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Robert Lang

Hitzeschlacht

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Erstes Kapitel: Hitzewelle

Zweites Kapitel: Dies war nur der Anfang

Drittes Kapitel: Hochdruckgebiet

Viertes Kapitel: Hundstage

Fünftes Kapitel: In der Hitze des Tages

Sechstes Kapitel: Hitzeschlacht

Siebtes Kapitel: Nach der Flut

Achtes Kapitel: Höllenglut

Impressum neobooks

Erstes Kapitel: Hitzewelle

Robert Lang

Hitzeschlacht

Roman

Prolog

Der Himmel wölbt sich in mattem Grau über der Stadt. Am Abend soll ein Gewitter aufziehen, aber zu dieser Vormittagsstunde ist davon noch nichts zu spüren. Die Luft ist stickig und macht das Atmen schwer, schon am frühen Morgen ist die Temperatur wieder auf dreißig Grad geklettert, und es soll bis zum Nachmittag noch schlimmer werden.

Ausgerechnet heute ist im Konferenzraum 12 des „Frankfurter Hof“, des besten Hotels am Platz, die Klimaanlage ausgefallen. Eilends herbeigerufene Techniker finden den Fehler nicht sofort, aber der Festakt zu Ehren des Jubilars kann so kurzfristig nicht in einen anderen Raum verlegt werden, weil man eine provisorische Bühne errichtet hat, auf der ein kleines, aber erlesenes Orchester Schuberts‘ „Forellenquintett“ zum Besten geben soll. Die Musiker sind dabei, ihre Instrumente noch einmal nachzustimmen, was dringend erforderlich ist, weil sich durch die Hitze die Saiten ihrer Instrumente dehnen, und das ruiniert jeden Klang.

Es sind an die achtzig Einladungen verschickt worden, aber beinahe die Hälfte der Eingeladenen hat sich wegen anderweitiger Verpflichtungen entschuldigt, ein paar sind - ohne abzusagen - ferngeblieben, vielleicht der Hitze wegen, vielleicht aber auch, weil sie kein Interesse an einem alten Geschäftsmann haben, der von der Stadt mit schwülstigen Reden und einer Ehrenurkunde für seine besonderen Verdienste um Versöhnung, Bildung und Kultur ausgezeichnet wird.

Richling hat sich in eine der hinteren Reihen gezwängt und schwitzt wie ein Schwein, wie er selbst es formulieren würde, weil er die Dinge gern beim Namen nennt. Das liegt zum einen an seinem Körper, den man wohlmeinend als beleibt bezeichnen mag; zum anderen hat er sich an dem reichhaltigen Büffet schon ein paar Lachshäppchen und zwei Glas Sekt genehmigt, was er besser gelassen hätte, denn das Zeug will jetzt partout aus all seinen Poren wieder hinaus.

Wenn er um sich schaut, sieht er nur piekfeine Leute, die viel zu nobel sind, um zu schwitzen. Die transpirieren stattdessen, denkt er voller Hohn. Und die Weiber sind mitten im Sommer mit mehr Schmuck behängt als ein Weihnachtsbaum Lametta trägt.

Der Oberbürgermeister ist an diesem Tag unabkömmlich, weil er bei einer Veranstaltung des Deutschen Städtetages in Dresden auftritt, und so muss für die Laudatio sein Stellvertreter herhalten, der gerade nach einem Blick auf die Uhr den Saaldiener gebeten hat, die Tür zu schließen, weil nicht anzunehmen ist, dass noch weitere Gäste hinzukommen. Das Gemurmel in den Reihen verstummt. Die Musik setzt ein.

Irgendein Schlaumeier ist auf die Idee gekommen, ein Fenster aufzureißen, aber die Luft steht still, und so ist es in dem kleinen Saal inzwischen genauso heiß und schwül wie draußen im Freien.

Richling, der außer ein paar gelegentlichen Takten Wagner so gut wie nie klassische Musik hört und sich für diese auch nicht die Bohne interessiert, hätte wohl schleunigst das Weite gesucht, wenn er gewusst hätte, dass das verdammte Stück eine geschlagene Dreiviertelstunde dauert. Er schließt die Augen, faltet die Hände über seinem Bauch und hofft, dass das ganze Theater irgendwie vorübergeht. Er sehnt sich nach einer kalten Dusche, und auf die Toilette wird er auch bald wieder müssen. So ist das eben bei Männern, wenn sie alt werden.

Ohnehin hat er nicht die geringste Ahnung, warum er zu diesem Festakt eingeladen worden ist; natürlich kennt er Erdmann dem Namen nach, und bei Google hat er herausgefunden, dass dieser der reichsten Männern der Stadt ist und vor kurzem seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag gefeiert hat. Das ist bis auf ein paar Banalitäten alles, und persönlich begegnet ist er ihm nie. Wäre er nicht ohnehin in der Nähe gewesen, hätte er sich diese Veranstaltung nicht einmal im Traum angetan. Er kann sich seinen Schampus selbst kaufen.

Endlich ist das Orchester fertig, das ermattete Publikum applaudiert dankbar, weil zu hoffen ist, dass man nun bald wieder hier rauskommt, in ein klimatisiertes Büro oder Auto, nur raus aus dieser Sauna.

Der stellvertretende Bürgermeister, vielleicht mit Rücksicht auf die widrigen Umstände, vielleicht aber auch, weil lange Reden nicht seine Sache sind, tritt an ein Mikrofon am rechten Bühnenrand und gibt einen kurzen Abriss von Erdmanns Lebenslauf; den Kriegsjahren, der Auswanderung nach Palästina noch im Vorschulalter, seiner Zeit in den USA, wo er den Grundstein für sein beträchtliches Vermögen gelegt hat, seiner Rückkehr nach Frankfurt, und natürlich den vielen Wohltaten, die er seiner Heimatstadt im Laufe von mehr als fünf Jahrzehnten erwiesen hat. Er betont, dass die Stadt Frankfurt diese Auszeichnung in den letzten zweihundertzwanzig Jahren nicht öfter als dreißig Mal verliehen hat. Um dem gestressten Publikum das Kopfrechnen zu ersparen, fügt er hinzu, dass eine Veranstaltung wie die heutige statistisch gesehen nur alle sieben Jahre stattfindet. Gott sei Dank, mag ein Teil der Gäste denken.

Richling hört kaum zu, ihm läuft der Schweiß von der Stirn in die Augen und er atmet so schwer, dass sich eine ältere Dame, die vor ihm sitzt, beunruhigt zu ihm umdreht und mit den Augen fragt, ob er in Ordnung sei. Lass mich in Ruhe, du alte Vettel!

„Und nun einen Applaus für den Mann, der sich wie kaum ein anderer für die Belange unserer Stadt eingesetzt hat. Frankfurt wäre ohne diesen Mann nicht das, was es heute ist. Bitte, Herr Johannes Erdmann!“

Erneuter Applaus, etwas lebhafter als zuvor, und auf die Bühne schlurft ein alter Mann in einem schwarzen Anzug, auf dem Kopf ein ebenso schwarzes Käppchen, unter dem schneeweißes, aber noch volles Haar hervorschaut. Noch bevor der Beifall verklungen ist, nimmt er aus der Hand des Bürgermeisters die Ehrenurkunde der Stadt entgegen, bedankt sich mit einem langen Händedruck und wendet sich dann dem Mikrofon und damit auch dem Publikum zu.

„Vielen Dank, vielen herzlichen Dank, meine Damen und Herren.“ Er ist sichtlich gerührt. „Meine Mutter sagte, als ich einst noch ein kleiner Junge war, zu mir…“

Richling ist wie vom Donner gerührt, er sitzt auf der Vorderkante seines Stuhls, der unter dem Gewicht des massigen Körpers beinahe unter ihm wegrutscht, und seine Augen quellen ihm fast aus den Höhlen. Seine Lippen bewegen sich stumm, ein Speichelfaden hängt von seinem rechten Mundwinkel herab und er sieht aus, als hätte er ein Gespenst gesehen. Sein Unterkiefer beginnt Luft zu kauen, alle Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen. Es ist ein Gespenst, das da vorne steht, aber es ist ein sehr reales und sehr lebendiges Gespenst.

Sein Verstand droht auszusetzen, Bilder von Schmach und Scham, von Aufruhr und Wut folgen in wilder Abfolge, das alles geschieht in Sekunden.

„Das ist nicht Erdmann“, flüstert er endlich, „das ist nicht Erdmann.“

„Pssst!“

„Das ist gar nicht Erdmann…“ Er kann es nicht fassen. Er hat den Alten zuerst nicht erkannt, als dieser die Bühne betrat. Aber er kennt diese Stimme. Die hohe, singende Stimme, die durch Mark und Bein geht, eine Stimme, die schon vor einem halben Jahrhundert so geklungen hat; er würde sie niemals vergessen, nicht bis zum jüngsten Gericht. „Das ist nicht…“

„Jetzt halten Sie aber die Klappe“, die ältere Frau vor ihm schaut jetzt nicht mehr besorgt, sondern wütend.

„Das ist Seligman, Joshua Seligman! Der Jud‘…“

Köpfe rucken herum, entgeisterte Blicke treffen ihn, die er aber nicht mehr bemerkt, denn er springt bereits auf und verlässt hastig den Saal, in dem es schlagartig totenstill geworden ist. Aber kaum hat er die Tür hinter sich zugeschlagen, bricht ein mittlerer Tumult los.

Der alte Mann steht am Mikrofon und kann sich ein feines Lächeln nicht verkneifen. Er weiß ganz genau, wer da soeben die Flucht angetreten hat.

Joshua Seligman, heute bekannt als Johannes Erdmann, wartet, bis es im Publikum wieder ruhig geworden ist; dann setzt er seine Rede fort, ohne auf das soeben Geschehene einzugehen. Er hat seinen Spaß an diesem kurzen Zwischenfall gehabt, denn schließlich hat er sich diesen Spaß selbst ausgedacht.

Der Rest der Veranstaltung verläuft ungestört, und nachdem Erdmann seine Rede beendet und nochmals auf das Büfett hingewiesen hat, springen seine Gäste auf und eilen nach draußen. Immerhin haben sie gänzlich unverhofft eine saftige Klatschgeschichte aus dieser insgesamt recht unerfreulichen Veranstaltung mitnehmen können. Und das sättigt um einiges nachhaltiger als jedes noch so leckere Lachshäppchen.

1

Rebecca Silberschmied kommt nach Unterrichtsschluss am Goethe-Gymnasium gegen 13:30 Uhr bei ihrem Großvater an. Sie isst dort zu Mittag und verlässt kurz darauf das Haus im Frankfurter Westend, um nach Sachsenhausen zu fahren und dort mit ihrer besten Freundin für einen Test in Chemie zu pauken. Die zerknitterte U-Bahnfahrkarte in ihrer Hosentasche belegt dies später; einen Rückfahrschein finden die Ermittler nicht. Die junge Frau besitzt keine Monatskarte, weil sie in Fußnähe zu ihrer Schule wohnt und sich deshalb eine solche nicht für sie lohnt.

Und da auch ihre Freundin später aussagt, dass sich Rebecca für mehr als zwei Stunden in ihrer Wohnung aufgehalten hat, fokussiert sich die Suche nach ihr auf die Umgebung der U-Bahn-Station, an der sie nach menschlichem Ermessen ihre Heimfahrt hätte antreten sollen.

Die Beamten, die sofort nach Eingang der Vermisstenanzeige ausgeschwärmt sind, um nach möglichen Augenzeugen zu suchen, erfahren - wie zu vermuten - im Westend nichts Verwertbares. Dagegen glaubt eine Zeitungsverkäuferin in Sachsenhausen gesehen zu haben, wie ein Mädchen von einem Mann angesprochen wird und kurz darauf in ein Auto steigt – oder eher hineingeschubst wird, als dass sie es freiwillig tut. Das Fahrzeug ist dunkel und sehr gepflegt, vielleicht ist es ein BMW oder Audi. Den Mann, der das Mädchen angesprochen hat, kann sie nur ungenau beschreiben. Er sei groß gewesen, mit Glatze oder Kurzhaarschnitt.

Der Beamte, der mit der Verkäuferin gesprochen hat, hat dieser Aussage den Hinweis hinzugefügt, dass die Frau trotz der frühen Stunde der Befragung (ca. elf Uhr vormittags) deutlich nach Alkohol riecht, und dass sie offensichtlich ein starkes Mitteilungsbedürfnis besitzt, wenn sie getrunken hat. Beides entwertet ihre Aussage möglicherweise ganz, zumindest aber teilweise. Ein Witzbold hat mit Bleistift hinter dem entsprechenden Abschnitt des Protokolls das Wort „Schnapsdrossel“ gekritzelt.

