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Rita Hajak
Haus der Geheimnisse
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Zitat
Eins
Drei
Vier
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Impressum neobooks
Zitat
Was lange im Verborgenen ruht,
kommt irgendwann ans Licht …
Eins
Es war Freitagmorgen, kurz vor sieben Uhr.
Katja schaltete das Radio ein, um die Nachrichten zu hören, bevor sie aufstand. Genüsslich streckte sie sich im Bett aus. Sie horchte auf. In der Nacht soll es im Norden Deutschlands heftig geschneit haben. Der Verkehr, in der Hamburger Innenstadt sei zum Erliegen gekommen. Es sollen sich bereits mehrere Auffahrunfälle ereignet haben.
Ungläubig schüttelte sie den Kopf und schlug die Bettdecke zurück. Sie schlüpfte in die Fellpantoffeln und trippelte zum Fenster. Zögernd zog sie den Rollladen hoch. Tatsächlich! Draußen war alles zugeschneit. Und das Mitte März. Vom nahenden Frühling war nichts mehr zu spüren. Stattdessen kehrte der Winter zurück. Sie konnte froh sein, nicht zur Uni fahren zu müssen. Alle Prüfungen hatte sie hinter sich gebracht. Plötzlich erstarrte sie. Was hatte der Sprecher da eben gesagt? Ein Flugzeugunglück auf dem Flughafen O'Hare in Chicago? Leichenblass zwang sie sich, Ruhe zu bewahren. Um welche Uhrzeit soll sich das Unglück ereignet haben?
Ihre Eltern waren vor einer Woche zu einem Kongress nach Chicago geflogen. Ihr Vater, Professor für Naturwissenschaft, sollte bei diesem Treffen einen Vortrag über neue wissenschaftliche Erkenntnisse halten. Ihre Mutter begleitete ihn, da sie als seine rechte Hand im gleichen Institut arbeitete. Sie befanden sich bereits mit einer Maschine der Lufthansa auf der Rückreise und würden gegen 9:10 Uhr in Hamburg eintreffen. Vor dem Abflug, um 16:15 Uhr, OZ Chicago, hatte Katja noch mit ihrer Mutter telefoniert. Es musste sich um ein anderes Flugzeug handeln.
Die Angst blieb. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr Herz wie wild klopfte.
Katja zog ihren Hausanzug über und begab sich hinunter in die Küche. Hier war es angenehm warm. Die Heizung ließ sie über Nacht angeschaltet. Sie war so aufgeregt, dass sie auf das Frühstück verzichtete. »Ich werde Isabel im Institut anrufen«, sagte sie zu sich selbst. Isabel war die Sekretärin ihres Vaters und diejenige, die alles aus erster Hand erfuhr. Sie würde wissen, ob ihre Eltern in Sicherheit sind.
Genau in dem Augenblick, als sie zum Telefonhörer greifen wollte, klingelte es an der Haustür. Sie schaute kurz auf die Uhr, die bedrohlich laut tickte. Es war kurz nach halb acht. Katja wurde es übel. Wer kann das sein? Vorsichtig öffnete sie. Davor standen Isabel und Professor Landau, der Chef des Instituts. Katja verschlug es die Sprache. Sie spürte sofort, dass das nichts Gutes bedeutete.
Sie brachte kein Wort heraus, starrte die beiden nur verstört an.
»Dürfen wir hereinkommen?«, fragte Dr. Landau.
»Entschuldigen Sie, selbstverständlich.«
Katja ging voraus in die Küche. »Es ist also wahr?«, stellte sie fest und begann zu zittern.
»Sie haben es bereits in den Nachrichten gehört?« Isabel schaute Katja besorgt an.
Diese nickte. »Ist was mit meinen Eltern? Nun sagen Sie schon.« Katja bemerkte, trotz ihrer eigenen Unruhe, dass sich die beiden unbehaglich fühlten.
Zögernd berichtete Professor Landau von dem schrecklichen Unglück, das sich in Chicago abgespielt hatte: »Ein Hydraulikausfall soll den Piloten nach dem Start zur sofortigen Umkehr gezwungen haben. Die Landung missglückte. Das Flugzeug war auf der Landebahn des Flughafens zerschellt und dann in Flammen aufgegangen.« Er hielt kurz inne. »Unter den Passagieren und Besatzungsmitgliedern haben viele das Unglück nicht überlebt.«
Isabel fügte leise an: »Ihre Eltern sind auf dem Weg in die Klinik an den Folgen des Unfalls verstorben! Wir haben das sofort überprüfen lassen. Katja, wir bedauern den Tod Ihrer Eltern von ganzem Herzen.«
Es dauerte einige Sekunden, bis Katja begriff, was geschehen war. Ein Schwindelgefühl erfasste sie, und es wurde ihr schwarz vor Augen. Sie tastete nach einem Halt und wäre gestürzt, hätte Professor Landau sie nicht rechtzeitig ergriffen. Behutsam führte er sie zu einem Stuhl.
»Heißt das, meine Eltern sind … tot? ?«, fragte sie mit tonloser Stimme. Ihr Blick war leer.
Die Sekretärin und der Professor nickten stumm.
»Das kann nicht sein! Sie müssen sich irren!«, schrie Katja fassungslos. Mit den Fäusten schlug sie auf den Tisch. Ihre Schultern bebten. Weinend verbarg sie das Gesicht in ihren Händen. Sie schluchzte herzzerreißend und Isabel legte ihr mitfühlend die Hand auf die Schulter.
Katja konnte sich nicht beruhigen. »Ich kann es nicht glauben«, weinte sie und stand auf.
Isabel nahm sie in den Arm. »Es tut mir unendlich leid. Können wir jemanden verständigen?«
Energisch schüttelte Katja den Kopf. »Lassen Sie mich jetzt alleine.« Sie schniefte ins Taschentuch. Isabels mitleidige Blicke entgingen ihr nicht.
Auch Dr. Landau wusste nicht, was er sagen sollte und murmelte ein paar Worte des Bedauerns. »Es wäre nicht gut alleine zubleiben«, meinte er beunruhigt.
Es klingelte an der Haustür. Professor Landau ging durch den Flur und öffnete.
»Guten Morgen, ich wollte zu Katja Berghoff«, sagte Markus Melzer.
»Wer sind Sie?«, wollte Landau wissen.
»Lassen Sie ihn herein!«, rief Katja ungehalten. »Er ist ein Freund und Nachbar.« Sie flüchtete in seine Arme, als er ihr entgegenkam. »Oh Markus, ich kann es nicht ertragen, es tut so weh.«
»Was ist passiert?« Er war völlig ahnungslos. Als Markus erfuhr, was geschehen war, musste er sich zusammen nehmen, um nicht die Fassung zu verlieren.
Isabel und Dr. Landau verabschiedeten sich und versicherten, dass sie sich um die notwendigen Formalitäten kümmern werden.
Katja hatte nicht mehr zugehört. Ihre Gedanken überschlugen sich. »Was soll ich jetzt machen?«, jammerte sie hilflos. »Ich werde nie mehr glücklich sein. Ohne meine Eltern kann ich mir das nicht vorstellen. Sie waren alles, was ich hatte. Warum mussten ausgerechnet meine Eltern zu diesem Kongress fliegen? Bisher hatte sich der Chef persönlich darum gekümmert. Und nun dieses Unglück. Ich kann es nicht fassen. Sie waren doch noch so jung.«
»Ich werde dir helfen. Du bist nicht alleine«, sagte Markus. »Du hast mich. Ich kann dir nachfühlen, wie du leidest. Es ist unfassbar, dass das passieren musste. Das Leben kann so grausam sein.«
Für Katja war das kein Trost. Die Tränen flossen in Strömen über ihre Wangen.
Markus hielt sie schweigend im Arm und streichelte ihr tröstend über den Rücken.
