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Tatjana Böhme-Mehner

Leipziger Mörderquartett

Kriminalroman


Zum Buch

Mord in der Musikstadt Es ist kein alltägliches Konzert, zu dem Anna Schneider in den Club In-and-Out kommt. Normalerweise würde das Streichquartett hier nicht spielen. Und auch die Leipziger Musikkritikerin ist alles andere als zu Hause an diesem Ort. Wer zum Henker kommt auf die Idee, hier ein klassisches Konzert anzusetzen? Von vornherein scheint nichts zu passen. Als der Bratscher des Quartetts während des Konzerts von einem losen Scheinwerfer erschlagen wird, entdecken Anna und Habakuk C. Brausewind, ein Kollege des Toten, eine Reihe von Ungereimtheiten, die sie zunächst auf die Fährte dubioser Machenschaften auf dem Musikinstrumentenmarkt und dann in die Schwulenszene führen. Oder ist der Täter doch in der intimen Welt des Streichquartettspiels zu finden? Hatte der Getötete etwa ein dunkles Geheimnis?

Tatjana Böhme-Mehner lebt im Saarland und arbeitet als Programme Editor an der Philharmonie Luxembourg. Nach dem Studium der Musikwissenschaft und Journalistik sowie ihrer Promotion an der Universität Leipzig forschte und lehrte sie an unterschiedlichen Institutionen in Deutschland und Frankreich und arbeitete rund zwei Jahrzehnte als freie Musikjournalistin und Kulturpublizistin in Mitteldeutschland. Sie veröffentlichte Sachbücher sowie Erinnerungen an ihren Vater Ibrahim Böhme.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Christine Braun

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Murushki / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6928-2

1

Tok-tok-tok-tok und dann ein permanentes heftiges Rütteln, das in den ganzen Körper hineinströmte. Anna liebte das Gefühl des Hochdruckreinigers in ihrer Hand, das sich fortsetzen würde, weit über diesen Moment hinaus in die geordneten Klänge des Abends. Während die Wassertropfen vor der schon recht westlich stehenden Sonne einen Miniaturregenbogen bildeten, malte sie kleine Kreise auf den fleckigen Terrassenboden … Hier ein Smiley, dort … Was immer es war, es machte Anna Spaß. Selbstvergessen verbrachte sie mehr Zeit mit der Reinigung der winzigen Dachterrasse, ihrem Refugium über der Stadt, als es im Entferntesten nötig gewesen wäre. Hätte sie jemand beobachtet bei dieser eigenwilligen Putzaktion, hätte der wohl gemeint, dass sie tief in ein sehr kompliziertes Gedankenkonstrukt versunken war. Doch im Gegenteil: Anna genoss es, gar nichts zu denken. Sie wollte nichts weiter, als mit der Vibration des Hochdruckreinigers sich selbst zu spüren.

Ohnehin würde sie gleich wieder in jene feinsinnige Welt eindringen müssen, die eigentlich die ihre war. Während andere sich dem Klang in seiner Flüchtigkeit hingaben, analysierte sie das Erlebnis mit ihrem geistigen Ohr, fragte sich, was das Wesentliche, das Besondere dieses Abends, dieser Aufführung war, um es am nächsten Tag kurz und prägnant in ansprechende Worte zu fassen, die bestenfalls ihren journalistisch-ästhe­tischen Eigenwert entfalteten.

Anna war gern die Musikkritikerin des »Täglichen Anzeigers«, der letzten verbliebenen großen Tageszeitung der Stadt, auch wenn sie sich ab und an nach der Chance und der damit verbundenen Anerkennung einer großen Geschichte sehnte – nach einer Enthüllungsstory, wie sie sich die Reporterkollegen aus den Ressorts »Politik« oder »Wirtschaft« durchaus erhoffen konnten. Selbst im Sport standen die Chancen größer, dort konnte man auf einen dubiosen Wettskandal oder wenigstens eine Dopingenthüllung stoßen. Doch in der Kultur und noch dazu in der Musik, besonders der klassischen – Annas Domäne –, konnte man bestenfalls schiefe Töne und wackelnde Metren anprangern. Zwar machte man sich damit nicht unbedingt Freunde, aber im Wesentlichen hatte man seine Ruhe – manchmal mehr als gut war. Doch auch das war im Prinzip okay für Anna. Nur heute irgendwie nicht. Es war der erste heiße Samstag des Jahres, und der Abend versprach lau und angenehm zu werden. Was gäbe es also Besseres, als auf der dann sauberen Terrasse zu sitzen und mit einem Glas Wein und einem Buch den unstrukturierten Klängen des Abends über Leipzig zu lauschen, zu erleben, wie das Klanggewaber der Südvorstadt allmählich abebbte, und anschließend in den Sonntag hinein­zuschlafen?

Aber daraus wurde leider nichts – Anna musste ins Konzert, wie meistens. Sie liebte Musik, sonst hätte sie einen anderen Beruf ergriffen. Trotzdem – wie es war, sich ohne Zwang und aus freien Stücken auf ein Musikereignis vorzubereiten, hatte sie fast schon vergessen. Wenigstens war das, was sie heute erwartete, ein angenehmes und noch dazu überschaubares Programm: Brahms, Mozart und noch mal Brahms. Ein mehr als anständiger Streichquartettabend mit dem Kleistenes-Quartett – musikalische Philosophie, kein Lärm und keine Bravo-grölenden Klassikgroupies. Zwar keine Weltklasse, doch eines der besseren von hier. Kein Grund also, sich in der Pause wegzusehnen und jenen verzweifelt hinterherzuschauen, die sich die Jacke an der Garderobe holten und in die Nacht verschwanden – meist zu zweit.

Mit etwas Glück konnte sie um halb elf wieder zurück sein. Bestimmt wäre es auch dann noch nicht zu kalt für ein halbes Stündchen hier oben über der Stadt. Sie würde dann zwar bereits – das war ein Automatismus, der mit dem Beruf einherging – darüber grübeln, was sie am Morgen zu Papier, besser gesagt zu Bildschirm bringen konnte, aber dennoch hätte sie ein bisschen was von diesem lauen Samstagabend.

2

Der Wasserstrahl spritzte auf ihre nackten Füße. Sie hatte den kleinen Vorsprung getroffen, der einstmals den Schornsteinschacht verborgen hatte, als das Haus noch mit Kohle geheizt worden war. Schmerzhaft und erfrischend zugleich brannte das versprühte Wasser auf der nackten Haut. Stundenlang könnte Anna so weitermachen. Doch wenn sie jetzt nicht aufhörte, kam sie unweigerlich zu spät.

Die Reinigungsmaschine provisorisch beiseite geräumt – regnen würde es gewiss nicht –, die Treppe hinunter ins Dunkel der kleinen Wohnung. Sie wollte unbedingt eine Fußmatte vor die Terrassentür legen – ein Schwur, den sie jedes Mal nach derartigen Reinigungsaktionen leistete, wenn sie die feuchten Drecktapsen auf der hellen Holztreppe sah. Wieder konnte sie ein wahrhaft böses Ausrutschen gerade noch verhindern, das sie unweigerlich in den Wäschekorb hätte stürzen lassen. Aus diesem starrten sie jene Teile gnadenlos an, die sie seit mindestens einer Woche bügeln wollte. Anna hatte sich den Wäschekorb selbst in den Weg gestellt, um sich zu dieser verhassten Aktivität zu zwingen. Bisher ohne Erfolg. Es war lediglich eine neue Unfallquelle in der winzigen Dachgeschosswohnung entstanden, die sie der Terrasse wegen nicht aufgeben wollte. Eine weitere Gefahr für Leib und Leben.

Im Moment rief ihr der Wäschekorb aber ein ganz anderes Problem ins Bewusstsein: Was sollte sie anziehen? Nicht, dass sie nicht genug Kleider im Schrank hängen hatte. Allen Berufsklischees zum Trotz legte die Musikkritikerin Anna Schneider durchaus Wert auf ihr Äußeres. Doch man konnte nicht mit allem überall hingehen. Und gerade für heute hätte sie den schwarzen Leinenanzug gebraucht, der ganz oben auf dem Wäschekorb lag. Absolut logisch und auch alternativlos für das In-and-Out mit seinem Vintage-Mobi­liar und den improvisierten Stuhlreihen, die sie unter der Hand als »versifft« beschreiben würde. Welcher Geisteskranke kam eigentlich auf die Idee, ein solches Programm in einem Club wie dem In-and-Out zu spielen? Akustisch daneben und unbequem. Dabei war die Veranstaltung Teil einer Abonnementreihe des Gewandhauses und hätte in den Kammermusiksaal, den Mendelssohnsaal, gehört, benannt nach einem der vielen Sockelheiligen dieser Musikstadt. Was manchmal in den Köpfen von Programmmachern vorging? Ärgerlich, aber nicht ärgerlich genug, um daraus die ersehnte Geschichte zu machen.

Langsam verflog bei Anna das letzte Fünkchen Lust auf den Konzertabend. Wenn sie den Anzug jetzt noch bügelte, wäre sie gnadenlos zu spät. Ausgeschlossen in ihrem Job und bei dem Programm. Keine Verhandlungsmasse mit dem Schrank … Mit dem beigen Kassettenkleid würde sie komplett overdressed sein im düsteren Ambiente des In-and-Out. Wenigstens widersprach das Material nicht ganz dem alternativen Charakter der Location. Sie blieb beim Leinen und wusste, dass sie die Entscheidung bereuen würde, während sie sich insgeheim eingestand, dass es keine wirkliche Entscheidungsmöglichkeit gab.

