Читать книгу: «Mord auf der Messe»

Uwe Schimunek
Mord auf
der Messe
Ein Katzmann-Krimi
Kriminalroman
Jaron Verlag
Uwe Schimunek, Leipziger Journalist und Autor, veröffentlichte vor allem Kurzprosa, bevor er 2011 mit «Katzmann und die Dämonen des Krieges» (in der Reihe «Es geschah in Sachsen») seinen ersten Kriminalroman verfasste. Er liest regelmäßig bei den jährlich stattfindenden Ostdeutschen Krimitagen und im Rahmen des Krimi-Kleinkunst-Programms «Killer-Kantate».
Originalausgabe
1. Auflage 2012
© 2012 Jaron Verlag GmbH, Berlin
1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 9783955520540
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelseite
Impressum
EINS Sonnabend, 27. Februar 1926
ZWEI Sonntag, 28. Februar 1926
DREI Montag, 1. März 1926
VIER Dienstag, 2. März 1926
FÜNF Mittwoch, 3. März 1926
SECHS Donnerstag, 4. März 1926
SIEBEN Freitag, 5. März 1926
ACHT Sonnabend, 6. März 1926
NEUN Sonntag, 7. März 1926
NACHBEMERKUNG
DANKSAGUNG
Es geschah in Sachsen …
EINS
Sonnabend, 27. Februar 1926
WILL DER KERL STERBEN? Er kennt die Regeln: auf dem Beifahrersitz Platz nehmen, Bericht erstatten, keine Fragen stellen, nicht umdrehen. Und bis eben lief alles wie immer. Er öffnete die Tür, setzte sich, zog den Umschlag aus der Tasche seines Smokings, blätterte die Scheine auf den Fahrersitz. Und nun … Klar, die Summe gefällt mir nicht. Aber das ist doch kein Grund für ihn, den Kopf herumzudrehen. Wenn er sich an die Regeln hält, wird nichts passieren. Ich bin kein Unmensch und gebe meinen Leuten eine zweite Chance. Noch nie musste jemand nach einem Fehler ausscheiden, jeder bekam eine angemessene Zeit zur Wiedergutmachung.
Er sitzt also da im Dämmergrau der Straßenbeleuchtung, zittert und sagt: «642, mehr war diesmal nicht drin.» Er spricht mit leichtem Dialekt. So, als sei er selbst wohlhabend und müsste nicht den feinen Herren das Bier bringen. Selbst wenn er wimmert, klingt er wie ein Snob, der Herr Ober.
Stille. Er guckt wieder nach vorn. Gut so. Er schnauft und sagt: «Die Krise. Die Gäste halten sich ewig an einem Getränk fest. Oft wird mit Kleingeld bezahlt. Alle kontrollieren die Rechnungen. Und Trinkgeld gibt es auch kaum noch.»
Ich höre mir die Leier an, überlege mir, ob er glaubt, mich damit beeindrucken zu können. Dabei ist die Sache doch klar, ich liefere erstklassige Ware zu einem festen Satz. Auf Kommission. Also, was gibt es da zu jammern?
Vorn auf dem Beifahrersitz hört der Wortschwall nicht auf – schwere Zeiten und so weiter und so fort. Meine Ohren stehen längst auf Durchgang, bis er sagt: «Können Sie die Beteiligung nicht etwas erhöhen?»
Ich muss die Worte erst einmal wirken lassen … Das ist eine Frage … Was bildet sich der Mann da vorn ein? Und dann will er mir nicht etwa mehr Geld geben, sondern weniger! Das kann nicht sein Ernst sein.
Ich greife zum Halfter, nehme den Schaft meiner Luger in die Hand. Mein Waffenschmied hat mir für das Modell einen zusätzlichen Schalldämpfer angefertigt, seitdem lässt sich die Waffe nicht mehr so flott ziehen. Andererseits muss ich mir damit keine Gedanken um den Lärm machen, kann meine empfindlichen Ohren schonen. Und auch Passanten, die draußen auf der dunklen Seitenstraße laufen, werden durch den Einsatz meiner Pistole nicht aus ihrem Alltag gerissen. Da nehme ich in Kauf, dass der Lauf vom Halfter unter der Achsel bis über den Gürtel hängt.
«Vielleicht müsste man die ganze Sache mal neu kalkulieren …»
Ich ziehe die Waffe, lege den Lauf auf meine linke Hand in den Schoß. Das Metall kühlt meine Handfläche, beruhigt mich. Nein, ich bin immer noch aufgebracht. Der Kerl da vorn muss doch merken, dass ich keine Lust auf sein Gerede habe. Andererseits, er arbeitet schon so lange für mich, da will ich seine Geschwätzigkeit nicht als Fehler zählen. Das ist einer dieser Momente, in denen ich meine Großherzigkeit fühle – zumindest für den Augenblick. Ein paar Minuten will ich ihm noch geben.
Aber dann sagt er: «Das geht so nicht weiter. Das verstehen Sie doch?»
Schon wieder eine Frage.
«Das müssen Sie doch einsehen, oder?» Beim letzten Wort dreht er seinen Kopf zur Rückbank. Guckt zu mir. Schaut mich mit seinen kleinen grauen Augen an, sieht mir direkt ins Gesicht.
Das geht zu weit. Ich hebe die Waffe. Der Lauf berührt beinahe die Stelle zwischen seinen Augenbrauen.
Sein Blick wird panisch. Die Augen scheinen von dem Lauf angezogen zu werden. Er schielt geradezu auf das schwarze Loch im Stahl und sagt: «Aber … nein.»
Jetzt fällt ihm also ein, dass er etwas falsch gemacht hat. Wieso konnte er nicht vorher zur Vernunft kommen? Nun ist der Moment vorbei, an dem das hier alles noch hätte gut enden können. Schade. Sehr schade.
«Nein, bitte …»
Das will ich nicht hören, dieses Gewimmer. Ohne jede Würde! Plopp. Welch erhabenes Geräusch meine Luger macht!
Der Kopf schnippt weg, schlägt mit einem «Plonk» gegen den Rahmen der Frontscheibe.
Dann Stille.
Ich schließe die Augen. Immer nach einem Schuss lehne ich mich einen Moment zurück. Auch dieses Mal genieße ich die Ruhe, das gute Gefühl, ein Problem beseitigt zu haben. Nein, ich schieße nicht gern – nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Aber nun, wo es geschehen ist, gönne ich mir einen Augenblick und überlege, wie sich aus dem Vorfall Kapital schlagen lässt. Vielleicht sollte ich meinen Leuten ein Zeichen senden. Ihnen mitteilen, dass Regeln gelten. Dann hätte der Tod des Kellners da vorn einen Sinn.
Ich öffne die Augen und schaue auf die Schweinerei an der Frontscheibe. Flüssigkeit läuft vom Dach in Richtung der Armaturen meines Automobils. Im Dunkel sieht der Blutbrei beinahe schwarz aus. Ein Klumpen fällt von der Scheibe, kurz darauf höre ich ein schmatzendes Geräusch … Mein schöner neuer Maybach. Hat mich ein Vermögen gekostet, der W3 … Und nun braucht der Wagen eine grundlegende Reinigung, den muss ich in unsere Werkstatt bringen lassen. Aber darüber mache ich mir später Gedanken.
Zuerst brauche ich eine Idee, wie ich die Leiche präsentieren kann, so dass meine Leute es schnell mitkriegen. Herumsprechen wird sich die Sache früher oder später von allein. Aber ein bisschen Tempo kann nicht schaden. Während der Frühjahrsmesse laufen unsere Geschäfte immer besonders gut, und die Messe steht unmittelbar bevor. Also scheint mir Eile geboten.
Ein Artikel in der Zeitung wäre nicht schlecht, ich muss nur sicherstellen, dass der Ober von einem der Schmierfinken gefunden wird. Ich gehe im Kopf die Blätter durch … Natürlich, die Zeitung von den Sozis hat ihre Redaktion um die Ecke, in der Tauchaer Straße – nur ein paar Meter von hier.
Ich ziehe die Taschenuhr aus der Weste: Kurz nach neun. Vielleicht sitzt heute, am Vorabend der Messe, sogar noch jemand in der Redaktion. Aber selbst wenn nicht, kommen die Kriminaler bestimmt alsbald vorbei und fragen, was die Leiche vor der Zentrale der Zeitung zu suchen hat. Ich sollte den Redakteuren noch eine Botschaft hinterlassen. Gerade bei den Sozis neigen die Schreiberlinge dazu, die wichtigen Dinge zu übersehen.
Der Applaus wollte kein Ende nehmen. Bernadette La Belle stand am Bühnenrand und deutete einen Knicks an. Ihr Kleid hatte einen Schlitz von den Füßen fast bis zur Taille, und schon die kleinste Bewegung erlaubte einen Blick auf das rechte Bein. Die Bewegung dauerte nur einen Augenblick, aber eines wurde klar: Falls die Sängerin überhaupt Unterbekleidung trug, musste diese ausgesprochen knapp sein.
Das Publikum im Varietésaal des Krystall-Palastes feierte weiter, ein neuer Knicks, noch mehr Applaus und so weiter … Konrad Katzmann hörte auf zu klatschen. Bernadette La Belle begeisterte auch ihn, aber nach seinem Geschmack durfte sie nun weitersingen.
An die 1800 Menschen um ihn herum sahen das vorläufig anders. Das Klatschen wurde rhythmisch. Es schien fast, als wollten die Gäste selbst Teil der Vorführung sein, sich vielleicht als gemeinschaftliche Schlagwerker beim Orchester verdingen. Katzmann überlegte, ob das nicht peinlich wurde. Was musste die Frau da oben auf der Bühne denken? Wollte sie nicht ihr Programm fortführen? Oder bereitete ihr der Fanatismus von den Rängen Freude?
Ihr Blick verriet nichts, und das Lächeln konnte eine Frau, die ihre Abende seit Jahren auf der Bühne verbrachte, sicher nach Belieben auf den Mund zaubern.
Bernadette La Belle hob die Hand. Mit einer kurzen Verzögerung ebbte der Applaus ab. Das Lächeln verschwand. Stille.
Der Pianist drückte schwere Moll-Akkorde in die Tasten, nach ein paar Takten schummelten sich weitere Instrumente ins Lied. Es klang, als wollten die Musiker sich hinter ihren Instrumenten verstecken. Bernadette La Belle hob den Kopf und begann zu singen.
Die Sängerin hauchte die Strophe geradezu, Konrad Katzmann verstand Worte über Sehnsucht nach der Ferne. Seine Gedanken schweiften ab. Der Radius seiner Reisen beschränkte sich meist auf Sachsen. Da aber kam er viel herum. Es war das richtige Maß an Sesshaftigkeit – für sein derzeitiges Leben.
Der junge Mann neben ihm schien weitere Wege zu mögen. Heinz Eggebrecht war erst am Nachmittag aus Berlin angereist. In den letzten Jahren hatte er in seiner Korrespondenz von Reisen durch ganz Europa berichtet: Prag, Preßburg, Wien, Mailand, Rom, Paris … Konrad Katzmann konnte sich an die Briefmarken erinnern und daran, wie er sich wunderte, was aus dem Redaktionsstift geworden war.
Er sah hinüber. Eggebrechts Augen schienen Bernadette La Belle zu folgen, als gelte es, am nächsten Tage ein Abbild aus dem Gedächtnis zu zeichnen. Der Blick des Photographen suchte offenbar nach Details, nach Blickwinkeln, aus denen die Persönlichkeit der Sängerin am besten abzulichten sein würde. Eggebrecht lehnte im Sessel, sein Gesicht zeigte dabei die Art von Gelassenheit, die Menschen durch jahrelange Erfahrung erlangten. Hier war aus der Berufung ein Beruf geworden.
Auch Katzmann sah abermals zur Bühne. Dort setzte Bernadette La Belle zur finalen Wiederholung des Refrains an. Sie hob die Arme, als wolle sie die Weite der Welt andeuten. Die Melodie sauste einen Ton höher als zuvor durch das Lied, Bernadette La Belle sang lauter. Dabei öffnete sie den Mund weiter, was ihre Lippen noch etwas voller aussehen ließ. Ein langer Ton – durch die Anspannung waren Muskeln unter den Wangen zu erahnen –, trotzdem blieben die Züge der Sängerin zart. Das Gesicht unter dem Bubikopfschnitt wirkte noch weiblicher. Das war keine Frau, die sich lange mit Strophen aufhalten sollte, fand Katzmann.
Das Lied endete, und für einen Augenblick herrschte in dem Saal eine Stille, dass sogar die Opfer der Februar-Erkältungswelle den Husten herunterschluckten.
Ein Knicks, und der Beifall setzte ein.
Katzmann klatschte mit und guckte zu Eggebrecht. Auch der schlug die Hände zusammen, ohne dass sein Gesicht den lauernden Ausdruck des Beobachters verloren hätte. Katzmann fühlte sich ein bisschen, als seien sie beide die Insel der Bedächtigkeit im Meer des Fanatismus. Dabei berührten ihn die Lieder und der Vortrag der Sängerin durchaus. Er verspürte nur nicht den Drang, das so extrovertiert zu äußern wie die anderen im Saal. Inzwischen wurde das Klatschen zunehmend von einem Johlen übertönt, es klang fast wie bei einer Sportveranstaltung.
