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Thilo Koch

Eine Jugend war das Opfer

Saga

Eine Jugend war das OpferCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1947, 2019 Thilo Koch und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711836224

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

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ERSTER TEIL

1.

Brösenheim hatte an warmen Tagen in der Mittagszeit etwas sehr Trauliches. In allen Winkeln schien sich die Behaglichkeit zu sonnen. Auch die Hauptstraße war dann menschenleer, und nur manchmal huschte ein schneller Wagen vorbei, der weither kam und weithin wollte, denn durch Brösenheim führte eine Fernverkehrsstraße. Sonst aber war es ein Städtchen, in dem noch viel verwunschene Romantik lebte und sich mancher Zug erhalten hatte, der ans deutsche Mittelalter erinnerte. Es war ein friedlicher Ort, sauber und fleißig.

In der Hauptstraße, von der Kirche nur, durch einige alte Linden getrennt, hinter denen das Pfarrhaus lag, bezeichnete ein Schild in ehrwürdiger Fraktur einen hübschen kleinen Laden als die „Buchhandlung Wilhelm Frey“. Das Häuschen war alt, aber ordentlich mit hellgrauem Kalk verputzt und mit freundlichen grünen Läden an den Fenstern Ein großes und modernes Schaufenster wies den Besitzer als fortschrittlichen Mann aus, und — was mehr besagen wollte — die Auslagen in diesem Fenster waren von einer liebevollen Hand geschmackvoll angeordnet. Wilhelm Frey, der Inhaber, war ein begeisterter Diener des Buches, hierin aller Konkurrenz in Brösenheim überlegen, während er ihr in der geldbringenden Geschäftstüchtigkeit freilich nachstand.

Wenn Frey ein Buch verkaufte, das etwas wert war, so hatte der Käufer den Eindruck; er mache es ihm zum Geschenk, und wirklich kostete es den Buchhändler jedesmal Ueberwindung, wenn er einen seiner Lieblinge aus dem Laden gab. Er genoß deshalb auch ein hohes Ansehen unter denjenigen Brösenheimern, die zum Buch ein mehr als oberflächliches Verhältnis hatten. Nachdem er den Laden von seinem Vater übernommen hatte, gab er den Handel mit Papier und Schreibwaren auf, weil er es als seine Lebensaufgabe betrachtete, eine Buchhandlung mit eigener Note einzurichten. Obwohl dieser Versuch in Brösenheim ein Wagnis war, blieb das Geschäft schuldenfrei, und der Umsatz stieg langsam. Es schien, als machten die Brösenheimer allmählich Fortschritte in der Veredelung ihres literarischen Geschmacks — fast unmerklich erzogen durch die kleine Buchhandlung in der Hauptstraße.

Noch einen nicht bibliophilen Anziehungspunkt gab es dort. Dieser wirkte namentlich auf die älteren Schüler und jungen Lehrer und lebte wie eine bunte Blume unter den vielen gedankenschweren Bänden. Es war Christa, Freys Tochter, die ihm seit ihrem Abgang aus der Schule im Laden half. Was sie dem Vater an Sachkenntnis nachstand, das ersetzte sie durch den Scharm ihrer Bedienung, und je nach Alter und Eigenart wandten sich die Kunden lieber an sie oder an ihn.

Eben jetzt saß Christa hinter dem alten dunkelbraunen Holzpult und schrieb Rechnungen aus, denn einige der nicht ganz zuverlässigen Kunden mußten erinnert werden.

Es war ganz still in dem kleinen Raum. Ein Abglanz der Mittagssonne lag ausgebreitet über den vielen Buchrücken an den Wänden und auch über dem Mädchen, das dort saß und schrieb. Manchmal hob Christa den Kopf und hielt ein mit schreiben, um zu dem Nebenfenster hinauszuschauen, von dem man auf den Kirchgarten mit seinen schönen, alten Linden sehen konnte. Das Rechnungenschreiben gefiel ihr nicht sonderlich. Ein Kunde war nicht zu erwarten, weil Brösenheim jetzt Mittagsruhe hielt. So lehnte sie sich in dem Kontorstühlchen zurück und träumte vor sich hin. Die Sonne flutete durch das Glas in der Ladentür und durch den oberen Teil des Schaufensters, zeichnete mit dicken, warmen Strahlenbündeln Muster auf den Linoleumfußboden und umspielte auch das Mädchen selbst aufs lieblichste. Nur manchmal unterbrach ein vorbeisausender Wagen die Mittagsruhe. Mit dem eigentümlich dunklen Singen schneller Gummireifen auf Asphalt näherte sich wieder ein Auto — und war auch schon vorbei. Christa sah nur ein Aufblinken von schwarzem Lack, blitzenden Chromteilen und zwei weiße Autokappen. Ihre Brust hob sich zu einem kleinen Seufzer, und sie trat an die Ladentür in Erwartung, daß bald wieder so ein schöner Wagen vorbeiführe. — Wer doch auch so in die herrlich sonnige Welt hinausfahren dürfte! In so einem blitzenden Kabriolett! Und am Steuer müßte einer sitzen, den man liebhaben könnte . . .

Langsam wendete sie sich um und schritt zum Pult zurück. Sie hatte einen besonders schönen Gang und trug deshalb gern hohe Absätze; ihre Bewegungen waren weich. Die Kopfwendung, mit der sie jetzt eine blonde Locke zurückwarf, zeigte, daß sie sich ihrer Reize bewußt war. Ihr kurzes Faltenröckchen strich nicht sehr freundschaftlich an den Büchern hin. Gewiß, Brösenheim war ein liebes Nest, und sie hing daran. Sie hing auch an Vater und Mutter und besonders an dem Bruder. Aber der Vater sah nur seine Bücher, die Mutter war lieb und gut, ahnte aber nichts von ihrer unbändigen Sehnsucht nach dem Leben, weil sie von Natur aus still und bescheiden war und sich auch mehr um Thomas, den einzigen Sohn, kümmerte. Dieser aber lebte eingesponnen in die Musik, hatte Schulkameraden um sich, und im stillen erfüllte ihn ganz und gar eine Neigung für Gisela, ihre Freundin aus dem Pfarrhause. Mit Gisela Machenberg verstand sie sich gut; doch auch sie schien nicht dieses ganz starke, übermächtige Drängen nach etwas Ungewöhnlichem, nach dem brausenden, wilden, schönen Leben zu kennen, dieses heiße Wollen, das manchmal so betäubend aufwallte. Gab es überhaupt jemanden, der so etwas in ihr ahnte?

Nicht immer indessen war Brösenheim so verschlafen wie an warmen Sommertagen. Zwischen sechs und sieben abends glich die Hauptstraße ganz im Gegenteil einem weltstädtischen Korso. Das war die Zeit des „Bummels“ — Höhepunkt des Tages für Brösenheims Jugend. Es gehörte zu Christas größten Schmerzen, daß sie nur selten „auf den Bummel gehen“ konnte, denn gerade dann wurde sie im Laden gebraucht. Es war ja die allgemeine Einkaufszeit kurz vor dem Abendessen, und viele der Vorbeigehenden wurden durch eine neue Auslage verlockt, andere erledigten ihre laufenden Anliegen in der Buchhandlung. Die ständigen Kunden kamen freilich in den stilleren Stunden, weil sie mit dem alten Frey allein sprechen wollten oder — die anderen — mit der schönen Christa. Seit Thomas, der Bruder, nun Primaner war, duldete es der Vater nicht mehr, daß er Christa um diese Zeit einmal vertrat, wozu er früher immer gern bereit gewesen war. „Als Primaner gehört er auf den Bummel“, meinteVater Frey schmunzelnd. „Wenn er nicht zu arbeiten hat“, setzte er vorsichtshalber hinzu.

Thomas selbst ging jetzt auch wirklich gern auf den „Bummel“, während er sich noch bis zu diesem Frühling wenig daraus gemacht hatte. Er brauchte nicht lange in sich zu forschen, um die Ursache zu finden. Dabei mußte er dann meistens ganz heimlich lächeln, weil ein seltsames Glücksgefühl in ihm aufkam — ein wenig bang und doch so erwartungsfroh.

Heute herrschte wieder reges Treiben. Die Hitze des Tages war einer linden Abendluft gewichen, und jeder erging sich gern darin. Das Bild war bunt und bewegt. Die Jungen trugen meistens kurze Hosen und leichte Hemden, die Mädchen helle Waschkleider oder farbige Blusen mit Röcken, die — der Mode folgend — jedes Jahr kürzer wurden. Eingehenkelt, zu zweit oder zu dritt, oft auch in breiter Kette, die immer wieder vor einem hupenden Auto oder einem Radfahrer zerstob, um sich lachend erneut zu verbinden, schlenderten sie die Hauptstraße auf und ab. Die Kirche am einen Ende und die Apotheke jenseits des Marktes am anderen waren nach uralter Ueberlieferung die Grenzen des Bummels. Hier traf und fand sich das ganze Jahr hindurch, mit Ausnahme der Ferien, allabendlich zwischen sechs und sieben, was sich treffen und finden wollte. „Wir müssen auf den Bummel!“ Das war auch für die strengste Mutter ein Entschuldigungsgrund, denn „der Bummel“ war für sie selbst eine Jugenderinnerung, die sie um keinen Preis hätte missen mögen. Da wurden Blicke getauscht, oder man fühlte sich auch nur angesehen und traute sich nicht aufzuschauen; da erzählte man sich die neuesten Ereignisse und Erfahrungen, Liebschaften und Zerwürfnisse, da wurden die Lehrer durchgenommen, und unter den älteren Schülern kam es auch wohl zu einer Diskussion.

Meistens schickten die Mütter, um den Bummel mit etwas Nützlichem zu verbinden, die Töchter und Söhne gerade um diese Zeit einkaufen, wozu das junge Volk stets und sofort mit ungeduldigem Eifer bereit war. Dadurch waren die Bürgersteige und oft auch der Fahrdamm der Hauptstraße abends so überfüllt, daß manch ungeduldiger Autofahrer über „diese Gesellschaft von Nichtstuern“ fluchte. Aber den zornigen Signalen antworteten nur kichernde Mädchen, die behend zur Seite sprangen. Immer gleichmäßig gelassen schauten die alten Fachwerkhäuser mit ihren vorragenden Stockwerken und Erkern auf das fröhliche Gewühl herab.

Thomas traf sich meistens mit Karl Machenberg, dem Klassenkameraden und Freund. Manchmal war Karls Schwester Gisela dabei. Gisela wurde aber immer nur zu schnell von ihren Freundinnen mitgezogen, die laut schwatzend und lachend die ernsthafteren Jungen in ihrer Primanerwürde stehen ließen.

Heute kam Karl allein. Er wirkte immer etwas bedrückt. Nur in Thomas Gesellschaft wurde er freier und sprach auch nicht so gehemmt wie sonst. In der Schule brachte er oft kein Wort heraus, obwohl er meistens die Antwort wußte. Aehnlich ging es ihm auch sonst; er war ein Pechvogel. Dennoch verzagte er nicht und versuchte sich nützlich zu machen, wo er nur konnte. Jeder Entschluß fiel ihm schwer, hatte er ihn aber gefaßt, brachte ihn nichts mehr davon ab. Er wurde von seinen Mitschülern als guter Kamerad geschätzt.

„Gisela ist zu Hause geblieben“, sagte er gleich, als er Thomas’ enttäuschtes Gesicht sah, „es geht der Mutter heute wieder sehr schlecht. Der Vater wurde erneut abgeholt.“

„Was, schon wieder?“ fragte Thomas erschrocken.

„Ja, heute nachmittag. Mutter ist völlig erschöpft von der Aufregung. Wir müssen das Schlimmste für sie befürchten.“

Die beiden Freunde gingen schweigend nebeneinander her, wie von selbst hinaus in die Felder, denn nach dem Betrieb in der Hauptstraße war ihnen jetzt nicht zumute.

„Und man kann nichts dagegen tun?“ sagte Thomas. „Was mag denn dein Vater wieder gesagt haben?“

„Ich weiß nicht, Thomas. Er spricht mit Rücksicht auf die Mutter nicht von seinen Sorgen. Aber seit er damals dem Konzentrationslager knapp entronnen ist, war er vorsichtig in seinen Predigten. Schwer genug ist es ihm geworden, das weiß ich. Er tat es auch nur um der Mutter willen, denn er muß es ihr unbedingt ersparen, daß sich die damalige Demonstration wiederholt. Du wirst dich entsinnen, wie die SS den Vater in Sprechchören beschimpfte, wie man uns die Fenster mit Steinen einwarf, unsere Haustür besudelte und am liebsten uns alle gelyncht hätte. — Was man ihm jetzt wieder zur Last legt? Vielleicht ist es ein Vorwort, das er neulich für ein Buch schrieb. Darin äußert er sich gegen eine Gewaltherrschaft, die dem Menschen Freiheit des Glaubens verspricht, während sie in Wahrheit jeden vernichtet, der eine andere Meinung als die befohlene hat.“

„Das darf man heute aber auch nicht laut sagen“, entgegnete Thomas gedrückt. „Warum vermeidet er solche Herausforderungen nicht, wo er doch weiß, daß er als einzelner nichts ändern kann! Wir müssen uns eben alle fügen, bis der erste Eifer sich gelegt hat und das Gute an der neuen Idee reiner in Erscheinung tritt.“

Karl nickte: „Ich habe es ihm oft gesagt, man müsse sich über Fehler im Kleinen hinwegsetzen, wenn dafür das Große gedeiht. Und es gedeiht ja wirklich: Ueberall ein Erstarken und Aufblühen, keine Arbeitslosen mehr. Das sind Tatsachen. Er gibt das auch zu; er freut sich von Herzer über jeden Aufschwung unseres Volkes, aber er sagt, wenn jemand die Religion angreife und unterdrücke, dann sei das sein Feind.“

„Er hat natürlich recht, aber er richtet sich damit zugrunde. Will er denn die Zahl der kirchlichen Märtyrer vergrößern?“

„Du kennst ihn ja, Thomas, er ist alles andere als ein Fanatiker. Er gibt auch nach um der Familie willen; aber seit Mutters Krankheit, die durch jene Demonstration ausgelöst wurde, ist er manchmal bitter und unbeherrscht.“

„Es war furchtbar damals. Aber meinst du nicht auch, daß es nur von unmaßgeblichen Lümmeln ausging?“

„Ich bin davon überzeugt, sonst müßte man ja an allem zweifeln. Man kann doch nicht glauben, daß solche Vorgänge befohlen werden und mit Einverständnis der Regierung geschehen. Es ist eben ein Unglück für unsere Familie, daß Vater es zu ernst nimmt und nicht mit der Zeit geht.“

Thomas dachte an Gisela und ihre Mutter. Was mochte bevorstehen?

Ihren Gedanken nachhängend, kehrten beide in die Stadt zurück. Nicht wie sonst hatte ihnen die Natur Freude gemacht, obwohl doch die Sonne gerade hinter dem kleinen blauen Höhenzug, der die weiten Felder begrenzte, untergegangen war.

Der Bummel verebbte bereits, als sie die Hauptstraße wieder erreichten. Nur Peter Möhlen in der Uniform eines HJ-Gefolgschafts führers, die er auch meistens in der Schule trug, stand noch mitten auf der Hauptstraße, von einer Schar Jungen umgeben, die ihm zuhörten.

„Also ich sage euch jetzt zum letztenmal, daß der Bummel für uns nicht in Frage kommt. Das ist eine Sache von vorgestern. Ueberholt für uns. Ich will keinen von euch wieder hier treffen, sonst setzen wir eben öfter Dienst an, wenn ihr noch zuviel Freizeit habt.“

Mit kurzer Wendung drehte er sich um und sah dabei seine Klassenkameraden Karl und Thomas.