Katja begriff, dass hier jedes weitere Wort überflüssig gewesen wäre. Allmählich beruhigte sie sich und bat ihn, zu gehen. »Ich möchte mich hinlegen.«
»Ich werde später wiederkommen«, versprach er und bat um einen Schlüssel. Gerne verließ er Katja nicht. Sie wirkte so apathisch.
»Danke! Und … Markus? Außer dir will ich niemand sehen.«
Nachdem der junge Mann gegangen war, weinte sie laut auf und rannte verzweifelt in ihr Schlafzimmer. In ihrem Bett rollte sie sich zusammen wie ein Igel und zog die Decke über den Kopf.
In den folgenden Tagen funktionierte Katja wie eine Marionette. Sie hielt sich mühsam aufrecht. Dass sie mit Markus zur Identifizierung ihrer Eltern nach Chicago fliegen musste, nahm sie wie durch einen Nebelschleier wahr. Der Hausarzt verordnete ihr ein beruhigendes Medikament, sonst hätte sie die Reise sicherlich nicht durchgestanden. Markus war Rechtsanwalt und konnte in ihrem Namen alles Nötige erledigen.
Nachdem ihre Eltern überführt und beerdigt waren, fiel die Starre von ihr ab. Sie brach zusammen. Nun brauchte sie nicht mehr tapfer zu sein, konnte sich endlich ihrem Schmerz hingeben. Gleichgültig nahm sie es hin, dass Markus den Hausarzt herbeirief. Gerne hätte dieser sie für einige Zeit in die Obhut von Verwandten geschickt. Doch Katja behauptete, es gäbe niemand. Der Arzt verabreichte ihr weiterhin ein leichtes Beruhigungsmittel, damit sie schlafen konnte. Das war ihr recht, denn sie wollte nur noch Ruhe haben. Markus war der einzige, den sie in ihrer Nähe ertragen konnte. Wie wäre sie ohne seine Hilfe fertig geworden? Katja war ihm dankbar.
Die Zeit, die nun folgte, war die schlimmste in ihrem bisherigen Leben. Es war ihr bewusst, dass sie Markus viel abverlangte. Er sorgte für sie, brachte ihr Essen, das seine Mutter für sie mit zubereitete. Neben seinem Beruf kümmerte er sich rührend um ihre Belange. Wenn es die Wetterlage zuließ, verbrachte Katja den ganzen Tag am Grab ihrer Eltern. Manchmal vergaß sie die Zeit, und Markus musste sie vom Friedhof nach Hause holen.
Sie war froh, ihre Anstellung als Referendarin in diesem Jahr nicht antreten zu müssen. Obwohl Markus meinte, eine Beschäftigung hätte sie von ihrem Schmerz abgelenkt. Aber konnte er wirklich ahnen, was in ihr vorging?
Allmählich begann sie, Schritt für Schritt, ihre alltäglichen Dinge wieder selbst zu verrichten.
Zwei
Für August war es viel zu nass. Tagelang hatte es geregnet. Heute brachen die Wolken auseinander. Ein leichter Dunst hing in der Luft. Katja stand eine Weile am Küchenfenster und blickte nachdenklich hinaus. Sie musste den Garten in Ordnung bringen. Überall wucherte das Unkraut. Ihre Mutter hatte sich viel Mühe mit der Pflege des Gartens gegeben. Katja war lustlos, musste sich zu allem zwingen. Wie soll das weitergehen, fragte sie sich?
Der Postbote kam auf das Haus zu und riss sie aus ihren Gedanken. Er hatte etwas in den Briefkasten geworfen. Sie winkte ihm kurz zu, als er zum Fenster schaute.
Katja stellte die Tasse Kaffee, die sie in der Hand hielt, auf den Tisch. Verwundert zog sie den seidenen, rosafarbenen Morgenmantel fester um ihre zierliche Taille und huschte hinaus an das Gartentor. Postsendungen waren in der letzten Zeit selten geworden.
Erstaunt schaute sie auf den Umschlag, der ihr beim Öffnen des Briefkastens vor die Füße gefallen war. Neugierig hob sie ihn auf. Es war ein Brief aus England, von Tom Graham, ihrem ehemaligen Studienprofessor in Kunstgeschichte. Seit der Beerdigung ihrer Eltern hatte sie von ihm nichts mehr gehört. Er war kurze Zeit danach in den Ruhestand getreten und in seine Heimat zurückgekehrt. Ihr Herz klopfte aufgeregt.
Katja brannte darauf, den Brief zu lesen. Sie musste sich beherrschen, ihn nicht gleich aufzureißen. Geschwind lief sie ins Haus zurück. In der Küche setzte sie sich auf den Stuhl. Mit unruhigen Händen und äußerst gespannt, aus welchem Grund der Professor ihr geschrieben hatte, öffnete sie das Kuvert. Sie faltete das weiße Blatt auseinander und begann zu lesen:
Liebe Katja,
Sie werden sicherlich überrascht sein, wenn Sie diesen Brief in den Händen halten. Aber ich habe Sie in so lieber Erinnerung und kann mir denken, dass die Trauer um Ihre Eltern noch sehr groß ist. Etwas Abwechslung würde Ihnen bestimmt guttun.
Ich lade Sie deshalb herzlich ein, für einige Zeit Gast in meinem Haus in Cornwall zu sein. Wenn Sie Lust dazu haben, können Sie mir bei der Katalogisierung meiner Bücher behilflich sein. Ich habe Ihr Interesse an guter Literatur stets wohlwollend beobachtet. Sie haben mir bei unserem Abschied erzählt, dass Sie Ihre vorübergehende Tätigkeit in einer Antiquariats-Bibliothek im November beginnen werden. Bis dahin wäre noch genügend Zeit. Ich würde mich sehr über Ihr Kommen freuen und erwarte bald Ihre Zusage. Ein Flugticket sende ich Ihnen dann umgehend zu.
Mit den besten Grüßen
Ihr Tom Graham
Katja schüttelte staunend den Kopf. Mit einer Einladung nach Cornwall hatte sie nicht gerechnet. Nachdem sie den Brief zum zweiten Mal gelesen hatte, ließ sie ihn sinken. Sie musste dem Professor zustimmen. Eine Veränderung würde ihr nicht schaden. Die Einsamkeit, in die sie geflüchtet war, begann sie zu erdrücken. Wie schön, dass er an sie gedacht hatte.
Mechanisch setzte sie die Tasse an den Mund und trank einen Schluck. Angewidert verzog sie das Gesicht. Der Kaffee war inzwischen kalt geworden; sie goss den Rest in die Spüle.
Eine Weile starrte sie auf das kleine Bild ihrer Eltern, das auf dem Küchentisch stand. Jetzt spürte sie ihn wieder, diesen Stich in ihrem Herzen. Es tat immer noch sehr weh. Wie gut, dass sie Ihrer Mutter am Telefon von ihrem bestandenen Diplom erzählt hatte. Katja wusste, dass ihre Eltern sehr stolz auf sie gewesen waren. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sie tapfer versuchte hinunterzuschlucken. Was sollte sie tun? Was hätten ihre Eltern zu dieser Einladung gesagt? Sie hatte sich immer auf ihren Rat verlassen – aber nun? Auch sie mochten den Professor gerne. Ihr Vater hatte einige Male naturwissenschaftliche Vorträge an der Uni gehalten. Dabei hatten sich die beiden Männer kennengelernt. Es hatte sich zwischen ihnen eine lockere Freundschaft entwickelt.
Nachdenklich warf sie einen Blick auf die Küchenuhr. Ich werde Markus anrufen, er wird sicher noch zu Hause sein.
Kaum hatte es im Nebenhaus geläutet, nahm er den Hörer ab. Sie wusste, dass in der Anzeige seines Telefons ihr Name stand.