Der Sängerin auf der Bühne gelang es dieses Mal kaum, die tosende Menge zu beruhigen. Das Heben der Hand reichte nicht. Erst als Bernadette La Belle den Zeigefinger der rechten Hand vor den Mund legte, ließ der Lärm auf den Rängen nach. Nach einem Augenblick führte sie die Finger zusammen und hauchte einen Luftkuss in den Saal – das Publikum jubelte.
Bernadette La Belle wiederholte dieses Spiel ein paar Mal. Stille, Beifall, Stille, Beifall. Vor allem die Männer im Publikum schienen Gefallen an der Sache zu finden. Der Lärm wurde mit jedem Durchlauf lauter.
«Komm, weg hier!» Eggebrecht schaffte es, die Worte in einem Moment der Ruhe mit Nachdruck zu flüstern. «Wer auf die Zugabe verzichtet, bekommt die besseren Plätze im Restaurant.»
Heinz Eggebrecht zündete sich eine Zigarette an und trank den letzten Schluck aus seinem Bierglas. Seit er in Restaurants wie diesem verkehrte, glitzerten die Gläser, als seien sie vor dem Ausschank frisch geschliffen, dafür dauerte das mit dem Nachschub ewig.
Die schicken Etablissements boten noch mehr Vorteile: So musste er nicht brüllen, wenn er seinem Gegenüber von den Erfolgen der letzten Jahre berichtete. Die anderen Gäste in der Bierstube im Krystall-Palast sprachen so leise, als gelte es, Geheimnisse vor den Ohren der Tischnachbarn zu bewahren. Und außerdem verhielt sich das Personal in so einem Lokal dezent, beinahe so, als wolle es mit der Einrichtung verschmelzen. Im Augenblick ging Eggebrecht die Unauffälligkeit allerdings zu weit, der Ober war in der ganzen Bierstube nicht zu sehen.
Auch Konrad Benno Katzmanns Durst schien für ein weiteres Bier zu reichen. Der Blick des Reporters sauste zwischen den leeren Biergläsern und dem Gastraum hin und her.
«Vielleicht sollten wir die nächste Runde von deiner Redaktion aus mit dem Fernsprecher bestellen …» Eggebrecht zuckte mit den Schultern, guckte zu Katzmann, der grinste nur. Davon kam natürlich kein neues Bier.
«Vielleicht holst du deine Ausrüstung, und wir machen ein Lichtbild hiervon», Katzmann hob sein leeres Glas wie einen Pokal in die Höhe, «und dann verkaufen wir es an eine Illustrierte mit dem Untertitel: Skandal – In Leipzig bleiben die Kehlen trocken!»
«Kann ich etwas für die Herren tun?» Der Ober stand neben dem Tisch, schaute auf Katzmanns Pose, als müsse er sich beherrschen, den Gast nicht zum Duell nach draußen zu bitten.
Der Mann war aus dem Nichts aufgetaucht und zum ersten Mal hier. Auf keinen Fall hatte er die erste Runde gebracht, da war sich Eggebrecht sicher. Er sagte: «Zwei Bier bitte. Und richten Sie Ihrem Kollegen die besten Grüße zum Feierabend aus.»
«Sehr wohl, der Herr.» Der Tonfall verriet keine Gefühlsregung, allerdings verschwand der Ober in einer Geschwindigkeit, die vermuten ließ, dass er keinen Wert auf Konversation an diesem Tische legte.
«Hui, der hat ja ’ne Laune.» Katzmann grinste, nahm seine Brille ab und putzte die Gläser mit einem Tuch aus der Jacketttasche.
«Na ja, eigentlich soll der nur für Bier sorgen. Und nicht für die Gesprächsthemen.»
«Stimmt … Also weiter im Text. Du bist jetzt ein erfolgreicher Photograph in Berlin. So erfolgreich, dass du mich in diesem Laden zum Bier einladen kannst …» Katzmann setzte die Brille wieder auf, zog ein Zigarettenetui aus der Tasche, bot Eggebrecht eine an. «Und … du bist wegen Bernadette La Belle in Leipzig?»
«Wegen der schönen Frau und wegen des großen Geldes.» Eggebrecht hatte den Spruch vorbereitet, zwei Bier lang auf die Frage gewartet. Er nahm die Zigarette und zündete sie an. Katzmann hob die Augenbrauen, wie jemand, der schon bessere Witze gehört hatte. Eggebrecht fuhr fort: «Ich mache für die Berliner Illustrierte Photos von Fräulein La Belle. Und wenn ich schon einmal hier bin, soll ich auch ein paar Impressionen von der Messe einfangen.»
«Die schöne Frau und die Messe. Die scheinen dich für eine Allzweckwaffe zu halten.» Auch Katzmann zündete sich eine Zigarette an. «An La Belle ist bei uns die Kultur dran. Aber auf die Messe können wir gern zusammen gehen. Der ganze Protz mitten in der Krise wird bei uns sehr kritisch verfolgt. Da können wir zusammen nach schillernden Figuren suchen.» Katzmann zwinkerte.
«Das ist eine gute Idee. Du kennst dich in Leipzig inzwischen besser aus.» Eggebrecht bemerkte erst jetzt, dass er nicht wusste, welchen Posten Katzmann derzeit bei der Leipziger Volkszeitung bekleidete. Er hatte den Reporter in den letzten Jahren nur einmal kurz bei einer Recherche an der polnischen Grenze gesehen. Da war Katzmann noch Dresdenkorrespondent. Ansonsten hatten sie per Post Kontakt gehalten, seit Eggebrecht kurz nach dem Kapp-Putsch sein Glück als Photograph in Berlin gesucht hatte. In Briefen berichtete er Katzmann von seinen beruflichen Erfolgen. In den Antworten ging es um Frauen und Kriminalfälle, beides über ganz Sachsen verteilt.
Eggebrecht fragte: «Hast du eigentlich eine Wohnung hier?»
«Souterrain. In der Querstraße, an der Kreuzung zur Dörrien-Straße und Gellert-Straße, gleich hier um die Ecke. Im Augenblick bin ich da zu Hause. Wenn ich nicht gerade unterwegs bin …»
Aha, der Herr ließ sich bitten. Also gut, Eggebrecht fragte nach: «Hat Leistner dich befördert?»
«Chefreporter. Eigener Fernsprecher. Teilnahme an der erweiterten Chefredaktionskonferenz. Wenn ich keine Termine auswärts habe.» Katzmann grinste, lehnte sich zurück, als habe er die Situation mit der Handvoll Wortfetzen umfassend beschrieben. Und in der Tat machte die Faktenparade Eindruck auf Eggebrecht. Ob er die Rede und die Pose danach genauso souverän hinbekommen hätte? Es war die kleine Geste, die den Reporter nicht wie einen Aufschneider wirken ließ, sondern wie einen, der seinen Titel trug, als wäre es ein maßgeschneiderter Anzug.
Kleine Gesten spielten in der Berliner Photographenszene keine herausragende Rolle, umso mehr fielen sie Eggebrecht auf. Aber gut, vielleicht konnte er Katzmanns Verhalten ja unter Provinzialität verbuchen … Nein, dafür erschien es zu gekonnt. Hier kam wieder der geborene Großbürger durch. Eggebrecht trank einen Schluck Bier.
«Wenn du willst, können wir rüber in die Redaktion gehen und auf die Termine in den nächsten Tagen schauen.» Katzmann hob sein Glas. «Das ist vielleicht besser, als hier an der Tränke zu verdursten.»
Auf der Tauchaer Straße wehte Konrad Katzmann die Kälte der Nacht in den Kragen. Am Februarhimmel leuchteten die Sterne. Die klaren Nächte waren so frostig wie die sonnigen Tage mild. Und diese Stille … Vom Gewimmel der Krystall-Palast-Besucher war schon ein paar Meter stadtauswärts kaum mehr etwas zu hören, auch die Kraftwagen schienen alle schon abgestellt zu sein. Sogar Eggebrecht sagte mal nichts, schritt stumm im Funzellicht der Laternen den Bürgersteig entlang. Sicher machten die Erinnerungen ihn andächtig. Katzmann kannte das Gefühl: Schon wenn er nach ein paar Monaten in die Dresdner Antonstadt zu seinem Haus zurückkehrte, hatte er den Eindruck, alle Gerüche und Geräusche kämen aus einem früheren Leben. Wie musste es Eggebrecht nach fünfeinhalb Jahren gehen! Immerhin führte das zu einer Pause im endlosen Gerede vom tollen Leben als Photograph in der weiten Welt.
Nein, Katzmann wollte nicht ungerecht sein, und er gönnte Eggebrecht seinen Erfolg. Und klar, der alte Freund durfte stolz sein, hatte den Weg vom Stift zum gemachten Mann aus eigener Kraft geschafft. Ohne Eltern, die ihm hier und da etwas zusteckten.
Andererseits musste Katzmann sich selbst weiß Gott nicht vorwerfen, dass er seine Karriere dem Vater zu verdanken hatte. Auf seinen Posten als Chefreporter der Leipziger Volkszeitung war er gegen den ausdrücklichen Wunsch des alten Reaktionärs gekommen. Und wenn er das Elternhaus in Dresden besuchte, gab es bis heute Streit um seinen Arbeitgeber. Dabei verdiente Katzmann sein Geld inzwischen seit fast acht Jahren bei der LVZ.
Acht Jahre, Wahnsinn! Vielleicht gingen ihm Eggebrechts große Worte deswegen auf die Nerven, weil er sich ertappt fühlte – dabei, es sich auf seinem Bureaustuhl bequem gemacht zu haben. Zwischen der Souterrain-Bude hier und dem Häuschen in der Antonstadt, zwischen den Einzelschicksalen in seinen Sozialreportagen, zwischen den Mädchen, die alle paar Jahre kamen und gingen.
Nein, eigentlich fand er diese Mischung ganz in Ordnung. Solange die Mädchen ihm zuliefen, wenn der Schmerz am größten war, solange er immer einen schönen Text schreiben konnte, wenn er im Alltag zu ersaufen drohte. Vielleicht war ihm einfach zu lange kein Mordfall mehr vors Notizbuch gekommen, dachte er und musste lächeln.
«Na, hörst du den Bureaustuhl rufen?» Eggebrecht schien genau wie er seine Bedächtigkeit abgeschüttelt zu haben und grinste ihn an.
«Das Bureau ist noch ein paar Meter hin. Noch kein Grund, derart in Freude auszubrechen!»
«Wird schon nichts mehr schiefgehen auf den letzten paar Metern.»
«Wenn wir gleich nach Terminen schauen … Wann steht ein berühmter Photograph eigentlich so auf?»
«Wie spät ist es jetzt?»
«Wie?» Katzmann guckte Eggebrecht an. Der hatte den Mantel und das Jackett geöffnet. Die Kette der Uhr funkelte an der Tasche der Weste. Vielleicht hatte er die Frage falsch verstanden.
«Meine Uhr ist stehengeblieben … Aber ich pflege, sechs Stunden, nachdem ich schlafen gegangen bin, aufzustehen …»
Der Herr «pflegt» also, dachte Katzmann. Das klang, als hätte sich Eggebrecht nicht nur neue Anzüge zugelegt. Der Reporter zog seine Uhr aus der Tasche und sagte: «Zehn nach halb elf.»
«Na, dann lass mich rechnen …» Eggebrecht zog beim Sprechen seine Taschenuhr auf. «Wir sitzen jetzt noch eine halbe Stunde rum, dann geht es zu meinen Eltern nach Lindenau … Also, wenn alles normal läuft, kann ich morgen gegen halb acht beim Frühstück sitzen und bin ab neun für jeden Spaß zu haben.»
Auf der linken Straßenseite tauchte das Haus 19–21 auf, die Toreinfahrt war vom Schein einer Laterne erleuchtet. Am Fuß der Laterne lag ein Müllsack. Ungewöhnlich für diese Gegend, dachte Katzmann, und dann noch direkt vor dem Bureauhaus. Oder war das wieder ein Gruß von rechten Witzbolden?
«Da vorn liegt ein Sack.» Eggebrecht zeigte auf den Müll. Er klang nicht entsetzt, eher wie einer, der die Wirkung eines Naturgesetzes konstatiert. Er hätte auch sagen können: «Das Ding ist nach unten gefallen.» Wahrscheinlich kamen an den Straßenrand geworfene Müllsäcke in Berlin öfter vor.
«Gott, verdamm mich!» Jetzt hörten sich die Worte an wie ein Ausruf der Empörung. Ganz so dreckig war Berlin vielleicht doch nicht. «Ein Kopp …»
Katzmann sah zum Sack. Je näher er kam, desto deutlicher zeichneten sich die Konturen im fahlen Laternenschein ab. Der Sack hatte nicht nur einen Kopf, sondern auch Arme, Beine, Lackschuhe … Die Gliedmaßen lagen ineinander verdreht, als habe jemand versucht, die Extremitäten zu verknoten. Wenn der Mann an dieser Stelle gestürzt war, dann musste er zuvor gymnastische Übungen durchgeführt haben – nicht besonders wahrscheinlich um diese Uhrzeit, dachte Katzmann.
«Wie liegt der denn rum?», fragte Eggebrecht.
«Sieht nicht gesund aus.»