3

Nein, ein Kind der Club-Szene war Anna in der Tat nicht, auch wenn ihre Dachgeschosswohnung nicht weit entfernt lag von der »Karli«, der Szenemeile, die eigentlich Karl-Liebknecht-Straße hieß. Sprachaffin, wie sie von Berufs wegen sein musste, aber auch von jeher gewesen war, mochte sie die Marotte der Leipziger, bestimmte Orte mit dem Vornamen anzusprechen. Darin äußerte sich eine gewisse Zuneigung. Als sie vor 18 Jahren zum Studium hierhergekommen war, war ihr das schnell klar geworden. Man traf sich im Clara-Park zum Picknick. Damit bekam der Ort gleich etwas Vertrautes, Gemütliches wie das Picknick selbst. Manchmal fragte sie sich, ob es Ur-Leipziger gab, die gar nicht wussten, dass diese innerstädtische Grünoase Clara-Zetkin-Park hieß, geschweige denn, wer Clara Zetkin war. Anna hatte eine Weile gebraucht, um zu begreifen, dass diese Verkürzung offenbar keine politische Dimension hatte; denn zur August-Bebel-Straße gleich um die Ecke sagten sie artig »Bebelstraße«. Irgendwann war Anna klar geworden: Die Bebelstraße war einfach keine Kultstätte.

Jedenfalls schlängelte sie sich jetzt den Bürgersteig der »Karli« entlang und blickte etwas neidvoll auf die Menschen, die mit erfrischenden Getränken die Freisitze bevölkerten, während Anna gleich im stickigen Dunkel des In-and-Out verschwinden musste.

Unweigerlich spürte sie dem Widerhall des Bebens des Hochdruckreinigers in ihrem Körper nach, als sie in dem – ihrer Meinung nach – für ein seriöses Kammerkonzert unpassenden Clubsessel versank, damit unbewusst auf der Suche nach dem eben errungenen Gefühl von Sauberkeit auf der eigenen Terrasse. In letzter Minute vom Einlasspersonal in den erstaunlich gut gefüllten Club geschoben, war es dieser überdimensionierte Sessel in Türnähe, der ihr als Sitzgelegenheit blieb und der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit quietschte, wenn sie die kleinste Bewegung machte. Das gaben die lockeren Federn unter dem abgenutzten Samtbezug unweigerlich zu verstehen, die sich sofort mit Vehemenz in ihr Sitzfleisch bohrten. Keinesfalls die beste Voraussetzung für ungetrübten Musikgenuss.

Das Saal-, besser Clublicht war schon erloschen und ein paar wenige Spots richteten sich auf das Podium. Die vier Notenpulte nahmen sich absurd aus in diesem Club-Setting. Anna wäre gern dazu übergegangen, dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen. Sie wollte als Kritikerin nicht als die Mäkeltante vom »Täglichen Anzeiger« rüberkommen und noch viel mehr wollte sie Spaß an ihrem Job haben. Doch heute war das wie verhext.

Während sie versuchte, sich möglichst geräuscharm auf dem viel zu tiefen Sessel zurechtzurücken, was voraussetzte, dass sie sich wenigstens in Ansätzen aus dem archaischen Sitzmöbel heraushievte, fasste sie in einer Mischung aus Zwangsläufigkeit und Ungeschick mit der Hand auf die hölzerne Armlehne. Ein kapitaler Fehler. Sie klebte … Nicht in dem Sinne, dass Anna – untrennbar mit der Lehne verbunden – im In-and-Out gefangen war, aber immerhin so, dass die Kontaktfläche ihrer Hand nun ebenfalls klebte. Anna wollte nicht darüber nachdenken, welcher Art die klebrige Substanz war, mit der sie kontaminiert war. Eines stand fest: Sie bräuchte ein Waschbecken und viel Seife, um das Problem zu lösen. Wenigstens garantierte ihr die Türnähe des Platzes, dass sie zur Pause als eine der Ersten in Richtung Toilette stürmen konnte. Bis dahin dauerte es aber noch rund eine Dreiviertelstunde.

Obschon das Konzert gerade begann, konnte Anna den Gedanken nicht aus ihrem Kopf vertreiben, was das Schmuddel-Sitzmonster mit dem – sie hatte es ja gewusst – unpassenden beigen Leinenkleid anrichten würde. Wenn sie sich jetzt nicht langsam konzentrierte, konnte sie genauso gut gleich gehen. Was sie natürlich nicht tat. Während sie sich sammelte und konsequent die Berührungsfläche zwischen sich und dem Sessel auf ein notwendiges Minimum beschränkt hielt, ging der erste Brahms an ihr vorüber.

Gar nicht so übel, zumindest das, was sie davon wahrgenommen hatte. Anständig. Das subjektive Unbehagen ob der Location würde sie routiniert aus ihrer Kritik heraushalten. Diese würde kein Meisterwerk sein, aber wer erwartete das schon bei einer solchen Veranstaltung. Das Ambiente war ohnehin nicht geeignet für die vollkommene musikalische Kontemplation.

Wenigstens hatte man die Bar im Saal geschlossen, was den Vorteil hatte, dass das Brummen der Bierkühlung wegfiel. Auf die schwerfällige Klimaanlage, die das fensterlose Gemäuer bestenfalls mit einem Mindestmaß an so etwas wie Frischluft versorgte, hatte man nicht verzichtet. Wahrscheinlich gingen die Veranstalter davon aus, dass man sich an das Summen mit der Zeit gewöhnte.

Jetzt Mozart. Mit ein bisschen Glück konnte Anna in der aktuellen Position bis zur Pause durchhalten und weiteren Kleberkontakt vermeiden. Einen Satz der »Kleinen Nachtmusik« hatte sie schon überstanden. Das Kleistenes-Quartett machte seine Sache immer noch ordentlich. Sie würde sich in ihrem Text mit Goethe und den vier vernünftigen Leuten, die ein Gespräch führen, aus der Affäre ziehen. Das funktionierte bei Streichquartetten beinahe immer.

Was war das? Anna traute ihren Ohren nicht. Ein Fauxpas, und das in diesem Stück, das jeder mitpfeifen konnte. Ein Fehler, den die Kritikerin nicht ignorieren konnte, falls sie am Montag noch ernst genommen werden wollte. Was genau tat der Bratscher Thorsten Steinmüller da? Solide – für Annas Geschmack etwas zu solide für ein relativ junges Ensemble – hatte sich das Kleistenes-Quartett durch den unvermeidlichen ersten Satz gearbeitet. Na ja, bei dieser Musik störte es niemanden, wenn die Darbietung allenfalls nett war. Aber das hier hatte mit nett nichts zu tun. Die wunderschöne Themenexposition des zweiten Satzes war durchgestanden. Doch in der Themenwiederholung, gerade da, wo die Bratsche inmitten des bis dahin dreistimmigen Satzes die seltene Chance zu sinnlicher Virtuosität erhält, setzte Steinmüller zwar korrekt ein und trillerte im richtigen Moment los, schien aber aus seinem Triller nicht mehr herauszufinden. Er trillerte noch in aller Gemütlichkeit, als die anderen gefühlt Takte voraus waren … Das war keine selbstverliebte Virtuosität … Es war absurd. Als würde der Bratscher in einer völlig anderen Zeitebene und Musiktradition verfangen sein, als steckte dieser in seinem Triller fest. Die »Kleine Nachtmusik« war schließlich kein spätes Beetho­ven-Quartett, sondern irgendwo im Übergang zwischen dem Streichquartett als Hausmusikform, die von versierten Amateuren zu bewältigen war, zum hoch expressiven, Professionalität fordernden Quartett der Romantik anzusiedeln. Für einen halbwegs routinierten Musiker kein Hexenwerk.

Anna war hellwach.

Steinmüller war kein Anfänger und erst recht kein Amateur. Er hatte bis vor Kurzem einen Lehrauftrag an der Musikhochschule innegehabt. Warum er den nicht mehr hatte? Weiß der Geier. Anna hatte sich darüber bisher keine Gedanken gemacht. Wohl kaum, weil er die Bratschenstimme der »Kleinen Nachtmusik« nicht mehr auf die Reihe bekam!

Die Spannung in der Luft des Clubs, die man ohnehin hätte schneiden können, war förmlich zu greifen. So empfand das zumindest Anna, die der latente Kneipengeruch seit Betreten des Raumes nervte.

Peinlich berührt starrte der Cellist Christoph Weinmann den Kollegen an und spielte dabei ostentativ die eigene Stimme, als wäre es ein Reinigungsritual. Der zweite Geiger Sebastian Mönkeberg hingegen war das personifizierte Entsetzen. Anna war fasziniert, wie angesichts der Mischung aus Verwirrung und Verzweiflung die Finger des Musikers dennoch jene Stellen auf den Saiten fanden, die Mozart sich vorgestellt hatte. Unweigerlich fragte sich die Kritikerin, wie weit man diese Abläufe mechanisieren konnte. Dass die Primaria des Quartetts, Theresa Steinmüller, Schwester des Übeltäters, mit einer stoischen Ruhe nicht nur das zusammenhielt, was noch zusammenzuhalten war, sondern ihrem Mienenspiel nichts anmerken ließ, hatte etwas Erschreckendes.

