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Nassbert, der Wannenwichtel

Geschichten in und aus der Badewanne

Thorsten Meier (Hrsg.)


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Impressum

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2021 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchauflage erschienen 2015.

Titelbild: Sven Roth

Herstellung: CAT creativ - cat-creativ.at

ISBN: 978-3-86196-536-7 Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-402-3 E-Book

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Inhalt

Kaperfahrt auf dem Nonnenbach

Majestätische Plastikente

Das Einhorn

Das sprechende Quietschentchen

Entdeckungsreise im Badewannenmeer

Ich bin ein Troll

Der Geist im Abflussrohr

Die Abenteuer der dicken Bertha

Vom Wannenrand ins Glück!

Das Schiffsunglück

Der geheimnisvolle Meeresrochen

Kapitän Uschi

Vier Tage, vier Nächte

Und Frösche küsst man doch ...

Sauber, sauber!

Badespaß mit Überraschung

Finchen und das Kettenmonster

Das Quietscheentchen

Die Badezeit

Regenbogenfarben wollen baden

Hannes unterwegs

Mojang Cai aus Afrika

Fantastische Reise zu den Drachen

Tief unten

Der Schwimmwettkampf

Lea und der Frosch

Der Badewannen-Blues

Drachengeblubber

Schaumi

Jonas, der Kapitän

Janne in der Wanne

Eins, zwei, drei, vier ...

Es ist wieder Frühling ...

Königreich unter der Badewanne

Hexenschaum ...

Der dreckige Manuel ...

Das Abenteuer in der Badewanne

Schaumi, das Schaummonster

Der Schatz

Der Tag des Quietscheentchens

Schrumpelfinger

Nassbert, der Wannenwichtel

Opa Wilhelms Flugwanne

Sparsam ist nicht geizig

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Kaperfahrt auf dem Nonnenbach

„Das ist aber ein kleines Boot“, sagte Tim, während er die Badewanne skeptisch musterte.

„Na ja, eigentlich badet meine Mutter meinen kleinen Bruder darin“, antwortete Tomte. „Aber sie ist gut geeignet. Du wirst schon sehen. Die Ränder sind so hoch, dass garantiert kein Wasser rüberkommt. Paddel habe ich uns auch mitgebracht.“ Stolz wies er auf zwei Zaunlatten.

Die Freunde hatten letztens zusammen einen Piratenfilm angeschaut und wollten jetzt eine Kaperfahrt auf dem Nonnenbach, einem kleinen und seichten Gewässer am Dorfrand, unternehmen. Dazu hatte Tomte sich die Badewanne seines kleinen Bruders ausgeliehen.

„Wir können es ja mal probieren. Wenn wir uns beide hinstellen, dann passen wir bestimmt rein“, stellte Tim fest.

So ließen die Jungen ihre Piratenwanne zu Wasser, wobei sie feststellten, dass der Stöpsel fehlte. Schnell zogen sie die Wanne wieder an Land.

„Das macht nichts. Ich setzte mich einfach auf das Loch, dann bin ich der Stöpsel und halte das Wasser ab“, wusste Tomte sich zu helfen, setzte sich kurzerhand hin und hielt die Zaunlatten griffbereit. „Du musst das Boot jetzt nur noch in den Bach schieben und schnell reinspringen.“

„Meinst du?“, fragte Tim und kratzte sich den Kopf. „Was ist, wenn du nicht dichthältst? Oder wenn ich nicht schnell genug springe?“

„Jetzt komm schon, wir sind Piraten und gehen auf große Kaperfahrt“, munterte Tomte seinen Freund auf. „Und unser Boot ist garantiert unkaputtbar.“ Also nahm Tim Anlauf und gab der Wanne einen beherzten Schubs. Die machte einen gewaltigen Hopser und landete ein Stück weit im Bach. Wieder kratzte sich Tim den Kopf. Wie sollte er jetzt in das Boot kommen, ohne nasse Füße zu bekommen? Das Wasser war bestimmt so tief, dass es ihm in die Gummistiefel laufen würde, wenn er zum Boot hinaus watete. Hilflos schaute er zu seinem Freund hinüber, der damit beschäftigt war, das schwankende Schiff auf Kurs zu bekommen.

„Warte, ich hole dich. Du kannst mir ja schon entgegenkommen.“ Tomte paddelte eifrig mit einer Zaunlatte. Mit einiger Mühe gelang es ihm tatsächlich, das Boot etwas näher ans Ufer zu manövrieren.

Tim, der vorsichtig ins Wasser gestiefelt war, bekam es zu packen und hielt sich am Rand fest. Jetzt musste er nur noch ins Boot hineingelangen. Er hob das Bein und versuchte, es über den Rand zu bekommen, was den Kahn gefährlich ins Schlingern brachte.

„Vorsicht, sonst kentern wir“, schrie Tomte, dann hatte er eine Idee. „Mann über Bord! Es wimmelt von Haien, wir müssen ihn retten, bevor er aufgefressen wird. Werft ihm den Rettungsring zu.“ Mit diesen Worten hielt er seinem Freund eine Zaunlatte hin, die Tim mit beiden Händen ergriff. Er schaute um sich. Tatsächlich schäumte das Wasser um ihn herum verdächtig weiß. Es schien von Haifischen nur so zu wimmeln.

„Hilfe, sie kreisen mich ein und Piranhas sind auch dabei“, rief er. „Schnell, zieh mich aufs Boot.“ Wieder versuchte er über den Rand zu gelangen, was das Boot gewaltig schlingern ließ. „Vorsicht, sie greifen uns an. Sie wollen unser Schiff versenken und uns alle fressen.“

„Ja genau, wir müssen sie verjagen.“ Tomte schlug mit einem Zaunlattenpaddel aufs Wasser. Tim ergriff mutig das andere Paddel uns tat es ihm gleich. Damit schienen die schrecklichen Ungeheuer nicht gerechnet zu haben, denn nach einiger Zeit war kein einziges mehr zu sehen.

Tomte ließ das Paddel sinken. „Wir haben sie besiegt“, strahlte er.

Tim nickte. „Dann kann ich jetzt in Ruhe einsteigen. Ich ziehe es nur noch etwas näher ans Ufer, damit das leichter geht.“ Er machte sich gleich daran und hatte das Boot bald ganz nah am Ufer. Von hier aus war alles einfach. Er brauchte nur einen großen Schritt zu machen und schon stand er mitten im Boot. „Das ist aber wackelig“, stellte er fest, während er versuchte, das Gleichgewicht zu halten.

„Stimmt“, bekräftigte sein Freund diese Feststellung. „Und übrigens bin ich untenrum ganz nass. Ich tauge wohl doch nicht so gut als Stöpsel.“ Er wies auf seine nasse Hose.

„Macht nix, obenrum bist du auch nass, weil du die Monsterfische bekämpft hast“, stellte Tim fest. „Vielleicht sollten wir die Plätze tauschen. Ich setzte mich auf das Loch und du stellst dich hin und hältst Ausschau nach feindlichen Schiffen, die wir kapern können.“

Tomte nickte zustimmen. „Oder nach noch anderen Monstern. Es gibt auch noch Seeschlangen. Die sind riesengroß. Das habe ich neulich in einem Buch gesehen.“ Er versuchte vorsichtig, sich hochzustemmen, ließ sich aber schnell wieder auf den Allerwertesten plumpsen, denn das Boot geriet gefährlich ins Schwanken, was Tim um ein Haar über Bord gehen ließ.

„Ich habe eine Idee“, schlug Tim vor. „Ich setzte mich erst mal hin, dann stehst du auf. Kannst du deine Beine noch mehr einziehen? Sonst habe ich keinen Platz.“ Er setzte seinen Gedanken gleich in die Tat um, fasste rechts und links fest an den Rand des Bootes und ließ sich vorsichtig in die Hocke sinken. Tomte zog die Beine an, so gut es ging.

„Mehr kann ich nicht“, japste er. „Setz dich jetzt hin. Auf drei stehe ich auf und du rutscht ganz schnell auf das Loch.“

Er holte tief Atem. „Fertig? Eins – zwei – drei ...“ Nun geschahen mehrere Dinge gleichzeitig: Tomte stand mit einem Ruck auf, Tim versuchte gleichzeitig, auf das Loch zu rutschen. Das Boot geriet in Schieflage und kippte um. Mit einem gewaltigen Platsch landeten die beiden Jungen im Wasser. Sie prusteten. Zum Glück war der Nonnenbach nicht breit und sie sowieso nicht weit vom Ufer entfernt. So waren sie ruck, zuck auf allen vieren aus dem Wasser gekrabbelt.

„Mist, jetzt ist unser Boot wohl gekentert“, stellte Tomte fest.

„Ich hab es dir ja gleich gesagt, es ist zu klein für uns beide“, sagte Tim, zog sich die Gummistiefel aus und kippte sie um, damit das Wasser aus ihnen herauslief. „Ich glaube wir sollten jetzt lieber nach Hause gehen, wir sind ganz schön nass geworden.“

„Stimmt.“ Tomte stiefelte noch einmal in den Nonnenbach und rettete das Badewannenboot. „Ich glaube wir gehen erst einmal in unsere Garage. Da können wir die Heizung anmachen und unsere Sachen trocknen. Die Wanne müssen wir auch noch sauber machen.“

Tim nickte ihm aufmunternd zu. „Klar, das machen wir. Nachher kriegst du noch Ärger, wenn deine Mutter deinen kleine Bruder baden will. Das nächste Mal probieren wir es mit einem größeren Boot, einem ohne Loch.“

„Ja, ein größeres Boot muss es schon sein“, stimmte ihm Tomte nachdenklich zu. „Aber wenn das doch ein Loch haben sollte, dann bringe ich meinen kleinen Bruder mit, damit er sich draufsetzt. Ich glaube, der ist als Stöpsel besser geeignet als ich.“

Angie Pfeiffer wurde in Gelsenkirchen geboren. Heute lebt sie mit ihrem Mann, vier Söhnen, zwei Dackeln und einer Katze im Münsterland.