Eggebrecht beugte sich über den Liegenden, hielt inne und griff dann einen Arm. Er hielt das Handgelenk ein paar Sekunden und sagte: «Kalt. Kein Puls. Tot.» Mit der Spitze seines Schuhs stieß er vor den Kopf – mit Vorsicht, als wolle er der Leiche das Haar nicht durcheinanderbringen. «Erschossen. Kleines Loch in der Stirn, großes im Hinterkopf.»
«Wieso liegt der gerade hier?»
Eggebrecht schien die Frage nicht zu hören. «Den kenn ich.»
«Direkt vor der Redaktion?»
«Unser Kellner.»
«Unser Kellner? Wie kommt denn der hierher?»
Eggebrecht inspizierte weiter den Leichnam. Er fragte: «Und was ist das hier für ein Zettel?»
Heinz Eggebrecht schaute auf die Uhr, es ging auf Mitternacht, und er stand neben einer Leiche. Der Wind pfiff durch die Tauchaer Straße, es klang, als würde ein Gespensterorchester gerade die Instrumente stimmen. Eggebrecht lief ein kalter Schauer über den Rücken. Nein, keine Albereien! Da lag ein toter Mann, der konnte ihm nichts antun. Ansonsten weit und breit nur leere Straßen, und die Polizei musste jeden Augenblick eintreffen.
Es war richtig, dass Katzmann allein ins Bureau gegangen war, um die Kriminaler anzurufen. So lag die Leiche hier unten nicht unbeobachtet herum. Und falls gefährliche Gestalten des Weges kamen, würde er einfach ins Redaktionsgebäude flüchten, Katzmann hatte extra die Tür zum Treppenaufgang in der Durchfahrt offen gelassen.
Nur, wo blieb Katzmann? Der war vor bestimmt zwanzig Minuten nach oben geeilt. So lange konnte der doch nicht mit der Polizei telephonieren …
Zeit totschlagen – irgendwann musste der Herr Redakteur wiederauftauchen. Eggebrecht guckte noch mal zum Zettel. Der klemmte unter der Fliege, es sah ein bisschen aus, als hätte ein wütender Gast dem Ober eine überhöhte Rechnung an den Hals genagelt.
Sollte er das Papier herausziehen und nachschauen? Die Polizei wäre davon sicher nicht begeistert. Andererseits mussten die nicht alles wissen …
Eggebrecht kniete sich neben den Leichnam. Der Zettel stak in der Fliege, zusammengerollt wie ein Blätterteiggebäck. Er beugte sich ganz nah an den Zettel, im innersten Stück des Papiers zeichneten sich die Buchstaben Dr. Bl ab – mehr war nicht zu erkennen, obwohl seine Nase beinahe vor das Papier stieß.
Mit Dr. Bl konnte er nichts anfangen, vielleicht ein Arzt … Wenn er Genaueres wissen wollte, musste er den Zettel aus der Fliege ziehen.
Seine Finger wurden vom Papier angezogen wie ein Trinker vom Zapfhahn. Er wehrte sich, trotzdem schien die Hand geradezu zum Kragen des Obers zu schweben. Nur noch Millimeter …
Kaltes Leder im Genick. Eggebrecht zuckte zusammen, sprang auf, sah Katzmann. «Mann, Konrad!»
«Ich bin wieder da.» Katzmann grinste. Der Mund sah aus, als wolle er vor Freude aus dem Gesicht springen.
«Willst du, dass ich einen Herzinfarkt kriege? Mann!» Eggebrecht guckte auf Katzmanns Hände. «Und was soll der Quatsch mit dem Handschuh?»
«Daktyloskopie.»
«Dakti-was?»
«Fingerabdrücke. Also genauer gesagt, keine Fingerabdrücke … Wir haben noch mindestens eine Viertelstunde, bis die Polizei hier ist.» Katzmann holte eine Pinzette aus dem Jackett, klemmte die Papierrolle zwischen die Spitzen und zog den Zettel aus dem Knoten der Fliege. Er hob die Rolle nach oben, drehte das Papier im Laternenschein und ließ den Zettel zwischen den Handschuhen verschwinden. Katzmann hatte offenkundige Schwierigkeiten, die Papierrolle mit seinen gefütterten Fingerlingen zu öffnen.
«Ist gar nicht so kalt, was?»
Katzmann guckte, als lenke ihn ein lästiges Insekt ab – wohl keine Zeit für Scherze. Der Reporter blickte nochmals auf das Papier. «Rechnungszettel. Signet vom Krystall-Palast.» Dann schüttelte er den Kopf. «Aber was soll das?»
Katzmann hielt das Papier herüber. Eggebrecht las:
Wichtige Mitteilung an alle:
75 für 100 sind das Mindeste. Ausnahmen von dieser Regel sind nicht vorgesehen.
Hochachtungsvoll,
Dr. Blei
«Hm. Doktor Blei? Ein Arzt?» Eggebrecht schaute zu Katzmann, der schüttelte immer noch mit dem Kopf, als habe er eine Stahlfeder im Hals.
«’ne Rechenaufgabe im Text. Vielleicht ein Naturwissenschaftler? Von der Uni?»
«Ich weiß nicht …»
Katzmann drehte den Zettel in alle Richtungen. «Ich hab noch nie was von einem Doktor Blei gehört … und ich bin hier Journalist.»
«Vielleicht ein Auswärtiger …»
«Der kommt von außerhalb und legt eine Leiche mit einem Briefchen vor der LVZ ab. Wieso?»
«Hm, du bist der Journalist … Dinge rauskriegen ist dein Beruf!»
«Also gut, fangen wir am Anfang an. Es ist eine Nachricht für alle. Also wird der Mann vor der Zeitung ermordet.»
«Na, siehst du! Ist doch einfach.»
«75 für 100. Klingt wie ein Tauschkurs. Ich frage morgen in der Wirtschaftsredaktion nach, wozu das passen könnte …» Katzmann ließ die Hand mit dem Papier nach unten sinken. «Dann kommen eine Drohung und ein förmlicher Abschied.»
«Doktor Blei … könnte ein Scherzchen sein. Blei, Pistolenkugel, Loch im Kopf.»
«Hm, das müssen wir klären.» Katzmann kämpfte mit dem Papier. Es sah aus, als hätte er statt Fingern kleine Würste auf den Handballen und versuche nun, damit komplizierte Figuren zu falten. Dabei galt es nur, den Zettel zusammenzurollen.
«Wenn die Polizei vorhin in einer Viertelstunde kommen wollte, hast du noch mindestens fünf Minuten.»
«Danke.» Katzmann blickte nicht auf, fummelte weiter am Papier herum.
«Sag mal, Konrad, war das Papier vorhin nicht geknickt?» Katzmann hielt inne, stellte den Kopf schräg.
Es sah aus, als würde in seinem Kopf ein kleiner Reichstag die kommenden Handlungen und ihre Konsequenzen debattieren. Hoffentlich kommt er zur Abstimmung, bevor es zu spät ist, dachte Eggebrecht.
Der Reporter nickte, faltete den Zettel zu einem dünnen Streifen und schob ihn mit der Pinzette unter den Kragen.
«Und genau so haben Sie die Leiche vorgefunden?» Oberkommissar Bölkes Gesicht sah im Licht der Laterne grau aus, der Schnurrbart hob sich farblich kaum von der Haut ab.
Katzmann nickte, Bölke guckte zu Eggebrecht, der zuckte mit den Schultern. Eine seltsame Art der Bestätigung, fand Katzmann, auch wenn das Schulterzucken voller Unschuld steckte. Der Polizist beugte sich zur Leiche, stellte fest, dass der Mann erschossen worden war. Damit konnte er freilich niemanden überraschen.
«Kaum Blut auf der Straße. Der ist wohl anderswo getötet und dann hier abgelegt worden.» Bölke nuschelte wie einer, der zu sich selbst sprach. Jedenfalls galten die Worte nicht den anderen Polizisten, die am Tatort arbeiteten, denn die fertigten weiter Zeichnungen, nahmen Maß, suchten den Boden ab …
Bölke blickte auf. «Sie wissen sicher nicht, weshalb der Mann hier liegt.»
War das eine Frage? Katzmann schaute Bölke an, im Blick des Polizisten lag ein Lauern, das in einem merkwürdigen Widerspruch zur sonstigen Erscheinung des Mannes lag. Der Oberkommissar quoll aus der Uniform, das Doppelkinn wirkte im Dämmerschein der Straßenbeleuchtung wie ein vorgelagerter zweiter Hals, die Dienstmütze steckte im Nacken und ließ so die Schweißtropfen auf der Speckstirn sichtbar werden – ein Bild der Harmlosigkeit. Katzmann ließ sich davon nicht täuschen, er kannte Bölke von früheren Fällen. Mit dem Oberkommissar ließ es sich arbeiten, zu unterschätzen war er dennoch nicht.
«Also keine Ahnung?» Bölkes Augen schnippten in ihren Höhlen hin und her, blickten abwechselnd Katzmann und Eggebrecht an.
«Vielleicht wollte der Mörder den Herren von der Presse etwas mitteilen …» Eggebrecht sprach, als ginge ihn die Sache nichts an.
Bölke sagte: «Und Herr Katzmann, was wissen Sie über die Leiche?»
«Es ist der Ober aus dem Bierrestaurant im Krystall-Palast. Wir haben dort getrunken und plötzlich nichts mehr bekommen.»
«Und dann haben Sie mal vor der Redaktion geschaut, ob die Bedienung dort wartet?» Bölke lauerte, keine Spur von Humor in der Stimme.
«Wir haben bei einem anderen Ober bezahlt und wollten dann die Messetermine durchgehen. Kollege Eggebrecht ist heute erst in Leipzig ankommen.»
«Im Übrigen könnte es sein, dass Ihnen der Zettel dort mehr Antworten geben kann als wir.» Eggebrecht zeigte auf den Leichnam.
«Und was steht drauf?»
«Ich hatte gehofft, dass Sie fragen, Herr Polizist! Denn wenn Sie das wissen wollen, werden Sie das Papier bestimmt gleich an sich nehmen und etwaige Worte lesen. Und dann können Sie meinem Freund von der Presse sagen, was drinsteht. Ich hatte nämlich einige Mühe, ihn davon abzuhalten, im Vorfeld Ihrer Ermittlungen seiner Chronistenpflicht nachzukommen.» Eggebrecht zwinkerte Bölke zu.
Er war auf dem gefährlichen Weg der Provokation, fand Katzmann. Immerhin ermöglichte das ihm selbst, die Rolle des Geduldigen zu spielen.
«Wie kommen Sie zu der Ansicht, dass ich Ihnen etwaige Informationen mitteile?» Bölkes Schnurrbart schob sich nach vorn, mit diesem Gesichtsausdruck erinnerte der Oberkommissar an eine Robbe im Zoo. Er winkte einen Beamten herbei, befahl, den Zettel zu sichern, und sagte: «Sie entschuldigen mich bitte kurz.»
Bölke, sein Kollege und der Zettel verschwanden am Dienstkraftwagen der Kriminaler.
Die anderen Polizisten schienen mit ihrer Arbeit langsam fertig zu werden. Sie trugen Tütchen mit Dingen, die sie vom Boden aufgelesen hatten, zum Wagen: Krümel, Schmutz, Steinchen. Wahrscheinlich hofften sie, in dem Unrat Hinweise zu finden – worauf, wollte Katzmann nicht so recht klarwerden. Die Polizisten verstauten Beweismittel, Werkzeuge, Taschen und Zeichnungen im Kofferraum. Bölke stand mit dem Zettel neben dem Kollegen an der Beifahrertür. Die beiden sprachen so leise, dass Katzmann nichts verstehen konnte.
«Ob der uns was sagt?» Eggebrecht fragte ebenso leise.
«Hm, keine Ahnung. Sieht aus, als wüsste er es auch nicht so genau …»
Der zweite Beamte stieg in den Kraftwagen. Bölke blieb draußen stehen, zog die Dienstmütze tiefer ins Gesicht. Dann drehte er sich um und kam herüber. Er hatte in den letzten Jahren immer mehr Speck auf die Hüften bekommen. Katzmann hatte das Gefühl, dass der Polizist in zehn Jahren zum Dienst rollen könnte, wenn er es bis dahin nicht in die Rente schaffen würde.
«Kennen Sie die Blei-Bande, Herr Katzmann?»
«Blei-Bande? Hm … Nein, ist mir noch nicht untergekommen.»
«Letztes Jahr zu den Messen haben alle Kleinganoven vor einer neuen Bande gebibbert. Es war kaum was aus den Halunken herauszuholen. Die meisten hätten lieber ihre Zunge verschluckt, als einen Ton zu sagen.» Bölke schob die Mütze am Schirm nach hinten, über die Stirn zogen sich tiefe Falten. «Das Vögelchen, das ein paar spärliche Verse gesungen hat, hing tags drauf in der Gefängniszelle.»
«Und warum erzählen Sie uns das?» Eggebrecht hatte wieder den Ton des unbeteiligten Zugereisten drauf.
«Auf dem Zettel stand eine Botschaft. Vermutlich von der Blei-Bande. Da der Tote vor Ihrer Redaktion lag, mache ich mir Sorgen um Sie.»
ZWEI
Sonntag, 28. Februar 1926
ELEKTRISCHES LICHT ist eine praktische Erfindung. Mittels der richtigen Glühlampe und einer geeigneten Reflexionsfläche lässt sich die Helligkeit hervorragend steuern. Zum Beispiel kann ich morgens vor meinem Gespräch einen Lichtschein erzeugen, der es mir ermöglicht, mein Gegenüber zu blenden. So sehe ich ihn, aber er mich nicht.
