Читать книгу: «Der Peloponnesische Krieg»

Шрифт:

Thukydides

Der Peloponnesische Krieg (Buch 1-8)


Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -

musaicumbooks@okpublishing.info

2021 OK Publishing

EAN 4064066500368

Inhaltsverzeichnis

Erstes Buch

Zweites Buch

Drittes Buch

Viertes Buch

Fünftes Buch

Sechstes Buch

Siebentes Buch

Achtes Buch

Erstes Buch

Inhaltsverzeichnis

Inhalt des ersten Buchs.

Das erste Buch enthält die Einleitung zu dem Geschichtswerke, und die Angabe der entfernteren und näheren Ursachen und Veranlassungen des Peloponnesischen Kriegs. Andeutungen über die Wichtigkeit desselben. Cap. 1. Aeltester Zustand der Hellenen: Anfange und Fortschritte des Anbaus und der Gesittung, 2-8. Bemerkungen über den Trojanischen Krieg und seine Folgen. 9-12. Entstehung der Hellenischen Seemächte. 13-14. Art der Landkriege. 15. Die Perser und die Tyrannen in Hellas hindern dessen Wachsthum. 16. 17. Die Perserkriege und das Emporkommen der beiden Griechischen Hauptmächte, Sparta und Athen, und deren Verwaltungsweise. 18-19. Mängel der früheren Behandlung der Geschichte: genauere Forschung des Verfassers. Wichtigkeit und Ursachen des Pel. Kriegs. 20-23. Veranlassung desselben durch die inneren Unruhen in Epidamnus, durch die Einmischung der Korcyräer und Korinther, durch deren Zwist und Krieg, an dem die Athener Theil nehmen, und durch die Handel Athens mit Potidäa und Macedonien. 24-66. Verhandlungen in Sparta, das seit Krieg gegen Athen beschließt. 67–88. Rückblick auf die Geschichte der Hellenen seit den Siegen über die Perser, und auf die Machtvergrößerung Athens. 89-117. Auch die Bundesgenossen Sparta's beschließen den Krieg. 118 - 125. Letzte Unterhandlungs-Versuche mit Athen, durch Sparta's unannehmbare Forderungen und Pericles Einfluß vereitelt. Dazwischen gelegentliche Erinnerungen an die Schicksale des Pausanias und Themistokles. 26-146.

Erstes Buch.

1. Thucydides von Athen hat den Krieg der Peloponnesier und Athener, wie sie gegen einander kämpften, beschrieben. Er begann sein Werk sogleich, mit dem Ausbruche des Kampfes, in der Erwartung, er werde groß und denkwürdiger als alle frühern werden. Dieses Schloß er aus der Blüthe der Macht, welche beide Theile in jeglicher Art der Kriegsmittel erreicht hatten; auch sah er, daß die übrige Hellenenwelt an eine von beiden Parteien theils sogleich sich anschloß, theils diesen Gedanken hegte. In der That war dieß die größte Erschütterung, welche die Hellenen und einen Theil der Barbaren, und, ich möchte sagen, sogar einen sehr großen Theil der Menschheit je betroffen hat. Zwar die früheren Ereignisse, und was noch weiter rückwärts liegt, genau zu erforschen, war wegen der Länge des Zeitraums unmöglich: doch nach Beweisgründen, welche bei einer in die Fernste Vorzeit sich erstreckenden Untersuchung sich, mir als glaubwürdig ergeben, bin ich überzeugt, daß jene Begebenheiten weder in Betreff der Kriege, noch sonst bedeutend gewesen.

2. Denn offenbar hatte das jetzt sogenannte Hellas vormals keine bleibenden Bewohner: sondern man wechselte die Wohnsitze. Und jeder verließ ohne Schwierigkeit seine Heimath, so oft ihn irgend eine Uebermacht bedrängte. Denn da kein Handel, noch gefahrloser Verkehr weder zu Lande noch zur See stattfand, und jeder sein Grundeigentum nur, im davon zu leben, anbaute; da man ferner keinen Geldvorrath besaß, und den Boden nicht fruchtbar zu machen suchte (denn es war ja ungewiß, ob nicht ein Anderer einbräche, und bei dem Mangel an befestigten Orten plünderte); so fand das Auswandern keine Schwierigkeit, weil man auch das tägliche Bedürfnis der Nahrung wohl überall zu erringen hoffte. Daher war man weder durch große Städte, noch durch andere Einrichtungen mächtig. Am meisten aber wechselten gerade die besten Landschaften ihre Bewohner, Thessalien, wie es jetzt heißt, und Böotien und, Arkadien ausgenommen, die meisten Gegenden des Peloponneses, und was sonst sehr vorzügliches Land war. Denn wegen der Trefflichkeit des Bodens veranlaßte theils bei Einigen der Zuwachs des Vermögens verderbliche Parteizwiste, theils war man den feindlichen Planen fremder Stammesgenossen mehr ausgesetzt. Dagegen war Attika, weil es wegen der Dürftigkeit seines Bodens keine Erschütterungen erlitt, immer meist von demselben Menschenstamme Bevölkert. Und für die Behauptung, daß Griechenland wegen der Wanderungen im Uebrigen nicht gleich förmig emporkam, giebt Folgen: des einen nicht unbedeutenden Beleg. Von denen nämlich, die aus dem übrigen Hellas durch Krieg oder Parteizwist vertrieben wurden, zogen sich die Mächtigsten nach Athen, als einem sichern Aufenthalte, zurück, und, zu Bürgern aufgenommen, vermehrten sie schon von Alters her die Bevölkerung der Stadt, so, daß man später, weil Attika nicht groß genug war, nach Ionien Ansiedlungen aussendete:

3. Die geringe Macht der Alten wird auch dadurch entscheidend beurkundet, daß Hellas vor der Trojischen Unternehmung nichts gemeinsam ausführte. Auch hatte das Land, wie mir scheint, nicht einmal noch diesen Gesamtnamen: vielmehr war wohl diese Benennung in der Zeit vor Hellen, dem Sohne Denkalions, noch gar nicht vorhanden: sondern nach Volksstämmen liehen sowohl andere, als vornehmlich der Pelagische" den Landschaften ihren Namen. Als aber Hellen und seine Söhne in Phthiotis mächtig wurden, und man sie in andere Staaten zur Sühneleistung einlud; so wurden, wie mir scheint, im Verkehre die Einzelnen bereits häufiger Hellenen genannt. Doch konnte dieser Name nicht für Aue herrschend werden. Dieß beweist vorzüglich Homer. Denn wiewohl er lange sogar nach der Trojischen Zeit lebte, so hat er doch nirgends Aue insgesamt so benannt, und keine Anderen als die mit Achilles aus Phthiotis kamen, welche wirklich, auch die ersten Hellenen waren: dem Ganzen, giebt er in seinen Gedichten den Namen Danaer, Argirer, Achäer. Uebrigens hat er auch den Namen: Barbaren, nicht gebraucht, weil auch die seltenen, wie ich glaube, noch nicht unter Einem unterscheidenden Namen im Gegensatze gegen Jene begriffen wurden. Alle diese Hellenen nun, die in den einzelnen Städten eine gemeinsame Sprache hatten, so wie die später sogenannte Gesamtheit, haben vor der Trojischen Zeit aus Ohnmacht und Mangel an Verkehr nichts in Bereinigung ausgeführt. Aber auch zu jenem Heerzuge vereinigten sie sich erst, als sie bereits häufiger mit der Schifffahrt sich beschäftigten.

4. Denn Minos war der älteste Gründer einer Seemacht, von dem wir durch die Sage wissen; denn er beherrschte den größten Theil des jetzigen Hellenischen Meeres, und gebot über die Entladischen Inseln, bevölkerte auch die meisten zuerst, indem er die Karier vertrieb, und seine Söhne als Häuptlinge einsetzte: auch vernichtete er, wie leicht zu erachten, die Seeräuberei, so weit er konnte, damit ihn die Einkünfte um so eher eingingen.

5. Denn vormals widmeten sich die Hellenen, und von den Barbaren theils die Küstenbewohner des Festlandes, theils alle Besitzer der Inseln, seit sie anfingen, einander häufiger zu Schiffe zu besuchen, der Seeräuberei, wobei die Mächtigeren sowohl eigenen Gewinns wegen, als auch zum Erwerbe des Unterhalts für die Unbegüterten, ihre Anführer waren. Sie überfielen und plünderten unbefestigte und dorfähnlich bewohnte Städte, und gewannen dadurch, meist ihren Unterhalt: ohne daß diesem Gewerbe noch eine Schande anklebte; vielmehr brachte es einigen Ruhm. Dieß beweisen auch jetzt noch einige Bewohner des Festlandes, bei denen als ehrenhaft gilt, Jenes mit Geschick zu treiben; so wie die alten Dichter, die bei der Erkundung über die Landen: den überall in gleichen Sinne fragen lassen: ob sie Seeräuber sehen? in der Voraussetzung, daß die Befragten dieß Gewerbe nicht für entehrend halten, noch die Kundesuchen: den es ihnen zum Vorwurf machen. Auch auf dem Festlande trieb man gegenseitig Räuberei: und bis heute haben noch, manche Gegenden von Hellas Bewohner von der alten Lebensart, zum Beispiele die Ozolischen Lokrer, Aetolier und Akarnaner, und die in dem dortigen Festlande wohnen. Auch das Waffentragen haben die Einwohner dieser Gegen: den aus der alten Raubzeit beibehalten.

6. Denn wegen der unbefestigten Wohnplätze und der Unsicherheit des Reiseverkehrs ging ganz Hellas bewaffnet: und dieß war die gewöhnliche Tracht bei den täglichen Verrichtungen, wie bei den Barbaren. Die genannten Gegenden von Hellas, deren Bewohner noch jetzt diese Sitte haben, beweisen die frühere Allgemeinheit jener Lebensart. Die Athener aber waren mit unter den Ersten, welche die Waffen ablegten, und, der rauhen Lebensweise entsagend, zu einem gewissen Grade von Üppigkeit übergingen. Und es ist dort noch nicht lange her, seit die Bejahrten unter den Wohlhabenden aufhörten, aus Weichlichkeit linnene Unterkleider zu tragen, und das Gefleckte der Scheitelhaare durch angebrachte goldne Zikaden zu befestigen: daher hat sich auch wegen der Stammesverwandtschaft jene Tracht unter den Ioniern bei ältern Männern lange behauptet. Schlichter einfacher Kleidung hingegen nach der jetzigen Weise bedienten sich zuerst die Lacedämonier; und auch sonst haben dort die Reicheren meist gleiche Lebensweise mit dem Volke angenommen. Sie waren auch die ersten, die sich bei den Leibesübungen entkleideten, und öffentlich die Gewänder ablegten, und sich mit Öle salbten. Ursprünglich, hatten die Wettkämpfer bei dem Olympischen Kampfspiele Gürtel um die Geschlechtstheile: was erst seit wenigen Jahren aufgehört hat. Bei einigen Barbaren, besonders Asiaten, werden noch jetzt Wett: spiele im Faust- und Ringkampfe gegeben, wobei die Teilnehmer geschürzt sind. Es ließen sich wohl auch sonst noch manche Ähnlichkeiten der Gebräuche des alten Hellenenvolks und der jetzigen Barbaren nachweisen.

7. Alle in der neuern Zeit und nach Erweiterung des Schifffahrt gegründeten Städte wurden, da man wohlhabender war, auf den Ufern selbst mit Festungswerken angelegt, und auf Landengen gebaut, theils des Handels wegen, theils zur Sicherung gegen die Nachbarn. Die ältern Städte hingegen waren, sowohl auf den Inseln als auf dem Festlande, wegen der lange anhaltenden Räuberei entfernter von der See angelegt worden. Denn sie trieben Raub, gegen einander und gegen alle, die, ohne Seeleute zu sein, an der Küste wohnten ; und jene sind noch jetzt landeinwärts gebaut.

8. Nicht minder waren auch die Inselbewohner, aus Karischem und Phönizischem Stamme, Seeräuber: denn diese Stämme hatten die meisten Inseln bevölkert. Ein Beweis ist Folgendes: Als Delos durch, die Athener in diesem Kriege gereinigt wurde, so ergab sich bei der Wegschaffung der Särge auf der Insel, daß die Toten über die Hälfte Karier waren: man erkannte sie an der mitbegrabenen Waffenrüstung und ihrer noch jetzt üblichen Bestattungsweise. Als nun die Seemacht des Minos emporkam, wurde der Schifffahrtsverkehr dadurch befördert: denn jene schädlichen Inselbewohner wurden durch ihn vertrieben und zugleich die meisten der Inseln mit Ansiedlern besetzt. Und die Anwohner des Meeres, welche nun schon sich größeres Vermögen erwarben, erhielten auch festere Wohnsitze: einige, weil sie reicher als früher geworden waren, umgaben sich auch mit schirmenden Mauern; denn aus Gewinnsucht ließen sich die Schwächen die Unterjochung durch Mächtigere gefallen, und die Stärkeren machten, weil sie mehr Vermögen hatten, die geringeren Städte sich unterwürfig. In diesem Zustand hatten sich die Griechen schon mehr befestigt, als sie in der Folge Den Meereszug gegen Troja unternahmen.

9. Agamemnon scheint mir, nicht sowohl als Anführer von Helena's Freiern, die ein Schwur dem Tyndareus verpflichtete, sondern durch das Uebergewicht seiner Macht über feine Zeitgenossen jenen Seezug zu Stande gebracht zu haben. Denn es erzählen diejenigen Peloponnesischer, welche die zuverlässigste Kunde durch Überlieferung von den Vorfahren erhalten haben: Pelops habe zuerst durch die vielen Schätze, die er ans Asien zu mittellosen Leuten mitgebracht, sich Macht erworben, und daher, wiewohl er nur Einwanderer war, dem Lande den Namen gegeben: noch größern Erfolg haben feine Nachkommen gehabt. Denn Eurystheus war in Attika durch die Herakliden geraten, und hatte den Atreus, seiner Mutter Bruder, als er zu Felde zog, Mycenä und die Regierung, der Verwandtschaft wegen, anvertraut: dieser aber hatte sich gerade wegen Chrysippus Ermordung vor seinem Vater geflüchtet. Als nun Eurystheus nicht mehr heimkehrte, so soll Atreus mit Genehmigung der Mycenäer, weil man sich vor den Herakliden fürchtete, und er für mächtig galt, und dem Volke geschmeichelt hatte, die fürstliche Herrschaft über Mycenä und das ganze Gebiet des Eurystheus erhalten haben und so sehen die Pelopiden mächtiger als Perseus Abkömmlinge geworden. Da diese Macht auf Agamemnon überging, und er zugleich durch die Seemacht den Andern überlegen war, so brachte er, wie mir dünkt, nicht sowohl durch Gunst, als durch Furcht das Meer zu jenem Zuge zusammen. Denn es findet sich, daß Ausgenommen nicht allein selbst die größte Zahl Schiffe mit sich führte, sondern auch den Arkadiern welche wie überließ, wie Sumer bezeugt, wofern dieser ein tüchtiger Gewährsmann ist. Und da, wo er die Vererbung des Scepters beschreibt, sagt er:

"Vieler Inseln war Er und des sämtlichen Argos Gebieter.“ Er würde jedoch als Bewohner des Festlandes die Inseln mit Ausnahme der nächstgelegenen, deren Zahl wohl sehr klein war, nicht sich unterworfen haben, hätte er nicht auch einige Seemacht gehabt. Man darf aber auch aus jenem Heerzuge auf den frühern Zustand schließen.

10. Wenn übrigens Mycenä eine kleine Stadt war, und manche der damaligen Ortschaften jetzt für unbedeutend gilt, so ist dieß kein entscheidender Beweis gegen die Annahme, daß jene See- Unternehmung so groß gewesen, als die Dichter angeben, und die herrschende Sage behauptet. Denn die Stadt der Lacedämonier würde einmal verödet, und es blieben die Tempel und der Grund und Boden der Anlage allein übrig; so würden, wie ich glaube, nach geraumer Zeit, bei den Nachkommen große Zweifel sich erheben, ob ihre Macht dem Rufe entsprochen habe. Und doch besitzen sie zwei Fünftheile des Peloponnes, und haben die Oberleitung des Ganzen und vieler auswärtigen Bundesgenossen: allein da die Stadt nicht zusammengebaut ist, und keine kostbaren Tempel und Anlagen hat, sondern nach althellenischer Weise dorfartig eingerichtet ist; so dürfte sie ziemlich armselig erscheinen, Sollte aber die Athener das nämliche Schicksal treffen, so würde man aus dem äußern Ansehen der Stadt schließen, sie sei doppelt so mächtig gewesen, als sie wirklich ist. Man hat also keinen Grund, ungläubig zu sein, und die Städte mehr nach ihrem Aussehen, als nach ihrer Macht zu beurtheilen: vielmehr darf man mit

Grund annehmen, daß jenes Kriegsheer größer als alle früheren war, jedoch den neueren nicht gleich kam. Denn wenn man auch in dieser Hinsicht Homers Gedichten einigen Glauben schenken darf, obwohl er als Dichter wahrscheinlich verschönernd in's Größere gemalt hat, so erscheint doch jenes Heer auch so noch minder bedeutend. Denn er zählt zwölfhundert Schiffe: den Böotischen giebt er hundert und zwanzig Mann, denen des Philoctetes fünfzig: womit er die größten und kleinsten andeuten will: wenigstens erwähnt die Schiffsliste nichts von der Größe der übrigen. Ferner gibt er zu verstehen, daß Alle auf des Philoctetes Schiffen bewaffnete Ruderer und Streiter waren: denn die Ruderer macht er alle zu Bogenschüben. Die außerordentliche Bemannung aber war ohne Zweifel klein, außer den Königen und höchsten Kriegsbeamten, zumal da man auch Kriegsgeräthe überzusetzen hatte, und die Schiffe ohne Verdeck vielmehr nach alter Weise wie Raubschiffe gebaut waren. Nimmt man also das Mittel zwischen den größten und kleinsten Schiffen, so zeigt sich, daß für eine gemeinsame Ausrüstung aus ganz Hellas das vereinte Heer nicht groß war.

11. Daran aber war nicht sowohl die geringe Bevölkerung, als der Mangel an Geldmitteln Schuld. Wegen der Schwierigkeit der Unterhaltung nahm man ein minder großes Heer mit, und nur so viele Menschen, als man bei dem Kriege in der dortigen Gegend erhalten zu können hoffte. Als sie nun nach der Landung ein Treffen gewonnen hatten, was daraus erhellt, weil sie sonst ihr Lager nicht hätten verschanzen können; so gebrauchten sie auch da nicht ihre ganze Heeresmacht, sondern sie beschäftigten sich aus Mangel an Lebensmitteln mit Ackerbau auf dem Chersonnes, und mit Räuberei. Bei dieser Zersplitterung ihrer Macht vermochten auch die Trojer ihnen sehen Jahre lang zu widerstehen, da sie den jedesmal Zurückgebliebenen gewachsen waren. Hätten sie hinlänglichen Mundvorrat mitgebracht, und den Krieg mit gesammter Macht, ohne Plünderungszüge und Feldbau, unausgesetzt fortgeführt, so würden sie durch eine gewonnene Schlacht leicht die Eroberung bewerkstelligt haben, da sie ja auch ohne die Gesamtkräfte, mit dem Theile, der jedesmal gerade bei der Hand war, sich gegen den Feind behaupteten: oder sie würden durch, eine Einschließung und Belagerung Troja in kürzerer Frist und mit geringerer Mühe genommen haben. Aber wegen des Geldmangels war nicht allein ihre Macht vor dieser Zeit gering, sondern selbst diese Unternehmung, welche doch berühmter als alle früheren wurde, scheint in der Wirklichkeit minder bedeutend, als sie der Ruf darstellt und die Sage, die sich unter und durch die Dichter darüber erhalten hat.

12. Und, nach dem Trojanischen Kriege wechselte Hellas seine Bewohner durch Wanderungen, so daß es wegen des ruhelosen Zustandes nicht emporkommen konnte. Denn weil die Rückkehr der Hellenen von Ilium sich verzog, so wurden dadurch manche Veränderungen und in den Städten meist Parteizwiste veranlaßt, wodurch Einige zur Auswanderung genöthigt wurden, und Städte gründeten. So wurden die heutigen Böotier sechzig Jahre nach Trojas Eroberung durch die Thessalier aus Arie vertrieben, und besetzten das Land, das jetzt Böotien heißt, und früher das Kadmeische Land genannt wurde. Eine Abtheilung derselben hatte schon früher in diesem Lande gewohnt, und war zuin Theil mit gegen Ilium gezogen. Die Dorier aber besetzten, achtzig Jahre nach dem Trojanischen Kriege, den Peloponnes in Verbindung mit den Herakliden. So gelangte Hellas nur mit Mühe und spät zu festem Ruhestande, und hörte auf, Umwälzungen zu erleiden, und konnte nun Pflanzvölker aussenden. Die Athener schickten die Ionier und die meisten Inselbewohner als Ansiedler aus: die Peloponnesier aber besetzten den größten Theil von Sicilien und Italien, und einige Gegenden des übrigen Hellas. Alle diese Stiftungen waren später als der Trojanische Krieg.

13. Als aber Hellas mächtiger wurde und zu mehr Wohle stand denn früher gelangte, so kamen mit Vermehrung der Einkünfte in manchen Städten Zwingherrschaften auf, wo zuvor Erbfürstentümer mit bestimmten Vorrechten gewesen waren. Auch gründete sich Hellas eine Seemacht, und man widmete sich mehr der Schifffahrt. Die Korinther rollen die ersten gewesen sein, welche den Schiffbau so umschufen, daß er der jetzigen Weise nahe kam: zu Korinth rollen die ersten Dreiräder in Hellas gebaut worden sein. Und es findet sich, daß Aminokles, ein Korinthischer Schiffsbaumeister, den Samiern vier Schiffe verfertigte. Nun sind es bis zum Ende des gegenwärtigen Krieges ungefähr dreihundert Jahre, seit Aminokles zu den Samiern kam. Die älteste bekannte Seeschlacht ereignete sich zwischen den Korinthern und Korcycäern: es sind aber von da bis auf denselben Zeitpunkt etwa zweihundert und sechzig Jahre. Denn da die von den Korinthern bewohnte Stadt sich auf einer Landenge beftudet, so hatten sie von jeher einen Handelsplatz, indem die Hellenen sowohl innerhalb als außerhalb des Peloponneses von Altersher mehr zu Lande, als zur See durch ihr Gebiet mit einander Verkehr trieben; und sie waren durch Reichthum mächtig, wie dieß auch die alten Dichter bezeugen: denn sie gaben diesem Platz den Beinamen: der reiche. Und als die Hellenen mit der See vertrauter wurden, so vernichteten sie eben durch Errichtung jener Seemacht die Räuberei, und machten jene Stadt zum Stapelplatz für beide Meere und durch Geldeinkünfte mächtig. Auch die Ionier hatten später eine zahlreiche Seemacht, zur Zeit des Syrus, des ersten Königs der Perser, und seines Sohnes Kambyses: und waren eine Zeitlang im Kriege mit Cyrus Meister des Meeres an ihrer Küste. Auch Polykrates, der Gewaltherrscher von Samos zur Zeit des Kambyses, hatte eine starke Seemacht, und unterwarf sich Rhenna neben andern Inseln, und weihete jene dem Delischen Apoll. Die Photäer aber, welche die Pflanzstadt Massilia gründeten, gewannen ein Seetreffen gegen die Karthager.

14. Dieß waren nämlich die bedeutendsten Seemächte. Aber obwohl sie viele Menschenalter nach dem Trojanischen Kriege entstanden, hatten unläugbar noch wenige Schiffe mit drei Ruderbänken, sondern waren noch mit Fahr: zeugen zu fünfzig Rudern, und mit langen Schiffen, wie damals, versehen. Aber kurz vor den Perserkriegen und dem Tode des Darius, der nach Kambyses König der Perser war, hatten die Tyrannen in Sicilien und die Korcycäer eine Menge dreirädriger Kriegsschiffe: denn dieß waren unmittelbar vor dem Heerzuge des Xerxes die bedeutenden Seemächte in Hellas. Denn die Aegineten und Athener, und vielleicht noch einige andere Völkerschaften, besaßen kleine Flotten, und zwar meist von Fünfzigrudern: und als auf Themistokles Rath die Athener im Kriege mit den Angineten, und zugleich, wegen des erwarteten Angriffs der Barbaren, sich lange nachher Schiffe bauten, mit welchen sie die Seeschlachten lieferten, so hatten auch diese noch keine vollständigen Verdecke.

15. So war das Seewesen der Hellenen, sowohl in der ältern, als in der spätern Zeit beschaffen. Doch erwarben sich die, welche sich, demselben widmeten, keine unbedeutende Macht durch Geld-Einkünfte und durch, Herrschaft über Andere. Denn es griffen vornehmlich diejenigen, deren Land für ihre Bedürfnisse nicht hinreichte, die Inseln an und eroberten sie. Zu Lande aber gab es keinen Krieg, wodurch eine Verwehrung der Macht erfolgt wäre: indem alle Kriege, so viele deren geführt wurden, jedesmal blos die Grenznachbarn betrafen. Auswärtige Eroberungszüge, ferne von ihrer Heimath, unternahmen die Hellenen nicht. Denn mit den größern Staaten hatten sich die andern noch nicht im Verhältniß der Abhängigkeit vereinigt; auch veranstalteten sie nicht unter gleichen Rechten gemeinsame Heerzüge: sondern es führten mehr die Einzelnen Nachbarschaftskriege gegen einander; nur bei dem alten Kriege der Chalcidier und Eretrier nahm auch das übrige Hellenen-Volk auf beiden Seiten Partei.

16. Es traten aber da und dort verschiedene Hindernisse der Machtvergrößerung ein: so zog gegen die Ionier, deren Macht schon weit gediehen war, Syrus und die Persische Königsmacht, nachdem sie den Krösus und alles fand diesseits des Halysflusses bis ans Meer bezwungen, und unterjochten die Städte des Festlandes, so wie später Darius, dem die Phönicische Seemacht das Uebergewicht verlieh, auch die Inseln eroberte.

17. Die Gewaltherrscher aber, so viele deren in den Hellenischen Städten waren, sahen blos auf ihren Vortheil, und verwalteten die Staaten vornehmlich zur Erhebung ihrer Person und ihres Hauses nach dem Grundsatze der Sicherheit, so weit sie konnten. Von ihrer Seite wurde keine bedeutende Unternehmung ausgeführt, außer was jeder gegen feine Nachbarn that. Denn (nur) die Sicilisden Gewalthaber gelangten zu sehr großer Macht. So ward Hellas von allen Seiten her lange niedergehalten, daß es weder gemeinsam eine glänzende Unternehmung vollführte, noch im Einzelnen die Staaten etwas wagen mochten.

18. Die Tyrannen in Athen und, mit Ausnahme Siciliens, in dem übrigen Hellenen-Lande, welches vormals meist Gewaltherrscher gehabt hatte, waren endlich größtentheils durch die Lacedämonier gestürzt worden. Denn Lacedämon, wiewohl es seit der Besitznahme durch die jetzt daselbst wohnenden Dorier sehr lange Zeit, so weit unsre Stunde reicht, durch Parteizwist beunruhigt war, genoß doch von Altersher einer guten Verfassung, und blieb stets ohne Zwingherrschaft: denn es sind ungefähr etwas mehr als vierhundert Jahre bis zum Ende des gegenwärtigen Kriegs, seit die Lacedänonier dieselbe Verfassung haben: wodurch sie auch zur Macht und zum Einfluß auf die Einrichtungen anderer Staaten gelangten. Nach jenen Sturze der Tyrannen ereignete sich wenige Jahre später die Schlacht der Perser gegen die Athener bei Marathon. Zehn Jahre nach derselben kamen die Barbaren abermal mit jenem gewaltigen Heereszuge gegen Griechenland, um es zu unterjochen. Als nur diese große Gefahr über dem Haupte der Hellenen schwebte, so leiteten ihren Kriegsbund die an Macht hervorragenden Lacedämonier: die Athener aber entschlossen sich beim Einbruche der Perser, ihre Stadt zu verlassen, sammelten ihre bewegliche Habe, und bestiegen damit die Schiffe, und wurden Seemänner. Nachdem sie sodann die Barbaren mit vereinter Kraft zurückgetrieben, theilten sich nicht lange nachher die vom Perserkönige abgefallenen Griechen und die zum Kriege Verbündeten in zwei Parteien, eine Athenische und eine Lacedämonische. Denn diese Staaten waren durch ihre Macht am meisten ausgezeichnet: jene waren zur See, diese zu lande stark. Und noch dauerte zwar das Waffenbündnis eine Zeitlang. Bald aber entzweiten sich die Lacedämonier und Athener, und geriethen nebst ihren Bundesgenossen in Krieg unter sich; und wo sonst noch Hellenische Staaten gegen einander im Zwiste waren, schlossen sie sich bereits an diese an. Daher hatten sie seit dem Persischen Kriege bis auf den gegenwärtigen, wo sie bald im Waffenstillstande, bald im Stampfe unter sich und mit den abgefallenen Bundesgenossen waren, eine treffliche Uebung im Kriegswesen, und wurden, unter Gefahren ausgebildet, immer gewandter.

19. Die Lacedämonier nun führten ihr Vorsteher-Amt, ohne ihre Bundesgenossen einer Steuer zu unterwerfen, und waren nur darauf bedacht, daß diese, der Lacedämonischen Staatsrücksicht gemäß, ihre Verfassung so einrichteten, daß Wenige herrschten: die Athener aber so, daß sie mit der Zeit die Schiffe der Staaten, mit Ausnahme der Chier und Lesbier, an sich zogen, und Allen eine Geldabgabe auflegten. Und ihre eigene Rüstung auf diesen Krieg war größer, als selbst zu jener Zeit, wo sie bei ungeschmälerter Bundesgenossenschaft in der höchsten Blüthe der Macht standen.

20. So fand ich den Zustand des Alterthums: wobei es schwer ist, jedem der Reihe nach sich darbietenden Beweisgrunde zu glauben. Die Menschen freilich nehmen die Sagen über die Ereignisse der Vergangenheit, selbst wenn diese einheimisch sind, ohne Unterschied und ungeprüft von einander an. So glauben die meisten Athener, Hipparch sei als Tyrann von der Harmodius und Aristogiton getödtet worden ; und sie wissen nicht, daß Hippias, als der älteste unter Pisistratus Söhnen, die Herrschaft besaß, und das Hipparch und Thessalus seine Brüder waren. Weil aber Harmodius und Aristogiton den Verdacht faßten, die Sache sei an jenem Tage und im bestimmten Augenblicke dem Hippias verrathen worden; so wagten sie sich nicht an ihn, da sie ihn vorher unterrichtet glaubten, wollten jedoch vor ihrer Festnehmung etwas thun und wagen; und da sie den Hippard, bei dem sogenannten Leokorion trafen, wie er den Festzug der Panathenäen ordnete, so ermordeten sie ihn. So haben auch andere Griechen von manchem Andern, was noch besteht, und nicht durch die Zeit in Vergessenheit gebracht ist, unrichtige Vorstellungen: wie die ist, daß die Lacedämonischen Könige jeder nicht Eine Stimme, sondern zwei abzugeben haben, und daß es dort eine Aitanatisdie Kriegsschaar gebe, die nie vorhanden war. So wenig Mühe macht den Meistert die Erforschung der Wahrheit, und sie nehmen lieber das Nächste Beste an.

21. Doch man wird nach den angegebenen Gründen wohl nicht irren, wenn man das Alterthum so, wie ich es entwickelt habe, ansieht, und nicht die Lobpreisungen der Dichter, welche die Sache vergrößernd ausschmückten, glaubwürdiger findet, noch die Zusammenstellungen der Sagenschreiber, die mehr für anziehenden Vortrag, als nach der Wahrheit verfaßt, unerweislich und meist durch die Länge der Zeit in unglaubhafte Fabeln übergegangen sind; wenn man vielmehr annimmt, daß der Erfund meiner Forschungen nach den wahrscheinlichsten Gründen, für so alterthümliche Dinge zureichend sei. Wiewohl nun die Menschen einen Krieg, dessen Theilnehmer sie sind, so lang er dauert, stets für den wichtigsten halten, wenn er aber zu Ende ist, das Arte mehr bewundern; so wird doch der jetzige Krieg, bei Erwägung der Thatsachen selbst, seine Wichtigkeit vor den früheren bewähren.

22. Was nun die Reden betrifft, welche da und dort, als man im Begriffe war, den Krieg zu beginnen, oder während desselben gehalten wurden, so wäre es für mich als Ohrenzeugen, und für die, welche mit anderswoher solche hinterbrachten, schwer gewesen, die Ausdrücke in der ursprünglichen Gestalt und mit Genauigkeit zu behalten: doch sind sie von mir so wiedergegeben, wie ich glaubte, daß Jeder unter den vorliegenden Umständen am passendsten geredet haben würde, wobei ich mich so nahe, wie möglich, an den Gesamt-Sinn des wirklichen Vortrags hielt. Den Thatbestand der Kriegsereignisse wollte ich nicht nach einer Erkundung bei dem Ersten Besten, noch nach meiner besondern Anficht aufzeichnen, sondern ich stellte das Einzelne bar, theils wie ich es als Augenzeuge kannte, theils nach möglichst genauer Erforschung von Andern. Es kostete aber Mühe, die Wahrheit herauszufinden, weil die Zuschauer der Begebenheiten in ihren Berichten über dieselben Thatsachen nicht übereinstimmten, sondern so sprachen, wie einer dieser oder jener Partei günstig oder der Erinnerung mächtig war. Die Entfernung vom Märchenhaften in diesen Nachrichten wird dem Ohre vielleicht minder anziehend erscheinen: mir aber wird es genügen, wenn, wer irgend das Zuverlässige über die Vergangenheit sowohl, als über das, was nach dem Laufe der menschlichen Dinge einst wieder auf gleiche oder ähnliche Weise sich ereignen wird, zu erforschen wünscht, dieses Werk für nützlich achtet. Auch ist es mehr zum Besitzthum für alle Zeiten, als zum Redeprunkstück für den Augenblick zusammengestellt.

23. Unter den frühern Begebenheiten war der Perser: krieg die bedeutendste: und doch wurde er durch zwei See- und Land-Schlachten schnell entschieden. Der gegenwärtige Krieg aber hat sich weit in die Länge gezogen, und Hellas erlitt in demselben Unfälle, wie nie in gleichen Zeitraume. Denn nie wurden so viele Städte erobert und verödet, theils durch Barbaren, theils durch die Kriegführenden selbst: einige wechselten auch nach der Eroberung ihre Bewohner ; nie hatten so viele die Heimath verlassen müßen: noch, war je der Menschenverlust, theils wegen des Kriegs selbst, theils wegen der Parteiwuth so groß gewesen. Dinge, die man früher vom Hörensagen kannte, aber sehr selten in der Wirklichkeit er: fuhr, wurden nunmehr glaubwürdig: so die Beschaffenheit der Erdbeben, welche einen sehr großen Theil der Erde zugleich und zwar mit großer Heftigkeit trafen. Auch Sonnenfinsternisse traten häufiger, als man aus frühern Zeiten sich erinnerte, ein: und an einigen Gegenden große Dürre, und durch sie Hungersnoth: endlich die so verderbliche pestartige Seuche, die einen Theil der Bevölkerung hinraffte. Alle diese Plagen kamen im Gefolge dieses Krieges. Es begannen ihn aber die Athener und Peloponnester nach Aufhebung des dreißigjährigen Waffenstillstandes, welchen sie nach der Einnahme von Euböa geschlossen hatten. Damit man jedoch nicht dereinst fragen müße, warum ein so gewaltiger Krieg unter den Hellenen entstand, so beschreibe ich zuvörderst die Ursachen des Bruchs jenes Vertrags und ihre Streitpunkte. Als die eigentliche Ursache, die aber in den Reden am wenigsten hervortrat, betrachte ich die Vergrößerung der Athenischen Macht, welche den Lacedämoniern Furcht einflößte, und sie zum Kriege bestimmte. Die öffentlich, angegebenen Gründe, warum sie den Waffenstillstand aufhoben, und in Kriegszustand traten, waren auf beiden Seiten folgende.

24. Epidamnus1 ist eine Stadt, rechts an der Einfahrt in den Ionischen Meerbusen gelegen: es wohnen in der Nähe Taulantische Barbaren, Illyrischer Abkunft. Diese Pflanzstadt gründeten Korcycäer; der Stifter aber war Phalius, Sohn des Eratoklides, aus Korinthischem Geschlechte, vom Stamme des Herkules, nach alter Sitte aus der Mutterstadt (Korinth) dazu berufen. An dieser Niederlassung nahmen auch einige Korinther und andere vom Dorischen Stamme Theil. Im Verfolge der Zeiten wurde die Stadt der Epidamnier groß und volkreich. Nachdem sie aber viele Jahre hindurch unter sich Parteizwiste gehabt, so litten sie, wie man erzählt, durch einen Krieg mit den angränzenden Bars baren großen Verlust, und wurden eines bedeutenden Theils ihrer Macht beraubt. In der letzten Zeit vor dem gegenwärtigen Kriege verjagte die Volkspartei die Machthaber. Die Verbannten trieben nun in Verbindung mit den Bars baren gegen die Stadtbewohner zu Land und zur See Räuberei. Dadurch bedrängt, schickten die in der Stadt befindlichen Epidamnier Gesandte nach Corcyra, als dem Mutterstaate, und baten, dieser möchte ihrem Untergange nicht gleichgültig zusehen, sondern die Vertriebenen mit ihnen aussöhnen, und dem Kriege mit den Barbaren ein Ende machen. Dieß baten sie, indem sie nach der Weise von Flehens den im Here-Tempel sich niedersetzten. Die Korcycäer aber schenkten diesem Gesuche Pein Gehör, und entließen sie ohne Erfolg.

25. Als nun die Epidamnier sich überzeugten, daß sie von Corcyra keine Hülfe zu erwarten haben, so waren sie verlegen, wie sie sich aus der Sache ziehen sollten. Sie sandten nach Delphi und befragten den Gott, ob sie ihre Stadt den Korinthern, als deren Stiftern, übergeben und versuchen sollten, sich von diesen eine Hülfe zu verschaffen. Der Gott ertheilte den Spruch: sie sollten die Stadt den Korinthern übergeben, und sie zu Anführern nehmen. Die Epidamnier wandten sich nun an Korinth, und unterwarfen ihre Pflanzstadt gemäß dem Götterspruche, indem sie auf diesen sich beriefen, und nachwiesen, daß ihr Stifter aus Korinth gewesen: zugleich, baten sie, man möchte sie dem Untergange nicht preisgeben, sondern ihnen Schutz gewähren. Die Korinther übernahmen, dem Rechte gemäß, die Hülfleistung, in der Ueberzeugung, daß es eben sowohl ihre als der Korcycäer Pflanzstadt sei, zugleich aber auch aus Haß gegen die Korcycäer, weil diese, unerachtet sie eine Korinthische Niederlassung waren, doch die Korinther vernachlässigt hatten. Denn sie gestatteten diesen weder bei allgemeinen Volksfesten die herkömmlichen Auszeichnungen, noch ließen sie, wie andere Pflanzorte, bei den Opferhandlungen den Vorrang einem Korinther, sondern behandelten Korinth mit Geringschätzung, da sie sich an Reichthum damals den wohlhabendsten Hellenischen Staaten gleichstellen konnten, und an Kriegsmacht noch stärker waren. Sie rühmten sich ferner zuweilen eines großen Vorzugs im Seewesen, auch darum, weil die Phäaken, diese berühmten Seeleute, ehemals Corcyra bewohnt hatten; daher rüsteten sie auch um so mehr ihre Flotte, und besaßen darin keine geringe Macht. Denn sie hatten beim Anfange des Kriegs hundert und zwanzig dreiruderige Schiffe.

26. Da nun die Korinther in allen diesen Rücksichten Grund zu Beschwerden hatten, so sandten sie gerne Hülfe nach Epidamnus, und erließen eine Aufforderung, daß, wer da wolle, als Ansiedler hinziehen könne, und schickten eine Besatzung von eigener Mannschaft, wie auch von Ambrakioten und Leukadiern hin. Diese zogen aber auf dem Landwege über Apollonia, eine Korinthische Pflanzstadt, aus Besorgniß, von den Korcycäern bei der Ueberfahrt zur See beunruhigt zu werden. Als diese vernahmen, daß diese Ansiedler und Beratungstruppen nach Epidamnus gekommen seyen, und diese Colonie sich in den Schutz der Korinther begeben habe; so wurden sie sehr ungehalten, und ließen sogleich fünf und zwanzig Schiffe, und später noch ein anderes Geschwader auslaufen, und forderten sie in feindlich drohendem Tone auf, die Verbannten wieder aufzunehmen, und die von den Korinthern geschickte Besabung nebst den Ansiedlern zu entlassen. Denn jene Vertriebenen hatten sich an Corcyra gewendet, und mit Hinweisung auf die Gräber der Ihrigen, und wegen ihrer Stammesverwandtschaft gefleht, man möchte ihren Rücktritt in die Heimath bewirken. Die Epidamnier aber achteten ihrer nicht. Die Koreyräer, in Verbindung mit den Vertriebenen, bekriegten sie also mit vierzig Schiffen, um diese wieder einzusetzen, und nahmen auch die Illyrier dazu. Sie lagerten sich nun vor der Stadt, und machten bekannt: jeder Epidamnier, der Lust hätte, so wie die Fremden, könnten ungekränkt abziehen: wo nicht, so würde man sie als Feinde behandeln. Als sie nicht nachgaben, so belagerten die Korcycäer die auf einer Landenge gelegene Stadt.

27. Als nun Boten von Epidamnus mit der Nachricht, daß es belagert werde, zu den Korinthern kamen, so rüsteten diese einen Heereszug: und verkündeten zugleich die Aufnahme von Ansiedlern in Epidamnus unter der Bedingung der Rechtsgleichheit für jeden, der hinziehen wolle, wer aber für jetzt nicht mitschiffen, und doch an der Niederlassung Theil haben wolle, könne zurückbleiben, wenn er fünfzig Korinthische Drachmen erlege. Es fanden sich viele, die mitschifften, und viele, die das Geld bezahlten. Sie foderten auch die Megareer auf, sie mit ihren Schiffen zu geleiten, wenn die Sorcyräer ihre Fahrt stören sollten. Diese rüsteten sich, mit acht Schiffen an die Flotte sich anzuschließen, und die Paleer aus Kephallenia mit vieren. Sie wendeten sich auch an die Epidanrier, die fünfe lieferten; die Hermios neer gaben eines, die Trözenier zwei; die Leukadier zehens die Ambratieten acht. Die Thebaner und Phliasier baten sie um Geld, die Eleer um unbemannte Schiffe und Geld. Von den Korinthern selbst wurden dreißig Schiffe und dreitausend Schwerbewaffnete ausgerüstet.

28. Als nun die Korcycäer von dieser Rüstung hörten, so gingen sie nebst Sicyonischen und Lacedämonischen Gesandten, die sie mitnahmen, nach Korinth; und verlangten, die Korinther rollten ihre Besatzung und Ansiedler von Epidanınus wegziehen, da sie kein Recht an dieser Stadt hätten würden sie das Gegentheil behaupten, so erklärten sie, die Sache der rechtlichen Entscheidung der Städte im Peloponnes, welche sie gemeinschaftlich zu bestimmen hätten, übers lassen zu wollen; und welchem Theile die Pflanzstadt zugesprochen würde, der sollte sie als Eigenthum haben. Auch erboten sie sich, dem Orakel zu Delphi die Sache anheimzustellen; den Krieg hingegen missrieten sie. Nähme man dieß nicht an, so erklärten sie, sie würden durch die Korinther selbst genöthigt werden, sich ihres Vortheils wegen lieber die Freundschaft anderer Staaten, als bisher, zu verschaffen, die jenen nicht angenehm sein würden. Die Korinther aber erwiderten: wenn jene die Schiffe und die Barbaren von Epidamnus wegziehen ließen, so würden sie sich bedenken. Bevor dieß geschähe, wäre es ungeziemend, wenn sie die Sache gerichtlich verhandelten, während jene belagert würden. Die Korcycäer fagten dagegen, sie wollen sich dieß gefallen lassen, wenn auch die Korinther die Mannschaft in Epidamnus zurückzögen; auch seien sie bereit, unter der Bedingung, daß beide Theile in ihrer Stellung bleiben, einen Waffenstillstand zu schließen, bis der Spruch erfolgt sei.

29. Die Korinther aber wollten sich in keinen dieser Anträge fügen, sondern schickten, als ihre Schiffe bemannt, und die Bundesgenossen angekommen waren, einen Herold voraus, um den Korcycäern den Krieg anzukündigen: dann brachen sie mit zweitausend Schwerbewaffneten und fünf und siebzig Schiffen auf, und regelten nach Epidamnus, um die Korcycäer zu bekriegen. Anführer der Schiffe war Aristeus, Sohn des Pelichas, Kauitrates, Sohn des Kalias, unb Timanor, Sohn des Timanthes: die Landmacht befehligte Ardyetimus, der Sohn des Eurytimus, und Sfarchidas, Sohn des Isarhus. Als sie bei Actium im Anaktorischen Gebiete angekommen waren, an der Mündung des Ambrakischea Meerbusens, wo der Tempel des Apollo steht; so sandten ihnen die Korcycäer in einem Boote eigen Herold entgegen, um sie von dem feindlichen Vorrücken abzumachen. Zugleich bemannten sie ihre Schiffe, und besserten die alten aus, daß sie zur See brauchbar würden, und rüsteten auch die übrigen aus. Da nun der Herold von den Korinthern keine friedliche Antwort brachte, und ihre Schiffe, achtzig au der Zahl, bemannt waren (denn vierzig umlagerten Epidamnus), so liefen sie gegen den Feind auch stellten sich in Schlachtordnung und lieferten ein Seetreffen. Die Korcycäer gewannen einen entscheidenden Sieg, und vernichteten fünfzehn Schiffe der Korinther. An demselben Zage hatten die Belagerer das Glück, Epidamnus zur Uebergabe zu nöthigen und zu beleben, unter der Bedingung, daß die fremden Ansiedler verkauft, die Korinthischen aber bis auf weiteren Beschluß in Gewahrsam behalten würden.