Bisher hat sie vier Romane, ein Kinderbuch, achtzehn eBooks und zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien und Literaturzeitschriften sowie der Tagespresse veröffentlicht.

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Majestätische Plastikente

Es badet in der Zinkwanne

meine Plastikente Hanne

im Regenwasser bis zum Kinn

so stolz wie eine Königin.

Seit einer langen Zeitspanne

dümpelt sie in dieser Wanne,

die mittendrin im Garten steht,

drum herum ein Gemüsebeet.

Ingrid Baumgart-Fütterer aus Östringen.

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Das Einhorn

Melanie saß in der Badewanne und zählte munter die Schaumblasen, die der blaue Badeschaum hervorbrachte. Ihre Mutter hatte ihr das Badewasser mit dem blauen Badeschaum eingelassen und Melanie hörte sie jetzt nach ihr rufen: „Melanie, wie lange willst du noch in der Wanne sitzen?“

Melanie wollte noch lange in der Badewanne sitzen und dem blauen Badeschaum zusehen, wie er die Seifenblasen machte. Komischerweise waren die Seifenblasen, die aus dem blauen Badeschaum hervorgingen, in den schönsten und schillerndsten Farben. In den unterschiedlichen Seifenblasen konnte sie vieles noch entdecken. Gerade jetzt erschien es Melanie, als würde ein Einhorn in der Seifenblase sitzen und sie anlächeln. „Ja sicher“, dachte Melanie, „das ist ein Einhorn.“ Sie saß im warmen Wasser, es duftete so gut nach Blumen im Badezimmer und Melanie träumte vor sich hin.

Sie war die kleine Prinzessin mit dem Einhorn. In der Seifenblase galoppierte das Einhorn direkt im Badezimmer herum. Melanie lächelte überglücklich. Für ein kleines Mädchen von fünf Jahren war ein Einhorn schon etwas Besonderes.

Sie träumte sich in ein wunderschönes Kleid einer Prinzessin hinein und wie sie dem Einhorn den Kopf streichelte. Melanie hatte in der Badewanne sitzend tatsächlich ein Einhorn für sich ganz alleine.

Weiß war das Einhorn natürlich und hatte eine Mähne in den Farben des Regenbogens, die Mähne wehte nur so dahin, denn das Einhorn galoppierte nun an der Decke entlang, in seiner Seifenblase.

Melanie lachte. Sie war einfach nur froh, das Einhorn in der Seifenblase sehen zu können.

Da, plötzlich, noch ein Einhorn, ein weiteres stieg mit den Seifenblasen in die Höhe, und noch ein Einhorn. Es stiegen viele von ihnen aus den Seifenblasen hervor und nun war es eine wunderschöne Herde Einhörner. Die Mähnen schillerten und Melanie war es, als würde sie leise ein sanfte Wiehern hören.

Da rief ihre Mutter: „Melanie, Zeit für dich, aus der Badewanne zu steigen und zu Abend zu essen.“ Ihre Mutter stand nun im Badezimmer mit einem Handtuch.

Das Abendessen war bald vorbei, Melanie war satt und müde. Sie freute sich jetzt auf die Träume. Auf die Nacht.

Kuschelig lag sie im Bett und sie träumte davon, wieder die Prinzessin zu sein, und die Einhörner liefen um sie herum. Leicht lächelte sie im Schlaf.

Dani Karl-Lorenz wurde in einer Kleinstadt in der Oberpfalz (Bayern) geboren. Sie ist Autorin aus Leidenschaft und veröffentlichte ihre Texte bereits in verschiedenen Anthologien und auf ihrer Homepage: http://www.danilyrik.de.

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Das sprechende Quietschentchen

Lotte hatte ein Problem. Sie saß in der warmen Badewanne und blickte traurig auf ihre gelben Schwimmenten, die fröhlich um sie herumschwammen. Lotte hatte immer gerne gebadet und sie liebte ihre gelben Enten über alles. Doch seit einer Woche war alles anders. Sie musste nämlich einen Schwimmkurs besuchen. Ihre Mutter hatte gesagt: „Du bist jetzt schon fast sieben Jahre alt und alle anderen Kinder können bereits schwimmen. Es wird Zeit, dass du es jetzt auch einmal lernst!“

Lotte waren Tränen in die Augen geschossen. „Aber wieso gerade jetzt? Kann ich nicht bis zum Sommer warten?“ Doch ihre Mutter hatte darauf bestanden, den Kurs sofort anzufangen, weil sie endlich einen Platz bekommen hatten. Und im Sommer hätte Lotte sicher wieder eine andere Ausrede gehabt.

Die erste Schwimmstunde war schrecklich gewesen. Der Bademeister hatte sie dauernd mit Wasser bespritzt und dann musste sie auch noch vom Beckenrand ins Wasser springen! Dabei schluckte sie viel Wasser und das schmeckte gar nicht! In der nächsten Stunde sollte sie sogar tauchen und deshalb sollte sie in der Badewanne schon einmal üben. Allein die Vorstellung von Wasser in Nase, Augen und Ohren war entsetzlich! Was sollte sie nur tun? Die Mutter saß neben der Badewanne auf einem Hocker und redete unermüdlich auf Lotte ein. „Jetzt tauch endlich dein Gesicht unter Wasser, es wird ganz sicher nichts passieren! Ich bin doch hier!“

Lotte schüttelte den Kopf. „... und wenn das Wasser in meine Nase läuft?“, fragte sie angstvoll.

Die Mutter war verzweifelt. Wieso hatte Lotte so große Probleme mit dem Tauchen? Bei ihrem großem Bruder war das damals ganz anders gewesen ... Die Mutter seufzte. Plötzlich klingelte das Telefon. „Ich bin gleich wieder da, dann tauchen wir!“, erklärte die Mutter und lief eilig in den Flur, um den Hörer abzunehmen.

Lotte starrte auf die gelben Enten. Da hatte sie plötzlich eine Idee.

„Ich steige schnell aus der Wanne aus und ziehe mich an. Dann wird Mama es für heute aufgeben!“, dachte sie bei sich. Sie war gerade aufgestanden, da hörte sie plötzlich eine Stimme.

„Bleib hier!“

Lotte fuhr zusammen. Wer hatte da gesprochen? Die Stimme kam irgendwie aus der Wanne ...

„Bleib hier, wir üben jetzt das Tauchen!“, fuhr die Stimme freundlich aber bestimmend fort. Die Stimme klang lustig, irgendwie wie Micky Maus.

„Wer hat gesprochen?“, fragte Lotte aufgeregt.

„Ich, deine Badeente!“, antwortete eine der gelben Enten. Lotte Herz schlug schneller. Sie setzte sich augenblicklich wieder in die Wanne und blickte die Ente an. Die schien ihr zuzulächeln und tauchte plötzlich den Kopf unter Wasser. Dann tauchte sie wieder auf und sah Lotte an. „Siehst du, so einfach ist das!“

„Wieso kannst du sprechen?“, wunderte sich Lotte. „Ist das ein Trick? Hast du eine Batterie?“

„Das spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass du jetzt deinen Kopf unter Wasser hältst! Es ist ganz einfach!“, fuhr die Ente fort. Sie redete, ohne den Plastikschnabel zu öffnen. Lotte konnte aber jedes Wort verstehen. Und schon machte die Ente alles noch einmal vor.

Lotte überlegte. „Was die Ente kann, kann ich auch!“, dachte sie und dann nahm sie ihren ganzen Mut zusammen. Sie zählte leise bis drei, kniff die Augen zusammen und tauchte unter. Überglücklich, ihre Angst überwunden zu haben, tauchte sie wieder auf und blickte die Ente strahlend an.

In diesem Augenblick kam die Mutter zurück und sah, dass Lotte ganz nasse Haare hatte. „Du hast es geschafft!“, rief sie fröhlich aus und klatschte in die Hände.

Lotte tauchte gleich noch einmal und dann noch einmal. Es machte ihr richtig Spaß.

„Lotte, ich bin so stolz auf dich, wie hast du das nur geschafft?“, fragte die Mutter aufgeregt.

„Mama, du wirst es kaum glauben, aber eine von den Enten hat mit mir gesprochen und mich zum Tauchen überredet!“, erzählte Lotte begeistert.

Lottes Mutter lächelte. Die Fantasie dieses Kindes war immer wieder unglaublich!

„Die Ente hat mit mir gesprochen, genau wie damals der Teddybär, der mir gesagt hat, dass ich zum Kinderarzt gehen muss und mich nicht immer verstecken darf!“, fuhr Lotte fort und dachte an das Erlebnis vor zwei Jahren, als der große Plüschbär plötzlich angefangen hatte zu sprechen.

„Oder weißt du noch, als der Brillenschlumpf dir gesagt hat, dass du mehr Gemüse essen musst?“, erinnerte sie die Mutter. Lotte nickte glücklich. „Und dann hat dir doch auch die Reiterbarbie einmal erklärt, dass kein Monster unter deinem Bett ist!“, erinnerte sich die Mutter lächelnd.

„Das war nicht die Reiterbarbie, das war das Pferd!“, berichtigte Lotte ihre Mutter mit wichtiger Miene und tauchte wieder unter. Als sie nach einer Stunde stolz aus der Wanne stieg, hatte sie das Gefühl, dass die Ente ihr vertrauensvoll zugezwinkert hatte. Dann lief sie in ihr Kinderzimmer, um sich den Schlafanzug anzuziehen.

Lottes fünfzehnjähriger Bruder krabbelte erlöst aus dem Badezimmerschrank, in den er sich mit seiner Fernbedienung und dem kleinen Mikrofon hineingezwängt hatte. Stundenlang hatte er am Tag zuvor an dieser kleinen Hightechente gebastelt. Er streckte sich und murmelte: „Was tut man nicht alles für seine kleine Schwester!“

Dörte Müller wurde 1967 geboren und lebt mit ihrer Familie in den Niederlanden. Sie unterrichtet Deutsch, Englisch und Kunst und hat bereits zwei Kinderbücher und ein Jugendbuch veröffentlicht.