Überhaupt ist die Elektrizität eine großartige Sache. Mit Mikrophon, Verstärker und Lautsprecher lässt sich meine Stimme unkenntlich machen. Ich klinge, als hätte ich einen schweren Katarrh. Es hört sich so gruselig an, dass ich bei der Mikrophonprobe eine Gänsehaut bekommen habe. Diese Verstärkeranlage ist eine enorm hilfreiche Angelegenheit. Denn erstens erhöht das den Respekt bei meinem Gesprächspartner, und zweitens kann ich so unsichtbar bleiben. Denn seien wir ehrlich: Wenn der Mann mich erkennen würde, würde das sein Leben abrupt beenden. Und ich gebe mir stets größte Mühe um das Wohlergehen aller meiner Leute.
Auch der Mann, der vor mir sitzt, ist ein wertvolles Mitglied meiner Gruppe, das ich nur ungern verlieren würde. Er kauert auf seinem Stuhl, als wolle er sich unter der Sitzfläche verstecken.
Der Mann erzählt, dass der Ober von zwei Journalisten entdeckt wurde. «Ich selbst habe vom Eckhaus an der Mittelstraße zur Tauchaer zugesehen, wie die beiden die Leiche gefunden haben. Vorher saßen die Männer noch im Bierrestaurant im Krystall-Palast und ließen sich vom Ober bedienen. Sicher haben sie ihn erkannt.»
Ei, ei, das hatte ich gar nicht bedacht. Wieso konnten sich diese Wichte von der Arbeiterpresse rauschende Feste im Krystall-Palast leisten – mitten in der Krise? Jammern in ihrem Blatt über den wirtschaftlichen Niedergang und prassen im Amüsierschuppen. Na ja, was ist schon dabei, dass sie den Ober erkannt haben? Den Beruf des Opfers würde jeder schnell herausbekommen. Nun wissen die beiden es gleich. Wo liegt der Unterschied?
«Ich wollte eigentlich nach Hause gehen. Aber als ich die beiden und den Ober gesehen habe, bin ich noch ein bisschen geblieben. Ich konnte genau beobachten, wie die Journalisten den Leichnam inspiziert haben. Sie haben sich über einen Zettel unterhalten. Genaueres konnte ich auf die Entfernung leider nicht verstehen.»
Ich gucke den Mann an. Nein, der verbirgt nichts. Der sitzt wie ein Häschen auf dem Stuhl.
Ich frage: «Was haben die beiden denn im Krystall-Palast gemacht?»
«Sie haben das Konzert von Bernadette La Belle besucht. Mir sind sie aufgefallen, weil sie das Da Capo versäumt haben und in das Bierrestaurant gegangen sind.»
Zwei Journalisten, die zu früh aus dem Konzert gehen. Vielleicht haben die das Konzert schon ein paar Mal erlebt. Das klingt mir zunächst nicht, als müsse ich mir Sorgen machen. «Kennen Sie die beiden?»
«Den einen habe ich schon ein paar Mal gesehen. So ’n gutaussehender junger Kerl. Teure Anzüge. Ich würde sagen, Salon-Sozi.»
Aha, daher weht der Wind. Klar, wer’s dicke hat, kann sein Bier im Krystall-Palast trinken und am nächsten Morgen etwas für die Gerechtigkeit auf der Welt tun. Und der andere Kerl? Ich nicke dem Mann zu, denke wieder einmal nicht daran, dass er mich nicht sehen kann. Aber egal, der spricht bestimmt gleich von allein weiter.
«Der andere Kerl ist ungefähr genauso alt, aber kräftiger und hat einen Lockenkopf. Er sieht irgendwie eckig aus …»
Irgendwie eckig, darunter soll sich einer etwas vorstellen können … Das ist doch keine Rätselstunde! Aber ich will nicht ungeduldig werden. Sage nichts.
«Er trug auch einen teuren Anzug, aber der saß nicht so perfekt. Ich habe das Gesicht noch nie gesehen.»
Ein Modelinker und ein neureicher Zugereister, die ein Konzert vor der Zugabe verlassen und Bier trinken gehen … Was ist das denn für ein Pärchen? Hatten die was Wichtiges zu besprechen? Bestimmt ist der Fremdling nur ein harmloser Messegast …
Und eigentlich habe ich genau erreicht, was ich wollte: Journalisten sollten den Ober finden. Das war das Ziel, und so ist es gekommen. Und dank der Aufmerksamkeit des Mannes vor mir weiß ich nun sogar, welche Schmierfinken meine kleine Botschaft entgegengenommen haben. Ich muss das Positive sehen. Andererseits: Vorsicht ist die Mutter des Erfolgs. Ich brauche mehr Informationen.
«Also, hören Sie gut zu.» Wie herrlich meine Stimme aus den Lautsprechern knarzt! Ich bekomme Gänsehaut, der Mann schrumpft in seinem Sitz. «Bekommen Sie heraus, wer die beiden sind. Behalten Sie sie im Auge. Und erstatten Sie Rapport, wenn Sie etwas Neues wissen.»
In der Untergrundmessehalle drängten sich die Menschen. Die Gesichter sahen im elektrischen Licht gespenstisch aus, als habe jemand die Farbe herausgesaugt. Heinz Eggebrecht wollte lieber nicht wissen, wie er in dieser Beleuchtung wirkte. Er hatte das Gefühl, aus seinem Gesicht sei die Luft abgelassen worden und nun hänge seine Haut wie altes Leder an den Wangen. Er konnte die Augen kaum aufhalten, dafür drückten die Augäpfel. Vermutlich glich er einem Frosch, nur dass unter den Augen kein breites Maul war, sondern Ringe – schwarz wie Reifengummi. Er hätte das mit der Schnapsflasche in der Kammer bei seinen Eltern sein lassen sollen. Gestern Abend dachte er noch, dass er den Anblick der Leiche aus seinen Gedanken spülen könnte … Falsch gedacht.
Und dann der Lärm. Keiner im näheren Umfeld sprach besonders laut, aber es schien, als habe sich halb Europa hier unten in der Messehalle versammelt. Und wenn eine Million Menschen in tausend Sprachen in Zimmerlautstärke redeten, konnte einem das in der Summe die Nerven rauben. Das galt insbesondere für jemanden, der einen Kater hatte, ach was, einen Bengaltiger oder ein noch größeres Tier – so wie Heinz Eggebrecht.
Schon das Drehen des Kopfes fiel schwer. Aber da kam er nicht drum herum, wenn er sich einen Eindruck verschaffen wollte. Die Halle schien kein Ende zu nehmen. Eggebrecht wusste, dass der unterirdische Ausstellungsraum in der Länge knapp hundert Meter maß, aber hier sah alles viel größer aus. Über der Erde bildeten der Eingang zum Untergrundmessehaus auf der Südseite des Marktes und das Siegesdenkmal am Nordende natürliche Enden des Platzes. Da war die Entfernung gut zu überblicken und hatte nichts Bedrohliches. Hier unten aber stand Eggebrecht im Gewimmel kurz vor der Platzangst und konnte kaum Wände sehen. Zwischen schlanken Betonsäulen, die zur Decke ragten, führten immer abwechselnd Gänge und Standreihen in die Tiefe – ins endlose Gewusel des Messeauftaktes.
«Und, können wir losgehen?» Katzmann wirkte verdächtig wach, wer weiß, was der am Morgen genommen hatte. Dabei strahlte der Reporter eine Ruhe aus, dass es Eggebrecht vorkam, als stehe Katzmann vor einer flimmernden Kinoleinwand, auf der eine Massenszene in doppelter Geschwindigkeit lief.
«Hm.»
«Vielleicht fangen wir ganz links an …»
«Hm. Links. Klar.» Sozi blieb eben Sozi – wenn er links begann, konnte er sich prima nach rechts vorarbeiten, dachte Eggebrecht und musste schmunzeln. Immerhin ein klarer Gedanke, der Tag schien zu beginnen.
Katzmann ging los, schritt auf das Gedränge zu, wurde von der Masse eingeatmet. Eggebrecht stolperte hinterher, drang ins Gewühl. Die Messegäste trugen Anzüge, deren Farben von dunklem Grau über Anthrazit bis Schwarz variierten. Die Jacketts unterschieden sich kaum, allenfalls in der Anzahl der Knöpfe unterm Revers oder der Kragenlänge. Frauen gab es nicht. So wirkte das Gedränge, als warte eine Geschäftsleute-Armee auf den Beginn der Parade. Aus dem Gemurmel hörte Eggebrecht im Vorbeigehen Satzfetzen, Worte wie Krise, Bereinigung, Sparen, Werben, Abwarten, Weitermachen …
Katzmann verschwand im Gang. Eggebrecht folgte ihm, quetschte sich zwischen den Geschäftsleuten hindurch, murmelte die Entschuldigungen immer genervter. Er umkurvte eine Gruppe blonder Männer. Deren Haare leuchteten so hell, die Kerle mussten vom nördlichsten Ende Skandinaviens kommen – oder gleich vom Nordpol. Dann endlich der Gang, er sah Katzmann wieder. Der Reporter stand vor der ersten Nische.
Auch in dem Gang sah Eggebrecht keine Frauen, was ihn verwunderte, weil Nähmaschinen ausgestellt wurden. Zahllose Fabriken befassten sich damit, den Frauen in den neuen Zeiten das Leben zu erleichtern. Welche Geräte die Damen zu ihrem Glück brauchten, entschieden anscheinend die Männer.
Er schloss zu Katzmann auf, aber der hatte offenbar genug gesehen und lief hinunter in die Tiefe des Gangs.
«Nun warte doch mal, Konrad …»
«Was ist denn los? Steckt das Kopfkissen noch in deinem Kragen?»
«Nein … ich will …» Eggebrecht versuchte sich zu konzentrieren. Warum stand er eigentlich hier? Und lag nicht in seinem Bett? Die Messe würde auch am Nachmittag noch geöffnet haben.
«Ich bin noch nicht richtig wach … Ich hatte so meine Probleme einzuschlafen.»
Katzmann schob die Brille am Bügel in Richtung Stirn und sagte: «Komm schon, denk nicht mehr an tote Ober, Zettel oder Banden. Jetzt ist Messe. Arbeiten hilft.» Katzmann drehte sich zur nächsten Nische. Hier bot ein Mann Zubehör für die moderne Näherin an: Fäden auf Spulen, Nadeln, Metalldinger, deren Namen Eggebrecht nicht kannte und deren Funktion er allenfalls erahnen konnte. Die Waren lagen in Holzkästen, es mussten Hunderte auf dem Präsentationstisch stehen, schätzte Eggebrecht.
«Guten Tag, Hemmann-Textilzubehör, Hemmann mein Name. Sie sind Einzelhändler, hoy?» Der Mann in der Nische sang das Sächsische der Erzgebirgsvorländler, er kam sicher aus der Chemnitzer oder Zwickauer Ecke, vielleicht sogar aus dem Vogtland. Er trug eine Halbglatze und schien das fehlende Haupthaar mit seinem struppigen Schnurrbart kompensieren zu wollen. Vielleicht sollte der Bart auch verhindern, dass der Händler beim Blick nach unten ständig seinen gewaltigen Bauch sehen musste. Eggebrecht überlegte, was er täte, wäre er ähnlich fett. So ein Oberlippengestrüpp käme für ihn nicht in Frage.
«Eggebrecht und Katzmann. Wir sind von der Presse.» Katzmann übernahm das Gespräch, er war offenbar wach genug.
«Da wollen Sie nichts bestellen, hoy?»
«Wie laufen die Geschäfte denn?»
«Es sind ja erst ein paar Stunden. Ich bin erst heute ganz zeitig aus Reichenbach angereist.» Er machte eine kurze Pause und sagte: «Wenn die Damen kein Geld für Kleider haben, nähen sie selber, hoy? Und wenn’s dann wieder bessergeht, wollen sie öfters ausgehen und müssen mehr nähen, hoy?»
Ein Kaufmann, der nicht jammerte. Eggebrecht konnte es kaum fassen.
«Nur wenn die Geschäfte in den Städten pleitegehen, ist das schlimm, hoy? Ich kann ja nicht überall sein und meine Waren selber verkaufen, hoy?»
Na immerhin, da bekam die Krämerseele noch die Kurve, dachte Eggebrecht.
Katzmann lächelte freundlich. «Herr Hemmann, wenn es Ihnen nichts ausmacht, würden wir Sie in den nächsten Tagen noch mal besuchen. Dann würden wir Sie gern zu Ihren Messeerfahrungen befragen.»
«Aber nehmen Sie doch bitte Platz.» Theodor Stötzenau wies auf zwei Sessel, die hinter einem kniehohen Tisch standen.
Katzmann setzte sich und beobachtete Eggebrecht dabei, wie er um den Tisch herumtrottete und in den anderen Sessel fiel. Inzwischen war es fast Mittag, und der Photograph schien nicht wach werden zu wollen. Also würde er auch bei diesem Gespräch keine große Unterstützung sein. Katzmann betrachtete den Gastgeber. Theodor Stötzenau saß im Vorstand mehrerer Aktiengesellschaften, die Messehäuser in der Innenstadt verwalteten, bei der Neuen Leipziger Messehäuser AG fungierte er als Prokurist. Vielleicht konnte Katzmann das Interview für einen Artikel verwenden.
