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Stefanie Purle

Scarlett Taylor

Parapsychologin wider Willen

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Es geht weiter…

Impressum neobooks

Widmung

Für meinen Mann

Kapitel 1

Als die Mail meiner Tante Elvira bei mir ankommt, stehe ich gerade an der Kasse im Supermarkt. Ich habe mein letztes Geld zusammengekratzt, sogar etwas aus dem Sparschwein genommen und die Sofaritzen durchsucht.

Das Sparschwein... Eine weitere Erinnerung an eine gescheiterte Beziehung. Mein Ex hatte es angeschafft. Eines Abends kam er damit vom Einkaufen heim und präsentierte es stolz, mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. "Für unseren Urlaub!", verkündete er und steckte feierlich einen Fünf-Euro-Schein hinein. Eben diesen Schein halte ich nun in der Hand. Mehr hatte das Sparschwein nie zu fressen bekommen, und den Urlaub verbringt mein Ex nun mit seiner wohlhabenderen, schlankeren neuen Freundin.

Biep, biep, biep... vibriert das Handy in meiner Hand und reißt mich aus meinen Gedanken. Ich stecke es in meine Manteltasche. Die Kassiererin wirkt genervt, als sie meine Sachen über das Band schiebt. Eine Tüte Chips, Tampons, zwei Brötchen, eine Packung Käse, weiße Schokolade und eine Gurke.

„Sechs Euro Zwanzig", nuschelt sie, während ich versuche, meine Einkäufe auf einem Arm zu balancieren.

Mist, das sind circa zwanzig Cent zu viel. Ich gebe ihr, was ich dabeihabe: Den Schein, und den restlichen Euro in fünf und zehn Centstücken. Sie rollt mit den Augen und fängt an zu zählen.

Biep, biep, biep... dröhnt es erneut mahnend aus meiner Manteltasche.

"Es fehlen noch 22 Cent", sagt sie und hält die Hand auf.

Die Kunden hinter mir seufzen, einer guckt genervt auf seine Uhr.

Ich räuspere mich, lehne mich zu ihr und flüstere: "So viel habe ich leider nicht. Ich habe nur das, was ich Ihnen gegeben habe."

Die Augen der Kassiererin taxieren mich. "Svenja, einmal Storno Kasse Zwei!", schreit sie mir mitten ins Gesicht. Ihr Atem riecht nach Knoblauch. "Dann müssen Sie einen Artikel hier lassen", sagt sie und greift nach meiner Tafel Schokolade.

"Nein!", schreie ich energisch und etwas zu laut. Aber meine Schokolade kriegt sie nicht! Hat sie denn nicht die Tampons gesehen? Ich brauche die Schokolade!

Also gebe ich ihr die Gurke. Wieder rollt sie mit den Augen.

Sie kassiert ab und gibt mir dreizehn Cent zurück. Ich verlasse hastig das Geschäft und gehe zum Parkplatz. Blöde Kuh, denke ich und werfe meine Einkäufe auf den Beifahrersitz meines schrottreifen Wagens. Biep, biep, biep... vibriert mein Handy in der Manteltasche. Ich setze mich ins Auto, packe die Schokolade aus und beiße hinein, dann hole ich mein Handy hervor und öffne die Mail-App.

Ich kneife die Augen zu und sende ein Stoßgebet gen Himmel: „Bitte, bitte, lass es eine Job-Zusage sein!“ Schließlich bin ich seit knapp sechs Monaten arbeitslos und wenn ich nicht bald einen Job finde, werde ich elendig verhungern und verdursten. Okay, vielleicht nicht ganz so schlimm.

Aber nein, es ist keine Job-Zusage. Tante Elvira hat mir geschrieben. Seltsam, sie schreibt eigentlich nie E-Mails. Ich wusste gar nicht, dass sie meine Adresse hat.

In der Betreffzeile steht "Wichtig! Bitte sofort lesen!". Ich rechne mit einer Art Kettenbrief, einer von der Sorte "Wenn du diese Mail nicht weiterleitest, bist du heute Nacht tot!". Tante Elvira würde auf so etwas hereinfallen, sie war schon immer abergläubisch. Also werfe ich mein Handy zu meinen Einkäufen auf den Beifahrersitz, starte den Motor und beiße erneut von meiner Schokolade ab, ohne die Mail zu lesen. Mein Auto piept, fast so nervig wie mein Handy. Es will Benzin. Aber bis zu meiner Wohnung wird es wohl noch reichen, hoffe ich.

Aber es reicht nicht. Zwanzig Meter vor meinem Parkplatz geht der Motor mit einem gluckernden Seufzen aus. Ich fluche und schlage auf das Lenkrad. "Du dämliche Mistsau!", schreie ich die Blechkiste an und versetze ihm einen weiteren Schlag, diesmal auf die Hupe. Passanten, die neben mir auf dem Bürgersteig vorbeilaufen, schütteln mit dem Kopf. Für heute reicht es mir wirklich mit dem Augenrollen und Kopfschütteln!

Ich nehme den Gang raus, öffne die Tür und schiebe mein Auto ächzend auf den Parkplatz. Natürlich hilft mir keiner, auch nicht mein arroganter Nachbar, der gerade in Unterhemd und Boxershorts den Müll nach draußen bringt. Er bleibt stehen, kreuzt die Arme vor der Brust, damit man seinen lächerlich großen Bizeps noch besser sehen kann, und beobachtet mich grinsend. Er steht selbst noch in dieser Haltung da, als ich, meine Sachen auf dem Arm balancierend, an ihm vorbei zur Haustür gehe. Sein Grinsen ist eines von der arroganten, überheblichen Sorte, so eins, wo nur ein Mundwinkel leicht nach oben gezogen ist. Ich fummle in meiner Manteltasche nach dem Haustürschlüssel und ignoriere ihn.

"Na, Schneider, alles klar?" fragt er und wirft den Kopf nach hinten.

"Hmm“, grunze ich und vermeide jeglichen Blickkontakt.

"Soll ich dir vielleicht helfen?"

"Nee, geht schon", ächze ich in dem Moment, als meine Tampons zu Boden fallen. Noch bevor ich mich bücken kann, hat er die Schachtel schon in der Hand.

"Super extra large“, liest er von der Schachtel ab und lacht. "Wusste gar nicht, dass so ein zartes Persönchen wie du, so ein Fassungsvolumen hat!"

Mir ist klar, dass seine Bemerkung ironischer Natur ist, denn ich bin weit entfernt davon ein zartes Persönchen zu sein, womit ich aber eigentlich kein Problem habe. Mein einziges Problem in diesem Moment ist, dass dieser Kerl meine Tampons in den Händen hält!

"Gib her!", keife ich und will ihm die Schachtel aus der Hand reißen, doch er hält sie hoch und grinst amüsiert.

Man, wie ich dieses Grinsen hasse. Es ist noch so eine Art überhebliches Grinsen, aber diesmal mit Zähnen. Mit weißen, perfekten Zähnen, die im Dunkeln zu leuchten scheinen.

"Na, komm, Schneider, ich helfe dir", gibt er nach, mit einem milderen Gesichtsausdruck und schließt die Tür für mich auf.

Mit seinen dicken Muskelarmen hält er sie offen und ich husche an ihm vorbei. Warum ich in dem Moment rot werde, weiß ich nicht, aber ich könnte mich selbst dafür ohrfeigen. Natürlich bemerkt er meine Röte und setzt sein verführerischstes Lächeln auf.

Von oben ruft eine junge, weibliche Stimme: "Schaaatz, wo bleibst du?"

"Komme gleich, Baby. Ich trage nur noch der Frau Schneider die Tampons nach oben. Bin gleich wieder da!"

Wenn Blicke töten könnten, wäre er jetzt tot. Nicht nur das, er wäre zu Staub zerfallen, zu Staub und Asche!

Aber nein, er lacht mal wieder, zeigt seine weißen Perlenzähne, spannt scheinbar extra die Muskeln für mich an und steigt die Treppen hinauf, anstatt zu Staub zu zerfallen. Ich zwinge mich, nicht auf seine prallen Pobacken vor mir zu starren, die sich durch den dünnen Stoff der Boxershorts abzeichnen, und folge ihm.

Er wartet, bis ich meine Tür aufgeschlossen habe und dreht dabei meine Schachtel Tampons in seinen Händen. Dann legt er sie auf den Stapel Einkäufe in meinem Arm, zwinkert mir erneut zu und sprintet ein Stockwerk höher, wo dieses junge Ding auf ihn wartet. Ich höre ihr Kichern und sein bärenartiges Grunzen, bis endlich die Tür hinter mir ins Schloss fällt.

Nachdem ich meine Einkäufe verstaut habe, schalte ich den Fernseher ein und lege mich aufs Sofa. Ich nehme mein Handy und lese endlich diese blöde Kettenmail meiner Tante. Doch als ich sie öffne, merke ich schnell, dass es sich nicht um eine Kettenmail handelt.

Liebe Scarlett,

wenn Du diese Mail bekommst, bedeutet es, dass mir vor sieben Tagen etwas zugestoßen ist. Bitte mach Dir keine Sorgen, ich komme schon klar. Allerdings brauche ich Deine Hilfe. Du musst meinen Job übernehmen. Alles, was Du dazu benötigst, habe ich für Dich hinterlegt. Den Schlüssel zu meinem Büro findest Du in dem Buch "Krieg und Frieden", das ich Dir zum zwanzigsten Geburtstag geschenkt habe. Er klebt auf der letzten Seite. Gehe bitte in mein Büro, dort findest Du in der untersten Schublade meines Schreibtisches ein Buch. Darin steht alles, was Du wissen musst. Bitte höre den Anrufbeantworter ab und kümmere Dich um meine Kunden.

Behandle bitte alles vertraulich, es wird Dir eh keiner glauben. Aber glaube mir, es ist alles wahr!

In Liebe,

Deine Tante Elvira

Ich springe auf und renne zu meinem Bücherregal. Krieg und Frieden, Krieg und Frieden, da ist es! Ich hole das schwere Buch hervor und blättere zur letzten Seite. Tatsächlich, dort klebt ein Schlüssel! Ich löse den Klebestreifen und halte den silbernen Schlüssel in meiner Hand.

Vor sieben Jahren hat Elvira ihn also schon bei mir versteckt. Und wie gut sie mich doch kennt, sie wusste genau, dass ich dieses Buch nie lesen, und deshalb nie sein Geheimnis vorab entdecken würde.

Ich stecke den Schlüssel in meine Hosentasche und nehme mein Handy. Ich rufe Elvira an, doch es geht nur die Mailbox dran. Dann versuche ich es auf ihrem Festnetzanschluss, doch auch dort geht niemand ran. Mein Herz pocht aufgeregt in meiner Brust. Wo ist Tante Elvira, was ist ihr zugestoßen? Erneut lese ich die Mail von ihr.

Wenn du diese Mail bekommst, bedeutet es, dass mir vor sieben Tagen etwas zugestoßen ist.

Wie konnte sie mir diese Mail schicken, wenn ihr etwas zugestoßen ist? Was, um Himmels Willen, ist mit ihr geschehen? Und wieso soll ich ihr Reisebüro übernehmen? Es kann ihr doch egal sein, ob die Leute nun noch in den Urlaub fliegen oder nicht. Und was meinte sie damit, dass mir eh keiner glauben wird?

Tausend Fragen schießen durch meinen Kopf und machen mich ganz schwindelig. Erst laufe ich nervös in meiner Wohnung auf und ab, lese die Mail wieder und wieder, fahre mir durch die Haare und rede mit mir selbst.

Doch dann beschließe ich, das einzig Logische zu tun: Ich muss in Elviras Reisebüro und das Buch holen, das sie dort für mich verwahrt.

Und dann werde ich Elvira finden.

Kapitel 2

Meine Hände zittern und ich bin völlig außer Atem, als ich vor Elviras Reisebüro stehe und den Schlüssel ins Schloss stecke. Die Muskeln in meinen Beinen schmerzen, ich bin den ganzen Weg gerannt. Ich drehe den Schlüssel und öffne die Tür.

Der Innenraum wird von den leuchtenden Palmen im Schaufenster in mattes Neongrün getaucht. Meine Hand tastet suchend an der Wand entlang, bis ich endlich den Lichtschalter finde.

„Elvira?!“, rufe ich und meine eigene Stimme hallt mir in dem kargen Raum entgegen wie ein Echo. „Elvira, bist du hier?“

Keine Antwort. Ich blicke von den Regalen mit Reiseprospekten an der Wand zum Schreibtisch und hinüber zur Pflanze in der Ecke des Raumes. Keine Verwüstungen, keine Zeichen eines Kampfes, alles sieht aus wie immer.

