eine Soundscape von New York kennen. Wir gehörten zu einem großen Team von Leuten, die für das Center for Urban Science and Progress der New York University arbeiteten. Die Soundscape sollte sämtliche für die Stadt symbolischen Grundgeräusche und Hörmarken stichprobenartig erfassen und sammeln: quietschend zum Stehen kommende U-Bahn-Wagen, Musik in den langen unterirdischen Gängen der Forty-Second-Street, Prediger in Harlem, Glocken, Gerüchte und Gemunkel in der Wall Street. Doch auch alle anderen Geräusche und Klänge, die eine Stadt erzeugt und die meist gar nicht als Lärm wahrgenommen werden, sollten erhoben und eingeordnet werden: auf- und zuspringende Registrierkassen in Delis, ein Text, der in einem leeren Broadway-Theater einstudiert wird, Unterwasserströmungen im Hudson, Schwärme von Kanadagänsen, die auf den Van Cortlandt Park scheißen, schwingende Schaukeln auf Spielplätzen in Astoria, ältere Koreanerinnen, die wohlhabenden Frauen in der Upper West Side die Fingernägel feilen, ein in einem alten Mietshaus in der Bronx ausgebrochenes Feuer, ein Passant, der einen anderen mit Schimpfwörtern überschwemmt. In unserem Team waren Journalisten, Klangkünstler, Geografen, Stadtplaner, Schriftsteller, Historiker, Akustemologen, Anthropologen, Musiker und sogar Hydrografen, die mit komplizierten Geräten wie Mehrstrahl-Echoloten die Tiefe und Konturen von Flussbetten und wer weiß was sonst noch vermessen. Zu zweit oder in Gruppen wurden Wellenlängen in der ganzen Stadt erhoben und gesampelt, als dokumentierten wir die letzten Laute einer gewaltigen Bestie.
Wir zwei wurden zusammengespannt und damit beauftragt, sämtliche in der Stadt gesprochenen Sprachen über einen Zeitraum von vier Kalenderjahren aufzunehmen. Unsere Aufgabenbeschreibung lautete: »eine Erhebung der sprachlich mannigfaltigsten Metropole auf dem Planeten und die Aufzeichnung sämtlicher Sprachen, die ihre Erwachsenen und Kinder sprechen«. Wie sich herausstellte, machten wir unsere Sache gut, vielleicht sogar sehr gut. Wir waren ein perfektes Zweierteam. Nach wenigen Monaten Zusammenarbeit verliebten wir uns – total, unvernünftig, vorhersehbar und Hals über Kopf, wie sich vielleicht ein Stein in einen Vogel verlieben würde, ohne zu wissen, wer der Stein und wer der Vogel war – und im Sommer beschlossen wir, zusammenzuziehen.
Das Mädchen erinnert sich natürlich nicht an diese Zeit. Der Junge behauptet, er erinnere sich daran, dass ich immer eine alte blaue, bis zu den Knien reichende Strickjacke trug, an der ein paar Knöpfe fehlten, und dass ich sie manchmal, wenn wir mit der U-Bahn oder dem Bus fuhren – wo die Klimaanlage immer eiskalte Luft verströmte –, auszog und als Decke benutzte, um ihn und das Mädchen zu wärmen, und dass sie nach Tabak roch und kratzte. Unser Zusammenziehen war eine unbedachte Entscheidung – chaotisch, verwirrend, zwingend und so schön und wirklich, wie das Leben ist, wenn man nicht über die Folgen nachdenkt. Wir wurden ein Stamm. Dann kamen die Folgen. Wir lernten die Verwandten des jeweils anderen kennen, heirateten, gaben gemeinsame Steuererklärungen ab, wurden eine Familie.
BESTANDSAUFNAHME
Auf den Vordersitzen: er und ich. Im Handschuhfach: Versicherungsnachweis, Fahrzeugschein, Benutzerhandbuch und Straßenkarten. Auf der Rückbank: die beiden Kinder, ihre Rucksäcke, eine Taschentuchbox und eine blaue Kühltasche mit Wasserflaschen und begrenzt haltbaren Snacks. Und im Kofferraum: eine kleine Reisetasche mit meinem digitalen Sony PCM-D50 Audiorekorder, Kopfhörer, Kabel und Ersatzbatterien; eine große Porta-Brace-Tasche für seine Teleskopangel, Mikro, Kopfhörer, Kabel, Korb- und Fell-Windschutz, und den Sound Devices 702T. Außerdem: vier kleine Koffer mit unseren Kleidern und sieben Archivschachteln (40x30x25) mit verstärkten Böden und soliden Deckeln.
KOVALENZ
Trotz unserer Bemühungen, alles fest zusammenzuhalten, gab es, im Hinblick auf die eigene Position in der Familie, bei jedem eine gewisse Unsicherheit. Wir ähneln jenen komplizierten Molekülen, die man aus dem Chemieunterricht kennt, mit kovalenter statt ionischer Bindung – oder andersrum. Der Junge hatte seine leibliche Mutter bei der Geburt verloren, ein Thema, über das nie gesprochen wird. Mein Mann verkündete mir diese Tatsache gleich am Anfang unserer Beziehung in einem Satz, und ich begriff sofort, dass keine weiteren Fragen erwünscht waren. Und weil auch ich nicht gerne über den biologischen Vater des Mädchens spreche, haben wir beide uns immer an einen respektvollen Schweigepakt über diese Aspekte unserer Vergangenheit und der unserer Kinder gehalten.
Vielleicht wollten die Kinder deshalb immer Geschichten über sich und uns hören. Sie wollen alles darüber wissen, wann sie beide unsere Kinder und wir eine Familie wurden. Sie sind wie Anthropologen, die kosmogonische Narrative studieren, nur mit etwas mehr Narzissmus. Das Mädchen will ständig dieselben Geschichten hören. Der Junge fragt nach Momenten ihrer gemeinsamen Kindheit, als läge sie Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte zurück. Also erzählen wir ihnen. Wir erzählen ihnen sämtliche Geschichten, an die wir uns erinnern können. Und sobald wir einen Teil auslassen, eine Kleinigkeit verwechseln oder nur geringfügig von der ihnen bekannten Version abweichen, unterbrechen und verbessern sie uns und verlangen, dass die Geschichte noch einmal erzählt wird, und diesmal richtig. Dann spulen wir das Band in unseren Köpfen zurück und spielen es von vorne ab.
GRÜNDUNGSMYTHEN
Unseren Anfang markieren eine fast leere Wohnung und eine Hitzewelle. In dieser Wohnung – derselben Wohnung, die wir gerade auflösten – saßen wir im Wohnzimmer auf dem Fußboden, alle vier in Unterwäsche, verschwitzt und müde, und aßen Pizza aus der Hand.
Wir hatten ein paar unserer Habseligkeiten und die Sachen, die wir an dem Tag gekauft hatten, ausgepackt: einen Korkenzieher, vier neue Kopfkissen, Fensterreiniger, Spülmittel, zwei kleine Bilderrahmen, Nägel, Hammer. Dann maßen wir die Größe unserer Kinder und malten die ersten Striche an die Flurwand: 84 und 107 Zentimeter. Dann hämmerten wir zwei Nägel in die Küchenwand und hängten zwei Postkarten aus unseren jeweiligen früheren Wohnungen auf: ein Porträt von Malcolm X, aufgenommen kurz vor seiner Ermordung, wo er den Kopf auf die rechte Hand stützt und jemanden oder etwas genau betrachtet; das zweite zeigt den aufrecht stehenden Emiliano Zapata, ein Gewehr in einer und einen Säbel in der anderen Hand, mit einer über die Schulter geschlungenen Schärpe und dem doppelten Patronengürtel über Kreuz auf der Brust. Das Glas vor der Postkarte von Zapata hatte noch den Schmutzfilm – oder war es Ruß? – aus meiner alten Küche. Wir hängten beide Bilder neben dem Kühlschrank auf. Aber selbst danach sah die neue Wohnung noch zu leer aus, die Wände zu weiß, fühlte sich fremd an.
Der Junge schaute sich Pizza kauend im Wohnzimmer um und fragte:
Und jetzt?
Das Mädchen, damals zwei Jahre alt, wiederholte seine Frage:
Ja, was jetzt?
Wir wussten beide keine Antwort, obwohl ich scharf nachdachte, denn vermutlich war es eine Frage, die uns insgeheim selbst die ganze Zeit beschäftigt hatte.
Und jetzt? bohrte der Junge nach.
Schließlich antwortete ich:
Jetzt geht ihr euch die Zähne putzen.
Aber unsere Zahnbürsten sind noch nicht ausgepackt, sagte der Junge.
Dann spült euch im Bad den Mund über dem Waschbecken aus und geht schlafen, erwiderte mein Mann.
Sie kamen aus dem Bad zurück und sagten, sie hätten Angst, allein in dem neuen Schlafzimmer zu schlafen. Wir erlaubten ihnen, eine Weile bei uns im Wohnzimmer zu bleiben, wenn sie versprachen zu schlafen. Sie krochen in einen leeren Pappkarton, und nach einigem Gerangel um die gerechte Platzaufteilung fielen sie in einen tiefen, schweren Schlaf.
Mein Mann und ich öffneten eine Flasche Wein und rauchten am Fenster einen Joint. Dann setzten wir uns auf den Fußboden, machten nichts, sagten nichts, beobachteten die schlafenden Kinder. Von unserem Platz aus sahen wir nur ein Durcheinander von Köpfen und Hintern: sein Haar schweißverklebt, ihre Locken ein wirres Nest; sein Po flach wie eine Tablette, ihrer mit runden Apfelbacken. Sie sahen aus wie ein Paar, das seine gemeinsame Zeit überschritten hat, zu schnell gealtert, einander überdrüssig, aber einigermaßen zufrieden. Sie schliefen in totaler, einsamer Gemeinschaft. Hin und wieder wurde unser leicht angetörntes Schweigen unterbrochen: der Junge schnarchte wie ein Betrunkener, und aus dem Körper des Mädchens drangen lange laute Fürze.
Ein ähnliches Konzert hatten sie schon früher am Tag gegeben, als wir in der U-Bahn vom Supermarkt in unsere neue Wohnung zurückfuhren, umgeben von weißen Plastiktüten mit riesigen Eiern, sehr rosa Schinken, Biomandeln, Maisbrot und kleinen Päckchen mit Biomilch – gesunde Produkte der neuen, verfeinerten Kost einer Familie mit zwei Gehältern. Nach ein paar Minuten in der U-Bahn schliefen die Kinder, die Köpfe auf unserem Schoß, verfilztes feuchtes Haar, ein angenehm salziger Geruch von den warmen Brezeln, die wir kurz zuvor an einer Straßenecke gegessen hatten. Sie waren engelsgleich, wir noch einigermaßen jung, und zusammen bildeten wir einen schönen Stamm, eine beneidenswerte Truppe. Plötzlich fing er an zu schnarchen und sie zu furzen. Die wenigen Fahrgäste, die nicht an ihren Handys hingen, bekamen es mit, schauten das Mädchen an, uns, den Jungen, und lächelten – schwer zu sagen, ob aus Mitleid oder Komplizenschaft mit der öffentlichen Schamlosigkeit unserer Kinder. Mein Mann erwiderte das Lächeln der lächelnden Fremden. Ich dachte kurz daran, ihre Aufmerksamkeit von uns wegzulenken und den alten Mann, der ein paar Sitze weiter schlief, vorwurfsvoll anzusehen oder vielleicht die junge Frau im vollen Joggingoutfit. Was ich natürlich nicht tat. Ich nickte nur ergeben oder resigniert und lächelte die Fremden an – ein verkniffenes schmallippiges Lächeln. Vermutlich hatte ich die Art von Lampenfieber, die einen in bestimmten Träumen überkommt, wenn man feststellt, dass man in der Schule ist und vergessen hat, eine Unterhose anzuziehen; eine jähe, tiefe Verletzlichkeit vor all diesen Fremden, denen wir einen kurzen Einblick in unser noch sehr neues Leben boten.
Am Abend jedoch, zurück in der Privatsphäre unserer neuen Wohnung, als die Kinder schliefen und ständig diese wunderschönen Geräusche von sich gaben – wahre Schönheit ist immer unbeabsichtigt –, konnte ich ihnen aufmerksam und ohne lästige Befangenheit lauschen. Die Darmgeräusche des Mädchens wurden durch die Pappwand verstärkt und wanderten unsichtbar durch das fast leere Wohnzimmer. Nach einer Weile hörte der Junge sie irgendwo tief im Schlaf – so jedenfalls kam es uns vor – und antwortete mit Wortfetzen und Gemurmel. Mein Mann stellte fest, dass wir eine der Sprachen der städtischen Soundscape hörten, verwendet im zirkulären Akt der Unterhaltung:
Ein Mund antwortet einem Po.
Ich unterdrückte kurz das Bedürfnis zu lachen, merkte dann aber, dass auch mein Mann mit geschlossenen Augen die Luft anhielt, um nicht zu lachen. Vielleicht waren wir mehr stoned, als wir dachten, jedenfalls konnte ich nicht mehr, meine Stimmbänder gaben ein eher schweineartiges als menschliches Geräusch von sich. Er ließ ebenfalls los, prustete und gluckste, seine Nasenflügel bebten, die Augen verschwanden fast in seinem verzerrten Gesicht, und er schaukelte vor und zurück wie eine kaputte Piñata. Die meisten Menschen sehen furchterregend aus, wenn sie herzhaft lachen. Mir waren schon immer Leute suspekt, die nur mit den Zähnen klicken, und ich fand es ziemlich beunruhigend, wenn jemand beim Lachen keinen Ton von sich gibt. In meiner Familie väterlicherseits gibt es einen genetischen Defekt, der sich am Ende jeder Lachsalve in Schnauben und Grunzen Bahn bricht. Bis alle Tränen in den Augen haben und sie ein Schamgefühl überkommt.
Ich atmete tief durch und wischte mir eine Träne von der Wange. Im selben Moment wurde mir klar, dass mein Mann und ich uns zum ersten Mal lachen gehört hatten, das heißt aus vollem Herzen – enthemmt, befreit, völlig idiotisch. Vielleicht kennen wir uns erst richtig, wenn wir wissen, wie der andere lacht. Schließlich beruhigten mein Mann und ich uns wieder.
Eigentlich ist es gemein, dass wir auf Kosten unserer Kinder lachen, oder? fragte ich.
Ja, völlig daneben.
Wir beschlossen, dass wir diesen Augenblick festhalten sollten, und holten unsere Aufnahmegeräte. Mein Mann schwenkte seine Tonangel durch den Raum; ich hielt meinen Voicerekorder nah an den Jungen und das Mädchen ran. Sie lutschte am Daumen, und er murmelte Worte und merkwürdige Schlafgeräusche hinein; im Mikro meines Mannes waren auf der Straße vorbeifahrende Autos zu hören. In kindlicher Komplizenschaft nahmen wir ihre Geräusche auf. Ich bin mir nicht sicher, welche tieferen Gründe uns dazu bewegten, die Kinder an diesem Abend aufzunehmen. Vielleicht lag es einfach an der Sommerhitze, plus dem Wein, minus dem Joint, multipliziert mit der Aufregung des Umzugs, geteilt durch das Recyceln der vielen Pappkartons, das uns noch bevorstand. Oder wir folgten dem Impuls, den Augenblick zuzulassen, weil er sich anfühlte wie der Beginn von etwas Neuem, um eine Spur zu hinterlassen. Schließlich hatten wir unseren Verstand darauf trainiert, Aufnahmegelegenheiten zu nutzen, unsere Ohren trainiert, dem täglichen Leben zu lauschen, als wäre es Rohmaterial. Alles, wir und sie, hier und dort, innen und außen, wurde festgehalten, gesammelt und archiviert. Vielleicht müssen neue Familien wie junge Nationen nach gewaltsamen Unabhängigkeitskriegen ihre Anfänge in einem symbolischen Augenblick verankern und in der Zeit festnageln. Dieser Abend war unser Fundament, der Abend, an dem unser Chaos ein Kosmos wurde.
Später, als wir müde waren und unseren Schwung verloren hatten, trugen wir die Kinder in ihr neues Zimmer und legten sie auf ihre Matratzen, die nicht viel größer waren als der Pappkarton, in dem sie geschlafen hatten. Dann fielen wir in unserem Schlafzimmer auf unsere eigene Matratze, schlangen die Beine ineinander und schwiegen, aber unsere Körper sagten, vielleicht später, vielleicht morgen, morgen lieben wir uns, schmieden Pläne, morgen.
Gute Nacht.
Gute Nacht.
MUTTERSPRACHEN
Als ich zur Mitarbeit an dem Soundscape-Projekt eingeladen wurde, fand ich es zunächst protzig, megalomanisch, irgendwie zu didaktisch. Ich war jung, wenn auch nicht viel jünger als heute, und sah mich noch als politische Hardcore-Journalistin. Außerdem gefiel mir nicht, dass das Projekt, obwohl vom Center for Urban Science and Progress der NYU organisiert und später für dessen Tonarchiv gedacht, zum Teil von einigen multinationalen Konzernriesen finanziert wurde. Ich recherchierte ein bisschen über ihre CEOs – gab es Skandale, Betrügereien, irgendwelche faschistischen Verbindungen? Aber ich hatte eine kleine Tochter. Als ich erfuhr, dass der Vertrag auch Krankenversicherung einschloss, und feststellte, dass ich von dem Gehalt leben konnte, ohne tausend journalistische Kleinaufträge annehmen zu müssen, hörte ich auf zu recherchieren und so zu tun, als könnte ich es mir leisten, mir über Firmenethik den Kopf zu zerbrechen, und unterschrieb den Vertrag. Ich bin mir nicht sicher, welche Gründe meinen Mann dazu bewegten – damals war er noch ein auf Akustomologie spezialisierter Fremder und nicht mein Ehemann oder Vater unserer Kinder –, aber ungefähr zur selben Zeit unterschrieb er seinen Vertrag.
Wir stürzten uns beide voll und ganz in das Soundscape-Projekt. Jeden Tag gingen wir, während die Kinder in der Krippe und der Schule waren, in die Stadt, ohne zu wissen, was uns erwartete, aber immer sicher, wir würden etwas Neues entdecken. Wir zogen durch die fünf Bezirke, interviewten Fremde und baten sie, in ihrer Muttersprache zu sprechen und etwas darüber zu erzählen. Er mochte die Tage, die wir in Durchgangsräumen wie Bahnstationen, Flughäfen und Bushaltestellen verbrachten. Ich mochte die Tage in den Schulen, wo wir Kinder befragten. Mit hochgehaltener Tonangel und über die rechte Schulter geschlungener Porta-Brace schlenderte er durch volle Cafeterias und nahm das Durcheinander von Stimmen, Besteck und Schritten auf. Ich hielt den Kindern in Gängen und Klassenzimmern meinen Rekorder dicht vor den Mund, während sie meine Fragen beantworteten. Ich wollte wissen, ob sie sich an Lieder und Sprichwörter erinnern, die sie zu Hause hörten. Ihr Akzent war oft anglisiert und angepasst, die Sprachen ihrer Eltern waren ihnen mittlerweile fremd. Ich erinnere mich, wie sie mit ihren rosa Zungen ernst und diszipliniert versuchten, die Eigenheiten und Laute ihrer zunehmend fernen Muttersprachen zu bewältigen: die schwierige Stellung der Zungenspitze beim spanischen erre, die schnellen Zungenschläge gegen den Gaumen in den vielen mehrsilbigen Wörtern der Kichwa und Karif, das weiche, abwärts gewölbte Zungenbett beim aspirierten arabischen h.
Monatelang nahmen wir Stimmen auf und sammelten Akzente. Wir hatten jede Menge Material, auf dem Menschen sprachen, Geschichten erzählten, Pausen machten, Lügen auftischten, beteten, zögerten, beichteten, atmeten.
ZEIT
Wir sammelten auch immer mehr Dinge: Pflanzen, Teller, Bücher, Stühle. In wohlhabenden Vierteln nahmen wir Sachen mit, die auf der Straße standen. Später stellten wir dann fest, dass wir nicht noch einen Stuhl oder ein Bücherregal brauchten, stellten das Gesammelte in unserem weniger wohlhabenden Viertel auf den Gehsteig zurück und fühlten uns dabei wie die unsichtbare linke Hand der Umverteilung von Besitztümern – die Anti-Adam-Smiths der Bürgersteige und Bordsteinkanten. Eine Zeit lang sammelten wir weiter Sachen von der Straße, bis wir eines Tages im Radio von einer Wanzenplage in der Stadt hörten und es sein ließen, Sperrmüll durchzuwühlen und Besitztümer umzuverteilen. Es wurde Winter, und dann kam der Frühling.