»Guten Morgen, Katja«, meldete er sich überrascht, »du bist aber früh dran heute.«
»Markus, bitte komme einen Moment herüber, ich brauche deinen Rat.« Ohne eine Antwort abzuwarten, legte sie den Hörer auf. Es war nicht ihre Art, ihn wegen unwichtiger Dinge anzurufen. Markus musste wissen, dass es sich um etwas Ernstes handeln würde. Nur mit ihm konnte sie darüber reden. Sicherlich hatte sie ihn beim Frühstück gestört. Katja stellte sich vor, wie er sich das letzte Stück Brötchen in den Mund stopfte, bevor er aus dem Haus eilte. Wahrscheinlich würde er auch auf eine Jacke verzichten. Draußen war es seit Tagen mild, trotz der langen Regenperiode.
Es dauerte keine zwei Minuten, da klingelte es an ihrer Tür. Sie war aufgeregt, als sie öffnete. Dennoch bemerkte sie sofort, dass sie richtig vermutet hatte. Er stand hemdsärmelig vor ihr und schluckte eben den letzten Bissen hinunter, was ihr ein kleines Lächeln entlockte.
»Hallo, was ist los, du klangst so merkwürdig?« Markus schaute sie fragend an und streichelte ihr über das Haar. Solche Vertraulichkeiten waren Katja peinlich. Sie bat ihn herein und reichte ihm leicht errötend das Blatt Papier. Sie setzte sich auf den Stuhl und deutete mit einer Handbewegung an, er möge sich ebenfalls setzen.
Neugierig forschte sie in seinem Gesicht, konnte jedoch an seiner Miene nicht erkennen, was er dachte. Nachdem er den Brief gelesen hatte, schaute er sie nachdenklich an. »Würdest du denn gerne reisen?« Er reichte ihr den Brief zurück.
»Ich weiß es nicht. In England ist alles fremd für mich und so gut kenne ich den Professor nun auch wieder nicht«, gab sie zu bedenken. Mit einer hastigen Bewegung strich sie sich eine Haarsträhne hinter das Ohr.
»Ich halte es für eine wunderbare Idee«, meinte er vorsichtig und nahm behutsam ihre Hände in die seinen.
»Meinst du nicht, es täte dir gut, mal unter nette Leute zu kommen? Eine andere Umgebung kann Wunder wirken. Ich möchte dich endlich wieder lachen sehen.« Seine Worte klangen ernst.
Katja blickte ihn zweifelnd an und zog rasch ihre Hände zurück.
»Ich verlasse das Haus nur ungern.«
»Du kannst jederzeit zurückkommen. War Professor Graham nicht ein gern gesehener Gast in eurem Haus? Ich dachte, ihr seid euch sympathisch?«
»Das stimmt schon«, antwortete Katja zögernd, »aber ich war noch nie so weit weg von Daheim.« Nervös strich sie die mit Blümchen bedruckte Decke auf dem Küchentisch glatt.
»Du brauchst nur anzurufen, und ich hole dich wieder ab, wenn es dir dort nicht gefällt.« Es sollte nach einem Scherz klingen.
Katja ging nicht darauf ein. Sie lächelte unschlüssig. Langsam faltete sie den Brief zusammen und steckte ihn in den Umschlag zurück.
Markus sprang vom Stuhl auf und ging in der Küche auf und ab. Dann blieb er vor ihr stehen. »Katja, du musst wieder unter Menschen. Nichts von dem, was geschehen ist, kannst du rückgängig machen.«
»Willst du mich etwa loswerden?« Sie schaute ihn erschrocken an.
»Auf keinen Fall«, entrüstete er sich. »Wenn du nicht willst, dann bleibe hier. Ich bin immer für dich da. Es ist deine Entscheidung.« Mit den Fingern fuhr er durch seine blond gewellten Haare. Eine Geste, die Katja schon oft aufgefallen war. Besonders dann, wenn er sich unsicher fühlte.
Sie schwieg. In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander und sie konnte erkennen, wie Markus mit sich rang. Sie hatte den Eindruck, als wollte er ihr etwas sagen, ohne den Mut dazu zu finden.
Katja erhob sich ebenfalls. Sie stand direkt vor ihm. Plötzlich spürte sie seine Hände, wie sie ihr Gesicht umschlossen, und fühlte seine Lippen auf ihren Mund.
»Eines solltest du wissen, bevor du fortgehst.« Seine Stimme klang weich und zärtlich, als er ihr gestand: »Ich liebe dich!«
Sie blickte ihn verwirrt an, fühlte sich überrumpelt. Ihre
Stirn kräuselte sich in Falten. Sie trat einen Schritt zurück.
»Markus, ich mag dich wirklich, aber das kommt jetzt sehr überraschend. Ich konnte nicht ahnen, dass du solche Gefühle für mich empfindest. Lass mir bitte Zeit zum Nachdenken.«
»Ich gebe dir alle Zeit, die du brauchst«, antwortete er tapfer und steckte seine Hände in die Hosentaschen.
Katja spürte, dass er enttäuscht war, aber sie konnte es nicht ändern.
»Vielleicht hilft dir diese Trennung, über deine Gefühle klar zu werden«, meinte er.
Sie nickte. Eine Weile überlegte sie. Ihr Blick wanderte zum Fenster hinaus. Ihr Elternhaus stand am Ende einer Reihenhaussiedlung, mit weitem Blick über die angrenzenden Wiesen und Felder. Die letzten Tautropfen der Nacht glitzerten in den Sonnenstrahlen, denen es gelungen war, den Dunst zu durchdringen. In der Ferne sah sie einen Mähdrescher hin und her fahren. Das goldene Korn war reif. Die Ernte hatte begonnen. Früher hatte sie diesen Ausblick genossen. Jetzt schaute sie traurig darüber hinweg. Es musste sich etwas ändern. Ihr Leben konnte so nicht weitergehen. Das war ihr inzwischen klar geworden.
Entschlossen richtete sie sich auf. Ihre Schultern spannten sich, ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie hatte sich entschieden.
»Ja«, sagte sie, »etwas Abstand wird mir guttun. Ich werde fliegen.« Markus würde sich damit zufriedengeben müssen. Es blieb ihm ohnehin nichts anderes übrig. Sie musste ihre Angelegenheiten wieder selbst in die Hand nehmen.
Er versprach, sich um das Haus und das Grab ihrer Eltern, während ihrer Abwesenheit, zu kümmern.
Sie umarmte ihn flüchtig und sagte: »Danke Markus, ich
wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.«
Am nächsten Morgen schickte sie Professor Graham eine
kurze Nachricht mit ihrer Zusage und den Ankunftsdaten. Sie war überzeugt, dass sie sich richtig entschieden hatte. Der Professor rief sie daraufhin an. Es tat ihr wohl, seine vertraute Stimme zu hören. »Ich freue mich sehr, dass Sie kommen«, sagte er und versicherte ihr, dass ein Angestellter des Hauses sie mit dem Wagen am Bahnhof abholen würde. Das Ticket habe er bereits abgeschickt.
Die nächsten Tage verbrachte sie in einem Zustand von Trauer, Hoffnung und Angst. Für die Reise hatte Katja alles Nötige in Windeseile erledigt.
Markus schlüpfte in sein Jackett, nahm die Aktentasche unter den Arm und war er im Begriff, das Haus zu verlassen. Als er am Dielenspiegel vorbeikam, zögerte er und blickte bekümmert hinein. Ob es eine gute Idee war, Katja überredet zu haben, diese Reise anzutreten?
Seine Mutter, die hinter ihn getreten war, schaute ihn fragend an. »Du hast doch was?«, stellte, sie mit mütterlichem Instinkt fest.
Markus schaute auf die Uhr. »Nun denn, fünf Minuten habe ich noch«, sagte er und legte seine Aktentasche auf die Kommode.
