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Rex Schulz
ist 1961 geboren und lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Neuss am Rhein. Er ist zwar gelernter Dachdecker, war aber in vielen Berufen tätig: Gabelstaplerfahrer, Schuster, Außenhandelskaufmann und Hotelangestellter sind nur einige davon. Zurzeit arbeitet er in einem großen Aluminiumwalzwerk in Neuss.
Zum Schreiben ist er über die Malerei gekommen. So entstand bei der Niederschrift der Story für einen geplanten Comic sein erster Roman „Schroeders Turm“.
In seiner Freizeit ist er gern Familienmensch und trifft sich, wann immer es geht, mit Freunden, er liest viel und beschäftigt sich mit germanischer Religion und Geschichte.
Mehr könnt ihr auf seiner Homepage erfahren: www.rex-comix.de.
Rex Schulz
Im Jahr des Wolfes
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2017
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Für Odin
(M)einen wahren Freund
Inhaltsverzeichnis
Cover
Über den Autor
Titel
Impressum
Widmung
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Epilog
Anmerkungen des Autors
Anhang
Quellen
Vorwort
Die Welt hat sich verändert. Wir befinden uns in Neu Germanien. Neu Germanien umfasst das ehemalige Deutschland, Österreich, Holland und Teile der Schweiz. Es grenzt westlich an das Gebiet der Gallischen Gilde und rechts an Großrussland, das neben Russland, Polen, Tschechien, die Slowakei, Bulgarien und Rumänien auch große Teile des ehemaligen Jugoslawien einschließt, die das ehemalige Russland „annektiert“ hat.
Rund um das Schwarze Meer liegt das Gebiet der Schwarzmeerkoalition. Im Norden befindet sich die Grenze zum Kalifat.
Zwar ist die zweite große Völkerwanderung nun fast vierhundert Jahren her, doch noch immer sind tausende Menschen auf der Suche nach einer Heimat, in der sie in Frieden leben und arbeiten können. Die Menschen besinnen sich aber auch wieder auf die wahren Werten des Lebens, weshalb Begriffe wie Familie, Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt großgeschrieben werden.
Viele fanden in der Religion ihrer Ahnen Antworten, und was im Kleinen begann, wurde im Lauf der Zeit zu einer Massenbewegung. Seitdem leben die Menschen in Neu Germanien wie ehedem nach alten Bräuchen und Riten. Also ist nach fast anderthalb Jahrtausenden Vorherrschaft durch die Jünger des Wanderpredigers aus Judäa das Heidentum erneut zur Volksreligion geworden. Vorbei ist die Zeit, als Druiden und Kräuterfrauen von der katholischen Kirche als Ketzer gemartert und verbrannt wurden. Stolz tragen Alemannen, Sueben, Markomannen, Cherusker, Angeln, Friesen, Sachsen oder Gepiden ihre Stammes-Runen auf der rechten Schläfe, ehren ihre Ahnen und gehen aufrechten Hauptes ihrer Arbeit nach.
Enttäuscht von dieser Entwicklung hat sich die Kirche Christi nach Rom zurückgezogen. Ihre unermesslichen Güter und Schätze dienen nun dem Gemeinwohl.
Trotzdem gilt die absolute Glaubensfreiheit im Lande, und jeder Mensch ist willkommen, wenn er sich denn in die Gesellschaft einfügen will.
Das Wohl des Landes steht an erster Stelle. Nachdem in jahrzehntelanger Mühe das Land gesäubert und vom Müll befreit wurde, leben die Menschen nun im Einklang mit der Natur und hüten, was ihnen von den Göttern an Schönheit und Reichtum gegeben wird. Atomkraftwerke gibt es nicht mehr, ebenso wie Stein- und Braunkohlekraftwerke vom Gebiet Neu Germaniens verschwunden sind. Stattdessen wird die Energie aus der kalten Fusion gewonnen. Die Größe eines Meilers richtet sich nach dem jeweiligen Gerät oder der Anlage, wofür er benötigt wird. Durch Miniaturisierung können selbst kleinste Maschinen mit einem autarken Energiesystem versehen werden.
