Читать книгу: «Der Topophilia-Effekt»

Roberta Rio:
Der Topophilia-Effekt
Alle Rechte vorbehalten
© 2020 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover und Satz: Isabella Starowicz
Textberatung: Katharina Domiter
ISBN 978-3-99001-432-5
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Nicht das Licht und Scheinen der Sonne führen uns aus der Dunkelheit, sondern das Wissen um die Dinge.
Titus Lucretius Carus
(antiker römischer Dichter und Philosoph)
Inhalt
Ein abgelegenes Haus
Die Geheimnisse der Etrusker
Das Geisterhaus
Das Strahlen-Wissen unserer Ahnen
Mystische Kathedralen
Der rote Faden in der Geschichte von Orten
Das Haus an der Kurve
Das Mysterium der S16 und der A7
Kein Ort ohne Geist
Eine Kapelle in Südengland
Hippokrates von Kos
Das Kloster im Wald
Der vitruvianische Ort
Das rätselhafte Herrenhaus
Die Spinner
Der Bauernhof
Das Netz der roten Kreuze
Am Gemüsegartenweg
Anleitung für den Umgang mit Orten
Die goldene Regel
Die historisch-intuitive Methode
Vorwort
von Dr. Ruediger Dahlke
Seit vierzig Jahren versuche ich als Arzt ein Gefühl für Qualität zu vermitteln. Ein Gefühl dafür, wie Quantität und Qualität zusammenhängen und dafür, dass Qualität für unsere Seele meist bedeutsamer ist.
Wie sehr zum Beispiel das Phänomen Zeit neben Quantität auch Qualität haben kann, hat uns spätestens Stefan Zweig in seinem Werk »Sternstunden der Menschheit« gelehrt, einer Sammlung von Miniaturen über, wie Zweig selbst schrieb, »dramatisch geballte, schicksalsträchtige Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde und oft nur eine Minute zusammengedrängt ist« und die »selten im Leben eines Einzelnen und selten im Laufe der Geschichte« ist. Und jeder weiß, dass Sonntag eine andere Qualität hat als Montag, obwohl beide 24 Stunden haben.
Wie sehr auch Information Qualität statt Quantität haben kann, das zeigte uns der österreichische Lehrer Franz Xaver Gruber, der mit dem von ihm komponierten Weihnachtslied »Stille Nacht – heilige Nacht« mehr Gefühl für Weihnachten vermittelte als alle Predigten aller Prediger zusammen.
Der Komponist Claude Joseph Rouget de Lisle motivierte einst mit seiner »Marsaillaise« bestimmt mehr Soldaten zum Marschieren, als die Anfeuerungen ihrer Feldherren. Der amerikanische Sänger, Songwriter und Komponist Scott McKenzie erzählte die Geschichte von uns Hippies in seiner Hymne »San Francisco« mit der Zeile »a new generation with a new explanation« weit besser als jede noch so umfangreiche soziologische Studie. Oder warum stehen dem Begriff »ehrlich verdientes Geld« Begriffe wie »Blutgeld«, »Schwarzgeld«, »Spekulationsgeld« oder »Erbschaftsgeld« gegenüber, wenn es nicht selbst beim Geld, das laut einem österreichischen Sprichwort angeblich »kein Mascherl« hat, tiefer liegende Qualitätsunterschiede gäbe? Qualitätsunterschiede im Hinblick auf das, was dieses Geld mit uns macht?
Im vorliegenden Buch, Der Topophilia-Effekt, das mich aus vielen Gründen fasziniert, zeigt Roberta Rio nun, wie notwendig es ist, dass wir auch die Qualität der Orte erkennen, an denen wir uns zu leben, zu arbeiten oder Urlaub zu machen entscheiden. Sie zeigt, dass wir uns damit Leid ersparen können und Unterstützung bei unseren Vorhaben holen können, und dass jeder Ort an sich irgendetwas mit uns macht, das wir als Herausforderung erkennen müssen, um bewusst damit umgehen zu können.
Roberta Rio liefert wundervolle Hinweise und Anleitungen dazu, als Historikerin, gleichzeitig aber auch als Frau mit viel Gefühl für die Qualität von Raum und Zeit. Lesend spüren wir, wie sehr sie sich für die Geschichte von Orten interessiert und sind gefesselt von der Welt, die sich da auftut.
Als jemand, der sich drei Jahrzehnte lang in der Rolle eines Psychotherapeuten mit der Geschichte von Menschen und der Qualität ihrer vergangenen Tage beschäftigte, kann ich ihr Interesse an der Geschichte von Orten umso besser nachvollziehen. Ich verstehe auch ihren Wunsch, ihr Wissen darüber zu teilen. Denn wer sich nur noch nach trivialen Faktoren wie Quadratmetern, Preisen und Verkehrsanbindungen für einen Ort entscheidet, wird diese Unbewusstheit später vielleicht bezahlen. Roberta Rio bezieht sich dabei immer auf historische und naturwissenschaftliche Evidenz und geht der Faktenlage immer wieder nüchtern auf den Grund.
Ich nehme trotzdem auch das aus diesem Buch mit: Es gibt unter den Dingen, mit denen ich mich beschäftige, die sogenannten »Schicksalsgesetze«, über die ich das Buch mit dem gleichnamigen Titel und dem Untertitel Die Spielregeln des Lebens geschrieben habe. Eines der wichtigsten dieser Gesetze ist das Resonanzgesetz, das lautet: Jeder Mensch bekommt, was er (zum Lernen) braucht. Was bedeutet, dass wir uns vielleicht aus den falschen Gründen aber nie zufällig für die Orte entscheiden, an denen wir uns aufhalten. Doch auch damit bleibt es gut zu wissen, worauf wir uns einlassen.
Dafür bietet die Autorin wertvolle und praktische Anhaltspunkte und macht Mut, der eigenen Intuition, unserem Bauchgefühl, zu vertrauen. Sie spannt einen Bogen von energetisch geladenen Hohlwegen der Etrusker und geheimnisvollen gotischen Kathedralen über moderne elektromagnetische Felder bis zum neuen Mobilfunkstandard 5G.
Wir begegnen lesend einigen interessanten und einigen großen Namen, etwa dem Arzt Otto Bergsmann, der die erste Studie zur Qualität von Orten durchführte, dem Architekten Frank Lloyd Wright, der wie viele andere Architekten um diese Zusammenhänge wusste und danach baute, oder dem Psychiater C. G. Jung, der wie schon die alten Griechen und Römer davon ausging, dass Orte eine Seele haben, dass sie von verschiedenen »Göttern« und »Geistern« bewohnt und von Gedanken-Mustern und Traditionen der Menschen, die dort lebten, geprägt sind.
Einfühlsam bringt uns Roberta Rio diesen »genius loci«, den »Geist des Ortes«, näher und macht uns die wahre Bedeutung der Schreine in Thailand oder etwa unserer christlichen »Marterl« deutlich. Wir verstehen, warum viele von uns so gern Reisen und an besondere Orte pilgern, und warum wir Lieblingsorte haben, an denen wir besonders gut Kraft tanken können.
Ich wünsche diesem wunder- und wertvollen Buch, dass es viele Menschen erreicht, denn es schafft ein neues, auf Fakten und Intuition basierendes Bewusstsein für die wahren Dimensionen von Raum und Zeit.
Ruediger Dahlke
TamanGa, im August 2020
Dr. Ruediger Dahlke wirkt seit 1979 als Arzt mit Zusatzausbildung für Naturheilweisen und einem Studium der Homöopathie und als Seminarleiter. Seine Bücher zu Themen wie der ganzheitlichen Psychosomatik, zur veganen Ernährung und zu einem spirituellen Weltbild erreichen im deutschen Raum Millionen Leser und liegen in mehr als 280 Übersetzungen in 28 Sprachen vor.
Weitere Infos: www.dahlke.at – www.taman-ga.at
Ein abgelegenes Haus
Die Sonne schien und es war für Oktober noch ziemlich warm. Die Luft roch sauber und frisch. Das Laub, das noch an den Bäumen hing, leuchtete in freundlichen Rot- und Brauntönen. Ich freute mich. Erstens über das gute Wetter und zweitens auf meinen bevorstehenden Arbeitstag.
Ich war im Norden des Friaul mit einem Kunden verabredet, der mich beauftragt hatte, ein Haus zu begutachten. Er hatte es vor kurzem gekauft.
In einer Zeitung hatte er einen Artikel mit dem Titel »Der Geist der Orte« über mich und meine Arbeit gelesen. Er handelte davon, wie ich die Geschichte von Grundstücken, Häusern, Gebäuden, aber auch Städten und Regionen recherchiere und daraus Schlussfolgerungen für deren aktuelle Bewohner ziehe. Welche Muster sind an einem Ort zu erkennen? Etwa im Hinblick auf die Gesundheit, die Beziehungen oder die wirtschaftliche Situation der bisherigen Bewohner? Was könnten diese Muster für die aktuellen Bewohner des Ortes bedeuten?
Als ich aus dem Auto stieg, ließ ich zunächst die Fassade des Gebäudes auf mich wirken. Sie bestand aus einer spannenden Mischung aus Holz, rohen Ziegeln und verputztem Mauerwerk. Es war ein schönes, zweistöckiges Haus aus dem 18. Jahrhundert, wenngleich es offensichtlich restaurierungsbedürftig war.
Für mich als Historikerin sind 300 Jahre keine allzu große Zeitspanne. Oft genug habe ich mit viel älteren Gebäuden und Gemäuern zu tun, die teilweise in viel schlechteren Zuständen sind. Und ich liebe das. Vor Bauten zu stehen, die so viel Geschichte in sich tragen, ist für mich ein ganz besonderes Gefühl. Zu wissen, dass in jedem Zimmer, in jedem Winkel und an jedem Fenster ganz unterschiedliche Ereignisse stattgefunden haben. Momente im Leben von Menschen, wichtige wie unbedeutende, die längst verschollene Schicksale ausgemacht haben.
Das Ambiente, das dieses Haus umgab, war idyllisch. Das Anwesen stand mitten in einem Park, recht abgelegen, ohne direkte Nachbarn und kein Verkehr störte die Ruhe.
»Hallo Roberta«, begrüßte mich mein Auftraggeber, ein schlanker, sportlicher, gut aussehender Mann Mitte fünfzig, vielleicht Anfang sechzig. Er blickte seitlich an mir herab. »Du hast ja eine süße Begleitung.«
»Darf ich vorstellen: Das ist Leya«, sagte ich.
Leya wedelte fröhlich, als er ihr den Kopf streichelte.
Normalerweise gehe ich folgendermaßen vor: Ich mache einen Rundgang mit dem Besitzer oder der Besitzerin eines Hauses und lasse mir alles zeigen. Daraufhin gehe ich noch einmal allein umher, um alles aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, zu erleben und auf mich wirken zu lassen. Bevor ich mit meinen historischen Recherchen beginne, will ich den Ort spüren, ohne von außen beeinflusst zu werden, denn Eigentümer von Häusern haben immer eine ganz spezielle Bindung an ihr Objekt. Da kann es leicht passieren, dass Besucher wie ich durch ihre Erzählungen ihre neutrale Einstellung verlieren und wichtige Details übersehen.