»Ich weiß nicht mehr weiter. Katja lässt mich nicht in ihr Herz schauen. Sie verschließt sich sofort, wenn ich sie auf ihre Trauer anspreche.«
»Junge, sei nicht so ungeduldig. Lass ihr Zeit«, antwortete Frau Melzer. »Sei einfach nett zu ihr. Irgendwann wird sie einsehen, dass es Menschen gibt, die sie lieben. Du liebst sie doch, oder?«
»Ja«, stöhnte Markus, »ich liebe sie. Aber das Schlimme daran ist, ich habe ihr geraten, die Einladung ihres ehemaligen Professors anzunehmen. Sie hat zugesagt. In einigen Tagen fliegt sie nach England.« Auch jetzt fuhr er sich wieder mit den Fingern durch sein Haar.
»Du solltest den Dingen ihren Lauf lassen«, meinte Frau Melzer. Sie zündete sich eine Zigarette an und sog den Rauch tief in die Lungen. Danach blies sie ihn wieder langsam durch die Nase aus.
Markus schüttelte unmerklich den Kopf.
»Katja muss erst ihre Trauer bewältigen«, sprach sie weiter. »Sie ist offensichtlich noch nicht bereit für eine Bindung. Eine Bewährungsprobe kann nicht schaden. Warte dieses Jahr noch ab. In einigen Monaten kann sich viel ändern.« Sie tätschelte seine Wange.
»Meinst du?« Er schaute sie nachdenklich an.
»Ich meine das nicht nur, ich weiß das«, entgegnete sie.
Er nahm seine Mutter in die Arme und drückte ihr einen Kuss auf die Wangen. »Dann will ich meiner klugen Mama mal glauben. Jetzt muss ich aber los, sonst verpasse ich meinen Termin.« Er öffnete die Haustür und drehte sich noch einmal zu seiner Mutter herum. »Und du, Mama, solltest nicht so viel rauchen.«
»Ja, mein Junge«, hörte er sie noch sagen, bevor er die Tür hinter sich ins Schloss fallen ließ.
Markus überquerte die Straße und ging zu seinem Wagen. Er konnte die Blicke seiner Mutter im Nacken spüren. Vermutlich stand sie wie immer hinter der Gardine und schaute ihm nach. Er startete den Wagen und drehte seinen Kopf automatisch zum Haus. Da sah er sie am Fenster. Sie winkte. Er lächelte und hob grüßend die Hand.
Er liebte seine Mutter und sie ihn. Das zeigte sie ihm deutlich. Seit seinem zehnten Lebensjahr hatte sie ihn alleine großgezogen. Sein Vater war damals auf und davongegangen. Ihm war das Leben, das sie führten, zu langweilig geworden. Er war ein Abenteurer. Nie wieder hatte er etwas von sich hören lassen. Sie hatte lange Zeit hart arbeiten müssen, um ihnen einen gesicherten Lebensstandard bieten zu können. Markus hatte sehr darunter gelitten, plötzlich ohne Vater zu sein. Seine Mutter hatte sich ihm zuliebe keinen neuen Partner gesucht. Sie wollte jeden Konflikt vermeiden. In einer stillen Stunde hatte sie es ihm anvertraut. Markus hatte gehofft, sie würde doch noch einen neuen Lebensgefährten finden, aber sie wollte nicht. Er war Anfang dreißig. Seine Mutter hatte das Rentenalter erreicht. Was würde sein, wenn er irgendwann das Haus verließe? Würde seine Mutter zurechtkommen? Ihre Rente war klein. Er jedoch verdiente als Anwalt gut. Deshalb steckte er seiner Mutter jeden Monat einige Scheine zu. Sie hatte lange Jahre auf viele Dinge verzichten müssen. Jetzt sollte sie auch mal an sich denken und sich einige Wünsche erfüllen können.
Drei
Völlig verkrampft kauerte Katja auf ihrem Sitz und presste angstvoll die Lippen aufeinander. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte sie eine gewisse Flugangst. Aber sie hatte eingesehen, dass es die schnellste Verbindung nach London war. Sie wollte stark sein und ihrer Angst die Stirn bieten. Zu ihrer Erleichterung verlief der Flug ruhig. Allmählich löste sich ihre Anspannung. Erst jetzt nahm sie die anderen Passagiere der voll besetzten Maschine wahr. Verstohlen blickte sie zu ihrem Sitznachbarn, der gemütlich zurückgelehnt in einem Buch las.
Sie schloss die Augen und döste vor sich hin. In der vergangenen Nacht hatte sie vor Aufregung kaum geschlafen. Sie musste an Markus denken. Er liebte sie. Aber liebte sie ihn auch? Darüber hatte sie sich bisher keine Gedanken gemacht, sah in ihm nicht mehr als einen engen Freund. Sie kannte ihn seit zehn Jahren, seit sie mit ihren Eltern in das Haus neben ihm gezogen war. Sie sind zusammen ins Kino oder in die Disco gegangen. Auch bei den Schulaufgaben war er ihr oft behilflich gewesen. Mit der Zeit hatte sich eine wunderbare Freundschaft entwickelt. Als sie vor drei Jahren von ihrem Freund verlassen wurde, war er es, der sie getröstet hatte. Aber musste sie ihn deshalb lieben? Allerdings fiel ihr der Abschied heute Morgen auch nicht gerade leicht. Markus hatte es sich nicht nehmen lassen, sie zum Flughafen zu begleiten. Sie seufzte und musterte den Mann an ihrer Seite.
Er schien ihren Blick gespürt zu haben. »Kann ich Ihnen helfen?« Seine Stimme klang warmherzig.
Katja schämte sich, als ihr bewusst wurde, dass sie ihn eine ganze Weile angestarrt haben musste. Eine leichte Röte flog über ihr Gesicht. »Entschuldigen Sie, ich war in Gedanken. Es ist alles in Ordnung.« Sie hatte keine Lust, sich mit ihm zu unterhalten. Dennoch wirkte dieser Mann beruhigend auf sie. Wie alt mochte er sein? Um die Dreißig, wie Markus, dachte sie flüchtig.
Der junge Mann lächelte belustigt. Er schien ihr kein Wort zu glauben. Sicher hätte er gerne mit ihr geplaudert. Aber worüber? Über ihre Trauer? Über Markus? Er war ein Fremder für sie.
Entschieden wandte sie ihr Gesicht zur Seite und schaute aus dem kleinen Fenster auf die dichte Wolkendecke. Sie wollte ihre Ruhe haben und schloss die Augen. Sie erwachte erst, als die bevorstehende Landung des Flugzeugs angekündigt wurde. Unmittelbar danach ebbte das Geräusch der Turbinen etwas ab, und sie spürte am Druck in ihren Ohren, dass die Maschine an Höhe verlor.
Katja atmete erleichtert auf, als das Flugzeug sicher gelandet war. Der junge Mann nickte ihr zum Abschied freundlich zu. Sie nickte lächelnd zurück.
Die weiterreisenden Passagiere fuhren mit der Express-Bahn in kurzer Zeit direkt in den Bahnhof von Paddington ein. Der Zug nach Cornwall stand abfahrbereit am Bahnsteig.
Katja hatte einen Fensterplatz gefunden und schaute nachdenklich hinaus. Links und rechts neben den Gleisen erhoben sich blühende Büsche und Hecken, die wenig Blick auf die Umgebung freigaben. Ein schöner, weiter Ausblick auf die Landschaft bot sich ihr bei der Überfahrt einer hohen, aus hellem Stein gemauerten Brücke. Unter ihr sah sie saftige, grüne Wiesen und bunte Blumen.
Sie fragte sich, was sie bei Tom Graham wohl erwarten würde. Über sein Privatleben wusste sie wenig. Er war Witwer und hatte einen Sohn in ihrem Alter. Mehr wollte er anscheinend nicht preisgeben. Während ihrer Studienzeit an der Hamburger Universität hatte sich zwischen ihnen beiden ein warmherziges Verhältnis entwickelt. Mr. Graham hielt dort als Gastprofessor viele Jahre Vorlesungen in Kunstgeschichte, einem ihrer Lieblingsfächer. Kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag trat er in den Ruhestand und kehrte nach England zurück. Ob sie sich richtig entschieden hatte, dorthin zu reisen? In ein fremdes Land, wo sie außer ihm niemand kannte?