„Elvira?“, rufe ich erneut, bevor ich mich an ihren Schreibtisch setze. Wieder erhalte ich keine Antwort. Etwas zögerlich ziehe ich die Schubladen auf, erwarte jeden Moment, dass meine verrückte Tante um die Ecke gesprungen kommt und mir sagt, dass alles nur ein Scherz gewesen ist.

In der ersten Schublade liegen ein paar Büroklammern und Druckerpapier. Die zweite Lade ist leer, bis auf einen einsamen Kugelschreiber. Dann ziehe ich die unterste Schublade heraus, in der Elvira mir das Buch hinterlegen wollte. Doch auch sie ist leer.

„Sehr witzig, Elvira!“, rufe ich in den leeren Raum. „Du kannst jetzt rauskommen.“

Aber es folgt keine Reaktion. So langsam zweifele ich an mir selbst. Ich hole mein Handy hervor und lese mir die Mail erneut durch.

Gehe bitte in mein Büro, dort findest Du in der untersten Schublade meines Schreibtisches ein Buch.

So steht es dort. Aber hier ist kein Buch!

Aufgewühlt und ein wenig genervt, lehne ich mich im Stuhl zurück. Mein Blick gleitet durch das spartanisch eingerichtete Reisebüro. Ich habe mich immer gefragt, warum Elvira hier nicht ein wenig mehr dekoriert. Außer den leuchtenden Palmen im Schaufenster gibt es keinerlei Deko. Keine Bilder von endlosen Sandstränden, keine Aufsteller mit Werbung für den nächsten Skiurlaub, nur die schmalen Regale mit Broschüren. Hinter dem Schreibtisch ist die Tür zur Kaffeeküche, geschmückt mit einem einfachen Kalender ohne Bilder. Ich stehe auf und gehe darauf zu. Der Kalender zeigt noch das Juli-Blatt, dabei haben wir schon September. Vorsichtig öffne ich die Tür einen Spalt und rechne mit einer lachenden Elvira dahinter, die mit dem Finger auf mich zeigt. Aber auch dieser Raum ist leer. Ich schalte das Licht an und sehe mich um. An der einen Wand steht ein Tisch, mit Tassen, Wasserkocher, Kaffeepulver und einer Schale Zucker. Gegenüber davon ist eine kleine Spüle, und auf der anderen Seite des länglichen Raumes steht ein Schreibtisch.

Ein Schreibtisch? Ich bin mir sicher, ihn hier noch nie gesehen zu haben, und als ich mich weiter umblicke, merke ich auch, wieso: Vor dem Schreibtisch ist eine Trennwand angebracht, die man zuziehen kann. Ich habe immer gedacht, dahinter würde Elvira Papiere, Prospekte, Druckerpatronen und so weiter aufbewahren. Doch da war die ganze Zeit ein Büro versteckt, zwar ein kleines, aber trotzdem ein voll ausgestattetes Büro.

Der Tisch wirkt sehr alt, ist aus dunklem, leicht rötlichem Holz, mit Schnitzereien an den Seiten. Vor ihm stehen zwei Sessel, hinter ihm ist ein großer Bürostuhl, mit schwarzem Leder bezogen. Erst jetzt bemerke ich die Wand hinter dem Schreibtisch. Sie ist mit Pinnwänden gespickt, an denen unzählige Zeitungsartikel, Fotos und gezeichnete Symbole auf vergilbtem Papier hängen. Die ganze hintere Wand des Raumes ist voll davon. Rechts und links hängen geschnitzte Masken mit schrecklichen Fratzen, darunter baumeln seltsame Amulette mit Sternen, Gesichtern und anderem seltsamen Kram.

Wenn das ein Streich sein soll, dann ist es ein sehr aufwändiger Streich.

Ich gehe um den Tisch herum und setzte mich in den ledernen Stuhl. Auf dem Tisch steht eine kleine Lampe, eine von diesen grün goldenen Bänkerlampen. Ich schalte sie ein und öffne vorsichtig die erste Schublade. Sie ist voll mit seltsamem Kram. Noch mehr Amulette, ein silberner Dolch, ein Säckchen mit bunten Edelsteinen und Dosen mit unterschiedlichen Kräutern. In der zweiten Schublade sind ein paar Bücher. Sie wirken sehr alt, beinahe antik. Auf einem steht „Mythische Kreaturen“, auf einem anderen „Geistwesen“. Ich schüttle mit dem Kopf. Was ist das alles?

Dann mache ich mich an die unterste Schublade und hoffe, dass ich hier finde, was Elvira für mich hinterlegt hat. Unwillkürlich halte ich die Luft an, während ich sie aufziehe.

Obenauf liegt ein weißes Blatt Papier auf dem in großen Buchstaben mein Name steht. Nur mein Name, sonst nichts. SCARLETT. Ich nehme es heraus und lege es auf den Schreibtisch. Unter dem Blatt ist das besagte Buch. Ein ziemlich dickes, in Leder gebundenes Buch mit einem fünfzackigen Stern eingebrannt auf dem Deckel. Mit beiden Händen hebe ich es heraus und sehe, dass das noch nicht alles ist, was Elvira für mich hinterlegt hat. Da ist ein Handy, mit einem Klebezettel, auf dem wieder mein Name steht. Dann noch ein silbernes Amulett an einem Lederband. Es sieht aus wie eine Münze, mit seltsamen Symbolen und Schriftzeichen darauf. Ich lasse es durch meine Finger gleiten und begutachte es. Es wirkt sehr alt und handgefertigt.

Ganz hinten in der Lade ist ein Kulturbeutel, an dem auch ein Klebezettel mit meinem Namen klebt. Er ist schwer und prall gefüllt. Als ich ihn öffne, kommt mir ein seltsamer Geruch entgegen. Es riecht nach Gewürzen, Kräutern und rostigem Metall. Ich hole verschiedene Sachen heraus: Einen Samtbeutel gefüllt mit Edelsteinen, mehrere Fläschchen mit Pulver oder Salzen, ein silberner Flachmann mit irgendeiner Flüssigkeit, dann noch ein paar silberne, goldene und kupferne Amulette und Münzen mit Symbolen darauf.

Ich habe keinen Schimmer, was ich mit all dem Zeug anfangen soll. Verwirrt sortiere ich es zurück in die Kulturtasche. Dann mache ich mich an das mysteriöse Buch mit dem Stern auf dem Deckel und schlage es auf. Auf der ersten Seite ist eine handschriftliche Notiz von Elvira an mich, darunter klebt ein Briefumschlag.

Liebe Scarlett,

ich freue mich, mein Vermächtnis nun an Dich weitergeben zu können. (Auch wenn ich mir gewünscht hätte, es Dir unter anderen Umständen beizubringen.)

Vermächtnis? Wovon spricht sie nur?

Ich weiß, all das mag Dir sehr fremdartig und seltsam vorkommen-

Du hast ja keine Ahnung...

-aber ich kann Dir versichern, alles, was Du in diesem Buch lesen wirst, ist wahr.

Du musst Dich von nun an um unsere Kunden kümmern.

Welche Kunden? Ich verstehe das alles nicht!

Bist Du im Dienst, wirst Du Dich Scarlett Taylor nennen, nicht Scarlett Schneider. Von nun an hast Du zwei Identitäten:

- Scarlett Schneider, wenn Du nicht im Dienst bist,

- Scarlett Taylor, Parapsychologin im Außendienst, wenn Du arbeitest.

Du wirst als Parapsychologin Dinge tun müssen, die oftmals illegal und gesetzeswidrig sind. Benutze deswegen diesen Decknamen bei Deinen Aufträgen.

„Was?“, schreie ich in die Stille hinein und klappe das Buch zu. Meine Tante muss verrückt sein! Parapsychologin... Was soll das sein?

Ein weiteres Mal hole ich mein Handy aus der Tasche und wähle Elviras Nummer. Ich muss mit ihr sprechen. Dringend! Aber wieder geht sie nicht ran.

Ich schlage das Buch erneut auf. Da ist dieser Briefumschlag. Doch ein wenig neugierig öffne ich ihn und fische zwei Plastikkarten und ein Büchlein heraus. Als ich sie ansehe, kann ich es kaum fassen: Es ist ein Personalausweis, ein Führerschein und ein Reisepass. Alle drei ausgestellt auf den Namen „Scarlett Taylor“, mit meinem Foto als Passbild.

„Scarlett Taylor“, flüstere ich leise und lese den Namen wieder und wieder auf den Ausweisen. „Scarlett Taylor... So schlecht klingt das gar nicht.“

Ich bin völlig in Gedanken vertieft, als das Telefon klingelt. Vor Schreck lasse ich meine neuen Ausweise fallen. Nach dem zweiten Klingeln geht der Anrufbeantworter an und ich lausche gespannt der Ansage.

„Dies ist der Anschluss von Elvira Taylor, Parapsychologin im Außendienst. Ich bin zurzeit leider nicht im Büro, Sie können mir aber eine Nachricht hinterlassen. Ich werde mich dann umgehend bei Ihnen zurückmelden.“

Dann ein Pfeifton, danach ein Schluchzen. „Elvira? Sind Sie da?“, spricht eine weibliche, weinerliche Stimme auf den Anrufbeantworter. „Wir brauchen Ihre Hilfe. Eine Bekannte hat Sie empfohlen.“ Sie seufzt und zieht die Nase hoch. „Elvira? Wenn Sie da sind, nehmen Sie bitte ab.“

Das Schluchzen und Flehen der Frau geht mir durch Mark und Bein. Sie tut mir ehrlich leid. Offensichtlich ist sie sehr verzweifelt.

Du musst Dich von nun an um unsere Kunden kümmern, hatte Elvira geschrieben.

„Elvira?“, fleht die Frau weinerlich.

Ich gebe mir einen Ruck und nehme den Hörer ab.

„Scarlett Taylor hier.“ sage ich und bin erstaunt, wie leicht mir mein neuer Name über die Lippen geht. „Elvira ist zurzeit leider nicht zu sprechen, kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen?“

Kurz ist Stille am anderen Ende, dann wieder ein weinerlicher Seufzer. „Ich weiß nicht. Sie halten mich wahrscheinlich für verrückt.“

Ich gebe ein kurzes Prusten von mir. „Nein, mit Sicherheit nicht. Verrückter als das, was ich gerade erlebe, kann es gar nicht sein.“ Die weinerliche Frau schluckt und räuspert sich. In sanfterem Ton fahre ich fort. „Erzählen Sie mir doch worum es geht, vielleicht kann ich Ihnen helfen. Ich bin die Nichte von Elvira Schnei... äh, Taylor.“ Mist.

„Okay... Also, wir sind vor circa sechs Monaten in dieses Haus gezogen. Ich wusste von Anfang an, dass hier etwas nicht stimmt. Es war so ein Gefühl, wissen Sie?“, fängt die Frau an zu erzählen.

Ich spiele mit dem Münzamulett in meiner Hand, während ich zuhöre. „Ja, kenne ich“, lüge ich und drehe die Münze zwischen meinen Fingern. „Und weiter?“

„Und nun ist es seit knapp drei Wochen so, dass ich mich beobachtet fühle. Nicht nur ich, meine Tochter auch, sie ist vierzehn. Wir fühlen uns beim Anziehen, Ausziehen und Duschen beobachtet. Es ist, als seien wir nie allein.“

„Hmm“ brumme ich. „Sind Sie denn allein? Oder beobachtet Sie der Nachbarsjunge durchs Fenster, oder sowas in der Art?“ Natürlich suche ich erst einmal nach einer logischen Erklärung.

Wieder herrscht kurz Stille am anderen Ende. „Nein… Das war ja auch noch nicht alles! Seit einigen Nächten wird meiner Tochter nachts die Bettdecke vom Bett gezogen. Sie hat panische Angst und mag nicht mehr allein in ihrem Zimmer schlafen. Und ich habe einen Schatten gesehen. Mehrmals. Er hat sich bewegt. Es war wirklich unheimlich“, erzählt sie und ihre weinerliche Stimme kehrt zurück. „Mein Mann glaubt das alles nicht, aber ich habe es gesehen! Und es hat mit mir gesprochen!“

„Was hat mit Ihnen gesprochen?“

„Der Schatten!“

„Und was hat er gesagt?“, hake ich neugierig nach.

Sie zögert ein wenig, dann höre ich sie schluchzen. „Er sagte... Sie ist mein!“

Ich muss schlucken, und obwohl ich es nicht gern zugebe, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken.

„Können Sie vorbeikommen und das... wegmachen?“, schluchzt und fleht sie weiter.