Gefragt, warum sie ihre Beobachtung nicht schon am Vortag der Polizei gemeldet hat, kann die Frau das nicht erklären. Der Beamte mutmaßt, dass sie auch zum Zeitpunkt der möglichen Entführung von Rebecca S. alkoholisiert war und deshalb Angst hatte, sich zu blamieren.

Trotz aller Unwägbarkeiten bezüglich dieser Zeugenaussage kann man davon ausgehen, dass das Mädchen auf den wenigen Metern von der Haustür ihrer Freundin zur nächstgelegenen U-Bahn-Station entführt worden ist. Es findet sich trotz aller Bemühungen nirgends eine Aussage, die Zweifel an diesem Sachverhalt aufkommen lässt. Man hat aber jetzt eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wann Rebecca Silberschmied überfallen wurde. Tage später wird der Pathologe feststellen, dass der Tod der Schülerin vermutlich bald darauf eingetreten ist, wobei er damit eine Zeitspanne von einigen Stunden meint. Daraus folgt für Kommissar Schuchardt von der Mordkommission, dass es bei diesem Verbrechen nicht um Lösegeld gegangen ist.

Die Freundin der Toten weint und weint, und zwischendurch erfahren die Beamten, dass gemeinsames Chemielernen im Wesentlichen bedeutet, dass sie zwei Stunden lang über die Jungs in ihrer Klasse lästern und sich zwischendurch eine große Pizza kommen lassen, etwas, das bei Rebecca zuhause nicht möglich wäre, denn ihre Eltern und der Großvater haben eine ziemlich vorsintflutliche Meinung zu Fast Food (und nebenbei auch zu Jungs).

Rebecca trägt eine weiße Bluse, als sie bei Claudia eintrifft; sie zieht sie aber direkt nach ihrer Ankunft aus und setzt sich in einem nabelfreien Top auf den Balkon, ein weiterer Akt zivilen Ungehorsams gegen die restriktive Jugendpolitik in ihrer Familie.

Den Gedanken, dass die mutmaßlich Entführte einen festen Freund haben könnte, empfindet ihre Freundin als abwegig. Ihre Eltern würden sie eher in einem Kohlenkeller anketten als eine solche Liaison zuzulassen. Sie sei auch mit Sicherheit noch Jungfrau, ansonsten wüsste sie als ihre engste Vertraute es bestimmt. Der Pathologe wird auch das bestätigen, was eher nebenbei geschieht angesichts all der Gräueltaten, die Rebecca Silberschmied zugefügt worden sind. „Verkrustetes Blut an den Innenseiten beider Oberschenkel“, spricht er resigniert in sein Diktiergerät, bevor er an diesem Tag nach Hause geht, um einen Joint zu rauchen, mindestens so groß wie ein Ofenrohr.

Mutmaßliche Entführung in der Nähe einer U-Bahn-Station nachmittags gegen siebzehn Uhr dreißig. Dunkles Fahrzeug, großer Kerl mit kurzem Haar plus ein Fahrer. Viel ist das nicht.

Sofort schickt die Polizei ein paar Spezialisten zur Wohnung der Familie Silberschmied, lässt das Telefon an ein Aufnahmegerät koppeln und wartet auf einen Anruf, der in den üblichen ersten vierundzwanzig Stunden nicht eingeht. Dann tritt der Vater des Mädchens auf den Plan und verbietet den Beamten die weitere Überwachung. Zu groß sei das Risiko, dass die Entführer Wind davon bekommen und ihre Tochter das büßen muss.

Am Morgen nach dem Verschwinden von Rebecca fallen ein paar Beamte im Goethe-Gymnasium ein und befragen ihre Freunde und Freundinnen einzelnen und parallel in mehreren eilig geräumten Klassenzimmern. Von den Mädchen wollen die Beamtinnen unter anderem wissen, ob Rebecca vielleicht von irgend einem Jungen besonders hartnäckig angehimmelt wird. Doch diese Spur führt offenbar nirgendwo hin, und man lässt sie fallen, sobald zwei Stunden später die Aussage der Zeitungsfrau vorliegt. In der zehnten Klasse fährt noch niemand einen Wagen der Oberklasse; also kann es kein durchgedrehter jugendlicher Verehrer gewesen sein.

Man überprüft selbstverständlich auch die Kartei der polizeibekannten Sexualstraftäter und unter diesen welche, die wegen Übergriffen auf junge Mädchen eingesessen haben und erst vor kurzem wieder entlassen worden sind. Von diesen kommen vier in die engere Auswahl, und die Polizei rückt mit Spezialeinheiten aus, um diese aufzusuchen und zur Sache zu befragen.

Einer der vier liegt im Krankenhaus, einer ist unterwegs in Südfrankreich, ein dritter hat ein einwandfreies Alibi. Der vierte Mann wohnt bei seiner Mutter, und er erklärt, dass er spezielle Medikamente nimmt, die ihn impotent machen. „Sie könnten mir Marilyn Monroe nackt und in High Heels auf den Schoß setzen, und bei mir würde sich absolut nichts rühren.“ Nach einem Anruf bei seinem Arzt und nach einer einvernehmlich entnommenen Blutprobe lässt man den Mann schweren Herzens in Ruhe.

2

„Wir haben es der Kleinen anständig besorgt, Chef, und jetzt wollen wir wissen, wann Sie endlich mit der Kohle rüberkommen.“ – „Ihr solltet mich doch in nächster Zeit nicht abrufen, ihr Idioten!“

„Die Jungs sind ungeduldig, sie wollen feiern. Und wir sind auch keine Idioten. Wir wissen, wann es Zeit zu säen ist, und wir wissen, wann es Zeit zu ernten ist.“

„Ich muss morgen Mittag zur Bank. Ich hab solche Summen nicht unter dem Kopfkissen liegen. Sagen wir, achtzehn Uhr in eurer Wolfsschanze. Und vorher kein weiterer Kontakt, ist das klar?“

„Klar. Nichts für ungut, Richling. Wir sind alle noch ein bisschen durch den Wind nach dieser Aktion.“

Wolfsschanze nennen sie einen kleinen Schrebergarten in Frankfurt-Rödelheim, der den Großeltern eines Mitglieds der Bande gehört und den sie ungestört nutzen dürfen, weil ebendiese Großeltern nicht mehr mobil genug sind, um noch Gartenarbeit zu verrichten. Zum Grundstück gehören eine kleine Hütte mit einem Kühlschrank und ein Elektrogrill unter einem kleinen Vordach. Die Bande trifft sich hier regelmäßig während der Saison von April bis Oktober. Im Garten hängt an einem neun Meter hohen Mast eine große Deutschland-Fahne - eine Reichbürgerflagge und die noch härteren Sachen zieren die Innenwände der Hütte und werden in einer alten, abschließbaren Holztruhe verwahrt, wenn die Jungs nicht anwesend sind.

Richling trainiert im Garten seine beiden Dobermänner Adolf und Joseph, als sein Handy summt. Die Viecher sind zu dämlich, um einer mannshohen Strohpuppe an die Kehle zu gehen, aber sie kosten ihn ein Vermögen an Frischfleisch. Immer wieder beißen sie sich an den längst zerfetzten Beinen fest, obwohl er ihnen schon ein dutzend Mal gezeigt hat, wie man es richtig macht. Naja, vielleicht macht die Hitze den Burschen genauso große Probleme wie ihm. Er schmort seit Tagen im eigenen Saft, und im Fernsehen sagen sie, dass dieses verfluchte Wetter noch sehr lange so oder vielleicht noch schlimmer weitergehen wird.

Wenn man den Zeitungen vom heute früh glauben kann, hat seine Jungschar gute Arbeit geleistet. Das Judenmädchen lebt nicht mehr.

Aber seltsamerweise ist er nicht wirklich zufrieden, sein Triumph ist nicht vollkommen. Vielleicht liegt es daran, dass die Medien kaum ein Wort darüber verlieren, auf welche Weise die kleine Prinzessin um die Ecke gebracht worden ist. Nur eine einzige Zeitung hat das Ganze ein „grausames Verbrechen“ genannt, alle anderen Drecksblätter haben nur erwähnt, dass die Leiche gefunden wurde. Das fühlt sich für ihn so an, als sei er um etwas Wichtiges betrogen worden. Etwas, das er nicht genau benennen kann, das er aber deutlich fühlt.

Fünfzig Riesen hat er sich den Spaß kosten lassen, obwohl ihn bald nach der Vereinbarung des Deals der Verdacht kam, dass er das Ganze auch für einen Bruchteil dieser Summe hätte haben können. Seine Jungs sind doch angeblich vom selben Schlag wie er. Stattdessen zocken sie ihn ab und lachen sich wahrscheinlich hinter seinem Rücken über ihn kaputt.

Er hat ein paar Wertpapiere verkaufen müssen, die in den letzten vierundzwanzig Monaten etwa ein Drittel ihres Kurswertes verloren haben und deshalb tun ihm die fünfzigtausend doppelt weh. Vielleicht sollte er nachverhandeln, wenn sie sich morgen treffen. Schließlich sitzen sie im selben Boot, und er hat die Bande mindestens ebenso sehr in der Hand wie diese ihn.

Er spritzt seine Hunde mit dem Wasserschlauch ab, bei diesen äußeren Bedingungen ein herrlicher Spaß für die Bestien. Danach sperrt er sie in ihren Zwinger und geht ins Haus, um selbst zu duschen. Während er sich vom kühlen Nass berieseln lässt, versucht er sich vorzustellen, wie es wäre, wenn jetzt Gas anstelle von Wasser aus der Brause käme. Das ist ein wenig beklemmend, aber nicht wirklich unangenehm. Es muss nur die richtigen Leute treffen, dann ist die Vorstellung gar nicht so schlimm.

Er trocknet sich ab, zieht einen Morgenmantel an und setzt sich an seinen Computer, um ein paar Wertpapierpositionen zu liquidieren. Dann transferiert er die Erlöse auf sein Girokonto und ruft seinen Bankberater an, um ihm zu sagen, dass er morgen Nachmittag achtzigtausend Euro in bar braucht. Der Mann faselt etwas über die Gefahr von Bargeschäften, und Richling lässt ihn reden. Nach ein paar weiteren Sätzen gibt der Berater nach und sagt ein wenig verschnupft, es sei schließlich Richlings Geld.

So ist es, du Penner!

3

Schuchardts Katze tut, was sie immer tut, wenn dieser versucht, morgens die Zeitung zu lesen. Kaum, dass er sich an den Küchentisch gesetzt hat, springt sie auf den Tisch und legt sich – schnurrend wie ein Rasenmäher – auf genau diese Zeitung und ist mit friedlichen Mitteln nicht mehr zu vertreiben. Das hat er nun davon, dass er dieses dumme Tier aus dem Heim geholt und zu sich genommen hat. „Runter mit dir, du Räuber, sonst bringe ich dich zurück zu der alten Schabracke. Da kenne ich gar nichts.“ Das dumme Tier bleibt unbeeindruckt und schnurrt einfach weiter.

Er hat den kleinen Kerl aus dem Tierheim geholt. Das war vor acht Wochen, nachdem er einen kniffligen Fall gelöst hatte und auch dabei einige prominente Landespolitiker in sein Visier geraten waren. Danach haben sie sie ihn eine Zeitlang wie einen Nestbeschmutzer behandelt und seine Arbeit argwöhnisch beobachtet.

Dieser Sturm hat sich inzwischen – seit alle Fakten auf dem Tisch sind – wieder gelegt. Er aber fühlte sich danach so einsam, dass er sich den lange gehegten Wunsch nach einer Katze erfüllte. Das Resultat dieses Entschlusses liegt nun auf seiner Morgenzeitung und grinst ihn spöttisch an.

Aber Schuchardt steht heute ohnehin nicht der Sinn nach Zeitungslektüre. Man hat das Mädchens im Stadtwald gefunden. Rebecca Silberschmied, noch nicht einmal ganz fünfzehn Jahre alt. Sie war zuletzt gesehen worden, als sie in ein wartendes Fahrzeug einstieg, vor inzwischen vier Tagen.

Er hat schon geahnt, dass diese Geschichte schlimm ausgehen wird, denn den verzweifelten Eltern des Mädchen ist bis zum späten gestrigen Abend keine Lösegeldforderung zugestellt worden. Das ist für gewöhnlich kein gutes Zeichen.

Der Kommissar verzichtet an diesem Morgen auf feste Nahrung, denn ihm steht ein Besuch in der Pathologie des Uniklinikums bevor, und dieser – man hat ihn vorgewarnt - soll unappetitlich werden. Multiple schwere und schwerste innere und äußere Verletzungen.

Den Beamten, der ihn angerufen hat, weist er an, die Eltern noch nicht zu informieren. Er selbst wird diese traurige Pflicht erfüllen, denn der Fall wird ohnehin bei ihm landen, weil es jetzt Mord ist und nicht mehr nur Kidnapping. Und wenn er von Anfang an dabei ist, erfährt er mehr, als wenn er solche Dinge einem Kollegen überlässt.