Es ist nie ganz klar, was eine Wohnung in ein Heim verwandelt und ein Lebensprojekt in ein Leben. Irgendwann passten unsere Bücher nicht mehr in die Regale, und aus dem großen leeren Raum in unserer Wohnung war unser Wohnzimmer geworden, der Ort, wo wir uns Filme ansahen, Bücher lasen, Puzzles zusammensetzten, Nickerchen machten, den Kindern bei den Hausaufgaben halfen. Wir saßen dort mit Freunden zusammen, führten nach ihrem Aufbruch lange Diskussionen, vögelten, sagten schöne und schreckliche Dinge zueinander und räumten hinterher schweigend auf.
Keine Ahnung, wie die Zeit vergangen und wohin sie verschwunden war, aber der Junge war plötzlich acht, dann neun und das Mädchen fünf. Sie besuchten dieselbe öffentliche Schule. Die vielen kleinen Fremden, die sie kennengelernt hatten, waren jetzt ihre Freunde. Es gab Fußballteams, Turnen, Theateraufführungen am Schuljahresschluss, Übernachtungspartys, immer zu viele Geburtstagsfeiern, und die Striche im Flur, mit denen wir die Größe unserer Kinder markierten, erzählten eine vertikale Geschichte. Sie waren so groß geworden! Mein Mann fand, dass sie zu schnell wuchsen. Unnatürlich schnell, sagte er, wegen der Biovollmilch, die sie aus diesen kleinen Päckchen tranken; seiner Ansicht nach war die Milch chemisch verändert, um bei Kindern frühzeitiges Wachstum zu fördern. Vielleicht, dachte ich. Aber vielleicht war auch einfach nur Zeit vergangen.
ZÄHNE
Wie weit noch?
Wie lange noch?
Vermutlich ist das bei allen Kindern so: Wenn sie im Auto wach sind, wollen sie beachtet werden, Pinkelpausen machen, Snacks essen. Aber am häufigsten fragen sie:
Wann sind wir endlich da?
Meistens antworten wir den beiden, dass es nicht mehr lange dauert. Oder wir sagen:
Spielt mit euren Spielsachen.
Zählt alle weißen Autos, die vorbeifahren.
Versucht zu schlafen.
Als wir in der Nähe von Philadelphia an einer Zahlstelle halten, wachen sie plötzlich auf, als würden sie ihren Schlaf miteinander und, etwas schwerer erklärbar, mit den wechselnden Fahrtgeschwindigkeiten abstimmen. Das Mädchen ruft von hinten:
Wie viele Straßen noch?
Nur noch ein Weilchen, dann machen wir halt in Baltimore, sage ich.
Aber wie viele Straßen noch, bis wir ganz da sind?
»Ganz da« ist in Arizona. Geplant ist, dass wir von New York in die südöstliche Ecke des Staates fahren. Auf der Fahrt in südwestlicher Richtung zu den Grenzgebieten werden mein Mann und ich an unseren neuen Tonprojekten arbeiten und Feldaufnahmen und Umfragen machen. Ich werde Interviews führen und Gesprächsfetzen zwischen Fremden einfangen, Nachrichten aus dem Radio und Stimmen in Dinern aufnehmen. In Arizona werde ich meine letzten Aufzeichnungen machen und anfangen, alles zu bearbeiten. Dazu bleiben mir vier Wochen Zeit. Dann muss ich wahrscheinlich mit dem Mädchen zurück nach New York fliegen, doch das steht noch nicht endgültig fest. Wie der genaue Plan meines Mannes aussieht, weiß ich nicht. Ich betrachte sein Profil. Er konzentriert sich auf die Straße. Er wird den Wind mitschneiden, der in Ebenen oder auf Parkplätzen weht; Schritte auf Kies, Beton oder Sand; Kleingeld, das in Registrierkassen fällt, Zähne, die Erdnüsse zerkauen, eine Kinderhand, die in einer Jackentasche voller Kieselsteine wühlt. Ich weiß nicht, wie lange sein neues Projekt dauert oder was als Nächstes kommt. Das Mädchen unterbricht unser Schweigen und beharrt auf seiner Frage:
Ich hab euch was gefragt, Mama, Papa. Wie viele Straßen noch, bis wir ganz da sind?
Wir müssen uns ermahnen, geduldig zu sein. Wir wissen – und vermutlich weiß es auch der Junge –, wie verwirrend es sein muss, in der zeitlosen Welt einer Fünfjährigen zu leben: einer Welt, in der Zeit im Überfluss vorhanden ist. Mein Mann gibt dem Mädchen schließlich eine Antwort, die es offensichtlich zufriedenstellt:
Wir sind ganz da, wenn du unten deinen zweiten Zahn verlierst.
VERKNOTETE ZUNGEN
Als das Mädchen mit vier die Vorschule besuchte, verlor sie frühzeitig einen Zahn. Unmittelbar danach fing sie an zu stottern. Wir wussten nicht, ob es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Schule, Zahn und Stottern gab. In unserer Familiengeschichte jedoch verband sich alles drei zu einem verwirrenden, emotional aufgeladenen Knoten.
Eines Morgens während unseres letzten Winters in New York unterhielt ich mich mit der Mutter einer Klassenkameradin meiner Tochter. Wir warteten in der Schulaula, um neue Elternvertreter zu wählen, standen eine Weile in der Schlange und tauschten Geschichten über die sprachlichen und kulturellen Schwächen unserer Kinder aus. Meine Tochter hat ein Jahr lang gestottert, erzählte ich ihr, und phasenweise gar nicht mehr gesprochen. Sie fing jeden Satz an, als müsste sie gleich niesen. Irgendwann stellte sie fest, dass sie nicht stottert, wenn sie einen Satz singt, anstatt ihn zu sprechen. Ihr Sohn, erzählte mir die Frau, hatte seit fast sechs Monaten kein Wort gesagt, in keiner Sprache.
Wir fragten einander, woher wir kamen und welche Sprachen wir zu Hause benutzt hatten. Sie kam aus der Mixteca-Region. Ihre erste Sprache war Trique. Ich hatte diese Sprache noch nie gehört und wusste nur, dass es eine der komplexesten tonalen Sprachen ist, mit mehr als acht Tonhöhen. Meine Großmutter war Hnahnu und sprach Otomí, eine einfachere tonale Sprache als Trique, mit nur drei Tonhöhen. Aber meine Mutter lernte diese Sprache nicht, und so lernte ich sie natürlich auch nicht. Meine Frage, ob ihr Sohn Trique beherrsche, verneinte sie und fügte hinzu:
Unsere Mütter bringen uns das Sprechen bei, und das Leben gewöhnt es uns wieder ab.
Nachdem wir gewählt hatten und uns verabschieden wollten, stellten wir uns einander vor, was eigentlich umgekehrt hätte laufen sollen. Sie hieß Manuela, genau wie meine Großmutter, ein Zufall, den sie weniger amüsant fand als ich. Ich fragte, ob ich sie irgendwann einmal aufnehmen dürfe, und erzählte ihr von der fast abgeschlossenen Tondokumentation, an der mein Mann und ich arbeiteten. Von Trique hatten wir bisher noch keine Stichprobe – es war eine seltene Sprache, an die nicht leicht heranzukommen war. Sie willigte zögernd ein, und als wir uns ein paar Tage später im Park neben der Schule trafen, bat sie mich als Gegenleistung für ihre Mitarbeit um einen Gefallen. Sie hatte zwei ältere Töchter – acht und zehn Jahre alt –, die gerade in Amerika angekommen waren; die beiden hatten die Grenze zu Fuß überquert und wurden in einer Notunterkunft in Texas festgehalten. Sie brauchte jemanden, der ihre Papiere möglichst günstig oder umsonst aus dem Spanischen ins Englische übersetzte, damit sie einen Anwalt engagieren konnte, der ihre Töchter vor der Abschiebung bewahrte. Ich erklärte mich bereit, ohne zu ahnen, worauf ich mich da einließ.
VERFAHREN
Anfangs ging es nur um die Übersetzung von Dokumenten: die Geburtsurkunden der Mädchen, Impfpässe, ein Schulzeugnis. Dann folgte eine Reihe von Briefen, die ein Nachbar in Mexiko geschrieben und an Manuela geschickt hatte, mit detaillierten Berichten über die dortige Lage: die unzähmbaren Wellen der Gewalt, das Militär, die Gangs, die Polizei, das plötzliche Verschwinden von Menschen – meist jungen Frauen und Mädchen. Eines Tages dann bat mich Manuela, sie zu einem Treffen mit einer möglichen Anwältin zu begleiten.
Wir trafen uns zu dritt in einem Warteraum des New Yorker Einwanderungsgerichts. Die Anwältin ging einen kurzen Fragebogen durch, stellte ihre Fragen auf Englisch, und ich übersetzte für Manuela ins Spanische. Sie erzählte ihre Geschichte und die der Mädchen. Die Familie stammte aus einer kleinen Stadt an der Grenze zu den Provinzen Oaxaca und Guerrero. Vor ungefähr sechs Jahren, als das jüngere der beiden Mädchen zwei wurde und das andere vier war, ließ Manuela sie in der Obhut ihrer Großmutter zurück. Das Essen war knapp, es war unmöglich, zwei Mädchen unter diesen ärmlichen Bedingungen großzuziehen, erklärte sie. Sie überquerte ohne Papiere die Grenze und ließ sich in der Bronx nieder, wo sie eine Cousine hatte. Sie fand einen Job und fing an, Geld nach Hause zu schicken. Geplant war, in kurzer Zeit möglichst viel zu sparen und bald wieder zurückzukehren. Aber sie wurde schwanger, das Leben wurde kompliziert, und die Jahre vergingen schnell. Die Mädchen wurden größer, telefonierten mit ihr, hörten Geschichten über Schnee, über große breite Straßen, Brücken, Verkehrsstaus und später über ihren kleinen Bruder. Als die Situation in Mexiko immer schwieriger und unsicherer wurde, bat Manuela ihren Chef um ein Darlehen und bezahlte einen Schlepper, um die Mädchen zu ihr in die Vereinigten Staaten zu bringen.
Die Großmutter traf die Vorbereitungen, sagte den Mädchen, es würde eine lange Reise werden, packte ihre Rucksäcke: Bibel, Wasserflaschen, Nüsse, für jede ein Spielzeug, Ersatzwäsche. Sie nähte ihnen identische Kleider, und am Tag vor der Abreise nähte sie Manuelas Telefonnummer an die Krägen der Kleider, weil die Mädchen es nicht geschafft hatten, die zehn Zahlen auswendig zu lernen, und schärfte ihnen immer wieder ein: Diese Kleider sollten sie nie ausziehen, niemals, und sobald sie in Amerika waren und dem ersten Amerikaner begegneten, egal ob Polizist oder Privatperson, sollten sie ihm oder ihr die Unterseite des Kragens zeigen. Die Person würde dann die Nummer anrufen und sie mit ihrer Mutter sprechen lassen. Der Rest würde sich ergeben.
Und das tat er, nur nicht wie geplant. Die Mädchen schafften es sicher bis zur Grenze, doch der Schlepper brachte sie nicht hinüber, sondern ließ sie mitten in der Nacht in der Wüste zurück. Im Morgengrauen wurden sie von der Border Patrol gefunden; sie saßen am Straßenrand in der Nähe eines Kontrollpunktes und wurden in ein Auffanglager für unbegleitete Kinder gebracht. Ein Beamter rief Manuela an und erklärte ihr, dass man die Mädchen gefunden hatte. Er klang freundlich und nett, sagte sie, zumindest für einen Officer der Border Patrol. Laut dem Gesetz, sagte er, müssten Kinder aus Mexiko und Kanada, anders als Kinder aus anderen Ländern, sofort zurückgeschickt werden. Es sei ihm gelungen, sie in Gewahrsam zu nehmen, doch von jetzt an bräuchte sie einen Anwalt. Bevor er auflegte, durfte sie mit den Mädchen sprechen. Er gab ihnen fünf Minuten. Es war das erste Mal seit ihrer Abreise, dass sie ihre Stimmen wieder hörte. Das ältere Mädchen sagte, es ginge ihnen gut. Das jüngere atmete nur in den Hörer und schwieg.
Nachdem die Anwältin Manuelas Geschichte gehört hatte, bedauerte sie, den Fall nicht annehmen zu können. Er sei nicht »hieb- und stichfest«, weitere Gründe lieferte sie nicht. Manuela und ich wurden aus dem Raum geführt, durch Gänge, Aufzüge nach unten und zum Gebäude hinaus. Wir gingen zum Broadway – es war später Vormittag – und die Stadt vibrierte, der Himmel war strahlend blau, die Sonne schien über hohen, soliden Gebäuden, als wäre nichts Schlimmes passiert. Ich versprach, ihr bei der Suche nach einem guten Anwalt zu helfen und sie auf jede erdenkliche Weise zu unterstützen.
GEMEINSAMES ARCHIVIEREN
Es wurde Frühling, mein Mann und ich reichten unsere Steuererklärung ein und wir lieferten das Material für das Soundscape-Projekt ab. In New York gab es über achthundert Sprachen, und nach vier Jahren Arbeit hatten wir von fast allen Stichproben. Endlich konnten wir weitermachen. Es ging voran, aber nicht unbedingt gemeinsam.
Ich hatte mich weiter mit der Rechtssache gegen Manuelas Töchter beschäftigt. Der Anwalt einer Non-Profit-Organisation hatte den Fall schließlich angenommen. Die Mädchen waren zwar noch immer nicht bei ihrer Mutter, aber zumindest von einer brutalen, halb geschlossenen Jugendstrafanstalt in Texas in eine angeblich humanere Umgebung verlegt worden – ein ehemaliges Walmart-Zentrum in der Nähe von Lordsburg, New Mexico, das man in eine Notunterkunft für Minderjährige umgebaut hatte. Um in dem Fall auf dem Laufenden zu bleiben, hatte ich mich ein wenig mit Einwanderungsrecht befasst, Anhörungen im Gericht besucht und mit Anwälten gesprochen. Manuelas Fall war einer von Zehntausenden ähnlicher Fälle im ganzen Land. Mehr als achtzigtausend Kinder ohne Papiere aus Mexiko und dem Nördlichen Dreieck Zentralamerikas, vorwiegend aber aus Letzterem, waren allein in den vergangenen sechs oder sieben Monaten an der südlichen Grenze in den Vereinigten Staaten verhaftet worden. Diese Kinder flohen aus Verhältnissen, die von schlimmem Missbrauch und systematischer Gewalt geprägt waren, flohen aus Ländern, in denen Gangs wie Parastaaten agierten und die Macht und die Herrschaft des Gesetzes übernommen hatten. Sie waren in die Vereinigten Staaten gekommen, um Schutz zu finden, und suchten nach bereits früher ausgewanderten Müttern, Vätern oder Verwandten, die sie vielleicht aufnahmen. Sie suchten nicht den amerikanischen Traum, wie es gewöhnlich immer heißt. Die Kinder suchten nur einen Weg aus ihrem täglichen Albtraum.
Um diese Zeit fingen einige Radiosender und Zeitungen an, über die vielen Kinder zu berichten, die ohne Papiere ins Land gekommen waren, aber niemand schien die Lage aus der Sicht der betroffenen Kinder zu schildern. Ich wandte mich an die Direktorin des Columbia University Center for Oral History und präsentierte ihr eine noch rohe Idee, wie man die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel erzählen könnte. Nach einigem Hin und Her und ein paar Zugeständnissen meinerseits erklärte sie sich bereit, mir bei der Finanzierung einer Tondokumentation über die Krise der Kinder an der Grenze zu helfen. Keine große Produktion: nur ich, meine Aufnahmegeräte und ein strenger Zeitplan.
Auch mein Mann hatte mit der Arbeit an einem neuen Projekt begonnen, ohne dass ich es zunächst bemerkte. Es begann mit ein paar Büchern über die Geschichte der Apachen, die sich auf seinem Schreibtisch und Nachttisch stapelten. Da er sich schon immer für das Thema interessiert hatte und den Kindern oft Geschichten über die Apachen erzählte, fand ich es nicht merkwürdig, dass er all diese Bücher las. Dann hingen plötzlich Landkarten von indianischem Territorium und Bilder von Häuptlingen und Kriegern an den Wänden um seinen Schreibtisch. Ich ahnte, dass sich sein lebenslanges Interesse allmählich zu offizieller Recherche auswuchs.
Woran arbeitest du? fragte ich ihn eines Nachmittags.
Nur ein paar Geschichten.
Worüber?
Apachen.
Warum Apachen? Und welche?
Er sagte, er interessiere sich für Häuptling Cochise, Geronimo und die Chiricahua, weil es die letzten Apachen-Führer – moralisch, politisch, militärisch – der letzten freien Völker auf dem amerikanischen Kontinent gewesen waren, die letzten, die sich ergaben. Natürlich war das ein mehr als zwingender Grund, um Recherchen anzustellen, aber doch nicht ganz der, den ich hören wollte.
Später bezeichnete er diese Recherche als sein neues Tonprojekt. Er kaufte ein paar stabile Archivschachteln und füllte sie mit Büchern, Karteikarten mit Notizen und Zitaten, Zeitungsausschnitten, Landkarten, Feldaufnahmen und Tonstudien, die er in öffentlichen Bibliotheken und Privatarchiven fand, sowie einer Reihe kleiner brauner Notizbücher, in die er täglich fast zwanghaft schrieb. Ich fragte mich, welche Art von Klangcollage sich irgendwann aus alldem ergeben könnte. Als ich ihn auf die Schachteln, ihren Inhalt und seine Pläne ansprach und wissen wollte, wie sie sich mit unseren gemeinsamen Plänen vereinbaren ließen, antwortete er nur, das wisse er noch nicht, aber er gebe mir bald Bescheid.
Als er es ein paar Wochen später tat, diskutierten wir unsere nächsten Schritte. Ich sagte, ich wolle mich auf mein Projekt konzentrieren und Geschichten von Kindern und ihren Anhörungen im New Yorker Einwanderungsgericht aufnehmen. Ich sagte außerdem, dass ich daran dachte, mich für einen Job bei einem lokalen Radiosender zu bewerben. Seine Antwort fiel aus, wie ich erwartet hatte. Er wollte an einer Dokumentation über die Apachen arbeiten, hatte sich für ein Stipendium beworben und es erhalten. Das Material, das er für sein Projekt sammeln musste, war an bestimmte Orte gebunden, denn seine Soundscape sollte diesmal anders werden. Er sprach von einem »Echo-Register«, das die Geister Geronimos und der letzten Apachen enthalten würde.
Das Dumme am Leben mit einem anderen ist, dass man ihn jeden Tag sieht und bei einer Unterhaltung all seine Gesten vorhersagen kann, dass man die Absichten hinter seinem Handeln lesen und seine Reaktionen auf bestimmte Umstände ziemlich genau einschätzen kann, dass man sicher ist, den anderen in- und auswendig zu kennen – und trotzdem kann er eines Tages plötzlich ein Fremder werden. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mein Mann sagen würde, er brauche Zeit für sein neues Projekt, mehr Zeit als nur einen Sommer. Außerdem brauche er Stille und Einsamkeit. Und er müsse für längere Zeit in den Südwesten des Landes ziehen.
Was heißt längere Zeit? fragte ich.
Wahrscheinlich ein bis zwei Jahre, vielleicht auch länger.
Und wo im Südwesten?
Weiß ich noch nicht.
Und was ist mit meinem Projekt? fragte ich.
Dein Projekt ist wichtig, mehr sagte er nicht.
ALLEIN ZUSAMMEN
Ich nehme an, mein Mann und ich hatten uns schlicht nicht auf den zweiten Teil unseres Zusammenseins vorbereitet, den Teil, in dem wir einfach das Leben führten, das wir uns aufgebaut hatten. Ohne ein künftiges gemeinsames berufliches Projekt drifteten wir in anderer Hinsicht langsam auseinander. Vermutlich hatten wir – oder vielleicht auch nur ich – den weitverbreiteten Fehler gemacht, uns einzubilden, dass die Ehe eine absolute Interessengemeinschaft darstellt, die keine Grenzen kennt, anstatt sie schlicht als Pakt zwischen zwei Menschen zu begreifen, die bereit sind, Hüter der Einsamkeit des anderen zu sein, wie Rilke oder irgendein anderer gleichmütiger Philosoph es vor langer Zeit formuliert hatte. Aber kann man sich darauf vorbereiten? Kann man Folgen in Angriff nehmen, bevor man Ursachen entdeckt?
Bei unserer Hochzeitsfeier vor einigen Jahren hatte uns ein Freund mit der orakelhaften Aura eines Betrunkenen kurz vor dem Absturz gesagt, die Ehe sei ein Festmahl, zu dem die Leute zu spät kamen, wenn alles schon halb aufgefuttert war, alle schon zu müde waren und gehen wollten, aber nicht so recht wussten, wie und mit wem.
Aber ich, meine Freunde, kann euch sagen, was zu tun ist, damit eine Ehe ewig hält! sagte er.
Dann schloss er die Augen, ließ das bärtige Kinn auf die Brust sinken und gab den Geist auf.