Massentierhaltung ist verpönt, ein Sonntagsbraten ist wieder ein Sonntagsbraten.
Jeder lebt so, wie er es möchte. Ob in einer kleineren Gemeinschaft oder auf einem der zahllosen Bauernhöfe des Landes, in kleinen oder großen Städten.
Tradition und Fortschritt sind eng miteinander verbunden und gehen in Harmonie miteinander.
Es ist das Jahr 355 NGZ – Neuer Germanischer Zeitrechnung. Geburtenregelung schützt das Land vor Überbevölkerung. Losgelöst von alten Vereinigungen und Verbindungen blüht das Land und gedeiht. Vereint mit den Samurai Japans, den freien Wikingern Islands und Dänemarks und der Gallischen Gilde Nordfrankreichs sehen die Bürger Neu Germaniens einer freudigen Zukunft entgegen. Wirtschaftlich hat sich das Land mit Großrussland alliiert: während Neu Germanien Großrussland mit den neuesten Technologien versorgt, kann es im Gegenzug auf die fast unerschöpflichen Ressourcen dieses riesigen Landes zugreifen. Was vor Zeiten undenkbar war, ist nun wahr geworden – Germanen und Slawen leben friedlich miteinander.
Heimdalls Horden wachen über die Grenzen und versuchen, den Zustrom von Menschen in das Land in geregelte Bahnen zu bringen. Wotans Wölfe sorgen für die innere Sicherheit und haben damit alle Hände voll zu tun, denn es schleichen sich immer wieder Psychopaten, Verbrecher und religiöse Fanatiker über die Grenzen ein und wollen Unheil im Lande anrichten.
Über allen weht die Fahne mit dem schwarzen, grünen und blauen Streifen. Schwarz symbolisiert die fruchtbare Erde, die Felder und Wälder Neu Germaniens bedeuten das Grün und mit Blau werden die Flüsse, die das Land durchlaufen, versinnbildlicht. In der Mitte der Flagge prangt, rot auf weißem Grund, der Wotansknoten, Symbol der Neun Welten des Yggdrasil, der Weltesche, mit all den Göttern und mystischen Wesen, die die Menschen tagtäglich begleiten.
Über die Geschicke des Landes entscheidet der Rat der Könige, der aus den frei gewählten Herrschern der einzelnen Stämme besteht.
Wissenschaft und Kultur blühen, eine bahnbrechende Erfindung folgt der nächsten, die Menschen sind zufrieden und die Zeit des Friedens hält unvermindert an. Doch heißt es, stets wachsam zu sein!
Kapitel 1
In der Zeit der Raunächte haben alle Räder still zu stehen.
Zu Ehren der Wiedergeburt des Sonnenkindes warten wir,
bis Freyrs Eber am Ende dieser Zeit das Jahresrad wieder
in Gang setzt, und feiern dieses Ereignis mit der traditionellen
Schlachtung eines Wildschweins.
(CHARTA GERMANIA)
Sarulf Rabenfeder erwachte. Wohlig kuschelte er sich unter seiner Decke. Viel Zeit bis zum Aufstehen blieb ihm nicht mehr, obwohl heute Sonntag war. Er würde abends pünktlich in der Kaserne sein müssen, da kannten seine Vorgesetzten keine Gnade. Königssohn hin oder her, diesbezüglich unterschied ihn nichts von allen anderen Kadetten. So wie sie hatte auch er sich den Ausbildungsplatz bei den Wölfen Wotans hart erkämpfen müssen. Denn die Auswahlkriterien waren sehr streng. Und das Erreichte wollte er sich nun durch ein Zuspätkommen nicht verderben. Außerdem war im Frühjahr die Ausbildung zu Ende und dann würde er sicher endlich die beiden gekreuzten Wunjo-Runen auf den Ärmel seiner Uniform bekommen und den ersten Wolf.