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Entdeckungsreise im Badewannenmeer

Warmes Wasser strömt über meinen ganzen Körper, der Schaum steht schon über dem Rand. Ich muss lachen, denn im Spiegel kann ich erkennen, dass ich einen Schaumbart habe. Ich will ihn abwischen, es gelingt mir aber nicht, also tauche ich unter.

Dann, als ich ein zweites Mal untertauche, mache ich ein Experiment, ich will wissen, ob man unter Wasser sieht, wenn man die Augen öffnet, und tatsächlich – es funktioniert.

Plötzlich schwimmt ein Delfin an mir vorbei, ich traue meinen Augen kaum, doch dann sehe ich auch schon Korallen und andere bunte Fische. Ich hoffe ganz fest, dass kein Hai an mir vorbeischwimmt, und tatsächlich geschieht es nicht. Der Delfin kommt immer näher, er nimmt mich mit und es ist mir etwas unheimlich, denn wir sind schon ganz schön tief unten und es wird immer dunkler. Dann sehe ich auf einmal ein helles Licht und gleich darauf erkenne ich auch das Schloss, das in einem Goldton glitzert.

Als wir näher zum Schloss kommen, glaube ich nicht, was ich sehe: Da stehen doch tatsächlich Meerjungfrauen vor mir. Ich muss lachen und bemerke erst jetzt, dass ich unter Wasser atmen kann. Einerseits verwirrt mich das, andererseits bin ich froh, nicht zu ertrinken.

Als ich mich umdrehe, schwimmt der Delfin auch schon davon. Die Meerjungfrauen nehmen mich herzlich auf und laden mich zu Korallenkeksen und Salzwassertee ins Schloss ein, na wenn das nicht vielversprechend klingt.

Nur sitze ich also da auf dem Algenblattstuhl und weiß noch immer nicht wirklich, mit der Situation umzugehen. Ich versuche, einen Schluck zu trinken, und es funktioniert. Doch bei den Keksen ist es schon komplizierter, mit jedem Bissen habe ich auch einen Schluck Meerwasser im Mund. Irgendwann gebe ich auf.

Tessa, einer der Meerjungfrauen fragt mich, ob ich Lust habe, mit ihr shoppen zu gehen, und ich muss schon wieder lachen, da ich nicht wirklich glaube, dass es hier was zum Anziehen gibt in den Tiefen des Meeres. Doch neugierig wie ich bin, nicke ich und geh mit. Draußen wartet auch schon wieder Filippo, der Delfin, der mir wahrscheinlich helfen will, im Meer voranzukommen, denn ohne Flosse ist es nicht so einfach, sich so tief unten voran zubewegen. Ich halte mich an seiner Rückenflosse fest und los geht die Fahrt.

Als wir endlich ankommen, glänzen mir die schönen Outfits schon entgegen. Es sind keine gewöhnlichen Sachen, es sind Meerjungfrau-Flossen und Schuppenbikinis in allen Farben und Formen. Tessa sucht ungefähr 10.000 verschiedene Sachen für mich aus, nach Stunden bin ich endlich fertig und habe den ganzen Laden einmal anprobiert. Ich entscheide mich dann aber, die violette Flosse und den violetten Schuppenbikini zu nehmen, den ich übrigens schon ganz am Anfang anprobiert hatte.

Tessa ist so fasziniert, dass ich alles gleich anlassen muss, und sie ist überzeugt, dass ich Filippo jetzt nicht mehr brauche, da ich mit meinem Fischschwanz selbst schwimmen kann. Aber schon bei meinem ersten Versuch, mich fortzubewegen, klappt es nicht ganz so, wie ich gedacht habe, und Filippo wäre vielleicht doch ganz hilfreich. Doch zu spät, er ist schon wieder weg, also muss ich sehen, dass ich selbst klarkomme. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten gelingt es mir dann aber doch, durch die Meere zu gleiten, wie es auch Tessa macht.

Wieder im Schloss angekommen sehen mich alle mit großen Augen an. Ich bekomme eine Kette geschenkt, der Anhänger zeigt eine kleine Meerjungfrau mit einem violetten Stein. Ich weiß nicht, warum er violett ist und woher die anderen gewusst haben, welche Flosse ich mir aussuche, aber ich bin mir sicher, der Stein soll zu meinem neuen Outfit passen. Und dann passiert plötzlich das, wovor ich die ganze Zeit am meisten Angst hatte – ein Hai taucht vor meinen Augen auf.

Ich bin ziemlich froh, als ich dann im Badezimmer die Augen öffne und alles nur ein Traum war. Doch als ich zu meinen Beinen hinabsehe, erblickte ich nur eine lila Flosse und auch die Halskette ist noch immer da. Was ist bloß los? War es doch nicht nur ein Traum? Ich versuche mühevoll, aus der Badewanne zu kommen, und irgendwie gelingt mir das dann auch. Ich versuche, mich sitzend am Boden abzutrocknen und plötzlich, als ich trocken bin, verschwindet auch meine Flosse. Ehrlich gesagt bin ich froh, wieder Füße zu haben, und stehe auf. Im Spiegel erkenne ich dann, dass die Kette noch immer da ist.

Von diesem Tag an war ich im Wasser immer eine Meerjungfrau und konnte von diesem Schloss nicht nur träumen, sondern Tessa und meine anderen Freunde auch besuchen. Zu Hause war ich dann wieder die ganz normale Lea. Manchmal gehen Träume eben im wahrsten Sinne des Wortes in Erfüllung.

Laura Hinteregger aus St.Stefan in Österreich

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Ich bin ein Troll

Heute schreibe ich endlich mal auf, was mich sehr bewegt. Ihr wisst schon: seltsame Sachen, vielleicht die eine oder andere Sorge.

Das Aufschreiben klappt fast immer. Ich denke, heute auch! Meine Freunde beneiden mich darum, vermute ich. Sie können aber anderes besser als ich! Jedenfalls muss ich mir manchmal echt viele Gedanken machen und sie dann aufschreiben. Heute ist eben so ein wichtiger Tag. Es kommen mir viele gute Gedanken, über die ich mich freue! Die können immer wieder kommen.

Weiter geht’s. Ich sitze hier, weiß nicht genau wo. Aber es geht mir prima. Irgendwie fühlt es sich nass an, wo ich sitze. So ein bisschen heiß ist es! Das macht mir aber nichts aus. Viele sitzen ja, wie ich gehört habe, manchmal in solchen komischen Dingern. Was ist denn das hier?

Schon seit vielen, vielen Jahren soll das so sein! Es ist unglaublich. Aber wo ich genau sitze, das weiß ich eben wirklich nicht – noch nicht! Ich muss es herauskriegen. So schnell wie möglich. Nein, eigentlich nicht so schnell wie möglich, denn eine Menge Zeit habe ich! Aber die Zeit vergeht ziemlich schnell.

Ihr müsst wissen, dass ich kein Mensch bin, sondern ein Troll! Das ist die Wahrheit. Ich kann nichts dafür. Auf der Erde bin ich zuhause, obwohl ich so ein kleiner Mann bin. Seit einigen Jahrzehnten habe ich auf der Erde meinen Aufenthalt. Den hat mir mein Großer König erlaubt. Das finde ich heute noch ganz toll! Er erlaubt das nicht jedem Troll. Ich freue mich, dass es meinen König gibt! Er soll hochleben!

So ein Troll – klein, rot, sehr schnell und ebenso gelenkig – bin ich von Geburt an! Keine Fee oder Hexe hat mich verzaubert. Ich bin einfach so ein urkomischer, quirliger kleiner Bursche! Und auch super klug! Ich habe ein paar Schulen besucht. Auf meinem Heimatplaneten Exxus. Ihr müsst auch wissen, Trolle gibt es viele auf der Erde, aber einen wie mich nur ein einziges Mal! Das steht jedenfalls fest. Ich bin ein besonderer Troll, weil ich angefangen habe, die Menschen auf der Erde zu mögen. Ganz ehrlich! Alle meine anderen Trolle haben darüber gestaunt. Ich will immer alles von den Menschen lernen.

Und der Große König vom Troll-Planeten Exxus meinte kürzlich per Strahlen-Post zu mir, dass ich noch viele Jahre auf der Erde bleiben müsse, was mich gefreut hat. Ja, ich habe sogar gejubelt! Glaubt mir, Leute!

Wir Trolle werden auf Exxus geboren, können dort bleiben. Der eine oder andere von uns will jedoch mal auf einen anderen Planeten, zum Beispiel die Erde. Hier können wir, was ich eben sehr wichtig finde, von den Menschen lernen. Die haben nämlich viel gearbeitet, viel aufgebaut. Ich finde sie ziemlich toll, ich Troll!

Hier sitze ich momentan ganz ruhig, natürlich halte ich meinen Stift ... Wie wohl ich mich dabei fühle! Noch viel länger möchte ich in diesem länglichen Ding bleiben! Ich schreibe so gern, in dem länglichen Ding macht es mehr noch mehr Spaß als sonst.

Aber ich habe in den letzten Minuten ein paar Mal geglaubt, dass ich spinne. Draußen vor dem Fenster – ich kann gerade so rausschauen – laufen irgendwelche Menschen herum. Keine Ahnung, warum sie das tun. Übrigens befinden sich draußen auch Häuser – ich habe gehört, dass diese Menschen die Dinger so nennen! Ich kann’s kaum fassen. Laufen, laufen ... laufen!? Was soll das blöde Laufen?

„Bleibt doch mal stehen, guckt euch in Ruhe um, Menschen!“, habe ich vorhin nach draußen gerufen. Ob mich einer gehört hat? Ich weiß es nicht. Keiner hat auf mich reagiert.

Manches bei den Menschen verstehe ich einfach nicht, obwohl ich so klug bin. Es kann mir auch keiner helfen, sie besser zu verstehen. Ich kenne nämlich keinen einzigen Menschen persönlich. Schade. Vermutlich brauche ich viel mehr Zeit und noch viele Gelegenheiten, um welche kennenzulernen.