„Nun ja. Ich kann es versuchen. Ich vertrete Elvira bloß bis sie wieder da ist“, gebe ich nach, ohne zu wissen, wie ich der Frau überhaupt helfen könnte.

Sie wirkt erleichtert, gibt mir ihre Adresse und Telefonnummer und wir verabreden uns für den morgigen Tag. Insgeheim hoffe ich, bis dahin Elvira gefunden zu haben, damit sie diese Angelegenheit übernehmen kann. Wir verabschieden uns und ich lege den Hörer auf.

Ich lehne mich zurück und schlage die Hände vors Gesicht. Wo bin ich hier bloß hineingeraten? Wie soll ich dieser Frau nur helfen? Was erwartet Elvira nun von mir?

Ich nehme mir das prall gefüllte Buch erneut vor und lege es auf meinen Schoß, in der Hoffnung, darin vielleicht die Antworten zu finde. Auf der zweiten Seite klebt ein weiterer Briefumschlag. Als ich ihn öffne, entdecke ich darin dreitausend Euro in großen Scheinen und eine Kreditkarte auf den Namen Scarlett Taylor. Ich befühle das Papier des Geldes mit den Fingern und kann es kaum fassen. Wieso hinterlegt Elvira mir so viel Geld? Darf ich es behalten? Wofür ist es gedacht? Ich kann es natürlich sehr gut gebrauchen, davon könnte ich tanken und Lebensmittel kaufen. Seit Monaten habe ich kaum Geld. Das Arbeitslosengeld reicht gerade mal für die Miete und die Nebenkosten. Danach bleibt mir nicht mehr viel übrig. Sicherlich hätte ich mir eine günstigere Wohnung nehmen können, aber ich habe nun mal meine Ansprüche.

Ich lege das Geld und die Kreditkarte auf den Tisch und blättere zur nächsten Seite. Wieder ein Briefumschlag, diesmal ein wattierter, der das ganze Buch ein wenig zerknittert und ausbeult. Ich öffne ihn und ziehe einen Autoschlüssel samt Fahrzeugschein heraus. Der Wagen ist auf meinen Namen zugelassen. Als ich den Fahrzeugschein auseinanderfalte, fällt ein kleiner Zettel heraus: Wagen steht auf dem Parkplatz hinter dem Reisebüro.

Ich halte den Schlüssel ungläubig hoch. Als Schlüsselanhänger baumelt einer dieser fünfzackigen Sterne daran. Meine Tante hat mir ein Auto geschenkt! Ich kann es kaum glauben. Wieso schenkt sie mir ein Auto, dreitausend Euro und eine Kreditkarte? Warum? Und wo hat sie das viele Geld her?

Wieder nehme ich mein Handy und wähle ihre Nummer, doch erneut antwortet niemand. Zu gerne würde ich mit ihr reden, ich habe tausend Fragen, die ich ihr stellen möchte. Wo ist sie nur und was ist ihr geschehen?

Nach und nach lege ich alle Sachen, die sie mir hinterlegt hat, zusammen und verstaue sie in einer alten Plastiktüte, die ich in meiner Manteltasche gefunden habe. Das Buch ist zu groß, deswegen klemme ich es mir unter den Arm, als ich mich zum Gehen aufmache. Vorsichtshalber ziehe ich die Trennwand zu und lasse das geheime Büro, mit all seinen Symbolen und Masken, dahinter verschwinden. Ich lösche alle Lichter und schließe von außen die Tür zum Reisebüro zu. Der Autoschlüssel klimpert in meiner Hand, als ich zum Parkplatz hinter das Gebäude laufe. Drei Autos stehen dort im Halbdunkel, nur das entfernte Licht einer Straßenlaterne leuchtet mir sanft den Weg. Ein Bulli, ein Kleinwagen und ein ziemlich cooler, rabenschwarzer Sportwagen. Als ich auf dem Nummernschild meine neuen Initialen lese, quieke ich vor Aufregung. Ich drücke den Knopf auf dem Schlüssel und der 6er BMW zwinkert mir blinkend zu. Ein Freudenschrei löst sich in meiner Kehle und ich renne auf mein neues Auto zu. Ehrfürchtig steige ich ein, lege meine Sachen auf den Beifahrersitz und nehme den Neuwagengeruch wahr, während ich zärtlich über das lederbezogene Lenkrad streichle. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss und starte den Motor. Der Wagen schnurrt wie eine Katze. Als ich Gas gebe, um vom Parkplatz zu fahren, faucht mein Kätzchen und buckelt. Ich bin einen klapprigen Kleinwagen mit wenig PS gewohnt, ich werde mich wohl erst einfahren müssen. Mein schwarzer Panther und ich verlassen ruckelnd und fauchend das Gelände und fahren zurück nach Hause.

Kapitel 3

Nachdem ich die halbe Nacht in dem verrückten Buch gelesen habe, für das Elvira Jahre gebraucht haben muss, um es zu verfassen, fahre ich am nächsten Morgen zur Polizei. Ich möchte Elvira als vermisst melden. Nun, da ich gelesen habe, womit Elvira sich wirklich beruflich beschäftigt hat -nämlich mit übernatürlichen Dingen wie Geister, Dämonen, Hexenpriester und Teufelsaustreiber- mache ich mir noch mehr Sorgen um meine Tante. Entweder ist sie geistesgestört, oder sie glaubt all das wirklich und ist vielleicht irgendeinem Satanskult in die Falle gegangen. Egal was es ist, Elvira braucht Hilfe!

Ich sage dem Beamten vorne am Schalter, dass ich eine Vermisstenmeldung aufgeben möchte. Ohne den Blick auch nur einmal von seinem Computerbildschirm zu heben, schickt er mich in das Büro seines Kollegen.

„Den Gang runter, dritte Tür rechts“, nuschelt er und steckt sich die stumpfe Seite eines Bleistiftes zwischen die Lippen.

Ich folge seiner Wegbeschreibung und klopfe an die Tür. Von innen höre ich eine gelangweilte Stimme. „Ja, bitte.“

Eine billige Parfumwolke kommt mir entgegen, als ich die Tür öffne. Hinter dem Schreibtisch sitzt ein breitschultriger Mann, Mitte dreißig, mit kurzen, braunen Haaren. Ein Dreitagebart sprießt auf seinem Kinn und er trägt eine schwarze Hornbrille auf der Nase, über die hinweg er mich fragend ansieht. „Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“

Ich schlucke hörbar, schließe die Tür hinter mir und trete vor seinen Schreibtisch.

„Bitte, setzten Sie sich doch“, sagt er und deutet mit der Hand auf einen Stuhl.

Ich nehme Platz und lege meine Handtasche auf den Schoß. „Ich möchte meine Tante Elvira Schneider als vermisst melden, bitte“, sage ich und merke plötzlich, wie nervös ich bin.

Der Polizist wird es auch bemerkt haben, so wie meine Stimme gezittert hat. Er lächelt mich mitfühlend an, öffnet ein Programm an seinem Computer und lässt sich meine Personalien zeigen. Dann stellt er mir ein Dutzend Fragen, tippt auf der Tastatur herum und bittet mich um ein aktuelles Foto meiner Tante. Ich gebe mir Mühe, alles so korrekt wie möglich zu beantworten. Von dem geheimen Büro und dem Buch sage ich natürlich nichts.

„Elvira Schneider, S-C-H-N-E-I-D-E und R, richtig?“, fragt er nun schon zum zweiten Mal.

„Ja, das sagte ich doch bereits.“

Der Polizist schüttelt sanft mit dem Kopf, seine Augen huschen wild über den Bildschirm. In seinem Blick meine ich Verwirrung und Ratlosigkeit zu sehen.

„Was ist denn?“, hake ich ungeduldig nach und versenke angespannt meine Fingernägel im Leder meiner Tasche.

Er räuspert sich. „Es tut mir leid, aber eine Elvira Schneider habe ich hier nicht im System“, sagt er schließlich und kratzt sich am Kinn.

„Wie bitte?“, hake ich verdutzt nach und lehne mich vor. Ich versuche auf seinen Bildschirm zu sehen, doch er dreht ihn von mir weg und blickt mich über seine Brille hinweg tadelnd an.

„Ihre Tante ist nicht im System. Die Frau, die sie als vermisst melden möchten, ist nicht gemeldet“, versucht er sanft zu erklären.

Ich gebe seltsame, protestierende Laute von mir und fahre nervös durch meine Haare. „Aber... Das ist nicht möglich! Natürlich ist sie hier gemeldet. Sie hat das Reisebüro drei Straßen von hier entfernt!“, erkläre ich aufgebracht.

Er schüttelt sachte mit dem Kopf, blickt erneut auf den Bildschirm und wieder zu mir. Dann nimmt er die Brille ab, stützt sich auf seine Unterarme und sieht mich eindringlich an. „In unseren Daten ist keine Elvira Schneider gemeldet, auf die Ihre Beschreibung passt. Aber wenn Sie möchten, kann ich meine Leute auf den Fall ansetzen.“

„Natürlich möchte ich das! Deswegen bin ich ja hier!“, rufe ich ihm aufgebracht ins Gesicht, als die Tür hinter mir mit Schwung geöffnet wird.

Ich zucke zusammen, als sie gegen die Wand prallt und drehe mich um. Zwei Männer in grauen Anzügen kommen auf mich zu, beide mit Glatze und rahmenlosen Brillen auf der Nase. Ich sehe verdutzt zu dem Polizisten, der jedoch nur gelangweilt auf seinen Bildschirm starrt. Einer der Männer umfasst meinen Oberarm und zieht mich hoch, nicht gewaltsam, aber doch energisch und fordernd.

„Wir werden uns um die Angelegenheit kümmern, Sie hören dann von uns“, sagt er monoton und führt mich aus dem Büro.

Ich will mich zu ihm umdrehen, doch hinter mir steht der andere Glatzkopf und blockiert die Sicht.

„Hallo? Was soll das? Hey!“, protestiere ich lautstark und versuche mich aus dem Griff des Anzugträgers zu befreien, schaffe es aber nicht.

Sie führen mich den Flur entlang, vorbei an dem bleistiftkauenden Beamten, der so tut, als würde er uns nicht bemerken, und hinaus auf den Parkplatz. Ich zapple und wehre mich heftig. Ich schreie sogar, doch niemand reagiert. Vor meinem Auto bleiben wir stehen. Der schmalere der beiden Glatzköpfe stellt sich vor mich, während der andere immer noch mühelos meinen Oberarm in seinen riesigen Händen hält. Ich ziehe und zerre, doch er kommt noch nicht einmal ins Wanken. Der schmale Glatzkopf sieht mich an, blickt mir direkt in die Augen, und ich beginne mich augenblicklich zu entspannen. Ich weiß nicht warum, aber plötzlich lasse ich meine Abwehrhaltung fallen und konzentriere mich ganz auf ihn.

„Es ist alles in Ordnung. Wir werden Ihre Tante suchen, Sie brauchen sich um nichts zu kümmern. Machen Sie sich keine Sorgen mehr. Sie fahren jetzt nach Hause und vergessen, dass Sie hier waren. Die Sache ist für Sie abgeschlossen. Verlassen Sie jetzt das Gelände“, säuselt er und ein Gefühl von Frieden überkommt mich.

Ich nicke und lächle ihn an. Der Griff um meinen Oberarm löst sich. Ich steige in mein Auto und fahre davon.

Zuhause sitze ich wenig später wie benommen auf meinem Sofa und starre vor mich hin. Ich habe keine Ahnung, was ich vorhatte. Es ist wie dieses Gefühl, wenn man einen Raum betritt und vergessen hat, was man eigentlich wollte, bloß zehnmal stärker. Innerlich bin ich leer. Ich weiß nicht, wo ich war, ich weiß nur, dass ich plötzlich auf meinen Parkplatz fuhr, ausstieg und hoch in meine Wohnung ging. Der restliche Morgen ist wie ausradiert. Immer wieder reibe ich mir die Augen, bis mein ganzer Lidstrich verschmiert ist. Ich habe Kopfschmerzen und spüre einen unangenehmen Druck hinter der Stirn. Als ich ins Badezimmer gehe, um mein Gesicht mit kaltem Wasser zu bespritzen, sehe ich mich im Spiegel an. Meine Augen wirken matt und ein wenig milchig. Verwirrt schüttle ich mit dem Kopf. Was ist bloß los mit mir?

Ich stelle mich unter die Dusche und lasse das warme Wasser über mein Gesicht laufen, in der Hoffnung, dass es auch meine Gedanken wieder klarer werden lässt. Immer wieder denke ich, dass ich etwas vergessen habe. Etwas Wichtiges. Einen Termin?