Man hätte bei der Familie des Mädchens eine Genehmigung zur Obduktion einholen können, hat aber darauf verzichtet. Mord ist Mord, und da steht Landesgesetz über religiösen Vorschriften. Die Eltern von Rebecca sind nicht gerade ultraorthodox und hätten wahrscheinlich sowieso zugestimmt. Bei allem ist Eile geboten, denn der Leichnam muss so schnell wie möglich beerdigt werden. Und zwar per Erdbestattung, denn Verbrennung ist bei Juden nicht üblich.

Sein erster Weg wird ihn also in die Pathologie führen, denn er will vorbereitet sein, wenn die Fragen der Angehörigen und der Presse auf ihn einprasseln. Denn das werden sie unausweichlich tun.

Schuchardt ist erst vor ein paar Tagen aus einem einwöchigen Urlaub im Schwarzwald zurückgekehrt, wo er mit seiner Katze in dem Renchtal-Städtchen Oppenau in einer Ferienwohnung gewohnt, dreimal täglich gut und reichlich gegessen und den Stress der letzten Monate durch ausgedehnte Wanderungen in der Umgebung abgebaut hat. Er muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass der Erholungseffekt dieser Woche schnell wieder aufgebraucht sein wird.

„Na, Bobby“, fragt er seinen Kater, „meinst du auch, dass das eine böse Geschichte wird?“ Aber dieser hat sich offenbar noch keine Meinung zu diesem Fall gebildet, und überhaupt sind Kategorien wie Gut und Böse für einen vier Monate alten Kater noch kein Thema.

„Katze 1, Schuchardt 0“, brummt der Kommissar.

Schuchardt hat nicht die geringste Lust auf diese Ermittlung - ein totes Mädchen, und als ob das nicht genug wäre, ein jüdisches Mädchen, das impliziert vielleicht eine politisch motivierte Tat durch Nazis oder andere Judenhasser, beispielsweise aus der islamistischen Ecke, und das ganze Paket riecht überhaupt nicht verlockend. Das ist schlüpfriges Parkett, auf dem man nur zu leicht ausrutschen und sich das Genick brechen kann. Ihm liegt der Fall schon seit Tagen schwer im Magen, obwohl er von dem Hintergrund der Tat und dem Tod des Mädchens noch gar nichts gehört hat; nein, allein deshalb, weil Rebecca aus einer der angesehensten Frankfurter Familien kommt und er von Beginn an skeptisch war, was ihre Überlebenschancen anging.

Und so ist es dann gekommen. Er hat es schon gewusst, als er an diesem Morgen die SMS vom Polizeipräsidenten gelesen hat. „Rückruf, aber bitte sofort!!!“ Schuchardt mag keine Nachrichten mit drei Ausrufezeichen, egal, von wem sie kommen.

Er setzt Bobby in die oberste Höhle seines Kratzbaums, sagt ihm, er solle die Stellung halten, bis er wieder nach Hause kommt.

Danach zieht er eine leichte Windjacke an, um in ihren Taschen Handy, Schlüssel und ein paar Kirschbonbons zu verstauen; dann verlässt er die Wohnung. Es ist so warm, dass er auch nur in Badehose und Strandlatschen hätte ausgehen können. Nur tut man so etwas nicht, wenn man sich auf den Weg zu einem Mordopfer macht.

4

Die Mitglieder der Gang treffen sich schon zwei Stunden vor dem mit Richling anberaumten Termin, um ihre Darstellung der Tat aufeinander abzustimmen. Es ist nicht alles gut gelaufen vor vier Tagen, weiß Gott nicht, denkt der Anführer der Bande, der gerade seine Krawatte lockert. Er ist direkt von seiner Arbeit im Backoffice einer Frankfurter Großbank hierher zur Wolfsschanze gefahren, denn es war nicht mehr genügend Zeit, um nach Hause zu fahren und sich umzuziehen.

Aus Angst vor Gewittern (die dann aber ausgeblieben sind) haben sie nach dem letzten Treffen den Stecker des Kühlschranks im Gartenhäuschen gezogen, mit dem Resultat, dass sie vorläufig nur lauwarmes Bier trinken werden.

Das Mädchen ist lammfromm gewesen, nachdem sie es in ihren Wagen verfrachtet haben. Kreidebleich und viel zu verängstigt, um Fragen zu stellen. Schockstarre wahrscheinlich, oder aber eine Vorahnung dessen, was ihr gleich zustoßen würde.

Aber nicht das Opfer treibt ihn im Moment um, das ist tot und vergessen. Es sind zwei seiner Jungs, die ihm Sorge bereiten.

Der kleine Detlev hat keinen hochgekriegt, als er an der Reihe war, sich mit der kleinen Jüdin zu vergnügen. Das hat zwar beim Rest der Bande hämisches Gelächter hervorgerufen, bei ihm selbst aber haben die Alarmglocken geläutet.

Und später, als alles vorbei war, hat derselbe Detlev noch an Ort und Stelle unter einen Baum gekotzt. Er ist einem solchen Stress nicht gewachsen, und das ist beunruhigend. Er kann sich lebhaft vorstellen, was Richling dazu sagen wird und er überlegt, ob es nicht besser ist, es ihm zu verschweigen.

Wegen der Sache mit dem Ritzen der doppelten Acht könnte er sich selbst ohrfeigen. Er hätte Rocco, den sie wenig liebevoll auch „das Frettchen“ nennen, aufhalten müssen. Aber das hat er versäumt, weil es ihm im ersten Moment als richtig erschien, ihre Unterschrift unter den Mord zu setzen. Schließlich ist es nicht nur das Geld gewesen, das sie zu dieser Tat bewegt hat. Sie wollten der Welt zeigen, dass sie sich dem Kampf gegen das sich ausbreitende Judentum verschrieben haben, und zwar mit Taten anstelle der üblichen Stammtischparolen oder eilig hingeschmierten Graffitis an der Mauer eines jüdischen Friedhofs.

Wenn er Richling richtig verstanden hat, dann ist diese Sache ein persönlicher Rachefeldzug für etwas, das mindestens eine Generation zurückliegt. Ihm selbst ist das an sich egal, aber er weiß, dass Emotionen zu Fehlern führen können, und er kennt Richling noch nicht besonders gut.

Also, einer mit weichen Knien und ein anderer mit einer weichen Birne, Detlev und das Frettchen bereiten ihm umso größeren Kummer, je länger er über sie nachdenkt. Vielleicht sollte er beide in einen unbefristeten Urlaub schicken, sie irgendwo für eine Weile zwischenparken, bis der ärgste Rummel vorbei ist. Würde Detlev den Bullen in die Hände fallen würde er in kürzester Zeit umfallen und die ganze Truppe mit sich reißen.

Zu allem Überfluss sind sie allesamt polizeibekannt. Wenn also die Bullen zwei und zwei zusammenzählen, werden sie damit beginnen, ihre Neonazi-Kartei zu durchforsten, und dann herrscht Alarmstufe rot.

Draußen vor dem Grundstück hält ein Wagen, das wird wohl Richling sein. Und ja, er steht kurz darauf in der Tür und taxiert jeden Einzelnen in der Hütte.

Dann hält er auf Matthias zu, den einzigen aus der Truppe, den er von Angesicht zu Angesicht kennt. Die beiden haben die Tat gemeinsam geplant, Richling hat ihn mit Informationen über die Familien Silberschmied und Erdmann versehen, die er selbst durch eigene Recherche im Internet und durch Erkundigungen gesammelt hat.

In dem Raum, in dem eben noch eine aufgekratzte Stimmung geherrscht hat, ist es jetzt still geworden. Alle sind gespannt auf den Auftritt des Fettsacks, denn der hat das Geld mitgebracht, auf das sie warten. Und – Matthias hat es ihnen gegenüber beiläufig erwähnt – wo diese fünfzigtausend Piepen sind, gibt es noch mehr zu holen.

„War der Goldrauschengel dort drüben auch dabei?“ Richling hält sich nicht mit Smalltalk auf.

„Ja, und Sie müssen gar nichts sagen, ich werde ihn noch morgen für eine Zeitlang aus der Schusslinie nehmen. Es hat sich gezeigt, dass er einer solchen Sache noch nicht gewachsen ist. Er selbst weiß es noch nicht, aber er fliegt morgen nach Mallorca. Vorerst für vier Wochen, bis dahin sollte sich der Pulverdampf verzogen haben.“

„Gut so. Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?“

Matthias zieht seine Krawatte jetzt ganz aus, steckt sie in die Hosentasche und öffnet die obersten beiden Knöpfe seines Hemdes.

„Wir hatten noch ein bisschen Spaß mit dem Mädchen, ich hoffe, das ist okay.“

„Das geht mich nichts an, solange ihr Kondome übergezogen und keine Spuren hinterlassen habt. Was sonst noch?“

„Aber klar, Chef, wir sind keine Selbstmörder. Wollen Sie etwas trinken? Wir haben warmes Bier und warme Cola.“

„Nein, aber ich habe gefragt, ob ich sonst noch etwas über euren Auftritt wissen muss.“

„Ja, es ist etwas vorgefallen, das ich unbedingt hätte verhindern müssen - aber ich habe zu spät reagiert.“ Der Boss der Bande windet sich jetzt ein wenig. „Unser Frettchen, der Junge da hinten mit dem Jagdmesser, hat dem Flittchen noch einen speziellen Gruß in den Rücken geritzt, nachdem wir es erledigt hatten. Es ging alles sehr schnell. Sie wissen, was die Doppelacht bedeutet, nehme ich an.“

Richling blickt Matthias an, als hätte dieser einen gewaltigen Sprung in der Schüssel. „Was? Seid ihr denn komplett wahnsinnig geworden?“

„Tut mir leid, Mann.“ Natürlich tut es ihm leid, denn das, was seine Jungs ausfressen, wirft zwangsläufig auch ein schlechtes Licht auf ihn selbst; entweder ist er zu blöde, um einen solch kapitalen Bock zu erkennen, oder es fehlt ihm an Autorität gegenüber seiner kleinen Truppe. Würde man das Letztere von ihn annehmen, träfe es ihn tiefer in seiner Eitelkeit.

„Ich hatte dir doch ausdrücklich gesagt, dass es in dieser Sache noch weitere Jobs zu erledigen gibt. Lukrative Jobs, verdammt! Wie könnt Ihr da schon gleich zu Anfang die Bullen so durch und durch dämlich auf eure Spur bringen? Unglaublich!“

Richling registriert aus dem Augenwinkel, dass nun alle Augen auf ihn Matthias gerichtet sind. Niemand spricht mehr. Die Jungs wollen ihr Geld haben und sich und ihre Tat feiern, und nun wittern sie, dass Richling sich vielleicht weigern wird, sie auszuzahlen. Die Spannung in der drückenden Hitze der Gartenlaube steigt.

Also gibt sich Richling jovial und holt mit einem „Schwamm drüber!“ den Umschlag mit dem Geld aus einer abgewetzten Aktentasche hervor. „Kann ja jedem mal passieren“, schiebt er noch hinterher und übergibt Matthias als dem Ranghöchsten in dieser kleinen Guerillatruppe fünf Bündel mit Banknoten. „Zehntausend für jeden, wie vereinbart. Und bitte halte deinen Laden sauber, Mann. Du weißt hoffentlich, dass eine einzige faule Kartoffel die gesamte Ladung verderben kann. Und wenn ich das richtig sehe, dann sind es bei dir gleich zwei.“

Richling stellt sich vor, wie diese fünf Kerle über ein fünfzehnjähriges Mädchen herfallen und sie nacheinander vergewaltigen. Es sind Tiere, denkt er, aber sie singen mein Lied.

Matthias nimmt das Geld und wirft jedem seiner Leute eines der Bündel zu, kreuz und quer segelt Richlings schönes Geld durch den Raum, und Detlev ist als Einziger wieder so neben der Spur, dass er seines fallen lässt. Der Junge muss schleunigst weg, das steht fest. Das Geld für einen langen Urlaub hat er jetzt.

Die Spannung hat sich wieder gelegt, alle bis auf Matthias zählen ihren Lohn, denn Kontrolle ist bekanntlich besser als Vertrauen.

5

„Entweder waren es tatsächlich Nazis, oder jemand versucht, es so aussehen zu lassen“, sagt Schimmelpfennig zur Begrüßung, „das kann man ja heutzutage nicht immer so genau sagen.“

„Wie ist sie gestorben?“ Schuchardt bemüht sich nach Kräften, an dem aufgebahrten Leichnam des Mädchens vorbei zu schauen. Auch nach fast dreißig Jahren bei der Kripo, stellt er fest, bist du noch immer nicht vorbereitet auf einen solchen Anblick.

