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Sarah Glicker
Your Hero
Rachel & Cody
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
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Impressum neobooks
Prolog
Sarah Glicker
Your Hero
Rachel & Cody
Sarah Weber
Alter Postweg 31a
48477 Hörstel
Copyright by Sarah Weber
Alle Rechte vorbehalten!
Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der offiziellen schriftlichen Genehmigung der Autorin!
War es eine Kurzschlussreaktion?
Vielleicht.
Bereue ich es, dass ich diesen Mann erschossen habe?
Nein.
Habe ich es jemals bereut, dass ich diesen Schritt gegangen bin?
Auch hier muss ich sagen, dass es nicht so ist.
Die Wahrheit sieht so aus, dass man in unseren Kreisen genau weiß, worauf man sich einlässt, und das schon von klein auf. Wenn man sich dazu entschließt, in die Geschäfte der Familie, und meistens sind es Familiengeschäfte, einzusteigen, weiß man es.
Man ist so aufgewachsen und weiß es einfach.
Und genauso wusste es auch der Mann, der nun tot in der Gasse vor mir liegt. Zwei Kugeln aus meiner Waffe haben ihn niedergestreckt und dafür gesorgt, dass er keinen Atemzug mehr tun kann.
Er hat gedacht, dass er mich unter Kontrolle bekommen kann, indem er mir droht. Er hat wirklich gedacht, dass ich mich wirklich darauf einlasse. Dabei weiß jeder, der mich kennt, dass genau dies nicht der Fall ist. Um genau zu sein, gab es bis jetzt nur eine Person, die es geschafft hat, mich wenigstens einigermaßen unter Kontrolle zu behalten und mich ruhiger werden ließ. Bei dieser Person stehe ich nicht ständig unter Strom.
Doch diesen Gedanken wische ich schnell wieder zur Seite. Ich will mich jetzt nicht damit beschäftigen.
„Meinst du, dass das wirklich so eine gute Idee war?“, erkundigt sich Taylor, einer meiner jüngeren Brüder, und sieht mich abwartend an.
Ich hingegen beachte ihn überhaupt nicht. Stattdessen starre ich auf die Leiche, die vor mir liegt. Um den leblosen Körper hat sich eine Blutlache gebildet, die sich mit dem Regen vermischt, der seit einer Ewigkeit auf uns fällt.
„Nun werden wir nicht mehr erfahren, wegen wem wir eigentlich hier sind“, erklärt mein zweiter jüngerer Bruder Brad.
Langsam hebe ich meinen Kopf und sehe die beiden an. Sie und ein paar unserer Männer haben sich um mich herum versammelt. Sie warten darauf, dass ich ihnen sage, was sie als Nächstes tun sollen. Doch da gibt es nichts.
„Er hat es herausgefordert und ich hatte keine Lust zu spielen“, erkläre ich und zucke gleichgültig mit den Schultern.
Mir ist bewusst, dass meine Brüder nicht sehr froh darüber sind. Allerdings habe ich es wirklich auf die ruhige Art versucht, etwas von ihm zu erfahren. Er hat mich jedoch nur an der Nase herumgeführt und mich verhöhnt. Und das ist etwas, was ich mir nicht gefallen lasse.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich jemanden umgebracht habe. Und auch jetzt hatte es einen guten Grund. Es ist ein Warnschuss an alle da draußen die meinen, dass sie sich mit mir und meiner Familie anlegen können. Denn wenn sie mich schon für skrupellos halten, sollten sie besser keine Begegnung mit meinem Vater machen.
Taylor geht ein paar Schritte an mir vorbei und sieht sich dabei in alle Richtungen um.
Wir befinden uns in einer dunklen Seitenstraße in einem Gewerbegebiet. Mal abgesehen von Lagerhäusern, Handwerksfirmen und Dunkelheit gibt es hier nichts.
Ich lasse meinen Blick über die uns umgebenden Gebäude wandern. Allerdings weiß ich selber nicht so genau, wonach ich eigentlich Ausschau halte. Ganz davon abgesehen kann ich dort auch nichts erkennen.
„Was sollen wir mit ihm machen?“, erkundigt sich Brad nach einer kurzen Zeit.
„Schafft ihn weg. Solange ich nicht weiß, was hier los ist, will ich nicht, dass die Polizei darauf aufmerksam wird, was passiert ist. Der Regen wird dafür sorgen, dass das Blut verschwindet.“
Ich knurre die Worte mehr, als das ich sie wirklich ausspreche. Doch ich lasse keinen Zweifel daran, dass ich wütend bin.
Mir ist bewusst, dass mir hier jemand eine Falle stellen wollte. Allerdings habe ich keine Ahnung, wer es war, oder warum er es wollte. Und von diesem Typen habe ich auch nichts in Erfahrung gebracht, was mir weiterhelfen kann. Es war eher das Gegenteil der Fall.
Er hat sich über mich und meine Familie lustig gemacht. Und als würde das noch nicht reichen, war er der Meinung, dass ich auch noch nach seiner Pfeife tanze.
Ein letztes Mal sehe ich meine Brüder wütend an, ehe ich mich umdrehe und zu meinem Wagen gehe. Meine Schritte sind energisch und lassen keinen Zweifel daran, dass meine Laune gerade nicht die Beste ist.
Nachdem ich mich hinter das Steuer meines Lincoln gesetzt habe, ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche und werfe einen Blick auf das Display. Bereits in der nächsten Sekunde gebe ich einen frustrierten Ton von mir, da ich keine Nachricht von ihr bekommen habe.
Sauer werfe ich mein Handy auf den Beifahrersitz und gebe Gas.
1
Cody
Mit einem lauten Warnton, den ich in den letzten Jahren oft – zu oft - gehört habe, öffnen sich die Tore direkt vor meiner Nase. Jeder andere wäre wahrscheinlich so nervös gewesen, dass er hibbelig von einem Bein auf das andere gesprungen wäre. Doch dies ist bei mir nicht der Fall, was allerdings nicht heißt, dass ich mich nicht darauf freue, diesen Teil meines Lebens endlich hinter mir zu lassen und nach vorne zu sehen. Doch äußerlich bin ich ruhig und gefasst, so wie es meistens der Fall ist, wenn sich Leute um mich herum befinden, die nicht sehen sollen, was in mir vor sich geht.
Die Wärter, die um mich herum stehen und mich aufmerksam beobachten, denken wahrscheinlich, dass es mir egal ist, ob ich in Freiheit bin oder nicht, denke ich, als ich sie nacheinander betrachte.
Allerdings kann man mit Gewissheit sagen, dass ich in den letzten fünf Jahren mehr als genug Zeit hatte, um mich auf diesen Augenblick vorzubereiten. Dieses Geräusch war für mich alltäglich geworden, so wie es für andere der Fall ist, dass sie jeden Tag zur Arbeit gehen. Ich habe nur auf den Moment gewartet, in dem es für mich bestimmt war.
Der Gedanke an die Zeit, in der ich hier war, sorgt dafür, dass sich meine Hände zu Fäusten ballen. Sicher, aufgrund meiner Stellung war ich hier der Boss und hatte gewisse Freiheiten, von denen die anderen nur träumen konnten. Doch aus dem Gefängnis heraus kann man nicht die Geschäfte der Familie leiten. In diesem Fall hat es mich eindeutig zurückgeworfen.
In dieser Zeit hatte ich mir geschworen, nie wieder so einen Fehler zu machen, um kein zweites Mal hier zu landen.
Dies habe ich mir vorgenommen, nachdem für mich feststand, dass ich herausfinden werde, wer dafür verantwortlich ist und ihn ebenfalls umbringen werde.
In den letzten Jahren hatte ich Zeit genug, um mir dafür gleich mehrere Pläne zurechtzulegen.
Mein Glück war es, dass sie keine Leiche finden konnten, da meine Brüder sie haben verschwinden lassen. Sie hatten nur diese eine Zeugenaussage und keine Beweise, denke ich. Und das Blut ist vom Regen verschwunden.
„Hast du es dir anders überlegt und willst doch hier bleiben? Oder bist du noch nicht verschwunden, weil du Wurzeln geschlagen hast?“
Als die Stimme des Wärters an meine Ohren dringt, drehe ich mich in die entsprechende Richtung und grinse ihn dreckig an. Sein leises Lachen ertönt. Ich kann von Glück sagen, dass er keine Ahnung hat, was mir in den letzten Jahren ebenfalls mehrmals durch den Kopf gegangen ist.