Als ich wieder aus der Dusche steige, binde ich mir ein Handtuch um die nassen Haare und ziehe meinen Bademantel über. Anschließend gehe ich schlurfend und noch immer wie benommen ins Wohnzimmer, um in meinen Kalender zu schauen. Auf dem Tisch liegt er, neben dem dicken, in Leder gebundenem Buch von Elvira.

Elvira!

Wie ein Film im Zeitraffer laufen vor meinem inneren Auge die Geschehnisse des gestrigen Tages ab. Elviras Mail, ihr Reisebüro, das geheime, versteckte Büro. Das Buch, die seltsamen Utensilien und Amulette, mein neuer Name. Und der Auftrag!

Ich schnappe nach Luft, falle vor dem Wohnzimmertisch auf die Knie und öffne meinen Kalender. Darin klebt ein Zettel mit der Anschrift der Frau, die gestern auf Elviras Anrufbeantworter gesprochen hat. Hektisch gucke ich auf die Uhr. Ich habe noch eine halbe Stunde Zeit bis ich da sein muss.

Im Eiltempo föhne ich mir die Haare, ziehe den Lidstrich neu, tupfe etwas Rouge auf die Wangen und getönten Lippenbalsam auf die Lippen. Danach schlüpfe ich in eine schwarze Hose und wähle hastig eine schwarze Seidenbluse dazu aus. Schwarz scheint mir die angemessenste Farbe für diesen Job zu sein.

Ich raffe alles zusammen, was Elvira mir hinterlegt hat, und renne zum Auto.

Der schwarze Panther steht auf dem Parkplatz. Mein altes Auto wirkt neben ihm trist und matt. Es fällt mir leicht ihn stehen zu lassen und mich stattdessen in meinen neuen BMW zu setzen. Ich lege meine Sachen auf den Beifahrersitz und streiche über das weiche Lenkrad, während mir der herbe Neuwagengeruch angenehm in der Nase kitzelt.

„Ich bin jetzt Scarlett Taylor“, sage ich leise zu mir selbst. „Parapsychologin im Außendienst.“

Ich drehe den Schlüssel im Schloss und der Panther fängt an zu schnurren.

Kapitel 4

Ich fahre aus der Stadt heraus und folge einer langen, endlos wirkenden Landstraße. Rechts und links von mir sind Felder, die im aufkommenden Wind wellenartig hin- und herschwanken. Der Himmel verdunkelt sich, je näher ich meinem Ziel komme. Ich frage mich, ob das ein böses Omen ist. Andererseits glaube ich nicht an Omen. Am Horizont hängen dicke, beinahe schwarze Wolken, die die Sonne komplett verdrängen. Als ich durch ein Waldstück fahre, fängt es an zu regnen und ich höre nicht weit entfernt den Donner grollen.

„Sie haben ihr Ziel erreicht“, sagt die weibliche Stimme des eingebauten Navis und ich sehe mich ungläubig um.

Der Scheibenwischer kämpft mit den herabfallenden Wassermassen und verliert kläglich. Zwischen seinen hektischen Bewegungen kann ich kaum die Straße vor mir erkennen. Ich rolle vorwärts und suche die Umgebung ab, als ich einen Briefkasten am Straßenrand entdecke, auf dem die Nummer Dreizehn in dicken, weißen Lettern prangt. Wie passend, denke ich. Wäre ich so abergläubisch wie Elvira, wäre dies wohl das zweite böse Omen heute: Erst der abrupte Wetterwechsel und nun schlägt´s Dreizehn.

Ich fahre die lange Auffahrt hoch, die sich zwischen den Bäumen auftut und sehe durch die Wassermassen hindurch verschwommen das Haus. Es ist riesig. Je näher ich komme, umso massiver und größer wirkt es. Dreistöckig, dunkelrote Backsteine, weiße Fensterrahmen und Fenster, die wie dunkle Augen jedem Ankömmling argwöhnisch entgegenstarren. In der Mitte führen graue Zementstufen zu einer dunkelgrünen Haustür empor, welche wie ein riesiger Schlund zwischen den Fensteraugen sitzt.

Ich lache kurz auf. Kein Wunder, dass die Bewohner meinen, hier würde es spuken. Das Haus sieht alles andere als einladend aus. Es kommt selbst mir so vor, als würde es mich böse ansehen.

Ich nehme meine Sachen, halte sie schützend unter meinem Mantel an mich gedrückt, steige aus und renne die Stufen zur Haustür hoch. Dieser kurze Weg reicht aus, um mich völlig zu durchnässen. Ich streiche mir die nassen Strähnen aus dem Gesicht und drücke den Klingelknopf. Zu dem melodischen Ding-Dong gesellt sich ein markerschütternder Donner und ich zucke erschrocken zusammen.

Die Tür öffnet sich einen Spalt breit und die verweinten, rot unterlaufenen Augen einer Frau sehen mich an.

Ich räuspere mich. „Guten Tag, ich bin Scarlett Schn... Taylor. Wir waren verabredet.“

Die Frau wischt sich mit einem zerknüllten Taschentuch über die Nase und nickt, dann öffnet sie die Tür. „Kommen Sie rein“, sagt sie, und ich erkenne ihre weinerliche Stimme wieder. Sie ist die Frau, mit der ich telefoniert habe. Ihr langes, blondes Haar ist zerzaust und im Nacken zu einem lockeren Knoten gebunden. Sie trägt einen weiten Pullover, Leggings und Hausschuhe.

Ich schreite über die Türschwelle und putze meine nassen Schuhe an der Fußmatte ab. Der hölzerne Boden unter mir quietscht und ächzt. Ich frage mich, ob man dieses Quietschen eventuell als Stimmen fehlinterpretieren könnte und ich vielleicht in diesem Moment schon den Fall gelöst habe. Doch ich behalte meine Vermutung vorerst für mich und sehe mich um.

Der Innenraum des Hauses wirkt dunkel und düster. Obwohl mehrere kleine Lampen brennen, geben sie nicht wirklich viel Licht ab. In den Ecken sind tiefe Schatten, die Täfelung an den Wänden ist in dunklem Holz gehalten und auch von draußen kommt nicht viel Licht herein, da die hohen Bäume die Sicht auf den Himmel versperren.

„Ich bin Zoe, wir hatten telefoniert“, stellt sie sich vor und reicht mir die Hand.

Ich schüttle sie und bemerke, wie sehr sie zittert. Sie dreht sich ängstlich um, während sie ihr Taschentuch an die Lippen presst.

„Alles in Ordnung?“, frage ich und folge ihrem Blick in eine Ecke des Raumes, sehe aber nichts.

„Ja, ja... Alles in Ordnung“, stammelt sie und schließt die Arme um ihren Körper. „Kommen Sie, wir gehen in die Küche.“

Ich folge ihr, während ein weiterer Blitz, samt Donner am Himmel tobt. Für einen kurzen Moment ist der Innenraum des Hauses erleuchtet, nur für den Bruchteil einer Sekunde. Zoe zuckt zusammen und keucht, geht dann aber weiter.

Die Küche ist groß und rustikal gemütlich eingerichtet, doch auch hier ist es auffallend dunkel. Trotz der zwei Fenster und den Leuchtröhren unter den Hängeschränken wirkt es unheimlich düster hier drin. Wir nehmen an der Kücheninsel mit der Marmorplatte Platz.

„Kann ich Ihnen einen Tee anbieten?“, fragt sie, während ich meine Sachen auf dem Hocker neben mir abstelle.

„Gerne,“ sage ich. „Wollen wir uns nicht duzen?“

Zoe nickt und füllt dampfend heißes Wasser von einem Teekessel in zwei Tassen, während ich ihr zusehe. Sie ist sehr dünn, wirkt abgemagert und ein wenig kränklich. Ihre spitzen Schulterblätter zeichnen sich durch den weiten Strickpullover ab. Mit zitternden Händen trägt sie die Tassen zur Kücheninsel. Ich lehne mich vor, komme ihr entgegen und nehme ihr eine Tasse ab.

„Danke“, haucht sie und schaut sich hektisch um, bevor sie sich setzt. Sie legt die Hände um die heiße Tasse und weicht meinem Blick aus. Ihre Lippen sind trocken und aufgesprungen, ihre Haut wirkt matt und fahl. Ich frage mich, ob Zoes eigentliches Problem vielleicht ganz woanders liegt, und gar nichts mit diesem Haus zu tun hat.

Was würde Elvira in dieser Situation tun? Was erwartet sie von mir?

„Geht es dir gut, Zoe?“, frage ich vorsichtig und lächle sie mitfühlend an. Sie wirkt so zerbrechlich, dass ich am liebsten nach ihrer zitternden Hand greifen würde.

Zoe seufzt, beißt sich auf die Unterlippe und schüttelt mit dem Kopf. „Nein“, flüstert sie und blickt in eine Ecke. Ich folge ihrem Blick ein weiteres Mal, sehe jedoch nichts Auffälliges. „Ich brauche dringend deine Hilfe, Scarlett“, sagt sie leise flehend und ich sehe eine Träne in ihrem Augenwinkel.

„Deswegen bin ich ja hier, Zoe. Wie kann ich helfen?“ Ich verberge, dass ich keine Ahnung habe, wie ich ihr helfen kann. Außer dem, was ich letzte Nacht in dem Buch von Elvira gelesen habe, weiß ich nichts über Geister, Poltergeister oder Dämonen. Auch sage ich ihr nicht, dass ich an Dergleichen gar nicht glaube, sondern davon ausgehe, dass es für die Phänomene hier im Haus eine einleuchtende, wissenschaftlich belegbare Erklärung gibt.

Wenn es die Aufgabe einer Parapsychologin ist, einen Spuk als natürliches Phänomen zu enttarnen, und somit die Kunden zu beruhigen, dann kann ich Elvira sicherlich eine Zeit lang vertreten. Mal ganz davon abgesehen, dass ich zurzeit eh keine Arbeit und sowieso nichts Besseres zu tun habe.

Zoe holt den Teebeutel aus ihrer Tasse und gibt zwei Löffel Zucker hinein. Wieder seufzt sie und legt mit zitternder Hand den Löffel zur Seite. „Heute Nacht war es besonders schlimm“, beginnt sie leise zu erzählen und hält den Blick auf ihre Hände gesenkt. „Mein Mann Peter ist auf Geschäftsreise. Wenn Julie und ich alleine sind, ist es immer besonders aktiv. Julie ist unsere Tochter.“

Ich nicke und rühre in meiner Teetasse. „Was ist heute Nacht passiert?“, hake ich nach.

Zoe reibt sich die Stirn und beginnt zu weinen. Ich lege tröstend meine Hand auf ihre, doch sie erschrickt und zuckt zurück. „Entschuldigung“, wimmert sie und hält die Hände vor ihr Gesicht. Nach ein paar Schluchzern fährt sie fort. „Julie und ich lagen im Bett, als wir wieder dieses Atmen und Stöhnen hörten. Es kam immer näher und näher, die Lichter flackerten und wir hörten Schritte im Flur. Dann fiel der Strom aus und wir sahen diesen riesigen Schatten am Fußende des Bettes.“

Während Zoe mit bibbernden Händen ihre Nase putzt, sehe ich mich um. Dieses Haus ist alt, sicherlich um die einhundert Jahre, wenn nicht noch älter. Auch jetzt pfeift der Wind durch die geschlossenen Fenster, und die Äste der riesigen Bäume rings um das Haus herum schlagen gegen Wände und Dächer. Mit ein wenig Fantasie könnte man das ziemlich leicht als Schritte, Atmen und Stöhnen interpretieren.

„Der Schatten war größer als je zuvor“, fährt Zoe nun fort. „Eine große, schwarze, undurchsichtige Masse in der Form eines Mannes, mit enormen Schultern und überlangen Armen. Julie und ich schrien, wir waren panisch! Dieses... Ding schlug mit den Fäusten aufs Bett, einmal, zweimal, dreimal. Wir hörten es fauchen und knurren. Und dann war es plötzlich weg und das Licht ging wieder an.“ Sie sieht mir zum ersten Mal seit meiner Ankunft direkt in die Augen. „Ich weiß, wie sich das anhört, Scarlett, aber wir sind nicht verrückt. Julie und ich haben es beide gesehen.“

Ich nicke. „Wurden die Leitungen im Haus in letzter Zeit mal von einem Elektriker überprüft?“, frage ich vorsichtig.