30. Nach der Seeschlacht errichteten die Korcycäer ein Siegerzeiten auf Leukimme, einem Vorgebirge Corcyra's: und tödteten die übrigen Gefangenen, die in ihre Hände gefallen waren, nur 'die Korinther behielten sie in Banden. Nachher aber, als die zur See geschlagenen Korinther und ihre Bundesgenossen sich in ihre Heimath zurückgezogen hatten, blieben die Korcycäer Meister über jene ganze Meeresgegend und schifften nach Leucas, einer Korinthischen Niederlassung, verheerten einen Theil des Gebiets, und verbrannten Tyllene, das Schiffswerft der Eleer, weil diese den Korinthern Schiffe und Geld geliefert hatten. Sie behaupteten geraume Zeit nach der Seeschlacht ihr Uebergewicht zur See, kreuzten umher und beschädigten die Korinthischen Bundesgenossen hart, bis die Korinther wegen der Bedrängniß ihrer Bundesgenossen am Ende des Sommers Schiffe und ein Heer ausschickten, und eine Stellung bei Actium nahmen, und bei Chimerium im Thesproterlande, um Leukas und andere ihnen befreundete Städte zu decken. Dagegen stellten sich auch die Korcycäer bei Leutimme mit ihrer Flotte und Landmacht auf. Doch griffen sie einander zur See nicht an, sondern beobachteten sich, diesen Sommer hindurch, und beide Theile zogen sich hierauf im Winter in die Heimath zurück.

31. Das ganze Jahr nach der Seeschlacht und das folgende beschäftigten sich die Korinther in leidenschaftlicher Stimmung wegen des Koreyräischen Kriegs mit dem Schiffbau, und rüsteten mit aller Anstrengung eine Flotte aus, indem sie aus dem Peloponnese selbst und dem übrigen Griechenland Ruderer zusammenbrachten und um Sold mietheten. Die Nachricht von ihren Rüstungen erregte Besorgnisse bei den Korcycäern; und da sie sich bisher keinem Bundesvertrage irgend eines Griechischen Staats angeschlossen, und sich weder in das Bündnis der Athener, noch der Lacedämonier hatten einschreiben lassen, so beschloßen sie, sich an die Athener zu wenden, ihre Bundesgenossen zu werden, und zu versuchen, ob sie von diesen einige Unterstützung erhalten könnten. Als die Korinther dieß erfuhren, so beschickten auch sie die Athener mit einer Gesandtschaft, damit nicht die Bereinigung der Korcycäischen und Athenischen Seemacht sie hindern möchte, dem Kriege eine für sie erwünschte Wendung zu geben. Es wurde nun in Athen eine Volksversammlung gehalten, wo beide Theile gegen einander Vorträge hielten. Die Korcycäer sprachen in folgendem Sinne:

32. Wenn man, ihr Athener, wie wir jetzt thun, an Andere hülfesuchend sich wendet, ohne frühere Aussprüche wes gen großer Verdienste oder Bundesgenossenschaft zu haben, so ist es billig, hauptsächlich zu beweisen, daß das Ansinnen vorteilhaft für jene, wo nicht, daß es zum Mindesten ihnen nicht nachtheilig sei: sodann, daß man zuverläßig dankbar sein werde. Kann man von Diesem nichts überzeugend darthun, so darf man über den ungünstigen Erfolg sich nicht beschweren. Nun haben aber die Korcyräer und abgeordnet, eure Bundesgenossenschaft nachzusuchen, und glauben dabei, euch haltbare Gründe dafür darlegen zu können. Freilich scheint zufälliger Weise gerade die Art unseres Benehmens für unser Begehren bei euch nicht begründend, und für unsere Zwecke in der jetzigen Lage ungünstig zu sein. Denn nie sind wir in frühern Zeiten mit Jemand freiwillig in Kriegsgenossenschaft getreten, und doch wenden wir uns jetzt mit einem solchen Gesucht an Andere; daher sind wir auch bei dem jetzigen Kriege mit den Korinthern in einer verlaßnen Lage, und so erscheint nun unsere bisherige vermeintlich kluge Zurückhaltung, indem wir nicht durch auswärtige Bündnisse uns mit den Planen Anderer in Gefahren einlassen wollten, umgekehrt als Unbesonnenheit und Schwäche. Zwar haben wir in der erfolgten Seeschlacht für uns allein die Korinther zurückgeschlagen; da sie nun aber mit größerer Rüstung vom Peloponnes und dem übrigen Hellas gegen uns heranziehen, und wir uns außer Stand sehen, mit unserer einheimischen Macht zu siegen, und die Gefahr groß ist, wenn wir ihnen unterliegen sollten, so sind wir genöthigt, sowohl euch, als Andere, wer sie auch sehen, um Hülfe zu bitten: und wir verdienen Nachricht, wenn wir nicht aus schlimmer Absicht, sondern aus irriger Ansicht bisher unthätig gewesen, und nun das Gegentheil wagen."

33. "Euch aber wird, wenn ihr uns Gehör schenkte unsere zufällige Hülfsbedürftigkeit mancherlei Vortheile gewähren. Einmal werdet ihr Unrechtleidende, die Andern kein Unrecht zugefügt, unterstützen: sodann werdet ihr durch die Zuflucht, die ihr uns jetzt gewährt, wo unser Theuerstes in Gefahr schwebt, das unvergeßlichste Denkmal in unseren dankbaren Gemüthern stiften. Ferner sind wir im Besitze einer Seemacht, welche, die eurige ausgenommen, jede andere übertrifft. Ueberleget, welcher Glücksfall seltner ist, welcher für eure Feinde kränkender sein muß, als wenn eine Macht, deren Beitritt ihr höher als viel Geld und Gunst geachtet hättet, euch unaufgefordert, ohne Kampf und Geldaufwand von selbst sich darbietet: die noch dazu in der öffentlichen Meinung euch den Ruhm edler Gesinnung, bei den Schützlingen Dank, und für euch selbst einen Machtzuwachs verschafft: Vortheile, die Wenigen jemals vereint zu Theil wurden. Denn selten trifft es sich, daß die, welche ein Bündniß suchen, dem Angerufenen nicht minder Sicherheit und Ruhm verleihen, als sie durch ihr Gesuch zu erlangen hoffen. Sollte aber jemand unter euch glauben, der Krieg, bei welchem wir euch nützlich werden könnten, werde nicht eintreten, der hat eine irrige Ansicht, indem er nicht bedenkt, daß die Lacedämonier aus Furcht vor euch Krieg wünschen, und daß die Korinther bei ihnen Einfluß haben, und euch abgeneigt sind, und uns im Voraus für den künftigen Angriff auf euch, bezwingen möchten, damit wir nicht in gemeinsamem Kasse gegen sie uns vereinigen, und damit von ihren Zwecken einer wenigstens vorläufig nicht unerreicht bleibe, entweder uns zu schwächen, oder sich selbst zu stärken. Unsere Sache dagegen ist es nun, ihnen zuvorzukommen, indem wir einen Waffenbund euch anbieten, und ihr ihn annehmet, und lieber angriffsweise, als vertheidigend gegen sie zu verfahren."

34. "Wofern sie aber einwenden, es sein unbillig, daß ihr ihrem Tochterstaate Schutz verleitet, so mögen sie sich belehren lassen, daß jedes Pflanzvolk, so lange es gut behandelt wird, den Mutterstaat ehrt, aber bei erlittener Mißhandlung ihm entfremdet wird. Denn Ansiedler werden ausgesendet nicht um Sclaven, sondern um gleichberechtigt mit den Zurückbleibenden 311 sinn. Es ist aber unzweifelhaft, daß Jene Unrecht gethan haben. Denn in der Sache von Epidamnus zu gerichtlicher Verhandlung eingeladen, wollten sie ihre Beschwerden lieber mit den Waffen, als auf dem Rechtswege verfolgen. Euch aber möge dieses ihr Betragen gegen uns, als Stammsverwandte, aufmerksam machen, daß ihr euch weder durch ihre Täusdungen irre führen lasset, noch auf ihre Bitten sofort ihnen Hülfe leistet. Denn der behauptet seine Sicherheit am besten, welcher am wenigsten Anlaß hat, seine Gefälligkeit gegen Feinde zu bereuen."

35. Ihr werdet aber auch, wenn ihr uns in Schutz nehmet, die Verträge mit Sparta nicht verleben, da wir mit keinem Theile im Bunde stehen. Denn dort ist bestimmt, daß, welcher Griechische Staat in keinem Bündnisse einbegriffen sei, nach Gefallen sich an einen von beiden Theilen anschließen dürfe. Und empörend wäre es doch, wenn es ihnen vergönnt wäre, nicht nur aus dem Gebiete der Bergratsgenossen, sondern auch noch dazu aus dem übrigen Griechenland, und in bedeutender Anzahl aus Euren Untergebenen ihre Schiffe zu bemannen, während man uns von einer Bundesgenossenschaft, zu der alle berechtigt sind, und von anderweitiger Hülfe ausschließen, und euch zum Vorwurf machen wollte, wenn ihr unserer Bitte Gehör gebet. Wir würden vielmehr größeren Grund zur Beschwerde gegen euch haben, wenn wir euch nicht für uns gewinnen. Denn ihr würdet ja uns, die wir in Gefahr und nicht eure Feinde sind, zurückweisen: den Korinthern aber, die eure Feinde sind, und euch bedrohen, würdet ihr nicht nur nicht entgegenwirken, sondern ihr würdet es auch gleichgültig geschehen lassen, daß sie ihre Macht aus eurem Gebiete unrechtmäßig vermehren. Es ist vielmehr billig, daß ihr entweder ihre Werbungen auf eurem Boden hindert, oder auch und Hülfe sendet, auf welche Bedingungen ihr auch mit uns eins werdet. Am billigsten aber ist es, und dadurch zu helfen, daß ihr uns offenen Schutz gewähret. Wir können das bei, wie wir schon im Aufange bemerkten, mancherlei Vortheile für euch nachweisen: der wichtigste ist, daß wir dieselben Gegner haben, was zugleich die sicherste Bürgschaft unserer Treue ist, und zwar keine unmächtigen, sondern solche, welche die Abgefallenen zu züchtigen im Stande sind. Ferner ist es nicht gleichgültig, ob ihr das angebotene Bündniß einer Seemacht (denn wir sind keine Landmacht) von euch weiset. Vielmehr müßt ihr, wo möglich, vor allen Dingen nicht dulden, daß ein Staat seine Schiffe vermehre: wo nicht, so müßt ihr doch den, welcher der zuverlässigste ist, zum Freunde haben."

36. "Und sollte nun jemand diese Vorschläge zwar vors theilhaft finden, aber fürchten, durch deren Befolgung bundbrüchig zu werden, so möge er bedenken, daß sich seine Furcht, da ihr Macht zur Seite steht, den Gegnern furchtbarer machen wird: daß hingegen die Beseitigung jener Bedenklichkeit und des Bündnisses, weil sie ohne Machtvergrößerung bliebe, wenig geeignet sein werde, bei so mächtigen Gegnern Furcht zu erregen. Diese Berathschlagung gilt ja ausserdem eben sowohl Athens, als Corcyra’s Wohl: und man sorgt nicht gut für jenes, wenn man aus Rücksicht für die Gegenwart Bedenken tragen sollte, für einen künftigen und in Kurzem eintretenden Krieg ein Land mit sich zu verbinden, dessen Freundschaft oder Verfeindung von bedeutendem Gewicht ist. Denn Corcyra liegt bequem für die Fahrt nach Italien und Sicilien: so daß diese Insel die Ueberfahrt einer Flotte von da nach dem Peloponnes verhindern kann, dein aber, was von hier aus dorthin geht, sicheres Geleit gewährt. Und auch sonst bietet sie viele Vortheile dar. Um aber in kurzer Hauptsumme das Ganze, wie das Einzelne, zusammen zu fassen, so möget ihr aus Folgendem euch über: zeugen, daß ihr uns nicht hülflos lassen dürfet. Es giebt drei bedeutende Seemächte unter der Hetlenen, die eure, die unsere und die Korinthische. Lasset ihr zwei davon sich vereinigen, und uns den Korinthern zur Beute werden, so werdet ihr mit Corcyra und den Peloponnessern zugleich den Seekampf zu bestehen haben. Nehmet ihr aber uns zu Buna desgenossen auf, so wird im Kampf auf eurer Seite die Mehrzahl der Schiffe sein." Solches trugen die Korcycäer vor. Die Korinther aber redeten nach ihnen in folgendem Sinne:

37. Da die Storcyräer nicht bros von ihrer Aufnahme in euren Schuts, sondern auch davon gesprochen haben, daß wir ungerecht handeln, und sie unbillig bekriegt werden, so müßen auch wir zuvor dieser beiden Punkte gedenken, ehe wir zum übrigen Vortrage und wenden, damit ihr unser Unsinnen um so richtiger im Voraus beurtheilen, und ihre Bitte nicht ohne triftige Gründe abweisen möget. behaupten, aus kluger Mäßigung noch mit Niemanden Bundesgenossenschaft gemacht zu haben. Aber nicht aus tugendhafter, sondern aus böslicher Absicht haben sie diesen Grundsatz befolgt: sie wollten Niemand zum Genossen oder Zeugen ihrer Frevel haben, noch durch die Auffoderung zur Theilnahme beschämt werden. Auch hat ihr Gebiet eine Lage, die ihnen Selbständigkeit gewahrt, und es ihnen möglich macht, über ihre Beeinträchtigungen Anderer selbst die Schiedsrichter zu machen, was bei einem Vertragszustande minder ausführbar wäre, da sie sehr selten zu ihren Nachbarn schissen, hingegen Andere, die nothgedrungen bei ihnen landen, sehr oft aufnehmen. Und darauf beruht ihre Zurückgezogenheit von Bündnissen, die sie als ehrbaren Vorwand gebrauchen, nicht um an fremdem Unrecht keinen Theil zu nehmen, sondern um allein Unrecht zu verüben: um da, wo sie die Stärkern sind, Gewalt zu gebrauchen, und in der Verborgenheit sich Gewinn zu verschaffen, und wo sie irgend etwas weghaschen können, es ohne Beschämung zu thun. Wären sie jedoch, wie sie behaupten, rechtliche Menschen, so könnten sie, je unangreifbarer sie für ihre Nachbarn sind, um so augenscheinlicher ihre Redlichkeit beweisen, wenn sie Recht gäben und nähmen."

38. "Aber so zeigen sie sich weder gegen Andere, noch gegen uns. Denn wiewohl sie unser Pflanzvolk sind, so sind sie doch ganz von uns abgefallen, und führen jetzt Krieg mit uns, unter dem Vorwand, ihre Niederlassung könne doch wohl nicht, um durch uns bedrückt zu werden, gestiftet sein. Wir aber behaupten, daß auch wir die Colonie nicht angelegt haben, um von ihr gemißhandelt zu werden, sondern unter der Bedingung, die Vorsteherschaft zu führen und gebührender Achtung zu genießen. Wenigstens ehren uns unsere übrigen Pflanzstädte, und in hohem Grade widmen uns unsere Töchterstaaten kindliche Liebe. Und es ist unläugbar, daß, wenn die meisten mit uns zufrieden sind, diese allein wohl ein ungegründetes Mißfallen gegen uns hegen müssen; und wir führen nicht einen so auffallenden Krieg, ohne aus: gezeichnete Beleidigungen erlitten zu haben. Hätten wir aber auch gefehlt, so wäre es rühmlich für sie gewesen, unserer Aufwallung nachzugeben, für uns dagegen nicht ehrenvoll, gegen sie bei gemäßigtem Betragen Gewalt zu gebrauchen. Nun aber haben sie aus Uebermuth und auf ihren Reichthum trotzend, neben vielen andern Vergebungen gegen uns, unser Eigenthum, Epidamnus, nach dessen Besitz sie, so lang es in Noth war, nicht verlangten, nun erst, da wir ihm zu Hülfe eilten, mit Gewalt weggenommen, und behalten dasselbe."

39. Freilich behaupten sie, sie hätten sich vorher einer gerichtlichen Entscheidung unterziehen wollen. Dabei kann aber doch wohl die Sache dessen, der sich im Vortheile befindet, und in sicherer Stellung Untersuchung fodert, nicht als begründet erscheinen, sondern dessen, der, ehe man durch, Kampf entscheidet, sich in Reden und Handlungen auf gleichen Fuß stellt. Diese aber haben den scheinbar billigen Vergleichsvorschlag nicht gemacht, ehe sie den Ort belagerten, sondern erst, nachdem es ihnen einfiel, daß wir es uns so nicht würden gefallen lassen. Und nicht genug, daß sie für sich Unrecht gethan, wenden sie sich noch hieher, mit dem Unsinnen, daß wir nicht ihre Kampfgenossen, sondern ihre Theilnehmer am Frevel werden, und sie bei ihren Zwist mit uns in Schutz nehmen sollet. Damals hätten sie sich an euch wenden sollen, wo sie nichts zu fürchten hatten, und nicht jetzt, wo wir beleidigt, und sie in Gefahr sind, wo ihr, ohne von ihrer Kriegsmacht damals2 Vortheil gezogen zu haben, ihnen nunmehr Hülfe gewähren, und ohne Theilnahme an ihren Bergehungen doch und zu gleicher Beschwerde Anlaß geben würdet. Hättet ihr Beide längst eure Macht vereinigt, so müßtet ihr auch den Erfolg gemeinsam tragen ; da euch aber die Beschwerden allein nicht treffen, so habt ihr auch an den Folgen ihrer Handlungsweise keinen solchen Untheil zu nehmen."

40. "Wir haben nun dargethan, daß wir mit zureichenden Rechtsgründen vor euch erscheinen, und daß die Korcycäer der Vorwurf der Gewaltthat und des Eigennutzes trifft. Jetzt sollt ihr euch auch überzeugen, daß ihr sie wohl nicht mit Recht in Schutz nehmen könnt. Denn wenn in dem Vertrage bestimmt ist, daß jeder nicht aufgenommene Staat, an welche von beiden Parteien er wolle, sich anschließen dürfe, so geht die Übereinkunft nicht dahin, daß man dieß zum Nachtheile der einen Partei thun könne: sondern auf Solche, die, indem sie Schutz suchen, die Rechte Anderer über sie nicht kränken, und ihren Beschützern, wofern diese anders vernünftig handeln, nicht Krieg statt des Friedens zuziehen. Dieses würde jetzt euch begegnen, wenn ihr unsern Vorstellungen nicht Gehör gebet: denn ihr würdet nicht blos diese unterstützen, sondern auch aus Vertragsgenossen unsere Feinde werden. Denn wenn ihr euch an sie anschließt, so können wir uns gegen sie nicht vertheidigen, ohne uns auch gegen euch zu wehren. Doch die Billigkeit erfordert, daß ihr vorerst keine Partei nehmet, wo nicht, daß ihr im Gegentheil mit uns gegen sie ziehet: denn ihr stehet im Bunde mit Korinth; mit Corcyra habt ihr nicht einmal je einen Waffenstillstand geschlossen. Auch dürft ihr billiger Weise nicht die Sitte einführen, daß man die Abtrünnigen anderer Staaten in Schutz nehme. Denn auch wir haben beim Abfalle der Samier nicht gegen euch gestimmt, als die Meinungen der Peloponnesier getheilt waren, ob man ihnen helfen sollte: vielmehr haben wir offen gegen diese behauptet, daß jeder Staat die ihm zugehörigen Bundesgenossen bestrafen dürfe. Denn wolltet ihr solche, die Unrecht gethan haben, aufnehmen und beschützen, so wird sich ergeben, daß eben so viele von euren Bundesgenossen sich an uns anschließen werden ; und so werdet ihr einen Grundsatz aufstellen, welcher mehr gegen euch, als gegen uns gerichtet ist.“

41. Dieß sind nun die nach Hellenischen Gesetzen genügenden Rechtsgründe, die wir vor euch anzuführen haben. Aber auch als solche, die weder mit euch verfeindet sind, so daß wir euch schaden möchten, noch so befreundet, daß wir euch mißbrauchen würden, haben wir Ermunterungsgründe und solche Ansprüche auf Dank, daß wir behauptent, jetzt sei der Augenblick thätiger Erwiederung gekommen. Denn als ihr noch vor der Perserzeit einst beim Kriege gegen Aegina nicht genug lange Schiffe hattet, so entlehntet ihr zwanzig von den Korinthern. Und diese Gefälligkeit, so wie die in Betreff der Samier, wo unserer Verwendung wegen die Peloponnesier. Jenen nicht Hülfe leisteten, verschaffte euch den Sieg über Aegina, und machte es euch möglich, die Samier zu züchtigen. Und dieß geschah unter solchen Umständen, wo man bei dem Angriff auf einen Feind gerne Alles gegen den Sieg vergißt. Denn alsdann sieht man den Dienstleistenden als Freund an, wenn er auch zuvor Feind gewesen, und den, der sich, widersetzt, als Feind, wäre er auch sonst zufällig unter den Freunden. Denn im augenblicklichen Eifer des Streits kümmert man sich selbst um Das nicht, was am nächsten liegt.''

42. ,,Dieß möget ihr jetzt bedenken, und die Jüngern mögen sich darüber von den Bejahrteren belehren lassen. Entschließt euch, daher, uns Gleiches zu erwiedern: und denket nicht, daß, wiewohl dieß dem Rechte gemäß gesprochen sei, doch, wenn es zum Kriege komme, der Vortheil etwas anderes erheische. Denn der Vortheil begleitet am meisten diejenigen Unternehmungen, wo das Recht am wenigsten verletzt wird. Die künftigen Erfolge des Kriegs, womit die Korcycäer euch, schrecken und zum Unrecht verleiten wollen, liegen noch im Dunkeln: und es ist nicht der Mühe werth, daß ihr euch dadurch bestimmen lasset, die entschiedene und unmittelbare Feindschaft der Korinther euch zuzuziehen: weit klüger wäre es, die schon zuvor wegen Megara obwaltende Spannung zu heben. Denn durch, eine neuere Gefälligkeit, zur rechten Zeit erwiesen, selbst, wenn sie minder bedeutend wäre, läßt sich eine größere Verchwerde tilgen.. Laßt euch aber auch durch das Anerbieten der großen Seemacht, die sie mit euch vereinigen wollen, nicht verlocken. Denn seines Gleichen nicht Unrecht thun, ist eine haltbarere Begründung der Macht, als wenn man, durch den Schein des Augenblicks verleitet, sich einen gefährlichen Gewinn verschafft."

43. „Wir befinden uns jetzt in derselben Lage, wie die eure war, wo wir in Lacedämon erklärten, daß jeder Staat seine Bundesgenossen selbst zur Ordnung anhalten dürfe: und wir verlangen daher, daß auf eurer Seite derselbe Rechtsgrundsatz beobachtet werde, und daß ihr nicht zu unserem Nachtheile stimmet, da wir damals zu eurem Vortheile gestimmt haben. Vergeltet uns also auf gleiche Weise, und bedenket, daß jetzt gerade der Augenblick gekommen ist, durch Hülfleistung die eifrigste Freundschaft, durch Widerstand Feindschaft zu stiften. Nehmet diese Korcycäer nicht gegen unsere Wünsche zu Bundesgenossen auf, und helfet ihnen nicht, da sie Unrecht haben. Durch diese Handlungsweise werdet ihr eure Pflicht erfüllen, und für euch selbst am besten sorgen." Also redeten die Korinther.

44. Die Athener hielten nach Anhörung beider Theile zwei Volksversammlungen in der ersten fanden die Vorstellungen der Korinther gleich großen Beifall: in der zweiten aber änderten sie ihren Beschluß dahin, daß sie mit den Korcycäern zwar kein solches Kriegsbündniß schloßen, daß sie deren Feinde und Freunde auch für die ihrigen ansehen wollten (denn wenn die Korcycäer sie aufgefordert hätten, mit ihnen einen Seezug gegen Korinth zu machen, so wäre ihr Vertrag mit den Peloponnesiern gebrochen gewesen); sondern sie machten einen Verteidigungsbund zur gegenseitigen Beschützung ihres Gebiets, wenn eine Macht Corcyra oder Athen, oder deren Bundesgenossen angriffe. Denn sie vermutheten, daß es in jedem Falle zum Kriege mit den Pelospounesiern kommen würde: und wollten Corcyra, das eine so große. Seemacht befaß, den Korinthern nicht preisgeben. Sie wünschten jedoch, daß die Reibungen beider Staaten so heftig als möglich werden möchten, damit, wenn sie mit den Korinthern und andern Seemachten Krieg führen müßten, sie einen um so schwädern Feind zu bekämpfen hätten. Zugleich schien ihnen die Insel Corcyra für die Ueberfahrt nach Italien und Sicilien bequem gelegen zu sein.

45. In Erwägung dieser Gründe nahmen die Athener die Korcycäer in ihren Bund auf, und sandten ihnen bald, nachdem die Korinther sich entfernt hatten, gehen Schiffe zu Hülfe: ihre Anführer waren Lacedämonius, der Sohn Simons, Diotimus, der Sohn des Strombichus, und Proteas, der Sohn des Epikles. Man gab diesen die Weisung, nicht eher gegen die Korinther die Feindseligkeiten zu eröffnen, als bis diese gegen Corcyra schiffen, und dort, oder in irgend einem Theile des Gebiets, eine Landung versuchen würden. In diesem Falle sollten sie sich ihnen nach Möglichkeit wiedersetzen. Dieses befahlen sie, um den Vertrag nicht zu brechen. Jene Schiffe aber gelangten wirklich nach Corcyra.

46. Als nun die Korinther sich gerüstet hatten, so segelten sie mit hundert und fünfzig Schiffen gegen Corcyra. Darunter waren von den Eleern zehn, von den Megareern zwölf, von den Leukadiern zehn, von den Ambrakioten sieben und zwanzig, von den Anaktoriern eines, von den Korinthern selbst neunzig. Neben den Anführern, die jeder Staat für sich gestellt hatte, befehligte die Korinther Xenoklides, des Euthykles Sohn, nebst vier andern. Als sie sich dem Festlande bei Corcyra näherten, so legten sie sich, von Leukas auslaufend, bei Chimerium im Thesproter-Lande vor Anker. Dieß ist ein Seehafen: und über demselben, weiter von der See, liegt im Eläatischen Bezirke von Thesprotien eine Stadt, Ephyra. Neben ihr hat der Acherusische See seinen Abfluß ins Meer, in welchen der Acheron-Fluß (Glyki), der Thesprotien durchströmt und jenem den Namen leiht, sich ergießt. Dort fließt auch der Thyamis, der die Grenzscheide von Thesprotien und Kestrine bildet, und dazwischen erhebt sich das Vorgebirge Chimerium, wo die Korinther ankerten und ihre Stellung nahmen.

47. Als die Korcycäer ihre Annäherung erfuhren, so bemannten sie hundert und zehn Schiffe, unter Anführung des Miciades, Aesimides und Eurybatus, und wählten ihren Standort bei einer der Inseln, welche Sybota heißen. Die zehn Athenischen Schiffe waren zugegen. Auf dem Vorgebirge Leukimine (Kap Lechino) befand sich, ihr Landheer und tausend schwerbewaffnete Zakynthier, die ihnen zu Hülfe gekommen waren. Auch, den Korinthern zum Beistand waren auf dem Festlande viele Barbarenhaufen herangerückt: denn die Bewohner des Festlandes in dieser Gegend sind von jeher mit ihnen befreundet.

48. Als nun die Korinther ihre Anstalten getroffen, und mit Lebensmitteln auf drei Tage sich versehen hatten, so rückten sie bei Nacht von Chimerium herwärts aus, um eine Seeschlacht zu liefern. Und mit Tagesanbruch erblickten sie auf der Meereshöhe die Korcycäischen Schiffe, die auf sie zusegelten. Als sie nun einander ansichtig wurden, so stellten sie sich in Schlachtordnung: auf dem rechten Flügel der Korcycäer standen die Athenisithen Schiffe: den andern hatten sie selbst inne, und bildeten drei Geschwader, wovon jedes von einem der drei Anführer befehligt war. Dieß war die Stellung der Korcycäer. Den rechten Flügel der Korinther bildeten die Megareischen Schiffe und die Umbrakistischen Mittelpunkt die übrigen Bundesgenossen der Reihe nach. Der linken Flügel, gegenüber von den Athenern und dem rechten Flügel der Korcycäer, hatten mit ihren besten Seglern die Korinther selbst besetzt.

49. Nachdem nun von beiden Seiten das Zeichen gegeben war, so geriethen sie an einander, und das Seetreffen begann. Beide Theile hatten auf den Verdecken viele Schwerbewaffnete, Bogenschützen und Lanzenträger: und ihre Rüstungs-Weise war noch nach alter Sitte ziemlich roh. Man focht mit Hitze, aber nicht mit verhältnismäßiger Geschicklichkeit: die Seeschlacht hatte mit einem Landtreffen viele Ähnlichkeit. Denn wenn Schiffe zusammenstießen, so konnten sie wegen der Menge und des Getümmels der Fahrzeuge sich nicht leicht wieder losmachen. Man erwartete mehr von der auf dem Verdecke befindlichen Schwerbewaffneten den Sieg, welche in fester Stellung fochten, indem die Schiffe ruhig standen. Die Linien wurden nicht durchbrochen, und man kämpfte mehr mit Anstrengung und Erbitterung, als nach den Regeln der Kunst. Ueberall herrschte große Verwirrung und Unordnung in dieser Seeschlacht. Die Athenischer Schiffe stellten sich zwar dabei den Korcyräischen, wenn sie irgendwo ins Gedränge kamen, zur Seiten und schrecktest die Feinde; doch mochten ihre Anführer aus Achtung gegen den Befehl der Athener nicht zuerst angreifen. Am meisten litt der rechte Flügel der Korinther. Denn die Korcycäer trieben sie mit zwanzig Schiffen zurück, und verfolgten die Zerstreuten gegen das Festland hin, und rückten bis zu ihrem Standorte vor, landeten dort, verbrannten die leeren Zelte, und plünderten die Habseligkeiten. Auf dieser Seite nun waren die Korinther und ihre Bundesgenossen im Nachtheile, und die Korcycäer im Vortheile. Aber auf dem linten Flügel, wo die Korinther selbst standen, entschied sich der Sieg für sie, weil die zwanzig Schiffe der Korcycäer, die ohnedieß an Zahl schwächer waren, mit Verfolgung des Feindes beschäftigt, und nicht zugegen waren. Als die Athener die Korcycäer im Gedränge sahen, so rückten sie, da sie bisher sich zurückgehalten hatten, um mit Niemanden sich einzulassen, nunmehr unbedenklich zur Hülfe heran: und da die Korcycäer entschieden zur Flucht sich wandten, und die Korinther ihnen nachsetzten, so legte jeder ohne Unterschied Hand an’s Werk, und die Noth wurde so dringend, daß die Korinther und Athener einander angriffen.

50. Während nun die Feinde Hohen, so banden die Korinther die Wracke der Schiffe, in die sie etwa Lecke gebohrt hatten, nicht an das Schlepptau, sondern wandten sich gegen die Mannschaft, und durchfuhren die Schiffsreihen, mehr um zu morden, als um Gefangene zu machen. Sie hieben auch aus Unvorsichtigkeit auf ihre eigenen Freunde ein, da sie nicht bemerkt hatten, daß ihr rechter Flügel geschlagen war. Denn bei der großen Zahl von Schiffen auf beiden Seiten, die einen großen Raum auf der See einnahmen, war es unter dem Getümmel des Kampfes nicht leicht zu unterscheiden, welche die Sieger und die Besiegten waren. Denn der Schiffszahl nach war dieß die größte Seeschlacht, die je Griechen gegen Griechen geliefert. Nachdem aber die Korcycäer von den Korinthern bis zum Lande verfolgt worden waren, wendeten diese ihre Aufmerksamkeit auf ihre Schiffstrümmer und ihre Todten. Sie bemächtigten sich ihrer größtentheils, und brachten sie nach Sybota, wohin das. Landheer der Barbaren ihnen zu Hülfe gekommen war. Sybota aber ist eine verlassene Bucht in Thesprotien. Hierauf sammelten sie sich wieder, und schifften gegen die Korcycäer. Diese aber rückten auch ihrerseits gegen sie vor mit den noch diensttauglichen und übrig gebliebenen Schiffen, sammt den Athenischen, aus Furcht, jene möchten eine Landung auf ihrem Gebiete versuchen. Es war aber schon spät: und bereits hatten sie den Schlachtgesang zum Angriff angestimmt, als die Korinther plötzlich, ohne umzuwenden, rückwärts ruderten, weil sie zwanzig Athenische Schiffe heransegeln sahen, welche die Athener zur Unterstützung der zehen später ausgesandt hatten: aus Furcht, die Korcycäer möchten, was auch der Fall war, geschlagen werden, und ihre zehen Schiffe möchten zu schwach sein, um sie zu schützen.

51. Weil nur die Korinther diese zuerst erblickten und vermutheten, daß sie von Athen kämen, und ihrer nicht blos so viele, sondern mehr, als sie sahen, sein möchten, so zogen sie sich zurück. Die Korcycäer aber hatten sie nicht bemerkt: denn kamen eigentlich von einer Seite her, wo man sie nicht sehen konnte; jene wunderten sich also, daß die Korinther rückwärts ruderten, bis einige, die es bemerkten, sagten, daß jene Schiffe sich nähern. Nun zogen auch sie sich zurück; denn es wurde bereits dunkel, und die Korinther hatten sich entfernt. So trennten sie sich, und mit Anbruch der Nacht endete die Seeschlacht. Den Korcycäern nun, die bei Leukimme ihre Stellung nahmen, näherten sich jene zwanzig Schiffe von Athen unter Anführung des Glanko, des Sohns von Leager, und des Andocides, des Sohns von Leogoras, und gelangten durch Leiden und Schiffstrümmer zu ihrem Standorte, wenige Augenblicke, nachdem man sie zuerst entdeckt hatte. Die Korcycäer aber fürchteten, weil es Nacht war, es möchten Feinde sein. Bald jedoch erkannte man sie, und sie legten sich vor Anker.

52. Am andern Tage liefen die dreißig Athenischen Schriffe und die Korcyräischen, so viele deren noch diensttauglich waren, aus, und schifften auf den Seehafen bei Sybota zu, wo die Korinther vor Anker lagen, und wollten sehen, ob diese nicht ein Seetreffen wagen würden. Die Korinther stießen nun zwar mit ihren Schiffen vom Lande, und stellten sich auf hoher See in Schlachtordnung; aber sie verhielten sich ruhig, weil sie nicht gemeint waren, freiwillig die Schlacht zu beginnen, da sie sahen, daß noch mehr unbeschädigte Schiffe von Athen angelangt waren; sie selbst aber in mancher Verlegenheit sich befanden, theils wegen Bewachung der Gefangenen, die sie auf den Schiffen hatten, theils weil in dieser einsamen Gegend keine Gelegenheit zur Schiffsausbesserung sich darbot. Ihre Gedanken waren mehr darauf gerichtet, wie sie die Heimfahrt bewerkstelligen möchten, indem sie fürchteten, die Athener möchten, da sie handgemein geworden, den Vertrag für gebrochen ansehen, und ihnen den Rückweg versperren.

53. Sie fanden also für gut, einige Männer in einem Jagdschiffe ohne Heroldsstab zu den Athenern voraus zu senden, und deren Gesinnung zu erforschen. Durch diese ließen sie Folgendes sagen: "Ihr thut Unrecht, Männer von Athen, daß ihr Feindseligkeiten anfanget, und den Vertrag verletzet. Denn ihr erhebet die Waffen gegen uns, und wollt uns an der Bestrafung unserer Feinde hindern. Habt ihr die Absicht, und die Fahrt gegen Corcyra, oder wohin es und sonst zu steuern gefällt, zu wehren, und wollt ihr den Vertrag brechen, so ergreift uns, wie wir hier sind, zuerst, und behandelt uns feindlich." Also redeten sie. Das Corcyräische Schiffsheer aber, so weit es sie vernehmen konnte, schrie: man sollte sie sogleich ergreifen und tödten. Die Athener aber antworteten also: "Wir fangen die Feindseligkeiten nicht an, ihr Männer vom Peloponnes, noch brechen wir den Vertrag: wir sind nur diesen unsern Bundesgenossen, den Korcycäern, zu Hülfe gekommen. Wofern ihr nun anderswohin schiffen wollt, so werden wir es nicht hindern: wenn ihr aber gegen Corcyra oder ein dorthin gehöriges Gebiet zu steuern gedenkt, so werden wir, so weit unsere Macht reicht, dieß nicht dulden."

54. Nachdem die Athener diese Antwort ertheilt hatten, schickten sich die Korinther zur Heimfahrt an, und errichteten zu Sybota auf dem Festlande ein Siegeszeichen. Die Korcycäer versammelten ihre Schiffstrümmer und Todten, die von der Strömung und dem Winde, der sich bei Nacht erhoben und sie überall hin zerstreut hatte, an's Land getrieben waren, und errichteten dagegen auch, als hätten sie das Treffen gewonnen, ein Siegeszeichen zu Sybota auf der Insel. Die Gründe, warum beide Theile sich den Sieg zuschrieben, waren folgende: Die Korinther stellten darum ein Siegeszeichen auf, weil sie in der Seeschlacht bis zum Anbruche der Nacht im Vortheil gewesen, so daß sie die meisten Schiffstrümmer und Todten wegbrachten, weil sie nicht weniger als tausend Gefangene gemacht, und gegen siebzig Schiffe versenkt hatten. Die Korcycäer aber, weil sie gegen dreißig Schiffe vernichtet, und nach der Ankunft der Athener ihre Schiffstrümmer und Todten gesammelt hatten, und weil Tags zuvor die Korinther, beim Anblick der Athenischen Schiffe, rückwärts rudernd, sich vor ihnen zurückgezogen, und bei ihrer Annäherung vor Sybota nicht gegen sie vorgerückt waren. So machten beide Theile Anspruch, auf die Ehre des Sieges.

55. Die Korinther nahmen auf der Heimfahrt durch List Anaktorium in Besitz, das an der Einfahrt des Ambrakischen Meerbusens (Golf von Arta) liegt, einen Platz, der ihnen und den Korcycäern gemeinschaftlich gehörte: dort setzten sie Korinthische Ansiedler ein, und zogen sich dann nach Hause zurück: achthundert der Korcycäer, welche Sclaven waren, verkauften sie, zweihundert und fünfzig aber behielten sie in Gewahrsam, behandelten sie aber mit rücksichtsvoller Sorgfalt, damit sie nach der Heimkehr Korcyra's Besitz ihnen verschaffen möchten. Denn zufälliger Weise gehörten die meisten zu den mächtigsten jenes Staats. So behauptete sich Korcyra im Korinthischen Kriege, und die Athenischen Schiffe fuhren von dort wieder zurück. Dieß war für die Korinther die erste Veranlassung zum Kriege mit den Athenern, weil diese, während des bestehenden Vertrags mit ihnen, die Korcyräer im Seetreffen unterstützt hatten.

56. Bald darauf trat noch folgende Mißhelligkeit zwischen den Athenern und den Peloponnesiern ein, welches den Krieg veranlassen half. Da die Korinther mit Racheplanen gegen sie umgiengen, so verlangten die Athener, ihre feindselige Gesinnung vermuthend, von den Potidäern [im heutigen Cassandra in Macedonien], die, ein Korinthisches Pfanzvolk, auf der Landenge von Pallene angesiedelt sind, und ihre zinsbaren Bundesverwandten waren, sie sollten ihre Festungswerke gegen Pallene hin niederreißen, und Geiseln stellen: und die Epidemiurgen (Volksbeamten) entlassen, und in Zukunft die nicht mehr annehmen, welche die Korinther jedes Jahr schickten. Die Athener fürchteten nämlich, jene möchten von Perdikkas und den Korinthern sich zum Abfalle bewegen lassen, und die übrigen Bundesgenossen in der Gegend von Thracien mit zum Trenbruche verleiten.

57. Solde vorbereitende Maßregeln nahmen die Athener gegen die Potidäer sogleich nach der Seeschlacht bei Korcyra. Denn die Korinther befanden sich jetzt mit ihnen in offenem Zwiste. Berdikkas aber, der Sohn Alexanders, König von Macedonien, der zuvor ihr Freund und Bundesgenosse war, hatte sich mit ihren verfeindet: und zwar aus dem Grunde, weil die Athener mit seinem Bruder Philipp und mit Derdas, die gemeinschaftlich sich wider ihn erhoben, ein Bündniß geschlossen hatten. Aus Furcht suchte er nun durch eine Sendung nach Lacedämon zu bewirken, daß Athen mit den Peloponnesiern in Krieg verwickelt würde. Die Korinther aber brachte er, zu Gunsten des Abfalls der Botidäer, auf seine Seite. Et unterhandelte mit den Chalcidiern und Potidäern in Thracien, daß sie am Abfalle Theil nehmen möchten, in der Hoffnung, daß er, wenn er diese Nachbarn zu Bundesgenossen hätte, leichter in Verbindung mit ihnen den Krieg führen könnte. Als die Athener davon Kunde erhielten, so wollten Sie dem Abfalle jener Staaten zuvorkommen: und da sie gerade dreißig Schiffe und taufend Schwerbewaffnete gegen des Perdikkas Land ausschickten, unter Anführung des Archestratus und zehn anderer, so ertheilten sie den Schiffsbefehlshabern den Auftrag, von den Potidäern Geiseln zu nehmen, ihre Festungswerke niederzureißen, und die benachbarten Städte zu bewachen, daß sie nicht abfallen möchten.

58. Die Potidäer schickten nun Gesandte an die Athener, um, wo möglich, alle ungewöhnlichen Maßregeln gegen sie abzuwenden; auchwandten sie sich vereint mit den Korinthern nach Lacedämon, und suchten zu bewirken, daß man, wenn es nöthig wäre, zu ihrem Schutze sich rüsten möchte. Als sie nun nach langen Unterhandlungen bei den Athenern nichts Erwünschtes erzielen konnten, sondern die gegen Macedonien bestimmten Schiffe auch eben so gegen sie heranzogen: und als die Lacedämonische Regierung ihnen versprach, in Attika einzufallen, wenn die Athener gegen Potidäa zögen; so fielen sie um diese Zeit ab, nebst den durch Eisschwur mit ihnen verbundenen Chalcidiern und Bottiäern. Auch bewog Perdikkas die Chalcidier, ihre Städte am Meere zu verlassen und zu zerstören, und sich landeinwärts in Olynth anzusiedeln, und diese einzige Stadt zu befestigen. Diesen Auswanderern wies er ein Stück seines eigenen Gebietes in Mygdonien um den See Bolbe für die Dauer des Kriegs mit den Athenern zur Benützung an. Sie bauten sich nun landeinwärts an, rissen ihre Wohnorte nieder, und rüsteten sich zum Kriege.

59. Die dreißig Athenischen Schiffe kamen hinauf in-die Gegend von Thracien3, und fanden, daß Potidäa und die übrigen Orte abgefallen waren. Weil aber die Anführer es für unmöglich hielten, zugleich gegen Perdikkas und gegen die vereint abgefallenen Bezirke mit der vorhandenen Macht Krieg zu führen, so wendeten sie sich gegen Macedonien, wozu sie auch anfänglich ausgesendet waren. Und nachdem sie ihre Stellung genommen, begannen sie die Feindseligkeiten in Verbindung mit Philipp und den Brüdern des Derdas, die aus dem Binnenlande mit Heeresmacht eingedrungen waren.

60. Indessen waren die Korinther nach dem Abfall von Potidäa, und weil sich Attische Schiffe in der Gegend von Macedonien befanden, wegen jenes Platzes in Sorgen: und weil sie glaubten, daß die Gefahr sie mit anginge, so schickten sie Freiwillige aus ihrer Stadt, und von den übrigens Peloponnesiern gedungene Söldner, zusammen sechzehnhundert Schwerbewaffnete und vierhundert Mann leichte Truppen. Ihr Auführer war Aristeus, der Sohn des Adimantus, dem zu Gefallen vornehmlich die meisten Freiwilligen aus. Korinth mitzogen, weil er von jeher mit den Potidäern an vertrautem Verhältniß geweset war. Diese kamen - vierzig Tage nach dem Abfalle Potidäa's in Thracien an.

61. Auch die Athener wurden bald von dem Abfalle jener Städte benachrichtigt. Als sie nun vernahmen, daß auch Aristeus mit den Seinigen zu Hülfe komme, so sandten sie zweitausend von ihren Schwerbewaffneten und vierzig Schiffe gegen die abgefallenen Orte, und Kallias, den Sohn des Kalliades, mit vier andern als Anführer aus. Diese Armen zuerst nach Macedonien, und trafen die früher abgeschickten tausend Mann im Besitz des feit kurzem eroberten Therma [nachher Thessalonich genannt und mit der Belagerung von Pydna beschäftigt. Zuerst stellten sie sich auch dort auf, und unterstützen die Belagerung: dann schlossen sie einen notgedrungenen Vergleich und Bundesgenossenschaft mit Perdikkas, da Potidäa und des Aristens Ankunft sie drängte; und zogen nun aus Macedonien ab. Darauf kamen sie in die Gegend von Berda: zogen sich aber, da sie sich gegen diesen Platz gewendet, und ihn vergeblich angegriffen hatten, zurück, und begaben sich zu Lande gegen Potidäa, mit dreitausend eigenen Schwerbewaffneten, und ausserdem mit vielen Bundesgenossen, und sechshundert Reitern der Macedonier im Gefolge des Philipp und Pausanias. Zugleich waren sie von siebzig Schiffen begleitet. Langsam vorrückend kamen sie am dritten Tage nach Gigonus, und schlugen ein Lager.