Dieses Mal waren neben dem Besitzer und mir noch drei weitere Menschen da. Allesamt Handwerker, die sich ein Bild von der Beschaffenheit des Hauses machen wollten. Es stand die Idee im Raum, mehrere Wohnungen darin zu errichten. Aus dem Stall neben dem Haus wollte der Besitzer einen Veranstaltungsraum machen.
»Es ist ein wunderbares Objekt«, sagte er zu mir. »Ich glaube, du wirst so begeistert sein wie ich. Lass uns doch mit dem Stall beginnen.«
Im Stall gab es nicht viel zu sehen. Er war leer und feucht. Die alten Balken an der Decke fielen mir augenblicklich auf. »Schön sind die«, sagte ich.
Er nickte. »Das alles hat Charisma, nicht wahr? Hier könnten Seminare stattfinden und Hochzeiten gefeiert werden. Ich sehe die glücklichen Gesichter der Besucher und Gäste schon vor mir.«
Der Mann war Notar und offensichtlich begeistert davon, hier einen Teil seiner erklecklichen Einkünfte investiert zu haben.
»Wie bist du eigentlich zu diesem Haus gekommen?«, wollte ich wissen.
Er zuckte mit den Schultern. »Ich hatte gehört, dass es zum Verkauf steht. Der Preis war in Ordnung und ich hielt es für eine gute Investition. Sieh es dir doch an! Ich musste einfach zuschlagen.«
Die weitere Besichtigung führte uns ins Innere des Hauses. Dort offenbarte sich mir ein, sagen wir, sehr individueller Baustil. Damit hatte ich bereits gerechnet, nachdem auch die Fassade schon ein bisschen nach Patchwork aussah. Man konnte sehen, dass das Haus über die Jahrzehnte immer wieder umgebaut worden war, allerdings ohne einheitliche Struktur, eher chaotisch, sodass das Ganze verwinkelt und verschachtelt wirkte.
Ich konnte mich allerdings kaum konzentrieren. So sehr ich mich auch bemühte, etwas lenkte mich ständig ab. Entweder waren es die Gespräche der anderen, die sich über das Verlegen der Rohre und Stromleitungen unterhielten und darüber, wie die Wände beschaffen waren. Oder es war Leya, die irgendwo herumstreunte. Ich folgte dem Besitzer zwar von Raum zu Raum, doch es gelang mir kaum, das Haus wirklich wahrzunehmen.
Nachdem wir mit dem Erdgeschoss fertig waren, stiegen wir über eine Treppe aus Holz hinauf in den ersten Stock. Im ersten Zimmer, das wir dort besichtigten, passierte etwas Merkwürdiges. Leya blieb unvermittelt wie angewurzelt stehen. Um keinen Preis der Welt wollte sie sich weiterbewegen. Ich rief mehrmals ihren Namen, aber sie reagierte nicht. Sie stand da, stocksteif, und starrte wie gebannt in eine Ecke. Bloß war dort nichts. Kein Insekt, das herumflatterte, kein Licht, das an der Wand tanzte, kein Geräusch, das aus dieser Richtung kam.
Nicht einmal auf das Leckerli, das ich ihr vor die Schnauze hielt, reagierte sie. Es war sehr seltsam. In der Hundeschule hatte ich gelernt, auf diese Weise ihren Stresslevel zu testen. Nahm sie das Futter an, war das Niveau überschaubar bis niedrig. Alles okay. Nahm sie es nicht an, war sie angespannt und ich damit gefordert, die Stressquelle auszuschalten. Bloß wie, wenn da keine erkennbare war?
Ich hockte mich zu ihr und schaute in die gleiche Richtung. Vielleicht konnte ich auf diese Weise erkennen, was meine Hündin dermaßen irritierte? Doch ich sah weiterhin … nichts. Leya blieb noch einige Minuten stehen, ehe sie, genauso plötzlich wie sie erstarrt war, wieder auftaute. Als wäre nichts gewesen, erkundete sie heiter weiter die Umgebung.
Manchmal bedauere ich es, dass ich Leyas Gedanken nicht lesen kann. Denn es ist evident, dass Hunde Dinge wahrnehmen können, die unseren menschlichen Sinneswahrnehmungen verschlossen bleiben. Das Hirnareal von Hunden für Gerüche etwa ist vierzig Mal so groß wie das von uns Menschen. Das ermöglicht es ihnen auch, Dinge zu erschnuppern, die längst vergangen sind. Es ist ein geniales Organ, das eine Zeitreise ins Gestern ermöglicht. Leya ist also auf ihre Art selbst eine Historikerin und womöglich noch mehr. Es gibt zahlreiche Berichte darüber, dass Hunde und Katzen und alle möglichen anderen Tiere auch prophetische Gaben haben. Ihre vielfach belegte Fähigkeit, Erdbeben vorauszusagen, versucht derzeit die renommierte Max Planck-Gesellschaft über ihr Institut für Verhaltensbiologie in einem aufwändigen Projekt zu ergründen.
Erst jüngst hatte mir Leyas Verhalten bei der Geburtstagsfeier einer Freundin zu denken gegeben. Leya, die es als Musterbeispiel eines Rudeltiers liebt, Menschen um sich zu haben, hatte sich an jenem Abend standhaft geweigert, zu uns ins Wohnzimmer zu kommen. Schließlich hatte ich herausgefunden, dass das Haus, in dem meine Freundin lebte, früher eine Metzgerei gewesen war. Und dass der Platz, an dem wir saßen, genau jener Ort war, an dem die Tiere geschlachtet worden waren.
Viele Hundebesitzer können bestätigen, dass Tiere augenblicklich spüren, ob ihnen etwas oder jemand behagt oder nicht. Gehe ich mit Leya spazieren und begegnen wir anderen Menschen, steuert sie entweder freundlich auf sie zu oder kommt auf meine andere Seite, um ihnen auszuweichen.
Ich habe auch beobachtet, dass Leya ihre Notdurft am liebsten an Orten verrichtet, die für uns Menschen schlechte Energien haben. Als ich sie einmal zu einer kurzen Zugfahrt mitnahm, ging ich vor der Abfahrt noch eine Runde mit ihr, damit sie ihr Geschäft verrichten konnte. Draußen in der Natur weigerte sie sich, erst als wir schon am Bahnsteig waren, entleerte sie sich endlich, und zwar direkt unter einer Hochspannungsleitung. Viele Ratgeber über Hundeerziehung bestätigen dieses Verhalten von Hunden. In Gärten zum Beispiel stellen sie sich gern über Wasseradern.
Möglicherweise verfügen Hunde auch über einen Magnetsinn, der sie ebenfalls Dinge wahrnehmen lässt, die uns verschlossen bleiben. Forscher der Universität in Duisburg-Essen gehen gemeinsam mit Kollegen der Technischen Agraruniversität in Prag der Frage nach, ob Hunde sich für ihr Geschäft am liebsten an der magnetischen Nord-Süd-Achse ausrichten, wenn man sie lässt. Doch leider gehöre ich nicht zu den Menschen, die angeblich mit Tieren kommunizieren können. Ich kann Leya nur beobachten und ihr Verhalten zum Teil des Stimmungsbildes machen, das ich von einer Besichtigung mitnehme.
Einige Tage nach dieser Hausführung machte ich mich an die Arbeit. Ich forschte im Gemeinde-Archiv nach und erfuhr dabei mehr über die Vorbesitzer des Hauses.
Als Archivarin und Historikerin habe ich Zugänge zu Unterlagen, an die nur befugte Menschen kommen. Doch auch allgemein zugängliche Gemeinde-Archive sind für mich wichtige Informationsquellen. Noch wichtiger sind nur Kirchen-Archive, die oft bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen, sofern nicht Brände oder andere Katastrophen sie zerstört haben.
Ich sitze dann stundenlang in Zimmern, umgeben von wertvollen, alten Dokumenten und Büchern. Handys sind dort verboten, aber meist handelt es sich ohnehin um Kellerräume ohne Empfang. Die Stimmung ist immer ein bisschen wie in Dan Browns Historien-Thriller The Da Vinci Code. Es ist abenteuerlich und aufregend, denn ich weiß nie, auf welches Geheimnis ich als nächstes stoße.
Da sind auch immer eine gewisse Anspannung und Neugier mit dabei, sodass ich mich oft kaum von diesen Unterlagen losreißen kann und viele Tage hintereinander in diesen Zimmern verbringe. Immer auf der Suche nach Details und Namen, die mich auf neue Spuren bringen. Auch online, manchmal einfach über Google, lässt sich bei der Recherche der Geschichte eines Hauses oder eines Ortes mittlerweileviel herausfinden. Wobei es bei Google besonders wichtig ist, auf die Quellen zu achten, weil gerade zu diesem Thema neben einigem Nützlichen auch viel Unfug durch das Internet geistert.
In diesem konkreten Fall reichten die Belege im Gemeinde-Archiv nur bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zurück, denn die Umgebung, in der das Gebäude stand, war in beiden Weltkriegen ein Kampfgebiet gewesen. Viele Aufzeichnungen, offenbar vor allem die älteren, waren dabei vernichtet worden oder verloren gegangen.
Meine Recherche konzentrierte sich aber, wie immer in solchen Fällen, nicht nur auf Archive. Einen Großteil meiner Arbeit macht das Reden aus. Ich rede mit Menschen, die in der unmittelbaren Umgebung eines Hauses oder eines Ortes, mit dem ich mich befasse, leben. Vor allem in ländlichen Regionen tragen sie oft überliefertes Wissen in sich, das nur teilweise oder gar nicht dokumentiert ist. Manche von ihnen sind redseliger als andere. Die muss ich finden. Dafür brauche ich vor allem Geduld, Zeit und Feingefühl.
Am Ende meiner Recherchen hatte ich aber genug Informationen gesammelt, um zu erkennen, dass sich in dem Haus eine Geschichte immer wieder wiederholt hatte. Menschen, die dort gelebt hatten, hatten mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen gehabt. Sie alle mussten das Haus nach dessen Erwerb bald wieder verkaufen, weil sie in finanzielle Not geraten waren und es sich nicht mehr leisten konnten.
Eine Familie, die in dem Haus gelebt hatte, hatte mit ihrem Unternehmen zur Zeit des Zweiten Weltkrieges Metalldosen für Lebensmittel hergestellt. Man würde aufgrund des damaligen Bedarfes an solchen Produkten davon ausgehen, dass sie die vielen Aufträge kaum bewältigen könnten. Immerhin waren Konservendosen überlebensnotwendig für die Soldaten im Krieg. Aber genau das Gegenteil war der Fall: Die Firma ging bankrott.