«Einen Cognac?» Stötzenau stand an einem Sekretär, holte eine Flasche und drei Gläser heraus.
Eggebrecht brabbelte eine Zustimmung, bevor Katzmann auch nur den Mund öffnen konnte. Er fragte sich, ob neuer Alkohol dem Photographen helfen würde. Katzmann hatte vor ein paar Wochen einen Artikel über die Heilpraktiker-Bewegung nach den Lehren des alten Leipzigers Samuel Hahnemann geschrieben. Diese Homöopathen versuchten, Menschen zu heilen, indem sie Gleiches mit Gleichem bekämpften. Allerdings verabreichten sie die Mittel in winzigsten Dosen. Stötzenau schien beim Füllen der Gläser eher nach der Maxime zu verfahren: Viel hilft viel.
Stötzenau kam mit dem Tablett voller Schnäpse zum Tisch. Nicht schnell, aber auch nicht besonders langsam. Alles an diesem Mann war durchschnittlich: Er war mittelgroß, mit einem Bauchansatz, ohne gleich dick zu sein. Die Haare waren zu kurz, um in Strähnen auf dem Kopf zu liegen, und zu lang, um als Borsten vom Kopf abzustehen.
«Also, was führt die Herren zu mir?», fragte Stötzenau.
«Nun, die Messe.» Katzmann machte eine kurze Pause, wollte sehen, ob Stötzenau auch ohne Frage etwas zu erzählen hatte.
«Dieses Jahr läuft es nicht so gut. Die Krise.» Stötzenau schaute in die Runde, runzelte die Stirn, sprach weiter. «Natürlich, wenn man es mit 1924 vergleicht … oder mit dem Krieg, den die Roten vertrödelt haben … Wir jammern auf hohem Niveau …»
«Wir kommen gerade aus der Untergrundmessehalle. Von Flaute konnten wir nicht viel feststellen …»
«Ein paar Prozent mehr oder weniger sieht man nicht auf den ersten Blick. In den Messehallen drängen sich immer noch Menschen. Aber auch wenn die Arbeiterpresse es nicht gern hört, unsere Gesellschaft lebt davon, dass alles größer wird. Wer nicht wächst, der schrumpft, und wer schrumpft, der stirbt. So ist das in der Wirtschaft.»
«Vielleicht kommt daher das Unglück … weil keiner genug bekommen kann.» Eggebrecht kippte den Schnaps hinunter, als wolle er beweisen, dass es wirklich keine Grenzen gebe.
Stötzenau wirkte für einen Augenblick verwirrt. Dann hob er den Mund zu einem Grinsen. «Nun, es ist einer der Vorteile an unserem Wirtschaftssystem, dass wir die Bürger immer besser mit den grundlegenden Waren versorgen können. Möchten Sie noch ein Glas?»
Ein Kapitalist mit Humor, das kam Katzmann nicht so häufig unter. Wohin sollte das führen, wenn er mit einem Bourgeois in dessen Bureau saß und scherzte? Aber genau genommen galt der Scherz nicht ihm, sondern Eggebrecht, der gerade einen neuen Schnaps bekam. Bevor der Photograph vom Stuhl fiel, musste Katzmann das Gespräch in geordnete Bahnen lenken. «Noch mal zurück zur Messe. In welcher Größenordnung hat die Zahl der Gäste abgenommen?»
«Genaue Zahlen kann ich Ihnen nicht sagen. Wir haben bei den Ausstellern weniger Buchungen aus Deutschland und etwas mehr aus dem Ausland.» Stötzenau schwenkte sein Cognacglas, so dass die braune Flüssigkeit am Rand entlangzuschweben schien.
«So ähnlich wird das vermutlich auch bei den Gästen sein.» Katzmann schaute zu Stötzenau. Der Mann zeigte dieses Lächeln, das Leute aufsetzen, wenn sie sich überlegen fühlen. Aus dem würde er nichts Konkretes herausbekommen. Katzmann konnte das sogar verstehen, wer berichtete schon gern von Misserfolgen. Und für seine Artikel in der kommenden Messewoche hielt er sich sowieso besser an das Messefußvolk. Nichts erschien ihm langweiliger als Berichte mit Zitaten von Verlautbarern, davon gab es in den Texten über die SPD schon genug. Also Themenwechsel. Katzmann fragte: «Haben Sie schon mal was von der Blei-Bande gehört?»
Stötzenau zuckte. Beinahe wäre ihm das Glas aus der Hand gefallen. Er guckte zu Eggebrecht, dann erneut zu Katzmann, zögerte noch einen Moment und sagte: «Ähm, nein … eigentlich nicht.»
Eggebrecht lachte, als kitzle ihn jemand an den Füßen. Auch Katzmann musste schmunzeln.
«So, so, eigentlich nicht … Vielleicht überlegen Sie noch einmal …» Katzmann musste an den Oberkommissar denken und wie der berichtet hatte, dass die Kleinganoven bei den Messen im vergangenen Jahr verschüchtert geschwiegen hatten. Entweder Stötzenau gehörte zu diesen, oder die Bande sorgte nicht nur dort für Schrecken …
«Also gut …» Stötzenau hörte auf, sein Glas zu schwenken, und trank einen Schluck. «Aber ich kann nur sagen, was man so erzählt …»
«Klar doch.» Eggebrecht lallte ein wenig, schien aber wieder hellwach zu sein.
Stötzenau guckte genervt zum Photographen, wandte sich dann abermals Katzmann zu. «Mord, Erpressung, Schutzgeld, Betrug, Falschgeld. Alles, was Sie wollen, hört man über die Blei-Bande – nur nichts Genaues. Die Fäden zieht ein Doktor Blei, den noch nie einer gesehen hat. Und glauben Sie mir, Sie wollen auch nicht wissen, wer Doktor Blei ist, wenn Sie an Ihrem Leben hängen …»
Die ganze Stadt war voller Menschen. Eggebrecht und Katzmann liefen durchs Gedränge. Der Reporter schwieg, und Eggebrecht musste an seine Kindheit denken. Jedes Jahr am Messe-Sonntag hatte Vater die ganze Familie in die Straßenbahn gepackt – seine Schwestern, die Mutter und ihn. Zu fünft spazierten sie in ihren Ausgehanzügen unter den Werbebannern hinweg durch das Gedränge: die Petersstraße entlang, über den Markt, durch die Grimmaische Straße bis zum Augustusplatz. Für die Arbeiterfamilie aus Lindenau im Leipziger Westen waren die meisten Produkte unerschwinglich. Vater wollte dennoch auf dem Laufenden sein, die neuesten technischen Entwicklungen zumindest gesehen haben. Statt der Maschinen konnte sich der Vater nur die Bücher über den technischen Fortschritt leisten. Heinz Eggebrecht dachte an die Romane von Kurd Laßwitz, die er aus Vaters Bücherschrank nehmen durfte. Beim Messebummel guckte Familie Eggebrecht mit staunenden Augen in die Schaufenster und Buden. Die Schwestern fanden das bald langweilig und tollten herum, sprangen durchs Gewühl wie Flöhe durch ein Hundefell. Nach ein paar Minuten hatten Vater und Mutter vor allem darauf achten müssen, dass Helma und Helga nicht verlorengingen …
Eggebrecht dachte in letzter Zeit immer öfter an seine Kindheit in der Kaiserzeit. Damals hatte er vor allem eines gewollt: raus. Raus aus dem Leipziger Westen, weg von der Plackerei für karge Löhne. Weg von den Arbeiterkneipen, in denen stolze Proletarier nach dem zehnten Bier von der «Relulution» lallten, bevor sie unter den Tisch fielen.
Gleich nachdem er den Krieg überlebt hatte, war er deswegen in die bürgerliche Südvorstadt gezogen. Ein Großteil seines Lehrlingsgehaltes ging für das Zimmer zur Untermiete drauf. Es war ungefähr so groß wie eine Besenkammer, aber dafür konnte er zwischen Handwerksmeistern, Ladenbesitzern und Gymnasiallehrern wohnen.
Inzwischen zählte er selbst zu diesen Bürgern. Und nun erschien ihm seine Lindenauer Kindheit immer freundlicher – so, als hätte zwischen Leutzscher Holz und Lindenauer Markt immer die Sonne geschienen. Und so, als wäre in Berlin, wo er jetzt wohnte, immer November.
Abgesehen von der Ermanox, mit der er seine Photos schoss, nahm er nach wie vor kaum am technischen Fortschritt teil. Wozu auch? Er brauchte kein Automobil und kein Motorrad. Die Bahnen fuhren ihn in Berlin, wohin er wollte. Und einen eigenen Fernsprecher, wie ihn die Großbürger in ihren Villen hatten, brauchte er auch nicht. So oft war er nicht zu Hause. Nur einen Radioempfänger … ja, das wäre etwas, worauf es sich zu sparen lohnte.
Ein Mann rempelte ihn an. Heinz Eggebrecht schaute auf. Der Mann war Mitte vierzig, trug einen leger geschnittenen Sakko und hatte die Haare mit Pomade zu einem schwarzen Helm geformt.
«Oh, Pardon!» Der Mann sprach weich, als habe er die Daunen aus seinem Kissen verschluckt. Offenkundig ein Franzose.
«Schon gut.» Eggebrecht strich sein Jackett glatt, obwohl der Rempler dem Stoff nichts hatte anhaben können. Er guckte zu Katzmann, der stand neben ihm und schien sich nicht weiter für den Mann zu interessieren.
«’ätten Sie Freundlischkeit, misch sag’n, wo ist Marktplas?» Ganz klar ein Franzose. Der konnte froh sein, dass er hier unter netten Sachsen war! Eggebrecht musste daran denken, wie er in Paris versucht hatte, zu einem Phototermin zu gelangen. Sein Französisch ging sicher nicht als adlig durch, aber das größere Problem schien ihm, dass diese Franzosen einen Deutschen nicht verstehen wollten. Doch jetzt, wo er die Chance zur Rache hatte, kam er nicht aus seiner Haut und sagte: «Aber selbstverständlich. Sie gehen einfach die Grimmaische Straße hinunter.» Eggebrecht überlegte, ob er den Franzosen vielleicht in der Reichsstraße abbiegen lassen und ein paar Kilometer durch die Stadt schicken sollte. Aber sein Arm zeigte gen Markt. Eggebrecht fühlte sich wie eine Marionette seiner Erziehung, als würde die Gastfreundschaft ihn zum Deppen machen.
«Werde isch finde Üntergründmesse’aus?»
«Aber sicher, das können Sie gar nicht verfehlen. Gleich wenn Sie auf den Markt kommen, rechter Hand.» Eggebrecht kam sich vor wie einer dieser modernen Fließbandarbeiter, nur dass er keine Waren produzierte, sondern Freundlichkeit. Auch Katzmann neben ihm grinste.
Der Franzose nickte, deutete eine Verbeugung an. Es sah aus, als wolle er losgehen, doch dann zögerte der Mann, griff in die Innentasche seines Jacketts.
Die Bewegung wirkte beiläufig, beinahe etwas zu unauffällig für Eggebrechts Geschmack. Es war diese einstudierte Natürlichkeit, die Trickbetrüger auf Berliner Volksfesten und anderen Menschenaufläufen an den Tag legten. Seine Kollegen, die aus dem Gewühl berichteten, hatten ihm viele Gruselgeschichten erzählt. Er selbst bewegte sich deshalb mit äußerster Vorsicht zwischen Menschen. Auch jetzt tastete seine Hand nach der Brieftasche.
«’aben Sie ein ’inweis, wo isch kann Geld tauschen?» Der Franzose hatte ein Bündel Scheine aus dem Jackett gezogen und wedelte damit herum.
Wenn er darauf spekuliert hatte, seine Devisen hier loszuwerden, befand er sich auf einem Irrweg. Eggebrechts Hand drückte die Brieftasche gegen die Brust. Sein Kopf wusste, dass die Geldbörse leer war wie ein Euter nach dem Melken. Er sagte: «Auf dem Markt werden Sie sicher ein Bankhaus finden.»
«Was willst du auf dieser Messe, Genosse? Reicht es nicht, wenn die Wirtschaftsredaktion von diesem Auflauf der Kapitalisten berichtet?» Leistner lehnte im Sessel hinter seinem Schreibtisch. Der Qualm der Tabakspfeife folgte seinen Worten und gab dem Gesagten etwas Bedrohliches.
Katzmann kratzte sich an der Stirn. Leistner sprang, seit er Chefredakteur war, immer wieder über seinen Schatten. Das musste Katzmann anerkennen. Die Leipziger Volkszeitung hatte inzwischen einen ernstzunehmenden Wirtschaftsteil, jeden Tag gab es Sportberichte, und sogar der Platz für einen Fortsetzungsroman war geschaffen worden – derzeit bekamen die LVZ Leser Die Metropole von Upton Sinclair mit der Zeitung auf den Tisch. Eugen Leistner tat Gutes, es fiel ihm nur manchmal schwer.
Katzmann sagte: «Aber Eugen, geh mal da raus! Es gibt Unmengen von Menschen, und klar sind da die Bonzen. Aber du weißt doch auch, dass Angestellte, Arbeiter und ganze Familien in die Stadt pilgern. Alle gucken sich den Messetrubel an.»