„Langsam und qualvoll. Mehrfache Vergewaltigung, vermutlich durch verschiedene Täter, aber wir haben kein verwertbares Sperma. Das ‚mehrfach‘ schließe ich im Wesentlichen aus den unterschiedlichen Druckmalen an ihren Armen. Ich vermute, sie ist von verschiedenen Tätern auf verschiedene Arten festgehalten worden, während man sie vergewaltigte.

Dazu kommen noch Pfählung und Schädelbruch, letzterer mit Holzsplittern als Rückstand, die „88“ wurde ihr zwischen die Schulterblätter geritzt. Da war sie allerdings schon tot – die Wunden haben nicht mehr nennenswert geblutet.

Letzteres, diese Ritzungen, würde ich an Ihrer Stelle der Öffentlichkeit noch vorenthalten. Was nicht heißen soll, dass ich mich in Ihre Ermittlungen einmischen will. Ich denke nur an den allgemeinen Aufschrei, und dass dieser Ihnen sicher nicht bei der Arbeit weiterhelfen wird.“

Die „88“ ist eine bei Neonazis beliebte Art, den Hitlergruß zu gebrauchen, ohne sich strafbar zu machen. Sie steht für „HH“, den achten Buchstaben des Alphabets.

„Das Mädchen war jüdischen Glaubens“, sagt Schuchardt mehr zu sich selbst. Die Familie ist verwandt mit dem Besitzer einer großen Frankfurter Spedition. Der Vater des Mädchens hat einen guten Namen als Musikagent. Über die Mutter weiß er nichts.

„Was denken Sie, wann ist sie gestorben?“ – „So wie es für mich aussieht, vor etwa vier Tagen. Wann, sagen Sie, ist sie entführt worden?“

„Soweit wir das bisher feststellen konnten, am späten Donnerstagnachmittag.“ Wenn sie seit vier Tagen tot ist, dann haben ihre Mörder nicht viel Zeit verloren, bevor sie Rebecca Silberschmied all diese grauenhaften Dinge antaten.

Dass es mindestens zwei Täter sind, ist als gegeben anzusehen. Als der Wagen neben ihr gehalten hat, ist laut der Zeitungsfrau jemand ausgestiegen, der auf der Rückbank gesessen hat, also war er nicht der Fahrer.

Die „Signatur“, wenn man es denn so nennen will, ist entweder sehr clever gemacht, oder aber äußerst idiotisch; clever, wenn sie als Ablenkung gedacht ist, dämlich, wenn nicht.

Der Pathologe hat zweifelsfrei Recht mit seiner Warnung – andererseits ist Schuchardt lange genug dabei, um zu wissen, dass Verschweigen in aller Regel ein aussichtsloses Unterfangen ist. Irgendeiner quatscht immer.

„Schuchardt, ich würde Ihnen dringend empfehlen, die Eltern davon abzubringen, sich den kompletten Leichnam anzusehen. Zu den gerade beschriebenen Verletzungen kommt Tierfraß post mortem. Das Gesicht, den Kopf und die Schultern der jungen Frau können wir einigermaßen herrichten - was von ihr unter dem Laken übrig ist, sollte niemand sich anschauen müssen, am wenigsten die Angehörigen.“

„Jemand muss sie identifizieren. Wie wollen Sie ihn daran hindern, das Laken zurückzuziehen?“

„Ich kann den Leichnam bis zum Hals zugedeckt hinter einer großen Glasscheibe aufbahren, das Gesicht reicht für eine einwandfreie Bestätigung.“

Schuchardt wird mit der Familie des Opfers zusammenarbeiten müssen, um Aussicht auf Ergreifung der Täter zu haben; ob es dabei ratsam ist, einen möglicherweise politisch-rassistischen Hintergrund zu verschweigen, kann er zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Aber es ist bestimmt eine gute Idee, sich in dieser Hinsicht mit dem Polizeipräsidenten zu verständigen. Wahrscheinlich wird aber binnen kurzer Zeit irgendein Neunmalkluger Mutmaßungen in dieser Richtung anstellen und sie öffentlich kundtun; und dann ist die Katze sowieso aus dem Sack.

Deshalb wird diese Ermittlung wohl zu einem üblen Höllenritt werden. Seine Vorgesetzten, die Politik, die Opferfamilie, die zahlreichen jüdischen Einrichtungen und Stiftungen der Stadt, die Presse, Social Media, Spinner jedweder Couleur – sie alle werden ihm auf die Finger sehen, jeden seiner Schritte kommentieren, aufs Tempo drücken, Kritik äußern, nicht immer angemessen, oft genug ignorant, vereinfachend oder plakativ, das alles liegt in der Natur der Dinge - und in der Natur des Menschen.

Sein Handy summt, es ist Kretschmar von der Spurensicherung. „Ich weiß nicht, ob es Ihnen etwas nutzt, Kommissar, aber uns schien es interessant zu sein.

Sie wissen ja, dass es in unmittelbarer Nähe des Fundortes der Leiche wegen der großen Trockenheit keine verwertbaren Fußspuren gibt. Etwa fünfzehn Meter entfernt von der Stelle sieht das ganz anders aus. Dort hat wohl kurz vor dem Mord die Stadt ein paar Büsche und ein Blumenbeet gewässert, und dort sind wir auf eine ganze Reihe von Stiefelspuren gestoßen. Verstehen Sie, was ich meine? Frische Stiefelspuren in einer Zeit, in der wir seit Wochen fünfunddreißig Grad im Schatten erleben und selbst die Königin von England im String-Tanga herumläuft.“

Schuchardt brummt seine Zustimmung und bedankt sich, bevor er das Gespräch beendet.

Das beweist nichts, sondern ist allenfalls ein Indiz. Aber der Gedanke allein ist zu verführerisch. Radikale Islamisten tragen keine Stiefel, auch nicht, wenn sie Anschläge verüben. Es können einfach ein paar Biker gewesen sein, die an der besagten Stelle ein Picknick veranstaltet haben. Das allerdings ist weit hergeholt, denn die Stelle ist mindestens vierhundert Meter von der nächsten asphaltierten Straße entfernt, wo sie ihre Öfen hätten abstellen dürfen; aber völlig undenkbar ist es nicht. Lachhaft, denkt Schuchardt, es sind Neonazis, auch wenn es dir nicht schmeckt. Und diese Leute wollen auch, dass ihre Tat publik wird.

Aber warum sind sie ausgerechnet auf eine 15-jährige Schülerin verfallen? Sie haben sich Rebecca schließlich vorab ausgesucht und müssen sie eine Zeitlang beobachtet haben.

Vielleicht weiß jemand aus der Familie etwas dazu. Hat es im Vorfeld Auseinandersetzung gegeben? Läuft hier eine private Vendetta? Dreht ein Konkurrent des alten Erdmann durch? Fragen, nichts als Fragen, aber so ist es immer bei seinen Fällen. Wenn es eng zugeht, ziehen sie ihn hinzu und nicht irgendeinen Anfänger.

„Wissen Sie was, Schuchardt…,“ Schimmelpfennig, der alte Haudegen der Pathologie mit fünfdreißig Jahren Berufserfahrung, nimmt seine Brille ab und reibt sich die Augen „… mir geht das immer noch unter die Haut, obwohl ich mindestens fünftausend Leichen auf dem Tisch hatte.“ Seine Stimme klingt brüchig. „Welche Tiere tun so etwas? Und warum tun sie es?“

Ja, warum, denkt Schuchardt. Er antwortet nicht, weil es schwer ist, eine Tat wie diese zu verstehen. Die Schule des Lebens hat ihn gelehrt, dass es solche Verbrechen einfach gibt. Manchmal kann er in die Köpfe seiner Mörder hineinsehen, denn größtenteils sind es Habgier, Rache oder verschmähte Liebe, die zu einer solch verhängnisvollen Tat führen. Eine so unnötige Grausamkeit wie die hier vorliegende ist schwerer zu entschlüsseln, und manchmal findet man auch gar keine Antwort und bleibt fassungslos zurück. Bis zu einem gewissen Grad hat er gelernt, es zu akzeptieren.

Es drängt ihn jetzt, den Auftritt bei den Angehörigen dieses armen Mädchens hinter sich zu bringen. Hier in diesem gekühlten Kellerraum der Uniklinik mit seinen in Weiß gekachelten Wänden und dem Geruch nach Paraffin und Putzmitteln warten keine Antworten mehr auf ihn; die gibt es nur draußen in der unbarmherzigen Hitze dieses Sommers, die die Leute nach und nach verrückt zu machen beginnt.

Als er wieder nach draußen kommt, bricht ihm sofort der Schweiß aus. Achtunddreißig Grad haben sie für den Nachmittag versprochen, und es ist kein Ende in Sicht. Auf dem Beifahrersitz seines Dienstwagens liegt eine halbvolle Flasche Wasser, und er trinkt gierig und in großen Schlucken, obwohl es inzwischen beinahe heiß geworden ist.

Bevor er den Motor anwirft, telefoniert er mit seiner Dienststelle und bestellt einen Polizeipsychologen zum Haus der Silberschmieds. Sicher ist sicher, er weiß nicht, ob er diesen trostlosen Job alleine hinkriegt. Der Mann soll vor dem Haus auf ihn warten.

Als die Zentrale ihm sagt, dass Posche, der Seelenklempner vom Dienst, erst in zwei Stunden vor Ort eintreffen kann, beschließt Schuchardt, bei einer Imbissstube zu halten und ein paar Kalorien zu sich zu nehmen. Das ist schwierig genug, aber es hilft ihm immerhin, die Zeit totzuschlagen.

6

Aaron Silberschmied sitzt regungslos in seinem Sessel und ringt um Fassung. Bis in den achtzehnten Stock des Hotels „Isrotel Tower“ dringt kein Lärm von der Straße, es ist mucksmäuschenstill, wenn man vom gelegentlichen Öffnen und Schließen der Aufzugtür auf seinem Flur absieht.

In Tel Aviv ist es ebenso heiß wie in Deutschland, nur spürt er dank der voll aufgedrehten Klimaanlage nichts davon. Und täte er es doch, dann wäre es ihm egal.

Rebecca ist tot. Er weiß es erst seit ein paar Minuten, und in ihm ist alles taub. Ich muss es Moshe sagen, betet er sich immer wieder vor, um dann doch sitzen zu bleiben und weiter vor sich hin zu starren.

Rebecca hat aufgehört zu leben, ihr kleiner Augapfel, ihre Nachzüglerin, ihr Nesthäkchen, denn sie kam erst zur Welt, als ihr Bruder Moshe schon zehn Jahre alt war und sie sich längst damit abgefunden hatten, dass er ein Einzelkind bleiben würde. Und jetzt ist sie tot, ermordet von unbekannten Tätern, die nicht wissen, was sie ihnen antun. Einfach so, aus heiterem Himmel.

Ich muss Moshe erreichen, sagte er sich wieder vor, bleibt aber wie angewurzelt dort sitzen, wo er gerade sitzt, zwei Schritte entfernt von dem Telefon auf seinem Nachttisch und dem Handy in seiner Jacke, die über der Rückenlehne des Stuhls vor dem kleinen Schreibtisch hängt.

Es ist Nachmittag, und sein Sohn kriecht wahrscheinlich gerade irgendwo auf den Golanhöhen im Staub herum und übt sich in „Häuserkampf“. So sieht es sein Lehrplan in dieser Woche vor, wenn Aaron sich richtig entsinnt. Sie telefonieren regelmäßig an den Wochenenden, und so sind seine Eltern zumeist darüber im Bilde, welche Fortschritte er in seiner Ausbildung macht.

Wenn es nach Aaron geht, soll es auch bei diesen Übungen bleiben; er hofft, dass sein Sohn irgendwann zur Vernunft kommt. Er ist smart, clever und er hat ein Einser-Abitur in der Tasche, weshalb ihm so viele friedfertigere Wege offenstehen als der, den er beschritten hat.

Eine Zeitlang hat bei Silberschmieds in Frankfurt der Haussegen ernsthaft schiefgehangen, nachdem Moshe sich dafür entschieden hatte, nach seiner zweieinhalbjährigen Militärzeit nicht zurück nach Deutschland zu kommen, um dort zu studieren. Nein, er will etwas für sein Land tun, sagte er damals im Brustton der Überzeugung, und dafür scheint ihm ausgerechnet die Arbeit beim israelischen Mossad am geeignetsten.

Rebecca, meine Kleine! Ist er bisher noch wie betäubt gewesen, so schüttelt ihn jetzt der Schmerz durch, ein trockenes Schluchzen bahnt sich seinen Weg nach draußen und sein Oberkörper schwingt unwillkürlich vor und zurück, so als habe er sein Baby im Arm und wolle es beruhigen.