Später zog ein Ehepaar mit ihrem Sohn in das Haus. Sie hatten sich davor über Jahre hinweg ein erfolgreiches Geschäft in der Textilbranche aufgebaut, das sie, als sie alt genug waren, um in Rente zu gehen, ihrem Sohn überschrieben. Anfangs lief das Geschäft so erfolgreich wie bisher weiter. Dann aber wendete sich das Blatt. Der Sohn, der nie heiratete und sein Leben mit seinen Eltern in dem Haus verbrachte, wurde drogen- und spielsüchtig und führte das Unternehmen binnen weniger Jahre in die Pleite.
Auch Krankheiten hatten dort in der Vergangenheit eine bemerkenswerte Rolle gespielt. In zwei Familien, die das Haus bewohnt hatten, starben Menschen früh durch dasselbe Krankheitsbild. Sie hatten Probleme mit der Lunge gehabt.
Dann stieß ich noch auf ein bemerkenswertes Ereignis, das sich keinem Muster zuordnen ließ, das ich aber dennoch zur Kenntnis nahm. Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs hatte eine Handvoll deutscher Soldaten in der großen Scheune ihr Lager aufgeschlagen. Sie blieben einige Wochen dort. Als sie abzogen, blieb einer von ihnen tot im Schuppen zurück. Niemand erfuhr jemals, ob er einem Verbrechen zum Opfer gefallen oder auf natürliche Weise verstorben war.
»Weißt du auch, was Leya in dem Zimmer angestarrt haben könnte?«, fragte der Notar, als ich ihm alles geschildert hatte, was sich in der Vergangenheit in dem Haus zugetragen hatte.
Ich lächelte. »Das ist dir aufgefallen?«
»Es hat mir zu denken gegeben.«
»Ehrlich, ich habe keine Ahnung«, sagte ich. »Es gibt zwar angeblich Menschen, die mit Tieren kommunizieren können, aber ich gehöre nicht dazu.«
Er blieb ernst. »Ich sollte jedenfalls besser verkaufen, meinst du nicht?«
»Diese Frage kannst du nur selber beantworten«, sagte ich. »Die Geschichte des Hauses weist jedenfalls darauf hin, dass Menschen vor dir hier einander ähnelnde Probleme hatten, vor allem wirtschaftliche.«
»Bist du sicher, dass ich diese Probleme auch haben werde?«
»Nein«, sagte ich. »Es gibt keine wissenschaftliche Evidenz dafür, dass sich solche Muster wiederholen und jeder, der eine solche Evidenz konstruieren würde, wäre ein Scharlatan. Ich kann die Muster bei meiner Arbeit nur erkennen und Schlüsse aus ihnen ziehen, die immer subjektiv bleiben. Ich kann mir die Frage stellen: Was würde es bedeuten, wenn sich diese Muster fortsetzen? Setzt sich das am deutlichsten erkennbare Muster in der Geschichte dieses Hauses fort, erzielst du vielleicht nicht die Rendite, mit der du bei der Verwertung rechnest. Vielleicht zahlst du sogar drauf. Eben weil du keine Mieter findest oder weil Kosten auftauchen, mit denen du nicht gerechnet hattest.«
Besorgt legte er seine Stirn in Falten. »Was würdest du tun?«
»Du kannst deine Entscheidung nur selbst treffen«, sagte ich. »Sie wird nie zu hundert Prozent rational sein und du wirst nie erfahren, ob sie richtig war, nicht einmal dann, wenn du dir die Mühe machen würdest, zu beobachten, was weiter mit und in dem Haus passiert. Ein anderer Mensch kann ein anderes Schicksal haben, das sich dort auf andere Weise erfüllt, als sich deines erfüllt hätte.«
Er überlegte eine Weile. »Meine Frau wird sich wundern«, sagte er schließlich. »Würdest du es ihr erklären?«
Tags darauf aß ich mit seiner ganzen Familie zu Mittag. Die Frau des Notars war eine elegante, zierliche Person mit schulterlangen, blonden Haaren und einem freundlichen Lachen. Ich fand ihre herzliche Art auf Anhieb sympathisch. Auch die beiden Kinder des Ehepaares waren dabei. Ein Junge und ein Mädchen im Teenageralter. Es gab buntes Ofengemüse, Zucchini, Tomaten, Fenchel, alles Mögliche, dazu Salat.
»Mahlzeit«, sagte die Frau, als sie jedem eine große Portion auf den Teller anrichtete. »Lasst es euch schmecken!«
Wir plauderten beim Essen über das Wetter und wir waren alle zufrieden damit. Dieser Herbst war tatsächlich schön. Viel Sonnenschein, kaum Niederschlag. Die Familie plante, in den kommenden Wochen für ein paar Tage zu verreisen. Nicht weit weg, aber raus aus den eigenen vier Wänden, mal wieder etwas anderes sehen, neue Eindrücke sammeln. Ich sagte, dass ich das nachvollziehen könne und dass sie ihren Kurztrip in vollen Zügen genießen sollten.
Dazwischen zog Leya immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich, indem sie ihren Kopf schief legte und Streicheleinheiten einforderte. Darin ist sie wirklich gut.
Auf das Thema »Immobilie« kamen wir erst spät zu sprechen, nach dem Essen bei Kaffee und Kuchen. Nachdem es hier um viel Geld ging, war die Anspannung des Notars die ganze Zeit über groß. Vor unserem Treffen hatte er mich darauf hingewiesen, dass er mir ein Zeichen geben würde, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen wäre, um über diese eine bestimme Sache zu reden. Als er mir das Signal gab, sagte ich wie mit ihm abgemacht in die Runde: »Was das Haus betrifft: Ich glaube, es wäre gut, wenn ihr es verkaufen würdet.«
Die Frau riss die Augen weit auf und schlug die Arme über dem Kopf zusammen. Einem Moment der absoluten Stille folgte ein lautes »Endlich!« Sie rief: »Endlich sagt das jemand! Es wird Zeit, dass wir diese Immobilie loswerden. Schnell weg damit!«
Der Mann war genauso verblüfft über ihre Reaktion wie ich. Dann erzählte sie mir, dass ihr Mann seit dem Kauf immer angespannt und nervös war, wenn er zu dem Haus fuhr, auch wenn er ständig behauptete, so begeistert davon zu sein.
»Vielleicht habe ich mir tatsächlich etwas vorgemacht«, überlegte er. »Wahrscheinlich hat mich der Papierwert der Immobilie, ihr vergleichsweise günstiger Preis und die theoretisch erzielbare Rendite abgelenkt. Wenn man dann einmal so viel investiert hat, hört man nicht mehr richtig hin, wenn tief in einem ein Bauchgefühl Alarm schlägt. Man will davon nichts wissen, verdrängt und verkrampft sich. Bloß eine Frage stelle ich mir. Kann ich das Haus überhaupt mit gutem Gewissen verkaufen? Jetzt, wo ich weiß, was mich dort vielleicht erwartet?«
»Diese Frage stellen mir meine Klienten oft«, sagte ich. »Aber ich warne euch vor. Meine Antwort darauf klingt etwas jungianisch und sie ist auch tatsächlich von dem Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie Carl Gustav Jung, auf den ich später noch zurückkommen werde, geprägt. Sie lautet: Wenn jemand etwas in seinem Leben unbedingt haben möchte, heißt das, dass sein Unterbewusstsein ihn aus irgendeinem Grund dorthin lenkt.
Vielleicht besitzt derjenige, der das Haus kaufen und behalten wird, sogar die Kraft, sich diesen Umständen zu stellen und die Sache zu bewältigen. Oder er sucht unbewusst nach genau diesen Erfahrungen, die er dort machen kann, um daran zu wachsen. So wie du. Jung sagte: ,Bis du dem Unbewussten bewusst wirst, wird es dein Leben steuern und du wirst es Schicksal nennen.‘
Du hast gelernt, dass du besser auf dein Bauchgefühl achten solltest, auch wenn es etwas anderes sagt, als die Zahlen am Papier. Man könnte es so sehen: Du hast mich engagiert, um dir das bestätigen zu lassen.«
Die Geheimnisse der Etrusker
Unseren Ahnen war die Wirkung von Orten bewusster als uns selbst. Das dokumentiert unter anderem die Geschichte der Etrusker, die sie bei ihrer Besiedelungsstrategie berücksichtigten und rund um sie bis heute erhaltene Baudenkmäler schufen.
Dass Orte eine Wirkung haben, spüren viele Menschen intuitiv. Wir haben alle schon einmal Sätze gesagt wie: »Ich habe mich dort gleich wohl gefühlt.« Oder im umgekehrten Sinn: »Ich habe mich dort gleich unwohl gefühlt.«
Die meisten Menschen berücksichtigen diese Eindrücke, wenn sie sich beispielsweise für oder gegen eine Wohnung oder ein Haus entscheiden. Viele geben diesen Empfindungen mehr Bedeutung als Kriterien wie Balkon, Raumgröße- und höhe oder Parkplatzangebot. Von der ersten Nacht in einer Wohnung heißt es, man solle die Träume beobachten, denn sie hätten Bedeutung für das Leben dort.
Erst jüngst lief im Bayrischen Fernsehen ein Beitrag über eine uralte Linde, von der die Eltern den Kindern und die wieder ihren Kindern erzählen, dass sie deshalb so mächtig ist, weil sie auf einer Wasserader steht und dass sie aus dem gleichen Grund in zwei Hauptstämme gespalten ist. Im Dorf gehört das genauso zum Wissen wie etwa, wo der nächste Supermarkt liegt oder wo man im Sommer baden geht.
Ich kenne Menschen, die eine Wohnung nicht haben wollen, weil dort früher eine Zahnarztpraxis war, die sie mit Schmerz assoziieren. Ebenso kenne ich eine Frau aus der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz, die ihr Leben lang einen bestimmten Platz in der Innenstadt mied, ohne zu wissen warum, bis ihr jemand erzählte, dass dort einmal eine Synagoge abgebrannt ist. Es war eine schreckliche Katastrophe mit mehreren Toten. Ich kenne auch erfolgreiche Unternehmer, die lange zögern, ehe sie ihren Firmensitz wechseln, weil sie fürchten, an dem neuen Ort könnte die Energie schlechter sein und ihren Geschäften schaden.
Ist das alles wirklich nichts als Aberglaube?
Auch mir selbst war die Wirkung von Orten bewusst, lange bevor ich mich wissenschaftlich damit auseinanderzusetzen begann. So etwa hatte mich als Historikerin schon immer das antike Volk der Etrusker fasziniert. Die Etrusker lebten wahrscheinlich von 800 v. Chr. an im Raum der heutigen italienischen Regionen Toskana, Umbrien und Latium bis ihre Kultur in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. im römischen Reich aufging.
Die Etrusker waren ein in jeder Hinsicht bemerkenswertes Volk und würden viel mehr historische Beachtung verdienen. Nicht nur, weil sie einer alten Überlieferung zufolge die Herrschaftsdauer und das Ende ihres eigenen Volkes ziemlich präzise vorhersagten. Sie waren auch in den Belangen des täglichen Lebens enorm weit. Sie waren ausgezeichnete Seefahrer und besaßen ein langjähriges Monopol auf die sogenannte Metallroute, die von der Ägäis bis in den Nahen Osten reichte. Bearbeitung von Metallen war so auch, neben dem Handel mit Öl und Wein, ein wichtiges Merkmal ihres Wirtschaftssystems, weshalb sie in der Goldschmiedekunst, der Hydraulik, der Architektur und dem Schiffbau glänzten.