«Genosse Konrad, du darfst nicht den Blick für die Zusammenhänge verlieren. Es ist Krise – und was machen die Kapitalisten? Sie entlassen die Arbeiter in den Fabriken und geben das Geld für Reklame aus. Ist das richtig?» Leistner zog an seiner Pfeife. Bevor Katzmann antworten konnte, fuhr er fort: «Nein, sage ich. Und weißt du, warum? Weil die Kapitalisten nie das Große und Ganze sehen. Wer soll die Waren denn kaufen, wenn immer weniger Menschen eine volle Lohntüte nach Hause bringen?»
Katzmann musste zugeben, dass diese Argumentation eine gewisse Stringenz hatte. Er kannte sie aus einem Artikel in der Samstags- LVZ. Deswegen hatte er schon einen ganzen Tag Zeit gehabt, nach der Lücke zu suchen. «Zum Beispiel können die Waren exportiert werden. Einer dieser Kapitalisten hat mir gerade erzählt, dass in diesem Jahr der Anteil der Ausländer unter den Messebesuchern steigen wird.»
Leistner paffte. Eine Wolke zog vor seiner Stirn nach oben und zeichnete die Falten über den Augenbrauen weich. «Und dann, Genosse Konrad? Was passiert dann? Dann verlieren die Arbeiter in Frankreich und Polen ihre Arbeit. Dafür wird das Heer der deutschen Arbeitslosen vielleicht etwas kleiner. Aber weil so viele Menschen auf die wenigen offenen Stellen hoffen, wird es weniger Lohn geben und weniger Rechte für die Arbeiter. Wir haben also Arbeitslose im Ausland und Entrechtete in Deutschland. Das kann doch nicht die Lösung sein!»
In Leistners Welt glich der Kapitalismus einer Decke, die immer zu kurz war, an welchem Ende man auch zog. Katzmann behielt den Gedanken für sich, weil er nicht die Nacht bei einer Diskussion in der Redaktion verbringen wollte. Er beschloss, bei nächster Gelegenheit mit Eggebrecht darüber zu sprechen. Der war als freier Photograph schließlich so eine Art Kleinkapitalist.
Katzmann wechselte das Thema. «Was wird eigentlich morgen die Titelgeschichte?»
«Das Volksbegehren zur Fürstenentschädigung natürlich! Ich sitze gerade an dem Artikel.»
So etwas hatte Katzmann befürchtet. Im Herzen der Stadt strömte das Volk zum Ereignis des Jahres, und Leistner bereitete einen seiner berüchtigten Aufsätze über etwas ganz anderes vor.
«Ich werde zuerst ein paar theoretische Grundlagen ausführen und dann mit feurigen Worten zur Teilnahme am Volksbegehren aufrufen. Zum Schluss werde ich zeigen, welche Ungerechtigkeit die Entschädigung bedeutet …»
Theoretische Grundlagen, feurige Aufrufe – Katzmann lief ein Schauer über den Rücken. Wie konnte er den Chef vor dem Schlimmsten bewahren? Und die Leser natürlich auch?
«Schau, Genosse Konrad, ich habe eine Liste anfertigen lassen. Wilhelm II. soll 600 000 Reichsmark im Jahr bekommen, ein Arbeitsloser mit Familie 750. Das ist doch zum Schreien!»
Katzmann nahm den Zettel. Die Zahlen waren beeindruckend. Selbst ein pensionierter General stand bei 18 000 Reichsmark, ein dreißigprozentiger Kriegsversehrter ganz am Ende der Liste bei ganzen 100 Mark. «Das ist eine Frechheit. Da hast du recht, Eugen. Sollte das nicht ganz vorn stehen?»
«Aber Genosse Konrad, ich kann doch meine Zeitung nicht mit einer Tabelle aufmachen! Das sieht doch aus, als hätte ich aus Versehen die Börsenberichte auf Seite eins gedruckt.»
Hm, da war was dran. Doch mit einer guten Überschrift und einem kurzen, aber starken Text, der zur Liste führte … Katzmann guckte noch einmal auf die Liste, überlegte und fragte dann: «Eugen, was macht eigentlich 750 geteilt durch 365?»
«Was?»
«Ich meine, was bekommt ein Arbeitsloser am Tag?»
«Ah …» Leistner nickte, paffte. Er nahm einen Stift und rechnete. «Zwei Mark Fuffzig … Warte mal …» Die Qualmwolken wurden dichter. «1670 Mark bekommt der alte Kaiser nach Doorn.»
Der Kaiser in seinem holländischen Exil, wohin er kurz vor Kriegsende getürmt war … Daraus musste sich doch was machen lassen. Katzmann schaute noch einmal auf die Liste, rechnete.
«Guck mal, Eugen. Du machst eine Überschrift: Die Rentenempfänger der Republik – und dann schreibst du die empörendsten Fakten auf …» Katzmann zögerte kurz, rechnete im Kopf weiter und sagte dann: « 1640 Goldmark täglich für den gesunden Deserteur in Doorn – 27 Goldpfennig für den dreißigprozentigen Kriegsverletzten. Das ist der Einstieg, und dann wird man auch neugierig auf die Liste.»
«Und du meinst, den Aufruf und die Theorie mache ich hernach?»
Die Theorie könnte vermutlich ganz wegfallen, dachte Katzmann, nickte aber artig.
«Ist das nicht ein wenig zu plakativ, Genosse Konrad?»
«Mit welchen Mitteln kämpft der Feind, Eugen?»
Leistner schrieb, rauchte und nickte. «Da sagst du eine Wahrheit, Genosse Konrad.» Er schrieb den von Katzmann vorgeschlagenen Satz auf einen Zettel. «Gut, so machen wir es.»
«Dann kann ich mich in den nächsten Tagen auf der Messe umschauen … und mich ein bisschen nach der Blei-Bande umhören.» Katzmann sah, wie Leistner paffte, und merkte, wie der zu murmeln begann, als er anfügte: «Über die Blei-Bande würde ich auch ein paar Zeilen für die morgige Ausgabe schreiben.»
Leistner guckte kurz auf, als wolle er sagen: Du immer mit deinen Kriminalfällen! Dann hielt er das Blatt mit den ersten Worten des morgigen Aufmachers hoch und nickte.
Das Bureau von Herfried Rinke wirkte wie aus einem Museum geklaut. Die Möbel – vom Sekretär über die stoffbezogenen Stühle bis zum Holztisch – schienen mit der Wucht des Neobarock auf dem Teppich mit den goldenen Verzierungen zu lasten.
Heinz Eggebrecht hatte einen kleinen Spaziergang durch die Stadt gemacht, nun würde der Cognac in seinem Glas ihn schon nicht umhauen. Den Schnaps hatte Rinke auf den Tisch gestellt und sich dann für einen Augenblick entschuldigt. Der künstlerische Leiter des Krystall-Palastes stand am Regal neben seinem Schreibtisch und blätterte in einem Buch mit Ledereinband. Wie er vor dem Regal auf die Seiten blickte, erinnerte Rinke an einen Dirigenten, der vor dem Auftritt noch einmal seine Noten studierte. Er trug einen Smoking, der seine hagere Figur unterstrich. Die Haare sahen aus, als sei Rinke direkt nach dem Bad in einen Tornado geraten. Die grauen Strähnen würden sicher bis auf das Revers des Smokings fallen, stünden sie nicht in alle Richtungen vom Kopf ab.
«Wann, sagten Sie, wollen Sie den Termin mit Madame La Belle haben?»
«Wenn es nach mir ginge, so bald wie möglich.» Eggebrecht setzte den Cognacschwenker an und trank einen Schluck. Der Schnaps floss die Kehle hinunter wie warmes Öl. Es kam ihm vor, als schalte sein Gehirn einen Gang herunter. Die ganze Welt schien hinter einem Schleier zu verschwinden – ein gutes Gefühl. Eggebrecht beschloss, diesen Alkoholpegel für den Rest des Tages beizubehalten. Schließlich war Sonntag und somit eigentlich ein freier Tag.
«Hm …» Rinke blätterte in dem Buch, kam zum Tisch und setzte sich. Er blätterte noch eine Seite weiter. «Dienstagvormittag wäre ein guter Zeitpunkt … Da ist keine Probe, und auch sonst stehen keine Termine für Madame an.»
Übermorgen. Eggebrecht überlegte. Einerseits schien ihm das nur mit großzügiger Auslegung unter «so bald wie möglich» zu fallen, andererseits hatte er sich bei seinen Eltern für die ganze Woche eingenistet, und die Messe wollte auch photographiert werden. Und da waren auch noch Katzmann und die Sache mit der Blei-Bande … «Dienstagvormittag würde mir auch passen. Wo könnte ich die Aufnahme machen?»
«Am Dienstag könnten Sie zwischen elf und zwölf Uhr den Varietésaal nutzen.» Rinke trank einen Schluck Cognac. Er beugte dabei den Kopf nach hinten, seine Haarpracht erinnerte an die Borsten eines überdimensionalen Putzgerätes.
«Wo melde ich mich am Dienstag?»
«Sie kommen am besten hier ins Bureau, Herr Eggebrecht. Meine Sekretärin wird sich dann um alles kümmern.»
Sekretärinnen waren immer gut. Eggebrecht hatte in Berlin gelernt, dass Termine am zuverlässigsten eingehalten wurden, wenn eine Tippse sich darum kümmerte. Für Vereinbarungen, die er mit wuschelhaarigen künstlerischen Leitern traf, galt das erfahrungsgemäß in besonderem Maße.
«Kommen Sie, ich stelle Ihnen Fräulein Schneider vor.» Eggebrecht trank seinen Cognac aus und stellte den Schwenker auf den Tisch. Auf dem klobigen Möbel wirkte das Glas wie eine Daunenfeder auf einem Ziegelstein. Er stand auf und folgte Rinke zum Vorzimmer.
Fräulein Schneider und ihre Stupsnase waren ihm schon beim Hereinkommen aufgefallen. Die Tippse trug einen Bubikopf, wie ihn die Mode gerade vorschrieb. Unter dem braunen Pony sausten zwei grasgrüne Augen zwischen den Wimpern hin und her.
«Fräulein Schneider, Herr Eggebrecht wird am Dienstagvormittag kommen, um Madame La Belle abzulichten. Sie werden ihn in den Varietésaal begleiten.»
Fräulein Schneider nickte und zwinkerte Eggebrecht zu, als wolle sie sich mit ihm zur Begehung von kleineren Straftaten verabreden. Oder bildete er sich das nur ein? Eine Welle von Wärme wanderte seinen Hals hinauf.
Rinke verabschiedete sich, verschwand in seinem Bureau und ließ Eggebrecht mit Fräulein Schneider allein.
«Wann darf ich Sie am Dienstag erwarten?»
Am liebsten hätte Eggebrecht gesagt: Wann immer Sie zwinkern, werde ich da sein! Aber erstens traute er sich das nicht, und zweitens wäre es natürlich ein völlig unangemessenes Verhalten. Eggebrecht überlegte kurz, wie viele Liebesbeziehungen entstehen könnten, würden sich die Menschen öfters unangemessen verhalten … Er sagte: «Ich würde kurz vor elf zu Ihnen kommen. Dann könnten Sie mir den Saal und vor allem die Lichtschalter zeigen, bevor Madame La Belle Zeit hat.»
«Ganz ausgezeichnet.» Fräulein Schneider lächelte bei den Worten, als könne sie den Termin kaum erwarten.
Eggebrecht hatte das Gefühl, in seinem Kopf würde etwas schmelzen.
«Sagen Sie, Herr Eggebrecht, Sie waren doch gestern Abend im Konzert von Frau La Belle.»
Das klang nicht wie eine Frage, aber Eggebrechts weiche Birne nickte.
«Und Sie waren mit Herrn Katzmann da.»
Schon wieder keine Frage. Der Kopf nickte weiter, allerdings wurde der Brei im Innern etwas härter.
«Sehen Sie Herrn Katzmann öfters?»
«Hm.» Dieses Gespräch nahm keinen guten Weg, dachte Eggebrecht und fragte: «Kennen Sie ihn gut?»
«Nun ja …» Fräulein Schneider guckte zur Decke. Offenbar dachte sie nach, jedenfalls sah sie hinreißend aus. Sie sagte: «Ich habe viel von ihm gehört. Meine beste Freundin … stand ihm einmal … sehr nahe.»
Stötzenau saß schon in den Bacchusstuben, als Katzmann im Krystall-Palast ankam. Der Reporter zog seine Uhr aus der Tasche – nein, es war kurz vor zehn und er pünktlich. Stötzenau hatte in der Redaktion angerufen und den Termin zu nachtschlafender Zeit vorgeschlagen. Er könne ihm eine interessante Person vorstellen, einen Mann, der eventuell etwas über die Blei-Bande wüsste.
«Guten Abend, Herr Katzmann. Nehmen Sie einen Wein, der Meißner hier ist vorzüglich.»
«Gern», sagte Katzmann, obwohl ihm die bürgerlichen Rituale mit zunehmendem Alter immer mehr auf die Nerven gingen, besonders am späten Abend. Er könnte jetzt gut im Bett liegen, anstatt mit einem Mann, der ihm nicht besonders sympathisch war, Belanglosigkeiten über regionale Weine auszutauschen.
Stötzenau schenkte Katzmann ein, dabei sagte er: «Ein ausgezeichneter Jahrgang. Besonders die Fruchtnote im Abgang … So einen Tropfen muss man getrunken haben.»