Zoe schüttelt leicht mit dem Kopf und blickt mit gekräuselter Stirn in ihre Teetasse. „Es ist nichts mit den Leitungen. Peter hat sie mehrfach überprüfen lassen, aber sie sind einwandfrei. Der Strom fällt nicht aus, weil die Leitungen defekt sind!“, versichert sie mir und blickt erneut in meine Augen. Diesmal sehe ich blanke Panik in ihrem Gesicht. Ehrliche, aufrichtige Panik. „Dieses Ding lässt den Strom ausfallen! Und die Schritte oder das laute Atmen kommen auch nicht vom Wind, oder davon, dass das Haus sich setzt, oder von irgendeinem Nager in den Zwischenwänden! Es ist dieses Ding! Es will uns aus dem Haus haben, tot oder lebendig!“

Ich schlucke. „In Ordnung, Zoe. Ich glaube dir“, versichere ich ihr und sie wirkt mit einem Mal deutlich entspannter. Sie versucht zu lächeln und wischt sich eine Träne von der Wange. „Wie wäre es, wenn du mich mal herumführst? Zeige mir die Stellen, an denen du den Schatten gesehen hast“, schlage ich vor.

Sie steht auf und nickt, dann wickelt sie den Pullover enger um ihren schmalen Körper und geht voraus.

Kapitel 5

Zoe führt mich durch das komplette Haus. Zuerst zeigt sie mir das Wohnzimmer, mit dem großen Kronleuchter in der Mitte und dem steinernen Kamin. Sie weist auf dunkle Ecken hin, in denen sie „das Ding“, den Schatten, gesehen hat, wobei ich bemerke, dass fast alle Ecken des Hauses äußerst dunkel sind. Trotz all der Fotos mit lachenden Gesichtern darauf, und all der schönen Dinge, die Zoe in das Haus gebracht hat, hängt ein dunkler Schleier über allem.

Wir gehen weiter ins nobel eingerichtete Esszimmer, mit silbernen Kerzenleuchtern auf polierten Tischen, vorbei an der Kellertür zum Hauswirtschaftsraum, in dem Waschmaschine und Trockner stehen. Dann führt sie mich in den ersten Stock, wo die Schlafzimmer und Gästezimmer sind. Sie zeigt mir das große Badezimmer, in dem sie und Julie sich immer beobachtet fühlen. Ich gehe hinein, während Zoe im Türrahmen stehen bleibt und auf ihrer Unterlippe kaut. Das Fenster ist so weit oben, dass eigentlich niemand von außen hineinsehen kann, zumal wir im ersten Stock sind.

Sie führt mich weiter ins Elternschlafzimmer und zeigt mir die Stelle, an der sie in der vergangenen Nacht den mannshohen Schatten gesehen hat, als sie plötzlich erschrocken zurückweicht.

Ihr Blick ist auf das Bett geheftet. „Scarlett, sieh doch!“, schreit sie hysterisch, zeigt mit dem Finger auf das Bett und weicht zurück.

Ich schaue auf das gemachte Bett und es dauert etwas, bis ich erkenne, was sie so erschreckt. Am Fußende sind rechts und links faustdicke Abdrücke in der Decke.

„Genau dort hat das Ding heute Nacht auf die Matratze geschlagen“, kreischt Zoe und läuft rückwärts auf die Tür zu. „Ich bleibe hier nicht länger.“

„Zoe, nun warte doch“, versuche ich sie aufzuhalten, aber sie ist schon im Flur, steht am Treppengeländer und kaut nervös an dem Ärmel ihres Pullovers.

„Ich gehe da nicht wieder rein“ beschließt sie und ihre Stimme zittert. Sie schüttelt mit dem Kopf, wobei ihr zerzauster Haarknoten im Nacken hin und her schlägt.

Ich stelle mich neben sie und streiche über ihren knochigen Rücken. „Ist okay, Zoe“, beruhige ich sie. „Wie wäre es, wenn du unten in der Küche auf mich wartest, und ich sehe mich hier noch ein wenig um?“, schlage ich mit sanfter, aber fester Stimme vor.

Zoe nickt und schnieft. „Julie ist in ihrem Zimmer, falls du sie noch etwas fragen möchtest. Sie weiß, was du tust. Es war ihre Idee dich anzurufen“, sagt sie und flitzt eilig die Treppen hinunter.

Ich atme tief durch und gehe nochmal zurück in das Elternschlafzimmer, um mir die Abdrücke auf dem Bett genauer anzusehen. Sie sind noch da, rechts und links am Fußende des Bettes. Der Rest ist glatt und ebenmäßig mit einer weißen Tagesdecke bedeckt. Ich stelle mich vor das Bett, genau dorthin, wo Zoe meinte den Schatten gesehen zu haben. Dann beuge ich mich nach vorn und versuche beide eingedrückten Stellen zu berühren, schaffe es aber nicht, sie sind zu weit voneinander entfernt.

Ein Keuchen hinter mir lässt mich aufschrecken. Ich blicke mich um, aber ich niemand ist da, ich bin allein.

„Zoe? Julie?“, rufe ich leise, aber niemand antwortet.

Wieder dieses Keuchen, diesmal kommt es vom Bett. Als ich hinschaue, sehe ich plötzlich einen dritten Abdruck auf dem Bettlaken. Genauso groß, wie die zwei anderen, diesmal aber in der Mitte des Bettes. Ich beuge mich vor und versuche ihn zu berühren, komme aber nicht ran. Verwirrt schüttle ich den Kopf. Dieser Abdruck war mir vorher nicht aufgefallen. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass er vor einer Sekunde noch nicht da war! Und ich kann ihn nicht verursacht haben, da ich gar nicht rankomme.

Ich blicke zur Decke, wieder aufs Bett und sogar darunter. Aber dort ist nichts.

Der Regen peitscht gegen die Fensterscheiben und ein Blitz durchzuckt den Himmel, gefolgt von ohrenbetäubendem Donner. Der Donner verebbt und ich höre ein gurgelndes Knurren, direkt hinter mir. Erschrocken drehe ich mich um und weiche zurück, doch da ist wieder nichts.

Dann erneut ein Knurren und ein grässliches Fauchen.

Ich könnte schwören, heißen Atem auf meinem Gesicht zu spüren.

Ein eiskalter Schauer läuft mir den Rücken hinunter und ich gehe rasch in Richtung Tür.

„Zoe, bist du hier?“, rufe ich, jetzt etwas lauter, aber ein weiterer Donner übertönt meine Stimme komplett.

Als ich auf dem Flur stehe und die Schlafzimmertür hinter mir schließe, zwinge ich mich zur Ruhe und atme erst mal tief durch. Sicherlich gibt es eine logische Erklärung für das Keuchen, die Abdrücke auf dem Bett und dieses seltsame Knurren. Vielleicht sind es die Rohre, schließlich ist es ein altes Haus.

Als ich mich beruhigt habe, gehe ich zu Julies Zimmer. An ihrer Tür ist mit pinkfarbenen Holzbuchstaben ihr Name geschrieben, darunter hängt das Poster einer Boyband. Ich klopfe an und eine zarte Stimme bittet mich herein.

Als ich die Tür öffne, sehe ich ein wunderhübsches junges Mädchen, mit hellroten langen Haaren an einem Schreibtisch sitzen. Sie lächelt mich an, steht auf, kommt auf mich zu und reicht mir die Hand.

„Bist du Elvira Taylor?“, fragt sie mit einer butterzarten hohen Stimme.

„Nein, ich bin Scarlett Taylor. Ich vertrete meine Tante, bis sie wieder da ist.“

„Oh“, sagt Julie und ihr Lächeln verlässt abrupt ihr Gesicht. „Okay.“

Ich räuspere mich. „Julie, können wir uns über die Dinge unterhalten, weswegen deine Mutter mich angerufen hat?“, frage ich und setze mich auf ihr rosafarbenes Plüschbett.

„Okay“, antwortet sie knapp, setzt sich wieder an ihren Schreibtisch und legt ihre Hände mit den langen dünnen Fingern auf die Tastatur ihres Laptops. Mir fällt auf, dass der Bildschirm schwarz ist.

„Kannst du mir erzählen, was du gesehen hast? Mit deiner Mutter habe ich schon gesprochen.“

Julie dreht langsam den Kopf zu mir. Ihre Mundwinkel deuten ein Lächeln an, welches ihre Augen aber nicht erreicht.

„Ich habe Schatten gesehen“, sagt sie tonlos und schaut wieder zurück auf den schwarzen Bildschirm.

Dieses Kind ist mir irgendwie unheimlich, aber ich weiß nicht wieso. „Julie, haben diese Schatten dir Angst gemacht?“, hake ich nach.

„Ein wenig.“

Ich seufze und schlage die Beine übereinander. „Ist da vielleicht etwas, das du mir erzählen möchtest? Deine Mutter sagte, es sei deine Idee gewesen mich anzurufen.“

Wieder dreht sie den Kopf in meine Richtung und blickt mich aus matten Augen an. „Meine Idee war es, Elvira Taylor anzurufen.“

Genervt verdrehe ich die Augen. „Tja, aber Elvira ist zurzeit leider nicht da, deswegen bin ich als ihre Vertretung hier“, sage ich, vielleicht ein bisschen zu schnippisch. „Möchtest du vielleicht warten, bis Elvira wieder da ist?“, schlage ich vor, obwohl ich nicht glaube, dass Zoe damit einverstanden wäre.

„Darauf werden wir wohl nicht warten können.“ sagt sie und lächelt mich unheimlich an.

Ich stutze. „Was meinst du damit?“

Mechanisch dreht sie den Kopf zurück und blickt ganz vertieft auf den pechschwarzen Bildschirm. „Ach, nur so“, seufzt sie. „Meine Mutter hätte die Sache gern baldigst erledigt.“

Baldigst erledigt, wiederhole ich gedanklich. Welches vierzehnjährige Mädchen spricht denn so?

Ich stehe auf und gehe zur Tür, während Julie weiterhin auf den abgeschalteten Laptop starrt. Ich greife zur Türklinke und will mich verabschieden, als ich für den Bruchteil einer Sekunde eine verzerrte Fratze anstelle von Julies Spiegelbild im Bildschirm sehe. Doch sobald ich einmal blinzle, ist sie weg und ich sehe nur noch das hübsche Gesicht dieses rothaarigen Mädchens darin.

„Okay, Julie. Falls du mir noch etwas sagen möchtest, findest du mich unten bei deiner Mutter“, sage ich kurzatmig und verlasse hastig ihr Zimmer.

Ich gehe die knarrenden Treppen hinab und zurück zu Zoe in die Küche. Sie sitzt an der Kücheninsel und blickt müde in ihre Teetasse. Als ich auf sie zukomme, schreckt sie hoch und atmet erleichtert aus, als sie sieht, dass ich es bin. Ganz kurz kriege ich einen Eindruck davon, welch schöne Frau sie einmal gewesen sein muss, doch die Angst und die Panik, die sie tagtäglich mit sich herumträgt, haben ihr Gesicht verändert. Erwartungsvoll blickt sie mich an, als wäre ich ihre letzte Rettung.

„Ich müsste mal kurz auf die Toilette. Bin gleich wieder bei dir“, entschuldige ich mich und gehe ins Gästebad.

Ich muss einfach mal kurz allein sein, weg von dieser Frau, die all ihre Hoffnungen in mich gesetzt hat.

Die Rohre hinter den Wänden gluckern, als ich das kalte Wasser aufdrehe. Es hört sich an, als käme eine Horde Ratten mit metallenen Füßen über ein Blechdach gerannt. Ich lasse das Wasser über meine Hände laufen und benetze mein Gesicht damit. Die Kühle tut gut und wirkt beruhigend. Ich nehme das flauschige Gästehandtuch und halte es mir vors Gesicht, während ich über Zoe und Julie nachdenke. Gerne hätte ich mit Zoes Mann Peter gesprochen und seine Sicht der Dinge erfahren. Seine Frau sagte mir ja schon am Telefon, dass er dem Ganzen keinen Glauben schenkt. Vielleicht hätten wir zusammen eine natürliche und logische Erklärung für den Spuk finden können.

Seufzend besehe ich mir mein Gesicht im Spiegel, als ich hinter mir, in der Ecke des Badezimmers, einen ziemlich großen, mannshohen, schwarzen Schatten sehe.

Ich kreische und greife nach der Türklinke. Panisch ziehe und rüttle ich daran, doch sie geht nicht auf. Der Schatten ist immer noch da und zu meinem blanken Entsetzen, kann ich Kopf, Schultern, lange Arme und gebeugte Beine an ihm ausmachen. Sein Gesicht teilt sich gespenstisch, und da, wo ein Mund sein könnte, öffnet sich der Schatten und ein gurgelndes Lachen ertönt. Ein Lachen, das nicht menschlich ist. Es geht mir durch Mark und Bein.