62. Die Potidäer aber und die Peloponnesier unter Aristeus lagerten sich, die Athener erwartend, bei Olynth auf der Landenge; sie hatten sich nämlich ausserhalb der Stadt einen Markt eröffnet. Die Verbündeten hatten zum Befehlshaber des gesammten Fußvolks den Aristeus gewählt, und den Perdikkas zum Anführer der Reiterei. Denn dieser war sogleich wieder den Athenern untreu geworden, und focht auf der Seite der Potidäer, nachdem er dem Iolaus die Regierung in seinem Namen übertragen hatte. Der Plan des Aristeus war, sein Heer auf der Landenge stehen zu lassen, und so die Athener, wenn sie heranrücken sollten, zu erwarten, während die Chalcidier und die Bundesgenossen ausserhalb der Landenge, und die zweihundert Reiter des Perdikkas in Olynth bleiben, und im Fall eines Angriffes der Athener ihnen in den Rücken fallen, und die Feinde so in die Mitte nehmen sollten. Kalias dagegen, der Athenische Anführer, und seine Mitbefehlshaber schickten die Macedonischen Reiter und eine kleine Abtheilung der Bundesgenossen gegen Olynth, um einen Ausfall von jenen zu verhindern. Sie selbst aber brachen aus dem Lager auf, und zogen gegen Potidäa. Als sie nun an die Landenge kamen, und die Feinde zur Schlacht gerüstet sahen, so stellten auch sie sich gegen jene auf. Und bald darauf kam es zum Handgemenge. Der Flügel des Aristeus selbst und die auserlesenen Truppen der Korinther und der übrigen, die bei ihm waren, drängten, was ihnen entgegen stand, zurück, setzten dem Feinde nach, und verfolgten ihn eine weite Strecke: aber das übrige Heer der Peloponnesier und Potidäer wurde von den Athenern geschlagen, und floh in die ummauerte Stadt.

63. Als nun Aristeus von der Verfolgung zurückkam, und den übrigen Theil des Heeres geschlagen sah, so war er in Verlegenheit, wohin er ziehen und sich durchschlagen sollte, nach Olynth oder nach Potidäa? Er beschloß jedoch, seine Leute so enge wie möglich zusammen zu ziehen, und im Sturmschritte nach Potidäa durchzubrechen. Er zog sich nun mit Mühe und von Pfeilschüssen verfolgt, längs dem Steindamme am Meere hin, verlor nur wenige Leute, und brachte die Meisten glücklich davon. Die Hülfsvölker der Potidäer, die auf der Seite von Olynth standen, welche Stadt ungefähr sechzig Stadien entfernt und dem Auge erreichbar liegt, rückten beim Anfange der Schlacht, als die Feldzeichen aufgepflanzt waren, eine kleine Strecke weit vor, in der Absicht, zu Hülfe zu kommen, und die Macedonischen Reiter stellten sich ihnen gegenüber auf, um dieß zu verhindern. Als aber der Sieg der Athener bald entschieden war, und die Feldzeichen wieder weggenommen wurden, so zogen sie sich wieder in die Festungswerke zurück, und die Macedonier zu den Athenerii. Reiterei war von beiden Seiten nicht in's Gefecht gekommen. Nach dem Treffen errichteten die Athener ein Siegeszeichen, und übergaben nach geschlossenem Stillstandsvertrage die Todten den Potidäern. Gefallen waren vor den Potidäern und ihren Bundesgenossen etwas weniger als dreihundert, von den Athenern selbst hundert und fünfzig, mit dem Anführer Katias.

64. Die Athener sperrten nun die Festungswerke Potidäa's, gegen die Landenge hin, durch eine Verschanzung, in welche sie eine Beratung legten. Die Seite gegen Pallene blieb ohne Belagerungsschanzen. Denn sie glaubten sich nicht stark genug, neben der Beratung auf der Landenge auch noch auf Pallene überzusetzen und Schanzen anzulegen: indem sie fürchteten, die Potidäer und ihre Bundesgenossen möchten, wenn sie ihre Macht theilten, über sie herfallen. Als nun die Athener in der Hauptstadt hörten, daß auf der Seite von Pallene keine Belagerungswerke sidy befinden, so sandten sie einige Zeit nachher sechzehnhundert von ihren eigenen Schwerbewaffneten mit Phormio, dem Sohne des Alopius, als Befehlshaber. Als dieser nach Pallene gekommen war, so wählte er die Straße von Aphytis her, und näherte sich, mit dem Heere allmählig vorrückend, und zugleich das Gebiet verwüstend, der Stadt Potidia. Da nun Niemand zum Widerstande heranrückte, so sperrte er durch Schanzen die Festungswerke auf der Seite von Pallene: und so wurde nun Potidäa von beiden Seiten und zugleich von der Seeseite durch Schiffe, die dort vor Anker stunden, ernsthaft belagert.

65. Aristeus aber, der nach der Einschließung keine Rettung hoffte, wenn nicht von Peloponnes oder sonst und vernuthete Hülfe käme, rieth, es sollten, ausser fünfhundert, alle Uebrigen günstigen Wind abwarten, und auslaufen, mit die Lebensmittel desto länger ausreichen möchten. Er selbst wollte unter den Zurückbleibenden sein. Als aber rein Vorschlag nicht genehmigt wurde; so wollte er dem zufolge seine Maßregeln nehmen, und auswärts die Verhältnisse so gut wie möglich ordnen; er lief daher, unbemerkt von den Wachposten der Athener, aus, und nahm seinen Standort im Gebiete der Chalcidier, und unter andern Kriegsunternehmungen, die er in Gemeinschaft mit ihnen machte, erlegte er viele Hermylier durch einen bei der Stadt aufgestellten Hinterhalt, und unterhandelte nach dem Peloponnes, auf welche Art ihm Unterstützung zukommen könnte. Nach der Einschließung Potidäa's aber verheerte Phormio mit jenen sechzehenhundert Mann Chalcidice und Pottiäa, und eroberte auch einige kleine Städte.

66. Dieß waren die früheren gegenseitigen Beschwerden der Athener und Peloponnesier von der Korinther Seite, daß die Athener ihre Pflanzstadt Potidäa und Korinthische und Peloponnesische Mannschaft daselbst belagerten: von Seiten der Athener gegen die Peloponnesier, daß diese eine ihr verbündete und zinsbare Stadt zum Abfalle verleitet, und in Verbindung mit den Potidäern in offenem Kampf gegen sie gestritten hätten. Doch war der Peloponnesische Krieg noch nicht völlig ausgebrochen, sondern die Sache wurde noch eine Zeitlang hinausgeschoben. Denn die Korinther hatten hierin für sich gehandelt.

67. Als aber Potidäa Belagert wurde, so wollten sie sich nicht länger ruhig verhalten, theils weil von ihrer Mannschaft dort eine Besatzung lag, theils weil sie auch wegen des Platzes selbst besorgt waren. Sie beriefen also sogleich die Bundesgenossen nach Lacedämon, und erhoben dort Klage gegen die Athener, daß diese die Verträge gebrochen hätten, und die Rechte' des Peloponneses verlebten. Hier trugen die Aegineten, welche zwar aus Furcht vor den Athenern nicht öffentlich, aber heimlich Gesandte schickten, sehr viel dazu bei, den Krieg anzuregen, indem sie behaupteten, daß gegen die Verträge ihre Unabhängigkeit verletzt sei. Die Lacedämonier aber beriefen dazu, wer sonst noch von ihren Bundesgenossen durch die Athener gekränkt zu sein behauptete, und veranstalteten unter sich die herkömmliche Versammlung, und foderten jene auf, ihre Sache vorzutragen. Unter andern, welche der Reihe nach ihre Beschwerden vorbrachten, traten auch die Megareer auf, und erklärten sich theils über manche andere streitige Punkte, theils und vornehmlich über die vertragswidrige Sperrung der Häfen in Attischen Gebiete und der Märkte in Attika. Zuletzt traten die Korinther auf, nachdem sie durch Andere zuvor die Lacedämonier zur Erbitterung hatten reizen lassen, und sprachen sofort in folgendem Sinne:

68. "Ihr Männer von Lacedämon, eure Redlichkeit in der eigenen innern Staatsverwaltung und im gesellschaftlichen Leben macht, daß ihr in Betreff Anderer etwas schwergläubig seid, wenn wir gegen sie etwas vorzubringen haben: und eben daher zeigt ihr, bei der Mäßigung, die ihr beobachtet, zu wenig Einsicht in auswärtigen Verhältnissen. Denn wiewohl wir oft vorher sagten, welche Kränkungen uns von den Athenern drohen, so mochtet ihr doch allemal über das Angezeigte keine nähere Kunde einziehen, sondern ihr hattet vielmehr die Klagenden im Verdacht, daß sie nur wegen ihrer besondern Zwiste so sprächen. Daher kommt es auch, daß ihr nicht vor erlittener Kränkung, sondern erst jetzt, da die That gegen uns schon geschehen ist, diese Bundesgenossen versammelt habt, vor welchen uns vornehmlich das Wort um so eher gebührt, je bedeutender unsere Beschwerden sind, da wir von den Athenern gemißhandelt und von euch vernachläßigt worden sind. Hätten sie im Verborgenen irgendwo Hellas beeinträchtigt, so wäre es nöthig, euch als Unkundige zu belehren: nun aber, wozu bedarf es eines langen Vortrags, da ihr sehet, daß einige von uns schon unterjocht sind, und andern durch sie dasselbe Schicksal droht, und zumal unsern Verbündeten, und daß die Athener seit langer Zeit auf den Fall eines Krieges gerüstet sind? Denn sonst würden sie nicht wider unsern Willen sich in Korcyra eingedrungen haben und Potidäa belagern: wovon dieses der gelegenste Platz ist, aus dem man für die Umgegend Thraciens Vortheile ziehen kann, jenes aber den Peloponnesiern eine sehr bedeutende Seemacht hätte liefern können."

69. Und von allem Diesem liegt die Schuld auf euch ; denn ihr habt geduldet, daß sie nach dem Perserkriege zuerst ihre Stadt befestigten, sodann die langen Mauern aufführten: und so habt ihr bis jetzt immer nicht nur denen, die von jenen unterjocht wurden, sondern auch bereits euren eigenen Bundesgenossen die Freiheit entzogen. Denn dieß thut eigentlich nicht sowohl der Unterjocher selbst, sondern der, welcher es verhindern könnte, und dieß versäumt, mag er auch den ehrenvollen Namen des Befreiers von Hellas tragen. Und kaum ist es jetzt, zu einer Versammlung gekommen, und auch jetzt noch nicht, als ob die Sache im Klaren wäre. Denn es sollte nun nicht mehr erst untersucht werden, ob wir Unrecht leiden, sondern wie wir uns dagegen verheidigen werden; denn der Thatkräftige geht mit gesatztem Entschlusse ungesäumt auf die Unentschiedenen los. Wissen wir ja doch, auf welchem Wege und wie die Athener allmählig gegen ihre Nachbarn vorwärts schreiten. So lange sie meinen, daß ihre Plane wegen eurer Gleichgültigkeit unenthüllt bleiben, so handeln sie weniger dreist: wenn sie aber sehen, daß ihr die Sache merket, und doch unthätig bleibet, so werden sie um so gewaltiger zugreifen. Ihr Lacedämonier seid ja die einzigen unter den Hellenen, die sich ruhig verhalten, und nicht mit Kriegsmacht, sondern durch Zögerung Andere abwehren: ihr suchet das Wachsthum der Feinde nicht in seinem Beginnen, sondern wenn es sich schon verdoppelt hat, zu unterdrücken. Mau rühmt zwar eure sichere Haltung: aber der Ruf hat die That überstiegen. Denn wir wissen ja, daß, als die Perser von den Grenzen der Erde her gegen den Peloponnes anrückten, von eurer Seite noch nicht einmal die angemessenen Gegenanstalten getroffen waren: und jetzt kümmert ihr euch nicht um die Athener, die nicht ferne, wie jene, sondern in der Nähe sind, und statt sie selbst anzugreifen, wollt ihr gegen ihren Angriff lieber vertheidigend zu Werke gehen, und im Kampfe gegen eine weit stärkere Macht es auf den Zufall ankommen lassen. Und doch wisset ihr, daß die Perser ihre meisten Unfälle durch eigne Schuld erlitten, und daß wir über die Athener selbst bisher oft mehr durch ihre Fehler, als durch eure Hülfe Vortheile erhalten haben. Denn die auf euch gesetzten Hoffnungen haben wohl schon Manchen, der sich wegen seiner Zuversicht nicht gehörig rüstete, zu Grunde gerichtet. Uebrigens glaube Niemand von euch, daß dieß mehr aus feindseliger Absicht, als Beschwerde zu führen, gesagt setz Denn Beschwerde findet statt gegen fehlende Freunde, Anklage aber gegen beeinträchtigende Feinde.

70. Zugleich glauben wir, eben sowohl als irgend Jemand, berechtigt zu sein, Pudere zu tadeln, zumal, da die Gegenstände, auf die es hier ankommt, so wichtig sind: für welche ihr keinen Sinn zu haben scheinet, indem ihr wohl noch nie erwogen habt, was für ein Volk die Athener sind, mit denen ihr es zu thun haben werdet, und wie sehr sie euch in Allem überlegen seien. Denn sie sind unter: nehmend, und rasch im Entwerfen und in der Ausführung alles dessen, was sie beschließen. Ihr aber sein stets nur bereit, das Bestehende zu erhalten, ohne etwas Weiteres zu unternehmen, auch wisst ihr nicht einmal das Nothwendige in der That durchzusetzen. Sie dagegen sind über ihre Kräfte thatlustig, sie wagen über Erwartung, und sind in Gefahren voll Hoffnung. Euch aber ist es eigen, in der Ausführung unter euren Kräften zu bleiben, selbst sichern Erwartungen nicht zu trauen, und keine Errettung aus der Gefahr zu hoffen. Vergleicht man ferner Beide, so sind sie rastlos thäthig, ihr aber langsam: sie reiselustig, ihr die größter Heimathfreunde: sie glauben durch Aufenthalt in der Fremde etwas zu gewinnen, ihr aber, durch einen Kriegszug sogar den vorhandenen Besitz zu schmälern. Gewinnen sie einen Vortheil über die Feinde, so verfolgen sie denselben so weit als möglich, werden sie besiegt, so wird ihr Muth nur wenig gebeugt. Ihre Leiber weihen sie dem Staate, als ob sie ihnen ganz fremd wären; der Geist aber, womit sie für das Vaterland wirken, ist ihr eigenstes Wesen. Wenn sie einen Plan nicht durchführen, so ist es ihnen, als rerlören sie ein Besitzthum: was sie im Kriege erringen, gilt ihnen als unbedeutender Gewinn gegen das, was ihren Unternehmen die Zukunft verspricht. Mißlingt ihnen irgend einmal ein Versuch, so richten sie dagegen ihre Hoffnung auf etwas anderes, und ihr Bedürfniß ist befriedigt. Denn bei ihnen allein fällt Besitz und Hoffen des Gegenstandes der Wünsche zusammen, weil sie rasch zur Ausführung aller ihrer Entschlüsse schreiten. Und dieses alles streben sie ihr ganzes Leben hindurch unter Mühsal und Gefahren zu erringen: auch genießen sie sehr wenig, was sie besitzen, weil sie stets nach Erwerb trachten, und kein anderes Fest kennen, als die Erfüllung ihrer Pflicht, und thatlose Ruhe nicht minder für ein Uebel halten, als mühselige Geschäftslast. Man könnte sie säher kurz und richtig so schildern: sie seier nach ihrer Gemüthsart dazu gemacht, weder selbst Ruhe zu haben, noch andern Menschen Ruhe zu lassen.

71. "Wiewohl nun ein solcher Staat euch, ihr Lacedamonier, gegenüber steht, so beharrt ihr doch in eurem Zaudern, und wollt euch nicht überzeugen, daß nur Denjenigen befriedigende und daurende Ruhe zu Theil werde, von welchen bei aller Beobachtung der Gerechtigkeit in ihren Rüstungen bekannt ist, daß sie den Vorsatz haben, Beleidigungen nicht zu dulden. Ihr aber setzet das Recht darein, daß man weder Andere kränke, noch bei der Selbstvertheidigung Nachtheil leide. Allein ihr würdet, selbst wenn ihr einen gleichgesinnten Staat zum Nachbar hättet, dieß schwerlich erreichen. Nun aber sind, wie wir bereits gezeigt haben, eure Grundsätze in Vergleich mit jenen ganz veraltet, da dody. hier, wie bei den Künsten, das Neuere stets die Oberhand gewinnen muß. So lange ein Staat in Ruhe bleibt, so ist unverrückte Beobachtung des Herkömmlichen für ihn das Beste: wird man aber genöthigt, Allerlei zu unternehmen, so bedarf's mancher künstlichen Nachbesserung. Daher ist auch: die Verfassung der Athener wegen ihrer vielseitigen Unternehmungen weit mehr als die Eurige erneuert worden. Setzet daher endlich eurer Langsamkeit Grenzen, und kommet jetzt sowohl den Uebrigen als besonders den Potidäern, eurem Versprechen gemäs, durch einen Einfalt in Attika zu Hülfe, damit ihr nicht Befreundete und Stammesverwandte ihren größten Feinden Preis gebet, und uns Uebrige durch Entmuthigung nöthiget, eine andere Bundesgenossenschaft zu suchen. Wir würden dabei weder vor den Göttern, die über den Eidschwüren wachen, noch vor Menschen, denen diese Kunde zukäme, unrecht handeln. Denn bundbrüchig ist nicht, wer sich in einer verlaßnen Lage an Andere anschließt, sondern wer denen nicht beisteht, die zu demselben Bunde geschworen haben. Zeigt ihr euch, willfährig, so werden wir bei euch bleiben; denn durch einen Bundeswechsel würden wir eine heilige Pflicht verlegen, auch könnten wir keine andere so gleich gesinnte Verbündete wieder finden. Faßt nun dem zu: folge einen angemessenen Entschluß, und bemüht euch, daß der Peloponnes unter eurer Leitung nicht minder mächtig bleibe, als eure Väter ihn euch hinterlassen haben."

72. Dieß war der Vortrag der Korinther. Von den Athenern, aber war gerade vorher schon eins Gesandtschaft wegen anderer Angelegenheiten in Lacedämon anwesend. Als diese nun von jenen Vorträgen hörten, so glaubten sie vor den Lacedämoniern auftreten zu müssen, nicht, um sich in irgend einem Punkte wegen der Beschwerden zu entschuldigen, welche die Städte gegen sie vorbrachten, sondern um sie aufmerksam zu machen, daß sie über das Ganze nicht einen zu raschen Beschluß fassen, sondern die Sache weiter überlegen sollen. Zugleich wollten sie andeuten, wie groß die Macht ihres Staats sei, und die Bejochtenen an das erinnern, was sie schon erlebt hatten, die Jüngern aber belehren über das, was sie noch nicht wußten, in der Hoffnung, sie würden sich durch ihre Gründe bestimmen lassen, die Ruhe dem Kriege vorzuziehen. Sie wandten sich also an die Lacedämonier mit der Bitte, daß auch sie vor dem Volke reden dürften, wenn kein Hinderniß vorhanden wäre. Man erlaubte um den Athenern, aufzutreten, und sie hielten folgenden Vortrag:

73. "Wir sind zwar nicht zur Widerlegung eurer Bundesgenossen, sondern wegen des Zweckes unserer Sendung von unserer Stadt abgeordnet. Da wir aber vernommen haben, daß man ein großes Geschrei gegen uns erhebe, so treten wir auf, nicht, um uns gegen die Beschwerden der Städte zu vertheidigen (denn einen solchen Vortrag hätten wir nicht vor Euch, da ihr weder über uns, noch über sie Richter seid, zu halten), sondern damit ihr nicht in einer so wichtigen Sache durch die Bundesgenossen euch zu leicht hinreißen lasset, einen nachtheiligen Beschluß zu fassen. Zugleich wollen wir wegen der sämmtlichen gegen uns aufgestellten Behauptungen darthun, daß wir nicht mit Unrecht das haben, was wir besitzen, und daß unsere Stadt Rücksicht verdiene. Und wozu sollten wir die ältesten Begebenheiten erwähnen, für welche mehr die Sage, als die Anschauung der Zuhörer zeugen kann? Die Perserkriege aber, und was davon Euch selbst schon bekannt ist, müßen wir, sollte es auch minder angenehm sein, stets auf's neue euch vorhalten und anführen. Denn als wir jene Thaten verrichteten, so galt der Kampf solche Vortheile, an denen ihr in der That auch euren Antheil hattet. Daher wollen wir unsererseits das Recht, darüber zu sprechen, wenn es einigen Nutzen hat, uns nicht ganz nehmen lassen. Es soll dieß aber gesagt sein, nicht sowohl, um uns zu rechtfertigen, sondern zum Zeugniß und Beweise, was es für ein Staat sei, mit den ihr, wenn ihr keinen vernünftigen Beschluß fasset, in Kampf gerathen werdet. Denn wir rühmen uns, bei Marathon allein Vorkämpfer gegen die Perser gewesen zu sein: und als sie zum zweiten Male anrückten, und wir nicht stark genug waren, ihnen zu Lande die Spitze zu bieten, so ging unser ganzes Volk zu Schiffe, und half die Seeschlacht bei Salamis liefern. Dieß war es, was die Barbaren abhielt, bei den einzelnen Städtenumherzuschiffen, und den Peloponnes zu verheeren; denn man hätte dort nicht Macht genug gehabt, gegen eine so starke Flotte einander zu Hülfe zu kommen. Den entscheidendsten Beweis aber für jene Behauptung gab der Perserkönig selbst: denn als er die Seeschlacht verloren, zog er sich, überzeugt, daß seine Macht der vorigen nicht mehr gleich sei, eilig mit dem größern Theile seines Heeres zurück."

74. "Bei diesem Verlaufe jener Begebenheit, wobei es sich deutlich zeigte, daß das Schicksal der Griechen von der Flotte abhieng, haben wir in drei Rücksichten wesentlich zum glücklichen Erfolg mitgewirkt, durch die größte Zahl von Schiffen, durch den einsichtsvollsten Anführer, und durch den unverdrossensten Eifer. Denn wir stellten zu den vierhundert Schiffen nicht viel weniger als zwei Drittheile, und den Themistokles als Befehlshaber, der am meisten dazu beitrug, daß in der Meerenge die Seeschlacht geliefert wurde; was unstreitig der Sache eine günstige Wendung gab. Ihr selbst habt ihm ja deshalb vor allen Fremden, die je euch besuchten, die größte Ehre erwiesen. Wir haben aber auch den entschlossensten Eifer erprobt. Denn als uns zu Lande Niemand Hülfe leistete , als die Uebrigen bis an unsere Grenze sich bereits unterworfen hatten, so entschlossen wir uns, unsere Stadt zu verlassen, unsere Habe der Zerstörung preiszugeben, und doch nicht dem Vereine der übrigen Bundesgenossen und zu entziehen, noch durch Zerstreuung uns ihnen unbrauchbar zu machen, sondern die Schiffe zu besteigen, und den Kampf zu wagen, ohne darüber zu grollen, daß ihr uns früher nicht zu Hülfe kamet. Daher behaupten wir, euch eben so viele Vortheile verschafft zu haben, als wir (durch euch) erlangten. Denn ihr rücktet aus bewohnten Städten, um ihren Besitz auch ferner zu behaupten, in's Feld, da ihr für euch und nicht eigentlich für uns fürchten mußtet; wenigstens erschienet ihr nicht auf dem Kampfplatze, so lange unsere Stadt noch stand. Wir aber, die wir auszogen aus einer Stadt, die nicht mehr war, und kämpften für eine Heimath, die nur noch auf schwachen Hoffnungen beruhte, halfen doch euch und uns selbst erretten. Hätten wir dagegen früher, wie die Andern, aus Furcht für unser Land, uns an die Perser angeschlossen, oder hätten wir später, uns für vernichtet achtend, nicht den Muth gehabt, die Schiffe zu besteigen, so wäre ein Seetreffen von eurer Seite, aus Mangel an einer hinlänglichen Flotte, zwecklos gewesen, und den Persern wäre ihr Unternehmen ungehindert und nach Wunsche gelungen."

75. ,,Sollten wir also, ihr Lacedämonier, theils wegen des damals bewiesenen Eifers, theils wegen der einsichtsvollen Plane nicht verdienen, daß die Herrschaft, die wir besitzen, nicht so sehr Gegenstand des Neides für die Hellenen wäre? Haben wir sie doch nicht durch Zwang erhalten, sondern weil ihr, was im Perserkriege noch zu thun übrig war, nicht ferner leiten wolltet, und weil die Verbündeten sich an uns anschlossen, und aus ersuchten, ihre Auführer zu werden. Durch die Natur der Sache wurden wir zuerst gezwungen, unsere Herrschaft auf diesen Punkt zu bringen, vornehmlich wegen unserer Sicherheit, sodann aber auch der Ehre, und später unseres Vortheils wegen. Wirklich schien es unsere Sicherheit nicht mehr zu gestatten, daß wir das Band der Herrschaft loser werden zu lassen wagten, da wir mit den Meisten verfeindet, und einige Abtrünnige bereits bezwungen waren, und ihr nicht mehr, wie zuvor, mit uns befreundet, sondern argwöhnisch und im Zweifel waret. Denn die Abgefallenen hätten sich an euch angeschlossen. Niemand aber wird es verdenken, wenn man seinen Vortheil gegen die bedenklichsten Gefahren sichert."

76. Ihr Lacedāmonier habt wenigstens eure Vorsteherdschaft so geführt, daß ihr den Staaten in Peloponnes eine eurem Vortheile gemäße Verfassung gabet. Und hättet ihr damals die ganze Oberleitung behauptet, und euch dabei, wie wir, verhaßt genacht, so wäret ihr sicher den Bundesgenossen nicht weniger lästig geworden, und genothigt gewesen, entweder mit Nachdruck zu herrschen, oder selbst Alles auf's Spiel zu setzen. So haben denn auch wir nicht auffallend, noch der menschlichen Weise entgegen gehandelt, indem wir die angetragene Oberherrschaft annahmen, und durch die dringendsten Beweggründe, Ehre, Furcht und Vortheil bestimmt, nicht schlaffer werden ließen. Waren wir doch nicht die Ersten, die dieses unternahmen; sondern es ist längst hergebracht, daß der Schwächere von dem Mächtigern beschränkt wird. Auch waren wir nach unserem und eurem Urtheile dessen würdig. Nur jetzt wollt ihr, euren Vortheil in Berechnung zierend, den rechtlichen Gesichtspunkt geltend machen: und doch hat wohl noch nie Jemand, wenn er durch Gewalt etwas erringen konnte, jenem der Vorzug gegeben, und sich abhalten lassen, seinen Vortheil zu verfolgen. Lob verdienen dabei die, welche bei der Befriedigung der den Menschen natürlichen Neigung, über Andere zu herrschen, doch gerechter handeln, als ihre erworbene Macht es gestatten würde. Wir glauben wenigstens, wenn Andere an unsere Stelle treten würden, so würde sich am besten zeigen, ob wir mit Mäßigung handeln. Uns aber hat, was höchst unbillig ist, unser mildes Benehmen mehr Tadel als Lob zugezogen."

77. "Wenn schon bei den durch Vertragsgerichte zu schlichtenden Rechtshandeln mit unsern Bundesgenossen gegen uns entschieden wird, und wir auch vor unseren eigenen Gerichten nach gemeinsamen Gesetzen dein Rechte gegen jene seinen Lauf lassen; so gelten wir doch für streitsüchtig: und Niemand denkt daran, daß denen, die anderswo eine Herrschaft besitzen, und gegen ihre Untergebenen weniger gemäßigt als wir handeln, dieß nicht vorgeworfen wird. Die nämlich, welche Gewalt brauchen könnten, hätten nicht nöthig, einem Rechtsspruche sich zu unterwerfen. Jene aber sind gewohnt, nach dem Verhältnisse der Gleichheit mit uns zu verkehren. Wenn sie daher in irgend etwas, wie sie weinen, gegen die Gebühr, durch einen Spruch oder durch die Macht, welche die Herrschergewalt mit sich bringt, in Nachtheil gesetzt werden, so wissen sie es uns keinen Dank", daß man ihnen nicht noch mehr entzogen hat; sondern sie sind über den geringfügigen Verlust weit mehr ungehalten, als wenn wir von Anfang an gesetzlos gehandelt, und zu unserem Vortheil , offenbare Gewalt gebraucht hatten. In jenem Falle würden euch sie die Einwendung nicht gemacht haben, es zieme sich nicht, daß Mindermächtige dem Stärkern nachgebe. Es scheint nämlich, daß die Menschen weit mehr darüber aufgebracht werden, wenn sie ihre Rechte gekränkt glauben, als wenn ihnen Gewalt geschieht: denn jenes, weil es von ihres Gleichen kommt, gilt ihnen als Uebervortheilung; dieses aber, als vom Stärkeren kommend, als Nothwendigkeit. Als ihnen nämlich durch die Perser weit Aergeres widerfuhr, so ließen sie sich's gefallen; unsere Oberherrschaft aber scheint ihnen unerträglich: und dieß ist leicht begreiflich. Denn die gegenwärtige Lage erscheint den Unterworfenen stets drückend. Solltet aber ihr durch den Sturz unserer Macht die Herrschaft erhalten, so würde die Zuneigung, die ihr wegen der Furcht vor uns euch erworben, bald herabgestimmt werden: wenn ihr anders auch jetzt noch eben die Grundsätze habt, die ihr während eures kurzen Oberbefehls gegen die Perser an den Tag legtet. Denn ihr habt für euch Gesetze und Sitten, die mit andern nichts gemein haben: und dazu verfährt jeder von eud), der in das Ausland kommt, weder nach jenen, noch nach Dem, was in dem übrigen Hellas herkömmlich ist.“

78. „Ueberleget also die Sache langsam, da sie nicht unbedeutend ist. Ladet nicht durch Nachgiebigkeit gegen fremde Meinungen und Beschwerden euch selbst Ungemach auf. Erwäget zuvor, wie manches Unerwartete in einem Kriege sich ereignet, bevor ihr euch in denselben einlasset. Denn wenn ein Krieg sich in die Länge zieht, so pflegt in ihm Manches sich durch Glückswechsel anders zu wenden, welche dem Einen so nahe als dem Andern liegen: und, wohin das Glück sich auch neigen mag, so wagt man ein ungewisses Spiel. Bei der Unternehmung eines Kriegs beginnt man gewöhnlich mit Thätlichkeiten, zu denen man erst später schreiten sollte : und erst bei erlittenen Unfällen fängt man an zu überlegen. Wir aber, die wir einen solchen Fehler noch nicht begangen, noch bei euch, denselben bemerkt haben, fordern euch auf, so lang vernünftige Berathung für beide Theile noch offen steht, den Vertrag nicht zu brechen, noch die Eide zu übertreten, die streitigen Punkte aber auf rechtlichem Wege vertragsmäßig zu erledigen. Wo nicht, so werden wir die Götter, die den Meineid. rächen, zu Zeugen anrufen, und uns gegen euch, wenn ihr den Krieg beginnet, auf die Art, wie ihr das Beispiel gebet, zu vertheidigen suchen.“

79. Dieß war der Vortrag, der Athener. Nachdem nun die Lacedämonier die Beschwerden der Bundesgenossen gegen Athen und die Rede der Athener angehört hatten, ließen sie die übrigen bei Seite treten, und berathschlagten für sich über den vorliegenden Gegenstand. Die Meinung der Meisten vereinigte sich nun dahin, daß die Athener Unrecht haben, und man in Bälde zum Kriege schreiten müsse. Archidamus aber, ihr König, der für einen verständigen und gemäßigten Mann galt, hielt folgende Rede:

80. "Wie ich selbst schon, ihr Lacedämonier, die Erfahrung mancher Kriege gemacht habe, so erblicke ich auch unter euch, so viel eurer meine Altersgenossen sind, solche Männer. Keiner von diesen wird daher aus Unerfahrenheit, was der Fall bei dem großen Haufen sein möchte, oder weil er etwa den Krieg an sich für gut und gefahrlos hielte, ein solches Ereigniß herbeiwünschen. Betrachtet man aber den Krieg, über den ihr jetzt berathschlagt, mit vernünftiger Mäßigung, so werdet ihr wohl finden, daß er von großerWichtigkeit ist. Unsere Macht ist zwar den Peloponnesiern und den Grenznachbarn ziemlich gewachsen, und hier ist es möglich, alle Punkte schnell zu erreichen. Aber gegen Männer, die ein entlegenes Land bewohnen, die überdieß des Seewesens sehr kundig sind, die mit allein Uebrigen auf das Beste ausgerüstet sind, mit Wohlhabenheit der Einzelten und einem reichen Schabe, mit Schiffen, Pferden, Waffen und einer Bevölkerung, wie sie in keinem andern Hellenischen Sande sich findet, die endlich viele zinsbare Bundesgenossen haben, - wie sollte man gegen solche leichthin einen Krieg unternehmen? Worauf vertrauend könnten wir unvorbereitet die Sache übereilen? Etwa auf Schiffe? aber darin sind wir die Schwächeren: und wollten wir uns erst üben, und Gegenrüstungen machen, so wird dazu lange Zeit erfordert. Oder auf Geldmittel? Aber darin stehen wir noch weit mehr hinter ihnen zurück: wir haben solche weder im öffentlichen Schatze, noch bringen wir sie leicht aus dem Vermögen der Einzelnen zusammen."

81. "Vielleicht aber möchte man sich darauf verlassen, daß wir an Waffen und Volksmenge ihnen überlegen sind, so daß wir durch Einfälle ihr Gebiet verheeren können. Allein sie haben viele andere Länder unter ihrer Hoheit, und werden zur See ihre Bedürfnisse einführen. Versuchen wir ferner ihre Bundesgenossen zum Abfalle zu reizen, so werden wir nach diesen mit einer Flotte zu Hülfe kommen müssen, da sie meist Inselbewohner sind. Was wird das also für ein Krieg für uns werden ? Wenn wir nicht zur See siegen, oder die Einkünfte, womit sie ihre Seemacht erhalten, ihnen entziehen, so werden wir meist im Nachtheile sein. Und in diesem Falle könnten wir ehrenhalber nicht einmal mehr die Sache beizulegen suchen, zumal, wenn wir eigentlich für die Urheber des Zwiespalts gelten werden. Denn lasset uns ja nicht der stolzen Hoffnung uns hingeben, der Krieg werde bald zu Ende sein, wenn wir ihr Land verwüsten. Ich fürchte vielmehr, wir möchten ihn auch noch unsern Kindern hinterlassen: so wahrscheinlich ist es, daß die Athener bei ihrem Selbstgefühle weder ihnen Lande zu Liebe sich erniedrigen, noch als Unerfahrne durch einen Krieg sich werden schrecken lassen."

82. "Jedoch ist meine Meinung nicht, daß ihr unsere Bundesgenossen gleichgültig kränken lassen, oder die Uebelgesinnten ihrer Plane nicht überführen sollet. Nur rathe ich noch nicht, die Waffen zu ergreifen, sondern Gesandte zu schicken, und Beschwerde zu führen: ohne den Krieg zu laut anzukündigen, doch so, daß wir zu erkennen geben, wir wer: den uns nicht alles gefallen lassen. Indessen sollten wir unsere eigene Macht rüsten, theils dadurch, daß wir Bundesgenossen von Hellenen und Barbaren an und ziehen, wenn wir irgendwoher eine Verstärkung an Seemacht und Geld uns verschaffen können: man kann es uns nämlich nicht verdenken, wenn wir Alle, die wir, wie es mit uns der Fall ist, einen Angriff von Athen befürchten müssen, durch Verbindung mit Barbaren sowohl als Hellenen uns zu retten suchen. Zugleich müssen wir aber auch unsere eigenen Hülfsmittel hervorsuchen. Hören sie die Vorstellungen unserer Gesandten, so ist dieß das Beste: wo nicht, so können wir, wenn wir sodann besser gerüstet sind, nach zwei oder drei Jahren, wofern eo uns beliebt, sie angreifen. Und wenn sie dann unsere Zurüstung sehen, und unsere ihr entsprechenden Vorstellungen vernehmen, so werden sie vielleicht lieber nachgeben wollen, ehe noch ihr Land verheert wird, während sie noch über ihre Habe im ungeschmälerten Besitze derselben berathschlagen können. Denn ihr Gebiet müßt ihr, wenn ihr es besetzet, blos als Unterpfand ansehen, um so mehr, je besser es angebaut ist. Man muß dasselbe so viel wie möglich schonen, und nicht dadurch, daß man sie zur Verzweiflung bringt, ihre Besiegung sich erschweren. Denn wenn wir, durch die Beschwerden der Bundesgenossen zur Eile veranlaßt, jenes Gebiet ohne gehörige Rüstung verheeren, so sehet zu, daß wir nicht mit den Peloponnes größere Schmach und Noth zuziehen. Denn Beschwerden von Staaten und Einzelnen lassen sich erledigen; wenn wir aber besonderer Ursachen wegen insgesammt einen Krieg, dessen Ausgang ungewiß ist, unternehmen, so ist es nicht so leicht, denselben wieder ehrenvoll beizulegen."

83. "Niemand aber halte es für Feigheit, wenn wir mit unserer Ueberzahl jene einzelne Stadt nicht sogleich ans greifen. Denn auch sie haben keine geringere Zahl von Bundesgenossen, welche ihnen Geldbeiträge geben: und bei einem Kriege kommt es nicht sowohl auf Waffen, als auf die Gelds mittel an, wodurch die Waffen erst wirksam werden, zumal bei einer Landmacht gegen eine Seemacht. Wir wollen und also zuerst Geld verschaffen, und nicht zuvor durch die Reden der Bundesgenossen uns aufreizen lassen. Da man vornehmlich und den Erfolg, von welcher Art er auch sei, zuschreiben wird, so wollen wir ihn auch zuvor einigermaßen mit Ruhe überdenken."

84. "Auch habt ihr euch der Langsamkeit und des Zögerns, woraus man uns einen so großen Vorwurf macht, nicht zu schämen. Denn wenn ihr euch übereilet, so würdet ihr wegen des unvorbereiteten Unternehmens desto später an's Ziel kommen. Ferner haben wir uns im ungestörten Besitze einer freien und hochberühmten Vaterstadt erhalten. Auch mag wohl unsere Langsamkeit hauptsächlich in kluger Mäßigung bestehen. Denn eben darum sind wir allein im Glücke nicht übermüthig, und lassen uns durch das Mißgeschick weniger als Andere beugen. Will man uns durch Lobsprüche zu gefährlichen Unternehmungen reizen, so lassen wir uns nicht durch das Schmeichelhafte derselben hinreißen, gegen unsere Grundsätze zu handeln. Will man uns durch Vorwürfe erbittern, so lassen wir uns eben so wenig durch Unwillen umstimmen. Unser gesetztes Wesen macht uns eben sowohl kriegerisch als wohlbedachtsam: kriegerisch, weil Ehrgefühl mit vernünftiger Mäßigung, und Muth mit Ehrgefühl nahe verwandt ist: vorsichtig - klug, weil wir zu einfach erzogen sind, als daß wir die Gesetze verachten sollten, und zu strenge zur Bescheidenheit angehalten werden, als daß wir uns ihnen nicht fügen sollten. In unwesentlichen Dingen nicht sehr erfahren, bestreiten wir die Anstalten unserer Feinde nicht blos mit schönen Worten, ohne sie durch entsprechende That anzufechten. Wir glauben, daß die Plane Anderer eben so klug, wie die unsrigen sind, und daß Glücksfälle sich nicht durch Worte bestimmen lassen. Wir rüsten uns vielmehr stets thatkräftig gegen unsere Gegner, in der Voraussetzung, daß sie sich vorsichtig berathen haben. Denn wir dürfen unsere Hoffnungen nicht auf die künftigen Fehler der Feinde, sondern auf unsere eigenen zuverlässigen Vorsichtsmaßregeln gründen: auch wähne man nicht, daß ein Mensch von dem andern so sehr unterschieden sei: vielmehr halte man den für den Besten, der im Wesentlichsten ausgebildet ist.“

85. "So wollen wir denn diese Grundsätze des Handelns, die von unsern Vätern sich auf uns vererbt, und die wir stets zu unserem Vortheile behauptet haben, nicht aufs geben, und nicht in der kurzen Frist eines Tages uns über: eilen lassen, sondern ruhig einen Beschluß fassen: da es so viele Menschen, Schätze, Städte und unsere Ehre gilt. Wir können dieß mehr als Andere um unserer eigenen Stärke willen thun. Schicket nun an die Athener eine Botschaft wegen Potidäa, und wegen der Beeinträchtigungen, welche nach ihrer Behauptung die Bundesgenossen erlitten haben: zumal da sie selbst bereitwillig sind, die Sache auf dem Rechtswege zu verhandeln. Wer dieß thut, den darf mau gesetzlich nicht vorher als Rechtsverletzer angreifen. Zugleich wollen wir uns aber auch zum Kriege rüsten. So werdet ihr den besten Entschluß fassen, der zugleich den Gegnern am meisten furchtbar sein wird.“ Also redete Archidamus. Zuletzt aber trat Athenelaidas auf, der damals unter den Ephoren war, und sprach also zu den Lacedämoniern:

86. Das lange Gerede der Athener kann ich nicht begreifen. Sie haben sich selbst eine große Lobrede gehalten, ohne im geringsten die Behauptung zu widerlegen, daß sie gegen unsere Bundesgenossen und den Peloponnes Unrecht gethan haben. Haben sie sich ehmals gegen die Perser brav gehalten, und jetzt an uns schlecht gehandelt, so verdienen sie vielmehr doppelte Züchtigung, weil sich ihre Rechtschaffenheit in Schlechtigkeit verkehrt hat. Wir aber sind noch dieselben, wie damals ; und wenn wir vernünftig sind, werden wir nicht dulden, daß unsern Bundesgenossen Unrecht geschehe, sondern ihnen ungesäumt rächende Hülfe bringen. Säumt man ja doch auch nicht mit ihrer Bedrückung. Andere mögen viele Schätze, Schiffe und Rosse haben: wir haben brave Bundesgenossen: diese dürfen wir den Athenern nicht preisgeben, noch durch Rechtsverhandlung und Worte die Sache erledigen, da auch sie nicht durch Worte gekränkt sind. Hier bedarf's vielmehr schneller und nachdrücklicher Rache. Niemand wolle uns hier belehren, daß wir die Beleidigten und lange berathschlagen sollten. Nein! es ziemt sich vielmehr für die Beleidiger, sich lange zu bedenken. Stimmt also, ihr Lacedämonier, wie es Sparta’s würdig ist, für den Krieg, und duldet nicht, daß die Athener ihre Macht vergrößern. Auch unsere Bundesgenossen wollen wir nicht aufs opfern, sondern mit der Götter Hülfe ausziehen gegen die Unterdrücker.

87. Nachdem er dieß gesprochen, ließ er, da er selbst Ephore war, die Versammlung der Lacedämonier zur Abstimmung schreiten. Diese geben ihre Stimmen nicht durch Stimmzeichen, sondern durch Zuruf ab. Er sagte nun, er könne nicht unterscheiden, welche Meinung die meisten Stimmen für sich habe: und um durch offenkundige Stimmgebung sie noch mehr zum Kriege zu reizen, sprach er: Wer von euch, ihr Lacedämonier, dafür hält, daß der Vertrag gebrochen sei, und die Athener Unrecht haben, der trete auf jene Seite (dabei wies er ihnen einen Platz): und wer nicht dieser Meinung ist, gehe auf die andere Seite. Sie erhoben sich nun, und traten auf verschiedene Seiten: und die Zahl derer, die den Vertrag für gebrochen erklärten, war bei weitem die stärkere. Man rief nun die Bundesgenossen herbei, und erklärte ihnen, man sei der Meinung, daß die Athener Unrecht haben: man wolle aber sämmtliche Bundesgenossen einladen und abstimmen lassen, damit sie nach gemeinsamer Berathung, wenn die Sache genehmigt würde, den Krieg beginnen. Nachdem sie diese Verhandlung beendigt, gingen sie nach Hause: ebenso die Athenischen Gesandten, nach Ausrichtung des Geschäfts, wegen dessen sie hergekommen waren. Diese Entscheidung der Versammlung, daß der Friede gebrochen sei, erfolgte [432 vor Chr.) im vierzehnten Jahre nach dem Friedensschlusse, der nach dem Euböischen Kriege auf 30 Jahre zu Stande gekommen war.

88. Die Lacedämonier faßten aber den Beschluß, daß der Friede gebrochen, und Krieg anzufangen sei, nicht sowohl aus Nachgiebigkeit gegen die Vorstellungen der Bundesgenossen, als aus Furcht vor den Athenern, diese möchten ihre Macht zu sehr vergrößern, da sie sahen, daß bereits die meisten Gegenden von Hellas von denselben abhängig waren.

89. Die Athener waren nämlich auf folgende Weise in die Lage gekommen, ihre Macht zu vermehren. Nachdem die Perser, zur See und zu Lande von den Hellenen geschlagen, aus Europa sich zurückgezogen, und diejenigen, welche mit der Flotte nach Mykale geflohen, vernichtet waren (479 v. Chr.), so begab sich Leotychides, König der Lacedämonier, und Anführer der Hellenen bei Mykale, nebst den Verbündeten vom Peloponnes in die Heimath zurück. Die Athener aber, und die vom Perserkönig bereits abgefallenen Bundesgenossen aus Ionien und dem Hellesponte, blieben zurück, und belagerten Sestus, das die Perser inne hatten: überwinterten da, und eroberten den Platz, nachdem die Perser ihn verlassen hatten. Hierauf regelten sie vom Hellesponte weg, jeder in sein Vaterland. Die Staatsbehörde der Athener aber ließ, nachdem die Barbaren aus ihrem Lande abgezogen waren, sogleich die Kinder und Weiber und was von der beweglichen Habe noch vorhanden war, aus den Orten, wohin man jene in Sicherheit gebracht, herüberholen, und traf Anstalten, die Stadt und die Mauern wieder aufbauen zu lassen. Denn von der Ringmauer war nur ein kleiner Theil stehen geblieben, und die meisten Häuser waren eingestürzt, und nur wenige noch übrig, in welchen die angesehensten der Perser selbst sich aufgehalten hatten.