Die Fruchtnote im Abgang, solche Sachen hatte sein Vater auch immer palavert. Katzmann erinnerte sich an Gespräche, bei denen er zum Schein darauf eingegangen war und von erdhafter Note und schattigem Nachtrag redete, bis sein Vater merkte, dass er veralbert wurde. Den Vater machte das stets wütend. Humor war nicht die Stärke des Großbürgertums.
Jetzt wollte Katzmann keinen Ärger, sondern Informationen, also trank er und nickte. Der Wein schmeckte ihm, wenigstens das. Er versuchte, die Vorrede zu beenden, und fragte: «Vielleicht können Sie mich etwas vorbereiten. Wen erwarten wir denn?»
«Oh, das hatte ich am Telephon gar nicht erwähnt?» Stötzenau trank einen Augenblick, wohl um die Spannung zu steigern.
«Siegbert Wulpius wird uns gleich die Ehre erweisen.»
Wulpius, den Namen hatte Katzmann schon einmal gehört – aber wo? Sicher in der Redaktion, das Ressort fiel ihm nicht ein …
«Siggi, so nennen ihn seine Freunde, weiß alles über Leipzigs …», Stötzenau suchte nach einem Wort, schien keines zu finden, «… Leben. Wenn Sie wissen, was ich meine …»
Nein, Katzmann wusste nicht, was Stötzenau ihm sagen wollte. Die Unterwelt? Die Kriminellen? Nun, das musste er selbst herausfinden. Also nickte er und fragte: «Wie kommt Herr Wulpius zu seinen Kenntnissen?»
«Siggi ist sehr umtriebig. Er macht vielfältige … Geschäfte.» Stötzenau schien nachzudenken, wie er das konkretisieren konnte. Er wurde erlöst. «Ah, da kommt er.»
Vom Eingang der Bacchusstuben schleppte sich ein Mann heran. Katzmann schätzte ihn auf 160 Zentimeter hoch und 160 Kilogramm schwer. Von weitem sah es aus, als würde ein Mühlstein im Anzug durch die Gaststube walzen. Offenbar nahm der Mann schneller zu, als sein Schneider Anzüge fertigen konnte. Der Zweireiher kam nicht von der Stange, glänzte wie frisch aus der Werkstatt, warf aber in der Bauchgegend horizontale Falten.
«Siggi, schön, dass du kommen konntest!» Stötzenau wies mit der Hand zu Katzmann. «Das ist der Reporter, den ich am Fernsprecher erwähnt habe. Katzmann, Konrad Katzmann. Von der Leipziger Volkszeitung.»
Wulpius wuchtete sich auf den Stuhl, wobei er kaum an Höhe abnahm. Er bekam Wein und sagte: «Ah, der Meißner. Sehr gut, Theo.» Dann drehte er sich zu Katzmann und erklärte: «Mir gehören ein paar Weinberge in der Gegend. Ich komme leider nur noch selten hin, aber meine Winzer leisten ganze Arbeit. Finden Sie nicht?»
Schon wieder Weingespräche! «In der Tat ein guter Wein», sagte Katzmann.
«Ah, der Dialekt. Sie kommen aus der Dresdner Ecke. Da ist das bei Ihnen sicher ein Hauswein. Oder trinkt man in Ihren Kreisen andere Getränke?»
Der Bürgerdünkel. Katzmann erlebte das als LVZ Redakteur so oft, dass er sich nicht mal mehr darüber ärgerte. «Nein, nein, ich trinke gerne Wein. Und ja, in meinem Elternhaus stehen Weine vom Elbufer hoch im Kurs.»
Wulpuis nickte und trank noch einen Schluck.
«Siggi, Herr Katzmann hat mich heute Morgen nach der Blei-Bande gefragt …»
«Ja, ja, während der Messe passieren die verrücktesten Sachen in der Stadt. Meine Oma sagte immer: Messezeit ist Kanaillenzeit. Alle werden plötzlich aktiv …»
Katzmann lag die Frage auf der Zunge, welche Aktivitäten Wulpius umtreiben. Aber der schien in Plauderlaune, da wollte er nicht unterbrechen.
«Der gute Theo macht seine Mark mit der Messe, ich habe ein wenig Geld in die Konzertreihe der guten Bernadette La Belle gesteckt … Haben Sie sie schon gesehen?»
«Ja, gerade gestern. Unsere Kulturredaktion wird auch einen Artikel schreiben.»
«Vortrefflich.» Wulpius spülte die Worte mit einem Schluck Wein hinunter, so dass etwas unklar wurde, ob er den anstehenden LVZ Beitrag oder sein Getränk meinte. «Darf ich fragen, was Sie mit der Blei-Bande zu tun haben? Die Arbeiterpresse hat für gewöhnlich andere Sorgen …»
«Nun, mein Chefredakteur sagt immer, man solle das Große und Ganze betrachten. Da ist die Blei-Bande sicher von minderer Bedeutung. Ich interessiere mich dennoch für sie. Ich habe gestern eine Botschaft von einem Doktor Blei erhalten.»
«Gestern?» Wulpius zog eine Augenbraue nach oben.
«Spät am Abend.»
«Dann geht das alles wieder los …» Der dicke Mann schien im Polster zu versinken.
«Was geht wieder los, Herr Wulpius?»
«Herr Katzmann … Ich weiß nicht, was die Botschaft beinhaltete, aber ich kann Ihnen nur den dringenden Rat geben, etwaige Anweisungen auf das Genaueste zu befolgen.» Wulpius sprach leise weiter. «Und die Polizei würde ich an Ihrer Stelle nicht mit Einzelheiten behelligen.»
DREI
Montag, 1. März 1926
DIE AUGEN DES MANNES werfen Schatten bis unter die Nase. Hat der seit Wochen nicht geschlafen, oder ist das nur das ungünstige Licht des Scheinwerfers? Aber eigentlich kann mir auch egal sein, ob der Kerl nachts schläft, solange er ordentliche Arbeit abliefert.
Ich frage: «Wie läuft die Verteilung?» Hach, wie schön meine Stimme über die Verstärkeranlage klingt! Am liebsten würde ich gleich weitersprechen. Aber langsam. Erst mal will ich etwas hören.
«Alle Verteiler sind versorgt. Die ersten Posten sind schon vertrieben worden. Bislang höre ich keine Klagen.»
Das wäre ja auch noch schöner, wenn es jetzt schon Gemurre geben würde! Und außerdem sollte der Ober seinen posthumen Beitrag zum Betriebsfrieden leisten. Da fällt mir ein, dass ich heute diese Leipziger Volkszeitung lesen muss.
«Wenn es ein Problem geben könnte, dann vielleicht mit der Anzahl der Verteiler. Mir scheint, es könnte zu viel Ware für unsere Leute sein.»
Ich gucke den Mann an. Will der mir erzählen, wie ich den Laden zu führen habe? Seine Augen sind weit geöffnet, dadurch fallen die Schatten noch tiefer. Er macht sich wohl auch Sorgen, dass er zu weit gegangen ist. Und dazu hat er allen Grund. Ich sag lieber erst mal nichts.
«Ich meine … es ist nichts unmöglich … Natürlich werden alle tun, was sie können … aber …»
Der jammert herum, als wolle er gleich zu seiner Mutter flüchten. Ich rufe: «Also was?» Oh, wie das klingt! Der Kerl zuckt zusammen. Wenn der sich noch kleiner macht, verschwindet er im Stuhl.
«Ähm … nichts … nur …»
Wie der Mann jetzt auch fortfährt, er macht alles nur noch schlimmer. Das weiß der auch. Wie der sich windet!
«Ich meine … es war nur so eine Beobachtung … Die Produktion läuft einfach sehr gut …»
Da hat er doch ein rettendes Ufer gefunden. Gar nicht so dumm, der Kerl. Sucht das Positive. Gute Leute habe ich!
Und nun schweigt er. Das würde ich an seiner Stelle auch tun. Aber vielleicht stimmt es, und wir haben zu viel von dem Zeug hergestellt. Ich werde nachher in der Produktion vorbeischauen und mir ein Bild machen. Dann kann ich immer noch überlegen, wo ich weiteres Personal herbekomme. Damit muss ich den armen Kerl nicht belasten. Der zittert wie Espenlaub. Obwohl – zittert Espenlaub so sehr?
Ich sage: «Also gut, die Verteilung läuft. Gibt es etwas Neues von unseren wackeren Journalisten?»
Er traut sich wieder zu atmen. Schwitzt der vor Anstrengung, oder kommen die Schweißperlen vom Scheinwerfer? Er zögert. Überlegt der, was er sagen soll, oder will er etwas verschweigen?
Ich frage: «Also?»
«Ähm … Die beiden schnüffeln rum. Die sind … überall …» Journalistenpack! Muss seine Nase in jeden Misthaufen stecken. Aber das wusste ich schon. Nur «überall» ist mir zu unkonkret. Ich frage: «Wo?»
«Nun … auf der Messe. Sie sind gestern in der Untergrundmessehalle herumgeschlichen. Dann haben sie die Bureaus unsicher gemacht … Und abends saßen sie erneut im Krystall-Palast …» Das klingt nach fleißigen Schmierfinken. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt. Ich dachte immer, die hocken mit ihren Notizblöcken in Kaffeehäusern und warten auf eine Eingebung. Wahrscheinlich ist das bei der Arbeiterpresse anders. Da steht hinter jedem Schreiberling bestimmt immer ein Sozi und schwingt eine Rede. Und damit er nicht hinhören muss, produziert der arme Redakteur unablässig irgendwelche Texte.
Ich frage: «Und was wollen die bei ihrer Schnüffelei herausfinden?»
«Das weiß ich auch nicht so genau … Auf jeden Fall … scheuchen sie alle auf … Fragen immer nach der Blei-Bande …»
So, so, einfach Unruhe stiften. Auch eine Taktik. Können die gefährlich werden?
«Die Jungs fragen, ob man denen vielleicht eine kleine Überraschung bereiten kann. Damit die ruhiger werden …»
Gar nicht so übel, diese Idee. Ich könnte meinen Männern ein bisschen Spaß gönnen, das würde für gute Stimmung sorgen. Aber ob das reichen würde, das Genörgel zu verhindern, wenn tatsächlich pro Nase mehr Ware verteilt werden müsste? Sicher nicht auf Dauer. Da ist es doch besser, meine Leute werden von außen ein bisschen gepiesackt. Und die beiden Schmierfinken kann ich später immer noch zum Abschuss freigeben. Wenn ich sie nicht mehr brauche.
«Vorläufig lassen wir die beiden in Ruhe. Einfach Klappe halten, wenn die was fragen!»
Der Mann nickt. Hat der sich an meine Stimme gewöhnt? Das wäre aber schade. Da muss ich wohl etwas lauter sprechen. «Und!»
Ja, das klappt. Jetzt zuckt er wieder.
«Wir behalten die beiden natürlich im Auge!»
«Wo finde ich Herrn Katzmann?» Die Stimme von Oberkommissar Bölke schallte durch die Redaktion.
Katzmann kam hinter seinem Schreibtisch hervor und ging dem Polizisten zur Bureautür entgegen.
«Ah, Herr Katzmann! Ich suche Sie.»
«Ich bin hier, wie Sie sehen. Guten Morgen, Herr Oberkommissar!»
«Guten Morgen! Darf ich hereinkommen?» Bölke stellte seine Frage, während er sich an Katzmann vorbei ins Bureau zwängte.
«Aber bitte doch», entgegnete Katzmann. «Wollen Sie den Stuhl da am Schreibtisch nehmen?»
«Danke.» Bölke griff nach dem Stuhl, ein schlichtes Holzmodell. Katzmann machte sich Sorgen, ob das gute Stück das Gewicht des Polizisten tragen würde. Das Holz ächzte, doch das Möbelstück hielt.
«Ganz schön zeitig unterwegs, die sächsische Beamtenschaft!» Katzmann wusste, dass Bölke bei seiner Tätigkeit eine beinahe preußische Hartnäckigkeit an den Tag legte und nie auf die Uhr schaute, wenn er in Mordsachen ermittelte. Inzwischen kannte er Bölke aber gut genug, um das Gespräch mit einer flapsigen Bemerkung eröffnen zu können.
«Ja, meine Leute werden sicher froh sein, dass ich außer Haus bin und sie sich ihrem Bureauschlaf widmen können.» Bölke zwinkerte. «Immerhin, bei der Arbeiterpresse sind ja auch schon ein paar Leute auf den Beinen.»
«Es ist Messezeit. Da sind die Redakteure das ganze Wochenende unterwegs.» Katzmann setzte sich. «Aber Sie haben recht. Wenn die Revolution von Zeitungsjournalisten ausgehen soll, dürfen wir sie nicht an einem Montagmorgen beginnen. Das werden wir in unsere Erwägungen einbeziehen.»
Bölke schmunzelte einen Augenblick und wurde dann ernst.
«Herr Katzmann, haben Sie gestern … gearbeitet?»
«Sie meinen, ob ich mich nach der Blei-Bande erkundigt habe?»
Bei der Erwähnung des Namens zuckten Bölkes Wimpern. Dann nickte er.
«Ja, ich bin mit Heinz … Sie wissen schon, mit Eggebrecht … ein bisschen über die Messe geschlendert. Und abends habe ich einen Herrn namens Wulpius kennengelernt.»
«Oh, Sie haben Siegbert getroffen! Was hat er denn erzählt?»