Vor ein paar Augenblicken hat wieder jemand für mich Wasser in das längliche Ding eingelassen, in dem ich sitze. Ich habe nicht gesehen, wer es gewesen ist. Es ist jetzt ganz heiß. Vielleicht hat mir Troll Sebastian, der mein bester Freund von den Trollen auf der Erde ist, was Gutes tun wollen. Den kenne ich schon ewig lang. „He Sebbi!“, habe ich gerufen. Ich kann das jetzt noch hören.

Es ist mir gerade eingefallen, wie das längliche Ding heißt, in dem ich immer noch sitze: Badewanne. Das klingt interessant. Es ist eine tolle Erfindung der Menschen oder etwa der Trolle? Derartiges können eigentlich nur die Trolle erfinden, glaube ich!

Wozu ist die Badewanne da? Zum darin Sitzen oder Liegen. Das ist klar. Weil es so schön ist, darin zu sitzen – oder zu liegen! Und sonst? Ich glaube, es geht auch darum, dass Menschen sich gerne sauber machen. Wer in der Badewanne sitzt oder liegt, der wäscht sich einfach mit einem Lappen den Körper sauber.

Menschen haben Körper, Menschen sind auch schmutzig! Deshalb brauchen sie Wasser, um sich sauber zu machen! In einer Badewanne zu sein, ist deshalb wichtig, wichtiger als vieles andere!

Ich sitze hier brav und schreibe diese Sätze, mache mich aber nicht sauber. Dazu habe ich einfach keine Lust. Ich bin ja auch kein Mensch. Gleich ... lasse ich mein Notizbuch ins Wasser fallen ...

„Wasser, ja Wasser heißt das!“

„Welches Wasser, Berti-Jon?“, kriege ich Antwort von vor der Tür, wo Troll Sebastian steht. Seine Stimme habe ich genau erkannt. Vielleicht will er mich nerven.

Meinen Stift habe ich wieder in der Hand und ich schreibe einfach weiter, höre dann: „Waaassser!!!“

Das hat nämlich wieder dieser Troll Sebastian gerufen, heute meine Nervensäge.

Kay Ganahl ist Diplom-Sozialwissenschaftler und vielseitig schriftstellerisch tätig. Häufig sind es Probleme der Alltagswelt, mit denen er sich auseinandersetzt, zum Beispiel mit der Macht über Menschen. Er ist Vorstandsmitglied und Kommunikationsbeauftragter im FDA-NRW.

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Der Geist im Abflussrohr

Ich war mir sicher gewesen, dass ich ihn reden hörte, wenn ich auf der Toilette saß oder meine Zähne putzte und das Wasser aus dem Wasserhahn lief. Im Abfluss unserer Badewanne lebte ein Hausgeist. Natürlich verstand ich nicht genau, was er sagte. Er gluckerte und gluckste vor sich hin. Manchmal gurgelte er auch. Besser hören konnte ich die Geräusche, die er machte, wenn der Stöpsel neben dem Abfluss lag, doch dann stank es manchmal. Wahrscheinlich immer, wenn der Geist einen Pups gelassen hatte.

Mit acht Jahren kann man schon sehr überzeugt sein von etwas, an das man glaubt. Ich weiß es noch genau, auch wenn ich jetzt mit siebzehn darüber grinsen muss.

Das Bad und natürlich die Badewanne teilte ich mir mit meiner großen Schwester. Es hat mich damals viel Mühe gekostet, sie zu überzeugen, dass das Baden in der Wanne ab sofort verboten sei. Die Geschichte mit dem Geist im Abfluss der Wanne wollte sie nicht glauben. Deswegen erzählte ich ihr, dass sich gefährliche Gase im Bad verteilen würden, sollte man den Abfluss öffnen. Zum Glück war sie schon immer ängstlich und duschte nur noch. Da die Wanne offensichtlich nicht benutzt wurde, machte meine Mutter sie auch nicht sauber, also bestand für den Geist keine Gefahr.

Das erste Mal hörte ich ihn, als ich mir beim Waschen meines Gesichtes laut eine Frage stellte, die man mit Ja oder Nein beantworten konnte. Nachdem ich den Wasserhahn geschlossen hatte, gluckerte eindeutig ein Ja aus dem Abflusskanal der Badewanne.

Damals war die wichtigste Frage meiner Grundschulzeit, ob Marie in mich verknallt sei. Der Badewannengeist gab mir die Antwort.

Ermutigt von dem eindeutigen Ja des Geistes wich ich nicht mehr von ihrer Seite. Marie schien ziemlich genervt von mir, doch ich schob das darauf, dass sie schüchtern war. Manchmal schwieg der Geist auf meine Fragen. Dann wusch ich mich schnell und stellte die Frage noch einmal. Kurz darauf tönte eine Antwort aus dem Kanal. Ich dachte mir, dass der Geist nur mit mir sprach, wenn ich gewaschen war.

Die Antworten gab er auch nur, wenn die Frage mit Ja oder Nein zu beantworten war. Ansonsten verstand ich sein Gegrummel und Gemurmel nicht, das manchmal aus dem Rohr tönte. Geistersprache vermutete ich.

Meine Schwester hielt mich für verrückt, wenn ich am Waschbecken stand und mit der Badewanne sprach. Ich machte mir nichts draus. Ich dachte, Frauen können das nicht verstehen.

Ich freute mich über den Geist. Er war immer da, um mir zuzuhören, und gab Antwort auf meine Fragen. Natürlich erzählte ich meinen Freunden nichts von ihm. Ich hatte das Gefühl, sie hätten mir nicht geglaubt.

Bis der schlimme Tag kam, an dem der Geist aus der Badewanne vertrieben wurde. Morgens grummelte er noch vor sich hin, als ich am Waschbecken stand und meine Zähne putzte. Ich wunderte mich, wie aufgeregt die Töne an diesem Tag klangen. Wie immer verabschiedete ich mich von ihm und wünschte ihm einen schönen Tag.

Den sollte er aber wohl nicht bekommen. Als ich von der Schule heimkehrte, sah ich das Auto eines Sanitärbetriebes vor der Haustür stehen. Meine Mutter war in der Küche und kochte das Mittagessen. Über uns rumpelte und krachte es.

„Ist jemand oben Mama?“, fragte ich erstaunt.

„Ja, der Installateur“, meinte sie.

„Und was macht der?“

„Unser Abwasserrohr war verstopft. Dreckiges Wasser ist aus den Abflüssen herausgelaufen. Er reinigt die Rohre“, erklärte sie.

Erschrocken rannte ich die Treppe hinauf, nahm gleich zwei Stufen auf einmal. Die Tür zu meinem Bad stand offen.

Ein fremder Mann in grauer Latzhose kniete gerade vor meiner Badewanne.

Entsetzt schrie ich ihn an: „Nein, Halt. Das dürfen Sie nicht. Da wohnt mein Geist!“

Er hatte eine lange, graue Bürste und stocherte im Abflussrohr. Erstaunt sah er auf: „Wer wohnt wo?“

„Na in dem Rohr! Mein Geist“, rief ich und riss an seinem Arm, der wieder die Bürste in den Abfluss schob.

„Sachte, sachte Junge. Hier war niemand!“, versuchte mich der Mann zu beruhigen.

„Der spricht doch auch nur mit mir“, flüsterte ich leise, während mir dicke Tränen über die Wangen kullerten. „Bestimmt haben Sie ihn verletzt!“

Der Mann zog die graue Bürste aus dem Abfluss und sagte: „So ein Quatsch. Außerdem bin ich hier sowieso fertig.“ Er steckte das Werkzeug in einen Eimer, nahm seinen Metallkoffer und ging hinaus.

Schluchzend saß ich vor der Badewanne. Nach einer Weile erhob ich mich langsam und trat ans Waschbecken. Ich stellte die wichtigste Frage des Tages: „Geist, bist du noch da?“ Dann öffnete ich den Wasserhahn und wusch mein verweintes Gesicht. Als ich das Wasser abgestellt hatte, wartete ich gespannt auf eine Antwort.

Es kam kein Geräusch aus dem Abfluss. Nicht einmal ein Flüstern. Kein Grummeln oder Gluckern war zu hören. Ich hatte es geahnt. Dieser dumme Installateur hatte meinen Geist vertrieben. Der, der mir so viele Fragen beantwortet hatte, war nicht mehr da. Tage danach lauschte ich ins Bad hinein, hoffte, dass Töne aus dem Abfluss kamen, dass der Geist wieder eingezogen war, doch es war vergebens.

Ab diesem Tag musste ich ohne den Geist auskommen und meine Entscheidungen selber treffen.

Mich hätte nur interessiert, in welches Haus er eingezogen ist, doch das erfuhr ich nie.

Klaudia Gräfin von Rank wurde 1967 geboren und lebt mit ihrem Mann und drei Kindern im Frankenland. Um ihr langjähriges Hobby zu intensivieren, absolvierte sie ein zweijähriges Fernstudium als Kinder- und Jugendbuchautorin. Etliche ihrer Werke wurden bereits publiziert.

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Die Abenteuer der dicken Bertha

Bertha erinnerte sich nur noch verschwommen an die Zeit, als sie als junge Badewanne, strahlend weiß emailliert, in dieses schöne Badezimmer auf dem Bauernhof gekommen war. Bestimmt war es Jahrzehnte her – sie hatte Generationen von Kindern aufwachsen sehen, die in ihrem wuchtigen Körper geplanscht hatten.

Gerade träumte sie von den verschiedensten Entchen und Wasserfahrzeugen, mit denen die Mädchen und Jungen beim Baden gespielt hatten, als zwei Männer ins Badezimmer kamen und sich an ihr zu schaffen machten.

„Huch“, erschreckte sie sich, „die schrauben ja meinen Abfluss ab.“ Dann wurde sie hochgehoben und aus dem Zimmer getragen.

„Mann, ist die schwer“, keuchte der jüngere der beiden Männer.

„Das ist Gusseisen und mindestens 70 Jahre alt, noch beste Qualität“, entgegnete der ältere Handwerker. Bertha wäre errötet vor Stolz, wenn sie das gekonnt hätte.