90. Als die Lacedämonier nun von diesem Vorhaben Kunde erhielten, so schickten sie eine Gesandtschaft, einestheils, weil sie es lieber gesehen hätten, wenn weder Athen noch sonst eine Stadt eine Festung wäre, anderntheils und vornehmlich, weil ihre Bundesgenossen sie aufgereizt hatten, aus Furcht vor der großen Seemacht der Athener, die vor Kurzem noch nicht vorhanden gewesen, und vor ihrem Unternehmungsgeiste, den sie im Persischen Kriege erprobt hatten. Sie verlangten also, die Athener sollten ihre Stadt nicht befestigen, sondern lieber die Ringmauern der Städte außerhalb des Peloponneses, wo sich solche fanden, ihnen niederreißen helfen. Dabei ließen sie ihre eigentliche Absicht und das Argwöhnische ihrer Gesinnung gegen die Athener nicht merken, sondern erklärten sich nur dahin, daß man den Persern, wenn sie wieder einfallen sollten, keinen festen Stützpunkt für ihre Angriffe, wie neuerlich Theben gewesen, lassen müsse: der Peloponnes biete für alle einen hinreichenden Zufluchtsort und Rückhalt für Kriegsunternehmungen dar. Auf den Rath des Themistokles fertigten nun die Athener nach diesem Vortrage die Lacedämonier sogleich mit der Antwort ab, daß man an sie wegen des vorgebrachten Gegenstandes eine Botschaft schicken werde. Sodann rieth Themistokles, man sollte ihr selbst sobald wie möglich nach Sparta senden, und noch andere ihm beizuordnende Gesandte wählen, diese aber nicht sogleich abschicken, sondern so lange zurückbehalten, bis die Mauer zu hinlänglicher Höhe gebracht wäre, um sich von ihr herab für den Nothfall vertheidigen zu können. Indessen sollten alle Einwohner ohne Unterschied, Männer, Weiber und Kinder an dem Mauerbau arbeiten, und kein eigenes noch öffentliches Gebäude schonen, sondern alles abtragen, was man irgend zu dem Werte brauchen könne. Nachdem er ihnen diese Weisung und den Wink gegeben hatte, daß er selbst das Uebrige dort erledigen wolle, reiste er ab. Bei feiner Ankunft in Sparta meldete er sich nicht bei der Regierung, sondern wartete unter allerlei Vorwänden: und wenn ihn jemand von den Staatsbeamten. fragte, warum er nicht öffentlich, auftrete, so sagte er, er erwarte seine Mitgesandten, die eines Geschäftes wegen zurückgeblieben seien: er hoffe jedoch, daß sie in Bälde eintreffen werden, und wundere sich, daß sie noch nicht da seien.

91. Sie hörten dieß an, und glaubten dem Themistokles aus Freundschaft für ihn. Aber als Andere ankamen, und die bestimmte Anzeige brachten, daß die Mauer gebaut werde, und bereits eine gewisse Höhe zu erreichen anfange: so konnten sie nicht länger zweifeln. Als Themistokles dieß erfuhr, so bat er sie, sich nicht durch Gerüchte hintergehen zu lassen, sondern lieber rechtliche Männer aus ihrer Mitte abzuordnen, welche die Sache untersuchen und ihnen treuen Bericht erstatten rollten. Sie sandten nun solche ab: Themistokles aber ließ heimlich die Athener wissen, sie rollen dieselben mit so wenig Aufsehen als möglich zurückbehalten, und nicht entlassen, bis auch ihre Gesandte zurückgekehrt wären. Denn bereits waren seine Mitgesandten angelangt, Abronychus, der Sohn des Lysikles, und Aristides, der Sohn des Lysimachyus, welche die Nachricht brachten, die Mauer sei schon weit genug gediehen. Er befürchtete nämlich, die Lacedämonier möchten, wenn sie genaue Kunde erhielten, sie nicht mehr ziehen lassen. Die Athener hielten nun jene Gesandten, seiner Weisung gemäß, zurück. Jetzt trat Themistokles vor den Lacedämoniern mit der offenen Erklärung auf, seine Stadt sei bereits soweit befestigt, daß sie ihre Bewohner gehörig schützen könne. Wollten die Lacedämonier oder ihre Verbündeten mit ihnen durch Gesandte unterhandeln, so sollten sie in Zukunft dabei nicht vergessen, daß die Athener selbst zu unterscheiden wissen, was ihnen selbst vortheilhaft, und was gemeinsame Sache der Griechen sei. Damals, als sie für zweckmäßig erachtet, ihre Stadt zu verlassen und sich einzuschiffen, hätten sie, ohne die Lacedämonier beizuziehen, ihren Entschluß gefaßt, und auss zuführen gewagt: so oft sie dagegen mit ihnen gemeinschaftlich sich berathen, so habe es sich gezeigt, daß sie an Einsicht keinem nachgestanden. So halten sie es denn auch jetzt für zweckmäßig, daß ihre Stadt eine Mauer habe, und dieß werde für ihre Mitbürger insbesondere und im allgemeinen für ihre Bundesgenossen vortheilhafter rennt; denn es sei nicht möglich, ohne gleich starke Vertheidigungsmittel einen übereinstimmenden oder gleichen Beschluß für das gemeine Wohl zu fassen. Entweder müssen alle Verbündeten ohne Festungswerke sein, oder man müsse auch das genehmigen, was hier geschehen sei.

92. Als die Lacedämonier dieß vernommen, so ließen sie zwar ihren Unwillen gegen die Athener nicht laut werden: denn sie wollten ja, nicht um die Sache zu hintertreiben, sondern um ihre berathende Ansicht zum gemeinen Besten mitzutheilen, die Gesandtschaft abgeordnet haben; auch waren sie gerade damals noch den Athenern wegen des gegen die Perser bewiesenen Eifers in hohem Grade gewogen. Doch behielten sie, wegen der verfehlten Absicht, einen geheimen Groll.“ Die beiderseitigen Gesandten kehrten hierauf ohne weitere Einsprache nach Hause zurück.

93. Auf diese Art befestigten die Athener ihre Stadt in kurzer Zeit. Und noch heut zu Tage ist an der Bauart die Eile sichtbar, mit welcher die Sache betrieben wurde. Denn die Grundmauern sind aus allerlei Steinen aufgeführt, die an einigen Stellen nicht behauen sind, sondern so, wie jeder sie gerade herbeischaffte. Es wurden auch viele Säulen von Denkmälern und bereits bearbeitete Steine mit eingefügt. Denn die Ringmauer wurde überall weiter hinausgeführt, als die Stadt bisher reichte. Daher trug man in der Eile alles ohne Unterschied ab. Themistokles veranlaßte auch die Athener, den Piräens vollends auszubauen: der Anfang dazu war früher unter seiner einjährigen Verwaltung, als er Archon (Regierungsmitglied) war, gemacht worden. Denn er erkannte die treffliche Lage dieses Platzes, der drei natürliche Häfen hat, und dachte, wenn sie sich dem Seewesen widmeten, würde derselbe die Vermehrung ihrer Macht bedeutend fördern. Denn er war der erste, der den kühnen Gedanken auf: stellte, die Athener müssen sich der Meeresherrschaft bemächtigen: und half ihnen eben damit zugleich die Vorsteherdschaft erringen. Sie führten auch nach seiner Angabe die Mauer in der Dicke auf, wie man sie noch um den Piräens sieht. Denn zwei sich entgegenkommende Wagen fuhren die Steine herbei. Dazwischen wurde weder Kalt noch Lehm angebracht: sondern große Steinmassen wurden winkelrecht behauen zusammengefügt, und auf der äußeren Seite mit Eisen und Blei verbunden. Jedoch wurde nur die Hälfte der Höhe erreicht, die im Plane gelegen. Denn er wollte durch Höhe und Dicke zugleich die feindlichen Angriffe vereiteln, und. dachte, daß dann eine Beratung von wenigen und sonst ganz unbrauchbaren Leuten genügen werde, während die andern zur Bemannung der Schiffe gebraucht werden könnten. Denn der Flotte widmete er die größte Aufmerksamkeit, weil er, wie ich glaube, einfach, daß ein Angriff des Persischen Heeres leichter zur See als zu Lande erfolgen könne: auch hielt er den Piräens für wichtiger als die landeinwärts gelegene Hauptstadt; und oft ertheilte er den Athenern den Rath, wenn sie einmal zu Lande überwältigt würden, so sollten sie sich in den Piräens werfen, und mit der Flotte allen Feinden die Spitze bieten. Also befestigten die Athener nach dem Abzuge der Perser ihre Stadt, und trafen sonst die nöthigen Einrichtungen.

94. Pausanias, des Kleombrotus Sohn, wurde nun von Lacedämon als Anführer der Hellenen mit zwanzig Schiffen vom Peloponnes ausgesendet. Auch die Athener schlossen sich mit dreißig Schiffen an, und eine große Zahl von den übrigen Verbündeten. Dann machten sie einen Kriegszug gegen Byzanz (477 v. Chr.), und unterwarfen sich, den größten Theil der Insel, und später gegen Byzanz, das die Perser inne hatten, und eroberten die Stadt.

95. Als aber Pausanias bei dieser Führung des Oberbefehls sich gewallthätig zu betragen anfing, so wurden sowohl die übrigen Hellenen, als besonders die Ionier, und alle die, welche sich neuerlich vom Perserkönig losgerissen hatten, sehr aufgebracht, und wandten sich wiederholt an die Athener, mit dem Unsinnen, sie sollten wegen der Stammverwandtschaft die Oberleitung annehmen, und es nicht dulden, wenn Pausanias etwa Gewalt brauchen wolle. Die Athener genehmigten diese Vorschläge, und machten sich die Sache zur Angelegenheit, da sie dieselbe wicht gleichgültig behandeln, und auch sonst solche Einrichtungen treffen wollten, die ihnen für sich am zweckmäßigsten dürften. Indessen riefen die Lacedämonier den Pausanias zurück, um ihn über das, was sie von ihm vernommen, in Untersuchung zu ziehen; denn von den dorthin gekommen Hellenen wurde ihm manche Ungerechtigkeit zur Last gelegt, und offenbar fand bei ihm mehr eine Art von Alleinherrschaft als Verwaltung der Feldherrnwürde statt. Und es fügte sich, daß gerade zur Zeit seiner Abberufung die Bundesgenossen, mit Ausnahme der Peloponnesischen Truppen, aus Haß gegen ihn, zu den Athenern übergingen. Nach seiner Ankunft zu Lacedämon mußte er zwar wegen besonderer Beleidigungen Einigen Genugthuung leisten: in Betreff der wichtigsten Puncte aber wurde er von der Schuld freigesprochen. Man warf ihm vornehmlich Begünstigung der Perser vor: und diese Beschuldigung hätte sonst als sicher gegründet gegolten. Man schickte ihn nun nicht mehr als Oberbefehlshaber aus, sondern den Dorkis, und neben diesem einige andere, mit unbedeutender Mannschaft. Diesen überließen aber die Verbündeten den Oberbefehl nicht mehr. Als sie dieß wahrnahmen, so kehrten sie zurück. Und später sandten die Lacedämonier keine andere Mannschaft mehr, aus Furcht, ihre Mitbürger möchten durch die Feldzüge verdorben werden, wovon sie an Pausanias ein Beispiel sahen. Zugleich wünschten sie des persischen Krieges los zu sein, und glaubten, die Athener, die damals mit ihnen befreundet waren, seien geeignet, den Krieg fortzuführen.

96. Nachdem nun die Athener das Recht des Oberbefehls auf diese Art durch freien Entschluß der Verbündeten, weil Pausanias verhaßt war, erlangt hatten, so bestimmten De, welche Staaten Geld, und welche Schiffe gegen die Perser liefern sollten. Der Vorwand war, das Erlittene durch Verheerung des königlichen Gebiets zu rächen. Damals zuerst wurde das Amt eines Hellenen-Schatzmeisters bei den Athenern eingeführt, welcher den sogenannten Phoros oder Geldbeitrag einzusammeln hatte. Die erste Anflage betrug vier hundert sechzig Talente: der Sitz der Schatzkammer war Des los, wo auch im Tempel die Versammlungen gehalten wurden.

97. Im Besitze der Vorsteherdschaft über die Bundesgenossen, denen sie anfänglich ihre Freiheit, und eine berathende Stimme auf gemeinschaftlichen Zusammenkünften ließen, haben die Athener in der Zwischenzeit zwischen dem Versischen und diesem Kriege in Verwaltung der öffentlichen Geschäfte, und im Kriege theils gegen die Perser, theils gegen ihre abgefallenen Bundesgenossen, und die jedesmal an diese sich anschließenden Peloponnesier folgende Thaten verrichtet. Ich zeichne dieselben auf, und mache diese Abschweifung in meiner Erzählung deswegen, weil bei allen meinen Vorgängern, sowohl welche die Hellenische Geschichte vor der Perserzeit, als die den Perserkrieg selbst beschrieben haben, dieser Zeitraum übergangen ist. Hellanikus aber, der in seiner attischen Geschichte die Sache berührt, hat ihrer nur kurz, und ohne Genauigkeit in der Zeitrechnung erwähnt. Zugleich wird hier nachgewiesen, auf welche Weise die Athener zu ihrem Uebergewicht gelangten.

98. Zuerst ( 471 W. Ch.) belagerten und eroberten sich, unter Anführung des Simon, des Sohnes von Miltiades, Eion am Strymon, das von den Persern besetzt war, und machten die Einwohner zu Sclaven: ebenso verfügten sie über die Einwohner von der Insel Skyros im Aegäischen Meere, die von Dolopern belebt war: wohin man Athenische Ansiedler verpflanzte. Sie geriethen dann in Krieg mit den Karystiern, an dem die übrigen Euböer nicht Theil nahmen: jene ergaben sich nach einiger Zeit durch eine Uebereinkunft. Darauf führten sie Krieg mit den abgefallenen Nariern, und zwangen sie durch eine Belagerung zur Unterwerfung. Dieß war der erste verbündete Staat, der den bestehenden Verträgen entgegen unterjocht wurde. Nachher hatten auch andere dieß Loos, wie jeder an die Reihe kam.

99. Neben andern Ursachen des Abfalls waren die wichtigsten der Rückstand bei der Lieferung der Steuern und Schiffe, und die Nichterfüllung der Pflicht des Kriegsdienstes, wenn diese bei einem Staate vorkam. Denn die Athener trieben alles strenge ein, und wurden dadurch höchst lästig, daß sie bei solchen, die nicht gewohnt oder nicht gemeint waren, Beschwerde zu ertragen , Zwang anwendeten. Auch in anderer Hinsicht waren die Athener als Oberanführer nicht mehr so beliebt, wie zuvor. Sie behandelten ihre Kriegsgenossen nicht mehr auf gleichem Fuß, auch wurde es ihnen leicht, die Abtrünnigen wieder zum Gehorsam zu bringen: und daran waren die Bundesgenossen selbst Schuld. Denn wegen jener Scheu vor dem Kriegsdienste ließen sich, die meisten derselben, um nicht aus der Heimath sich entfernen zu müssen, eine Geldsteuer statt der Schiffe-Lieferung auflegen, um nach Verhältniß an dem Aufwande zu tragen. Durch die Summe nun, welche Jene beisteuerten, wurde die Seemacht der Athener vermehrt: jene aber, wenn sie abfielen, befanden sich in einer solchen Lage, daß sie ohne Rüstung und Mittel für den Krieg waren.

100. Hierauf erfolgte (469 v. C.) die See- und Landschlacht am Flusse Eurymedon in Pamphylien, zwischen den Athenern und deren Bundesgenossen und den Persern: und die Athener erfochten an diesem Tag einen doppelten Sieg unter Anführung des Cimon, des Sohnes von Miltiades. Sie eroberten und zerstörten von den Phoenicischen Kriegs schiffen im Ganzen gegen 200. Einige Zeit nachher (465 v. C.) trug es sich zu, daß die Thasler sich empörten, weil sie wegen der Handelsplätze im gegenüber liegenden Thracien, und wegen der Bergwerke, die sie benützten, in Streit gerathen waren. Die Athener schifften nun mit der Flotte gegen Thasus, gewannen ein Seetreffen, und bewerkstelligten eine Landung. Um dieselbe Zeit schickten sie 10,000 Ansiedler aus ihrer Mitte und vor den Bundesgenossen an den Strymon, um den Ort, der damals Neunwege hieß, und jetzt Amphipolis heißt, zu bevölkern. Diese bemächtigten sich zwar der Kennwege, welche die Edoner inne hatten: da sie aber ins Binnenland von Thracien vorrückten, so wurden sie von der Gesammtmacht der Thracier bei dem Edonischen Orte Drabeskus gänzlich geschlagen: denn die Thracier sahen die Niederlassung bei den Neunwegen als eine feindliche Handlung an.

101. Die in Schlachten besiegten und belagerten Thasier wandten sich nun um Hülfe an die Lacedämonier, und forderten diese auf, sie durch einen Einfal in Attika zu unterstützen. Diese versprachen es zwar, ohne daß es die Athener erfuhren, und waren im Begriff, es zu thun; aber sie wurden durch das Erdbeben daran verhindert: während welcher Zeit auch die Heloten, und von der freien Unterthanen die Thuriaten und Nethäer sich empörten und nach Ithome zogen4. Die meisten der Heloten aber waren Abkömmlinge der alten Messenier, welche ehemals unterjocht worden waren; daher hatten sie auch den allgemeinen Namen Messenier. Die Lacedämonier hatten nun mit denen in Ithome Krieg zu führen. Die Thasier ergaben sich nach dreijähriger Belagerung den Athenern durch Vertrag, und mußten ihre Festungswerke niederreissen, ihre Schiffe ausliefern, und sich eine Geldsteuer auflegen lassen, wovon sie eine Summe sogleich, das Uebrige in Zukunft entrichten sollten: auch mußten sie dem Besitze des Festlandes und der Bergwerke entsagen.

102. Als sich nun der Krieg gegen die, welche Ithome belebt hatten, in die Länge zog, so riefen die Lacedämonier unter andern Bundesgenossen auch die Athener zu Hülfe. Diese kamen unter Anführung Cimons mit nicht geringer Macht. Man hatte sie hauptsächlich darum herbeigerufen, weil sie in der Belagerungskunst für vorzüglich galten, und bei dem langen Verzuge der Belagerung das Mangelhafte in dieser Hinsicht sich offenbarte. Denn wäre es blos auf Kriegsmacht angekommen, so würden sie die Stadt erstürmt haben. Bei diesem Feldzuge wurde zuerst eine feindselige Stimmung zwischen der Lacedämoniern und Athenern offenbar. Denn, als der Platz nicht erstürmt werden konnte, so fürchteten die Lacedämonier wegen der Kühnheit und des raschen Unternehmungsgeistes der Athener, die sie überdieß als ein Volk nichtverwandten Stammes ansahen, sie möchten bei längerem Verweilen von denen in Ithome zu Umtrieben verleitet werden: daher entließen sie dieselben allein unter allen Verbündeten, indem sie, ohne ihren Verdacht zu äußern, erklärten, man bedürfe ihrer jetzt nicht mehr. Die Athener aber merkten wohl, daß sie nicht in der besten Absicht, sondern wegen eines vorwaltenten Argwohnes entlassen worden. Da ihnen nun dieses höchst empfindlich, war, und sie eine solche Behandlung nicht um Sparta verdient zu haben glaubten, so sagten sie sich gleich nach ihrer Heimkehr von dem mit den Lacedämoniern gegen die Perser geschlossenen Bunde los, und wurden Bundesgenossen der Argiver, ihrer Feinde; und zugleich giengen beide Völker mit den Thessaliern ein eidliches Bündniß unter denselben Bedingungen ein.

103. Als im zehnten Jahre (455 v. C.) die in Ithome sich nicht länger zu halten vermochten, so ergaben sie sich den Lacedämoniern unter der Bedingung, daß sie unter dem Schutze das Vertrags aus dem Peloponnes abziehen dürften, und denselben nie wieder betreten wollten: wofern sich einer treffen ließe, so sollte er der Sklave dessen sein, der ihn auffinge. Die Lacedämonier hatten nämlich, vormals einen pythischen Götterspruch erhalten: sie sollten die, welche bei dem Zeus von Ithome Schutz suchen, ziehen lassen. Und Jene Bogen mit Weibern und Kindern ab. Die Athener aber nahmen sie bei ihrer jetzigen feindseligen Stimmung gegen die Lacedämonier auf, und verpflanzten sie nach Naupattos [das heutige Lepanto), daß sie seit kurzem gerade den Ozolischen Lokrern abgenommen hatten. Auch die Megareer traten in die Bundesgenossenschaft der Athener, und trennten sich von den Lacedämoniern, weil die Korinther sie wegen der Grenze ihres Gebiets durch einen Krieg beunruhigten. Die Athener besetzen hierauf Megara und Pegä, und bauten den Megareern die langer Mauern von der Stadt nach Nisäa5, und legten eine Besatzung hinein. Besonders durch diesen Anlaß entstand der heftige Haß der Korinther gegen die Athener,

104. Inarus, der Sohn des Psammetichus, ein Libyer, Fürst der an Aegypten gränzenden Libyer, der Marea, eine Stadt jenseits Pharus, zum Sammelplatz seiner Macht hatte, brachte den größten Theil von Aegypten zum Abfall von dem Perserkönig Artorerres: er selbst wurde nun Herr des Landes, und rief die Athener zu seinem Beistande (462 p. 6.) Diese hatten gerade mit 300 eigenen und Bundesgenossen-Schiffen einen Zug nach Cypern gemacht: und verließen nun die Insel, und kamen dorthin, und schifften vom Meere landeinwärts auf dem Nil, und wurden Meister des Stromes, und von zwei Drittheilen der Stadt Memphis, und bekriegten den dritten Theil, die weiße Mauer genannt, wo sich die geflüchteten Perser und Meder und die Aegyptier befanden, die nicht Theil an dem Aufstande genommen hatten.

105. Die Athener aber landeten mit ihren Schiffen bei Haliä6, und kamen mit den Korinthern und Epidauriern ins Treffen, in welchem die Korinther siegten. Später lieferten die Athener den Peloponnesischen Schiffen bei Sekryphalea7 ein Seetreffen, und trugen den Sieg davon. Als nun ein Krieg zwischen den Athenern und Aegineten ausbrach, so erfolgte eine große Seeschlacht bei Aegina, an der die beiderseitigen Bundesgenossen Theil nahmen. Die Athener siegten, eroberten siebenzig feindliche Schiffe, machten eine Landung, und belagerten die Stadt, unter der Anführung des Leokrates, des Sohnes von Ströbus. Nun wollten die Peloponnesier den Aegineten Hülfe bringen, und schifften nach Aegina dreihundert Schwerbewaffnete über, die früher Hülfstruppen der Korinther und Epidaurier gewesen waren, und besetzen die Höhen von Seranea8. Auch drangen die Korinther nebst ihren Verbündeten ins Megarische Gebiet, in der Meinung, die Athener würden nicht im Stande sein, den Megareern Hülfe zu bringen, da ein großer Theil ihrer Kriegsmacht in Aegina und Aegypten abwesend sei: sollten sie aber zu Hülfe eilen wollen, so würde man sie nöthigen, Aegina zu verlassen. Die Athener aber brachen mit ihrem Heere von Regina nicht auf; sondern es rückten von den in der Stadt zurückgebliebenen die Aeltesten und Jüngsten nach Megara, unter Anführung des Myronides. Es erfolgte nun ein unentschiedenes Treffen gegen die Korinthen: beide Theile, zogen sich zurück, um, glaubten bei dem Vorfalle nicht den Kürzern gezogen zu haben. Jedoch waren die Athener mehr im Vortheil gewesen, und stellten nach dem Abzuge der Korinther ein Siegeszeichen auf. Die Korinther aber, weil sie von den Aelteren in der Stadt Vorwürfe erhielten, waffneten sich, etwa zwölf Tage später, kamen wieder, und stellten ihrer Seits auch ein Siegeszeichen auf, als ob sie gesiegt hätten. Die Athener aber rückten schnell aus Megara aus, erschlugen die, welche das Siegeszeichen errichteten, und siegten in einem Gefechte mit den Uebrigen.

106. Die Besiegten aber zogen sich zurück: und eine nicht unbeträchtlide Abtheilung derselben, die sid, durch die Nachsetzenden im Gedränge befand, und des Weges verfehlte, gerieth auf das Gut eines Bürgers, das zufällig von einem großen Graben umschlossen war, und keinen Ausgang hatte. Als die Athener dies bemerkten, schlossen sie jene von vorn durch Schwerbewaffnete ein, und stellten rings herum die leichten Truppen, und tödteten durch Schleuderwürfe alle, die dort hineingegangen waren. Dieser Verlust war den Korinthern sehr empfindlich: die Mehrzahl ihres Heeres aber kehrte nach Hause zurück.

107. Die Athener begannen um diese Zeit auch die langen Mauern zum Meere zu bauen, die eine nach dem Hafen Phaleros, die andere nach dem Piräeus. Die Phoceer machten einen Heerzug gegen das Gebiet der Dorier9, das Mutterland der Lacedämonier, wo Boion, Eytinion und Erineon liegen, und eroberten eines von diesen Städtchen. Die Laredämonier aber, geführt von Nikomedes, dem Sohne des Kleombrotus, dem Stellvertreter des noch unmündigen Königes Preistoanar, des Sohns von Pausanias, kamen den Doriern mit fünfzehnhundert eigenen Schwerbewaffneten und Zehntausend Mann verbündeter Truppen zu Hülfe: und nach: dem sie die Phoceer gezwungen hatten, in einem Vertrage die Stadt zurückzugeben, begannen sie den Heimzug. Aber die Athener kreuzten mit einer Flotte in jener Gegend, und schickten sich an, ihnen die Ueberfahrt zu sperren, falls sie durch die Bucht von Krissa10 übersetzen wollten. Der Zug durch Geranea aber schien ihnen gefährlich, da die Athener Megara und Pegä bestzt hielten: dem Geranea ist unwegsam, und wurde beständig von den Athenern bewacht: auch hörten sie, die Athener hätten im Sinne, ihnen auch hier den Weg zu versperren. Sie beschlossen also, in Böotier zu verweilen, und zu sehen, wie sie am sichersten hinüberkommen könnten: dazu kam noch, daß einige Männer aus Athen sie heimlich einluden, in der Hoffnung, dort die Volksregierung zu stürzen, und den Bau der langen Mauer zu hemmen. Es rückten aber die Athener mit ihrer Gesamtmacht gegen sie aus, und tausend Argiver, und von den übrigen Bundesgenossen nach Verhältniß, so daß vierzehntausend Mann zusammenkamen. Sie unternahmen diesen Zug in der Meinung, daß jene wegen des Heimzugs in Verlegenheit seien: auch hatten sie einigen Verdacht, daß sie ihre Volksherrschaft stürzen wollten. Es stießen zu den Athenern auch Thessalische Reiterschaaren, gemäß dem Bundesvertrage, die aber bei dem Treffen selbst zu den Lacedämoniern übergingen.

108. In der hierauf erfolgten Schlacht bei Tanagra in Böotien [457 v. C.] siegten die Lacedämonier und ihre Bundesgenossen: und von beiden Seiten floß viel Blut. Die Lacedämonier zogen nun auf das Megarische Gebiet, verheerten die Baumpflanzungen, und kehrten durch Geranea und die Korinthische Landenge in die Heimath zurück. Die Athener aber unternahmen unter Anführung des Myronides zweiundsechzig Tage nach der Schlacht einen Heerzug gegen die Böotier, und besiegten die Böotier bei Denophyta, bemächtigten sich des Böotischen und Phokischen Gebiets, und rissen die Mauern von Tanagra nieder: auch nahmen sie von den Opuntischen Lokriern hundert der Reichsten als Geiseln mit: fernen vollendeten sie jetzt ihre eigenen langen Mauern. Darauf ergaben sich den Athenern auch die Aegineten mit der Bedingung, ihre Mauern niederzureissen, ihre Schiffe auszuliefern, und in Zukunft einen Tribut zu entrichten. Die Athener umschifften auch den Peloponnes, unter Anführung des Tolmides, Sohns von Tolmäus. . Dabei verbrannten sie das Schiffswerft der Lacedämonier, eroberten Chalcis, einen den Korinthern gehörigen Ort11, und siegten bei einer Landung. in einem Gefecht gegen die Sikyonier.

109. Indessen blieben die Athener und ihre Verbündesten noch in Egypten, und es gestaltete sich ihnen der Krieg auf mancherlei Weise. Im Anfange waren die Athener Meister von Egypten. Nun sandte der Perserkönig den Megabazus, einen Perser, mit Geld nach Lacedämon, damit er die Peloponnesier zu einem Einfall in Attika bewegen, und so den Rückzug der Athener aus Egypten veranlassen möchte. Als ihm aber dieß nicht gelang, und sein Geld vergeblich aufgewendet wurde, so kehrte Megabazus mit dem Ueberreste des Geldes nach Asien zurück. Dann schickte der König den Perser Megabazus, des Zopyrus Sohn, mit einem großen Heere aus. Dieser rückte auf dem Landwege ein, besiegte die Egyptier und ihre Bundesgenossen in einer Schlacht, vertrieb die Hellenen aus Memphis, schloß sie zuletzt auf der Insel Prosopitis ein, und belagerte sie dort ein Jahr und sechs Monate, bis er endlich den Canal austrocknete, und sein Wasser anderswohin leitete, und so die Schiffe auf das Trockene rette, wodurch er einen großen Theil der Insel mit dem festen Lande verband, so daß er zu Fuß hinüberkommen konnte, worauf er die Insel eroberte. [456 v. 6.]

110. So wurde das Unternehmen der Hellenen zu nichte, nachdem sie sechs Jahre Krieg geführt hatten: von dem großen Heere retteten sich wenige über Libyen nach Syrene; die Meisten waren umgekommen. Egypten aber mußte sich, dem Perserkönige wieder unterwerfen, mit Ausnahme des Amyrtäus, der in den sumpfigen Gegenden (Niederungen) herrschte, den man wegen des großen Umfangs der Sümpfe nicht bezwingen konnte, da zugleich die Bewohner dieser Gegenden die streitbarsten unter den Egyptiern sind. Inaros aber, der Libysche Fürst, der das ganze Unternehmen in Egypten veranlaßt hatte, wurde durch Verrath gefangen und gekreuzigt. Von den Athenern aber und dem übrigen Bundesvereine segelten fünfzig Dreiruder zur Ablösung nach Egypten, und ankerten bei dem Mendesischen Vorgebirge, ohne von jenen Vorfällen Kunde zu haben. Ueber diese fielen nun Landtrappen von der Küste, und von der Seeseite die Phönicischie Flotte her, und zerstörten die meisten Schiffe, so daß die geringere Zahl entkam. Also endete der große Feldzug der Athener und ihrer Bundesgenossen gegen Egypten.

111. Orestes, der Sohn des Echekratides, eines Fürften der Thessalier, der aus Thessalien vertrieben war, bewog die Athener, ihm zu feiner Wiedereinsetzung zu helfen: sie nahmen also die Böotier und Phoceer, ihre Bundesgenossen, mit sich, und zogen gegen Pharsalus in Thessalien zu Felde. Sie bemächtigten sich nun zwar des Aachen Landes, so weit es möglich war, ohne sich von ihrem Standlager zu weit zu entfernen, woran die Thessalische Reiterei sie hinderte: doch konnten sie die Stadt nicht erobern: auch die übrigen Zwecke ihres Feldzugs erreichten sie nicht, sondern zögen sich mit Orestes unverrichteter Dinge zurück. Nicht lange hernach schifften sich in Pegä, das die Athener besetzt hielten, tausend Mann ein, und fuhren nach Sikyon herüber, unter Anführung des Perikles, des Sohnes von Xauthippus, und, nachdem sie gelandet, besiegten sie in einem Treffen diejenigen Sikyonier, die mit ihnen handgemein geworden waren. Unmittelbar darauf zogen sie die Achäer an sich fuhren jenseits hinüber, und rücken gegen Deniadä in Akarnanien an12, und belagerten den Ort; doch eroberten sie ihn nicht, und kehrten nach Hause zurück.

112. Später, nach Verfuß von drei Jahren, wurde auf fünf Jahre von den Peloponnesiern und Athenern ein Waffenstillstand geschlossen: und die Athener stellten jetzt die Feindseligkeiten in Hellas ein: dagegen machten sie unter Unführung des Simon mit zweihundert eigenen und Bundesgenossen-Schiffen einen Zug gegen Cypern. Sechzig Fahrs. zeuge von diesen segelten nach Egypten, da Amyrtäus, der Fürst in den Sumpfgegenden, fie eingeladen hatte: die übrigen belagerten Sition. Als aber Timon starb13, und Hungersnoth eintrat, so zogen sie sich von Tition zurück, und fuhren auf die Höhe von Salamis in Sypern, und lieferten den Siliciern und Phöniciern eine See- und Landschlacht: und nach doppeltem Siege zogen sie in die Heimath zurück, nebst den aus Egypten wiedergekehrten Schiffen. Die Lacedämonier zogen hierauf zu dem sogenannten heiligen liriege aus, und bemächtigten sich des Tempels zu Delphi, und übergaben ihn den Delphiern. Später, als sie abgezogen waren, rückten die Athener ein, gewannen die Oberhand, und übergaben den Tempel wieder den Phoceern.

113. Nach Verfluß einiger Zeit (447 v. C.), als Böotische Verbannte Orchomenus und Chäronen und einige andere Plätze Böotiens besetzten, zogen die Athener mit tausend Schwerbewaffneten und verhältnismäßig gestellten Schaaren der Bundesgenossen gegen diese Orte, die man als feindlich ansah, unter Anführung des Tolmides, des Sohn von Tolmäus. Sie eroberten Chäronea, und nachdem sie eine Besatzung dorthin gelegt, zogen sie wieder ab. Aus dem Zuge aber wurden sie bei Coronea von den verbannten Böotiern aus Orchomenus und den Lokriern, die es mit diesen hielten, und den Euböischen Ausgewanderten, und wer sonst zu dieser Partei gehörte, angegriffen. Diese siegten im Treffen, und tödteten einen Theil der Athener, den andern nahmen sie gefangen. Die Athener räumten hierauf nach geschlossenem Vertrage ganz Böotien, unter der -Bedingung, daß man die Ihrigen wieder frei ließe; und die Verbannten der Böotier, die wieder eingesetzt wurden, und die übrigen Alle wurden wieder unabhängig.

114. Bald darauf (446 v. C.) fiel Enböa von den Athenern ab. Und als bereits Perikles mit einem Athenischen Heere dorthin übergesetzt hatte, erhielt er Nachricht, daß Megara abtrünnig geworden, und die Peloponnesier im Begriff seien, in Attika einzufallen, und die Beratung der Athener von den Megareern niedergemacht worden sei, die ausgenommen, welche sich nach Nisäa geflüchtet. Die Megareer hatten nämlich ihren Abfall mit Hülfe der Korinther, Sikyonier und Epidaurier bewerkstelligt. Perikles aber führte schleunig sein Heer von Euböa zurück. Hierauf machten die Peloponnesier einen Einfall in Attika nach Eleusis und auf das Thriasische Feld, und verheerten es unter Aluführung des Lacedämonischen Königs Pleistoanar, des Sohns von Pausanias. Weiter rückten sie aber nicht vor, sondern zogen nach Hause zurück. Die Athener setzten nun wieder nach Euböa über, unter Anführung des Perikles, und brachten die ganze Insel zur Unterwerfung. Dem übrigen Theile gaben sie eine durch Vertrag bestimmte Verfassung; die Hestiäer aber vertrieben sie, und behielten ihre Ländereien für sich.

115. Nicht lange nach dem Abzuge von Euböa (445 v. CH.) schlossen sie auf dreißig Jahre einen Frieden mit den Lacedämoniern und ihren Bundesgenossen, und gaben Pegä Nisäa, Trözen und Achaja zurück. Denn diese Theile des Peloponneses hatten die Athener inne. Nach sechs Jahren ( 440 v. C. ) erfolgte ein Krieg zwischen den Samiern und Milesiern wegen Priene: und da die Milesier in diesem Kriege Verlust hatten, so wandten sie sich an die Athener, und beschwerten sich über die Samier. Es unterstützen sie aber auch einzelne Bürger aus Samos selbst, die eine Aenderung in der Verfassung wünschten. Die Athener regelten nun mit vierzig Schiffen nach Samos, setzten dort eine Volksregierung ein, und nahmen von den Samiern fünfzig Kinder und eben: so viele Männer zu Geiseln, brachten diese nach Lemnos und ließen eine Besatzung in Samos, und zogen wieder ab. Einige Samier aber waren nicht da geblieben, sondern hatten sich auf das Festland geflüchtet: diese schlossen mit den Angesehensten in der Stadt und mit Pissuthnes, dem Sohne des Hystaspes, der damals Statthalter von Sardes war, einen Bund, brachten gegen siebenhundert Mann Hülfsvölker zusammen, und setzten bei Nacht nach Samos über. Und zuerst erregten sie einen Aufstand gegen die Mitglieder der Volksregierung, und bemächtigten sich der Meisten: sodann entführten sie die aus ihrer Mitte genommenen Geiseln von Lemnos, erklärten den Abfall, und überlieferten die Beratung der Athener und die Beamten, die bei ihnen waren, dem Pissuthnes, und rüsteten sich alsbald zum Kriegszuge gegen Milet. Mit ihnen fielen auch die Byzantier ab.

116. Als die Athener dieß hörten, so segelten sie mit sechzig Schiffen gegen Samos, wovon sie aber sechzehn hier nicht gebrauchten: denn diese waren zum Theil gegen Karien auf Kundschaft gegen die Phönicischen Schiffe ausgelaufen, zum Theil nach Chios und Lesbos, um Hülfe zu holen. Sie lieferten nun mit sechs und vierzig Schiffen unter der Anführung von Perikles und neun andern, bei der Insel Tragia siebenzig Samischen Schiffen ein Seetreffen, wovon zwanzig mit Landtruppen bemannt waren: alle aber waren von Milet hergekommen. Die Athener trugen Hier den Sieg davon. Später stießen zu ihnen noch vierzig Athenische und fünf und zwanzig Schiffe von Chios und Lesbos; nun landeten sie, gewannen ein Landtreffen, und umgaben die Stadt Samos von drei Seiten mit Belagerungswerken, und schlossen sie zugleich zur See ein. Perikles aber nahm sechzig Schiffe von denen, die dort vor Anker lagen; und regelte schnell gegen Kannus (jetzt Kaigues an der Küste von Natolien) und Karien hin, da man ihm gemeldet hatte, daß Phönicische Schiffe gegen die Athener ausgelaufen seien. Es war auch aus Samos Stefagoras und Andere mit fünf Schiffen den Phönicifchen entgegengefahren.

117. Indessen liefen die Samier unerwartet aus, übers fielen das Athenische Geschwader, das zur Gegenwehr nicht gefaßt war, zerstörten die Wachschiffe, besiegten in einem Seetreffen die Schiffe, die zum Kampfe sich entgegenstellten, und waren vierzehn Tage lang Meister des Meeres in ihrer Umgegend, so daß sie nach Gefallen die Ein- und Ausfuhr betreiben konnten. Als aber Perikles zurückkam, so wurden sie wieder von seiner Flotte eingeschlossen: auch kamen ihm später vierzig Schiffe unter Thucydides,14 Hagnon und Phormion, und zwanzig unter Tlepolemus und Antikles, Hund von Chios und Lesbos dreißig zu Hülfe. Die Samier versuchten noch ein kleines Seetreffen zu liefern: da die sich aber nicht behaupten konnten, so wurden sie nach neun Monaten durch die Belagerung genöthigt, sich zu ergeben. Die Vertragsbedingungen waren, daß sie ihre Mauern niederreißen, Geiseln stellen, Schiffe ausliefern und die aufgewendeten Kosten in bestimmten Fristen erstatten sollten. Auch die Byzantier ergaben sich unter der Bedingung, daß sie, wie zuvor, Athen unterworfen sein sollten.

118. Darnach, erfolgten, wenige Jahre später,15 die oben erwähnten Begebenheiten, welche Corcyra und Potidäa betrafen, und alles das, was zu diesem Kriege den Vorwand gab. Dieß alles, was die Hellenen in ihren gegenseitigen Verhältnissen und wider die Perser thaten, umfaßt einen Zeitraum von etwa fünfzig Jahren zwischen dem Rückzuge des Xerres und dem Anfange des Peloponnesischen Krieges. In dieser Zeit begründeten die Athener ihre Oberherrschaft immer fester, und gediehen zu großer innerer Macht. Wiewohl nun dieß von den Lacedämoniern nicht unbemerkt blieb, so leisteten sie doch nur kurzdauernden Widerstand, und verhielten sich, die meiste Zeit ruhig, theils weil sie von jeher gewohnt waren, nicht rasch zum Kriege zu schreiten, wenn man sie nicht dazu nöthigte, theils, weil sie auch durch einheimische Kriege verhindert waren: bis endlich die Macht der Athener sich auffallend erhob, und ihre Bundesgenossenschaft antastete. Nun glaubten sie, es nicht länger ertragen, sondern mit allem Eifer Hand ans Wert legen zu müssen, um, wo möglich durch Unternehmung dieses Kriegs, jene Macht zu stürzen. Die Lacedämonier selbst hatten sich nun dahin entschieden, daß der Friede gebrochen sei, und die Athener Unrecht haben. Doch schickten sie nach Delphi, und befragten den Gott, ob, wenn sie Krieg begännen, der Vortheil ihnen zufallen würde. Er aber ertheilte, wie man sagt, die Antwort: es werde ihnen, wenn sie mit Nachdruck kämpfen, der Sieg zu Theil werden: er selbst aber werde, gebeten oder ungebeten, ihnen beistehen.

119. Sie beriefen nun abermal ihre Bundesgenossen zusammen, um abstimmen zu lassen, ob man Krieg anfangen solle. Da nun die Abgeordneten des Bundesvereines angekommen waren, und die Versammlung zusammen trat, so trugen die Uebrigen ihre Wünsche vor, und beschwerten sich meist über die Athener, und stimmten für den Krieg: besonders aber erschienen die Korinther, die schon früher einen Staat um den andern insbesondere gebeten hatten, für den Krieg zu stimmen, aus Furcht wegen Potidäa, es möchte indessen verloren gehen, auch jetzt, und traten zulegt auf, und hielten folgenden Vortrag:

120. "Wir dürfen wohl jetzt, ihr Verbündeten, den Lacedämoniern nicht mehr den Vorwurf machen, sie hätten nicht selbst den Krieg beschlossen, da sie uns ja zu diesem Zwecke hierher berufen haben. Allerdings gebührt es dem Volke, das die Oberleitung hat, seine besonderen Angelegenheiten auf gleichem Fuß zu behandeln, und doch dabei für die gemeinsamen vorzugsweise zu sorgen, da es ja in andern Dingen vor Allen den Vorrang hat. Was nun alle diejenigen unter uns betrifft, die schon mit den Athenern in Verhältnisse gekommen sind, so bedürfen sie keine Belehrung mehr, sich vor ihnen zu hüten. Diejenigen aber, welche weiter landeinwärts und nicht an Stapelplätzen wohnen, mögen bedenken, daß, wofern die Küstenbewohner nicht von ihnen unterstützt werden, die Ausfuhr der Landeserzeugnisse, und ebenso die Einfuhr dessen, was das Meer dem Festlande liefert, für sie erschwert werden wird. Sie dürfen daher das, was jetzt verhandelt wird, nicht unrichtig beurtheilen, als ob es sie nicht anginge, sondern erwarten, daß einst, wofern sie das Uferland preisgeben, die Gefahr wohl auch zu ihnen dringen werde. Sie haben daher jetzt ebensowohl ihre eigene Sache mit zu berathen. Daher dürfen sie sich auch nicht bedenken, den Frieden mit dem Kriege zu vertauschen. Denn wiewohl kluge Mäßigung gebietet, wenn man nicht beleidigt wird, sich ruhig zu verhalten; so ziemt es doch rechtschaffenen Männern, wenn ihnen Unrecht geschieht, statt des Friedens den Krieg zu wählen, bei günstiger Gelegenheit aber vom Kriege zur Sühne zu schreiten, und weder durch das Glück im Kriege zum Uebermuthe, noch durch das Angenehme der Friedensruhe zur Duldung einer Beleidigung sich verleiten zu lassen. Denn wer, reines Wohlbehagens wegen, unthätig ist, der wird wohl, wenn er so ruhig bleibt, sehr bald aus jener behaglich-bequemen Lage, die ihn zur Thatenschen veranlaßte, gerissen werden. Wer aber durch das Glück im Kriege übermüthig wird, der bedenkt nicht, wie trügerisch das Vertrauen ist, das seinen Muth erhebt. Denn schon manche schlecht entworfene Plane sind doch gelungen, weil man zufällig noch unbesonnenere Gegner vor sich hatte: und noch weit mehr Entwürfe, die gut angelegt schienen, haben schimpflicher Weise eine entgegengesetzte Wendung genommen: denn niemand führt den Gedanken, den er mit Zuversicht gefaßt, ebenso auch wirklich aus; vielmehr machen wir in sicherer Stimmung Plane, hinter denen wir bei der Ausführung furchtsam zurück bleiben."