«Wozu wollen Sie das wissen?»
Bölke lehnte sich auf dem Stuhl zurück, bis das Ächzen im Holz bedenklich wurde. «Kommen Sie, Katzmann, ich bin Polizeibeamter. Ich stelle Fragen. Ich muss Fragen stellen. Das ist mein Beruf.»
«Ich bin froh, Herr Oberkommissar, dass wir etwas gefunden haben, das uns verbindet. Obwohl wir in verschiedenen Funktionen an diesem Fall arbeiten, tun wir das Gleiche: Wir stellen Fragen.»
Bölke stöhnte, hatte offenbar keine Zeit mehr für Späße.
«Mann, Katzmann, das sind keine Verbündete von Ihnen, das sind Verbrecher! Die wollen keine bessere Welt.»
Das Gefühl hatte Katzmann auch seit zwei Tagen, er sah allerdings keinen Grund, Bölke nicht noch ein bisschen zu ärgern.
«Die Bande findet sich zur Messe ein, zur großen Show der Kapitalisten …»
«Die haben einen Ober getötet. Meinen Sie, der hatte Kapital, Katzmann?»
«Sie haben ja recht.»
«Und wie ich recht habe!» Bölke geriet in Rage. Das hatte Katzmann nicht gewollt. Denn wenn der Oberkommissar einmal in Fahrt war, konnte ihn keiner so schnell stoppen. «Die kennen keine Klassen. Die kennen nur zwei Sorten von Menschen: Die einen sind nützlich für ihre Ziele und die anderen nicht. Und die zweite Sorte hat ein kurzes Leben. Soll ich Ihnen sagen, zu welcher Gruppe ein Sozi-Reporter gehört, der ihnen hinterherschnüffelt?» Bölke machte eine Pause.
Was sollte Katzmann dazu sagen? Predigten, die mit Fragen endeten, kannte er von seinem Vater, von Leistner, von Parteitagen. Da gab es nur eine Strategie: warten, bis es aufhört.
Bölke fuhr fort: «Also, Herr Katzmann, vielleicht können Sie jetzt mit den Albereien aufhören und mir helfen. Mir helfen, Ihr Leben zu verlängern und das Ihres Freundes.»
Katzmann nickte. Seit zwei Tagen versuchten seine Gesprächspartner in einem fort, eine Gefahr an die Wand zu malen. Dabei war gar nichts passiert – vom Fund eines Zettels mit einer seltsamen Mitteilung mal abgesehen.
Bölke sagte: «Also … Herr Wulpius …»
«Hat eigentlich gar nichts gesagt. Außer, dass ich machen soll, was Doktor Blei sagt. Dabei klang er … besorgt.»
«Erscheint heute ein Artikel über den Mord in der LVZ.»
«Was Kurzes.»
«Erwähnen Sie den Inhalt des Zettels, der bei der Leiche steckte und den ich Ihnen gezeigt habe?»
«In der gebotenen Kürze.»
«Gut. Haben Sie morgen etwas Platz im Blatt?»
Katzmann guckte Bölke an. Alle wollten plötzlich in seine Artikel hineinreden, die Verbrecher, die Polizei. Wenn Leistner vom Journalismus als Waffe im Kampf um Gerechtigkeit faselte, hörte er immer weg. Nun bekamen die Worte des Chefredakteurs eine neue Bedeutung. Dabei hatte Katzmann absolut keine Lust, seine Unversehrtheit in den Dienst der sächsischen Polizei zu stellen.
«Ich möchte nur, dass Sie die Wahrheit schreiben.»
Die sächsische Polizei als Hüter des Guten. Was war hier los?
«Bitte warnen Sie Ihre Leser vor der Falschgeldschwemme zur Messezeit. In der Innenstadt ist es schwer, einen echten Zwanzig-Reichsmark-Schein zu finden. Von den Fuffzigern rede ich noch gar nicht. Da können Sie mich auch gerne zitieren.»
«Kommen Sie herein, Genosse.» Leistner schien die letzten Jahre damit verbracht zu haben, mit der Wand seines Bureaus zu verschmelzen. Gesicht, Bart und Haare zeigten dasselbe Grau wie die Strickjacke und die Mauer. Wenn der Kampf für die Rechte der Arbeiter von der Schreibstube aus zu diesem Antlitz führte, wollte Eggebrecht lieber weiter im Freien arbeiten.
Leistner wies auf einen Stuhl und stopfte sich die Pfeife. «Ich habe gehört, Sie sind in Berlin ein bekannter Photograph geworden.»
«Die Illustrierten drucken meine Arbeiten. Ich kann nicht klagen.»
«In aller Welt unterwegs, wie man so hört …»
«In der Tat, für ein paar Aufträge war ich im Ausland. Aber die meisten Photographien habe ich in Berlin aufgenommen.» Eggebrecht spürte den Reflex, hier bei seiner alten Lehrstelle bescheiden aufzutreten, und fragte sich, woher das kam. Leistner hatte früher dann und wann den Redaktionspapa heraushängen lassen, nun spielte er den netten Opa. Das war nichts, wovon Eggebrecht sich um den Finger wickeln lassen wollte. Eigentlich …
«Und nun sind Sie wegen Fräulein La Belle nach Leipzig gekommen?» Opa Leistner zog an der Pfeife und paffte Kringel in die Luft.
«Nun … es gibt viele Gründe, mal wieder in die Heimat zu kommen. Aber Geld bekomme ich für Photographien von Bernadette La Belle und von der Messe.»
«Ach ja, die Messe. Die glitzernde Welt des Kapitalismus.» Leistner stützte sein Kinn auf die pfeifenlose Hand. Nun sah es aus, als sei der Arm mit dem Kopf verwachsen.
«Sie meinen, für die LVZ ist die Messe kein Thema?»
«O doch, wir begleiten diese Veranstaltung kritisch und mit der angebrachten Distanz.»
Eggebrecht überlegte, was der Chefredakteur ihm damit sagen wollte. «Sie … finden die Messe nicht gut?»
«Hier geht es nicht um Geschmack, Genosse. Der Kapitalist versucht, den größtmöglichen Profit aus seiner Produktion zu schlagen. Und das immer auf Kosten der Werktätigen.»
Leistner richtete sich auf und begann offenbar, eine Parteitagsrede aus dem Hinterkopf zu zaubern. Eggebrecht hatte vergessen, welche Vorträge in der Redaktion gehalten wurden, wenn es um das Grundsätzliche ging. Dann griffen die engagierten Genossen auf ihre Bausteine zurück, aus denen sie in beliebiger Abfolge eine Ansprache zusammensetzen konnten: die Entfremdung der Produktion und der Waren vom Proletariat, die Unerreichbarkeit der Waren für die arbeitende Bevölkerung. Leistner verwendete viele Worte, die auf «ung» und «keit» endeten. Eggebrecht wusste nicht, ob der Vortrag tatsächlich ihm galt oder ob der Chefredakteur einfach aus Gewohnheit dieses Zeug redete.
Er entgegnete: «Die Berliner Illustrierten haben Photographien von der Messe bestellt. Dann werde ich welche liefern. Das ist mein Beruf.»
«Ja, die bürgerliche Presse. Korrumpiert die besten Leute mit Honoraren … Da können wir einfach nicht mithalten.»
Ach was, dachte Eggebrecht, zählte man als Photograph nicht zu den Werktätigen? Oder gehörte das Zahlen guter Honorare zu den perfiden Ausbeutungsmethoden der Kapitalisten?
«Eigentlich geht es bei den Aufnahmen vor allem um neue Technik. Große Maschinen. Um die Zukunft», sagte Eggebrecht.
Leistner paffte einen Kringel. «Technischer Fortschritt ist immer ein Thema für uns – zumindest, wenn er die Arbeits- und Lebensbedingungen der werktätigen Massen verbessern hilft.»
Hier ging nichts ohne Floskeln. Eggebrecht unterdrückte ein Stöhnen. Als er in Leistners Bureau gekommen war, hatte er dem Chefredakteur ein paar Photographien von der Messe zum Sonderpreis anbieten wollen. Aber wozu sollte er seine Kraft vergeuden? Leistner lebte in einer anderen Welt, sprach eine andere Sprache. Eigentlich blieb für Eggebrecht nur noch die Frage, ob er das bei seiner Ausbildung vor sechs Jahren nicht bemerkt hatte – oder ob sich die Welt veränderte und nur der Mann mit seiner Strickjacke, seiner Pfeife, seinem Bart jede Art von Entwicklung ignorierte.
«Du hast vielleicht bemerkt, Genosse, dass auch wir mit der Zeit gehen.» Leistner betonte die Worte, als sei «mit der Zeit gehen» etwas Anstößiges, zumindest aber weit unter seiner Würde.
«Wir veröffentlichen wöchentlich eine Beilage mit dem Titel Volk und Zeit. Mit Photographien.»
«Konrad hat mir davon erzählt …» Eggebrecht war nicht ganz sicher, was Leistner mit diesem Hinweis bezweckte. Sollte er das als Einladung betrachten? Einen Preis nennen? Lieber erst mal abwarten!
Leistner guckte wie ein Großvater, der es gewohnt war, sich in Geduld zu üben. Der Chefredakteur paffte und nickte dabei.
Eggebrecht sah keinen Grund, darauf einzugehen. Wenn Opa Leistner ihm etwas Gutes tun wollte, dann bitte sehr nicht mit dieser gönnerhaften Attitüde.
«Wie viele Photographien fertigst du bei so einem Termin für gewöhnlich, Genosse?»
«Das hängt vom Motiv ab. Aber im Zweifel lieber eine zu viel als eine zu wenig.»
«Würdest du uns gegebenenfalls Bilder zum Abdruck anbieten?»
Leistner hatte gefragt. Eggebrecht fühlte sich, als habe er gerade einen Wettlauf gewonnen. «Aber natürlich. Gerne.»
«Sprich die Motive am besten mit Genosse Konrad ab!» Leistner legte die Hand mit der Pfeife auf den Tisch. «Aber lass dich nicht in diese Mordsache hineinziehen!»
Katzmann klopfte an Herfried Rinkes Bureautür. Von drinnen forderte ihn eine Frau mit einer hellen Stimme zum Hereinkommen auf. Er drückte die Klinke und war erstaunt, dass die Tür keine Geräusche von sich gab – mit den Stuckverzierungen auf dem Eichenholz wirkte sie so schwer, dass Katzmann mit einem Quietschen gerechnet hatte.
Im Vorzimmer schien, genau wie die Tür, alles aus Eiche gefertigt: die Regale, die Fensterrahmen, der Sekretär, der Kleiderständer mit dem Stockhalter. Die Tippse kam ihm entgegen, in dieser Einrichtung sah sie besonders zart aus. Sie trug eine Bubikopffrisur und ein dunkles Kleid – vielleicht, um zwischen den Künstlern im Krystall-Palast nicht aufzufallen.
Katzmann übergab dem Fräulein Mantel und Hut und stellte sich als Reporter der Leipziger Volkszeitung vor, der einen Termin bei Rinke habe.
Die Tippse hängte den Mantel seitlich an den Kleiderständer.
So blieb nicht nur der barock verzierte Gehstockhalter sichtbar, der ganze Kleiderständer machte den Eindruck, als sei das Bureau auf zahlreiche weitere Gäste vorbereitet. Dann drehte sich der Bubikopf zu ihm. «Ja, Herr Konrad Katzmann, mir ist bekannt, wo sie arbeiten.»
Er überlegte, woher das Fräulein ihn kennen könnte … Wo hatte er die kleine Nase unter den grünen Augen mit den riesigen Wimpern schon gesehen? Nein, ihm fiel nichts ein. Dabei wäre die junge Dame ihm sicher in Erinnerung geblieben, hübsch wie sie war.
«Tja, woher kenne ich Sie? Das fragen Sie sich, Herr Katzmann.»
Er bemerkte, dass er das Fräulein in einer Art musterte, die auf sie sicherlich wie ein Anstarren wirkte. Immerhin schien die Tippse ihm das nicht zu verübeln. Sie lächelte, er auch. Er sagte: «Vielleicht können Sie mir auf die Sprünge helfen, Frau …»
«Schneider, Fräulein. Mich kennen Sie noch nicht, aber meine beste Freundin … Der standen Sie einmal sehr nahe.»
Beste Freundin … Katzmann kramte erneut in seinem Kopf. Welche der Liebschaften der letzten Jahre passte zu Fräulein Schneider? Er fühlte sich nicht wie ein Gigolo, aber auf ein paar Damenbekanntschaften konnte er schon zurückblicken. Nicht übertrieben viele … Er wusste um seine Wirkung auf Frauen, um seine Attraktivität. Dennoch kam es natürlich vor, dass eine Auserwählte seine Gefühle nicht teilte. Auch wer alle haben könnte, bekam noch lange nicht jede … Meist scheiterten seine Verhältnisse an dem unterschiedlichen Grad der eingebrachten Liebe. Entweder wurde er mit Zuneigung derart überschüttet, dass er kaum atmen konnte, oder aber er fühlte sein Engagement an einer Stelle ins Leere gehen, an der er noch auf etwas mehr hoffte. Wenn er nachdachte, fiel ihm auf, dass meist er die Notbremse zog. Und manchmal dachte er mit Wehmut an eine der Frauen zurück – manchmal. Aber diese Gedanken führten vom Bubikopf und dieser ominösen besten Freundin weg.
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