EINZELPOSTEN
Es folgten viele schwierige Abende, an denen wir, nachdem die Kinder im Bett lagen, das Organisatorische rund um den Plan meines Mannes, für längere Zeit in den Südwesten zu ziehen, ausgiebig diskutierten. Viele schlaflose Nächte, in denen wir verhandelten, stritten, vögelten, neu verhandelten und Lösungen suchten. Ich verbrachte Stunden mit dem Versuch, sein Projekt zu begreifen oder mich zumindest damit anzufreunden, und noch mehr Stunden, ihn mit Argumenten von seinem Plan abzubringen. Eines Abends verlor ich die Nerven und warf sogar mit einer Glühbirne und einer Rolle Klopapier nach ihm, begleitet von einer Reihe lahmer Beschimpfungen.
Doch die Zeit verging, und die Vorbereitungen für die Reise wurden getroffen. Er sah sich im Internet um und bestellte Sachen: Kühltasche, Schlafsack, technischen Schnickschnack. Ich kaufte Landkarten von den Vereinigten Staaten. Eine große vom ganzen Land und mehrere von den Staaten im Süden, die wir vermutlich durchqueren würden. Ich studierte sie bis tief in die Nacht. Als die Reise immer konkreter wurde, versuchte ich mich mit dem Gedanken zu versöhnen, dass ich keine andere Wahl mehr hatte, als eine bereits getroffene Entscheidung zu akzeptieren, und schrieb dann meine eigenen Bedingungen in den Handel, sehr darum bemüht, unser gemeinsames Leben nicht in Einzelposten aufzulisten wie in einer Steuererklärung und eine Art moralische Aufrechnung von Verlusten, Guthaben und steuerpflichtigen Gewinnen zu erstellen. Mit anderen Worten, ich bemühte mich sehr, nicht jemand zu werden, den ich irgendwann verabscheuen würde.
Ich könnte diese neuen Umstände nutzen, sagte ich mir, um mich beruflich neu zu erfinden, mein Leben anders zu gestalten – und ähnliche Ideen, die nur in Horoskopen bedeutungsvoll klingen oder wenn jemand durchdreht und jeden Sinn für Humor verloren hat.
An besseren Tagen, wenn ich meine Gedanken ein wenig vernünftiger sortierte, sagte ich mir, dass unsere berufliche Trennung keinen tieferen Bruch in unserer Beziehung zur Folge haben musste. Eigenen Projekten nachzugehen sollte nicht zwangsläufig zur Auflösung unseres gemeinsamen Lebens führen. Wir könnten in Richtung Süden fahren, sobald das Schuljahr der Kinder endete, und an unseren jeweiligen Projekten arbeiten. Ich wusste noch nicht wie, aber ich könnte vielleicht anfangen zu recherchieren und langsam ein Archiv aufbauen und meinen Fokus auf die Flüchtlingskinderkrise über das New Yorker Einwanderungsgericht hinaus auf die geografischen Brennpunkte in den südlichen Grenzländern erweitern. Das war eine naheliegende Entwicklung in der Recherche an sich, aber auch eine Möglichkeit, unsere beiden sehr unterschiedlichen Projekte miteinander zu vereinbaren. Zumindest fürs Erste. Und zumindest insofern, uns als Familie auf eine Reise in den Südwesten zu begeben. Danach würde uns etwas einfallen.
ARCHIV
Ich studierte Berichte und Artikel über Flüchtlingskinder und versuchte, Informationen darüber zu sammeln, was in den Auffanglagern und Notunterkünften an der Grenze, jenseits des New Yorker Einwanderungsgerichts, vor sich ging. Ich nahm Kontakt mit Anwälten auf, besuchte Konferenzen der New Yorker Anwaltskammer, traf mich mit Mitarbeitern von Non-Profit-Organisationen und Gemeindegruppen. Ich sammelte Notizen, Zeitungsausschnitte, Karteikarten mit Zitaten, Briefe, Landkarten, Fotos, Wortlisten, mitgeschnittene Zeugenaussagen. Als ich langsam in meinem hausgemachten dokumentarischen Labyrinth unterzugehen drohte, kontaktierte ich einen alten Freund, einen auf Archivkunde spezialisierten Professor an der Columbia University, der mir einen langen Brief schrieb und mir eine Liste mit Artikeln und Büchern schickte, die mein Chaos vielleicht ein wenig erhellten. Ich las und las, verbrachte lange schlaflose Nächte lesend über Archivfieber, darüber, wie diasporische Erzählungen das Gedächtnis auffrischten oder wie man sich in der »Asche« des Archivs verliert.
Als ich schließlich klarer sah und eine vernünftige Menge an gut gesichtetem Material zusammenhatte, das mir bei der Umsetzung meiner Dokumentation über die Krisensituation der Kinder an der Grenze hilfreich sein könnte, packte ich alles in eine der Schachteln, die mein Mann noch nicht mit seinen Sachen gefüllt hatte. Ich hatte ein paar Fotos, einige Rechtsdokumente, Aufnahmefragebögen für gerichtliche Prüfverfahren, Karten von den Wüsten im Süden, auf denen Fundorte von toten Migranten verzeichnet waren, und eine Mappe mit zahllosen, aus dem Netz ausgedruckten »Migranten-Mortalitätsberichten« mit Angaben zur wahrscheinlichen Todesursache und dem genauen Fundort. Ganz oben in die Schachtel legte ich ein paar Bücher, die ich gelesen hatte und die mir helfen konnten, mein Projekt aus einer gewissen erzählerischen Distanz zu betrachten: Die Pforten des Paradieses von Jerzy Andrzejewski; Der Kinderkreuzzug von Marcel Schwob; Belladonna von Daša Drndić; Der Geschmack des Archivs von Arlette Farge; und ein kleines rotes, noch ungelesenes Buch mit dem Titel Elegien für verlorene Kinder von Ella Camposanto.
Als mein Mann sich darüber beklagte, dass ich eine seiner Schachteln benutzte, beklagte ich mich zurück, dass er vier Schachteln hatte, ich dagegen nur eine. Er meinte, ich als Erwachsene könne mich doch nicht ernsthaft über die Anzahl der von ihm benutzten Schachteln beschweren. Da er in gewisser Weise recht hatte, nahm ich seine Antwort lächelnd zur Kenntnis. Seine Schachtel benutzte ich trotzdem.
Dann beschwerte sich der Junge. Wieso bekam er keine Schachtel? Da uns Argumente gegen seine Forderung fehlten, gestanden wir ihm eine zu.
Natürlich beschwerte sich dann auch das Mädchen. Sie bekam ihre Schachtel. Auf unsere Frage, was sie denn in ihre Schachteln packen wollten, erwiderte der Junge, er wolle seine vorläufig leer lassen:
Damit ich unterwegs Sachen sammeln kann.
Ich auch, sagte das Mädchen.
Wir hielten dagegen, dass leere Schachteln Platzverschwendung seien. Aber unsere Argumente fanden gute Gegenargumente, oder vielleicht waren wir es leid, überhaupt Gegenargumente zu finden, und damit war die Sache erledigt. Insgesamt hatten wir sieben Schachteln. Sie würden im Kofferraum des Autos, das wir noch kaufen mussten, als unsere Anhängsel mitreisen. Ich nummerierte sie sorgfältig mit einem schwarzen Filzstift. Die Schachteln I bis IV gehörten meinem Mann, Schachtel VI gehörte dem Mädchen, Schachtel VII dem Jungen. Mir gehörte Schachtel V.
APACHERIA
Am Beginn der Sommerferien, die nur noch einen guten Monat entfernt waren, wollten wir Richtung Südwesten fahren. In der Zwischenzeit führten wir unser Leben in der Stadt weiter, als würde sich nichts Wesentliches zwischen uns ändern. Wir kauften ein billiges gebrauchtes Auto, einen Volvo-Kombi, Baujahr 1996, schwarz, mit einem riesigen Kofferraum. Wir gingen zu zwei Hochzeiten und hörten auf beiden, was für eine wundervolle Familie wir doch seien. So hübsche Kinder, und sie sehen sich gar nicht ähnlich, sagte eine alte Frau, die nach Talkumpuder roch. Wir kochten Abendessen, sahen uns Filme an und schmiedeten Pläne für die Reise. An mehreren Abenden studierten wir alle vier die große Karte, wählten Routen aus und gingen geflissentlich darüber hinweg, dass wir vielleicht die Straße zu unserer Trennung festlegten.
Aber wo genau fahren wir denn hin? fragten die Kinder.
Wir wussten es immer noch nicht, hatten uns auf nichts einigen können. Ich wollte nach Texas, dem Bundesstaat mit den meisten Internierungslagern für Kinder. Es gab Tausende von Kindern, die in Galveston, Brownsville, Los Fresnos, El Paso, Nixon, Canutillo, Conroe, Harlingen, Houston und Corpus Christi weggesperrt waren. Mein Mann wollte, dass die Reise in Arizona endete.
Warum Arizona? fragten wir alle.
Und wo in Arizona? wollte ich wissen.
Eines Abends schließlich breitete mein Mann die große Karte auf unserem Bett aus und rief die Kinder und mich ins Schlafzimmer. Er fuhr mit dem Zeigefinger von New York bis nach Arizona, klopfte dann zweimal auf eine Stelle, einen winzigen Punkt in der südwestlichen Ecke des Staates, und sagte:
Da.
Was ist da? fragte der Junge.
Da sind die Chiricahua Mountains, sagte er.
Und? fragte der Junge.
Da ist das Herz der Apacheria, antwortete er.
Und da fahren wir hin? fragte das Mädchen.
Ja, genau, erwiderte mein Mann.
Und warum dahin? wollte der Junge wissen.
Weil dort die letzten Chiricahua-Apachen gelebt haben.
Na und? gab der Junge zurück.
Und gar nichts, da fahren wir hin, zur Apacheria, wo die letzten freien Völker auf dem gesamten amerikanischen Kontinent gelebt haben, bevor sie sich den Bleichgesichtern ergeben mussten.
Was ist ein Bleichgesicht? fragte das Mädchen, das sich vermutlich ein schreckliches Wesen vorstellte.
So haben die Chiricahua die weißen Europäer und Amerikaner genannt.
Warum? wollte sie wissen, und auch ich war neugierig, doch der Junge schnappte sich die Zügel der Unterhaltung und lenkte sie in seine Richtung.
Aber warum Apachen, Pa?
Darum.
Darum was?
Weil sie die Letzten einer Epoche waren.
PRONOMEN
Es war entschieden. Wir würden bis zur Südostspitze von Arizona fahren, wo er bleiben würde, oder besser, wo er und der Junge für eine unbestimmte Zeit bleiben würden, das Mädchen und ich jedoch vermutlich nicht. Wir würden die ganze Strecke mit ihnen fahren und am Ende des Sommers zurückkehren. Ich würde die Tondokumentation über Flüchtlingskinder beenden und mir dann einen Job suchen müssen. Sie würde wieder zur Schule gehen. Ich konnte nicht einfach nach Arizona ziehen und alles hinter mir lassen, außer ich fand eine Möglichkeit oder einen Grund, meinem Mann in sein neues Abenteuer zu folgen, ohne meine eigenen Pläne und Projekte aufzugeben. Wobei mir nicht klar war, ob er abgesehen von diesem gemeinsamen Sommer überhaupt wollte, dass man ihm folgte.
Ich, er, wir, sie: Während wir die Bedingungen des Umzugs aushandelten, wechselten die Pronomen in unserer verwirrten Syntax ständig den Platz. Wir unterhielten uns jetzt zögerlicher über alles, selbst über Banalitäten, wir redeten auch leiser, als gingen wir mit unseren Zungen auf Zehenspitzen, wir waren vorsichtig, als hätten wir panische Angst, auf dem plötzlich sehr instabilen Boden unseres Familienterrains auszurutschen und zu fallen. Es gibt ein Gedicht von Anne Carson, es heißt »Zurückhaltendes Sonett«, das im Grunde auch nicht weiterhilft. Darin heißt es, Pronomen seien »Teil eines Systems, das mit Schatten streitet«, aber vielleicht meint sie auch, wir – Menschen, nicht Pronomen – seien »Teil eines Systems, das mit Schatten streitet«. Andererseits ist wir ein Pronomen, und sie beabsichtigt vielleicht diese Doppelbedeutung.
Jedenfalls wurde die Frage, wie die endgültige Stellung all unserer Pronomen letztlich unser Leben bestimmte, unser Schwerpunkt. Sie wurde der dunkle, stumme Kern, um den unsere Gedanken und Fragen kreisten.
Was machen wir, wenn wir in der Apacheria sind? fragte der Junge wiederholt in den folgenden Wochen.
Ja, was dann? fragte ich meinen Mann später, als wir ins Bett krochen.
Dann sehen wir weiter, sagte er.
Die Apacheria gibt es natürlich nicht mehr wirklich. Aber sie existierte im Kopf meines Mannes und in den Geschichtsbüchern des neunzehnten Jahrhunderts, und sie beschäftigte zunehmend die Fantasie der Kinder:
Gibt es da Pferde?
Gibt es da Pfeil und Bogen?
Haben wir Betten, Spielzeug, Essen, Feinde?
Wann fahren wir los?
Wir erklärten ihnen, dass wir am Tag nach dem zehnten Geburtstag des Jungen aufbrechen würden.
KOSMOLOGIEN
Während der letzten Tage in New York hatten wir plötzlich eine Ameisenplage in unserer Wohnung. Große schwarze Ameisen, geformt wie Achten, mit einem selbstmörderischen Hang zu Zucker. Wenn wir ein Glas mit etwas Süßem in der Küche stehen ließen, schwammen darin am nächsten Morgen zwanzig Ameisenleichen, ertrunken in ihrer eigenen Genusssucht. Sie erforschten Küchentheken, Schränke, die Spüle – alle üblichen Schlupfwinkel für Ameisen. Und dann krabbelten sie auf unsere Betten, unsere Nachttische und schließlich auf unsere Ellbogen und Hälse. Eines Abends war ich überzeugt, wenn ich lange genug still säße, könnte ich hören, wie sie in den Wänden herummarschierten und die unsichtbaren Adern unserer Wohnung übernahmen. Wir versuchten, jede Ritze zwischen Wand und Boden mit Klebeband abzudichten, aber nach wenigen Stunden löste es sich. Der Junge hatte die viel bessere Idee, die Ritzen mit Plastilin zu verkleben, und eine Zeit lang erfüllte es seinen Zweck, aber die Ameisen fanden bald wieder einen Weg in die Wohnung.
Eines Morgens ließ das Mädchen nach dem Duschen eine schmutzige Unterhose auf dem Badezimmerboden liegen, und als ich sie ein paar Stunden später aufhob, um sie in den Wäschekorb zu werfen, wimmelte sie von Ameisen. Ich sah darin einen groben Verstoß, ein schlechtes Zeichen. Der Junge fand das Ganze faszinierend, das Mädchen höchst amüsant. Beim Abendessen erzählten die Kinder den Vorfall ihrem Vater. Ich hätte gern gesagt, dass diese ominösen Ameisen nichts Gutes bedeuteten. Aber wie sollte ich meine Befürchtung erklären, ohne verrückt zu klingen? Also sagte ich nur zum Teil, was ich dachte:
Eine Katastrophe.
Mein Mann lauschte dem Bericht der Kinder, nickte, lächelte und erklärte ihnen dann, dass Ameisen in der Mythologie der Hopi als heilig galten. Ameisen-Menschen waren Götter, die Leute in der Oberwelt vor Katastrophen retteten, indem sie sie in die Unterwelt brachten, wo sie in Ruhe und Frieden lebten, bis die Gefahr vorüber war und sie wieder in die Oberwelt zurückkehren konnten.
Und vor welcher Katastrophe wollen uns die Ameisen hier retten? fragte der Junge.
Ich fand die Frage gut, unfreiwillig spitz vielleicht. Mein Mann räusperte sich, antwortete aber nicht. Dann fragte das Mädchen:
Was ist eine Katastrophe?
Etwas ganz Schlimmes, sagte der Junge.
Sie saß schweigend da, betrachtete hoch konzentriert ihren Teller und drückte mit ihrer Gabel den Reis platt. Dann blickte sie sehr ernst zu uns auf und gab einen merkwürdigen Wust von Ideen zum Besten, als wäre der Geist eines deutschen Hermeneutikers aus dem neunzehnten Jahrhundert in sie gefahren:
Die Ameisen, sie marschieren einfach herein, fressen meine Oberwelthöschen, sie bringen uns dahin, wo es keine Katastrophen gibt, nur schöne Trophäen und Popofreiheit.
In mancher Hinsicht sind Kinderworte die Rettung aus Familienkrisen, indem sie uns in ihre merkwürdig lichte Unterwelt führen, die vor unseren bürgerlichen Katastrophen sicher ist. Ich glaube, von diesem Tag an ließen wir unser Schweigen von den Stimmen unserer Kinder verdrängen. Wir ließen unsere Angst und Trauer um die Zukunft von ihrer Fantasie in eine Art erlösendes Delirium alchemisieren: Popofreiheit!
Unterhaltungen in Familien sind wie sprachliche Archäologie. Sie bilden unsere gemeinsame Welt ab, beschriften sie schichtweise wie ein Palimpsest und verleihen unserer Gegenwart und Zukunft Bedeutung. Die Frage ist, ob sich dann, wenn wir irgendwann unser persönliches Archiv öffnen und unser Familienband abspielen, eine Geschichte daraus ergibt. Eine Soundscape. Oder ob alles nur Bandsalat, Krach und Müll ist.
VORBEIGEHENDE FREMDE
In Walt Whitmans Gedicht »Grashalme« gibt es eine Stelle, die für meinen Mann und mich früher, als wir noch ein frisches Paar mit Plänen und Träumen von einer gemeinsamen Zukunft waren, eine Art Urtext oder Manifest darstellte. Es beginnt mit den Zeilen:
Fremdling, der du vorbeigehst! Du weißt nicht, wie sehnsüchtig ich nach dir blicke,
Du musst der sein, den ich suchte, oder die, die ich suchte (es kommt mir vor wie aus einem Traum).
Ich habe sicherlich irgendwo ein Leben der Freude mit dir gelebt,
Alles ist wieder wach, da wir aneinander vorbeihuschen, flüchtig, zärtlich, keusch, gereift.
Du wuchsest auf mit mir, warst Knabe mit mir oder Mädchen mit mir,
Ich aß mit dir und schlief mit dir …
Das Gedicht erklärte, so dachten wir jedenfalls, warum wir beschlossen hatten, unser Leben allein, aber zusammen dem Aufnehmen fremder Stimmen und Klänge zu widmen. Trotz der Flüchtigkeit der Begegnungen, oder vielleicht gerade deshalb, erfuhren wir beim Einfangen ihrer Stimmen, ihres Lachens, ihres Atems eine unglaubliche Intimität: Einen kurzen Moment lang nahmen wir am Leben dieser Fremden teil. Und im Gegensatz zum Filmen ermöglichte uns die Arbeit mit Ton den Zugang zu einer tieferen, unsichtbaren Schicht der menschlichen Seele, ähnlich einem Hydrografen, der die Lotung eines Gewässers durchführt, um die Tiefe eines Ozeans oder eines Sees zu kartografieren.
Das Gedicht endet mit einem Schwur an den vorbeigehenden Fremdling: »Ich will darauf achten, dass ich dich nicht verliere.« Es ist ein Versprechen der Beständigkeit: Dieser flüchtige, intime Augenblick zwischen dir und mir, zwei Fremden, wird eine Spur hinterlassen und für immer nachhallen. Bei einigen Fremden, die wir im Laufe der Jahre trafen und aufnahmen, haben wir dieses Versprechen in vielerlei Hinsicht gehalten – ihre Stimmen und Geschichten sind uns immer wieder präsent. Aber wir hätten uns nie vorgestellt, dass dieses Gedicht und besonders die letzte Zeile auch eine gewisse Warnung an uns war. Bei all dem Engagement und der Aufmerksamkeit, mit der wir die Nähe zu Fremden suchten und ihren Stimmen lauschten, wäre uns nie in den Sinn gekommen, dass zwischen uns beiden jemals Schweigen entstehen könnte. Uns wäre nie in den Sinn gekommen, dass wir uns irgendwann inmitten der Menge verlieren könnten.