„Ich bin beste Qualität“, dachte sie, „dann haben sie etwas Besonderes mit mir vor. Vielleicht stellen sie mich in ein Schloss, wo die Wasserhähne golden sind und die Böden aus Marmor.“ Sie hatte immer gelauscht, wenn die kleinen Mädchen beim Baden von Prinzen und Schlössern geschwärmt hatten.

Die Handwerker trugen Bertha ächzend eine Treppe hinunter, dann durch die Haustür ins Freie und setzten sie neben dem Hühnerhof ab.

Das neugierige Federvieh, allen voran der Hahn, kam sofort heranstolziert, um den unbekannten Gegenstand zu beäugen.

„Was ist das?“, gackerte Tusnelda.

„Das ist bestimmt unsere neue Tränke, von der der Bauer gesprochen hat“, meinte Esmeralda.

Da reckte sich Heinrich, der Hahn, empor und krähte laut: „Keine Ahnung, diese Weiber, das Ungetüm ist ein Eisbär. Seht euch die vier Beine an, richtige Eisbärbeine und dann das dicke weiße Fell!“

Doch Tusnelda musste das letzte Wort haben und gackerte schrill: „Deine Augen sind nicht mehr die besten, Heinrich, dein schöner Eisbär hat Dackelbeine. Vertraue meinen Hühneraugen, das dicke Ding ist ein Futtertrog!“

Nun war Bertha aber beleidigt: Eisbär, Futtertrog und Hühnertränke, dazu noch Dackelbeine, das ging zu weit. Sie war stets zufrieden mit ihren zierlichen geschwungenen Beinen gewesen. Die hatten ihren schweren Körper immer sicher getragen, auch als die Jungen Seeräuber gespielt und sich an ihren Rand gehängt hatten, um sie wie ein Schiff zu erobern.

„Dumme Hühner“, dachte sie und wurde gleich darauf von einem lauten Tuckern abgelenkt, das immer näher kam und schließlich mit ohrenbetäubendem Lärm vor Bertha halt machte. Stinkender blauer Qualm hüllte sie ein und dann spürte sie, wie sich vier eiserne Stangen unter ihren Bauch schoben und sie langsam hochhoben.

„Ich schwebe“, jauchzte sie, „welch ein Abenteuer!“ Immer höher wurde sie gehoben, und dann setzte sich das Gefährt langsam in Bewegung. Bertha schaute in ein gewaltiges Blau in dem riesige weiße Wattebäusche, die ständig ihre Form veränderten, vorbeizogen. „Ich fliege“, dachte Bertha begeistert, „bestimmt fliege ich nun zu einem wunderschönen Schloss.“

„Seht mal, der dicke Futtertrog wird im Frontlader des Traktors fortgebracht“, gackerte Tusnelda gehässig.

Der Flug war schnell zu Ende. Am Rande einer Wiese setzte der Bauer die dicke Bertha ab und fuhr fort. Da stand sie nun ganz allein und verlassen und wusste nicht, was mit ihr geschehen würde.

Es wurde dunkel und unheimlich, Bertha fürchtete sich. Sie vermisste die Kinder, die in ihr geplanscht und gelacht hatten. Sie dachte mit Wehmut an die Frau, die sie so liebevoll mit dem Lappen gestreichelt hatte. Sie fühlte sich schmutzig und nutzlos.

Am nächsten Morgen näherte sich das rhythmische Tuckern wieder. Bertha schöpfte Hoffnung, bestimmt gelangte sie heute zu dem Schloss. Doch der Bauer hatte ein großes Fass mit Wasser gebracht und ließ das kalte Nass in Berthas Bauch laufen.

„Will er hier baden“, dachte sie verwundert. Aber der Bauer fuhr mit dem leeren Wasserfass fort. Bertha war enttäuscht und traurig.

Da vernahm sie plötzlich ein neues Geräusch: trapp, trapp, trapp. Sie spürte ein leichtes Vibrieren unter ihren Füßen. Kurz darauf spiegelte sich ein langes braunes Gesicht in ihrem Wasser, ein Gesicht, das sie nicht kannte. Der Kopf beugte sich tiefer und beschnupperte mit riesigen Nasenlöchern die Wasseroberfläche, große runde Augen, über denen ein fransiger Pony hing, blickten hinab. Vorsichtig nahm ein samtiges Maul einen Schluck Wasser auf.

„Wer bist du?“, fragte Bertha neugierig.

„Ich heiße Almerito und bin ein berühmtes Springpferd“, war die wiehernde Antwort. „Mein Boss sagt, ich wäre jetzt zu alt für die Turniere, ich soll hier das Gnadenbrot fressen, dabei weiß ich noch nicht einmal, wie Gnadenbrot schmeckt. Bisher bekam ich immer Heu und Hafer, natürlich auch Gras, aber Gnadenbrot ist mir unbekannt. Übrigens, danke für das Wasser, wie ist dein werter Name?“

„Ich heiße Bertha, aber alle nennen mich dicke Bertha, weil ich so schön bauchig bin. Ich musste das Badezimmer verlassen, in dem ich so viele Jahre treu der Sauberkeit gedient habe.“

„Dann wurden wir ja beide ausgemustert, bekommst du auch Gnadenbrot?“ Da schüttelte sich Bertha, dass das Wasser überschwappte. Ihr gefiel die neue Bekanntschaft gut, die so höflich und gesprächig war. Außerdem waren die beiden ja nun Leidensgenossen, alt und aussortiert.

„Wollen wir Freunde sein?“, fragte Bertha mutig. Als Antwort nahm Almerito Anlauf und sprang hoch über die volle Länge seiner neuen Freundin hinweg, ohne ihren Rand zu berühren.

„Toll“, rief Bertha begeistert. Darauf vollführte Almerito sein Kunststück gleich noch einmal.

Der kleine Freddy war auf dem Weg zur Schule, als er das übermütige Treiben auf der Wiese sah. Er informierte seine Klassenkameraden und am Nachmittag stand eine Horde Kinder am Zaun und feuerte Almerito an.

„Spring“, riefen sie, „spring noch einmal über die Wanne!“ Und der Hengst ließ sich nicht lange bitten. Er machte auch allerlei lustige Sachen, hielt seinen Schweif in Berthas Wasser und spritzte die Kinder damit nass. Er tänzelte auf seinen Hinterhufen wie ein Zirkuspferd und wieherte dazu. Wenn die Kinder klatschten, dann knickte Almerito sein rechtes Vorderbein ein und verbeugte sich.

Es war ein ausgelassenes Spiel und die dicke Bertha hatte ihren Spaß dabei. Sie war so glücklich wie früher im Badezimmer, denn sie hörte die Kinder lachen.

Am Abend liefen die Kinder nach Hause, aber vorher versprachen sie, wiederzukommen.

Die dicke Bertha war nicht mehr allein. Almerito legte sich ganz nah an ihrem Körper nieder, er war müde und erschöpft von der Springerei, schließlich war er nicht mehr der Jüngste. Aber vorher stillte er seinen Durst mit dem Wasser aus dem Bauch seiner Freundin.

Bertha hatte sich mit ihrem Schicksal ausgesöhnt, denn sie stand nun nicht mehr allein und nutzlos auf der Wiese herum. Sie war zufrieden mit ihren neuen Aufgaben als Tränke und Springhindernis für Almerito, ihrem Freund. Am glücklichsten aber machte sie das Lachen der Kinder.

Maria Volkermann ist 63 Jahren alt. Sie arbeitet gerne in ihrem Garten und liebt die Natur, die sie beim Wandern und Radfahren genießt. Seit einigen Jahren schreibt sie Kurzgeschichten für Erwachsene, von denen bereits einige veröffentlicht wurden.

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VomWannenrand ins GlücK!

Herr Miefi war ein kleiner Mann,

der Wasser gar nicht leiden kann.

Ach! Meist stank er so widerlich,

dass man ihn mit dem Vieh verglich.

Er lebte einsam ohne Frau,

ein jeder wusste ganz genau,

dass er kaum zu ertragen war.

Ach Kinder, es klingt sonderbar.

Doch plötzlich kam die Fee herbei,

ihr war der Mann nicht einerlei.

Sie sprach: „Fass’ endlich neuen Mut!

Die Badewanne tut dir gut!“

Er wollt’ der Fee nun recht vertrau’n

und sprang ins Bad mit reichlich Schaum,

ließ Trixi schon das Wasser ein.

„Hex!Hex! Bald wirst du sauber sein!“

Sie schrubbte flott mit Bürst’ und Schwamm

den Dreck vom eitellosen Mann,

der sich von Wohlgeruch verwöhnt,

schon bald nach Trixis Nähe sehnt.

Den Wunsch hat er kaum ausgedrückt,

da war die Trixi schon verzückt,

und hüpft betört vom Wannenrand

zu Karl, der Dankbarkeit empfand.

Gemeinsam war’n sie nun zu dritt,

denn auch ein Entchen schwamm noch mit,

das quietschvergnügt den Frohsinn sah

und sprach: „Ich seid ein schönes Paar!“

Verdutzt ein Herz das and’re fand,

das Quietscheentlein hat’s erkannt.

Wer reinlich ist, den lockt im Schaum

das reine Glück, man glaubt es kaum.

Thomas Volkermann erblickte 1969 in Kamen/Nordrhein-Westfalen das Licht der Welt und ist stolzer Vater von Töchterlein Jessica. Er hat bereits in einigen Anthologien Kurzgeschichten und Gedichte veröffentlicht.

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Das Schiffsunglück

„Und jetzt, lieber Angeklagter, schildern Sie doch bitte den Unfallhergang aus Ihrer Sicht“, sagte der Richter und schaute dabei Marco an.

„Also das war so, Herr Richter“, begann dieser, „ich heiße Marco und bin der Steuermann auf dem Lego-Tanker. Mein Schiff ist sehr lang, und wenn ich an meinem Steuerrad stehe, dann sehe ich zwar vorne den Bug, aber was sich dicht vor ihm im Wasser bewegt, das sehe ich nicht. Wenn also ein kleineres Schiff direkt von vorne kommt und schon dicht dran ist, dann kann ich es nicht mehr erkennen. Die Sicht war am Unglückstag zunächst recht gut, die Sonne schien und der Wellengang war gering. Wir waren ja auch schon im Hafenbecken. Links und rechts waren die Kaimauern zu erkennen. Aber dann geschah es.“

„Was geschah denn dann so Außerordentliches, dass Ihr Schiff mit dem Schiff des Zeugen kollidierte?“, unterbrach ihn ungeduldig der Richter.