Anna hatte in einer Mischung aus Faszination, Resignation und Entsetzen die Abwehrhaltung gegen den Sessel aufgegeben und war, während die vier sich ein wenig angestrengt, aber in einem geordneten Miteinander dem Ende des Werkes und damit der Konzertpause näherten, tief in den Sessel hineingerutscht. Inzwischen war sie der Überzeugung, dass sie neben Seife auch unbedingt eine Erfrischung benötigte, und schwankte gedanklich zwischen Wasser, Wein und dem für sie dekadentesten aller Getränke – Cola. Bei ihrem heutigen Glück konnte sie fast sicher sein, dass der Wein in diesem In-and-Out wahlweise von minderer Qualität oder schlecht temperiert sein würde, höchstwahrscheinlich beides. Außerdem brauchte sie einen klaren Kopf, gerade in diesem absurden Konzert. Cola war der Inbegriff der Verführung, dem sie sich angewöhnt hatte zu widerstehen, weil das die Vernunft gebot. Angesichts des Zuckergehalts. Und überhaupt … Die Vernunft war auch jetzt noch auf dem Vormarsch. Also: Wasser.

Gemäßigter Applaus. Die Kleistenes-Musiker retteten sich von der Bühne. Der Beifall rechtfertigte nicht die Rückkehr für eine weitere Verbeugung. Anna verschwand zielstrebig Richtung Wasser und Seife. Das Erste, was ihr an diesem Tag auf Anhieb gelang.

Wahrscheinlich wäre es ratsam gewesen, eine Brise Luft vor der Club-Tür zu schnappen. Doch die gab es dort ohnehin nicht, weil sich die gefühlt 90 Prozent Raucher um die drei Aschenbecher scharten. Ein Blick zum Ausgang bestätigte das.

Oben im zweiten Saal begann eine andere Veranstaltung, wie die dröhnenden Bässe aus der noch offenen Tür vermuten ließen. Hoffentlich untermalten die nicht den verbleibenden Brahms …

Eine Person im dunklen Kapuzenpulli drängte sich an Anna vorbei – unhöflich, rempelte sie beinahe an, schwang sich die kleine Wendeltreppe empor und verschwand in der Tür, die vermutlich zur Regie führte. Wahrscheinlich ein Techniker, denn nun schloss sich die obere Saaltür. Anna beeilte sich, um an der Theke noch ein Wasser zu ergattern. Sie hatte den festen Vorsatz, aus diesem Abend das Beste zu machen. Schließlich war es nicht allzu spät, draußen schien noch immer die Sonne. Die Terrasse wartete; und bisher sah es nicht so aus, als würde jemand gesteigertes Interesse daran haben, den Kleistenes-Abend mit unnötigen Zugaben zu verlängern.

Die Schlange vor Anna wurde kürzer. Der Barmann kam in Sicht, eigentlich eher ein Barjunge, aber das sagte man wohl nicht. Zuversicht auf der ganzen Linie. Da spürte sie es – zunächst am Hals, dann auf dem Dekolleté. In der Tat spürte sie zuerst die Flüssigkeit an sich herunterlaufen, bevor sie das Unglück sah geschweige denn realisierte, was genau passiert war.

Vor ihr stand ein entsetzt dreinblickender Mensch – gar nicht so unattraktiv, abgesehen von dem schreiend bunten Oberhemd, das er in die schwarze Jeans gesteckt hatte. Äußerst akkurat, dennoch verbarg es die athletische Statur keinesfalls. Trotzdem wirkte der Lockenkopf unbeholfen – charmant unbeholfen, aber unbeholfen. Und er hatte ein leeres Weinglas in der Hand. Die Bar im Rücken … Das Weinglas in der Hand leer … Er redete schnell und intensiv auf Anna ein.

Als er bei »Natürlich werde ich für die Reinigung aufkommen« angelangt war, wurde Anna allmählich klar, dass dieses maskuline Riesenbaby ihr von oben nach unten ein komplettes Rotweinglas aufs beige Leinenkleid gegossen hatte. Hätte es noch irgendeinen Zweifel daran gegeben, dass dies nicht Anna Schneiders Tag war, jetzt wäre er ausgeräumt.

»Darf ich mich zunächst mit einem Drink revanchieren?«

Er hatte wirklich »Drink« gesagt – wahrscheinlich einer von der ganz coolen Sorte. Anna hatte ihre Sprache noch nicht wiedergefunden, zumal ihr der Rotwein vom Hals bis mindestens zum Nabel triefte. Was in ein einziges Glas hineinpasste … Anna trat hinter dem sehr bemühten Mann an die Theke. Als dieser sie freundlich einlud, zu bestellen, »was immer sie möge«, sagte sie ausgerechnet: »Eine Cola, bitte!« Das hatte sie sich verdient.

Beide hielten sie nun ein Cola-Glas in der Hand, als Mister Tollpatsch ihr freudig – weil sie die Einladung angenommen und nicht um Hilfe geschrien hatte – die Hand entgegenstreckte und sagte: »Habakuk, Habakuk C. Brausewind.«

Wie bitte, wollte Anna fragen, musste aber derart an sich halten, um nicht loszusprudeln, dass sie wieder keinen Ton herausbrachte. Wie müssen dich deine Eltern gehasst haben, schoss es ihr durch den Kopf.

Da fügte er strahlend hinzu: »Sie können aber Heinz sagen.«

Das war endgültig zu viel für Anna Schneider an diesem Tag. Sie brach in schallendes Gelächter aus, streckte ihm die Hand entgegen und erwiderte: »Anna, Anna Schneider.«

Ihr Gegenüber starrte sie ungläubig an. »Die Anna Schneider? Anna Schneider vom ›Täglichen Anzeiger‹?«, stotterte er.

Um Gottes Willen, was war das denn? Es passierte Anna nicht allzu oft, dass sie als die Kritikerin enttarnt wurde. In der Hoffnung, dass sich alles ordnen würde, nippte sie verlegen an der Cola, während dieser Habakuk-Heinz-wer-auch-immer seiner Bewunderung für ihr kritisches Ohr und ihren Scharfsinn und Wortwitz Ausdruck verlieh. Ob sie heute etwa auch beruflich hier sei?

Eigentlich war ihr Gesprächspartner ganz witzig. Wäre Anna ihm in einer anderen Situation begegnet, hätte sie ihn wahrscheinlich unterhaltsam gefunden, Spaß an der Konversation gehabt. Warum sollte sie also das Offensichtliche verneinen? Am Montag würde es sich eh aufklären, falls sie jemals eine Konzertkritik über diesen vermaledeiten Abend zustande brachte.

Er sei in gewisser Weise ebenfalls beruflich hier. Nicht, dass sie Kollegen wären, aber heute sei auch sein kritisches Ohr gefragt.

Was sollte das jetzt werden? Habakuk nervte, dabei hatte er einen Unterhaltungswert, der der verwirrten Anna guttat.

Sie habe auch über ihn schon häufiger geschrieben. Nicht namentlich natürlich. Nein, in Form des Gewandhausorchesters. Er sei dort Bratscher.

Dass sie nicht erneut in schallendes Gelächter ausbrach, grenzte an ein Wunder. Ein Bratscher hatte ihr gerade das schönste und empfindlichste Kleid, das sie besaß, komplett mit Rotwein versaut; ausgerechnet ein Mitglied jener Instrumentengruppe, über deren Tollpatschig­keit und Unvermögen es die mit Abstand meisten Witze gab. Diese Witze musste man sich nicht einmal hinter vorgehaltener Hand erzählen. Ein Bratscher, der von sich behauptete, Habakuk C. Brausewind zu heißen. Sie würde morgen überprüfen, ob das Jahres­programm des Gewandhausorchesters in der Bratschengruppe tatsächlich diesen Namen auswies. Was es bedeutete, wenn das nicht der Fall war, wollte sie dann entscheiden. Für den Moment taten ihr Habakuks warme Augen und sein arglos leidenschaftliches Geplapper über Musik einfach gut.

Was seine berufliche Aufgabe heute war, konnte er nicht mehr erklären, denn die Konzertpause war, zwar reichlich spät, aber nun endgültig beendet. Trotz des an sich kurzen Programms wurde es außerdem langsam knapp für den Wein auf der Terrasse. So warm waren die Nächte noch nicht. Und sie müsste sich erst einmal vollständig umziehen, was sie am allerliebsten auf der Stelle täte.

Wieder überstürzt, aber dieses Mal selbst komplett verschmutzt, sank Anna in ihren Club-Sessel. Saal dunkel, Spot auf die kleine Bühne. Das Licht flackerte ein wenig. Hoffentlich würde ab jetzt alles gut gehen; schließlich wollte sie nicht die ganze Nacht im In-and-Out verbringen.

4

Inzwischen machte es für Anna auch keinen Sinn mehr, der Vibration des Hochdruckreinigers nachzuspüren. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal so durch den Wind gewesen war, oder besser, dass sie jemals zuvor so durch den Wind gewesen war. Klebrigkeit, das Mozart-Debakel und dann Ha-ba-kuk und der Rotwein auf ihrem Kleid – das waren deutlich mehr außergewöhnliche Vorfälle als üblich in ihrem Job.

Der Spot flackerte noch immer. Anna stellte sich die Frage, ob das bei LEDs überhaupt möglich war und ob ein moderner Scheinwerfer noch ohne LEDs funktionierte.