Wahrscheinlich würden sie mich schon deswegen hier behalten.
„Ich bin mir sicher, dass ihr mich vermissen werdet“, stelle ich gelassen fest.
Augenblicklich erstirbt sein Lachen und sein Gesichtsausdruck wird ernst. Er weiß genauso gut wie ich, was ich damit meine.
Ich war der Einzige, der in den letzten Jahren die Insassen im Griff hatte und für Ruhe gesorgt hat.
„Hau ab, und sorge dafür, dass wir dich hier nicht so schnell wiedersehen“, fordert er mich schlecht gelaunt auf.
Während er spricht, verschränkt er die Arme vor seinem stämmigen Körper und nickt in die Richtung des geöffneten Tores.
Mir liegen ein paar Worte auf der Zunge, die ich ihm gerne entgegenschleudern würde. Allerdings weiß ich, wann es besser ist zu schweigen. Und das ist einer dieser wenigen Augenblicke in meinem Leben. Allerdings ändert das nichts daran, dass ich meine Hand hebe und ihm den Mittelfinger zeige.
Seine einzige Reaktion besteht darin, dass er laut lacht und so den Wunsch in mir weckt, ihm die Schnauze einzuhauen.
Aber so ist das Gefängnis. Dort haben die Wärter das letzte Wort, zumindest denken sie das, und wer nicht nach ihrer Pfeife tanzt, hat Pech gehabt. In den letzten Jahren habe ich jedoch bewiesen, dass dies meistens nicht der Fall war.
Ohne einen letzten Blick zurückzuwerfen, setze ich mich in Bewegung und gehe auf den riesigen Parkplatz, der sich auf der anderen Seite des Zaunes befindet. Dabei sehe ich mich kurz um, bis ich schließlich das entdecke, wonach ich Ausschau gehalten habe.
Meine Brüder stehen in einiger Entfernung und haben sich lässig an den schwarzen Durango Express gelehnt, der zu meinem Fuhrpark gehört. Er erinnert mich an das, was ich in den letzten Jahren am meisten vermisst habe. Normalerweise habe ich mich besser im Griff, doch jetzt sorgt die Erinnerung dafür, dass mir ein Stich versetzt wird.
Doch nun habe ich keine Zeit, um mich damit zu beschäftigen. Das muss warten, bis ich mich um einige Dinge gekümmert habe und ich dann endlich Zeit habe, mich darum zu kümmern, ohne abgelenkt zu werden.
Bei dem Anblick von Taylor und Brad werde ich von einer Wut erfasst, die ich bis jetzt nur selten verspürt habe. Diese richtet sich aber nicht gegen sie. Dieser Idiot, der mich an die Bullen verpfiffen hat und wegen dem ich die letzten Jahre in einer kleinen Zelle verbringen musste, hat wirklich gedacht, dass er damit durchkommt. Allerdings weiß ich, dass er bis jetzt keine Chance hatte, damit durchzukommen. Und ich habe auch nicht vor, ihm diese zu geben.
Doch das war nicht das einzige Problem, wegen dem ich mir den Kopf zerbrochen habe.
„Na, wie fühlt man sich, wenn man endlich wieder in Freiheit ist?“, erkundigt sich Brad, nachdem ich vor ihm stehen geblieben bin.
Dabei grinst er mich von einem Ohr bis zum anderen frech an. Ich habe mir bereits gedacht, dass er mich damit aufziehen würde. Doch meine Brüder wären nicht meine Brüder, wenn sie nichts von sich geben würden.
„Ich hätte da einen Vorschlag für dich. Bau scheiße und lass dich einsperren. Dann wirst du es herausfinden“, kontere ich.
Das heisere Lachen meines Bruders erfüllt die Ruhe des Parkplatzes, die um uns herum herrscht. Prüfend schaue ich ihn an.
Brad ist ungefähr einen Kopf kleiner als ich, was ihn aber nicht ungefährlicher macht. Sein Körper ist genauso durchtrainiert und bereit zu töten, wenn es darauf ankommt, wie meiner. Dieser Mann ist ein Killer, der keine Angst hat, sich die Hände dreckig zu machen.
Auch Taylor ist nicht anders. Er ist derjenige von uns, der nicht ganz soviel Interesse an den Geschäften unserer Familie hat, aber trotzdem kann ich mich jederzeit auf ihn verlassen. Wenn es hart auf hart kommt, geht er über Leichen um sich und die Leute zu schützen, die zu seiner Familie gehören.
„Es hätte nicht viel gefehlt und er wäre bei dir gelandet“, erklärt nun Taylor und sieht dabei in meine Richtung.
Überrascht sehe ich ihn an, bevor ich mich in die Richtung von Brad drehe.
„Was meint er damit?“, frage ich ihn und deute dabei mit dem Kopf auf Taylor.
Meine Stimme ist ruhig und gefasst. Doch jeder der mich kennt weiß, dass es in mir ganz anders aussieht.
„Er malt den Teufel an die Wand. Du kennst ihn doch.“
Skeptisch schaue ich ihn an, doch Brad grinst nur weiter.
„Sag es mir schon“, fordere ich ihn auf. Dabei lasse ich keinen Zweifel daran, dass ich es wissen will. Wenn er irgendeinen Mist gebaut hat, muss ich es wissen. Sollte es darauf ankommen, möchte ich nicht überrascht sein, sondern wissen, womit wir es zu tun haben.
„Ich bin anscheinend über mehrere rote Ampeln gefahren und habe die Geschwindigkeitsbegrenzung überschritten, mehrmals“, antwortet Brad schließlich doch und zuckt mit den Schultern, als wäre das nichts.
Seufzend fahre ich mir über den Nacken.
Dieser Mann ist eine Naturgewalt, die sich das nimmt und das macht, was sie will. Ihn kann man nur schwer unter Kontrolle bekommen und auch behalten kann. Das war schon immer so und es wird sich auch bestimmt nicht mehr ändern.
In diesem Punkt bin ich mir sicher.
Und normalerweise würde ich Brad sofort recht geben, eigentlich ist es keine große Sache. In diesem Moment sieht das aber ganz anders aus. Und eigentlich müsste er das auch wissen.
„Wir können es uns nicht leisten, dass du auch noch in den Bau musst. Hat Dad dir das nicht klargemacht?“, frage ich ihn streng und lasse ihn dabei keine Sekunde aus den Augen. „Es reicht schon, dass ich so lange weg war. Du weißt, dass wir nur stark sind, wenn wir alle an einem Strang ziehen. Manchmal gehört es dazu, dass man sich an die Gesetze hält.“
„Ja, Papa.“
An dem Ton, den Brad angeschlagen hat, kann ich erkennen, dass er diese Unterhaltung in der letzten Zeit wahrscheinlich öfters geführt hat.
Dennoch muss ich es ihm noch einmal sagen. Brad gerät sonst wahrscheinlich völlig außer Kontrolle und das ist das Letzte, was ich in der nächsten Zeit gebrauchen kann.
Im richtigen Augenblick werde ich ihn aber das machen lassen, was er will. Und das wissen alle. Doch jetzt habe ich andere Dinge im Kopf, sodass ich mir nicht auch noch darüber Gedanken machen kann.
„Und was hast du in der letzten Zeit getrieben?“, wende ich mich an Taylor, nachdem ich Brad noch einen warnenden Blick zugeworfen habe.
„Unser Musterjunge hat das Zeug, um Jahrgangsbester zu werden“, platzt es aus Brad heraus.
„Wirklich?“
Taylor war schon immer jemand gewesen, der mehr aus seinem Leben machen wollte, beziehungsweise etwas anderes. Das war schon so, als er noch in die Grundschule ging. Trotzdem hätte ich nie gedacht, dass mein Bruder seinen Weg so eisern verfolgt. Doch ich freue mich darüber.
Taylor nickt nur, ohne ein Wort darüber zu verlieren und schaut Brad kurz eisig an. Dann dreht er uns den Rücken zu, öffnet die Tür des Wagens und setzt sich auf den Beifahrersitz.
Ich kenne diese Gespräche zwischen den beiden. In gewisser Weise sind sie wie kleine Kinder, die man ständig voneinander trennen muss, damit sie sich nicht streiten und Ruhe herrscht. Wenn es aber darauf ankommt, sind die beiden ein unschlagbares Team. Dennoch habe ich gehofft, dass sich ihr Verhalten in den letzten Jahren wenigstens etwas geändert hat, natürlich zum positiven. Doch nun muss ich feststellen, dass Wünsche manchmal wirklich nur Wünsche bleiben und sich manche Dinge nicht ändern.