„Dann gab es aus einem mir nicht erkennbaren Grund plötzlich einen fürchterlichen Wellengang. Ich konnte das Schiff nur mit Mühe auf Kurs halten, damit es nicht gegen die Kaimauer prallte. Und dann tauchten links und rechts neben meinem Schiff plötzlich Ungeheuer auf. Lange, helle Gebilde, die aussahen wie Wasserschlangen, kamen an die Wasseroberfläche und verschwanden wieder. Und dann tauchten sie wieder auf und verschwanden erneut.“

„Merkwürdig, merkwürdig, ja fast unheimlich. Wasserschlangen im Hafenbecken, das ist ja eine Ungeheuerlichkeit“, stimmte ihm der Richter zu.

„Und dann kommt noch hinzu, dass plötzlich ein starker Regenschauer auf die Scheibe meines Führerstandes prasselte, sodass ich nichts, aber auch rein gar nichts sehen konnte. Plötzlich aus dem Nichts heraus. Dann passierte es. Es rummste und mein Tanker kam ins Schlingern.“ Der Steuermann des Tankschiffes rang nach Luft und musste sich setzen.

„Ich rufe nun den Steuermann des zweiten Schiffes in den Zeugenstand und bitte ihn um seine Aussage.“

Der Steuermann des zweiten Schiffes trat nach vorn zum Richtertisch, räusperte sich kurz und begann dann seine Aussage. „Ich bin der Steuermann des Rundfahrtschiffes Playmobil-Ahoi, heiße Jan und kann nur sagen, dass der Kollege vom Lego-Tanker die Situation im Hafenbecken richtig geschildert hat. Das mit dem Wetter und dem Wellengang hat er richtig dargestellt. Ich hatte mich auch fürchterlich erschreckt, als aus dem Nichts heraus plötzlich ein enormer Wellengang einsetzte und die zwei Ungeheuer rechts und links vom Schiff auftauchten und wieder verschwanden und wieder auftauchten und wieder verschwanden. Und als dann auch noch der Starkregen einsetzte, kam ich mir vor, wie weit draußen auf dem großen, offenen Meer. Bei mir kam aber noch etwas hinzu ...“

„Und was war das?“, unterbrach ihn der Richter mit neugierigem Blick.

„Es tauchten urplötzlich große Wolken auf, Wolken die aussahen wie Schaum, der sich bildet, wenn Eltern zu viel Bademittel ins Badewasser schütten. Diese dicken Wolken patschten in unglaublicher Menge an die Scheibe meines Rundfahrtschiffes Playmobil-Ahoi. Ich konnte für längere Zeit nichts mehr sehen. Der Schaum ließ sich auch nicht durch die Scheibenwischer vom Glas wischen. Und dann erschütterte die Kollision mit dem Tanker mein Schiff. Es tut mir sehr leid. Aber was da los war, bleibt mir bis heute unerklärlich. Leider.“ Damit endete die Vernehmung der beiden Steuermänner.

Der Richter wollte gerade die Sitzung beenden, da meldete sich ein Junge aus dem Zuschauerraum. „Ich habe etwas Wichtiges zu sagen, Herr Richter.“

Der Richter blickte ihn zunächst etwas verwirrt an, bat ihn dann aber, nach vorne zu kommen und seine Mitteilung von Wichtigem zu machen.

Alle im Gerichtssaal Anwesenden schauten erwartungsvoll auf den Jungen, der aus seiner Stuhlreihe heraustrat und zögerlich den Weg zum Richtertisch antrat.

„Meine Name ist Marvin“, begann er halblaut, „ich bin der Hauptschuldige des Unglücks der beiden Schiffe.“

„Na dann lass mal hören, Marvin, was du mit dem Schiffsunglück zu tun hast“, bat der Richter ihn.

„Es war am letzten Samstag, ich war mit meinen Eltern im Garten und hatte mich dort beim Buddeln schrecklich eingesaut. Damit ich sauber ins Bett gehen konnte, hatte meine Mutter mir die Badewanne voll Wasser laufen lassen. Sie hatte auch viel vom toll riechenden Bademittel reingeschüttet.

Ich hatte aus meiner Spielzeugkiste die beiden Schiffe, das Lego-Tankschiff und das Playmobil-Rundfahrtschiff Ahoi, geholt und zu Wasser gelassen. Erst habe ich eine Weile die Schiffe hin- und hergeschoben. Die von den beiden Steuermännern gesehenen Kaimauern waren die Wände meiner Badewanne. Ich habe beide Schiffe von einer Seite der Badewanne zur anderen fahren und sie dort jeweils wenden und zurückfahren lassen. Und dann bin ich auch in die Badewanne gestiegen. Als meine Füße eintauchten, gab es den von den Steuermännern genannten starken Wellengang.“

„Du hast dich ins Wasser reingetraut? Trotz der sich darin befindenden Ungeheuer? Respekt mein Junge, Respekt!“, sagte der Richter zu Marvin und nickte bestätigend mit dem Kopf.

„Ja, ich habe mich ins Wasser getraut. Die beiden Ungeheuer, wie sie die Steuermänner nennen, waren meine Beine. Als ich mich in die Wanne setzte, streckte ich meine Beine lang aus und die beiden da“, er zeigte auf die Steuerleute Marco und Jan, „hielten sie für Ungeheuer. Und dann habe ich die Handbrause genommen und mich abgeduscht. Dabei traf ich versehentlich auch das Lego-Tankschiff und kurz danach das Playmobil-Rundfahrtschiff. Und weil ich dann die Handbrause knapp über das Wasser hielt, habe ich auch den Badeschaum erwischt und ihn auf das Playmobil-Rundfahrtschiff gesprüht. Klar, da konnte der Steuermann nichts mehr sehen. Weil er so dicht am Lego-Tankschiff schipperte, konnte er leider einen Zusammenstoß nicht mehr verhindern. Es tut mir sehr leid, für beide. Es kommt bestimmt nicht wieder vor, das verspreche ich.“

Der Richter lehnte sich in seinem Stuhl zurück und überlegte kurz, wie er das Verfahren gerecht für alle Beteiligten beenden könne. „Da beide Steuermänner kein Verschulden trifft, werden beide freigesprochen.“

Dann wandte er sich Marvin zu. „Marvin, da du deine Schuld an diesem Schiffsunglück in deiner Badewanne eingeräumt und da du versprochen hast, dass das nicht noch einmal vorkommen wird, will ich auch dich freisprechen. Du hast etwas unachtsam gehandelt und nicht auf deine Umwelt – in diesem Fall den Schiffsverkehr – geachtet, als du in die Wanne stiegst und dann mit der Handbrause hantiertest. Du wirst aber in Zukunft besonders aufpassen, deshalb will ich ein Auge zudrücken. Nein, ich drücke beide Augen zu. Auch dich spreche ich frei. So, und nun geht alle nach Hause. Euch, Steuermänner, wünsche ich, immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel und dir, Marvin, wünsche ich einen schönen Tag. Bleib sauber, Junge!“

Damit beendete der Richter die Sitzung. Er klappte den Aktendeckel zu, nahm sein Holzhämmerchen, klopfte dreimal kräftig auf die vor ihm liegende Holzplatte und freute sich, dass er heute Abend zu Hause in seine Badewanne steigen würde ... ohne Lego-Tankschiff und ohne Playmobil-Rundfahrtschiff.

Charlie Hagist wurde in Berlin geboren und lebt heute in Dallgow-Döberitz. Viele seiner Geschichten wurden bereits in mehreren Anthologien veröffentlicht.

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Der geheimnisvolle Meeresrochen

„Bleib aber nicht zu lange in der Wanne, hörst du?“, rief Timons Mutter. „Das ist nicht gut für die Haut!“ Ihre Stimme klang so, als würde sie wie ein Windstoß direkt durch das Schlüsselloch ins Badezimmer dringen. „Hörst du?“

„Ja, Mama“, erwiderte Timon und verdrehte die Augen. „Alles in Ordnung in Atlantis!“

So nannte er das Badezimmer, wenn er es ganz allein für sich haben konnte. Ohne nervige Geschwister und kontrollierende Eltern. Der duftende Schaum auf dem heißen Wasser, der zum Spielen und Träumen einlud, kitzelte auf der Haut. Aus einem Schwamm, zwei Waschlappen und ein paar Wäscheklammern hatte Timon einen bunten Meeresrochen gebastelt, der mit großen Flossen das Wasser durchstreifte. Timon liebte es, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Der Junge schloss die Augen, hielt sich die Nase zu und tauchte für einen kurzen Moment in das Blau des Ozeans ... Herrlich!

Doch dann geschah es: Timon konnte sich gerade noch an dem riesigen Rochen festhalten, als dieser ihn hinab in die Tiefe zog! Schnell hatte er sich den Schwimmbewegungen des Rochens angepasst. Der kleine Junge und der große Fisch verschmolzen fast miteinander und glitten majestätisch durch die Weite des Meeres.

Plötzlich wurden sie von einer leuchtenden Luftblase eingeschlossen und rasant weiter nach unten geschleust, in Richtung Meeresboden.

Für kurze Zeit wurde Timon schwarz vor Augen, alles wirbelte durcheinander.

Als er wieder zu sich kam, schüttelte er sich. Was war passiert? Überrascht stellte er fest, dass er trockene und sehr ungewöhnliche Kleidung trug: ein schimmerndes weißes Hemd mit einem Delfin-Abzeichen und einen hellbraunen Umhang, der mit Goldfäden durchwirkt war. Dazu eine orangefarbene Hose und blaue Schuhe.