Heute sind sie vor allem für die Gestaltung ihrer Gräber bekannt. Die versahen sie mit Malereien, in denen sich ihre Einstellung zum Tod widerspiegelt. Die Bilder zeigen, dass sie in jeder Hinsicht das Leben feierten. Teilweise finden sich in diesen Zeichnungen aus heutiger Sicht sogar pornografische Inhalte.
Interessant sind auch die Tempel der Etrusker, die sie mitten in die Natur errichteten und mit ihr verbanden. Ihre Spiritualität drehte sich um das »Sacer der Erde«, also um die Ur-Energie der Erde, die, gemäß ihren Überzeugungen, alles erschaffen hat, aber ebenso gut alles zerstören kann. Diese Energie verehrten sie als Gottheit.
Für die Etrusker scheint das Bewusstsein, dass Orte auf sie wirken, ganz selbstverständlich gewesen zu sein und ihren Alltag in vielen Fragen des Lebens durchdrungen zu haben. Besonders interessant fand ich schon immer ihren Brauch der »Leberschau«.
Die Leberschau war ein unverzichtbarer zeremonieller Bestandteil eines Festes, das sie einmal im Jahr einberiefen. Und zwar im »Fanum Voltumnae«, was so viel wie heiliger Bezirk, heiliger Ort an Voltumna, einer etruskischen Gottheit gewidmet, bedeutet. Herzstück der Anlage ist ein u-förmiges Areal mit einem Tempel im Zentrum und zwei Brunnen. Prachtstraßen, gesäumt von Kanälen, führten zu dem Tempel und wurden höchstwahrscheinlich für religiöse Prozessionen genutzt. Einmal jährlich, im Frühjahr, trafen sich laut römischen Schriftstücken die führenden Priester und Politiker der Etrusker dort.
Man kann es sich als Volksfest vorstellen, mit allem, was die Antike dafür zu bieten hatte: Theateraufführungen, sportliche Wettkämpfe, Märkte und überall Menschenmassen, Athleten, Musiker, Tänzer, Gaukler, Händler, Gläubige und Pilger. Erstaunlich war auch, dass die etruskischen Frauen damals – ganz gegen die Gewohnheiten der Römer, die darüber auch aus der Ferne die Nasen rümpften – dem bunten Treiben beiwohnten.
Bei diesem jährlichen Treffen fand immer auch eine Leberschau statt. Nur der oberste Priester, genannt Haruspex, durfte sie durchführen. Je nach Beschaffenheit der Leber von unterschiedlichen Opfertieren, erstellte er Prognosen für die Zukunft. Dabei teilte er die Leber in Regionen auf, die Bezeichnungen, wie Berg, Fluss, Straße, Palast, Ohr, Bein, Finger, Zahn, Vulva, Hoden und so weiter bekamen. Ungewöhnliche Löcher in der Leber galten als böses Omen.
Doch die Etrusker nutzten die Leberschau auch bei ihrer Besiedelungs-Strategie, und zwar, um die gute oder schlechte Wirkung von Orten auf Menschen zu klären. Bevor sie eine neue Stadt gründeten oder ein Gebäude errichteten, brachten sie ihre Schafe zu dem betreffenden Ort und ließen sie dort eine Zeit lang weiden. Manche Quellen behaupten, das dauerte ein Jahr lang. Andere meinen, der Zeitraum sei wesentlich kürzer gewesen, im Bereich von nur 14 Tagen.
Nachdem nun die Schafe dort für einen bestimmten Zeitraum geweidet hatten, schlachteten sie eines der Tiere und untersuchten seine Leber. War sie in schlechtem Zustand, töteten sie ein weiteres Schaf, um herauszufinden, ob sie nur zufällig ein krankes Tier erwischt hatten. Wenn auch die Leber dieses Tieres angeschlagen war, hieß das für sie, dass der Ort keine gute Energie hatte und sie verließen ihn.
Alten Berichten zufolge nutzten übrigens auch viel spätere Kulturen Tiere bei ihrer Besiedelungsstrategie. So wie vor mehr als 2000 Jahren die Etrusker ihre Leberschau abhielten, um die Qualität eines Ortes auszukundschaften, trieben Bauern Jahrhunderte später und bis in die Neuzeit hinein ihre Schweine auf ein Grundstück, das sie neu zu bebauen gedachten. Versammelten sich die Tiere an einem bestimmten Punkt, so deuteten die Menschen dies folgendermaßen: Hier können wir das Haus, den Stall etc. errichten, hier ist ein unbelasteter Platz.
Schon als ich zum ersten Mal vom Brauch der Etrusker las, fragte ich mich, wie heute die Luftbilder besiedelter Landschaften aussehen würden, wären wir bei der Bewertung von Orten den von den Etruskern angelegten Maßstäben treu geblieben. Wenn ich lieblos zusammengefügte Gebäudekonglomerate sehe, Städte, die einzig Sachzwängen, wie Verkehrsanbindungen folgend über ihre Ränder hinauswucherten oder zusammengewürfelte Einkaufs- und Fachmarktzentren mit billigen Wohntürmen dazwischen, fragte ich mich, was die Etrusker wohl dazu gesagt hätten. Und wie viele Gebäude nicht dort stehen würden, wo sie stehen, hätten sie mitreden können. Ich fragte mich auch, wie viele Menschen dann vielleicht gesünder und glücklicher wären, und ob es am Ende so viele wären, dass staatliche Gesundheitsbudgets kleiner sein könnten und die gesellschaftliche Grundstimmung eine entschieden bessere wäre.
Die Etrusker hatten das von ihnen angewandte Wissen über die Wirkung von Orten übrigens nicht selbst entwickelt, sondern ihrerseits von den Kulturen vor ihnen, wahrscheinlich von den Babyloniern, übernommen. Aus heutiger Sicht ist es dabei ein Glücksfall, dass die Etrusker später im römischen Reich aufgingen. Andernfalls wäre von diesem Wissen und allem anderen, das sie ausmachte, viel weniger überliefert. Denn bis heute entzieht sich das wenige, das von den Schriften der Etrusker erhalten ist, der Lektüre. Die Schriften haben zwar teilweise Ähnlichkeit zum altgriechischen Alphabet, doch konnte sie bisher über winzige Fragmente hinaus niemand entziffern. Und das in einer Zeit, da Maschinen jeden noch so komplizierten Code binnen kurzem knacken können. Einer der bekanntesten Etruskologen war der römische Kaiser Claudius, der von 10 v. Chr. bis 54 n. Chr. lebte. Er verfasste ein zwanzigbändiges Werk über die Etrusker, deren Kultur und Geschichte er bewunderte. Doch leider ist es bis auf wenige Zitate und Auszüge nicht erhalten.
Insbesondere ihre Hohlwege bleiben rätselhaft, bei deren Errichtung sie ebenfalls mit der Wirkung von Orten gearbeitet haben dürften. Es handelt sich dabei um bis zu vier Meter breite und bis zu zwanzig Meter hohe Felsschluchten mit steilen Seitenwänden, in den Boden gegraben, nahe den Ortschaften Sorano, Sovana und Pitigliano im Süden der Toskana. Doch zu welchem Zweck? Keine der drei darüber herrschenden Theorien ist wirklich befriedigend.
Eine davon besagt, dass die Hohlwege Teil eines Systems zur Trockenlegung von Feldern waren. Allerdings: Kleine Abflusskanäle hätten denselben Effekt erzielt. Wozu also so viel Aufwand betreiben? Das wäre alles andere als pragmatisch gewesen. Und Pragmatismus ist etwas, worauf unsere Ahnen nachweislich setzten.
Die zweite Theorie besagt, dass die Hohlwege ursprünglich gar nicht so tief waren, sondern erst durch das ständige Begehen entstanden. Alte Menschen vor Ort wissen allerdings, dass sich seit ihrer Jugend nichts an der Tiefe dieser Wege verändert hat, obwohl immer Menschen dort gegangen sind. Warum sollte das zur Zeit der Etrusker anders gewesen sein?
Die dritte Theorie lautet: Die Hohlwege waren schlichtweg Verbindungs- und Transportrouten zwischen Orten. Aber: Sie laufen oft neben normalen Straßen nebeneinander her. Außerdem enden sie irgendwo. Einfach im Nichts.
Fest steht so viel: Diese Hohlwege verfügen über ein spezielles magnetisches Feld. Magnetische Felder, so die Vermutung, sind in der Lage, körperliche Prozesse zu beeinflussen und zu verändern. Demnach könnten sie auch Heilungen bewirken. Eine wissenschaftlich fundierte vierte Theorie über den Sinn der Hohlwege lässt sich daraus noch nicht entwickeln. Jedoch lässt sich historisch belegen, dass unsere Ahnen mit derartigen Kräften gearbeitet haben, meist wohl unbewusst, ohne die ihnen zugrunde liegenden physikalischen und chemischen Zusammenhänge zu kennen.
Erkannten sie an bestimmten Orten, dass da etwas ist, das wirkt, das Einfluss auf sie ausübt, so mieden sie diese Plätze. Oder sie machten sie für ihre Zwecke nutzbar. Wissenschaftlich einzuordnen verstanden die Etrusker dies sicher nicht. Doch das dürfte ihnen ziemlich egal gewesen sein. Der Zwang zur alleinigen Deutungshoheit der Wissenschaft über die Welt ist menschheitsgeschichtlich betrachtet ein blutjunges Phänomen.
Das Geisterhaus
Viele meiner Auftraggeber wollen möglichst genau wissen, wie das mit der Wirkung der Orte ist, wie sie entsteht, wenn sie nicht auf Ursachen wie Bodenstrahlungen zurückzuführen ist. Dann geht es manchmal um die Henne-Ei-Frage: Prägt ein Ort von Anfang an die Menschen, die ihn benutzen? Entstehen also die historischen Muster, die ich entdecke, allein aus ihm heraus? Oder prägen zuerst Menschen mit ihrem Verhalten den Ort und er gibt diese Prägungen an die nächsten Generationen weiter?
Mit einer historischen Expertise kann ich diesbezüglich nicht aufwarten. Was ich kann, ist subjektiv auf Basis meiner Erfahrung und meiner Intuition antworten. Ich glaube, dass es eine ständige Wechselwirkung gibt, einen ständigen Austausch von Energien zwischen uns Menschen und den Orten, die wir benützen.
Warum besuchen wir so gerne die Ateliers großer Künstler, auch wenn sie längst verstorben sind? Hat die Magie dieser Orte die Künstler hervorgebracht, oder haben die Künstler mit ihrer Magie diese Orte geprägt? Ich denke, dass es beides ist. Wenn ich ein Bild sehe oder ein literarisches Werk lese, interessiere ich mich immer dafür, wo der Künstler oder die Künstlerin daran gearbeitet hat. Ich finde immer Manifestationen des Ortes im Werk, ganz vordergründige, in Form von Darstellungen und Beschreibungen, aber auch subjektive, die etwas mit Atmosphäre zu tun haben.