Das erfüllte ihn schon jetzt mit Stolz! Es war schon immer sein Wunsch gewesen, zu den Hütern der Ordnung zu gehören und das große Volk der Germanen zu beschützen. Nach dem großen Fest zu Ehren von Ostara hatte er es geschafft, dann war er ein Teil dieser würdigen Hüter von Neu Germanien.
Sarulf sprang aus dem Bett und streckte seinen athletischen Körper. Er begab sich in die Hygienekabine seines Zimmers, startete das Intensivprogramm und ließ sich reinigen. Zahlreiche Düsen sprühten heißes Wasser auf seinen Leib und Reinigungslotion. Schallwellen massierten seine Muskeln. Danach ließ er sich föhnen und entfernte die Stoppeln in seinem Gesicht mit Rasiercreme.
Schließlich schlüpfte er in seinen schwarzen Overall, zog die Stiefel an und band sich den Multifunktionsgurt um seine Hüften. Zufrieden betrachtete er sein Spiegelbild und trat an das Fenster. Das Wetter war so, wie es Anfang November sein sollte, kühl und nass. Der Regen hatte einen Schleier über das Gehöft seiner Eltern gelegt. Trotz des dichten Rieselns konnte Sarulf die einzelnen Gebäude erkennen, die den rechteckigen Hof umstanden. Linkerhand neben dem schmucken Wohnhaus lagen die Stallungen für das Vieh sowie die Scheunen für Futter und Heu. Das daran anschließende Langhaus war den ledigen Knechten und Mägden vorbehalten, die auf dem Gut arbeiteten. Es folgte rechts die Unterkunft für die Bewerber, die auf Aufnahme in den Stamm hofften, die sie nur durch harte Arbeit erringen konnten und den Beweis, dass sie es wert waren, zum Stamm der Sueben zu gehören. Sie trugen bereits einen Kreis auf der rechten Schläfe und würden nach der Aufnahme in den Stamm die Stammes-Runen tätowiert bekommen: Othala und Gebo. Sie symbolisieren den Reichtum, den die Heimat allen schenkt: fruchtbarer Boden, endlose Wälder und überreichlich Tiere für die Jagd.
Wenn sie jedoch versagten, straffällig wurden oder den Anforderungen nicht genügten, sodass ihre Aufnahme abgelehnt wurde, würde dieser Kreis geschwärzt werden und sie müssten Neu Germanien ohne Chance auf einen erneuten Aufnahmetest verlassen.
Neben dem Bewerberhaus gegenüber dem Wohngebäude standen eine Mühle für Getreide und Öl, der Hofladen und die Käserei. Gegen sie wirkte das Hühner- und Gänsehaus fast winzig, das sich daran anzuschmiegen schien. Rechter Hand zog sich bis zum Wohnhaus das Vorratsgebäude. Die Ernte war bereits eingebracht, so strotzte es von reifen Früchten, frischem Gemüse, gemahlenem Korn und gepresstem Öl. Auch waren die Rinder schon von den Wiesen geholt, kurzum der ganze Hof bereitete sich auf den kommenden Winter vor. Etwas abseits stand ein Energiehaus mit dem Fusionsmeiler. Seit es germanischen Wissenschaftlern gelungen war, das Verfahren zur Entstehung der kalten Fusion soweit fortzuentwickeln, dass man es praktisch überall einsetzten konnte, stellte die Energiegewinnung kein Problem mehr da. Wasser wurde im Reaktor in Sauerstoff und Wasserstoff aufgespalten, und die dabei freigesetzte Energie für Wärme, Strom und den Antrieb von jeder Art von Maschinen genutzt.
Zu dieser frühen Stunde lag der Hof noch wie verlassen da, doch schon bald würden die Bewohner ihn mit buntem Treiben und Geschäftigkeit füllen.
Sarulf verließ sein Zimmer und begab sich hinunter in die Küche. Es duftete nach frischen Brötchen, Rührei mit Speck und Kaffee. Als er den Raum betrat, sah die Magd, die eben das Geschirr spülte, zu ihm auf und grüßte freundlich.