121. "Wir aber beginnen jetzt den Krieg, weil wir beleidigt sind, und gegründete Beschwerden haben: wir werden denselben aber auch, wenn wir an den Athenern Rache genommen, zur rechten Zeit wieder beendigen. Aus vielen Gründen aber ist es wahrscheinlich, daß der Sieg unser sein werde: erstens, weil wir ihnen an Zahl und Kriegserfahrung überlegen sind; sodann, weil wir alle auf gleiche Weise den Befehlen der Obern zu gehorchen wissen. Die Seemacht, die ihre Stärke ausmacht, werden wir theils aus den eigenen Mitteln der Einzelnen, theils durch die Schätze zu Delphi und Olympia uns verschaffen. Denn durch ein Anlehen werden wir in den Stand gesetzt, ihre Miethtruppen zur See durch höhern Sold ihnen abtrünnig zu machen. Denn die Athenische Macht beruht mehr auf Söldnern, als auf Einheimischen. Der unsrigen aber kann so etwas weit weniger widerfahren, da ihre Hauptstärke mehr in der Mannschaft, als im Gelde besteht. Durch Einen Seesieg sind sie wahrscheinlich zu Grunde gerichtet. Sollten sie aber sich doch länger halten, so werden auch wir durch die Länge der Zeit im Seewesen Uebung gewinnen: und haben wir einmal unsere Geschicklichkeit auf einen gleich hohen Grad gebracht, so wer: den wir durch unsere Tapferkeit ihnen gewiß überlegen sein. Denn den Vorzug, welchen wir von Natur besitzen, können sie durch keinen Unterricht sich erwerben: was sie aber an Geschicklichkeit voraus haben, müssen wir durch Uebung unwirksam zu machen suchen. Die Geldmittel aber, welche dazu nöthig sind, werden wir herbeischaffen. Denn sonst wäre es doch gar zu auffallend, wenn, während ihre Bundesgenossen zu ihrer eigenen Unterjochung Beiträge zu geben sich nicht weigern, wir zur Züchtigung unserer Feinde und zu unserer eigenen Rettung keinen Aufwand machen sollten, da es uns daran gelegen sein muß, daß sie uns jene Schätze nicht rauben, und vermittelt derselben uns wehe thun."

122. "Wir können aber auch noch Anderes, was der Krieg darbeut, benützen, den Abfall der Bundesgenossen, der ihre Einkünfte, worin ihre Stärke besteht, bedeutend schmälern wird, und die Anlegung von Festungen in ihrem eigenen Gebiet, und manches Andere, was man jetzt noch nicht vorhersehen kann. Denn der Krieg geht keineswegs einer vorher bestimmten Gang, sondern entwickelt aus sich selbst Manches nach zufälligen Umständen. Wer mit gemäßigtem Eifer sich dabei benimmt, steht fester: wer aber mit Hitze handelt, geräth dabei in eben dem Grade in Nachtheil. Aber auch das müssen wir bedenken: hätte einer oder der andre unserer Staaten mit einem Gegner von gleicher Macht Grenzstreitigkeiten, so wäre dieß wohl auszuhalten: nun aber sind die Athener uns insgesammt gewachsen, und weit mächtiger als jeder einzelne Staat. Wofern wir daher nicht mit gesammter Macht, kein Volk und keine Stadt ausgenommen, einmüthig uns gegen sie wehren, so werden sie uns in unserer Getrenntheit ohne Mühe bezwingen: und die Niederlage - wir dürfen's uns nicht verhehlen, mag es auch ein hartes Wort sein - würde uns nichts anderes bringen, als geradezu Knechtschaft. Könnten wir darüber auch nur mit einem Worte zweifelhaft sein, und sollten so viele Staaten von einem einzigen sich mißhandeln lassen, welche Schmach wäre dieß für den Peloponnes! Entweder würde man von uns denken, daß uns Recht geschehe, oder daß wir es uns aus Feigheit gefallen lassen, und offenbar ausgeartet seien von der Weise unserer Vorfahren, welche Hellas die Freiheit gaben: da wir diese nicht einmal für uns selbst zu behaupten müßten, und eine Stadt für sich eine Gewaltherrschaft gründen ließen, während wir doch die Ehre ansprechen, die Alleinherrscher in einzelnen Städten zu stürzen. Und wir können nicht begreifen, wie ein solches Betragen von den drei größten Fehlern, dem Unverstande, der Feigheit und der Nachlässigkeit, freigesprochen werden könnte. Denn davon habt ihr euch in der That nicht gehütet, und euch daher zu einem überklugen Stolze, der schon so Vielen verderblich geworden ist, erhoben, welcher, weil er Viele zu täuschen pflegt, den entgegengesetzten Namen der Unklugheit erhalten hat."

123. "Doch wozu sollten wir länger, als es der Zweck des Augenblicks erfordert, bei dem Tadel eurer früheren Handlungsweise verweilen ? Was aber das Künftige betrifft, so müssen wir unserer jetzigen Lage durch, weitere Aufopferungen zu Hülfe kommen: denn es ist von den Vätern er: erbte Sitte bei uns, nur durch Anstrengung Vorzüge zu erringen; und ihr dürfet von dieser Sitte nicht abweichen, wenn ihr auch jetzt an Reichthum und Macht die Vorfahren um Weniges übertreffet. Denn es wäre nicht Recht, was in der Dürftigkeit erworben wurde, im Ueberflusse zu verlieren. Vielmehr müssen wir, durch viele Gründe ermuthigt, zum Kriege schreiten, da der Gott selbst den Ausspruch gethan, und seinen Beistand verheißen hat, und das ganze übrige Hellas uns unterstützen wird, zum Theil aus Furcht, zum Theil des Vortheils wegen. Auch werdet ihr nicht zuerst den Frieden brechen; denn der Gott, der den Krieg gebeut, erklärt ihn für gebrochen. Vielmehr werdet ihr die verletzten Verträge schützen. Denn nicht die sind bundbrüchig, die sich, vertheidigen, sondern die, welche zuerst angreifen."

124. "Da es nun aus allen Rücklichten vortheilhaft für euch ist, den Krieg zu beginnen: da wir gemeinschaftlich euch dazu rathen: wofern es anders unzweifelhaft ist, daß das durch das gemeinsame Wohl der Staaten und der einzelnen Bürger gefördert werde; so säumet nicht, den Potidäern Hülfe zu leisten, da sie Dorier sind, und von Ioniern belagert werden - ein Fall, wovon sonst das Gegentheil vorkam - und die Freiheit der Uebrigen zu behaupten. Denn es ist nicht thunlich, sie länger warten zu lassen, und zuzugeben, daß der eine Theil bereits Verlust erleide, und der andere bald nachher das nämliche Schicksal habe, wenn es bekannt wird, daß wir zwar zusammengetreten sind, aber nicht den Muth haben, uns zu vertheidigen. Ueberzeugt euch vielmehr, ihr Verbündeten, daß jetzt der Augenblick der Noth eingetreten ist, und daß unsere Meinung die richtige ist; und so beschließt denn den Krieg. Fürchtet dabei nicht die augenblickliche Gefahr, sondern strebt nach dem daurendern Frieden, der daraus hervorgehen roll. Denn durch Krieg wird der Friede sicherer befestigt: aber nicht eben so gefahrlos ist es, aus Liebe zur Ruhe den Krieg zu meiden. Ueberzeugt euch, daß der in Hellas aufgestandene Zwingherren-Staat Alle auf gleiche Weise bedrohe, und, während er über die Einen herrscht, gegen die Andern herrschsüchtige Plane hege: ihn wollen wir daher angreifen und überwältigen: so wollen wir in Zukunft sicher wohnen, und die jetzt unterjochten Hellenen befreien." Also redeten die Korinther.

125. Nachdem die Lacedämonier die Vorträge sämmtlicher Bundesgenossen angehört hatten, ließen sie alle Anwesenden der Reihe nach, sowohl größere als kleinere Staaten, abstimmen; und die Mehrzahl stimmte für den Krieg. Wiewohl sie nun diesen Beschluß gefaßt hatten, so war es doch bei dem Mangel an Vorbereitung unmöglich, sogleich anzugreifen; gleichwohl beschlossen sie, jede Stadt solle alles Erforderliche ohne Verzug herbeischaffen. Jedoch verfloß kein volles Jahr, bis sie, nachdem die nöthigen Einrichtungen getroffen waren, in Attika einfielen, und den offenen Krieg begannen.

126. In der Zwischenzeit schickten sie Gesandtschaften nach Athen, um ihre Beschwerden vorzubringen, damit, wenn sie kein Gehör fänden, der Krieg um so mehr gerechtfertigt erschiene. Durch die erste verlangten die Lacedämonier von den Athenern, sie sollten den Greuel tilgen, wodurch Athens Schubgöttin entheiligt wäre. Mit diesem Greuel hatte es folgende Bewandtnis. Es war vormals in Athen ein Bürger Cylon, der in Olympia einen Preis erhalten hatte, von edlem Geschlechte und großem Ansehen, vermählt mit einer Tochter des Theagenes, des Megareers, der damals Gewaltherrscher in Megara war. Eylon hatte das Orakel zu Delphi befragt, und die Antwort erhalten, er solle an dem größten Feste des Zeus die Burg von Athen besetzen. Er zog nun Kriegsvölker von Theagenes an sich, und gewann seine Freunde für seinen Plan ; und als das Olympische Fest im Peloponnes eintrat, so besetzte er die Burg, um der Alleinherrschaft sich zu bemächtigen (um das Jahr 600), in der Meinung, dieß sei das größte Fest des Zeus, das ihr als olympischen Sieger noch näher anginge. Ob aber in Attika oder sonst wo ein Fest das größte genannt werde, daran dachte er weiter nicht, und das Orakel hatte sich nicht darüber erklärt. Die Athener haben aber auch ein Fest, genannt Diasia, welches außerhalb der Stadt gefeiert wird, und das größte Fest des Zeus Milichius16 heißt, wobei das ganze Volk opfert, aber keine Schlachtthiere, sondern Opferkuchen, wie sie im Lande üblich sind. Er aber, in der Meinung, seine Ansicht sei die richtige, schritt zur Ausführung seines, Planes. Als die Athener dieß erfuhren, so rückten sie schaarenweise vom Lande gegen Cylons Partei, lagerten sich, vor der Burg, und schlossen sie ein. Da aber die Sache sich verzog, wurden die Athener der Beschwerden der Belagerung überdrüssig, zogen großentheils ab, und überließen es den neun Archonten, die Wachen und alles Uebrige mit uneingeschränkter Vollmacht und nach Gutdünken anzuordnen. Diese Behörde verwaltete damals die meisten Staatsgeschäfte. Die Anhänger des Cylon aber geriethen durch die Belagerung aus Mangel an Lebensmitteln und Wasser in große Noth. Cylon und sein Bruder entkamen. Die Uebrigen aber, als sie so im Gedränge waren, und schon Einige Hungers starben, setzten sich als Flehende auf den Altar in der Burg. Die Athener aber, denen die Wache aufgetragen war, als sie sahen, daß Jene in dem Heiligthume mit dem Tode rangen, forderten sie auf, wegzugehen, mit dem Versprechen, ihnen kein Leid zuzufügen: und so führten sie sie weg, und tödteten sie. Auch brachten sie Einige um, die sichy im Vorbeigehen auf die Altäre der ehrwürdigen Göttinnen (Eumeniden, Furien) gesetzt hatten. Daher wurden sie und ihre Nachkommen Greuelbeladene und Frevler an der Göttin genannt. Die Athener hatten nun zwar diese Verbrecher verbannt; dasselbe that auch später Kleomenes, der Lacedänonier, mit den zum Aufstande vereinigten Athenern, wobei die Lebenden vertrieben, und die Gebeine der Todten ausgegraben und weggeworfen wurden. Doch durften jene später in die Heimath zurückkehren: und noch befindet sich ihr Geschlecht in der Stadt.

127. Die Lacedämonier verlangten nun die Tilgung dieses Greuels, zunächst unter dem Scheine, die Ehre der Götter zu rächen, in der That aber, weil sie wußten, daß Perikles, des Xanthippus Sohn, von mütterlicher Seite mit den Greuelbeladenen verwandt war, und dachten, wenn Perikles verbannt wäre, so würde es ihnen eher mit den Athenern gelingen. Doch erwarteten sie nicht sowohl, daß ihm dieß widerfahren würde, als, daß es ihn bei der Stadt in schlimmen Ruf bringen dürfte, wenn man dieses sein nachtheiliges Verhältniß zum Theil als Ursache des Krieges ansähe. Denn er war der angesehenste unter seinen Zeitgenossen, und leitete die Staatsgeschäfte, und war in Allem den Lacedämoniern entgegen, und rieth immer den Athenern, nicht nachzugeben, sondern trieb sie zum Kriege an.

128. Zur Erwiederung verlangten nun die Athener von den Lacedämoniern, sie sollten den Greuel von Tänarus til: gen. Denn die Lacedämonier hatten einst flehende Schützlinge aus den Heloten vom Tempel des Poseidon in Tänarus weggelockt, sie abgeführt und getödtet. Man glaubt daher auch, das große Erdbeben in Sparta sei darum über sie gekommen. Ferner verlangten sie, Sparta sollte den Greuel, am Tempel der Athene Chalkiökos17 verübt, tilgen. Diese Sache verhielt sich also. Als Pausanias, der Lacedämonier, das erstemal durch die Spartaner von seiner Befehlshaberstelle im Hellesponte abberufen, von ihnen vor Gericht gezogen wurde, und von der Schuld freigesprochen war, so wurde er zwar von Staatswegen nicht mehr mit einer Sendung beauftragt: aber er nahm auf eigene Kosten einen Hermioneischen Dreiruder, und begab sich, ohne Genehmigung der Lacedämonier, in den Hellespont, unter dem Vorwande, an dem Hellenischen Kriege Theil zu nehmen, in der That aber, um für die Sache des Perserkönigs zu arbeiten, wie er es schon früher, als er nach der Oberherrschaft über Hellas trachtete, versucht hatte. Er hatte sich, um das ganze Unternehmen einzuleiten, den König zuerst durch folgende Gefälligkeit verpflichtet. Als er bei seiner früheren Anwesenheit nach dem Abzug von Cypern Byzanz eroberte, das von den Persern besetzt war, worunter sich einige Angehörige und Verwandte des Königs befanden, die dort gefangen wurden, so sendete er diese Gefangenen, ohne Vorwissen der übrigen Bundesgenossen, dem Könige heimlich zurück, und gab vor, sie seien ihm entwischt. Dieß veranstaltete er mit Hülfe des Eretriers Gongylus, dem er Byzanz und die Gefangenen anvertraut hatte. Diesen schickte er auch mit einem Briefe an den Perserkönig, der, wie man später fand, folgenden Inhalts war: "Ich Pausanias, Feldherr von Sparta, sende, um Dir eine Gefälligkeit zu erweisen, diese meine Kriegsgefangenen Dir zurück, und bin geneigt, wenn es Dir so gefällt, mit Deiner Tochter mich zu vermählen, und Sparta und das übrige Hellas unter Deine Botmäßigkeit zu bringen. Ich glaube auch, im Einverständnisse mit Dir im Stande zu sein, dieß zu bewerkstelligen. Genehmigst Du nun einen dieser Vorschläge, so sende einen zuverlässigen Mann an die Küste, durch den wir ferner unterhandeln können."

129. Dieß war der Inhalt des Schreibens. Dem Xerres war dieser Brief sehr angenehm ; er sandte den Artabazus, des Pharnakes Sohn, in die Seeprovinzen, mit dem Auftrage, die Statthalterschaft Daskylium18 zu übernehmen, und den Megabates, den bisherigen Statthalter, abzulösen: auch übergab er ihm ein Antwortschreiben mit dem Auftrag, es unter Vorweisung des Siegels sobald wie möglich übergeben zu lassen; und wenn Pausanias in seiner Angelegenheit etwas durch ihn bestellen wollte, so sollte er es mit aller Sorgfalt und Treue ausrichten. Er that nach seiner Ankunft, wie ihm befohlen war, und überschickte den Brief, der folgende Antwort enthielt: "Dieses entbeut der König Xerres dem Pausanias: die Gefälligkeit, welche du durch sichere Uebersendung der Männer aus Byzanz von der andern Meeresküste herüber mir erwiesen, wird bei meinem Hause in beständigem Andenken bewahrt bleiben. Auch deine Vorschläge billige ich. Betreibe Tag und Nacht unablässig das, was du mir versprochen. Weder an Gold und Silber, noch an Heeresmacht soll es dir fehlen, wenn solche irgend erforderlich sein sollten. Verhandle nun mit Artabazus, einem rechtschaffenen Manne, den ich an dich sende, meine und deine Angelegenheit, wie es für uns beide am besten und zuträglichsten sein wird."

130. Pausanias, der wegen des Oberbefehls bei Platäa schon zuvor bei den Hellenen in großem Unsehen stand, wurde nun nach Empfang dieses Schreibens noch übermüthiger, und konnte es nicht über sich gewinnen, nach hergebrachter Weise zu leben, sondern legte Persische Kleidung an, verließ Byzanz, und ließ sich auf einer Reise durch Thrazien von Persischen und Egyptischen Trabanten begleiten: richtete seine Tafel auf Persischen Fuß ein, und vermochte seine Gesinnung nicht zu verbergen, sondern verrieth bereits im Kleinen durch sein Betragen, was er im Großen später zu thun im Sinne hatte. Er wurde schwer zugänglich, und nahm gegen Jedermann ohne Unterschied ein so unerträglich hochfahrendes Wesen an, daß sich Niemand ihm nähern mochte. Dieß war auch eine Hauptveranlassung, warum der Bundesverein zu den Athenern überging.

131. Als die Lacedämonier dieses vernahmen, so riefen sie ihn das erstemal deshalb zurück. Da er nun zum zweitenmale mit dem Hermionischen Schiffe, ohne ihre Erlaubniß, hingesegelt, und es augenscheinlich war, daß er mit solchen Dingen umginge; als er ferner von den Athenern durch Gewalt genöthigt wurde, Byzanz zu verlassen, und nicht nach Sparta zurückkehrte, sondern sich in Kolonä, im Trojischen Gebiete niederließ, und die Klage vor die Spartaner gebracht wurde, daß er mit den Persern unterhandle, und in schlimmer Absicht dort verweile: so nahmen die Ephoren nicht länger Anstand, und schickten einen Herold mit einem Roubriefe19 an ihn ab, und befahlen ihm, von dem Herolde sich nicht zu entfernen: wo nicht, so sollte er als Feind der Spartaner er: klärt sein. Er aber wollte so wenig als möglich Verdacht erregen, und glaubte, durch Geld die Anklage niederschlagen zu können; und kehrte wieder nach Sparta zurück. Er kam nun zuerst auf Befehl der Ephoren in gefängliche Haft: denn die Ephoren dürfen diese auch gegen einen König verfügen. Dann brachte er es dahin, daß er wieder loskam, und erklärte sich bereit, denen, die ihn eines Vergehens überweisen wollen, sich vor Gericht zu stellen.

132. Einen entscheidenden Beweis hatten nun zwar die Spartaner nicht, weder seine Feinde, noch der ganze Staat, worauf man eine Strafe hätte zuverlässig begründen können gegen einen Mann von königlichem Geschlechte, der damals einen so hohen Rang besaß: denn als Blutsverwandter war er Vormund des unmündigen Königs Pleistarchus, des Sohnes von Leonidas. Aber durch seine Uebertretung der Gesetzte und Nachäffung der Perser hatte er den starken Verdacht erregt, daß er in die bestehende Verfassung sich nicht fügen wolle. Unter andern Abweichungen von dem gesetzlichen Herkommen suchte man ihm auch das hervor, daß er sich's her: ausgenommen hatte, auf den Dreifuß zu Delphi, den die Hellenen als Erstlingsopfer nach dem Siege über die Perser zum Weihgeschenk aufgestellt hatten, aus eigener Willkür eine Inschrift in folgenden elegischen Versen zu setzen: "Hellas Feldherr, nachdem er die Schaaren der Meder vernichtet, "Hat Pausanias dieß Denkmal dem Phoebus geweiht.“ Diese Inschrift hatten die Lacedämonier damals sogleich auf dem Dreifuße durch den Meißel ausgraben, und in die Inschrift alle Städte namentlich aufnehmen lassen, die an der Besiegung der Perser Theil genommen, und das Weihgeschenk gestiftet hatten. Auch dieß wurde jedoch dem Pausanias als Vergehen angerechnet: und bei seiner jetzigen Lage erschien jene Handlung mit seinen gegenwärtigen Planen nody weit mehr in Uebereinstimmung. Man erhielt auch Kunde, daß er mit den Heloten etwas vorhabe: und es verhielt sich wirklich so. Er hatte ihnen Freiheit und Bürgerrecht versprochen, wenn sie an seinem Aufstande Theil nähmen, und ihm eine allgemeine Umwälzung bewirken hälfen. Demungeachtet wollte man einigen Heloten, welche die Sache anzeigten, nicht glauben, und meinte noch nicht Grund zu haben, um ein außerordentliches Verfahren gegen ihn eintreten zu lassen. Sie handelten dabei nach dem unter ihnen gegenseitig gewöhnlichen Grundsatze, gegen einen Spartaner ohne unzweifelhafte Beweise nicht zu rasch etwas zu verfügen, was nicht mehr gut gemacht werden könnte. Endlich gab ein gewisser Mann aus Argilus, einst sein Liebling und rein Vertrauter, der seinen letzten Brief an den König dem Artabazus überbringen sollte, die Sache an. Bei diesem hatte die Bemerkung, daß noch keiner der frühern Boten je zurückgekehrt war, Besorgnisse erregt. Er machte also das Siegel nach, damit, wenn er in seiner Vermuthung sich täuschen sollte, oder Jener in dem Schreiben noch etwas ändern wollte, er es nicht erfahren möchte; nun öffnete er den Brief, worin er einen Nebenauftrag von der Art vermuthete, und wirklich geschrieben fand, daß man ihn tödten solle.

133. Nun erst, als er dieses Schreiben vorwies, schien den Ephören die Sache glaubwürdiger: doch wollten sie mit eigenen Ohren eine Aeußerung des Pausanias darüber vernehmen. Der getroffenen Abrede zufolge floh also jener Mann als Schutzflehender nach Tänarus, und ließ sich, eine Hütte, die durch eine Queerwand abgetheilt war, bauen: in welche er einige der Ephoren versteckte. Da nun Pausanias zu ihm kam, und ihn um die Ursache, warum er Schutz suche, befragte, so vernahmen sie Alles genau, wie dieser Mensch ihm vorwarf, was er seinetwegen geschrieben, und ihm das Uebrige der Reihe nach vorhielt, wie er ihn, als er bei seinen Unterhandlungen mit dem König von ihm gebraucht worden, nie in Verlegenheit gesetzt habe, und nun den Ehrendank haben solle, wie die meisten seiner Diener gemordet zu werden: wie ferner Pausanias gerade dieses eingestand, und Jenen bat, wegen des Bisherigen keinen Groll zu behalten, und ihm mit Beziehung auf das Heiligthum Sicherheit zuschwor, wenn er wegginge, und ihn aufforderte, sobald wie möglich abzureisen, und sein Vorhaben nicht zu hintertreiben.

134. Als nun die Ephoren Alles genau vernommen, entfernten sie sich: und weil sie jetzt eine entschiedene Ueberzeugung gewonnen hatten, so wollten sie seine Verhaftung in der Stadt veranstalten. Als er nun eben auf der Straße er: griffen werden sollte, so merkte er, wie man sagt, an der Miene eines Ephoren, der ihm nahe kam, womit dieser umgehe: und da ein anderer ihm einen stillen Wink gab, und aus Freundschaft es ihn merken ließ, so lief er eilends zum Tempel der Athene Chalkiökos, und entkam so, und erreichte denselben noch zu rechter Zeit. Denn der heilige Ort befand sich in der Nähe. Er trat nun in ein kleines Nebengebäude des Tempels, um nicht den Beschwerden der freien Luft aus: gesetzt zu sein, und verhielt sich ruhig. Wiewohl sie nun den Zweck der Verfolgung für den Augenblick nicht erreicht hatten, so ließen sie doch das Dach und die Thüren des Gebäudes wegnehmen, und erwarteten den Zeitpunkt, wo er innen war, um ihn einzusperren und die Pforten zu vermauern. So umlagerten sie ihn, bis sie ihn anshungerten. Da er nun in diesem Zustande im Gebäude schon dem Verscheiden nahe war, so bemerkten sie es, und führten ihn noch lebend aus dem Heiligthume heraus, worauf er sogleich verschied. Sie waren nun im Begriffe, ihn in die Schlucht Käadas zu werfen, wohin man die Verbrecher zu stürzen pflegt: sie beschlossen aber doch, ihn irgendwo in der Nähe zu verscharren. Der Gott zu Delphi gebot aber später den Lacedämoniern, das Grab an den Ort zu versetzen, wo er gestorben war, (und noch jetzt ruht er vor dem Tempelhofe, wie man aus der Inschrift auf den Säulen sieht) und da sie durch diese That einen Frevel verübt, so sollten sie zwei Leiber statt des Einen der Chalkiökos darbringen. Sie ließen nun zwei eherne Bildsäulen verfertigen, und weihten sie gleichsam für Pausanias.

135. Die Athener verlangten nun zur Erwiederung20 von den Lacedämoniern, daß auch sie jenen Greuel tilgen sollten, da auch der Gott ihn dafür erklärt hätte. Die Lacedämonier aber schickten damals Gesandte an die Athener, und klagten auch den Themistokles wegen der Verbindung mit den Persern an, in welcher Pausanias gestanden: wie sie bei der Untersuchung gegen diesen gefunden hätten: und verlangten, es rollte ihm dieselbe Strafe zuerkannt werden. Da er nun gerade durch das Scherbengericht verbannt war, und sich in Argos aufhielt, aber auch im übrigen Peloponnes umher: reiste, so ließen sich, die Athener dazu bereden, und schickten in Verbindung mit den Lacedämoniern, die zu seiner Verfolgung bereit waren, Leute aus, die den Befehl hatten, ihn zu greifen, wo sie ihn träfen.

136. Themistokles aber, der vorher Kunde erhalten hatte, floh aus dem Peloponnes nach Korcyra, dessen Einwohner er sich durch Wohlthaten verpflichtetet hatte. Da aber die Korcyräer äußerten, sie fürchten, sich mit den Lacedämoniern und Athenern zu verfeinden, wenn sie ihn bei sich behielten, so ließ er sich von ihnen auf das gegenüberliegende Festland übersetzen. Da ihm nun die, welchen es aufgetragen war, auf die Nachricht, wohin er sich begäbe, nachsetzen, so sah er sich genöthigt, in der Verlegenheit bei Admet, dem Könige der Molosser, der nicht rein Freund war, einzukehren. Dieser war gerade nicht zu Hause. Themistokles aber trat als Flehender vor seine Gemahlin, und erhielt von ihr die Weisung, mit ihrem und Admets Sohne auf den Heerd zu sitzen. Als Admet bald darauf ankamm, so entdeckte sich ihm Themistokles, und bat, er möchte, wenn er einst einmal gegen reine Wünsche vor den Athenern gesprochen, an ihm als Flüchtling nicht Rache nehmen. Denn in seiner jetzigen Lage würde er, als der Schwächere, durch ihn unglücklich werden: edel aber sei es, nur an seines Gleichen in gleicher Lage sich zu rächen. Ueberdieß habe er sich dem Könige nur bei einer Geschäftsangelegenheit, nicht aber in einem Falte, wo das Leben auf dem Spiele stand, widersetzt. Wofern er ihn ausliefere, so werde er ihm die Mittel nehmen, sein Leben zu retten. Dabei erzählte er ihm, von wem und weswegen er verfolgt werde. Als Admet dieß vernommen, so hieß er ihn mit seinem Sohne, wie er sich mit demselben niedergesetzt hatte, aufstehen: denn dieß war die wirksamste Art, Schutz zu suchen.

137. Und als bald darauf die Lacedämonier in Athen ankamen, und ihm dringende Vorstellungen machten, lieferte er ihn doch nicht aus, sondern entsandte ihn, da er zum Perserkönig reisen wollte, an die Küste des jenseitigen Meeres auf dem Landwege nach Pydna, der Stadt des (Macedonischen) Alexander. Dort traf er ein Lastschiff, das nach Ionien absegelte, bestieg dasselbe, und wurde durch Sturm unter das Athenische Geschwader getrieben, welches Naros belagerte. Nun war er zwar auf dem Schiffe unerkannt, sagte aber doch aus Furcht dem Schiffsherrn, wer er sei, und warum er sich auf der Flucht befinde: und drohte ihm, wenn er ihn nicht rette, so werde er angeben, daß er durch Geld sich habe verleiten lassen, ihn mitzunehmen; ihre Sicherheit aber beruhe darauf, daß Niemand das Schiff verlasse, bis man weiter segle: die Erfüllung dieses Verlangens werde er mit angemessener Belohnung ihm gedenken. Der Schiffsherr befolgte dieß, und lag einen Tag und eine Nacht jenseits des Standorts der Flotte auf offner See, und gelangte sodann nach Ephesus. Themistokles erwiederte seinen Dienst durch ein Geschenk an Geld (denn er erhielt später aus Athen und Argos von seinen Freunden die Summen, welche er heimlich in Verwahrung gegeben hatte): und reiste dann mit einem Perser, der an der Küste Asiens wohnte, in's Innere des Landes, und sandte ein Schreiben an den König Artorerres, den Sohn des Xerres, der seit Kurzem die Regierung angetreten hatte. Der Inhalt des Schreibens war folgender:

"Ich Themistokles komme zu Dir, der ich, so lange ich mich gegen Deines Vaters Angriff nothgedrungen zu vertheidigen hatte, Deinem Hause am meisten unter allen Hellenen Schaden zugefügt, aber auch noch weit mehr Gutes er: wiesen habe, nachdem ich mich wieder in Sicherheit befand, er aber unter Gefahren sich zurückzog. Man ist mir also Dank für eine Wohlthat schuldig (hier führte er in seinem Schreiben an, wie er jenen von Salamis aus wegen des Rückzugs zu rechter Zeit Nachricht gegeben, und wie durch ihn damals die fälschlich vorgegebene Zerstörung der Brücken hintertrieben worden): und auch jetzt noch im Stande, Dir wichtige Dienste zu leisten, bin ich hier angekommen, da mich die Hellenen wegen meiner Freundschaft gegen Dich verfolgen. Ich will aber nach Jahresfrist Dir selbst eröffnen, warum ich hieher gekommen.".

138. Der König bewunderte, wie man erzählt, den Verstand des Mannes, und billigte seinen Plan. Er aber machte sich während der genommenen Frist mit der Persischen Sprache und den Landessitten, so viel wie möglich, bekannt. Nach Verfluß des Jahres erschien er vor dem König, und gelangte bei ihm zu großem Ansehen, wie noch kein Hellene, theils wegen des zuvor erworbenen großen Ruhmes, theils weil er dem Könige Hoffnung machte, ihm die Hellenischen Staaten zu unterwerfen, vornehmlich, aber, weil er ihm nach den gegebenen Proben als ein einsichtsvoller Mann erschien. Denn in der That war Themistokles ein Mann, in welchem sich die Kraft der Natur auf's stärkste offenbarte, und er war in dieser Hinsicht vorzugsweise vor Andern der Bewunderung werth. Denn er wußte durch seinen natürlichen Verstand, ohne diesen durch frühern oder spätern Unterricht unterstützt zu haben, nach ganz kurzer Ueberlegung plötzliche Vorfälle trefflich zu beurtheilen, und bei künftigen Dingen den wirklichen Erfolg meist ganz richtig zu errathen. Das, womit er sich beschäftigte, verstand er auch als Redner gut auszuführen, und selbst die geschickte Beurtheilung dessen, wovon er nicht unterrichtet war, blieb ihm nicht fremde. Auch bei dem, was noch die Zukunft verhütte, sah er das Bessere oder Schlimmere trefflich voraus. Er besaß, um mit Einem Worte Alles zu sagen, in hohem Grade den Vorzug, durch die Kraft der Natur und durch kurzes Nachdenken das Rechte augenblicklich herauszufinden. Er starb an einer Krankheit. Nach einigen Berichten hin: gegen roll er sich durch Gift getödtet haben, weil er sich ausser Stand glaubte, dem Könige seine Versprechungen zu erfüllen. Sein Grabmal steht auf dem Marktplatze zu Magnesia in Asien. Denn er war Statthalter dieser Gegend gewesen, da der König ihm Magnesia, welches jährlich fünfzig Talente eintrug, zum Brode, Lampsakus, welches den Ruf hatte, damals eine der weinreichsten Gegenden zu sein, zum Weine, und Myus zur Zuspeise angewiesen hatte. Seine Gebeine aber wurden, wie seine Angehörigen behaupten, seiner Anordnung gemäß, in die Heimath gebracht, und ohne Wissen der Athener in Attika beerdigt: denn es war nicht erlaubt, ihn dort zu begraben, da er als hochverräterischer flüchtig geworden war. So endete Pausanias der Lacedämonier, und Themistocles der Athener, die unter den Hellenen ihrer Zeit den glänzendsten Ruhm erlangt hatten.

139. Dieses waren nun die Ausinnen und Gegenforderungen, welche die Lacedämonier bei der ersten Gesandtschaft wegen der Verbannung der Fluchbeladenen machten und er: hielten. Später brachten sie wiederholt bei den Athenern das Begehren vor, sie sollten von dem Angriffe auf Potidäa ablassen, und Aegina die Unabhängigkeit gewähren. Auf's dringendste und bestimmteste aber erklärten sie, eine Bedingung der Abwendung des Krieges sei die Aufhebung des Beschlusses gegen Megara, wodurch, bestimmt war, daß die Megareer zu den Häfen in dem Athenischen Gebiete und zu den Attischen Märkten nicht sollten zugelassen werden. Allein so wenig die Athener in die übrigen Forderungen willigten, so wenig hoben sie jenen Beschluß auf, in welchem sie als Beschwerde gegen die Megareer die Anpflanzung des heiligen Feldes und der noch nicht abgegrenzten Ländereien, und die Aufnahme ihrer entlaufenen Sklaven aufstellten. Endlich da zum letztenmale Rhamphias, Melesippus und Agesander als Gesandte von Sparta ankamen, und, ohne der früher gewöhnlichen Forderungen zu erwähnen, blos ihre Erklärung in folgende Worte faßten: „die Lacedämonier wünschen den Frieden, und er werde fortbestehen, wofern Athen den Hellenen Unabhängigkeit gewähre," so veranstalteten die Athener eine Volksversammlung, und machten dieß unter sich zum Gegenstande der Besprechung: und man beschloß, ein für allemal das Ganze zu berathen, und eine Antwort zu ertheilen. Es traten nun verschiedene Redner auf, und die Meinungen waren getheilt: einige sagten, man solle die Waffen ergreifen: andere, jener Volksbeschluß rolle kein Hinderniß des Friedens werden: sondern man müsse ihn aufheben. Da trat auch Perikles auf, damals der erste Mann in Athen, ein eben so gewaltiger Redner als einflußreicher Staatsmann, und ermunterte sie durch folgende Rede:

140. "Noch immer, ihr Athener, beharre ich bei meiner Ansicht, daß man den Peloponnesiern nicht nachgeben dürfe, wiewohl ich weiß, daß die Menschen nicht dieselbe Lebhaftigkeit des Eifers, mit der sie sich zum Kriege bestimmen lassen, auch bei der wirklichen Ausführung behaupten: sondern daß mit den Glücksfällen auch die Gesinnungen wechseln. So sehe ich denn auch jetzt keinen andern Rath, den ich euch ertheilen könnte: und mache die Anforderung an diejenigen unter euch, welche mir beipflichten, daß sie unsere gemeinsamen Beschlüsse, auch im Falle, daß wir einen Stoß erleiden sollten, unterstützen, oder daß sie bei glücklichem Erfolge auch die klugen Plane sich nicht beimessen. Denn es ist möglich, daß die Fügungen des Zufalls einen eben so ungeschickten Gang nehmen, als die Gedanken der Menschen: daher sind wir auch gewohnt, wenn etwas Auffallendes sich ereignet, die Schuld dem Glücke beizumessen. Entschieden ist es, daß die Lacedämonier schon längst, und jetzt besonders, feindselige Absichten gegen uns hegen. Denn wiewohl ausdrücklich festgesetzt worden ist, daß beide Theile bei gegenseitigen Zwistigkeiten sich einer gerichtlichen Entscheidung zu unterwerfen haben, und daß jeder Theil im Besitz dessen, was er hat, bleiben solle, so haben doch sie noch keine rechtliche Verhandlung verlangt, noch unser Anerbieten derselben angenommen. Sie wollen lieber durch Krieg als durch Unterhandlung die Beschwerden erledigt wissen, und treten jetzt befehlend, und nicht mehr beschwerdeführend auf. Sie verlangen, wir sollen von unserm Angriffe auf Potidäa ablassen, Aegina die Unabhängigkeit gewähren, und den Volksbeschluß wegen der Megareer aufheben. Ja die jüngst angekommenen Gesandten erklären sogar, wir sollen den Hellenen ihre Selbständigkeit lassen. Niemand unter Euch glaube übrigens, daß es eine Kleinigkeit sei, für die wir Krieg ans fangen, wenn wir den Beschluß wegen der Megareer nicht aufheben, den jene hauptsächlich zum Vorwande nehmen, indem sie das Nichteintreten des Kriegs von seiner Aufhebung abhängig machen. Lasset bei euch selbst den Vorwurf nicht sich befestigen, daß ihr wegen unbedeutender Ursachen zu den Waffen gegriffen habet. Denn mit dieser Kleinigkeit hängt die Befestigung und Probe eurer Grundsätze überhaupt zusammen. Gebt ihr diesesmal nach, so wird man euch bald Größeres auferlegen, in der Meinung, ihr hättet auch jetzt aus Furcht nachgegeben. Widersetzt ihr euch dagegen mit Festigkeit, so werdet ihr jenen einen deutlichen Beweis geben, daß sie euch, fernerhin mehr als ihres Gleichen behandeln müssen."

141. "Dem zufolge möget ihr nunmehr euch bedenken, ob ihr, ehe ihr einen Nachtheil leidet, euch fügen wollet, oder ob wir Krieg anfangen sollen (was ich meinerseits für das Beste halte), als Männer, die unter keinem Vorwande, er sei wichtig oder unwichtig, nachgeben, und furchtlos, was sie errungen, behaupten werden. Denn die kleinste und größte Forderung, welche jemanden von seines Gleichen vor rechtlicher Entscheidung auferlegt wird, hat eine gleich erniedrigende Bedeutung. Daß wir aber hinsichtlich des Kriegs und der beiderseitigen Hülfsmittel nicht der schwächere Theil sein werden, darüber laßt euch durch meinen Vortrag im Einzelnen belehren. Die Peloponnesier leben von ihrer Handarbeit, und weder der einzelne Bürger, noch der öffentliche Schatz ist dort mit Geld versehen. Sodann haben fie feine Erfahrung in langdaurenden und in solchen Kriegen, die mit überseeischen Feinden zu führen sind, weil sie, ihrer Armuth wegen, unter sich nur kurze Kriege führen. Solche Leute vermögen weder Schiffe, die sie bemannen, noch Landheere wiederholt auszusenden, indem sie dann von ihrem Eigenthum sich entfernen, und von demselben auch die Kosten bestreiten müssen, und dazu noch das Meer ihnen gesperrt ist. Kriege aber kann man mehr durch Geldvorrath, als durch gewaltsam abgerungene Steuern aushalten. Leute, die von ihrer Handarbeit leben, sind auch geneigter, persönlich, als mit Geld, Krieg zu führen, weil sie in Betreff ihrer Person die Zuversicht haben, unter den Gefahren sich doch wohl durchzubringen, ihrer Habe wegen aber nicht versichert sind, ob sie dieselbe nicht zu früh aufzehren werden, zumal wenn, wie es doch wahrscheinlich ist, der Krieg wider ihr Vermuthen sich in die Länge ziehen sollte. In Einer Schlacht können nun zwar die Peloponnesier und ihre Bundesgenossen mit den gesammten übrigen Hellenen es wohl aufnehmen: aber einen eigentlichen Krieg gegen einen ungleich besser gerüsteten Feind zu führen, sind sie nicht im Stande, da sie einerseits keinen Vereinigungspunkt ihrer Berathschlagungen haben, und daher nichts augenblicklich und rasch ausführen können, andererseits bei gleichem Stimmrechte und verschiedener Abstammung jeder seine besonderen Zwecke verfolgt: Verhältnisse, unter welchen nichts zur Vollendung gebracht zu werden pflegt; denn während der Eine vornehmlich die Absicht hat, au Diesem oder Jenem Rache zu nehmen, wünscht der Andere die möglichste Schonung seines Eigenthums. Wenn sie nach langem Zaudern zusammen kommen, so widmen sie der Berathung des allgemeinen Wohls nur kurze Zeit, die Meisten hingegen der Betreibung ihrer besondern Angelegenheiten. Jeder meint, sein gleichgültiges Betragen werde nicht viel schaden, und es werde schon ein Anderer die Mühe übernehmen, statt seiner etwas zu besorgen: weil das her jeder Einzelne diese Einbildung für sich hegt, so leitet unvermerkt das Gesammtwohl Noth."

142. "Das wichtigste aber ist, daß der Mangel an Geld ihnen hinderlich sein wird, wiefern sie dasselbe nur allmählig und mit Zandern herbei schaffen, da doch die Gelegenheiten im Kriege kein langes Warten zulassen. Uebrigens ist weder die Anlegung von Festungen gegen uns, noch die Seemacht bei ihnen furchtbar zu achten: denn jene in gehörigen Stand zu setzen, hat schon im Frieden, selbst bei einem Staate, der andern gewachsen ist, seine Schwierigkeit, noch vielmehr aber in Feindeslande, zumal da auch, wir unsere Vollwerke haben, die wir ihnen entgegensetzen können. Werden sie aber auch eine Verschanzung zu Stande bringen, so mögen sie wohl einem Theile unseres Gebiets durch Streifzüge und Begünstigung der Ueberläufer Schaden zufügen; doch wird dieß nicht hinlänglich sein, um unser Land zu sperren, und zu uns verhindern, gegen ihr Gebiet Seezüge zu thun, und mit dem, worauf unsere Stärke beruht, mit unserer Flotte gegen sie zu kämpfen. Denn wir haben durch das Seewesen mehr Geschicklichkeit für den Landkrieg erlangt, als sie durch den Landkrieg für das Seewesen: und sie werden nicht so leicht auch Kenntniß des Seewesens sich erwerben. Seid ja doch ihr selbst darin noch nicht ganz ausgebildet, wiewohl ihr bereits seit dem Beginne der Perserkriege euch darin zu üben anfiengt: wie vermöchten nun Leute, welche den Ackerbau treiben, und nicht die Schifffahrt, darin etwas bedeutendes zu leisten, da wir überdieß ihnen keine Zeit lassen werden, sich darin zu üben, weil wir mit unserer zahlreichen Flotte sie beständig umlagert halten? denn wenn sie auch gegen wenige kreuzende Schiffe den Kampf wagen, und durch Ueberzahl bei ihrer Unerfahrenheit sich ermuthigen sollten, so werden sie sich doch ruhig verhalten müssen, wenn sie von vielen eingeschlossen werden. So werden sie dann wegen Mangels an Uebung ziemlich ungeschickt, und darum auch sehr zaghaft sein. Das Seewesen aber erfordert so sehr, als irgend Etwas anderes, Kunstfertigkeit, und man darf sich in demselben nicht etwa bei vorkommenden Fällen nebenher üben; sondern man kann vielmehr dabei keine andere Nebenbeschäftigung treiben."

143. "Sollten sie auch die Schätze zu Olympia und Delphi angreifen, und durch höhern Sold die Miethtruppen auf unsern Schiffen uns zu entführen versuchen, so wäre dieß allerdings gefährlich, für uns, wenn wir nicht durch Bemannung der Flotte aus unserer Mitte und aus den Beisitzern ihnen gewachsen wärent. Nun aber ist dieß der Fall, und was das Beste ist, wir haben Bürger zu Steuermännern, und die übrige Schiffsmannschaft ist zahlreicher und besser bei uns, als im ganzen übrigen Hellas. Auch würde wohl keiner unserer Söldner sich entschließen, auf's Gerathewohl sein Vaterland zu meiden, und unter so geringen Aussichten wegen einer Solderhöhung von wenigen Tagen sich im Kampfe an sie anzuschließen. In dieser oder einer ähnlichen Lage befinden sich nun, nach meiner Ansicht, die Peloponnesier: unser Zustand aber ist frei von den Mängeln, die ich bei Jenen gerügt habe, und hat ungleich grössere Vortheile vor ihnen voraus. Fallen sie mit einem Landheere in unser Gebiet ein, so greifen wir das ihrige mit der Flotte an: und dann ist es nicht mehr gleichbedeutend, ob ein Theil des Peloponneses von uns, oder ganz Attika von ihnen verwüstet wird: denn sie vermögen statt desselben kein anderes Land ohne Kampf zu besetzen: wir aber haben noch Land genug, theils auf den Inseln, theils auf dein Festlande. Denn gewaltig ist die Macht des Meeres. Betrachtet die Sache also: Wären wir Inselbewohner, wer würde unbezwingbarer sein, als wir? Und nun müssen wir diesem Gedanken so nahe wie möglich zu kommen suchen, unser Land-Gebiet und unsere Wohnungen verlassen und das Meer und die Stadt behaupten: und uns nicht durch leidenschaftlichen Eifer für jenes Besitzthum zu einer Entscheidungsschlacht mit den an Zahl weit stärkeren Peloponnesiern hinreißen lassen. Denn siegen wir auch, so werden wir doch bald wieder mit nicht geringeren Scharen zu kämpfen haben: verlieren wir die Schlacht, so ist die Macht unserer Bundesgenossen, die unsere Hauptstärke ausmacht, zugleich für uns verloren. Denn diese werden nicht länger ruhig bleiben, wenn wir nicht mehr im Stande sind, mit bewaffneter Macht gegen sie zu ziehen. Auch dürfen wir nicht um unsere Häuser und Felder, sondern nur um unsere Personen jammern: denn jene Dinge sind nicht Herren über die Menschen, sondern die Menschen über sie. Ja! könnte ich hoffen, euch zu überreden, so würde ich rathen, ihr selbst solltet hinausziehen, und Land und Häuser verwüsten, und so den Peloponnesiern zeigen, daß ihr um solcher Dinge willen euch ihren Befehlen nicht fügen werdet."