„Willkommen in Atlantis!“, sagte eine sanfte Stimme, als Timon sich in einem großen Saal inmitten von Säulen umdrehte. „Ich bin Merandia, die Tochter von König Aquas.“ Die Prinzessin hatte schulterlanges, rotes Haar und trug einen goldenen Stirnreif, auf dem ein grüner Edelstein funkelte.

Timon verschlug es fast die Sprache. „Aber ... aber ... das kann doch nicht, das kann doch nicht ... sein“, stotterte er und starrte die Prinzessin ungläubig an.

„Hab keine Angst“, entgegnete Merandia, „dein Wunsch hat dich zu uns geführt.“ Timon hob fragend die Augenbrauen. „Aber ja!“, so Merandia weiter. „Wenn ein Wunsch wirklich stark genug ist und alle Zweifel überwindet, verwandelt er sich und wird wahr! Du musst nur fest daran glauben.“

Genau in diesem Moment zerriss eine dröhnende Stimme die wunderschöne Unterwasserwelt, als wäre die leuchtende Luftblase von vorhin einfach geplatzt. „Timon! Es wird Zeit! Deine Haut ist bestimmt schon verschrumpelt!“

Mit einem Ruck schnellte Timon aus dem Wasser und saß aufrecht in der Wanne.

Die Tür ging auf. „Hier ist ein frisches Handtuch“, sagte Timons Mutter streng und legte es auf die Badewannenkante. „Wo sind denn der Schwamm und die Waschlappen geblieben? Beeil dich, es gibt gleich Abendbrot!“ Mit diesen Worten verließ die Mutter das Badezimmer, das gerade noch Atlantis gewesen war.

Der Schwamm und die Waschlappen aber blieben für immer verschwunden.

Udo Brückmann wurde 1967 geboren und lebt als Pädagoge, Dozent und Autor im ländlichen Niedersachsen, Er hat bereits etliche Veröffentlichungen vorzuweisen.

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Kapitän Uschi

Uschi zog sich ihre Kapitänsmütze über ihre kleinen Ohren und ihre rosa Schnauze zeigte einen entschlossenen Ausdruck. Auch wenn Meerschweinchen nicht unbedingt bekannt waren für ihre Wassertauglichkeit, war Uschi eine der gefürchtetsten Seefahrerinnen.

Keine Welle war ihr zu hoch und kein Meer zu tief. Den meisten Piraten schlotterten die Knie, wenn sie ihren Namen hörten. Das marineblaue Jackett gab ihr einen stattlichen Ausdruck und die Schirmmütze passte sehr gut zu ihren kecken Augen.

Sie stand auf dem Deck ihres Segelbootes und trotz der tobenden Wellen hatte sie keine Mühe, das Gleichgewicht zu behalten. Ihr braunes Fell flatterte im Wind. Mit einem Fernrohr in der Pfote überschaute sie die Sieben Weltmeere und suchte den Horizont nach Piraten ab.

Und tatsächlich, ihr stockte der Atem – hinter der dritten Schaumkrone, rechts von der kleinen Insel, erblickte sie ein Piratenschiff. Am Mast wurde eine blonde Frau gefangen gehalten. Sie wehrte sich, aber die Piraten ließen sich nicht erweichen, die Fesseln zu lösen.

Uschi rief nach ihrem einzigen und treuen Besatzungsmitglied, dem einbeinigen Soldaten. Er war der mutigste Mann, den Kapitän Uschi kannte. In einer Schlacht im Urwald des heimatlichen Gartens hatte er sein Bein verloren und war dann auf ihr Schiff gewechselt. Seither waren sie treue Gefährten. Viele Abenteuer hatten sie schon gemeinsam überstanden.

„Sie haben nach mir gerufen?“ Der einbeinige Soldat meldete sich bei Kapitän Uschi.

„Ja, das habe ich. Schau selbst, mein treuer Freund. Ich denke, unsere Hilfe wird benötigt!“ Uschi reichte ihr Fernrohr an den einbeinigen Soldaten weiter. Dieser erschrak, als er durch das Fernrohr blickte.

„Kapitän Uschi, wir müssen die Frau aus den Fängen der Piraten retten, sonst ist sie verloren.“

Uschi nickte entschlossen. „Dann volle Kraft voraus. Lass uns die Segel setzen!“

Geschäftiges Treiben brach auf dem Segelboot aus. Uschi und der einbeinige Soldat hatten alle Hände voll zu tun. Das Schiff wurde immer schneller. Die kleine Insel hatten sie schon hinter sich gelassen. Und bald näherte sie sich dem Piratenboot.

Als die Piraten sie entdeckten, erhoben sie ein lautes Kampfgeschrei. Sie hissten ihre schwarze Piratenflagge mit dem Totenkopf und zündeten ihre Kanonen.

Der einbeinige Pirat hatte alle Mühe, den einschlagenden Kanonenkugeln auszuweichen. Kapitän Uschi stand an der Spitze des Bootes und hatte ihre Pfoten auf der Reling aufgestützt. Nachdenklich streckte sie ihre kleine Nase in den Wind. „Mein lieber Freund!“, sprach sie unvermittelt zu dem einbeinigen Soldaten. „Wir haben keine Kanonen, mit denen wir das Boot der Piraten zum Sinken bringen können. Auch haben wir keine anderen Waffen. Deswegen hilft uns nur ein Trick. Wenn er nicht klappt, ist die gefangene Frau verloren und wir wahrscheinlich auch! Der Wind ist so stark. Steuere unser Boot so, dass die Piraten ihre Kugeln gegen den Wind schießen. Mit der Macht des Gerechten auf unserer Seite werden die Kugeln zu den Piraten zurückfliegen. Wenn das Boot anfängt zu sinken, kann ich die Frau retten.“ Uschis Gesicht wurde grimmig und sie riss ihre Pfote in die Luft. „Los, mach, wie ich dir geheißen habe!“

Der einbeinige Soldat salutierte. „Aye, aye Kapitän!“ Er steuerte das Segelboot so, dass es gegen den Wind stand.

In diesem Moment feuerten die Piraten die nächste Kanonenkugel. Sie näherte sich dem Boot von Kapitän Uschi und dem einbeinigen Soldaten. Beide schlossen die Augen. Gleich würde die Kanonenkugel ihr Boot treffen. Doch dann wurde die Kugel langsamer und blieb einen kurzen Moment in der Luft stehen, bevor sie zu dem Piratenboot zurückflog. Es krachte, als die Kugel ein Loch in die Seite des Piratenbootes schlug. Die Piraten bekamen Angst und liefen zu den Rettungsbooten. Auf die Gefangene achtete niemand mehr. Langsam begann das Schiff der Piraten zu sinken. Die Besatzung des Segelbootes freute sich, dass ihr Trick geklappt hatte.

„Los mein treuer Freund, steuere unser Boot so nah an das Piratenboot, dass ich es erreichen kann. Uns rennt die Zeit davon!“ Kapitän Uschi war in bester Laune. Der einbeinige Soldat steuerte das Segelboot so, dass es nur wenige Zentimeter von dem Piratenboot hielt. Ein waghalsiges Manöver in Anbetracht der zunehmenden Brandung.

„Spring, Kapitän Uschi, und rette die Gefangene. Wenn es jemand schafft, dann seid Ihr es!“, rief der einbeinige Soldat voller Kampfgeist in der Stimme. Er hielt sich am Steuerrad fest, denn der Wind wurde immer stärker.

Uschi sprang mit einem Satz auf das Boot der Piraten. Sie musste die junge Frau retten, bevor das Boot auf den Boden des Meeresbodens sank.

Die Piraten waren so sehr mit der eigenen Flucht beschäftigt, dass niemand mehr Kapitän Uschi in den Weg kam. In wenigen Minuten erreichte sie den Mast mit der Gefangenen.

„Bitte, helfen sie mir! Ich möchte nicht mit dem Schiff untergehen!“, bettelte diese.

„Niemand wird mit dem Schiff sinken.“ Mutig knabberte Uschi die Fesseln durch. In dem Augenblick, als die Frau befreit war, krachten die Balken und das Schiff begann gefährlich zu schwanken.

„Los, setze dich auf meinen Rücken und halte dich fest, dann kann ich dich retten. Ich werde dich zu unserem Schiff bringen.“ Beherzt setzte sich die Blondine auf den Rücken von Kapitän Uschi und hielt sich an dem Fell fest.

„Nicht so fest. Du reißt mir ja alle Haare aus!“, schimpfte Uschi trotz des nahenden Unterganges des Schiffes. Die junge Frau lockerte ihren Griff und Uschi atmete erleichtert auf.

So schnell sie ihre kurzen Beine trugen lief sie zur Reling und sprang ...

In diesem Augenblick öffnete sich die Badezimmertür. Die Mutter von Max betrat das Bad. „Max, wie oft muss ich dir noch sagen, dass du dein Meerschweinchen nicht mit ins Badezimmer nehmen sollst. Irgendwann fällt es dir ins Wasser und entgegen ihrem Namen können Meerschweinchen nur schlecht schwimmen!“

Max saß immer noch voller Schaum im Gesicht in der Badewanne. Sein Meerschweinchen Uschi saß in einem Körbchen, das er an den Rand der Badewanne gestellt hatte, und knabberte genüsslich an einer Mohrrübe.

„Ach, Mama, wir haben gerade so schön gespielt. Darf ich noch fünf Minuten im Wasser bleiben?“ Er war etwas traurig, dass die spannende Schlacht unterbrochen worden war, auch wenn Kapitän Uschi schon längst gewonnen hatte und die Gefangene gerettet war.

Seine Mutter erhob mahnend den Zeigefinger und wuschelte ihrem Sohn durch die nassen Haare. „Na gut Max, noch fünf Minuten, dann kommst du aus der Wanne raus. Das Wasser ist bestimmt schon längst kalt und wir wollen gleich zusammen zu Abend essen. Aber die Puppe deiner Schwester nehme ich schon mal mit. Jungen spielen doch gar nicht mit Puppen. Du hast wirklich zu viele Flausen im Kopf.“

Kopfschüttelnd griff sie nach der blonden Barbiepuppe im Wasser und verließ das Badezimmer. Nachdem Max’ Mutter die Badezimmertür geschlossen hatte, nickten sich Max, Kapitän Uschi und der einbeinige Soldat zu. Nächstes Wochenende, wenn wieder Badezeit war, würden sie sich erneut in die Schlacht stürzen und für die Gerechtigkeit kämpfen.