In gewisser Weise bin ich aber auch froh darüber. So kommt es mir vor, als hätte ich nicht sehr viel verpasst. Als wäre ich nicht so lange weg gewesen, wie ich es eigentlich war.
„Und was hast du jetzt vor?“, zieht Taylor mich aus meinen Gedanken, nachdem er mich eine Weile stumm betrachtet hat.
„Ich werde mich für die letzten Jahre rächen. Das hier werde ich nicht aus mir sitzen lassen“, knurre ich. „Wer auch immer dahinter steckt, er wird dafür bezahlen.“
Mein Bruder nickt und zeigt mir so, dass er mich versteht. An meiner Stelle würde es ihm nicht anders gehen, das weiß ich. Und genauso weiß ich, dass ich mich auf die beiden verlassen kann.
„Na los“, fordere ich ihn auf und setze mich hinter das Lenkrad.
Ich will keine Zeit verlieren, damit ich mich endlich um das kümmern kann, was für mich an erster Stelle steht!
2
Rachel
Mir ist schlecht.
So schlecht, dass ich am liebsten im Bett bleiben und mich unter meiner Decke verkriechen würde.
Schon den ganzen Tag habe ich ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend, welches ich einfach nicht loswerde. Wundern tut es mich aber nicht.
Mich würde es eher wundern, wenn es nicht so wäre.
In einer Stunde muss ich zum Abendessen bei meinen Eltern sein. Allerdings werde ich nicht alleine dort sein.
Nein, mein Bruder wird auch anwesend sein.
Alleine der Gedanke daran, dass er da sein wird, sorgt dafür, dass sich mein Magen schmerzhaft zusammenzieht und ich mich gerne übergeben würde. Doch es hilft alles nichts. Ich kann das Essen bei meinen Eltern nicht verschieden, oder irgendeine Ausrede vorbringen, warum ich nicht kommen konnte. Ich kann nur hoffen, dass ich ihm irgendwie aus dem Weg gehen kann. Denn leider kann ich den beiden nicht ewig ausweichen, auch wenn es in den letzten Wochen funktioniert hat.
Nur leider habe ich es so nicht geschafft, auch ihm aus dem Weg zu gehen, denke ich zähneknirschend, während ich mich fertig mache.
Als ich mir die Schuhe anziehe, verziehe ich bei jeder Bewegung das Gesicht vor Schmerzen. Es ist jetzt eine Woche her, dass ich mir diese Verletzungen zugezogen habe – keine Ahnung, wie ich es sonst bezeichnen soll. Doch sie schmerzen noch immer, als wäre es erst gestern gewesen. Vor allem der blaue Fleck, der sich auf meiner Hüfte befindet, springt mir jedes Mal sofort ins Auge, wenn ich mich ausziehe und einen Blick in den Spiegel werfe. Er ist riesig und besteht aus so leuchtenden Farben, dass ich froh darüber bin, dass man ihn an dieser Stelle nicht sehen kann.
Seufzend bleibe ich auf meinem Sofa sitzen und warte darauf, dass die Schmerztabletten, die ich vorhin genommen habe, endlich wirken. Auf diese Weise will ich verhindern, dass meine Eltern etwas mitbekommen, da ich mich kaum bewegen kann. Ich wüsste nämlich nicht, wie ich ihnen das erklären sollte.
Nach einigen Minuten stehe ich schließlich auf, greife nach meiner Tasche und den Schlüsseln und verlasse meine Wohnung.
Ich habe es nicht eilig, zu meinen Eltern zu kommen. Daher bin ich über jede rote Ampel froh, die sich auf meinem Weg befindet. Ich fahre sogar einen kleinen Umweg, um noch etwas Zeit zu bekommen. Dennoch kommt es mir so vor, als würde ihr Haus viel zu schnell vor mir erscheinen.
Ich habe mich immer darüber gefreut, hier zu sein. In den letzten Jahren ist diese Freude allerdings immer mehr verschwunden und ich bin ihnen aus dem Weg gegangen.
Einen Moment bleibe ich noch in meinem Wagen sitzen und betrachte es. Ich habe eine wunderbare Kindheit hier verbracht. Damals war noch alles in Ordnung und es gibt Zeiten da wünsche ich mir, dass es noch immer so ist.
Während ich versuche mich wieder ein wenig zu beruhigen, überlege ich mir schon eine Ausrede, wieso ich nicht lange bleiben kann. Auf diese Weise will ich verhindern, dass mein Bruder doch noch die Chance dazu bekommt, mit mir zu reden. Auf ein Gespräch mit ihm kann ich nämlich sehr gut verzichten.
Ein letztes Mal atme ich tief durch, ehe ich mich endlich dazu aufraffe, das Auto zu verlassen. Als ich durch den Vorgarten auf die Haustür zugehe, höre ich noch einmal in mich herein. Dabei stelle ich fest, dass die Tabletten endlich wirken und ich mich wieder so bewegen kann, als wäre nichts geschehen.
Und darüber bin ich froh. So muss ich mir keine Geschichte einfallen lassen. Ich will nicht, dass sie die Wahrheit erfahren.
Das dürfen sie niemals erfahren!
„Mein Kind“, begrüßt mich meine Mutter mit guter Laune und kommt mit großen Schritten auf mich zu, nachdem ich das Haus betreten habe.
In der nächsten Sekunde zieht sie mich für eine feste Umarmung an sich heran.
„Dich habe ich ja schon ewig nicht mehr zu Gesicht bekommen“, erklärt sie und sieht mich prüfend von oben bis unten an. Nichts entgeht ihr, daher versuche ich so gelassen wie möglich auf sie zu wirken. „Was hast du alles in der letzten Zeit gemacht? Du warst ja ganz schön beschäftigt.“
„Sie führt ihr eigenes Leben“, ertönt in der nächsten Sekunde die Stimme meines Vaters, bevor ich ihr antworten kann. „Da ist es nun einmal so, dass man nicht mehr soviel Zeit für seine Eltern hat.“
Kurz sehe ich ihn an und versuche herauszufinden, ob er deswegen sauer oder enttäuscht ist. Doch wenn ich ehrlich bin, macht er diesen Eindruck nicht auf mich. Stattdessen zwinkert er mir zu und bringt mich so dazu, das sich leise lache. Wenigstens für einen kurzen Moment kann ich so meine Probleme vergessen.
Nach dem Mist, der in der letzten Zeit geschehen ist, tut es gut. Gerne würde ich mich öfter so frei fühlen, wie es gerade der Fall ist. Doch das ist es nicht. Um genau zu sein, passiert das sogar sehr selten.
„Dein Bruder kommt auch gleich“, verkündet meine Mutter, nachdem sie sich von mir gelöst hat.
Daher bekommt sie nicht mit, dass ich erschrocken zusammenzucke. Mein Herz beginnt zu rasen und erneut wird mir schlecht.
Ich wusste, dass er auch hier sein wird, doch ich kann kein Geheimnis daraus machen, dass ich eigentlich keine Lust habe, ihm über den Weg zu laufen. Ich gebe zu, dass ich mich am liebsten auf der anderen Seite der Welt aufhalten würde.
„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich habe ihm gesagt, dass ich heute keinen Streit zwischen euch will“, erklärt sie als Nächstes. „Ich bin mir also sicher, dass er sich zurückhalten wird.“
Für unsere Familie sieht es so aus, als würden wir uns einfach nicht verstehen und deswegen ständig aneinander geraten. Allerdings haben sie noch nicht einmal an der Oberfläche damit gekratzt. Und darüber bin ich froh, denn unsere Auseinandersetzungen gehen sehr viel tiefer.
Ich habe keine Ahnung, wie sie reagieren würden, wenn sie die Wahrheit wüssten. Doch ich weiß, dass es diese Sache nur noch schwieriger für mich machen würde. Und das ist etwas, worauf ich sehr gut verzichten kann. Je weniger darüber Bescheid wissen, was hier los ist, umso besser ist das für mich.
Dies ist auch der Grund dafür, dass ich seit Jahren den Mund halte und es einfach über mich ergehen lasse.
„Also, was hast du in den letzten Wochen gemacht?“, fragt sie ein zweites Mal und reißt mich so aus meinen Gedanken. Dabei bedeutet sie mir, dass ich ihr folgen soll.