144. "Noch habe ich manche andere Gründe für die Hoffnung des Sieges, wofern ihr nur im Kriege nicht zugleich weitere Eroberungen machen, und durch eigene Wahl euch neue Gefahren zuziehen wollet. Denn ich fürchte weit mehr unsere eigenen Fehler, als die Plane der Gegner; doch davon soll euch ein anderer Vortrag, wenn es zur Ausführung selbst kommt, belehren. Jetzt aber wollen wir die Gesandten mit folgender Antwort entlassen: „Wir werden den Megareern den Zutritt zu unsern Märkten und Häfen gestatten, wofern auch die Lacedämonier keine Fremden mehr weder von uns, noch von unsern Bundesgenossen aus ihrem Gebiete wegweisen: denn weder das Eine, noch das Andere ist den Verträgen entgegen. Wir wollen ferner die Freiheit der Staaten ungekränkt lassen, wenn wir bereits beim Abschlusse des Vertrags sie als unabhängig behandelten, und wenn auch sie ihren Städten das Recht zurückgeben, sich nicht dem Lacedämonischen Staatsvortheile, sondern ihrem eigenen gemäs nach Gutdünken eine freie Verfassung einzurichten. Auch wollen wir eine gerichtliche Entscheidung vertragsmäßig uns gefallen lassen. Den Krieg wollen wir nicht anfangen, aber gegen Angreifer uns vertheidigen." Eine solche Antwort ist eben so gerecht, als der Würde unserer Stadt angemessen. Jedoch müssen wir uns überzeugt halten, daß der Krieg unvermeidlich ist: unternehmen wir ihn nun mit freiem Entschlusse, so werden wir uns von den Feinden um so weniger bedrängt sehen. Je gefahrvoller der Kampf, desto grösser der Ruhm, der aus ihm für den Staat und den einzelnen Bürger hervorgeht. Haben doch unsere Väter, die den Kampf mit den Persern bestanden, mit geringeren Kriegsmitteln, und sogar ihr Besitzthum verlassend, mit mehr Einsicht als Glück, mit mehr Kühnheit als Macht; die Barbaren zurückgeschlagen, und ihre Macht auf diesen Gipfel gebracht. Hinter ihnen dürfen wir nicht zurückbleiben, sondern wir müssen gegen die Feinde uns auf jede Weise vertheidigen, und uns bemühen, jene Macht den Nachkommen ungeschmälert zu hinterlassen."

145. Also redete Perikles. Die Athener aber, überzeugt, daß sein Rath der beste sei, faßten den Beschluß nach seinem Antrage. Sie antworteten daher den Lacedämoniern nach seinem Vorschläge über jeden einzelnen Punkt, und überhaupt, wie er es angegeben hatte: daß sie sich nichts werden befehlen lassen, aber bereit seien, vertragsmäßig durch rechtliche Entscheidung die Beschwerden zu erledigen, unter der Bedingung der Rechtsgleichheit. Jene kehrten nach Hause zurück, und es erschien nun weiter keine Gesandtschaft von ihnen.

146. Dieses waren die Beschwerden und Streitigkeiten beider Theile vor dem Kriege, welche gleich mit den Vorfällen in Epidamnus und Korcyra anfiengen. Doch hatten sie während derselben noch Verkehr mit einander, und gingen hin und her, zwar ohne sicheres Geleit, doch nicht ohne Mißtrauen. Denn das Vorgefallene war doch eine Störung des Friedensvertrags, und bot einen Vorwand zum Kriege dar.

1. Das heutige Durazzo.

2. Vielleicht Anspielung auf Verweigerung der Hülfe bei einem Kriege Athens mit der Insel Regina -486 vor Chr. und mit Samos 445.

3. Die sogenannte Halbinsel Chalcidice.

4. 465 v. C. Ithome : eine Bergfestung in Messenien: auf dem heutigen Berg Vulcano.

5. Pegä und Nisäa, Hafen-Pätze der Megareer am Korinthischenund Saronischen Meerbusen an der Landenge.

6. Unweit Hydra. Zeit: 458 v. C.

7. Kleine Insel bei Epidaurus (Pidavro).

8. Grenzgebirge von Megara und Korinth. Zeit: 457 v. E.

9. Zwischen den Gebirgen Oeta und Parnaß in Mittelgriechenland.

10. Nördlich am Korinthischen Meerbusen.

11. Wahrscheinlich ein wenig bekannter Ort in Netolien.

12. An der Mündung des Achelous (Aspros Potamos) bei Natolico.

13. 449 v, Chr. Cition: jetzt Chitti. Salamis : Famagusta.

14. Nicht dem Geschichtsschreiber, sondern der Staatsmanne und Gegner des Perikles.

15. 436 v. C., 432 v. C. Vergl. Cap. 25. 39. 58.

16. Der versöhnende, besänftigende Jupiter.

17. Minerva hatte diesen Beinamen in Sparta wahrscheinlich von einem Tempel mit ehernen Pforten oder Säulen.

18. Diostille [am Marmormeere Mare di marmora] in Natolien.

19. Skytala, Rollbrief, hieß ein Spartanisches geheimes Staats-

schreiben, das auf Pergament-Kiemen geschrieben war, und gelesen werden konnte, wenn man diese um einen walzen- förmigen Stab wickelte, den die Ephoren und Feldherrn von gleicher Große hatten.

20. Vergleiche Cap. 127. 128.

Zweites Buch

Inhaltsverzeichnis

Inhalt des zweiten Buchs.

Das zweite Buch Beschreibt die Begebenheiten der drei erster Jahre des Kriegs (431 - 429. v. Chr.) Die Thebaner eröffnen die Kriegs-Scenen mit der Ueberrumpelung der Athenischen Bundesstadt Platäa; aber die Unternehmung mißlingt. Cap. 2-6. Kriegsmittel und Stimmung der Griechischen Staaten: Verzeichniß der Verbündeten beider Theile. Cap. 7-9. Anstalten der Lacedämonier, und der Athener unter Leitung des Perikles, welcher das Landvolk in die Stadt hereinzuziehen veranlaßt. Cap. 10-17. Erster Einfall der Peroponnesier in Attika. Cap. 18-22. Unternehmungen der Athener gegen den Peloponnes, gegen Aegina und andere Theile Griechenlands Cap. 23 - 33. Die Leichenfeier der gefallenen Athener und Peritles Rede. Cap. 34 – 46. Die Pest bricht in Athen aus. Cap. 47-54. Zweiter Einfall der Peloponnesier in Attika, und Streifzüge der Athenischen Flotten am Peloponnes und anderswo, Cap. 55-58. Perikles letzte Schicksale. Reden und Charakter. Cap. 59-65. Verschiedene Kriegsvorfälle, worunter die Uebergabe von Potidäa an die Athener. Cap. 66 - 70. Belagerung von Platäa durch die Peloponnesier. Cap. 71-78. Weitere Kriegsscenen in Macedonien und Akarnanien. Cap. 79-82. Der Athener Phormio liefert den Peloponnesiern zwei Seetreffen in Korinthischen Meerbusen. Cap. 83 - 92. Ein Plan zur aUeberrumpelung des Athenischen Hafens Piräeus mißlingt. Cap. 93 - 94. Feldzug des Athenischen Bundesgenossen Sitalces, Königs von Thracien, gegen die Macedonier. Eingestreut sind Bemerkungen über die örtlichen und Staatsverhältnisse und die Geschichte Thraciens und Macedoniens. Cap. 95 - 101. Zug des Phormio nach Akarnanien, und seine Rückkehr nach Athen. Cap. 102 - 103.

Zweites Buch.

1. Von hier an beginnt nun der Krieg zwischen den Athenern und Peloponnesiern und den beiderseitigen Bundesgenossen, wo sie ohne einen Herold [ohne sicheres Geleite] keinen Verkehr mehr mit einander hatten, und seit dem Anfange des Kriegszustandes den Kampf unausgesetzt fortführten. Es sind aber die Ereignisse, der Zeitfolge gemäß , nach Sommern und Wintern1, wie jedes geschah, beschrieben.

2. Vierzehn Jahre lang war jener, nach der Einnahme von Euböa2, auf dreißig Jahre geschlossene Friede beobachtet worden. Im fünfzehnten Jahre (431 v. Chr. Geb.), als Chrysis acht und vierzig Jahre Priesterin in Argos, und Aeneslas Ephore in Sparta war, als zehen Monate an der Regierungszeit des Archon Pythodorus in Athen verflossen waren, sechs Monate nach dem Treffen bei Potidäa, mit dem Anfange des Frühlings, geschah es, daß ein bewaffneter Haufe Thebaner, nach der Sommersonnenwende, etwa mit unserem Julius. Thucydides aber rechnet reine Kriegsjahre anders: sie beginnen etwa mit der Frühlingstag- und Nachtgleiche, und jein Sommer dauert vom April bis Ende etwas mehr als dreihundert Mann stark, befehligt von Pythangelus, dem Sohne des Phylidas, und Diemporus, dem Sohne des Onetoridas, Vorstehern der Böotier3, um die Zeit des ersten Schlafs in Platäa in Böotien, welche Stadt mit Athen im Bunde stand, eindrang. Sie waren herbeigerufen und zu den Thoren eingelassen worden durch Platäische Männer, Nauklides und seine Anhänger, welche, um ihre eigene Macht zu erheben, die Absicht hatten, ihre Gegenpartei unter den Bürgern zu stürzen, und die Stadt den Thebanern zuzuwenden. Verhandelt hatten sie die Sache durch Eurymachus, den Sohn des Leontiades, des angesehensten Mannes unter der Thebanern. Da nämlich die Thebaner voraussahen, daß es zum Kriege kommen würde, so wünschten sie noch während des Friedens und vor dem Ausbruche des offenen Krieges, der Stadt Platäa, die stets mit ihnen im Zwiste gewesen, sich voraus zu bemächtigen. Daher konnten sie auch, da keine Wache ausgestellt war, um so leichter unbemerkt eindringen. Sie stellten sich nun bewaffnet auf dem Marktplatz auf, und statt dem Rathe derer, welche sie herbeigerufen, zu folgen, daß sie nämlich sogleich zum Werke schreiten, und in die Wohnungen ihrer Gegner einbrechen möchten, beschloßen sie vielmehr, zweckmäßige Erklärungen durch den Herold zu erlassen, und die Stadt zu freundschaftlicher Uebereinkunft einzuladen: in der Meinung, die Stadt würde auf diese Weise ohne Schwierigkeit zu ihnen übertreten. Der Herold verkündigte nämlich: wer nach dem herkömmlichen Rechte der gesammten Böotier ihrem Kriegsbunde beitreten wolle, solle sich bewaffnet an sie anschließen.

3. Als nun die Platäer vernahmen, daß die Thebaner in der Stadt sehen, und dieselbe durch Ueberraschung besetzt sei, so schritten sie aus Furcht und in der Meinung, daß die Anzahl der Eingedrungenen stärker sei, da man sie bei Nacht nicht übersehen konnte, zum Vergleiche, nahmen die Vorschläge an, und verhielten sich ruhig, zumal, da gegen Niemand unter ihnen ein Gewaltschritt geschah. Allein während man dieß verhandelte, wurden sie zufällig gewahr, daß der Thebaner nicht Viele seien, und so kamen sie auf den Gedanken, daß durch einen Angriff jene leicht überwältigt werden könnten. Denn die Mehrzahl in Platäa war nicht geneigt, von den Athenern abzufallen. Sie beschloßen daher, den Angriff zu wagen. Sie traten also, indem sie die gemeinschaftlichen Zwischenwände der Häuser durchbrachen, zusammen, um nicht, wenn sie über die Straße giengen, bemerkt zu werden, und stellten unbespannte Lastwagen auf die Straßen, um sie statt einer Verschanzung zu gebrauchen: und trafen noch andere Anstalten, wie sie etwa unter diesen Umständen ihnen zuträglich dienen. Nachdem sie, so gut es gerade möglich, war, sich geristet, so benützten sie die Zeit, wo es noch Nacht war, und der Morgen erst dämmerte, um aus den Häusern auf jene einzudringen, damit sie nicht, durch das Tageslicht ermuthigt, ihnen mit gleichem Vortheile Widerstand leisten möchten, sondern, durch die Nacht desto mehr eingeschüchtert, wegen der Bekanntschaft der Platäer mit der Lage ihrer Stadt in Nachtheil kämen. So rückten sie plötzlich auf jene zu, und wurden schnell mit ihnen handgemein.

4. Als die Thebaner sich getäuscht sahen, zogen sie sich enge zusammen, und suchten die Angreifenden, wo man auf sie einstürmte, zurückzutreiben. In der That schlugen die auch den Angriff zwei- bis dreimal ab. Als aber die Männer selbst mit gewaltigem Lärm auf sie eindrangen, während die Weiber und das Gesinde unter Geschrei und Wuthgeheul von den Häusern Steine und Ziegel auf sie schleuderten, indem zugleich während der Nacht ein heftiger Regen eingetreten war, so geriethen sie in Schrecken, wandten sich um, und flohen durch die Stadt. Da nun bei der Dunkelheit - denn der Mond stand eben im letzten Viertel - und bei den kothigen Straßen die Meisten die Durchgänge, durch welche sie sich hätten retten sollen, nicht zu finden mußten, hingegen es mit Gegnern zu thun hatten, welche, mit den Wegen wohl bekannt, den Verfolgten die Flucht versperrten, so kam die größere Zahl um. Ein Platäer hatte auch das Thor, welches allein offen war, durch das sie hereingekommen waren, geschlossen, indem er statt der eisernen Eichel am Querbalken den Schaft von einem Spieße gebrauchte, so daß sie auch dort keinen Ausweg mehr hatten. Während sie durch die Stadt umhergejagt wurden, erstiegen Einige die Mauer, stürzten sich auswärts hinab, und kamen dabei meist um. Andere entkamen durch ein abgelegenes Thor, wo sie mit einem Beile, das ihnen ein Weib gab, das Querholz unbemerkt entzwei hieben: doch ihrer waren Wenige, denn man bemerkte dieß bald. Andere wurden da und dort in der Stadt zerstreut niedergemacht. Der größte Haufen aber, der sich am engsten geschlossen hielt, warf sich in ein großes Gebäude, das zur Stadtmauer gehörte, und dessen Thüre gerade offen stand, im Wahne, daß diese Thüre ein Stadtthor sei, und man dort gerade durch hinauskommen könne. Als nun die Platäer sie hier eingeschlossen sahen, so rathschlagten sie, ob sie das Gebäude anzünden, und jene, so wie sie da waren, verbrennen, oder anders mit ihnen verfahren sollten. Endlich, aber verglichen sich: diese und die noch übrigen andern Thebaner, die in der Stadt umherirrten, mit den Platäern, so daß sie sich und ihre Waffen ihnen unbedingt übergaben. Solches Schicksal hatten die in Platäa.

5. Die übrigen Thebaner aber, die während der Nacht mit der gesammten Streitmacht auf den Fall des Mißlingens zu den Eingedrungenen hätten stoßen sollen, eilten nun, von dem Vorfalle auf dem Zuge benachrichtigt, herbei. Platäa ist von eben siebzig Stadien (1¾ deutsche Meile] entfernt: es hatte jedoch der in der Nacht gefallene Regen jene auf dem Zuge aufgehalten. Denn der Fluß Asopus war stark angelaufen und nicht leicht zu durchwaten. Da sie aber im Regen den Weg machten, und nur mit Mühe über den Fluß setzten, so kamen sie zu spät, als schon ihre Leute zum Theil gefallen, zum Theil gefangen waren. Als nun die Thebaner hörten, was geschehen war, so lauerten sie den ausserhalb der Stadt befindlichen Platäern auf: denn es waren noch Leute und Geräthschaften auf dem Lande, da dieser Unfall unvermuthet im Frieden sich ereignet hatte. Sie wollten nämlich die Platäer, die etwa in ihre Hände fielen, als Geiseln für die in der Stadt, wofern welche gefangen wären, behalten. Während sie mit der Berathung über diesen ihren Plan sich beschäftigten, sandten die Pratäer, vermuthend, daß so etwas geschehen würde, und für ihre Leute ausserhalb der Stadt besorgt, einen Herold an die Thebaner, mit der Erklärung: sie hätten schon durch das Vorgefallene, bei dem Versuche, mitten im Frieden sich ihrer. Stadt zu bemächtigen, eine heilige Pflicht verletzt; sie sollten nun ausserhalb der Stadt weiter keine Gewaltthat verüben: wo wicht, so werden auch sie die Männer, welche lebend in ihre Gewalt gekommen, tödten; würden sie sich aber aus ihrem Gebiete wieder zurückziehen, so sollten ihnen jene. Männer wieder ausgeliefert werden. So erzählen die Thebaner, und behaupten, jene hätten den Antrag durch einen Schwur bekräftigt. Die Platäer aber sind nicht geständig, daß sie versprochen hätten, die Männer sogleich zurückzugeben, sondern erst auf den Fall gepflogener Unterhandlung und getroffener Uebereinkunft. Auch läugnen sie den Eid. Die Thebaner zogen nun, ohne weitere Beschädigung des Gebiets, sich aus demselben zurück. Die Platäer aber, nachdem sie in Eile Alles vom Lande in die Stadt geschafft hatten, lies Ben jene Männer alsbald hinrichten. Es waren hundert achtzig Gefangene, und unter ihnen Eurymachus, mit welchem die Verräther unterhandelt hatten.

6. Nach diesem Vorfalle sandten sie einen Boten nach Athen, und lieferten unter dem Schuße eines Waffenstillstandes den Thebanern ihre Todten aus: in der Stadt aber trafen sie solche Anstalten, wie sie unter den jetzigen Umständen dienlich schienen. Den Athenern war sogleich gemeldet worden, was von Seiten Platäa's vorgefallen war. Augenblicklich bemächtigten sie sich nun aller Böotier, die in Attika waren, und schickten einen Herold nach Platäa, mit dem Auftrage, sie möchten gegen die gefangenen Thebaner nichts Weiteres verfügen, bis sie selbst einen Beschluß darüber gefaßt hätten. Denn man hatte ihnen von deren Hinrichtung nichts gemeldet. Denn der erste Bote war im Augenblicke des Einrückens der Thebaner abgegangen: der zweite, als sie besiegt und festgenommen waren: vom Spätern wußten sie noch nichts. So hatten die Athener, unbekannt mit dem Hergange der Sache, jene Aufforderung erlassen. Der Herold traf bei seiner Ankunft die Leute schon nicht mehr lebend. Hierauf ließen die Athener Kriegsvolt nach Platäa einrücken, brachten Lebensmittel hinein, und ließen eine Besatzung dort, indem sie die zum Kriege Unbrauchbarsten nebst Weibern und Kindern aus der Stadt fortschafften.

7. Nachdem nun diese That in Platäa geschehen, und der Friedensvertrag augenscheinlich gebrochen war, so rüsteten sich die Athener zum Kriege: ein Gleiches thaten die Lacedämonier und ihre Bundesgenossen. Diese giengen auch damit um, Gesandtschaften an den Perserkönig zu schicken und an andere Staaten der Barbaren, wo beide Theile irgend hoffen konnten, einige Unterstützung zu gewinnen; auch schloßen sie Bündnisse mit den Städten, die noch ausser ihrem Machtbezirke waren. Von den Lacedämoniern erhielten die, welche ihre Partei ergriffen hatten, Befehl, ausser den Schiffen, die aus Italien und Sicilien schon in ihren Häfen vorhanden waren, nach Verhältniß der Große der Städte so viele zu stellen, daß es im Ganzen fünfhundert Fahrzeuge würden: und eine bestimmte Geldsumme bereit zu halten, sonst aber ruhig zu bleiben, und die Athener mit einzelnen Schiffen einlaufen zu lassen, bis jene Anstalten getroffen wären. Die Athener hingegen untersuchten den Zustand ihrer vorhandenen Bundesgenossenschaft, und schicken vornämlich, Gesandte in die Umgegend des Peloponneses, nach Korcyra, Cephallenia, Atarnanien und Zakynthus (Zante), indem sie wohl einsahen, daß sie, wenn jene Gegenden ihnen befreundet wären, den Peloponnes von allen Seiten mit Nachdruck würden angreifen können.

8. Beide Theile hatten nichts Geringes im Sinne, sondern machten alle Anstrengungen zum Kriege, wie dieß sehr begreiflich ist: denn im Anfange greift man immer eine Sache rascher an. Damals war auch die junge Mannschaft im Peloponnes und in Athen sehr zahlreich, die aus Unerfahrenheit sich im Kriege zu versuchen lebhaft wünschte. Das ganze übrige Griechenland war in gespannter Erwartung, da die zwei bedeutendsten Staaten gegen einander aufs treten wollten. Viele Weissagungen wurden herumgetragen, und mancherlei vertündeten die Orakeldeuter, dort wo man Krieg bereitete, wie in den übrigen Staaten. Auch war Des los kurz zuvor durch ein Erdbeben erschüttert worden, das seit Menschengedenken unter den Hellenen früher nie ein Erdbeben erlitten hatte. Man sagte nun, und glaubte, daß dieß ein Vorzeichen künftiger Ereignisse sei, und wo sonst etwas von der Art sich zutrug, so wurde es hervorgesucht. Die öffentliche Stimmung neigte sich entschieden mehr zu Gunsten der Lacedämonier hin, zumal, da diese voraus erklärten, sie wollen Hellas befreien. Alle, sowohl einzelne Bürger, als Staaten, thaten, was in ihren Kräften stand, um jene mit Wort und That zu unterstützen. Jeder meinte, dem Unternehmen fehle etwas, wenn er nicht auch selbst dabei sei. So leidenschaftlich waren die Meisten gegen die Athener gestimmt, die Einen, weil sie ihrer Oberherrschaft los werden wollten, die Andern, weil sie fürchteten, unter dieselbe zu kommen. Dieß waren die Voranstalten und Gesinnungen, womit man das Werk begann.

9. Als man in den Kampf trat, standen auf beiden Seiten folgende Staaten als Bundesgenossen. Die Verbündeten der Lacedämonier waren: alle Peloponnesier disseits der Landenge, die Argiver und Achäer ausgenommen, welche mit beiden Theilen in Freundschaft standen. Von den Achäern nahmen jedoch gleich Anfangs die Pellenäer Theil am Kriege, später aber alle insgesammt. Ausserhalb des Peloponneses: die Megareer; Sokrier, Bootier, Phoceer, Amprafioten, Peutadier, Anaktorier. Unter diesen stellten die Korinther , Megareer, Sicyonier, Pellenäer, Eleer, Ampratioten und Leukadier Schiffe, Reiterei aber die Bootier, Phoceer und Potrier: die übrigen Staaten lieferten Fußvolk. Dieß war der Bundesverein der Lacedämonier. Die Athener aber hatten zu Verbündeten die Chier, Lesbier, Platäer, die Messenier in Naupaktus, die Meisten der Akarnanier, die Korcyräer, Zakynthier und andere Städte, die ihnen unter folgenden vielen Völkerschaften zinsbar waren: Karien, so weit es am Meere liegt, die Dorier, die an Karien grenzen, Ionien, den Hellespont, die Grenzgegenden von Thracien, alle zwischen dem Peloponnes und Kreta öftlich gelegenen Inseln: alle übrigen Sykladischen Eilande, ausser Melos und Thera. Von diesen Lieferten die Chier, Lesbier und Korcyräer Schiffe, die Uebrigen gaben Landtruppen und Geld. Dieses war die Bundesgenossenschaft und Zurüstung beider Theile zum Kriege.

10. Die Lacedämönier erließen nun sogleich, nach den Vorfällen zu Platäa im Peloponnese umher und an ihre auswärtigen Bundesvereine die Aufforderung: die Städte sollten Truppen und die nöthigen Vorräthe bereit halten, wie man sie bei einem Zuge ausser Landes haben müsse; in der Absicht, in Attika einzufallen. Als nun überall Alles zur bestimmten Zeit bereit war, so kamen zwei Drittheile der Mannschaft sämmtlicher Städte auf der Landenge zusammen. Als das ganze Heer beisammen war, so berief Archidamus, König der Lacedämonier, als Oberanführer des Kriegszugs, die Feldherrn aller Städte und die vornehmsten Beamten und angesehensten Männer vor sich, und hielt folgenden Vortrag:

11. "Peloponnesische Männer und Bundesgenossen! Es haben nicht allein unsere Väter manche Feldzüge im Peloponnese und auswärts gemacht: sondern auch die Bejahrtern unter uns sind nicht ohne Erfahrung in Kriegszügen. Doch sind wir noch nie mit einer größeren Rüstung, als diese ist, ausgezogent. Aber wir gehen auch gegen einen sehr mächtigen Staat in den Kampf: darum sind wir mit einem so zahlreichen und tüchtigen Heere ausgerückt. Es ist also billig, daß wir uns nicht schlechter zeigen als unsere Väter, noch hinter unserem eigenen Ruhme zurückbleiben. Denn ganz Hellas ist bei dieser Bewegung in gespannter Erwartung, und seine Blicke sind auf uns gerichtet: es wünscht uns, von Haß gegen Athen beseelt, Glück zur Ausführung unseres Unternehmens. Wenn nur Mandyer denkt, wir dürfen, weil wir mit Uebermacht anrücken, ganz sicher sein, daß die Feinde uns nicht in Offener Schlacht begegnen werden, so dürfen wir darum doch nicht in nachlässiger Haltung vorwärts ziehen, vielmehr sollen Anführer und Krieger jedes Staats für sich jeden Augenblick gefaßt sein, einen Kampf zu bestehen. Denn ungewiß sind die Fälle des Kriegs, und aus Kleinen Anlässen und mit Hitze erfolgen meist die Angriffe. Oft schon hat die Minderzahl durch Vorsicht eine Ueberzahl siegreich zurückgeschlagen, wenn diese ans Verachtung des Feindes nicht gefaßt war. In Feindesland aber muß man stets, während man mit kühnvertrauendem Muthe zu Felde zieht, in der Ausführung mit scheuer Vorsicht sich waffnen. Denn so hat man Zuversicht genug, den Gegner anzugreifen, und wird man angegriffen, die größte Sicherheit. Wir aber ziehen gegen einen Staat, der keineswegs anmächtig zur Selbstvertheidigung, sondern mit allem aufs Beste gerüstet ist. Wir dürfen daher auch ganz sicher erwarten, daß jene eine Schlacht wagen werden, wenn sie schon jetzt, wo wir ihnen noch nicht so nahe stehen, nicht angreifen, wenigstens dann, wann sie sehen, wie wir ihr Land verwüsten und ihre Habe verderben. Denn mit eigenen Augen und auf frischer That eine ungewöhnliche Mißhandlung zu sehen, reizt immer zur Erbitterung, und je weniger man Ueberlegung anwendet, desto mehr wird man durch Aufwallung zu Thätlichkeiten hingerissen. Ein solches Benehmen läßt sich von den Athenern noch mehr als von. Andern erwarten, da sie Anspruch auf die Herrschaft über Andere machen, und lieber fremdes Land durch Einfälle verheeren, als ihr eigenes verheert sehen wollen. Da wir nun gegen einen so mächtigen Staat zu Felde ziehen, und da der Erfolg, wie er auch ausfalle, für den ausgebreitetsten Ruf unserer Vorfahren und unsern eigenen entscheidend sein wird, so folget überall euren Führern, und laßt euch Ordnung und Behutsamkeit vor Allem wichtig sein: und vollziehet schleunig, was euch geboten wird. Denn es ist in hohen Grade sichernd, und ruhmvoll zugleich, wenn man eine so große Menge dieselbe Ordnung befolgen sieht."

12. Nach dieser Rede hob Archidamus die Versammlung auf, und schickte zuerst den Spartaner Melesippus, den Sohn des Diacritus, nach Athen, um zu sehen, ob die Athener etwa eher nachgeben würden, wenn sie sähen, daß die Lacedämonier bereits im Anzuge sehen. Jene aber ließen ihn nicht in die Stadt ein, noch vor die Volksgemeinde treten. Denn schon früher hatte Perikles mit seinem Vorschlage durchgedrungen, daß man keiner Herold und keine Gesandtschaft mehr annehmen rolle, sobald die Lacedämonier ausgerückt wären. Man schickte jenen also zurück, ohne ihn anzuhören, und befahl ihm, noch an demselben Tage über die Grenze zu gehen, mit der Erklärung: wenn die Lacedämonier künftig wieder unterhandeln wollten, so sollten sie sich zuvor in ihr Gebiet zurückziehen. Man gab auch dem Melesippus Begleiter mit, daß er mit Niemand sprechen könnte. Als er aber an die Grenze gelangt, und im Begriffe war, von seinen Begleitern zu scheiden, so sagte er, ehe er weiter gieng, die wenigen Worte: „dieser Tag wird für die Hellenen der Anfang großen Unheils sein.“ Da er nun ins Lager kam und Archidamus sich überzeugte, daß die Athener auf keine Weise nachgeben wurden, so brach er auf und rücke mit seinem Heere in ihr Gebiet ein. Die Böotier hatten Ihren Antheil von Truppen, und die Reiterei schon zu den Peloponnesiern stoßen lassen: mit den Uebrigen rückten sie vor Platäa und verheerten dessen Gebiet.

13. Während sich noch die Peloponnesier an der Land: enge sammelten, und auf dem Zuge begriffen waren, ehe sie in Attika einbrachen, so vermuthete Perikles, der Sohn des Xanthippus, welcher mit neun Andern Feldherr der Athener war, auf die Nachricht von dem bevorstehenden Einfalle, es möchte Archidamus, der zufälliger Weise sein Gastfreund war, entweder etwa aus besondern Rücksichten der Gefälligkeit für ihn seine Güter verschonen und nicht verheeren, oder es möchte dieß auf Befehl der Lacedämonier geschehen, um ihn in ein nachtheiliges Licht zu stellen, so wie sie auch seinetwegen die Verbannung der Fluchbeladenen verlangt hatten. Er erklärte also den Athenern in der Volksversammlung, Archidamus sei zwar sein Gastfreund; doch solle dieß dein Staate nicht zum Nachtheile gereichen: reine Güter und Häuser, wenn sie die Feinde nicht, wie die der Andern, verheeren würden, wolle er dein Staate als öffentliches Gut überlassen, so daß ihn dieß nicht verdächtig machen könne. Auch ermahnte er sie, in Betracht der gegenwärtigen Umstände, wie er auch früher gethan, sich auf den Krieg gefaßt zu halten, und ihre Habe vom Lande hereinzuschaffen. Uebrigens sollten sie nicht zur Schlacht hinausrücken, sondern sich in die Stadt werfen, und diese zu behaupten suchen, auch die Seemacht, worauf ihre Stärke beruhe, in fertigem Stande erhaltet. Auch sollten sie der Sache der Bundesgenossen ihre Aufmerksamkeit widmen: dabei bemerkte er, daß die Geldankünfte von diesen eine Hauptstütze ihrer Macht sehen, da ja im Kriege das Meiste durch Klugheit und überwiegende Geldmittel entschieden werde. Er sprach innen in dieser Beziehung Muth ein, indem die Stadt, ihre übrigen Einkünfte angerechnet, von den Bundesgenossen meist eine jährliche Steuer von sechshundert Talenten4 beziehe: auch sehen auf der Burg sechstausend Talente an gemünztem Gelde vorräthig. (Als dieser Schatz die höchste Summe erreicht hatte, so betrug er neuntausend siebenhundert Talente, wovon die Rosten für die Vorhalte der Burg (Propyläen) und andere Gebäude, so wie für den Krieg mit Potidäa, bestritten worden waren). Ausserdem sei an gemünztem Gold und Silber, an besondern und öffentlichen Weihgeschenken, und was an heiligen Geräthschaften zu den Festzügen und heiligen Spielen und an Persischer Beute, und was dergleichen sonst noch vorhanden war, der Werth nicht unter fünfhundert Talenten. Dazu rechnete er, daß sie vor den übrigen Heiligthümern nicht unbeträchtliche Schäle würden benützen können: und wenn ihnen alle Mittel abgeschnitten würden, so stünde ihnen das Gold, das am Bilde der Göttin (Minerva) angebracht war, zu Gebote: wobei er nachwies, daß Das Bild vierzig Talente geläuterten Goldes5 an Gewicht habe, welches ganz abgenommen werden könne: nur müßten sie es, wenn sie es zu ihrer Rettung gebraucht, in nicht geringerem Gehalte wieder erstatten. So ermuthigte er sie durch Angabe ihrer Geldmittel. Ihre Schwerbewaffneten, jagte er, betragen dreizehntausend Mann, ohne die in den besetzten Plätzen, und die sechzehntausend Mann, die auf den Mauerzinnen vertheilt sehen. Denn so stark waren anfänglich die Wachposten, als die Feinde eindrangen. Man nahm sie aus den Aeltesten und Jüngsten und Beisitzern, so Viele deren Schwerbewaffnete waren. Es betrug nämlich die Phalerische Mauer bis an die Ringmanern der Stadt fünfunddreißig Stadier, und der besetzte Theil dieser Ringmauer dreiundvierzig. Ein Theil davon war auch ohne Wachposter zwischen der langen und der Phalerischen Mauer. Die langen Mauern aber bis zum Piräeus betragen vierzig Stadien, wovon die äussere bewacht war. Der ganze Umfang des Piräeus nebst Munychia hatte sechzig Stadien: wovon der besetzte Theil der Mauer die Hälfte ausmachte. Die Reiterei gab er auf eintausend zweihundert Mann an, mit Einschluß der Bogenschützen zu Pferde, und die Bogenschüben auf eintausend sechshundert, die zur See brauchbaren Dreiruder auf dreihundert. So groß, und in keinem Theile geringer war der Bestand der Athenischen Macht, als die Peloponnesier im Begriffe waren, den ersten Einfall in ihr Gebiet zu machen, und der Krieg ausbrach. Perikles trug auch noch andere Beweise vor, wie er sie sonst gewöhnlich vorbrachte; dafür, daß sie im Kriege den Sieg davon tragen würden.

14. Die Athener gaben auch seinem Vorschlage Gehör, und schafften vom Lande ihre Weiber und Kinder in die Stadt, nebst ihrer übrigen Habe, die sie als Hausgeräthe gebrauchten, und sogar das Holzwerk an den Häusern, das sie niederrissen. Ihre Schaafe und ihr Lastvieh schickten sie nach Euböa hinüber und auf die nahe gelegenen Inseln. Jedoch fiel ihnen dieser Wechsel des Aufenthalts schwer, da die Meisten gewohnt waren, auf dem Lande zu leben.

15. Dieß war bei den Athenern von uralten Zeiten her mehr als bei Andern der Fall gewesen. Denn zur Zeit des Sekrops und der ersten Könige bis auf Theseus herab, war die Bevölkerung von Attika in verschiedene Städtegemeinden vertheilt, und das Land hatte seine einzelnen Gemeindehäuser und Obrigkeiten; und wenn nicht eine Gefahr vorhanden war, so kam man nicht zur Berathung bei dem Könige zusammen, sondern jeder Art berathschlagte für sich und verwaltete seine bürgerlichen Angelegenheiten selbst. Einige derselben führten sogar Kriege mit einander, wie die Eleusinier unter Eumolpus mit dem Erechtheus. Als aber Theseus zur Regierung gelangte, ein Fürst, welcher Macht mit Einsicht in sich vereinigte, so traf er unter andern guten Anstalten für das Land auch die, daß er in den übrigen Städten die Rathsgebäude und Obrigkeiten aufhob, und durch Errichtung Eines Rathsgebäudes und Gemeindehauses alle Einwohner zu Bürgern der jetzigen Hauptstadt machte. Und wiewohl sie, wie zuvor, jeder feine Güter zu besitzen und zu benützen fortfuhren, so nöthigte er sie doch, sich diese einzige Stadt zu halten, welche, da nunmehr Alle insgesammt dorthin ihre Leistungen zu machen hatten, jetzt zu einer bedeutenden Größe heranwuchs, und so von Theseus auf seine Nachfolger sich vererbte. Daher feiern die Athener noch heut zu Tage der Palais zu Ehren das Volksfest der Vereinigung ihrer Wohnungen, Synöcia genannt. Vor jener Zeit bestand die Stadt hauptsächlich nur aus der jetzigen Burg und den Theile, der südlich daran gelegen ist. Zum Beweise dient folgendes: es sind nicht allein die Tempel anderer Götter auf der Burg selbst, sondern auch die ausserhalb gelegenen sind näher bei diesem Theile der Stadter baut, wie der des olympischen Zeus, des pythischen Apollo, der Tempel der Gäa und des Dionysos bei den Teichen, welchem zu Ehren das ältere Bacchusfest am zwölften des Monats Anthesterion (Februar) gefeiert wird, ein Gebrauch, den die von den Athenern abstammenden Ionier noch jetzt beobachten. In jener Gegend stehen auch noch andere alte Heiligthümer. Auch der Quelle, die jetzt seit ihrer Fassung durch die Tyrannen (Pisistratiden) Enneakrunos (Neunbrunnen) heißt, und vormals, wo die Sprudel noch unbedeckt waren, Kallirrhoë genannt wurde, bediente man sich, weil sie dort in der Nähe liegt, zu der feierlichsten Handlungen; und noch jetzt besteht die alte Sitte, dieses Wasser vor der Hochzeitfeier und bei andern heiligen Verrichtungen zu gebrauchen. Wegen dieser alten Bewohnung wird die Burg noch bis auf diesen Tag von den Athenern die Stadt genannt.

16. Da nun die Athener nicht allein zuvor lange Zeit bei der unabhängigen Wohnungsart auf dem Lande geblieben waren, sondern auch seit ihrer Vereinigung zu Einer Stadtgemeine, gewohnheitshalber meist in ältern und spätern Zeiten bis auf den gegenwärtigen Krieg herab ihren ganzen Haushalt auf dem Lande hatten und sich da aufhielten, so fiel ihnen der Umzug schwer: zumal, da sie seit nicht gar langer Zeit nach dem Persischen Kriege erst ihre Einrichtungen neu gemacht hatten. Ungern und mit Widerwillen verließen sie ihre Wohnungen und Familienheiligthümer, welche sie noch von der uralten Verfassung her stets beibehalten hatten: empfindlich war es ihnen, daß sie nun ihre Lebensart ändern sollten, indem es ihnen gerade so zu Muthe war, wie wenn jeder von seiner Vaterstadt sich trennen sollte.

17. Als sie nun in die Hauptstadt kamen, so fanden zwar einige Wenige Wohnung und Unterkunft bei einiger Freunden und Verwandten. Die meisten aber ließen sich auf den leeren Plätzen der Stadt nieder, und nahmen ihrer Aufenthalt in allen Tempeln und Kapellen, mit Ausnahme der Burg und des Eleusiniums und anderer Tempel, die fest verschlossen werden konnten. Das sogenannte Pelasgicum unter der Burg, dessen Bewohnung mit Fluch belegt und durch einen Pythischen Orakelspruch untersagt war, dessen Schlußworte also lauten: "Besser verbleibt das Pelasgicum öde: wurde des dringenden Bedürfnisses wegen doch mit Wohnungen ganz angefüllt. Und so scheint mir der Orakelspruch auf eine der erwarteten entgegengesetzte Art in Erfüllung gegangen zu sein: denn nicht wegen der unerlaubten Bewohnung trafen die Stadt jene Unfälle, sondern durch den Krieg erfolgte die Nothwendigkeit der Bewohnung: und ohne diesen zu nennen, sah das Orakel voraus, daß jener Platz nicht unter glücklichen Umständen mit Wohnungen, werde belegt werden. Auch auf den Thürmen der Mauern richteten sich Viele ein, so gut jeder konnte. Denn die zusammenströmende Menge faßte die Stadt nicht mehr; sondern späterhin mußte man noch die Langen Mauren und einen großen Theil des Piräens zu Wohnungen unter sie vertheilen. Zugleich beschäftigte man sich auch mit dem, was zum Kriege nöthig war, sammelte die Truppen der Verbündeten, und rüstete eine Flotte von hundert Schiffen zu einer Landung im Peloponnes. So weit waren hier die Anstalten zum Kriege gediehen.

18. Indessen war das Peloponnesische Heer bei seinem Vorrücken vor Oenöë in Attika angelangt, von wo es einzubrechen den Plan hatte. Als sie sich nun hier festgelegt hatten, so machten sie Anstalten zum Angriff auf die Mauer mit Sturmzeug und auf andere Weise. Denn Oenöë, das auf den Grenzen von Attika und Böotien liegt, war befestigt, und die Athener hielten dort, so oft ein Krieg ausbrach, eine Besatzung. Sie rüsteten sich nun zur Bestürmung, und hielten sich sonst eine geraume Zeit bei diesem Platzte auf. Dieß war es hauptsächlich, was dem Archidamus großen Tadel zuzog, indem man glaubte, daß er die Herbeischaffung der Kriegsmittel nachlässig betrieben, und wegen seiner Verhältnisse mit den Athenern nicht mit Eifer zum Kriege gerathen habe. Als sodann das Heer beisammen war, so veranlaßte fein Verweilen auf der Landenge von Corinth, und die Langsamkeit des weiteren Zugs, so wie der lange Aufenthalt vor Oenöë ungünstige Urtheile gegen ihn. Denn in der Zwischenzeit konnten die Athener Alles in die Stadt bringen: wären hingegen die Peloponnesier schneller eingefallen, so hätten sie, meinte man, noch Alles ausserhalb der Stadt überrascht, was durch sein Zandern vereitelt worden sei. In solcher gehässigen Stimmung war das Heer während der Belagerung gegen den Archidamus. Allein Archidamus hoffte, die Athener werden, so lange ihr Gebiet noch unbeschädigt sei, zu einiger Nachgiebigkeit sich entschließen, und es nicht über sich gewinnen, dasselbe vor ihren Augen verwüsten zu sehen: daher zögerte er noch immer.

19. Als sie aber bei der Berennung von Oenöë alle Angriffsmittel ohne Erfolg versucht hatten, und die Athener keine Unterhandlungen anknüpften, so brachen sie von dort auf, ungefähr achtzig Tage nach dem Vorfalle bei Platäa, und dem Einbruche der Thebaner daselbst, mitten im Sommer, während das Getreide in der Blüthe stand, und drangen in Attika vor, unter Anführung des Archidamus, Königs der Lacedämonier, des Sohnes von Zeuridamus. Sie nahmen nun eine feste Stellung, und verheerten zuerst Eleusis und die Thriasische Ebene, und schlugen auch die Athenische Reiterei bei den sogenannten Rheitoi in die Flucht. Sodann rückten sie, den Berg Aegaleon rechts behaltend, durch die Kropeische Markung vor, bis sie nach Acharnä kamen, welches der größte Ort unter den Attischen Bezirksgemeinden, Demoi genannt, ist. Dort setzten sie sich fest, schlagen ein Lager, und behaupteten sich geraume Zeit dort, und matten Vorheerungszüge.

20. Die Absicht aber, aus welcher Archidamus in schlagfertiger Stellung bei Acharnä verweilte, und bei seinem damaligen Einfalle nicht in die Ebene herabzog, war, wie man sagt, folgende. Er hoffte, die Athener, stark durch zahlreiche junge Mannschaft, und zum Kriege, wie nie zuvor, gerüstet, würden ihm vielleicht entgegen rücken und der Verheerung ihres Landes nicht gleichgültig zusehen. Da sie sich ihm aber bei Elcusis und auf der Thriasischen Ebene nicht entgegenstellten, so versuchte er durch seine feste Stellung bei Acharnä, sie zum Angriff herauszulocken. Zugleich schien ihm jene Gegend zu einem Lagerplatze geeignet: auch dachte er, die Acharner, welche einen bedeutenden Theil der Bürgerschaft ausmachten, da ihrer dreitausend schwerbewaffnete Fußgänger waren, würden die Zerstörung ihres Eigenthums nicht ruhig sich gefallen lassen, sondern die andern Alle zur Schlacht aufrufen. Würden aber die Athener auch diesem feindlichen Einbruch keinen Ausfall entgegensetzen, so würde er in der Folge um so sicherer das platte Land verheeren und gegen die Stadt selbst vorrücken können. Denn die Acharuer würden bei dem Verluste ihrer Habe nicht mehr so geneigt, wie zuvor sein, für die Besitzungen der Uebrigen zu kämpfen, und so würde Zwiespalt unter den Athenern entstehen. Dieß waren die Gründe, warum Archidamus bei Acharnä verweilte.