STICHPROBEN & SCHWEIGEN
Nach all dem Sampeln und Mitschneiden besaßen wir ein volles Archiv mit Fragmenten von fremden Leben, doch von unserer Familie besaßen wir so gut wie nichts. Wir ließen die von uns geschaffene Welt hinter uns, und es gab fast keine Aufzeichnung, keine Soundscape von uns vieren, die unsere Veränderung im Laufe der Zeit dokumentiert hätte: das Radio frühmorgens, wenn der letzte Nachhall unserer Träume sich mit Nachrichten über Krisen, Entdeckungen, Epidemien und Schlechtwetter vermischte; die Kaffeemühle, die harte Bohnen zu Pulver mahlte; der Gasherd, aus dem Funken sprühend eine kreisrunde Flamme wuchs; das Gurgeln der Kaffeemaschine; die langen Duschen des Jungen und das beharrliche »Los, beeil dich, wir kommen zu spät« seines Vaters; die zögernden, fast philosophischen Gespräche zwischen uns und den beiden Kindern auf dem Weg zur Schule; die langsamen, vorsichtigen Schritte des Jungen durch lange Gänge, wenn er Unterricht schwänzte; das metallische Quietschen beim Anhalten der U-Bahnen und die fast schweigsamen Fahrten in Zugwaggons während unserer täglichen Pendelei zu Feldaufnahmen in Manhattan oder draußen in den Bezirken; das Summen der vollen Straßen, wo mein Mann mit seiner Tonangel vereinzelte Geräusche einfing, während ich mit dem Rekorder in der Hand die Flut fremder Stimmen, Akzente und Geschichten aufnahm; das Anreiben eines Streichholzes, das die Zigarette meines Mannes anzündete, und das lange tiefe Einsaugen des Rauchs beim ersten Zug, gefolgt von einem langsamen gelösten Ausatmen; das merkwürdige weiße Rauschen, das große Kindergruppen auf Spielplätzen produzieren – ein Wirbel aus hysterischem, chaotischem Geschrei –, und dazwischen die herrlich klaren Stimmen unserer beiden Kinder; die unheimliche Stille, die sich nach Einbruch der Dunkelheit über Grünanlagen senkt; das Rascheln und Knistern von trockenen Laubhaufen im Park, wo das Mädchen nach Würmern, nach Schätzen, nach was immer man finden kann gräbt, was meistens nichts ist, weil darunter nur Zigarettenkippen, versteinerte Hundehaufen und kleine, hoffentlich leere Ziplockbeutel sind; das Flattern unserer Mäntel bei Nordwind im Winter; unsere angestrengt strampelnden Füße auf rostigen Fahrrädern entlang des Flusswegs im Frühling; unser schweres Keuchen beim Einatmen der schädlichen Dämpfe aus dem grauen Flusswasser, und die stummen, ätzenden Schwingungen von übereifrigen Joggern und vereinzelten Kanadagänsen, die regelmäßig den Migrationszug ihrer Gefährten verpassen; die Schimpfsalven von Radprofis, alle in voller Montur, männlich und mittleren Alters: »Platz da!« und »Schau nach links!«; und als Antwort unser entweder leise gemurmeltes: »Sorry Sir, sorry Sir« oder laut zurückgerufene, tief empfundene Beleidigungen – leider immer verkürzt oder erstickt im rauschenden Wind; und schließlich die leisen Momente, die wir allein verbrachten, in denen jeder von uns Bruchstücke der Welt auf die bestmögliche Weise sammelte. Der Sound von allem und jedem in unserer Umgebung, der Lärm, den wir beitrugen, und die Stille, die wir zurücklassen.
ZUKUNFT
Und dann wurde der Junge zehn. Wir führten ihn in ein gutes Restaurant aus, überreichten ihm seine Geschenke (kein Spielzeug). Ich schenkte ihm eine Polaroidkamera und mehrere Schachteln Film, schwarz-weiß und Farbe. Sein Vater schenkte ihm Ausrüstung für die Reise: ein Schweizer Armeemesser, ein Fernglas, eine Taschenlampe und einen kleinen Kompass. Auf seinen Wunsch wichen wir von der geplanten Route ab und verbrachten den nächsten Tag – unseren ersten Reisetag – im National Aquarium von Baltimore. Dort lebte Calypso, die zweihundertfünfundzwanzig Kilo schwere Schildkröte mit der fehlenden Vorderflosse, von der er nach einem Schulprojekt völlig besessen war.
An diesem Abend packte mein Mann nach dem Essen seinen Koffer, ich packte meinen, und die Kinder durften ihre packen. Als sie schliefen, packte ich für sie um. Sie hatten die verrücktesten Sachen ausgewählt. Ihre Koffer waren tragbare Katastrophen à la Duchamp: Minikleidung für eine Familie von Minibären, ein kaputtes Laserschwert, eine einsame Inliner-Rolle, Ziplockbeutel mit allen möglichen winzigen Plastikteilen. Ich ersetzte alles durch richtige Hosen, richtige Kleider, richtige Unterwäsche, richtiges Sonstwas. Dann stellten mein Mann und ich die vier Koffer in einer Reihe neben die Tür, plus unsere sieben Schachteln und unsere Arbeitsutensilien.
Als wir fertig waren, saßen wir im Wohnzimmer und teilten uns schweigend eine Zigarette. Ich hatte ein junges Paar gefunden, an das wir die Wohnung zumindest für den nächsten Monat untervermieteten, und irgendwie gehörte sie ihm schon jetzt mehr als uns. In meinem müden Kopf dachte ich nur an die vielen Umzüge, die diesem vorangegangen waren: als wir vor vier Jahren zu viert eingezogen waren; die vielen Umzüge meines Mannes und meine davor; die Umzüge von Hunderten von Menschen und Familien, die wir für das Soundscape-Projekt interviewt und mitgeschnitten hatten; die der Flüchtlingskinder, deren Geschichte ich nun dokumentieren wollte; und die der letzten Chiricahua-Apachen, deren Geistern mein Mann bald hinterherjagen würde. Alle gehen weg, wenn sie müssen oder können oder gezwungen werden.
Am nächsten Tag nach dem Frühstück wuschen wir das letzte Geschirr ab, und dann gingen auch wir.
SCHACHTEL I
§ VIER NOTIZBÜCHER (20 × 15 cm)
»Über Sammeln«
»Über Archivieren«
»Über Inventarisieren«
»Über Katalogisieren«
§ ZEHN BÜCHER
Das Museum der bedingungslosen Kapitulation, Dubravka Ugrešić
Wiedergeboren, 1947–1963, Susan Sontag
Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke, 1964–1980, Susan Sontag
The Collected Works of Billy the Kid, Michael Ondaatje
Relocated: Twenty Sculptures by Isamu Noguchi from Japan, Isamu Noguchi, Thomas Messer und Bonnie Rychlak
Rundfunkarbeiten, Walter Benjamin
Tagebuch der Falschmünzer, André Gide
Dada aus dem Koffer. Die verkürzte Geschichte der tragbaren Literatur, Enrique Vila-Matas
Perpetual Inventory, Rosalind E. Krauss
The Collected Poems of Emily Dickinson
§ ORDNER (FAKSIMILE-KOPIEN, ZEITUNGSAUSSCHNITTE, FRAGMENTE)
Die Ordnung der Klänge, R. Murray Schafer
Grafische Darstellung von Walgesängen (in Schafer)
Smithsonian Folkways Recordings World of Sound Catalog #1
»Uncanny Soundscapes: Towards an Inoperative Acoustic Community«, Iain Foreman, Organised Sound 16 (03)
»Voices from the Past: Compositional Approaches to Using Recorded Speech«, by Cathy Lane, Organised Sound 11 (01)
WEGE & WURZELN
Buscar las raíces no más que una forma
subterránea de andarse por las ramas.
(Die Suche nach den Wurzeln ist nur der latente Versuch, das eigentliche Thema zu umgehen.)
JOSÉ BERGAMÍN
Wenn du dich unterwegs verirrst
Läufst du ins Ungewisse
FRANK STANFORD
SARGASSOSEE
Es ist nach Mittag, als wir schließlich das Aquarium in Baltimore erreichen. Der Junge führt uns durch die Menge direkt zum Hauptbecken, wo die Riesenschildkröte ist. Wir müssen stehen bleiben und zusehen, wie das traurige, schöne Tier pausenlos durch sein Wasserrevier paddelt und dabei an die Seele einer schwangeren Frau erinnert – ruhelos, unpässlich, gefangen in der Zeit. Nach ein paar Minuten fällt dem Mädchen die fehlende Flosse auf:
Wo ist ihr anderer Arm? fragt sie entsetzt ihren Bruder.
Diese Schildkröten brauchen nur eine Flosse, darum haben sie im Lauf der Zeit nur eine entwickelt, und das nennt man Darwinismus, erklärt er.
Wir sind nicht sicher, ob seine Antwort ein Zeichen von plötzlicher Reife ist, die seine Schwester vor der Wahrheit schützen soll, oder ein falsches Verständnis der Evolutionstheorie. Wahrscheinlich Letzteres. Wir lassen es so stehen. Der Wandtext, den wir alle lesen können, nur das Mädchen nicht, liefert die Erklärung, dass die Schildkröte ihre Flosse im Long Island Sound verlor, wo sie vor elf Jahren gerettet wurde.
Elf: Mein Alter plus eins! sagt der Junge mit heller Begeisterung, die er normalerweise unterdrückt.
Während ich dastehe und die gewaltige Schildkröte beobachte, fällt es mir schwer, sie nicht als Metapher für etwas zu sehen. Doch bevor ich herausfinde, wofür, fängt der Junge an, uns zu aufzuklären. Schildkröten wie Calypso, sagt er, werden an der Ostküste geboren und schwimmen sofort in den Atlantik hinaus, ganz allein. Manchmal kehren sie erst nach zehn Jahren in Küstengewässer zurück. Die Schlüpflinge beginnen ihre Reise im Osten und werden mit den warmen Strömungen des Golfstroms ins Tiefe getragen. Irgendwann erreichen sie die Sargassosee, deren Name, so der Junge, von den enormen Mengen der Sargassum-Alge stammt, die dort fast bewegungslos umhertreiben, gefangen von Strömungen, die sich im Uhrzeigersinn drehen.
Das Wort Sargasso ist mir nicht unbekannt, aber ich wusste nie, was es bedeutet. In einem Gedicht von Ezra Pound, an dessen Titel ich mich nicht erinnere, heißt es in einer Zeile, aus der ich nie so recht schlau wurde: »Dein Verstand und du sind unsere Sargassosee.« Während der Junge über die Schildkröte und ihre Reise in die Gewässer des Nordatlantiks weiterdoziert, gerate ich ins Grübeln. Dachte Pound bei dieser Zeile an Unfruchtbarkeit? Dachte er an Verschwendung? Steht das Bild für ein Schiff, das durch Jahrhunderte von Müll fährt? Oder geht es nur um den menschlichen Geist, der in sinnlos kreisenden Gedanken gefangen ist, unfähig, sich jemals von destruktiven Mustern zu lösen?
Bevor wir das Aquarium verlassen, will der Junge sein erstes Polaroid-Bild machen. Sein Vater und ich müssen uns vor das Hauptbecken stellen, mit dem Rücken zur Schildkröte. Er hält seine neue Kamera fest. Das Mädchen steht neben ihm – sie hält eine unsichtbare Kamera –, und während wir erstarren und sie verlegen anlächeln, betrachten sie uns, als wären wir die Kinder und sie die Eltern:
Sagt cheese.
Wir grinsen und sagen:
Cheese.
Cheese.
Aber das Bild kommt cremeweiß heraus, als zeige es unsere Zukunft und nicht die Gegenwart. Oder vielleicht ist es kein Bild unserer greifbaren Körper, sondern unserer Gedanken, die sich verloren im Kreis drehen – und fragen warum, denken wohin, sagen was jetzt?
LANDKARTEN
Hätten wir unser Leben in der Stadt festgehalten und eine Karte der täglichen Wege und Abläufe gezeichnet, dann sähe sie völlig anders aus als die Straßenkarte, der wir jetzt durch dieses weite Land folgen. Unser Alltag in der Stadt zog Linien, die sich nach außen verzweigten – Schule, Arbeit, Einkaufen, Termine, Treffen, Buchladen, Deli, Notar, Arztpraxis –, aber diese Linien verliefen immer im Kreis und kehrten am Ende des Tages zu einem einzigen Punkt zurück. Dieser Punkt war die Wohnung, in der wir vier Jahre zusammengelebt hatten. Ein kleiner, aber lichter Raum, in dem wir eine Familie geworden waren. Der Mittelpunkt, den wir jetzt plötzlich verloren hatten.
Obwohl wir im Auto nah beisammensitzen, sind wir vier unverbundene Punkte – jeder auf seinem Platz, in eigene Gedanken versunken, beschäftigt mit unterschiedlichen Stimmungen und unausgesprochenen Ängsten. Auf dem Beifahrersitz studiere ich mit einem Bleistift in der Hand die Karte. Ein Netz von Autobahnen und Straßen überzieht das gewaltige, mehrfach gefaltete Stück Papier (es ist eine Karte vom ganzen Land, zu groß, um sie im Auto auszubreiten). Ich folge langen Linien, rot, gelb, oder schwarz, zu schönen Namen wie Memphis, zu unpassenden Namen wie Truth or Consequences oder Shakespeare, zu alten Namen, die durch neue Mythologien mittlerweile neue Bedeutung erlangt haben: Arizona, Apachen, Cochise Stronghold. Und wenn ich von der Karte aufblicke, sehe ich vor mir die lange gerade Straße, die uns in eine ungewisse Zukunft führt.
AKUSTEMOLOGIE
Klang und Raum sind auf eine weitaus tiefere Weise miteinander verbunden, als wir gewöhnlich annehmen. Wir erkennen, verstehen und fühlen unseren Weg im Raum durch Töne und Klänge – die offensichtliche Verbindung zwischen beidem –, aber wir erfahren Raum auch durch die vorhandenen Neben- und Hintergrundgeräusche. Für uns als Familie war es immer das Radio, das den dreifachen Übergang vom Schlaf, in dem jeder allein war, zu unserem engen Beisammensein am frühen Morgen und schließlich zur weiten Welt außerhalb unseres Heims darstellte. Den Klang des Radios kennen wir besser als alles andere. Es war das Erste, was wir jeden Morgen in unserer Wohnung in New York hörten, wenn mein Mann aufstand und es einschaltete. Wir hörten seinen Klang, der irgendwo tief in unseren Kissen oder in unseren Gedanken nachhallte, standen auf und gingen langsam in die Küche. Dann wurde der Morgen von Meinungen, Dringlichkeit, Fakten und dem Geruch von Kaffeebohnen erfüllt, während wir alle am Tisch saßen und sagten:
Gib mir die Milch.
Hier ist das Salz.
Danke.
Hast du das eben gehört?
Schreckliche Nachrichten.
Wenn wir jetzt im Auto durch dichter besiedelte Gegenden fahren, suchen wir eine Radiofrequenz und schalten ein. Bei jeder Nachricht über die Lage an der Grenze drehe ich lauter und wir hören zu: Hunderte Kinder kommen jeden Tag allein an, Tausende jede Woche. Die Ansager sprechen von einer Einwanderungskrise. Einen Massenzustrom von Kindern, nennen sie es, eine plötzliche Welle. Sie besitzen keine Papiere, sind Illegale, Fremde, sagen einige. Sie sind Flüchtlinge, haben einen Rechtsanspruch auf Schutz, argumentieren andere. Laut diesem Gesetz steht ihnen Schutz zu; ein anderer Zusatz spricht ihnen diesen Schutz ab. Der Kongress ist gespalten, die öffentliche Meinung ebenfalls, die Presse blüht bei diesem Überschuss von Kontroversen förmlich auf, Non-Profit-Organisationen machen Überstunden. Jeder hat eine Meinung zu dem Thema; niemand kann sich auf etwas einigen.
VORAHNUNG, DIESER LANGE SCHATTEN
Wir beschließen, heute und an den folgenden Tagen nur bis Einbruch der Dunkelheit zu fahren. Nicht länger. Sobald das Licht schwindet, werden die Kinder schwierig. Sie spüren das Ende des Tages, und die Vorahnung längerer Schatten, die sich über die Welt senken, verändert ihre Stimmung, drängt ihre weicheren Tagespersönlichkeiten in den Hintergrund. Der Junge, normalerweise so sanftmütig, wird launisch und gereizt; das Mädchen, immer begeistert und vor Leben strotzend, wird anstrengend und leicht melancholisch.
JUKEBOXES & SÄRGE
Die Stadt in Virginia heißt Front Royal. Die Sonne geht unter, und in der Tankstelle, wo wir angehalten haben, um den Tank aufzufüllen, läuft in voller Lautstärke irgendein weißer reaktionärer Song. Die Kassiererin bekreuzigt sich rasch und vermeidet Augenkontakt, als wir 66,60 Dollar zahlen müssen. Eigentlich hatten wir vor, ein Restaurant oder Diner zu suchen, doch nach diesem Stopp wollen wir lieber unbemerkt weiterfahren. Keine zwei Kilometer von der Tankstelle entfernt entdecken wir ein Motel 6 und biegen auf den Parkplatz ein. Bezahlt wird im Voraus, in der Rezeption gibt es durchgehend Kaffee, und ein langer, kalter Flur führt zu unserem Zimmer. Wir haben nur das Nötigste aus dem Kofferraum mitgenommen. Beim Öffnen der Tür empfängt uns ein Zimmer, dessen Licht selbst einen seelenlosen Raum wie diesen in eine schöne Kindheitserinnerung verwandelt: blumenbedruckte, fest unter die Matratze gezurrte Bettlaken, durch einen Spalt der grünen Samtvorhänge fällt ein Sonnenstrahl, in dem Staubpartikel schweben.
Die Kinder nehmen das Zimmer sofort in Beschlag, springen zwischen den beiden Betten hin und her, schalten den Fernseher ein und wieder aus, trinken Wasser aus der Leitung. Zum Abendessen gibt es trockenes Müsli aus der Schachtel, das wir uns auf der Bettkante sitzend schmecken lassen. Als wir fertig sind, wollen die Kinder ein Bad nehmen. Ich lasse die Wanne halb volllaufen, dann gehe ich nach draußen zu meinem Mann und lasse die Tür einen Spaltbreit offen, falls eines der Kinder nach uns ruft. Bei den vielen kleinen Verrichtungen im Bad brauchen sie oft Hilfe. Zumindest was Waschgewohnheiten angeht, empfinde ich Elternschaft manchmal wie das Lehren einer ausgestorbenen, komplizierten Religion. Sie beruhen eher auf Ritualen als auf logischen Prinzipien, auf Glauben als auf Vernunft: dreh den Deckel von der Zahnpastatube so ab, dann drückst du von unten; nimm nur ein paar Blatt Toilettenpapier, dann faltest du es entweder so oder du zerknüllst es vor dem Abwischen; gib das Shampoo erst auf die Hand, nicht direkt auf den Kopf; zieh den Stöpsel erst aus der Wanne, wenn du rausgestiegen bist.
Mein Mann hat seine Aufnahmegeräte bei sich und sitzt mit hochgehaltener Tonangel neben unserer Zimmertür. Ich setze mich leise zu ihm, um ihn nicht zu stören. Mit dem Rücken an der Wand sitzen wir im Schneidersitz auf dem Steinboden. Wir öffnen Bierdosen und drehen Zigaretten. Im Zimmer nebenan bellt ununterbrochen ein Hund. Vier Türen weiter erscheint ein Mann mit seiner jugendlichen Tochter. Er ist kräftig und geht behäbig; sie hat Spargelbeine, trägt nur einen Badeanzug und eine offene Jacke. Sie gehen zu einem vor der Tür geparkten Pick-up und steigen ein. Als der Motor röhrt, hört der Hund auf zu bellen, um dann noch ängstlicher wieder anzufangen. Ich nippe an meinem Bier und sehe zu, wie der Pick-up wegfährt. Das Bild dieser beiden Fremden – Vater, Tochter, keine Mutter –, die in einen Pick-up steigen und vermutlich in ein Schwimmbad in einer nahe gelegenen Stadt fahren, erinnert mich an einen Satz, den Jack Kerouac mal über Amerikaner sagte: Wenn man sie gesehen hat, »weiß man nicht mehr, was trauriger ist, eine Jukebox oder ein Sarg«. Vielleicht war es auch nur Kerouacs Kommentar über die Fotos in Robert Franks Buch The Americans und nicht über Amerikaner im Allgemeinen. Mein Mann schneidet noch ein paar Minuten lang das Hundegebell mit, bis wir, von den Kindern gerufen – sie brauchen dringend Hilfe bei Zahnpasta und Handtüchern –, zurück ins Zimmer gehen.
KONTROLLPUNKT
Da ich weiß, dass ich nicht schlafen kann, gehe ich, als die Kinder endlich im Bett liegen, durch den langen Flur nach draußen zum Auto und öffne den Kofferraum. Ich stehe vor unserem tragbaren Chaos und betrachte es, als läse ich ein Inhaltsverzeichnis, um zu entscheiden, welche Seite ich aufschlagen soll.