„Guten Morgen, junger Herr!“
„Guten Morgen, Alida! Du sollst mich doch nicht Herr nennen. Gieß mir einen Kaffee ein und setz dich bitte zu mir!“
„Sehr wohl, junger Herr!“
„Alida!“
„Ja, Herr … äh Sarulf!“
„Na, geht doch! Wie geht es dir heute Morgen?“
Alida goss Sarulf dampfenden Kaffee ein und stellte die Kanne zurück auf den Herd. Der junge Mann betrachtete sie mit unverhohlener Neugier. Alida war ein hübsches Mädchen, geradezu eine Augenweide! Ihr langes rotes Haar hatte sie zu einem dicken Zopf geflochten, der über ihrer Schulter lag.
Sie kam zurück an den Tisch, raffte ihre Schürze und setzte sich auf den am weitesten von Sarulf entfernten Stuhl.
„Danke, Herr … Sarulf! Mir geht es gut! Wie geht es Ihn… dir?“
„Gut, Alida! Muss gleich in die Kaserne. Die Wölfe rufen, mein freies Wochenende ist leider heute Abend vorbei!“
Sarulf biss beherzt in sein Brötchen, er schaufelte das Rührei in sich hinein und schlürfte genussvoll den Kaffee dazu. Alida fühlte sich nicht recht wohl, doch saß sie brav daneben und sah ihm mit großen Augen zu. Als Sarulf sein Frühstück beendet hatte, wischte er sich den Mund mit einer Serviette ab und stand auf.
„Danke für das Frühstück, Alida! Ich muss zum Vater, dann mach ich mich auf den Weg. Wirst du noch da sein, wenn ich das nächste Mal wieder komme?!“
„Ja, natürlich bin ich dann noch da! Warum sollte ich den Hof wechseln?“
„Schön, dann bis nächstes Mal, Alida!“
Sarulf verließ die Küche und stieg die Treppe zum Büro seines Vaters empor. Er klopfte an die Tür und betrat den Raum. Wie der Thronsaal eines Königs sah es hier nicht aus, eher wie das Refugium eines Geschäftsmannes. Was sein Vater ja auch in erster Linie war, das Amt des gewählten Königs der Sueben übte er darüber hinaus aus. Seine Reputation, sein Sinn für Gerechtigkeit und seine Weitsicht hatten ihm dieses Amt eingebracht, und die Sueben waren überaus zufrieden mit seinen Entscheidungen.
„Guten Morgen, Vater! Ich muss mich von dir verabschieden, ich breche nach Wolfsheim auf!“
„Guten Morgen, Sarulf! Schön, dass du noch mal vorbeigekommen bist. Deine Ausbildung läuft gut, oder?“
„Ja, Vater! Es läuft alles prima, zum Fest der Ostara bekomme ich sicher meinen Wolf auf die Schultern und die Runen auf den Ärmel!“
„Sehr gut, streng dich trotzdem an, noch besser zu werden! Ich wünsche dir eine gute Fahrt. Ich freue mich schon auf das nächste Wiedersehen. Dann können wir hoffentlich etwas mehr Zeit miteinander verbringen. Zurzeit gibt es viel Arbeit für mich, aber zum Julfest ist das meiste getan, dann habe ich sicher endlich mal wieder etwas freie Zeit. Mach’s gut, mein Junge!“
„Auf Wiedersehen, Vater!“
Sarulf umarmte seinen Vater, und Swidger Rabenfeder drückte ihn fest an seine Brust.
„Halt die Ohren steif, mein Sohn!“
„Mach ich, Vater!“, sagte Sarulf und verließ das Büro. Er stieg die Treppe hinab und ging über den Hof in die Käserei. Sieglunde Rabenfeder schritt ein Regal mit reifendem Käse ab, sie nahm hie und da einige Stichproben.