Da Moshe aus Sicherheitsgründen kein Handy benutzen darf, ist Aaron auf seine Dienststelle angewiesen. Die gibt seinen Anruf weiter und sein Sohn kann ihn dann von einem Gemeinschaftstelefon aus zurückrufen.

*

Moshe weiß, dass sein Vater in Tel Aviv ist, und er hat schon auf dessen Anruf gewartet. Er will versuchen, bei seinen Ausbildern einen freien Tag herauszuholen, damit er sich mit ihm treffen kann. Das Hotel, in dem sein Vater abgestiegen ist, liegt direkt am Mittelmeerstrand von Tel Aviv, und es ist mehr als nur verlockend, nach der Schinderei der letzten Wochen einfach einmal einen Badetag einzulegen.

Aber wie er seinen Vorgesetzten kennt, ist das kaum zu erwarten. „Silberschmied, wie viele Urlaubstage stehen Ihnen jährlich zu?“ Das wird wahrscheinlich der einzige Kommentar zu seinem Anliegen sein, schließlich sind sie hier nicht im Kindergarten. Der Feind legt sich auch nicht an den Strand.

Als er unter der Dusche den Staub eines langen Tages losgeworden ist, hat er Hunger. Er kann zwischen der kleinen Kantine im Haus und dem Kühlschrank seines Zimmers wählen und entscheidet sich für Selbstverpflegung. Er hat Schwarzbrot und Dosenfleisch gebunkert, das soll für heute reichen.

Ein Junge aus seiner Brigade steckt den Kopf durch die Tür. „Du sollst beim Kommandanten antreten, und zwar sofort.“

Moshe lässt alles stehen und liegen und geht mit einem mulmigen Gefühl die paar Meter zum Büro seines Vorgesetzten. Hat er etwas angestellt? Eigentlich ist er mit sich im Reinen, und er gehört - abgesehen davon - zu den Jahrgangsbesten. Was soll’s, denkt er und klopft an die Tür.

„Setzen Sie sich“, sagt sein Boss und beendet kurz darauf das Telefonat, das er gerade noch geführt hat.

Jizchak Sharon schaut Moshe prüfend an, Moshe schaut bange zurück und fragt sich, was als nächstes kommen mag. Für eine Beförderung ist er noch nicht lange genug dabei, und degradieren können sie ihn auch nicht, weil er noch ganz unten auf der Karriereleiter steht.

„Bei Ihnen zuhause in Deutschland ist etwas geschehen, ein Unglück, wenn ich es recht verstanden habe. Sie sollen bitte Ihren Vater anrufen, er wartet auf Ihren Rückruf. Es ist dringend, also verlieren Sie besser keine Zeit.

Er hat gesagt, dass Sie wissen, wo er sich gerade aufhält, abgesehen davon können Sie ihn ja auf seinem Handy erreichen. Ich bin hier noch für zwei oder drei Stunden beschäftigt. Bitte kommen Sie nach dem Gespräch noch einmal her, wenn Ihnen danach ist.“

Mit diesen Worten entlässt ihn der Kommandant, und Moshe hat nun endgültig weiche Knie.

*

Obwohl Rebecca schon seit zwei Tagen vermisst wird, besteigt Aaron Silberschmied morgens eine Maschine der EL AL, die ihn von Frankfurt nach Tel Aviv bringt.

Er hat kaum eine Wahl, denn er hat in den letzten sechs Monaten einen Deal im exorbitanten Umfang von über zweiundsechzig Millionen Dollar auf den Weg gebracht, der jetzt unter großem Zeitdruck realisiert werden muss.

Er hätte seinen Partner nach Israel schicken können, aber der liegt mit einem Blinddarmdurchbruch im Krankenhaus und wird noch wochenlang ausfallen. Und einen anderen Mitarbeiter, der sich so kurzfristig in das komplizierte Vertragswerk einarbeiten könnte, haben sie nicht in ihrer Agentur.

Sicher hätte man sich die Unterlagen auch gegenseitig zufaxen können, aber das ist nur eine Seite der Medaille.

Er muss nach der Unterzeichnung des Kontraktes in einem zweitägigen Verhandlungsmarathon sämtliche Einzelheiten mit vier verschiedenen Veranstaltern klären, und wenn man die Rolling Stones, Lady Gaga, Elton John und noch sieben oder acht weitere Premium Acts auf die Bühne bringen will, dann gibt es ungefähr drei Milliarden Dinge zu organisieren, bevor der erste Akkord erklingt.

Er hat sich eingeredet, dass Rebecca schon wieder auftauchen wird. „Die Pubertät, Schatz“, hat er zu seiner Frau gesagt. „Da spinnen sie einfach manchmal.“

Aber eigentlich hat er damit nur sich selbst soweit beschwichtigt, dass er diese Reise antreten konnte. Und jetzt ist Rebecca tot, und er sitzt hier, während seine Frau in Frankfurt diesen furchtbaren Alptraum allein durchleben muss.

Der Klingelton seines Handys ist zu hören, mechanisch steht er auf, geht zu seiner Jacke, zieht es aus der Tasche.

Es ist Moshe. Er sagt ihm, was passiert ist. Moshe soll seinen Kommandeur darum bitten, dass er zur Beerdigung seiner Schwester fliegen darf. Moshe sagt ja, das will er gleich tun. Sein Vater wird für morgen Vormittag einen weiteren Flug nach Frankfurt buchen.

Moshe legt auf. Jetzt endlich kann Aaron Silberschmied weinen.

*

Moshe hängt den Hörer zurück auf die Gabel und steht sekundenlang nur da. Er will schreien, aber sein Kehlkopf scheint geschwollen zu sein. Er bringt keinen Ton heraus.

Ohne recht zu wissen, was er tut, geht er zum zweiten Mal binnen einer Viertelstunde zum Büro seines Vorgesetzten und klopft an.

„Sie haben eine Woche Sonderurlaub“, sagt dieser mit belegter Stimme. „Vielleicht ist es am besten, wenn einer unserer Fahrer Sie noch heute Abend zu ihrem Vater bringt. Der wird wissen, was als nächstes zu tun ist.“

Moshe hört sich selbst sagen, dass sein Vater versucht, für morgen einen Flug für sie beide zu organisieren. „Gut so“, sagt sein Boss. „Unser Glaube gebietet es, dass ein Verstorbener so schnell wie möglich beigesetzt werden soll, aber das wissen Sie ja. Fliegen Sie nach Frankfurt. Wenn Sie mehr als eine Woche brauchen sollten, lassen Sie es mich wissen.“

Er geht zu seinem Schreibtisch und greift nach dem Telefonhörer. Kurz darauf hat er jemanden gefunden, der Moshe nach Tel Aviv bringen wird.

Der Fahrer, ein Vertrauter des Kommandanten, wird am nächsten Tag berichten, dass Moshe Silberschmied auf der zweistündigen Fahrt von Haspin zur Mittelmeerküste kein einziges Wort gesprochen hat.

*

Als Moshe aus dem Dienstwagen steigt und die Lobby des „Isrotel“ betritt, wartet dort schon sein Vater auf ihn. Stumm umarmen sie sich, und Aaron zieht seinen Sohn zu einer Sitzecke, denn er hat plötzlich einen klaustrophobischen Anfall und will nicht in seinem kleinen Zimmer eingesperrt sein.

Abgehackt erzählt er das Wenige, das er aus Deutschland erfahren hat. Er hat sich so weit zusammengerissen, dass er den zusätzlichen Flug nach Frankfurt gebucht hat; sie fliegen zwar zusammen, sitzen aber ein paar Reihen voneinander entfernt. Vielleicht lässt sich morgen früh am Flughafen noch etwas daran korrigieren.

7

Schuchardt hat mit seinem Vorgesetzten telefoniert, während er vor dem Haus der Silberschmieds auf den Psychologen gewartet hat. Das Gespräch ist wie üblich in solchen Fällen verlaufen.

Immerhin hat er sich mit seinem Boss darauf einigen können, dass sie die verräterische Doppel-Acht der Öffentlichkeit aus polizeitaktischen Gründen vorläufig verschweigen wollen. Ermittlungstaktik vorzuschieben hat den Vorteil, dass ihnen niemand etwas Gegenteiliges nachweisen kann, und so gewinnt man Zeit, bevor irgendein Sturm losbrechen kann, der einen dann vor sich hertreibt.

„Aber eines noch, Schuchardt. Sie brauchen Unterstützung. Ich kann es nicht ewig decken, dass Sie als Einzelkämpfer in der Landschaft herumlaufen. Das fällt uns irgendwann auf die Füße. Ich kenne Ihre Argumente. Sie haben das Talent, Menschen zum Sprechen zu bringen und da stört ein junger Kollege bisweilen bei der Arbeit. Ist mir alles soweit geläufig. Trotzdem geht es nicht so weiter.“

"Ich hab's nacheinander mit Steinhaus versucht, mit Moskopf und mit Braun, Chef...“

„…wir haben uns verstanden, mein Guter.“ Schuchardt hasst es wie die Pest, mit „mein Guter“ angesprochen zu werden.

Der Rest des Gespräches: „Behandeln Sie die ganze Sache nach eigenem Ermessen, Schuchardt. Ich habe vollstes Vertrauen in Ihre Fähigkeiten, Mann. Bei Ihrer Erfahrung…“

Und so weiter. Übersetzt heißt das: Du hast freie Hand; aber wenn du es vermasselst, kostet es deinen Kopf.

Schuchardt hat in achtundzwanzig Dienstjahren bereits vier Polizeipräsidenten kommen und gehen gesehen, und in dieser Beziehung sind alle gleich. Wenn es Erfolge zu feiern gibt, grinsen sie in jede Kamera und sabbern in jedes Mikrofon, das man ihnen hinhält. Wenn nicht, dann ist in aller Regel nur noch eine Staubwolke von ihnen zu sehen. So leicht ist das Leben da oben an der Spitze der Nahrungskette, denkt er, würde aber um nichts in der Welt mit dem obersten Polizisten der Stadt tauschen wollen. Da oben musst du dich so sehr nach allen Richtungen hin verbiegen, dass du am Ende nicht mehr weißt, ob du Männlein oder Weiblein bist.

Endlich taucht der Psychologe auf, er ist mit der U-Bahn gekommen, weil es hier im Westend bekanntermaßen nicht einmal für den lieben Gott einen Parkplatz gibt. Schuchardt ist das egal, er parkt in zweiter Reihe. Er hat das mobile Blaulicht auf sein Autodach geschraubt und den Warnblinker eingeschaltet und steht so, dass der Verkehr gerade noch passieren kann. Das muss reichen.

Als sie bei den Silberschmieds läuten, dauert es eine Weile, bis die Mutter der Ermordeten an der Tür erscheint. Sie sieht die beiden Beamten hoffnungsvoll an, erkennt aber binnen eines Lidschlags, dass die Männer keine guten Nachrichten für sie haben. Ihr Blick wird leer und ihre Gesichtszüge fallen buchstäblich in sich zusammen.

Wenig später sitzen sie im Wohnzimmer der Familie. Rachel Silberschmied hat sich bemerkenswert schnell wieder gefasst, es stellt sich schnell heraus, dass sie vom ersten Moment an wenig Hoffnung gehabt hat, ihre Tochter unversehrt wiederzusehen. Und natürlich hatte sie einen guten Grund dafür – kein Lebenszeichen, keine Lösegeldforderung, da weiß man instinktiv, dass die Dinge nicht gut stehen. Sie hat aus den Umständen dasselbe geschlossen wie der in diesen Dingen erfahrene Kommissar.

Wann denn der Leichnam für die Beerdigung freigegeben wird, will sie wissen. Er sagt ihr, dass es von Seiten der Polizei keinen Grund gibt, den Leichnam nicht noch heute für den Bestatter freizugeben; der Pathologe ist mit seiner Arbeit fertig. „Wir warten nur noch auf den toxikologischen Bericht, aber der ist in diesem Fall kaum von Bedeutung. Und – es tut uns leid – Sie müssen den Leichnam Ihrer Tochter noch identifizieren.“

Sie will keine Einzelheiten über den Mord wissen, und das erleichtert dem Kommissar und dem Psychologen ihre Arbeit ganz erheblich.

Der Vater von Rebecca ist auf Geschäftsreise in Israel, eine Nachricht, die bei Schuchardt für kurzzeitiges Stirnrunzeln sorgt. Aber Frau Silberschmied erklärt ihnen den Hintergrund der Reise und sie können nun besser verstehen, warum der Mann in dieser schweren Stunde nicht für seine Frau da ist.

Jeder Jeck ist anders, denkt er. Aber ist nicht hier, um zu richten, und der Vater ist definitiv kein Verdächtiger. Abgesehen davon wird er morgen zurückerwartet, und er wird Rebeccas älteren Bruder mitbringen, der sich in Ausbildung beim israelischen Mossad befindet.