Auf der linken Seite des Kofferraums sind ordentlich gestapelt unsere Schachteln, fünf enthalten unser Archiv – wobei unser Chaos ein Archiv zu nennen optimistisch ist –, plus die beiden leeren Schachteln für das künftige Archiv der Kinder. Ich werfe einen Blick in die Schachteln I und II meines Mannes. Einige Bücher gehen ums Dokumentieren oder um Archivführung und -nutzung während des Dokumentationsprozesses, dann ein paar Fotobände. In Schachtel II entdecke ich Sally Manns Unmittelbare Familie. Ich setze mich auf den Randstein und blättere es durch. Ich mochte immer ihre Sicht auf Kinder und was sie mit Kindheit verbindet: Kotze, blaue Flecken, Nacktheit, nasse Betten, trotzige Blicke, Verwirrung, Unschuld, ungebändigte Wildheit. Mir gefällt außerdem die Spannung in ihren Bildern, eine Spannung zwischen Dokument und Erfindung, zwischen dem Einfangen eines einmaligen flüchtigen Augenblicks und einem inszenierten Augenblick. Irgendwo schrieb sie, dass Fotos ihre eigenen Erinnerungen schaffen und die Vergangenheit ersetzen. Ihre Bilder zeigen nicht die Sehnsucht nach dem flüchtigen Moment, der zufällig mit der Kamera eingefangen wird. Sie sind vielmehr ein Geständnis: Dieser eingefangene Augenblick ist nicht durch Zufall entstanden, es ist ein aus einer ganzen Bandbreite von Erfahrungen entnommener und erhaltener Augenblick.
Mir geht durch den Sinn, dass ein gelegentliches unbeobachtetes Herumschnüffeln in den Schachteln meines Mannes und das Abhören seines Tonarchivs mir vielleicht einen Hinweis geben, wie ich meine eigene Geschichte aufbauen und welche Form ich ihr geben könnte. Ein Archiv ist etwas Ähnliches wie ein Tal, das die eigenen Gedanken in veränderter Form zurückwerfen kann. Man flüstert Ahnungen und Gedanken ins Leere und hofft, eine Antwort zu erhalten. Und wenn man schließlich den richtigen Ton getroffen und die richtige Oberfläche gefunden hat, kommt manchmal, nur manchmal, tatsächlich ein Echo zurück, ein echter, klarer Nachhall.
Der Inhalt der dritten Schachtel kommt mir auf den ersten Blick wie eine sehr männliche Zusammenstellung von Büchern zum Thema »auf Reisen gehen« vor, denn in allen wird erobert und kolonisiert: Herz der Finsternis, Die Cantos, Das wüste Land, Herr der Fliegen, Unterwegs, 2666, die Bibel. Des Weiteren finde ich ein kleines weißes Buch – die Fahnen eines Romans von Nathalie Léger, Untitled for Barbara Loden. Es wirkt ein bisschen deplatziert, eingezwängt und stumm, deshalb nehme ich es heraus und gehe zurück ins Zimmer.
ARCHIV
In ihren Betten klingen sie alle warm und verletzlich, wie ein Rudel schlafender Wölfe. Ich erkenne jeden an der Art seines Atmens: mein Mann neben mir, die beiden Kinder nebeneinander im benachbarten Doppelbett. Am leichtesten ist das Mädchen herauszuhören, das fast schnurrt, während es ungleichmäßig am Daumen lutscht.
Ich liege im Bett und lausche ihnen. Im Zimmer ist es dunkel, das Licht vom Parkplatz umrahmt die Vorhänge mit einem whiskeygelben Schimmer. Auf dem Highway ist kein Verkehr. Wenn ich die Augen schließe, vermischen sich beunruhigende Bilder und Gedanken in meinen Augenhöhlen und ergießen sich in mein Gehirn. Mit offenen Augen versuche ich mir die Augen meines schlafenden Stamms vorzustellen. Die des Jungen sind haselnussbraun, meist verträumt und mit sanftem Blick, können aber plötzlich vor Freude oder Wut auflodern wie die meteorischen Augen von Seelen, zu groß und zu wild, um gelassen zu sein – »gelassen in die gute Nacht«. Die Augen des Mädchens sind schwarz und riesig. Wenn sie weint, werden die Ränder sofort rot. Ihre plötzlichen Stimmungsschwankungen spiegeln sich unübersehbar darin wider. Als Kind war es bei mir genauso. Heute sind meine Augen vermutlich fester, unnachgiebiger und doppeldeutiger, wenn meine Stimmung schwankt. Die Augen meines Mannes sind grau, schräg und oft unruhig. Beim Autofahren blickt er mit gerunzelter Stirn auf die Straße, als lese er ein schwieriges Buch. Dieselbe Miene setzt er bei der Arbeit auf. Ich weiß nicht, was er sieht, wenn er mir in die Augen blickt; in letzter Zeit kommt es nicht mehr oft vor.
Ich schalte die Nachttischlampe ein, lese den Roman von Nathalie Léger und unterstreiche Stellen bis tief in die Nacht:
»Gewalt, ja, aber die annehmbare Seite der Gewalt, die Art von banaler Grausamkeit, wie sie in der Familie stattfindet«
»das Summen des normalen Lebens«
»die Geschichte einer Frau, die etwas Wichtiges verloren hat, aber nicht genau weiß, was«
»eine Frau auf der Flucht oder im Untergrund, die ihren Schmerz und ihre Ablehnung verbirgt und etwas vortäuscht, um sich befreien zu können«
Ich lese immer noch, als der Junge vor Sonnenaufgang am nächsten Morgen aufwacht. Seine Schwester und sein Vater schlafen noch. Ich habe die ganze Nacht kaum geschlafen. Er tut so, als wäre er schon ewig wach oder als wäre er nie eingeschlafen und wir hätten uns zwischenzeitlich unterhalten, stützt sich auf und fragt mit lauter, klarer Stimme, was ich lese.
Ein französisches Buch, flüstere ich.
Wovon handelt es?
Eigentlich von nichts. Es geht um eine Frau, die etwas sucht.
Und was sucht sie?
Das weiß ich noch nicht; sie weiß es auch nicht.
Sind die alle so?
Wie meinst du das?
Die französischen Bücher, die du liest, sind die alle so?
Wie so?
Wie das, weiß und klein, ohne Bilder auf dem Cover.
GPS
An diesem Vormittag fahren wir durch das Shenandoah Valley, eine mir unbekannte Gegend, die mir jedoch erst gestern Abend – in kleinen Splittern und geborgten Erinnerungen – in Sally Manns Fotos begegnet ist, die sie in diesem Tal aufnahm.
Um die Kinder zu beruhigen und die elend langen Stunden auf den Straßen in die Berge zu füllen, erzählt mein Mann Geschichten über den alten amerikanischen Südwesten. Er erzählt von den Strategien, die Häuptling Cochise anwandte, um sich vor seinen Feinden in den Dragoon und Chiricahua Mountains zu verstecken, und dass er noch nach seinem Tod zurückkam, um sie heimzusuchen. Es hieß, dass man ihn selbst heute noch bei den Dos Cabezas Peaks sichte. Die Kinder hören noch aufmerksamer zu, als ihr Vater vom Leben Geronimos erzählt. Seine Worte bringen uns die Zeit näher, halten sie im Auto fest, sie erstreckt sich nicht mehr vor uns wie ein unerreichbares Ziel. Er hat ihre volle Aufmerksamkeit, und auch ich höre zu: Geronimo war der letzte Mann in Nord-. Mittel- und Südamerika, der sich den Bleichgesichtern ergab. Er wurde Medizinmann. Eigentlich war er gebürtiger Mexikaner, aber er hasste Mexikaner, die von den Apachen nakaiye genannt wurden, »jene, die kommen und gehen«. Mexikanische Soldaten hatten seine drei Kinder, seine Mutter und seine Frau getötet. Er lernte nie Englisch. Für Häuptling Cochise trat er als Dolmetscher zwischen Apachen und Spaniern auf. Geronimo war eine Art heiliger Hieronymus, sagt mein Mann.
Wieso heiliger Hieronymus? frage ich.
Er rückt seine Mütze zurecht und erklärt in langatmiger professoraler Detailverliebtheit, dass der heilige Hieronymus die Bibel ins Lateinische übersetzte, bis ich das Interesse verliere, die Kinder einschlafen und wir beide verstummen, abgelenkt von den plötzlichen Anforderungen des Verkehrs: Autobahnkreuze, Geschwindigkeitskontrollen, Bauarbeiten, gefährliche Kurven, eine Zahlstelle – hast du Kleingeld und reich mir den Kaffee.
Wir folgen einer Karte. Entgegen allen Empfehlungen beschlossen wir, kein GPS zu benutzen. Ich habe eine gute Freundin, deren Vater bis zu seinem siebzigsten Lebensjahr unglücklich in einer Firma gearbeitet und dann genügend gespart hatte, um seiner wahren Leidenschaft zu folgen und sein eigenes Geschäft zu gründen. Einen Verlag, The New Frontier, der Tausende wunderschöner kleiner Seekarten herstellte, gewissenhaft und liebevoll zugeschnitten auf die Schifffahrt im Mittelmeer. Sechs Monate nach der Gründung seines Verlags wurde das GPS erfunden. Und das war’s: ein ganzes Leben futsch. Als meine Freundin mir die Geschichte erzählte, schwor ich, nie ein GPS zu benutzen. Deshalb verfahren wir uns natürlich oft, besonders wenn wir eine Stadt verlassen wollen. Gerade stellen wir fest, dass wir fast eine Stunde lang im Kreis gefahren und wieder in Front Royal gelandet sind.
STOPP
Auf einer Straße namens Happy Creek werden wir von einer Polizeistreife angehalten. Mein Mann schaltet den Motor aus, nimmt seine Mütze ab, rollt sein Fenster herunter und lächelt der Polizistin zu. Sie will Fahrerlaubnis, Zulassung und Versicherungsschein sehen. Auf dem Beifahrersitz murmele ich missmutig vor mich hin, unfähig, meine tief sitzende, unreife Reaktion auf jede Form von Maßregelung seitens einer Autoritätsperson zu zügeln. Wie ein Teenager beim Abwasch greife ich schwerfällig und genervt ins Handschuhfach, hole die verlangten Papiere heraus und klatsche sie meinem Mann in die Hand. Er wiederum überreicht sie ihr feierlich, als kredenze er ihr heißen Tee in einer Porzellantasse. Sie erklärt, wir seien angehalten worden, weil wir bei dem Stoppschild nicht richtig angehalten haben. Sie zeigt darauf – ein knallrotes achteckiges Ding, das eindeutig die Kreuzung Happy Creek Road und Dismal Hollow Road markiert und eine sehr schlichte Anweisung gibt: »Stopp.« Erst jetzt sehe ich die andere Straße, Dismal Hollow Road; der Name steht in schwarzen Großbuchstaben auf dem weißen Aluminiumschild, eine treffende Bezeichnung für den Ort, den er kennzeichnet. Mein Mann nickt immer wieder, sagt, tut mir leid, und wieder, tut mir leid. Die inzwischen von unserer Unschuld überzeugte Polizistin gibt die Papiere zurück, doch bevor wir weiterfahren dürfen, stellt sie noch eine Frage:
Und wie alt sind diese hübschen Kinder, Gott schütze sie?
Neun und fünf, antwortet mein Mann.
Zehn! verbessert ihn der Junge von hinten.
Sorry, sorry, sorry, klar, zehn und fünf.
Ich weiß, das Mädchen möchte auch etwas sagen und sich irgendwie einmischen, dazu muss ich sie gar nicht ansehen. Wahrscheinlich möchte sie erklären, dass sie bald sechs ist und nicht mehr fünf. Aber sie öffnet nicht mal den Mund. Wie mein Mann und im Gegensatz zu mir, hat sie eine lähmende, angeborene Angst vor Autoritätspersonen, eine Angst, die sich bei beiden in Form von großem Respekt bis hin zur Unterwürfigkeit zeigt. Bei mir äußert sich dieser Instinkt als trotziger Widerwille, einen Fehler einzugestehen. Mein Mann weiß das und sorgt deshalb dafür, dass ich in brenzligen Situationen den Mund halte.
Sir, sagt die Polizistin jetzt, wir in Virginia sorgen für unsere Kinder. Jedes Kind unter sieben Jahren braucht einen richtigen Kindersitz. Zur Sicherheit des Kindes, Gott möge das Mädchen schützen.
Sieben, Ma’am? Nicht fünf?
Sieben, Sir.
Tut mir leid, Officer, wirklich. Ich – wir – hatten keine Ahnung. Wo können wir hier in der Gegend einen Kindersitz kaufen?
Entgegen meinen Erwartungen lässt sie seinen zugestandenen Fehler im Raum stehen und benutzt seine Niederlage nicht, ihre eigene Macht mit der Verhängung eines Bußgelds auszuspielen. Stattdessen öffnet sie ihre hellrosa geschminkten Lippen und lächelt. Eigentlich ein schönes Lächeln – scheu, aber auch offenherzig. Sie gibt uns eine äußerst detaillierte Wegbeschreibung zu einem Geschäft, ändert dann ihren Tonfall und erklärt uns, welchen Kindersitz genau wir kaufen sollen: Am besten sind die ohne Rückenlehne, und wir sollen darauf achten, dass die Gurtschnallen aus Metall und nicht aus Plastik sind. Am Ende jedoch kann ich meinen Mann überzeugen, nicht anzuhalten, um den Kindersitz zu kaufen. Als Gegenleistung verspreche ich, nur dieses eine Mal den Google Maps GPS zu benutzen, damit wir aus dieser labyrinthischen Stadt hinaus und wieder auf die Straße kommen.
LANDKARTE
Wir fahren weiter Richtung Südwesten und hören die Nachrichten im Radio, Nachrichten über die vielen Kinder unterwegs in den Norden. Sie reisen allein, auf Zügen und zu Fuß. Sie reisen ohne ihre Väter und Mütter, ohne Koffer, ohne Pässe. Und immer ohne Landkarte. Sie müssen Staatsgrenzen und Flüsse überqueren, Wüsten und Schrecken durchstehen. Und wenn sie endlich ankommen, sagt man ihnen, sie sollen warten, und lässt sie im Ungewissen.
Hast du eigentlich was von Manuela und ihren zwei Mädchen gehört? fragt mein Mann.
Ich verneine, nichts. Als ich das letzte Mal von ihr hörte, kurz vor unserer Abreise aus New York, waren ihre Mädchen noch immer in einer Unterkunft in New Mexico und warteten auf die gesetzliche Erlaubnis, zu ihrer Mutter geschickt zu werden, oder auf den endgültigen Abschiebungsbescheid. Ich habe mehrmals versucht, sie anzurufen, aber sie geht nicht ran. Wahrscheinlich wartet sie immer noch auf eine Nachricht, was mit ihren Töchtern geschieht, und hofft, dass man ihnen Flüchtlingsstatus gewährt.
Was bedeutet »Flüchtling«, Mama? fragt das Mädchen von hinten.
Ich suche nach möglichen Antworten. Ich nehme an, jemand, der flüchtet, ist noch kein Flüchtling. Ein Flüchtling ist jemand, der schon irgendwo angekommen ist, in einem fremden Land, aber noch unbestimmte Zeit warten muss, bevor er tatsächlich ganz angekommen ist. Flüchtlinge warten in Untersuchungsgefängnissen, Notunterkünften oder Lagern; in Bundeshaft und unter der Aufsicht von bewaffneten Männern. Sie warten in langen Schlangen auf Essen, auf ein Bett zum Schlafen, warten mit erhobenen Händen, um zu fragen, ob sie die Toilette benutzen dürfen. Sie warten darauf, dass man sie freilässt, auf einen Telefonanruf, auf jemanden, der nach ihnen fragt oder sie abholt. Und dann gibt es Flüchtlinge, die das große Glück haben, endlich wieder mit ihren Familien vereint zu sein und in einem neuen Zuhause zu leben. Aber selbst die müssen weiter warten. Sie warten auf die Mitteilung, vor Gericht zu erscheinen, auf den Gerichtsentscheid, ob sie abgeschoben werden oder ob man ihnen Asyl gewährt, auf die Nachricht, wo sie am Ende leben werden und unter welchen Umständen. Sie warten darauf, dass eine Schule sie aufnimmt, dass sich ihnen eine Arbeitsmöglichkeit bietet, dass ein Arzt sie untersucht. Sie warten auf Visa, Dokumente, Erlaubnis. Sie warten auf einen Hinweis, auf Anordnungen, und dann warten sie weiter. Sie warten auf die Wiederherstellung ihrer Würde.
Was heißt es, ein Flüchtling zu sein? Wahrscheinlich könnte ich dem Mädchen antworten:
Ein Flüchtlingskind ist jemand, der wartet.
Stattdessen lautet meine Antwort, dass ein Flüchtling jemand ist, der ein neues Zuhause suchen muss. Dann suche ich, um die Unterhaltung etwas abzumildern und sie von alldem abzulenken, nach einer Playlist und drücke die Zufallswiedergabe. Und als würde eine Strömung über uns hinwegspülen, wird augenblicklich alles in eine unbeschwertere Wirklichkeit zurückgeschoben oder zumindest in eine überschaubarere Unwirklichkeit:
Von wem ist dieser Fa-fa-fa-fa-fa-Song? fragt das Mädchen.
Talking Heads.
Haben die auch Haare?
Ja, klar.
Lange oder kurze?
Kurze.
Unser Tank ist fast leer. Wir müssen einen Umweg fahren und eine Stadt suchen, sagt mein Mann, in der es eine Tankstelle gibt. Ich hole die Karte aus dem Handschuhfach und studiere sie.
GLAUBHAFTE ANGST
Wenn Kinder ohne Papiere die Grenze erreichen, werden sie von einem Officer der Border Patrol verhört. Man nennt diese Befragung »credible fear interview« und will damit feststellen, ob das Kind triftige Gründe hat, Asyl in dem Land zu suchen. Gestellt werden immer die halbwegs gleichen Fragen:
Warum bist du in die Vereinigten Staaten gekommen?
Wann genau hast du dein Land verlassen?
Warum hast du dein Land verlassen?
Hat dir jemand gedroht, dich umzubringen?
Hast du Angst, in dein Land zurückzukehren? Warum?
Ich stelle mir die vielen Kinder vor, die ohne Papiere in den Händen eines Schleppers Mexiko durchqueren, auf den Dächern von Zugwaggons, wo sie versuchen, nicht herunterzufallen, nicht in die Fänge der Einwanderungsbehörde oder von Drogenbossen zu geraten, die sie in den Mohnfeldern versklaven würden, sofern sie sie nicht umbringen. Wenn die Kinder es an die amerikanische Grenze schaffen, versuchen sie sich zu stellen, aber wenn sie keinen Officer der Border Patrol finden, laufen sie in die Wüste. Wenn sie einen Officer finden oder von einem gefunden werden, nimmt man sie in Gewahrsam und unterzieht sie einer Befragung:
Warum bist du in die Vereinigten Staaten gekommen?
Vorsicht! rufe ich und blicke von der Karte auf die Straße. Mein Mann reißt das Steuer herum. Das Auto schlingert ein wenig, aber er bringt es wieder unter Kontrolle.
Konzentrier dich einfach auf die Karte, und ich konzentriere mich auf die Straße, sagt mein Mann und wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn.
Okay, antworte ich, aber du wärst fast gegen diesen Stein oder Waschbären oder was das war gefahren.
Herrgott, sagt er.
Herrgott was?
Herrgott noch mal, sagt er.
Was?
Führ uns einfach zur nächsten Tankstelle.
Das Mädchen nimmt grummelnd den Daumen aus dem Mund, schnaubt und sagt, wir sollen damit aufhören, unterbricht unser formloses, exzentrisches, ungrammatikalisches Gekläffe mit der Entschlossenheit ihres gesitteten Ärgers. Ohne die Fassung zu verlieren, setzt sie tief und müde seufzend einen Punkt in unseren Wortwechsel und räuspert sich. Wir verstummen. Und als sie merkt, dass sie unsere volle, stille, zerknirschte Aufmerksamkeit hat, gibt sie uns, als Zusammenfassung ihrer Intervention, einen letzten Rat. Manchmal spricht sie mit uns – obwohl sie noch keine sechs ist, immer noch Daumen lutscht und gelegentlich ins Bett macht – mit derselben versöhnlichen Haltung, die Psychiater ausstrahlen, wenn sie ihren wankelmütigen Patienten Rezepte ausstellen:
Hör zu, Papa. Ich glaube, es wird Zeit, dass du eine von deinen Kippen rauchst. Und du, Mama, du musst dich nur auf deine Karte und auf dein Radio konzentrieren. Okay? Ihr müsst jetzt beide mal das ganze Bild im Blick haben.