„Hallo, Mutter!“
„Hallo, mein Sohn!“
„Es wird Zeit für mich, Mutter, ich möchte mich von dir verabschieden!“
„Oh, ist das Wochenende schon wieder vorbei? Wie die Zeit doch verfliegt!“
„Ja, leider! Aber zu Jul habe ich Urlaub und komme nach Hause!“
„Das ist schön, mein Sohn! Pass auf dich auf und komm gesund wieder. Möge Odin dich beschützen!“
„Dich auch, Mutter! Jetzt muss ich aber los, ich will nicht zu spät kommen. Bis Jul, Mutter!“
„Bis Jul, mein Junge!“
Sarulf warf seiner Mutter eine Kusshand zu und ging zurück in sein Zimmer. Er schnappte sich den gepackten Rucksack, schulterte ihn und ging hinter das Wohnhaus, wo sein Antigrav-Scooter geparkt war. Die Technik dieser Fahrzeuge faszinierte ihn immer wieder. Wenn man bedachte, dass das Fahrzeug nur durch seinen Generator, der ein Feld erzeugte, welches Schwingungen aussendete, vom Boden abhob, konnte man schon ins Stauen kommen. Er musste nur noch den Fahrhebel betätigen, der den Generator startete. Die Schwingungen trafen schräg auf die Oberfläche auf und schoben das Fahrzeug vorwärts. Erhöhte er die Intensität der Schwingungen, beschleunigte das Fahrzeug. Sarulf strich über die glatte Oberfläche des Scooters und lächelte. Dann legte er seine Hand vor den Scanner, worauf dieser mit einem Piep meldete, dass er bereit war. Sarulf schwang sich auf die Sitzbank, rückte den Rucksack zurecht und startete. Mit einem leisen Surren hob der Scooter ab, Sarulf schob den Fahrthebel langsam nach vorn und schwebte vorwärts. Automatisch baute sich das Kraftfeld vor Sarulf auf, er schob den Hebel weiter vor. Mit zunehmender Geschwindigkeit fuhr Sarulf Rabenfeder in den diesigen November hinaus und in den nächsten Abschnitt seiner Ausbildung hinein.
* * *
Eine einsame Kerze versuchte die tiefe Dunkelheit des Raumes zu durchdringen und verbreitete ein diffuses Schimmern. Auf einem schlichten Lager, den ausgemergelten Körper umhüllt von verschlissenen Laken, ruhte eine bleiche Gestalt. Regungslos lag sie da, ein schwaches Röcheln verriet, dass sie noch lebte. Seit Wochen bekam der Mann nur das Nötigste an Nahrung und Flüssigkeit von seinen Glaubensbrüdern. Doch störte ihn dieses Martyrium nicht, im Gegenteil, es erfüllte ihn mit Stolz. Er war etwas Besonderes! Er war es, der den vernichtenden Schlag gegen die Ketzer und Frevler einläuten würde. Er würde dafür sorgen, dass seine Brüder und Schwestern über dieses verruchte Land kommen und seine führenden Köpfe abschlagen konnten.
Für seinen Gott würde er alles tun, wirklich alles. Er war ein heiliger Krieger, und bald würde er in den Krieg ziehen und die Welt von diesen Teufeln befreien.
Doch noch musste er etwas warten. Bis sein heiliger Leib gereinigt und wieder aufgebaut war. Erst dann war die Zeit gekommen, mit Feuer und Schwert über diese Brut der Hölle niederzugehen und sie mit Stumpf und Stiel auszurotten. Die Ketzer würden in Scharen ihren verderbten Göttern den Rücken kehren und ihr Heil bei dem einzig wahren Gott suchen. Doch der würde ihnen in seiner unermesslichen Gnade den Tod bescheren und sie von ihrem sündhaften Leben befreien. Ja, Gott war groß, und er war weise!
Er hörte er ein leises Schlurfen vor seiner Unterkunft. Einer seiner Brüder kam, um ihm Nahrung und Wasser zu bringen. Die Zeit der Reinigung war noch nicht vorbei, er musste sich in Geduld fassen. Leise murmelte er ein Gebet, welches ihn mit neuer Kraft und Zuversicht erfüllte.