„Na, wo kommt ihr her?“ begrüßte er sie. „Freue mich, euch nicht auf dem Bummel gesehen zu haben. Blödes Getue hier.“

„Ach, ich weiß nicht. Ich finde es nicht schlecht. Du bist etwas radikal, Peter.“ Thomas sah sinnend die Straße hinunter. An einigen Giebeln glühten Butzenscheiben in den letzten Sonnenstrahlen rot auf, als brenne es in den Häusern.

„Das muß man, wenn ein neues Reich gebaut wird. Dieser Schlendrian ist absolut unproduktiv. Wir werden viele liebe Gewohnheiten aufgeben müssen.“ Peter blickte Thomas mit seinen scharfen, hellen Augen an. Kurz geschoren, aber nicht ganz gehorsam, standen seine rotblonden Haare von dem schmalen Kopf ab.

„Ehrlich gesagt“, erwiderte Thomas leise, „oft sehne ich mich nach jener ruhigen, freien Zeit, zu der dieser Schlendrian paßte. Es geschieht heute alles so schnell, so rauh und rücksichtslos.“

Peter schüttelte den Kopf: „Du neigst zu solchen Stimmungen, Thomas, aber du mußt sie unterdrücken. Später, wenn wir stark und groß in der Welt dastehen, magst du sie wieder hervorholen.“

Thomas nickte. „Ja, ja, aber manchmal zweifle ich sogar, daß es jemals ruhige und freie Zeiten gab, außer in den Wunschträumen der Dichter. — ‚Das goldene Zeitalter‘! Ist es mehr als eine erbauliche Legende, erfunden zur Verklärung der Vergangenheit und der Zukunft, damit die niemals goldene Gegenwart erträglicher werde?“

„Philosophieren wir nicht so viel.“ Peter sah nach der Uhr. „In fünf Minuten habe ich Führerbesprechung. Uebrigens, was höre ich, Karl, dein alter Herr ist wieder verhaftet worden? Tut mir aufrichtig leid. Er ist ein tadelloser Mensch und ein aufrechter Mann, wie wir welche brauchen im neuen Reich. Daß er christlich denkt und redet, ist schließlich seine Pflicht als Pastor. Ich bedaure nur, daß er überhaupt Pastor ist. Das führt ihn zu immer neuen Konflikten. Dabei kämpft er für eine Sache, die kaum noch lebendig ist. — Trotzdem sollte man ihn in Ruhe lassen. Ich werde mich für ihn einsetzen.“

Karl hob die Schultern: „Ich zweifle, daß du etwas erreichst. Er selbst erträgt ja alles; sein Glaube macht ihn stark. Aber die Mutter . . .“

2.

Im Brösenheimer Gymnasium herrschte eine Stimmung freudiger Erwartung. Die großen Ferien waren nicht mehr weit. Das bedeutete fünf Wochen goldene Freiheit — keine Schulsorgen, frohe Fahrten, vielleicht eine große Reise.

In der Prima äußerte sich die Hochstimmung gedämpfter, weil man doch nicht vergessen durfte, daß der obersten Klasse eine gewisse überlegene Würde zukommt. Aber die Hoffnungen auf die Ferien waren nicht weniger hochgespannt, handelte es sich doch gerade für die Primaner um die letzten großen Ferien.

Dr. Melk, ihr Klassenlehrer, sagte: „Nützt diese fünf Wochen Freiheit noch einmal recht aus. Ihr werdet höchstwahrscheinlich nie wieder im Leben eine so lange Zeit frei sein — ausgenommen ihr würdet Lehrer werden. Aber davon muß ich abraten, es sei denn, bis dahin behandeln Primaner ihren Klassenlehrer netter, noch netter, als ihr mich. Macht in den Ferien meinetwegen eine schöne Reise oder geht in ein Lager der HJ, aber wenn ich euch meine ganz persönliche Meinung sagen soll: Wandert hinaus in das schöne deutsche Land, fühlt euch frei in der freien Natur und laßt euch nicht einspannen für irgendeinen Zweck. Dienen müßt ihr früh genug, später im Beruf und auch sonst als erwachsener Staatsbürger. Wandern solltet ihr, nicht marschieren. Schweift frei hinaus und öffnet der Schönheit Auge und Herz. Ihr seid in ein nüchternes Zeitalter hineingeboren, aber schämt euch deshalb nicht, auch einmal ein wenig schwärmerisch zu sein. Macht euch noch einmal von allem frei, von Mädchen und Bier, Zigaretten und Büchern — — — und von Uniformen, hätte ich beinahe gesagt . . . aber nur beinahe, oder haben Sie etwas gehört, Brinkmann? — — — Macht euch frei, geht in die Natur und lernt in ihr zugleich die Welt und das menschliche Leben begreifen. Ob ihr nun weit hinausschweift oder in der Nähe bleibt, das Wesentliche findet ihr überall gleichermaßen, die Schönheit ist in der einzelnen Blüte so gut wie in den gewaltigsten Alpenlandschaften. Verachtet mir nicht das Kleine, scheinbar Geringe, das langsam Werdende, das Leise und Stille. Man neigt heute zu lauten Tönen, zur großen Geste, und während man sich über das Pathos der Goethezeit oder gar das des Barock lustig macht, gewöhnt man sich an ein viel Gefährlicheres, an ein leeres und phrasenhaftes. Wie seelenlos die neue heldische Pose ist, das könnt ihr in jeder Ausstellung bildender Kunst der Gegenwart sehen.“

Nach dieser kleinen Rede ging er dann wieder zum eigentlichen Unterrichtsstoff über.

Anschließend erhob sich, wie immer nach solchen Aussprüchen Melks, eine hitzige Diskussion. Gern hatten sie ihren Klassenlehrer alle, oder doch fast alle, und daß er ein überdurchschnittlicher Kopf war, wußten sie. Wenn sie über ihn spotteten, geschah es mit einem Unterton der Genugtuung, daß gerade sie einen so wunderlichen, aber bedeutenden Klassenlehrer hatten. In seinem Aeußeren konnte der Studienrat Dr. Melk wohl einen Karikaturisten reizen. Der unvermeidliche Knotenstock, der schwarze Schlapphut im Winter — denn im Sommer genügte ihm die lange graue Mähne als Kopfbedeckung — die leicht gebeugte Haltung, das stets ein wenig aus einer Seitentasche des Jaketts hervorschauende Bändchen Lyrik und die erstaunliche Vergeßlichkeit in allen Dingen des alltäglichen. Alltags, alles das schwankte um jene Grenze, wo das Erhabene ins Lächerliche übergeht. Dennoch genoß er die Achtung auch des Kollegiums, denn seine sokratische Art zu fragen war gefürchtet. Den Herrn Oberschulrat hatte er sich damit freilich zum Feind gemacht. Man munkelte von einer Direktorenstelle, die er darum nicht bekommen habe, zumal er nicht Pg. sei und auch keiner werden wolle.

Melk galt als der beste Pädagoge am Gymnasium. Der Buchhändler Frey, der in ihm den überlegenen Buchkenner verehrte, hatte oft ausgerufen, der Dr. Melk müsse an eine Universität mit seiner Belesenheit. Wenn Melk das hörte, lachte er nur und versicherte, es gefiele ihm just in Brösenheimund just als Schulmeister. Ganz aber kannte sich niemand mit dem Studienrat Melk aus. Es gab Bezirke in ihm, dort war er unzugänglich. Dazu gehörte sein Privatleben. Alle Zudringlichkeiten und auch gutgemeinte Versuche, ihn für die Geselligkeit zu retten, lehnte er mit ironischer Gelassenheit ab. Man raunte sich allerlei zu von einer unglücklichen Liebe, von Scheidung und Abbruch einer großen Laufbahn als Wissenschaftler. Schließlich gehört der Dr. Melk zum gewohnten Stadtbild, und man fand anderen Gesprächsstoff als sein vermutliches Geschick.

Die Primaner kannten ihren Lehrer am besten, aber trotzdem waren sie oft geteilter Meinung über die Anschauungen, die er ihnen vermittelte.

„Es ist unverschämt, wie er sich über alles Neue, besonders die HJ, immer lustig macht.“ — „Er ärgert sich nur, weil er in ein Lehrerschulungslager muß!“ — „Es ist auch eine Gemeinheit, daß man ihn in seinem Alter dorthin schickt!“ — „Laßt ihn reden, er ist aus einer anderen Zeit.“ — „Nein, er hat recht, wir wollen noch einmal unsere Freiheit genießen! Beim Arbeitsdienst und Militär stehen wir dann noch früh genug unter Aufsicht und Befehl!“ — So gingen die Meinungen auseinander.

Mittags, auf dem Heimweg, gesellte sich Peter Möhlen zu Thomas und Karl, die zusammen gingen.

„Na, was haltet ihr davon: Wandern oder marschieren? — Du bist natürlich für wandern“, wandte er sich an Thomas. „Oder nein, für die große Reise, denn du hast doch deinen Plan, als Austauschschüler für die Ferien nach England zu gehen, nicht aufgegeben?“

„Keineswegs“, lachte Thomas, „ich verspreche mir ein wunderbares Erlebnis davon.“

„Hm, du solltest dich lieber mit dem Gedanken an unser Zeltlager vertraut machen . . . Und du, Karl? Hast du dich endlich für das Lager entschieden?“

„Ich würde schon gern“, sagte Karl verlegen, „aber mit Mutter geht es immer schlechter, und man weiß nicht . . .“

„Laß die vielen Bedenken, Mann. Dein Vater ist aus der Untersuchungshaft entlassen; du mußt also zugeben, daß man den Irrtum einsah und keine Ungerechtigkeit beging. Und dir tut es not, einmal aus der Krankenstubenluft da in der Pfarre herauszukommen. Im übrigen hält dich wohl auch noch etwas anderes, wenn ich mich nicht irre, oder wie ist das mit der schönen Christa vom Buchhandel, hm?“

„Mit der Christa, das laß nur ganz meine Angelegenheit sein!“ Karl wurde rot und brachte es darum doppelt zornig heraus.

„Oder die Sache des forschen Ferdi Pellke“, fiel ihm Peter ins Wort.

„ . . . meine Sache sein“, beharrte Karl, „und was meinen Vater betrifft, so wäre ihm das KZ sicher gewesen, wenn sich nicht merkwürdigerweise plötzlich ein einflußreicher Mann für ihn verwandt hätte. Das sind ja alles so dunkle Beziehungen! Ich will gewiß nicht rückständig sein, gerade weil ich ein Pastorensohn bin. Ich stehe zur neuen Sache wie du, Peter. Aber wenn man in der eigenen Familie immer wieder die Schattenseiten erlebt, dann kann man eben manchmal an allem verzweifeln. Es ist vieles faul!“

„Gerade darum müssen wir besonders viel guten Willen aufbringen!“ rief Peter. „Wenn wir dann etwas zu sagen haben werden, soll unsere Gesinnung das Faule ausschalten. Kritik leistet gar nichts, Bessermachen gilt!“

„Recht gut“, bestätigte Thomas, „aber wer Kritik verbietet, gesteht der nicht damit ein, daß er Kritik zu fürchten hat?“

„Man kann auch alles negativ sehen“, sagte Peter ärgerlich. „Du bist von Melk angesteckt! Mit dieser Haltung wirst du es im neuen Reich noch sehr schwer haben. Begreift ihr denn nicht, daß jeder sich unterordnen muß, damit wir das große Ziel erreichen: eine schöneres, starkes Deutschland mit Raum und Arbeit für alle Volksgenossen! Daß man da eben gehorchen können muß und die eigenen Wünsche zurückzustecken hat?“

„Wir sind so gut bereit wie du, für eine schöneres, starkes Deutschland persönliche Wünsche zu opfern.“

„Wenn es sein muß, noch mehr“, bekräftigte Karl erregt. Thomas fuhr fort:

„Aber wenn alles erzwungen werden muß, wenn die Methoden unsauber sind, wenn man die Gewalt als oberstes Prinzip ansieht, dann machen mich auch die größten wirtschaftlichen und politischen Erfolge nicht froh.“

Peter Möhlen widersprach: “Unsere Bewegung ist jung. Ihr könnt von ihr noch keine weise Mäßigung erwarten. Zuerst müssen wir mächtig sein, um jeden Preis, auch wenn darüber erst einmal manches andere zugrunde geht. Vieles ist sowieso reif dafür. Zuerst müssen wir wieder eine Weltmacht werden.“

Sie waren inzwischen bei der Buchhandlung angelangt, und Thomas sagte:

„Wir sprechen nicht das erstemal darüber, Peter. Deinen persönlichen guten Willen verkennt keiner. Aber ob dein guter Wille auch Gutes bewirkt, bezweifle ich manchmal. Wir werden unsere Lage nicht verbessern, wenn wir ein Rachegeschrei anstimmen, das alte Gegensätze nur immer tiefer aufreißt. Man kann kein Unrecht wiedergutmachen, indem man selbst ein neues und größeres Unrecht begeht. Damit wird man schuldig. Und erfährt man nicht auch im kleinen an sich selbst, im persönlichen Leben, daß jede Schuld sich rächt? Ich glaube daran, daß nicht skrupellose Berechnungen den wahren Erfolg bringen, sondern daß es eine große, ausgleichende Gerechtigkeit gibt, die jedem sein Teil zumißt. Diese ausgleichende Gerechtigkeit zeigt sich selten sofort und nie ganz deutlich für uns Menschen. Selbst glänzende Erfolge können täuschen. Bei dem allgemeinen Taumel von Ueberheblichkeit kann ich nicht mit.“

Verdrossen, wenn auch etwas nachdenklich geworden, wandte sich Peter zum Gehen: „Du gehörst auch zu den ewigen Meckerern“, sagte er, „und fast tut es mir leid, daß ich für dich eintrat, als man bei mir nachfragte, ob seitens der HJ Bedenken bestünden, daß du als Austauschschüler nach England gehst. Man hält dich für politisch unsicher und nicht für geeignet, das neue Deutschland im Ausland zu vertreten.“

Thomas war betroffen: „Wieso? Macht man denn Schwierigkeiten? Will man mich nicht fahren lassen?“

„Ich sagte es“, entgegnete Peter kurz und ging.

Mutter Frey merkte es ihrem Sohne gleich an, daß ihn etwas bedrückte. Sie wußte sich ihm in einer besonderen Weise verbunden. Die musikalische Begabung und eine damit zusammenhängende Empfindsamkeit hatte er von ihr. Sie war sehr abhängig von der Umwelt. Alle Feindseligkeit scheuend, war sie nur froh in einer Atmosphäre reinen Wohlbehagens. Nicht, daß sie sich leicht umwerfen ließ von kleinen oder großen Unerfreulichkeiten — aber sie war dann gedrückt und konnte nicht frei atmen. Heitere Helligkeit sollte um sie sein, und diese hatte sie sich in ihrem Haushalt immer zu schaffen gewußt, ohne daß sie dafür besondere Anerkennung forderte. Die Zufriedenheit ihres Mannes und ihre Kinder waren ihr Belohnung genug. Immer gab es viel Blumen im gemütlichen Obergeschoß des alten Hauses der Buchhandlung Frey, in dem die Familie wohnte. Immer auch hatte sie für Ruhe gesorgt, wenn ihr Mann über den Büchern saß, hatte an manchen Tagen mehr in der Buchhandlung gestanden als er, wenn er einmal ganz verlesen war. Ihr Haushalt lief mit lautloser Selbstverständlichkeit. Doch was sie über eine gute Hausfrau hinaus noch war, galt der Musik. Im Wohnzimmer stand das alte Klavier, das sie von ihrem Vater geerbt hatte, welcher Lehrer und Kantor gewesen war. An dieses Klavier knüpften sich für sie viele liebe Erinnerungen. Thomas hatte darauf von ihr die ersten Unterweisungen — noch im Kindesalter — bekommen, hatte dann lange darauf geübt und auch schon recht hübsch gespielt, bis er zur Orgel fand, der er dann ganz verfiel. Jetzt spielte er nur noch manchmal darauf, um der Mutter eine Freude zu machen. Meistens saß er an der Orgel der Brösenheimer Kirche. Manchmal, wenn sie Zeit hatte, folgte ihm die Mutter dahin, ohne daß er es merkte, und freute sich seiner Fortschritte. Dann setzte sie sich still in eine Kirchenbank und lauschte. Ueberhaupt tat sie all das in der Stille, wovon andere Menschen viel hermachen. Andererseits sprach sie sich gern einmal aus, wenn sie irgend etwas bewegte.