Dr. med. Barbara Bellmann wurde 1984 in Hagen/Westfalen geboren. Sie ist Kardiologin. Im Sommer 2013 zog sie nach Berlin. Sport und Literatur begeistern sie neben ihrer Tätigkeit als Ärztin. Seit einigen Jahren widmet sie sich nach der Arbeit ihrer Leidenschaft dem Schreiben. Hier konnte sie schon erste Erfolge erzielen.

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Vier Tage, vier Nächte

Inspiriert von einer wahren Geschichte

Die Eltern mussten früh zur Arbeit aufs Feld und die vier Brüder gingen wie jeden Tag zum Spielen an den Strand. Hier standen hohe Palmen und es gab mehrere Grotten, sodass es für sie der perfekte Ort zum Herumtoben war.

Die drei ältesten ließen den Jüngsten, Mario, nicht immer mitspielen, gerade dann, wenn sie meinten, auf Palmen klettern zu müssen oder ähnliches, aber dann beschäftigte er sich eben selbst.

So war es auch heute. Sie taten irgendetwas, was ihrer Meinung nach nicht für kleinere Kinder geeignet war, also entfernte Mario sich ein Stück von ihnen und ließ sich etwas weiter am Meer im Sand nieder. Er beobachtete ein paar Möwen, die kreischend über seinen Kopf hinwegflogen und fragte sich, wie es wohl wäre, wie sie Flügel zu haben. Einfach wegzufliegen und an einem ganz anderen Ort zu spielen. Irgendwohin kommen, wo er noch nie gewesen war. Aber die Eltern hatten nicht das Geld, um den Geschwistern Reisen zahlen zu können.

In diesem Moment wurde sein Blick auf etwas gelenkt, das weiter hinten im Wasser trieb. Langsam stand Mario auf und kniff die Augen zusammen, um besser erkennen zu können, worum es sich handelte.

Er musste lachen, als er sah, was es war. Eine Badewanne. Eine einfache Badewanne trieb auf dem Meer. Direkt auf ihn zu. Was tat eine Badewanne im Meer? Hatte sie irgendwer im Wasser entsorgt? Es war windig und die Wellen hoch, sodass die Wanne sehr schnell näher getrieben wurde.

Als sie nur noch wenige Meter vom Ufer entfernt war, erkannte Mario ein kleines nasses Köpfchen, das über den Rand lugte. Ein Hund! Schnell watete er bis zu den Knien ins Meer und zog ächzend die Badewanne an Land. Der Hund war noch klein, und als die Wanne stand, sprang er sofort heraus und hüpfte kläffend im Sand umher.

„Wer bist du denn?“ Mario beugte sich hinunter und der Hund beruhigte sich.

Er kam näher und fing sogar an, mit dem Schwanz zu wedeln. Vorsichtig begann Mario, ihn zu streicheln. Oft hatten die Eltern ihm gesagt, er solle keine fremden Tiere anfassen, aber das war ihm im Moment egal. Er stand wieder auf und rief nach seinen Brüdern. Sie kamen sofort um die Ecke, und als sie die Wanne und den Hund sahen, fingen sie an zu lachen. „Was hast du denn gemacht?“

„Er wurde angeschwemmt“, versuchte Mario zu erklären. „In der Badewanne.“

„Was sollte ein Hund in einer Badewanne mitten auf dem Meer suchen?“, spöttelte sein ältester Bruder Fabio und die anderen stimmten ein.

Mario wurde ärgerlich. „Dann glaubt mir halt nicht.“

„Hey, wir könnten mit dem Ding spielen“, schlug Fabio schließlich vor. „Wir könnten damit aufs Meer fahren.“

Gesagt, getan. Wenn Fabio etwas vorschlug, folgten die anderen meistens. Er war der Älteste und somit die Vertretung für Vater, wenn der nicht da war. Sie passten alle zusammen in die Wanne und den Hund nahmen sie auch mit. Es war lustig, in der Wanne so umherzutreiben und endlich durfte Mario auch einmal mitmachen.

Während sie so übers Meer schipperten, schlossen auch die anderen Brüder den Hund ins Herz. Ihm schien es zu gefallen, endlich in Gesellschaft zu sein, und sie tauften ihn mit Salzwasser auf den Namen Max. Die Jungen spielten Piraten. Fabio war der Kapitän und Max war ihr Schiffshund und sie spielten, bis sie müde wurden und der Himmel sich rot zu verfärben begann.

„Wir sollten zurückfahren“, meinte Fabio gähnend.

„Wo sind wir überhaupt?“, wollte der Zweitälteste, Leo, wissen.

Mario schaute müde über den Wannenrand. Er blinzelte erschrocken. „Ich kann das Land nicht mehr sehen.“

Sie sahen sich an. Auch Max war auf einmal sehr still. Angst stieg in den Jungen auf.

„Wie kommen wir wieder zurück?“, fragte der vierte Bruder Javier.

Fabio sah auf einmal sehr besorgt aus, aber er versuchte, die anderen zu beruhigen. „Keine Sorge. Wir finden wieder zurück. Wenn wir immer der Sonne entgegenfahren, kommen wir irgendwann wieder an Land.“

Als sie wieder erwachten, war es hell. Die Sonne brannte auf ihre Köpfe. An dem ruhigen Schaukeln unter ihnen merkten sie, dass sie immer noch in der Wanne saßen. Ängstlich ließen sie ihren Blick über den Horizont schweifen, aber es war immer noch kein Land in Sicht.

„Was machen wir jetzt?“, wollte Mario wissen. Er wollte nach Hause zu ihren Eltern. Wahrscheinlich waren sie krank vor Sorge.

„Ich habe Hunger“, bemerkte Leo.

„Dann lasst uns versuchen, Fische zu fangen.“ Fabio behielt die Fassung, als Ältester hatte er die Verantwortung für seine Brüder. Gemeinsam beugten er und Javier sich über den Wannenrand und fischten im Meer, aber sie konnten nichts fangen, so sehr sie sich auch bemühten.

„Vergeblich“, sagte Fabio leise. „Wenn wir nichts fangen, müssen wir ...“

„Nein!“, unterbrach ihn Mario, der den Hund von allen am liebsten hatte. „Wir töten Max nicht!“ Sie stritten sich lange deswegen, aber schließlich einigten sie sich darauf, Max am Leben zu lassen. Er gehörte zu ihnen.

Nachdem sie mehrere Stunden in der Wanne umhergetrieben waren, wurde der Hund ungeduldig. Auch Max bekam Hunger und fing an zu knurren. „Er wird uns anfallen“, meinte Javier besorgt. „Wir sollten ihn lieber über Bord werfen.“

Mario wurde verzweifelt. „Aber dann? Er ertrinkt! Wir ...“

„Er weiß, wo Ufer ist“, entgegnete Leo, um seinen kleinen Bruder zu beruhigen. „Er wird zurückschwimmen und Hilfe holen.“

„Bist du dir sicher?“, schniefte Mario. Leo nickte, trotzdem sah Mario nicht hin, als sie Max über Bord ins Wasser hoben. Doch er blieb nicht lange im Meer, er schwamm zurück zur Badewanne. Die Brüder versuchten es immer und immer wieder, aber es gelang dem Hund jedes Mal, zurückzuschwimmen.

Am Abend waren die vier Brüder völlig am Ende. Sie waren durstig, hatten Hunger und waren erschöpft von der Sonne, die den ganzen Tag geschienen hatte. Sie spürten ihre Knochen und jeder von ihnen versuchte, die Gedanken zu verdrängen, wie lange sie wohl noch durchhalten würden. Aber keiner sprach darüber. Dann endlich, nachts, weckte sie ein Regenschauer, den sie jubelnd empfingen. Sie ließen das frische Wasser in ihre trockenen Kehlen laufen und wurden von neuem Lebensmut erfasst. Auch Max gefiel die Abkühlung, fröhlich bellend sprang er zwischen den Jungen umher. Er war wie ein Stück Familie für sie geworden.

Am dritten Tag passierte ein Containerschiff die Badewanne. Die Kinder sahen neue Hoffnung und schrien um Hilfe, sie winkten und brüllten so lange, bis das Schiff an ihnen vorbeigezogen war. Niemand an Bord hatte sie gehört.

Jetzt regnete es auch nicht mehr und sie hatten immer noch keine Fische fangen können. Langsam merkten sie, wie sich schwächer wurden. Sie sprachen nicht mehr, alles schien zu anstrengend. Jedes Licht zu hell. Sie hielten die Augen geschlossen, die Sonne blendete sie zu sehr. Auch der Hund lag müde auf ihren Schößen, die Augen halb geschlossen, der Schwanz träge wedelnd.

„Lasst uns beten“, meinte Fabio schließlich. Mit Tränen in den Augen beteten die Brüder zu Gott, nur noch er schien zu ihnen zu halten. Und er schickte ihnen Rettung.

Am vierten Tag wurden die von ihren Eltern bereits totgeglaubten Kinder von einem Fischer rund 32 Kilometer von der Küste entfernt entdeckt. Sie waren ausgehungert und schwach, aber sie erholten sich schnell. Und von Max wollte sich nun keiner der Jungen mehr trennen.

Diese Geschichte ereignete sich so ähnlich 1979 in Beirut. Vier Brüder und ein Hund namens Max überlebten vier Tage und vier Nächte in einer Kunststoffkiste auf dem offenen Meer.

Carina Isabel Menzel wurde 1999 geboren. Ihre Hobbys sind Schreiben, Lesen, Malen, Zeichnen, Step- und Jazz-Tanz und sie singt im Chor. Sie nahm bereits an einigen Schreibwettbewerben teil.

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811,28 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
12 ноября 2025
Объем:
182 стр. 5 иллюстраций
ISBN:
9783960744023
Правообладатель:
Bookwire
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