FRAGEN & ANTWORTEN
Niemand sieht die ganze Karte, weder historisch noch geografisch, wenn es um die Migrationswege einer Flüchtlingspopulation geht. Für die meisten Menschen sind Flüchtlinge und Migranten ein ausländisches Problem. Die wenigsten begreifen Migration als eine schlichte nationale Realität. Bei meiner Suche im Netz zur Krise der Kinder stoße ich auf einen mehrere Jahre alten Artikel aus der New York Times mit der Überschrift »Kinder an der Grenze«. Der Artikel ist im Frage-Antwort-Stil verfasst, allerdings stellt der Autor die Fragen und beantwortet sie selbst. Auf die Frage, woher die Kinder kommen, antwortet der Autor, dass drei Viertel aus »vorwiegend armen und gewaltgeprägten Städten« in El Salvador, Guatemala und Honduras kommen. Bedenklich finde ich die Worte »vorwiegend arme und gewaltgeprägte Städte« und die möglichen Folgerungen dieser schematischen Art der geografischen Zuordnung der Kinder, die in die Vereinigten Staaten abwandern. Diese Kinder, scheint diese Formulierung nahezulegen, sind uns vollkommen fremd. Sie kommen aus einer barbarischen Realität. Sie sind außerdem höchstwahrscheinlich nicht weiß. Auf die Frage, warum die Kinder nicht sofort abgeschoben werden, wird dem Leser erzählt: »Laut einem parteiübergreifend verabschiedeten Statut gegen den Menschenhandel … dürfen Minderjährige aus Zentralamerika nicht sofort abgeschoben werden und haben das Recht auf eine Anhörung vor Gericht, bevor sie abgeschoben werden. Eine Richtlinie der Vereinigten Staaten gestattet es, dass mexikanische Minderjährige, die beim Überqueren der Grenze aufgegriffen werden, unverzüglich zurückgeschickt werden.« Allein dieses Wort »gestattet« im letzten Satz! Man könnte meinen, der Autor wollte mit seiner Antwort auf die Frage »Warum werden die Kinder nicht sofort abgeschoben?« Trost spenden, indem er sagt, keine Sorge, zumindest die mexikanischen Kinder behalten wir nicht, denn zum Glück gibt es eine Richtlinie, die es uns gestattet, sie unverzüglich zurückzuschicken. Auch Manuelas Mädchen wären sofort zurückgeschickt worden, hätte ein freundlicher Officer sie nicht im Land gelassen. Aber wie viele Kinder werden zurückgeschickt, ohne auch nur die Chance zu erhalten, ihre glaubhaften oder nicht glaubhaften Ängste auszusprechen?
Niemand denkt an die Kinder, die heute als Flüchtlinge vor einem hemisphärischen Krieg ankommen, der sich von genau diesen Bergen hier quer durch das Land in den Süden der Vereinigten Staaten und die Wüsten im Norden Mexikos erstreckt, der sich weiter über die mexikanischen Sierras, Wälder und südlichen Regenwälder nach Guatemala, El Salvador bis zum Nationalpark Celaque in Honduras erstreckt. Niemand denkt an diese Kinder als Folge eines historischen Kriegs, der Jahrzehnte zurückreicht. Alle fragen ständig: Welcher Krieg? Wo? Warum sind sie hier? Warum kommen sie in die Vereinigten Staaten? Was sollen wir mit ihnen anfangen? Niemand fragt: Warum sind sie aus ihrer Heimat geflohen?
KEIN ZURÜCK
Warum können wir nicht einfach wieder nach Hause fahren? fragt der Junge.
Er fummelt auf dem Rücksitz an seiner Polaroidkamera herum, liest stöhnend die Anleitung und lernt, wie sie zu handhaben ist.
Hier gibt es sowieso nichts zu fotografieren, klagt er. Alles, woran wir vorbeikommen, ist alt und hässlich und sieht aus, als würden da nur Geister wohnen.
Stimmt das? Wohnen hier Geister? fragt das Mädchen.
Nein, Baby, sage ich, es gibt keine Geister.
Obwohl der Gedanke gar nicht so abwegig ist. Je tiefer wir in das Land fahren, umso mehr habe ich den Eindruck, nur noch Trümmer und Ruinen zu sehen. Als wir an einer verlassenen Milchfarm vorbeifahren, sagt der Junge:
Stellt euch den ersten Menschen vor, der eine Kuh gemolken hat.
Zoophilie, denke ich, spreche es aber nicht aus. Ich weiß nicht, was mein Mann denkt, aber auch er schweigt. Das Mädchen vermutet, dass der erste Kuhmelker vielleicht dachte, er müsse nur fest genug ziehen – da unten –, dann würde die Glocke am Hals der Kuh läuten.
Bimmeln, verbessert der Junge sie.
Und dann kam plötzlich Milch raus, schlussfolgert sie, ohne ihren Bruder zu beachten.
Ich rücke den Spiegel zurecht und betrachte sie: ein breites Lächeln, ruhig und verschmitzt zugleich. Mir fällt eine etwas logischere Erklärung ein:
Vielleicht war es eine Menschenmutter, die ihrem Baby keine Milch geben konnte und deshalb beschloss, sie von der Kuh zu holen.
Doch die Kinder sind nicht überzeugt:
Eine Mutter ohne Milch?
Das ist verrückt, Mama.
Das ist lächerlich, Ma, bitte.
GIPFEL & PUNKTE
Als Teenager hatte ich eine Freundin, die immer eine erhöhte Stelle aufsuchte, wenn sie eine Entscheidung treffen musste oder ein schwieriges Problem verstehen wollte. Ein Hausdach, eine Brücke, ein Berg, falls vorhanden, ein Etagenbett, alles, was hoch war. Ihrer Theorie zufolge ließ sich ohne die schwindelerregende Klarheit, wie Höhen sie vermitteln, keine gute Entscheidung treffen oder eine wichtige Schlussfolgerung ziehen. Vielleicht.
Während wir in den Appalachen die Bergstraßen hochkriechen, denke ich zum ersten Mal klarer über die Entwicklungen der letzten Monate in unserer Familie nach – oder besser, zwischen uns als Paar. Ich glaube, mein Mann hatte im Laufe der Zeit das Gefühl, dass ihn unsere Verpflichtungen als Paar und als Familie – Miete, Rechnungen, Krankenversicherung – in eine zunehmend spießige Richtung drängten, immer weiter weg von der Arbeit, der er sich widmen wollte. Und Jahre später wurde ihm klar, dass unser gemeinsam aufgebautes Leben im Widerspruch zu seinen Wünschen stand. Ich versuchte monatelang zu begreifen, was da mit uns passierte, und war in dieser Zeit wütend, machte ihm Vorwürfe und fand ihn launisch – weil ihm Neues fehlte, Abwechslung, andere Frauen, was auch immer. Jetzt aber, auf unserer Reise, wo wir uns näher sind denn je und gleichzeitig weit entfernt von dem Gerüst, das den Alltag unseres Familienlebens stützte, und ohne das Projekt, das uns einst zusammenbrachte, wird mir klar, dass ich ähnliche Gefühle entwickelt hatte. Auch ich war nicht schuldlos: Ich hatte zwar nicht das Streichholz entzündet und das Feuer in Gang gesetzt, aber ich hatte monatelang zu dem Zündstoff beigetragen, der es jetzt schürte.
Die Höchstgeschwindigkeit auf den Straßen in den Appalachen beträgt 25 Meilen pro Stunde, was meinen Mann ärgert, ich hingegen finde es ideal. Trotz des langsamen Tempos fällt mir erst jetzt, Stunden später auf, dass die Bäume entlang der Bergstraße von Kudzu überwuchert sind. Auf dem Weg in dieses Hochtal waren wir nur durch Waldgebiet gefahren, aber jetzt sehen wir es ganz deutlich. Mein Mann erklärt den Kindern, dass Kudzu im neunzehnten Jahrhundert aus Japan eingeführt wurde und Farmer dafür bezahlt wurden, die Pflanze auf abgeernteten Feldern anzubauen, um die Bodenerosion einzudämmen. Natürlich übertrieb man es, und irgendwann breitete sich Kudzu auch auf den bewaldeten Berghängen aus. Die Pflanze nimmt den Bäumen das Sonnenlicht und entzieht ihnen Wasser. Die Bäume haben keinen Abwehrmechanismus. Auf den höher gelegenen Strecken der Bergstraße ist der Anblick erschreckend: Große Flecken von gelben Baumwipfeln sprenkeln die Wälder Virginias wie krebsartige Geschwüre.
All diese Bäume werden sterben, erstickt, ausgesaugt von diesen Kletterpflanzen, sagt mein Mann und fährt langsamer, weil eine Kurve kommt.
Aber du stirbst auch, Pa, genau wie wir und alle anderen, sagt der Junge.
Na ja, klar, räumt sein Vater ein und grinst. Aber das ist nicht der Punkt.
Worauf das Mädchen aufschlussreich erwidert:
Der Punkt ist, der Punkt ist, der Punkt ist immer rund.
TÄLER
Wir kriechen auf der schmalen, gewundenen Straße auf und ab durch die Blue Ridge Mountains und fahren, erneut auf der Suche nach einer Tankstelle, in westlicher Richtung in ein enges Tal, eingekeilt zwischen den beiden Armen der Gebirgskette. Als wir keinen Empfang mehr haben, schalte ich das Radio aus, und der Junge bittet seinen Vater, Geschichten über die Vergangenheit zu erzählen. Das Mädchen unterbricht ihn gelegentlich mit sehr konkreten Fragen.
Was ist mit Apachen-Mädchen? Gab es die auch?
Wie meinst du das? sagt er.
Du redest immer nur von Apachen-Männern und manchmal von Jungen, aber wo bleiben die Mädchen?
Er denkt kurz nach und sagt schließlich:
Ja, stimmt. Es gab zum Beispiel Lozen.
Er erzählt ihr, dass Lozen das beste und mutigste Apachen-Mädchen war. Ihr Name bedeutete »geschickte Pferdediebin«. Sie wuchs in einer für die Apachen harten Zeit auf, nachdem die mexikanische Regierung eine Belohnung auf Indianerskalps ausgesetzt hatte und hohe Summen für ihr langes schwarzes Haar zahlte. Aber Lozen erwischten sie nie; sie war zu schnell und zu schlau.
Hatte sie langes oder kurzes Haar?
Lozen trug ihr Haar in zwei langen Zöpfen. Sie war bekannt als Hellseherin, die wusste, wann ihrem Volk Gefahr drohte, und bewahrte es oft vor dem Schlimmsten. Sie war außerdem Kriegerin und Heilerin. Und später wurde sie Hebamme.
Was ist eine Hebamme? fragt das Mädchen.
Jemand, der Babys bringt.
Wie die Postbotin?
Ja, sagt er, wie die Postbotin.
FUSSABDRÜCKE
In der ersten Stadt, durch die wir tief im Herzen Virginias fahren, sehen wir mehr Kirchen als Menschen und mehr Hinweisschilder auf Lokalitäten als Lokalitäten selbst. Alles wirkt ausgehöhlt und entkernt, und was übrig ist, sind nur Worte: Namen, die auf ein Vakuum verweisen. Wir durchqueren ein Land, das nur aus Schildern besteht. Eines dieser Schilder kündigt ein familienbetriebenes Restaurant an und verspricht Gastfreundschaft; dahinter befindet sich lediglich ein baufälliges Eisengerippe, wunderschön leuchtend im Sonnenlicht.
Nachdem wir meilenweit an verlassenen Tankstellen vorbeigefahren sind, an denen Büsche durch jeden Riss im Beton sprießen, erreichen wir eine, die nur halb verlassen wirkt. Wir halten neben der einzigen einsatzbereiten Zapfsäule und steigen aus, um uns die Beine zu vertreten. Das Mädchen sieht seine Chance, sich hinters Steuer zu setzen, und bleibt im Auto, während mein Mann den Tank auffüllt. Der Junge und ich beschäftigen uns im Freien mit seiner Kamera.
Was soll ich denn machen? fragt er.
Ich erkläre ihm – indem ich zwischen einer mir wohlbekannten und einer mir nicht sehr geläufigen Sprache zu übersetzen versuche –, dass er sich das Fotografieren wie das Mitschneiden eines Echos vorstellen müsse. Aber eigentlich lassen sich nur schwer Parallelen zwischen Sonografie und Fotografie ziehen. Eine Kamera kann einen ganzen Ausschnitt von einer Landschaft in einem einzigen Bild einfangen; ein Mikrofon hingegen, selbst ein parabolisches, kann nur Fragmente und Einzelheiten aufzeichnen.
Ma, ich will nur wissen, welchen Knopf ich wann drücken muss.
Ich zeige ihm Sucher, Linse, Schärferegulierung und Verschluss, und als er durch den Sucher sieht, schlage ich vor:
Vielleicht könntest du diesen Baum fotografieren, der aus dem Beton wächst.
Und warum?
Keine Ahnung – einfach um ihn zu dokumentieren, schätze ich.
Und wozu soll das gut sein, Ma?
Er hat recht. Wozu etwas dokumentieren, ein Objekt, unser Leben, eine Geschichte? Das Dokumentieren von Dingen – durch die Linse einer Kamera, auf Papier oder mit einem Tonaufnahmegerät – ist im Grunde nur eine Möglichkeit, allem Vorhandenen, das sich im kollektiven Verständnis der Welt abgesetzt hat, eine weitere Schicht, etwas wie Ruß hinzuzufügen. Ich schlage vor, unser Auto zu fotografieren, um die Kamera noch einmal zu testen und vielleicht herauszufinden, warum die Bilder verschwommen weiß herauskommen. Der Junge hält die Kamera in den Händen wie ein Amateurtorhüter, der gleich den Ball abschießt, späht in die Linse und drückt ab.
Hast du scharfgestellt?
Glaube schon.
War das Bild klar zu sehen?
Irgendwie ja.
Vergeblich; das Polaroid kommt blau heraus und wird dann langsam cremeweiß. Er behauptet, die Kamera sei kaputt, ein Fabrikfehler, wahrscheinlich nur eine Spielzeugkamera und keine richtige. Ich versichere ihm, dass es kein Spielzeug ist, und lege ihm eine Theorie dar:
Vielleicht kommen sie nicht weiß heraus, weil die Kamera kaputt oder nur eine Spielzeugkamera ist, sondern weil das Fotografierte gar nicht vorhanden ist. Und wenn etwas nicht vorhanden ist, gibt es kein Echo, das zurückgeworfen werden kann. Wie Geister, die nicht in Bildern erscheinen, oder Vampire, die man nicht in Spiegeln sieht, weil sie gar nicht vorhanden sind.
Er ist weder beeindruckt noch amüsiert und findet meine Echo-Theorie weder überzeugend noch lustig. Er drückt mir die Kamera in den Bauch und hüpft wieder auf seinen Platz.
Im Auto geht die Diskussion über das Problem mit der Kamera noch eine Weile weiter. Der Junge wiederholt, dass ich ihm eine kaputte, nutzlose Kamera geschenkt habe. Sein Vater schaltet sich ein und versucht zu vermitteln. Er erzählt ihm von Man Rays »Rayogrammen« und der merkwürdigen Methode, mit der er sie komponierte, ohne Kamera, indem er kleine Objekte wie Scheren, Reißzwecken, Schrauben oder Kompasse auf lichtempfindliches Papier legte und dann dem Licht aussetzte. Dass die Bilder, die Ray mit dieser Methode schuf, immer den gespenstischen Spuren nicht mehr vorhandener Objekte glichen, wie visuelle Echos oder Fußabdrücke im Matsch, die jemand vor langer Zeit hinterlassen hatte.
LÄRM
Ziemlich spät erreichen wir ein hoch in den Appalachen thronendes Dorf. Wir beschließen anzuhalten. Die Kinder verhalten sich im Auto seit einiger Zeit wie böse mittelalterliche Mönche – im Spiel liefern sie sich beunruhigende Wortgefechte, in denen sie einander lebendig begraben, Katzen töten, Städte niederbrennen. Wenn ich sie höre, scheint mir die Theorie der Wiedergeburt ziemlich plausibel: der Junge muss in Salem im fünfzehnten Jahrhundert Hexen gejagt haben, und das Mädchen war vermutlich in Mussolinis Italien ein faschistischer Soldat. Sie spielen im Mikromaßstab Geschichte nach.
Vor dem einzigen Lebensmittelladen im Ort verkündet ein Schild: »Cottages zu vermieten. Auskunft im Laden.« Wir mieten ein Cottage, klein, aber gemütlich, ein Stück weg von der Hauptstraße. Am Abend hat der Junge im Bett eine Angstattacke. Er nennt es nicht so, sagt aber, er kann nicht richtig atmen, seine Augen wollen nicht zubleiben, er kann nicht richtig denken. Er ruft mich zu sich:
Glaubst du wirklich, dass manche Dinge gar nicht vorhanden sind? fragt er. Dass wir sie sehen, sie aber gar nicht da sind?
Wie meinst du das?
Das hast du heute gesagt.
Was hab ich gesagt?
Du hast gesagt, wenn ich dich, dieses Zimmer und alles andere sehe, aber nichts davon ist wirklich da, dann kann es kein Echo erzeugen und also auch nicht fotografiert werden.
War doch nur ein Scherz, Liebling.
Okay.
Schlaf jetzt, ja?
Okay.
Später am Abend stehe ich ratlos mit einer Taschenlampe vor dem offenen Kofferraum unseres Autos und versuche zu entscheiden, welche Schachtel ich öffnen soll, um ein geeignetes Buch zu finden. Ich muss über mein Hörprojekt nachdenken, und fremde Texte zu lesen und mich vorübergehend in die Gedankenwelt anderer einzuloggen hat mir schon oft den Zugang zu meinen eigenen Gedanken erleichtert. Aber wo anfangen? Ich stehe vor den sieben Schachteln und frage mich, was wohl ein Fremder mit dieser Sammlung von Papieren anfangen würde, die jetzt in einer vorläufigen, gewissen Ordnung in den Schachteln archiviert ist. Wie viele möglichen Kombinationen dieser Dokumente gab es wohl? Und welche anderen Geschichten würden erzählt werden, wenn man sie mischen, vertauschen und neu ordnen würde?
In der zweiten Schachtel meines Mannes liegt unter einigen Notizbüchern ein Buch mit dem Titel Die Ordnung der Klänge von R. Murray Schafer. Ich erinnere mich, es vor vielen Jahren gelesen und nur einen Bruchteil davon verstanden zu haben, aber zumindest wurde mir klar, dass es ein gigantisches und wahrscheinlich vergebliches Unterfangen war, den Überschuss an Geräuschen und Klängen, die den Menschen umgeben, zu ordnen. Durch das Trennen und Katalogisieren von Lauten wollte Schafer den Lärm loswerden. Ich blättere die Seiten durch – eine Fülle von komplizierten Diagrammen, symbolischen Darstellungen unterschiedlicher Arten von Geräuschen und ein riesiges Verzeichnis, das die Laute dessen katalogisiert, was Schafer als World Soundscape Project bezeichnete. Das Verzeichnis umfasst »Laute des Wassers« ebenso wie »Laute der Jahreszeiten« oder »Laute des Körpers«, »Häusliche Laute«, »Verbrennungsmaschinen«, »Kriegs- und Zerstörungsgeräte«, »Laute der Zeit«. Jede dieser Kategorien ist in einzelne Punkte unterteilt. Unter »Laute des Körpers« etwa finden sich: Herzschlag, Atem, Schritte, Hände (Klatschen, Kratzen et cetera), Essen, Trinken, Ausscheidung, Geschlechtsverkehr, Nervensystem, Laute des Traums und des Schlafs. Beendet wird das Verzeichnis mit der Kategorie »Indikatoren künftiger Geschehnisse«, unter der natürlich nichts aufgelistet ist.
Ich lege das Buch zurück, öffne Schachtel I, sehe vorsichtig den Inhalt durch und nehme ein braunes Notizbuch heraus, auf dessen erste Seite mein Mann »Über Sammeln« geschrieben hat. Ich schlage eine beliebige Seite auf und lese eine Notiz: »Sammeln ist eine Form von erfolgreicher Prokrastination und Trägheit, die viele Möglichkeiten erschließt.« Ein paar Zeilen darunter steht ein abgeschriebenes Zitat aus einem Buch von Marina Zwetajewa: »Genie ist die höchste Stufe des Ausgeliefertseins an das Überkommenwerden – das zum einen, und des Fertigwerdens mit diesem Überkommenwerden – das zum zweiten.« Das Buch Kunst im Licht des Gewissens gehört mir, und diesen Satz hatte ich wahrscheinlich mal unterstrichen. Ihn jetzt in seinem Notizbuch zu lesen empfinde ich als kleinen geistigen Diebstahl, als hätte er eine meiner inneren Erfahrungen an sich genommen und sie sich zu eigen gemacht. Aber irgendwie bin ich auch stolz, geplündert zu werden. Schließlich nehme ich, auch wenn es mir vermutlich wenig beim Nachdenken über mein Tonprojekt oder über Soundscaping im Allgemeinen hilft, Susan Sontags Wiedergeboren. Tagebücher 1947–1963 aus der Schachtel.
BEWUSSTSEIN & ELEKTRIZITÄT
Ich bleibe auf der Veranda und lese Sontags Tagebücher. Meine Arme und Beine, ein Festmahl für die Moskitos. Über mir knallen sture Käfer mit ihren Außenskeletten gegen die einzige Glühbirne; weiße Motten wirbeln um ihren Heiligenschein und fallen dann herunter. Eine kleine Spinne webt im Schnittpunkt eines Balkens und einer Säule eine Falle. Und vor der Veranda ziert ein hübsches Sternbild aus Glühwürmchen die dunkle Grenzenlosigkeit.