Ich reiße immer noch am Türgriff, zerre daran und versuche zu entkommen. Der Schatten macht einen Schritt auf mich zu, sein Lachen kommt näher und ich spüre wieder diesen heißen Atem, als endlich die Tür aufgeht.

Fallend renne ich durch die Tür, komme auf den Knien auf, rapple mich wieder hoch und blicke hinter mich.

Der Schatten ist verschwunden.

„Du hast ihn auch gesehen, Scarlett, oder?“, kreischt Zoe und hält ängstlich ein paar Meter Abstand, während sie die Gegend hektisch mit ihren verweinten Augen sondiert. „Ist er noch hier?“

Mein Herz rast in meiner Brust, schlägt mir bis zum Hals. „Nein, er ist wieder weg“, keuche ich.

Zoe bricht in Tränen aus. „Es reicht! Es reicht wirklich!“, schreit sie zwischen lauten Schluchzern, dreht sich um und geht in die Küche.

Ich folge ihr, wobei ich keine Ahnung habe, wie ich sie beruhigen soll, wie ich ihr und mir selbst erklären kann, was gerade geschehen ist.

Hektisch zieht Zoe zwei schwere Koffer aus dem Abstellraum neben der Küche hervor und ruft lauthals nach ihrer Tochter.

„Wir gehen“, verkündet sie energisch, wobei Tränen unaufhörlich von ihren Wangen tropfen.

Julie kommt durch die Tür, sieht mit aufgerissenen Augen zwischen mir und ihrer Mutter hin und her.

„Nimm deinen Koffer, Julie. Wir gehen zu Tante Mira.“

Das Mädchen nimmt ihrer Mutter einen Koffer ab. Dann blickt sie mich fast entschuldigend an, doch Zoe drängt sie an mir vorbei in den Flur.

Schnell nehme ich meine Sachen und folge den beiden. Zoe läuft mit schnellen Schritten zur Haustür und mahnt ihre Tochter zur Eile. Ich haste hinterher.

Draußen tobt der Wind, der Regen peitscht durch die nun geöffnete Haustür hinein und ein weiterer Blitz erhellt kurzzeitig den Himmel. Zoe holt einen Schlüsselbund aus ihrer Hosentasche, fummelt daran herum und wirft mir einen einzelnen Schlüssel zu. Nur mit Mühe fange ich ihn. Sie befiehlt ihrer Tochter zum Auto zu gehen und diese rennt los.

„Wir gehen, Scarlett. Ruf mich an, wenn das Ding weg ist. Egal wie lange es dauert, oder was es auch kosten mag, mach es weg!“, ruft sie mir entschlossen über den Donner, den prasselnden Regen und das Peitschen des Windes zu.

Dann rennt sie selbst zur Garage, den Koffer hinter sich herschleifend, durch die herabfallenden Wassermassen und lässt mich allein zurück.

Kapitel 6

Ein weiterer Blitz durchzuckt den Himmel, als auch ich fluchtartig das Haus verlasse. Auf keinen Fall bleibe ich mit diesem Schattenwesen alleine zurück!

Ich werfe die Tür hinter mir zu und haste in mein Auto, während Zoe mit ihrem silbernen SUV an mir vorbeirast. Mit durchdrehenden Reifen manövriert sie diesen riesigen Wagen zwischen den Bäumen hindurch hinaus auf die Straße. Ich blicke ihr nach, bis sie hinter Regengüssen aus meiner Sicht verschwindet.

Mein keuchender Atem lässt rasch die Scheiben von innen beschlagen, meine Hände beben und mein Herz rast. Ich stelle den Scheibenwischer an, verriegle den Wagen von innen und blicke durch den Regen am Haus empor, als ich den Motor anlasse. Oben, an einem der Fenster, das wie ein finsteres Auge auf mich herabstarrt, huscht ein schwarzer Schatten entlang und die Gardine beginnt zu zittern.

Ich lege panisch den ersten Gang ein, schlage das Lenkrad herum und gebe Vollgas. Holpernd komme ich auf die Auffahrt und blicke in den Rückspiegel. Das Haus lacht. Es lacht mich eigenartigerweise aus und für den Bruchteil einer Sekunde höre ich das gurgelnde, knurrende Fauchen in meinem Nacken. Ich schreie und fahre ruckelnd vom Grundstück.

Auf der Straße zwinge ich mich dazu, die Panik zu vertreiben und konzentriere mich mehr auf das Schalten und angemessene Gas geben, während ich angestrengt durch den Regen blinzle. Erst, als ich das Haus nicht mehr im Rückspiegel sehen kann, fahre ich rechts ran. Meine Hände umklammern das Lenkrad, sodass meine Knöchel weiß hervortreten. Die Wassertropfen trommeln unaufhörlich auf das Dach und übertönen fast gänzlich meine Gedanken. Ich atme tief ein und reibe mir die Stirn.

Was habe ich dort im Haus gesehen, frage ich mich und schüttle mit dem Kopf. Es kann kein Geist gewesen sein, denn so etwas gibt es nicht.

Oder doch?

Mein Blick fällt auf den Stapel Sachen auf dem Beifahrersitz. Mit den Fingerspitzen fahre ich über das in Leder gebundene Buch. Was würde Elvira jetzt tun? Ich soll mich um ihre Kunden kümmern, und alles, was ich dazu wissen muss, hat sie in diesem Buch niedergeschrieben, hieß es in ihrer Nachricht.

Kopflos drücke ich die Stirn gegen das Lenkrad und seufze laut. Ich darf meine Tante nicht enttäuschen. Sie hat sich immer um mich gekümmert, vor allem nachdem meine Mutter es nicht mehr konnte. Elvira ist immer für mich da gewesen.

Andererseits wehrt sich alles in mir dagegen, wieder zu diesem Haus zu fahren. Was ich auch immer dort gesehen habe, es hat mir mächtig Angst eingejagt. Ich brauche erst mal ein bisschen Abstand, eine kurze Pause, um mir darüber klar zu werden, was ich nun als nächstes tun soll.

Also starte ich erneut den Motor und fahre zu meiner Mutter in die Klinik.

Ich stelle meinen schwarzen Panther auf meinem Stamm-Parkplatz ab, nehme das Buch und meine Handtasche und gehe am Pförtner vorbei durch den Klinikeingang.

„Hallo Scarlett!“, begrüßt mich Henry, der Pförtner, freundlich und lächelt breit, während er seinen prallen Weihnachtsmannbauch vorstreckt. „Herrliches Wetter heute, oder?“

Ich blicke zum Himmel, an dem nur ein paar vereinzelte Wattebauschwolken zu sehen sind. „Hallo Henry, ja, es ist wirklich ein schöner, sonniger Tag“, antworte ich und blinzle ein bisschen konfus in die Sonne.

„Grüß‘ deine Mutter von mir“, ruft er mir nach, als ich durch die Glastür husche, schlägt die Hacken zusammen und tippt sich an die Mütze.

„Werde ich machen!“

Ich gehe den langen Gang entlang, vorbei am Schwesternzimmer, wo ich das Gemurmel und Gelächter der Schwestern höre, die sich dort zur Mittagspause versammelt haben. Normalerweise würde ich sie begrüßen, aber ich möchte sie in ihrer kurzen Pause nicht stören.

Die Tür zum Zimmer meiner Mutter steht wie immer einen Spalt offen. Ich klopfe an und trete sofort darauf ein. Mutter sitzt an einem kleinen Klapptisch vorm Fenster. Auf dem Tisch steht das Mittagessen, unangetastet. Die Sonne strahlt durch das Blätterdach eines Baumes und hinterlässt wild tanzende Tupfen von Sonnenlicht im ganzen Raum.

„Hallo Mama“, sage ich, lege meine Sachen auf ihr Bett und hänge meinen nassen Mantel an den Haken hinter der Zimmertür. „Jetzt, wo ich zu dir komme, scheint die Sonne, dabei hat es den halben Vormittag geregnet.“

Ich gehe zu ihr, lege meine Hand auf ihre Schulter und drücke ihr einen Kuss auf die Wange. Ihr langes, graues Haar wirkt struppig, obwohl die Schwestern es gebürstet haben, soweit ich erkennen kann. Ich nehme eine Strähne und streiche sie über ihre Schulter.

„Elvira ist weg“, sage ich. „Sie ist einfach verschwunden und ich weiß nicht, wo sie ist“, beginne ich zu erzählen und gehe um meine Mutter herum. Ihre fliederfarbene Strickjacke ist ihr von der Schulter gerutscht. Ich ziehe sie wieder hoch und schließe die obersten Knöpfe. „Aber sie hat mir eine Nachricht hinterlassen. Sie schreibt, ich soll mir keine Sorgen machen, aber natürlich mache ich mir Sorgen.“

Ich seufze, nehme ihre unbenutzte Gabel und stochere im noch heißen Kartoffelbrei herum. Eine kleine Menge nehme ich auf, gerade so viel, dass es für einen Spatz reichen würde, und halte ihr die Gabel vor den Mund. Mechanisch öffnet sie ihn ein kleines Stück. Ihre trockenen Lippen umschließen die Gabel und ich ziehe sie sanft wieder heraus, während die Augen meiner Mutter weiter ins Nichts starren. Ich hole einen Hocker herbei und setze mich.

„Ich soll mich um ihre Kunden kümmern, hat sie geschrieben.“ Umständlich pikse ich ein paar Erbsen auf, ziehe sie durch die braune Soße und führe die Gabel wieder vor ihren Mund. „Aber, weißt du was?“, frage ich leise und verschwörerisch, wobei ich mich umsehe, um sicher zu gehen, dass uns keiner belauscht. „Elvira hat gar kein Reisebüro.“

Mit dem Messer schneide ich ein kleines bisschen von der dünnen Scheibe Schweinebraten ab und ziehe es durch Kartoffelbrei und Soße. „Das Reisebüro war nur eine Tarnung. In Wirklichkeit arbeitet sie als Parapsychologin“, flüstere ich und sehe Mutter lange in die Augen.

Sie blinzelt. Ihre Augen sind feucht, aber nicht so, als ob sie weinen müsste. Wieder blinzelt sie und starrt auf einen Punkt am Fenster, den nur sie sehen kann.

Während ich ihr das restliche Essen anreiche, rede ich weiter. Ich erzähle ihr alles, von dem geheimen Büro, dem handgeschriebenen Buch, den Pulvern und Tinkturen in den ominösen Fläschchen und den Amuletten. Von meinem neuen Auto, von Zoe und Julie, ihrem Haus und dem Schatten darin. Von Blitz, Donner, heißem Fauchen, Knurren und gruseligem Lachen.

„Was erzählst du deiner Mutter denn für Gruselgeschichten?“, fragt eine heitere Stimme, als die Tür aufschwingt. Es ist Schwester Tanya, sie lächelt und läuft auf mich und Mutter zu.

„Ach, ich habe ihr nur erzählt, was ich gestern im Fernsehen gesehen habe“, lüge ich und lächle zurück.

Tanya beugt sich zu meiner Mutter vor und streicht ihr über den Unterarm. „Na, Hauptsache, Sie können gleich noch gut schlafen, Frau Schneider“, sagt sie und zwinkert mir zu. Als sie den leeren Teller auf dem Tisch sieht, nickt sie anerkennend. „Sie haben ja alles aufgegessen! Sehr gut!“ Sie nimmt das Tablett hoch und macht sich zum Gehen auf. Bevor sie durch die Tür in den Flur tritt, wendet sie sich an mich. „Du klingelst, wie immer, wenn du gehst, ja? Dann legen wir sie zum Mittagsschlaf hin.“

Ich nicke und bedanke mich. Mutter blinzelt.

Nach ein paar stillen Minuten, in denen ich sie dabei beobachtet habe wie sie ins Nichts blickt, nehme ich ihre Hand und streiche über ihre pergamentartige Haut.

Sie anzuflehen, damit sie zurückkommt, zu jammern und zu weinen, damit sie auch nur eine kleine Regung von sich gibt, habe ich vor Jahren aufgegeben. Ich weiß, sie würde wieder zurückkommen, wenn sie könnte. Aber sie kann nicht. Aus irgendeinem Grund ist sie seit über neun Jahren in dieser Situation gefangen.

