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TOM FLAMBARD
GRÜNBLATT &
SILBERBART


Inhalt
1 GRÜNBLATT & SILBERBART WIE HUND UND KATZE
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
2 GRÜNBLATT & SILBERBART DIE RACHE DER SEE
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
3 GRÜNBLATT & SILBERBART DER TOD HAT ZEIT
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
1

GRÜNBLATT &
SILBERBART

WIE HUND UND KATZE
1

Am Rande des Wazaars blieb Colin Silberbart stehen und strich sich mit der rechten Hand über das gut gefüllte Gardistenwams. Es versprach ein weiterer ausgezeichneter Tag in der besten Stadt der Welt zu werden. Mit der Linken beschirmte Colin seine Augen, um die Sonne abzuhalten, die bereits über den Dächern und Türmen hervorlugte. Gerade erst hatte der Trompeter vom Prinzenturm die zweite Stunde verkündet, aber das Markttreiben war schon in vollem Gange. Colin Silberbart schlenderte scheinbar ziellos zwischen den Ständen hindurch. Dabei war sein mäandernder Weg über den Wazaar keineswegs zufällig gewählt.
Die ganze Woche war er für die Wazaarschicht eingeteilt und somit dafür verantwortlich, dass auf Brae Flammars größtem Marktplatz alles mit rechten Dingen zuging. Er musste sicherstellen, dass keine Fuhrwerke einen der sieben Zugänge zum Waz, wie die Einheimischen den Markt nannten, blockierten. Es galt Sorge zu tragen, dass Bettelei und Gaukelei nicht überhandnahmen. Ferner oblag es ihm, Diebstähle an den Ständen zu unterbinden und den Taschendieben zu signalisieren, dass sie es nicht zu toll treiben sollten. Gegen letztere wäre Colin gerne beherzter vorgegangen, aber das war ihm untersagt worden, mehrfach bereits. Die Prächtigen Garden und das Kartell der Fünf Familien hatten sich für diese und andere Delikte auf gewisse Quoten geeinigt. Diese erlaubten es beiden Seiten, ihr Gesicht zu wahren. Weder konnte der Hohe Rat Sheriff Eamon Eiswasser vorwerfen, seine Truppe tue zu wenig für die öffentliche Sicherheit, noch mussten die Fünf Familien Revolten in ihren eigenen Reihen befürchten, weil das Einkommen ihrer Beutelschneider zu kärglich ausfiel.
Colins Rundgang war zwar dienstlicher Natur, jedoch durchaus auch darauf ausgelegt zu klären, was der Offizier der Stadtwache zu Mittag essen würde. Sein zwergischer Magen knurrte bereits, wenn er nur daran dachte. An einem der Stände waren mehrere Männer dabei, über einem großen Feuer einen Ochsen in Position zu bringen und mit einer rötlichen Paste aus zu Brei zerstoßenen Feuerpflaumen zu bestreichen. Heute Mittag würde das Fleisch fantastisch schmecken, zart und aromatisch. Als nächstes begutachte Colin einen Chu-Stand, an dem mandeläugige Männer mit dünnen Zöpfen und noch dünneren Spitzbärten in großen Pfannen Nudeln und Gemüse wendeten. Der Gardist überlegte, ob er bereits eine kleine Portion zu sich nehmen sollte, entschied sich dann jedoch dagegen. Eiernudeln waren eindeutig ein Mittagsgericht. Die Frühstückszeit verlangte nach etwas Süßem.
Bei Alvars Spezereien ließ Colin sich Süße Dublonen geben. Das waren Pfannkuchen nach liwarischer Art, handtellergroß, fingerdick und mit Honigkaramell gefüllt. Nachdem er die klebrigen Taler in Empfang genommen hatte, griff er betont langsam nach seinem Geldbeutel, um zu signalisieren, dass er für die Küchlein selbstverständlich bezahlen wolle. Der Standbesitzer setzte eine Miene des Entsetzens auf und schüttelte energisch den Kopf. Es war ein Schauspiel, das sich an diesem Tag noch mehrfach wiederholen würde – und zwar jedes Mal, wenn Colin sich an einem der Stände bediente. Gardisten aßen umsonst, aber wie fast alles in Brae Flammar war auch dieser allseits bekannte und akzeptierte Umstand kein Grund, den Vorgang als Selbstverständlichkeit zu behandeln. Es galt, die Formen zu wahren, und so setzte Colin einen Ausdruck erfreuten Erstaunens auf, so als ob ihm das erste Mal in seinem Leben ein Marketender etwas schenke. Er verneigte sich leicht und trottete davon.
Im Laufen biss er in den ersten Pfannkuchen. Honigkaramell tropfte in seinen buschigen Bart. Mit einem Seufzer des Behagens ließ er sich auf einer von Kastanien beschatteten Steinbank in der Mitte des Platzes nieder und aß. Als er gerade die letzte Dublone in Angriff nehmen wollte, fiel ihm eine junge Frau auf, die mit seltsam angewinkelten Armen an einem pyronischen Seidenhändler vorbeiging. Ihre Linke hielt sie flach ausgestreckt in Hüfthöhe, mit der Handfläche nach oben. Darüber schwebte ihre Rechte, deren Daumen abgespreizt war. »Flug der Elster« nannten die Gildendiebe diese Technik. Colin sah, wie die winzige, unter dem Daumen der Frau befestigte Klinge den Lederriemen des Geldbeutels durchtrennte. Das Säckchen des Seidenhändlers fiel und landete lautlos in der unteren Hand der Taschendiebin. Der Pyronier hatte nichts bemerkt. Dann verschwand die Frau in der Menge.
Colin Silberbart machte sich eine geistige Notiz. Spätestens beim achten Taschendiebstahl würde er einschreiten. Er biss in seine letzte Dublone und seufzte. Gab es etwas Besseres als liwarischen Honigkaramell? Es versprach, ein wirklich ausgezeichneter Tag zu werden.
2

Als Flynn Grünblatt den Kerl durch die Tür der Schenke treten sah, hatte er noch ein wenig Hoffnung. Zwar wies seine indigofarbene Schärpe den Neuankömmling als Blauen Kurier aus. Aber obwohl der Schwarze Wal zu dieser frühen Stunde noch ziemlich leer war, erschien es keineswegs als ausgemacht, dass der Läufer zu ihm wollte. In der Kaminecke beispielsweise saßen zwei Menschen, deren pelzbesetzte grüne Umhänge sie als orthische Kaufleute auswiesen, vermutlich auf der Durchreise. Vielleicht war der Bote ihretwegen hier. Möglicherweise wollte er auch zu jenem fülligen Chu in der Robe eines Seidenhändler, der mit verschiedenen, in der seltsamen Chu-Schrift abgefassten Dokumenten an einem Tisch vor der Theke saß.
Blaue Kuriere überbrachten ausschließlich geschäftliche Dokumente – Kaufverträge, Wechsel oder Rechnungen. Damit alles seine Richtigkeit hatte, lieferten sie nach erfolgter Zustellung außerdem eine Kopie in die Halle der Schriften. Aus dem Augenwinkel beobachtete Flynn Grünblatt den Boten. Der Blaue, ein hagerer Mensch um die Dreißig, würdigte den Seidenhändlers und die Orther keines Blickes. Stattdessen kam er direkt auf ihn zu. Der Elb erhob sich, den Blick in die Ferne gerichtet, als habe er die Ankunft des Kuriers noch gar nicht bemerkt. Aber es war bereits zu spät. Bevor er durch den Hinterausgang entwischen konnte, vernahm er die durchdringende Stimme des Mannes.
»Flynn Grünblatt! Zustellung der Kuriergilde.«
Über die Schulter schaute er dem Mann ins Gesicht und sagte mit einem Ausdruck gespielten Bedauerns: »Leider bin ich gerade etwas in Eile.«
Dann machte er einen Satz. Schon war er durch die Hintertür. Flynn rannte durch den schmutzübersäten Hinterhof in Richtung Krabbengasse. Noch hatte er eine Chance. Auch wenn der Blaue Kurier die Zustellung bereits annonciert hatte, war sie rein formell betrachtet noch nicht erfolgt. Er kannte die komplexen Regeln, auf denen das flammarische Handelssystem fußte, mindestens so gut wie das Straßengewirr der Stadt. Schließlich war es Teil seines Jobs, eben diese Regeln zu unterlaufen und zu umgehen.
Flynn erreichte die schmale Krabbengasse und schlug einen Haken nach links. Er vermied es, sich umzusehen. Die Regeln des Codex besagten, dass eine Forderung, und um nichts anderes handelte es sich bei dem Schrieb, den der Blaue Kurier ihm übergeben wollte, nur auf drei Arten zugestellt werden konnte: erstens in einen Briefkasten. Flynn besaß natürlich keinen, er wechselte seine Bleibe alle paar Wochen. Der Schwarze Wal, in dem er den Großteil seiner Zeit verbrachte, war de facto sein Büro. Kurierzustellungen an der Theke einer Taverne zu hinterlegen war jedoch nach Meinung fast aller flammarischen Rechtsgelehrten unzulässig. Trotzdem versuchten seine zahlreichen Gläubiger dies immer wieder. Aber das Schiedsgericht in der Kaufmannsfeste hatte all diese angeblichen Zustellungen für ungültig erklärt, und Flynn hatte nicht zahlen müssen.
Die zweite Möglichkeit bestand darin, dem Schuldner den Inhalt des Schreibens vorzulesen. Das hätte der Blaue Kurier getan, wäre Flynn auf seinem Platz neben dem Hinterausgang sitzen geblieben. Die dritte Möglichkeit: Man konnte dem Adressaten das Schreiben übergeben. Auch daraus würde, wenn es nach Flynn ging, nichts werden. Der Elb rannte im Zickzack durch die Gasse, um den ihm entgegenkommenden Passanten auszuweichen. Natürlich nahm kein Schuldner das Schreiben eines Gläubigers freiwillig entgegen. Wenn man sich lange genug versteckte, das wusste jeder Flammari, dann konnte einem niemand etwas.