Ich führe kein Tagebuch. Meine Tagebücher sind die Unterstreichungen in Büchern. Ich würde niemandem ein Buch ausleihen, nachdem ich es gelesen habe, denn ich unterstreiche zu viel, manchmal ganze Seiten, manchmal doppelt. Mein Mann und ich lasen diese Ausgabe von Sontags Tagebüchern gemeinsam. Wir hatten uns gerade kennengelernt. Begeistert, fast fieberhaft unterstrichen wir beide ganze Passagen. Die nackten Beine auf dem Doppelbett ineinander verschlungen, lasen wir uns abwechselnd laut vor und blätterten die Seiten um, als befragten wir ein Orakel. Ich nehme an, dass Worte, zum richtigen Zeitpunkt und in der richtigen Reihenfolge, ein Nachglühen hinterlassen. Wenn man solche Worte in einem Buch liest, wunderschöne Worte, stellt sich ein starkes, wenn auch flüchtiges Gefühl ein. Aber man weiß, dies alles wird bald verschwunden sein: die Idee, die man gerade verstanden, und das Gefühl, das sie ausgelöst hat. Dann folgt der Wunsch, dieses seltsame, kurzlebige Nachglühen zu besitzen und das Gefühl festzuhalten. Also liest man ein zweites Mal, unterstreicht, lernt manches vielleicht sogar auswendig und schreibt das Gelesene irgendwo auf – in einem Notizbuch, auf eine Serviette, auf die Hand. In unserer Ausgabe von Sontags Tagebüchern sind folgende Stellen einfach und doppelt unterstrichen, manchmal eingerahmt oder am Rand markiert:
»Eine der wichtigsten (sozialen) Funktionen eines Tagebuchs besteht genau darin, heimlich von anderen gelesen zu werden, von den Leuten (wie Eltern & Geliebte), über die man sich nur in seinem Tagebuch mit grausamer Ehrlichkeit geäußert hat.«
»In einer Zeit, in der das Dekor keine Rolle spielt, eignet man sich unmoderne Tugenden an.«
»1831: Hegel gestorben.«
»Und wir hocken hier in diesem Rattenloch auf unseren Ärschen und werden bedeutend und immer älter …«
»Moralische Buchführung verlangt eine Abrechnung.«
»In der Ehe habe ich einen gewissen Persönlichkeitsverlust erlitten – zunächst war dieser Verlust angenehm, wohltuend …«
»Ehe basiert auf dem Prinzip der Trägheit.«
»Der Himmel aus städtischer Perspektive ist ein Negativum – die Abwesenheit von Häusern.«
»Der Abschied war vage, denn die Trennung hat immer noch etwas Unwirkliches.«
Diese letzte Zeile ist mit Bleistift unterstrichen, dann mit schwarzer Tinte umkreist und am Rand mit einem Ausrufezeichen versehen. Von mir oder ihm unterstrichen? Ich weiß es nicht mehr. Aber ich erinnere mich noch, dass es mir, als ich Sontag zum ersten Mal las, ähnlich erging wie bei der ersten Lektüre von Hannah Arendt, Emily Dickinson und Pascal und ich immer wieder jähe, subtile und vermutlich mikrochemisch bedingte Hochgefühle empfand – kleine, tief im Hirngewebe flackernde Lichter –, wie manche Menschen sie erleben, wenn sie ein sehr einfaches, bis zu diesem Zeitpunkt jedoch unaussprechliches Gefühl plötzlich in Worte fassen können. Wenn die Worte eines Fremden auf diese Weise in das eigene Bewusstsein dringen, werden sie kleine gedankliche Lichtmarken. Sie sind nicht unbedingt erhellend. Ein Streichholz, angezündet in einem dunklen Flur, die glühende Spitze einer Zigarette, um Mitternacht im Bett geraucht, Aschenglut in einem erlöschenden Feuer: nichts davon besitzt genügend eigenes Licht, um etwas zu offenbaren. Ebenso wenig wie die Worte von anderen. Manchmal aber lässt einen ein kleines Licht den dunklen, unbekannten Raum erkennen, der es umgibt, das gewaltige Unwissen, das alles umhüllt, was wir zu wissen glauben. Und diese Erkenntnis und das Verarbeiten der Dunkelheit sind wertvoller als jedes angehäufte Faktenwissen.
Während ich die unterstrichenen Passagen in Sontags Tagebüchern wieder lese und sie noch Jahre später kraftvoll finde, manche sogar neu unterstreiche – besonders die Betrachtungen über die Ehe –, wird mir bewusst, dass alles Gelesene zwischen 1957 und 1958 geschrieben wurde. Ich zähle mit den Fingern nach. Sontag war damals erst vierundzwanzig, neun Jahre jünger, als ich es heute bin. Plötzlich bin ich peinlich berührt, als wäre ich dabei erwischt worden, wie ich vor der Pointe über einen Witz lache oder als hätte ich bei einem Konzert zwischen zwei Sätzen applaudiert. Deshalb springe ich zu 1963, als Sontag um die dreißig war, inzwischen geschieden, und Aktuelles und Künftiges vielleicht klarer sah. Ich bin zu müde, um weiterzulesen. Ich markiere die Seite, schließe das Buch, schalte das Verandalicht aus – bedrängt von Insekten und Motten – und gehe ins Bett.
ARCHIV
Am nächsten Morgen wache ich früh auf, gehe durch die Küche in den Wohnbereich und öffne die Verandatür. Hinter den Bergen geht die Sonne auf. Zum ersten Mal seit Jahren verspüre ich das Bedürfnis, Einzelheiten aus unserem Privatleben aufzunehmen, möchte ich Geräusche dokumentieren und aufbewahren. Vielleicht liegt es daran, dass Neues, neue Umstände, eine Aura von Vergangenem umgibt. Anfänge werden oft mit Enden verwechselt. Wir betrachten sie wie eine Ziege oder ein Stinktier, das dämlich die Sonne am Horizont anstarrt, ohne zu wissen, ob das gelbe Gestirn dort auf- oder untergeht.
Vielleicht will ich die ersten Geräusche unserer gemeinsamen Reise festhalten, weil sie die letzten von etwas sein könnten. Gleichzeitig möchte ich es nicht tun, weil ich Arbeit und Privates nicht gerne vermische; dieser besondere Moment unseres Zusammenseins soll kein Dokument für ein künftiges Archiv werden. Am liebsten würde ich bestimmte Eindrücke einfach im Kopf unterstreichen: dieses Licht, das durch das Küchenfenster hereinfällt und den Raum in warmes Gold taucht, während ich die Kaffeemaschine vorbereite; die sanfte Brise, die zur offenen Tür hereinweht und meine Beine umschmeichelt, als ich den Herd einschalte; die tapsenden Schritte – verursacht von kleinen, bloßen, warmen Füßen –, als das Mädchen aus dem Bett steigt, von hinten an mich herantritt und verkündet:
Mama, ich bin wach!
Ich stehe am Herd und warte, dass der Kaffee fertig ist. Sie sieht mich lächelnd an und reibt sich die Augen, als ich ihr Guten Morgen wünsche. Ich kenne niemanden, für den Aufwachen etwas so Schönes und Erfreuliches ist. Ihre Augen sind verblüffend groß, und ihr weißes, viel zu großes Höschen bauscht sich unter ihrem nackten Oberkörper. Ernst und überaus höflich sagt sie:
Ich habe eine Frage, Mama.
Ja?
Ich möchte wissen: Wer ist Herrgott Nochmal?
Statt einer Antwort reiche ich ihr ein großes Glas Milch.
ORDNUNG
Der Junge und sein Vater schlafen noch, und wir – Mutter und Tochter – setzen uns in dem kleinen, lichten Wohnzimmer auf die Couch. Sie trinkt ihre Milch in kleinen Schlucken und schlägt ihr Skizzenbuch auf. Nach ein paar misslungenen Zeichenversuchen bittet sie mich, vier Quadrate für sie zu malen – zwei oben, zwei unten – und sie dann in dieser Reihenfolge zu beschriften: »Figur«, »Schauplatz«, »Problem«, »Lösung.« Als ich fertig bin und wissen will, wozu die Quadrate gut sind, erklärt sie mir, in der Schule hätte sie gelernt, dass man so Geschichten erzählt. Schlechter Literaturunterricht beginnt schon früh und dauert viel zu lange. Ich erinnere mich noch, wie ich einmal, als der Junge in die zweite Klasse ging und ich ihm bei den Hausaufgaben half, plötzlich feststellte, dass er den Unterschied zwischen einem Substantiv und einem Verb nicht kannte. Also fragte ich ihn. Er schaute theatralisch an die Decke und sagte ein paar Sekunden später, doch, natürlich kenne er den Unterschied: Substantive seien die Buchstaben auf den gelben Karten über der Tafel, Verben seien die auf den blauen Karten unter der Tafel.
Das Mädchen füllt jetzt konzentriert die Quadrate aus. Ich trinke meinen Kaffee, öffne wieder Sontags Tagebücher und lese erneut einzelne Zeilen und Worte. Ehe, Scheidung, moralische Buchführung, Trennung: Haben unsere Unterstreichungen die Probleme angedeutet? Wann begann unser Ende? Ich kann nicht sagen, wann oder warum. Ich bin mir nicht sicher, wie es passiert ist. Als ich kurz vor unserer Abreise ein paar Freunden erzählte, dass meine Ehe wahrscheinlich zerbrechen wird oder zumindest in einer Krise steckt, fragten sie:
Was ist passiert?
Sie wollten ein genaues Datum:
Wann genau hast du es gemerkt? Vor diesem oder nach jenem?
Sie wollten einen Grund:
Politik? Langeweile? Emotionale Gewalt?
Sie wollten einen Auslöser:
Hat er dich betrogen? Du ihn?
Ich hatte alles verneint, nichts war passiert. Das heißt, doch, alles, was sie aufzählten, war vermutlich passiert, doch es war nicht das Problem. Trotzdem bohrten sie weiter. Sie wollten Gründe, Motive, und vor allem wollten sie einen Anfang:
Wann, wann genau?
Ich erinnere mich, dass ich eines Tages, kurz vor dieser Reise, in den Supermarkt ging. Der Junge und das Mädchen stritten sich über die bessere Geschmacksrichtung eines Snacks. Mein Mann beklagte sich, dass ich ein bestimmtes Produkt ausgewählt hatte, vielleicht Milch, vielleicht Waschmittel, vielleicht Pasta. Ich entsinne mich, dass ich mir zum ersten Mal seit unserem Zusammenleben vorstellte, wie es wäre, nur für das Mädchen und mich einzukaufen, in einer Zukunft, in der wir keine vierköpfige Familie mehr wären. Ich entsinne mich an mein fast augenblickliches Reuegefühl bei diesen Gedanken. Und dann ein viel tieferes Gefühl – vielleicht Trauer um die Zukunft oder vielleicht eine innere melancholische Leere, die Gegenwärtiges aufsaugt und Abwesenheit verbreitet –, als ich das von dem Jungen ausgewählte Shampoo, Vanilleduft für den täglichen Gebrauch, auf das Förderband legte.
Aber es war bestimmt nicht an diesem Tag im Supermarkt, dass ich begriff, was mit uns geschah. Anfang, Mitte und Ende sieht man immer erst rückblickend. Wenn wir gezwungen sind, im Nachhinein mit einer Geschichte aufzuwarten, beschränkt sich unsere Erzählung selektiv auf die wichtigen Momente und umgeht alle anderen.
Das Mädchen ist fertig mit seiner Zeichnung und zeigt sie mir zufrieden. In das erste Quadrat hat sie einen Hai gemalt. Im zweiten ist der Hai unter Wasser von anderen Meerestieren und Algen umgeben, die Sonne ganz oben in einer Ecke. Im dritten Quadrat betrachtet der Hai verstört eine Art Unterwasserkiefer. Im vierten und letzten beißt der Hai einen anderen großen Fisch, vielleicht ebenfalls ein Hai, den er wahrscheinlich auffrisst.
Und wie geht die Geschichte dazu?
Sag du’s mir, Mama, rate.
Also, erstens ist da ein Hai; zweitens ist er im Meer, wo er lebt; drittens ist das Problem, dass es nur Bäume zu fressen gibt, und ein Hai ist kein Vegetarier; und viertens findet er schließlich Futter und frisst es auf.
Nein, Mama. Ganz falsch. Haie fressen keine Haie.
Okay. Was ist dann die Geschichte? frage ich sie.
Die Geschichte ist, Figur: ein Hai. Schauplatz: das Meer. Problem: Der Hai ist traurig und verwirrt, weil ein anderer ihn gebissen hat, deshalb geht er zu seinem Nachdenk-Baum. Lösung: Er trifft eine Entscheidung.
Und welche?
Dass er den anderen Hai nur zurückbeißen muss, weil der ihn gebissen hat.
CHAOS
Der Junge und sein Vater wachen schließlich auf, und beim Frühstück besprechen wir unsere Pläne. Mein Mann und ich finden, dass wir weiter müssen. Die Kinder beklagen sich und wollen länger bleiben. Das ist kein normaler Urlaub, erinnern wir sie; wir können zwar gelegentlich anhalten und etwas Schönes unternehmen, aber wir müssen beide arbeiten. Ich muss anfangen, Material für meine Dokumentation zu sammeln. Den Radionachrichten und meinen Netzrecherchen zufolge spitzt sich die Lage im Süden an der Grenze mit jedem Tag zu. Mit Unterstützung der Gerichte hat die Regierung soeben die Schaffung einer Prioritätenliste für Kinder ohne Papiere angekündigt, und das heißt, dass Kinder, die an der Grenze ankommen, vorrangig abgeschoben werden. Die Bundeseinwanderungsgerichte werden die Bearbeitung ihrer Fälle allen anderen vorziehen, und wenn sie keinen Anwalt finden, der sie innerhalb der absurd kurzen Frist von einundzwanzig Tagen verteidigt, haben sie keine Chance und erhalten von einem Richter einen endgültigen Abschiebungsbefehl.
Natürlich erzähle ich das nicht alles den Kindern. Aber dem Jungen erkläre ich, dass mein aktuelles Projekt zeitempfindlich ist und ich so schnell wie möglich zur Grenze im Süden muss. Mein Mann hingegen möchte so bald wie möglich nach Oklahoma, um einen Apachen-Friedhof zu besuchen. Der Junge wirft uns im Tonfall einer kleinbürgerlichen Hausfrau aus den 1950ern vor, dass wir immer »die Arbeit vor die Familie stellen«. Wenn er älter ist, erwidere ich, wird er verstehen, dass beides nicht voneinander zu trennen ist. Er verdreht die Augen, findet mich berechenbar und selbstbezogen – zwei Adjektive, die ich von ihm noch nie gehört habe. Ich tadle ihn und sage, er und seine Schwester sollen das Frühstücksgeschirr abwaschen.
Erinnerst du dich noch, als wir andere Eltern hatten? fragt er sie, als die beiden mit dem Abwasch und wir mit dem Packen anfangen.
Wie meinst du das? antwortet sie verwirrt und reicht ihm das Spülmittel.
Wir hatten mal Eltern, die besser waren als unsere jetzigen.
Ich höre ihm zu, wundere mich und mache mir Sorgen. Ich würde ihm gern sagen, dass ich ihn liebe, bedingungslos, dass er mir nichts beweisen muss, dass ich seine Mutter bin und ihn immer in meiner Nähe haben will, und dass auch ich ihn brauche. Das alles sollte ich ihm sagen, aber wenn er sich verhält wie jetzt, werde ich distanziert, zurückhaltend und vielleicht sogar ziemlich kalt. Es ärgert mich, dass ich seine Wut nicht beschwichtigen kann. Normalerweise wende ich es nach außen, wenn ich durcheinander bin, und schimpfe ihn für Kleinigkeiten: Zieh deine Schuhe an, kämm dir die Haare, heb diese Tasche auf. Sein Vater behält seinen Ärger meistens für sich, er schimpft ihn nicht, sagt und tut nichts. Er wird nur passiv – ein trauriger Betrachter unseres Familienlebens, als sehe er einen Stummfilm in einem leeren Kino.
Als wir den Jungen kurz vor der Abfahrt bitten, beim Einräumen der Sachen im Kofferraum zu helfen, kriegt er einen noch größeren Wutanfall. Er sagt schreckliche Dinge, wünscht sich, er könne in einer anderen Welt und einer besseren Familie leben. Wahrscheinlich glaubt er, wir sind nur dazu da, um ihn unglücklich zu machen: Iss dieses Spiegelei, das dich ekelt; los jetzt, beeil dich; lerne auf diesem Fahrrad zu fahren, vor dem du Angst hast; zieh diese Hose an, die wir dir gekauft haben, obwohl sie dir nicht gefällt – sie war teuer, sei gefälligst dankbar; spiel mit diesem Jungen im Park, der dir vorübergehend Freundschaft und seinen Ball anbietet; sei normal, sei glücklich, sei ein Kind.
Er schreit immer lauter und wünscht, wir wären weg, wir wären tot, und tritt gegen die Autoreifen, schmeißt mit Steinen und Kies. Wenn er sich so in Rage redet, klingt seine Stimme für mich weit weg, unnahbar, fremd, als hörte ich sie auf einem alten analogen Tonbandgerät, durch Metalldrähte und mit Störgeräuschen, oder als wäre ich eine Telefonistin und lauschte ihm in einem weit entfernten Land. Irgendwo im Hintergrund erkenne ich noch den vertrauten Klang seiner Stimme, aber ich bin mir nicht sicher, ob er unsere Nähe sucht und sich nach Liebe und ungeteilter Aufmerksamkeit sehnt oder ob er uns zu verstehen gibt, wir sollen wegbleiben, uns aus seinem zehn Jahre alten Leben scheren und ihn aus unserem kleinen Familienkreis herauswachsen lassen. Ich höre zu, wundere mich und mache mir Sorgen.
Sein Anfall geht so lange, bis sein Vater schließlich die Geduld verliert, zu ihm geht, ihn fest an den Schultern packt und schreit. Der Junge windet sich aus seinem Griff, tritt gegen seine Knöchel und Knie – die Tritte sollen nicht schaden oder wehtun, aber es sind Tritte. Als Reaktion nimmt sein Vater seine Mütze ab und haut ihn damit ein paar Mal auf den Hintern. Die Strafe ist nicht schmerzhaft, aber für einen Zehnjährigen ist es demütigend, mit einer Mütze versohlt zu werden. Die Folge ist absehbar, aber auch entwaffnend: Tränen, Schniefen, Schluchzer und gestottertes okay, tut mir leid, schon gut.
Als der Junge sich endlich beruhigt hat, geht seine Schwester zu ihm und fragt, leicht hoffnungsvoll und leicht zögernd, ob er ein bisschen mit ihr spielen will. Sie braucht die Bestätigung, dass er und sie noch immer ein Leben teilen, in dem sie zusammen sind, unauflösbar verbunden, trotz der beiden Eltern und ihrer Fehler. Freundlich, aber bestimmt gibt der Junge ihr zunächst einen Korb:
Lass mich eine Weile allein.
Doch letztendlich ist er immer noch klein und immer noch empfänglich für unsere zerbrechlichen, privaten Familienmythologien. Als sein Vater vorschlägt, die Abfahrt aufzuschieben und vorher noch das Apachen-Spiel zu spielen, ist der Junge überglücklich. Er sammelt Federn, holt seinen Plastikbogen samt Pfeilen, putzt seine Schwester als Indianerprinzessin heraus, bindet ihr einen Baumwollgürtel um den Kopf, nicht zu fest und nicht zu locker, und rennt dann wie ein verrücktes Kind heulend im Kreis herum, wild und unbeschwert. Er erfüllt unser Leben mit seinem Atem, mit seiner plötzlichen Wärme, mit seiner besonderen Art, in lautes Lachen auszubrechen.
ARCHIV
Im trägen Vormittagslicht spielen die Kinder mit ihrem Vater das Apachen-Spiel. Das Cottage steht auf einem Hügelkamm in einem Hochtal, das sich wellenförmig in Richtung der für uns nicht sichtbaren Hauptstraße erstreckt. Häuser sind nicht zu sehen, nur Ackerland und Wiesen, hie und da gesprenkelt mit Wildblumen, deren Namen wir nicht kennen. Sie sind weiß und violett, ich entdecke auch ein paar orangefarbene Kleckse. Ein Stück weiter entfernt grast eine Gruppe von Kühen, die leicht verschwörerisch wirkt.
Soweit ich es von meinem Platz auf der Veranda beurteilen kann, besteht das Spiel nur darin, Stöcke im Wald zu sammeln, sie zurückzubringen und dann nebeneinander in den Boden zu stecken. Zwischendurch würzen kleine Auseinandersetzungen das Spiel: Das Mädchen will plötzlich ein Cowgirl sein und keine Indianerprinzessin, gar keine Art von Prinzessin. Mein Mann erklärt ihr, dass es in diesem Spiel keine Bleichgesichter gibt. Sie streiten. Am Ende gibt sie zögernd nach. Sie will weiter ein Apache sein, aber nur, wenn sie Lozen sein und trotzdem den Cowboyhut tragen darf, den wir in der Hütte gefunden haben, und nicht das Stirnband, das ständig rutscht.