Im Saal verdichtete sich die Anspannung spürbar, ein untrügliches Zeichen, dass die Musiker des Kleistenes-Quartetts im Anmarsch auf die Bühne waren. Mit Anna hatten sie gemein, dass dieser Samstag auch nicht ihr Tag war. Der Bratscher Thorsten Steinmüller hatte es tatsächlich fertig gebracht, in der »Kleinen Nachtmusik« den Faden zu verlieren. Ein lebendiger Bratscherwitz. Anna stellte amüsiert fest, dass dieser Tag so etwas wie ein Tag der Bratscher war: erst der Fauxpas Stein­müllers, dann die nasse Begegnung mit Habakuk C. Brausewind. Ein schräger Zufall, denn die Zahl der Bratscher, mit denen man es in ihrem Job zu tun bekam, war denkbar gering, verglichen mit Pianisten, Geigern, Bläsern oder gar Komponisten. Ironie des Schicksals! Aber folgte man dem Klischee, so musste man sich sagen: Kein anderer Musikertyp wäre besser geeignet gewesen, ihr das Kleid und die »Kleine Nachtmusik« zu versauen.

Anna Schneider schämte sich für diesen Gedanken und bezichtigte sich eines musikalischen Chauvinismus, der jemandem wie ihr nicht gut zu Gesicht stand. Als Journalistin war sie verpflichtet, vorurteilsfrei zu Werke zu gehen, was besonders schwer war, wenn man einen Komponisten oder ein ganzes Genre oder den Klang eines bestimmten Instruments nicht mochte. Wie sollte man da offen und ohne betrübliche Vorahnungen ins Konzert gehen? Den Klang der Bratsche jedoch mochte Anna, genau wie Mozart und Brahms. Also konnte der Abend durchaus noch eine positive Wendung nehmen.

Wie die Umsitzenden wusste Anna, was sich gehört: Sie applaudierte den Quartettspielern artig, die sich in einer bemerkenswerten Umständlichkeit miteinander, nebeneinander und aneinander vorbei an ihre Plätze manövrierten. Anna ertappte sich bei dem Gedanken, dass das im Mendelssohnsaal weniger umständlich gewesen wäre. Warum bitteschön mussten jetzt alle noch einmal an Stühlen und Notenpulten herum­ruckeln? Na endlich …

Anna würde heute mit Sicherheit nicht mehr in den Rang eines Zen-Meisters erhoben werden. Sie hoffte, dass ihre Geduld ausreichte, um den Konzertabend verhaltensunauffällig zu absolvieren.

Doch irgendjemand wollte das anscheinend verhindern. Welcher Geisteskranke war auf die Idee verfallen, einen albernen Drehscheinwerfer – so bezeichnete das Unterbewusstsein der Musikexpertin die angesagten Moving Lights des Clubs – lustig übers Publikum kreisen zu lassen, als säße Kleistenes unter einem Leuchtturm und die Zuhörer wären der wogende Ozean? Wenigstens war Brahms Norddeutscher und hatte Leuchttürme gekannt. Innerlich schüttelte Anna den Kopf über das In-and-Out. Auf wessen Mist sollte sonst so ein Schwachsinn gewachsen sein? Nichts anderes war das in ihren Augen. Obendrein verursachte das Teil, während es sich bewegte, unüberhörbare Geräusche.

Anna versuchte, keine weiteren Gedanken darauf zu verschwenden, denn angesichts von etwa 70 Druckzeilen, die ihr für ihre – wohlgemerkt musikalischen – Erkenntnisse zur Verfügung standen, wäre es ungebührlich, über das Licht zu schreiben. Hätte sie bloß eine Sonnenbrille dabei – das wäre im versauten Kleid auch egal …

Jetzt hoben die vier gemeinsam den Bogen als Zeichen des Beginns. Gleich würden sie diesen auf die Saiten setzen, um die dicke Luft des In-and-Out mithilfe von Schallwellen umzuschaufeln. Doch dazu kam es nicht.

Es gab einen Riesenschlag, einen wie er in klassischen Konzerten nicht vorkommen sollte. Anna konnte nicht sagen, ob es zuerst rumste oder das Licht ausging oder die allgemeine Panik, das jämmerliche Geschrei aller Anwesenden einsetzte. Das hatte vermutlich auch damit zu tun, dass sie noch immer nicht auf ihre eigentliche Aufgabe konzentriert war und sich, als es passierte, gerade fragte, aus welchem Grund dieser alberne Drehscheinwerfer nun auch noch so unelegant schaukelte. Wahrscheinlich wurde Anna allmählich paranoid, was heute kein Wunder mehr wäre.

Dass der Scheinwerfer sich nach dem Schaukeln aus seiner Befestigung löste und zur Ursache des allgemeinen Drunter-und-Drübers wurde, sah sie genauso wenig wie alle anderen. Denn mit dem Sturz des Scheinwerfers ging das Licht aus.

5

»Aaaaaahhhhhh!!« – »Ein Arzt! Ist hier ein Arzt??« – »Polizei!« – »Hilfe!!!«

Angesichts dessen, was jetzt geschah, erwies es sich als keine gute Idee, das Saallicht wieder einzuschalten. Der Anblick, der sich auf dem Konzertpodium bot, war auch für Hartgesottene nicht leicht zu ertragen, schien einem Horrorfilm entsprungen. Nicht nur, dass die Bratsche von Thorsten Steinmüller zu Kleinholz gemacht worden war, der Musiker selbst hatte den besagten Scheinwerfer mit einer so beachtlichen Wucht und Präzision auf seinen Kopf bekommen, dass es diesen wie einen Nagel in den Steinmüller’schen Rumpf geschlagen hatte und der Markenscheinwerfer der Firma Bero mit Logo jetzt an Kopfes Stelle zwischen den Schultern ruhte.

Wie eingefroren saßen die drei übrigen Musiker um das Opfer, während das Personal vom In-and-Out mit bemerkenswerter Effizienz eine Massenpanik verhinderte. Anna beobachtete die Szene wie durch eine Glocke und stellte fest, wie gut es war, dass der Scheinwerfer nicht mehr leuchtete, wobei sie sich die Absurdität der Szene vorstellte. Sie sah, dass erstaunlich wenig Blut im Spiel war, wohl, weil der Scheinwerfer wie eine Art Stöpsel oben auf Steinmüller saß. Steinmüller wiederum hatte – wenn auch etwas lasch – ebenfalls die Sitzposition beibehalten.

»Bitte bewahren Sie Ruhe und bleiben Sie auf Ihren Plätzen, ein Notarzt ist schon unterwegs!«

Als ob der noch etwas ausrichten könnte! Anna wunderte sich selbst über ihren kaltschnäuzigen Hintergedanken und schüttelte den Kopf, froh, dass sie das mit dem eigenen noch tun konnte.

Ein schrulliges spitzbärtiges Männchen sprang um den reglosen Steinmüller herum. Es hatte sich sofort bei dem Ruf nach einem Arzt mühselig, aber durchaus effizient durch die viel zu engen Sitzgelegenheitsreihen gequetscht. Man hatte für das Konzert nicht nur Stühle, sondern auch Sessel, Hocker und Sofas – Markenzeichen des In-and-Out – herangeschleppt. Das Männchen, offenbar Arzt, zählte zu den ebenfalls unpassend gekleideten Klassikfreaks – der Smoking wäre sogar für den Mendelssohnsaal zu dick aufgetragen gewesen. Besonders damit errang der bemühte Ersthelfer jedoch Annas unterbewusste Sympathien.

Das Männchen schüttelte den Kopf, nachdem es den Bratscher mehrere Male umrundet und am herabhängenden Bratscherarm keinen Puls mehr gefühlt hatte.

Den Notarzt brauchte eher Sebastian Mönkeberg. Der zweite Geiger war aus seiner Schockstarre direkt in eine Ohnmacht gefallen und wurde in bemerkenswerter Routine und Eile von den mittlerweile eingetroffenen Rettungskräften fortgetragen, zumindest verschwand er recht schnell aus dem Sichtfeld. Überhaupt ging man jetzt dazu über, die grausige Szenerie vor den Augen der Betrachter zu verbergen.

Mit den Rettungssanitätern war auch eine beachtliche Zahl an Polizisten in den Saal gekommen. Diese forderten abermals auf, Ruhe zu bewahren und auf den Plätzen zu bleiben.

Anna klebte im wahrsten Wortsinne in ihrem Sessel und ging zu etwas über, das sie so gut wie nie tat: Sie dachte gar nichts mehr. Nicht, dass sie nicht mehr in der Lage gewesen wäre, einen Gedanken zu fassen, vielmehr war es eine bewusste Entscheidung angesichts der bizarren Ereignisse, denen Anna an diesem Abend ausgeliefert war. Außerdem wäre sie ansonsten unwillkürlich in einen Modus verfallen, in dem die Journalistin bereits an Formulierungen und sprachlichen Bildern gefeilt hätte. Sollte sie in der Redaktion anrufen, um zu sagen, dass sich hier im In-and-Out ein spektakuläres Unglück ereignet hatte? Wahrscheinlich schon, mit Sicherheit sogar. Doch erstens wusste Anna Schneider aus einschlägigen Erfahrungen in diesem Club, dass sie hier keinen Handy-Empfang hatte, und zweitens war sie von Ordnungskräften ausdrücklich dazu aufgefordert worden, auf ihrem Platz zu bleiben – journalistischer Auftrag hin oder her. Jetzt war es ohnehin zu spät, der Polizeifunk dürfte längst seine Schuldigkeit getan haben. Den hörten die Kollegen im Lokalen mit großer Begeisterung ab, obwohl das illegal war. Die offensichtlich maroden Sicherheitsvorkehrungen im angesagten In-and-Out waren eindeutig ein Thema fürs Lokale. Im Lokalen wollte Anna auf keinen Fall landen. Da war ihr der intellektuelle Anspruch des weit weniger rezipierten Kulturteils lieber, auch wenn sie sich regelmäßig darüber aufregte, dass es genau an diesem Anspruch fehlte.