Falls ein Blauer Kurier sein Opfer dennoch aufstöberte, und darin waren diese Halunken wahre Meister, stellte sich natürlich die Frage, was »übergeben« eigentlich bedeutete. im Vorjahr, als sechs verschiedene Gläubiger über Wochen gleichzeitig versucht hatten, ihre Außenstände bei ihm einzutreiben, hatte Flynn sich sehr eingehend mit dieser Frage beschäftigt. Gegen eine exorbitante Gebühr war ein Priester des Baar bereit gewesen, ihm eine diesbezügliche Auslegung des Codex anzufertigen. Demnach konnte man die Hände in die Hosentaschen stecken und auf seine Schuhspitzen schauen, damit einem der Kurier das Schriftstück nicht übergeben konnte. Auch konnte man Kleidung tragen, die keinerlei Taschen besaß, in die der Bote die fingerlange Schriftrolle mit dem indigofarbenen Wachssiegel stecken konnte. Wie ihm der Baar-Priester auseinandergesetzt hatte, waren jedoch bereits andere Schuldner vor Flynn auf diese Ideen gekommen. Das Hohe Schiedsgericht hatte deshalb vor Jahren folgenden Schiedsspruch erlassen: Für eine Zustellung genüge es, dass der Kurier den Adressaten mit dem Schriftstück berühre. Was bedeutete, dass Flynn mit diesem Blauen »Fang den Kobold« würde spielen müssen.
Die Krabbengasse öffnete sich auf den Schollenplatz, einen rechteckigen, gepflasterten Bereich. Er wurde von einem Geschlechterturm dominiert, einem jener hohen schmalen Bauwerke also, die für Brae Flammar so typisch waren. Kurz überlegte Flynn, in Richtung Tempelviertel zu laufen, entschloss sich dann jedoch, lieber nach rechts in die Glutgasse einzubiegen, um möglichst rasch die Drehende Dirne zu erreichen, Brae Flammars Vergnügungsviertel. In dessen verwinkelten Gassen hatte er bislang noch jeden Verfolger abschütteln können.
Im Laufen wandte er sich um. Der Blaue war nun etwa zwanzig Schritte hinter ihm. Flynn rannte weiter, vorbei an mehreren jener Schmieden, denen die Glutgasse ihren Namen verdankte. Am Olmplatz bog er nach links ab, in eine breite Straße namens Pappeldamm. Er war noch nicht einmal zehn Schritte weit gekommen, als er vor sich jemanden rufen hörte.
»Flynn Grünblatt! Zustellung der Kuriergilde.«
Der zweite Blaue Kurier war ein Mann mit der spitzen Nase und den hohen Wangenknochen eines Elben. Allerdings besaß er das Kreuz und die Arme einer Hafenhand, was Flynn auf Halbelb tippen ließ. Er stand etwa dreißig Schritte von ihm entfernt auf der breiten, von Pappeln gesäumten Straße, die Hände in die Hüften gestemmt.
Irgendjemand wollte ihm diesen Schrieb sehr dringend zustellen, soviel war sicher. Flynn überlegte fieberhaft, wer das sein mochte. Gleichzeitig hielt er nach Fluchtwegen Ausschau. Vor und hinter ihm war die Straße durch die beiden Kuriere versperrt. Anders als der schnell aufholende Mann in seinem Rücken verstand der Junge vor ihm offenbar wenig vom Geschäft. Wäre er cleverer gewesen, hätte er ihn nicht aus dieser Entfernung ausgerufen, sondern sich am Rande der Straße hinter einem Baum auf die Lauer gelegt und Flynn die Schriftrolle, sobald er an ihm vorbeilief, über den Schädel gezogen.
Dafür war er jedoch zu weit von ihm entfernt. Außerdem lag der Eingang zu einer schmalen Gasse zwischen ihnen. Im rechten Winkel ging sie von der Straße ab. Die Gasse war kaum breiter als die Schultern eines Mannes und verlief zwischen Pappeldamm und Salzmeile. Sobald er letztere erreichte, böten sich ihm viele Fluchtmöglichkeiten, und er wäre die beiden vermutlich los.
Flynn lief auf den namenlosen Stichweg zu. Er betete zu den Sieben Hohen, dass ihm niemand entgegenkam. Zunächst sah es so aus, als hätten die elbischen Götter sein Flehen erhört, denn die Gasse lag verlassen da. Kurz bevor er ihr von der Sonne hell erleuchtetes Ende erreichte, schob sich jedoch jemand in den schmalen Spalt. Er schluckte. Weil die Sonne ihn blendete, konnte Flynn nur die Umrisse der Person erkennen. Sie war klein, aber massig. Vermutlich handelte es sich um einen Zwerg.
Der Knoten, der sich in Flynns Hals gebildet hatte, löste sich wieder. Zwerge arbeiteten gemeinhin nicht als Kuriere, denn sie waren schlechte Läufer. Zu kurze Haxen und zu schwere Knochen, Flynn hätte diesen Kerl auf einem Bein hüpfend abhängen könnten. So hielt er einfach weiter auf den Zwerg zu und brüllte: »Die Straße frei!«
Der andere rührte sich nicht. Wie eine Mauer stand er da. Flynn hatte genau das erwartet. Zwerge waren entsetzlich berechenbar. Er bewegte sich so nah wie möglich an die linke Wand der Gasse heran. Das war notwendig, damit er den Trick ausführen konnte, der ihn an diesem tumben Kerl vorbeibefördern würde. Durch Flynns neue Position änderte sich der Winkel, in dem die Sonnenstrahlen auf ihn fielen, und er konnte etwas mehr von Gesicht und Kleidung seines Widersachers erkennen. Der Zwerg war in ein Kettenhemd gehüllt, das zur Hälfte von einer indigofarbenen Schärpe verdeckt wurde. Er war also doch ein Kurier. Über die linke Schulter hatte der Zwerg eine Armbrust geschlungen.
Flynn atmete tief durch. Wie die meisten Stadtzwerge vergessen hatten, wie man dem Gesang von Granit und Erz lauschte, so hatte es das Gros der Elben verlernt, sich zu bewegen wie ihre Vorfahren. Um vor aller Augen im Blattwerk zu verschwinden oder um über Bäume zu laufen, benötigte man viel Übung und vor allem Bäume. Die Stadt mit ihren Gassen, Häusern und Kanälen schärfte die Sinne nicht, im Gegenteil. Sie ließ die Fähigkeiten der Ersten Völker abstumpfen, seit Generationen, bis sie kaum noch etwas anderes waren als Menschen.
Flynn aber erinnerte sich. Vor seiner Ankunft in Brae Flammar hatte er viele Jahre als Kundschafter für die Seidenkarawanen gearbeitet. Er war durch die Grassee von Cheng gelaufen, tagelang und ohne Pause. Er hatte den She-Shao durchstreift, wie die Chu den sich endlos erstreckenden Smaragdwald nennen, schneller, als selbst ein Wolf es vermocht hätte, ohne je mit den Füßen den bemoosten Boden zu berühren. In Flynn steckte, wie dieser verstädterte Gartenzwerg gleich herausfinden würde, mehr Elb als in den meisten anderen seiner Rasse.
Ohne abzubremsen rannte er auf den Kurier zu, der ihm nun Auge in Auge gegenüberstand, die kurzen, säulenartigen Beine in den Boden gestemmt, die großen starken Hände in Hüfthöhe, bereit zuzupacken.
Doch es gab nichts, nach dem der Zwerg hätte greifen können. Ungläubig reckte der Kurier seinen Hals, als Flynn mit ausgestreckten Armen einige Meter vor ihm absprang und, nachdem er einige Schritte die Wand emporgelaufen war, hoch über ihn hinwegflog. Der Zwerg sah, wie der Elb über die Salzmeile hinwegsegelte. Er war derart hoch in der Luft, dass man sich fragte, wie er unbeschadet landen wollte.
Mit einem lauten Klatschen tauchte Flynn Grünblatt in den hinter der Salzmeile gelegenen Kanal ein. Als er wieder hochkam, spuckte er zunächst etwas Brackwasser aus, um dann rasch zur gegenüberliegenden Kanalmauer zu schwimmen, an der eine schmale, rostige Leiter befestigt war. Er kletterte hinauf. Oben angekommen, gestattete er sich einen Blick zurück. Die nächste Brücke war mindestens zweihundert Schritte entfernt. Vor dem Zwerg mit seinen kurzen Beinen und auch vor den beiden anderen Kurieren musste er keine Angst mehr haben.
Er sah, dass ihn mehrere Passanten ungläubig anstarrten. Der Elb musste lachen. Es brauchte schon etwas mehr als solche Tölpel, um Flynn Grünblatt aufs Kreuz zulegen, den besten Elbenkundschafter der Golfregion. Er strich sich das Wasser aus den Augen und schaute zur anderen Seite des Kanals, wo der Blaue Kurier stand. Der Zwerg machte keine Anstalten, sich in Richtung der Brücke zu bewegen. Allerdings hielt er etwas in der Hand.
Es war die Armbrust.
Flynn Grünblatt vernahm das charakteristische »Tschakk«, dann spürte er auch schon, wie ihn der Bolzen traf. Es war ein hervorragender Schuss, genau in die Brust. Der Elb fühlte, wie er taumelte. Er hörte ein weiteres »Tschakk«.
Ein zweiter Bolzen so schnell nach dem ersten? Keiner kann so schnell nachladen, dachte er, während sich die Welt um ihn herum zu drehen begann. Eine Doppelarmbrust aus Chu? Oder Magie? Der Elb spürte einen stechenden Schmerz an der rechten Schläfe. Alles um ihn herum wurde schwarz.