Gemeinsam gehen wir in die Küche, wo ich mich an den gedeckten Tisch sinken lasse. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken, während ich versuche eine geeignete Antwort zu finden. So leicht ist das allerdings nicht, da ich eigentlich nichts gemacht habe.
„Ich hatte auf der Arbeit viel zu tun“, gebe ich schließlich von mir. „Und dann habe ich mich viel mit meinen Freundinnen getroffen.“
Es ist gelogen, doch das muss sie nicht wissen. Die Hauptsache für mich ist, dass sie es mir glaubt.
„Wirklich, ich weiß überhaupt nicht, wieso du dich nicht mit Jason verstehst. Ihr seid beide Arbeitstiere, wie es Opa immer so schön gesagt hätte“, murmelt sie und schüttelt den Kopf. „Manchmal frage ich mich, ob ihr euch überhaupt ein freies Wochenende gönnt. Aber vielleicht ist das auch genau euer Problem.“
„Was meinst du?“ Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich keine Ahnung habe, wovon sie spricht.
„Ihr seid euch einfach zu ähnlich.“
Meine Mutter verzieht das Gesicht, als würde sie darüber nachdenken. Doch ich ziehe es vor, nicht weiter auf diesen Gedanken einzugehen.
„Ich mache meinen Job gerne“, gebe ich nur von mir und zucke mit den Schultern.
Einen Moment sieht sie mich nachdenklich an, bevor sie sich wieder auf das Essen konzentriert. Dennoch habe ich das Gefühl, als würde es da noch etwas geben, was sie zu diesem Thema von sich geben will.
„Und was war bei euch los?“, erkundige ich mich, bevor sie es sich anders überlegt und ihr Schweigen bricht.
Die nächsten Minuten berichtet meine Mutter mir, was in der bei ihr und Dad passiert ist. Allerdings ist es nicht ganz so viel, wie ich von ausgegangen bin. Die meiste Zeit sind die beiden auf der Arbeit beziehungsweise mit dem Ausbau des Dachbodens beschäftigt, aus dem sie eine Art Hobbyraum für die Modellautos meines Vaters machen wollen.
Ich bin so sehr auf die Unterhaltung mit ihr konzentriert, das sich erschrocken zusammenzucke, als ich plötzlich die Stimme meines Bruders dicht hinter mir wahrnehme. Langsam drehe ich mich um und stelle fest, dass er mich keine Sekunde aus den Augen lässt. Dann wendet er sich jedoch von mir ab und begrüßt unsere Mutter, als wäre nichts.
Ich brauche ein paar Sekunden, bis ich mich wieder im Griff habe, doch dann schaffe ich es, mir meinen Ärger nicht anmerken zu lassen.
Während des Essens spüre ich die ganze Zeit seinen Blick auf mir. Mir ist bewusst, dass ihn unsere letzte Unterhaltung nicht gefällt, doch es ist mir egal. An meiner Meinung wird sich nichts ändern. Dieses Mal werde ich standhaft bleiben!
Ich versuche mich auf das Gespräch zu konzentrieren, das um mich herumgeführt werden. Doch ich schaffe es nicht. Dies geht soweit, bis ich nicht einmal mehr in der Lage bin, am Tisch sitzen zu bleiben.
Plötzlich packt der Fluchtinstinkt mich, den ich nicht mehr unter Kontrolle behalten kann.
„Ich bin gleich wieder da“, verkünde ich und stehe so energisch auf, dass der Stuhl mit einem scharfen Ton über die Fliesen rutscht.
Als ich den überraschten Blick meiner Mutter erkenne, merke ich, dass es vielleicht etwas zu energisch war, doch darum kann ich mich jetzt nicht kümmern. Ohne sie ein letztes Mal anzusehen oder noch etwas zu sagen, verlasse ich die Küche und gehe ins Bad. Ich habe nur noch den Wunsch von hier zu verschwinden und soviel Abstand wie möglich zwischen Jason und mich zu bringen. Doch gerade muss ich mich damit begnügen, das Zimmer zu verlassen.
Nachdem ich die Tür des Badezimmers hinter mir abgeschlossen habe, lasse ich mich dagegen sinken.
Einige Sekunden stehe ich dort, habe die Augen geschlossen und versuche mein wild schlagendes Herz wieder unter Kontrolle zu bekommen. Erst dann gehe ich zum Waschbecken und werfe einen Blick in den Spiegel.
Ich bin blass im Gesicht, sodass es mich nicht wundert, dass meine Mutter mich so angesehen hat. Außerdem zittert mein gesamter Körper.
Wahrscheinlich wird sie mir nachher noch einmal sagen, dass ich mal Urlaub machen soll, denke ich.
Und das würde ich gerne, allerdings ist auch das nicht so einfach, wie sie es sich vielleicht denkt.
Da ich nicht ewig im Bad bleiben kann, schiebe ich das schnell wieder zur Seite und sammle mich. Erst als ich mir sicher bin, dass ich nicht jeden Augenblick etwas machen werde, was ich wahrscheinlich bereuen werde, gehe ich wieder hinaus. Doch kaum habe ich die Tür geöffnet, bereue ich es bereits wieder.
Nur wenige Zentimeter von mir entfernt steht mein Bruder und sieht mich von oben bis unten an.
„Du solltest mehr schlafen. Schließlich hast du bald eine wichtige Verabredung“, stellt er dann fest.
Ein hinterhältiges Grinsen hat sich auf seinem Gesicht breit gemacht, während seine Worte langsam bei mir ankommen.
„Ich habe dir schon einmal gesagt, dass ich diesen Termin nicht wahrnehmen werde“, kontere ich entschieden.
Ich lasse keinen Zweifel daran, dass ich es genauso meine, wie ich es gesagt habe. Doch ich erkenne auch, dass er nicht zufrieden mit meiner Antwort ist. Um genau zu sein, spannen sich seine Muskeln an und seine Lippen bilden nur noch eine dünne Linie. Mir ist bewusst, dass er wütend ist und leider weiß ich auch, was nun kommen wird.
Bevor ich die Chance habe, einen Schritt nach hinten zu gehen, umgreift er fest meinen Arm und zieht mich hinter sich her in das Arbeitszimmer unseres Vaters. Nachdem er leise die Tür hinter sich geschlossen hat, baut er sich bedrohlich vor mir auf.
Und dann spüre ich nur noch, wie seine Hand in meinem Gesicht landet.
Der Schlag ist so fest, dass mein Kopf zur Seite fliegt. Sofort gehe ich ein wenig in die Knie und fasse ich mir an die Stelle, an der er mich getroffen hat. Ich spüre das Brennen, welches von ihr ausgeht. Mir schießen die Tränen in die Augen, doch ich halte mich zurück. Ich will ihm nicht diese Macht über mich geben.
„Ich habe eigentlich gedacht, dass wir das schon ausführlich geklärt haben“, brummt er. „Du machst, was ich sage und wann ich es sage. In den letzten Jahren hat es doch auch funktioniert. Ich verstehe nicht, wieso du jetzt so ein Drama deswegen machst. Dieser Mann ist ein sehr einflussreicher Geschäftspartner von mir und er würde gerne meine Schwester kennenlernen. Ich rate dir, diesen Job ordentlich zu erledigen. Es geht für mich um eine Menge Geld.“
„Bitte“, flehe ich ihn an.
Meine Stimme ist brüchig, da ich versuche, die Tränen für mich zu behalten.
Sein heiseres Lachen ertönt und zeigt mir, dass es ihn nicht interessiert. In der nächsten Sekunde greift er nach meinem Kinn und hält es fest, sodass ich ihm nicht ausweichen kann.
Nun läuft mir doch eine einzelne Träne über die Wange bis zu meinem Kinn.
„Ich habe dir bereits beim letzten Mal gesagt, dass es mir egal ist. Es wird Konsequenzen haben, wenn du dich nicht an meine Anweisungen hältst. Und du kannst mir glauben, dass du das nicht erleben willst.“
Einige Sekunden starrt er mich finster an, ehe er mich so ruckartig wieder freigibt, dass ich nach hinten stolpere.
„Und jetzt wirst du nach Hause fahren und dich ins Bett legen. Schließlich will ich mir nicht anhören müssen, dass ich meine Schwester nicht gut behandle. Bei den anderen Mädchen wäre mir das egal. Wenn ich diesen Vorwurf allerdings bezüglich meiner Schwester bekomme, ist das doch etwas anderes.“
Ich kann nicht verhindern, dass ich ihn mit zusammen gekniffenen Augen ansehe.