Sie verwarf ihre negativen Gedanken und beschloss, sich auf den bevorstehenden Besuch zu konzentrieren. Neugierig war sie schon. Es wäre ihr nur lieber gewesen, sie hätte mehr über die Familie gewusst.
Ein Bahnangestellter schob den Getränkewagen durch den Gang. Katja genehmigte sich eine Tasse Kaffee.
Nach einer langen Fahrt trudelte der Zug in das Provinzstädtchen in Cornwall ein. Hastig nahm sie ihre Koffer an sich, stieg aus und verließ das Gebäude. Draußen hatte sie direkten Blick auf das Meer. Es war neblig. Ein kühler Wind wehte ihr ins Gesicht.
Aus einiger Entfernung vernahm sie das Motorengeräusch eines Bootes, vermutlich ein Fischkutter. Es roch nach Fisch und Tang, was auf den nahe gelegenen Hafen schließen ließ. Eine Schar Möwen kreiste über dem Wasser, als erhofften sie, einige Leckerbissen zu ergattern. Katja blickte sich nach dem Wagen um, der sie nach Lands End bringen sollte. Sie sah einen älteren Mann in dunkler Bekleidung auf sie zueilen. Sie vermutete, dass er im gleichen Alter war wie der Professor.
Mit einer steifen Verbeugung stellte er sich als John Taylor vor. »Sie sind Miss Berghoff?«
Sie nickte freundlich und reichte ihm die Hand, die er ziemlich rasch wieder losließ. Etwas an ihm störte sie. War es der feindselige Blick? Vielleicht lag es auch an ihr. Seit dem Unglück war sie kaum mit Menschen zusammengekommen und reagierte wohl etwas überempfindlich. An der Sprache konnte es nicht liegen, die beherrschte sie perfekt. Während Mr. Taylor ihr Gepäck verstaute, ließ sie sich in die weichen Polster des Wagens sinken.
Es war bereits Mittag. Allmählich löste sich der Nebel auf. Sie fuhren durch einige Dörfer, die freundlich wirkten. Die Häuser aus dunklem Gestein waren aneinandergereiht, wie an einer Kette. In den Vorgärten blühten farbenfroh die letzten Sommerblumen.
Die Straße wurde schmaler.
»Wir sind gleich da«, sagte ihr Chauffeur, der während der Fahrt geschwiegen hatte. Jetzt öffnete er das Schiebedach des Wagens. Katja konnte das Meer riechen. Ein Schwarm Seevögel flog mit durchdringendem Geschrei über sie hinweg. Sie warf ihnen einen verträumten Blick hinterher.
Endlich waren sie in Lands End angekommen. Taylor bog auf ein großes mit Koniferen umrandetes Wiesengrundstück ein, auf dem viele Sträucher blühten und mehrere Obstbäume standen. Er lenkte den Wagen über einen Kiesweg vor den Hauseingang. Rosenstöcke säumten die Einfahrt. Die Sonne zeigte sich blass und hatte ihren höchsten Stand erreicht. Katja war beeindruckt. Ebenso von der zauberhaften Villa mit dem Türmchen und dem mit Schiefer gedeckten Dach. Durch die vielen, kleinen Winkel und Ecken des Hauses sah es aus wie ein verwunschenes Märchenschloss.
Sie war bereits ausgestiegen, als sich die Haustür öffnete und eine große, schlanke Frau heraustrat, die vermutlich den Zenit ihres Lebens schon überschritten hatte. Sie sah hübsch und gepflegt aus. Ihr schwarzes Haar war zu einer schicken Hochfrisur aufgesteckt.
Sie kam Katja entgegen und reichte ihr die Hand. »Schön, dass Sie da sind, Miss Berghoff«, sagte sie höflich. »Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise.« Ihrer Stimme war nicht zu entnehmen, ob sie sich über den Besuch freute.
»Vielen Dank«, erwiderte Katja, »auf jeden Fall war es eine lange Reise.«
Die Frau schenkte ihr ein kurzes Lächeln und stellte sich vor:
»Mein Name ist Mary Lindslay, ich kümmere mich um alle Angelegenheiten, die das Haus betreffen.« Mit einer einladenden Handbewegung bat sie den Gast herein.
Als Katja über die Türschwelle trat, lief ihr ein Schauer über den Rücken. Der breite Flur mit der riesigen Säule neben dem Eingang wirkte düster. Sie zögerte einen Moment. Ein hoher, golden umrahmter Spiegel an der Wand sowie der Garderobenschrank und die Truhe aus dunklem Holz, erinnerten sie an einen Gruselfilm. Lediglich der runde, hell gemusterte Teppich auf dem dunklen Marmor wirkte auflockernd.
Mrs. Lindslay riss sie aus ihren Gedanken. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer, damit Sie sich frisch machen können. Mr. Graham hat mit dem Lunch auf Sie gewartet.« Sie führte Katja über die breiten Marmorstufen in die erste Etage. Am Ende der Treppe teilte sich der Korridor. Die Hausdame ging nach links und öffnete die letzte Tür. »Dieser Raum dürfte Ihnen gefallen«, sagte sie und ließ Katja eintreten. Mrs. Lindslay schaute sich um, als wollte sie sich noch einmal vergewissern, dass auch alles in Ordnung war. »Verschnaufen Sie einen Moment. Wenn Sie bereit sind, drücken Sie auf die Klingel, ich begleite Sie dann in das Speisezimmer.« Während sie das sagte, deutete sie mit dem Finger auf einen runden Knopf, der seitlich am Tisch befestigt war. Danach nickte sie der jungen Frau zu und verließ den Raum.
Endlich hatte Katja Zeit, sich ausgiebig umzusehen. Die Einrichtung gefiel ihr gut. Der Raum war freundlich und hell. Durch die hübschen, goldenen Verzierungen wirkten die Möbelstücke edel. Die Bezüge der Sessel hatten den gleichen rosa Farbton, wie die Gardinen. Verlockend erschien ihr das Bett mit der kuscheligen Decke. Sie spürte eine leichte Müdigkeit aufkommen und gähnte. Am liebsten hätte sie sich hingelegt. Das wäre jedoch sehr unhöflich gewesen. Stattdessen wusch sie sich im angrenzenden Bad Gesicht und Hände, bürstete ihre goldbraunen Haare kräftig durch und band sie zu einem Pferdeschwanz.
Als sie zum Gehen bereit war, drückte sie auf den Klingelknopf. Mrs. Lindslay stand Sekunden später an ihrer Tür. »Ich hoffe, es ist alles in Ihrem Sinne?«, fragte sie und ging voraus.
»Danke, Mrs. Lindslay, es ist ein hübsches, gemütliches Zimmer.« Sie schaute flüchtig auf ihre Armbanduhr. Schon kurz nach zwei. Sie empfand es als nett, dass der Professor mit dem Essen auf sie gewartet hatte.
Als Katja eintrat, erhob er sich und kam ihr mit ausgestreckten Armen entgegen. Die Hausdame zog sich diskret zurück.
Mr. Graham begrüßte Katja herzlich wie eine Tochter und drückte sie liebevoll an sich. »Beinahe hatte ich befürchtet, Sie würden absagen.« Prüfend schaute er sie an. »Sie sind schmal geworden. Ich werde darauf achten müssen, dass Sie hier ordentlich essen«, meinte er scherzhaft. »Auf jeden Fall freue ich mich, dass Sie hier sind.«
»Vielen Dank, für die Einladung, auch ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen.« Nervös zupfte sie an ihrem Blusenkragen.
»Ich bitte Sie, Katja, es ist mir eine Ehre.«
Ihr wurde es warm ums Herz. Sie musterte ihn unauffällig. Sein volles Haar war in den letzten Monaten fast weiß geworden. Er sah für sein Alter immer noch gut aus. Groß und schlank mit wachen blauen Augen.