Auch Thomas hatte etwas von diesem Bedürfnis nach Resonanz. Er konnte schlecht mit sich allein abmachen, was ihn bedrückte oder freute. Wenn sich etwas nicht dazu eignete, um mit den Eltern oder Freunden besprochen zu werden, schrieb er seine Gedanken darüber in ein kleines Büchlein. Sein heimlichstes Du war dieses Tagebuch. Hatte er etwas in Worte gefaßt, was ihn bedrückte, fühlte er sich erleichtert, wenn die Formulierung auch unklar und unvollkommen war. Darüber hinaus gab es viel, was sich nicht gedanklich fassen lassen wollte. War es quälend, so fand er am ehesten bei der Orgel Beruhigung und Klärung, nicht zuletzt dadurch, daß er sich jedes sentimentale Schwelgen in Akkorden versagte und sich auch in der freien Improvisation streng an das innere Gesetz seines Instruments hielt.

Für die Frage allerdings, die ihn im Augenblick bewegte, konnte er weder bei Tagebuch noch Orgel Antwort finden. Was hatte die Bemerkung Peter Möhlens zu bedeuten, und welche Folgen konnte es haben, wenn die HJ ihn für unwürdig erklärte, als Austauschschüler nach England zu gehen? Darüber besprach er sich nun mit der Mutter. Sie war noch bestürzter als Thomas selbst, denn alle Konflikte scheute sie mit einem geradezu körperlichen Unbehagen. Alles sollte friedlich sein.

Vater Frey blätterte in einer. Fachzeitschrift und meinte, man müsse erst abwarten, was daran wahr sei. Er traue den Bengels schon zu, daß sie sich erst einmal spreizten, um ihre Macht zu beweisen.

„Peter Möhlen hat es befürwortet, Vater“, bemerkte Thomas.

„Ach, geh mir mit Möhlen.“ Der Vater stand auf und trat ans Fenster. „Der junge Mann fühlt sich schon jetzt als General. Soll warten, bis er wirklich einer ist.“

„Nein, Vater, Peter ist kein schlechter Kerl. Er ist eben durch und durch eine soldatische Natur. Darum hat er Freude an dem Lebensstil, den man heute will.“

„Ja, mein Junge, du bist in die verkehrte Zeit hineingeboren. In ein musisch betontes Zeitalter gehörst du. Etwas fehlt eben immer: Mein Vater und ich, wir standen zu schwer im materiellen Lebenskampf, als daß wir hätten entwickeln können, was in uns war an Sehnsucht nach schöpferischer geistiger Arbeit. Es blieb beim Lesen. Zum Studieren reichte das Geld nicht; vielleicht auch nicht die Gaben. Du bist nun so weit, Thomas. Du hast die geistigen Voraussetzungen, und für die materiellen kann ich sorgen. Das ist die schönste Erfüllung meines Lebens.“

Elisabeth Frey lehnte den Kopf an die Schulter ihres Mannes. Sie waren noch immer zärtlich zueinander wie ein Liebespaar. Er legte den Arm um sie.

„Ja, Mutter, ohne dich hätte ich es nicht geschafft. Aber nun sind wir über den Berg. Nur die Zeit macht mir manchmal Sorge. Wird Thomas in ihr so leben können, wie wir es wünschen? Es sieht recht günstig aus, aber ob nicht wieder ein Krieg alles zerstört?“

„Vater, wie kannst du das denken?“ Elisabeth Frey richtete sich erschrocken auf. „Wir wollen doch keinen Krieg. Wissen wir nicht, wie furchtbar er ist? Zwanzig Jahre liegt er erst zurück. Auch die Männer an der Spitze kennen ihn; auch sie können ihn nicht wollen.“

Vater Frey strich ihr begütigend über das Haar. „Natürlich nicht. Ich glaube auch nicht daran. Es kann nicht sein.“

Zu Thomas gewendet fuhr er fort: „Stelle dich nur nicht zu schlecht mit der HJ. Du mußt hindurch, um später in die Partei zu kommen, denn wenn du ins Berufsleben treten wirst, kannst du ohne Parteigenossenschaft nicht einmal mehr Straßenkehrer werden. Ich überlege sogar, ob ich deinetwegen nicht auch noch in die Partei gehe, obwohl mir der ganze Kram nicht liegt. Aber es soll doch nichts versäumt werden, was dein Fortkommen unterstützt.“

„Ach, Vater“, sagte Thomas, „sorge dich nicht zu sehr. Ich will schon aus eigener Kraft durchkommen, wenn du mir am Anfang hilfst.“

Der alte Frey lächelte mit heimlichem Stolz. „Aber verfall mir nicht zu sehr der Musik, hörst du! Vergiß nicht, daß mal ein Literaturoder Philosophieprofessor aus dir werden soll!“

„Er wird es schon recht machen“, schloß die Mutter.

3.

Die letzte Schulwoche vor den großen Ferien neigte sich dem Ende zu. Ueber Brösenheim lag noch immer freundlicher Sonnenschein. Das kleine Städtchen inmitten von Wiesen, Forststreifen und Feldern, unweit kleiner Höhenzüge, stand in inniger Beziehung zur Natur. Nur über die Flußbrücke brauchte man zu gehen, um in den Feldern zu sein, die jetzt golden glänzten und in der Sommerhitze der letzten Reife zuwuchsen. Kleine Feldwege schlängelten sich hindurch, an deren Rande der rote Mohn und die Kornblume blühten. Unweit begann ein Wald hoher Kiefern mit helleren Laubbeständen dazwischen. An einer Waldecke vorbei konnte sich der Blick ungehindert in die Weite verlieren. Zartblau erhob sich fern der kleine Höhenzug als belebender Abschluß der Ebene.

Im warmen Schein der untergehenden Sonne war Thomas oft zwischen diesen Feldern gegangen oder im Walde, wo die Kiefernstämme dunkelrot, wie von innen heraus, im Abendlicht glühten. Diese Wege hatten ihm die Heimat erst so ganz lieb und vertraut gemacht. Jede Blume hätte er streicheln mögen und jede der hellen schlanken Birken umarmen. Oft lag er stundenlang in den Wiesen oder auf dem warmen Waldboden und atmete den kräftigen Duft der Erde und des Baumharzes, der Tannennadeln und Gräser, lauschte dem Rauschen der Baumkronen, die sich langsam und gleichmäßig auf ihren hohen, schlanken Stämmen wiegten. Er sah den kleinen Wölkchen nach, die schnell vorüberzogen, und er betrachtete mit lächelnder Aufmerksamkeit den großen schwarzen Käfer mit glänzendem Panzer, der seine Gewichtigkeit durch das Heidekraut schob. Sein ganzes Entzücken galt den Schmetterlingen, diesen zartesten Gebilden eines lichten Sommers. Wenn ein Falter die Farne umgaukelte wie ein Hauch, dann konnte er ganz in die Betrachtung dieses Spiels versinken. Oft wußte er nicht mehr wohin mit all seinem Gefühl, mit dem Dank für all diese Schönheit. Manchmal hatte ihn Karl begleitet; aber der Freund empfand nicht so tief, was ihn selbst trunken und selig machen konnte.

So ging Thomas diese Wege meistens allein. Kennengelernt hatte er sie mit dem Vater, an dessen Hand er zuerst hinausgekommen war in die große Natur. Manchmal war auch die Mutter mit ihm gewesen oder Christa, mit der er hier gespieltl hatte; auch dann und wann andere Kinder. Aber seit Thomas das Nachdenken liebte, störten ihn laute Spiele und ein Redenmüssen in diesem idyllischen Reich. Bald hatte er seine eigenen Winkel und kleinen Steige, wo er vor allen Menschen sicher war.

Und doch, sein einsames Glücklichsein in der Natrur blieb nicht immer so ungetrübt. Langsam erwachte in ihm die Sehnsucht, seine Gefühle und Gedanken mitteilen zu können — leise und in vertrautem Gespräch mit . . . ja, mit wem? — Erst ziemlich spät nahm für ihn dieses ersehnte Du die Gestalt eines Mädchens an. Zunächst war es ein reines Wunschbild mit unbestimmten Zügen.

Nach solchen Nachmittagen in der Natur ging er oft noch in die Kirche und versuchte in der Orgel aufklingen zu lassen, was ihn bewegte. Oft spielte er, bis es ganz dunkel war in dem hohen, kühlen Raum. Aber immer weniger glücklich verließ er das geliebte Instrument. Je älter er wurde, desto stärker zeigte sich ihm eine schmerzende Spannung zwischen der seligen Verträumtheit draußen in den Feldern und der kühlen Klarheit seiner Orgelmusik.

Einmal geschah es dann, daß an einem Abend, da er bei der Orgel seine zerfließenden gegensätzlichen Stimmungen fassen wollte, plötzlich ein Mädchen hinter ihm stand, als er die Hände von den Tasten nahm, den verschwebenden Klängen nachlauschend.

Ein kleines Geräusch machte ihn aufmerksam. Das Mädchen hatte sich heimlich wieder entfernen wollen. Nun blickten sie einander an; er erstaunt, sie verlegen. Zögernd kam sie einige Schritte zurück und sagte:

„Verzeih bitte! Ich — — — ich habe die Musik gehört draußen, und es war so schön. Ich wollte wissen, wer da spielte und habe dich nun belauscht.“

Sie schien noch weitersprechen zu wollen, aber dann blieb sie doch stumm, sah vor sich nieder und strich nur mit der Hand leise über das Holz der nächsten Kirchenbank. Thomas war so verwirrt, daß er nur wie gebannt auf diese Hand blickte, die das dunkle Holz streichelte. Er raffte sich endlich zu einer Antwort auf, aber als er herausbekam: „Ich — das ist — —“, da sagte sie gleichzeitig leise „Auf Wiedersehen“ und war verschwunden.

Lange machte sich Thomas Vorwürfe, daß er sich so täppisch und unbeholfen benommen hatte. Was mußte Gisela Machenberg — denn sie war es gewesen — nun von ihm denken? Sie kannten sich freilich schon seit ihrer Kindheit, aber seit Jahren war Thomas nicht mehr mit Gisela zusammengekommen.

In den letzten drei Jahren hatte Thomas Gisela nur flüchtig gesehen, wenn sie in den Ferien nach Hause kam, denn sie war bei ihrem Onkel gewesen, einem Bruder Pastor Machenbergs, der Direktor eines berühmten Lyzeums war, durch das auch Gisela gehen sollte. Schließlich hatte es die Krankheit der Mutter nötig gemacht, daß sie zurückkam, damit sie die Mutter pflegen und ihr einen Teil des Haushalts abnehmen konnte.

Nachdem Thomas sie nun wiedergesehen hatte, bat er Karl, die Schwester zu grüßen, aber von der Begegnung an der Orgel mochte er nicht sprechen. Bald besuchte er dann wieder einmal wie gewöhnlich den Freund in der Pfarre, und dabei traf er auch Gisela. Er konnte sie aber nicht allein sprechen. Sie war freundlich wie immer, aber er fühlte sich ihr gegenüber befangen, und es schien ihm, als habe auch sie etwas gegen ihn. Es wollte ihm nun nicht mehr gelingen, so wie früher, im Innersten bewegt, auf seiner Orgel zu spielen. Das kam dem Tagebuch zugute. Die ersten Verse entstanden, aber er war kritisch genug, sie selbst schlecht zu finden. Allmählich wurde ihm klar, daß es Gisela war, die ihm seine Ruhe raubte. Aber hatte er denn ein Recht oder auch nur eine Möglichkeit, sich ihr zu nähern, nachdem er so unhöflich und unbeholfen gewesen war? Außerdem traf er sie ja nie allein. Auf dem Bummel nicht, in der Buchhandlung nicht, bei Machenbergs selbst auch nicht, denn da besuchte er ja Karl, und Gisela war meistens bei der Mutter oder mußte sich um den Haushalt kümmern.

Heimlich wuchs seine Neigung, was ihn ihr gegenüber immer verlegener machte. Von beglückenden Phantasiebildern stürzte er in tiefe Schwermut; manchmal erfüllte ihn überschäumende Lebenslust, oft aber mußte er alle Kräfte aufbieten, um nur die einfachsten Tagespflichten zu erfüllen. Am liebsten stürmte er hinaus in die Natur — auch an trüben Tagen —, um in ihrer erhabenen Ruhe sich wiederzufinden. Bald vernachlässigte er die Orgel, bald zwang er sich zu vielstündigen Uebungen. Manchmal glaubte er, Wärme und Verheißung in Giselas Blicken zu erkennen, manchmal schien es ihm, als sehe sie ihm mit verwunderter Gleichgültigkeit nach. Wenn er die Mutter oder andere das Pastorentöchterlein loben hörte, war er stolz auf sie, um gleich darauf um so trauriger zu werden, weil er einsah, daß alle Beziehungen zwischen ihr und ihm ja nur in seiner erhitzten Phantasie bestanden. Ob sie ihn überhaupt leiden mochte? Sie war freundlich zu ihm wie zu jedermann, aber er bemerkte, daß sie mit anderen freier umging. Fast mied sie ihn ein wenig.

Christa hatte lange durchschaut, wie es um ihren Bruder und ihre Freundin stand und beschloß, ein wenig Vorsehung zu spielen. Als Gisela Geburtstag hatte, nahm Christa sie beiseite und flüsterte ihr zu, Thomas wollte ihr gern eine Freude machen, und sie möge doch am Abend zu der gleichen Stunde wie damals, als sie ihn belauscht habe, in der Kirche sein. Alles andere werde sie hören. Zu Thomas aber sagte sie, Gisela habe gefragt, ob er ihr nicht zum Geburtstag einen Gefallen tun wolle. Sie wünsche sich, daß er ihr gegen Abend in der Kirche etwas vorspiele. Er solle nur gar nicht auf sie achten und einfach so spielen wie damals. Von dieser Begegnung der beiden wußte Christa durch Gisela, die in einer vertrauten Stunde einmal darüber gesprochen hatte.

Thomas wurde erst blaß und dann rot; schließlich versprach er alles und wollte sich gleich ans Ueben begeben. Christa hielt ihn indessen zurück; Gisela habe besonders gebeten, er solle ganz so spielen wie damals, keine Glanzstücke, sondern wie es ihm einfalle, aus sich heraus.

Mit banger Erwartung ging er abends in die Kirche, begann erst ein wenig unsicher über ein Bachsches Thema zu improvisieren, dann aber entzückte ihn die Gewalt dieser Klänge, und allmählich vergessend, weshalb er spielte, verlor er sich ganz in den Zauber dieser Musik.