Sachte öffnete sich die Zimmertür, ein fahler Schein durchdrang die Finsternis. Eine große Gestalt trat ein. Sie war in eine Art schwarze Kutte gehüllt, die Kapuze tief in das Gesicht gezogen. Wie ein Schatten kam sie an das Lager, schob dem Liegenden eine Hand unter den Kopf und setzte ihm eine Schale mit dampfender Flüssigkeit an den Mund.
„Trink, Bruder, trink!“
Er trank.
* * *
Ein Schemen, in eine Kutte gehüllt, dessen Kapuze sein Gesicht fast völlig verbarg, beugte sich über den Laptop. Dann lehnte er sich zufrieden zurück. Alles lief bestens, bald schon würde die Zeit gekommen sein, dass sie zuschlagen konnten. Er überflog noch einmal seine Eintragungen auf dem Bildschirm und hämmerte dann grinsend mit dem knochigen Finger auf die Entertaste. Erstes Ziel erreicht: In der Tiefe des Tempels lagen dreizehn heilige Krieger, die auf ihren Einsatz vorbereitet wurden. Wenn ihre sündigen Körper erst gereinigt wären, konnten sie daran gehen, ihre Leiber wieder aufzubauen und zu präparieren. Dann wären sie bald wieder so kräftig wie früher, nur eben ganz anders. Ja, ganz anders als normale Menschen – lebendige feurige Schwerter ihres Gottes, bereit, auf sein Zeichen hin auf die Ungläubigen hinabzufahren und Vernichtung zu bringen.
Ja, bald, bald war es endlich Zeit für die Rache.

FEHU – Vieh (Rune der Fruchtbarkeit und Heilung; Notbann-Rune)
Kapitel 2
Die Bürger unseres Landes werden ermahnt, während der Raunächte
keine Wäsche im Freien hängen zu lassen. Auf dass kein
Geist, der mit Odins wilder Schar durch die Nacht zieht, sich darin
einnistet und den Träger des Kleidungsstückes fortan besetzt!
(CHARTA GERMANIA)
Siegfried schaute auf die Uhr. In einer halben Stunde hatte er Schluss. Die letzte Gruppe der Bewerber, die er eben in Empfang genommen hatte, verließ die Halle in Richtung Schwebebus. Sie wurden in das zentrale Aufnahmelager im Zittauer Wald gebracht. Dort konnten sie sich entscheiden, zu welchem der germanischen Stämme sie wollten. Oder ihnen wurde einer zugewiesen, damit sie durch harte Arbeit, ein straffreies Leben und den Dienst an der Gesellschaft ihren Bewerberstatus gegen einen vollwertigen germanischen Bürgerstatus eintauschen konnten. Dann würden sie ihre Stammes-Runen tätowiert bekommen und wären ab sofort freie Germanen.
Ein Signal ertönte, Siegfried schaute zum Eingang, wo gleich eine Lücke im Feldschirm, der die Landesgrenze Neu Germaniens umschloss, geschaltet werden würde.
Nach einem kurzen Flackern erlosch ein Teil des Kraftfelds und eine Bewerberschar trat unsicher in die Halle. Diesmal waren auch zwei Kinder darunter. Selten kamen ganze Familien, um in Neu Germanien Asyl und Heim zu finden. Meist waren es alleinstehende junge Männer, die hier Bürger werden wollten.
Verschüchtert um sich blickend bewegten sich die zehn Personen auf die Schleuse zu, die Kinder pressten sich scheu an ihre Mütter. Nun trat der erste entschlossen vor und legte sein Handgepäck auf das Band. Die Tasche verschwand surrend im Scanner. Mit einem Piep kam sie auf der anderen Seite wieder heraus. Das grüne Leuchten eines Lämpchens verriet, dass sie „sauber“ war. Der Mann stand weiterhin still an der Schleuse und wartete die Durchleuchtung und den Scanvorgang geduldig ab. Als kurze Zeit später das nächste Lämpchen grün flimmerte, winkte Siegfried den Mann zu sich heran.
„Papiere bitte!“, sagte er und streckte die Hand aus.