Andererseits verstehe ich auch, warum Menschen sich an Orten inspiriert fühlen, an denen Großes geschaffen wurde, und dass sie dort an der dabei frei gewordenen Energie teilzuhaben glauben. Als hätte dieses Große den Ort mit etwas aufgeladen, von dem sie etwas für sich mitnehmen können.
Ich will versuchen, das anhand eines Hauses an einem Waldrand zu erklären. Es steht mitten in der Natur, ohne direkte Nachbarschaft. Wer sich dort aufhält, kann ungestört die Ruhe genießen, nur ab und zu kommen Wanderer vorbei. Das Haus hat einen Keller, ein Erdgeschoss, ein Stockwerk und eine weitläufige Terrasse, von wo der Blick auf den angrenzenden Wald fällt.
Der Besitzer kontaktierte mich, weil er das Haus vermieten wollte, aber niemanden fand, der dort wohnen wollte. Er hatte keine Erklärung dafür. Immerhin war das Gebäude in ausgezeichnetem Zustand und die Umgebung konnte schöner kaum sein. Mit diesem Wissen machte ich mich an die Recherche.
Die Geschichte des Hauses war relativ jung, da es erst Anfang der 1940er-Jahre errichtet worden war. Ein verliebtes und frisch verheiratetes Paar wollte sich dort ein glückliches gemeinsames Leben aufbauen. Der Mann war Tischler, die Frau absolvierte in der Zeit, als sie eine gemeinsame Bleibe suchten, eine Ausbildung zum Bürofräulein, wie das damals noch hieß.
Nachdem sie das Grundstück gekauft hatten, machten die beiden große Pläne für das Haus. Es sollte gemütlich werden und ausreichend Platz bieten, für sie selbst und für die Kinder, die sie haben wollten. Das erste war schon unterwegs.
Dann brach der Zweite Weltkrieg aus. Der Mann wurde einberufen und musste seine schwangere Frau allein lassen. »Kümmere dich um das Haus«, sagte er zum Abschied und strich ihr durch die rotblonden Haare. »Wenn ich wieder zurück bin, genießen wir jeden einzelnen Tag in unserem schönen, neuen Eigenheim. Versprichst du mir das?«
»Ja, das verspreche ich dir«, beteuerte sie unter Tränen. »Pass gut auf dich auf! Und komm so schnell wie möglich wieder nach Hause.«
So oder so ähnlich muss der Abschied zwischen den beiden wohl verlaufen sein, zumindest wiesen die Aufzeichnungen und Erzählungen, die von der Frau überliefert waren, darauf hin. Vor allem lagen mir Briefe vor, die sie ihrem Mann und dem Vater ihres noch ungeborenen Kindes schrieb. Sie fingen immer mit »Mein süßer, tapferer Ehemann!« an.
In der Folge erzählte sie, wie sie mit dem Hausbau vorankam. Sie schilderte bis ins kleinste Detail, wie die Küche aussah und das Badezimmer. »Für das Baby ist jetzt alles vorbereitet«, schrieb sie einmal. »Ich habe weiße Gardinen genäht und eine Bordüre mit Blumenmuster als Wandschmuck gewählt. Das Gitterbettchen steht auch schon bereit. Ich freue mich schon so sehr darauf, wenn das Kind endlich da ist. Noch ein paar Wochen, dann ist es so weit. Dann darf ich unseren Schatz zum ersten Mal in den Armen halten. Ich hoffe, die Geburt verläuft gut und ohne Probleme. Ich wünschte, du wärst hier. Ich werde unbeschreiblich glücklich sein, wenn du wieder bei uns bist. Ich hoffe, dir geht es gut und du kehrst bald zu uns zurück. Du fehlst mir so. Pass auf dich auf. Wenn du da bist, sitzen wir abends im Kinderzimmer und sehen unserem Baby beim Schlafen zu. Das machen wir, machen wir das? Ich sende dir tausend Küsse in die Ferne.«
Das Leben hatte allerdings andere Pläne für die junge Frau. So kam, was Sie an dieser Stelle vielleicht schon geahnt haben: Der Mann fiel im Krieg und die junge Frau musste ihre Tochter allein zur Welt bringen und großziehen. Das fertige Haus bezog sie nie. Zu groß waren ihr Schmerz und ihre Trauer um den Verlust ihres Mannes. Zu viele unerfüllte Hoffnungen und Träume waren damit verbunden. Sie blieb lieber bei ihrer Familie und verbrachte den Rest ihres Lebens in ihrem Elternhaus.
Das Haus, das für sie und ihren Mann gedacht war, besuchte sie jeden Tag. Sie hielt es sauber und wohnlich. Manchmal verlor sie sich dabei in Tagträumen. Dann hatte sie so bunte und lebhafte Bilder von ihm vor ihrem inneren Auge, dass ihr ein paar Momente lang war, als wäre er gar nicht gefallen. Als würde er vielmehr jeden Moment zur Tür hereinspazieren, »Hallo, Schatz, ich bin wieder hier!«, würde er rufen und sie dafür loben, was sie aus dem Haus gemacht hatte. Sie würde auf der Stelle alles stehen und liegen lassen und sich voller Freude in seine Arme werfen. Tränen der Erleichterung würden über ihre Wangen rollen.
Doch nach wenigen Sekunden verlor ihr Körper jegliche Spannung und sie ließ die Schultern verzagt hängen. Sie wusste, dass das nie passieren würde. Ihr Mann war tot und würde nie wieder heimkehren. Dann öffnete sie stumm alle Fenster, um zu lüften und wenn sie damit fertig war, schloss sie die Tür hinter sich wieder ab.
Ihr ganzes Leben lang machte sie das so.
Als die Frau starb, erbte ihre längst erwachsene Tochter das Haus. Sie fühlte sich dort nie wohl, weil es sie an das Leid ihrer Mutter erinnerte und an ihren Vater, den sie nie kennengelernt hatte. An so einem Ort wollte sie nicht leben. Doch aus Respekt gegenüber ihrer Mutter entschied sie sich dagegen, das Haus zu verkaufen. Sie behielt es und fuhr regelmäßig hin, um nach dem Rechten zu sehen. Sie sorgte dafür, dass ihr eigener Sohn lange nichts davon mitbekam. Sie wollte ihn nicht belasten mit den düsteren Gefühlen, die an dem Haus hafteten.
Als ihr Sohn älter wurde, wurde er dennoch aufmerksam auf das alte Haus. »Ich will es sehen! Nimm mich mit«, bat er seine Mutter. Zu diesem Zeitpunkt war er selbst schon erwachsen.
»Wie du willst«, antwortete sie ihm. »Erwarte aber nicht zu viel. Es ist nichts weiter als ein leerstehendes, altes Haus.«
»Das macht nichts. Ich will es trotzdem sehen«, beharrte ihr Sohn. Er wollte den Ort sehen, der so eng mit der tragischen Geschichte seiner Großmutter verknüpft war.
Als der Sohn das Haus zum ersten Mal betrat, war er erstaunt. Alles war eingepackt, sogar der Kachelofen war in Plastik gehüllt. Wie im Dornröschenschlaf offenbarte sich ihm das Innenleben dieses Hauses und er entschloss sich, den Räumen endlich Leben einzuhauchen.
Als ich selbst vor Ort war, konnte ich mich von der liebevollen Auswahl an Mobiliar überzeugen, die seine Großmutter getroffen hatte. Viele alte Sachen erinnerten an das junge Paar, das hier zu Beginn des Zweitens Weltkriegs ein glückliches Leben geplant hatte. Da und dort lehnten Bilder von dem angehenden Bürofräulein und dem Tischler. In einem Zimmer stand eine verglaste Vitrine, die in der typischen Formensprache der 1940er-Jahre gehalten war und die unter Antiquitätensammlern vielleicht sogar einiges wert war. Darin befand sich altes Werkzeug aus der Werkstatt des Tischlers. Alte Meißeln und Zangen lagen sorgfältig nebeneinander aufgereiht. In einer weißen Schüssel aus Porzellan hatte die Frau sogar eine Handvoll Holzspäne aufbewahrt. Neben der Vitrine stand ein dunkelbrauner Werkzeugkoffer, ebenfalls voll mit Arbeitsutensilien des Gefallenen.
Es war eine Zeitreise, das Haus zu betreten und das Plastik schien nicht nur die Möbel, sondern auch den Schmerz zu konservieren. Selbst ich spürte dort eine innere Schwere.
»Für mein Empfinden ist das alles hier mit trauriger Energie aufgeladen«, sagte ich zu meinem Auftraggeber, dem Enkel des Bürofräuleins und des Tischlers, nachdem er mich durch alle Zimmer geführt hatte. Ich erklärte ihm, dass die Trauer in diesem Haus auf gewisse Weise gespeichert war. »Es war mein erster Eindruck, als ich das Haus betrat«, sagte ich. »Verstehen Sie, was ich meine?«
Er nickte. »Ich sollte wohl die Einrichtung loswerden«, sagte er. »Ich könnte einen Teil verkaufen und den Rest spenden. Dann lüfte ich gründlich und lasse alles neu ausmalen.«
Der Enkel befreite das Haus von seiner Trauer, die sich über all die Jahre auf diesen Ort übertragen zu haben schien. Inzwischen wohnt eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern dort. Sie erfüllt das einstige Geisterhaus mit frischem, neuem Leben und prägt diesen Ort damit möglicherweise für künftige Generationen um.
Das Strahlen-Wissen unserer Ahnen
Schon vor Tausenden von Jahren arbeiteten Menschen mit Erdstrahlen, ohne etwas über Periodensysteme und Ordnungszahlen zu wissen.
Einige unserer Vorfahren arbeiteten bereits mit Radon, einem Gas, dessen Isotope radioaktiv sind. Es entsteht beim natürlichen Zerfallsprozess von Radium, das wiederum ein Zerfallsprodukt von Uran ist, einem Metall, das im Erdreich auf natürliche Weise vorkommt.
Als Gas mit sehr hoher Dichte kann sich Radon in Gebäuden, besonders in Kellern und den unteren Stockwerken, in physiologisch bedeutsamen Mengen ansammeln. 2018 ließ das österreichische Bundesland Salzburg in 3.400 Wohnobjekten Radon-Messungen durchführen und stellte fest, dass in zehn Prozent der Wohnungen der Schwellenwert von 300 Becquerel pro Kubikmeter Luft überschritten war.
Doch während eine dauerhafte radioaktive Strahlenbelastung die Gesundheit gefährdet, kann ihr vorübergehender Einsatz auch heilsame Wirkung haben. Die Radonbalneologie etwa ist die therapeutische Anwendung von Radon in Heilbädern oder Heilstollen. Früher war der Begriff Radiumbad verbreitet.