21. So lange nun das Heer noch bei Eleusis und in der Gegend der Thriasischen Ebene stand, hatten die Athener einige Hoffnung, es werde nicht weiter vorrücken; denn sie erinnerten sich, daß Pleistoanar, König der Lacedäinonier, Sohn des Pausanias, als er vierzehn Jahre vor diesem Kriege mit einem Peloponnesischen Speere gegen Eleusis und auf das Thriasische Feld in Attika eingerückt war, ohne weiter vorzubringen, sich wieder zurückgezogen habe, weswegen er auch aus Sparta verbannt wurde, weil man glaubte, er hätte sich durch Bestechung zum Rückzüge bestimmen lassen. Als sie aber das Heer bei Acharnä, sechzig Stadien von der Stadt entfernt sahen, so schien ihnen dieß unerträglich; und der Anblick der Verheerung ihrer Felder, den die Jüngeren noch nie, und die Aelteren nur zur Zeit der Perserkriege gehabt, dünkte ihnen, wie leicht zu erachten, empörend. Das her waren Alle, besonders aber die junge Mannschaft, der Meinung, mau solle ausrücken; und jedes nicht dulden. Sie theilten sich nun in Parteiungen und stritten mit Hitze, indem die Einen auf einen Ausfall drangen, die Andern iha mißriethen. Die Wahrsager verkündeten mancherlei Sprüche, die jeder, je nachdem er gesinnt war, eifrig auffaßte. Die Acharner aber, die sich als einen nicht unbedeutenden Theil der Athener betrachteten, betrieben es, bei der Verwüstung ihres Feldes, um meisten, daß ein Ausfall und eine Schlacht geschähe. Auf alle Art wurde die Stadt aufgereizt, und war voll Unwillen gegen Perikles: man gedachte seiner frühern Ermahnungen nicht mehr, sondern schalt auf ihn, daß er, als Feldherr, sie nicht gegen den Feind führe, und maß ihm die Schuld von Allem bei, was man zu leiden hatte.

22. Perikles aber, welcher die Atheneer mit ihrer jetzigen Lage sehr unzufrieden, und von keinem guten Geiste beseelt sah, und doch überzeugt war, seine Ansicht, daß ein Ausfall mit der Gesamtmacht vermieden werden müsse, sei die richtige, veranstaltete keine Volksversammlung oder sonstige Zusammenkunft, um zu verhüten, daß sie nicht mehr durch Leidenschaft als durch Ueberlegung bei ihrer gemeinschaftlichen Berathung geleitet, einen Mißgriff thun möchten. Er lief nur die Stadt gehörig bewachen, und erhielt darin, so viel ihm möglich war, die Ruhe. Indeß schickte er immer Reiterei aus, damit nicht die feindlichen Vortruppen in die Felder nahe bei der Stadt streifen und sie beschädigen möchten. Es erfolgte auch ein kleines Reitergefecht zwischen einem Geschwader der Athenischen Reiterei, mit dem die Thessalier vereinigt waren, und der Reiterei der Böotier, bei Phrygia, wobei die Athener und Thessalier nicht im Nachtheile waren, bis den Böotiern das schwerbewaffnete Fußvolk zu Hülfe kam, und jene zurückgedrängt wurden, wobei die Athener und Thessalier einen kleinen Verlust an Todten hatten, welche sie noch denselben Tag, ohne Waffenruhe nachzusuchen, von dem Kampfplatze wegschafften. Die Peloponnesier errichteten den folgenden Tag ein Siegeszeichen. Jene Thessalische Schaar war den Athenern, zu Folge eines alten Bundesvertrages, zu Hülfe gekommen, und zwar von den Larissäern, Pharsaliern, Kranoniern, Pyrasiern, Gyrtoniern und Pheräern. Ihre Anführer waren Polymedes und Aristonus aus Larissa, jeder von einer besondern Partei, und Menon and Pharsalus; und so hatten auch die Truppen der übrigen Städte ihre besondern Anführer.

23. Die Peloponnesier brachen, als die Athener nicht zur Schlacht gegen sie ausrückten, von Acharnä auf, und verwüsteten einige andere Bezirke zwischen dem Paruesischen und Brilessischen Gebirge. Während sie nun noch in dem Lande standen, so sandten die Athener jene hundert Schiffe, die sie ausgerüstet, mit einer Bemannung von tausend Schwerbewaffneten und vierhundert Bogenschützen in die Gegend des Peloponneses unter Anführung des Karcinus, des Sohnes von Xenotimus, und des Proteas, Sohnes von Epikles, und des Sokrates, Sohnes vor Autigenes. Diese liefen mit dieser Kriegsmacht aus, und kreuzten, daselbst. Die Peloponnesier aber zogen sich, nachdem sie in Attika, so lange die Vorräthe reichten, geblieben waren, durch das Böotische Gebiet auf einem andern Wege, als sie hereingekommen waren, zurück. Sie zogen an Oropus vorbei, und verwüsteten das sogenannte Grajische Gebiet, welches die Oropier, Athenische Unterthanen, bebauen. Nachdem sie im Peloponnes angekommen, löste sich das Heer auf, und jeder gieng in seine Heimath.

24. Nach ihren Abzuge stellten die Athener zu Lande und zur See Wachposten aus, wie sie dieselben den ganzen Krieg hindurch bestehen lassen wollten: auch beschlossen sie eintausend Talente von den auf der Burg befindlichen Geldern bei Seite zu legen und nicht anzugreifen, sondern die Kriegskosten von dem Uebrigen zu bestreiten: und sie setzten Todesstrafe darauf, wenn jemand die Verwendung dieser Summe zu einem andern Zwecke in Vorschlag oder zur Abstimmung bringen würde, ausser auf den Fall, daß die Feinde mit einer Kriegsflotte gegen die Stadt heransegelten, und man sich gegen diese vertheidigen müßte. Zugleich bestimmten sie, daß jedes Jahr hundert Dreiruder, und zwar die besten Schiffe, und die Befehlshaber dazu ausgesondert werden sollten, und keines dieser Schiffe sollte anders, als für denselben Nothfall, wie jenes Geld, gebraucht werden.

25. Die Athener aber, die mit der Flotte von hundert Schiffen um den Peloponnes kreuzten, nebst den Korcyräern, die mit fünfzig Schiffen zu ihrer gestoßen waren, und einigen andern Verbündeten aus jener Gegend, landeten, nachdem sie auf ihrem Zuge dem Feinde manchen andern Schaden zugefügt, bei Methone (Modon) im Lakonischen Gebiete, und rückten auf diesen ummauerten Ort vor, der schwach, befestigt und ohne Besatzung war. Gerade befand sich in dieser Gegend Brasidas, der Sohn des Tellis, ein Spartaner, der einen Wachposten befehligte. Auf die Nachricht von diesem Vorfalle eilte er den Bewohnern dieses Orts mit hundert Schwerbewaffneten zu Hülfe. Er schlug sich durch das Heer der Athener, das in der Gegend zerstreut umher lag, und mit der Belagerung beschäftigt war, durch, warf sich in Methone hinein, und behauptete die Stadt, nachdem er bei dem Durchmarsche nur Wenige von seinen Leuten verloren hatte. Wegen dieses kühnen Streiches wurde er, der Erste in diesem Kriege, in Sparta belobt. Die Athener aber brachen auf, und fuhren weiter, und richteten ihren Lauf nach Phea im Eleischen Gebiet, und verheerten das Land: und als dreihundert Mann auserlesene Truppen von dem Eleischen Thallande und aus der Umgegend auf sie anrückten, so besiegten sie dieselben in einem Treffen. Als sich hierauf ein heftiger Landwind erhob, und sie in jener Gegend ohne schirmende Bucht dem Sturme blosgestellt waren, so schifften sich die Meisten ein, und umschifften das sogenannte Vorgebirge Ichthys, und liefen in den Hafen Phea ein. Die Melles Hier aber und Andere, welche die Schiffe nicht hatten erreichen können, nahmen den Landweg und bereiten Phea: und wurden von den indeß angekommenen Schiffen später aufgenommen. Denn sie gaben den Besitz von Phea auf, und fuhren weiter, da jetzt ein zahlreiches Heer von Eleern gegen sie anrückte. Die Athener regelten hierauf in andere Gegenden, welche sie verheerten.

26. Um dieselbe Zeit schickten die Athener dreißig Schiffe in die Gegend von Lokris, und zugleich zum Schutze von Euböa: der Anführer war Kleopompus, der Sohn des Klinias. Dieser landete zu wiederholten Malen, und verwüstete einige Küstengegenden, eroberte Thronium, nahm Geißelt von den Einwohnern, und schlug bei Alope die herangerückten Lotrier in einem Treffen.

27. In eben diesem Sommer vertrieben die Athener auch die Aegineten mit Weibern und Kindern aus Aegina, weil sie ihnen zur Last legten, daß sie hauptsächlich, an dem Kriege Schuld sehen. Auch schien es sicherer, Regina, das so nahe am Peloponnes lag, durch Ansiedler aus ihrer Mitte zu besetzen: auch sandten sie nicht lange nachher Anpflanzer dahin. Den vertriebenen Aegineten wiesen die Lacedämonier Thyrea zur Wohnung und dessen Felder zur Benutzung an, theils um das Gegentheil von den Athenern zu thun, theils weil die Aegineten zur Zeit des Erdbebens und des Aufstandes der Heloten sich um sie verdient gemacht hatten. Das Gebiet von Thyrea ist ein Grenzland der Argivischen und Laconischen Landschaft, und erstreckt sich bis an das Meer. Einige von jenen ließen sich nur daselbst nieder, Andere zerstreuten sich im übrigen Griechenlande.

28. In dem nämlichen Sommer, an einem Neumonde nach dem Mondsmonate (der dritten August), bei welchem es auch allein als möglich angenommen wird, verfinsterte sich die Sonne nach Mittag, und wurde sichelförmig, und einige Sterne wurden sichtbar, aber die Sonne erhielt darauf wies der ihr volles Licht.

29. In eben diesem Sommer schloßen die Athener öffentliche Gastfreundschaft mit Nymphodorus aus Abdora, dem Sohne des Pythes, den sie zuvor für ihren Feind gehalten hatten, und beriefen ihn nach Athen. Sitalces nämlich, der Sohn des Teres, König der Thracier, hatte dessen Schwester zur Gemahlin, und jener hatte auf ihn großen Einfluß: und die Athener wünschten diesen Fürsten zum Bundesgenossen zu haben. Jener Teres, der Vater des Sitalces, war es, der zuerst den Odrysiern die ausgebreitete Herrschaft über den größern Theil des übrigen Thraciens erwarb. Denn ein großer Theil der Thracier ist unabhängig. Uebrigens stand dieser Teres mit dem Tereus, welcher Prokne, Pandion's Tochter, zur Gemahlin hatte, in keiner Verwandtschaft. Sie stammten auch nicht aus demselben Theile von Thracien: sondern Tereus wohnte in Daulia, in dem Lande, das jetzt Phokis heißt, und damals von Thraciern bewohnt war. Es ist dieß dasselbe Land, in welchem jene Frauen die That am Itys verübt haben. Viele Dichter geben bei Erwähnung der Nachtigall dieser den Beinamen: der Daulische Vogel. Auch ist es wahrscheinlicher, daß Pandion in dieser Entfernung wegen gegenseitiger Vortheile ein Verwandtschaftsband durch seine Tochter habe anknüpfen wollen, als viele Tagreisen weit bei den Odrysiern. Teres aber, dessen Name auch von jenem verschieden ist, war der erste mächtige König der Odryster. Seinen Sohn Sitalces suchten nun die Athener als Bundesgenossen zu gewinnen, wobei sie die Absicht hatten, daß er ihnen zur Bezwingung des Nachbarlandes von Thracien (Chalcidice) und des Perdikkas helfen sollte. Nymphodorus kam nach Athen, brachte den Bund mit Sitalced zu Stande, und bewirkte die Aufnahme von dessen Sohne, Sadokus, unter die Athenischen Bürger. Er nahm es auch auf sich, dem Kriege an der Thracischen Grenze eine entscheidende Wendung zu geben, und den Sitalces zu bestimmen, eine Thracische Schaar von Reitern und leichten Schildträgern den Athenern zu senden. Auch stiftete er einen Vergleich zwischen Perdikkas und den Athenern und bewog diese, ihm Therma zurückzugeben. Sogleich vereinigte auch Perdikkas reine Truppen mit den Athenern und Phormio gegen die Chalcidier. So wurden Sitalced, der Sohn des Teres, König von Thracien, und Perdikkas, Sohn Alerander's, König von Macedonien, Bundesgenossen der Athener. schlachtete nach der Fabel ihren eigenen Sohn Itys, uns die Entehrung der Philomela an Tereus zu rächen: diese roll dann in eine Nachtigall verwandelt worden sein.

30. Die Athener aber auf der Flotte der hundert Schiffe, die noch in der Gegend des Peloponneses waren, besetzten Sollium, ein Korinthisches Städtchen, und übergaben es den Paläreern in Akarnanien zur alleinigen Benützung der Ortschaft und des Gebiets. Sie erstürmten auch Astakus6, wo Euarchus Alleinherrscher war, vertrieben ihn, und vereinigten den Ort mit ihrem Bunde. Dann segelten sie auf die Insel Cephallenia zu, welche sich ohne Kampf ihnen ergab. Es liegt aber Cephallenia in der Gegend von Akarnanien und Leukas, und hat vier Städte, welche den Paleern, Kraniern, Samäern und Pronäern gehören. Die Schiffe steuerten bald nachher nach Athen zurück

31. Um den Spätherbst dieser Jahreshälfte machten die Athener mit ihrer Gesammtmacht, Bürgern und Beisitzern, einen Einfall ins Megarische Gebiet unter Anführung des Perikles, des Sohnes von Xanthippus. Als nun die den Peloponnes umschiffenden Athener auf den hundert Schiffen, welche aus dem Rückwege in die Heimath gerade in Aegina waren, erfahren, daß die von der Stadt mit gesammter Kriegsmacht im Megarischen sehen, so segelten sie dorthin, und vereinigten sich mit innen. So war dieß die zahlreichste Heeresmacht, welche die Athener je beisammen hatten, als die Stadt noch in der Blüthe, und von der Seuche noch nicht heimgesucht war. Denn die Athener für sich allein zählten nicht weniger als zehntausend Schwerbewaffnete: ausserdem hatten sie noch dreitausend vor Potidäa stehen. Von den Beisitzern aber nahmen nicht weniger als dreitausend an dem Einfalle Theil. Ferner war die Zahl der leichten Truppen nicht gering, die dabei waren. Nachdem sie nun den größten Theil des Gebiets verheert hatten, zogen sie wieder nach Hanse Megarische Gebiet, theils mit Reiterei, theils mit der gesammten Kriegsmacht, bis Nisäa von den Athenern eingenommen wurde.

32. Es wurde auch gegen das Ende dieses Sommers - von den Athenern der Posten Atalante, eine zuvor unbewohnte Insel, gegenüber von den Opuntischen Lokrern, befestigt, damit nicht aus Opus und dem übrigen Lokrischen Gebiete Seeräuber auslaufen, und Euböa beschädigen möchten. Dieß geschah in diesem Sommer, nach dem Rückzuge der Peloponnesier aus Attika.

33. In dem nächstfolgenden Winter bewog der Akarnanier Euarchus, um in Astakus wieder eingesetzt zu werden, die Korinther, mit vierzig Schiffen und eintausend fünfhundert Schwerbewaffneten auszusegeln, und seinen dortigen Besitzstand wieder herzustellen. Er selbst miethete dazu einige Hülfsvölker. Anführer des Zuges waren Euphamidas, der Sohn des Pristonymus, Timorenus, der Sohn des Timokrates, und Eumachus, der Sohn des Chrysis. Sie schifften hin, und setzten ihn wirklich wieder ein. Als sie auch noch einige andere Küstenplätze von Akarnanien erobern wollten, und dieser Versuch mißlang, so schifften sie nach Hanse zurück. Im Vorbeisegeln richteten sie ihren Lauf nach Cephallenia, und landeten im Gebiete der Kranier, wurden aber von diesen durch einen Vergleich hintergangen, und verloren bei einem unerwarteten Ueberfall der Kranier einige von den Ihrigen, und wurden gezwungen, sich in Eile wieder einzuschiffen, worauf sie in die Heimath zurückkehrten.

34. In demselben Winter veranstalteten die Athener, der Sitte der Väter gemäß, die öffentliche Bestattung derer, die in diesem Kriege zuerst gefallen waren, auf folgende Weise. Drei Tage zuvor wird ein Seit errichtet, die Gebeine der Abgeschiedenen werden ausgestellt, und Jeder bringt seinem Angehörigen, wenn er will, eine Leichengabe dar. Wenn aber der Leiterzug selbst gehalten wird, so werden Garge von Cypressenholz auf Wagen gefahren, einer für jeden Volksstamm. Auch wird ein leeres gepolstertes Todtenlager, mitgeführt, für die Vermißten, die etwa bei der Sammlung der Leichname nicht aufgefunden worden. Jeder, der da will, Stadtbewohner oder Fremder, nimmt Theil an dem Zuge. Auch die anverwandten. Frauen erscheinen wehklagend bei der Leichenfeier. Man setzt nun die Leichen im öffentlichen Begräbnißplatze bei, welcher in der schönsten Vorstadt sich befindet. Von jeher begräbt man dort die im Kriege Gefallenen: nur denen, welche vor Marathon fielen, wurde, weil man ihre Heldentugend für unvergleichbar erklärte, dort auch ihr Grabmal errichtet. Wenn man sie nun mit Erde bedeckt hat, so hält ihnen ein von Staatswegen dazu erwählter Mann, der den Ruf verständiger Einsicht und hervorragendes Ansehen genießt, eine passende Lobrede. Hierauf begeben sie sich wieder nach Hause. Dieß ist nun die Begräbnißfeier: und den ganzen Krieg hindurch, so oft der Fall vorkam, beobachtete man diese Sitte. Für diese ersten Gebliebenen wurde Perikles, Xanthippus Sohn, zum Redner gewählt. Als nun der bestimmte Zeitpunkt gekommen war, so trat Perikles von dem Grabmale auf ein hohes das zu verfertigtes Gerüste, um so weit als möglich von der Menge gehört zu werden, und sprach also:

35. "Die Meisten derer, die bisher an dieser Stelle aufgetreten sind, beloben den Stifter dieser Reden, der solche mit diesem Leichengebrauche verbunden hat, weil es eine schöne Sitte sei, bei der Bestattung der im Kriege Gefallenen solche öffentliche Vorträge zu halten. Ich aber glaube, es wäre hinreichend gewesen, das ehrenvolle Andenken an Männer; die durch die That sich als tapfer bewiesen, auch nur durch eine Thathandlung zu beweisen, wie ihr sie hier bei den öffentlichen Anstalten zu dieser Leichenfeier sehet: ohne daß man die Beglaubigung der Verdienste so vieler Männer, der bessern oder geringern Rednergabe eines Einzigen überlassen sollte. Denn schwer ist es, zweckgemäß zu sprechen, da, wo es schon Mühe kostet, die Ueberzeugung von der Wahrheit fest zu begründen. Denn ein kundiger und günstig gestimmter Hörer wird vielleicht meinen, die Darstellung sei in Vergleichung mit seinen Wünschen und seiner Sachkenntniß zu mangelhaft. Der Unkundige aber wird aus Neid Manches sogar für übertrieben halten, wenn er etwas hört, was über seine Kräfte hinausgeht. Denn insoweit läßt man sich wohl die Lobreden auf Andere gefallen, als man selbst etwa glaubt, im Stande zu sein, etwas von dem, was man hört, zu leisten; was aber über diese Schranken sich erhebt, das beneidet man, und darum wird es auch sofort bezweifelt. Da nun aber den Alten dieser Gebrauch als lobenswerth sich erprobt hat, so muß auch ich der Sitte gehorchen, und dabei mich bestreben, Euer Aller Wünsche und Ansichten, so gut ich’s vermag, zu treffen."

36. "Ich will aber zuvörderst mit den Vorfahren beginnen. Denn billig und diesem Anlasse angemessen ist es, ihnen hier ein ehrenvolles Andenken zu weihen. Denn sie haben, stets dieselben, dieses Landes Besitz behauptet, und durch ihre Tapferkeit in der Folge der Geschlechter bis heute dasselbe frei auf die Nachwelt gebracht. Und so ruhmwärdig jene sind, so sind es noch in höherem Grade unsere Väter. Denn sie erwarben zu dem Ererbten noch die Herrschaft in dem Umfange, wie wir sie besitzen, und haben dieselbe nicht ohne Anstrengung auf uns jetztlebende fortgepflanzt. Doch noch mehr haben wir, die wir hier sind, und gerade noch in lebenskräftigem Alter stehen, die Vergrößerung jener Macht gefördert, wird dem Staate für Krieg und Frieden eine allseitig tüchtige und selbstständige Haltung gegeben. Ihre Kriegsthaten, durch welche jenes Alles der Reihe nach errungen worden, oder wie wir selbst oder unsere Väter der Barbaren oder Hellenen feindlichen Angriff muthig zurückgewiesen, will ich vor Kundigen, um nicht durch lange Rede hinzuhalten, übergehen. Vielmehr will ich zuvörderst erklären, durch welches Verfahren wir so weit gediehen sind, und durch welche Staatseinrichtung und Handlungsweise, jene Größe gegründet wurde; dann werde ich auf das Lob dieser Männer übergehen. Denn ich glaube, eine solche Darstellung werde, unter den jetzigen Umständen nicht unangemessen und nützlich sein, wenn die ganze Versammlung von Stadtbewohnern und Fremden sie vernehme."

37. "Wir leben nämlich unter einer Verfassung, die nicht eine Nachbildung auswärtiger Gesetze ist: vielmehr sind wir selbst Manchen ein Muster, als daß wir Andern nachahmen sollten. Unsere Verfassung trägt den Namen "Volksregierung" (Demokratie), weil sie nidt zum Vortheile von Wenigen, sondern der Mehrzahl eingerichtet ist. Denn bei besondern Rechtshändeln genießen Alle gesetzmäßig das gleiche Recht: was aber sie öffentlichen Würden betrifft, so wird Jeder nach dem guten Kufe, den er in einem Fache behauptet, und nicht sowohl als Mitglied einer gesonderten Classe, sondern nach seiner Tüchtigkeit bei Staatsgeschäften hervorgezogen: auch ist Niemand wegen der Armuth durch Unscheinbarkeit des Ranges gehindert, dem Staate, wenn er es vermag, Nützliches zu leisten. In freisinnigem Geiste handeln wir in der Verwaltung des Staats und in der täglichen Lebensweise, welche so leicht gegenseitiges Mißtrauen erzeugt: wir verdenken es dem Nachbar nicht, wenn er einmal dem Vergnügen sich hingiebt; wir verhängen keine Strafen, die, wenn sie auch ohne Geldbuße sind, doch dem Auge wehe thun. Ferne von lästiger Strenge im besonderen Verkehre, lassen wir uns im Oessentlichen vornämlich durch ehrerbietige Scheu von gesetzwidrigen Handlungen zurückhalten, aus Gehorsam sowohl gegen die jedesmal bestehenden Obrigkeiten, als gegen die Gesetze, zumal solche, die zum Schutze der Gekränkten aufgestellt sind, oder welche, wiewohl ungeschrieben, in der öffentlichen Meinung (wenn sie verletzt sind) entehren."

38. "Ueberdieß haben wir so manche Erholung von der Lebensmühen dem Geiste bereitet, durch gesetzliche Veranstaltung von Kampfspielen und jährlichen Opfern, und durch gefällige Einrichtung des häuslichen Lebens, deren tägliche Ergötzlichkeit den traurigen Ernst verscheucht. Wegen der Größe unserer Stadt wird aus allen Landen Alles bei uns eingeführt, und davon ist die Folge, daß der Genuß der Güter anderer Gegenden und eben so geläufig ist, wie der Genuß der hiesigen Erzeugnisse."

39. "Auch haben wir in der Art; das Kriegswesen zu betreiben, vor unsern Gegnern folgenden Vorzug. Wir gestatten Jedem offenen Zutritt zu unserer Stadt, und verwehren Niemand je durch Ausweisung der Fremden, Dinge zu erfahren und zu sehen, die, da sie nicht geheim gehalten werden, ein Feind sich, bemerken, und Nutzen daraus ziehen könnte: denn wir vertrauen bei unsern Unternehmungen nicht sowohl auf gewisse Plane und listige Kunstgriffe, als auf unsern persönlichen Muth. Jene suchen in der Erziehung von frühester Jugend an sich etwas Mannhaftes anzueignen: wir aber, bei unserer ungebundenen Lebensweise, ziehen nichts desto weniger in den ungewissen Kampf mit gleich starken Gegnern. Zum Beweise mag dienen, daß die Lacedämonier nicht allein für sich, sondern mit ihrer Gesammtmacht gegen unser Land zu Felde ziehen, wir aber bei Einfällen in ein anderes Gebiet, die wir für uns wagen, gewöhnlich auf fremdem Boden gegen solche, die im Treffen doch ihre Heimath verfechten, einen leichten Sieg davon tragen. Ueberdieß hat noch nie ein Feind unsere Gesammtmacht versucht, weil wir zugleich das Seewesen mit Sorgfalt betreiben, und zu Lande nach vielen Richtungen unsere Macht verbreiten. Sind sie nun etwa mit einer Abtheilung der Unsrigen in Kampf gerathen, und Sieger geblieben, so rühmen sie sich, die Besammtmacht sei zurückgeschlagen; und werden sie besiegt, so behaupten sie, unserem ganzen Heere unterlegen zu sein. Uebrigens wenn wir es etwa auch vorziehen, lieber aus gemächlichern Lebensverhältnissen, als aus einer mühseligen Uebungsschule, und mit einer Tapferkeit, die nicht sowohl auf Gesetzen, als auf dem Charakter beruht, in den Kampf zu ziehen, so bleibt und der Vortheil, bei dem Ungemache, das unser wartet, nicht schon voraus ermattet zu sein , und, wenn wir ihm nun entgegentreten, nicht mindere Kühnheit zu erproben, als die, welche von jeher sich abgemüht haben."

40. "Ja, es bleibt und der Vortheil, daß unsere Stadt sowohl in diesem, als in andern Dingen der Bewunderung werth ist. Denn wir lieben das Schöne, doch mit mäßigem Aufwande: wir lieben die Wissenschaften, doch ohne durch sie weichlich zu werden. Unsern Reichthum zeigen wir zur rechten Seit, mehr durch die That, als durch Wortgepränge. Seine Armuth zu gestehen ist bei uns für Niemand entehrend: aber desto schimpflicher ist es, sie nicht thätig abzuwenden. Die nämlichen Menschen widmen sich zum Theil bei und häuslichen und Staatsgeschäften; zum Theil haben Andere, die sich mit dem Ackerbau und andern Gewerben beschäftigen, doch keine dürftige Kenntniß von öffentlichen Angelegenheiten. Wir allein erklären den, welcher an jenen keinen Theil nimmt, nicht für einen Ruheliebenden, sondern für einen unnützen Menschen: wir selbst beurtheilen oder erwägen wenigstens die Staatsgeschäfte mit richtigem Blicke: wir meinen nicht, daß die Rede der That Nachtheil bringe, sondern der Mangel an vorläufiger Belehrung durch die Rede, ehe man in nöthigen Fällen zur That schreitet. Denn uns ist gewiß auch der Vorzug eigen, daß wir mit hohem Muthe zugleich auch sorgfältige Berechnung unserer Unternehmungen verbinden, da sonst Unerfahrenheit eine Quelle der Verwegenheit, Ueberlegung aber der Unentschlossenheit zu sein pflegt. Für die tapfersten Seelen darf man wohl mit Recht die erklären, welche mit den Beschwerden sowohl als mit den Annehmlichkeiten vertraut, doch darum vor den Gefahren des Kampfes nicht zurückbeben. Auch von der Tugend der Dienstfertigkeit haben wir andere Ansichten als die Menge. Denn nicht durch empfangene, sondern durch erwiesene Wohlthaten erwerben wir uns Freunde. Beständiger in der Gesinnung ist der Wohlthäter, um den schuldigen Dank des Empfängers für sein Wohlwollen sich zu sichern: lässiger aber der Verpflichtete, indem er wohl weiß, er werde nicht als dankerzeugende Gefälligkeit, sondern als abzutragende Schuld den Dienst erwiedern. Wir allein sind es, die Andere rücksichtslos unterstützen, nicht sowohl unsern Vortheil berechnend, als ihrem Edelmuthe vertretend."

41. "Um meine Ansicht in wenige Worte zu fassen, behaupte ich: unser Staat ist nicht nur im Ganzen eine Schule für Hellas, sondern auch im Einzelnen vermag, wie ich glaube, ein Mann aus unserer Mitte seine Person für mancherlei Fächer tüchtig und doch zugleich in hohem Grade gewandt und mit Anmuth zu zeigen. Und daß dieß nicht ein bloßes Wortgepränge, gewählt für diese Gelegenheit, sondern vielmehr durch die That bewiesene Wahrheit sei, dieß zeigt die jetzt bestehende Macht des Staats, welche wir durch jenen Volkscharakter errungen haben. Denn unser Staat allein unter den Zeitgenossen erprobt sich, daß er seinen Ruf noch übertreffe: er allein erregt bei dem angreifenden Feinde keine unwillige Beschämung, daß er von solchen Gegnern Ungemach erleide, noch bei den unterworfenen Staaten eine Beschwerde, daß sie von Unwürdigen beherrscht werden. Da wir nun bei so gewichtigen Thatbeweisen unsere Macht nicht unbezeugt gelassen haben, so werden wir Gegenstand der Bewunderung bei der Mitwelt und Nachwelt sein, und so bedürfen wir nicht einmal eines Lobredners, wie Homer, oder irgend eines andern, dessen bildlich geschmückte Darstellung, bei allem augenblicklichen Reize seiner Dichtungen, durch den wahren Thatbestand widerlegt wird. Vielmehr haben wir durch unsern Heldenmuth in allen Ländern und Meeren uns eine Bahn gebrochen, und überall unvergängliche Denkmale, daß wir wohlzuthun und zu strafen wissen, gestiftet. Ein solches Vaterland ist es also, für dessen Besitz, den sie sich mit Recht nicht rauben lassen wollten, diese Männer den edeln Tod in der Schlacht gestorben sind; und billig ist es, daß jeder der Ueberlebenden denselben ein Opfer zu bringen bereit sein."

42. "Daher habe ich auch bei der Schilderung unseres Staates länger verweilt, um darzuthun, daß wir uns solche, die keinen von unsern Vorzügen in gleichem Grade besitzen, nicht um den gleichen Preis kämpfen: zugleich wollte ich den Ruhm derer, von denen ich nun zu sprechen habe, durch Gründe einleuchtend darstellen. Das Wichtigste derselben ist schon ausgesprochen. Denn was ich an unserem Staate als preiswürdig dargestellt, das haben die Tugenden der hier ruhenden Männer und ihres Gleiche zu seinem Glanze erhoben: und es mag wohl wenige Hellenen geben, bei welchen, wie bei diesen, Wort und That in so schönem Gleichgewichte sich zeigen. Ein solches Lebensende, wie diese es gefunden, scheint mir, sei es nun als erste Probe, oder als letzte Bekräftigung, männliche Tugend zu beweisen. Denn selbst bei solchen, die sonst minder fehlerfrei wären, ist es bullig, die im Kriege für’s Vaterland erprobte Tapferkeit als Vertheidigungsgrund zu gebrauchen: denn sie verdunkeln ihre Mängel durch diesen Vorzug, und haben dem Ganzen mehr Vortheil, als im Einzelnen Schaden gestiftet. Aber von diesen Gefallenen hat keiner, durch den Reichthum und durch Vorliebe für die bisherigen Genüsse verleitet, sich der Weichlichkeit hingegeben, noch gereizt durch die Hoffnung, der Armuth sich zu entwinden, und Reichthum zu erwerben, Aufschub der Gefahr gesucht. Vielmehr hielten sie die Rache an den Feinden für wünschenswerther, als jenen Genuß und Reichthum, und ein solches Wagniß für das ruhmvollste, und entschloßen sich, unter Gefahren an jenen Rache zu nehmen, und diesem entgegen zu gehen. Das Ungewisse des glücklichen Erfolges der Hoffnung überlassend, hatten sie Selbstgefühl genug, für die That und das, was ihnen vor Augen lag, sich selbst zu vertrauen; und dabei glaubten sie, eher durch Abwehr und Leiden, als durch feiges Weichen ihr Heil zu finden; und so haben sie sich über jede entehrende Nachrede erhoben, und die That mit persönlicher Aufopferung bestanden, und in einem kurzen Augenblicke wurden sie, auf dem Gipfel des Ruhmes sich fühlend, nicht sowohl von der Furcht, als von der Macht des Schicksals entbunden."

43. "Durch solches Betragen haben diese Männer unseres Staats sich würdig gezeigt. Die Ueberlebenden aber mögen sich's zum Grundsatze machen, eine nicht minder heldenmüthige Gesinnung gegen die Feinde zu hegen; wiewohl ihnen zu wünschen ist, daß sie ihnen minder gefahrvoll werde. Nicht nach Worten allein mögen sie die Nützlichkeit für den Staat bemessen, wovon, wer Dinge, die euch Allen ebensowohl bekannt sind, besprechen wollte, mit unnöthigem Aufwande von Worten darthun könnte; wie vortheilhaft es sei, den Feind abzuwehren. Vielmehr sollet ihr von der Macht des Staates durch tägliche Anschauung in der Wirklichkeit euch überzeugen, und innige Liebe für ihn gewinnen. Und wenn ihr die Größe dieser Macht erkannt habt, so erwäget, daß heldenmüthige Männer, ihre Pflichten erkennend, und im Handeln durch Gefühle der Ehre geleitet, jene erworben haben: und saß sie, wofern ihnen auch etwa ein Unternehmen mißlang, darum doch ihre tugendhaften Dienste dem Staate nicht entziehen wollten , sondern ihm das edelste Opfer dargebracht haben. Denn indem sie dem öffentlichen Wohle Leib und Leben hingegeben, haben sie für sich nie alternden Ruhm geerndtet, und das ehrenvollste Grabmal erhalten, nicht sowohl das, in welchem sie ruhen, sondern jenes, in welchem ihr Ruhm bei jedem Anlasse zu Wort und That unvergeßlich bewahrt wird. Denn ausgezeichneter Männer Grabmal ist der ganze Erdkreis: und nicht bloß der Denksäulen Inschrift in der Heimath verkündet ihren Ruhm: auch in fremdem Lande lebt ohne Schrift ihr Andenken bei Allen nicht sowohl im Werke des Künstlers, als in den Gemüthern fort. Ihnen sollet ihr jetzt nacheifern, und in der Ueberzeugung, daß die Glückseligkeit auf der Freiheit, die Freiheit aber auf der Tapferkeit beruhe, bei den Gefahren des Kriegs nicht lässig sein. Denn nicht die, deren Loos unglücklich und ohne Hoffnung auf einen bessern Zustand ist, sind eher berechtigt, ihr Leben rücksichtslos zu wagen. Vielmehr gilt dieß denen, bei welchen der entgegengesetzte Umschwung ihrer Lebensverhältnisse noch auf dem Spiele steht, und bei welchen, wenn sie ein Unfall träfe, der Wechsel sehr bedeutend wäre. Denn für einen Mann von Selbstgefühl ist die mit zaghaftem Betragen verbundene Mißhandlung drückender, als der unvermuthet überraschende Tod selbst, wenn dieser bei kraftvollem Benehmen und unter gemeinsam günstigen Aussichten erfolgt."

44. "Darum will ich Euch, ihr Eltern unsrer Gefallenen, so viele euer hier anwesend sind, nicht sowohl beklagen, als trösten. Wisset Ihr ja doch, daß Ihr selbst unter wechselvollen Zufällen herangereift sein, und daß der glücklich ist, dem ein so rühmliches Ende wie diesen, und eine so rühmliche Trauer, wie Euch, zu Theil wird, und wem das Loos zugeschieden wurde, in eben dem, was das Glück seines Lebens ausmachte, seinen Tod zu finden. Wohl weiß ich, daß es schwer ist, Euch davon zu überzeugen, da der Anblick fremden Glücks, dessen auch Ihr Euch einst freutet, so manche Erinnerungen an die Verlornen in Euch hervorrufen wird: betrifft ja doch die Trauer nicht den Verlust solcher Güter, welche man nie genossen, sondern die Entbehrung eines Besitzes, an welchen uns Bande der Gewohnheit fesselten. Indessen mögen sich die, welchen ihre Altersstufe noch Nachkommenschaft verspricht; durch die Hoffnung trösten, andere Kinder zu erzielen; und so wird nicht nur im Einzelnen der Verlust derer, welche nicht mehr sind, über den Nachgebornen in Vergessenheit gebracht werden; sondern es wird dieß auch dem Staate zweifach nützen, weil er nicht entvölkert wird, und an Sicherheit gewinnt. Denn es ist nicht denkbar, daß man auf eine billige und gerechte Weise das öffentliche Wohl berathe, wenn man nicht auf gleiche Art, wie Andere, bei den Gefahren des Staates Kinder auf das Spiel zu setzen hat. Ihr aber, die Ihr schon jene Altersstufe überschritten habt, möget es als Gewinn betrachten, daß Ihr den größten Theil Eures Lebens glücklich hingebracht, und im Gedanken, das der Nest kurz sein werde, und im Ruhm Eurer Gefallenen Erleichterung stufen. Denn die Ehrliebe allein altert nie, und bei der Unthätigkeit des hohen Alters ist es nicht Geldgewinn, wie Einige behaupten, sondern die Ehre, was den meisten Reiz und die größte Befriedigung gewährt."

45. "Für Euch aber, die ihr als Söhne oder Brüder der Hingeschiedenen zugegen seid, sehe ich, einen großen Wettkampf eröffnet: denn Jedermann ist gewohnt, den, der nicht mehr ist, zu loben: und kaum werdet ihr wohl bei so hervorragenden Tugenden es erreichen, eine Stufe geringer als sie, geschweige dann, ihnen gleichgeachtet zu werden. Denn wer unter den Lebenden den gleichen Ziele zustrebt, wird beneidet: wer aber nicht mehr in Wege steht, wird mit unbestrittenem Wohlwollen geehrt. - Soll ich nun auch der weiblichen Tugend derer gedenken, die jetzt im Witwenstande leben, so will ich in kurze Worte der Ermunterung Alles zusammenfassen. Zu großer Ehre wird es Euch gereichen, wenn Ihr den Eurem Geschlechte gebührenden Charakter nicht verlaugnet, und wenn so wenig als möglich, weder im Lob noch Tadel, unter Männern Euer gedacht wird."

46. "So habe ich denn, was ich der Sitte gemäß für dienlich erachtete, in meiner Rede vorgetragen; und durch die That ist der Bestatteten schon ihre Ehre geworden, und von nun an wird der Staat ihrer Kinder Erziehung bis zu den Jahren der Mannbarkeit besorgen, und so diesen Todten, wie ihrer Hinterbliebenen, für ihre Stümpfe einen nützlichen Siegeskranz reichen: denn wo der Tugend die größten Belohnungen bestimmt sind, da leben im Staate and die trefflichsten Männer. Und jetzt, nachdem Jeder die Klage über seine Ungehörigen vollendet, begebt Euch nach Hause."

47. So wurde die Begräbnißreier in diesem Winter Veranstaltet: und mit seinem Ende verfloß auch das erste Jahr des Kriegs. Unmittelbar nach dem Anfange des Sommers (430. v. Chr.) thaten die Peloponnesier und ihre Bundesgenossen mit zwei Drittheilen ihrer Heere einen Einfall in Attika wie zuvor; unter Anführung des Archidamus, Königs der Lacedämonier, Sohnes von Zeuridamus, und setzten sich daselbst fest, und verwüsteten das fand. Kaum aber standen sie einige Tage in Attika, so begann zum erstenmale jene Seuche unter den Athenern auszubrechen, welche, wie man sagt, schon früher in vielen Orten eingerissen hatte, theils auf Lemnus, theils in andern Gegenden: doch war eine so große Pest und ein solches Sterben unter der Leuten seit Menschengedenken noch nirgends gewesen. Denn auch die Aerzte leisteten anfangs, aus Unkunde der Krantheit, keine genügende Hülfe; sondern sie starben meist selbst um so eher, je mehr sie sich mit den Kranken in Berührung retten: auch half keine andere menschliche Kunst. So oft man auch zu den Tempeln Bittgänge that, oder sich an die Orakel und andere dergleichen Anstalten wendete, so war doch Alles umsonst. Zuletzt gab man auch Dieß auf, weil aller Muth durch des Uebels Größe gelähmt war.

48. Es begann aber die Krankheit, wie man behauptet, zuerst in demjenigen Aethiopien, das jenseits Egypten’s liegt; dann verbreitete sie sich auch über Egypten und Libyen und viele Länder des Perserkönigs. Ins Athenische Gebiet kam sie plötzlich, und ergriff zuerst die Einwohner des Piräens; daher behaupteten diese, die Peloponnesier hätten Gift in die Gisternen geworfen: denn Brunnen gab es damals dort, noch nicht. Später drang sie aber auch in die Stadt ein, die weiter landeinwärts liegt: und nun ward das Sterben schon häufiger. Es mag übrigens jeder, sei er Arzt oder Laye, darüber nach seiner Ansicht urtheilen, was die wahrscheinliche Veranlassung dieser Seuche war, und welche Ursachen bei einer so gewaltigen Veränderung ihm hinreichend scheinen, diesen Umschwung des Zustandes zu bewirken. Da aber ich selbst von der Krankheit befallen wurde, und Andere, die an derselben litten, beobachtete, so will ich erzählen, wie der Verlauf derselben war, und angeben, nach welchen Merkmalen und Vorzeichen, wenn sie wieder einmal ausbrechen sollte, man sie am besten erkennen kann.

49. Jenes Jahr war, wie man allgemein anerkannte, gerade vor allen andern sehr frei von sonstigen Krankheitszufällen; litt aber jemand schon früher an irgend einem Uebel, so nahm Alles die Richtung auf diese Seuche. Die Andern, die gesund waren, ergriff ohne eine äussere Veranlassung plötzlich zuerst heftige Hitze im Kopfe, mit Entzündung und Röthe der Augen: die innern Theile, die Kehle und die Zunge, wurden sogleich mit Blut unterlaufen, und gaben einen auffallend widrigen, übelriechenden Athem von sich. Dann gesellte sich Nießen und Heiserkeit dazu: und in Kurzem warf sich die Krankheit auf die Brust, mit heftigem Husten. Wenn sie sich dann beim Magen festsetzte, so bewirkte sie eine so heftige Erschütterung desselben, daß alle von den Aerzten namhaft gemachten Entleerungen der Galle unter großer Beschwerde erfolgten. Die Meisten bestel ein leeres Schlucken, das starken Krampf mit sich führte, welcher bei Einigen bald nach ließ, bei Andern länger anhielt. Der Körper fühlte sich von aussen nicht sehr warm an, war auch nicht blaß, sondern röthlich, oder bläulich, mit einem Ausschlage von kleinen Blasen und Geschwüren. Innerlich aber war die Hitze so heftig, daß man selbst die dünnsten Kleider und eine Bedeckung von der feinsten Leinwand nicht ertragen konnte, und nur immer ganz unbekleidet sein wollte, am liebsten aber sich in kaltes Wasser stürzte: viele, auf die man nicht Acht gab, warfen sich, von unlöschbarem Durste überwältigt, sogar in die Cisternen: man mochte viel oder wenig trinken, so war die Wirkung dieselbe. Ein allgemein drückendes Uebel war auch der Mangel an Ruhe und die Schlaflosigkeit. So lange die Krankheit im Zunehmen war, wurde der Körper nicht abgemagert, sondern widerstand dem Leiden über die Erwartung, so daß die Pieisten entweder am neunten oder auch am siebenten Tage, wo sie noch nicht ganz entkräftet waren, an innerlichem Brande hinstarben: oder wenn sie auch für jetzt davon kamen, so warf sich die Krankheit auf den Unterleib, worauf starke Geschwüre dort ausbrachen, und ein übermäßiger Durchfall erfolgte, durch Welchen die Kranken zuletzt ein Opfer der Entkräftung wurden: denn das Uebel fieng oben an, indem es sich zuerst im Kopfe festsetzte, und durchlief dann den ganzen Körper: und wenn man auch die größte Gefahr überstanden hatte, so zeigte sich die Macht der Krankheit noch in den äussersten Theilen: und ergriff die Geschlechtstheile und die Spitzen der Hände und Füße: und viele kamen mit dem Verluste derselben, einige auch mit Erblindung der Augen davon. Einige befiel auch, wenn sie genesen waren, plötzlich eine durch gängige Gedächtnißschwäche, so das sie sich selbst und ihre Angehörigen nicht mehr kaunten.

50. Denn die Gewalt dieser Gattung von Krankheit ging nicht allein überhaupt über alle Beschreibung, indem sie Jeden heftiger ergriff, als es die menschliche Natur zu ertragen vermochte, sondern sie zeigte sich auch darin als eine ganz ungewöhnliche Erscheinung: die Vögel und vierfüßigen Thiere, welche sonst menschliche Leichname angreifen, rührten entweder die vielen unbegrabenen Körper gar nicht an, oder, wenn sie davon fraßen, starben sie. Zum Beweise dient das auffallende Verschwinden dieser Art von Vögeln, die sich weder sonst, noch bei irgend einem solchen Leichname mehr zeigten. An den Hunden aber, weil sie in menschlicher Umgebung lebten, bemerkte man häufig den Einfluß des Uebels.