»Ich musste mich überwinden, von zu Hause wegzugehen«, sagte sie ehrlich.
»Dann freue ich mich umso mehr, dass Sie diese Reise gewagt haben«, entgegnete er charmant. »Bitte nehmen Sie Platz, meine Liebe, wir können gleich mit dem Essen beginnen.«
Während sie sich setzten, ließ sie ihren Blick durch das Zimmer schweifen. Die schweren Samtvorhänge vor dem Fenster schimmerten in einem warmen, rostbraunen Ton. In der Mitte des Raumes stand auf einem rot gemusterten Teppich ein ovaler Esstisch aus edlem, dunklem Holz. Auf weißen Platzdeckchen stand Geschirr für zwei Personen. Die Stühle waren mit weinrotem Stoff bezogen. Auf der Anrichte befand sich ein silberner Kerzenleuchter mit drei weißen Kerzen. Das Zimmer strahlte Gemütlichkeit aus.
Ein Mädchen mit weißer Schürze und Häubchen stellte eine Platte mit Fleisch, verschiedenen Gemüsesorten, und kleinen Kartoffeln auf den Tisch.
Katja verspürte ein nagendes Hungergefühl, als der verführerische Duft des Truthahnbratens, wie sie gleich erkannte, in ihre Nase stieg.
»Das ist Sarah, sie hilft Mrs. Lindslay im Haushalt«, sagte der Professor und wandte sich an die Bedienstete. »Das ist Miss Berghoff. Sie wird eine Weile unser Gast sein.«
Das Mädchen knickste artig, riskierte einen scheuen Blick, und wünschte einen angenehmen Aufenthalt.
»Vielen Dank, Sarah«, erwiderte Katja freundlich.
Während des Essens führten sie eine lockere Unterhaltung. Sie sprachen über ihre Reise, das Wetter und über das lecker zubereitete Mahl. »Es hat ausgezeichnet geschmeckt«, lobte Katja. Professor Graham nickte erfreut. »Ich gebe ehrlich zu: Mrs. Lindslay ist eine vorzügliche Köchin.«
Nachdem sie die Mahlzeit beendet hatten, bat der Professor sie in das Kaminzimmer. »Lassen Sie uns noch ein Gläschen trinken und auf Ihre Ankunft anstoßen.«
»Gerne«, entgegnete sie.
Obwohl Mr. Graham den Raum als Kaminzimmer bezeichnet hatte, tat sich eher eine riesige Bibliothek vor Katja auf. Sie staunte. Die Wände waren bis zur Decke mit Regalen und Schränken zugestellt, in denen eine Menge Bücher untergebracht waren. An der mittleren Wand befand sich zwischen zwei Regalen ein aus Naturstein gemauerter Kamin. Das flackernde Feuer verbreitete eine angenehme Wärme. Über dem Sims hing das Porträt einer schönen Frau.
Eine Weile betrachtete Katja das in Öl gemalte, Gold gerahmte Bild und schaute anschließend den Professor fragend an.
Dieser nickte. »Ja, das ist Ann, meine verstorbene Gemahlin«, sagte er hastig und schlug seine Stirn sorgenvoll in Falten.
Katja spürte, dass er auf dieses Thema nicht eingehen wollte. Sie unterließ es deshalb, weitere Fragen zu stellen.
Unmittelbar danach lächelte er wieder. »Nun, was halten Sie von meiner Büchersammlung?«, fragte er stolz.
»Ich bin beeindruckt. Es sind viel mehr, als ich erwartet hatte.«
»Es wird eine Menge Arbeit auf Sie zukommen. Vielleicht sollten Sie es sich noch einmal überlegen«, meinte der Professor lächelnd.
»Ganz und gar nicht. Es wird mir eine Freude sein und mich ablenken«, gab Katja zu verstehen.
Tom Graham ging zum Barschrank und schenkte Whisky ein.
»Für mich bitte nur einen kleinen Schluck. Ich bin Alkohol nicht gewohnt.«
Der Mann lächelte verstehend und reichte Katja das Glas. Sie setzten sich vor den Kamin in die bequemen Ledersessel.
»Das nenne ich konsequent«. Er prostete ihr zu. »Stört es Sie, wenn ich mir eine Pfeife anzünde?«
»Aber nein! Mein Vater hatte auch hin und wieder eine Pfeife geraucht. In den letzten Jahren allerdings nicht mehr. Meine Mutter mochte diesen Geruch nicht. Ich fand ihn jedoch immer sehr angenehm.«
»Na wunderbar.« Erfreut ließ das Feuerzeug schnappen. Er blies den Rauch genüsslich in die Luft und schaute Katja nachdenklich an.
»Jetzt möchte ich aber wissen, wie es Ihnen wirklich geht?« Seine Stimme klang mitfühlend. »Sie versuchen geschickt ihre Trauer zu verbergen, aber mich können Sie nicht täuschen. Ich kann mir denken, dass Sie noch immer darunter leiden.« Er trank einen Schluck Whisky.
»Sie haben mich durchschaut.« Katja blickte auf ihre Hände, mit denen sie das Glas umklammerte. »Ich komme einfach nicht darüber hinweg. Der Gedanke, meine Eltern nie mehr in den Arm nehmen zu können, ist unerträglich. Ich hoffe sehr, dass mich der Aufenthalt bei Ihnen ablenken wird.« Katjas Lippen zuckten verdächtig. In ihren rehbraunen Augen standen Tränen.
»Das wird er sicher«, stimmte er ihr rasch zu. »Sie brauchen Menschen um sich herum, damit Sie auf andere Gedanken kommen.« Mr. Graham tätschelte väterlich ihre Hand.
»Ich habe mich zu sehr zurückgezogen. Das hat es nicht leichter gemacht«, entgegnete Katja und tupfte sich beschämt die Tränen aus den Augen.
»Sie haben es besonders schwer, weil es keine Verwandten gibt, die sich um Sie kümmern. Auch Ihre Großeltern leben nicht mehr. Sie sind jung Katja, Sie schaffen das schon. Die Zeit heilt Wunden.« Er füllte nochmals einen kleinen Schluck Whisky in sein Glas.
»Auch Sie haben den Verlust Ihrer lieben Frau erleiden müssen«, sagte Katja vorsichtig.
Der Professor lächelte flüchtig. »Man wird solche Schicksalsschläge nie vollständig überwinden. Wenn der Schmerz jedoch nachgelassen hat, kann man besser damit umgehen.« Er sprach mehr zu sich selbst. »Das Leben kann manchmal grausam sein, aber die Welt bleibt deshalb nicht stehen. Sie dreht sich immer weiter.« Sein Gesicht verschloss sich, als er diese Worte sagte.
Leider ist es so«, pflichtete Katja ihm nachdenklich bei. Sie wunderte sich, wie zurückhaltend er von seiner Frau sprach. Zu gerne hätte sie gewusst, woran sie gestorben war. Aber sie traute sich nicht, danach zu fragen.
Er lächelte wieder. »Wie geht es dem jungen Mann, der Ihnen so selbstlos zur Seite gestanden hat? Ist er Ihnen auch weiterhin behilflich?«, fragte Mr. Graham. »Wie hieß er doch gleich?«
»Markus! Er ist ein Freund und kümmert sich auch jetzt um das Haus und das Grab meiner Eltern«, antwortete Katja. Dass sich ihre Wangen gerötet hatten, war dem Professor sicherlich aufgefallen. Welche Schlüsse würde er daraus ziehen? Ihr konnte es egal sein.
»Wenn Sie einen Rat oder Hilfe brauchen, ich bin jederzeit für Sie da«, sagte er nach kurzem Schweigen. »Eine Bitte habe ich noch: Nennen Sie mich beim Vornamen.«
»Gerne und vielen Dank, dass ich hier sein darf«, entgegnete Katja.