„Das wirst du früher oder später dir aber anhören müssen“, flüstere ich.
Ich habe keine Ahnung, woher ich den Mut nehme, ihm diese Worte gerade entgegenzuschleudern, doch ich bin froh darüber, dass ich ihn habe.
„Wenn du nicht willst, dass ich dir noch eine scheuere, was ich sofort machen würde, hältst du jetzt den Mund und fährst nach Hause. Und ich hoffe, dass du wieder etwas Farbe im Gesicht hast, wenn du noch ein paar Stunden im Bett verbracht hast. Nicht, dass du krank wirst. Das könnte ich gerade überhaupt nicht gebrauchen.“
Nachdenklich betrachtet er mich.
„Ich muss mich noch von Mom und Dad verabschieden“, erkläre ich ihm.
„Oh nein, die beiden sollen dich so nicht zu Gesicht bekommen. Das würde nur weitere Fragen aufwerfen. Ich werde ihnen einfach sagen, dass es dir nicht gut ging und du deswegen schon gefahren bist.“
Mit diesen Worten macht er Platz, sodass ich das Zimmer wieder verlassen kann. Einerseits bin ich froh darüber, dass er mich bei ihnen entschuldigen wird. Andererseits würde ich ihnen gerne endlich die Wahrheit sagen. Doch ich schaffe es nicht, diese Worte in ihrer Gegenwart auszusprechen.
Als ich endlich in meinem Wagen sitze und mich ein wenig von dem Haus entfernt habe, bleibe ich stehen und lasse meinen Tränen freien Lauf. Meine Wange brennt noch immer und mittlerweile hat sich dort ein roter Fleck gebildet, der nicht zu übersehen ist.
Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr ich meinen Bruder hasse. Seit Jahren zwingt er mich schon dazu, dass ich seinen Geschäftspartnern zur Verfügung stehe und sie alles mit mir machen lasse, was sie wollen.
Würden andere von dieser Geschichte hören, würden sie wahrscheinlich sagen, dass ich einfach zur Polizei gehen soll. Doch ich weiß, was mit den Frauen passiert ist, die genau diesen Schritt gegangen sind.
Man hat sie tot in irgendeiner Gasse aufgefunden!
3
Cody
„Macht euch fertig“, verkünde ich, als ich die Küche betrete.
Das Dienstmädchen, welches für meine Eltern arbeitet, sieht zu mir, wendet jedoch sofort wieder den Blick ab, als ihr bewusst wird, dass mir ihr Blick nicht entgangen ist. Mir ist klar, dass sie scharf auf mich ist. Das war sie schon, bevor ich in den Knast gekommen bin.
Unter normalen Umständen hätte ich sie mir auch in den letzten Jahren einmal vorgenommen und ihren Wunsch erfüllt. Ich hätte sie wissen lassen, dass sie nie mehr als meine Angestellte sein wird. Und sie hätte es genossen.
Doch erst gab es da diese Frau, die ich nicht mehr aus dem Kopf bekommen habe, und dann wurde ich weggesperrt. Und jetzt habe ich wichtigere Dinge zu tun, als mich um sie zu kümmern. Ganz davon abgesehen gibt es da noch immer diese Frau in meinem Leben, auch wenn sie es noch nicht weiß.
„Wo fahren wir hin?“, erkundigt sich Taylor und sieht mich hochgezogenen Augenbrauen an.
„Wir werden Kane einen Besuch abstatten“, erkläre ich mit angespannten Muskeln. „Ich habe so das Gefühl, als wäre es an der Zeit, dass ich ein Wörtchen mit ihm wechsel. Er wird mir sicherlich helfen können“
Noch während ich spreche, macht sich ein breites und gleichzeitig auch teuflisches Grinsen auf meinem Gesicht breit.
Kane ist ein alter Schulfreund von mir. Doch er ist viel mehr als das. Unter anderem führt er ein großes Exportunternehmen und pflegt Kontakte, die sich schon öfter als wertvoll herausgestellt haben. Seine Firma nicht nur dazu, Drogen und Waffen ins Land zu bringen, sondern auch zur Geldwäsche.
Ich gebe zu, dass ich in den letzten Jahren enttäuscht darüber war, dass er mich nicht ein einziges Mal im Gefängnis besucht hat. Von ihm habe ich definitiv mehr erwartet. Doch ich weiß, wieso er es nicht getan hat.
Er geht davon aus, dass ich nicht mehr an der Spitze stehe und nichts mehr zu melden habe, nur weil ich die letzten Jahre hinter dicken Mauern verbracht habe. Zu dieser Annahme kann er jedoch nur gekommen sein, wenn es da irgendwo einen anderen Mann gibt, der diesen Posten für sich beansprucht. In der Vergangenheit habe ich ihm nämlich oft genug klargemacht, dass ich es bin, dass es meine Familie ist, die die Macht haben.
Allerdings haben weder mein Vater, noch meine Brüder etwas in diese Richtung gehört. Ich habe keinen Zweifel daran, dass sie es mir sofort gesagt hätten. Und das kann nur bedeuten, dass derjenige, wer auch immer es ist, sich hinter einer Reihe von Leuten versteckt.
„Er wird überrascht sein, dass du an deinem ersten Tag ausgerechnet ihn besuchst.“ Brad lässt mich keine Sekunde aus den Augen.
„Das will ich doch hoffen. Aber wir sind doch Freunde. Wieso sollte ich ihn da nicht besuchen? Außerdem will ich ihm klarmachen, dass ich noch immer an der Spitze stehe und daran sich auch nichts ändern wird. Er hingegen ist austauschbar. Das sind zwei Punkte, die er eindeutig nicht vergessen sollte.“
Um meine Worte zu unterstreichen, ziehe ich meine Waffe aus dem Hosenbund und entsichere sie. Meine Brüder wissen, dass ich bereit bin, diesen Schritt auch bei Kane zu gehen.
Es ist mir egal, dass wir gemeinsam zur Schule gegangen sind. Und genauso egal ist es mir auch, dass mein Vater und seiner befreundet waren, bevor seiner gestorben ist. Ich lasse nicht zu, dass jemand meint, er könnte meine Position einnehmen.
Sollte Kane mir also in den Rücken fallen, wird er es bereuen.
Kanes Firma befindet sich im Gewerbegebiet in Miami in der Nähe des Hafens. Schon von weitem kann man das riesige Gebäude und den noch viel größeren Platz erkennen, der dazu gehört. Er steht voll mit LKW´s und ein großes Schild auf dem Dach des Hauses weist daraufhin, was sich dort befindet, sodass man es überhaupt nicht übersehen kann, wenn man danach sucht.
Da ich ihm nicht die Gelegenheit geben wollte, sich irgendwelche Ausreden einfallen zu lassen, habe ich ihn nicht angerufen, seitdem ich entlassen wurde. Es wird also wirklich eine Überraschung für ihn. Sicher, er wird sich denken können, dass ich früher oder später bei ihm auf der Matte stehe, um ein paar Antworten zu verlangen. Doch er wird davon ausgehen, dass bis dahin noch einige Tage verstreichen werden, da ich mich wahrscheinlich erst um andere Sachen kümmern will.
Nachdem ich den Wagen vor seinem Büro geparkt habe, steige ich aus und betrete das Gebäude. Ohne seine Sekretärin zu beachten, gehe ich auf seine Bürotür zu. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass sie den Kopf hebt und etwas sagen will. Doch als sie mich erkennt, schließt sie ihren Mund schnell wieder und schweigt, was aber auch besser ist.
Ich habe sie noch nie begrüßt, ich kenne nicht einmal ihren Namen. Ich weiß nur, dass sie von Anfang an schon für Kane gearbeitet hat und dies wahrscheinlich auch noch ein paar Jahre wird. Und ich weiß, dass auch sie schon seit einer Ewigkeit auf der langen Liste der Frauen steht, die scharf auf mich sind. Allerdings gehört sie zu den Weibern, mit denen ich nicht einmal im Traum etwas anfangen würde.
Es liegt nicht daran, dass sie nicht gut aussieht. Das tut sie. Man könnte sie mit ihren langen blonden Haaren und ihren riesigen Brüsten für ein Pornosternchen halten und wenn ich ehrlich bin, habe ich auch schon einmal darüber nachgedacht, ob ich ihr diesen Vorschlag machen soll. Ich habe Kontakte, die ihr helfen und sie erfolgreich machen könnten. Doch ich ziehe es vor, wenn nicht zu viele Leute wissen, was ich mache. Allerdings habe ich mir nie vorgestellt, wie ich das mit ihr mache, was ich nur mit einer Frau mache.