Als Flynn wieder zu sich kam, lag er auf dem Pflaster. Es wunderte ihn, dass er überhaupt wieder aufgewacht war. Zwei gut gezielte Armbrustbolzen hätten ihn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erledigen müssen. Er versuchte, sich aufzusetzen. Seine Schläfe pochte, sein Brustbein schmerzte, ansonsten schien ihm jedoch nichts zu fehlen. Mit zitternden Händen befingerte Flynn die Stelle an seinem Oberkörper, wo der Bolzen eingedrungen sein musste. Doch er fand keine Wunde, keinen Bolzen, nicht einmal ein Loch in seinem Lederhemd.
Er setzte sich auf und schaute sich um. Auf dem Pflaster neben ihm lagen zwei Armbrustbolzen, um die etwas herumgewickelt war. Er griff nach einem und betrachtete ihn. Die Spitze war entfernt und durch eine kleine metallene Kugel ersetzt worden, in etwa so groß wie eine Hirschnuss. Um den Schaft hatte man ein Stück Pergament gewickelt, das von einem indigofarbenen Wachssiegel zusammengehalten wurde.
Flynn seufzte. Die Übergabe war erfolgt. Er schaute hinüber zur anderen Seite des Kanals, von der aus ihn der zwergische Kurier beobachtete und ihm zunickte. Sein Gesicht verriet keinerlei Groll, nicht einmal Häme. Vermutlich machte er das nicht zu ersten Mal.
»Eine gute Masche!«, rief Flynn zu ihm hinüber.
»Danke«, erwiderte der Zwerg.
»Aber ist das zulässig? Eure Hand umfasste den Schrieb nicht, als er mich berührte.«
Der Blaue schüttelte den Kopf. »Ausschlaggebend ist, dass er Euch berührt. Wenn Ihr das nicht glaubt, dann geht in die Handelsfeste und lasst Euch in den Annalen des Codex die Ausfertigung Nummer tausendfünfundvierzig des Hohen Schiedsgerichts zeigen.«
Er schulterte die Armbrust, die er immer noch in seiner Rechten hielt.
»Wenn Ihr mich nun entschuldigen würdet? Ich wünsche Euch noch einen ausgezeichneten Tag.«
Mit diesen Worten wandte der Zwerg sich ab und verschwand.
»Eine ausgezeichneten Tag, bei allen neun Höllen!«, rief Flynn. Er stand auf und entrollte das Schriftstück. Zunächst fiel sein Blick auf die Summe am unteren Ende. Fast hätte er das Pergament fallen gelassen.
»21.375 Goldflamm?«
Wem schuldete er diese unglaubliche Summe? Mit 20.000 Goldflamm hätte er ein Haus auf der Diamantinsel kaufen können. Er überflog das Schriftstück. »Wird Flynn Grünblatt nach Paragraph 37 Absatz 2 des Codex hiermit kundgetan …«
Das meiste war juristisches Geseiere. Was Flynn wissen wollte, war, wie der Gläubiger hieß.
»Orfamay Nachtauge.«
Er hatte noch nie von der Frau gehört. Oder war Orfamay ein Männername? Menschen gaben einander höchst seltsame Namen, deren Sinn sich ihm nicht immer erschloss. Er las weiter.
»Allee des Östlichen Zephyrs 7«
Eine feine Adresse – die Allee des Östlichen Zephyrs lag in Brae Flammars Südviertel, jenem Stadtteil, in dem das wohlhabende Bürgertum wohnte. Er rollte das Pergament ein und steckte es in eine der vielen Taschen seines Lederwamses. Schon wollte Flynn sich auf den Weg zurück zum Schwarzen Wal machen, als ihm der zweite Bolzen ins Auge fiel, der immer noch auf dem Pflaster lag. Er war davon ausgegangen, dass die an diesem befestigte Pergamentrolle die gleiche Botschaft enthielt wie erste. Doch nun fiel ihm etwas auf. Die Rolle wurde nicht von einem indigoblauen Siegel zusammengehalten, sondern von einem, das pechschwarz war. Er bückte sich, um den Bolzen aufzuheben. Das Siegel zeigte ein stilisiertes Auge, das anstatt einer Pupille eine Mondsichel enthielt. Dies ließ ihn annehmen, dass es sich um das persönliche Signum von Herrn oder Frau Nachtauge handelte. Er brach es, und tatsächlich war das zweite Schreiben nicht identisch mit dem ersten. Flynn las:
»Hochverehrter Lord Grünblatt,
Wie Euch inzwischen bekannt sein dürfte, habt Ihr erhebliche Außenstände bei mir. Falls Ihr Euch fragt, wie Ihr dazu kommt, mir derart viel Geld zu schulden, verweise ich Euch gerne auf die in der Halle der Schriften einsehbare Rolle Nummer 7292637/2937. Aus dieser geht hervor, dass ich gewisse unvollstreckte Titel Eurer zahlreichen Gläubiger aufgekauft und gebündelt habe.
Ich möchte Euch ein Geschäft vorschlagen, mit dem sich mein Titel ohne die Notwendigkeit einer Zahlung reduzieren ließe. Bitte besucht mich so bald als möglich in meinem Domizil, damit wir alles weitere erörtern können.
Hochachtungsvoll,
O. Nachtauge«
Flynn ließ das Pergament sinken. Dann machte er sich auf den Weg in Richtung Südviertel.
3

Es war Colin schwergefallen, sich zwischen dem Ochsen vom Spieß und den Chu-Nudeln zu entscheiden, weswegen er beschlossen hatte, von beidem eine Portion zu essen. Nun spannte sein Gardistenwams noch mehr als gewöhnlich. Schweißperlen standen auf seiner Stirn, denn es wurde allmählich heiß. Gerade hatte der Trompeter die siebte Stunde verkündet. Am Stand eines Teehändlers ließ der Zwerg sich eine kleine Porzellantasse geben, setzte sich auf einen der Schemel und nippte an der angenehm kühlen grünen Flüssigkeit.
Während er seinen Jadetee schlürfte, erspähte er aus den Augenwinkeln einen weiteren Taschendieb. Seufzend stellte er die Tasse auf dem Tischchen neben sich ab und holte eine kleine Wachstafel hervor. Auf ihr pflegte Colin alle Vorkommnisse des Tages feinsäuberlich zu notieren. Es war wichtig, über die Arbeit genauestens Buch zu führen, fand er. Andere Gardisten mochten diese Akribie für eine Marotte halten, hinter vorgehaltener Hand tuschelten sie vermutlich, dieses Sammeln und Horten von Zahlen und Informationen sei typisch zwergisch, ein Ersatz für das Zählen von Edelsteinen oder das exakte Vermessen von Gangsystemen.
Colin war das egal. Hinter dem Eintrag »Beutelschneider« machte er einen weiteren Strich. Es waren nun sieben. Wahrscheinlich waren im Laufe des Morgens noch mehr Taschendiebstähle erfolgt. Colin hatte nur jene notiert, die er mit eigenen Augen gesehen hatte, schließlich konnte er nicht überall sein. Wichtig war lediglich, dass er nunmehr über jene sieben Beutelschneider hinweggesehen hatte, die seine Vorgesetzten und die Fünf Familien für den Wazaar ausgehandelt hatten. Colin steckte die Tafel wieder ein und rieb sich die Hände. Den nächsten Halunken würde die volle Härte des flammarischen Gesetzes treffen.
Kurz nachdem Colin seine nächste Runde begonnen hatte, tauchte einer dieser Gauner auf, ein kleiner blasser Mann mit Haaren wie Seetang und dem Gesicht einer Kanalratte.
»Einen recht guten Tag, Hauptmann Silberbart«, sagte er.
Colin musterte den Kartelldieb. Es war Olfur Einbein, genannt die Silbermöwe. Der Spitzname rührte daher, dass Olfur auf offen herumliegende Wertsachen ähnlich reagierte wie eine Möwe auf Leckerbissen: Er schnappte blitzschnell zu. Man sagte, Olfur könne gar nicht anders, selbst wenn die Gefahr bestand, erwischt zu werden. Colin bezweifelte, dass der kleine Mann wirklich so unbeherrscht war, wie man sich erzählte, denn er sah, wie der Dieb einige Geschmeide betrachtete, die an einem Stand links von ihnen auslagen. Wehmut stand in seinen Augen, und seine Finger zuckten nervös. Dennoch hielt er sich zurück.
»Was willst du, Silbermöwe?«
Der Dieb holte eine kleine metallene Zunderschachtel aus der Hosentasche. Während er diese geschickt mit einer Hand öffnete, steckte er sich mit der anderen ein salenisches Rauchstäbchen zwischen die Lippen, das er mit dem Glutstein aus der Schachtel entzündete. Schmauchend erklärte er: »Ich wollte mich nach Eurem Tagewerk erkundigen.«
»Es ist recht viel los heute«, entgegnete Colin, »du kannst deinen Kompagnons also sagen, sie haben ihr Soll bereits erreicht.«
»Jetzt schon, zur Mittagsstunde? Wie soll man da sein Brot verdienen?«
»Indem du das nächste Mal früher aufstehst. Den letzten beißen eben die Haie.«
Bei dem Wort »Hai« zuckte die Silbermöwe zusammen. Olfur Einbein hatte ein Holzbein. Früher einmal war er Pirat gewesen. Bislang hatte Colin vermutet, Olfur habe sein Bein an einen pyronischen Händler verloren, der geschickt mit dem Entermesser war. Doch möglicherweise hatte er da falsch gelegen.