Ziemlich oft denke ich an den Tag zurück, an dem es passiert ist, an dem sie zwar wach wurde, aber nicht mehr aufwachte. In meinen Gedanken habe ich diesen Tag Millionen Male Revue passieren lassen. Es war der Tag vor meinem achtzehnten Geburtstag. Mutter, Elvira, ein paar Freundinnen und ich hatten die Tage zuvor mit der Planung der Feier verbracht. Da mein Vater uns noch vor meiner Geburt verlassen hatte, waren unsere finanziellen Mittel begrenzt, aber das hat Mama mich nie spüren lassen. Sie machte alles möglich, und dieser Geburtstag sollte etwas ganz Besonderes werden.

An dem besagten Tag war ich schon früh wach. Mama hatte die halbe Nacht damit verbracht, aus einem zerbrochenen Spiegel, einem alten Ball und einer Heißklebepistole eine Discokugel für die Party zu basteln. Das Ding lag fertig auf dem Küchentisch, glitzernd, rund und perfekt. Ich konnte nicht glauben, dass sie es noch in der Nacht fertiggestellt hatte und hüpfte aufgeregt in ihr Zimmer, um mich zu bedanken. Sie schlief noch, also sprang ich auf ihr Bett. Ich sang ein dämliches Lied, um sie zu ärgern und wach zu kriegen, während ich auf und ab sprang. Aber sie reagierte nicht.

Selbst wenn ich heute daran denke, wird mir noch flau im Magen.

Der Moment, als ich dachte, sie sei tot.

Als ich mich herunterbeugte, ihr Gesicht in beide Hände nahm, ihren wirren Blick sah.

Die Minuten, in denen ich vergeblich versuchte einen Puls zu fühlen, ich aber nicht wusste wie es richtig geht und schließlich mein Ohr auf ihre Brust presste.

Die Verwirrung, als ich zwar ein Herz schlagen hörte, meine Mutter aber trotzdem wie tot dalag...

Ich hatte ihr schon kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt, geschrien, ihr eine Ohrfeige verpasst und verzweifelt auf dem Boden vor ihrem Bett geweint, bis ich endlich auf die Idee kam, Elvira anzurufen.

Danach verblasst meine Erinnerung. Alles ist in grauen Nebel gehüllt.

Ich musste unsere Wohnung verlassen und kam im Wohnheim unter. Mehrmals pro Woche war ich bei Elvira, und genauso oft ging ich meine Mutter in der Klinik besuchen.

In den ersten Jahren habe ich sie angefleht zu mir zurückzukommen, etwas zu sagen, wieder zu reagieren. Doch irgendwann hörte ich damit auf. Was, wenn sie zurückkommen will, aber es nicht kann? Wie muss sie sich fühlen, wenn ihre Tochter sie um etwas anfleht, das sie ihr nicht geben kann? Also hörte ich auf zu betteln und arrangierte mich mit allem.

Aber in Momenten wie diesen, könnte ich wirklich ihren Rat gebrauchen. Ich wünschte, sie würde plötzlich wieder erwachen und mir sagen, was ich zu tun habe. Aber das tut sie nicht. Stattdessen schaut sie aus dem Fenster.

Ich lege ihre Hand in ihren Schoß, löse die Handbremse vom Rollstuhl und schiebe sie hinaus auf die Terrasse in die Sonne. Ich fahre sie in den Halbschatten, wo die warme Sonne auf ihre Beine strahlt, sie aber nicht blendet. Dann hole ich eine kleine Decke und mein Buch von Elvira, setze mich neben meine Mutter und lese dort weiter. Irgendwo, zwischen all diesen wirren Notizen muss stehen, wie ich Zoe und Julie helfen kann. Ich blättere vor und zurück, suche nach Schlagworten wie „Schattenwesen“, „Geist“ oder etwas in der Art, als ich schließlich über eine nachträglich hineingeklebte Zeichnung stolpere. Meine Finger zittern leicht, als sie über das grausige Bild fahren. Darauf ist eine Gestalt aus Schatten zu sehen, mit breiten Schultern, schmalem Kopf, krummen Beinen und langen Armen. Das Schlimmste aber ist das Grinsen. Diese Zeichnung grinst genauso, wie das Ding in Zoes Haus. Sein Kopf wirkt wie horizontal zu einem fiesen Lachen gespalten.

Ich bedecke die Zeichnung mit der flachen Hand, weil ich es nicht länger ertragen kann sie zu betrachten. Auch wenn es nur eine Zeichnung ist, so sitzt der Schock noch zu tief. Ich frage mich, ob diese Zeichnung der Beweis dafür ist, dass das, was ich gesehen habe, echt war.

Neben dem eingeklebten Bild steht etwas vertikal geschrieben. Ich drehe das Buch und lese es.

„Dämon!!! Nichts auf eigene Faust unternehmen! Chris anrufen! Nummer im Handy!!!“

Kapitel 7

Nachdem ich mich von meiner Mutter verabschiedet habe, fahre ich nach Hause. Die Nummer von diesem Chris steht tatsächlich in dem Handy, welches Elvira mir hinterlegt hat. Darunter der Vermerk „Dämonologe“.

Ich habe keine Ahnung was ich sagen soll, wenn ich ihn anrufe. Wird er mich für verrückt halten, oder hat er schon Schlimmeres gehört?

Ich steige aus meinem schwarzen Panther und höre hinter mir ein anerkennendes Pfeifen. Als ich mich umdrehe, steht dort mein arroganter, namenloser Nachbar. Ich stöhne genervt und krame meine Sachen zusammen.

„Neues Auto, Schneider? Hast du im Lotto gewonnen, oder was?“, fragt er, die Arme vor der Brust verschränkt, als er langsam auf mich zuläuft. „Nicht schlecht, Sommersprosse!“

Ich kann gar nicht so viel seufzen und mit den Augen rollen, wie ich gerne würde. „Danke“, murmle ich und laufe mit meinen Sachen im Arm an ihm vorbei.

„Ganz in Schwarz heute? Gibt es was zu betrauern? Soll ich dir Trost spenden?“, säuselt er und setzt einen lächerlichen Hundeblick auf, mit gesenkten Lidern und gespitzten Lippen, während er neben mir hertrottet.

Ich lehne dankend ab und krame den Haustürschlüssel aus meiner Manteltasche. Mein Nachbar lehnt sich an die Hauswand, dicht neben mir, kratzt sich den Hinterkopf und lugt auf die Sachen in meinem Arm. Ich presse sie noch dichter an mich, um sie vor seinen neugierigen Blicken zu schützen.

„Was hast du da?“, will er wissen, beugt sich vor und deutet mit dem Finger auf mein Buch. Seine Augen weiten sich und er saugt die Luft ein. „Hat das Moppelchen etwa endlich wieder einen Job?“ rät er und grinst mich an.

„So in etwa“, antworte ich knapp und husche durch die Tür. „Und nenn mich nicht Moppelchen!“

Er bleibt mir dicht auf den Versen, hüpft leichtfüßig die Treppen neben mir hoch und lächelt mich dabei an. „Erzähl doch mal, Schneider. Es scheint ein guter Job zu sein, wenn ich mir so deinen neuen Wagen anschaue“, bohrt er auf seine lästige Art weiter, während er um mich herumtänzelt.

Vor meiner Wohnungstür bleibe ich stehen, wende mich ihm zu und zwinge mich, ihm fest in die stahlblauen Augen zu sehen. „Das geht dich nichts an!“, sage ich bestimmt und straffe die Schultern.

Er weicht keinen Zentimeter zurück und begegnet meinem Blick. Offenbar denkt er nach, wobei er immer noch dieses schiefe Grinsen auf den Lippen trägt.

„Ich hab’s!“, sagt er schließlich. „Du bist Edelnutte für Kunden mit speziellen Wünschen!“, sagt er und zeichnet mit den Händen die Figur einer übergroßen Sanduhr in die Luft.

Verärgert forme ich die Augen zu Schlitzen und mahle mit meinem Kiefer. „Nein“, zische ich und funkle ihn an. „Ich habe einen Job als Auftragskillerin bekommen, und mein Boss sagte, es wäre nicht schlimm, wenn ich mal danebenziele. Er würde sich dann um die Beseitigung der Leiche kümmern.“

Mein dämlicher Nachbar lacht, legt mir die Hand auf die Schulter und sagt, dass es doch nur ein Scherz gewesen sei und ich nicht böse sein soll.

Ich sehe ihn nicht mehr an und verschwinde in meiner Wohnung, wo ich die Tür hinter mir zuknalle. Dieser Dreckskerl, denke ich. Er schafft es immer wieder mich auf die Palme zu bringen, und dabei kenne ich noch nicht einmal seinen Namen! Er hat sich mir nie vorgestellt, und auf seinem Briefkasten klebt nur ein unbeschriftetes Namensfeld. Nach einer Weile mochte ich ihn nicht mehr fragen, weil er das bestimmt als Flirtversuch aufgefasst hätte. Somit ist dort das süffisante Lachen meines namenlosen Nachbarn, welches sich im Hausflur langsam entfernt, leiser wird und mit dem Schließen seiner Wohnungstür endlich verstummt.

Ich lasse meine Sachen auf den Boden plumpsen, werfe meinen Mantel daneben und gehe in die Küche. Noch immer leicht aufgebracht, werfe ich meine Kaffeemaschine an und bereite mir einen Vanilla-Latte zu. Wahrscheinlich würden mich die dummen Sprüche meines Nachbarn nicht so aufregen, wenn er nicht so oft ins Schwarze treffen würde. Er nennt mich Sommersprosse oder Moppelchen, er weiß, dass ich Single und arbeitslos bin, er spielt vor meinen Augen mit seinen Muskeln, blinzelt mich mit seinen stahlblauen Augen an und weiß genau, wie er sich in Szene setzen muss. Es ärgert mich, dass mein Gesichtsausdruck mich offensichtlich verrät, denn er sieht wirklich verdammt gut aus, wie ein Model aus einem Hochglanzmagazin. Und natürlich bin ich in gewisser Weise neidisch auf seinen Lebensstil. Ich weiß zwar nicht, was er genau macht, aber er scheint gut zu verdienen und bei Frauen hat er natürlich die freie Auswahl. Und das nutzt er aus, denn er nimmt sich, wen er kriegen kann, manchmal auch mehrere an einem Abend. Er ist das, was ich nicht bin: Erfolgreich, gutaussehend und immer in bester Gesellschaft.

Ich schlage mit der Faust auf die Arbeitsplatte und strafe mich für meine Gedanken und dafür, dass so ein arroganter Dreckskerl es überhaupt schafft, in meinen Kopf zu gelangen.

Als mein Vanilla-Latte fertig ist, nehme ich ihn und setze mich ins Wohnzimmer an den Schreibtisch. Mein Ex hatte diesen Schreibtisch gekauft, weil er auch nach der Arbeit meistens noch etwas am Computer zu tun hatte. Mir hatten ein Laptop und ein Sofa gereicht, aber nun, da ich diesen Schreibtisch nach der Trennung behalten habe, kann ich ihn auch nutzen. Vielleicht werde ich mir vorübergehend auch so ein kleines, geheimes Büro einrichten, wie Elvira es in ihrem Reisebüro hat.

Als ich an Elvira denke, wird mir seltsam flau im Magen. Habe ich etwas vergessen? Hätte ich noch etwas tun sollen? Ohne erkennbaren Grund, verspüre ich ein schlechtes Gewissen meiner Tante gegenüber. So habe ich mich noch nie gefühlt und ich weiß nicht, woran es liegt. Doch so schnell dieses flaue Unbehagen gekommen ist, so schnell ist es auch wieder verflogen.

Ich hole meine Sachen aus dem Flur und setze mich wieder. Das große Buch mit dem eingebrannten Stern auf dem Deckel lege ich neben meinen Laptop. Ein paar der Dinge aus der schwarzen Kulturtasche lege ich in die kleinen Fächer, die eigentlich für Notizzettel und ähnliches gedacht sind. Eine Handvoll Edelsteine packe ich in eine Kristallschale, in der zuvor Pralinen waren. Sie glitzern und schillern im Sonnenlicht. Die bronzene Figur eines Kobolds stelle ich neben meinem Laptop. Er hockt auf einer kleinen Kugel, hat die Hände gefaltet und die spitzen, fledermausartigen Flügel auf seinem Rücken angelegt. Seine Nase ist dick und rund, die Augen hält er geschlossen. Ich frage mich, warum Elvira wollte, dass ich diese hässliche Figur eines Trolls, Zwerges, Kobolds, oder was auch immer, besitze.

Die Flaschen und Gläser mit Tinkturen, Weihwasser und Pülverchen lasse ich in der Tasche und stelle diese in eine der leeren Schubladen. Dann nehme ich das Handy in beide Hände. Als ich an das Schattenwesen, welches laut Elviras Buch ein Dämon ist, denke, läuft mir erneut ein Schauer über den Rücken. Am liebsten würde ich dieses Haus niemals wieder betreten und Zoe den Schlüssel zurückgeben. Aber das geht nicht. Elvira verlässt sich auf mich. Alleine schaffe ich das jedoch nicht. Also nehme ich all meinen Mut zusammen und tippe auf das Hörersymbol neben Chris´ Namen.