Was im Kopf Aaron Silberschmieds vorgeht, weiß der Kommissar nicht. Dieser hat sich zu Anfang hartnäckig geweigert, sein Telefon mit einer Fangschaltung versehen zu lassen. Das könne etwaige Entführer verärgern und sei deshalb zu riskant, soll er gesagt haben. Abgesehen davon werde seine Tochter sicher demnächst wieder auftauchen. Das ist sie nun tatsächlich, denkt Schuchardt, und ihm dreht sich beinahe der Magen um, wenn er sich an seinen vorherigen seinen Besuch in der Pathologie erinnert.

Rebeccas Mutter kann nur wenig Hilfreiches zur Sache beisteuern, alles, was sie weiß, hat sie den Kollegen erzählt, die zuletzt vorgestern wegen der Entführung mit ihr gesprochen haben. Schuchardt selbst hat sich natürlich schon heute Morgen die vorhandenen Protokolle auf seinen Laptop schicken lassen und weiß deshalb genug, um die arme Frau nicht weiter mit Fragen belästigen zu müssen.

„Ich fühle mich, als hätte man mir ein Körperteil entfernt, aber ich kann keinen Schmerz fühlen, weil man mich mit Betäubungsmitteln vollgepumpt.“

Sie sagt aber auch, dass sie ohne Hilfe zurechtkomme, außerdem sei eine Freundin aus Offenbach zu ihr unterwegs und müsse demnächst eintreffen. Also ziehen sich die nach ein paar weiteren Beileidsbekundungen zurück.

Sie verabschieden sich vor der Haustür voneinander. „Keine Mutter sollte ihr Kind beerdigen müssen, und kein Tier sollte so sterben wie dieses Kind“, sagt der Psychologe. Schuchardt nickt und weiß, dass es das nun einmal gibt.

Kaum sitzt er wieder in seinem Wagen, kommt ein Anruf herein. Es ist nochmal der Pathologe. „Schuchardt, sorry, das habe ich heute Vormittag vergessen: Das Erbrochene, das die Jungs von der Spurensicherung am Tatort eingesammelt haben, stammt mit Sicherheit nicht vom Opfer. Das hat zuletzt Pizza gegessen. Die bei mir eingegangenen Proben vom Tatort hat jemand anderes ausgekotzt. Ich dachte, das hilft Ihnen vielleicht weiter.“

Das tut es zunächst nicht. Pizza, das ist eine Information, die sich mit dem deckt, was die Freundin des Mädchens erzählt hat. Vielleicht hat ja einer der Täter einen schwachen Magen, oder - besser noch - vielleicht beruht dieser schwache Magen ja auf schwachen Nerven. Das kann dann von Nutzen sein, wenn man der Täter habhaft geworden ist und im Verhör nach einer Schwachstelle sucht. Es waren zwar mehrere Täter, aber eine Kette ist bekanntlich nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Schuchardt wird diese Information speichern, so wie er alles speichert, das ihm einmal bei seiner Arbeit helfen könnte.

Zweites Kapitel: Dies war nur der Anfang

1

Manchmal tauchen Täter auf der Beerdigung ihrer Opfer auf, um das Erlebnis ihrer Tat noch einmal auszukosten, sich den ultimativen Kick zu verleihen, bevor sich ihr Opfer endgültig vom Angesicht der Erde verabschiedet. Nur deshalb ist Schuchardt erschienen – und weil die Beisetzung im engsten Familienkreis stattfinden soll, fühlt er sich beinahe wie ein Spanner.

Der alte Erdmann ist nicht anwesend. Er sei untröstlich darüber, sagt seine Schwiegertochter. Die Hitze macht ihm zu sehr zu schaffen, es fällt ihm es sogar schwer, sich morgens zum Aufstehen zu überreden. Am liebsten würde er nur noch schlafen, seit Rebecca an diesem schicksalhaften Tag nicht nach Hause gekommen ist.

Schuchardt hat ein paar Beamte rund um diesen Teil des Friedhofs verteilt, um nach möglichen Verdächtigen Ausschau zu halten. Die Männer wie auch er selbst sind durch unauffällig am Körper angebrachte Sender und Empfänger miteinander vernetzt. Auf einem Parkplatz jenseits der Friedhofsmauer wartet ein sechsköpfiges Spezialteam auf ein eventuelles Kommando zum Zugriff auf einen oder mehrere verdächtige Besucher dieser traurigen Zeremonie.

Schuchardt hat Aaron vor der Beisetzung kurz beiseite genommen und ihn nach seinen kurzfristigen Plänen gefragt.

„Dieser geplante Konzert-Zyklus in Israel würde uns endgültig zu einem europäischen Big Player unter den Musikagenturen machen. Deshalb kann ich nicht länger als für weitere zwei Tage zuhause bleiben. Sie müssen das verstehen, ich trage die Verantwortung für mehr als dreißig Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen."

Schuchardt fragt ihn, ob die Familie Silberschmied Personenschutz haben will. Aaron verneint das, aber Schuchardt hat bereits dafür gesorgt, dass eine Streife in regelmäßigem Abstand an dem Haus im Westend vorbeifährt, die Lage prüft und nebenbei Polizeipräsenz verdeutlicht.

Ein Brief von Rebeccas Mitschülern wird vorgelesen, die Eltern und Moshe halten einander eng umschlungen, alle drei weinen herzzerreißend.

Schuchardt hört nur mit halbem Herzen hin. Nicht, weil er nicht mitfühlen kann; es ist nur so, dass er auf der Jagd ist, und er weiß, dass er sich die immerhin vorhandene Chance zur Ergreifung der Täter nicht entgehen lassen darf. Schließlich ist er noch weit von einem konkreten Verdacht entfernt. Ein paar düstere Ahnungen hat er, aber mehr ist da nicht, und das macht ihn beinahe krank.

Die vornehme Zurückhaltung der Medien wird nicht lange anhalten, bald werden sie ihm ebenso Feuer unter dem Hintern machen wie sein oberster Vorgesetzter es schon jetzt tut. „Schuchardt, der Innenminister will alle zwölf Stunden über den Fortgang unserer Ermittlungen informiert werden. Und ich bin der arme Hund, der ihn morgens und abends anrufen muss. Also halten Sie sich bitte ran!“ Als wenn er das nicht sowieso täte. Aber ich schlage nicht deine Schlachten, denkt Schuchardt, ich habe mein eigenes Bündel zu tragen.

Die enorme Hitze der vergangenen Wochen hat auch vor dieser Beerdigung nicht Halt gemacht. Der Kommissar hat vergessen, seine Wasserflasche zu füllen, und jetzt schmort er in der Mittagssonne und seine Zunge macht sich übergroß in seiner trockenen Mundhöhle breit.

Er schaut verstohlen auf die Uhr; anderthalb Stunden wird diese Zeremonie dauern, hat man ihm gesagt. Wenn das stimmt, hat er nur noch zwanzig Minuten Zeit, um einen oder mehrere Mörder zu erwischen.

Mit dem jungen Moshe Silberschmied wird es noch Schwierigkeiten geben. Er hat dem Kommissar vor dieser Bestattung den Handschlag verweigert und nur verächtlich geschnaubt, als das Thema der polizeilichen Ermittlungen angeschnitten wird. Er traut den deutschen Behörden nicht über den Weg, er ist ein Hitzkopf, und zu allem Überfluss lässt er sich zur Zeit vom israelischen Mossad als Agent ausbilden – alles zusammen genommen klingt das nach einer ganzen Menge Ärger. Schuchardt wird ihn im Auge behalten müssen, so, wie er bei diesem Fall mehr im Auge behalten muss als es sonst üblich ist; es sind eine Menge Emotionen im Spiel, und auch die wird er zu spüren bekommen. Moshe will übermorgen zurück nach Israel fliegen, und deshalb wird er ihm zumindest kurzfristig nicht in die Quere kommen. Eine Unbekannte weniger in dieser unübersichtlichen Gleichung, aber Schuchardt traut dem Frieden nicht.

Moshe hat nicht einmal einen Anzug mitgehabt, als er in Frankfurt ankam. Und weil die Zeit zu knapp war, sich einen schneidern zu lassen oder einen von der Stange zu kaufen, trägt er heute einen viel zu kleinen Anzug seines Vater. Hochwasserhosen sagten wir früher dazu, denkt Schuchardt überflüssigerweise. Man sieht die weißen Socken.

Die kleine Trauergemeinde bewegt sich langsam weg vom Grab in Richtung Ausgang. Keine Spur von einem Mörder, ein paar in versteckte Mikrophone geflüsterte Antworten bestätigen ihm, dass sich auch in einiger Entfernung vom Grab der verstorbenen Rebecca kein Verdächtiger gefunden hat. Schuchardt stößt einen leisen Seufzer aus und sagt den Beamten in und vor dem Friedhof, dass sie abziehen können. Es wäre auch viel zu schön gewesen.

2

In der Wolfsschanze ist es doch noch spät geworden, obwohl sich Richling eigentlich kurz fassen wollte. Aber nachdem die Stimmung sich gelöst hat, nimmt auch er ein – mittlerweile beinahe kühles – Bier und stößt mit seinen Spießgesellen an. Er ist ja im Grunde ein Einzelgänger, aber auch Solisten brauchen bisweilen ein wenig Gesellschaft.

Außerdem treibt ihn der bodenlose Leichtsinn, den die Bande bei der Ermordung des Judenmädchens an den Tag gelegt hat, immer noch um.

„Wir brauchen ein Ablenkungsmanöver“, ruft er Matthias zu, während aus einem Ghettoblaster Death Metal dröhnt und zwei der Jungs eine vollkommen talentfreie Tanznummer aufführen, die eher an betrunkene Derwische erinnert als an gute Deutsche. „Was?“

Richling deutet auf die Tür und geht voraus in den Garten. Sie setzen sich an einen grob gezimmerten alten Tisch und können in normaler Lautstärke miteinander verkehren.

„Ich will, dass der Vater des Mädchens stirbt, wie auch seine Frau. Ich will Erdmann alles nehmen, was er hat - und zuletzt wird er selbst dran sein.“

Er räuspert sich. „Aber dazu benötigen wir deutlich mehr Disziplin als bisher, sonst haben wir in Nullkommanix die Bullen der ganzen Stadt auf den Fersen.“

Matthias, der Banker, nickt. Er hat auch schon eine Idee, und diese teilt er dem Alt-Nazi jetzt mit.

„Vielleicht sollten wir beim nächsten Mal ein paar verräterische Dinge am Tatort hinterlassen, die anstatt auf uns auf irgendwelche Perser oder Palästinenser hinweisen. Das sollte nicht allzu schwer sein, oder?“

Richling hat selbst in diese Richtung gedacht.

„Mir schwebt etwas vor, das wir schnell, quasi aus dem Stand arrangieren können. Kein Mord, der benötigt eine längere Vorbereitungszeit. Wir müssen schnell handeln, bevor sich die Polizei auf uns Rechte als Täter festlegt. Sie vermuten vielleicht etwas in dieser Richtung, aber sicher können sie noch nicht sein. Nicht aufgrund von ein paar Schnitzereien. Sie brauchen Handfesteres, zum Beispiel ein öffentliches Bekenntnis zu der Tat oder eindeutige Beweise am Fundort der Leiche.“

„Aber was sollen wir tun? Sein Haus abfackeln?“

Richling grinst, wie er immer grinst, wenn er einen seiner weltbewegenden Einfälle hat.

„Spielt ihm einen Streich. Ein teuren Streich, meine ich. Weißt du, wo seine Spedition ihre Zentrale und ihren Fuhrpark hat? Oben in Fechenheim?“ Matthias verneint.

„Das ist ein riesiges Gelände, auf dem nachts mehr als vierzig Sattelzüge stehen, plus jede Menge Anhänger. Wer ein bisschen fix ist, der kann da einen gewaltigen Flurschaden hinterlassen.“- „Was meinst du?“ Er duzt Richling zum ersten Mal, und Richling ignoriert es, denn er will nicht als kleinkariert erscheinen.

„Kennt sich einer von euch mit Lastwagen aus?“

„Ja, Pelle, das lange Elend da drinnen. Er hat eine Zeitlang Kaufhäuser mit Brot und Gebäck aus einer Brotfabrik beliefert. Die ganz großen Brummer ist er dabei nicht gefahren, aber immerhin einen Siebeneinhalbtonner.“

„Das sollte genügen. Mein Vorschlag lautet, dass ihr morgen Nacht dort hinfahrt und sämtliche Reifen der dort stehenden Fahrzeuge zerschneidet. Manche der großen Laster haben sechs oder acht Reifen, in der Summe dürften es mindestens dreihundert sein, aber fünf Mann schaffen das in weniger als einer halben Stunde. Besorgt euch Macheten oder diese großen Messer, die Metzger oder Schlachter benutzen, dann müsst ihr pro Reifen nur einmal ordentlich zustechen.“

„Klingt machbar“, meint Matthias.