Tom lächelte verschmitzt. »Ich gestehe, dass meine Gründe
teils egoistisch sind. Es ist wunderbar, einen Gast wie Sie im Hause zu haben, mit dem man gelegentlich fachsimpeln kann. Sie sind eine Bereicherung in unserer bescheidenen Hütte, wie es so schön heißt«, meinte Tom ernst.
Darüber musste Katja lachen.
»Es ist schön, Sie lachen zu hören. Meine Frau war auch sehr humorvoll gewesen. Früher, als der Junge noch klein war. Das Haus war voller Leben.« Sein Gesicht verschloss sich erneut.
Katja konnte sich denken, dass auch er seine Trauer noch nicht überwunden hatte und unterließ es, darauf zu antworten.
Geschickt versuchte er, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, indem er sie nach ihren Zukunftsplänen befragte.
»Wie Sie bereits wissen, werde ich einige Monate in einer Bibliothek in Hamburg arbeiten und im nächsten Frühjahr die Referendar-Stelle annehmen.«
»Dann haben Sie die Zusage von der Realschule in Hamburg erhalten?«
»Ja, schon im Mai.«
»Darauf sollten wir trinken«, schlug Tom Graham vor.
»Herzlichen Glückwunsch!« Sie prosteten sich zu.
Tom begann, über die Arbeitsbedingungen und Honorierung zu sprechen. »Und bitte«, schloss er, »tun Sie nur das, was Sie wirklich wollen. In erster Linie sind Sie hier, um sich zu erholen und ein wenig Abwechslung zu finden. Nehmen Sie sich Zeit, Sie müssen nicht alles schaffen.«
»Ich werde mich bei dieser angenehmen Tätigkeit sicherlich nicht überarbeiten. Außerdem bin ich froh, eine Aufgabe zu haben«, erwiderte Katja.
»Dann bin ich beruhigt. Sie können getrost etwas für mich übrig lassen.« Er drückte auf einen Klingelknopf.
Kurz darauf trat Mrs. Lindslay ein. »Sie wünschen, Sir?«
Katja wunderte sich über ihre leicht erhobene Stimme.
Den Blick, den Tom der Hausdame zuwarf, entging ihr ebenfalls nicht. Er drehte sein Gesicht sofort wieder Katja zu. »Wenn Sie etwas brauchen, wenden Sie sich vertrauensvoll an Mrs. Lindslay«, meinte er freundlich. »Ach, beinahe hätte ich vergessen es zu erwähnen. Mrs. Lindslay hat einen Sohn, er ist sechzehn und lebt im Internat. Die Wochenenden verbringt er hier im Haus. Ein lieber Junge. Sie werden ihn bald kennenlernen.« Er stand auf. »Ich darf mich entschuldigen. Es warten einige dringende Telefonate auf mich. Schauen Sie sich noch ein wenig um. Erforschen Sie die Schönheit der Umgebung«, forderte er Katja auf.
»Das werde ich, Tom, vielen Dank.«
»Wir sehen uns beim Tee. Mein Sohn Jack wird sicher auch anwesend sein.« Er hob noch einmal grüßend die Hand und verließ das Zimmer.«
Vielleicht möchten Sie sich etwas hinlegen«, schlug Mrs. Lindslay vor. »Sie sind schon seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen.«
Katja erhob sich. »Dagegen lässt sich nichts einwenden. Ein Stündchen Ruhe wird mir guttun. Danach inspiziere ich die Bücher in der Bibliothek etwas genauer.«
Die Hausdame brachte Katja zu ihrem Zimmer.
»Danke, Mrs. Lindslay, das nächste Mal finde ich mich alleine zurecht.«
»Bitte nennen Sie mich Mary«, bat die Hausdame.
»Gerne, dann sagen Sie Katja zu mir.«
Mary hob die Augenbrauen leicht in die Höhe und meinte: »Das steht mir nicht zu, Miss Berghoff. Sie sind Gast hier im Haus und ich eine Angestellte. Der Professor liebt solche Vertraulichkeiten nicht.« Sie verließ, mit einem kurzen Gruß, den Raum und schloss hinter sich die Tür.
Katja atmete tief durch. Wie spießig, dann bleibe ich auch bei der bisherigen Anrede, nahm sie sich vor. Sie trat an das kleine Fenster und schaute in den Garten. Er wirkte verwildert. Zwischen Rosen, Fuchsien und Gladiolen wucherte das Unkraut. Es schoss bereits über die ersten Herbstastern hinaus. Katja wandte sich ab und begann ihre Koffer auszupacken.
Nachdem sie ihre Kleidung ordentlich in den Schrank geräumt hatte, ließ sie sich auf das bequeme Bett fallen. Die Reise war doch anstrengend gewesen. Sie streckte sich aus und deckte sich mit dem einen Ende der Decke zu. Allmählich entspannten sich ihre Glieder. Gähnend gab sie sich ihrer Müdigkeit hin und schlief tatsächlich ein.
Katja schreckte aus dem Schlaf hoch. Sie glaubte, durch leises Gemurmel geweckt worden zu sein. Lauschend hob sie den Kopf, aber es war nichts zu hören. Wahrscheinlich hatte sie sich geirrt. Sie schielte auf ihre Armbanduhr. Eine Stunde war vergangen. Rasch stand sie auf, streifte sich einen Pulli über, kämmte sich und zog die Lippen nach.
Sie verließ ihr Zimmer. An der Tür gegenüber steckte ein Schlüssel im Schloss, der ihr zuvor nicht aufgefallen war. Es konnte gut möglich gewesen sein, dass sie von dort heraus die Stimmen gehört hatte. Sie ging den Korridor entlang zur Treppe.
Die Tür am anderen Ende des Ganges war breiter als die übrigen und lag in einer Nische. Die kleinen, schwach leuchtenden Lämpchen an der Wand tauchten den Flur in ein geheimnisvolles Licht.
In der Bibliothek warf sie einen Blick aus dem Fenster. Auch von hier aus konnte man in den Garten sehen. Die Rosenstöcke standen majestätisch und stolz, angestrahlt von der blassen Nachmittagssonne. Schmerzlich dachte sie an den eigenen Garten, den ihre Mutter hingebungsvoll gepflegt hatte.
Katja wandte sich ab, sonst hätte sie wieder angefangen zu weinen. Sie setzte sich vor das knisternde Kaminfeuer und betrachtete eine Weile das Porträt an der Wand. Die Frau trug ein hellblaues Kleid. Um ihre Schultern lag ein weißes Seidentuch, das am Ausschnitt von einer goldenen Brosche gehalten wurde, die wie ein Schmetterling aussah. Die Mitte des Schmuckstücks zierte ein purpurroter Stein. Ein Rubin vermutete sie. Er war von vielen, Steinchen umrandet. Sie blickte fasziniert auf die schöne Frau. Warum hatte der Professor so kurz angebunden reagiert, als er von ihr sprach? Gab es vielleicht einen geheimen Grund dafür? Katjas Neugier war geweckt.
Ein Geräusch schreckte sie aus ihren Gedanken auf. Sie erhob sich, ging zur Tür, öffnete sie und schaute hinaus. Mr. Taylor schlurfte über den Flur mit einer Kiste Brennholz unter dem Arm.
»Oh, Sie, schon eingelebt?«, fragte er gleichgültig und verschwand, ohne eine Antwort abzuwarten, hinter einer Tür, die vermutlich zum Keller führte.
Ein merkwürdiger Mensch. Warum benahm er sich so unhöflich? Katja schüttelte den Kopf. Sie verspürte Lust die Gegend zu erforschen, solange es noch hell war. Bevor sie das Haus verließ, suchte sie nach Mrs. Lindslay, um Bescheid zu sagen.
Diese saß in der Küche. Es sah so aus, als kontrollierte sie irgendwelche Bücher. Mary nahm ihre Brille ab und hob den Kopf.
»Viel Vergnügen«, wünschte sie.
Katja hatte die Tür bereits zugezogen.