Und wieder war es wie damals. Er lauschte dem letzten Akkord und wendete sich, durch ein kleines Geräusch aufgeweckt, um. Da reichte ihm Gisela die Hand, ohne etwas zu sagen.

Christas List hatte die Spannung zwischen ihnen aufgehoben; sie begegneten sich nun unbefangener. Aber wenn sie jetzt wußten — jeder von sich selbst gewiß, vom anderen mit banger Hoffnung —, daß sie einander gut waren, so ließen sie es sich doch nicht anmerken, wenn sie jetzt auch öfter zusammentrafen. Auch Gisela spielte recht gut Klavier und wagte sich nun, unter Thomasʼ Anleitung, an die große Orgel. Da sie eine schöne Stimme hatte, musizierten sie manchmal auch gemeinsam. So wurden sie gute Freunde, fühlte sich aber gleichwohl nicht für immer glücklich in diesem Zustand, und jeder erwartete irgendeine Entwicklung vom anderen.

Da kam jene Schulwoche vor den großen Ferien, in denen Thomas nach England fahren wollte.

4.

Dieser letzte Sonntag vor den Ferien schien alle Sonnenpracht des Sommers in sich zu vereinigen. Wie jeden Sonntagmorgen, hatte Thomas zum Gottesdienst gespielt. Der alte Kantor Herse, bei dem er die ersten Orgelkenntnisse erlernt hatte, war gestorben, und da der Kirchenrat einverstanden war, übte Thomas das Organistenamt an der kleinen Kirche aus. Zu seinem Unterricht mußte er immer über Land nach Hellwedel zu Professor Gehrmann. Gehrmann hätte ebensogut in der Großstadt eine berühmte Kantorenstelle haben können, aber er liebte das Land, die Muße und die kleine Silbermannorgel in der Kirche von Hellwedel. Für Thomas war das ein Glück, denn sonst hätte er schwerlich einen solchen Lehrer gefunden.

An diesem ersten Sonntage im Juli stand er nach dem Gottesdienst noch plaudernd mit Gisela und Karl Machenberg unter den mächtigen Linden des Kirchgartens. Auf der Hauptstraße gingen sonntäglich gekleidete Menschen spazieren, und ein warmer Friede lag in der Luft. Durch das dichte Blätterdach der Linden fiel gedämpft das Sonnenlicht und zeichnete lustige Kringel auf den sauber geharkten Boden und auch auf die drei jungen Menschen. Giselas helles Lachen klang oft auf, weil die beiden Freunde in bester Laune miteinander scherzten.

„Ach, Kinder“, sagte Gisela und klatschte froh in die Hände, „heute ist ein herrlicher Tag. Mutti geht es wieder ein bißchen besser, die Ferien stehen vor der Tür und dieses Wetter . . .“

„Ja, wir sollten am Nachmittag einen Spaziergang machen“, fiel Karl ein.

„Großartig“, lobte Thomas, „Christa muß unbedingt mit. Die Eltern werden gewiß nichts dagegen haben.“

„Ich freue mich so“, sagte Gisela, „aber nun muß ich mich schnell ums Mittagessen kümmern. Ihr beide könnt ja alles besprechen. — Bis nachher!“ Sie berührte schnell und ein wenig verschämt Thomasʼ Arm und hüpfte davon.

Thomas sah ihr nach. Das Kleid, was sie heute trug, gefiel ihm über die Maßen. Es paßte zu diesem Sonnentag. Auf hellblauem Grunde hatte es viele bunte Blumen, und der Schnitt paßte sich reizend der schlanken Mädchengestalt an. Alles an ihr, das glänzend braune Haar, die kleinen blanken Schuhe, die helle Haut — alles atmete eine köstliche Frische und Anmut.

Zerstreut verabredete er sich mit Karl für drei Uhr nachmittags und ging zu Christa, um ihr den Plan mitzuteilen. Dabei fühlte er wieder übermächtig diese große Sehnsucht in sich, die ihn quälte, seit — ja seit Gisela damals hinter ihm gestanden hatte, an jenem Abend in der Kirche. Nein, eigentlich war sie schon länger in ihm, diese Sehnsucht . . . Aber seit Gisela da war, hatte sie Gestalt angenommen und überwältigte ihn, machte ihn oft ganz krank. Was war das für eine Macht, die ihn trieb, sich das Mädchen immer wieder vorzustellen in seinem Liebreiz? Ihre frischen Lippen, hinter denen die kleinen weißen Zähne schimmerten, wenn sie lachte; die Augen, in denen tausend Lichter glänzten und an deren Grund eine so gute Wärme schlummerte; die zarten Schläfen, hinter denen man ganz feine blaue Aederchen sah. Er hätte sie nur immer, immer ansehen mögen, und doch ahnte er, daß im verehrenden und begehrenden Ansehen kein Genügen lag. Alle Sinne trieben ihn zu ihr, nicht nur die Augen. Aber er schrak vor dieser Erkenntnis zurück; fast spürte er manchmal etwas wie eine dunkle Angst vor der Glut, die da in ihm erwachte, der er in schmerzlicher Lust nachzugeben begann.

Er beherrschte sich und besann sich auf die unmittelbare Gegenwart. Zugleich stieg eine heiße Freude in ihm auf; heute nachmittag würde er vielleicht mit ihr allein sein können! Aber . . . würde ihm auch etwas einfallen, womit er sie unterhalten konnte? — Zunächst mußte er Christa Bescheid sagen.

Christa war nicht erbaut von dem Plan. Thomas wunderte sich.

„Ich gehe ja gern mit Gisela und auch mit euch, aber — ihr seid langweilig“, erklärte sie.

„Langweilig?“ staunte Thomas. „Ja, hast du denn etwas Besseres vor?“

„O ja, ich wüßte schon etwas, aber das versteht ihr alle nicht.“

„Du bist manchmal sonderbar, Schwesterlein“, scherzte Thomas, „komm, sei lieb und fröhlich, zerstör uns nicht diese gute Stimmung — komm mit!“

„Aber ich bin verabredet“, beharrte sie.

„Aha, der Herr Ferdinand Pellke. Mit dem also gehst du lieber, der ist nicht langweilig. Hoffentlich hat er auch seine schöne schwarze Uniform an, damit er recht glänzt und du neben ihm.“

„Ihr seid häßlich und ungerecht.“ Christa war verstimmt. „Warum bist du so gegen Ferdi? Nur weil er SS-Mann ist und aus der Kirche austrat. Das beleidigt euch, denn du gehörst ja schon halb zur Pfarrersfamilie.“

„Red nicht solchen Unsinn“, fuhr Thomas auf. „Es ist mir völlig gleichgültig, wie deine Liebhaber zur Kirche stehen. Aber daß sie ausgerechnet zu dem Gesindel gehören, was damals vor der Pfarre . . .“

„Es ist gar nicht bewiesen, daß er dabei war!“ Christa begann laut zu sprechen.

„Nein, er war nur der Anführer“, lachte Thomas spöttisch.

„Und wenn schon! Jeder macht einmal Dummheiten im Leben, auch mein Herr Bruder! Und außerdem will ich es dir endlich sagen: Auch ich empfinde nichts mehr in der Kirche. Das Christentum ist mir eine leere Form, die ich nur noch halb aus Gewohnheit und halb aus Rücksicht auf die Eltern mitmache. Ich will es dir endlich genau sagen: Auch ich bekenne mich zu unserem neuen Reich, ich lebe für die neuen Ideale. Das alte Muckertum soll aufhören. Wir wollen eine frische, frohe Jugend werden, die sich ihres Leibes und Lebens freut, mutig in die Zukunft blickt nnd nicht nur dichtet und denkt. Ihr aber? Ihr hängt am alten und scheut die Opfer, die das Neue fordert.“

Thomas hatte mit wachsendem Erstaunen zugehört.

„Du bist ja schon beachtlilch ausgerichtet worden in eurer BDM-Führerinnenschulung! Und durch den vortrefflichen SS-Pelke, deinen Ferdi, wie du den Laffen nennst.“

„Nimm das zurück“, brauste Christa auf, „ich lasse ihn nicht beschimpfen.“

Fast hätte es jetzt auch Thomas die Sonntagsfreude verschlagen, doch da rief die Mutter Christa in die Küche. Sie ging, indem sie mit einem energischen Ruck eine lose blonde Locke zurückwarf. Thomas folgte langsam. Als er in die Küche kam, rührte Christa eifrig in einem Topf. Wie beiläufig erzählte er nun der Mutter von dem Plan, am Nachmittag zu Viert spazieren zu gehen.

„Das macht nur, Kinder“, nickte sie, während sie noch einmal die Suppe abschmeckte. „Geht doch nach Heidequell, Kaffeetrinken und ein bißchen tanzen!“

„Ja, Mutti, du bist die beste aller Mütter“, Thomas faßte sie — wieder Hoffnung schöpfend — um die Schulter, „aber unsere Christa mag nicht. Sie ist verab . . .“

„Ja“, fiel Christa ihm ins Wort, „ich habe keine Lust.“ Dabei zwinkerte sie Thomas zu, der langsam begriff, daß die Mutter wohl von der Verabredung mit Ferdi nichts wissen sollte.

„Was, Christelkind, du keine Lust, tanzen zu gehen? Das ist aber ganz neu. Unsinn — du gehst mit, wirst doch den drei anderen nicht die Freude verderben wollen!“

„Ich bin doch dazu nicht nötig“, wich sie aus.

„Natürlich bist du es“, widersprach Thomas, „sonst geht es doch nicht auf . . . ich meine . . .“

Die Mutter lächelte, und auch Christa lachte jetzt über die Verlegenheit Thomasʼ, der rot wurde, als er bemerkte, daß er da zu viel gesagt hatte.

Christa ging mit einem Vorwand aus der Küche. Thomas folgte ihr. Draußen faßte sie ihn beim Arm und sagte:

„Ich komme mit, Bruderherz, dir kann ich ja doch nichts abschlagen. Aber Spaß macht es mir nicht. Karl ist wirklich furchtbar langweilig und noch so . . . so . . . wenig männlich. Aber dir zuliebe und noch mehr Gisela zuliebe komme ich mit, obwohl du genau so ein unentschlossener Zauderer bist wie dein Freund Karl. Merkst du denn gar nicht, daß Gisela dich lieb hat? Ich möchte wetten, du hast sie noch nicht einmal geküßt. — Ja, also euch zuliebe, und weil du mich eben nicht verraten hast. Mutti darf nichts von Ferdi wissen.“

Thomas war ziemlich verblüfft aber die schnell geflüsterten Erklärungen, hatte aber keine Zeit, etwas zu erwidern, denn Christa war bereits in die Küche zurückgehuscht.

Die „Pfarrkinder“, wie Christa die Nachbargeschwister nannte, kamen pünktlich. Christa war wie immer noch nicht ganz fertig. Endlich ging man unter Lachen und in bester Stimmung. Die beiden Mädchen faßten sich unter, und die Jungen gingen an beiden Seiten — anfangs betont lässig und etwas verloren. Gisela hatte ein sandfarbenes Kleid aus einfachem, grob gewebtem Leinen an. Auch Christa hatte sich geputzt, ein wenig zu auffällig für Thomasʼ Geschmack. Karl dagegen fand sie reizvoll und zauberhaft wie einen bunten Schmetterling, dem man wohl nachjagen kann, der aber viel zu schön und zu flink ist, um sich fangen zu lassen.

Schon bald bewegten sich die Vier nicht mehr so brav wie sonntägliche Spaziergänger. Wie ausgelassene Kinder — endlich ohne Aufsicht — tollten sie umher. Dort gab es Brombeeren, von denen genascht werden mußte und in denen sich die Mädchen die nackten Beine zerkratzten, da mußte man plötzlich ganz still sein, weil Gisela, die sehr gute Augen hatte, ein Eichhörnchen entdeckte, welches man beobachtete, bis es nicht mehr zu sehen war. Den beiden Jungen klang immer wieder das helle Lachen der Mädchen in den Ohren. Selbst Karl wurde ganz ausgelassen und schlug die schönsten Purzelbäume auf dem weichen Waldboden.

Wie Mutter Frey geraten hatte, trank man in Heidequell Kaffee. Das wurde wieder lustig. Gisela spielte die Hausfrau, weil sie darin schon Uebung hatte und verteilte große Kuchenberge. Dazwischen wurde getanzt. Die kleine Tanzfläche im Freien war nicht allzu überfüllt. Drei Musikanten bemühten sich eifrig, eine möglichst großstädtische Tanzmusik zu erzeugen. Karl war selig, wenn er auch gehörig schwitzte vor Anstrengung. Christa machte es ihm zwar leicht, denn sie tanzte gut und hatte Uebung, aber er traute sich gar nicht recht, das Mädchen anzufassen, denn immer dachte er an sein Bild von einem Schmetterling, und Schmetterlinge verletzt man ja mit einem festen Griff nur zu leicht . . . Ach, wenn ihm doch bewußt gewesen wäre, daß er gerade mit einem ganz festen Griff diesen Schmetterling für immer gehalten hätte, um ihn damit zugleich vor der Flamme zu bewahren, die er mit gefährlicher Lust umgaukelte.

Am besten tanzten Christa und Thomas miteinander, weil sie es zu Hause bei Radiomusik manchmal übten. Gisela hatte selten getanzt. Nach der Tanzstunde war bald die Nervenschwäche der Mutter aufgetreten, und ihre Lebensführung hatte seitdem zu ernst sein müssen, als daß sie viel zu Vergnügungen gekommen wäre. Trotzdem war ihr nie eine gedrückte Stimmung anzumerken, und sie konnte lustiger sein als alle. Nur was Pflicht heißt und Verantwortung, das hatte sie früh lernen müssen. Selbstverständlich tanzte sie gern, und ihre natürliche Anmut half ihr auch bald, den Mangel an Uebung auszugleichen. Aber Thomas hielt nur zaghaft ihre leichte Gestalt im Arm. Langsam freilich schwand seihe Scheu ein bißchen, weil es ein gar so vergnügter Nachmittag war und er in Gisela am liebsten die ganze sonnenhelle, himmelblaue Welt umarmt hätte.

Endlich war man müde getanzt und vom Kuchen satt, obwohl Christa von Süßigkeiten nicht leicht genug bekam. Unter Scherzen und Lachen beschloß man die Fortsetzung der kleinen Wanderung. Noch ein Weilchen gingen sie zu Viert; dann war es endlich Christa, die entschlossen Karl bei der Hand faßte und mit ihm davonlief. Bald ließ sie ihn wieder los und forderte ihn zum Wettlauf auf. Sie konnte schnell laufen und schlug Haken. Hinter einem Busch, um den es ein paarmal herumging, rief sie endlich:

„Wenn du mich fängst, kriegst du einen Kuß!“

„Gut“, antwortete Karl, „es gilt.“

Nun setzte die Jagd verschärft ein. Nicht ganz absichtslos entfernte sich Christa dabei immer mehr von dem anderen Paar.

Gisela und Thomas hatten sich erst verdutzt angeblickt, als die beiden anderen davonstoben, dann lachten sie und gingen den Weg langsam weiter. Thomas hätte zu gern Giselas Arm genommen. Aber durfte man denn das so einfach? Würde sie ihn nicht befremdet und erstaunt abwehren? Was eben noch so selbstverständlich und leicht ging, beim Tanz oder im Spiel zu Viert, das wurde ihm jetzt schwer, ja fast unmöglich. Auch Gisela sagte nichts und ging mit ihrem leichten Schritt neben ihm her.

„Hoffentlich verlieren wir die beiden nicht“, entschloß er sich endlich zu sagen.

„Ach nein“, meinte sie lächelnd, ohne den Kopf zu heben.