Die Silbermöwe setzte sich etwas umständlich auf den Sims des großen Brunnens in der Mitte des Platzes und schaute säuerlich. »Nicht beim ersten Ruf des Herolds aufstehen zu müssen war einer der wenigen Vorzüge meiner Profession.«
»Mir kommen gleich die Tränen, Olfur. Wenn du dich beschweren willst, solltest du das vielleicht bei Syros Syzaar tun.«
Die Syzaar waren eine der Fünf Familien, aus denen das Diebeskartell bestand. Die meisten kriminellen Aktivitäten in diesem Teil Brae Flammars gingen auf das Konto der Syzaari. »Schon gut, Hauptmann. Ich werde es an die anderen weitergeben.«
»Tu das.«
Der Dieb warf den Stummel seines Rauchstäbchens weg und nickte Colin zu. Dann verzog er sich. Der Gardist sah ihm nach. Binnen weniger Minuten würden alle anderen Gildendiebe dieses Distrikts erfahren, dass es auf dem Wazaar heute nichts mehr zu holen gab. Lediglich freischaffende Künstler würden weiterhin versuchen, die Marktbesucher um ihre Münzen zu erleichtern. Falls Colin heute noch jemanden verhaftete, würde es sicher kein Gildendieb sein. Dass so unliebsame Konkurrenz beseitigt wurde, war aus Sicht der Syzaar und der anderen Familien ein positiver Nebeneffekt des Arrangements mit der Stadtwache.
Colin Silberbart fühlte, wie es in seinem Bauch brodelte. Als er bei den Prächtigen Garden angeheuert hatte, war es ihm darum gegangen, Brae Flammars Straßen ein wenig sicherer zu machen und die Bürger seiner Heimatstadt zu beschützen. Er hatte natürlich geahnt, dass dies eine idealistische Vorstellung war und man mitunter Kompromisse eingehen musste. Ihm war jedoch nicht klar gewesen, wie eng Gilde und Garde miteinander verzahnt waren. In seinen Jahren als einfacher Gardist war es nicht so schlimm gewesen. Sicher, Durchstechereien waren vorgekommen, aber Colin hatte sich stets eingeredet, er werde diese unterbinden, wen er einmal Offizier wäre. Als Hauptmann musste er jedoch noch viel größere Schweinereien decken, von denen er als einfacher Soldat gar nichts mitbekommen hatte. Seit Eamon Eiswasser zum Sheriff berufen worden war, wurden er und seine Kollegen noch öfter als früher zum Wegschauen verdonnert. Es war überaus frustrierend.
Colin seufzte. Man konnte wenig tun. Die Dinge waren, wie sie nun mal waren. Um seinen immer noch wütend grummelnden Bauch etwas zu besänftigen, ging er zu Meister Alvars Stand.
»Gebt mir noch eine Portion von den Süßen Dublonen.«
4

Die Allee des Östlichen Zephyrs war eigentlich gar keine. Vielmehr handelte es sich um eine ganz gewöhnliche Straße, kaum breiter als die Gassen der Altstadt. Doch im Südviertel, dem feinsten Quartier Brae Flammars, war kein Platz für schnöde Straßen und schon gar keiner für Gassen. Hier gab es ausschließlich Alleen, Chausseen und Boulevards. Nach Flynns Meinung war dies ein weiterer Beweis für die Menschen im Allgemeinen und Flammari im Speziellen angeborene Großkotzigkeit. Alles musste besser klingen und größer aussehen, als es in Wirklichkeit war. Elben wären nie auf solch eine Idee gekommen. Wobei Flynn zugeben musste, dass es sich bei der Allee des Östlichen Zephyrs zwar nicht um eine imposante, aber zumindest um eine gepflegte Straße handelte. In regelmäßigen Abständen flankierten sauber getrimmte Pfeifnussbäume den Weg, der für flammarische Verhältnisse geradezu blitzblank war. Die Häuser waren nicht rot- oder ockerfarben wie im Rest der Stadt üblich. Stattdessen hatte man sie weiß getüncht. Anders als in den meisten anderen Stadtvierteln standen die Gebäude auch nicht dicht aneinander gedrängt, sondern lagen etwas auseinander, wie die Zähne eines vom Skorbut geplagten Seemanns.
Flynn musste nach dem Weg fragen, denn obzwar er die Hausnummer kannte, hatte er die fragliche Stadtvilla nicht finden können. Daran war die flammarische Nummerierung der Häuser schuld. Sie folgte einem System, das zu verstehen höchstens ein seit zwanzig Jahren in der Halle der Schriften arbeitender Stadtverwalter in der Lage war. Für Normalsterbliche wirkte die Abfolge der Hausnummern, nun ja, wahllos. Flynn marschierte die Allee des Östlichen Zephyrs hinab, vorbei an den Nummern 17, 134, 2b und P19. Dann erreichte er das gesuchte Haus. Es handelte sich um eine kleine Stadtvilla mit winzigem Garten. Flynn lehnte sich an einen der Pfeifnussbäume vor dem Anwesen. Er steckte zwei Finger in den Mund und blies hindurch. Ein für menschliche Ohren nicht vernehmbarer Ton entfuhr ihm, und um Flynn herum gingen Nüsse zu Boden. Der Elb las ein halbes Dutzend davon auf und begann, sie zu knacken. Während er aß, beobachtete er die Villa. Ihre Tür bestand aus schwarzlackiertem Holz, in deren Mitte ein kupferner, vom Grünspan befallener Klopfer hing, dem Kopf einer Seegorgone nachempfunden. Um das Grundstück herum verlief eine Buchsbaumhecke, das Gartentor war eine schmiedeeiserne Extravaganz, die irgendwelche menschlichen Götter bei ihren Ränkespielen zeigte. Er meinte Baar zu erkennen, den Gott des Wissens und Look, den Gott des Sieges. Möglicherweise war es auch Pensa, die Göttin der Strategie, da war er sich nicht sicher. Im menschlichen Pantheon existierten einfach zu viele Götter und Götzen, als dass man sie sich alle hätte merken können. Ansonsten gab es wenig Besonderes an dem Haus. Die Fenster waren vergittert, das Dach mit gebrannten Kacheln gedeckt. Neben dem Eingang schlummerte eine orange-weiß marmorierte Katze in der Sonne und musterte ihn eingehend.
Orfamay Nachtauge musste wohlhabend sein, das war offensichtlich. Allerdings schien sie nicht über den unermesslichen Reichtum der Oberen Tausend zu verfügen, sonst hätte ihr Haus nicht so nahe am Roten Kliff gelegen. In den meisten Städten wäre eine Wohnlage umso teurer gewesen, je näher sie am Wasser lag, aber nicht in Brae Flammars Südviertel. Das Kliff befand sich nämlich in einem ebenso andauernden wie aussichtslosen Kampf mit einem übermächtigen Gegner: der stürmischen See. Jahr für Jahr wich es einige Fußbreit zurück. In zehn, höchstens zwanzig Jahren, so schätzte Flynn, würde Nachtauges Villa auf dem Grund des Golfs von Kharkesh liegen.
Er schluckte den letzten Nusskern hinunter und ging zur Gartenpforte. Sie war unverschlossen. Flynn öffnete das Tor und stieg die Stufen zur Tür hinauf. Die Katze schaute ihn indigniert an und verschwand mit einem Satz hinter einem Busch. Flynn umfasste den Ring, den die Seegorgone zwischen ihren spitzen Zähnen hielt. Er klopfte dreimal.
Es dauerte etwas, bis jemand auf der anderen Seite einen Riegel beiseiteschob. Die Tür schwang auf und Flynn sah sich einer Frau gegenüber. Sie war vielleicht Mitte dreißig und trug ein langes, dunkelgrünes Kleid aus Baumwolle. Ihr Gesicht schien nur aus Augen und Lippen zu bestehen. Erstere waren groß und smaragdfarben, letztere voll und tiefrot.
Flynn räusperte sich. »Habe ich die Ehre, Lady Orfamay Nachtauge gegenüberzustehen?«
»Die habt Ihr, Flynn vom Dunkeltal.«
»Diesen Namen habe ich längst abgelegt. Woher kennt Ihr ihn?«
Sie musterte ihn mit einem Blick, der Flynn nicht behagte.
»Ich pflege über meine Geschäftspartner Erkundigungen einzuholen.«
»Geschäftspartner? Schuldner eher.«
»Nicht unbedingt. Aber ich bin sehr unhöflich. Bitte tretet doch ein.«
Sie machte eine einladende Geste. Flynn verneigte sich nochmals. Während er über die Schwelle trat, murmelte er »Friede Eurem Hause«, jene Formel, ohne deren Erwähnung kein Flammari je das Domizil eines anderen betreten hätte. Als er sich in der Vorhalle umsah, fiel ihm auf, dass die Villa praktisch leer war. Es schien weder Bilder noch Baldachine, weder Teppiche noch Tische zu geben.
»Mich deucht, Ihr mögt es luftig, Lady Nachtauge.«
»Ah, nein, ich lasse dieses Anwesen gerade renovieren. Fast alle meine Möbel und Habseligkeiten befinden sich derzeit in einem Lagerhaus.«
Ihre Stimme hatte einen leichten Akzent, der ostländisch klang. Flynn wagte eine Vermutung. »Ihr stammt aus Graak?«
»Fast richtig geraten. Noch etwas weiter westlich, aus Tyne.«
»Tyne-am-Oyn?«
»Tyne-an-der-See. Aber bitte, lasst uns in den Salon gehen.«
Der Salon war so leer wie die Versprechen eines pyronischen Händlers. Lediglich in einer Ecke standen einige Habseligkeiten. Flynn konnte jedoch nicht erkennen, worum es sich handelte, da eine Plane aus Segeltuch die Gegenstände vor seinem neugierigen Blick verbarg.