Wirken soll diese Form der Behandlung bei chronischentzündlichen Erkrankungen, wie Morbus Bechterew, Rheumatoider Arthritis, Asthma bronchiale oder Arthroseschmerzen. Auch bei Hauterkrankungen, wie verzögerter Wundheilung, Psoriasis oder Neurodermitis, kommt sie zum Einsatz. Kontrollierte Studien zum Wirkungsnachweis liegen bisher allerdings nur für Morbus Bechterew, Arthritis und Arthrose vor.
Ihren Namen erhielt die Radioaktivität zwar erst Anfang des 20. Jahrhunderts durch das Ehepaar Marie und Pierre Curie, nachdem zwei Jahre zuvor Antoine Henri Becquerel das Phänomen entdeckt hatte, doch bereits zwei Jahrtausende früher nutzten die alten Griechen in Delphi die unsichtbaren Kräfte von Orten, um ihre Gesundheit positiv zu beeinflussen. Dort gab es im Keller des Tempels Apollo einen sogenannten Bauchnabel der Welt, auch »Omphalos« genannt. Auf diesem stand ein mit Wollgirlanden überzogener Kultstein, der vermutlich als Meteorit vom Himmel gefallen war. Über diesem Stein saßen die Priesterinnen und orakelten.
Der Tempel in Delphi war viele Jahrhunderte lang die wichtigste Kultstätte der hellenistischen Welt. Wozu ihn relativ simple chemische Prozesse gemacht haben könnten. Der griechische Schriftsteller Plutarch und der griechische Geschichtsschreiber und Geograph Strabon berichten von Dämpfen, denen sie die visionären Trancezustände der Orakel-Priesterinnen zuschrieben. Plutarch bemerkte auch, dass diese Dämpfe einen süßen Geruch verströmten und sich die Priesterinnen nach dem Einatmen wie Läuferinnen nach einem Rennen oder Tänzerinnen nach einem ekstatischen Tanz verhielten.
Doch es ging im Apollo-Tempel nicht nur um den Blick in die Zukunft. Kranke Menschen konnten den Tempel ebenfalls besuchen und waren dazu eingeladen, im Rahmen einer sogenannten Inkubation eine Nacht dort zu verbringen, um wieder gesund zu werden.
Später fanden Vulkanologen und Geologen eine Fülle an Hinweisen darauf, dass Plutarch und Strabon mit ihren Beobachtungen der Wahrheit heutiger Tage sehr nahegekommen sein könnten. Der Tempel des Apollo scheint direkt über zwei Störungszonen der Erdkruste zu liegen, die von Rissen durchzogen sind, sodass dort Gase aus dem Erdinneren in den Raum treten konnten. Weltweit gibt es mehrere derartige Orte, die je nach Kultur anders benannt werden. Die hebräische Bezeichnung für »Omphalos« ist »Tabor« beziehungsweise »Tabbur«, was zu Deutsch so viel wie »Nabel der Welt« bedeutet.
Hohlwege als antike Energiezentren
Könnten die Etrusker also ihre rätselhaften Hohlwege aus ähnlichen Motiven angelegt haben wie die alten Griechen ihren Apollo-Tempel? Das ist gut möglich. Darauf könnten unter anderem die Gräber hinweisen, die sich entlang dieser Wege befinden. Die Menschen damals könnten bereits bemerkt haben, dass es sich um Orte mit viel Kraft handelte, um sakrale Plätze, deren Wirkung sie besser zur Entfaltung bringen konnten, wenn sie diese Wege schufen.
Auf welche Wirkung genau sie abzielten, bleibt dabei unklar. Doch ich habe selbst erlebt, welche bemerkenswerte Energie diese Hohlwege haben, als ich vor einigen Jahren mit einem Freund, einem Musiker, diese Hohlwege in der Toskana besuchte. Matteo, mein Freund, und ich arbeiteten gerade an einem Video für einen neuen Song und fanden, dass die Hohlwege eine fantastische Kulisse dafür bildeten.
Die schönsten etruskischen Hohlwege befinden sich in der Nähe der Stadt Pitigliano im Süden der Toskana. Die Via Cava di San Giuseppe ist ein Netz aus insgesamt etwa zwanzig Kilometer langen Wegen, die miteinander verbunden sind. Leider haben vor einigen Jahren schwere Überflutungen in der Gegend die Wege beschädigt und teilweise mit Schwemmgut in Form von Ästen und ganzen Bäumen versperrt. Niemand fühlt sich dafür verantwortlich, sie wieder begehbar zu machen. Doch als wir beide dort hinfuhren, waren sie noch intakt.
Gut ausgerüstet kamen wir an. Matteo hatte seine Kamera und allerhand weitere Ausrüstungsgegenstände dabei, Mikrofone und ein Stativ. Klarerweise zeigten die Displays aller Geräte volle Ladung an und darüber hinaus hatte er Reserve-Akkus dabei.
Wir begannen mit unseren Aufnahmen. Eine Minute später war alles schwarz. Der Akku war leer. »Das ist unheimlich«, meinte Matteo. »Lass uns hier lieber verschwinden.«
»Vielleicht stimmt etwas mit der Anzeige nicht oder beim Aufladen ist etwas schiefgegangen«, sagte ich.
Matteo war etwas beklommen, während wir die Ersatz-Akkus einbauten, ich eher neugierig. Sollten hier tatsächlich Kräfte am Werk sein, die Akkus entladen konnten und deshalb physikalischer Natur sein mussten? Kräfte, die sich die Etrusker, zu welchen Zwecken auch immer, zunutze gemacht hatten? War das wirklich möglich?
Ich nahm wieder meine Position ein. Matteo drückte auf »Aufnahme«. Eine Minute später waren wir wieder am Ausgangspunkt. Das Bild war schwarz. Die Akkus waren leer.
Als wir die Via Cava di San Giuseppe hastig verlassen hatten und ich eine Woche später wieder an meinem Schreibtisch saß, las ich nach. Mitte der 1990er-Jahre befasste sich ein Physiker namens Giuseppe Martelli mit der Erforschung der Phänomene im Zusammenhang mit den etruskischen Hohlwegen, fand ich heraus.
Er lieh sich zu diesem Zweck von einer englischen Universität ein Gaußmeter aus, also ein Instrument, mit dem sich das Magnetfeld der Erde bestimmen lässt.
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die Erfahrung gemacht, dass gerade bei der Wirkung von Orten viele Para- und Pseudowissenschaftler mit fragwürdigen Methoden Bilder und Theorien entwerfen, die einer ernsthaften Betrachtung nicht standhalten. Dies wohl, weil sie von der Wirkung von Orten auf Menschen dermaßen überzeugt sind, dass sie die Grenzen ernsthafter Wissenschaft überschreiten, um an Überzeugungskraft zu gewinnen und dabei in Wirklichkeit genau das Gegenteil erreichen. Sie haben dafür gesorgt, dass die Wirkung von Orten inzwischen, obwohl sich praktisch alle Kulturen aller Zeiten in allen Regionen der Welt damit befasst haben, einen seltsamen Beigeschmack hat. Das Wissen darüber fällt vielfach und zu Unrecht in die gleiche Kategorie wie Verschwörungstheorien.
Deshalb informierte ich mich sicherheitshalber über Martelli, den Mann, der dem Geheimnis der etruskischen Hohlwege mit einem Gaußmeter auf der Spur war. Der Physiker war zwanzig Jahre lang, von 1964 bis 1984, Vorstand der Space und Plasma Physics Group der University of Sussex gewesen, die eine der angesehensten britischen Universitäten ist. Sie benannte sogar, um ihn zu ehren, einen Asteroiden nach ihm.
Martelli war also offenbar esoterisch unverdächtig und seine Erkenntnisse kamen für mich wenig überraschend. Alle von ihm untersuchten etruskischen Hohlwege wiesen offensichtliche Anomalien auf. Außerhalb dieser Wege lieferte das Gerät normale Werte. Bloß blieb auch er die Antwort auf die eigentliche Frage schuldig: Was hatte dieses faszinierende Volk mit den Hohlwegen bezweckt? Wenn es ihm um den Magnetismus ging, warum? Welche medizinischen oder vielleicht auch spirituellen Beweggründe könnten sie gehabt haben, ihn in dieser Form zu verdichten?
Die Vermutung, dass die Etrusker mit ihren Hohlwegen tatsächlich medizinische Ziele verfolgten, liegt nahe. Auch die moderne Alternativmedizin setzt auf die so genannte Magnetfeld- oder auch Magnettherapie, bei der Patienten einem künstlich erzeugten Magnetfeld ausgesetzt werden. Laut den Befürwortern dieser Therapie lassen sich Wundheilungsstörungen, degenerative Erkrankungen des Bewegungsapparates und der Wirbelsäule sowie Knochenbrüche oder Migräne damit behandeln. Sie argumentieren außerdem damit, dass chinesische Mediziner bereits vor rund 2.000 Jahren magnetische Steine zur Heilung einsetzten. Auch in Schriften, die dem antiken Arzt Hippokrates zugeordnet werden, ist vom Einsatz magnetischer Steine die Rede.
Desgleichen sprechen Überlieferungen davon, die alten Römer hätten schon an die positive Wirkung von Magneten geglaubt. Womöglich übernahmen sie dieses uralte Wissen von den Etruskern. Auch die alten Ägypter sprachen magnetischem Schmuck die Wirkung zu, sich stärkend auf die Gesundheit auszuwirken.
Doch was sagt die Forschung im 21. Jahrhundert dazu? Wie steht es um die Wirkung von magnetischen und elektromagnetischen Feldern auf uns Menschen?
Gespaltene Welt der Wissenschaft
Schenken wir dem Deutschen Bundesamt für Strahlschutz (BfS) Glauben, so ist der Fall klar. Auf der Homepage der Einrichtung ist Folgendes zu lesen:
Statische Magnetfelder üben Kräfte auf magnetisierbare Metalle sowie auf sich bewegende elektrisch geladene Teilchen aus. Der Mensch nutzt starke Magnetfelder beispielsweise für bildgebende medizinische Verfahren. Untersuchungen zeigen bisher keine direkten negativen biologischen und gesundheitlichen Wirkungen statischer Magnetfelder bis zu einer Magnetflussdichte von vier Tesla.
Dazu muss man wissen: Tesla ist nicht nur eine Elektroautomarke, sondern auch die Maßeinheit für die magnetische Flussdichte, benannt 1960 nach dem Erfinder, Physiker und Elektroingenieur Nikola Tesla. Und: Vier Tesla sind für irdische Verhältnisse eine ganze Menge.
Ein handelsüblicher Hufeisenmagnet hat etwa 0,1 Tesla. Ein Kernspintomograph, wie wir ihn von medizinischen Behandlungen mittels Magnet-Resonanz-Therapie (MRT) kennen, kommt auf etwa 0,35 Tesla. Ein Neodym-Eisen-Bor-Magnet (der zurzeit stärkste herstellbare Dauermagnet) hat 1,61 Tesla. Die supraleitenden Dipolmagnete des Teilchenbeschleunigers im unterirdischen Kernforschungsbunker von CERN bringen es auf 8,6 Tesla.