„Das ist noch nicht alles. Ihr werdet zusätzlich in jeden Dieseltank zwei oder drei Kilo Zucker oder Reis schütten, und bei den Wagen, bei denen ihr die Motorhaube aufkriegt, ein eine Ladung Metallspäne ins Motoröl. Nehmt Drahtscheren mit, manche Tanks haben Schlösser. Das Zeug löst sich zwar in Diesel nicht auf, aber er richtet trotzdem hübsche Schäden an Filter und Einspritzung an.

Ich hab´s noch nicht genau überschlagen, aber der gesamte Schaden dürfte in den sechsstelligen Bereich gehen. Und sein Betrieb steht für mindestens eine Woche still.“

„Wie wird der Laden bewacht?“

„Es ist in der Zeit von dreiundzwanzig Uhr bis vier Uhr morgens nur ein einzelner Pförtner auf dem Gelände, die Fahrer trudeln gegen halb fünf ein, und an der Rampe fangen sie erst um kurz nach fünf mit der Arbeit an. Der Nachtpförtner ist weit über sechzig und sitzt an der Schranke in einem Glaskasten gleich vorn bei der Einfahrt. Der Mann ist für uns besonders wichtig.“

Richling grinst wieder. „Er wird nämlich nach dieser Aktion jeden Eid schwören, dass es Araber waren, die ihn überwältigt und gefesselt haben.“

„Und wie stellen wir das an?“

„Das ist nicht schwer. Nehmt den Wagen und deckt die Nummernschilder ab, sehr wahrscheinlich gibt es im Eingangsbereich Kameras.

Ihr fahrt bis an die Schranke, und wenn der Mann euch über den Lautsprecher fragt, was ihr bringt oder was ihr holen wollt, steigen zwei von euch aus, gehen zu ihm in den Glaskasten und überwältigen ihn. Es gibt in der Frankfurter Innenstadt einen Kostümverleih. Besorgt euch dort ein paar falsche Bärte und schaut, ob ihr nicht ein paar von diesen Palästinenser-Kampftüchern auftreiben könnt. Knebelt ihn mit einem dieser Dinger. Schreit ihn an, so wie arabische Terroristen das tun würden. Schaut, dass ihr nach Knoblauch oder Kümmel stinkt. Aber ihr dürft nicht nach Alkohol riechen, das würde alles kaputtmachen. Ruft ein paarmal ,Allahu akbar‘, oder wie das heißt.“

Matthias schaut ein wenig skeptisch drein. „Meinst du, der fällt darauf rein?“

„Das wird er. Er steht unter Schock, sobald ihr ihn euch greift. Ihr müsst nicht zimperlich mit ihm umgehen, aber sorgt auf jeden Fall dafür, dass er am Leben bleibt, bis er gefunden und befreit wird. Der Mann und sein Bericht über den Anschlag sind für uns wichtiger als der ganze finanzielle Schaden, den ihr anrichtet, klar?“

„Klar.“

„Und seht zu, dass er nur die zwei von euch sieht, die verkleidet sind. Die Anderen bleiben solange im Wagen, bis ihr ihn gefesselt und auf den Fußboden gelegt habt.

Wenn dieser Kerl ein paar Stunden später erzählen soll, was passiert ist, dann wird er genau das tun, was wir vorläufig am dringendsten brauchen. Er wird Araber beschreiben, die den Laden eines Juden überfallen, der erst vor ein paar Tagen seine Enkelin durch einen schrecklichen Mord verloren hat. Das sollte uns für eine ganze Weile Ruhe vor ungemütlichen Nachforschungen verschaffen.“

Matthias muss anerkennen, dass der fette Richling mehr auf dem Kasten hat, als er gedacht hat. Diese Aktion kann den Fehler wieder wettmachen, den sie begangen haben, als sie ihre Visitenkarte in das Mädchen ritzten.

„Geld gibt es dafür keines, verstanden?“

„Klar, geht in Ordnung, Boss. Diese Party geht aufs Haus, wir haben uns diesen Schlamassel selbst eingebrockt. Ich werde das mit den Jungs besprechen und danach dieses Treffen beenden, damit morgen Nacht alle fit sind.“

„Gut“, sagt Richling. „Am besten macht ihr es nachts zwischen zwei und drei Uhr, dann ist der Pförtner müde. Ruf mich danach kurz an und sprich ein Losungswort auf meine Mailbox. ‚Adler‘, wenn alles geklappt hat, ‚Geier‘, wenn etwas schiefgegangen ist. Hast du das?“

„Das ist nicht so schwer“, antwortet der Kopf der kleinen Killerbande, und es klingt säuerlich.

Richling geht nicht mehr mit Matthias zurück in die Gartenlaube. Sein Job ist erledigt. Er hofft, dass nach der Ausführung seiner Prachtidee diese Kuh vom Eis ist.

Aber er denkt trotzdem auf der ganzen Heimfahrt an den goldgelockten Detlev und an Rocco, das Frettchen mit dem flinken Messer. Schlechtes Material für einen Staatsstreich – dazu benötigt man ein anderes Kaliber.

3

Es brodelt in Moshe, als er im Flieger nach Tel Aviv sitzt. Er hat mit dem Gedanken gespielt, in Frankfurt zu bleiben und selbst auf die Suche nach Rebeccas Mördern zu gehen. Dieser Kommissar macht nicht viel her, findet er. Kann man einen so wichtigen Fall nicht Ermittlern geben, die etwas kerniger im Auftreten sind als dieser kleine ältere Mann, der beim Sprechen kaum die Zähne auseinanderkriegt?

Kaum Spuren bisher, hat der Mann gesagt, und dabei ein bisschen verlegen ausgesehen. Als wäre er selbst schuld daran, dass es so ist - oder als lüge er. Schwer zu sagen, Moshe ist noch in der Grundausbildung, und in dieser gibt es das Fach Psychologie nicht. Er kann in dem Gesicht des Kommissars nicht lesen.

Moshe hat sich partout geweigert, den aufgebahrten Leichnam seiner kleinen Schwester noch einmal anzuschauen, so als würde er, wenn er es tut, ihren Tod anerkennen oder offiziell bestätigen. Er weiß, dass das unsinnig ist, aber er kann nicht heraus aus seiner noch dünnen Haut.

*

„Muss das denn wirklich sein? Ausgerechnet jetzt?“

Aaron Silberschmied hat seiner Frau Rachel gerade eröffnet, dass er schon sehr bald wieder auf Dienstreise gehen muss und für eine komplette Woche weg sein wird.

„Schatz, ich kann es nicht ändern. Das Management von Sting kommt mit immer neuen Forderungen zu uns, in den USA macht Lady Gaga Schwierigkeiten, Bruce Springsteen hat anscheinend einen Vorvertrag für eine US-Tournee unterschrieben, aus dem er nicht so einfach herauskommt. Und zwei oder drei andere Acts sind auch noch nicht in trockenen Tüchern. Gleichzeitig wollen die Israelis schon die Tickets drucken und mit dem Vorverkauf anfangen. Das reinste Chaos, und das kriege ich mit Telefon und Laptop nicht in den Griff.

Ich weiß, was ich dir zumute, glaub mir das bitte. Aber von mir hängt jetzt die ganze verdammte Veranstaltung ab. Da geht es um zig Millionen, und nicht zuletzt auch um sechs Millionen, die bei der Agentur hängen bleiben - ganz abgesehen vom Renommée, das wir mit Geld allem Geld der Welt nicht kaufen könnten.“

„Es ist trotzdem nicht richtig, Aaron. Wir haben gerade unsere einzige Tochter verloren. Wir wissen nicht, aus welchem Motiv heraus Rebecca sterben musste. Es könnte sich gegen die ganze Familie richten, vielleicht, weil wir Juden sind. Falls es das ist, sind wir und Moshe und dein Vater in Gefahr. Und du willst du ein solches Risiko eingehen? Für Geld?“

„Du verstehst es nicht, Rachel. Es geht um mehr als nur Geld. Es geht um unsere Zukunft und die Zukunft von dreißig Angestellten und deren Familien. Der Umfang dieses Projektes ist größer als nur ein Job oder ein Geschäft. Wenn wir beim gegenwärtigen Stand der Dinge einen Rückzieher machen, verlieren wir nicht nur Geld. Mit uns wird kein einziger ernstzunehmender Musiker und keine einzige überregional bekannte Band mehr reden. Wir sind dann geschäftlich gesehen mausetot und können den Laden ebenso gut dichtmachen.“ - „Wann müsstest du abreisen?“

„Eigentlich schon gestern, aber das konnte ich abbiegen. Ich muss morgen am Spätnachmittag im Flugzeug sitzen. Ich brauche zwei Tage für England und Schottland. Danach zwei Tage New York und zwei Tage Kalifornien. Ich wäre heute in einer Woche wieder zurück.“

„Gut, dann sprich bitte mit der Polizei und sag denen, dass ich in den nächsten sieben Tagen allein zuhause bin, ja? Unter diesen Umständen wäre es mir lieb, wenn sie ab und zu nach dem Rechten sieht. Mir ist die Vorstellung ein wenig unheimlich, dass hier ein Fremder klingeln könnte und du bist nicht da.“

„Das habe ich schon veranlasst, Schatz. Du bist hier so sicher, wie es nur menschenmöglich ist. So sicher wie in Abrahams Schoß“, fügt er lächelnd hinzu.

*

Als Moshe im Camp des Mossad ankommt, will sein Kommandant ihn umgehend sprechen.

„Kommen Sie rein, Moshe“, ruft er ihn in sein Büro. „Ich will Ihnen nochmals mein und unser aller Beileid aussprechen, aber setzen Sie sich bitte.“

„Danke, Herr Kommandant. Ich melde mich zum Dienst zurück.“ - „Langsam, langsam, ich habe Ihnen eine Woche Zeit gegeben, also haben Sie noch etwa zweiundsiebzig Stunden frei. Versuchen Sie den Kopf wieder frei zu bekommen, so schwierig das auch sein mag.“

„Ich denke…“

„Moment! Ich bin noch nicht fertig. Sie treffen sich morgen früh um acht Uhr dreißig mit unserem hauseigenen Psychologen. Er wird über Ihre Einsatzbereitschaft entscheiden; das letzte Wort liegt aber weiterhin bei mir.

Aber zuallererst wird er mit Ihnen zusammen versuchen, ein oder zwei Verhaltensregeln zu erarbeiten, die Ihnen dabei helfen sollen, diese schwierige Zeit zu überstehen. Und jetzt gehen Sie bitte auf Ihre Stube und schlafen Sie sich aus. Sie sehen furchtbar aus.“

4

Es ist erst halb sieben, aber der Tag ist schon jetzt ein gebrauchter Tag für Kommissar Schuchardt von der Frankfurter Kripo, der erst um zwei Uhr morgens einschlafen konnte und bereits jetzt in der Pförtnerloge von Erdmanns Spedition sitzt, lauwarmen Kaffee schlürft und sich die Einzelheiten über diesen krassen Fall von Vandalismus erzählen lässt. Das erfordert eine Menge Geduld, denn der alte Nachtpförtner ist immer noch außer sich und kaum dazu in der Lage, zwei zusammenhängende Sätze zu formulieren.

Ein eiliger Hintergrundcheck des Lebenslaufes von Bernhard Cullmann hat nichts ergeben. Seit siebenundzwanzig Jahren bei Erdmann beschäftigt, zuerst als Fahrer, doch nach einem schweren Unfall mit Todesfolge wird er von Erdmann an die Pforte seines Fuhrparks versetzt, wo er jetzt schon mehr als zehn Jahre vorwiegend nachts seinen Dienst verrichtet. Für die Polizei ist er ein unbeschriebenes Blatt, die Möglichkeit, dass er mit den nächtlichen Besuchern unter einer Decke steckt und sie freiwillig hereingelassen hat, ist nicht in Betracht zu ziehen.

Um zehn Minuten vor fünf hat man Schuchardt aus dem Bett geklingelt, aber nicht wegen eines Einbruchs in eine x-beliebige Firma, sondern deshalb, weil es sich um den Betrieb eines Mannes handelt, der vor weniger als einer Woche seine Enkelin durch einen – möglicherweise politisch oder rassistisch motivierten – Mord verloren hat; und weil der Einbruch und die Zerstörungswut der vergangenen Nacht in einer wie auch immer gearteten Beziehung zu dieser Untat stehen könnte.