„Ich muss sagen, dass sich in den letzten fünf Jahren hier nichts verändert hat“, begrüße ich Kane, nachdem ich die Tür hinter mir geschlossen habe.
Ich sehe mich in dem geräumigen Zimmer um, in welchem er sich eingerichtet hat. Die Einrichtung besteht nur aus den Farben schwarz und weiß. Alles sieht sehr elegant aus und erweckt in einem den Eindruck, als würde man nicht in dem Büro einer Spedition stehen.
Erschrocken sieht er von seinem Laptop auf, als er mich hört. Auf den ersten Blick erkenne ich, dass er überrascht ist und eigentlich nicht so genau weiß, wie er sich verhalten soll. Dies zeigt mir, dass er tatsächlich nicht gedacht hat, dass ich jetzt schon hier auftauche. Und das wiederum sorgt dafür, dass ich mir die Frage stelle, was er erwartet hat, wann ich hier auftauche.
Langsam nähere ich mich ihm. Dabei lasse ich ihn keine Sekunde aus den Augen. Er war schon ein paar Mal mit mir unterwegs, sodass er genau weiß, dass ich ein Ziel habe, welches ich auch erreichen werde.
„Cody“, stellt er nüchtern fest.
„Wir haben uns schon ewig nicht mehr gesehen“, stelle ich fest und lasse mich in den Stuhl sinken, der seinem gegenüber steht.
„Ich hatte einiges zu tun.“
Sein aufmerksamer Blick ruht auf mir. Er versucht herauszufinden, wieso ich hier bin. Und ich gebe zu, dass ich dieses Spielchen genieße. Doch genauso bin ich mir darüber bewusst, dass er einen Verdacht hat.
„Das habe ich gemerkt“, kontere ich nur.
Einige Sekunden betrachtet er mich abwartend. Mir ist bewusst, dass er darauf wartet, dass ich noch mehr von mir gebe. Stattdessen lasse ich ihn ein wenig zappeln. Dabei kann ich erkennen, dass er immer unruhiger wird.
„Ich dachte mir, dass wir vielleicht über ein paar Dinge sprechen sollten“, stelle ich schließlich fest. „Ich gehe davon aus, dass es einen Grund dafür gibt, dass du dich nicht ein einziges Mal im Gefängnis hast blicken lassen. Eigentlich sollte ich traurig darüber sein. Wir sind doch Freunde. Müsste ich raten, würde ich sagen, dass dieser Grund nicht deine Arbeit war.“
Ich lehne mich ein Stück nach vorne und stütze mich auf meinen Oberschenkeln ab.
Während ich spreche, lasse ich ihn keine Sekunde aus den Augen. Daher bekomme ich jede Reaktion auf meine Worte genau mit. Er zuckt zusammen und scheint sich innerlich zu winden. Doch darüber freue ich mich. Es ist genau das, was ich beabsichtigt habe. So zeigt er mir, dass er irgendetwas weiß.
„Wer ist er?“, frage ich geradeheraus.
„Wen meinst du?“
An seiner angespannten Körperhaltung erkenne ich, dass er genau weiß, wovon ich spreche. Dennoch versucht er es weiterzutreiben und so zu tun, als hätte er keine Ahnung.
„Wir können uns jetzt eine Ewigkeit über dieses Thema unterhalten“, stelle ich seelenruhig fest. „Oder du sagst mir einfach, was ich wissen will, ich verschwinde wieder und du kannst deine Geschäfte weiterführen.“
Ich lasse keinen Zweifel daran, dass ich es genauso meine, wie ich es gesagt habe. Sein Blick ist abschätzend, doch das habe ich nicht anders erwartet. Er versucht herauszufinden, wie weit ich gehen werde, um an die Informationen zu kommen, die ich von ihm haben will. Allerdings sorgt er so eher dafür, dass mir der eh schon dünne Geduldsfaden reißt.
„Irgendwo gibt es da anscheinend einen Mann, der die Meinung vertritt, dass er mir meinen Posten abnehmen kann. Er glaubt anscheinend, dass er mich ein paar Jahre wegsperrt und dafür nun an der Macht steht. Dabei befinde ich mich noch immer an der Spitze und ich habe auch nicht vor, von dort zu verschwinden. Hättest du mich in den letzten Jahren einmal gesehen, wüsstest du das.“
Ich lasse ihn nicht eine Sekunde in Ruhe. Ich will einen Namen wissen, damit ich mich um diese Angelegenheit kümmern kann.
„Du weißt es und ich weiß es. Scheiße, jeder, der dich kennt, weiß es“, gibt Kane schließlich von sich. Dabei hat er den Kiefer angespannt und gibt mir so zu verstehen, dass er nicht glücklich darüber ist. „Ja, da gibt es einen Mann, der in den letzten Jahren versucht hat, dir genau diese Position streitig zu machen. Allerdings kenne ich keinen Namen, dabei habe ich versucht, ihn in Erfahrung zu bringen.“
Nachdenklich sehe ich ihn an. Ich glaube ihm, er hat keinen Grund mich anzulügen.
„Gut“, gebe ich schließlich von mir und lasse mich wieder nach hinten sinken. „Wir werden jetzt folgendes machen.“
Ich sehe ihm an, dass er sich nicht wohl in seiner Haut fühlt. Auch wenn wir schon seit Jahren Freunde sind, weiß er, zu was ich in der Lage bin. Und ja, auch vor ihm würde ich nicht Halt machen. Denn meine Familie steht über meinen Freunden. Und daran wird sich auch nichts ändern.
„Du wirst deine Bemühungen, herauszufinden, wer es ist, noch verstärken. Wenn es jemanden gibt, der es herausbekommen kann, bist du es“, knurre ich.
Ich dulde keinen Widerspruch und das weiß er auch. Aus diesem Grund sieht er auch nicht sehr glücklich aus, nachdem ich ausgesprochen habe.
„Du weißt, dass das nicht einfach ist“, gibt er zu bedenken.
„Das ist mir egal. Irgendjemand versucht, meinen Standpunkt anzufechten, wenn du es so nennen willst. Du wirst sicherlich verstehen, dass ich mich gerne einmal persönlich mit ihm unterhalten würde.“
Ich lege eine kleine Pause ein, während ich ihn nicht aus den Augen lasse.
„Das ist deine Gelegenheit zu zeigen, auf welcher Seite du stehst. Denn entweder bist du für mich oder gegen mich. Solltest du allerdings gegen mich sein, wird das nicht gut für dich enden.“
Mit diesen Worten stehe ich auf und ziehe meine Waffe aus dem Hosenbund. Langsam lege ich sie zwischen uns auf dem Schreibtisch ab. So gebe ich ihm zu verstehen, dass ich mich nicht zurückhalten werde.
Kane bekommt große Augen, ehe er mich wieder ansieht.
„Ich werde es versuchen“, stellt er schließlich fest. Dabei höre ich jedoch die Angst, die von ihm ausgeht und weiß, dass ich ihn da habe, wo er sein soll.
„Das wollte ich hören. Ruf mich an, wenn du etwas erfahren hast“, gebe ich von mir.
Kaum habe ich ausgesprochen, stecke ich die Waffe wieder weg und verlasse sein Büro.
Ich habe keine Ahnung, ob ich mich wirklich darauf verlassen kann, dass er mir helfen wird. Es besteht durchaus die Chance, dass er nun zu diesem Typen gehen wird, um ihn zu warnen. Doch ich muss dieses Risiko eingehen. Dennoch werde ich Kane im Auge behalten. Denn nur so kann ich sichergehen, dass er auch macht, was ich ihm aufgetragen habe.
Und vor allem muss ich sichergehen, dass er mir dann auch sagt, wer er ist.
Sollte er es nicht machen, wird er dafür bezahlen.
4
Rachel
Als ich am nächsten Tag von der Arbeit nach Hause gehe, fühle ich mich einfach nur beschissen. Ich habe Magenschmerzen und komme mir vor, als hätte ich eine Grippe. Und das ist noch untertrieben.
In der letzten Nacht habe ich kaum geschlafen. Ich habe mich von einer Seite auf die andere gedreht und versucht einen Ausweg zu finden. Doch die Wahrheit sieht so aus, dass es keinen gibt. Auf jeden Fall keinen, den ich nicht mit meinem Leben bezahlen würde.
Irgendwann habe ich den Versuch aufgegeben und stattdessen gehofft, dass dieses Treffen schnell vorbeigeht.
Heute ist der Abend, dem ich nicht entkommen kann. Und leider ist mir das durchaus bewusst. Heute muss ich mich mit dem Geschäftspartner meines Bruders treffen, um ihm ein paar schöne Stunden zu bereiten!
Alleine bei dem Gedanken daran wird mir schlecht. Mein Magen dreht sich um und es wird auch nicht besser, wenn ich mir vor Augen halte, dass es nicht ewig dauern wird. Denn ich weiß, dass er bereits den nächsten Mann für mich hat. Er hat es zwar noch nicht gesagt, aber ich stecke mittlerweile lange genug in dieser Geschichte, um es zu wissen.
„Scheiße“, fluche ich ein wenig zu laut, sodass ein paar der Leute, die sich um mich herum befinden, sich zu mir umdrehen.
Kurz werfe ich ihnen einen entschuldigenden Blick zu, bevor ich weiter gehe. Dabei versuche ich meine Umwelt so gut es geht auszublenden.
Doch es dauert nur wenige Sekunden, bis ich erneut ruckartig stehen bleibe. Dieses Mal jedoch aus einem anderen Grund.
Einige Sekunden starre ich auf die Stelle, die sich nur wenige Meter von mir entfernt befindet. Für einen kurzen Moment kommt es mir so vor, als würde ich träumen. Doch ich weiß, dass es nicht so ist.
Ich entdecke den Mann, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Ich habe oft an ihn gedacht, das gebe ich zu. Und mindestens genauso oft habe ich mir gewünscht, dass er bei mir ist. Allerdings habe ich nicht damit gerechnet, dass ich ihn noch einmal wiedersehe.
Cody unterhält sich mit seinem Bruder Taylor. Da ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll, bleibe ich kurz stehen und beobachte sie.
Ich muss zugeben, dass er noch immer heiß ist. Das war er früher schon und das Gefängnis, in dem er die letzten Jahre verbracht hat, hat nichts daran geändert.
Ich weiß nicht, wieso er dort war. Ein paar Mal habe ich seine Brüder danach gefragt, wenn sie mir über den Weg gelaufen sind. Allerdings haben sie kein Wort darüber verloren. Sie haben nicht einmal irgendwelche Andeutungen gemacht, was mich frustriert hat.
Aber vielleicht ist es auch besser, dass ich es nie erfahren habe.
Für einen kurzen Moment frage ich mich, ob ich mich nicht einfach umdrehen und einen Umweg gehen soll. Dies würde bedeuten, dass ich es noch länger dauert, bis ich endlich in meiner Wohnung bin und die Tür hinter mir schließen kann. Dabei habe ich es überhaupt nicht eilig, dort zu sein. Gerade kommt es mir so vor, als wäre meine Wohnung nur eine Zwischenstation.
Allerdings beschließe ich, dass es kindisch und total bescheuert wäre.
Doch das ändert nichts daran, dass ich Angst habe. Es ist eine Weile her, dass ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Und da haben wir uns nicht im Guten getrennt. Wir hatten uns gestritten, weil er mir nicht sagen wollte, was in seinem Leben los ist. Er hat immer wieder betont, dass ich ein Teil seines Lebens bin. Allerdings hat er mich nie so behandelt und das wollte ich an diesem Abend ändern.
Bis zu diesem Moment war ich davon ausgegangen, dass er mir vertraut. Diese Unterhaltung hatte mir jedoch das Gegenteil gezeigt. Mir wurde klar, dass er mir nicht vertraut. Und ehrlich gesagt habe ich mich sogar gefragt, ob er das jemals hat.
Daher habe ich nun Angst davor, was passiert, wenn er mich bemerkt.
Bevor ich eine Lösung für mein Problem, falls man es so nennen will, finden kann, dreht er sich in meine Richtung und setzt sich in Bewegung. Doch es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, bis er auf mich aufmerksam wird. Ein wenig kommt es mir so vor, als würde er genau wissen, dass ich hier stehe, was aber nicht sein kann.
Seine Augen sind direkt auf mich gerichtet und ein sanftes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht.
Es kommt mir so vor, als würden wir hier alleine stehen. Schnell rufe ich mir in Erinnerung, dass wir umgeben sich von Menschen und seinem Bruder, doch auch das bringt nichts. Er hat mich sofort in seinen Bann gezogen und ich schaffe es nicht, mich daraus zu befreien.
Einige Sekunden vergehen noch, bis er auf mich zukommt.
Mein Herz rast wie verrückt, während ich nach einem Ausweg suche. Schon damals hat er mir diese Reaktion entlockt. Ihm konnte ich noch nie entkommen.
Erneut gehe ich unsere letzte Unterhaltung durch, doch auch das hilft mir jetzt nicht.
Dicht vor mir, sodass uns nur noch wenige Zentimeter trennen, bleibt er schließlich stehen, beugt sich nach unten und küsst mich sanft auf die Wange. Automatisch schließe ich die Augen, so sehr genieße ich die Berührung. Mir ist bewusst, dass es falsch ist, doch ich kann es auch nicht verhindern.
Bis jetzt bin ich davon ausgegangen, dass ich das nie wieder spüren werde. Umso mehr zieht es mich nun aus meiner Bahn.
Als er sich von mir löst, öffne ich sie wieder und sehe direkt in seine. Ich erkenne den aufmerksamen Blick, mit dem er mich betrachtet. Es ist der gleiche Blick, mit dem er mich damals schon immer angesehen hat. Daher weiß ich, dass ihm nichts entgeht.
Für einen Moment ist es so, als hätte sich nichts zwischen uns geändert. Als hätte es diese fünf Jahre und diesen Streit nicht gegeben. Ich spüre noch immer diese Verbindung zwischen uns, die es auch damals schon zwischen uns gab. Doch darauf kann ich mich jetzt nicht konzentrieren.
Seine Blicke bleiben an den Prellungen hängen, die sich an meinen Armen befinden. Da ich ein Shirt trage, sind sie nicht zu übersehen. Da meine Kollegen denken, dass ich ein Trampel bin, fragen sie schon gar nicht mehr. Allerdings bin ich mir sicher, dass es bei ihm nicht so ablaufen wird.
Langsam hebt er seine Hände und streicht vorsichtig darüber, sodass sich eine Gänsehaut auf meinem Körper bildet.
Schon damals konnte ich meine wahren Gefühle nicht vor ihm verheimlichen. Von der ersten Sekunde an war ich ein offenes Buch für ihn. Schon damals wusste er, wenn etwas nicht mit mir stimmt. Und in diesem Moment weiß ich, dass sich nichts daran geändert hat.
Ich kann mich nicht vor ihm verstecken.
„Wie ich sehe, bist du wieder auf freiem Fuß“, stelle ich also fest. In mir macht sich die Hoffnung breit, dass ich so dafür sorgen kann, dass er sich nicht weiter damit beschäftigt.
„Wer war das?“, fragt er und zeigt mir so, dass ich gar nicht erst versuchen muss, ihn abzulenken.
Langsam senke ich meine Augen und begutachte die Stellen ebenfalls, über die er streicht. In diesem Moment bin ich froh, dass er nur das sieht, was ich nicht unter Kleidung verborgen habe. Und das reicht anscheinend schon aus, dass er wütend wird.
Ich sehe, wie sich seine Muskeln anspannen. Ich schlucke und versuche so den Kloß aus meinem Hals zu entfernen, der sich dort gebildet hat. Das gelingt mir jedoch nicht.
„Du weißt, dass ich schnell blaue Flecke bekomme“, gebe ich nur von mir.
Dies war damals schon meine Ausrede, wenn mein Bruder wieder zugeschlagen hat. Und das ist leider öfter passiert, als es gut für mich war. Er hat mich zwar noch nicht dazu gezwungen den Job zu machen, den ich jetzt mache. Auf mich abgesehen hatte er es aber schon.
„Rachel, wer war das?“
Seine Stimme ist nicht mehr, als ein Knurren. Ich spüre die Wut, die von ihm ausgeht. Allerdings habe ich keine Angst vor ihm. Mein Verstand sagt mir, dass er mir nie etwas antun würde. Ich habe ihm schon damals vertraut und das tue ich auch jetzt noch. Dabei ist es egal, was zwischen uns vorgefallen ist.
Doch ich kann es ihm nicht sagen.
Ich habe nämlich keine Ahnung, was geschehen wird, sobald er die Wahrheit weiß. Und genauso wie ich meine Eltern nicht mit in diese Geschichte ziehen will, will ich es auch bei ihm nicht.
„Es war schön, dich zu sehen. Aber ich muss jetzt los. Ich habe noch einen Termin, zu dem ich nicht zu spät kommen kann“, entgegne ich und sehe ihn dabei wieder an. Doch das hat nur zur Folge, dass es mir schwerfällt, diese Worte auch auszusprechen.
Am liebsten würde ich mich an ihn lehnen und diesen ganzen Mist vergessen, der mein Leben bestimmt. Doch ich kann es nicht. Ich kann es mir nicht leisten, Schwäche zu zeigen.
Bevor ich an ihm vorbeigehen kann, greift er nach meinem Handgelenk und hindert mich so daran. Sein Blick ist durchdringend und lässt mich atemlos zurück. So hat er mir schon damals gezeigt, was er für mich empfindet.
Die Vorstellung, dass es auch jetzt noch so ist, ist etwas, was ein warmes Gefühl in mir hervorruft. Doch schnell schiebe ich es wieder zur Seite. Es hilft mir hier jetzt nicht weiter.
Ein letztes Mal lächle ich ihn an, bevor ich verschwinde. Ich weiß, dass er mir nachsieht, bis ich in der Menschenmenge untergegangen bin. Und ich weiß nicht, ob ich froh darüber sein soll, oder nicht.
Cody war damals mein Fels. Wenn wir zusammen waren, konnte ich alles vergessen und habe mich nur noch auf ihn konzentriert. Ich habe nicht mehr an meinen Bruder gedacht. Ich konnte mich fallen lassen und ich selber sein.
In den letzten Minuten habe ich geschafft, es zu verdrängen. Doch kaum habe ich die Wohnungstür hinter mir geschlossen, suchen sich die Tränen einen Weg und laufen mir ungehindert über die Wange. Es ist egal, wie sehr ich es versuche, ich schaffe es einfach nicht, mich zu beruhigen.
Vor meinem inneren Auge habe ich wieder Bilder von der gemeinsamen Zeit mit Cody. Gerne hätte ich ihm damals gesagt, was in meinem Leben los war. Außerdem wüsste ich auch nicht, was er dagegen unternehmen sollte.
Gerade wünsche ich mir, dass er niemals verhaftet worden wäre. Ich will wieder zu unserem damaligen Leben zurück. Denn so verrückt es auch klingt, es war immer noch besser als das, was in den letzten Jahren alles geschehen ist.
Für einen Moment überlege ich mir, ob ich mich in meiner Wohnung einschließen soll. Ich könnte nie wieder rausgehen. Doch mir ist bewusst, dass das mein Problem nicht lösen wird, auch wenn ich keine andere Lösung habe.
Dennoch stehe ich schließlich wieder auf, straffe meine Schultern und mache mich fertig. Dabei hoffe ich, dass ich diesen Abend schnell und vor allem ohne größere Schäden hinter mich bringen kann. Und vor allem hoffe ich, dass ich diesen Mann danach nie wieder sehen muss.
Als ich zwei Stunden später bei dem vereinbarten Treffpunkt ankomme, zittere ich am ganzen Körper. Nach all diesen Jahren, in denen ich das jetzt schon mache, weiß ich sehr gut, was mich erwartet. Und das sorgt dafür, dass ich noch mehr zittere. Dabei sollte man eigentlich meinen, dass ich mir mittlerweile ein dickes Fell zugelegt habe.
„Ahhh, ich glaube, wir sind verabredet“, ertönt eine tiefe Stimme hinter mir, die mir sofort einen Schauder über den Rücken jagt.
Ich war so tief in meine Gedanken versunken, dass ich nicht gemerkt habe, wie sich mir jemand genähert hat, sodass ich nun erschrocken zusammenzucke. Schnell drehe ich mich herum und sehe, dass ein Mann vor mir steht, der mich mit einem schmierigen Grinsen auf den Lippen genau betrachtet.
Er ist groß und breit gebaut. Schon alleine seine Statur macht mir klar, dass er eindeutig stärker ist als ich. Sein Anzug ist zwar elegant und war sicherlich nicht billig, allerdings sagt mir mein Gefühl, dass er Dreck am Stecken hat.
Erneut wird mir schlecht, sodass ich froh darüber bin, dass ich heute noch nichts gegessen habe. Sonst würde sich mir jetzt wahrscheinlich der Magen umdrehen.
Mein Blick senkt sich, da ich nicht so genau wissen will, wie er mich betrachtet. In der Welt dieser Männer sind Frauen nur Fleisch. Ich habe auf die harte Tour lernen müssen, dass solche Männer sich das nehmen, was sie wollen. Und wenn man es ihnen nicht gibt, nimmt das kein schönes Ende.
„Sieh mich an“, fordert er mich auf.
Doch mein Blick bleibt stur auf den Boden gerichtet. Ich habe gelernt, dass ich diese Treffen seelisch nur überleben kann, wenn ich mich abgrenze. Und so gelingt mir das am besten.
„Ich habe gesagt, dass du mich ansehen sollst.“
Kaum hat er ausgesprochen, greift er nach meinem Kinn und hebt meinen Kopf brutal ein Stück nach oben.
„Du machst, was ich sage, wenn ich es sage. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
Noch bevor ich irgendwie darauf reagieren kann, schlägt er mir mit der flachen Hand ins Gesicht. Er legt so eine Brutalität an den Tag, dass nicht nur mein Kopf zur Seite fliegt, sondern mein gesamter Körper. Ein scharfer Schmerz schießt durch meinen Körper, als ich auf dem Boden lande.
In der nächsten Sekunde zieht er mich auf die Beine und zieht mich zu seinem Wagen. All das geht so schnell, dass ich hinter ihm her stolpere.
Er setzt mich nicht auf den Beifahrersitz, sondern befördert mich auf die Rückbank, wo er sich zu mir setzt.
„Dann zeig mir doch mal, was du alles kannst.“
Mit diesen Worten öffnet er seine Hose und holt seinen bereits steifen Penis heraus.
Einen Moment betrachte ich ihn. Ich weiß, dass es gerade nur diesen einen Weg gibt, um wieder von hier zu verschwinden. Daher ergebe ich mich meinem Schicksal.
Langsam senke ich meinen Oberkörper und nehme seinen Schwanz in meinen Mund. Ich beginne ihn zu bearbeiten und mir dabei nicht anmerken zu lassen, wie sehr ich mich davor ekel.
Hart stößt er immer wieder in meinen Mund, sodass es nicht lange dauert, bis ich Tränen in den Augen habe. Doch ich weine nicht.
Es ist egal, wie billig und schmutzig ich mir in diesem Moment vorkomme, ich zeige ihm nicht, wie ich mich fühle. Ich bin mir sicher, dass es eh nichts bringen würde.
Er würde mir nur sagen, das sich damit aufhören soll, denke ich und mache weiter.
Es erscheint mir so, als würde es eine Ewigkeit dauern, bis er sich endlich anspannt und sich in mir ergießt. Langsam hebe ich meinen Kopf und sehe ihn an.
Ich erkenne die Kälte in seinen Augen und weiß, dass dieser Mann das komplette Gegenteil von Cody ist. Dieser hat mich nie so angesehen. Er hat mich von Anfang an mit Respekt behandelt. Und es war egal, wie sehr ich im Hintergrund war, ich wusste, dass ich mich immer auf ihn verlassen kann.
Die Erinnerung an ihn sorgt dafür, das sich nun doch weine. Schnell wische ich sie mir jedoch weg.
„Dein Bruder hat mir versprochen, dass du nicht so eine Heulsuse bist, wie die anderen. Ich würde mal behaupten, dass er seine Schwester nicht sehr gut kennt. Geh mir aus den Augen“, fährt er mich ungehalten an.
Einen Moment sehe ich ihn nachdenklich an, ehe ich nicke und dann sein Auto verlasse. Dabei taste ich in meinem Gesicht nach der Wunde, die ich dort dank meines Sturzes vorhin habe.
Ich spüre ein wenig Blut unter meinen Fingern und seufze, da ich weiß, was das für mich bedeutet. Die nächsten Tage werde ich tatsächlich das Haus nicht verlassen.
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