Anna hatte ihre Nicht-denk-Haltung also längst aufgegeben, um für sich einfallsreich zu rechtfertigen, warum sie die Redaktion nicht ins Bild gesetzt hatte. In dem Moment erklomm ein ansprechend unauffällig gekleideter, attraktiver Mittdreißiger die halb verdeckte Szene und richtete das Wort an die allmählich etwas enervierten Besucher.

Er sei Kriminalhauptkommissar Schmiedinger und bitte alle, so lange im In-and-Out zu bleiben, bis die Kollegen in Uniform die Personalien zum Zwecke etwaiger Zeugenbefragungen erfasst haben. Man möge ihnen gleich einige Fragen beantworten, das sei wichtig bei einem so dramatischen Unglücksfall, weil jetzt die Eindrücke noch frisch und unverfälscht seien.

Was sollte Anna gesehen haben? So traurig es war … Licht aus … Licht an … Scheinwerfer ab. Anna wurde langsam wieder Anna, und die hatte heute endgültig die Nase voll. Mehr Pietät machte den armen Thorsten Steinmüller auch nicht mehr lebendig. Anna wollte nur noch nach Hause. Den Terrassenplan hatte sie längst gestrichen – immerhin wartete das Publikum im sticki­gen In-and-Out mittlerweile schon so lange, dass man zwei Akte von Wagners »Götterdämmerung« hätte hören können.

6

Wenigstens saß Anna dicht an der Tür, vermutlich würden die Befrager dort anfangen. Ein Gedanke, der sich als der nächste Irrtum erwies, denn die Polizisten arbeiteten sich vom Podium nach außen. Es dauerte eine weitere Stunde, bis Anna artig ihren Ausweis zeigte und zu Protokoll gab, was sie wahrgenommen hatte – also nicht viel. Dass der unselige Steinmüller aus dem Leben geschieden war, ohne eine Chance zu bekommen, den fatalen Bratscherfehler durch eine nachfolgende musikalische Leistung zu relativieren, tat ja hier nichts zur Sache. Das würde nicht einmal Platz in einem Nachruf finden, denn in solchen Texten wurde nicht über Fehler des Verstorbenen geschrieben.

Die junge Uniformträgerin dankte – wie oft sie sich wohl an diesem Abend immer wieder dasselbe anhören musste? Am Ende interessierte sich nur noch die Versicherung dafür, falls das In-and-Out eine solche hatte. Der Club war an diesem Abend in der Gunst der Kritikerin keinesfalls gestiegen. Das ziemlich spießige Klischee von Oberflächlichkeit und Nachlässigkeit solcher Clubs, das Anna wie auch immer entwickelt hatte, wurde an diesem Abend noch verstärkt.

Bevor sie gehen durfte, stellte die Polizistin noch eine Frage – was das auf Annas Kleid sei. Der Rotwein. Den hatte Anna fast vergessen. Sie rang sich zu einer absurden Erklärung durch, weil es ihr zu dämlich erschien, zu sagen, dass ihr ein Mensch namens Habakuk C. Brausewind ohne Vorwarnung Rotwein übers Kleid gegossen hatte. Blödsinn! Niemand gab eine Vorwarnung, bevor er einem Rotwein übers Lieblingskleid schüttete. Gut, dass sie das nicht gesagt hatte!

Die Polizistin machte sich eine Notiz, während Anna ihren Schritt endlich Richtung Tür lenken konnte. Langsam leerte sich der Saal. Kraftlos schlichen die unfreiwilligen Zeugen eines bizarren Unglücks von dannen.

Da hörte Anna in ihrem Nacken deutlich den eigenen Namen. Die Stimme kam ihr bekannt vor. Eine gefühlte Ewigkeit, aber eigentlich nur knapp drei Stunden war es her, dass sie die feucht-anregende Be­kanntschaft dieses Herrn gemacht hatte. Habakuk C. Brausewind – die Lautfolge entlockte Anna ein müdes Lächeln.

»Anna, ich darf doch Anna sagen? Würden Sie so freundlich sein …«

Den Rest nahm Anna nicht mehr wahr, denn gerade wurde der Metallsarg an ihnen vorbeigetragen. Das hatte sie bisher nur im Fernsehen oder auf Fotos gesehen, die die Redaktionstische anderer Ressorts zierten. Unweigerlich dachte sie an ihr Vergehen: Sie hatte die eigene Redaktion nicht informiert! Keine gute Werbung für eine Journalistin. Fragend starrte sie Habakuk an, der sich höflich zu ihr herunterbeugte.

»Ihre Karte. Wegen der Reinigung. Ich will den Schaden wiedergutmachen.«

Reflexartig zog Anna ihre Visitenkarte aus der Tasche und gab sie Habakuk – lächelnd, aber abwesend nickend. Sie wollte einfach nach Hause.

7

Es war das Brodeln des Wasserkochers, das Anna aus ihren Gedanken riss. Nicht das erste Mal an diesem Sonntagmorgen. Schon die vierte Tasse Klarer-Kopf-Tee sollte ihr helfen, einen roten Faden für ihren Text zu finden. Diesen Faden musste sie haben, bevor sie Kramer zurückrief. Der hatte den Rückruf mittlerweile neunmal auf ihrem Anrufbeantworter eingefordert. Viermal bereits gestern Abend. Nein, sie hatte weder gut noch lange geschlafen.

Als sie sich aus dem In-and-Out geschleppt hatte und endlich eine riesige Brise Frischluft schnappen wollte, hatte ihr die Signalfunktion ihres Handys unmissverständlich klargemacht, dass hier draußen das Leben weitergegangen war. Sieben neue Nachrichten; das war auch für die Journalistin eher ungewöhnlich, noch dazu um diese Uhrzeit. Zweimal ihre Mutter, seit vier Tagen hatte Anna vergessen, sie davon in Kenntnis zu setzen, dass sie noch lebte, es ihr gut ging und sie viel zu tun hatte. Einmal die automatische Ansage vom Sushi-Laden, der sie freundlich darauf aufmerksam machte, dass sie den einzigartigen Gutscheincode für treue Kunden durch Nichtstun aufs Spiel setzte. Zwei Maki gratis seien bald verloren. »Nur noch bis Happy Wednesday!«, hatte die Ansagestimme mit ihrem asiatischen Akzent gesagt. Ob man die Akzente von Chinesen, Koreanern, Japanern, Vietnamesen im Englischen oder Deutschen eigentlich genauso unterscheiden konnte? Schließlich erkannte Anna auch am Akzent, ob sie es mit einem Italiener, Franzosen oder Engländer zu tun hatte. Ob ihr Gutschein tatsächlich von einem Japaner kam? Im Moment wohl ihr geringstes Problem …

Die Frischluft hatte Annas graue Zellen wieder in Gang gebracht und sie hatte sich entschlossen, über die Verwendung des Gutscheins zu entscheiden, falls sie nächste Woche ihren Job noch haben würde. Die anderen vier Anrufe waren nämlich von Kramer gewesen. Andreas Kramer, Ressortleiter Kultur beim »Täglichen Anzeiger«. Normalerweise war das Oberhaupt des hiesigen Feuilletons entspannt, ein Allrounder ohne spezielles Fachgebiet; er konnte zu allem etwas sagen – Literatur, Theater, bildende Kunst. Ein bisschen auch zur Musik, aber da überließ er Anna gern das Feld und vertraute dem aus einem langen Musikwissenschaftsstudium erwachsenen Spezialwissen, das er hin und wieder gern monierte, weil man an den Leser denken müsse und nicht jeder die Lebensdaten von Beethoven auswendig kenne. Zeitgemäßer, spannender Journalismus war sein Schlagwort im Schlepptau von Chefredakteur Schrottheimer, der, wie aktuell unter Chefredakteuren nicht ungebräuchlich, von Spezialwissen recht wenig hielt. Genau wie von kleingliedriger Ressortstruktur und der Versorgung von kaum anzeigenrelevanten Minderheiten. Mit Anna persönlich hatte jedoch keiner der beiden ein Problem, und deshalb hatte die Musik noch immer ihren Platz im »Täglichen Anzeiger«. Auch Anna kam mit beiden klar. Bis jetzt. Denn Anna wusste, dass man sich mit Mitte 30 einen solchen Anfängerfehler nicht leisten konnte. Da machte es wenig Sinn, sich mit den ungewöhnlichen Umständen des gestrigen Tages herauszureden. Fehlende Professionalität wäre das Geringste, das man ihr vorwerfen würde.

Kramers erster Anruf hatte noch besorgt geklungen. Wie Anna es vermutet hatte, hatten die Lokalen den Polizeifunk ausgeschlachtet. Harald, gewiefter Lokalreporter, der die Nase bei der Nachrichtenbeschaffung gern nicht ganz ethisch einwandfrei vorn hatte, hatte bei Kramer angerufen, um zu erfahren, ob der »da jemanden drin« habe. Zu diesem Zeitpunkt war nicht klar gewesen, was »da drin« passiert war. Man hatte aber mitbekommen, dass ein Großaufgebot an Polizei, THW und Rettungswagen auf dem Weg zum In-and-Out war. Daraufhin hatte Andreas Kramer, durchaus besorgt um seine Mitarbeiterin, zum Hörer gegriffen. Beim vierten Anruf des Abends – es war inzwischen nach draußen gedrungen, dass man bei diesem Konzert nicht versucht hatte, die Kritikerin zu meucheln – war der Chef eher konsterniert gewesen. Man hätte wenigstens die Internetausgabe, die es auch am Sonntag gab, mit einem kleinen Bericht direkt vom Geschehen verzieren können. Dafür sei es nun zu spät. Anna hatte die drei Fragezeichen in seiner Stimme gehört, und weil sie nicht gewusst hatte, was sie sagen sollte, verschob sie den Rückruf seit gestern Abend.