»Ich hole uns einige Sitzkissen, Lord Grünblatt.«
Orfamay Nachtauge bedeutete ihm zu warten und verschwand durch einen Durchgang in der Wand in einem angrenzenden Zimmer. Sobald sie außer Sichtweite war, ging Flynn zu der Plane. Er lupfte sie an und riskierte einen Blick. Seine Kundschafternase hatte ihm signalisiert, er werde unter dem Segeltuch etwas Aufsehenerregendes finden. Doch der Elb erspähte lediglich einen Holztisch, zwei Kohlenbecken auf Ständern sowie den Ausschnitt eines ziemlich großen Ölgemäldes. Orfamay Nachtauge mochte es offenbar religiös. Wie schon auf ihrem Gartentor waren auch hier menschliche Götter bei der Arbeit zu sehen. Baar hielt ein dickes Buch in der Hand. Vermutlich spendierte er seinen menschlichen Anhängern gerade eine Portion Wissen. Das Buch wurde von Flammen umzüngelt, ein Ascheregen ging auf die darunter liegende Landschaft hernieder. Eine weibliche Göttin – er war sich diesmal ziemlich sicher, dass es sich um Pensa handelte – hatte ein zerbrochenes Schwert in der Hand. Dahinter stand Usara, die Göttin der Liebe und …
Seine feinen Elbenohren vernahmen die sich nähernden Schritte seiner Gastgeberin. Flynn ließ das Tuch los und machte einen Satz, der ihn einige Meter von dem Möbelstapel wegbeförderte. Er setzte einen gelangweilten Blick auf und schaute zur Decke.
Lady Nachtauge brachte zwei Sitzkissen, ferner eine Karaffe Wein und zwei lederne Becher.
»Bitte, setzt Euch. Stühle habe ich zurzeit keine, aber Euer Volk sitzt ja ohnehin lieber auf dem Boden, soweit ich weiß.«
Ja, aber nur wenn es sich um bemoosten Waldboden handelt, dachte Flynn, sagte aber nichts. Als sie sich gesetzt hatten, schenkte sie ihm Wein ein, den er nicht wollte.
»Danke. Könnten wir nun zum geschäftlichen Teil kommen?«, fragte Flynn.
Sie musterte ihn tadelnd.
»Eure Hast ist äußerst unflammarisch.«
»Da keine Flammari anwesend sind, können wir die Tanzschritte und Verbeugungen von mir aus weglassen. Um es kurz zu machen: Ich habe Euer Geld nicht, keinen einzigen Goldflamm.«
»Ich weiß. Eure ehemaligen Gläubiger wissen es natürlich auch. Deshalb habe ich die … wie viel waren es gleich?«
»EinundzwanzigtausenddreihundertfünfundsiebzigGoldflamm.«
»Richtig. Die hohe Summe ergibt sich aus den teils beträchtlichen Verzugszinsen. Ich habe die Schuldscheine mit erheblichem Abschlag erwerben können. Niemand glaubt, dass Ihr den Betrag je aufbringen könnt. Oder wollt.«
»Da hat dieser Niemand völlig Recht. Aber wenn man Schuldscheine mit Abschlag kauft, hat man normalerweise eine gute Idee, wie man das Geld dennoch aus dem Schuldner herauspresst, Lady Nachtauge. Was ist Eure?«
»Ihr besitzt etwas, das ich benötige. Etwas anderes als Geld.«
»Nämlich?«
»Gewisse elbische Fähigkeiten, die ich gerne in Anspruch nehmen würde.«
»Ihr hättet einfach in den Schwarzen Wal kommen und freundlich fragen können.«
Orfamay Nachtauge lächelte ihn an und sah ihn aus ihren großen grünen Augen an.
»Ihr hättet nein gesagt.«
»Wozu denn eigentlich?«
Nachtauge zog eines ihrer Beine unter sich. Als sie das tat, verrutschte ihr langes Kleid. Flynn konnte erkennen, dass es sich um ein sehr ansehnliches Bein handelte.
»Wisst Ihr, wer die Magier von Shem sind?«
»Natürlich.«
Die Shem waren ein Magierorden, der seinen Sitz auf einer größeren Insel inmitten der See von Kharkesh hatte, mindestens zwanzig Tagesreisen vom nächsten Hafen entfernt. Mönchen in einem entlegenen Kloster gleich hatten die Shem Jahrhunderte lang auf ihrem Eiland gelebt, irgendwelche Schriftrollen studiert, Tränke gebraut und waren auf Zauberpferden übers Meer geflogen – was Magier eben so zu tun pflegten. Aber nach dem Zweiten Krieg, so erzählte man sich, hatten die Shem ihr Einsiedlerdasein urplötzlich aufgegeben und Expeditionen hinaus in alle Welt geschickt. Inzwischen gab es in jeder wichtigen Stadt rund um den Golf von Kharkesh Botschaften der Shem. In Handelsstädten wie Brae Flammar boten sie außerdem allerlei magische Dienstleistungen an. Keiner wusste, warum die Shem plötzlich die Wanderlust gepackt hatte, und vielen waren die Magier mit den bestickten Roben und den Tiermasken unheimlich. Andererseits waren die meisten anderen Leute, die sich Magier schimpften, kaum in der Lage, einen Kienspan Feuer fangen zu lassen. Die Shem hingegen, daran bestand kein Zweifel, vermochten mächtige Zauber zu wirken. Sie boten somit etwas an, das niemand anders besaß, und deshalb empfing man sie fast überall mit offenen Armen.
»Die Shem haben etwas, das ich benötige.«
»Ihr hattet recht.«
»Womit?«
»Dass ich nein gesagt hätte. Niemand ist so dumm und bestiehlt die Shem.«
»Ihr sollt sie nicht bestehlen. Höchstens belügen.«
»Auch das ist mir zu heikel. Diese Typen können einen mit Worten in ein Aschehäufchen verwandeln. Vergesst es.«
Sie lächelte ihn wieder an. Es hatte überhaupt nichts Freundliches.
»Ihr habt angesichts Eurer hohen Schulden wohl kaum eine Wahl.«
»Man hat immer eine Wahl, Lady Nachtauge. Lieber schiffe ich mich freiwillig auf einer traskischen Galeere ein oder ziehe dauerhaft in den Smaragdwald, als mich mit Magiern dieses Kalibers anzulegen.«
Ihre Miene verfinsterte sich.
»Mächtig? Ja, das sind sie. Glaubt mir, das weiß ich sehr genau.«
»Gut, dass wir uns da verstehen. Was ich hingegen nicht kapiere: Wenn Ihr von den Tiergesichtern was kaufen wollt, warum tut Ihr es dann nicht einfach selbst? Der Shem-Stand auf dem Wazaar ist doch jedem zugänglich.«
Ohne ein weiteres Wort begann Orfamay Nachtauge, ihr Kleid bis zum Bauchnabel aufzuknöpfen. Flynn musste schlucken, denn der Rest ihres Körpers hielt, was die Augen und Beine versprachen. Sein Blick heftete sich an der Stelle unter dem Bauchnabel fest, an der ihre nackte Haut endete. Er hörte, wie sie sich räusperte.
»Freut mich, dass Euch gefällt, was Ihr seht. Wie ich an Euren Beinlingen erkennen kann, gefällt es Euch sogar außerordentlich. Aber worauf ich Eure Aufmerksamkeit eigentlich lenken wollte, war das hier.«
Sie ließ ihr halboffenes Kleid über die Schultern gleiten, sodass Flynn ihre linke Brust sehen konnte – sie war makellos, bis auf eine schlangenförmige schwarze Tätowierung, die um die Warze herum verlief.
Er keuchte. »Ein Mal der Shem! Wieso habt Ihr das?«
»Weil ich nicht bezahlt habe.«
Flynn grinste. »Gut zu wissen, dass ich hier nicht der einzige mit schlechter Zahlungsmoral bin.«
»Es ist sehr lange her«, erwiderte Nachtauge. »Ich hatte auf Kredit gekauft und war damals in einer Notlage, konnte die Raten nicht zahlen. Ein Magier der Shem verpasste mir daraufhin diese Markierung. Die Details tun nichts zur Sache. Aber es erklärt wohl, warum ich persönlich keine Geschäfte mit den Shem mehr machen kann. Ihr schon.«
»Ich soll Euer Mittelsmann sein?«
»So ist es. Wobei die Shem niemals herausfinden dürfen, für wen Ihr arbeitet.«
»Man hört, Magier der höheren Grade könnten Gedanken lesen.«
»Ja, das hört man. Man hört aber auch, dass Elben gegen derlei Geistesmagie besser gefeit sind und sich sogar völlig dagegen immunisieren können.«
»Wie soll das gehen?«
Aus einer Falte ihres Kleides holte Orfamay Nachtauge ein Amulett hervor. Es bestand aus einem flachen, polierten Stück Jade. In der Mitte hatte sie ein Loch, durch das man eine schlichte Lederschnur gezogen hatte.