Wieder gingen sie schweigend nebeneinander her.

Doch da entdeckte sie etwas. Ein stahlblauer Mistkäfer lag auf dem Rücken im sonnenwarmen Sande des Weges und zappelte mit Füßchen und Fühlern. Er konnte augenscheinlich nicht selbständig in die ihm von der Natur bestimmte Lage finden. Sie hockte sich schnell nieder und drehte ihn um.

„Siehst du, mein Kleiner, man muß dir nur ein bißchen helfen“, sagte sie dabei. Thomas hatte sich neben sie gehockt, und beide sahen nun dem Käfer zu, wie er mit würdigem Eifer, als wenn er nie in Not gewesen wäre, dem nahen Grase zustrebte. Lachend sahen sie sich an, und beim Aufstehen wagte er es, ihre Hand zu ergreifen. Er empfand das als eine der größten Mutleistungen, die er je hatte vollbringen müssen und war auf alle Folgen gefaßt. Nur langsam und staunend begriff er, daß sie ihm ihre Hand ohne Widerstand ließ.

So gingen sie nun Hand in Hand den Weg weiter, der von hohen Kiefern angenehm beschattet wurde und von lichten Birken gesäumt war. Immer tiefer erfüllte ihn das Glück, so neben ihr gehen zu dürfen. Wie ein geheimer Strom floß es ihm von dem Mädchen neben ihm entgegen — durch die Hände, an denen sie sich gefaßt hielten. Manchmal wagte er es, sie anzusehen. Sie hielt den Kopf gesenkt, ihr dunkles Haar glänzte mit einem kupfernen Schimmer. Es fiel etwas nach vorn und ließ ihr Profil noch reiner und heller hervortreten.

„Willst du mit mir meine Lieblingswege gehen?“ fragte er nach einer Weile leisen. Sie blickte ihn nur flüchtig an, und er spürte einen kleinen Druck ihrer Hand. Das war ihm wie eine Liebkosung und galt ihm als das schönste Zeichen ihres Einverständnisses. Sie dachten nicht mehr an Christa und Karl — — —

Mutter Frey hatte nur ihr gutes Lächeln, als Thomas viel später als Christa nach Hause kam und sich ungeschickt entschuldigen wollte.

5.

Der große Tag war da: Ferienbeginn. Wie ein Bienenschwarm waren die Schüler des Gymnasiums davongestürmt, nachdem ihnen die Schulglocke zum letztenmal für fünf Wochen geläutet hatte.

Dr. Melk sah ihnen nach. Oberstudiendirektor Sternhaus trat zu ihm:

„Herr Kollege, lassen Sie uns an diesem schönen Vormittag noch ein halbes Stündchen plaudern.“

„Gern, Herr Direktor.“

Die beiden Lehrer schritten der Allee zu, die von dem Schloß, in dem die Schule untergebracht war, zu dem großen Park hinüberleitete, hinter dem dann die Sportplätze der Schule lagen.

„Ich habe also noch einmal Ihretwegen bei Oberschulrat Nietmann angefragt“, sagte der Direktor. „Gestern traf seine Antwort ein. Sie müssen trotz Ihres Alters und Ihrer anerkannten Fähigkeiten ins Schulungslager. Das Provinzialschulkollegium hat es erneut angeordnet.“

Melk lachte nur: „Wir wissen doch beide, Herr Direktor, daß Nietmanns Wort beim PSK geheiligt ist, weil er die niedrigste Parteibuchnummer all der Herren dort hat.“

„Lieber Kollege“, Sternhaus sah sich ängstlich um, „Sie reden sich bestimmt noch um Ihren Kopf. Ich bitte Sie, seien Sie vorsichtig. Das sage ich einmal aus Freundschaft zu Ihnen und zum anderen aus Egoismus. Ich kann Sie im Kollegium unmöglich entbehren, ohne daß die Frequenz der ganzen Schule sinkt. Und dann machen Sie es auch mir nur schwer auf meinem Posten. Ich habe keinen leichten Stand, wie Sie wissen, weil ich früher einer Partei angehörte, die den Nationalsozialismus bekämpfte. Hätten wir genug Lehrer in Deutschland, wäre ich längst durch einen politisch einwandfreien, sicheren Mann, möglichst durch einen ‚Alten Kämpfer‘, ersetzt worden. Auch so konnte ich mich nur halten, weil ich Pg wurde und SA-Mann.“

„Stört Sie der Dienst nicht?“

„Dieser Dienst ist gar nicht so schlimm. Ich übernahm den Unterricht der SA-Kameraden jeden Sonntagmorgen im Rahmen der vormilitärischen Ausbildung. Es macht mir fast Spaß, den Leuten etwas Schießlehre beizubringen. Im übrigen verzichte ich allerdings gern auf den Außendienst. Das Tam-Tam liegt mir gar nicht, zumal ich in dieser braunen Uniform wirklich unmöglich aussehe. — Sie haben mich ja neulich am 1. Mai in Reih und Glied gesehen“, fügte er hinzu, als er Melks Lächeln bemerkte.

„Hm, Herr Direktor, ich verstehe nur nicht, warum Sie sich zu etwas zwingen, was Ihnen so zuwider ist.“

„Warum? — Lieber Kollege, in welcher Welt leben Sie! Wir sind die Generation der ‚Umwertung aller Werte‘: Drei verschiedene Eide haben wir schon geleistet — auf das Kaiserreich, auf die Republik und auf das Dritte Reich. Es kommt auf einige Metamorphosen mehr oder weniger nicht mehr an. Wichtig ist nur, ob es dem Vaterlande dient — und das ist, wenn nicht aller Augenschein trügt, im Hinblick auf den letzten Eid kaum zu bezweifeln —, und wichtig ist zweitens, ob es mir selbst dient, mir und meiner Familie. Meinen Sie, ich wäre bei einer anderen Einstellung noch im Amt?“

„Wahrscheinlich wären Sie entlassen oder pensioniert worden“, sagte Melk langsam, „aber wäre das wirklich schlimmer, als diese Windfahnenpolitik? — Verzeihen Sie das Beispiel!“

„Ich kann Ihre Wahrheiten vertragen, Melk. Sie wollen sagen: ‚Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?‘ — Sie berühren da einen wunden Punkt, aber sehen Sie, die Verhältnisse sind immer stärker als man selber. Ich war ein lustiger Burschenschaftler als Student, eine Zeit, die ich um keinen Preis missen möchte. Jetzt habe ich drei Jungen auf der Universität, wo leider nicht mehr der alte Geist der Korporationen herrscht, aber doch immer noch eine gewisse Fidelitas, wie sie schreiben und erzählen. Sollen es meine Söhne schlechter haben, als ich es hatte? Nein. Ich schicke ihnen also einen anständigen Wechsel. Dazu will meine älteste Tochter heiraten; meine Frau ist nicht ganz anspruchslos — für alles muß ich aufkommen. Außerdem aber kann ich ohne die Schule nicht froh sein; ich fühle mich wohl in meinem Amt. Soll ich das alles zum Einsturz bringen durch — nun durch Gesinnungstüchtigkeit?“

„Zweifellos eine Frage, vor der wir heute alle stehen“, bestätigte Melk. „Ich in meiner Unabhängigkeit bin kein Maßstab. Aber Pastor Machenberg lebt in dem gleichen Konflikt. Ich bewundere seine redliche Haltung, denn es geht bei ihm nicht nur um Materielles, sondern zugleich um Tod oder Leben seiner Frau. Vielleicht, Herr Direktor, sollten wir uns an dieser Haltung ein Beispiel nehmen; denn wer weiß, ob die Verhältnisse, um deren Bestand willen wir uns heute immer wieder ducken, nicht gerade dadurch, daß wir uns ducken, einer vollständigen Auflösung und Zerstörung zugetrieben werden? Ich will mich deutlicher ausdrücken: Im heutigen Deutschland erleben wir viel, wogegen sich jedes anständige Gefühl empört. Dennoch schweigen wir, ja stellen uns noch dazu in die Reihen der Heilrufer, damit die Wut der Gewaltherrschaft sich nicht über unserem Haupte entlade. Wir glauben es unserer Familie schuldig zu sein, wir wollen ihr ein Wohlergehen erhalten, das wir uns nur in den alten, liebgewordenen Verhältnissen vorstellen können. Wir hängen an geliebten Menschen, an der Heimat, an Kunst und Wissenschaft — alles das wollen wir uns erhalten. Wir erreichen das im Augenblick, indem wir uns fügen. Aber könnte nicht vielleicht gerade dadurch eine viel umfassendere Vernichtung eben dieser geliebten Menschen, der Heimat, der schönen und nützlichen Dinge, der Kunst, der Wissenschaft herbeigeführt werden?“

Sternhaus hörte aufmerksam zu und vergaß sogar das Umherspähen. Er räusperte sich.

„Wenn ich Sie recht verstehe, meinen Sie, daß das Regime, unter dem wir uns jetzt ducken, uns dem Verderben zusteuert. Also einem Krieg? Und zwar einem unglücklichen Krieg?“

„Kriege sind immer unglücklich“, sagte Dr. Melk. „Das weiß ich, seit ich einen mitgemacht habe. Sie sind auch für den Sieger kein Glück, oder doch ein teuer erkauftes, ein zu teuer erkauftes.“

„Das zu beurteilen steht Ihnen als Historiker eher zu als mir, dem Naturwissenschaftler. Aber sonst sehe ich nicht so schwarz wie Sie. Es stecken einige gesunde Absichten in der neuen Entwicklung. Als alter Burschenschaftler kann ich zum Beispiel nur bejahen, daß endlich verwirklicht wird, was die Sehnsucht vieler Jahrhunderte war: Alle Deutschen in einem Staate zu vereinigen. Auch daß man der Raumnot endlich Herr werden will, ist einfach das Gebot der Stunde. Wir sind ja wohl unbestreitbar ein Volk ohne Raum.“

„Aber nicht das einzige! In dieser Not sind die meisten Völker des alten Europa. Sie ist eine Hauptursache aller sozialen, wirtschaftlichen und sogar seelischem Leiden der modernen Welt. Freilich ist sie bei uns besonders akut, aber es kann nicht gut gehen, wenn ein Volk diese Not mit Radau und Rücksichtslosigkeit blitzschnell und nur für sich allein beseitigen will, also durch einen Eroberungskrieg.“

„Hielten Sie das für so verwerflich? Alles Leben ist Raub. Sie müssen es mir als Biologen zugestehen, daß ich den Kampf ums Dasein mit allen Mitteln auch in der Menschengeschichte als beherrschendes Prinzip ansehe.“

Melk blieb stehen: „Hier sind wir bei einer Kernfrage angelangt.“

Die Allee war zu Ende, und sie gingen wieder zum Schloß zurück. Dr. Melk fuhr fort:

„Wenn Sie den Menschen biologisch begreifen, müssen Sie jede Sittlichkeit als Schwäche, als lebensbeeinträchtigenden Irrtum verwerfen, denn wenn bloß Naturtriebe ihn leiten, kann man von ihm keinerlei Einschränkung seines Egoismusʼ verlangen, worauf alle Ethik beruht. Humanität müssen Sie dann als nutzlose Gefühlsduselei ablehnen.“

„Sie führen mir meine Worte in extremer Konsequenz vor. Ich will das gleiche tun: Lehnen Sie den Kampf ums Dasein als Grundprinzip für das Handeln auch des Menschen ab, dann müssen Sie zu den Indern gehen, dürfen kein Tier mehr töten, um es aufzuessen, ja, Sie müssen sich wie ein Fakir dem Hungertode weihen, weil Sie ja auch in der Pflanzenkost Lebendiges verzehren.“

Melk lächelte: „Das kommt Ihnen absurd vor; mir auch, denn wir haben nun einmal einen zu starken Willen, um ihn in uns selbst verneinen zu können. Wir sind keine Inder. Aber wir wollen uns hüten, nur unsere Art allein als ‚gottgefällig‘ anzusehen.“

„Mit dem konsequenten Denken wären wir also zu unvereinbaren Endpunkten gelangt.“

„Ja, es ist hier wie immer nichts mit der Konsequenz. Leben ist nicht Mathematik, es läßt sich nicht ausrechnen.“

„Also schreiten wir zum Kompromiß. Ich gebe zu, daß der Kampf ums Dasein beim Menschen sich nicht in den einfachen Formen abspielt, die wir in der Natur sehen und gern als grausam bezeichnen oder als bloß zweckmäßig abtun. Der Mensch macht es komplizierter und raffinierter. Dabei mag dann auch manches Hübsche abfallen, was wir meinten, wenn wir von Kultur sprechen.“

„Ich weiß nicht, ob die Ironie der rechte Ton ist, Herr Direktor, wenn es sich um Dinge handelt, die uns heilig sein müssen, wollen wir nicht an allem Geistigen verzweifeln; mit anderen Worten: an unserem Menschentum. Es gibt ein Höheres in uns. Wir dürfen es nur nicht selbst ersticken, zertreten, verspotten, verachten. Unsere Aufgabe ist nicht Selbsterhaltung und Fortpflanzung allein. Dafür hätten wir nicht alles dessen bedurft, was uns von der Natur unterscheidet: Selbstbewußtsein, Vernunft, Sprache, eigenschöpferische Gestaltungskraft. Der Mensch ist anders als die Natur. Das eben befähigt ihn zur Humanität.“

„Und zu einer Bösartigkeit, mit der er jedes andere Wesen in der Natur bei weitem übertrifft.“

„Nicht nur übertrifft; allein der Mensch kann überhaupt bösartig sein, weil allein er Gut und Böse unterscheidet. Darum ist er ohne eine bindende Ethik das unglücklichste aller Geschöpfe, mit ihr aber — sie äußere sich als Religion oder Phisolophie — das reichste, reicher als die Natur, um alles das nämlich reicher, was wir Kultur nennen.“

„Ein Reichtum, der mir immer fragwürdig erschien.“

„Er ist es heute mehr denn je durch das Fehlen einer Ethik, denn man sollte sich hüten, die Züchtung eines geblähten Patriotismus für ethisch zu halten. In Wahrheit erweitert man damit nur den individuellen Egoismus zu einem kollektiven: Der Mensch wird zum Herdentier. Die Vermassung aber nimmt dem einzelnen die Verantwortung als sittliche Persönlichkeit, also sein Gewissen, und seine restlichen Anwandlungen von Humanität schaltet man aus, indem man an seinen Idealismus für höhere, das heißt machtpolitische, patriotische Zwecke appelliert. Als Menschenmaterial wird er in der großen Maschinerie des Staates verbraucht.“

„Ein düsteres Bild! So ganz unrecht haben Sie leider nicht; aber so sehr ich im grundsätzlichen, wo Sie Idealist sind, skeptisch urteile, sowenig zweifle ich doch im einzelnen daran, daß alles irgendwie richtig, weil notwendig, geschieht. Deshalb bleibe ich auch lieber bei Realitäten und philosophiere nicht gern. Man wird nur mißmutig davon.“

Sie waren bei dem kleinen Springbrunnen angekommen. Melk, die Hände auf dem Rücken, blickte nachdenklich auf das silbern zerrieselnde Tropfenspiel. Sternhaus sah ihn von der Seite an und brach das kurze Schweigen:

„Es tut mir aufrichtig leid, daß gerade Sie es sind, Herr Kollege, den man zu diesem blödsinnigen Schulungskurs befiehlt. Aber ich sagte Ihnen ja, ich . . .“

„Sie brauchen nichts zu befürchten“, winkte Melk ab. „Ich gehe hin und lasse mir zeigen, wie man die neue Jugend erziehen muß, und schweige, wo es angebracht ist.