Cullmann streckt dem Kommissar zum wiederholten Mal seine von der Fesselung aufgescheuerten Handgelenke hin, aber der kann auch nichts mit ihnen anfangen. „Wenn diese Tiere wenigstens Klebeband oder eine Wäscheleine benutzt hätten“, jammert er. Schuchardt versucht, mitfühlend dreinzuschauen und befürchtet, dass ihm das nicht so recht gelingt. Er ist zu müde für gutgemeinte Verrenkungen.

„Sie haben meinen Kollegen gesagt, dass es zwei Männer waren, richtig?“ - „Diejenigen von den Kerlen, die mich gefesselt und mit diesem widerlichen Lappen geknebelt haben, waren zu zweit, das stimmt. Aber ich habe der Streife auch gesagt, dass noch mindestens zwei weitere Männer im Auto saßen. Vielleicht sogar drei“, schiebt er atemlos hinterher. Cullmann hat ein fortschreitendes Lungenemphysem, das ihn bald genug arbeitslos und zuletzt völlig bewegungsunfähig machen wird. Ein schöner Gruß seiner Lunge an all die Zigaretten, die er in den letzten fünfundvierzig Jahren gequalmt hat.

Der „widerliche Lappen“ ist eines dieser arabischen oder palästinensischen Kampftücher, die man des Öfteren in den Fernsehnachrichten oder bei linken Demonstrationen sieht. Das sieht wie eine Visitenkarte aus, denkt Schuchardt.

„Nochmal zu dem Fahrzeug, eine schwarze Limousine, sagten Sie?“ - „Nichts dergleichen habe ich gesagt. Ich sagte nur dunkel. Schauen Sie mal hier raus. Sehen Sie die Laternenmasten vor und hinter der Schranke? Diese Funzeln verbreiten nachts ein diffuses gelbliches Licht, das alles, was im entferntesten dunkel ist, schwarz aussehen lässt.“

„Okay, aber bei einem Audi A8 sind Sie sicher, ja?“

„Felsenfest. Mein Bruder fährt so eine Karre, der ist Architekt und kann sich das leisten.“

Audi oder BMW… hatte das nicht die trinkfeste Zeitungsfrau gesagt, als sie das Fahrzeug von Rebeccas Entführern in Sachsenhausen beschrieb?

Aber das mag Zufall sein. Schuchardt kann sich nicht vorstellen, dass Kriminelle montags als Nazis verkehren und freitags als Palästinenser auftreten.

Trotzdem ist da irgendein Zusammenhang. Erdmanns Enkelin, Erdmanns Fuhrpark.

„Den Kollegen von der Streife haben Sie außerdem zu Protokoll gegeben, dass es sich vermutlich um Araber handelte. Warum?“

„Schwarze Bärte, und der eine rief ein paarmal ,Alla akba‘.“

„Alla akba? Nicht Allahu akbar?“

„Wenn ich es Ihnen sage, es war ,alla akba‘. Ich bin alt und meine Pumpe streikt manchmal – aber schwerhörig bin ich nicht.“

Schuchardt, der bedauerlicherweise nicht Orientalistik studiert hat, macht sich eine diesbezügliche Notiz. Er wird jemanden vom Fach fragen, ob es Dialekte oder dem Arabischen verwandte Sprachen gibt, sodass sich diese Diskrepanz erklären ließe.

„War das alles, oder kommt noch etwas?“ - „Derjenige, der vor mir stand, als sie mich fesselten, stank aufdringlich nach Knoblauch, vielleicht auch zusammen mit etwas anderem.“

„Ich rieche auch einmal in der Woche nach Knoblauch. Nämlich dann, wenn ich mein ,Pollo al Ajillo‘ beim Spanier meiner Wahl gegessen habe.“ Schuchardt kommt zwar auf leisen Pfoten daher, aber er kann stachelig werden wie ein Igel, wenn ihm etwas missfällt.

„Ich meinte ja nur…“ sagt Cullmann und ist sichtlich eingeschnappt.

„Das Kennzeichen des Wagens war abgedeckt, haben Sie den Kollegen gesagt. Sind Sie sich diesbezüglich absolut sicher?“

„Aber ja. Ich muss die immer aufschreiben, bevor ich jemandem die Schranke öffne. Das ist Vorschrift. Und Sie können das durch die Kamera im Eingang überprüfen. Die muss das Auto aufgenommen haben.“

„Sind Sie denn nicht stutzig geworden, als das Kennzeichen nicht lesbar war?“

„Doch, aber es ging alles sehr schnell, viel zu schnell, um den Alarm zu betätigen. Die Karre hielt, und drei Sekunden später waren die Kerle schon hier drinnen. Ich hatte überhaupt keine Chance, etwas zu unternehmen.“

„Gut“, Schuchardt steht auf und wirft den leeren Pappbecher in den Mülleimer neben der Kaffeemaschine, „wenn ich noch Fragen habe, melde ich mich. Sie können jetzt nach Hause fahren, wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen. Wenn nicht, findet sich sicher jemand, der Sie heimbringt. Die Fahrer Ihrer Firma haben ja heute nichts weiter zu tun, wenn ich das richtig verstanden habe.“

„Das können Sie laut sagen, hier steht erstmal alles still. Und es wird verdammt teuer.“

„Auf Wiedersehen, Herr Cullmann.“

Aber hoffentlich nicht so bald.

Schuchardts Laune ist erbärmlich an diesem Morgen. In seiner Wohnung kühlt es nachts höchstens auf achtundzwanzig Grad ab, das sind zehn Grad zu viel für einen erholsamen Schlaf. Das geht nun seit Wochen so, und es ist keine Abkühlung in Sicht.

Er macht noch einen Anstandsbesuch beim Fuhrparkleiter der Firma und erkundigt sich nach dem angerichteten Schaden. Der Mann ist ein einziges Nervenbündel. „Vierhunderttausend, fünfhunderttausend, vielleicht noch mehr. Da sind die Aufträge, die wir stornieren müssen, noch nicht einmal mitgerechnet. Es wird Wochen dauern, bis uns wieder alle Fahrzeuge zur Verfügung stehen. Ich versuche seit einer halben Stunde, unseren Versicherer zu erreichen, aber es ist ja auch erst sieben Uhr.“ Er schüttelt den Kopf und schweigt wieder. Dann springt er ohne Vorwarnung auf und schaut den Kommissar mit wild funkelndem Blick an. „Die gesamte Elektrik haben sie zerschnitten, die Tankdeckel sind abgerissen worden, es ist Zucker im Diesel. Und dann sind diese Schweine, pardon, hingegangen und haben pfundweise Eisenspäne ins Motoröl gekippt. Wer tut denn so etwas?“

Schuchardt hat erst vor ein paar Tagen dieselbe Frage aus dem Mund eines alten Pathologen gehört. Er murmelt etwas, das nach Bedauern klingen soll, und verbeißt sich wieder in die Frage aller Fragen. Wer hat Rebecca Silberschmied ermordet?

Ein durch und durch empörter Fuhrparkleiter setzt sich auf die Kante seines Schreibtisches und Schuchardt muss nun zu ihm aufschauen.

„Und dann noch die Reifen. Das war ein Blutbad. Nach einer ersten Schätzung brauchen wir dreihundert bis dreihundertfünfzig Stück von diesen, pardon, teuren Scheißdingern.“

Die Attacke auf Erdmanns Firma berührt den Kommissar nur insoweit, wie er irgendetwas Nützliches für seine Suche nach den Mördern eines jungen Mädchens herausholen kann. Gewalt gegen Sachen gehört nicht zu seinem Aufgabenkatalog, und kaputte Autos interessieren ihn nicht.

„Sie haben doch einen Teil der defekten Fahrzeuge selbst inspiziert. Ist Ihnen dabei irgendetwas untergekommen, das den Verdacht nährt, es könnte sich bei den Kriminellen um Araber handeln? Irgendetwas in dieser Richtung gefunden?“

Der Fuhrparkleiter schüttelt den Kopf, öffnet den Mund zum Sprechen, schließt ihn wieder, schüttelt erneut den Kopf. Er lebt seinen Alptraum, denkt Schuchardt resigniert.

„Gut, sagen Sie Bescheid, wenn Ihnen noch etwas einfällt.“ Wie vorhin beim Pförtner, hinterlegt er auch in diesem Büro seine Visitenkarte, die seine Mobilfunknummer trägt. „Zögern Sie nicht, mich anzurufen, wenn Sie mir noch etwas sagen wollen.“

Was hat er nun? Einen „widerlichen Lappen“, einen falsch klingenden arabischen Ausruf, ein bisschen Knoblauchgeruch im sensiblem Rüssel eines alten Pförtners.

Und natürlich die mutmaßliche Anzahl an Tätern bei dieser Aktion, die ebenso wie Modell und Farbe des benutzten Tatfahrzeuges Parallelen zur Entführung und Ermordung von Rebecca aufweisen.

Das ist nicht allzu viel, aber es ist mehr als nichts. Auch wenn die Augenzeugen sich widersprechen, wenn es an die Beschreibung der Täter geht. Hier ein großgewachsener Glatzkopf, dort Araber, die wie Taliban aussehen, wenn man nach Cullmann geht.

Ganz zuletzt instruiert er das Team, das die Spuren sichert. „Ich brauche alles, was ihr ausgraben könnt, Fingerabdrücke, Haare, einfach alles. Wenn es zu lange dauert oder es euch zu viel wird, erbittet euch Hilfe von den Kollegen in Offenbach oder Hanau.“

Als Schuchardt sich in sein Auto setzt und vom Hof des Spediteurs fährt, sieht er, dass der alte Nachtpförtner abgelöst worden ist. An seiner Stelle sitzt da jetzt ein jüngerer Mann, der aber für ihn nicht von Nutzen ist.

Der Kommissar fährt auf direktem Weg nach Hause, gibt seinem kleinen Kater frisches Wasser und Trockenfutter (Frischfutter trocknet fast augenblicklich ein bei diesen Temperaturen) und versucht danach, ein wenig Schlaf nachzuholen. Er ist erst vor dreieinhalb Stunden unsanft geweckt worden, aber er fühlt sich, als sei er drei Tage und drei Nächte unterwegs gewesen.

Nazis oder radikale Muslime? Beide hassen die Juden. Sind es die einen oder die anderen? Oder etwa beide? Arbeiten sie vielleicht sogar Hand in Hand gegen den gemeinsamen Feind? Warum Erdmann? Ist das alles eine Scharade? Versucht da nicht jemand, ihn nach Strich und Faden zu verarschen? Wahrscheinlich ist das so.

Schuchardt schläft fast augenblicklich ein. Nach einer Weile hüpft sein Kater zu ihm aufs Bett, kringelt sich neben dem Kopfkissen zusammen und tut es seinem Herrchen gleich. Dann ist für ein paar Stunden nur noch das Geräusch des Standventilators zu hören, der die Luft zwar nicht abkühlt, sie aber wenigstens in Bewegung versetzt.

5

Richling bastelt weiter an seinem Rachefeldzug. Er weiß zwar nichts von Aaron Silberschmieds gigantischem Event, das in knapp zwei Monaten an verschiedenen Orten in Israel stattfinden wird, aber er ruft unter falscher Flagge in dessen Agentur an und erfährt, dass der Vater der kleinen Rebecca praktisch direkt nach deren Beerdigung aus beruflichen Gründen für acht Tage nach England und in die Vereinigten Staaten fliegen musste. Und da er erst gestern aufgebrochen ist, bleibt Richling eine ganze Woche, um über seine nächsten Schritte nachzudenken.

Zuerst hat er an eine Autobombe gedacht, aber erstens sind seine Jungs wahrscheinlich viel zu dämlich, um so etwas zu Wege zu bringen, und außerdem steht zu vermuten, dass Silberschmied nur selten Auto fährt. Er wohnt im Westend, nahe der Innenstadt, und er hat auch seine Agentur im Erdgeschoss des Hauses untergebracht, in dem er lebt. Es könnte sich also als sehr langwierig erweisen, eine günstige Gelegenheit für einen Anschlag abzupassen. Zu allem Überfluss steht sein Jaguar in der rund um die Uhr verschlossenen Tiefgarage des Hauses und ist deshalb nur schwer zu manipulieren. Richling verwirft diesen Gedanken, es muss einfachere Wege geben, an den Mann heranzukommen.

Wenn man Matthias glauben kann, dann war der Überfall auf den Fuhrpark des alten Erdmann ein in jeder Hinsicht durchschlagender Erfolg. Ein kurzer Bericht in der „Frankfurter Rundschau“ scheint dies zu bestätigen. In dem Artikel wird eine Verbindung zwischen dem Mord und diesem Anschlag hergestellt, der Schreiber enthält sich aber weiterer Spekulationen. Das ist gut, meint Richling. Wenn man davon ausgehen kann, dass dieser Reporter Verbindungen zur Polizei hat, dann könnte es bedeuten, dass diese noch völlig im Dunkeln herumstochert. Es kann aber auch Taktik sein.

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