»Tragt das hier, und kein Magier der Welt wird Euch in den Kopf schauen können.«
Flynn runzelte die Stirn. »Nehmen wir an, Ihr habt Recht und es funktioniert. Was soll ich denn bei den Shem für Euch kaufen?«
»Tessar.«
»Nie davon gehört.«
»Eine magische Ingredienz. Sie ist ein … Sekret gewisser infernalischer Kreaturen. Ein teerartige Substanz, zu kleinen Fladen gepresst, mit einem Gewicht von etwa drei liwarischen Unzen.«
»Wofür benötigt man so etwas?«
»Priesterinnen aller Götter verwenden sie als eine Art Weihrauch.«
»Und was heißt Sekret?«
»Nun, körperliche Ausscheidung.«
»Habe ich das richtig verstanden?«
»Was?«
»Ihr wollt, dass ich für Euch zu den Shem gehe und ein Viertelpfund Dämonenscheiße kaufe?«
»Das ist etwas deftig formuliert, aber es trifft den Kern der Sache.«
Lady Nachtauge packte ihre gebrandmarkte Brust ein und knöpfte ihr Kleid zu. Dann fuhr sie fort: »Morgen, gegen die siebte Stunde, wird Ion Ibn Shem, ein Magier des vierten Grades, auf dem Wazaar sein, um dort Waren zu verkaufen, die mit dem letzten Shem-Schiff eingetroffen sind. Ihr geht zu ihm und erwerbt für mich drei Tessari. Die für den Erwerb notwendige Summe von dreitausend Goldflamm händige ich Euch zuvor aus. Haben wir eine Übereinkunft?«
»Moment, nicht so schnell. Was würdet Ihr tun, wenn ich nicht mitspiele?«
Ihre Lippen wurden schmal. »Mein Geld eintreiben. Mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln.«
Flynn schüttelte den Kopf. »Ich glaube gern, dass Ihr Euch die besten Knochenbrecher des Schmiedeviertels leisten könnt. Aber ich sagte ja bereits, dass ich lieber wegzöge, als den Shem auf die Füße zu treten. Wenn ich die Stadt verlasse, dann könnt Ihr mir nichts. Eure Bluthunde würden mich nie finden.«
»Meine wohl nicht, nein. Aber die der Tomaari.«
Flynn merkte, wie sein Hals trocken wurde. Die Tomaari waren eine der Fünf Familien, genauer gesagt die, die das Südviertel kontrollierte.
»Was habt Ihr mit den Tomaari zu schaffen?«
»Wisst Ihr, wer Vara Tomaar ist?«
»Die älteste Tochter Leto Tomaars, des Familienoberhauptes.«
»Richtig. Vara Tomaar schuldet mir einen Gefallen.«
»Wie habt Ihr das geschafft?«
»Das tut nichts zur Sache. Aber falls Ihr Euch weigert, werde ich Vara meinen Schuldschein verkaufen.«
Flynn merkte, wie ihm die Knie weich wurden. Er war lange genug in Brae Flammar, um die unerbittliche Logik zu kennen, nach der das Verbrecherkartell der Fünf Familien funktionierte. Unter normalen Umständen hätten die Tomaari seinen Schuldschein niemals gekauft, denn er war kaum eintreibbar und somit eine schlechte Investition. Mithilfe des ausstehenden Gefallens konnte Orfamay Nachtauge die Tomaari jedoch zwingen, das Papier trotzdem zu erwerben.
Sobald sich der Schuldschein im Besitz der Familie befand, würde diese alles in ihrer Macht Stehende tun, um das Geld einzutreiben. Die Tomaari mussten so handeln, es ging schließlich ums Prinzip und um ihren unguten Ruf. Niemand durfte es wagen, einer der Fünf Familien Geld vorzuenthalten, das ihr zustand, niemand durfte damit durchkommen. Da Flynn kein Geld besaß, würden die Messermänner der Tomaari ihn ins Hafenbecken werfen – aber erst, nachdem sie ihn mit ihren Klappdolchen so klein geschnitten hatten, dass die Aale nicht einmal mehr zu kauen brauchten. Auch der Ausweg einer Flucht war ihm nun versperrt.
Flynn hatte erwogen, einfach in eine andere Stadt überzusiedeln, vielleicht nach Goltport oder Nyn. Die meisten normalen Gläubiger wurde man auf diese Weise los. Die Tomaari hingegen besaßen Verbindungen zu den Verbrecherorganisationen in allen anderen großen Städten. Wo auch immer er sich niederließ, man würde ihn dort jagen. Es war an der Zeit, die Waffen zu strecken.
»Danach bekomme ich den Schuldschein?«
»Dann bekommt Ihr ihn.«
»Gut, einverstanden.«
Orfamay Nachtauge erhob sich und streckte ihre Hand aus, nur um sie gleich wieder zurückzuziehen.
»Verzeihung, ich vergaß, wie sehr Elben diese Händeschüttelei hassen.«
Sie ging einen Schritt auf ihn zu und drückte ihre Stirn gegen die seine. Als sie ihm nahe kam, erhaschte Flynn etwas von ihrem Geruch. Er war süßlich, wie von zu viel pyronischem Rosenwasser, gepaart mit einer unterschwelligen Note, die ihn an fauliges Holz erinnerte.
»Soll ich mit der Ware herkommen, wenn ich fertig bin?«
Orfamay Nachtauge ging zum Kamin, auf dessen Sims ein Lederbeutel lag. Sie nahm ihn.
»Hier, dreitausend, in Edelsteinen. Und ja, so schnell es geht. Ich benötige die Tessari bis spätestens zur dritten Stunde nach Sonnenuntergang. Das ist sehr wichtig, versteht ihr? Sollte ich sie bis dahin nicht haben, betrachte ich unseren Handel als hinfällig.«
Flynn nahm den Beutel und das Amulett entgegen.
»Ich verstehe«, sagte er, »gehabt Euch wohl, Lady. Ich bringe Euch die Dämonensch… die Tessari.«
Mit einer Verneigung verabschiedete er sich. Eiligen Schrittes verließ Flynn das Wohnzimmer und öffnete die Vordertür. Eine salzige Brise traf sein Gesicht, als er die Stufen hinunterhastete und wehte den schweren Duft von Orfamay Nachtauges Parfum davon.
5

Nachdem er Nachtauges Villa verlassen hatte, ging Flynn die Allee des Östlichen Zephyrs bis zu deren Ende und spazierte danach ein Stück an den Klippen entlang. Er hoffte, die vom Meer herüberwehende Brise werde seinen Kopf ein wenig durchpusten. Irgendetwas an Orfamay Nachtauges Geschichte stank, es stank noch mehr als ihr seltsames Parfum. Flynn beschlich ein mieses Gefühl bei der Sache. Allerdings blieb ihm kaum eine Wahl.
Kurz vor der auf das Rote Kliff zulaufenden Mauer der Altstadt bog er nach Norden ab. Die Seebrise hatte ihm keine Erleuchtung beschert. Kurz erwog Flynn, den Schwarzen Wal aufzusuchen. Vielleicht fiel ihm die Lösung für sein Schuldscheinproblem ein, wenn er einige Rumflips trank. Er verwarf diesen Gedanken jedoch und ging stattdessen in Richtung des Wazaars. Besser, er brachte diese Geschichte so schnell als möglich hinter sich. Wenn er sich sputete, konnte er gegen Mitternacht im Wal sein, schuldenfrei und sturzbetrunken.
Das Gedränge begann, bevor er den Wazaar überhaupt erreicht hatte. Sämtliche auf den Platz zulaufenden Wege schienen heillos verstopft. Er sah einen Büttel, der wütend auf einen Kutscher einredete. Während die meisten Menschen und ein paar Zwerge herumstanden und darauf warteten, dass sich die Masse vor ihnen einen weiteren Schritt in Richtung des Waz bewegte, bahnte sich Flynn zügig einen Weg durch die Menge. Dank seiner elbischen Talente konnte er sich im Wald selbst bei dichtestem Bewuchs so schnell bewegen wie auf freier Flur – und was waren Menschen schon anderes als Baumstämme? In Sachen Anmut und Intelligenz waren beide nach Flynns Meinung durchaus vergleichbar, womit er den Bäumen vermutlich Unrecht tat. Wie ein eingeölter Aal schob er sich zwischen den Menschen hindurch, jede sich bietende Öffnung in der Menge ausnutzend. Nach wenigen Minuten hatte er den eigentlichen Platz erreicht, auf dem es nicht ganz so voll war. Er lief weiter. Das azurfarbene Zelt der Shem befand sich auf der Westseite, Flynn konnte bereits die darüber aufgepflanzte Fahne mit den drei roten Augen auf blauem Grund sehen.
Als er ankam, musste er feststellen, dass sich vor dem Zelt eine kleine Schlange gebildet hatte. Vier Menschen und ein Halbelb warteten darauf, dass ein Schreiber hinter einem Pult vor dem Zelt sie abfertigte. Hier nutzten Flynn seine elbischen Fähigkeiten nichts, und so reihte er sich schicksalsergeben hinter einem Pyronen ein, dessen zobelbesetzter Fez ihn als Mitglied der Apothekergilde auswies. Es ging nicht wirklich schnell voran, und so sah Flynn sich um, während er wartete. Das Shem-Zelt war nach seiner Erinnerung früher kleiner gewesen. Offenbar liefen die Geschäfte so gut, dass die Magier ihren Stand hatten vergrößern können. Ebenso auffällig war, dass die Zauberer ihre Waren nicht sehr offensiv feilboten. Normalerweise pflegten Waz-Händler ihre Produkte kunstvoll aufzutürmen und zu arrangieren. Sie priesen ihr Angebot zudem unentwegt in einem kunstvollen Singsang. Die Shem hatten derlei offenbar nicht nötig. Ihre Auslagen wirkten überaus schlicht. Zudem gab es einen Teil ihres Zeltes, der nicht aus frei einsehbaren Tischen bestand, sondern von einer lichtdichten Plane umgeben war. Gerade verschwand der erste Kunde in der Schlange in diesem Separee.
Interessiert begutachtete Flynn die Auslage eines Waffenhändlers, der sein Zelt links von den Magiern aufgeschlagen hatte. Einer der Eibenbögen hatte es ihm angetan, vielleicht würde er diesen später noch genauer in Augenschein nehmen. Von dem Stand zu seiner Rechten wehte der verführerische Geruch liwarischen Honigkaramells herüber. Flynn fiel ein Gardist auf, der vor der Spezereienbude stand. Er war der wohl fetteste Zwerg, den der Elb je gesehen hatte. Er musste grinsen. Es lag vermutlich am Stadtleben. Solange man mit einer Spitzhacke jeden Tag mehrere Kubikmeter Eisenerz wegkloppte, konnte man so viel Krustenbraten und Honigkaramell essen, wie man wollte. Saß man hingegen den ganzen Tag in einer Amtsstube, ging man auf wie ein Hefeküchlein. Dieser Gardist war das beste Beispiel dafür. In seinen wurstigen Fingern hielt er nicht eine, sondern gleich drei Süße Dublonen. Allerdings schien er etwas an ihnen auszusetzen zu haben.