51. Dieß war im Ganzen die Beschaffenheit der Krankheit, mancher sonderbaren Zufälle im Einzelnen, die sich verschieden bei Diesem oder Jenem äusserten, nicht zu gedenken. Um diese Zeit herrschte keine von den gewöhnlichen Krankheiten, und wo etwa eine vorkam, so ging sie in jene über. Einige starben aus Mangel an Pflege, Andere auch bei der sorgsamsten Wartung. Es gab kein einzelnes bestimmtes Heilmittel, von welchem man hätte jagen können, daß sein Gebrauch entscheidende Hülfe gewähre. Denn was dem Einen zuträglich war, schadete dem Andern. Keine Liebesbeschaffenheit, sie mochte stärker oder schwächer sein, vermochte dieser Krankheit zu widerstehen; sie raffte Alle ohne Unterschied hin, nach welcher Heilart man sie auch behandelte. Das Schlimmste bei dem ganzen Uebel war: einerseits die Niedergeschlagenheit, die Jeden ergriff, sobald er sich krank fühlte. (denn dann überließ man sich sogleich, der Hoffnungslosigkeit, und vernachläßigte sich selbst viel zu sehr, und leistete der Krankheit keinen Widerstand), andererseits der Umstand, daß sie Einer durch die Pflege des Andern angesteckt wurden, und wie die Schaare hinstarben. Dieß verursachte den größten Menschenverlust. Denn wollte man aus Furcht sich einander nicht nähern, so starben die Franken ohne Beistand, und viele Häuser wurden aus Mangel an Pflege verödet. Kam man aber mit den Kranken in Berührung, so war man verloren, zumal solche, die einigen Diensteifer zeigen wollten: denn aus Ehrgefühl vergaßen sie die Schonung gegen sich selbst, und besuchten ihre Freunde: dein auch die nächsten Angehörigen wurden, betäubt von dem Uebermaaße des Unglücks, am Ende der Klage um die Sterbenden überdrüssig. Jedoch fühlten die Genesenen am meisten Mitleid gegen die Sterbenden und Leidenden, weil sie das Uebel aus Erfahrung kannten, und sich selbst nunmehr gerettet fühlten: denn ein tödtlicher Rückfall trat nicht ein. Solche wurden nicht allein von Andern glücklich gepriesen, sondern auch sie selbst hegten bei ihrer augenblicklichen Freude für die Zukunft die leise Hoffnung, daß nicht leicht eine andere Krankheit sie hinraffen werde.

52. Es bedrängte aber die Athener ausser dem vorhandenen Leiden noch mehr das Zusammenströmen der Leute vom Lande in die Stadt, besonders die später Hereingekommenen. Denn da nicht Wohnungen genug vorhanden waren, sondern da sie zur Sommerszeit in dumpfigen Hütten sich aufhielten, so starb Alles durcheinander weg. Sterbende lagen übereinander, und so blieben die Leichname liegen. Andere wälzten sich halbtodt auf den Straßen und bei allen Brunnen herum, um ihren Durst zu löschen. Die Tempel, in welchen sie ihre Hütten aufgeschlagen hatten, waren voll von Todten, welche dort verschieden waren. Denn da die Menschen nicht wußten, was aus ihnen werden sollte, so überließen sie sich, überwältigt von dem Unglücke, der Geringschätzung alles Göttlichen und Menschlichen ohne Unterschied. Alle Gebräuche, die man sonst bei Begräbnissen Beobachtet hatte, geriethen in Unordnung. Man begrub, so gut man eben konnte. Manche nahmen ihre Zuflucht ohne Scheu zu fremden, verbotenen Begräbnißplätzen, da die eigenen nicht zureichten, weil von den Ihrigen schon so viele zuvor gestorben waren. Denn sie suchten fremde Scheiterhaufen, und Einige legten, indem sie denen, welche jene errichtet hatten, zuvorkamen, ihre Todten darauf, und zündeten den Holzstoß an: Andere warfen, während eine andere Leiche verbrannt wurde, die, welche sie trugen, hinauf, und eilten davon.

53. Diese Seuche gab auch sonst noch zu weiterer Gesetzlosigkeit in der Stadt die erste Veranlassung. Denn ungescheuter wagte man nun, was man sonst, ohne rein Gelüste offen zu befriedigen, verheimlicht hatte, da man den raschen Wechsel des Schicksals sah, wie die Reichen plötzlich hinstarben, und solche, die zuvor Nichts hatten, schnell in den Besitz ihrer Güter kamen. Daher wollten sie sich einen schnellen und angenehmen Genuß derselben verschaffen, da Leben und Vermögen, das Eine wie das Andere, ihnen als so kurzdauernd erschienen. Niemand hatte Lust, für das, was als gut und edel galt, ein Opfer zu bringen, da es ihm ungewiß dünkte, ob er nicht vor Erreichung seines Zwecks weggerafft würde. Was aber augenblicklichen Genuß und der Lust irgend welchen Gewinn gewährte, das wurde als gut und nützlich erklärt. Keine Furcht vor den Göttern, kein menschliches Gesetz gab eine Schranke. Denn jene zu ehren oder nicht, achteten sie für gleichgültig, weil sie doch Alles ohne Unterschied eine Beute des Todes werden sahen: was aber die Verbrechen betraf, so dachte Keiner so lange zu leben, bis die Sache vor Gericht entschieden wäre, und er sie Strafe zu entrichten hätte: da ein schon bestimmtes, viel ärgeres Strafgericht bereits über seinem Haupt schwebte, vor dessen Ausbruch man billig das Leben noch einigermaßen genießen dürfe.

54. Solche Noth kam jetzt über die bedrängten Athener, da die Menschen in der Stadt hinstarben, und draußen das Land verwüstet wurde. In diesem Jammer gedachten die ältern Personen, wie leicht zu erachten, auch jenes Wortes, das vorlängst geweissagt worden: "Kommen wird Dorischer Krieg, und die Pest in seinem Gefolge." Es erhob sich nun ein Streit unter den Leuten, es sei in jenem Spruche von den Alten nicht die Pest (Loimos), sondern der Hunger (Limos) benannt gewesen. Doch behielt unter den damaligen Umständen, wie natürlich, die Erklärung die Oberhand, daß die Pest gemeint sei; denn die Erinnerungen der Menschen gestalteten sich nach ihren Begegnissen. Sollte aber später wieder einmal ein Dorischer Krieg7 ausbrechen, und Hungersnoth eintreten, so würde van wahrscheinlich die Weissagung darnach umdeuten. Auch erinnerten sich die, welchen die Sache bekannt war, jener Weissagung8, wo der Gott den Lacedämoniern auf die Frage, ob sie Krieg beginnen sollten, die Antwort ertheilte: wenn sie mit Nachdruck kämpften, werde ihnen der Sieg zu Theil werden: und er selbst werde ihnen Beistehen. So fanden sie nun den Erfolg dem Orakel ganz entsprechend, indem die Pest gleich mit dem Einfalle der Peloponnesier ausbrach. In den Peloponnes aber drang die Krankheit nicht ein, was merkwürdig ist, sondern verheerte Hauptsächlich Athen, und sodann auch andere sehr volkreiche Gegenden. Dieß war der Verlauf jener Krankheit.

55. Nachdem nun die Peloponnesier das platte Land verheert, zogen sie seitwärts nach dem sogenannten Paralischen (Küsten-) Lande bis Laurium, wo die Athener ihre Silberbergwerke haben: und zuerst verwüsteten sie den Bezirk, der gegen den Peloponnes hin liegt, sodann, was Euböa und Andros gegenüber gelegen ist. Perikles aber, der noch immer Feldherr war, hatte noch dieselbe Ansicht, wie bei dem ersten Einfalle, daß die Athener nicht gegen die Feinde ausrücken sollten.

56. Während aber diese noch im Blachfelde standen, ehe sie in’s Küstenland, rückten, rüstete er eine Flotte von hundert Segeln zu einem Einfalle in den Peloponnes aus, und als Alles bereit war, erfolgte die Abfahrt. Er führte auf diesen Schiffen viertausend schwerbewaffnete Athener und dreihundert Reiter auf Lastschiffen, die man zu diesem Zwecke jetzt zum erstenmale aus alten Schiffen eingerichtet hatte. Auch die Chier und Lesbier nahmen mit fünfzig Schiffen an diesem Kriegszuge Theil. Als nun dieses Heer der Athener auslief, ließen sie die Peloponnesier in den Küstenländern von Attika stehen, und gelangten nach Epidaurus im Peloponnes, wo sie den größten Theil des Landes verheerten. Auch rückten sie gegen die Stadt an, in der Hoffnung sie zu erobern, was ihnen aber nicht gelang. Sie stachen, nun von Epidaurus wieder in die See, und verheerten das Gebiet von Trözen, Halias und Hermione, Oerter, die insgesammt an der Küste des Peloponneses liegen. Nachdem sie von da aufgebrochen, kamen sie nach Prasiä, einem Lakonischen Küstenstädtchen, verheerten einen Theil des Gebiets, eroberten das Städtchen selbst und plünderten dasselbe. Nach diesen Verrichtungen zogen sie sich in die Heimath zurück. Die Peloponnesier aber trafen sie nicht mehr in Attika an; sie waren bereits wieder abgezogen.

57. Die ganze Zeit hindurch, wo die Peloponnesier auf dem Athenischen Gebiete standen, und die Athener den Kriegszug zur See machten, wüthete die Seuche bei dem Heere sowohl, als in der Stadt. Daher sagte man auch, die Peloponnesier, als sie von Ueberläufern hörten, daß die Pest in der Stadt herrsche, und die Begräbnißfeierlichkeiten sahen, hätten aus Furcht vor der Krankheit um so früher das Land verlassen. Allein sie verweilten bei diesem Eindalle die längste Zeit, und verwüsteten das ganze Land. Denn sie waren etwa vierzig Tage lang auf dem Boden von Attika.

58. In dem nämlichen Sommer zogen Hagnon, der Sohn des Nicias, und Kleopompus, der Sohn des Klinias, die Mitfeldherrn des Perikles, mit dem Heere, das dieser bei sich gehabt hatte, sogleich gegen die Chalcidier an der Thracischen Grenze, und gegen Potidäa, das noch belagert wurde. Nach ihrer Ankunft brachten sie Sturmzeug vor Potidäa und wandten Alles an, die Stadt zu erobern. Aber weder die Einnahme der Stadt gelang ihnen, noch hatten sie sonst einen ihrer Rüstung entsprechenden Erfolg: denn die Seuche, welche auch dort ausbrach, brachte sie sehr in's Gedränge, und steckte das Heer an, so daß auch die Athenischen Krieger, die früher dort sich befanden und bisher gesund geblieben waren, durch Berührung mit der Schaar des Hagnon von der Krankheit befallen wurden. Phormio aber und seine eintausend sechshundert Mann standen nicht mehr in der Gegend von Chalcidice. Hagnon zog sich nun mit seinen Schiffen nach Athen zurück, nachdem er von viertausend Schwerbewaffneten tausend fünfzig durch die Seuche in ungefähr vierzig Tagen verloren hatte. Die alten Kriegsvölker aber blieben dort stehen, und belagerten Potidäa.

59. Indessen wurden die Athener nach dem zweiten Einfalle der Peloponnesier, als ihr Land zum zweitenmale verwüstet wurde, und Seuche und Krieg sie zugleich bedrängte, anderes Sinnes, und murrten über Perikles, daß er sie zum Kriege überredet, und in solches Unglück gestürzt hätte: sie waren daher geneigt, sich mit den Lacedämoniern zu vertragen. Auch schickte man einige Gesandte ab, die aber Nichts ausrichteten. Da sie sich nun in dieser Noth durchaus nicht zu rathen wußten, so bestürmten sie den Perikles mit Vorwürfen. Als er sah, wie unwillig sie über ihre jetzige Lage waren, und daß sie sich ganz so betrugen, wie er es erwartet hatte, so veranstaltete er, da er noch Feldherr war, eine Volksversammlung, in der Absicht, sie zu ermuthigen, ihre erbitterten Gefühle zu beschwichtigen, und in ruhigere Fassung umzustimmen. Er trat also auf, und hielt folgende Rede:

60. "Euer Unwille gegen mich kommt mir nicht unerwartet: denn ich kenne seine Veranlassung, und habe deshalb eine Versammlung berufen, im euch zu erinnern, um mich zu beschweren, wenn ihr ohne Grund entweder über mich aufgebracht seid, oder durch das Mißgeschick euch entmuthigen lasset. Ich habe nämlich die Ueberzeugung, daß ein Staat, so lange er im Ganzen aufrecht steht, dem einzelnen Bürger mehr Vortheile gewähre, als, wenn bei dem Wohlstande der Einzelnen das Ganze unglücklich ist. Denn mag es auch einen Manne für sich wohl gehen, so ist er bei dem Untergange seines Vaterlandes nichts desto weniger mit verloren: erleidet er aber Unglück, so ist ihm in einem glücklichen Vaterlande weit eher geholfen. Wiefern nun ein Staat im Stande ist, das Unglück einzelner Bürger zu ertragen, hingegen Einzelne unfähig sind, beim Sturze des Staates sich zu behaupten, warum sollte man nicht mit vereinter Kraft den Staat unterstützen? Ihr sollt also nicht, wie ihr jetzt thut, durch häusliches Ungemach bestürzt, der Theilnahme am öffentlichen Wohle euch entziehen: und nicht allein mir als Anstifter des Kriegs, sondern auch euch selbst, die ihr denselben mitbeschlosser, Vorwürfe machen. Und doch seid ihr unwillig auf mich, einen Mann, der sich in der Kenntniß der Bedürfnisse des Staats, wie in der Kunst, sie zu entwickeln, mit jedem mensen darf: der ein Freund des Vaterlandes und über Gewinnsucht erhaben ist. Denn weiß einer auch was, noth thut, und vermag nicht, es deutlich vorzutragen, so ist es so gut, als ob er jene Einsichten gar nicht besäße. Wer aber beides hat, und es dabei mit dem Vaterlande nicht gut meint, wird wohl eben so wenig zum Vortheile desselben rathen. Wäre aber auch diese Eigenschaft vorhanden, und würde einer dem Reize des Geldes nicht widerstehen können, so würde ihm um dieses allein Alles feil sein. Wenn ihr also damals, als ihr euch durch mich zum Kriege bestimmen ließet, diese Vorzüge vor Andern auch nur in mittelmäßigem Grade bei mir gefunden habt, so kann wohl der Vorwurf, daß ich unrecht gehandelt, nicht gegründet sein."

61. "Denn wem die Wahl freisteht, auf anderem Wege glücklich zu sein, der handelt sehr thöricht, wenn er zum Kriege schreitet: träte aber irgend eine Nothwendigkeit ein, sich Andern zu unterwerfen, entweder mit augenblicklichem Nachgeben, oder so, daß man noch um den Sieg kämpfte, so ist, wer der Gefahr des Kampfes ausweicht, tadelnswerther, als wer sie besteht. Ich bin noch derselbe, und habe meine Grundsätze noch nicht aufgegeben: Ihr aber seid wankelmüthig: denn ihr ließet euch bei unangefochtenem Wohlstande überreden, mir zu folgen; und nun beim Ungemach wandelt sich Reue an, und meine Gedanken scheinen euch bei eurem Schwachsinne unrichtig, weil jeder jetzt das Leiden augenblicklich empfindet, der Gewinn aber Allen erst in ferner Zukunft sich offenbaren wird: und weil bei großem, schnell eintretendem Umschwunge der Dinge euer Sinn zu kleinmüthig ist, um bei euren Entschließungen zu beharren: denn es beugen den Stolz die plötzlichen, unerwarteten Zufälle, die sich gegen alle Wahrscheinlichkeit ereignen. Dies ist euch in hohem Grade so in andern Fällen, wie auch bei der Seuche begegnet. Und doch solltet ihr, als Bewohner einer großen Stadt, erzogen in Grundsätzen, welche ihrer würdig sind, den Muth haben, selbst den größten Unfällen Trotz zu bieten, und eure Würde nicht zu verdunkeln. Denn so sehr die Welt diejenigen mit Recht verabscheut, welche mit verwegenem Uebermuthe nach einer Ehre haschen, die ihnen nicht gebührt, eben so gegründet ist der Tadel derer, welche hinter dem erworbenen Ruhme aus Feigheit zurückbleiben. Ihr müsset also über die besondern Angelegenheiten euch hinwegsetzen, und des allgemeinen Staatswohls euch eifrig annehmen."

62. "Was nun die Anstrengungen für den Krieg betrifft, so mag euch dasjenige genügen, was ich sonst schon oft dargethan habe, daß euer Argwohn ungegründet ist, Jene möchtet zu groß werden, und ihr möchtet dennoch nicht Sieger bleiben. Doch will ich euch noch auf etwas aufmerksam machen, woran ihr, wie ich glaube; bisher nicht gedacht habt, was ich auch in meinen frühern Reden nicht berührt habe: nämlich auf die Größe der Herrschaft, die ihr besitzet; auch würde ich es jetzt nicht erwähnen, weil es den Schein von Pralerei haben könnte, wenn ich euch nicht über die Gebühr niedergeschlagen sähe. Ihr stehet nämlich, im Wahne, daß ihr blos über eure Bundesgenossen gebietet: ich aber erkläre euch, daß, da es zwei Arten der Macht von entschiedenem Vortheile giebt, die Land- und Seemacht, ihr der einen ganz Meister seid, so weit jetzt euer Gebiet reicht, oder ihr dasselbe noch mehr ausdehnen wollet: und es giebt jetzt, keinen König oder irgend ein Volk,. die bei euren vorhandenen Mitteln in der Seemacht eurer Schifffahrt ein Hinderniß entgegenstellen könnten. Es ist also offenbar, daß der Ertrag von Wohnungen und Ländereien, woran ihr einen so großen Verlust erlitten zu haben meinet, in gar keinem Verhältniß steht mit jener Macht, Ihr habt also keinen Grund, eụch über jene Dinge so sehr zu kümmern, vielmehr ziemt euch, sie gering zu achten, und in Vergleichung mit jener Macht nur als einen Lustgarten oder als eine verschönernde Zuthat eures übrigen Reichthums zu betrachten: und euch zu überzeugen, daß die Freiheit, wenn wir sie festhalten und behaupten, jenen Verlust und leicht erleben werde, daß hingegen durch die Unterjochung auch solche Nebenbesitzungen in ihrem Werthe herabsinken. In beiden Hinsichten sollen wir unsern Vätern nicht nachstehen, die jene nicht von Andern empfangene Macht mit Anstrengung nicht allein in Besitz genommen, sondern auch noch dazu behauptet und uns überliefert haben, Schmählider soll es uns dünken, den Besitz zu verlieren, als den Erwerb vergeblich zu versuchen: und so sollen wir dem Feinde nicht nur mit Selbstgefühl, sondern mit Verachtung entgegen gehen. Denn eine Anwandlung von pralendem Stolze findet sich auch wohl bei einem Feigen, wenn ihm eine unbesonnene Unternehmung geglückt ist; Verachtung aber nur bei dem, der aus Gründen überzeugt ist, den Gegnern überlegen zu sein, wie dieß bei uns statt findet. Denn bei gleichem Glücke verleiht die Einsicht wegen des Uebergewichts der Klugheit einen festeren Muth: sie verläßt sich weniger auf die Hoffnung, die ihre Macht in ungewissen Lagen zeigt: sondern auf Ueberlegung, die auf wirklichen Besitz sich gründet, und einen sicherern Blick in die Zukunft gewährt."

63. "Ihr habt allen Grund, die Ehre der Stadt, welche auf der Herrschaft, worauf ihr Alle stolz seid, beruht, zu retten, und dabei keine Anstrengung zu scheuen: oder müßt ihr auch auf die Ehre verzichten. Und glaubet nicht, daß nur Eines, nämlich Unterwerfung statt der Freiheit in diesem Kampfe auf dem Spiele stehe. Es gilt auch den Verlust eurer Herrschaft und jene Gefahren, welche die Verfeindung während der Herrsitait euch bereitete. Und diese dürft ihr jetzt nicht einmal mehr aufgeben, wenn etwa jemand unter diesen Umständen aus Furcht in der Unthätigkeit den Ruhm der Rechtlichkeit suchen wollte: denn diese Herrschaft, die ihr besitzet, ist bereits zur Zwangsgewalt geworden: und wenn es ungerecht schien, sie an sich zu reißen, so ist es jetzt gefährlich, ihr zu entsagen. Solche Menschen würden, wenn sie auch den Uebrigen irgend einmal ihre Gesinnung mittheilten, den Staat sehr bald zu Grunde richten, selbst wenn sie für sich, nach eigenen Gesetzen lebend, die Unabhängigkeit des Staats erhalten wollten. Denn die Unthätigkeit vermag nicht ihre Sicherheit zu behaupten, wofern nicht ein geschäftiger Geist ihr zur Seite steht, und gefahrlos scheinende Hingebung in Dienstbarkeit mag wohl einem unterworfenen, nicht aber einem herrschenden Staate frommen."

64. "Ihr aber sollet euch nicht durch Mitbürger von solchen Gesinnungen bethören lassen, noch mich zum Gegenstand eures Unwillens machen, da ihr ja selbst mit mir den Krieg beschlossen habt, wenn schon die Feinde, da ihr euch ihre Willen nicht fügen wolltet, eingebrochen sind, und gethan haben, was zu erwarten war. Freilich ist auch noch über unsere Erwartung diese Seuche dazu gekommen, ein Ereigniß, dessen Wirkungen allerdings mächtiger waren, als irgend Jemand vermuthen konnte: und ich weiß, daß ich zum Theil ihretwegen noch mehr gehaßt werde, und zwar mit Unrecht: ihr müßtet sonst nur auch die Glücksfälle, wenn solche euch gegen alle menschliche Berechnung begegnen sollten, meinem Verdienste zuschreiben. Was aber von den Göttern kommt, muß man als Nothwendigkeit ertragen: was von Feinden kommt, dem muß man mit männlicher Fassung begegnen. So war es sonst Sitte in dieser Stadt: möget ihr nun ohne Störung dabei beharren! Bedenket, daß sie eben darum bei aller Welt im Besitze des größten Ruhmes ist, weil sie vor dem Unglücke sich nicht beugte und an Menschen und Anstrengungen im Kriege die größten Opfer gebracht hat: und daß unsere Stadt bis auf unsere Seit die größte Macht sich erworben hat, deren Andenken bei der Nachwelt unsterblich sein wird, selbst wenn wir auch jetzt einmal (da ja naturgemäß jedes Ding zum Sinken bestimmt ist) in Nachtheil kommen sollten. Denn wir haben als Hellenen über die größte Saht Hellenischer Staaten geherrscht, und die größten Kriege gegen die Gesammtheit, wie gegen Einzelne, bestanden, und eine so große und in jeder Beziehung so blühende Stadt gegründet. Wer Unthätigkeit liebt, mag uns dieß zum Vorwurfe machen: wer etwas unternehmen will, wird uns sogar nacheifern: wer sich Nichts errungen hat, wird uns beneiden. Daß wir in diesem Augenblicke Gegenstand des Hasses und Unwillens sind, dieß ist ein Loos, das Alle betroffen hat, die je, Einer über den Andern, zu herrschen verlangter. Wer aber um das Höchste sich dem Neid aussetzt, der hat das Rechte gewählet. Denn der Haß ist nicht von langer Dauer: aber der Glanz der Gegenwart sowohl, als der Ruhm bei der Nachwelt erhält sich in ewigem Gedächtniß. Ihr aber möget zum Voraus bedenken, was euch künftig Ehre, und in diesem Augenblicke keine Schande bringen mag, und suchet jetzt mit Eifer Beides zu erringen. Unterhandelt nicht mit den Lacedämoniern, und lasset keine Niedergeschlagenheit wegen der vorhandenen Beschwerden kund werden. Denn unter Staaten und einzelnen Bürgern sind die trefflichsten die, deren Gesinnung das Unglück am wenigsten niederbeugt, und die durch die That ihm am standhaftesten widerstehen."

65. Durch solche Vorstellungen suchte Perikles den Unwillen der Athener gegen sich zu stillen, und ihren Blick von der traurigen Gegenwart abzulenken. Was nun die öffentlichen Angelegenheiten betrifft, so ließen sie sich, durch seine Ansicht auf andere Gedanken bringen, und schickten zu den Lacedämoniern nicht mehr, sondern trafen eifrigere Kriegsanstalten: die Einzelnen aber blieben über ihre besondern Leiden wiedergeschlagen: das gemeine Volk, weil es, im Besitze nur geringer Mittel, auch dieser sich beraubt sah, die Großen, weil sie ihre schönen Besitzungen auf dem Lande mit Wohngebäuden und kostbarer Einrichtung verloren hatten, und, was das Wichtigste war, weil sie statt des Friedens nunmehr Krieg hatten. Und wirklich hörten alle Diese insgesammt nicht au Unwillen gegen ihn zu äußern, bis sie ihm eine Geldstrafe angesetzt hatten. Doch wählten sie ihn, wie es der große Haufe zu machen pflegt, nicht lange nachher wieder zum Feldherrn, und übergaben ihm die Leitung aller Geschäfte; denn sie waren für die häuslichen Leiden, die den Einzelnen trafen, bereits abgestumpft, und in Sachen den ganzen Staats hielten sie ihn für den tüchtigsten Mann. Denn so lange er im Frieden an der Spitze des Staates stand, leitete er die Geschäfte mit Mäßigung, wahrte ohne Anstoß dessen Sicherheit, und erhob ihn unter seiner Führung zu einer sehr bedeutenden Größe. Als aber der Krieg ausbrach, so hatte er offenbar die Macht des Staats richtig im Voraus berechnet. Er überlebte den Ausbruch noch zwei Jahre und sechs Monate. Als er gestorben war (429 v. Chr.), so wurde rein richtiger Blick in die Zukunft, in Betreff des Krieges, noch mehr anerkannt. Denn er hatte erklärt, wofern die Athener während des Krieges sich ruhig halten, ihre Sorgfalt auf die Seemacht richten, ihr Gebiet nicht durch Eroberungen vergrößern, und die Stadt selbst nicht auf das Spiel setzen würden, so würden sie Sieger bleiben. Sie aber thaten von allem dem das Gegentheil: sie machten allerlei Staatsunternehmungen, die den Krieg nichts angiengen, und nur die besondern ehrgeizigen und gewinnsüchtigen Zwecke Einzelner zu fördern schienen, zu ihrem und ihrer Kriegsgenossen Unglück: Unternehmungen, die, wenn sie gelangen, zwar einzelnen Bürgern größere Ehre und Vortheil bringen konnten, durch ihr Mißlingen, aber dem Krieg eine für den Staat nachtheilige Wendung gaben. Die Ursache hiervon war, daß er durch Ansehen und Einsicht mächtig, und ganz anerkannt unbestechbar war und mit Freimüthigteit den großen Haufen in Schranken hielt. Er wurde nicht vom Volke geleitet, vielmehr war Er es, der das Volk leitete, weil er nicht durch ungebührliche Mittel zu seiner Macht gelangt war und daher nicht nach Gefallen zu reden brachte, sondern bei seinem Ansehen auch mit Hitze widersprechen durfte. Wenn er daher wahrnahm, daß sie zur Unzeit aus Uebermuth sich verwegener Zuversicht überließen, so wußte er sie durch seine Vorträge zur Furcht herabzustimmen; und wenn sie ohne Grund sich ängsteten, so rief er die entgegengesetzte Gemüthsfassung der Zuversicht hervor. So fand dem Namen nach eine Volksregierung, in der That aber die Herrschaft des ersten Mannes Statt. Seine Nachfolger aber, die unter einander auf gleicher Stufe standen, und doch Jeder in seinem Theile den Andern den Rang abzulaufen strebten, wählten den Weg, dem Volke, wie es diesem gefällig war, die Staatsgeschäfte zu überlassen. Daher wurden denn, wie es in einer so großen Stadt, die eine solche Herrschaft besaß, zu erwarten war, viele Fehler begangen, wozu auch der Seezug nach Sicilien (415) gehörte: wobei nicht sowohl im Plane in Betreff derer, gegen die der Zug gerichtet war, gefehlt wurde, als von Seiten der Unternehmer, welche hintennach keine zweckmäßigen Maßregeln für die Theilnehmer des Zuges trafen, sondern wegen der Ränke Einzelner um den Vorrang bei dem Volke die Angelegenheiten des Heeres mit Schlaffheit betrieben, und in Betreff der Staatssachen zuerst unter einander in verwirrenden Zwist geriether. Wiewohl sie jedoch in Sicilien ihre übrigen Kriegsmittel sowohl, als den größten Theil der Flotte verloren, und in der Stadt zugleich in Parteizwiste waren, so widerstanden sie doch drei Jahre lang nicht allein ihren bisherigen Feinden, sondern auch, den mit diesen verbündeten Siciliern, und noch dazu ihren Bundesgenossen, welche meist abfielen, und später auch dem Eyres, dem Sohne des Perserkönigs, der sich dazu gesellte, und den Peloponnesiern zur Errichtung einer Seemacht Geld gab. Und sie gaben ihre Sache nicht eher verloren, bis sie unter sich in besondere Zwiste geriethen, und so sich in's Unglück stürzten. So überwiegende Geisteskraft zeigte damals Perikles, indem er voraussah, durch welche Mittel sie über die Peloponnesier allein in dein Kriege, sogar ganz leicht, die Oberhand hätten behaupten können.

66. Die Lacedämonier aber und ihre Bundesgenossen schifften noch in demselben Sommer (430) mit hundert Schiffen gegen die Insel Zakynthus (Zante), die Elis gegenüber liegt. Ihre Bewohner sind ein Achäisches Pflanzvolk aus dem Peloponnes, und waren im Kriegsbunde der Athener. Auf der Flotte waren tausend schwerbewaffnete Lacedämonier, und der Schiffsbefehlshaber Enemus, ein Spartaner. Sie stiegen nun an's Land, und verheerten es weit umher: als aber jene sich nicht ergaben, schifften sie nach Hause zurück.

67. Gegen das Ende des nämlichen Sommers begaben sich Aristeus aus Korinth, und als Lacedämonische Gesandte Aneristus, Nikolaus und Stratodemus, und Timagoras aus Tegea and Pollis aus Argos, dieser jedoch aus eigenem Entschluß, auf die Reise nach Asien zum Perserkönig, um einen Versuch zu machen, ihn zu. Geldunterstützungen und zur Theilnahme am Kriege zu bewegen. Diese kamen nun zuerst zu Sitalces, dein Söhne des Teres, nach Thracien, in der Absicht, ihn wo möglich zu überreden, daß er von dem Bundesvereine der Athener abtreten und Truppen nach Potidäa schicken möchte, wo das Belagerungsheer der Athener stand, und mit seiner Hülfe an den Ort ihrer Bestimmung jenseits des Hellesponts, zu Pharnaces, dem Sohne des Pharnabazus, zu reisen, der sie an den Persischen Hof geleiten lassen wollte. Mit ihnen trafen nun die Athenischen Gesandten, Learchus, der Sohn des Kallimachus, und Aminiades, der Sohn Philemon's, bei Sitalces zusammen, und baten dessen Sohn, Sadocus, der Athenischer Bürger geworden war, ihnen jene Männer in die Hände zu liefern, damit sie nicht, wenn sie zum Perserkönig kämen, der Stadt, deren Bürger er sei, soweit es in ihrer Macht wäre, schaden möchten. Er erfüllte ihren Wunsch, und während jene durch Thracien zu dem Fahrzeuge reisten, auf welchem sie über den Hellespont setzen wollten, ließ er sie vor der Einschiffung festnehmen, indem er dem Learchus und Aminiades Mannschaft mitgab, und befahl, sie diesen auszuliefern: diese nahmen sie in Empfang und brachten sie nach Athen. Es besorgten, nun die Athener, Aristeus möchte, wenn er entkäme, ihnen ferner noch mehr schaden, weil er auch zuvor in den Angelegenheiten Poridäa's und der Thracischen Halbinsel, wie bekannt war, Alles geleitet hatte: daher ließ man die Gefangenen, ohne Verhandlung vor Gericht, wiewohl sie Manches sagen wollten, an dem Tage ihrer Ankunft insgesammt hinrichten, und in die Gruben werfen. Man glaubte nemlich berechtigt zu sein, auf eben die Weise Rache zu nehmen, wie die Lacedämonier zuerst dazu das Beispiel gegeben hatten, welche Kaufleute von den Athenern und deren Verbündeten, die auf Lastschiffen, in der Gegend des Peloponneses regelten, auffangen, tösten, und in Gruben werfen ließen. Denn schon im Anfange, des Krieges brachten die Lacedämonier Alle, die zur See in ihre Hände fielen, als Feinde um, sie mochten zu den Kriegsgenossen der Athener oder zu keiner von beiden Parteien gehören.

68. Um dieselbe Zeit, gegen das Ende des Sommers, unternahmen die Amprakioten mit eigener Macht und mit zahlreichen Barbarenhaufen, welche sie zu den Waffen gerufen, einen Kriegszug gegen Argos Amphilochium.9 und das übrige Amphilochische Gebiet. Ihre Feindschaft gegen die Bewohner jener Stadt begann aus folgender Veranlassung. Der Gründer der Niederlassung von Argos Amphilochium und in dem übrigen Amphilochischen Lande am Amprakischen Meerbusen, war Amphilochus, der Sohn des Amphiaraus, der bei seiner Rückkehr in die Heimath, nach dem Trojanischen Kriege, mit der Verfassung in Argos unzufrieden wurde: er benannte nun den Ort Argos nach dem Namen seiner Vaterstadt. Diese Stadt war die größte in Amphilochien, und hatte die vermögendsten Einwohner. Diese sahen sich viele Geschlechtsfolgen später von Unfällen bedrängt, und luden daher ihre Nachbarn, die Amprakioten, ein, an die Niederlassung sich anzuschließen: und nun erst erlernten sie von den Amprakioten, die zu ihnen zogen, ihre jetzige Griechische Sprache: die übrigen Amphilochier aber sind nicht hellenischer Abkunft. Mit der Zeit wurden die Argiver von den Amprakioten verdrängt, welche ihre Stadt besetzen. In Folge dieser Vorfälle übergaben sich die Amphilochier dem Schutze der Akarnanier, und beide riefen, die Athener zu Hülfe, welche ihnen den Phormio als Aufuhrer und dreißig Schiffe sandten. Als Phormio angekommen war, so eroberten sie Argos im Sturme und machten die Amprakioten zu Sclaven, worauf die Amphilocier und Akarnanier den Ort gemeinschaftlich besetzten. Hierauf wurde das erste Bündniß zwischen den Athenern und Akarnaniern geschlossen. Die Feindsaft der Amprakioten gegen die Argiver begann seit jener Versetzung der Ihrigen in den Sclavenstand: und später machten sie in diesem Kriege den erwähnten Feldzug mit eigenem und Chaonischem Kriegsvolk und einigen andern angrenzenden Barbaren. Sie rückten nämlich vor Argos, und bemächtigten sich der Umgegend: als sie aber die Stadt berannten, vermochten sie dieselbe nicht zu erobern; sie zogen sich also zurück, jedes Volk in seine Heimath. Dieß waren die Ereignisse dieses Sommers.

69. Im nächstfolgenden Winter sandten die Athener zwanzig Schiffe unter den Befehlen des Phormio in die Gegend des Peloponneses, welcher Naupactus zum Waffenplatz und Standpunkt nahm, und Wache hielt, daß von Korinth und dem Krisäischen Meerbusen Niemand auslaufen, noch dort einlaufen konnte. Ferner schickten die andere sechs Schiffe, befehligt von Melesander, gegen Karien und Lycien aus, um in diesen Gegenden Geld einzutreiben, und zu verhindern, daß nicht die Raubschiffe der Peloponnesier diese Gegend zum Waffenplatz machen, und von da aus die Schifffahrt der Kauffahrer, die von Phaselis und Phönicien und dem dortigen Festlande ausliefen, stören könnten. Melesander drang mit der Mannschaft der Athenischen Schiffe und der Bundesgenossen ins Innere von Lycien ein, verlor aber ein Treffen und fiel, und dabei kam auch ein Theil seiner Leute um.

70. In demselben Winter konnten die Potidäer die Belagerung nicht länger aushalten, da die Einfälle der Peloponnesier in Attika den Abzug des Athenischen Heeres doch nicht bewirkten. Da nun die Lebensmittel zu Ende waren, und ihnen daselbst, wegen des dringenden Bedürfnisses der Nahrung, unter manchen andern Nothfällen auch der begegnete, daß sie anfiengen, Menschenfleisch zu verzehren, so knüpften sie mit den gegen sie aufgestellten Athenischen Feldherrn Xenophon, dem Sohne des Euripides, und Hestiodorus, dem Sohne des Aristoklides, und Phanomachus, dem Sohne des Kallimachus, Unterhandlungen wegen der Uebergabe an. Diese nahmen die Vorschläge an, in Betracht der Beschwerden, die ihre Truppen in dem winterlich rauhen Lande zu ertragen hatten, und weil die Stadt bereits zweitaused Talente auf diese Belagerung verwendet hatte. Die Bedingungen des Vergleichs waren, daß die Einwohner mit Weibern und Kindern und Hülfsvölkern, jeder mit Einer Kleidung, die Weiber aber mit zweien ausziehen dürften; auch sollten sie eine bestimmte Summe Geldes zur Zehrung mitnehmen können. Unter dem Schutze dieses Vertrags zogen sie mit nach Chalcidice und wohin jeder konnte, aus. Die Athener aber waren mit ihren Feldherrn unzufrieden, daß sie ohne ihr Vorwissen den Vergleich geschlossen hätten: denn sie dachten, die Stadt hätte sich auf Willkühr ergeben müssen. Auch schickten sie später Ausiedler aus ihrer Mitte nach Potidäa, und bevölkerten so die Stadt. Dieß erfolgte noch im Winter, und so gieng das zweite Jahr dieses Krieges zu Ende (430), welchen Thucydides beschrieben hat.

71. Im nächstfolgenden Sommer (429) machten die Peloponnesier und deren Verbündete keinen Einfall in Attika: hingegen zogen sie gegen Platäa, unter Anführung des Archidamas, Sohnes von Zeuridamus, Königs der Lacedämonier. Er ließ sein Heer eine Stellung nehmen, und wollte das Gebiet verheeren. Die Platäer aber sandten sogleich Abgeordnete an ihn, die folgende Vorstellungen machten: "Ardidamus und ihr Lacedämonier! Ihr handelt unrecht, und eurer selbst und der Väter, von denen ihr stammet, unwürdig, wenn ihr das Gebiet der Platäer feindlich überziehet. Als Pausanias, der Sohn des Kleombrotus, in Verbindung mit den Hellenen, welche die Gefahr jener Schlacht, die in unserer Nähe vorfiel (479), mit ihm zu theilen sich entschlossen, Hellas von den Persern befreit hatte, so brachte er auf dem Marktplatze zu Platäa Zeus, dem Befreier, Opfer dar, und ertheilte in Gegenwart sämmtlicher Bundesgenossen, die er zusammenrief, den Platäern die Versicherung, daß sie ihre Stadt und ihr Gebiet unabhängig besitzen, und daß nie Jemand einen ungerechten Unterjochungskrieg gegen sie unternehmen sollte: wo nicht, so wollten die anwesenden Bundesgenossen mit au ihrer Macht ihnen Reiht schaffen. Solches haben und eure Väter wegen der Tapferkeit und des Eifers, den wir unter jenen Gefahren erprobten, bewilligt. Ihr aber handelt diesem gerade entgegen. Denn ihr ziehet mit den Thebanern, unsern größten Feinden, heran, und zu unterjochen. Wir rufen nunmehr die Götter, welche die das maligen Bundesschwüre gehört, und die Götter eurer Väter und unsere heimischen Gottheiten zu Zeugen an, und erklären euch, daß ihr das Piatäische Gebiet nicht verletzen, die Eide nicht übertreten, und unseren Staat unabhängig lassen sollet, wie Pausanias zu Recht erkannt hat."

72. Auf diesen Vortrag der Platäer nahm Archidamus das Wort, und sprach: „Eure Gründe sind gerecht, ihr Platäer, wofern eure Handlungen euren Reden entsprechen. Behaltet eure Unabhängigkeit, wie sie Pausanias euch, verliehen, aber helft auch die übrigen Staaten befreien, welche damals mit Euch an den Gefahren und am Bundesschwure Theil hatten, und jetzt den Athenern unterworfen sind: denn zu ihrer und der Uebrigen Befreiung ist mit so großer Rüstung dieser Krieg unternommen worden. An jener solltet ihr dieß wäre das Beste – Theil nehmen, und so euren Schwur erfüllen: wo nicht, so verhaltet euch, gemäß unserer schon früher ergangenen Aufforderung, ruhig, im Besitze des Eurigen, nur nehmet nicht Partei, und behandelt beide Theile als Freunde, im Kriege aber keinen. Damit werden wir zufrieden sein." Dieß war die Erklärung des Archidamus. Nachdem die Platäischen Gesandten solches vernommen, begaben sie sich in die Stadt, um dem Volke seine Erklärung mitzutheilen, und brachten dann die Antwort: "Es sei ihnen unmöglich, seine Aufforderung ohne Vorwissen der Athener zu erfüllen; denn bei diesen befänden sich ihre Weiber und Kinder: auch müßten sie für das Dasein ihrer Stadt fürchten, es möchten nach der Lacedämonier Abzuge die Athener kommen, und ihren Schritt mißbiligen, oder es könnten auch die Thebaner als Theilnehmer an dem beschwornen Vertrage, wegen Aufnahme beider Theile, wieder einen Versuch machen, ihrer Stadt sich zu bemächtigen." Er aber sagte, um sie hierüber zu beruhigen: "Uebergebt uns, den Lacedämoniern, eure Stadt und Wohnungen, mit Bestimmung der Grenzen eures Gebiets, und der Zahl eurer Bäume und alles dessen, was sich sonst zählen läßt: ihr selbst möget dann, so lange der Krieg währt, ziehen, wohin es euch gefällt. Wenn er zu Ende ist, wollen wir Alles, was uns übergeben ist, zurückerstattet. Bis dahin wollen wir es als Unterpfand behalten, und bebauen lassen, und euch einen Abtrag geben, der für eure Bedürfnisse hinreichen wird."

73. Nach Anhörung dieses Vorschlages giengen sie in die Stadt, und nach geschehener Berathung mit dem Volke erklärten sie ihm, daß sie zuvörderst seine Aufforderung den Athenern mittheilen, und, wenn sie deren Genehmigung erhalten, sie befolgen wollen. Bis dahin baten sie ihn einer Waffenstillstand einzugehen, und ihr Land nicht zu verwüsten. Er schloß den Vergleich, auf so viele Tage, als erforderlich schienen, hin und her zu kommen, und beschädigte ihr Gebiet nicht. Nachdem nun die Platäischen Gesandten zu den Athenern gekommen waren und sich mit denselben berathen hatten, kehrten sie mit folgender Antwort zu ihren Mitbürgern zurück: "Ihr Männer von Platäa, die Athener sagen: so wie sie in frühern Zeiten, seit Errichtung des Bündnisses, nie in irgend einer Sache ungerechten Angriff auf euch geduldet hätten, so werden sie auch jetzt nicht gleichgültig dabei bleiben, sondern euch nach Kräften beistehen. Sie beschwören euch nun bei den Eiden, die unsere Väter geschworen, den Bund unverändert bestehen zu lassen."

74. Auf diese Botschaft der Gesandten beschlossen die, Platäer, den Athenern nicht ungetreu zu werden, sondern den Anblick der Verwüstung, ihres Landes, wenn es so sein müßte, und alle andern Beschwerden, die sie, treffen könnten, sich gefallen zu lassen: Niemand, aber sollte mehr aus der Stadt, gehen, sondern sie wollten von der Mauer aus die Antwort geben: es sei ihnen unmöglich, der Aufforderung der Lacedämonier zu genügen. Nachdem sie diese Antwort ertheilt hatten, rief König Archidamus zuvörderst die Götter und Heroën des Landes zu Zeugen an, und sprach also: "Ihr Götter alle und Heroën, die ihr über dem Platäischen Lande waltet, seid uns Zeugen, daß, weil diese Platäer zuerst von dem gemeinsam. Beschworenen algewichen, wir weder von Anbeginn einen ungerechten Angriff auf dieses Land gemacht haben, in welchem unsere Väter, mit Gelübden euch anflehende die Perser besiegt haben, und ihr den Hellenen einen glücklichen Kampfplatz verlichen habet, noch bei unserem ferneren Unternehmen Unrecht thun werden. Denn unsere wiederholten und billigen Aufforderungen sind vergeblich gewesen. Genelmiget nun, daß die, welche das Unrecht begonnen, ihre Strafe, und die, welche gesetzliche Ahnung verhängen, ihre Genugthuung empfangen!"

75. Nachdem er also die Götter angerufen, ordnete er sein Heer zum Angriff. Zuerst errichtete er, vermittelst der Bäume, die man umhieb, Pfahlwerke rings um die Stadt, so daß Niemand mehr herausgehen konnte. Hierauf warf man einen Wall gegen die Stadt auf, in der Hoffnung, daß die Einnahme sehr bald erfolgen werde, da ein so zahlreiches Heer in Thätigkeit war. Sie fällten nun Holz auf dem Cithäron, und fügten es auf beiden Seiten in den Bau ein, ins dem sie es in die Länge und in die Quere statt einer Seitenwand aufschichteten, damit das Erdreich des Walles nicht auseinander fallen möchte: und trugen Holz und Steine und Erde und was sonst dienlich schien, herbei, um es darauf zu werfen. An dem Walle bauten sie siebenzig Tage und Nächte unausgesetzt fort, indem sie in Ablösungsposten getheilt waren, so daß, während die Einen zutrugen, die Andern schliefen oder Speise zu sich nahmen: und die Lacedämonisches Führer der Hülfstruppen, welche Mitaufseher der Schaaren jeglicher Stadt waren, betrieben das Wert. Als die Piatäer sahen, wie der Wall immer höher stieg, errichteten sie ein hölzernes Stockwerk, und setzten dasselbe auf die Mauer, da, wo gegen sie der Wal aufgeführt wurde, und fügten Ziegelsteine aus den benachbarten Häusern ein, welche sie niederrissen. Als Bindemittel diente ihnen das Holz, damit der Bau in der Höhe nicht zu schwach zum Widerstande wäre. Zur Bedeckung gebrauchte man dabei lederne Schläuche und Felle, damit die Arbeiter und das Holz nicht von Feuergeschossen getroffen werden könnten, und in Sicherheit wären. So gedieh die Mauer zu einer bedeutenden Höhe: aber eben so schnell erhob sich dagegen der Wall. Die Platäer kamen nun auf den Einfall, da, wo der Wall an die Mauer stieß, eine Oeffnung in diese zu machen, und der Schutt hereinzuschaffen.

Бесплатный фрагмент закончился.

269,60 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
05 февраля 2026
Объем:
880 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
4064066500368
Издатель:
Переводчик:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги