Читать книгу: «Das Bild der Zeit»
Ruprecht Günther
DAS BILD DER ZEIT
Roman
adakia Verlag UG (haftungsbeschränkt)
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Gesamtherstellung: adakia Verlag, Gera
1. Auflage, März 2015
ISBN 978-3-941935-19-8 (Print)
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
ISBN 978-3-941935-31-0 (ePub)
ISBN 978-3-941935-32-7 (Mobi)
ISBN 978-3-941935-33-4 (PDF)
Für Neném

Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Zitat
Prolog
1. Friedrichshain
2. Kamila
3. Atelier
4. Der Leib der Erde
5. Karl-Heinz
Montag
6. Die erste Begegnung
7. Kamila
Dienstag
8. Erwachen
9. Entscheidung
10. Kamila
11. Atelier
12. Büro
13. Fremde Nähe
14. Kamila
15. Umschwung
16. Sertão
Mittwoch
17. Sigi
18. Joana
19. Kamila
20. Sigi
21. Karl-Heinz
22. Der Landstreicher
23. GGK
24. Kamila
25. Freundinnen
Donnerstag
26. Das Fest
27. Der Anfang vom Ende
28. Maria Mulambo
29. Sertão
Freitag
30. Die Aufgabe
31. Sigi
32. Susi
33. Karl-Heinz
34. Kamila
35. Im Park
36. Atelier
37. Auf der Jagd
38. Friedhof
39. Joana
40. Gejagte
41. Im Keler
42. Unter der Erde
43. Der Doktor
44. Das Bild
45. An einem Strang
46. Der dritte Versuch
47. Joana
48. Sigi
49. Joana
50. Das Ende
Epilog
Eines Schattens Traum
ist der Mensch.
Pindar
Prolog
Auf einmal war es so, als berge selbst das Licht ein Geheimnis. Ein schräger Sonnenstrahl tastete sich über die Stufen hinab und zeichnete schnurgerade Bahnen aus glitzerndem Staub. Die zerbrochenen, vor Schmutz starrenden Scheiben glühten auf wie flüssiges Feuer. Selbst die Spinnweben stapelten hoch und wirkten für Augenblicke, als seien sie aus Gold gewebt. Der Abenddunst verspann sich zu einem transparenten Pulver, das alles, worauf es sich legte, verwandelte in etwas höher Geordnetes und Edles:
Der rostige alte VW-Bus war plötzlich ein Gefäß für Zauberformeln und magische Utensilien; die Blätter des rachitischen Buschs vor der Kellertür dienten in Wahrheit zur Zubereitung eines kostbaren Aphrodisiakums; der Schimmel an der bröckelnden Hauswand war ein Pilz, der je nach Dosierung töten mochte oder einen Adepten einführen in uralte und geheimnisvolle Riten.
Die hintere Klappe des Busses war geöffnet. Dahinter stapelten sich in wilder Unordnung Masken, diverse Kleider und Perücken, eine Glaskugel und mystisch anmutende Figuren. Ein dürrer dunkelhäutiger Mann, dem sein erschrockener Ausdruck auf dem Gesicht festgeschrieben schien, griff mit spitzen Fingern nach einer rot-schwarzen Statuette und ließ sie um ein Haar fallen.
»Pass doch auf, du Idiot«, zischte sein Mentor Valtinho, ein hochgewachsener, gut gebauter Schwarzer mit kurz geschnittenen Haaren. »Oder willst du, dass dich Exu auf der Stelle in die Hölle nimmt?«
Der Kleinere zuckte zusammen. »Jetzt noch nicht!«
Er schlug sich an die Stirne und lies die Figur dabei um ein Haar erneut fallen. Valtinho lachte schallend. Ungeduldig riss er seinem Assistenten die Statue aus den Fingern und erteilte ihm einen Tritt. Er wog den Exu liebevoll in der Hand und eilte mit schwingenden Hüften über die Treppe nach unten.
»Wenn ich nicht wäre, lägen meine Heiligen längst alle zerbrochen auf dem Müll.«
Er lachte wieder. Vorsichtig setzte er die Figur an der rechten Seite des Eingangs ab. An der linken thronte bereits ein ähnliches Exemplar. Valtinho hob beide Hände an und murmelte Beschwörungen in einer fremdartigen gutturalen Sprache. Dann öffnete er die quietschende Türe und betrat den Keller.
Ihm schlug ein stechender Geruch nach Moder und verdorbenem Fleisch entgegen. An der Rückwand hing ein sorgfältig gebündelter blutroter Vorhang. Davor standen ein heruntergekommener Sessel und größere Statuetten mit Darstellungen des Exu, des großen Dämons. Er besaß die Macht, Menschenwege zu öffnen und zu schließen, und mit seiner Hilfe sollte jedes wichtige Vorhaben auf der Erde beginnen.
Zu ihm gesellte sich die im Tanz erstarrte Gestalt Maria Mulambos, deren schwarz glänzende Haare in einem imaginären Wind zu flattern schienen. Vor dem Sessel stand ein kleiner, in schmutziges Weiß gedeckter Tisch mit zwei Stühlen. Über den staubigen Betonboden breitete sich ein zerschlissener Teppich. Zu beiden Seiten des spärlich beleuchteten Raums lagerte Gerümpel.
Valtinho trat konzentriert an den Tisch. Darauf lagen zu einem Kreis gebündelte Ketten aus bunten Perlen. In ihrer Mitte ruhte ein Satz kleiner Miesmuscheln.
Seine Hand fasste nach den Muscheln und warf sie mit einer raschen Bewegung flach auf den Tisch. Aufmerksam betrachtete er den Wurf. Er drehte nachdenklich seinen goldenen Ring und schürzte die Lippen. »Sie verlangt wieder ein Spiel …«
Sein sinnlicher Mund verzog sich zu einem Lächeln.
1. Friedrichshain
Ende August 2010
Kaum einen Kilometer in Luftlinie entfernt saß ein Mann in einem Friedrichshainer Lokal und telefonierte. Die letzten Sonnenstrahlen illuminierten seine mühsam beherrschten Züge und liehen ihnen einen überraschenden und wenig passenden Glanz.
Die Bedienungen zündeten Kerzen an, deren flackerndes Gelb mit dem schrägen Licht der Sonne konkurrierte. Kleine Kinder rasten um die weiß gedeckten Tische und spielten Fangen, während ihre Eltern bei einem Glas Wein oder Bier plauderten. Die Luft war nach dem heißen Tag angenehm lau, und die meisten Menschen bemühten sich, die Unbilden des Lebens für ein paar Stunden zu vergessen.
Nur Karl-Heinz’ gereizte Stimmung wollte nicht recht zu dem Ambiente passen. Er okkupierte einen ganzen Tisch für sich allein und füllte ihn weniger durch sein Volumen als durch seine hektischen Gesten aus. Mit einer einzigen Bewegung fegte er eine Fliege vom Designer T-Shirt und entfernte eine Strähne von seiner Wange. »Hör mal, Sabine, es tut mir wirklich leid – ein Geschäftsessen, ja. Wir müssen das auf ein andermal verschieben.«
Er schob einen Olivenkern mit der Zunge zwischen die Zähne und legte ihn akribisch auf den Teller.
»Was? …
Faule Ausrede? …
Jetzt komm mir bitte nicht so! …
Hör mal, ich bin hier im Restaurant, ich kann jetzt nicht reden.«
Während Karl-Heinz telefonierte und dabei gelegentlich Olivenmasse auf das Handy spuckte, schlenderte ein Mann auf das Lokal zu. Er betrachtete das angehende Liebesspiel zweier Hunde, einen Landstreicher, der unter einem Busch seinen Rausch ausschlief, sowie die blühenden Stockflecken an der Fassade des Nachbarhauses. Etwa einen Meter vor Karl-Heinz blieb er stehen und hörte dem einseitigen Gespräch zu. Sein Körper war kaum weniger schmal als der des Gastes; dennoch strahlte er die Gelassenheit eines beleibten Menschen aus. Wie in Trance senkte er die Lider und lies die unfreiwillige Komödie auf sich wirken. Eine wedelnde Hand, die ihn zum Verzehr von Oliven und Käse aufforderte, riss ihn aus der Versenkung.
»Sabine, hier kommt gerade mein Geschäftspartner – wir sprechen uns später.« Erleichtert klappte Karl-Heinz das Handy zu und verdrehte die Augen.
Der Besucher verkniff sich ein süffisantes Grinsen. »Ich komme wohl ungelegen?«
»Im Gegenteil, Sigi, du hast mich gerettet! Bestell dir einen Wein, der Weiße rutscht bei dem Wetter herrlich leicht durch die Kehle. Diese Sabine raubt mir noch meinen letzten Sinn für Humor …«
Sein Freund nahm auf der anderen Seite des Tisches Platz und pickte nach einem Stück Käse. Er testete es genüsslich auf der Zunge und stellte fest: »… Wovon du ja mehr als genug besitzt, nicht wahr?!«
Karl-Heinz musterte ihn verwirrt und wechselte rasch das Thema. »Na – was macht die Malerei, alter Junge?«
»Bestens! Gestern habe ich erst ein Bild verkauft … Das heißt, ich habe einen hundertprozentigen Käufer; du weißt ja, wie das ist: kein Geld dabei, Kreditkarte vergessen – die Menschen haben heutzutage einfach zu viel im Kopf.«
Sigi merkte, dass die Bedienung, eine hübsche Schwarzhaarige, über ihm stand, und blinzelte ihr zu. Sie rückte noch ein Stück näher heran und fragte strahlend: »Was wünschen der Herr?«
Sigi nahm eine tragische Pose ein und klagte: »Was ich wünsche, ist doch nur Schall und Rauch.«
Die Bedienung nickte betroffen. Er fasste nach ihrer Hand und blickte mit seinen braunen Hundeaugen nach oben. »Wenn du mir einen kühlen Weißen bringst, bin ich schon halb zufrieden.«
Sie ließ ihre Hand in der seinen, zog die Augenbrauen hoch und fragte kokett: »Nur halb?«
Sigi seufzte und entließ ihre grünen Fingernägel in die Freiheit. »Alles Weitere, meine Schöne, würde mein Gewissen aufs Äußerste belasten!«
Er wandte sich an Karl-Heinz. »Hast du diesen jungen Käse ganz alleine niedergemacht?« Entsetzt schüttelte er den Kopf und fixierte die leuchtenden Augen über sich. »Also, dann noch einmal von dem Schafskäse mit Oliven. Der besänftigt das Gemüt …« Er runzelte die Stirn und schlug sich mit der Hand auf den Mund. »Oder war es umgekehrt?«
Die junge Frau begann zu kichern und eilte davon.
Karl-Heinz blickte ihr missgestimmt hinterher. »Ich möchte wissen, wie du das immer wieder anstellst – du bist doch eigentlich hässlich.«
Sigi zog erneut die Stirn in Falten und dachte nach. »Mit deinem aufpolierten Colgate-Lächeln kann ich natürlich nicht mithalten … aber mal im Ernst: Hattest du nicht gerade ein heißes Eisen an der Strippe? Die schien mir doch sehr bereit, bei dir einzulaufen.«
»Einlauf ist in diesem Fall die richtige Umschreibung.« Karl-Heinz nahm einen Schluck Wein und seufzte. »Nein, ich kann nicht klagen: Mein Terminkalender ist so voll mit Verabredungen, dass ich kaum hinterherkomme. Wenn ich die Mädels allerdings mit deiner Frau vergleiche …«
Die Bedienung kehrte mit der Vorspeise und einem Glas Weißwein zurück. Sie stellte den Wein auf den Tisch, gewährte Sigi dabei einen vorläufigen Einblick in ihr Dekolleté und streifte im Fortgehen dezent seinen Rücken.
Karl-Heinz fuhr, unbeeindruckt von den atmosphärischen Wirbeln, mit seinem Monolog fort. »… Für mich passt es so, wie es ist. Mein Job lässt mir ja gar keine Zeit, mich fest zu binden.«
Der Maler nickte, hielt sich die Hand vor den Mund und gähnte verhalten.
»Aber da kommt sie ja.« Karl-Heinz’ Hand wies bewundernd auf den Bürgersteig hinter seinem Freund.
»Wer, eine deiner Miezen?«
Hinter Sigis Rücken erschien die Silhouette einer dunkelhäutigen Frau. Ihre dünnen schwarzen Zöpfe wurden hinterstrahlt von einem fast unwirklichen Licht, das sich in der Lücke zwischen zwei Häuserfronten den Weg bahnte. Für Sekunden hielt halb Friedrichshain den Atem an. Selbst die Hunde unter den Tischen unterbrachen ihr gegenseitiges Ablecken und winselten devot. Die glühenden Gesichter der Kinder, das kühle Rot, das sich über den Asphalt ergoss; sogar die schillernde Luft schien erfüllt vom letzten Aufbäumen des Tages. Von einem Augenblick zum anderen war der Spuk vorüber. Stühle und Tische verloren alle Farbe und erblassten zu einem sozialistischen Grau. Einen Moment lang lag die Welt im Zwielicht, aus dem sich wie von Zauberhand das Licht der Kerzen schälte.
Über Sigis Augen legten sich zwei kräftige Frauenhände. Er sog genießerisch ihren Duft ein, tastete langsam darüber hin, entdeckte einen schmalen Ring am Finger und drehte ihn hin und her. Seine Stirn zog sich in Falten, und er überlegte laut: »Erika? … Tatjana? … Sabine?«
Seine Frau riss ihre Hände von seinen Augen, stellte sich vor ihm auf und boxte ihm auf die Brust. »Du … verflixter … sacana!« Ihre Stimme klang etwas rauchig und besaß einen höchst liebenswerten brasilianischen Akzent.
Sigi hob die Hände zum Zeichen, dass er sich ergab. Er grinste bis über beide Ohren. »Hallo mein Schatz, ich dachte, du wärest heute auf deinem Mädel-Treff.«
Joana bedachte Karl-Heinz mit einem entwaffnenden Lächeln. »Entschuldige, dass ich hier so reinplatze! Ich bin auch gleich wieder weg.«
An Sigi gewandt, setzte sie hinzu: »Schatz, so was Blödes: Ich habe meinen Wohnungsschlüssel vergessen.« Sie zerrte ihn vom Tisch fort, winkte Karl-Heinz zu und flüsterte: »Zu Hause war praktisch kein Geld in der Schublade. Hast du nicht noch ein bisschen Kleingeld?«
»Natürlich, Liebling.« Sigis Stimme wirkte auf einmal belegt. Er drehte sich von seinem Freund fort und zog den Beutel aus der Tasche. Unauffällig durchsuchte er dessen Innenleben und fand endlich zwischen verschrumpelten Rechnungen und alten Visitenkarten einen Zwanzig-Euro-Schein. Erleichtert fischte er ihn heraus und steckte ihn Joana zu. Er lächelte hölzern. »Amüsier dich!«
»Und du, querido? Kommst du den Abend klar?«
»Keine Sorge«, sagte er leise, »ich sitze mit dem Geldadel am Tisch.« Laut setzte er hinzu: »Viel Spaß mit den Mädels! Und verlier den Schlüssel nicht.«
Joana drückte ihm einen Kuss auf den Mund, lächelte, winkte Karl-Heinz noch einmal zu und rief: »Ich bin schon wieder weg. Tschau und bis bald!« Mit wiegenden Hüften eilte sie davon.
Sigi setzte sich zurück an den Tisch und seufzte. »Frauen! Na, zum Glück sitzen wir ja immer in derselben Kneipe.«
Gedankenverloren tastete er nach seiner Hosentasche und griff sich an die Stirn. »Verdammt, ich glaube, ich habe zu Hause meine Börse vergessen.« Seine zutraulichen Augen richteten sich auf den Freund. »Du hast doch bestimmt etwas dabei, oder?«
»Na klar, Alter. Du bist in letzter Zeit aber recht vergesslich …«
Sigi trank einen Schluck Wein und lächelte entspannt.
2. Kamila
September 1941
Sie spürte sofort, dass er wieder hinter ihr stand. Kamila begann vor Wut und Scham zu zittern; die Demütigung brannte ihr noch immer heiß auf den Wangen. Ihr Körper reagierte sofort, und sie merkte, dass ihr der Schweiß unter den Achseln hinunterrann. Der Mann roch es vielleicht auch, denn er beugte sich noch tiefer über das graue Kopftuch und sah ihren geschickten Fingern bei der Arbeit zu, wie um sie noch mehr zu quälen. Kamila verstand nicht, warum er es immer auf sie abgesehen hatte. Die anderen Frauen ließ er weitgehend in Ruhe. Nur um sie kreiste er herum wie ein Schakal, der nur darauf wartete, zuzuschnappen und sich in ihren Hals zu verbeißen. Oder vielleicht in etwas anderem …
Kamila war klar, dass sie ihn irgendwann umbringen würde. Eines Tages würde sie ihm die Kehle durchschneiden und zusehen, wie sein ekelhaftes fauliges Blut aus der Halsschlagader spritzte. Sie würde das Entsetzen und den Tod in seinen Augen sehen und ihn so lange anstarren, bis das letzte Quäntchen Leben daraus gewichen war. Erst dann würde sie sich wieder sauber fühlen.
Ihre Finger schlossen sich um das Gehäuse des Feldstechers, als wollten sie es brechen.
»Na na«, bellte Herr Kurz und erteilte ihr einen scharfen Klaps auf den Arm. »Wir wollen doch das Gerät nicht beschädigen, oder?!«
Kamilas Hand zitterte erneut. Sie spürte den besorgten Blick von Justyna neben sich und den Fuß, der unter der Werkbank heftig gegen den ihren trat. Sieh dich vor, sollte das heißen, mach bloß keine Dummheiten!
Das Mädchen schloss einen Moment lang die Augen. Die wohltuende Schwärze hüllte sie ein und legte sich um sie wie ein Mantel. Nichts kann mich zerstören, dachte sie trotzig und fühlte, wie die Angst mit scharfen Krallen nach ihr griff, nichts.
Herr Kurz wand ihr das Gehäuse aus den Fingern und betrachtete es von allen Seiten. Seine feingliedrigen Hände schienen wie dazu geschaffen, das Innere eines filigranen Mechanismus zu entschlüsseln, gezackte Rädchen übereinander zu legen und in eine wohl durchdachte Bewegung zu versetzen. Er war Feinmechanikermeister und im Grunde dafür verantwortlich, dass die Geräte Fabrik Reinickendorf, kurz GFR, ausschließlich Qualitätsware an Zeiss lieferte, wo die Linsen mit den Gehäusen zusammengefügt wurden.
Es handelte sich um Spezialgehäuse für die Wüste und die Tropen. Kurz war auf ihre Entwicklung besonders stolz: leichtes Druckgasmetall mit versenkten Schrauben und einer Bedeckung aus tropenfestem Leder. Ideal für Rommels Wüstenfüchse. Die Kuppe seines Zeigefingers glitt liebevoll über das Rad zur Scharfeinstellung. Es bewegte sich nur zögernd. Seine linke Hand schoss nach unten und wies anklagend auf das Mädchen.
»Kleiner Sabotageversuch, was? Damit unsere deutschen Soldaten im Feld blind sind? Ich werde diesen Vorfall melden!«
Justyna, Kamilas Nachbarin, hatte so etwas schon kommen sehen. Seit geraumer Zeit beobachtete sie die merkwürdige Obsession des Meisters für das Mädchen, das Tag für Tag wütender wurde. Verzweifelt blickte sie nach oben und sagte in einem annehmbaren, wenn auch stark akzentuierten Deutsch: »Bitte, Herr, das war keine Absicht. Kamila arbeitet immer sehr gut, Sie werden sehen.«
In diesem Augenblick trat ein weiterer Mann zu den dreien. Im Gegensatz zu Kurz verbreitete er eine gewisse Aura der Lässigkeit, die mit seinem gut geschnittenen aber legeren Anzug korrespondierte. Er schüttelte amüsiert den Kopf. »Was gibt’s denn, Kürzelchen; irgendwelche Probleme?«
Der Meister fuhr herum, als habe ihn eine Natter gebissen. Seine Züge wurden fast übergangslos beflissen. »Ach Herr Doktor, ich hatte Sie gar nicht gehört.«
Er wies vorwurfsvoll auf das Gerät in seiner Hand. »Ich war gerade auf meinem Kontrollgang, da sah ich, wie diese Ostarbeiterin« – er zeigte auf Kamila – »ihre Faust um das Gehäuse schloss, als wollte sie es brechen. Bei einer flüchtigen Untersuchung musste ich feststellen, dass das Rad zur Scharfeinstellung verbogen ist.« Seine schmutzig braunen Augen wurden schmal. »Herr Doktor, das ist einwandfrei Sabotage!«
Der Firmenchef nahm das Gerät entgegen und drehte gedankenvoll an dem Rädchen. Sein Blick fiel auf Kamilas Werkbank und streifte suchend darüber hin. Endlich hatte er das Gewünschte gefunden und ergriff ein winziges Kännchen mit Öl. Mit einer fast zarten Bewegung, die man seinen dicklichen Fingern kaum zutraute, goss er einen Tropfen über das Rad. Er drehte es ein paar Mal hin und her. Das Rädchen bewegte sich unter seinem Finger, als sei es eigens für ihn geschaffen.
Der Doktor reichte das Gerät an den Meister zurück und säuberte sich die Hand mit einem Lappen. Sein Blick fiel dabei auf das Mädchen, das ihn mit einer seltsamen Mischung aus Furcht, Trotz und Verzweiflung anstarrte.
»Na na, Kürzelchen«, sagte er freundlich und versank plötzlich in den gelb schimmernden Augen. Sie erinnerten ihn an etwas, das er erst kürzlich erlebt hatte; er kam nur nicht darauf, was es war. Angestrengt runzelte er die Stirne und überlegte. Ach ja, jetzt hatte er es: Vor einigen Wochen auf der Jagd hatte er einen Luchs entdeckt, der in eine Falle gerannt war. Er winselte und fletschte dabei gleichzeitig mit den Zähnen. Seine zitternde Lefze war voller Blut. Das Tier litt entsetzliche Schmerzen, die es sich selbst zugefügt hatte. Seine in dem Eisen gefangene Pfote hing nur noch an ein paar Muskelfasern und einem Stück Knorpel. Es fehlte ein einziger Biss, dann wäre es wieder frei. Sterben allerdings würde es so oder so. Sein Blick war wie der des Mädchens gewesen, voller Verzweiflung und Hass. Diese Polin, dachte er nachdenklich, erträgt keine Ketten. Sie wird hier in den Baracken sterben. Er riss sich von ihren Augen los und blickte auf Kurz. »Dem Rädchen hat nur ein wenig Öl gefehlt, sehen Sie?«
Sein Blick schweifte über die kleine Gruppe wie der eines Bürgermeisters, der ein paar unverbesserliche Streithähne beschwichtigt.
»Ich glaube, diese Frauen und Mädchen hier tun ihre Pflicht und, wenn es auch nur Ostarbeiterinnen sind, wollen wir doch nicht gleich annehmen, sie seien bösartig, nicht wahr? In dubio pro reo, wie der Lateiner so schön sagt; daran wollen wir uns doch gerade in diesen Zeiten halten, nicht wahr Kürzelchen?«
Er wollte sich bereits abwenden, da fiel ihm noch etwas ein. Er beugte sich zu der scharf riechenden jungen Frau hinunter und fragte sanft: »Wie heißt du denn? Du kannst doch Deutsch, oder?«
Sie starrte ihn noch immer aus wilden Augen an und nickte trotzig. »Kamila«, presste sie so heiser hervor, als müsste sie ihre Stimmbänder dazu zwingen.
Damit war ihr weiteres Schicksal besiegelt.
3. Atelier
8. September 2010
Das Künstleratelier direkt unter dem Dach verdiente seinen anspruchsvollen Namen zu Recht: Es wurde durchweht vom Atem eines kreativen Chaos. Der wellige Parkettboden war übersäht mit alten Zeitungen voller Farbe. Etwa in der Mitte stand ein Tisch, auf dem sich gebrauchte Paletten, ein voller Aschenbecher, eine halb leere Flasche Wein und mehrere verklebte Gläser zu einem Stillleben verbanden. Das an sich gemütliche Sofa war belegt von alten Zeichnungen und Skizzen. An den geraden Wänden hingen großflächige abstrakte Bilder, während die Freiflächen darunter vollgestapelt waren mit Materialschränken, Leinwand, Holzteilen und kaputtem Werkzeug.
Sigi trug über seiner Alltagskleidung einen ehemals grauen Kittel, der völlig verschmiert war. Während er mit einem Kunden von Bild zu Bild schritt, versuchte er immer wieder vergeblich, den störenden Unrat aus dem Weg zu räumen.
Der stattlich gebaute, mittelalterliche Wirt nickte begeistert. »Also, was du da machst, ist … toll, sensationell!« Ede trat unentschlossen von einer Wand zur anderen. »Welches passt jetzt am besten in meine Kneipe? … Dies hier … oder das andere?«
Sigi breitete die Arme aus, als wolle er seinen Segen gleichmäßig zwischen seinen Bildern und ihrem potentiellen Aufkäufer verteilen. »Nimm doch einfach beide, dann bist du den Druck los.«
Der Wirt schlug ihm jovial auf die Schulter. »Würde ich wirklich gern! Du weißt ja, wie das ist: Die Umstände sind auch nicht mehr, wie sie einmal waren. Aber du bist ein feiner Kerl, und Kunst soll man ja unterstützen. Also, ich mache dir einen Vorschlag: Ich nehme dieses Bild hier mit, und du bekommst als Anzahlung bar auf die Hand fünfzig Euro! Spätestens in einem Monat erhältst du die restlichen Zweihundert.«
Der Künstler griff sich an die hohe Stirn. »Hatten wir in deiner Kneipe nicht von Dreihundert gesprochen – und das mit der Anzahlung …«
Ede schüttelte seinen voluminösen Kopf, dessen Resthaar zu einem rachitischen Pferdeschwanz gebündelt war. »Dreihundert ist völlig unmöglich. Schon die Zweihundertfünfzig sind eigentlich zu viel. Ich mache das nur, weil ich dein Freund bin, mehr ist beim besten Willen nicht drin.«
Er riss den Mund auf wie ein Walfisch auf dem Trockenen, gähnte ausgiebig und wandte sich zum Gehen. »Also überlege es dir. Aber nicht zu lange – du weißt, die Bilder von Oskar sind fast genauso gut wie deine; und der ist absolut wild drauf, seine Ergüsse bei mir hängen zu sehen …« Der Wirt eilte mit stampfenden Schritten in Richtung Ausgang.
Sigi hastete hinterher und lächelte verkrampft. »Nein, es ist schon in Ordnung. Ich dachte nur, die Anzahlung … könntest du nicht vielleicht doch hundert …?
Ede wandte sich zu ihm um und feixte. »Nichts da, fünfzig Euro, mehr habe ich gar nicht dabei. Wenn du willst, kriegst du die Kohle sofort, und ich nehme das Bild gleich mit.«
Sigi fühlte einen leichten Schwindel; einen Augenblick lang drehten sich seine wunderbaren Bilder, die Farbtiegel, Paletten und Haufen von alten Zeitungen vor ihm im Kreis. Sein Blick irrte durch die sich bewegende Materie, stieß sich an den Schweinsaugen des Wirts und brachte den schwankenden Raum zum Stillstand.
»Also gut!« Er seufzte leise, nahm vorsichtig das Bild von der Wand, strich abschließend über die farbige Leinwand und wickelte es in Papier. »Pass gut darauf auf! Das ist eines meiner Lieblingsbilder.«
»Na klar.«
Ede nahm das Werk in Empfang und zog mit großer Geste den Geldbeutel aus der Tasche. Er war prall gefüllt mit Scheinen. Der Wirt leckte sich die Finger, zog einen Fünfziger heraus und drückte ihn Sigi in die Hand. »Aber nicht gleich alles ausgeben!« Er schlug dem Maler auf die Schulter und hastete endgültig zum Ausgang.
Sigi blickte nachdenklich dem Bild und seinem neuen Besitzer hinterher. Einen Moment blieb er versonnen mitten im Raum stehen. Dann gab er sich einen Ruck und eilte an die Staffelei, wo er vergessene Farbtuben aufräumte. Er summte eine alte Melodie von den Rolling Stones. Sigi spürte einen warmen Luftzug im Rücken und drehte sich um.
Joana stand in der Tür zum Wohnbereich und blickte ihn erwartungsvoll an. Sein Blick glitt über ihre braune Haut und blieb wie so oft an ihren Händen haften.
4. Der Leib der Erde
Sigi stand gelangweilt in der schicken Menge, die weniger den angesagten Künstler als sich selbst feierte. Er hätte doch nicht auf die Vernissage kommen sollen. Warum hatte er nur seinem anfänglichen Widerwillen nicht getraut?
Auf einmal bemerkte er die nussfarbene junge Frau, die selbstvergessen, wie ein verirrtes Geschöpf des Dschungels in dem glitzernden Ambiente stand. Er betrachtete ihren wohlgeformten Rumpf und dann die Hände. Sie schienen im Verhältnis zu den Armen auffallend groß. Nein, wies er sich zurecht – das war es nicht: Sie wirkten groß, weil sie von etwas Unsichtbarem schöpften. Obgleich die Hände leer und entspannt an den muskulösen Armen hingen, schienen sie wie Gefäße bis an den Rand gefüllt.
Vielleicht gehörten sie einer Töpferin, die Tag für Tag an einer Drehbank saß und mit Hingabe ihr Leben formte …
Sie lächelte ihn an und machte eine winzige Bewegung mit dem Kopf. Sigi starrte auf ihre nach innen gebeugten Finger und dachte: Diese Frau malen; Schicht um Schicht von ihr abtragen, bis nichts zurückbleibt als die Essenz … Fast schon schüchtern schritt er auf sie zu und fragte, ob er sie einmal zeichnen dürfe.
Die Frau trug ein langes, weit auslaufendes Kleid mit archaischen Mustern, die ihren Leib umspielten und flatterten wie im Abendwind verwehte Blätter. Was sie umhüllten, ließ sich erahnen durch die katzenhafte Anmut ihrer Glieder. Ihre ausdrucksvollen Züge schienen nicht ganz zu dem Stromlinienkörper zu passen. Die hübsche Nase neigte sich einen Hauch nach links, und die schön geformten Lippen schienen ein wenig zu voll. Nichts an ihren Zügen war vollkommen synchron: weder die Augenbrauen, von denen die rechte eine Kleinigkeit höher stand, als die linke, noch die Ohren oder Wangen.
Erst jetzt landete sein Blick in ihren Augen, und er begriff, dass sie das erstaunliche Gesicht zusammenhielten. Sie besaßen die Farbe von braun schillernden Flusssteinen im Wasser; oder von Brunnen, in deren Grund sich ein Strahl Sonne fängt. Im ersten Eindruck begegnete er dort Freundlichkeit, bereit, sich auf alles zu verteilen, das atmete und lebte. Dahinter lag ein Schleier. Dahinter eine tiefe Trauer. Und dahinter …
Joana war gerade einmal sechs Monate in Deutschland, hatte zwei unglückliche Affären hinter sich und stand kurz davor, endgültig das Weite zu suchen.
Was wollte dieser Mann nur mit ihren Händen? Er hatte sie angesehen wie ein Bauer, der sich achtsam nach einem Stück Erde bückt und es so sachte auf dem Handballen wiegt, als sei es das Kostbarste auf der ganzen Welt. Seit sie in diesem kalten Land war, hatte sie sich so nach diesem Blick gesehnt wie nach der brennenden Sonne, den dösenden Geckos auf den heißen Felsen und dem staubigen Wind über dem Sertão …
… Joanas übervolle Lippen lächelten ihn an; doch in ihren Augen stand eine einzige Frage. Sigi grinste, als habe er einen Sechser im Lotto gewonnen.
»Fünfzig Euro!« Er hielt den Schein des Wirts in die Höhe und wedelte ihn durch die Luft.
Joana zog eine Grimasse und stampfte mit dem Fuß auf den Boden. »Fünfzig Euro? Dieses Arschloch!«
Der Maler trat beschwichtigend auf sie zu und nahm sie in den Arm. »Das war doch erst die Anzahlung. In einem Monat bekomme ich die restlichen zweihundert.«
Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und seufzte. »Ach Sigi, dieser Wichser betrügt dich doch nach Strich und Faden! Deine Werke sind das Fünf-, ach was sage ich: das Zehnfache wert. Ich wette, das Bild wirst du niemals in der Kneipe sehen. Der hat doch bestimmt schon einen Käufer und verscherbelt es für ein Vermögen.«
Plötzlich rannen ihr Tränen über die Wangen. Ihre kräftige braune Hand fuhr über sein dünnes Stirnhaar. »Warum habe ich nur einen Künstler geheiratet? Einen Künstler! Ich hätte jeden reichen Unternehmer haben können!«
Sigi knabberte an ihrer rechten Ohrmuschel, die um ein winziges größer war als die linke. »Vielleicht, weil du den reichen Unternehmer schon hattest? Vielleicht …«, er bedeckte ihr Gesicht mit Küssen, »… weil der nur einen brasilianischen Hintern wollte, um sich damit vor aller Welt zu zeigen?«
Joana wischte sich über die Augen und zwickte ihn in die Nase. »Und du? Du interessierst dich überhaupt nicht für einen brasilianischen Hintern!«
Sigi umfasste ihr wohlgeratenes Gesäß und sagte leise: »Das ist wirklich das allerletzte, was mich beschäftigt!«
Er streifte ihr sacht das Kleid von den Schultern. »… Aber als Künstler muss ich schließlich – rein akademisch – jedes Detail deines Körpers überprüfen.«
Sie schloss die Augen und flüsterte: »Dann zeig mir noch einmal, welche Stellen du meinst – rein akademisch …«
Die beiden warfen sich auf den Boden und gingen zur Kür über. Kurz bevor Joana die unbezahlten Rechnungen, Gläubiger und Schuldenberge vollständig vergaß, strich Sigi hauchzart über eine Stelle am Ansatz ihres Halses, als gäbe es dort ein exotisches Instrument, das ausschließlich seine Malerhände zum Klingen brachten.
5. Karl-Heinz
Karl-Heinz verstand wie so oft die Welt nicht mehr. Warum nur waren alle Menschen um ihn herum Idioten? Man musste doch nur so wie er klar analysieren, Prioritäten setzen und dann handeln.
Er stöhnte verhalten und unterdrückte eine scharfe Bemerkung an seine Sekretärin. Sie hatte wieder einmal alle Termine verwechselt, danach die Blumenvase umgeworfen und dabei einen unterschriftsreifen Vertrag besprenkelt. Wenn sie nicht hin und wieder zum Bumsen taugte, er hätte sie längst schon entlassen. Dazu kam ein renitenter Besitzer, der seine Bauerntruhe aus dem siebzehnten Jahrhundert partout nicht unter dem Preis verkaufen wollte. Heutzutage waren sogar schon die Landwirte clever. Wie sollte man da noch auf seine Kosten kommen? Doch Karl-Heinz jammerte auf hohem Niveau.
Er hatte seinerzeit die merkwürdig anmutende Fächerkombination von Kunstgeschichte und Informatik studiert. Nach zwei erfolgreichen Abschlüssen und im Gedenken an das exklusive Geschäft seines Vaters eröffnete er einen Antiquitätenvertrieb. Schon nach gut einem Jahr lief der Laden wie von allein. Karl-Heinz’ Riecher für ausgefallene Stücke, die er in der Regel zum Spottpreis erwarb, war berüchtigt. Dabei bewies er stets ein sicheres Gespür für Ausgefallenheit und Echtheit. In der Branche hatte er sich den Ruf eines knallharten Händlers erworben, der den wachsenden Speckgürtel Berlins mit exquisiten Nischenstücken versorgte. Sein Rezept war dabei so einfach wie erfolgreich: Er verzichtete auf eine teure Repräsentanz in Kuhdammnähe und bot seine Artikel stattdessen online an. Damit lag er immer deutlich unter den Preisen seiner Konkurrenz, die vor Wut schäumte. Das zweite Geheimnis waren seine Quellen: Im Auffinden seltener und kostbarer Stücke schien er über magische Hände zu verfügen.
Doch die Realität war so einfach wie banal. Er hatte in wenigen Jahren ein europaweites Netz von Nachlassverwaltern aufgebaut, die ihn gegen gelegentliche Einladungen mit Insider-Tipps versorgten …
Im Augenblick führte er zwei Telefongespräche gleichzeitig, was seinen Prioritäten-Grundsatz mit den Füßen stieß.
»Nein, Herr Roland!«
Er bemühte sich um eine nach wie vor freundliche Stimme. »Der Preis ist, wie ausgezeichnet, exklusive Mehrwertsteuer und Versand. … Wie? Ja, bei Selbstabholung wird es natürlich billiger, das sagte ich ja gerade.«
In das Handy, das er an sein zweites Ohr hielt, bellte er: »Sabine, ich bin beschäftigt! Ich weiß noch nicht, ob ich mit dir zu Mittag esse. Wie? … Nein, Herr Roland, das war nicht an Sie gerichtet! Wenn Sie möchten, können Sie die Truhe bis zwölf Uhr abholen. Aber das können Sie auch gerne mit meiner Sekretärin besprechen. Ich schalte das Gespräch mal um – einen Augenblick, ja?«
Gut eine Stunde später saß er mit seiner notdürftig zurechtgemachten Freundin bei einem angesagten Chinesen zu Tisch. Ihr sonst so gelungener Lidschatten war fahrig aufgetragen und verlieh ihr die Anmutung einer Nachteule. Das blond gefärbte Haar war nicht so gekonnt toupiert wie sonst, und zu allem Überfluss hatte sie auch noch das falsche Parfum gewählt.
Ihre smaragdgrünen Augen funkelten in einem einzigen Vorwurf. »Musst du mir eigentlich immer auf den letzten Drücker Bescheid sagen? Ich hatte dich pünktlich um halb elf angerufen, und du warst indisponiert wie so oft. Ein bisschen Zeit, um mich zurechtzumachen, musst du mir schon lassen!«
Karl-Heinz musterte ungerührt die Karte. »Ich würde es an deiner Stelle vorziehen, zu bestellen, ich habe jetzt nämlich noch genau«, er warf einen Blick auf sein Chronometer, »… zwanzig Minuten Zeit … Und du willst doch sicher nicht ohne Mittagessen wieder nach Hause?«
Der Blick seiner blassblauen Augen glitt durch sie hindurch und schien die Sekunden zu zählen, die ein imaginäres Pendel stur und vollkommen exakt aus der Zeit in den Raum lud.
Sabine schnappte einen Moment lang nach Luft. Einen Augenblick lang überlegte sie sich, aufzustehen, Karl-Heinz eine zu kleben und zu gehen. Doch ihr Magen war anderer Meinung. Sie riss ihrem Freund die Karte aus der Hand und beschloss, aus Rache das teuerste Gericht zu nehmen. Sie befeuchtete ihren rosa lackierten Finger mit der Zunge und fuhr genüsslich über das edle Hochglanzpapier.
Karl-Heinz klopfte nervös auf das weiße Tischtuch. Mit dieser Ziege verlor er nur seine Zeit – so wie mit allen anderen, dachte er in einem Anflug von Selbstmitleid. Warum konnte er eigentlich nicht eine Frau wie Joana haben, die mit beiden Füßen auf der Erde stand und doch so exotisch wirkte wie eine seltene Orchidee; eine Frau, deren schwingende Hüften einen Mann vollkommen um den Verstand bringen konnten …«
»Karl-Heinz, hörst du mir überhaupt zu?«
Er zuckte zusammen und zwang sich zu einem schmalen Lächeln. Hoffentlich, dachte er, waren die achtzehn Minuten bald vorüber.
MONTAG
6. Die erste Begegnung
13. September 2010
Am heutigen Montag war das Wetter diesig. Über den Himmel spann sich eine transparente Wolkendecke, die ganz Friedrichshain in ein diffuses Licht tauchte. Gegenstände und Menschen wirkten schattenlos und schienen in einer merkwürdigen Verklärtheit über dem Boden zu schweben. Die Autos schienen leiser als sonst über den Asphalt zu rollen, die Straßenhunde winselten trübe, und die Gäste in der Kneipe redeten verhalten, so als könnten sie damit ein Unwetter, das von fern her anrollte, beschwichtigen und in eine andere Richtung lenken.
Auch die beiden Freunde waren in gedämpfter Stimmung. Karl-Heinz hatte Sigi einen Interessenten vermittelt, der jedoch abgesagt hatte. Seine Telefonrechnung war noch höher als sonst ausgefallen, und sein Konto so leer wie eine sibirische Steppenlandschaft. Susi, die hübsche Bedienung, bemerkte seine melancholische Verfassung, stellte einen Vorspeisenteller vor ihn hin und bestand darauf, dass er auf Kosten des Hauses ging.
Sigi ergriff ihre Finger, die heute hellblau lackiert waren, und drückte sie an sein Herz. »Ach«, sagte er und lächelte wehmütig, »was täte ich nur ohne dich!«
»Wenn du es nur tätest …«, formten ihre Lippen und lächelten zurück.
Auch Karl-Heinz hatte ein paar Gänge heruntergeschaltet. Seine Liaison mit Sabine war wohl endgültig beendet. Nachdem er so gut wie nie erreichbar war, hatte sie ihm auf den Anrufbeantworter gesprochen und sich unter Tränen aus seinem Leben verabschiedet. Obwohl er sie eigentlich nie sehr gemocht hatte, ging ihm das Ende doch etwas aufs Gemüt. Hätte sie nicht warten können, bis er von selber Schluss machte?
Die beiden waren bei der zweiten Flasche Wein angelangt und versicherten sich wohl schon zum vierten Mal ihrer Zuneigung.
»Du bist«, bekräftigte Karl-Heinz, »ein wahrer Freund. Wenn ich dich nicht hätte …«
»Prost, Alter! Wir beide sind wirklich ein gutes Team.« Sigis Hand fuhr in seine Gesäßtasche und stieß auf gähnende Leere. »Verdammt noch mal! Ich habe schon wieder meine Börse vergessen.«
Karl-Heinz winkte ab und warf dabei seinen Wein um. »Lass nur. Ich hab’s zum Glück ja wirklich dicke!« Er stellte vorsichtig das Glas senkrecht und schenkte mit unsicherer Hand nach. »Wenn nur diese Weiber nicht wären … Das heißt – du bist in der Richtung ja gut bedient … Deine Joana ist eine wunderbare Frau, habe ich dir das schon einmal gesagt?«
Sigi dachte einige Sekunden nach und nickte ernsthaft. »Das ist sie tatsächlich … Wenn ich ihr bloß ein besseres Leben bieten könnte. Nur ein paar Tage in eine andere Haut schlüpfen … zum Beispiel in deine. Diese Malerei ist doch total für die Katz.«
Sein Freund kniff die Augen zusammen und musterte ihn schräg.
»Weißt du was? Das ist eine gute Idee! Wenn du für einige Tage – oder sagen wir eine Woche – ich sein könntest, und ich du, das wäre …«
»Um Gottes willen! Der Satz war einfach nur so dahin gesagt.«
»Nein, tatsächlich, ich meine …« Karl-Heinz überlegte, was er mit seinem Gedanken eigentlich ausdrücken wollte. »Also, ich habe ja im Prinzip alles, was du brauchst – und du hast etwas, das ich …«
Seine Stimme wurde belegt. Er bemerkte, dass sich die Stirn seines Freundes in Falten zog und ließ den Rest des Satzes in der Schwebe.
Sigi blickte angestrengt auf sein halbleeres Glas. Auf der Fläche spiegelten sich Karl-Heinz’ geschlängelte Gliedmaßen und ein riesiger Kopf, dessen Inhalt in Schlieren über die Fläche strömte. Interessant, dachte er und wusste einen Augenblick nicht, ob er gerade selbst dachte oder von jemand anderem gedacht wurde. Kann man eigentlich das Denken malen? Er musste unbedingt Joana fragen.
Ohne dass es die beiden merkten, hatte sich ein weiterer Gast an ihren Tisch gesetzt: ein dürrer dunkelhäutiger Mann, der vor seinem Mineralwasser hockte und hineinstierte, als könne er in den aufsteigenden Perlen Schicksale lesen.
Ein Hund, der sich unter Sigis Stuhl zu einem Nickerchen niedergelegt hatte, winselte, stand auf und suchte sich einen anderen Platz.
Der Fremde schloss einen Moment lang die umschatteten Augen. Plötzlich richtete er sich gerade, wandte seinen stechenden Blick auf die Männer und sagte mit starkem Akzent: »Vielleicht … könnte ich Ihnen helfen …«
Die Freunde fuhren aus ihrem Schweigen hoch und betrachteten den ungebetenen Gast. Seine dunkle Haut wirkte durch die weiße Kleidung nur noch schwärzer. Er war so spindeldürr, dass ihm Hemd und Hose um den Leib flatterten wie eine Gebetsfahne. Sie wussten nicht recht, ob sein Anblick komisch wirkte, bedrohlich oder zum Gotterbarmen.
Karl-Heinz setzte sein geschäftsmäßiges Lächeln auf und erwiderte kühl: »Nein, vielen Dank, wir sind bereits bestens bedient.«
Der Mann fuhr fort, die beiden anzustarren und entblößte seine wirr stehenden Zähne. »Ich weiß genau, was Sie sich wünschen!«
Die ungleichen Freunde überfiel ein Frösteln. Nach einer Schrecksekunde riss Sigi sich zusammen und prostete dem Fremden zu. Unsicher winkte er nach Susi, bestellte ein weiteres Glas und schenkte es voll bis an den Rand.
Der Schwarze hob das Utensil hoch, senkte es langsam in die Schräge und musterte es wie eine sich hochräkelnde Schlange. Die Flüssigkeit weigerte sich beharrlich, den Gesetzen der Schwerkraft zu folgen und zu tropfen. Plötzlich rollte der Mann mit den Augen, legte das Glas an die Lippen und spülte den Wein in einem einzigen Zug herunter.
Sigi lag eine ironische Bemerkung auf der Zunge, doch als er sie aussprechen wollte, hatte er sie schon vergessen. Er schenkte ein weiteres Mal voll und blickte gebannt auf das Glas. Der Fremde hob es wie einen Kelch in die Höhe und hielt es sekundenlang in der Neige. Die Flüssigkeit darin verharrte, als sei sie zu Gelatine erstarrt. Augenzwinkernd wandte er sich seinen neuen Bekannten zu und flüsterte: »Magie …«
Dann schüttete er den Wein durch die Kehle und lachte, bis ihm die Tränen kamen.
Später verstanden die beiden nicht mehr genau, wie es eigentlich hatte kommen können: War es der kühle Weiße, der ihnen so wunderbar leicht durch die Kehlen rann? Vielleicht lag es auch an dem schwülwarmen Wetter, an ihrer merkwürdigen Verfassung oder dem seltsamen Benehmen des geheimnisvollen Fremden. Eine Viertelstunde später saßen sie jedenfalls zu dritt in Karl-Heinz’ Auto und brachen in halsbrecherischen Kurven durch den Kiez.
»Es ist gar nicht weit«, hatte der Mann versichert, »nicht einmal ein Kilometer. Dort wartet Valtinho auf euch – oder sollte ich sagen: Maria Mulambo?«
Er lachte kehlig, unterbrach sich brüsk und dirigierte Karl-Heinz in eine düstere Gasse, die aussah, als sei die Maueröffnung spurlos an ihr vorübergezogen: Ein Schild vor einem leerstehenden Haus pries in verrosteten Lettern Kolonialwaren an. Graue, rußverschmierte Fassaden warben für Produkte aus Plaste und Elaste; alte Sofas, Kinderwägen und halbe Autotüren warteten auf ein Sperrmüllfahrzeug, das wohl niemals kommen würde.
Der Wagen rauschte durch ein efeubewachsenes Tor und gelangte in einen gepflasterten Hof. Schwere Seilwinden hingen nutzlos aus den Speichern und kündeten von Zeiten, als hier noch Getreide und Mehl gelagert wurden. Aus den Fenstern schälten sich hohlwangige Gesichter, die misstrauisch auf das Cabriolet hinunteräugten. Karl-Heinz fuhr in den zweiten und schließlich dritten Hinterhof, der noch trister wirkte als seine Vorgänger. Vor einer brökkelnden Kellertreppe und spinnwebenverhangenen Scheiben blieb der Wagen stehen. Ein Rabe stürzte vor Schreck aus einem Baum, landete auf einem rostigen Fensterbrett und putzte verstimmt seine Krallen.
Ihr Führer flitzte aus dem Wagen, öffnete die Tür und dirigierte die Gäste in den Keller. Benommen stolperten sie an zwei rotschwarzen Figuren vorbei nach innen. Sie befanden sich in einem Vorhof der Hölle. Oder war es das Paradies? Die beiden sahen sich nicht mehr in der Lage, solch feine Unterscheidungen zu treffen. Sie standen in einem stickigen Kabuff, das erfüllt war vom Duft nach Räucherstäbchen und einem anderen undefinierbaren Geruch, der ihnen fast den Atem raubte. Der Raum war durchdrungen von einem rötlichen Licht, das mit dem blutroten Vorhang im Hintergrund korrespondierte. Davor stand ein zerschlissener Sessel, in dem eine Frau von fast überirdischer Schönheit thronte.
Sie war so dunkel wie die Nacht. Ihre blauschwarzen Locken kringelten sich über die kräftigen Schultern. Die schwarzen Augen mit den vergrößerten Pupillen schillernden, als seien es Eilande hinter den Grenzen dieser Welt. Über den langen Wimpern malten sich rot und blau changierende Schatten. Die glänzenden, hochstehenden Wangen überzog zarter Silberstaub. Ihre kräftige, arrogante Nase stand darin wie ein Fanal. Darunter wölbte sich die sinnliche und anmaßende Linie des Mundes.
Die Frau trug lange weiße Handschuhe, die bis zur Hälfte ihrer Finger reichten; die Glieder lugten daraus hervor wie schwarze, in blutiges Licht getauchte Krallen. Sie trug ein rotes, mit schwarzen Rüschen abgesetztes tailliertes Kleid. Ihr nach innen gerichteter Blick irrlichterte durch den Raum und blieb an den Freunden hängen. Lächelnd entblößte sie ihre blitzenden Zähne und wies auf zwei windschiefe Stühle. Die Männer torkelten darauf zu und sanken nieder.
»I give you, what you like«, sagte sie in fürchterlich akzentuiertem Englisch.
»Aber ich …« Karl-Heinz versuchte kraftlos, den Nebel vor seinen Augen zu verscheuchen. »Ich will gar nicht …« Plötzlich kam er sich vor wie ein Junge, der zu Gast bei einem Freund ist und sieht, dass dessen Mutter eine Suppe gekocht hat, die ihm nicht bekommt.
Die dunkelhäutige Frau streichelte ihre Locken und flüsterte: »Für zwei Liebende scheint eine Woche ein ganzes Leben. Für einen zu Tode Verurteilten ist sie wie ein Sturz in den Abgrund.« Sie lachte heiser. »Aber keine Angst, es ist alles nur ein Spiel … Ihr müsst bloß noch unterschreiben!«
Sie nahm einen Zug aus ihrer Zigarettenspitze und blies den Rauch mit Kussmund auf die Männer. Geschickt fischte sie aus ihrem Kleid ein winziges Messer und reichte es an Karl-Heinz weiter.
Er lachte, als habe er jetzt erst verstanden, dass es sich bei ihrem Besuch um ein amüsantes und prickelndes Tete-a-Tete handelte. Tollpatschig hielt er den Perlmuttgriff in der Hand, strich mit der flachen Klinge darüber und pikste sich in den Finger. Das Blut pulste auf seiner Haut und wuchs zu einer glitzernden roten Perle. Dann wurde die Flüssigkeit zu schwer, die Oberflächenspannung platzte auf, und der Tropfen fiel zu Boden.
Die Augen der Zigeunerin hatten sich völlig verdreht. Es war der Blick einer Blinden; dennoch hatte Karl-Heinz das Gefühl, sie starrte ihm unmittelbar ins Gesicht.
Vor ihm befand sich ein Tisch mit einer fadenscheinigen, ehemals wohl weißen Decke. Darauf lag ein Stapel Spielkarten, ein Bündel farbiger Ketten und eine Handvoll Muscheln. Karl-Heinz hob vorsichtig das Tischtuch an. Er blickte auf hunderte von ovalen, rostroten und braunen Tupfern. Seine Augen versanken in den milchigen Blick Maria Mulambos. Plötzlich bekam er eine Gänsehaut, und ihn schauderte von all den Leben, die ihr Schicksal in ihre goldberingte und willige Hand gelegt hatten …
Sein Freund Sigi versuchte sich zu erinnern, warum er hier saß und nicht gemütlich in seiner Kneipe. Auf einmal fiel es ihm ein: Dieser sympathische dünne Schwarze hatte sie begleitet! Wo steckte er nur? Er sah sich um und erblickte stattdessen eine dunkle Frau. Sie besaß wunderbar ausgeformte große Hände. Zwei Finger umfassten einen goldenen Ring und drehten ihn spielerisch um sich selbst. Das sind keine Frauenhände, dachte er fasziniert.
Es sind die Pranken eines Wolfs. Und ihr Gesicht ist das eines Wesens, das vor Zeiten vielleicht einmal ein Mann war …
»Du musst mich einmal malen«, schnurrte Maria Mulambo und strich sich lasziv über die Wange. »Aber nicht jetzt … später.«
Sigi spürte, wie ihn ein Nebel davontrug. Die Frau reichte ihm ein winziges Messer, das angenehm kühl in seiner Hand ruhte. Was für ein köstliches Spiel, dachte er und stach sich in den Finger.
Er starrte auf das Blut, das auf seiner Haut perlte wie der Puls des Lebens. Auch er nahm das Tuch zwischen die Finger und hörte, wie es in seiner Hand rauschte. Es erzählte von Himmel und Hölle; von unglaublichen Dingen, die den eingravierten Leben gelungen waren und von ihrem Sturz, der fortdauerte bis ins Jetzt. Fast feierlich drückte er seinen Finger in das Tuch. Er fühlte, dass ihn ein Wind hochriss und wie ein Spielzeug durch die Luft jagte. Sigi wollte schreien, doch der heftige Atem blies jeden seiner Laute fort.
Von fern her hörte er die rauchige Stimme Maria Mulambos: »Ihr habt mich gar nicht gefragt, was der Preis ist«, rief sie über den Sturm hinweg und lachte schallend.
7. Kamila
September 1941
Wie die anderen Frauen befindet sie sich mitten im Hof. Es ist etwa zwölf Uhr mittags; die Sonne steht hoch am Himmel und beleuchtet mit ihrem grellen Licht die düsteren Baracken und jeden Zentimeter ihres Körpers. Sie blickt auf den armseligen grauen Haufen, der vor ihr im Dreck liegt: ihre Kleider. Vor vielleicht einer Stunde sind sie mit dem Viehtransporter am Ostbahnhof angekommen.
Während der Reise war es dunkel, sie hatten keine Ahnung, wohin es in Wahrheit gehen mochte. Nur dass die ratternden Räder sie forttrugen, irgendwohin nach Deutschland, darüber waren sie sich klar. In dem Waggon hatte es nach Kuhscheiße und nach der Angst gerochen, die Tiere vor der Schlachtung empfinden. Die schwere Ausdünstung hatte sich vermischt mit ihrem eigenen Geruch nach Furcht und Wut. Doch wenigstens waren sie dicht beieinandergesessen; sie hatten sich an den Händen gehalten, polnische Lieder gesungen und sich gegenseitig getröstet: Fünf Frauen, die von einem Moment auf den anderen aus ihrem Leben gerissen wurden; fünf Frauen, die auf dem Feld gearbeitet hatten und plötzlich in eine Ladung Gewehrläufe blickten.
Nach der Festnahme waren sie von einem Arzt untersucht worden. Er machte einen Sehtest und überprüfte die Gelenkigkeit ihrer Finger. Tüchtige Arbeiterinnen wurden jetzt in Deutschland gebraucht, hatte man ihnen gesagt. Frauen, die scharf sahen und fingerfertig waren. Sie würden sogar Geld verdienen, mehr als bei dieser Drecksarbeit hier zu Felde!
Jetzt steht sie hier völlig nackt, so wie die anderen Gefangenen auch. Man hat sie in den Hof getrieben wie eine Herde Rindviecher. Eine Aufseherin hat in die Hände geklatscht und geschrien: »Kleider runter zur Entlausung!«
Die Gefangenen haben sich ungläubig angeblickt. Daraufhin hat die Frau zornentbrannt Justynas Bluse aufgerissen. Justyna hat ihren Hass gezügelt und sich mit aller Würde, die noch möglich scheint, ihrer Kleider entledigt. Die anderen Frauen haben es ihr zögernd nachgetan, Kamila zuletzt. Die resolute Frau geht auf Justyna zu und beginnt sie zu untersuchen. Kamila schließt die Augen und öffnet sie erst wieder, als sie spürt, dass jemand auf sie zutritt. Es ist ein Mann. Ein Mann!
Kamila spürt, dass sich alles in ihr verkrampft. Sie will davonlaufen und bleibt doch wie angewurzelt stehen. Sie tut dem Kerl nicht den Gefallen und senkt die Augen. Kamila blickt ihn an und sieht sein kaum unterdrücktes Begehren. Dahinter sieht sie noch etwas, das ihr gefällt: Angst. Der Herr Kurz, wie ihn die Aufseherin nennt, trägt über der linken Hand einen Sack aus Kautschuk. Das Gummi schlottert um seine Finger wie eine ekelerregende zweite Haut. Als er sie berührt, will Kamila schreien. Sie will ihm seine akribisch forschenden Pupillen auskratzen und ihm jeden einzelnen der über ihre Haut tastenden Finger brechen. Stattdessen geht ein Zittern durch ihren Körper, als sei er ein Baum, durch den ein heftiger Windstoß fährt. Sie macht sich vollkommen tot. Als er ihre Scham berührt, ist sie schon weit fort in Polen und schwitzt in der Sonne, die auf die prallen Ähren scheint. Sie lächelt ihrer Freundin zu. Nichts wird es fertigbringen, sie zu zerstören.
Plötzlich spürt sie eine Hand, die nach ihr greift. Sie will die Finger packen und sich darin verbeißen, doch auf einmal hört sie ein Flüstern: »Kamila, wach auf!«
Sie öffnet verwirrt die Augen und sieht vor sich das besorgte Gesicht von Justyna. Die ältere Freundin streicht ihr über das nassgeschwitzte Haar. »Hast du wieder geträumt, Vögelchen. Immer diese furchtbaren Träume …«
Kamila drückt Justynas Hand, als wolle sie sie brechen. Jetzt endlich, da sie außer der Freundin niemand sieht, kommen die Tränen.
Horst lag auf dem kühlen, nach Lavendel riechenden Laken und blickte zur Decke. Er konnte nicht einschlafen. Warum eigentlich nicht? Er hatte gut zu Abend gegessen – Königsberger Klopse, eines seiner Lieblingsgerichte. Vielleicht lagen sie ihm zu schwer im Magen? Er hätte doch, wie der Diener ihm anbot, den Digestiv trinken sollen. Der milde Likör hätte seiner Verdauung den nötigen Schwung verliehen. Nun kam er sicher stundenlang um seinen Nachtschlaf, den er so dringend brauchte. Morgen war wieder ein anstrengender Tag, und er konnte sich keine Anzeichen von Schwäche leisten. Dieser Kurz hatte ihn heute so merkwürdig angesehen. Als ob er genau wüsste, dass sich das Rädchen immer noch nicht richtig bewegte. Natürlich war das Sabotage gewesen, dachte Horst; es war nur die Frage, ob willkürlich oder unwillkürlich. Aber sollte er jede zweite Ostarbeiterin in seiner Firma vor ein Hinrichtungskommando stellen? Mit diesen Fanatikern in den eigenen Reihen musste man aufpassen. Kurz war ein Typ, der seine Mutter vor die Wand stellen konnte, wenn er glaubte, sie sei eine Sozialistin. Manche Menschen gingen völlig grundlos über Leichen. Dabei war der Mann ein hervorragender Feinmechaniker, sein bester Mitarbeiter. Horst war im Grunde von ihm abhängig, und dieses Schlitzohr wusste das nur zu genau!
Er seufzte und drehte sich auf die andere Seite. Unabsichtlich berührte er dabei Hilde, seine Gattin. Für einen Moment spürte er, dass sie erstarrte. Sie schläft nicht, dachte er erstaunt. Soll ich Konversation machen? Lieber nicht. Sie könnte vielleicht denken … sie würde denken, dass …
Horst merkte, dass sich etwas in ihm regte. Einen Moment lang fühlte er einen leichten Schwindel. Ihn überkam die Anwandlung, sich auf seine Frau zu stürzen und sie zu nehmen wie eine Hündin. Er atmete heftig und drehte sich schwerfällig wieder zurück. Ich könnte es tun, dachte er und zwang seine unruhigen Finger zur Räson; aber es würde nichts nützen. Sie würde wie eine Puppe sein, ein Stück lebloses und willenloses Fleisch.
Seit der Geburt ihres Sohnes hatte sich Hilde immer mehr von ihm zurückgezogen. Sie erfand zahlreiche Unpässlichkeiten wie Migräne, Rückenschmerzen und Anfälle von Schwäche. Einmal, als er sie ein wenig härter nahm, hatte sie geschrien, als wollte er sie abstechen. Horst war jegliche Lust sofort vergangen. Er war kein Mann, der eine Frau leiden sehen wollte. Er sehnte sich nach einer Partnerin, einer Gefährtin und Gespielin seiner Lust. All dies war seine Hilde nicht. Ihr gemeinsames Bett war nur noch eine Farce.
Horst verlegte sich auf gelegentliche Bordellbesuche und wählte seine Sekretärinnen nach Kriterien aus, in denen die deutsche Rechtschreibung die geringste Rolle spielte. Er war nicht einmal so übel damit gefahren; Hilde war ihm in allen sonstigen Lebenslagen eine wunderbare Gattin und aufmerksame Freundin.
Plötzlich musste Horst an die junge Polin denken.
Kamila, das war ihr Name … Auf einmal fühlte er solche Hitze, dass ihm fast schlecht wurde.
DIENSTAG
8. Erwachen
14. September 2010
Er wachte auf von einem Klopfen. Unmittelbar darauf spürte er einen bohrenden Schmerz. Einen Augenblick hatte er das Gefühl, sein Körper sei in tausend Einzelteile zersplittert; dann lokalisierte er das Klopfen wie auch den Schmerz im Inneren seines Kopfes. Er stöhnte auf, rieb sich über die verklebten Augen, blinzelte und öffnete sie zu Schlitzen. Wie es schien, befand er sich in einem Keller. Von irgendwoher bahnte sich ein Lichtstrahl seinen Weg und befreite Myriaden Staubkörner aus der Welt der Schatten. Etwas kitzelte ihn in der Nase, und er musste niesen.
Der Schmerz explodierte wie eine Bombe. Sekundenlang war er vollkommen blind; dann erblickte er vereinzelte Sterne, die über den Horizont torkelten und einer nach dem anderen verpufften. Sigi wischte sich den Schweiß von der Stirn, richtete sich auf und stellte fest, dass er auf einer Art Pritsche lag. Er biss die Zähne zusammen, riss sich mit einem Ruck hoch und sackte wieder an die feuchte Wand. Wo war er und was hatte er in Gottes Namen in diesem Kabuff verloren? Sein Blick irrte durch den halbdunklen Raum. Von den Wänden tropften feuchte Rinnsale, die ineinander liefen zu seltsamen Formen und Figuren. Davor lagerten alte Lumpen, vergessene Farbkübel, rostiges Eisen und die Puzzleteile eines zerbrochenen Spiegels. Auf einer Scherbe erblickte er den blutroten Abdruck eines schönen Mundes, der ihm zulächelte wie die Anmutung an ein lang vergessenes fernes Glück. In der Mitte des Raums standen zwei klapperige Stühle und ein alter Tisch.
Er blickte auf die gegenüberliegende Wand. Dort befand sich eine weitere Pritsche. Und dort lag lang ausgestreckt und leise schnarchend er selbst. So, als habe sich sein Spiegelbild nach einem langen und aufzehrenden Streit selbstständig gemacht und endgültig von seinem Verursacher getrennt.
Einen Moment lang setzte sein Herz aus. Ängstlich senkte er die Augen und starrte auf eine goldberingte fremde Hand, eine Designerhose und ehemals schwarz glänzende Schuhe: Lebende und tote Materie, die allesamt dem Überbegriff Karl-Heinz zuzuordnen war; nur, dass in dem zugehörigen Kopf er selber steckte. Seine Gliedmaßen durchlief ein Zittern. Er atmete hastig und kniff die Augen zusammen. Dann stand er mit wackeligen Knien auf, wankte auf den schlafenden Sigi zu und rüttelte ihn wach. Er wartete, bis der sich um-drehte, und fragte so trocken wie möglich: »Wer bist du?«
Sigi Nummer zwei rieb sich die Augen, knurrte unwillig und drehte sich wieder zurück. Plötzlich war es mit seiner Selbstbeherrschung geschehen. Er riss den Kopf seines Alter Ego in die Höhe und schrie: »Wer bist du, verdammt noch mal?«
Sein Spiegelbild betrachtete ihn wütend. Es machte Anstalten, zurückzuschreien, doch plötzlich erstarb ihm das Wort auf der Zunge. Der zweite Sigi rieb sich über die Augen, riss sie dann weit auf und begann zu stöhnen. Sein Oberkörper sackte in sich zusammen und stürzte, wie Minuten zuvor Nummer eins, zurück an die Wand. Mit glasigen Augen musterte er seine Glieder. »Ich bin eigentlich Karl-Heinz … und du, lass mich raten … Sigi?«
Der Maler setzte sich neben seine treulose Hülle und krächzte: »Kannst … kannst du mir erklären, was passiert ist?«
Karl-Heinz stierte auf seinen Ex-Körper und strich sich über die nicht vorhandenen Locken. Statt ihrer wanderte seine Hand über eine beginnende Glatze. Er blickte an sich hinunter, schüttelte den Kopf und versuchte, einen Gedanken zu fassen, der irgendwie weiterhalf.
»Ich glaube, wir waren sternhagelbesoffen; wir hatten …«, langsam kamen seine grauen Zellen – waren es tatsächlich seine? – wieder in Fahrt. »Wir haben ein wenig lamentiert und im Spaß überlegt, wie es wäre, unsere Leben zu tauschen. Dann saß so ein dünner Schwarzer bei uns am Tisch. Du Vollidiot hast ihn zu einem Glas Wein eingeladen, er hat ein paar Kunststücke vorgeführt, und auf einmal saßen wir mit dieser Frau im Keller.«
Er schreckte aus seinen Gedanken hoch. »Vielleicht ist sie ja noch hier und kann …«
Sigi winkte ab. »Die ist längst über alle Berge.«
Sein waidwunder Blick – den Karl-Heinz’ Augen nur mangelhaft umsetzten – blieb an seinem Freund hängen. »Gib mir meinen Körper wieder, bitte. Ich kann doch nicht …«
Er schloss die Augen, und langsam überfiel ihn die volle Konsequenz seines Debakels. Wie Nadelstiche spürte er die Fremdartigkeit dieser Augäpfel und schuppigen langen Haare. Seine Muskeln waren verkrampft, seine Haut trocken und um seinen Brustkorb lag ein Ring, der ihm das Atmen schwer machte. Er wollte auf und davon laufen, doch alles, was ihn ausmachte, steckte in diesem idiotischen Körper, der sich so unsinnlich bewegte wie eine Puppe aus Styropor. Er spürte einen Knoten im Hintern und starrte Karl-Heinz wütend an: »Du … du hast Hämorrhoiden!«
Der grinste verlegen und zuckte mit den Schultern. »Tut mir leid, ich konnte ja nicht ahnen, dass du eines Tages in meine Haut fahren würdest.«
Plötzlich überfiel Sigi das Unglück wie ein Sturm: Wie sollte er in diesem Aufzug, mit diesem Gesicht und verspannten Körper zurück zu Joana, zu seiner Staffelei, seinen Bildern und Schulden? Seine brennenden Augen füllten sich mit Tränen … Das ist interessant, dachte ein weit entfernter Teil von ihm. Kann man Traurigkeit malen?
Karl-Heinz legte den Arm um seine Schultern, fischte aus seiner ehemaligen – nun Sigis – Hose ein frisches Taschentuch und drückte es ihm in die Hand. »Tja, mein Alter«, sagte er und ließ den Blick von Sigis Augen über den Raum schweifen. »Da haben wir uns ganz schön in die Scheiße geritten …«
Er horchte in seinen neuen Leib hinein und stellte überrascht fest, dass er ihm gefiel. Auf einmal begann er zu verstehen: Dieser Körper war in sich zu Hause. Sein Atem glitt wunderbar leicht durch die Lungen, und sein Blick war … frei, das war das richtige Wort. Vielleicht nicht unbedingt wie ein Adler, aber doch so ungebunden wie ein Spatz, der angeregt durch die Luft flattert und fröhlich pfeifend sein Nest putzt.
»Machen wir das Beste daraus«, erklärte er tapfer und kratzte sich an einem Mückenstich, der an einem anderen Körper juckte. »Hatte diese … Maria Mulambo nicht etwas gesagt von einer Woche?«
»Eine Woche?« Sigi starrte ihn wütend an. »Eine Woche lang mit meinem Körper Joana vögeln, so hast du dir das wohl gedacht?«
Karl-Heinz musterte ihn kühl. »Mach halblang, mein Lieber. Glaubst du, ich habe mir diese Geschichte ausgesucht? … Wenn du willst, können wir gemeinsam bei Joana auftauchen und ihr das Malheur erklären. Und du darfst sieben Tage mit meinem Körper so tun, als wäre alles beim Alten. Ich überlasse ihn dir gern. Allerdings müsste sie dann mit ein paar Unterschieden leben … und du musst meiner Sekretärin und meinen Kunden erklären, warum ich mit deinem Körper in meinem Büro erscheine.«
»Das darf alles nicht wahr sein!«, stöhnte Sigi und stellte angewidert fest, dass die Hämorrhoiden juckten.
9. Entscheidung
Eine halbe Stunde später saßen sie in einer Kneipe und hielten Kriegsrat – vorsichtshalber nicht in ihrem Stammlokal, denn noch fühlte sich Karl-Heinz dem hormonellen Ansturm einer verliebten Bedienung nicht gewachsen. Sigi schlürfte an seinem dritten Milchkaffee und hoffte darauf, dass sich der Restnebel in seinem Gehirn noch lichtete.
»Hat sie wirklich gesagt eine Woche?« In seiner Stimme schwang ein Funken Hoffnung.
»Absolut wirklich. Wobei natürlich die Frage ist, ob sie ihr Versprechen hält?
»Du meinst … ich muss vielleicht mein ganzes Leben in diesem Körper …?«
Karl-Heinz grinste säuerlich. »So schlecht ist er nun auch wieder nicht.« Er drückte seinen Rücken durch und richtete die Augen in die Ferne. »Betrachten wir die Sache doch einmal nüchtern: wir haben keine Ahnung, wer diese Frau ist, warum sie das mit uns angestellt hat und ob sie ihren Spaß wieder zurücknimmt. Auf jeden Fall können wir nichts tun. Oder willst du zum Neurologen gehen und sagen: Tut mir leid, ich sitze im falschen Körper, holen Sie mich bitte wieder raus!«
»So weit war ich auch schon. Und weiter?«
Karl-Heinz nippte an seinem Kaffee und trommelte mit zwei Fingern auf den Tisch. Er wusste nicht warum, aber er fühlte sich plötzlich wie neu geboren. »Ich mache dir einen Vorschlag: Wir können an der Situation zunächst nichts ändern – also machen wir das Beste daraus!«
»Und das wäre?« Sigis fühlte in sich hinein und stellte außer seiner trockenen Haut und den verkrampften Gliedern noch etwas anderes fest: Eine fast manische Energie; eine Kraft, die das, was sie sich vorgenommen hatte, auch durchsetzen wollte – um nahezu jeden Preis.
»War was?« Karl-Heinz checkte im Geist schon die Agenda der nächsten Tage. »Also: ich weise dich in meinen Job ein, und du kannst alles, was du in dieser Woche verdienst, behalten. Du erhältst Zugang zu meinen Konten – ich hoffe, du enttäuschst mein Vertrauen nicht – und kannst mit meiner Sekretärin und von mir aus auch mit Sabine machen, was du willst …«
»Wie großzügig. Und weiter?« Sigi wollte sich an der Schläfe kratzen und stieß stattdessen auf eine schuppige Locke. Er zog den Finger zurück und schwor sich, so bald wie möglich zum Frisör zu gehen.
»Dafür bekomme ich eine Woche lang deine Bilder, deine Schulden und … na ja, Joana ist in dem Paket wohl mit eingeschlossen … Mach nicht so ein miesepetriges Gesicht, das sieht ja fast so aus wie ich … Hast du vielleicht eine bessere Idee?«
Karl-Heinz griff nach seinem Ring und erschrak, weil er ihn nicht fand. Sigi sein, dachte er fast schon beschwingt und fühlte, wie das neue Gefühl in seinen Körper strömte, sich darin ausbreitete und zu einem unsinnigen und fast abartigen Glück formte.
Sein Freund schlürfte nachdenklich einen Schluck Kaffee. Plötzlich musste er an Joana denken, fühlte Schwindel und anschließend einen heftigen Stich im Magen. Einen Moment lang glaubte er, er müsse sich erbrechen. Er kniff die Augen zusammen wie ein Kind, das glaubt, dadurch würde der kläffende Köter vor seiner Nase verschwinden. Unsinnige Verzweiflung brandete in ihm hoch und machte Anstalten, ihn zu überschwemmen. Der Teil von ihm, der noch einigermaßen funktionierte, registrierte, wie sich sein Herz zusammenzog und gegen das aufsteigende Bild rebellierte: Er sah Karl-Heinz mit seinem Körper auf Joana liegen und lustvoll stöhnen.
Das ist wohl der Preis, dachte er trostlos, atmete tief aus und stellte die Tasse zitternd auf den Tisch.
Sieh es doch einmal anders herum, wies er sich zurecht. Wenn alles gut geht, braucht Joana von unserem Tausch gar nichts zu merken. Sie würde diese idiotische Geschichte sowieso nicht glauben. Außerdem würde sie sich nie mit dem vertrockneten Körper, in dem ich stecke, einlassen, da bin ich mir sicher …
Er schluckte den Kloß in seinem Hals herunter und sagte heiser: »Hosen runter! Hast du sonst noch irgendwelche Gebrechen?«
Karl-Heinz lächelte entspannt. »Die Hosen kannst du gleich selbst runterlassen – mein Körper ist der deine!«
Die beiden starrten sich einen Moment lang böse an. Dann überfiel es sie gemeinsam, und sie schüttelten sich vor Lachen.
Die nächsten Stunden verbrachten sie damit, diskrete Details ihres jeweiligen Lebens auszubreiten, die ohne diesen Notfall nie über ihre Lippen gekommen wären. Sie erklärten sich ihre Essgewohnheiten, die Schlafzimmereinrichtung, anfallende Rechnungen und Schulden, die Benutzung ihres Badezimmers und die letzten Arztbesuche. Sigi weihte Karl-Heinz in die Geheimnisse seiner Kunst ein, erläuterte ihm Techniken und Farbaufträge, erklärte, wo er sein Material einkaufte und wer seine neuesten Kunden waren. Karl-Heinz verriet im Gegenzug geheime Tricks, die er normalerweise nicht einmal seiner Großmutter erzählt hätte.
Am schwierigsten wurde es mit Joana. Sigi blieb nichts übrig, als aus dem Schulbuch zu plaudern. Mit zusammengebissenen Zähnen erzählte er von ihrem Tagesablauf und Bettgewohnheiten, von Joanas erdhaftem Charakter, von ihren gelegentlichen Streits und den wenigen grundsätzlichen Krisen.
Der Maler löste seinen Blick von den flirrenden Blättern einer Linde und rieb sich die Augen. Einen Moment lang ekelte er sich vor sich selber, würgte das Gefühl herunter und zwang sich zu einem Lächeln.
10. Kamila
September 1941
Der Doktor wählte die Stunde kurz vor dem Mittagessen. Er schlenderte wie von ungefähr an den Werkbänken vorbei und sah den Frauen bei der Arbeit zu. Endlich entdeckte er Kurz, der gerade aus seinem Büro trat. Ihre Blicke kreuzten sich, und Horst winkte seinen Meister zu sich her.
»Gut, dass ich Sie treffe«, erklärte er aufgeräumt. »Verdammte Hitze heute, nicht wahr?«
Kurz wischte sich den Schweiß von der Stirn und grinste. »Fast wie bei den Kanaken, könnte man meinen. Was kann ich für Sie tun, Doktor?«
Sein Chef wirkte für einen winzigen Augenblick verlegen. Fast im selben Atemzug gewann er seine Festigkeit zurück und hob einen Mundwinkel nach oben. »Da ist eben ein Problemchen aufgetaucht mit einem polnischen Schriftstück. Meine Sekretärin ist vollkommen überfordert. Ich brauche eine von den Ostarbeiterinnen, damit sie ihr beim Übersetzen hilft.« Seine hellblauen Augen richteten sich ausdruckslos auf Kurz.
Der Meister musterte ihn verblüfft. »Können Sie nicht eine offizielle Übersetzerin ordern? Ich meine, diese Frauen sind doch kaum in der Lage, ihren eigenen Namen zu schreiben, geschweige denn …«
Er bemerkte das Stirnrunzeln seines Vorgesetzten und versicherte eilig: »Aber natürlich, wenn Sie es wünschen. Eigentlich brauche ich ja jede dieser Frauen dringend, aber …«
Die Stirn des Doktors zog sich noch mehr in Falten, und er verstummte. Sein Chef legte jovial den Arm um seine Schulter und lotste ihn an den Bänken vorüber.
»Na, dann wollen wir mal sehen, ob wir eine Unterstützung für meine arme Ruth finden. Eine von denen werden Sie doch wohl entbehren können, oder nicht?«
Kurz hatte genug Erfahrung mit dem Doktor, um zu wissen, dass die Frage rhetorischer Natur war. Er wies auf eine Frau um die Vierzig. »Wie wäre es mit der? Die spricht meines Erachtens ein ganz annehmbares Deutsch.«
Horsts Blick huschte über die Frauen und Mädchen. Ihre im Einheitsgrau gewandeten Rücken beugten sich über die Bänke, und sie bemühten sich, möglichst unsichtbar zu wirken. Wenn der Inhaber der Firma mit seinem Meister durch ihre Reihen schritt, bedeutete das sicher irgendeine Teufelei – auf jeden Fall nichts Gutes. Wie von ungefähr blieb der Doktor vor einer Frau und einem jungen Mädchen stehen. Es handelte sich um die jüngste der Ostarbeiterinnen; eben die, die gestern von Kurz der Spionage verdächtigt worden war.
»Wie wäre es denn mit der da? Die sieht mir doch ganz aufgeweckt aus.« Der Doktor bemühte sich um einen neutralen Tonfall. Wie er fand, gelang ihm dieser ausgezeichnet.
»Diese renitente Person?« Kurz fasste sich entsetzt an die Schläfe. »Mit der werden Sie keine Freude haben. Der ist der Widerspruch doch schon in die Stirn gebrannt.«
Horst blieb einen Moment lang sinnend stehen, als müsste er angestrengt überlegen. Der Duft des Mädchens, das umgehend zu transpirieren begann, stieg ihm in die Nase. Scharf und etwas süßlich zugleich, sehr erregend; so wie er sich einen Ritt vorstellte in der endlos weiten Steppe der Tundra …
Das Mädchen hatte sich tief über sein Werkstück gebeugt. Es atmete heftig. Geht weiter, dachte es verzweifelt. Macht euch verdammt noch mal aus dem Staub!
»Ich nehme sie«, erklärte der Doktor bestimmt. »Sie kann gleich mitkommen.«
Die Augen des Meisters verengten sich zu Schlitzen. Für Sekunden stand darin die nackte Wut.
Horst ergriff die Hand des Mädchens und zog es sanft nach oben. Sein Blick fiel auf Kurz, und er fragte leichthin: »Irgendein Problem?«
»Natürlich nicht, Herr Doktor!« Der Adamsapfel des Meisters hüpfte nervös auf und nieder, und Horst sah vergnügt, wie sich seine Hand zur Faust presste.
»Na, dann ist es ja gut«, erklärte er kühl und führte die junge Arbeiterin durch die Halle. Er wandte sich zu ihr hin und fragte: »Wie war doch gleich dein Name?«
»Kamila«, flüsterte sie und schritt steifbeinig neben ihm her. Niemand traute sich, ihr nachzuschauen. Sie fühlte sich, als schritte sie vor aller Augen zu ihrem eigenen Grab.
Die große, aufwändig gearbeitete Bürotür fiel ins Schloss, als wäre es für immer. Ein flauschiger Teppich verschluckte jedes Geräusch ihrer Schritte. Kamila hechelte wie ein Tier in der Falle. Der Patron gab ihre Hand frei und wies auf einen Stuhl neben der Türe.
»Du kannst dich hier hinsetzen«, erklärte er freundlich.
Kamila ließ sich zitternd nieder und hielt ihren Oberkörper kerzengerade. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass der Mann durch den Raum schritt und sich hinter einem gewaltigen Schreibtisch niederließ. Er beachtete sie nicht. Kamila starrte auf den Teppich und versuchte, ihren flatternden Atem zu beruhigen. Plötzlich hörte sie, wie eine Frau durch eine weitere Tür in den Raum trat. Sie warf einen verwunderten Blick zu ihr hin und schritt auf den Schreibtisch zu.
»Das Essen ist gerichtet, Herr Doktor.«
Der Patron blickte von einer Akte auf. »Was gibt es denn Schönes?«
»Hirschgulasch mit Semmelknödeln«, erwiderte die Frau, offensichtlich seine Sekretärin.
»Mit Preiselbeeren hoffe ich!«
»Natürlich, Doktorchen.« Sie schlug sich verlegen auf den Mund. Erneut warf sie einen raschen Blick auf Kamila.
Der Mann grinste spitzbübisch. »Ist schon in Ordnung, Ruth. Lass das Essen hierher bringen, ich will dabei ein wenig die Akten durchsehen. Und vergiss nicht eine Portion für das Mädel. Sie kann dort auf dem Stuhl essen.« Er wies mit einer Hand auf die Stelle, wo Kamila saß.
Fünf Minuten später kam ein Diener mit einem Wagen. Er deckte den Schreibtisch und füllte aus einer weiß glänzenden Terrine Gulasch auf den Teller. Kamila stieg der Geruch nach Wildfleisch und satter Soße in die Nase. Wie auf Kommando begann ihr Magen zu knurren. Zu ihrer maßlosen Verblüffung sah sie, dass der Kellner, nachdem er den Mann bedient hatte, tatsächlich auf sie zu schritt. Er stellte ein Tischchen vor sie hin und füllte in einen Blechteller Gulasch mit Soße. Dazu legte er einen fetten Knödel und häufte zum Schluss einen Teelöffel Marmelade dazu.
Sie schloss die Augen und spürte, dass ihr vor Hunger schlecht wurde. Kamila versuchte, an ihr Dorf zu denken und an ihre toten Eltern. Sie dachte an ihre Brüder, die vielleicht längst unter der Erde lagen und an den Weiher, in den sie oft nach der Arbeit gehüpft waren. Dann dachte sie an ihre Freundin Justyna und die anderen Frauen, die jetzt eine dünne Linsensuppe mit einem Stück Brot erhielten und solange daran kauten, dass es in ihrem Mund zu Brei wurde. Zum Schluss dachte sie an den Meister; wie sie ihm mit einer Gabel die Augen ausstach und ihn danach mit einem Feldstechergehäuse erschlug.
Als der Kellner endlich das Geschirr abräumte, hatte sie nicht einen Bissen angerührt.
Zum Feierabend entließ sie der Doktor freundlich, und sie wankte halb blind vor Hunger und Schwäche aus dem Raum.
11. Atelier
14. September 2010
Klopfenden Herzens drehte Karl-Heinz den großen, leicht verrosteten Schlüssel um. Die schwere Eingangstür schleifte beim Öffnen über den Boden. Über dem Atelierraum lag ein diffuses, nahezu schattenloses Licht.
Sigi hatte ihm seine Bilder, den Inhalt der Materialschränke und das geordnete Chaos der Farbtuben und Paletten, Lösungsmittel, Leinwände und Schwämme einigermaßen erklärt. Er hatte versucht, ihm klarzumachen, in welcher künstlerischen Phase er sich befand und warum. Er hatte ihn angefleht, nichts zu verpfuschen und lieber gar nichts zu malen als Schrott. Und er hatte ihn unter Tränen bekniet, Joana so pfleglich zu behandeln wie eines seiner vielschichtigen Gemälde, die er in einer Mischung aus Rausch und Kalkül von der Leinwand stahl, als wären sie ein Stück Marmor oder Granit.
Karl-Heinz fühlte sich wie ein Dieb im eigenen Haus. Er stolperte ungeschickt über ein paar Holzlatten, hielt sich an der Staffelei fest und hätte sie beinahe umgerissen. Wo war Joana? Er hatte sich auf dem Weg ein paar einleitende Sätze zurechtgelegt, witzig und schlagfertig, wie sie seiner Ansicht nach zu Sigi passten. Plötzlich waren sie wie weggeblasen. Zaghaft öffnete er die Tür zu den Privaträumen. Vor ihm lag eine gemütliche kleine Wohnküche. Durch das hoch liegende Erkerfenster lugte die Sonne. Abgesehen von ein paar zwitschernden Vögeln vor dem Fenster war es vollkommen still.
»Joana?«
Seine Stimme klang so dumpf, als dringe sie aus einem Berg von Watte. Er drückte sich um den Küchentisch und lehnte sich steif an die Kante. Der Schweiß rann ihm über die Stirne, sammelte sich hinter seinen Ohren und im Nacken. Eine Welle von Panik schlug in ihm hoch und war nahe daran, ihn zu ersticken. Wo war Joana?
Vielleicht hatte sie die Schmierenkomödie irgendwie entdeckt und sich davongestohlen? Oder sie war erbost über sein nächtliches Ausbleiben und beschloss, es ihm heimzuzahlen … Sabine hätte so gehandelt. Aus welchem Holz aber war Joana gestrickt? Er verfluchte Sigi, dass er ihn nicht besser instruiert hatte.
Die ganze Situation war ja vollkommen lächerlich und absurd. Er würde jetzt sofort die Wohnung verlassen und von Sigi seinen Schlüssel fordern. Wie hatte er sich nur auf so ein idiotisches Spiel einlassen können?
Karl-Heinz wandte sich zur Tür und war von einem Moment zum anderen vollkommen blind. Zwei Hände legten sich wie Klammern über seine Augen, und ein unsichtbarer Körper bedrohte ihn von hinten. Karl-Heinz schrie auf, riss die Hände vom Gesicht, drehte sich auf dem Absatz um und griff an. Er starrte in das erschrockene Gesicht Joanas.
Das Lachen, das ihr auf den Lippen lag, gefror zu einer Grimasse. Sie räusperte sich, starrte ihn einen Moment lang an und wedelte mit der Hand.
»Ich bin kein Seeungeheuer, keine Klapperschlange und auch kein Drache!« Das Lächeln kehrte wieder zurück, und sie begann zu kichern. »Du musst ja eine furchtbare Nacht hinter dir haben, so wie du aussiehst.« Sie strich ihm über die stoppelige Wange. »Mein armer Sigi!«
Einen Augenblick lang drehte sich alles um ihn im Kreis. Er schloss die Augen, hielt sich reflexartig an etwas fest, merkte, dass es warm und weich war, und stieß das fremde Objekt vorsorglich weg. Wie durch einen Nebel erblickte er die hochgezogene Stirne seiner dunklen Frau.
»Joana«, krächzte er. »Ich dachte, dass … du bist hier?« Sein Gesichtsausdruck glich dem eines Dreijährigen, der eine Trigonometrie-Aufgabe vor sich sieht.
»Mein armer Sigi«, wiederholte Joana und trat kopfschüttelnd an den Gasherd. »Ich glaube, ich mache dir erst mal einen Tee … Wo bist du überhaupt gewesen? Du hättest mich ja ruhig anrufen können!«
Karl-Heinz stierte auf einen Miniatur-Nikolaus, der zeitlos und hässlich neben Oregano-, Safran- und Pfefferdosen auf dem hohen Regal stand.
»Ich war mit Sigi«, er griff sich an die Stirn, »will sagen mit Karl-Heinz in unserer Kneipe. Es war auch ein Kumpel aus alten Zeiten da, und wir haben Wiedersehen gefeiert bis zum Morgen. Du bist mir doch nicht böse, oder?«
Joana unterdrückte ein Lächeln. »Kleine Jungen schlagen manchmal über die Stränge … Ich verzeihe dir ausnahmsweise, aber nur, wenn du bis zum Ende austrinkst.«
Sie reichte ihm den streng riechenden Tee. Karl-Heinz schnüffelte daran, verzog das Gesicht und begann mit Todesverachtung zu trinken. Es geht ja, dachte er und fühlte sich plötzlich von einer Euphorie davongetragen. Es funktioniert tatsächlich.
Schon etwas sicherer bestellte er Sigis unnachahmlichen Hundeblick und richtete ihn auf Joana. Innerlich jauchzend stellte er fest, dass ihre Augen weich wurden und zu glänzen begannen. Sein Blick rutschte tiefer und fiel auf das einladende Dekolleté. Fast entsetzt bemerkte er, dass sie keinen BH trug. Karl-Heinz stellte den Tee ab und verschüttete die Hälfte. Auf einmal überschwemmte ihn eine Welle von Gier. Seine Hand machte sich selbstständig und glitt von Joanas Schulter über den Halsansatz zu dem Tal zwischen ihren Brüsten.
Joana schlug ihn auf die Hand und wies auf den Küchentisch. »Alles austrinken!«, flüsterte sie heiser.
Karl-Heinz trank den Becher in einem Zug leer, verschluckte sich und begann zu husten. Seine Frau schüttelte ungläubig den Kopf. »Du benimmst dich ja, als hättest du eine Woche keine Frau angerührt.«
… Womit du durchaus recht hast, dachte Karl-Heinz, stürzte sich auf sie und riss ihr das bunt gefleckte Kleid von den Schultern.
Sekunden später war er nicht mehr vorhanden. Sigis Körper übernahm die Regie, so als wüsste er im Schlaf, wo Joanas Lieblingsstellen waren, wo er streicheln musste und wo drücken. Er wusste, wann es galt, eine Pause zu machen, um ihren aufgelösten Blick in der Schale des seinen zu fangen und dann unendlich langsam erneut zu spielen; bis sein Bewusstsein sich auflöste in ein Feuerwerk, das er eigentlich erst zu Silvester erwartet hatte.
12. Büro
Sein Freund Sigi machte sich auf den Weg durch Friedrichshain in die Richtung von Karl-Heinz’ Büro. Er hatte es nicht eilig. Die Nachmittagssonne beschien gleichermaßen Wiesen und Bäume, telefonierende Manager, türkische Hausfrauen mit riesigen Tüten und die immer zahlreicher werdenden Bewohner der Straße.
Er ging über die Brücke, die zur Köpenicker Straße führte, schlenderte den Kanal entlang und bewunderte die Ausflugsboote. Unermüdlich pendelten sie von einem Ende der Stadt zum anderen und beförderten Touristen, die gierig den Geschichten über ehemalige Todeszonen und Stacheldraht lauschten. Scharen von Tauben kreisten über dem Wasser und verlangten gurrend, dass man sie bediente. Ein bärtiger Landstreicher teilte seine Brotzeit mit den Vögeln, die ihn aufgeregt umflatterten und versuchten, sich gegenseitig die Brocken wegzuschnappen.
Sigi senkte seine Hand in den ungewohnten Stoff seiner Hose, kramte eine von Karl-Heinz’ Münzen hervor und legte sie dem Mann auf die Decke. Der Landstreicher lockte eine zögerliche Taube, die ihn aus starren Augen anblickte. Er war so in den stummen Dialog versunken, dass er nicht einmal nach oben sah.
Sieben Tage, dachte Sigi. Wenn man dabei war, ein Bild zu malen und nachts davon träumte, etwas zu schaffen, das noch viel mehr war: ein Strudel, in den man absinken konnte und sich in seinen Untiefen verlieren; um dann vielleicht wieder aufzutauchen in einem Blitz des Erkennens – dann konnte eine Woche sehr kurz sein. Wenn man auf einen verlorengegangenen Körper und seine ausgeliehene Frau wartete, war sie wahrscheinlich entsetzlich lang.
Man konnte diese Zeit aber auch wie ein Bild sehen; ein Kunstwerk, das er schuf, indem er es lebte. Ein Lernen und, wer weiß, am Schluss ein Gelingen. Er beschloss, eine vielleicht gerade jetzt unter seinem fremden Körper liegende Joana zu vergessen und horchte nach innen. Er betrachtete seine angespannten Hände mit den hervorstehenden Venen und strich über seine arrogante Nase und den Mund wie ein Blinder, der mit dem Tastsinn sieht; er meinte zu fühlen, wie sein drängendes Blut durch die dünnen Adern strömte. Und er lauschte der fast quälenden Unruhe, die in jeder Faser dieses Körpers pulste. Sein Besitzer, dachte er befremdet, hatte sich zum Erfolghaben verurteilt …
Fast wie von selbst gelangte er nach Kreuzberg und in die Oranienstraße. Wie immer, wenn er hier war, genoss er die an sich unverdauliche Mischung aus Kiez, Kunst und Kommerz; ein schickes indisches Restaurant, das zur Dekoration den halben Palast eines Maharadschas geplündert zu haben schien, lag neben einem nach Kebab duftenden Türkenladen. Die Enklave von Istanbul fand sich nicht weit entfernt von Greenwich Village; gleich daneben stieß man auf Auslagerungen Persiens, Afghanistans, Polens und der Ukraine. Ein Drogensüchtiger konnte hier neben einem Börsianer sitzen, und ein russischer Zuhälter neben einer Beauftragten für Frauenrechte.
Sigi wusste, dass diese Lebendigkeit gegen den Lauf der Zeit ankämpfte. Ein einfacher Laden nach dem anderen gab auf und wich einer Designer-Bar oder einem angesagten Sushi-Imbiss. In ein paar Jahren würden all die schrägen Vögel und Landstreicher, die vergessenen Punks, Literaten und Artisten eine andere trostlose Nische gefunden haben und sie zum Blühen bringen; bis man sie auch von dort wieder vertrieb.
Karl-Heinz hatte gut gewusst, warum er sich hier schon vor Jahren zu einem Spottpreis zwei Wohnungen im gleichen Gebäude gekauft hatte. Es lag am Anfang der Straße etwas abseits vom Rummel. Im Erdgeschoss in der Ladenwohnung hatte er sein Büro eröffnet, und hoch oben unter dem Dach wohnte er, mit fantastischem Blick auf den Fernsehturm und die technokratische neue Welt des Potsdamer Platzes.
Sigi blickte auf die diskreten Edelstahllettern über der Tür: Antiquitäten. Ein flüchtiger Beobachter hätte sie wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen. In dem – natürlich mit Alarmanlage versehenen – Schaufenster ruhte das ausgewählte Exemplar einer kleinen Truhe. In winzigen Buchstaben war darunter zu lesen: Wien, circa 1675. In dem modernen Büroraum selbst wies nichts darauf hin, dass hier jährlich etwa zweihundert erstklassige Antiquitäten den Besitzer wechselten. Sigi seufzte in sich hinein und öffnete die Tür.
Monika, seine Sekretärin, blickte vom Schreibtisch hoch, sah entrüstet auf die Armbanduhr und begann umgehend zu schimpfen. »Ich glaube es nicht. Konntest du nicht einmal anrufen? Den ganzen Vormittag lief hier das Telefon heiß, und ich war nicht in der Lage, jemandem eine vernünftige Antwort zu geben!«
Sigi konnte nicht anders. Er sah in ihren Augen eine mühsam unter Verschluss gehaltene Mischung aus Widerwillen, Verbitterung und Schmerz. Auf Samtfüßen trat er vor ihren Drehstuhl und fiel auf die Knie. »Mea maxima culpa!«
Mit galanter Geste ergriff er ihre Hand und küsste sie sanft. Seine stahlblauen Augen scheiterten an der Aufgabe, den geplanten Blick in die Tat umzusetzen, doch allein schon der Kuss erzielte eine verblüffende Wirkung.
Monika riss ihre dezent geschminkten Augen auf und starrte ihn an. »Hast du getrunken? Bist du verliebt? Hattest du einen Schlaganfall?«
Er erhob sich vom Boden und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. »Nichts dergleichen«, erwiderte er zerknirscht. »Ich bitte dich nur um Verzeihung!«
Sie zögerte einen Moment, als sei sie in einer Agonie gefangen. Dann griff sie mit fliegender Hand nach einem Designer-Kugelschreiber und beugte sich über ihren Kalender. »Den Tag muss ich mir rot anstreichen.« Sie zeichnete ein dickes Kreuz und schrieb zweimal unterstrichen daneben: Karl-Heinz bat mich heute auf Knien um Verzeihung!
Ihr hübsches, ein wenig pummeliges Gesicht erlebte in Sekundenschnelle eine Metamorphose. Die chronische Anspannung wich einer leichten Röte, die sich wie von magischer Hand gezeichnet über ihre Wangen, den Hals und die Schultern legte. Ihre zusammengepressten Lippen wurden weich, und in die kastanienbraunen Augen trat ein Ausdruck, der Sigi auffällig an die Bedienung in seiner Stammkneipe erinnerte.
Monika öffnete ihren Mund zu einem weiteren Statement, überlegte es sich anders, sah geflissentlich auf ihren Kalender und sagte mit völlig veränderter Stimme: »Zwei – nein, drei Kunden haben angerufen und bitten um Rückruf. Der Bauer aus Niederösterreich hat sich gemeldet. Dein Steuerberater kann einen Termin freimachen am Freitag um zehn Uhr.« Sie zögerte kurz und kräuselte ihre hübsche Stirn. »Sabine hat sich gemeldet und bittet … nein – fordert ebenfalls einen Rückruf, und zwar gestern.«
Sie versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken und hauchte dann: »Ich weiß nicht, ob du mich heute noch brauchst … Ansonsten wäre ich ja jetzt fertig.« Ihre Körpersprache brachte deutlich zum Ausdruck, dass sie noch lange nicht fertig zu sein wünschte.
»Ohne dich wäre ich nur Schall und Rauch«, erwiderte Sigi und seufzte. »Aber für heute ist es genug. Ich muss mich schließlich noch mit österreichischen Viehhändlern, dem Steuereintreiber und zahlungsunwilligen Kunden herumschlagen. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben …«
Er hauchte einen Kuss gefährlich nahe an ihre Lippen. Monika sah ihn mit einer Mischung aus Unsicherheit, Misstrauen und Hingabe an. »Du bist heute so … anders …«
Sigis Augen wanderten nachdenklich über ihren Ausschnitt. »Weißt du, wo ich jetzt gerne wäre?«
Sie hing erwartungsvoll an seinen Lippen.
»Auf einem Heuwagen irgendwo im Grünen, zusammen mit einem rundlichen blonden Mädchen … so wie du …«
Monika erhob sich schwankend aus ihrem Drehstuhl. Sie überlegte einen Augenblick, sich an seine Brust zu stürzen, hielt sich im letzten Augenblick zurück und stolzierte hüftenwackelnd zur Garderobe, wo sie ihre Tasche und einen leichten Mantel vom Haken nahm. Sie schritt zur Tür, wandte sich noch einmal um und hauchte ihm eine Wagenladung voller Küsse zu.
Sigi schloss einen Moment lang die Augen. Er machte Anstalten, sich über die Stirnglatze zu streichen, stieß erneut auf das fremde Büschel dunkler, kratzender Locken und schüttelte angeekelt den Kopf. Halbherzig griff er nach dem Kalender, trat damit in sein Büro, setzte sich in den Biedermeierstuhl und deponierte die Beine auf dem gläsernen Schreibtisch. Was sollte er als erstes tun? Die Kunden anrufen? Den Steuerberater? Ein Gefühl sagte ihm, dass zunächst einmal der Bauer dran war. Er wählte die österreichische Nummer und hörte das Freizeichen.
»Hackelhofer«, erklang eine missgelaunte Stimme mit Dialekt.
»… Was würde ich jetzt gerne auf einem niederösterreichischen Heuhaufen sitzen«, spann Sigi das eben erfundene schöne Bild weiter. »Ein kühles Bier in der Hand, und in der anderen vielleicht ein Mädchen …«
»Wer spricht denn da?«
»Mein Gott, ich habe mich überhaupt nicht vorgestellt. Hier ist Karl-Heinz Schlichte aus Berlin.«
Sigi hörte förmlich, wie bei seinem Gesprächspartner die Alarmglocken schrillten. »Ach ja, die kostbare Truhe …«, erwiderte Herr Hackelhofer vorsichtig.
»Bei Ihnen auf dem Hof muss es jetzt herrlich sein«, improvisierte Sigi weiter. »Der Blick auf die fernen Berge, die bunten Geranien am Fenster, der Geruch nach frisch gewendetem Heu …«
Hackelhofer räusperte sich und fragte: »Mit wem spreche ich?«
»Karl-Heinz Schlichte, ich bin es immer noch. Wissen Sie, dass ich Sie um Ihre frische Milch und Ihren Sonnenuntergang beneide? Oder ein frisches Bad in einem kleinen See …«
»Im … äh, Hatzinger Weiher kann man jetzt um die Zeit noch gut baden, aber wollten Sie nicht …«
»Mich entspannen, Herr Hackelhofer; Ferien machen, den Duft von frisch gemähtem Gras riechen: Das würde ich gerne …«
»Aber … da sind Sie ja hier vollkommen richtig! Wir leben in einem Paradies. Ich sage immer wieder zu meiner Frau: Maria, sag ich, wir zwei Hübschen brauchen gar nicht mehr zu sterben, wir sind jetzt schon im Garten Eden!« Er lachte herzlich, und Sigi fiel ebenso fröhlich mit ein.
Herr Hackelhofer konnte es kaum fassen. Dieser Schlichte war ja in Wahrheit ein hoch sympathischer Kerl – intelligent, gebildet …
»Kommen Sie doch einfach zu uns. Wir haben Fremdenzimmer mit West- oder Ostbalkon, wie Sie es wünschen. Und … Herr Schlichte …« Er machte eine kleine Pause. »Die Madeln hier sind vom Feinsten, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. … Wann wollen Sie kommen?«
Sigi seufzte. »Am liebsten sofort. Aber die Hyänen hier lassen mich ja nicht fort.«
Herrn Hackelhofers Stimme zitterte vor Empörung. »Ich kenn das, Herr Schlichte. Diese Schakale lassen einem keine Ruhe.«
»Sie nehmen mir das Wort aus dem Mund.«
»Wenn ich gewusst hatte, wie sehr Sie mein Land lieben, dann hätten wir doch nie, ich meine: sofort … Wissen Sie was? Kommen Sie, wann Sie wollen, mein Haus steht immer für Sie offen! Und wegen der Truhe machen Sie sich keine Sorgen, ich gebe Ihnen die Konditionen wie gewünscht. Ich schicke sie Ihnen gleich morgen zu. Hat mich sehr gefreut, Herr Schlichte, hat mich wirklich sehr gefreut!«
Sigi legte den Hörer nieder. Vor dem Fenster spielte das verschwenderisch goldene Licht des späten Nachmittags. Im Hof zwitscherten die Vögel, und von fern her hörte er das Lachen und das Geschrei von Kindern. Er konnte mit seinem ersten Arbeitstag zufrieden sein.
Warum spürte er dann diese Traurigkeit, die über seine Haut krabbelte wie hunderte winziger vielfüßiger Käfer?
13. Fremde Nähe
Joana hielt die Augen geschlossen. Sigis verschwitzter Kopf ruhte schwer atmend auf ihrer Brust. Sie zwirbelte mit zwei Fingern an seinem dünner werdenden Haar. Dieses Mal war es fast unglaublich gewesen … so anders … Als ob sie mit Sigi geschlafen hätte und gleichzeitig mit einem Fremden. Sie hatte eine Gier in ihm gespürt, die fast schon an Verzweiflung grenzte. War es die chronisch desolate Finanzlage, die ihn plötzlich zu solchen Stürmen hinriss?
Obwohl sie wusste, dass er ein Frauenverehrer war, vertraute sie ihm eigentlich blind. All der Charme, den er über bedürftige Herzen ausschüttete, und seine aus dem Ärmel geschüttete Leichtigkeit gründeten auf zwei Eigenschaften: Einerseits gehörte er zu der aussterbenden Gattung der Menschenfreunde. Seine Beobachtungsgabe als Künstler war scharf wie ein Seziermesser. Er erkannte die Defekte der Menschen, als seien es Schlagschatten der Wahrheit, die ihr trügerischer Körper gegen seinen Willen warf. Er sah die Selbstsucht, die oft hinter dem Wunsch nach Liebe steckte, und die Unfähigkeit, sich wirklich zu mögen. Was den weiblichen Teil seiner Studienobjekte betraf, tat er das Beste, den Schmerz der an sich selbst und der Welt leidenden Wesen zu lindern. Doch Joana glaubte nicht, dass er seit ihrer Heirat je eines der zahlreichen Angebote wahrgenommen hatte.
Der zweite Grund war ein scheinbar entgegengesetzter: Sigi empfand sich in seinem tiefsten Herzen als Spieler. Er liebte es, andere und sich selbst zu überraschen. Er genoss das Jonglieren mit Worten und Gesten, die Kunst, Grenzen auszuloten und immer ein wenig weiter zu gehen, als es die Norm erlaubte.
Aus diesen Gründen liebte sie ihn: Wegen seiner tiefen Beständigkeit und wegen seiner Kunst, das Leben in jedem Augenblick neu zu erfinden. Joana seufzte voller Glück. Alles andere, dachte sie, würde sich schon lösen … Die vielen unbezahlten Rechnungen; seine Unfähigkeit, die wunderbaren Bilder auch nur einigermaßen angemessen zu verkaufen und ihr gemeinsames Leben wirklich zu errichten: Schritt für Schritt und Stein auf Stein, so wie es an sich ihrem erdhaften Charakter entsprach. Aber das war vielleicht der Preis für ihre Liebe.
Ohne dass sie wusste warum, spürte sie plötzlich eine Unruhe. Irgendetwas stimmte nicht. Sigi schwitzte immer noch; seine Glieder hingen ruhig, fast schlaff an ihm herunter. Dennoch empfand sie fast körperlich seine Unrast. Wo war seine Hand? Eigentlich hätte sie schon vor Minuten schläfrig an ihrer Haut hochgleiten müssen, um schließlich an einer ganz bestimmten Stelle am Halsansatz zu landen, wo sie durch seine Berührung fortflog in eine Weite, die sie erinnerte an die Unendlichkeit des Sertão; wenn sie frühmorgens auf dem Rücken ihrer Stute saß und durch den rötlich gelben Staub tobte; oder abends, wenn über der Fazenda der Himmel glühte und sein letztes Feuer über die Erde goss.
Joanas Hand hörte auf zu zwirbeln.
Karl-Heinz’ erneutes Ankommen in der Welt vollzog sich in Etappen. Die Frau, die nun tatsächlich die seine war, lag erschöpft und anscheinend befriedigt neben ihm. Er hatte ja schon etliche Gefährtinnen besessen. Aber so etwas wie heute war ihm noch nie passiert. Eine fast beängstigende Vertrautheit und darüber hinaus … ein Abgrund, der ihn – befände er sich noch in seinem eigenen Körper – wahrscheinlich entsetzt hätte.
Was sollte er jetzt tun? Sie noch einmal küssen, streicheln, etwas Charmantes sagen? Diesmal verweigerten seine neuen Glieder die Antwort. Auch Joanas Verhalten half ihm nicht wirklich weiter. Sie schien auf irgendetwas zu warten. Aber auf was, um Gottes willen?
Plötzlich überfiel ihn eine Welle von Panik. Wie sollte er dieses Possenspiel auch nur einen Tag überleben? Wie sollte er dieser Frau sieben Tage und Nächte etwas vorgaukeln, das er auch beim besten Willen nicht war? Sigi hatte ihm von ihrem Alltag erzählt; von der Art, wie sie über Kunst sprachen, wie sie gemeinsam aßen und in welcher Stellung sie normalerweise schliefen. Doch Karl-Heinz machte sich nichts vor. In Wahrheit lag er hier mit einer Fremden. Er spürte, wie sein Körper reagierte und erneut zu schwitzen begann. In seinem Hals saß ein unangenehmer und dicker Kloß.
»Sigi?«
Karl-Heinz zuckte zusammen.
»Was ist los?«
Seine Gedanken begannen sich zu überschlagen. Was sollte er tun? Irgendetwas erfinden – dass er schlecht geschlafen hatte oder vor Ärger nicht ein noch aus wusste? Oder ihr reinen Wein einschenken? Das wäre vielleicht das Beste … Reinen Tisch machen, sich aufrichten und erklären: Tut mir leid, Joana, ich bin ein anderer; ich rufe gleich bei Sigi an und gebe dir deinen Ehemann zurück, du musst nur eine Woche mit der Gestalt von Karl-Heinz vorlieb nehmen … Hat mich sehr gefreut, aber ich muss jetzt gehen.
»Was soll denn los sein?« Karl-Heinz biss sich auf die Zunge. Er war wirklich der größte Idiot auf Gottes Erden!
Joana zog seinen Kopf von sich fort, richtete sich auf und blickte ihn forschend an. Ihre Augen schillerten in der Farbe von hellem Kupfer. »Du weißt, dass du immer auf mich zählen kannst – das weißt du doch, oder?«
»Natürlich, mein Engel.« Karl-Heinz merkte, dass sein rechter Mundwinkel anfing zu zucken und rief ihn verbissen zur Räson.
Ihr Zeigefinger malte einen kleinen Kreis auf den Boden. In seine Mitte stürzte plötzlich ein schwerer Tropfen. Joana wischte sich unwillig über die Augen. »Wenn es das Geld ist … Ich kann immer noch meinen Vater fragen. Er würde uns bestimmt helfen. Wenn du es nicht geschenkt willst, dann vielleicht …«
Das Telefon schrillte. Karl-Heinz sandte einen Stoßseufzer zum Himmel, zwang sich eine Art Lächeln ab und stand auf. Er versuchte vergeblich, das Geräusch zu orten, rannte wie ein aufgescheuchtes Huhn durch das Zimmer und fand das schnurlose Gerät endlich neben einem Bild, das an der Wand lehnte.
»Sigi Richter … hallo?« Seine Stimmlage befand sich gefährlich nahe der Hysterie.
»Hallo«, meldete sich sein Gesprächspartner. »Hier ist Ede, alles in Ordnung bei dir?«
»Bestens.« Karl-Heinz’ Herz machte vor Erleichterung einen Sprung. Sigi hatte ihm schon oft von dem knauserigen Wirt berichtet. Er war begierig, diesen Halsabschneider endlich kennenzulernen.
»Mein Freund, ich habe gute Nachrichten: Ich kann dir die Zweihundert heute schon in die Hand drücken. Und, halt dich fest: Ich kaufe dir ein – was sage ich – zwei weitere Bilder ab. Barzahlung! Wenn du willst, nehme ich sie gleich mit. Na, was sagst du jetzt?«
Karl-Heinz lächelte unterkühlt. Innerlich fühlte er sich so befreit, als sei er gerade von einer Angina Pectoris genesen. »Schön, Ede, komm einfach hier vorbei, dann können wir uns unterhalten … Sagen wir in einer Stunde?«
Joana saß immer noch auf dem Boden und starrte halb bewundernd, halb zweifelnd auf ihren neu erfundenen Mann. Ihre Hände griffen nach dem herbstfarbenen Kleid, das zerknittert auf dem Boden lag, und pressten den Stoff an ihren Leib, als sei er fähig, sie irgendwie zu beschützen.
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