Sie marschierte den schmalen Fußweg bergab, der neben dem Fahrweg entlang führte. Er war übersät mit Steinen. Sie musste aufpassen, dass sie nicht stolperte. An den Seiten wucherten dichte Büsche mit herrlichen Blüten, auf denen bunte Schmetterlinge hin und her flatterten.
Kurze Zeit später hatte sie die ersten Häuser des nahegelegenen Fischerdörfchens erreicht. Die Bewohner hasteten an ihr vorüber, ohne sie zu beachten. Sie wanderte weiter durch enge Gassen, bis sie über einen kleinen Pfad zum Meer gelangte. In der winzigen Bucht setzte sie sich in den Sand. Beeindruckt schaute sie dem Schauspiel der aufbrausenden Wellen zu, die unaufhaltsam gegen die Felsen schlugen. Einige Möwen drehten mit lautem Gekreisch ihre Runden und lenkten Katjas Blick hinauf zu den sanft dahinziehenden Wolken. Tief sog sie die Luft ein. Sie liebte das Meer, den salzigen Geschmack auf der Haut. An den Wochenenden war sie oft mit ihren Eltern an die Ostsee gefahren. Aber das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Ihr wurde schmerzlich bewusst, wie endgültig der Tod war. Für sie ging das Leben weiter. Wenn das nur nicht so schwer wäre, ohne die Menschen, die man liebt. Sie seufzte.
Eine Weile träumte sie in den Himmel und begab sich dann, mit nachdenklicher Miene, auf den Weg zurück.
Wind war aufgekommen, die Luft kühlte rasch ab. Die Wolkendecke war dichter geworden. Im Nu war auch das letzte Stück blauer Himmel verschwunden. Sie würde rechtzeitig zum Tee zurück sein.
»Nun, wie gefällt es Ihnen hier?«, fragte Tom. »Mary hat mir von Ihrem Spaziergang erzählt«.
»Ich bin überwältigt von dem, was ich bisher sehen konnte«, schwärmte sie.
»Da stimme ich Ihnen vollends zu. Von Mai bis September ist es hier besonders reizvoll. Die vielen Sträucher und Wiesenblumen bieten ein buntes Erlebnis für die Sinne«, erklärte er. »Noch zwei Wochen und der Herbst wird die Oberhand gewonnen haben. Das geht hier rasch.«
Katja und Tom blickten zur Tür. Ein junger, blendend aussehender Mann mit dunkelbraunen, kurz geschnittenen Haaren betrat den Raum. Sofort war eine Spannung zu spüren, die ihr fast den Atem raubte. Er war groß gewachsen und hatte einen durchtrainierten Körper.
»Gut, dass du kommst«, sagte der Professor. »Darf ich dir
Katja vorstellen?«
»Ich bitte darum«, meinte dieser leichthin, »meine Ungeduld ist kaum zu bremsen.«
Tom lachte und schüttelte den Kopf. »Du bist unverbesserlich. Das ist Jack, mein Sohn. Er hat Architektur studiert und vor einigen Wochen sein Diplom erfolgreich absolviert. Er arbeitet mit einigen Kollegen gemeinsam in einem kleinen Büro. Demnächst wird er sein eigenes Architekturbüro eröffnen«, sagte Tom mit väterlichem Stolz.
»Nun hat Ihnen mein Vater fast alles über mich erzählt«,
sagte Jack und lachte. »Ich bin entzückt, Sie kennenzulernen.«
Leicht errötend erwiderte Katja seinen Händedruck und entgegnete: »Ich denke, es gibt sicherlich noch vieles mehr von Ihnen zu berichten.«
Sie wurde von ihm belustigt angeschaut und hörte, wie er sagte: »Da könnten Sie recht haben. Bei nächster Gelegenheit setzen wir unser Gespräch fort und versuchen es herauszufinden.«
»Jack!«, ermahnte ihn sein Vater lächelnd.
Katja schwieg, nickte nur leicht. Sie musterte ihn unauffällig.
Eine Ähnlichkeit mit seinem Vater, außer seiner Statur, konnte sie nicht erkennen. Er trug eher die feinen Züge seiner Mutter.
Nach einigen belanglosen Worten und einer Tasse Tee verabschiedete sich Jack mit der Entschuldigung, er hätte noch zu arbeiten. Bevor er das Zimmer verließ, drehte er sich noch einmal um und schaute Katja mit seinen braunen Augen durchdringend an. Ein Blick, der sie verirrte und zur Vorsicht mahnte. Wovor konnte sie nicht sagen, es war eher ein Gefühl.
Tom lächelte. »Lassen Sie sich bloß nicht von Jack einschüchtern. Er verunsichert sein Gegenüber gerne ein wenig. Sonst ist er ein netter Kerl.«
Katja erkannte, wie sehr Tom seinen Sohn liebte.
»So empfindlich bin ich auch wieder nicht«, bemerkte sie. »Ich weiß mich zu wehren, wenn es sein muss.«
»Davon bin ich überzeugt«, entgegnete er und lachte.
Sie plauderte noch eine Weile mit ihm, bis er auf die gemeinsame Arbeit zu sprechen kam. »Ich habe ein Konzept entwickelt, wie man die Katalogisierung am einfachsten durchführen kann. Aber es ist noch viel Zeit«, sagte er und trank den letzten Schluck Tee aus der Tasse. »Schauen Sie sich noch ein paar Tage in der Gegend um, danach werden wir uns auf die Bücher stürzen.«
»Lassen Sie uns morgen damit beginnen, Tom. Ich habe doch sonst nichts zu tun.« Sie schaute ihn flehend an.
»Wie Sie wollen. Mir soll es recht sein«, erwiderte er gut gelaunt.
Nach dem Abendessen bat Katja Tom, sich zurückziehen zu dürfen, da es für sie ein anstrengender Tag gewesen sei.
Er schaute sie besorgt an. »Entschuldigen Sie, das hatte ich gar nicht bedacht«, meinte er mit bedauernder Miene. »Ich hoffe, ich habe Ihnen am ersten Tag nicht zu viel zugemutet, mit all meinen Fragen und Ideen?«
Dass er sich um sie sorgte, tat ihr wohl. »Nein, nein, ich bin einfach nur müde«, entgegnete Katja und wünschte ihm eine gute Nacht.
Sie ging hinauf in ihr Zimmer, froh, endlich alleine zu sein. Solche lebhaften Tage war sie nicht mehr gewohnt. Aber sie musste sich eingestehen, dass sie heute von trüben Gedanken abgelenkt war.
Spontan entschied sie sich, noch ein Bad zu nehmen. Sie ließ heißes Wasser in die Wanne laufen und schüttete einige Tropfen von dem bereitstehenden Badezusatz hinein, der so herrlich nach Flieder duftete. Die wohltuende Wärme des Wassers entspannte ihren Körper auf wunderbare Weise. Sie fühlte sich herrlich leicht. Ihr Kopf war klar, wie, schon lange nicht mehr. Beinahe wäre sie eingeschlummert, als sie Schritte hörte. »Ist da jemand?«, rief sie erschrocken.
»Entschuldigen Sie, Miss Berghoff, Sie haben mein Klopfen nicht gehört. Ich lege Ihnen noch einen Bademantel auf das Bett. Ich hatte ihn vergessen. Handtücher liegen im Bad bereit«, antwortete Mrs. Lindslay.
Katja atmete erleichtert auf und bedankte sich. Die Hausdame wünschte eine angenehme Nachtruhe und ließ die Tür, nach Verlassen des Zimmers, geräuschvoll ins Schloss fallen.
Katja stieg aus der Wanne, rubbelte sich gründlich trocken und hüllte sich in den flauschigen Bademantel. Sie aß noch den Apfel, den sie sich morgens in die Tasche gesteckt hatte, putzte danach die Zähne und kuschelte sich hundemüde in das weiche Daunenbett. Wohlig streckte sie sich aus und löschte das Licht. Was ist das für ein seltsames Geräusch vor der Tür?, dachte sie, bevor sie einschlief.
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