Man sollte auswandern oder sich wenigstens zur Ruhe setzen. Aber dafür hänge ich zu sehr an den Jungen, an unserem Beruf — geradezu närrisch hänge ich daran. Und manches Gute kann man vielleicht doch noch stiften. Gerade jetzt. Den einen oder anderen bringt man doch zum Nachdenken, und damit ist schon viel erreicht. Das Nachdenken muß sich ganz von selbst gegen dieses Regime wenden. Man braucht fast gar nicht mehr zu tun, als dazu anzuregen. Sehen Sie doch die Grundsätze, nach denen wir die Jugend erziehen sollen. Nicht zuletzt zielt alles darauf ab, den Jungen und Mädchen keine Zeit zu lassen, sich Gedanken zu machen, ob denn auch alles, was man ihnen empfiehlt — und das heißt ja heute stets so viel wie befiehlt —, ob alles das auch recht und gut ist. Probleme gibt es für diese Jugend nicht mehr. Nur Lösungen, die in ehernen Lettern in den Schulungsheften zu lesen sind und geglaubt werden müssen, Parolen, Führerworte. Schon der Zehnjährige wird in eine Uniform gesteckt. Man mag beim Wandervogel und bei den Pfadfindern noch so viel an Fahrtengeist und freier Wanderlust entlehnen wollen — das Grundelement der HJ ist die vormilitärische Ausbildung. Drill und Dressur sollen im Kinde schon den Soldaten wecken. Daß die Seele dabei verlorengeht, der Geist unausgebildet bleibt — wer fragt danach? Das Ziel ist eindeutig: Sparta und nicht Athen. Oder wenn wir in Deutschland bleiben wollen: Potsdam und nicht Weimar.“

„Aber offenbar ist es im Sinne der heranwachsenden Generation. Die Jungen und Mädchen sind begeistert bei der Sache.“

„Die Mehrzahl gewiß. Jugend ist immer leicht zu begeistern, ist leicht entflammt für Dinge, die nach Abenteuer und Ferne schmecken, also für Krieg und Kriegesruhm. Jugend will im Dienst einer großen Idee stehen. Es ist die Schuld unserer Generation, Herr Direktor, daß wir ihr keine wahrhaft große, humane Idee aufrichteten. Nun läuft sie in blindem Eifer der erstbesten Fahne nach, deren Träger so klug waren, die Jugend aufzurufen.“

„Ja, ja. Außerdem steht der junge Mensch immer in einer ganz natürlichen Opposition zu Schule und Elternhaus, und gerade die vitaleren Typen sehen in der HJ eine vortreffliche Basis, dieser Opposition den Anschein nationalpolitischer Wichtigkeit zu geben.“

„Und sie haben in ihrer HJ ja auch eine reale Macht. Eltern und Arbeitgeber, ebenso wie die Lehrerschaft, verlieren immer das Rennen, wenn sie sich mit der HJ einlassen.“

Sternhaus sah sich wieder ängstlich um und zog etwas hastig die Uhr: „Wir haben uns ganz schön verplauderte. Meine Frau wird schon mit dem Essen warten.“

„Ja, es wird Zeit, daß wir einander frohe Ferien wünschen“, sagte Melk. „Doch ich hätte es beinahe vergessen — da ist noch eine halb dienstliche Sache. Was machen wir mit Frey? Er will auf eigene Faust nach England fahren, nachdem ihn die HJ nicht zum Schüleraustausch zugelassen hat. Man sollte ihm wohl abraten; es gibt bestimmt Aerger.“

„Ich weiß davon“, bestätigte Sternhaus, „und habe ihn natürlich darauf aufmerksam gemacht, daß er sich dadurch den Zorn seines HJ-Gebietsführers Landhoff zuziehe, von dem das Verbot ausgeht. Andererseits ist es natürlich gut für ihn, wenn er die Reise macht — rein bildungsmäßig. Er will ja zu diesem englischen Musikprofessor — wie hieß er doch gleich?“

„Professor Johnson meinen Sie, einer der bedeutendsten Musikpädagogen Großbritanniens, der mit unserem Orgelprofessor Gehrmann in Hellwedel befreundet ist. Gehrmann hat Frey als begabten Schüler empfohlen, und Johnson hat ihn darauf für die Ferien eingeladen. Damit es unkostenmäßig ermöglicht werden kann, nimmt Gehrmann dann seinerseits einen jungen Engländer auf. Also ein Schüleraustausch privat.“

„Ja, so schilderte es Frey mir auch. Ich bin überzeugt, daß er sich nicht abhalten läßt zu fahren. Nun, als Studienreise ist ja eigentlich nichts dagegen einzuwenden.“

„Wir wollen das beste hoffen, aber wenn ich an das treffliche Duo Landhoff-Nietmann denke, bin ich bedenklich. — Nun aber möchte ich mich verabschieden, Herr Direktor, um mich langsam ‚geistig und moralisch‘, wie es jetzt immer so schön heißt, auf meinen Lehrgang vorzubereiten. Ich will doch nun endlich lernen, wie man Jugend anfaßt.“

6.

Indessen war Thomas in rechter Ferienvorfreude nach Hause gegangen, war die Treppe zu seinem Stübchen hinaufgesprungen, hatte vergnügt pfeifend seine Mappe auf ihren Platz geworfen und mit den Reisevorbereitungen begonnen. Je eher er weg war, desto besser. Dann konnte wenigstens nichts mehr dazwischen kommen. Wenn er nur erst im Zuge säße! Und den Abschied hinter sich hätte . . . Gerade jetzt, nach dem unvergeßlichen Sonntagnachmittag, sollte er sich für fünf Wochen von Gisela trennen. Er trat an das offene Fenster, an welches greifbar nahe die großen Blätter der Linden des Kirchgartens heranreichten. Würde es nicht schöner sein, diese fünf Wochen in Giselas Nähe zuzubringen? Hier zu sitzen und an sie zu denken, den Abend erhoffend, der vielleicht ein Stelldichein brachte? Fast hätte er nun den Reiseplan verwünschen mögen; aber es war nicht mehr zu ändern. Gestern abend hatte er ihr erklärt, warum er trotz aller Schwierigkeiten die Englandreise machen wolle. Sie war sehr traurig gewesen, hatte aber eingesehen, daß es gut für ihn sei zu fahren. Durch die Leiden ihrer Mutter und die vielen Pflichten, die sie so jung übernehmen mußte, war sie es gewöhnt, eigene Wünsche zurückzustellen. Sie hatte an eine Wanderung zu viert gedacht, wenigstens in der letzten Ferienwoche, wenn sie von der Mutter weg gekonnt hätte. Karl wollte ja auch zu Hause bleiben, falls man ihn nicht zwingen würde, in ein Zeltlager zu gehen. Damit mußte er allerdings rechnen, denn Pastor Machenberg hatte bereits einen Brief bekommen, in dem er von der Gebietsführung gefragt wurde, ob er es etwa sei, der den Sohn davon abhalte, an dem Zeltlager teilzunehmen.

Thomas begann zu überlegen, was er auf die Reise mitnehmen müsse. Nein, es war nichts mehr zu ändern. Und schließlich lockre ihn ja auch die Reise, die Ferne, die neuen und schönen Erlebnisse, die er erwartete. Gisela war ganz ernst gewesen, als er ihr davon vorgeschwärmt hatte. Ja, er dachte immer nur an sich. Für sie würde es viel schwerer sein: sie blieb zurück bei der kranken Mutter, bei dem gefährdeten Vater.

Da klopfte es, und Peter Möhlen trat ein. In seiner raschen Art blickte er um sich:

„Na, Thomas, du steckst ja ganz in den englischen Reisevorbereitungen. Vergiß den Baedecker nicht!“

„Danke, Peter, aber du kommst bestimmt nicht nur, um mir das zu sagen.“

„Ja, da hast du leider recht.“

Peter setzte sich auf eine Kante des Schreibtisches.

„Ich muß eine ernsthafte Sache mit dir besprechen. Wir stehen uns nicht besonders nahe, aber du weißt, daß ich dich trotz deiner anderen Art schätze. Deshalb und weil ich hoffe, daß du aus deinen vielen Begabungen noch einmal etwas machst, zum Nutzen unseres Volkes, möchte ich zu meinem kleinen Teil dazu beitragen, daß du nicht vorzeitig gewissen Gefahren erliegst, die du nicht genügend beachtest.“

Thomas lachte etwas gezwungen: „Unser Peter wird feierlich, da bin ich gespannt.“

„Es ist ganz einfach folgendes: Man wünscht nicht, daß du deine Reise ausführst. Ganz offen, ich sprach mit Gebietsführer Landhoff über dich. Wir hätten uns beinahe verkracht. Er ist ein Fanatiker und scheint sich geschworen zu haben, dich zur Einordnung zu zwingen oder dir zu schaden, wo er kann. Und er kann; das übersiehst du vielleicht nicht so wie ich.“

„Es war mir klar, daß er es ist, der mir die Englandreise verderben wollte. Seit dem Streit um das Singen damals ist er mein Feind.“

„Du bist ihm auch vor allen Jungen zu kraß entgegengetreten. Das kann er sich nicht gefallen lassen, wenn er seine Autorität wahren will. Hättest du es ihm unter vier Augen gesagt . . .“

„. . . wäre auch nichts anderes herausgekommen. Er fordert ausschließlich neue Kampflieder, also dumme Texte mit schlechten Melodien. Dafür muß er sich einen anderen Singleiter suchen.“

„Du magst vom künstlerischen Standpunkt aus recht haben, aber klug war deine Haltung nicht; sie war außerdem unsoldatisch und grenzte an Meuterei. — Aber laß dir weiter erzählen. Ich sagte ihm, daß du wahrscheinlich trotz des Verbots der HJ nach England fahren würdest, weil du von einem englischen Musikprofessor eingeladen wärst. Er tobte. Du schienest ja ein Musterprodukt der Erziehung des Studienrats Melk zu sein, der bekanntlich die geistige Opposition in Person sei. Organist seiest du auch, stecktest also mit dem sauberen Pastor Machenberg unter einer Decke, und die politische Einstellung deines Vaters könne man bestenfalls als lau bezeichnen Die ganze Clique müsse man ausräuchern, schrie er. Kurz und gut, ich hatte den Eindruck, Landhoff hat nichts Gutes vor.“

Als Thomas zunächst schwieg, fuhr Möhlen fort:

„Du mußt nun unbedingt für dich behalten, was ich dir eben gesagt habe; auch deinem Vater gegenüber. Ich darf Landhoff keinesfalls in den Rücken fallen. Er ist mein Vorgesetzter. Ich vertraue deiner Verschwiegenheit. Du sollst nur alles wissen, weil du die Lage nicht verkennnen darfst. Ich bitte dich also: Bleibe hier und melde dich in letzter Minute zu dem Zeltlager. Auch Karl Machenberg wird gezwungen werden. Nicht von mir — nebenbei. Wenn du nach England fährst, wird man dich aus der HJ ausstoßen, und wie die Dinge liegen, wird man dir auch das Abitur unmöglich machen wollen. Du kannst dann nicht studieren. Mehr brauche ich nicht zu sagen.“

Thomas stand am Fenster und schwieg noch immer, während Möhlen eine Wiedergabe von Dürers „Hieronymus im Gehäus‘ betrachtete, die über Thomas’ Schreibtisch hing. Thomas wendete sich um und sagte:

„Peter, ich danke dir für deine Offenheit. Ich werde verschwiegen sein. Trotz allem aber kann ich meinen Plan nicht aufgeben. Ich kann mich nicht derartig wankelmütig zeigen. Auch vor Professor Johnson nicht, den ich nicht belügen will, und vor dem ich mich als Deutscher schämen müßte, wenn ich ihm die wahren Gründe schriebe. Es mag unklug sein, aber du wirst dich entsinnen, was Melk in der vorigen Deutsch-Stunde sagte: In einer Zeit, die immerzu von Haltung und Gesinnung spricht, soll man schweigen und selbst Haltung und Gesinnung beweisen und so leben, wie das Gewissen es fordert. Ich bekenne mich sehr gern als Produkt dieser Erziehung. Ich muß fahren.“

„Dann ist dir nicht zu helfen.“ Peter wendete sich zur Tür. „Uebrigens, zwischen uns beiden bleibt alles beim alten. Ich hoffe, wir werden uns immer achten können.“

Thomas trat wieder zum Fenster. In ohnmächtiger Wut ballte er die Fäuste. Aber er bezwang die Erregung und verscheuchte die aufkommende Sorge mit einem: „Ha, ich werde es ihnen beweisen!“ Mit wildem Schwung riß er den Koffer vom Schrank und begann zu packen. Aber bald hielt er wieder inne und schüttelte den Kopf. Wie konnten so grundanständige Menschen wie sein Klassenkamerad Möhlen begeistert für diese Partei eintreten? Die „zackige“ Uniform mit den Schnürchen und Litzchen, die immer schöner und glitzernder wurden, je höher der Rang war, mochte ein wichtiger Anreiz sein; aber das erklärte nicht alles. Wahrscheinlich sah eben ein gutwilliger Kopf auch Erbärmlichkeiten in rosigem Licht, wenn ihm nur die Illusion blieb, daß sie nichts anderes seien als kleine menschlich, allzu menschliche Umwege auf dem großen Marsch zu Zielen von erhabener Größe.

Thomas bemerkte erstaunt, wie er immer mehr zu Gedanken kam, von denen er noch vor kurzer Zeit nichts gewußt hatte. Trotz Melks Einfluß, denn Melk sprach selten unmittelbar von Politik. Auch Thomas hatte dieses Gebiet gemieden, nicht zuletzt, weil er sah, daß so viele Menschen durch Politisieren unglücklich wurden. Darum hatte er auch gemeint, der Pastor möge sich fügen. Seinen eigenen Streit mit Landhoff hatte er nie als den Zusammenprall politischer Gegensätze betrachtet, sondern nur rein sachlich. Er wollte und konnte den Kameraden keine schlechte Musik beibringen. Landhoff verlangte das von ihm. Also hatte er ihm öffentlich Unkenntnis und Mangel an Geschmack vorgeworfen und war seiner Wege gegangen.

Politik war bisher in seinem Leben gewesen, was Zeitungen ihm neben Büchern und Musik bedeutet hatten: Eine lästige, nicht recht verständliche Beigabe, mit der die Menschen sich viel Aerger machten, indem sie geringfügige Aeußerlichkeiten ungeheuer wichtig nahmen.

Bei den kleinen politischen Diskussionen mit Peter Möhlen oder anderen Kameraden hatte ihn mehr eine Neigung zu dialektischer Uebung als ein inneres Anliegen gereizt, den Gegenstandpunkt zu vertreten. Sehr bald war er immer ins Philosophieren gekommen, wo ihm die anderen nicht gern lange folgten.

So war er auf das Politische höchstens dort gestoßen, wo es ans Philosophische grenzt, und dort hatte er es oft noch nicht einmal als politisch erkannt. Zum HJ-Dienst in Peter Möhlens Gefolgschaft ging er gerade so oft, wie unbedingt nötig war, um nicht ausgestoßen zu werden, wobei Peter manchmal ein Auge zudrückte, weil er sah, daß Thomas nicht bummelte, sondern durch seine Orgelstunden in Hellwedel und durch das Organistenamt neben der Schule immer vollauf zu tun hatte. Von sich aus wäre Thomas vielleicht gar nicht in die HJ eingetreten, aber alle sagten, er käme dann nicht in die Oberstufe des Gymnasiums, könne das Abitur nicht machen, und an eine Karriere später wäre nicht zu denken. Etwas Großes, Tüchtiges aber wollte er doch werden. Wie der Vater es wünschte, so dachte auch er sich gern als berühmten Professor, vielleicht Rektor, an einer großen Universität, gefeiert von Studenten und Kollegen, Ehrenmitglied vieler Akademien. Zwar gestattete er sich selten solche Wunschträume, weil er ein ausgeprägtes Schamgefühl für Eitelkeiten hatte, aber er wollte doch den Lebenswunsch des Vaters nicht enttäuschen und hoffte ihm vorzuarbeiten, wenn er das hohe Ziel recht fest ins Auge faßte.