Für uns hier auf der Erde sind aber im Allgemeinen nur die eher niedrigen Werte von Belang. Das Magnetfeld der Erde, so heißt es, könnten Menschen gar nicht wahrnehmen, weil es so gering sei. In Deutschland beispielsweise beträgt es gerade einmal 0,00005 Tesla. Also fünf Mikrotesla. Am Äquator sind es sogar nur drei Mikrotesla, an den beiden Polen wiederum doppelt so viel. Sechs Mikrotesla also.
Höhere Dosierungen (im Vergleich zum natürlichen Erdmagnetfeld) kämen, so das BfS weiter, üblicherweise nur vor, wenn der Mensch sie künstlich erzeugt, wie zum Beispiel bei Kernspintomographen. Ob die relativ hohe magnetische Flussdichte die Gesundheit beeinflussen könne, sei unbekannt, weil die Technologie noch verhältnismäßig jung sei und Langzeitstudien Mangelware wären.
Müssen wir uns also in Anbetracht der recht geringen Strahlungsdosierungen von Magnetfeldern, mit denen wir es im Alltag zu tun haben, überhaupt noch Gedanken zu dem Thema machen? Nein, würde die vorherrschende Gelehrtenmeinung klar sagen, wäre da nicht eine noch ganz neue Forschungsarbeit, die das gründlich in Frage stellt.
Unter dem Titel »Wie magnetische Felder in menschlichen Zellen wirken« berichtete 2018 das deutsche Science Media Center, eine unabhängige und gemeinwohlorientierte Wissenschaftsredaktion und Plattform, auf der Wissenschaft und Journalismus aufeinandertreffen und sich austauschen können, über die Ergebnisse einer Studie, die zuvor im Fachmagazin PLOS Biology publiziert worden war.
Darin geht es um die so genannte »gepulste Magnetstimulation«, ein seit rund fünfzig Jahren angewandtes Verfahren, bei dem bestimmte Hirnregionen des Menschen mit kurzen magnetischen Impulsen stimuliert werden. Die längste Zeit wurde dieses Verfahren in der Therapie von ausgewählten Krankheiten eingesetzt, von Depressionen bis hin zu bestimmten Krebsarten. Die Universität Innsbruck berichtete von Versuchen, um damit Leiden, wie Tinnitus und Bulimie, zu lindern. Welche zellulären Wirkmechanismen die Magnetstimulation hat, war über all die Jahre jedoch unklar.
Bis zu der erwähnten Studie, die die Fachwelt seither spaltet, weil sie einen Magnetsinn von Tieren und womöglich auch von Menschen, der selbst auf so geringe Feldstärken, wie die des Erdmagnetfeldes, reagiert, wissenschaftlich plausibel macht.
Das Science Media Center stellte Stellungnahmen von Experten online, von denen einige die brisanten Ergebnisse der Studie offen anzweifeln oder ganz vernichten, während andere von »wichtigen neuen Ansätzen« sprechen. Letztere kommen aus allen Ecken der Wissenschaft, aus der Biologie, der Wissenschaftsethik, der Technik, der Medizin und auch der Physik, wie etwa von dem Briten Daniel R. Kattnig vom Department of Physics and Living Systems Stimulation an der Universität von Exeter.
Kattnig fasst das spannende Ergebnis der Studie in seinem Beitrag zusammen und spricht aus, was immer mehr seiner Forscherkollegen denken: »Die Autoren (der Studie, Anm.) geben erstmalig Einblicke in die mechanistischen Grundlagen des Magnetfeldeffektes«, schreibt er. »Im speziellen identifizieren sie das Protein Cryptochrom als essentiell. Dieses wird (…) als zentraler Baustein eines magnetischen Kompass-Sinns von einigen Tieren angesehen, wie zum Beispiel von Zugvögeln. Unter der Annahme, dass hier ähnliche physikalische Prinzipien zur Anwendung kommen, lässt uns das vermuten, dass die präsentierten Resultate weitaus breitere Gültigkeit haben. Es ist also durchaus plausibel, dass auch bei weitaus geringeren Feldstärken und anderen Frequenzen markante Magnetfeldeffekte (…) möglich sind.«
Magnetfelder scheinen sich also tatsächlich und wissenschaftlich nachweisbar positiv und negativ auswirken zu können, je nachdem, unter welchen Rahmenbedingungen sie auftreten und wirken. Und, was besonders wichtig ist: Dass »schwache« Magnetfelder, wie von weiten Teilen der Wissenschaft bisher postuliert, keinerlei zelluläre Wirkung bei Menschen, Tieren und Pflanzen hinterlassen, ist dank dieser neuen Erkenntnisse keineswegs in Stein gemeißelt. Im Gegenteil. Es sieht danach aus, als stünden wir einmal mehr erst am Anfang eines langen Weges der Forschung.
Konsequent weitergedacht würde das auch Fragen im Hinblick auf elektromagnetische Felder, die von Strommasten, Handymasten, Handys, Steckdosen, Elektroautos und so weiter ausgehen in den Raum stellen. Die Industrie, die mit diesen Dingen arbeitet und von ihnen wirtschaftlich abhängig ist, hat solche Fragen bisher gekonnt und konsequent ins Reich der Verschwörungstheorien verwiesen.
Ich maße mir als Geisteswissenschaftlerin nicht an, unabhängigen naturwissenschaftlichen Forschungen vorzugreifen, aber ich bin doch gespannt, zu welchem Ergebnis sie führen werden. Werden sie einmal mehr bestätigen, was viele Menschen schon immer gespürt haben, es sich aber nicht laut auszusprechen trauten, um nicht auch als Verschwörungstheoretiker zu gelten? Dass uns nämlich diese Felder auf die eine oder andere Weise nicht guttun?
Bereits 2012 wurden im Rahmen einer am Bayor College of Medicine in Houston durchgeführten Studie bei Tauben Magnetfeldrezeptoren im Gehirn gefunden. Mittlerweile weiß man, dass andere Lebewesen, wie Bienen, Lachse, Ratten, Wale, Katzen, Schildkröten und Hunde ebenfalls einen Magnetsinn besitzen. Letztere drehen sich bevorzugt nach Norden oder Süden, wenn sie ihr Geschäft verrichten und sie haben die stark ausgeprägte Begabung, Stabmagnete zu lokalisieren. Ein Experiment dazu zeigte, dass sie sogar besser darin sind, Magnete zu finden als Futter.
Aber was bedeutet das alles nun für uns Menschen? Verfügen wir auch über einen Magnetsinn? Das würde zum Beispiel die Tatsache erklären, dass die australischen Aborigines in der Lage sind, enorme Distanzen in der Wüste zu überwinden, ohne sich zu verirren. Mehrere Forscher untersuchten das Phänomen ihres genialen Orientierungssinns über die Jahre hinweg und wiesen nach, dass er nicht allein auf visuellen Effekten basieren kann.
1992 fand Joseph Kirschvink, Professor am California Institute of Technology in Pasadena heraus, dass Menschen magnetische Kristalle besitzen – ungefähr fünf Millionen kommen auf ein Gramm Hirngewebe. 2019 veröffentlichte Kirschvink eine Studie, in welcher er in einem Laborversuch nachwies, dass der Mensch, wenn auch unbewusst, Norden und Süden unterscheiden kann. Die Kristalle in unserem Kopf scheinen also wie eine Kompassnadel zu funktionieren.
Aber warum spüren wir heute nichts mehr von unserem inneren Kompasssystem? Haben wir die intuitive Orientierungsfähigkeit verloren? Vermutlich haben die Zivilisation und das Leben in der Stadt hier ihren Tribut gefordert. Das war auch bei den australischen Aborigines der Fall. In ihrem ursprünglichen Lebensumfeld in der Steppe konnten sie sich problemlos orientieren und sogar Wasser finden, einzig, indem sie sich auf ihre Sinne und ihre Intuition verließen. Als sie aber in zivilisierte Gebiete zogen, ging ihnen diese Fähigkeit verloren.
Die Forschung zur Wirkung von Magnetfeldern auf unser Gehirn rückt auch die Wirkung elektromagnetischer Felder des Mobilfunks, wie 5G in den Vordergrund. Was machen sie mit uns? Welche biologischen Auswirkungen haben sie auf unseren Organismus und auf unsere Hirnwellen?
Die Etrusker jedenfalls schienen sich der Wirkung ihrer magnetischen Hohlwege vollauf bewusst zu sein. Doch was es mit den geheimnisvollen Hohlwegen der Etrusker tatsächlich auf sich hat und ob sie dort neben medizinischen auch spirituelle Ziele verfolgten, wird wohl noch eine Weile rätselhaft bleiben. Wie so oft in der Geschichte der Menschheit liegt die Hoffnung auf Antworten auf diese Fragen bei den Forschergenerationen von morgen. Ich bin zuversichtlich, dass sie welche finden werden.
Mystische Kathedralen
Wie kaum eine andere Zunft beschäftigten sich die Dombaumeister des Mittelalters mit der Wirkung von Orten. Sie nutzten sie für spezielle Effekte und können uns damit bis heute inspirieren.
Schon als Teenager stand für mich fest, dass ich später einmal Geschichte studieren werde. Zum Beispiel prägte mein Vater meinen Berufswunsch. Meine Mutter war Krankenschwester und wann immer sie Nachtdienst hatte, schlief ich bei meinem Vater im großen Ehebett. Dann erzählte er mir vor dem Einschlafen abenteuerliche Geschichten über prunkvolle Schlösser in Schottland und über Gespenster und andere außergewöhnliche Wesen, die sich darin aufhielten.
Er glaubte nicht an Geister, aber mich faszinierte seither der Gedanke, dass es Dinge gibt, die wir nicht sehen und auch nicht erklären können und die doch real sind. Dinge, die wir oft als Geister und Spuk und als himmlischen oder höllischen Ursprungs betrachten, aber immer nur so lange, bis wir, wie im Fall des Radons, die tatsächlichen Zusammenhänge zu verstehen beginnen.
Das Mittelalter begeisterte mich als angehende Historikerin besonders. Vor allem nachdem ich den historischen Kriminalroman Der Name der Rose von Umberto Eco gelesen hatte. Als ich 13 war, verschlang ich das Werk begierig. Besonders gefiel mir die unergründliche Bibliothek der Benediktinerabtei, die darin eine Rolle spielt. Sie existiert in der Realität leider nicht, doch ich stellte fest, wie viele faszinierende Gebäude in diesem Zeitalter entstanden waren.
Die gotischen Kathedralen etwa. Wenn ich sie betrete, überwältigt mich auch heute noch ein Gefühl, für das ich keine Worte finde. Wenn dazu noch die Orgel spielt, fühle ich mich durch ihre Klänge in die Zeit von damals versetzt. Jedes Mal, wenn ich in einem dieser Gebäude bin, spüre ich viel Leichtigkeit in mir.