Es klingelt. Dreimal, viermal, fünfmal. Gerade als ich auflegen will, nimmt jemand ab.

„Hallo?“, sagt eine dunkle, raue Stimme.

Ich schlucke. Was soll ich jetzt sagen? Warum habe ich mir nicht vorab überlegt, wie ich mein Anliegen formulieren soll?

„Hallo? Wer ist da?“, hakt die Stimme am anderen Ende nach.

„Ähm... Hier ist Scarlett Taylor. Ich bin die Nichte von Elvira Taylor, von ihr habe ich auch Ihre Nummer.“

Kurz ist Stille, ich höre ihn atmen. „Ja?“

„Ja... ähm... Also, ich glaube, ich brauche Ihre Hilfe“, stammle ich.

„Wobei?“

Ich schlage das Buch auf und blättere zu der Seite mit der eingeklebten Zeichnung des Schattenwesens. „Nun ja, es geht um so eine Art Schattenmann.“

„Kann ich bitte mit Elvira sprechen? Ist sie da?“, fragt er und ich höre einen genervten Unterton in seiner Stimme.

„Nein, sie ist verschwunden. Ich soll ihre Fälle übernehmen, bis sie wieder da ist“, erkläre ich und bedecke derweil das schreckliche Bild des lachenden Wesens mit der Hand.

„Sie ist verschwunden? Seit wann?“

„Circa eine Woche“

Wieder Stille am anderen Ende. Ich höre Rascheln, dann ein Klimpern, wie von einem Schlüsselbund. „Ich bin in zehn Minuten bei Elviras Büro, wir treffen uns dort“, sagt er und legt auf.

Ein paar Sekunden lang lausche ich auf das Rauschen, dann blicke ich auf das Display. Er hat einfach aufgelegt. Nachdem ich mindestens zwei Minuten wie verdattert vor mich hingestarrt habe, hole ich die Kulturtasche wieder aus der Schublade, nehme das Buch und stopfe beides in einen schwarzen Rucksack. Das Buch ist zu schwer und zu groß, um in eine meiner Handtaschen zu passen. Wenigstens hat der Rucksack goldene Schnallen und Reißverschlüsse, ansonsten würde ich damit aussehen, als wäre ich unterwegs zum Zeltlager. Ich kippe den Vanilla-Latte hastig herunter, werfe mir meinen Mantel über und fahre zu Elviras Büro.

Ich parke hinter dem Reisebüro und stelle meinen wunderschönen schwarzen Panther auf seinen angestammten Platz. Als ich aussteige, öffnet sich auch die Autotür eines schwarzen Transporters in der Ecke des Parkplatzes. Ich schnalle mir meinen Rucksack um und schließe mein Auto ab, während ich beobachte, wie ein großer Mann in grauem Wollmantel mit hochgestelltem Kragen aus dem Transporter steigt. Mit großen Schritten kommt er auf mich zu. Sein Haar ist wie Salz und Pfeffer, schwarz mit vereinzelten weißen Strähnen an den Schläfen und im Nacken. Er trägt es halb lang und hat es lässig nach hinten gebürstet. Sein Teint weist eine leichte Bräune auf, aber nicht diese falsche Solariumbräune, sondern eine, die man bekommt, wenn man viel draußen arbeitet. Schwarze Bartstoppeln zieren seinen markant eckigen Kiefer. Er ist wahrscheinlich Mitte dreißig, wirkt gebildet und kultiviert. Einen Dämonologen hätte ich mir allerdings anders vorgestellt.

„Scarlett Taylor?“, fragt er, die Hände in die Taschen seines Mantels gesteckt und sieht mich von der Seite an.

„Ja. Und du bist Chris?“

Er nickt und reicht mir die Hand. Ich strecke ihm meine entgegen und seine riesige Hand umschließt meine fast komplett. Sein Händedruck ist warm und fest, aber nicht zu fest. Ich bemerke weiche schwarze Härchen auf seinem Handrücken.

„Lass uns reingehen“, schlägt er vor und deutet mit dem Kopf auf das Gebäude.

Ich hole meinen Schlüssel hervor und er lässt mich vorangehen. Als ich die Glastür mit der Aufschrift „Reisebüro“ aufschließe, besehe ich mir rasch unser Spiegelbild darin. Chris ist so groß, dass ich gegen ihn klein und zierlich wirke, was ich nun wirklich nicht bin. Er überragt mich um mindestens dreißig Zentimeter und seine Schultern wirken wie breite Flügel hinter mir. Ich schließe auf und mache das Licht im Inneren an. Chris läuft vor in Richtung Kaffeeküche, und noch bevor ich hinter uns abschließen und ihm nachkommen kann, höre ich, wie er die Trennwand des geheimen Büros zur Seite schiebt. So geheim ist dieses Büro also scheinbar gar nicht! Ich frage mich, wer noch von seiner Existenz weiß und warum Elvira mich niemals eingeweiht hat.

Als ich ihm ins Büro folge, sitzt er schon auf dem Ledersessel und blättert durch einen Kalender. Ich setze mich ihm gegenüber hin und sehe ihm ein wenig unbeholfen zu. Seite für Seite überfliegt er Elviras Notizen, seine Stirn liegt dabei in Falten und seine moosgrünen Augen bekommen einen sorgenvollen Ausdruck. Es herrscht unangenehmes Schweigen zwischen uns und ich weiß nicht, wie ich es brechen soll, da ich ihn nicht in seinem Tun unterbrechen möchte. Wenn er Elvira kennt und von diesem Büro und ihrer Arbeit als Parapsychologin weiß, dann kann er vielleicht mehr über ihr Verschwinden herausfinden als ich. Ich beobachte, wie er sich einen Zettel und Stift nimmt und eine Adresse aus dem Kalender abschreibt.

„Vor einer Woche hast du sie zuletzt gesehen?“, bricht er endlich das erdrückende Schweigen und sieht mich kurz an.

„Ja. Also, nein“, stammle ich und er zieht eine Augenbraue hoch. „Gesehen habe ich sie zuletzt vor zehn Tagen. Aber sie hat mir eine Mail geschickt, in der stand, dass ihr vor sieben Tagen etwas zugestoßen ist“ erzähle ich. „Keine Ahnung, wie sie diese Mail dann verschicken konnte, aber so stand es dort.“

Chris hebt den Kopf und blickt mich nachdenklich an. „Sie wird ein Programm genutzt haben, mit dem sie täglich oder wöchentlich die Mail zurücksetzen konnte. Erst als sie es nicht mehr tat, wurde sie sieben Tage später abgeschickt. So etwas kann man heutzutage ganz leicht einrichten“, erklärt er und mustert mich eindringlich. „Viele in unserer Branche benutzen solche Programme, nur zur Sicherheit.“

Das macht Sinn, denke ich und verlagere unbehaglich unter Chris´ Blicken mein Gewicht auf dem Sessel. Er sieht mich an, als wolle er sich mein Gesicht genauestens einprägen, um später ein Phantombild von mir zeichnen zu können. Meine Wangen werden heiß und ich senke den Blick.

Chris wendet sich wieder dem Kalender zu, faltet den Zettel mit der Adresse und steckt ihn unter seinem Mantel in die Brusttasche seines karierten Hemdes. „Wann hast du die Mail von ihr bekommen?“

„Gestern“

Chris dreht den Kalender zu mir. Mit dem Finger deutet er auf eine Notiz von Elvira. „Vor acht Tagen hatte sie diesen Auftrag. Dieser waagerechte Strich hier oben bedeutet, dass sie dort hingefahren ist. Wäre es ein Plus, würde das bedeuteten, dass sie wieder zurückgekehrt ist. Ist sie aber nicht“, stellt er fest und zeigt mir die vielen Plus-Symbole neben anderen Notizen. Nur bei dem letzten Termin ist ein Minus zu sehen. Sie kam also nicht zurück um den kleinen Strich auszuführen, der das Minus in ein Plus verwandelt hätte.

Ich nicke. „Das wusste ich nicht“, gebe ich zu.

Chris zuckt mit den Schultern. „Ich denke mal, du weißt so einiges nicht“, sagt er beiläufig und steckt den Stift zurück zu den anderen in die umfunktionierte Kaffeetasse. „Was hast du bislang unternommen um Elvira wiederzufinden?“ fragt er, lehnt sich im Sessel zurück und faltet die großen Hände vor seinem Bauch.

Ich sehe ihn an. Irgendetwas möchte ich sagen, kann es aber nicht. Mein Mund will sich öffnen, aber es klappt nicht. Ich bringe nur ein dumpfes „Hmpf“ heraus.

Er beobachtet mich und wiederholt seine Frage. „Was hast du unternommen, um Elvira zu finden?“, fragt er betont langsam und richtet sich im Sessel auf. Seine raue Stimme nimmt einen drohenden Unterton an.

Von mir kommt wieder nur ein geistloses, gemurmeltes Grunzen. So sehr ich mich auch anstrenge, ich kann keinen klaren Gedanken fassen.

Chris steht auf und geht mit zwei großen Schritten um den Schreibtisch herum auf mich zu. Er geht vor mir in die Hocke und nimmt mein Gesicht in beide Hände.

„Was hast du unternommen um Elvira zu finden?“, fragt er nun ein drittes Mal, wobei er mir tief in die Augen sieht. Seine Hände umfassen meine jetzt glühenden Wangen.

Wieder möchte ich etwas sagen, kann es aber nicht. Ich weiß tief in meinem Inneren, dass irgendwas nicht stimmt, dass dort irgendetwas ist, das ich vergessen habe und nicht aussprechen kann.

Chris erhebt sich, legt meinen Kopf in den Nacken, zieht mein Augenlid hoch und besieht es sich im Licht der Deckenlampe genauer. Dann stößt er einen leisen, gemurmelten Fluch aus und lässt mich los. Er wirkt verärgert und besorgt zugleich, fährt sich rasch durch die Haare und presst die Lippen aufeinander. Dann greift er nach meinem Hals, fährt mit seinen Fingern fahrig daran herum, zieht mein Shirt nach vorn und blickt in meinen Ausschnitt. Ich will erschrocken protestieren, sitze aber wie von einem unsichtbaren Seil gefesselt und geknebelt da. Dann greift er nach meinen Handgelenken, zieht die Ärmel meiner Bluse hoch und sucht nach etwas. Als er mein Armband sieht, ein einfaches Silberarmband mit einem Herzanhänger, betrachtet er es genauer. Es scheint aber nicht das zu sein, wonach er gesucht hat, denn er lässt mein Handgelenk seufzend fallen. Langsam beugt er sich wieder zu mir herunter, sieht mir tief in die Augen, während er meine Schultern umfasst.

„Du bist verhext worden, Scarlett“, sagt er leise und langsam. „Elvira hat dir mit Sicherheit ein Amulett hinterlassen. du hättest es tragen sollen.“

Ich blicke ihn verdutzt an, immer noch unfähig zu sprechen.

Er zieht an einem Lederband an seinem Hals und holt ein Amulett hervor, welches er vor meinen Augen baumeln lässt. Ich erkenne es: Genauso eins hat Elvira mir mit dem Buch und den anderen Sachen hinterlegt. Ich bemühe all meine Kraft auf und schaffe es zu nicken.

„Wo ist deins?“, fragt er und steckt sein Amulett zurück unter seinen Hemdkragen. „Hast du es bei dir?“

Wieder benutze ich all meine Kraft und bringe ein weiteres kurzes Nicken zustande, wobei ich starr auf meinen Rucksack blicke.

Chris versteht den Hinweis und holt den Rucksack herbei. Er öffnet ihn und wühlt in seinem Inneren herum. Dann nimmt er die Kulturtasche, fischt mit seinen großen Händen darin und hält nach kurzer Zeit das Lederband mit meinem Amulett zwischen Zeigefinger und Daumen. Als er wieder zu mir kommt, kniet er sich vor mich hin und bindet mir das Lederband um den Hals. Seine Berührungen in meinem Nacken senden wohlige Schauer über meine Haut und ich kann meine Augen nicht von seinem markanten Gesicht lassen. Aus dieser Nähe erkenne ich feine Lachfältchen um seine Augen herum und sein herb frischer Geruch steigt mir in die Nase. Er riecht wie ein Wald direkt nach einem Regenschauer, nach Zedernholz und rauchigem Feuer.

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9783742778482
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