Alles mußte diesem Ziel unterstellt werden. So trat er auch in die HJ ein; der vorgefaßte Lebensweg sollte nicht aus Bequemlichkeit gefährdet werden. Hatte er es auch bis heute nicht zu einer vollständigen Uniform gebracht und war er deshalb auch schon von außen als räudiges Schaf kenntlich, so hatte ihm doch, besonders am Anfang, manches Spaß gemacht; namentlich Sport und Fahrten. Vor Kundgebungen, Schulungsabenden und Propagandamärschen, wo man einen Wimpel oder einer Trommel heiser singend nachzutrotten hatte, drückte er sich regelmäßig.

Thomas politischer Werdegang war also alles andere als mustergültig. Aber erst jetzt, als man ihm einen schönen Plan, einen großen Wunsch verderben wollte, da er politisch unzuverlässig sei, begann seine fügsame Gleichgültigkeit einer bewußten Opposition zu weichen; seine Kritik konnte nicht länger theoretisch bleiben, sie mußte praktisch gelebt werden, wenn er sich nicht selbst untreu werden wollte.

Nein, er mußte nach England, wenn auch alles sich dagegen verschwor. Es würde sich so bald nicht wieder eine solche Gelegenheit bieten, den Gesichtskreis zu erweitern und musikalisch so entscheidende Anregungen zu empfangen, wie sie ihm Gehrmann von der Begegnung mit Professor Johnson versprochen hatte.

Die Mutter kam herauf, ein frisch gebügeltes Hemd über dem Arm, das sie in den Koffer legte. Sie strich Thomas über die Hand und sagte:

„Hoffentlich kommst du recht reich an Erlebtem zurück, mein Junge. Aber auch mit einer tiefen Sehnsucht nach deiner Heimat, deinem Elternhaus, denn hier ist der Frieden, und den findest du nirgends sonst in der Welt.“

Thomas blickte sie fest an:

„Hab keine Sorge, Mutter, es wird alles recht geschehen.“

7.

Studienrat Dr. Melk saß in seiner kleinen Studierstube bei der Lampe. Er bewohnte eine einfache Wohnung am Rande der Stadt. Für das Nötigste im Haushalt sorgte eine Witwe aus der Nachbarschaft, Frau Schnelle, die aber nur vormittags, in des Doktors Abwesenheit, wirken durfte. Sie kaufte auch für ihn ein. Mittagbrot aß er im „Goldenen Löwen“, und was er sonst brauchte, machte er sich nun schon lange allein. So lebte er karg und ohne Luxus — ein entsagender Philosoph, abgesehen vielleicht von einer Neigung für konzentrierte Geistigkeit, auch in Form von Getränken. Dennoch hatte ihn nie jemand unbeherrscht gesehen.

Nicht immer hatte Dr. Melk so einsam gelebt. Von seinem früheren Leben wußte man freilich in Brösenheim nur wenig. So frei und offen er sonst über alles Auskunft gab — warum er nach Brösenheim gekommen war, und was vorher geschah, das wußte nur der Oberstudiendirektor Sternhaus in groben Umrissen aus den Akten, worüber er jedoch Stillschweigen bewahrte.

Dr. Melk war als geschiedener Mann vor über zwanzig Jahren aus Berlin nach Brösenheim gekommen. Wer ihn hier sitzen sah, bei vielen Büchern und Schriften, Tabaksqualm um sich blasend und manchmal die widerspenstige graue Mähne mit den feinen schlanken Händen zurückstreichend, im schäbigen Rock, der hätte in ihm nicht den glänzenden Gesellschafter wieder erkannt, der in Berlin an der Seite seiner schönen Frau ein großes Haus geführt hatte. Seine literarischen Abende waren berühmt gewesen, und es hatte als Ehre gegolten, im Hause Melk zu verkehren. Dr. Friedrich Melk war damals eine der jungen Hoffnungen der philosophischen Fakultät an der Universität. Seine Frau war sehr reich und eine gefeierte Sängerin, die nie ganz darauf verzichten konnte, vor dem großen Publikum zu glänzen. Daraus erwuchs dann auch alles Unglück. Kurz bevor er die Professur bekommen sollte, war in wenigen Wochen alles um ihn her zusammengestürzt, und nur langsam hatte er sich aus den Trümmern aufgerafft, um ein neues Leben zu beginnen. Die Umstände, die zu der Trennung von seiner Frau geführt hatten, stellten ihn gesellschaftlich bloß und machten ihn arm. Er verzichtete auf allen Gelehrtenehrgeiz, lebte zunächst einsam und verborgen und nahm endlich ein Anerbieten an, das ihm ein Freund in einem Provinzialschulkollegium verschaffte. Dieses Anerbieten betraf seine jetzige Lehrerstelle am Gymnasium in Brösenheim.

Als ein langsam Genesender fand er sich nicht leicht in die neue Umgebung. Bald aber machte ihm der Schuldienst mehr Freude, als er je für möglich gehalten hatte, und mit der Zeit nahm er auch die eine oder andere eigene Arbeit wieder auf. Von dem Ehrgeiz, in der Wissenschaft einen Namen zu erwerben, wandte er sich ab und verbrauchte seine Kraft ganz im Dienste der Erziehung seiner jungen Schüler und in einsamer, stiller Arbeit, über die er sich höchstens dem Buchhändler Frey gegenüber äußerte, wenn er ein einschlägiges Buch bestellte.

Seinen Schülern wollte er mehr sein als eine unnahbare Lehrkraft. Viele hatten in ihm den väterlichen Freund kennengelernt. Mehr als ein verzweifelter junger Mensch hatte schon in seiner verqualmten Studierstube gesessen. Immer wußte Dr. Melk einen Weg. Oft unterstützte er nicht nur mit Rat, sondern, wo es nötig war und soweit er es selbst konnte, auch materiell. So galt er von Sexta bis Prima als Rettungsanker, und er hatte die rechte Art, einem Schüler keine Bitte schwer werden zu lassen.

Nur eine Leidenschaft hatte er. Das waren Bücher. Was er an Mitteln erübrigen konnte, trug er in die Buchhandlung Frey. Seine kleine Wohnung war eine einzige, erlesene Bibliothek. Die Anordnung der Bände war freilich eine genialische, in der sich niemand zurechtfand außer ihm selbst. Er brauchte nur den Arm auszustrecken und fand mit nachtwandlerischer Sicherheit das Gesuchte, wohingegen er nach den Gegenständen des täglichen Gebrauches oft lange vergeblich fahndete; so nach Tassen, Kragenknöpfen, Hut und Stock. In höchst bösartiger Weise schienen sich diese Dinge immer vor seinen zuerst geistesabwesenden, dann aufmerksamen und schließlich ungehaltenen Nachforschungen zu verkriechen. Daran hatte die säubernde Hand der Witwe Schnelle viel schuld. Deswegen durfte sie nicht in sein Studierzimmer. Wenn etwa jemand versucht hätte, dessen individuelle Ordnung in eine übliche zu verwandeln, der würde damit den Zorn des Doktors erregt haben, wie es mit nichts sonst möglich gewesen wäre. Das scheinbare Chaos war für ihn ein logisch geordneter Kosmos mit eigengesetzlichen Schichtlinien und innerer Systematik.

So hauste er einsam in seinem Reich.

Dieser Abend jedoch sollte ihm noch einen Besuch bringen. Unwillig über die Störung, öffnete er. Kaum aber hatte er erkannt, wer in das Licht der Diele trat, rief er freudig aus:

„Ach, Herr Frey! Ein seltener, aber willkommener Gast. Kommen Sie herein in die Höhle des qualmenden Ungeheuers.“

Melk konnte durchaus leutselig sein und redete manchmal sogar gern, auch mit sich selbst — das eigentlich am liebsten.

„Ich störe Sie“, sagte Frey etwas linkisch, indem er auf den Arbeitstisch wies, „weiß ja selbst, wie ungern man sich da wegholen läßt.“

„Sie stören nie“, erwiderte Melk gemütlich. „Setzen wir uns. Ach so, Moment bitte, ich muß erst den Stapel Zeitschriften hier in die Ecke bringen . . . So, jetzt ist der Stuhl frei. Und nun wollen wir plaudern. Halt, mit Dampf geht es besser; hier — nein, na, wo sind sie denn? Ach so, ja, hier: helle Schlanke aus Hamburg, die mögen Sie doch am liebsten, nicht?“

„Sehr liebenswürdig, Herr Doktor. Danke sehr!“ Frey griff vorsichtig mit den Fingerspitzen in die Kiste und hob mit genießerisch heraufgezogenen Augenbrauen die lange, schmale Zigarre an die Nase. Melk drehte sich zu seinem Arbeitstisch um und nahm von einem riesigen, überfüllten Aschenbecher einen erloschenen Stummel.

„Ich bleibe lieber bei meiner starken Dunklen“, sagte er dabei. „So, und hier haben wir auch einen kräftigen Schluck.“

Er griff in eine Ecke, die von der Stehlampe nicht ganz ausgeleuchtet wurde, und brachte eine Flasche Kognak hervor. Beim Einschenken sprach er dann munter fort:

„Ja, Herr Frey, nun sind die Ferien wieder vorüber. Na, Sie hatten ja sowieso keine.“

„Sie ja wohl auch nicht, Herr Doktor. Wie war er denn, Ihr Lehrgang?“

„Ach, wissen Sie, recht interessant und — — nicht ganz ungefährlich. Es wurde nämlich auch diskutiert. Alles hielt hinter dem Berge, und ich bin ja nun nicht gerade lebensmüde, so daß ich mich auch vorsah und nur in allegorischer Verbrämung so einiges anbrachte. Das hat die meisten Teilnehmer — fast alles junge Dachse — ergötzt, die Veranstalter und Leiter aber gekränkt, was verständlich ist. Sie haben mich vermutlich als für die NS-Religion verloren und als nicht ungefährlich beurteilt. Ja. Aber danach war ich in meinem Ostseekaff. Sie wissen ja, wo ich jedes Jahr hinfahre. Nichts als Sonne, Meer und Sand, frische Luft, freien Blick, mittags Aal blau, abends frisch geräucherte Flundern, manchmal einen Köhm oder einen Grog. Nur schweigsame Menschen, Fischersleute, bei denen ich immer wohne, am Abend eine Pfeife, bei Sonnenuntergang in den Dünen, wenig Bücher, viele Gedanken, manche Erinnerung wohl auch und mancher Wunsch.“

Er strich seine Zigarre am Aschbecher ab. „Tja, man wird nicht frei davon; von den Wünschen, meine ich, die der ewige Jüngling in uns träumt. — Und Sie, Herr Frey? Sind Sie nicht einmal verreist in der Zeit der Geschäftsflaute?“

„Ach, Herr Doktor, dazu reicht es nicht recht, man muß doch für die Kinder sparen. Thomas soll studieren und es besser haben als ich, er soll ganz sorglos sein können. Da wäre ich nun auch bei der Ursache meines Besuches. Wir haben ihm ja so gern die Englandfahrt ermöglicht — auch gegen alle Schwierigkeiten. Er konnte damals nicht mehr Zurücktreten. Nun scheint es uns aber teuer zu stehen zu kommen.“

„Nehmen Sie es nicht zu schwer, Herr Frey. Ich habe schon gehört, er ist aus der HJ ausgestoßen worden. Soll er froh sein, daß er dem Theater fernbleiben kann.“

„Wenn es nur das wäre, Herr Doktor. Aber man gibt sich damit nicht zufrieden. Heute abend war noch Herr Direktor Sternhaus bei mir; zuerst suchte er nur nach einem Buch, aber dann teilte er mir mit, daß der Herr Oberschulrat Thomas Schulgeldermäßigung gestrichen habe. Ferner könne eine Zulassung zur Reifeprüfung nur erfolgen, wenn Thomas inzwischen politisch aktiver würde.“

„Donnerwetter!“ Melk stand erregt auf. „Da steckt natürlich der Landhoff dahinter. Ich sage ja, das ist ein prächtiges Paar, der Nietmann und der Landhoff. Ueberall lobt man ihre Zusammenarbeit als mustergültig für die Erziehungsgemeinschaft Schule—HJ. Ein würdiges Paar! Von denen ist allerdings nichts Gutes zu erwarten. Es wird sogar schwer sein, Thomas unter Hinweis auf seine Begabung herauszupauken.“

„Darauf hat man schon angespielt“, sagte Vater Frey. „Man sehe nur auf Grund seiner besonders guten Leistungen davon ab, ihn sofort von der Schule zu weisen.“

„Und damit müssen wir noch zufrieden sein, Herr Frey, wie die Dinge einmal liegen.

Bliebe die Frage der gestrichenen Schulgeldermäßigung. Sie dürfen das Geld für sein Studium nicht angreifen. Ich weiß, wie bitter es ist, wenn man in diesen freiesten Jahren des Lebens auf jeden Groschen achten muß. Aber wir werden das schon machen. Sie können auf mich rechnen.“

„Nein, nein, Herr Doktor, ich weiß, wie gern Sie helfen. Mehr als Sie eigentlich können. Aber wir haben das schon besprochen. Ich werde achtgeben, daß der Laden mehr abwirft, und Thomas selbst muß den Kirchenrat bitten, seine Organistentätigkeit, die er ja bis jetzt ehrenamtlich ausübte, zu honorieren. Vielleicht geht auch Professor Gehrmann mit dem Preis für den Orgelunterricht etwas herunter. Wir kommen schon durch. Hauptsache ist, man läßt es damit genug sein, und der Junge kann sein Abitur machen. Sonst wäre ja alles vergeblich gewesen.“

„Durch das Abitur werden wir ihn schon kriegen, und wegen später wollen wir uns jetzt keine allzu großen Sorgen machen. Wer weiß, was alles kommt.“

„Ja, wer weiß. Aber auf jeden Fall soll Thomas’ Zukunft gesichert sein, soweit es an mir liegt. Auf eine Begabtenförderung möchte ich jedenfallls nicht vertrauen. Man sieht ja, was Begabung heute wert ist.“

„Nun sind Sie auch verbittert, Herr Frey.“

„Ja, ich kenne mich selbst nicht mehr, Herr Doktor. Seit man den Jungen so behandelt, habe ich einen Zorn auf die ganze Bande. Zuerst wollte ich ein Bittgesuch machen, daß man ihn wieder aufnehme, so schwer es mir gefallen wäre. Aber Thomas wollte nicht, und dann schämte ich mich selber des Gedankens. Nun muß er eben sehen, wie er so durchkommt. Lieber wäre es mir gewesen, er hätte sich gut mit denen gestellt.“

„Lassen wir den Thomas nur selbständig seinen Weg gehen, Herr Frey. Wir Alten können doch nicht mehr tun, als aufpassen, daß er sich nicht allzu sehr verirrt oder durch irgendeinen Unfall am Wege liegenbleibt. Gehen und auch irren muß die Jugend immer selbst.“

Vater Frey nickte sorgenvoll und sog an seiner Zigarre. Dr. Melk kramte unter vielen Schichten von verstreuten Papieren einen Zettel hervor und begann mit dem Buchhändler seine dringendsten Bücherwünsche zu erörtern. Darüber kamen sie in ein langes Gespräch. Der Tabaksqualm wurde dicker, die Flasche leer, auch noch eine zweite, die Dr. Melk aus der offenbar recht ergiebigen dunklen Ecke hervorholte, und erst spät in der Nacht schüttelten sich beide die Hände zum Abschied. Für den einsamen Gelehrten war das Gespräch ein lange entbehrtes Glück gewesen. Frey aber kam entschieden fröhlicher nach Hause, als er gegangen war. Der Schlüssel zur Haustür wollte durchaus nicht passen, und die Treppe zum Obergeschoß glich einer wildbewegten Ziehharmonika.