Ich sitze auf der Bank, lese manchmal in meinem Buch, blicke hin und wieder zu den dreien. Sie sehen denkwürdig aus, so, als sollten sie fotografiert werden. Ich fotografiere meine Kinder fast nie. Sie sind nicht gern auf Bildern und boykottieren regelmäßig fotogene Familienmomente. Wenn sie für ein Porträt posieren sollen, sorgen sie dafür, dass ihr Widerwille sichtbar ist, und grinsen zynisch. Wenn sie machen dürfen, was sie wollen, ziehen sie Schweineschnuten, strecken die Zunge raus und winden sich wie halb irre Außerirdische in einem Hollywoodfilm. Sie üben asoziale Verhaltensweisen. Vielleicht sind alle Kinder so. Erwachsene hingegen legen einen fast religiösen Respekt vor fotografischen Ritualen an den Tag. Sie nehmen ernste Gesten an oder lächeln berechnend; sie blicken mit patrizischer Eitelkeit in die Ferne oder mit der einsamen Versunkenheit von Pornostars in die Kameralinse. Erwachsene posieren für die Ewigkeit, Kinder für den Augenblick.
Ich gehe in die Hütte, um die Polaroidkamera und die Bedienungsanleitung zu suchen. Ich hatte dem Jungen versprochen, sie zu studieren, weil wir mit Sicherheit etwas falsch machen, wenn seine Bilder immer weiß herauskommen. Ich finde beides in seinem Rucksack, unter Spielzeugautos, Gummibändern, Comics und seinem leuchtend roten Schweizer Armeemesser. Wie kommt es, dass das Stöbern in fremden Sachen irgendwie immer etwas zugleich Trauriges und Rührendes hat, als zeigte sich die große Zerbrechlichkeit der abwesenden Person in ihrem Hab und Gut? Einmal musste ich einen Ausweis suchen, den meine Schwester in ihrer Schublade vergessen hatte, und wischte mir plötzlich mit dem Ärmel Tränen ab, als ich ihre gut geordneten Bleistifte, bunten Büroklammern und ihre an sich selbst adressierten Post-it-Notizen durchsah – diese Woche Mama besuchen, langsamer sprechen, Blumen und lange Ohrringe kaufen, öfter zu Fuß gehen. Schwer zu sagen, warum solche Gegenstände wichtige Dinge über einen Menschen enthüllen; und ebenso schwer ist zu verstehen, warum diese Sachen in der Abwesenheit der betreffenden Person eine plötzliche Melancholie auslösen. Vielleicht liegt es daran, dass Gegenstände ihre Besitzer oft überdauern und unser Verstand sie deshalb mühelos in eine Zukunft projizieren kann, in der es den Besitzer nicht mehr gibt. Wir nehmen die zukünftige Abwesenheit unserer Lieben durch die materielle Anwesenheit ihrer Sachen vorweg.
Zurück auf der Veranda, studiere ich die Anleitung. Inzwischen sammeln die Kinder und ihr Vater Steine, die sie zwischen die im Boden steckenden Stöcke legen, abwechselnd Stein, Stock, Stein. Die Anleitung ist kompliziert. Neuer Polaroidfilm muss vor Licht geschützt werden, sobald das Foto ausgeworfen wird, sonst ist die Aufnahme zerstört. Die Kinder und ihr Vater übernehmen jetzt die Macht in Texas, verteidigen es gegen die amerikanische Armee, übergeben es ihren Apachen-Brüdern und trennen es mit einem Zaun aus Stein, Stock, Stein ab. Farbfilm braucht zum Entwickeln dreißig Minuten, schwarz-weiß nur zehn. In dieser Zeit muss das Bild horizontal in völliger Dunkelheit bleiben. Ein einziger Lichtstrahl hinterlässt eine Spur, einen Fehler. Es wird empfohlen, ein Polaroid während der Entwicklung in einer speziellen Dunkelbox aufzubewahren, erhältlich im Geschäft. Man kann es auch zwischen zwei Buchseiten legen und warten, bis alle Farben und Schattierungen fixiert sind.
Natürlich habe ich keine spezielle Dunkelbox. Aber ich habe ein Buch, Sontags Tagebücher, das ich benutzen kann, wenn das Polaroid aus der Kamera kommt. Ich schlage das Buch auf einer beliebigen Seite auf: 142. Bevor ich es neben mich lege, lese ich noch ein bisschen, um sicherzustellen, dass die gefundene Seite etwas Gutes verheißt. Ich konnte noch nie dem abergläubischen Impuls widerstehen, eine wahllos aufgeschlagene Seite zu lesen, als enthielte sie das Tageshoroskop. Einer dieser kleinen, aber ungewöhnlichen Zufälle: die aufgeschlagene Seite spiegelt seltsamerweise eine Szene wider, wie ich sie vor mir sehe. Die Kinder spielen mit ihrem Vater das Apachen-Spiel, und Sontag beschreibt ein Erlebnis mit ihrem Sohn: »Um fünf hat David aufgeschrien – ich bin in sein Zimmer gestürzt + wir haben eine Stunde lang geschmust. Er war ein mexikanischer Soldat (& deshalb war ich auch einer); wir haben die Geschichte umgeschrieben, sodass Mexiko Texas behalten durfte. ›Daddy‹ war ein amerikanischer Soldat.«
Ich nehme die Kamera und suche durch die Linse die Umgebung ab. Schließlich finde ich die Kinder – stelle scharf, noch schärfer und drücke ab. Sobald die Kamera die Aufnahme ausspuckt, nehme ich sie mit Zeigefinger und Daumen und lege sie zwischen die Seiten 142 und 143.
DOKUMENT
Das Bild kommt in Brauntönen heraus: sepia, ecru, weizengelb und sandfarben. Junge und Mädchen, die mich nicht bemerken, stehen ein Stück von der Veranda entfernt neben einem Zaun. Er hält einen Stock in der rechten Hand, sie zeigt auf eine Lichtung im Wald hinter der Hütte, vielleicht schlägt sie vor, noch mehr Stöcke zu suchen. Hinter ihnen befindet sich ein schmaler Weg, und dahinter eine Reihe von Bäumen, die dem abfallenden Hügel von der Hütte in Richtung Hauptstraße folgt. Ich kann es nicht erklären, aber sie sehen aus, als wären sie nicht wirklich da, als wären sie nur eine Erinnerung und nicht auf einem Foto.
SCHACHTEL II
§ VIER NOTIZBÜCHER (20 × 15 CM)
»Über Soundscaping«
»Über Akustemologie«
»Über Dokumentieren«
»Über Feldaufnahmen«
§ SIEBEN BÜCHER
Sound and Sentiment, Steven Feld
The Americans, Robert Frank (Einführung von Jack Kerouac)
Unmittelbare Familie, Sally Mann
Ilf and Petrov’s American Road Trip, Ilya Ilf und Evgeny Petrov
Die Ordnung der Klänge, R. Murray Schafer
A Field Guide to Getting Lost, Rebecca Solnit
In the Field: The Art of Field Recording, Cathy Lane und Angus Carlyle, Hrsg.
§ DREI COMPACT DISCS (SCHUBER)
Voices of the Rainforest, Steven Feld
Lost & Found Sound, The Kitchen Sisters
Desert Winds, Scott Smallwood
§ ORDNER »ÜBER KLANGKARTEN« (NOTIZEN, ZEITUNGSAUSSCHNITTE, FAKSIMILES)
»Sound Around You« Project, University of Salford, UK
The Soundscape Newsletter, vols. I–X, World Forum for Acoustic Ecology
»NYSoundmap«, New York Society for Acoustic Ecology
»Fonteca Bahia Blanca«, Argentinien
OHNE PAPIERE
Ein Mensch im Exil empfindet den Zustand des Exils
als eine ständige, besondere Empfindlichkeit für
Geräusche.
DUBRAVKA UGREŠIĆ
Hören ist eine Art Berührung aus der Ferne.
R. MURRAY SCHAFER
GESCHICHTE
Die Luft im Auto ist erfüllt von unserem vertrauten Geruch. Während wir in südwestlicher Richtung durch die Appalachen nach North Carolina fahren, wirkt die Welt draußen fremder als je zuvor. Mein Mann sieht konzentriert auf die Straße, die sich immer höher in die Berge windet. Wir hören Radio. Ein Junge, der Stimme nach zu urteilen ungefähr zehn, wird in einer Notunterkunft in Nixon, Texas, von einem Reporter interviewt.
Wie bist du in die Vereinigten Staaten gekommen? fragt der Reporter.
Der Junge antwortet ruhig und gefasst auf Spanisch, er sei auf der Bestie gekommen. Ich übersetze seine Antwort für meinen Mann.
Genau wie Manuelas Töchter! ruft der Junge von hinten.
Stimmt, sage ich.
Der Reporter erklärt, dass jährlich etwa eine halbe Million Migranten auf den Dächern von Frachtzügen reisen, von den Leuten »La Bestia« oder Bestie genannt, und sagt, dass der Junge, den er heute interviewt, seinen kleinen Bruder auf einem dieser Züge verloren hat. Dann wechselt der Bericht wieder zu dem Jungen. Seine Stimme ist jetzt nicht mehr ruhig, sie klingt brüchig, zögernd, zittrig. Er sagt, dass sein kleiner Bruder kurz vor der Grenze vom Zug fiel. Als er anfängt, den Vorfall genau zu schildern, schalte ich das Radio aus. Ich spüre einen dumpfen, tiefen Schwindel – eine körperliche Reaktion auf die Geschichte des Jungen und seine Stimme, aber auch auf die Art der Berichterstattung, die Trauer und Verzweiflung ausbeutet, um sie uns als Tragödie zu präsentieren. Unsere Kinder reagieren heftig auf die Geschichte; sie wollen mehr hören, gleichzeitig aber auch nicht. Sie fragen ständig:
Was ist dann passiert?
Was ist aus dem kleinen Jungen geworden?
Um sie abzulenken, erzählt mein Mann ihnen Geschichten von Apachen, darüber, dass der Chiricahua-Stamm aus vier verschiedenen Gruppen bestand, erzählt ihnen von der kleinsten Gruppe, die auch eine der mächtigsten war, weil sie von einem Mann angeführt wurde, der fast zwei Meter groß war und Mangas Coloradas hieß.
Gab es bei den Apachen auch eine Kinderbande? unterbricht meine Tochter ihn.
Wie meinst du das?
Ich meine, gab es auch eine Kinderbande? sagt sie.
Der Junge formuliert ihre Frage um, übersetzt für sie:
Ich glaube, sie meint: Gab es auch Banden, die nur aus Kindern bestanden?
Ihr Vater trinkt einen Schluck Kaffee aus einem Pappbecher, ohne den Blick von der Straße zu wenden, und reicht ihn mir zurück, um ihn wieder in den Getränkehalter zu stellen, ehe er antwortet.
Er habe von einer gehört, sagt er und sucht mit seinen grauen Augen im Rückspiegel ihren Blick. Sie hießen Adler-Krieger. Eine Gruppe junger Apachen-Kinder, angeführt von einem älteren Jungen. Sie waren furchterregend, lebten in den Bergen, aßen Vögel, die noch warm vom Himmel fielen; sie hatten die Macht, das Wetter zu kontrollieren, konnten Regen anziehen oder einen Sturm vertreiben. Er erzählt den Kindern, dass diese jungen Krieger im Echo Canyon lebten, einem Ort, an dem Echos so laut und klar sind, dass selbst ein Flüstern deutlich zurückgeworfen wird.
Ich weiß nicht, ob es stimmt, was mein Mann erzählt, aber die Geschichte hallt in mir nach. Während wir langsam durch die Appalachen fahren, kann ich mir die Gesichter dieser Kinderkrieger sehr gut vorstellen. Unsere Kinder hören ihm schweigend zu, schauen aus dem Fenster in den dichten Wald und stellen sie sich vermutlich ebenfalls vor. Als wir um eine enge Kurve fahren, lichtet sich der Wald, und wir sehen dichte Sturmwolken – durchsetzt mit Blitzen –, die sich über den hohen Berggipfeln im Südwesten zusammenbrauen.
GESCHICHTEN
Das Reisen in dem beengten Raum des Wagens macht uns bewusst, wie wenig wir unsere beiden Kinder kennen, obwohl wir sie natürlich kennen. Wir lauschen ihren Spielen auf der Rückbank. Sie sind Fremde, besonders wenn wir sie zusammen betrachten. Junge und Mädchen, zwei erschreckend unterschiedliche Persönlichkeiten, die wir oft nur als unzertrennliche Einheit sehen: unsere Kinder. Ihre Spiele sind beliebig, laut, unheimlich, wie ein Fernseher mit hohem Fieber.
Aber hin und wieder finden sie einen besseren Rhythmus, entwickeln zwischen sich eine sanftere Dynamik, sprechen langsamer, nachdenklicher. Manchmal greifen sie den verloren gegangenen Faden der Apachen-Geschichten ihres Vaters auf oder der Geschichten über die festgehaltenen Kinder an der Grenze und inszenieren mögliche Ergebnisse:
Wenn wir kein Wild mehr jagen dürfen, überfallen wir ihre Ranches und stehlen ihre Kühe!
Ja, wir stehlen die weißen Kühe, die Kühe der Bleichgesichter!
Nimm dich in Acht vor den Blauröcken und der Border Patrol!
Wir merken, dass sie tatsächlich aufmerksamer zugehört haben, als wir dachten, den Geschichten von Häuptling Nana, Häuptling Loco, Chihuahua, Geronimo – dem Letzten der Chihuahua – ebenso wie der Geschichte über die Flüchtlingskinder an der Grenze, die wir in den Nachrichten verfolgen. Aber sie vermengen und verwechseln die Geschichten, denken sich mögliche Schlüsse und Geschichten aus, die mit den historischen Fakten nichts zu tun haben.
Was wäre, wenn Geronimo sich den Bleichgesichtern nicht ergeben hätte?
Was wäre, wenn er den Krieg gewonnen hätte?
Dann wären die verlorenen Kinder die Herrscher der Apacheria!
Erst jetzt fällt mir auf, dass der Junge und das Mädchen die Flüchtlingskinder immer als »die verlorenen Kinder« bezeichnen. Ich nehme an, das Wort »Flüchtling« können sie sich nicht so gut merken. Und auch wenn der Begriff »verloren« nicht ganz stimmt, werden die Flüchtlinge in unserem privaten Familienlexikon zu »verlorenen Kindern«. In gewisser Weise sind sie das wohl auch. Sie sind Kinder, die das Recht auf eine Kindheit verloren haben.
ANFÄNGE
Die Geschichten der verlorenen Kinder beunruhigen unsere Kinder. Wir beschließen, keine Nachrichten mehr zu hören, zumindest nicht, wenn sie wach sind. Stattdessen nehmen wir uns vor, Musik zu hören. Oder genauer, Hörbücher.
»Wenn er im Dunkel und in der Kälte der Nacht im Wald erwachte …«, sagt die Männerstimme aus den Autolautsprechern, »streckte er den Arm aus, um das Kind zu berühren, das neben ihm schlief.« In der Pause am Ende des Satzes drücke ich die Stopptaste. Mein Mann und ich sind uns einig, dass Cormac McCarthy etwas zu hart für die Kinder ist, obwohl wir ihn und besonders Die Straße beide mögen. Wir sind uns außerdem einig, dass der Sprecher dieser Hörbuchversion als Schauspieler agiert – zu bemüht, zu laut atmend–, nicht wie ein vorlesender Mensch. Ich suche weiter, wähle ein anderes Hörbuch.
»Ich bin nach Comala gekommen, weil man mir gesagt hatte, dass hier mein Vater lebt, ein gewisser Pedro Páramo« – ein Übersetzungsfehler im ersten Satz von Pedro Páramo – ich glaube, Juan Rulfo schreibt »weil mir gesagt wurde« und nicht »weil man mir gesagt hatte« – die passive Stimme und die Doppelung von Gewesenheit verwässern die kalkulierte Nüchternheit und zeitliche Uneindeutigkeit des Romans. Ich scrolle weiter und drücke Play.
»Ich bin ein unsichtbarer Mann.« Ein schlanker, perfekter erster Satz. Aber nein, auch nicht Ralph Ellisons Unsichtbarer Mann. Wir wollen die vor uns liegende Fahrtstrecke durch diese feuchten, von Schlingpflanzen überwucherten Wälder mit einer Stimme und einer Erzählung überbrücken, die sich wie ein Handschuh über die Landschaft stülpen und unsere Gedanken nicht ablenken. Nächstes Hörbuch. Play.
»Es gab in der Stadt zwei Taubstumme, die man stets beisammen sah.« Das würde ich gerne hören, doch die beiden Verräter auf dem Rücksitz verweigern mir ihre Stimme, und auch mein Mann ist dagegen, weil er findet, Carson McCullers einzige Leistung sei der Titel des Romans, und nur der Titel: Das Herz ist ein einsamer Jäger. Er irrt sich, und das sage ich auch; allerdings würze ich meinen Einwand mit etwas Gift und frage ihn, ob er nicht finde, dass diese erste Zeile exakt auf uns zutrifft und ob wir uns nicht den Rest anhören sollten, gleichsam als Orakel. Er lacht nicht, lächelt nicht. Nächstes Buch.
»Ich begegnete Dean das erste Mal, nicht lange nachdem meine Frau und ich uns getrennt hatten.« Pause. Darüber diskutieren wir etwas länger. Mein Mann findet Kerouacs Unterwegs die perfekte Wahl. Selbst wenn die Kinder den Inhalt nicht verstehen, sagt er, könnten wir alle den Rhythmus der Geschichte beim Fahren genießen. Ich las Kerouac mit Anfang zwanzig, als ich mit einem Buchhändler zusammen war, einem Kerouac-Fan, der mir nacheinander alle seine Bücher gab. Ich las sie, als müsste ich einen nicht leer werdenden Teller mit lauwarmer Suppe auslöffeln. Immer wenn ich fast fertig war, wurde der Teller wieder aufgefüllt. Ein paar Jahre später las ich einige von Kerouacs Büchern noch einmal, verstand sie besser und schätzte sogar manches an seiner Prosa: seine schlampige Art, Sätze miteinander zu verbinden, das Tempo, mit der er durch die Geschichte hetzt, als würde er sie sich nicht ausdenken, sondern versuchen, sie einzuholen, und die Art, wie er Absätze beendet, als schummle er bei einem Test. Aber da ich meinem Mann nicht den Sieg lassen will, sage ich:
Ich würde lieber evangelikales Radio hören als Unterwegs.
Warum? fragt er.
Eine gute Frage, die nach einer guten Antwort verlangt. Meine Schwester, die in Chicago Literatur unterrichtet, sagt oft, Jack Kerouac gleiche einem Riesenpenis, der über ganz Amerika pisst. Sie findet, dass sich seine Syntax liest, als markiere er Stück für Stück sein Revier, indem er Verben in die Sätze knallt und jedes Schweigen erstickt. Ich liebe dieses Argument, auch wenn ich nicht sicher bin, ob ich es wirklich verstehe oder ob es überhaupt ein Argument ist. Deshalb führe ich es nicht an. Wir nähern uns einer Zahlstelle, und ich suche nach Kleingeld. Wir halten an, zahlen bei einer Maschine – keinem Menschen – und fahren weiter. Kerouacs Amerika ist völlig anders als dieses so knochige, trostlose und sachliche Amerika. Ich nutze die Ablenkung, um die Kerouac-Diskussion abzuschließen; sie würde ohnehin nur in einer Sackgasse enden. Als wir wieder schneller fahren, suche ich weiter und wähle das nächste Hörbuch.
»Der blondhaarige Junge glitt vorsichtig das letzte Stück Felsen hinab und begann sich zur Lagune durchzuarbeiten.« Nach diesem ersten Satz sind wir uns alle einig: Das ist es, das wollen wir hören, Herr der Fliegen, gelesen von William Golding persönlich. Wir wissen, es ist kein Märchen, kein überzuckertes Porträt einer Kindheit, aber zumindest ist es Fiktion. Keine Fiktion, die uns und die Kinder von der Realität trennt, sondern eine, die uns vielleicht irgendwann hilft, ihnen die Realität ansatzweise zu erklären.
Wir hören der Lesung mehrere Stunden zu, biegen ein paar Mal falsch ab, verfahren uns eine Zeit lang und hören die Geschichte immer weiter, bis wir nicht mehr zuhören, nicht mehr fahren, nicht mehr sitzen können. Wir finden ein Motel in einer Stadt namens Damascus, nahe der Grenze Virginia-Tennessee. Keine Ahnung, warum sie so heißt, aber als wir auf den Parkplatz einbiegen und ich ein Schild lese, auf dem Free Wi-Fi & Cable TV steht, wird mir klar, dass die Übernahme mancher Namen beunruhigender ist als die anderer.
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