Meine Abschlussarbeit in Geschichte schrieb ich über Kataloge von Büchern in Bibliotheken des 5. bis 12. Jahrhunderts, wobei ich zahlreiche Klöster dieser Zeit besuchte. Unter anderem besuchte ich auch jenen Ort, der wahrscheinlich Umberto Eco zu seiner Bibliothek inspiriert hatte, die Stiftsbibliothek der Schweizer Benediktinerabtei in St. Gallen. Von da an war meine Liebe zum Mittelalter vollends entflammt.
Es waren stets außergewöhnliche Erlebnisse für mich, die so genannten Scriptoria zu besichtigen, jene Schreibstuben, in denen die Mönche ihre Bücher verfassten. Oder die Kreuzgänge, die seit jeher so still sind und eine magische, beruhigende und meditative Wirkung ausüben. Dies dürfte nicht allein an ihrer Geometrie liegen. Die alten Baumeister errichteten solche Kreuzgänge stets dort, wo sich unterirdisches Wasser befand. Der sichtbare Beleg dafür ist meist ein Brunnen in der Mitte des Innenhofs.
Ein schönes Beispiel dafür ist der Brunnenhof im Kreuzgang des Stiftes Heiligenkreuz, das etwas mehr als 30 Kilometer vor den Toren Wiens liegt. Das Stift ist aufgrund seiner Lage, Bauweise und Geschichte weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt, besonders, seit die dort lebenden Zisterziensermönche Gregorianische Choräle unter dem Titel Chant – Music for Paradise aufnahmen und mit der 900 Jahre alten Choralmusik die Charts in aller Welt stürmten.
Das »Brunnenhaus« im Stift Heiligenkreuz ist ein sakral wirkender, im Stil der Gotik errichteter Raum. Er erinnert mit seinen fantastischen Darstellungen des Markgrafen- und Herzogsgeschlecht der Babenberger auf den Glasfenstern, dem Schlussstein des Gewölbes mit der Christusfigur und dem Renaissancebrunnen in Form einer Pyramide an eine prachtvolle Kapelle. Denn selbst bei so profanen Tätigkeiten wie Waschen und Reinigen sollten sich die Mönche daran erinnern, wem und was sie letzten Endes dienen: Jesus Christus und seiner Heiligung.
Doch es ging beim Wasser auch um Visionen und nicht zuletzt um Heilung. Welche Wirkung Wasser aus dem Boden in dieser Hinsicht haben kann, hat etwa der amerikanisch-kanadische Psychologie-Professor und Neurotheologe Michael Persinger erforscht. Er befasste sich zeitlebens mit terrestrischen Energien, tektonischen Belastungen innerhalb der Erdkruste oder etwa geomagnetischen Aktivitäten. Persinger ging davon aus, unterirdisches Wasser würde natürliche elektromagnetische Felder beeinflussen und somit das Auftreten von Halluzinationen, Visionen und Heilungen begünstigen.
Damit konform gehen Überlieferungen, denen zufolge Altäre in mittelalterlichen Kirchen fast immer auf Wasseradern stehen, weil das die Priester während ihren Predigten mit zusätzlicher Energie versorgt. Man war sich der Kräfte unterirdischer Wasserquellen und -läufe also auch in den Zeiten bewusst, als die großen sakralen Bauten dieser Welt entstanden.
Michael Persinger starb im August 2018. Heute noch sind seine Theorien umstritten und werden von ihren Gegnern gerne ins Reich der Parapsychologie verbannt. Wer sich allerdings eingehender mit dem vielfach mystifizierten und ebenfalls gerne verunglimpften Thema Wasseradern befasst, weiß inzwischen, dass es trotz ihrer kurzfristig positiven Wirkungen unklug wäre, ein Bett darüber aufzustellen. Denn wie bei vielem anderem auch macht die Dosis das Gift. Zeitlich begrenzt auf einer Wasserader zu stehen, hat definitiv eine andere Wirkung, als stundenlang darauf zu liegen und dabei den ganzen Körper als Angriffsfläche zu bieten.
Auch hier spielt Radioaktivität eine Rolle. Ist das Wasser im Boden an radioaktiven Depots vorbeigeflossen, hat es einen Teil dieser Radioaktivität aufgenommen und strahlt sie hinterher wieder ab. Auch die Kulte, etwa die der alten Griechen, scheinen darauf hinzuweisen, dass Wasser auf diese Weise eine zusätzliche halluzinogene Wirkung entfalten kann. An der falschen Stelle unter dem Bett oder unter einem ständigen Arbeitsplatz hingegen, kann es dementsprechend auch zusätzliche gesundheitliche Gefahren bergen.
Nach welchen Kriterien die alten Dom-, Kirchen- und Klösterbauherren die Standorte bedeutender sakraler Bauten, aber auch kleiner Kirchen und Kapellen auswählten, damit befasst sich Wolfgang Zehetner, der seit Jahren Dombaumeister zu St. Stephan in Wien ist. Zehetner ist als gelernter Architekt ein Experte für Bauweise und Baugeschichte von Domen und Kathedralen, und das über sein unmittelbares berufliches Wirkungsgebiet, dem Stephansdom, hinaus.
Wie war das nun damals, wenn die Dombauherren ans Werk gingen? Wie groß war der Anteil des Absichtsvollen und wie groß jener, den man göttliche Fügung nennen könnte? Welche Rolle spielte der Faktor Zufall beim Bau?
Der Zufall, sagt Zehetner, sei in der Welt der alten Dombauherren keine Kategorie gewesen. Kein bisschen. Sie hätten rein gar nichts dem Zufall überlassen. Vielmehr hätte minutiöse Planung vorgeherrscht, bis ins allerkleinste Detail, und das Dogma, in allem an die Grenzen des Machbaren zu gehen und womöglich auch darüber hinaus.
Größe, Präzision und Schönheit der Gebäude, die architektonischen Hard Facts sozusagen, sind immer nur der eine Aspekt der sakralen Baukunst. Der zweite ist das Mystische, das ihnen anhaftet. Dieses ewig Rätselhafte, dessen Ursachen bei der perfekten Ausrichtung eines Bauwerkes anfangen und über die geisterhaften Lichteffekte an bestimmten Tagen im Jahr, bis hin zur Wahl des Ortes nach energetischen Informationen reicht. Die Bauherren griffen dabei auf uraltes Wissen zurück, das heute viele Menschen befremden mag oder erstaunt, damals aber allgegenwärtig war und wie selbstverständlich angewandt wurde.
Dabei geht es unter anderem um Asymmetrie, die Spezialisten dieses Faches, wie Zehetner, bei vielen sakralen Gebäuden feststellen. Zum Beispiel, weil sich Südportal und Nordportal eines solchen Gebäudes nicht exakt gegenüberliegen.
Asymmetrie in einem Bauwerk, das mit derart viel Detailliebe und einem fast zwanghaften Streben nach Harmonie und Vollkommenheit errichtet worden war, wie konnte das sein? Der Grund dafür zeigt, wie wichtig den Bauherren die Wirkung der Orte war. Denn solche Asymmetrien entstanden vielfach, weil sie sich nicht am Gleichmaß, sondern an unterirdischen Wasseradern orientierten.
So zum Beispiel ließen die Bauherren der Kirche im niederösterreichischen Weitra das Nordportal exakt nach dem Verlauf einer Wasserader setzen und das Südportal ebenfalls. Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass die Eingänge einander nicht genau gegenüberliegen.
Dass sich derartige Asymmetrien bei sakralen Gebäuden oft mit unterirdischen Wasserläufen abgleichen lassen, ist inzwischen längst wissenschaftlich abgeklärt und vom Nimbus des Geheimnisvollen oder Verschwörungstheoretischen befreit. Das gleiche gilt für Kanzeln und Altäre, die oft über Schnittpunkten von Wasseradern errichtet wurden, um so eine Quelle für Kraft und Inspiration anzuzapfen. Geschichten wie die einer Mesnerin, die in einer bis ins 12. Jahrhundert zurückreichenden Kirche mehrfach zusammengebrach, wenn sie zu lange am Altar stand, gehören für Zehetner beinahe zum Berufsalltag.
»Man hat auch bei der Auswahl der Bauplätze nichts dem Zufall überlassen«, sagt der Wiener Dombaumeister. »Vor allem im urbanen Raum mussten sich die Bauherren zwar schon damals räumlichen Beschränkungen fügen, je nachdem, wie viel Stadt bereits da war. Doch so ein Bauvorhaben war immer eine Mischung aus zeitgenössischem Pragmatismus und traditioneller Überlieferung alten Wissens.«
Bei vielen, bis heute erhaltenen Bauten sei die Frage, warum sie genau dort stehen, wo sie stehen, noch nicht restlos geklärt. So auch beim berühmten Dom von Speyer, dessen Bau sich keineswegs städtebaulichen Gegebenheiten anpassen musste, sondern gleichsam auf der grünen Wiese erfolgte. Und dennoch musste er genau dort stehen, wo er steht, keine zehn oder 20 Meter abseits davon.
Welche Parameter kamen in solchen Fällen zur Anwendung und woher stammte das Wissen darüber? Abermals landen wir bei der Spurensuche in vorchristlicher, heidnischer Zeit – bei den Kelten und ihren Kraftplätzen und Kraftlinien. Sie erkannten und definierten diese Plätze bereits als solche und bebauten sie entweder gezielt oder mieden sie bewusst.
Viele sakrale Bauten des Christentums stehen auf Kraftplätzen der Kelten. So etwa auch die Kathedrale Notre-Dame von Chartres, die rund 90 Kilometer südwestlich von Paris zu finden ist. Zu ihrer Magie trägt, neben der Zahlenmystik, die dem ganzen Gebäude innewohnt, dem geheimnisvollen Spiel mit Lichteffekten oder dem Grundriss, der auf dem goldenen Schnitt basiert, wohl auch der Ort bei, auf dem sie steht. Fünf sakrale Bauten waren an diesem ursprünglich keltischen Kultplatz bereits errichtet und wieder zerstört worden, ehe die Kathedrale Notre-Dame von Chartres in ihrer heutigen Form dort entstand.
Die Ausrichtung früh- bis spätmittelalterlicher Kirchen erfolgte längst nicht immer, wie vielfach angenommen, nach der so genannten Ostung, also in strengem Ost-West-Verlauf, sondern beugte sich manchmal anderen Traditionen und Zwecken. Der Wiener Stephansdom etwa ist nach Südosten ausgerichtet und die Achse des Langhauses verläuft so, dass sie dem Sonnenaufgang am Stephanstag folgt, während die Achse des Chors auf den darauffolgenden Sonntag verweist.
Aber auch die Lage sakraler Bauten zueinander folgt oft bestimmten Mustern. So können sie auf präzise definierten Achsen liegen, manchmal über weite Räume hinweg. Der Aufgabe, die Systeme oder das eine System hinter diesen Mustern zu entdecken, widmen sich Forscher seit Jahrzehnten. Theorien darüber gibt es jede Menge, tatsächlich bestätigt hat sich bis heute jedoch keine.
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