Gestern hätte sie noch sagen können, dass im In-and-Out kein Empfang … dass die Ordnungskräfte … Aber mittlerweile, zehn Stunden später, war das nicht mehr möglich. Sie konnte sich bestenfalls herausreden mit notwendigen Recherchen und einer einzigartigen Erkenntnis, die eben Zeit brauche. Und die noch nicht gefunden war, doch das würde sie für sich behalten.

Kurz und gut: Anna Schneider hatte ein Problem. Sie scrollte durchs Internet, fand aber nichts, was sie nicht selbst schon gewusst hätte. Die Veranstalter drückten tiefstes Bedauern aus, von den drei verbliebenen Musikern war keine Stellungnahme zu erhalten. Nichts Überraschendes also. Sie musste irgendetwas anderes finden. Auf jeden Fall verbot es sich, über die vorher stattgefundene Musikdarbietung zu schreiben, vor allem angesichts der streitbaren Qualität. Noch eine Tasse Klarer-Kopf-Tee? Das brachte wohl auch nichts, vermied aber das Kaninchen-vor-der Schlange-Gefühl, denn sie hatte dann etwas zu tun. Und danach würde sie Kramer anrufen – sicher. Also doch den Wasserkocher noch einmal füllen.

Anna war gerade auf dem Weg in die Küche, als der Summton der Haustürklingel signalisierte, dass unten jemand Einlass begehrte. Kam Kramer jetzt schon persönlich, um nachzuschauen, ob sie noch lebte, schoss es Anna durch den Kopf. Sie konnte sich nicht im Entferntesten erinnern, wann sie zum letzten Mal am Sonntagmittag unangekündigten Besuch erhalten hatte. Die meisten ihrer Freunde wussten, dass Anna Schneider gerade dann vor ihrem Computer brütete, und der Paketbote kam keinesfalls am Sonntag. Sollte sie sich tot stellen und Kramer weiterhin ausweichen? Angesichts der Tatsache, dass sie ihren Job behalten wollte und morgen ohnehin in die Redaktion gehen musste, war das nicht ratsam. Es hieß also, dem Tiger, der Kramer beim besten Willen nicht war, ins Auge zu sehen und zu öffnen.

»Hallo?«, flötete Anna zögerlicher als sonst in den Hörer der Sprechanlage.

Nicht weniger zögerlich tönte es zurück: »Hallo …«

Das war keinesfalls der wild entschlossene Kramer.

»Hallo, hier ist Heinz …«

Anna überlegte. Heinz?

»Heinz, Habakuk, der Mann mit dem Rotwein von gestern Abend. Ich wollte das Kleid zur Reinigung abholen …«

Teufel, auch das noch. Offenbar hatte Anna es fertig­gebracht, einem wildfremden Menschen ihre private Visitenkarte zu geben – nur weil er Bratscher war, harmlos wirkte und Habakuk hieß. Nach allem, was zwischenzeitlich ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, hatte sie es versäumt, im Saisonprogramm des Gewandhausorchesters nachzusehen, ob da tatsächlich ein Brausewind in der Bratschengruppe geführt wurde. Was blieb ihr anderes übrig, als ihn hereinzulassen? Jedoch – allein mit ihm nach der ersten Bekanntschaft? Trotzdem drückte sie auf den Türöffner, und Habakuk stieg in den fünften Stock, einen Fahrstuhl gab es nicht. Ein merkwürdiger Anfang für eine Bekanntschaft … Was, wenn dieser Habakuk ein gemeiner Wäsche­fetischist war und lediglich ihr Leinenkleid erbeuten wollte? Immerhin hatte er sie als die Musikkritikerin Anna Schneider erkannt.

In der Zwischenzeit war Habakuk angekommen, weit weniger schnaufend als die Mehrheit von Annas Besuchern. Die Entscheidung war gefallen. Anna ließ den unerwarteten Gast ein. Strahlend streckte er ihr eine große flaschenförmige Geschenktüte entgegen. Was für einen Wein dieser Typ wohl mitbringt?

»Rotwein wäre ein wenig provokant gewesen.« Habakuk strahlte. »Waschbär-Cola – auch kein schlechter Tropfen«, scherzte er weiter.

Anna überlegte, wann sie jemals ein abgefahreneres Gastgeschenk erhalten hatte. Vermutlich hatte sie diese Edel-Cola mit ihrer gestrigen Getränkebestellung selbst provoziert. »Ich hole Gläser…«, sagte sie. Wenn er schon einmal da war, konnte man auch ein Glas Cola mit ihm trinken. Vielleicht gelang es ja einem Bratscher, sie aus ihrer festgefahrenen Kramer-Steinmüller-Text-Gedankenschleife zu reißen.

8

Waschbär-Cola … Anna stand vor der nächsten Herausforderung. Welche Gläser benutzte man für eine Edel-Cola? Sie sollte sich, weiß der Himmel, schwerer wiegende Gedanken machen als die Frage danach, worin sie am besten ein Hipster-Gesöff kredenzen sollte. Immerhin musste sie in spätestens zwei Stunden einen Text liefern, den sie noch nicht einmal angefangen hatte. Bei einer »gewöhnlichen« Konzertkritik wäre das kein Problem, da hätte sie locker Zeit für drei Gläser Waschbär-Cola. Aber hier ging es um keine gewöhnliche Konzertkritik. Es gab einen Toten, noch dazu einen bizarr verstümmelten: Thorsten Steinmüller, Bratscher vom Kleistenes-Quartett.

Anstatt den Text endgültig in Angriff zu nehmen oder wenigstens Kramer anzurufen, holte Anna die schicken Longdrink-Gläser aus dem Schrank, die sie sich letztens sinnloserweise im Designer-Möbelhaus geleistet hatte, stellte Zitrone und Eiswürfelschale aufs Tablett und ging ins Wohn-Arbeitszimmer zurück, in dessen Mitte Habakuk C. Brausewind immer noch etwas unbeholfen stand. Das machte Anna nicht unbedingt mutiger. Sie winkte in Richtung eines der Plüschsessel – die Minicouch war mit diversen CDs und Büchern belegt, die sie nach und nach besprechen wollte – und stellte das Tablett umständlich auf dem Couchtisch ab. Habakuk öffnete sehr sorgsam die Cola-Flasche, was die Szene nicht weniger absurd erscheinen ließ. Anna setzte sich auf die Kante des anderen Plüschsessels und schaufelte sich viel zu viel Eis ins Longdrink-Glas. Habakuk tat es ihr allerdings gleich, dann goss er die Cola auf.

Bis hierhin verlief ihre Begegnung nahezu ohne Worte, dem Charakter des gestern gemeinsam Erlebten entsprechend. Habakuk ergriff als Erster das Wort und traf zielgenau einen wunden Punkt. »Haben Sie sich elegant aus der Affäre ziehen können?«

»Aus welcher Affäre?«

»Na, als normales Konzert werden Sie den gestrigen Abend kaum abhandeln wollen.«

Anna spürte, wie sich die gesamte, über den Vormittag angestaute Frustration in Aggression transformierte und beinahe dem arglos ihr in die Augen schauenden Habakuk wie ein gigantischer verbaler Vulkanausbruch ins Gesicht gesprudelt wäre. Sie hatte keine Ahnung, wie es ihr gelang, die rhetorische Lava hinunterzuwürgen und ihm lediglich ein spitzes »Ach was? Wie kommen Sie denn darauf?« zurückzuschmettern, das als zickig hätte interpretiert werden können.

Auch davon ließ sich ihr Gegenüber nicht beirren und deutete mit einer beschwichtigenden Geste sein Bedauern an, bevor er – dieser Habakuk war ganz schön hartnäckig, das beeindruckte Anna – den Faden wieder aufnahm. Er sei jedenfalls sehr gespannt, morgen ihre Sicht auf die Sache zu lesen.

Nun brach es mit entwaffnender Ehrlichkeit und leicht sarkastisch aus ihr heraus: »Wenn ich diese Sicht jemals finde, und sie zu diesem Zeitpunkt noch jemand drucken will.«

Die Verblüffung und Verlegenheit war jetzt deutlich auf Habakuks Seite. »Was, Sie haben noch nicht …? Verzeihen Sie, ich hätte nicht so voreilig … Dann will ich nichts gesagt haben. Es war keinesfalls … Ich wollte sie unter gar keinen Umständen beeinflussen. Ich hätte nicht so früh … Soll ich später wiederkommen?«

Angesichts des Entschuldigungsgestammels gewann Anna allmählich ihre Souveränität zurück. Außerdem: Was meinte er mit »beeinflussen«? Wodurch hätte er sie denn beeinflussen sollen? Waschbär-Cola war zwar überteuert, galt aber nicht einmal im Ansatz als bewusstseinserweiternde Droge. Trotzdem nahm Anna einen großen Schluck des süßen, durch das viele Eis völlig verwässerten Getränks.