8.

Der Sommer war vorbei, aber oft noch stahl sich ein sonnenwarmes Stündchen in die Reihe grauer Tage, besonders dankbar begrüßt von den Menschen, die sich noch scheuten, an das Sinken der Sonne zu glauben.

Thomas ging wieder wohlgemut zur Schule. Nach den Aufregungen bei seiner Heimkehr von England schien wieder alles im rechten Gleis. Wenn er die Kameraden abends oder an Sonntagen zu ihrem HJ-Dienst gehen sah — manche eilig und in stolzem Vollgefühl ihrer Wichtigkeit, andere etwas mißmutiger, alle aber von der Gewohnheit bezwungen und schon unfähig geworden, es noch anders zu wünschen, dann blätterte er schmunzelnd eine Seite in dem Buche um, das er gerade las — droben in seinem Stübchen, wo es so ganz besonders still sein konnte, an regenduftenden Herbstabenden bei offenem Fenster. Oder er begab sich zum Ueben und verfiel für mehrere Stunden der Orgel. Oft wurde es Nacht um ihn, wenn ihn die Musik einmal ganz besonders gepackt hatte. Langsam fühlte er sich immer tiefer eindringen in das Klingen der großen Harmonie, in diese reinste Schönheit, welche Menschen schaffen und begreifen können. Seit er in England viel auf dem Cembalo gespielt hatte, wünschte er sich, nun auch hier, neben der Orgel, auf diesem alten Instrument einer versunkenen Zeit spielen zu können; einer Zeit, in der man sich noch auf ein rauschendes, festliches Musizieren ebenso gut wie auf ganz intime, zärtliche Melodien und auf die starke Tiefe der großen Kirchenmusik verstanden hatte. Mit einem Schüler Johnsons, einem Flötisten, hatte er die Flötensonaten Händels kennengelernt, und nun schwärmte er mit Gisela davon, später — vielleicht in einem eigenen Heim — zusammen mit ihr diese Flötensonaten zu spielen. Gisela übte schon fleißig dafür.

Wenn er so am Bilde ihrer gemeinsamen Zukunft malte, hörte sie ganz still zu und streichelte nur leise seine Hand.

Ihr Wiedersehen, als Thomas aus England kam, hatte ihnen gezeigt, wieviel sie einander waren. Zuerst hatte Gisela dem weitgereisten und von der Seeluft gebräunten Thomas ganz schüchtern gegenübergestanden. Beim ersten Alleinsein aber war alles zwischen ihnen gewesen wie zuvor. Nur noch reicher beschenkt — einer durch die Gegenwart des anderen — kamen sie sich jetzt vor. „Und du hast dich auch wirklich in keine schöne Engländerin Verliebt?“ hatte sie halb schelmisch, halb ängstlich gefragt. Er erzählte ihr von dem frohen Schülerkreis um Professor Johnson, dem er vier Wochen angehört hatte. Wieviel er gelernt habe, daß er sich sehr schnell mit allen verstanden habe, nicht nur in der Sprache, sondern auch in den rein menschlichen Beziehungen. Wie zudem ja immer die Musik das gemeinsame, verbindende Ziel gewesen sei.

Auch daß man dem „Neuen Deutschland“ drüben nicht besonders viel Sympathie entgegenbringe, hierüber hatte er zumal mit dem Vater und Dr. Melk geredet. Ja, man sei recht offen gewesen. Das neue Regime stoße mit seiner Kraftmeier-Bluff-Methode alle Diplomaten der Welt unablässig vor den Kopf. Es gebärde sich, als wenn das Deutsche Reich eine Insel sei, die völlig isoliert liege, und auf der man darum tun könne, was einem gerade einfalle. Man vergesse offenbar, das im alten Europa und auch sonst in der Welt des zwanzigsten Jahrhunderts die Staaten eng miteinander zusammenhängen, und daß irgendwelche Gewalttaten eines Staates gleich die ganze Welt in Aufruhr bringen müssen — ähnlich wie eine Lawine die Schneemassen ganzer Berghänge abrutschen läßt. Man hoffe, das Volk der Dichter und Denker werde nicht plötzlich einen Amoklauf beginnen wollen.

Auch zu Peter Möhlen sprach Thomas darüber. Der verzog höhnisch den Mund:

„Ja, ja, das Volk der Dichter und Denker! Man wird sich diese zahme Formel abgewöhnen müssen, mit der man uns solange eingesperrt hat, wie einen gutmütigen Bären, der zwar klug, musikalisch, künstlerisch ist, aber eben immer brav nach der Pfeife anderer tanzte, die ihn mißtrauisch bewachten. Der Bär ist aufgewacht!“

„Und wird nichts als Unheil anrichten, wenn er sich wie ein wildes Tier gebärdet“, entgegnete Thomas.

„Wenn schon“, sagte Peter, „so ist es doch besser zu herrschen, als beherrscht zu werden.“

Thomas konnte darauf nichts mehr erwidern, weil die Schulglocke sie ins Klassenzimmer rief. Ihr kurzes Gespräch hatte sich in der Pause nach einer Turnstunde abgespielt. Jetzt gab es Physik. Es gelang Thomas nicht, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Er versuchte, sich klar darüber zu werden, warum Peter Unrecht hatte, aber es fielen ihm so viele Gesichtspunkte ein, die dafür und die dagegen sprachen, daß er nach der Schule ziemlich verwirrt nach Hause ging.

Am Nachmittag brachte er ein entliehenes Buch zu Dr. Melk zurück. Der alte Lehrer hatte seinen schlechten Tag. Es befiel ihn manchmal ein tiefer Mißmut. Die Trostlosigkeit seines einsamen Lebens stand ihm dann deutlich vor Augen, alle gescheiterten Hoffnungen erwachten für Sekunden, um ihn nur desto mehr erkennen zu lassen, wie wenig geblieben war. Er beherrschte sich, so gut es ging; im Unterricht merkte ihm selten einer etwas an — nur daß er reizbarer war als sonst.

Eben jetzt war er von einem Spaziergang zurückgekehrt, der ihn etwas erfrischt hatte. Aber als er seine Stube wieder betrat, sah ihn die Einsamkeit aus all der Unordnung an. Selbst die Bücher, seine einzigen Freunde, schienen ihm jetzt nur Zeugen seiner Freudlosigkeit. Da standen sie in Reihen oder lagen umher, bedrucktes Papier, unlebendiger Ersatz für wirkliches, warmes, grausam-schönes Leben. Ihre prächtigen oder einfachen oder abgegriffenen Rücken standen steif und fahl in dem schwindenden Licht des grauen Herbsttages, der durch das Fenster sah. Melk erkannte in ihm das Abbild seines eigenen Lebens. Er trat an das seit vielen Jahren nicht geputzte Fenster, lehnte die Stirn an das kalte Glas und sah dem Winde zu, der mit gefallenem Laub spielte — wie das Schicksal mit uns, dachte er.

Es klingelte. Er schrak zusammen, fuhr sich durch das abstehende Haar und ging, um zu öffnen.

„Ach, Thomas, du bist es“, begrüßte er den Eintretenden. Ausgerechnet heute mußte der Junge kommen.

Thomas setzte sich, während der Studienrat, die Hände in den Hosentaschen, im Zimmer auf und ab lief. Allmählich kam ein Gespräch zustande, und schließlich war Melk froh, daß ihn etwas ablenkte. Er zwang sich, auf Thomas’ Worte einzugehen. Dieser hatte einige Fragen zum griechischen Drama. Danach plauderten sie noch etwas. Melk setzte sich in seinen Lehnstuhl, suchte eine Zigarre und Streichhölzer, brannte eine Kerze an, denn er unterhielt sich ungern bei greller Beleuchtung, und begann langsam wieder ein gewisses Behagen zu spüren.

Thomas erwähnte nun auch sein Gespräch mit Peter Möhlen vom Vormittag. Melk sog kräftig an seiner Zigarre und sagte, während er den Rauch durch die Nase ausströmen ließ:

„Das mit dem Bären ist nett. Aber — wozu haben wir die Vernunft? Im Gegensatz zu Bären? Gewiß stehen auch wir Menschen in einem harten Lebenskampf. Aber muß man denn aus Not — denn man kämpft doch zunächst aus Not um sein Leben —, muß man aus dieser Not eine Tugend machen? Und dann auch noch gleich die höchste? Das aber tun unsere heroistischen Bannerträger und Paukenschläger. Den „furor teutonicus“ wollen sie wecken, die wilde Kampfeslust, die sich eher selbst zerstört, als vom Kampfe abläßt. Darum das Gerede von der nordischen Ueberwertigkeit, darum ein allgemeines Fanatisieren. Es kann aber unmöglich das Ziel der Menschheit sein, rohe Gewalt zu entfalten. Der kämpferische Trieb muß dem Geist unterworfen bleiben, der ihn zähmt und mäßigt. Dadurch allein wird das menschliche Tun human.“

„Aber war diese glückliche Verbindung von Krieg und Geist jemals Wirklichkeit in der Geschichte?“

„Einmal zum Beispiel in recht hohem Maße im alten Griechenland. Der Grieche war diesseitsfroh und stark, aber er vergaß darüber nicht das Reich der inneren Werte. Gern ergab er sich auch dem Zarten und sinnlich Angenehmen, ohne Angst, ob auch die Uniform gut sitze, ohne zu fürchten, an heldischem Renommee einzubüßen. Er konnte es sich leisten, unheroisch zu erscheinen, weil er den Adel der Gesinnung hatte, der den Helden ausmacht. Der Urgegensatz von Geist und Natur beherrschte auch den Griechen. Auch er hatte starke Neigungen zum hemmungslosen, triebhaften Sichausleben. Aber im Entscheidenden stand ihm Apoll doch über Dionysos“

„Das war Athen, Herr Doktor. Aber Sparta . . .“

„Ja, wir finden für alles ein Beispiel in der Antike. Der Spartaner verachtete und fürchtete den Geist, weil er keinen besaß, und versuchte ihn durch rohe Gewalt zu ersetzen. Er verstand seine Triebe nicht vernünftig zu lenken, deshalb unterjochte er sie mit Brutalität, um doch auch eine Rolle spielen zu können; denn Selbstzucht ist nun einmal die Voraussetzung für jede Leistung. Und in der Tat spielte er eine Rolle. Seine wohldressierten Horden machten gewisse Eroberungen, die in den Geschichtsbüchern vermerkt sind. Weiter blieb nichts. Was aber blieb uns von Athen? Wollen wir vom Sichtbaren absehen, der Akropolis etwa, so braucht man sich ja nur weniger Namen zu erinnern — Sokrates, Platon, Aristoteles — Sophokles, Aischylos, Eurypides — Mnesikles, Phidias, Praxiteles —, um zu wissen, wer den Weg zu einem höheren Menschentume beschritt: Sparta oder Athen.“

„Daß man soviel bei den Griechen lernen kann, versöhnt mich auch immer wieder mit dem Griechischen in der Schule, wenn ich oft denke, es sei ein großer Ballast und unnütz für das praktische Leben.“

„Nein, Thomas, es ist auch für das praktische Leben nicht unnütz, denn alles Praktische entsteigt ja dem Gedanklichen — wie der Geist, so die Tat. Natürlich ist es begrenzt, was wir vom Griechen lernen können. Wir sind anders. Unser ganzes Werden geschah anders. In der Begegnung des blutvollen, jungen, kräftigen Germanentums mit den Mittelmeerkulturen und mit dem Christentum vollzog sich allmählich eine Entwicklung, die in vielen Blüten durchaus antike Größe erreicht hat. Aus dieser Begegnung ist unsere Kultur erwachsen, die wir die abendländische nennen. Sie ist ein komplizierteres Gebilde, als die Antike. Deshalb vollzog sich unsere Geschichte auch in den absonderlichsten Windungen. Wir erreichten in manchen Einzelleistungen wohl Feineres, Genaueres, auch Tieferes als die Griechen — sie dagegen fanden die große Harmonie, die uns nur als ewige Sehnsucht vorschwebt. Ich will keinen kritiklosen Klassizismus predigen — man muß sich der blutsmäßigen Verschiedenheit, der anderen Weltstunde und auch mancher Schwächen der Antike klar bewußt sein. Wohl aber können wir an der Antike sehen, wozu das Streben nach Humanität den Menschen befähigt.“

„So möchte ich es Möhlen einmal darstellen können“, sagte Thomas vor sich hin.

Melk stand auf: „Das wäre zwecklos. Peter Möhlen und alle, die so denken wie er, können nur vom Leben selbst belehrt werden.“

Auch Thomas war aufgestanden und verabschiedete sich. Melk brachte ihn zur Haustür.

Als er in sein Arbeitszimmer zurückkehrte, überfiel ihn erneut die Bitterkeit und der Mißmut dieses grauen Tages. Eben war noch die Stimme dieses jungen, hoffnungsvollen Menschen im Raum gewesen. Und seine eigene, die von großen und schönen Dingen geredet hatte. „Immer reden, reden und manchmal schreiben, das ist alles, was bleibt.“ Ihn ekelte vor seiner eigenen Stimme. Kalter Zigarrenrauch stand über der Kerze, die unruhig flackerte. Er blies sie aus. Wieder fröstelte ihn. Im Dunkeln tastete er sich an den Arbeitstisch und suchte den Lichtschalter. Kalt und grell flammte die elektrische Lampe auf. Er schloß geblendet die Augen und beschattete mit der Hand sein Gesicht; mit der rechten griff er nach dem Tagebuch und einem Schreibstift. Die Augen bis auf einen Spalt zusammengekniffen, schrieb er mit seiner schnellen, schwer lesbaren Schrift:

„Wieder einen belehrt! Glaubte selbst an meine Worte, als ich sie sprach. Gut so, braucht ja nicht unbedingt schon zu wissen, was ich auch erst langsam und unter Schmerzen erfuhr. Ist zur Hoffnung noch jung genug. —

Humanität!

Sieg des Geistes!

Ist’s nicht am Ende stets der gleiche Zirkus? Ob nun Pferde, Elefanten oder nackte Mädchen gezeigt werden, ob die Kapelle einen Marsch, einen Walzer oder einen Rumba dazu spielt — immer das gleiche. Es wird gelacht, gestaunt, geschimpft. Einmal ist es aus, und den Eintrittspreis fand man meistens zu hoch; der Nachgeschmack ist schal. Selbst der Zirkusdirektor ändert nur sein Aeußeres. Ob er nun Alkibiades heißt und in strahlendem Muskelspiel glänzt, ob Caesar mit ernster Toga, ob er im Reitdreß oder im Frack mir weißer Weste erscheint, ob er Handschuhe trägt oder — eine braune Uniform: Ewig knallt die Peitsche, und wer weiß, ob der verrückt geschminkte Clown, der die vielen Backpfeifen lächelnd und höflich einsteckt, nicht der einzige Weise in dem ganzen Tollhaus ist.“

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330 стр. 1 иллюстрация
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9788711836224
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