»Mein guter Alvar«, sagte der Zwerg mit dröhnender Stimme, »diese Dublonen sind ja fast verkohlt!«
Bevor Flynn sich die Replik des von diesem Anwurf sichtlich gekränkten Marketenders anhören konnte, trat der Apotheker vor ihm beiseite, und er fand sich vor dem Pult des Shem-Sekretärs wieder. Der Mann trug eine Robe aus purpurfarbenem Stoff, deren dürftige Verzierungen ihn als einen Magier des ersten Grades auswiesen. Sein Gesicht war hinter einer lackierten Holzmaske verborgen, die die Züge eines Feuersalamanders trug.
»Ihr wünscht?«, fragte er.
»Ich würde gerne den ehrenwerten Ion Ibn Shem konsultieren«, antwortete Flynn.
Der Salamander machte sich eine Notiz.
»In welcher Angelegenheit?«
»Erwerb mehrerer Tessari.«
Der Magier nickte, als sei dies eine befriedigende Antwort. Mit einer Geste seines rechten Arms bedeutete er Flynn, in das Separee zu gehen. Der Elb schob die Plane ein Stück beiseite und trat ein. Das erste, was ihm auffiel, war die unheimliche Stille im Inneren des Zelts. Zwar war zu erwarten gewesen, dass der dicke Stoff einen Teil des Marktlärms schluckte. Aber es war so still wie nächtens im Smaragdwald. Bevor er sich weiter orientieren konnte, kam ein Mann auf ihn zu. Unter seiner reich verzierten grünen Robe konnte Flynn breite Schultern erkennen. Seine silberne Maske bildete den Kopf eines Leoparden nach.
Der Elb verneigte sich. »Habe ich das Vergnügen, mit dem ehrenwerten Ion Ibn Shem zu sprechen?«
»Der bin ich. Mit wem habe ich die Ehre?«
»Flynn Grünblatt, zu Diensten.«
»Was wünscht Ihr zu erwerben, Meister Grünblatt?«
»Tessari. Man sagt, Ihr hättet welche vorrätig«, erwiderte der Elb.
»Nicht viele. Wie viele benötigt Ihr denn?«
»Drei würden mir reichen.«
»Das ist möglich. Der Preis beträgt tausend Goldflamm je Stück.«
Normalerweise wäre dies der Beginn eines komplexen verbalen Tanzes gewesen. Flynn und Ion Ibn Shem hätten einander beschuldigt, die Kinder des jeweils anderen dem Hungertod anheim geben zu wollen. Ferner hätten sie über das Geschäftsgebaren ihres Gegenübers spekuliert und angedeutet, dieser sei noch gieriger als die Diebesgilde und die Vereinigte Händlercompagnie zusammen. Aber irgendwie hatte Flynn den Eindruck, dass dies kein solches Geschäft war. Deshalb erwiderte er lediglich: »Einverstanden.«
Der Magier nickte.
»Eine Sache wäre da noch, Meister Grünwald. Es gibt gewisse Ausschlussgründe, was den Verkauf von Tessari angeht.«
»Ausschlussgründe?«
»Ich muss auf arkane Weise prüfen, ob Ihr zu einer jener Fraktionen gehört, an die wir keine Tessari verkaufen. Seid Ihr dazu bereit?«
Flynn zuckte die Achseln und machte ein unbeteiligtes Gesicht. Allerdings konnte er nicht verhindern, dass sich seine Nackenhaare aufstellten.
»Tut, was Ihr tun müsst, Meister Ion«, sagte er.
Ion Ibn Shem holte aus einer Falte seiner Robe einen kleinen, rötlich schimmernden Kristall hervor, der an einer silbernen Kette hing und schwenkte diesen wie ein Jahrmarkthypnotiseur hin und her.
Sprecht mir nach: »Ich komme nicht im Auftrag des Ordens der Nigromanten von Arkadash.«
»Äh … ich komme nicht im Auftrag des … des Ordens der Nigromanten von Arkadash.«
»Ich bin kein Diener der Hexer von Yrr.«
Flynn wiederholte auch dies. Während er das tat, beobachtete sein Gegenüber konzentriert das Kristallpendel, das zwischen ihnen hin und her schwang. Offenbar handelte es sich bei dem, was Ion Ibn Shem da tat, um eine Art Konkurrenzausschluss-Methode. Die Yrr waren ein Haufen zauseliger Elementarmagier aus dem Nordreich. Wer die Nigromanten von Arkadash waren, wusste er nicht. Aber der Name deutete an, dass sie Finsteres im Schilde führten.
»Ich komme nicht im Auftrag der Antinomie«, sagte der Shem.
Auch das gab Flynn von sich. Er bildete sich ein, dass sein Gegenüber daraufhin ein zufriedenes Gesicht machte, was angesichts der Maske natürlich Unfug war.
»Das war es auch schon, Meister Grünblatt. Wir können jetzt zur Transaktion schreiten.«
»Ausgezeichnet. Sagt, Meister Ion, eine vielleicht dumme Frage …«
»Nun?«
»Was ist die Antinomie?«
»Sie ist das Böse«, erwiderte der Magier im Plauderton, als rede er über das flammarische Wetter, »genauer gesagt ist sie das Gegenteil des Guten. Sie ist die völlige Umkehr alles Wahren und Schönen, seine Antithese.«
»Ah. Ich verstehe«, erwiderte Flynn, was gelogen war.
Der Shem machte auf dem Absatz kehrt und führte den Elb auf der Rückseite des Separees hinaus. Sofort umbrandete sie wieder der Lärm des Waz. Sie befanden sich nun im hinteren Teil des Shem-Areals und waren umgeben von Verkaufstischen, auf deren anderen Seiten Marktbesucher vorbeischlenderten. Ion Ibn Shem ging zu einem der Tische, öffnete eine Holzkiste und holte ein halbes Dutzend kleine Scheiben heraus. Sie erinnerten Flynn an jene Teerstücke, die man nach Stürmen manchmal unten am Südstrand fand – tiefschwarz, klebrig und dabei bröckelig.
Man hatte die Tessari in eine runde Form gepresst. Der Shem legte alle sechs schwarzen Plättchen auf ein Seidentuch, das er auf einem Tischchen zwischen ihnen platzierte.
»Dürfte ich nun das Geld sehen, Meister Flynn?«
Der Elb holte Orfamay Nachtauges Beutel aus dem Inneren seines Wamses hervor, platzierte ihn auf dem Tischchen und zog den Lederriemen heraus. Das Gewicht der Edelsteine ließ die Börse auseinandergehen, es klackerte, als die in Silber gefassten Gemmen, jeder einhundert Goldflamm wert, sich über den Tisch verteilten. Flynn musterte sie. Es war sehr lange her, dass er derart viel Geld auf einem Haufen gesehen hatte. Ion Ibn Shem nickte zufrieden und wollte gerade beginnen, drei Tessari abzuzählen, als es einen lauten Knall gab, verbunden mit einem gleißenden Lichtblitz.
Einen Moment lang vermochte Flynn weder etwas zu sehen noch zu hören. Als seine Sinne wieder zu funktionieren begannen, vernahm er aufgeregtes Geschrei, sah allerdings immer noch nicht sehr viel. Der Großteil des Shem-Stands war hinter Wolken dichten schwarzen Qualms verborgen. Flynn kannte den Geruch, der ihm in die Nüstern stieg. Der Qualm rührte weder von einem Brand her, noch war er magischer Natur. Jemand hatte eine Rauchbombe geworfen, ihr charakteristisches Aroma war ihm schon des Öfteren begegnet.
Flynn ging in die Hocke und zog sein Waldmesser. Rechts von ihm stürzte einer der Warentische krachend um. Der Elb ließ sich davon nicht ablenken, sondern tastete sich langsam vor, in die Richtung, in der er das Tischchen mit den Tessari vermutete. Durch den Qualm sah er die Silhouette eines Mannes, der eine Robe trug. Zunächst vermutete er, es handle sich um Meister Ion. Doch dieser Kerl war kleiner und schmaler, außerdem war seine Kutte safrangelb. Flynn kroch eine weitere Elle vorwärts. Er sah jetzt das Tischchen. Der Shem in der gelben Robe machte sich daran zu schaffen. Lautlos bewegte der Elb sich weiter nach vorne. Er konnte nun die Beine des Mannes erkennen, die unter der etwas zu kurzen Robe hervorlugten. Sie steckten in Wildlederhosen, die wiederum in sonderbaren schwarzen Stiefeln steckten. Fast hätte er sich durch einen Fluch verraten. Die Shem hatten keine Hosen, die Beine unter ihren Roben waren nackt. Und sie trugen Sandalen, keine Stiefel – schon gar nicht solche. Er hatte diese Art von Schuhwerk schon einmal gesehen. Aber wo?
Er machte einen Satz nach vorne. Der falsche Shem fluchte, als sich die Spitze von Flynns Machete durch einen seiner Stiefel bohrte. Allerdings war der Kerl schneller als gedacht, und bevor der Elb sich aufrappeln konnte, erwischte ihn dessen anderer Stiefel mitten im Gesicht. Alles um ihn herum verschwamm. Mit letzter Kraft kroch er auf das Tischchen zu und versuchte, sich daran hochzuziehen. Auf der Tischfläche lag nichts außer einem einzelnen Goldflamm und einigen schwärzlichen Krümeln.