Ihre Neugier war geweckt, obwohl sie nicht glaubte, dass ausgerechnet dieser Habakuk, den es rein zufällig in ihr Leben gespült hatte, im wahrsten Sinne des Wortes, der sich obendrein Heinz nannte und der ausgerechnet Bratscher war, dass er einen Beitrag für ihren Text leisten konnte. Einen Beitrag, der ihr nicht nur den Text rettete, sondern ihr womöglich zur Story ihres Lebens verhalf. Nein, das glaubte sie nicht. Aber zumindest weckte Habakuks konspirative Beschwichtigung ihr voyeuristisches Interesse. Brausewind zögerte, ihr etwas mitzuteilen. Es würde keinesfalls schaden, dieses Etwas anzuhören, unterhaltsam wäre es allemal. Auf eine halbe Stunde kam es auch nicht mehr an. Und Kramer konnte sie jetzt sogar sagen, sie recherchiere in Experten­kreisen. Wäre nur blöd, wenn der dann wissen wollte, um wen es sich bei diesen Experten handelte. Um den Bratscher Habakuk C. Brausewind – Kramer würde meinen, sie veräppelte ihn. Doch das war inzwischen relativ wurscht.

Ob es am Zuckergehalt des Getränks lag oder doch an der Neugier darauf, was Habakuk mitzuteilen hatte? Annas Lebensgeister waren jedenfalls samt und sonders präsent und brachten sie dazu, Habakuk zu beschwichtigen. Egal, was sie jetzt hören werde, sie werde sich keinesfalls beeinflussen lassen. Außerdem sei noch nicht entschieden, ob sie darüber schreiben werde. Immerhin – da habe er völlig recht – könne man hierüber keine gewöhnliche Konzertkritik schreiben. Der Gedanke, dass die Story inzwischen gar nicht mehr ihre Story sein könnte, kam Anna erst in diesem Moment. Er gefiel ihr noch weniger als alles bisher Gedachte. Er setzte weitere Kämpferenergien frei, die das Nahziel verfolgten, zu erfahren, was Habakuk wusste. An dessen Integrität zweifelte sie aus einem merkwürdigen Selbsterhaltungstrieb heraus längst nicht mehr.

9

Habakuk schien immer noch besorgt. Er wolle keine schlafenden Hunde wecken und erst recht nicht Anna in Schwierigkeiten bringen.

Anna holte die große berufsethische Gerechtigkeitskeule aus der Versenkung und erklärte, dass sie sich der Wahrheit verpflichtet fühle und erst ruhen könne, wenn sie wisse, ob es etwas gebe, das den Unfall beeinflusst haben könnte. Selbst wenn sie den Text am Ende gar nicht schreiben durfte, sei es für sie beruhigend zu wissen, worauf sie sich einlasse.

Habakuk war platt. Schlicht und ergreifend sprachlos. Anna redete sich so in Rage, dass der Bratscher eingeschüchtert in seinem Plüschsessel saß und kaum wagte, an seiner Cola zu nippen. Mit großen, lieben, aber verwirrten Augen starrte er Anna an, die wie Jeanne d’Arc und mehrere Walküren in Personalunion eine gigantische Lanze für die journalistische Verpflichtung zur Wahrheit brach. Tief beeindruckt gab er nach. Er nutzte eine von Annas rhetorischen Kunstpausen und sagte: »Na gut.«

Anna erklärte gerade, dass sie sich vor allem als Musikkritikerin bewusst darüber sei, was journalistische Sorgfaltspflicht bedeute. Auf Habakuks kurzes »Na gut« hin brach sie ihren Vortrag ab. Zufrieden und gespannt, was jetzt kommen würde.

Immer noch zurückhaltend setzte Habakuk zu einer langen Vorgeschichte an, die damit begann, dass er und der Verstorbene sich kannten. Nicht gut, aber sie kannten sich. Was für Anna nicht sonderlich verwunderlich war bei zwei Profi-Bratschern in einer mittleren Großstadt. Aber Thorsten Steinmüller hatte vor einiger Zeit Kontakt zu Habakuk aufgenommen, weil der gesagt hatte, dass er auf der Suche nach einem neuen Instrument sei. Das Gewandhausorchester wolle sich mit dem neuen Sommerfestival und der Gründung eines Kammerorchesters aus den Reihen des Klangkörpers auch einen international ernstzunehmenden Platz in der sogenannten historisch informierten Aufführungspraxis schaffen.

Anna stieß – wie immer, wenn sie ihn hörte – der Begriff der »historisch informierten Aufführungspraxis« auf, weil er so bemerkenswert konstruiert erschien wie manche zentralen Repräsentanten dieser Interpretationsrichtung selbst. Andererseits wirkte er verblüffend ehrlich. Anna hatte nichts gegen die klanglichen Ergebnisse und auch nicht gegen die Mehrheit dieser Leute, die ihren Interpretationen akribisches Quellenstudium zugrunde legten. Sie war lediglich vorsichtig, wenn Menschen aus ihrem Ansatz nicht nur eine, sondern gleich die einzig gültige Weltanschauung machten. Das hatte Anna Schneider schon zu oft erlebt. Aber das hatte mit dieser Sache nichts zu tun, und so gab sie sich alle Mühe, die unangenehmen Assoziationen auf der Stelle zu verdrängen und Habakuk mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu folgen.

Das Gewandhausorchester wollte also auch – deutlich verspätet, wie Anna fand – auf den Original­klangzug aufspringen. Na ja, jeder war seines eigenen Glückes Schmied … Auf jeden Fall sollte Habakuk in dem Kammerorchester Solo-Bratscher werden, während er ansonsten sein Dasein weitgehend am zweiten Pult fristete. Deshalb hatte er relativ breit die Information gestreut, dass er bereit war, für eine gute historische Bratsche eine Stange Geld in die Hand zu nehmen.

Anna fragte sich insgeheim, was eine Bratsche kostete, und schämte sich sofort für diesen Gedanken. Da war er schon wieder, dieser latente Chauvinismus gegen die Bratscher. Natürlich kannte sie vom Hörensagen die Preise für gute Geigen oder Celli; was ein Konzertflügel kostete gehörte zum Allgemeinwissen. Aber eine Bratsche? Sie hatte sich noch nicht einmal – trotz Studiums einschließlich der obligatorischen Instrumentenkunde-Kurse und einer zweistelligen Zahl an Berufsjahren – gefragt, welche großen Bratschenbauer es gab. Wahrscheinlich fertigten Geigenbauer auch Bratschen … Als ihr der Verdacht kam, dass Bratschen an den grobmotorischen Tagen der Geigenbauer hergestellt wurden, rief sie sich ihren eigenen Appell an das journalistische Berufsethos ins Gedächtnis. Dieses schloss eine Gleichbehandlung aller Bevölkerungsgruppen ein. Also: kein bratschenfeindlicher Chauvinismus mehr – zumindest für heute! Auch zugunsten des leidenschaftlich berichtenden Habakuk. Anna genoss es, Habakuks Berichten zu lauschen. Er war ein wahrhaft plastischer Erzähler, und Anna wurde merklich gelöster, während sie ihm an den Lippen hing.

Habakuk beantwortete nach und nach alle ihre Fragen zu Bratschenbauern, ohne dass sie diese stellte. Es waren tatsächlich Geigenbauer, die sich aber in vielen Fällen spezialisierten. Anna erfuhr, dass es nur wenige gute historische Instrumente auf dem Markt gab. Dafür gab es unterschiedliche Gründe. Insgesamt hatte das mit der Entwicklung der Musik für mittlere Stimmlage zu tun – da es weniger herausragendes Repertoire und weniger herausragende Interpreten gegeben hatte, gab es auch weniger herausragende Instrumente. Das hatte sich – nachvollziehbar für Anna – erst im 20. Jahrhundert merklich verändert.

»Okay! Und die in sehr viel kleinerer Stückzahl existierenden guten historischen Instrumente haben dann einen ganz besonders herausragenden Preis, richtig?«, schlussfolgerte sie.

»Vor allem muss man sie finden.«

»Und du hast eins gefunden?«

Irgendwann waren Anna und Habakuk einvernehmlich zu dem in beiden Branchen üblichen Du übergegangen.

»Es hat mich gefunden. Aber jetzt ist es futsch. Oder: Man will mich glauben machen, dass es futsch ist. Das ist es ja, was ich meine. Vor etwa zwei Monaten rief mich Thorsten Steinmüller an. Er hatte meine Nummer von einem Kollegen aus dem Gewandhausorchester. Und er fiel gleich mit der Tür ins Haus. Ohne ›Wie geht’s? Wie steht’s?‹, ohne Small Talk kam er gleich zur Sache. Das war wohl seine Art. Er wollte mir eines seiner aktuellen Instrumente, den vor etwa 20 Jahren geschaffenen Nachbau einer Stradivari von 1719 verkaufen. Steinmüller, der nicht in dem Ruf stand, verarmt zu sein, schien es mit dem Verkauf sehr eilig zu haben. Das machte mich zunächst stutzig. Ich dachte mir, dass möglicherweise mit dem Instrument etwas nicht stimmt. Dennoch ließ ich mich auf ein Treffen und ein Probespiel des Instruments ein – bereits am nächsten Tag. Diesem folgte ein weiteres Probespiel eine Woche später, weil ich positiv überrascht, aber noch nicht überzeugt war. Da haben wir dann über den Preis gesprochen, den ich nicht zahlen wollte und auch nicht konnte. Ich wollte mich nicht an eine Bratsche versklaven wie andere an ein Herrenhaus. Wir haben hin und her verhandelt, wobei ich von vornherein offengelegt habe, was für mich realistisch ist – immerhin der Preis eines richtig guten Mittelklassewagens.«

Er schien eine verdammt ehrliche Haut zu sein, dieser Brausewind. Steinmüller habe bis ins Letzte gefeilscht, schließlich sogar in 100-Euro-Schritten, was bei solchen Summen besonders lächerlich war. Habakuk sei das Ganze schließlich so unangenehm geworden, dass er das Instrument aufgeben wollte. Da habe ihm der Kollege mitgeteilt, es tue ihm leid, er habe einen anderen Käufer gefunden, der ihm den vollen Preis zahle. Aus Asien, mehr habe er nicht gesagt. Habakuk hatte die Sache in dem Moment abgeschlossen, und er war froh darüber gewesen, weil die obsessiv feilschenden Anrufe des Kollegen zeit- und energiezehrend waren.