6

Als der Rauch sich verzogen hatte, nahmen Colin Silberbart und seine Gardisten eine Inventur vor. Der Shem-Stand war eine Ruine. Die Rauchbombe selbst hatte keine Schäden angerichtet, sah man von einem Brandloch auf dem sicher nicht ganz billigen sephirischen Teppich ab, der zwischen den Tischen ausgelegt war. Die Explosion und der dichte Qualm hatten die Marktbesucher jedoch in Angst und Schrecken versetzt. Sie waren blindlings losgerannt, weg von dem mutmaßlichen Brandherd. Diese Massenpanik hatte dafür gesorgt, dass der Shem-Stand nun ziemlich hinüber war. Die Tische lagen umgekippt auf dem Boden, das Hauptzelt stand schief und hielt sich nur noch mit allerletzter Kraft aufrecht. Tote oder Schwerverletzte schien es nicht zu geben. Lediglich ein Elb hatte etwas abbekommen, ein dürres Bürschlein in dem dunklen Wildleder eines Trappers. Eine hässliche Platzwunde zierte seine hohe Stirn, leuchtend grünes Blut lief ihm die Wange hinab und verunzierte sein Wams. Einer von Colins Bütteln war gerade dabei, dem Mann auf die Beine zu helfen. Der Elb schüttelte die helfende Hand ab und klopfte sich den Staub von den Klamotten.
Der Zwerg suchte nach jener Stelle, an der die Rauchbombe gezündet worden war. Sie befand sich höchstens drei Schritte von dem Elben entfernt. Colin ging zu ihm hinüber.
»Ich übernehme das«, sagte er und machte eine Handbewegung, die dem Gardisten bedeutete, er möge sich anderweitig nützlich machen. Der Elb tupfte sich unterdessen mit einem Taschentuch Blut von der Stirn. Er wirkte sehr unglücklich. Colin vermutete, dass es nicht an der Platzwunde lag.
»Guten Tag, werter Herr Elb«, sagte Colin.
»Daran glaube ich ehrlich gesagt kaum noch.«
»Woran?«
»Dass dieser Tag noch ein gutes Ende nimmt, Zweiter Hauptmann.«
Erstaunt nahm Colin zur Kenntnis, dass der Elb die Litzen an seiner Uniform richtig zu interpretieren wusste.
»Verstehe. Ich brauche Eure Aussage.«
Der Elb steckte das Tuch weg und verschränkte die Arme. Colin holte sein Wachstäfelchen hervor.
»Name?«
»Flynn Grünblatt.«
»Wohnhaft?«
»Im Schwarzen Wal«
»Handwerk?«
»Kundschafter. Gelegentlicher Privatermittler.«
Colin hob die buschigen Augenbrauen und musterte den Zeugen. »Kundschafter« war in seinen Augen ein Euphemismus für Räuber – mit Ausnahme eines kleinen Kontingents, das der Begriff Dieb besser beschrieb. Der Elb sah Colins Gesichtsausdruck und setzte eine empörte Miene auf.
»Ich begleite Karawanen, die auf der Seidenroute nach Chu unterwegs sind. Vor allem jene, die den langen Weg durch das Salzmeer und die Heulenden Ebenen vermittels eines Schlenkers durch den Smaragdwald abzukürzen gedenken.«
»Ich dachte, es sei Selbstmord, durch den Smaragdwald zu reisen.«
»Nicht, wenn man mit mir reist. Wobei …«
»Wobei was?«
»Menschen kann ich wohl sicher hindurchbringen. Zwerge sind schwieriger.«
»Wieso das?«
»Nun, bei allem Respekt, aus einem Zwerg einen Baumläufer zu machen – das ist, als wollte man einer Krabbe das Reiten beibringen.«
Colin knirschte mit den Zähnen. Dieser Blattfresser war wirklich eine unerhört respektlose Person. »Wo wart Ihr, als die Bombe hochging?«, fragte er.
Grünblatt zeigte auf seine Mokassins. »Genau hier.«
»Was habt Ihr gemacht?«
»Ich war im Begriff, ein Geschäft abzuschließen.«
»Könnt Ihr mehr als einen Satz auf einmal?«, fragte Colin.
»Wenn es nötig ist.«
»Es ist nötig. Aber falls Ihr Euch erst einmal sammeln müsst, Meister Elb, dann begleitet Euch einer meiner Männer auf die Wache. Dort können wir dann später weiterreden.«
Colin sah seinem Gegenüber an, dass der Bluff die gewünschte Wirkung nicht verfehlte.
»Nein, Zweiter Hauptmann, das wird nicht notwendig sein. Also, ich war gerade im Gespräch mit einem Magier …«
»Name?«
»Ion Ibn, glaube ich.«
»Nachname?«
»Shem. Sie heißen alle Shem. Jedenfalls wollten wir gerade einige Preziosen begutachten …«
»Was für Preziosen?«
»Ihr macht es Eurem Gesprächspartner auch nicht gerade einfach, mehr als einen Satz zu sagen.«
Colin bemühte sich, ruhig zu bleiben. Den vielleicht wichtigsten Zeugen dieses Attentats, Überfalls oder um was auch immer es sich handelte zu erwürgen war sicherlich keine gute Idee. Lust dazu verspürte er aber durchaus.
»Bitte, Herr Elb. Sprecht doch weiter.«
»Habt Dank, Meister Zwerg. Mein Geschäftspartner hatte also gerade einige Preziosen, es waren Tessari, auf dieses Tischchen hier gelegt, und ich hatte einen Beutel mit Gold darauf deponiert. Bevor Ihr fragt: Es waren 3000 Goldflamm darin. Als wir den Handel gerade beschließen wollten, da passierte es.«
»Was?«
»Der Meeresgott Follo entstieg dem Golf von Kharkesh, prächtig anzusehen, in seinem Gefolge hundert bezaubernde Meerjungfrauen. Was glaubt Ihr? Die Rauchbombe. Bumm, Blitz, Paff.«
»Wurde etwas entwendet?«
»Mein ganzes Gold. Was die Tessari angeht … sie scheinen ebenfalls verschwunden zu sein.«
Colin machte sich Notizen auf seiner Wachstafel und nickte. Mit der Rechten winkte er einen seiner Männer zu sich herüber.
»Den Magier Ion Ibn Shem. Treib’ ihn auf und bring ihn her.«
Einige Sekunden standen sie wortlos da. Dann fragte der Elb: »Kann ich jetzt gehen?«
»Noch nicht. Ich möchte erst hören, was der Shem zu der Sache sagt.«
»Wieso braucht ihr mich dazu?«
»Weil ich danach vielleicht noch Fragen an Euch habe.«
Meister Ion tauchte nun auf, eskortiert von einem Gardisten. Es war offensichtlich, dass er näher am Zentrum der Explosion gestanden hatte als Flynn Grünblatt. Seine Robe war so löchrig wie die Alte Stadtmauer, Ruß hatte seine Leopardenmaske geschwärzt. Nachdem er vor ihnen stehengeblieben war, verneigte er sich leicht.
»Guten Tag, Meister Ion«, sagte Colin.
»Ich grüße Euch, Meister Zwerg. Ob dieser Tag gut ist, das bezweifle ich allerdings.«
»Wir wollen die Hoffnung noch nicht aufgegeben«, erwiderte Colin. »Ihr und dieser Herr hier wart kurz davor, einen Handel abzuschließen, als die Bombe hochging, ist das richtig?«
»Ja.«
»Worum ging es?«
»Meister Grünblatt wollte einige Tessari erwerben.«
»Helft einem Unwissenden. Worum handelt es sich dabei genau?«
Colin meinte, ein Zögern des Mannes zu spüren. Dann sagte der Shem: »Es handelt sich um eine Art Weihrauch.«
Nur allzu gerne hätte er diesen angeblichen Zauberer ohne Maske verhört, um besser in seinem vermutlich aschfahlen Gesicht lesen zu können. Aber den Shem war das Tragen ihrer Masken laut einem Edikt Prinz Renials gestattet, unter allen Umständen, angeblich aus religiösen Gründen. Wahrscheinlicher schien Colin, dass die Shem für dieses Privileg eine hohe Summe gezahlt hatten.
»Das ist sehr teurer Weihrauch, wenn er Tausende Goldflamm kostet«, sagte Colin.
»Teuer, nun, das liegt im Auge des Betrachters«, warf der Elb ein.
»Ihr meint, wenn man unfassbar reich ist, sind tausend Goldflamm nicht viel?«
»Ich meine, dass diese Tessari aus sehr seltenen … Ingredienzen hergestellt werden, die den hohen Preis rechtfertigen. Habe ich nicht recht, Meister Ion?
Wieder dieses kurze Zögern. »In der Tat, Meister Grünblatt hat völlig recht, oh Zweiter Hauptmann der Prächtigen Garden.«
»Wie dem auch sei«, entgegnete Colin unwirsch, »Ihr wollt also Weihrauchplättchen im Wert von dreitausend Goldflamm als gestohlen melden, nehme ich an, und Ihr Euer Gold.«
Der Elb nickte. Der Shem schüttelte den Leopardenkopf.
»Dreitausend waren der Preis für drei Stück. In meinem Besitz befanden sich jedoch sechs Tessari. Somit summiert sich unser Schaden auf insgesamt sechstausend.«
Colin machte sich eine Notiz. »Habt Ihr vor oder nach dem Vorfall irgendwelche verdächtigen Personen in der Nähe bemerkt?«
Beide Männer schüttelten einmütig die Köpfe. Der Zwerg seufzte.
»Also gut. Meister Grünblatt, Ihr könnt gehen, aber haltet Euch bitte zu unserer Verfügung. Meister Ion, könntet Ihr veranlassen, dass den Garden umgehend eine Liste aller gestohlenen oder beschädigten Waren zugeht?«
»Ein Kurier wird sie Euch so schnell als möglich bringen, Meister Zwerg«, sagte der Magier.
»Gut. Wenn Ihr mich nun entschuldigen würdet. Ich muss noch einige Gespräche führen.«
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