Anna hing an Habakuks Lippen, und der fragte sich, wann er das letzte Mal das Bedürfnis gehabt hatte, sich jemandem in dieser Ausführlichkeit und Intensität mitzuteilen. Auf jeden Fall war die Sache mit der Bratsche vorläufig im Sande verlaufen, Habakuk hatte nichts mehr von Steinmüller gehört und war darüber hinaus von dem kostspieligen Investitionsplan geheilt.

Bis vor gut einer Woche abermals sein Telefon geklingelt und Steinmüller gefragt hatte, ob er noch interessiert sei. Habakuk hatte sich das neuerliche Angebot angehört. Steinmüller wollte ihm 100 Prozent beim Preis entgegenkommen, wenn der Deal auf der Stelle über die Bühne ging. Das sei der Moment gewesen, an dem bei Habakuk die Alarmglocken sehr laut geschrillt hatten. Diese Marktschreier-Attitüde war absolut unseriös und auch nicht üblich; eine historische Bratsche wurde ja nicht plötzlich schlecht, wenn sie es die letzten 300 Jahre nicht geworden war; das war bei einer Kopie nicht anders. Außerdem bekam kein normaler Orchestermusiker eine sehr, sehr ordentliche fünfstellige Summe von heute auf morgen abrufbar von seiner Bank – das hatte Steinmüller mit Sicherheit gewusst. Habakuk hatte deshalb auf einem hieb- und stichfesten Kaufvertrag bestanden.

Anna, die ihm bis hierhin mehr als gebannt gelauscht hatte, pflichtete ihm bei. So etwas sei absolut merkwürdig und man müsse sich da absichern.

Der Kaufvertrag war aufgesetzt worden, Finanzierung, Zahlung und Übergabe vereinbart. Ende der kommenden Woche sollte alles über die Bühne gegangen sein. Morgen hätte er noch einen Termin bei der Versicherung gehabt, denn die Versicherung des Gewandhausorchesters war weder an einem Zweitinstrument noch an einer Bratsche in diesem Wertsegment besonders interessiert. Doch auch Habakuks persönlicher Versicherungsvertreter war argwöhnisch und etwas überfordert und wollte sich mit der Zentrale beraten, weswegen der Termin erst morgen hätte stattfinden sollen.

Mit einem liebenswerten Sarkasmus fügte Habakuk hinzu: »Ich habe mich schon gefragt, ob ein Geiger, der ein Instrument für einen ordentlichen sechsstelligen Betrag versichern will, auch so schief angesehen wird wie ich in diesem weit kostengünstigeren Fall. Aber mein Versicherungsvertreter kann nun wieder ruhig schlafen, wenn ich morgen früh den Termin absage.«

Erst jetzt begriff Anna die Sache in ihrem ganzen Ausmaß: Die gestern zertrümmerte Bratsche wäre das zukünftige Instrument ihres Gegenübers gewesen. Mitleidig und entsetzt starrte sie Habakuk an.

10

»Hat er dir jemals gesagt, warum er das Instrument so dringend verkaufen wollte?«

»Kein Sterbenswort. Er hatte es eilig, also dachte ich mir, er braucht das Geld. Er hatte ja mehr als ein anderes anständiges Konzertinstrument.«

»Und warum hat er gestern ausgerechnet dieses gespielt?«

»Das hat er mir angekündigt, aber plausibel erschien mir seine Erklärung nicht! Es fällt mir schwer, in bestimmten Situationen an Zufälle zu glauben; und das hier ist so eine.«

Ein Satz, der durchaus von Anna stammen könnte, das gefiel ihr. Habakuk C. Brausewind hatte Anna Schneider argumentativ längst auf seine Seite gezogen.

Habakuk fuhr fort: »Ich weiß nicht, was passiert ist, oder was ich davon halten soll. Aber es fällt mir schwer, an einen Unglücksfall zu glauben. Vorgestern hat mich Steinmüller angerufen und mir erklärt, dass er das Instrument am Samstag im Konzert im In-and-Out noch einmal spielen müsse, des Klangbildes wegen und verschiedenen Leuten zuliebe. Die nannte er jedoch nicht namentlich. Es sei ihm aber wichtig – natürlich gegen Quittung –, gleich im Anschluss an das Konzert das Instrument vorfristig an mich zu übergeben. Er bat mich, da zu sein, eine Freikarte sei auf meinen Namen an der Abendkasse hinterlegt. Ich habe daraufhin bei einem befreundeten Anwalt angerufen, um zu ergründen, ob sich das auf den schon unterschriebenen Kaufvertrag auswirken könnte. Dieser hat verneint, aber eine Übergabequittung aufgesetzt, die am Ende nicht mehr benötigt wurde.«

»Hast du das der Polizei gesagt?«

»Du bist gut! Weder gehörte mir das Instrument bereits, noch weiß ich, ob man eindeutig nachweisen kann, dass es sich bei dem auf der In-and-Out-Bühne verteilten Kleinholz um genau diese Bratsche gehandelt hat. Jemand, der nicht vorher im Saal war, könnte vermutlich nicht einmal sagen, dass die Holzsplitter ein Musikinstrument waren. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, dass es sich um einen Anschlag auf das Instrument gehandelt hat.«

»Aber«, fuhr ihm Anna ins Wort, »ein solcher Anschlag wäre auch mindestens fahrlässige Tötung!«

Habakuk wiegte bedächtig den Kopf. »Das ist es doch, was mir die ganze Zeit durch den Kopf geht. Wie kann man Hypothesen zu Instrumentenschwarzmarkt oder Versicherungsbetrug verfolgen oder das der Polizei gegenüber erwähnen, ohne dabei das Andenken eines Toten zu verunglimpfen, der damit möglicherweise gar nichts zu tun hatte? Das Hin und Her des Verkaufs sorgte unter Kollegen ohnehin für Aufsehen.«

»Man müsste herausbekommen, dass es kein Unfall war«, hörte sich Anna sagen.

»Davon ist Frille überzeugt!«

Anna war irritiert. Hatte sie etwas verpasst? »Wer ist Frille?«

Frille wurde ein gewisser Friedrich Lehmann von seinen Freunden und Kollegen genannt. Und Friedrich Lehmann war der technische Leiter vom In-and-Out, einer der beiden festangestellten Veranstaltungstechniker, der Einzige in Vollzeit. Woher Habakuk diesen Frille so gut kannte, dass er wusste, was der darüber dachte, konnte Anna nicht fragen.

Denn Habakuk erklärte bereits: »Frille hat noch gestern Abend darauf bestanden, dass das kein Unfall gewesen sein kann, dass keiner seiner Leute – es gibt eine Reihe freier Kollegen – so grob fahrlässig handeln würde. Vor allem können sich die Befestigungsschellen eines Moving Lights von Bero niemals einfach so lösen, niemals! Frille sagt, es gebe technisch und was die Sicherheit betrifft nichts Besseres. Die Spots besitzen nämlich eine Sekundärsicherung, einen Unfall hält er also für ausgeschlossen. Aber das In-and-Out mit seiner Politik der offenen Türen, wo jeder nach überall durchmarschieren und Dinge abschrauben und mitgehen lassen könne … Für Frille ist es nur eine Frage der Zeit gewesen, dass mal etwas passiert. Aber gleich so etwas … Das hätte er nicht für möglich gehalten. Mit einem ordentlichen Sicherheitsdienst wie in anderen Clubs wäre das nicht passiert, sagt er. Er hofft, dass sich wenigstens jetzt etwas ändert.«

Anna wagte vorsichtig anzumerken: »Ist es nicht naturgemäß und allzu verständlich, dass der technische Leiter hofft, der Fehler liege nicht in seinem Zuständigkeitsbereich? Immerhin kam durch den einzigartigen – wie heißt der? Moving Light? – na, durch den fantastischen Drehscheinwerfer ein Mensch zu Tode. Hat dieser Herr Frille« – Habakuk schmunzelte, weil Anna ihn »Herr Frille« nannte – »also dieser Frille seine Bedenken der Polizei vorgetragen?«

»Und ob«, wusste Habakuk, der mit Frille heute schon ein längeres Telefonat geführt hatte. »Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen, die Polizei nimmt Frilles Bedenken durchaus ernst. Aber ich habe im Gegensatz zu ihm keinen Grund und schon gar keine Berechtigung, mit irgendwelchen kruden Verdächtigungen durch die Gegend zu ziehen. Rein formal war es ja noch nicht einmal mein Instrument.«

Anna saß aufrecht auf ihrer Plüschsesselkante. Durch ihren Kopf schoss alles Mögliche – Versicherungsbetrug, Instrumentenmafia, fahrlässige Tötung, Mord … Außer dass sie diesen Austausch mit Habakuk unendlich genoss und fortsetzen wollte, hatte sie das verführerische Gefühl, dass das hier ihre große Enthüllungsstory sein könnte, der Beweis, dass sie mehr konnte, als Musikkritiken zu schreiben. Sollte keine große Story dahinterstecken, bot ihr Habakuks Erzählung wenigstens einen Ausweg aus dem momentanen Kramer-Dilemma. Sie sagte: »Ich weiß, wie wir vorgehen!«

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22 декабря 2023
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222 стр. 5 иллюстраций
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9783839269282
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