Der Mann griff in seine Jackentasche und zog einen zerknitterten Pass heraus, er schob ihn zögernd durch den schmalen Schlitz in der Scheibe zu Siegfried hin. Der schlug den Pass auf und las laut vor.
„Antropow, Valerie, 27 Jahre, geboren in Kiew, Schwarzmeerkoalition, am 31. Januar 2259 alter europäischer Zeitrechnung.“
„Ja“, sagte der Mann.
„Was führt Sie zu uns, Herr Antropow?“
„Ich möschte Birger in dieses Land werden!“, erwiderte der Mann.
„Gut!“ Siegfried legte den Pass unter das Lesegerät und wartete auf das Ergebnis. Der Pass wurde auf seine Echtheit untersucht, die Identität des Mannes nachgeprüft, schließlich wollte niemand hier einen abgetauchten Verbrecher oder Terroristen haben.
Aber auch diesmal leuchtete es grün, der Mann war in Ordnung, er konnte den Bewerberstatus und seine Tätowierung bekommen.
„Alles in Ordnung, Herr Antropow! Sie können durchgehen und sich an der Theke etwas zu essen und trinken holen. Wenn Ihre Gruppe vollständig ist, kommen Sie alle ins zentrale Aufnahmelager und dann zu den einzelnen Stämmen. Haben Sie schon einen bestimmten Stamm ins Auge gefasst?“
„Ja, isch möschte zu Sakzen, isch auf Meer fahren. Isch Seemann!“
„Na, dann viel Glück und herzlich willkommen in Neu Germanien!“, wünschte Siegfried und winkte dem nächsten, einer Frau, näherzutreten.
Zögernd trat sie an die Schleuse heran, ihre Tochter fest an sich gedrückt.
„Gehen Sie rein, es tut nicht weh!“, ermunterte Siegfried die Frau. Sie legte ihre Tasche auf das Band und trat gemeinsam mit dem Kind in die Schleuse, der Scanvorgang begann. Die Tasche kam auf der anderen Seite des Gepäckscanners wieder heraus, das Gerät gab grünes Licht. Von der Schleuse wurde ebenfalls grünes Licht gegeben, Siegfried winkte die beiden zu sich.
„Geben Sie mir bitte Ihre Dokumente!“
Die Frau kramte in ihrer Manteltasche, zog einen Pass und einen Kinderausweis hervor und reichte beides an Siegfried weiter.
„Özdemir, Ayscha, 28 Jahre, geboren in Stambul, Großosmanisches Kaiserreich, am 13. August 2258 alter Zeitrechnung. Und Özdemir, Rubina, 6 Jahre, geboren 6. März 2282.“ Siegfried legte die Ausweise in den Scanner und wandte sich wieder der Frau zu.
„Sie kommen nur mit Ihrer Tochter?“
„Ja, main Mann tott! Kommen von Sieden, bei Grenze Islamischer Kalifat. Da Krieg!“
„Oh, das tut mir leid!“, sagte Siegfried ehrlich betroffen. Mal wieder das Islamische Kalifat! Kamen denn die Grenzregionen nie zur Ruhe?!
Das Gerät gab einen Signalton von sich: alle Papiere in Ordnung!
Siegfried reichte die Dokumente an die Frau zurück.
„Alles in Ordnung, Frau Özdemir! Sie können hinten mit ihrer Tochter essen und trinken. Herzlich willkommen in Germanien!“
Die Frau nahm ihre Tochter an die Hand und ging zum Servicetresen, und Siegfried winkte dem nächsten Bewerber.
Bis zur Herbstsonnenwende nächstes Jahr würde er noch hier Dienst tun. Dann waren seine zwei Jahre Grenzdienst vorbei und er konnte endlich zur Luftwaffe gehen. Die Tests hatte er mit Bravour bestanden und er freute sich auf seinen Dienst als Pilot auf einer der neuen Maschinen „Mjölnir 7“!
Der nächste Bewerber stand vor der Schleuse, Siegfried bedeutete dem Mann, seine Tasche auf das Band zu legen und die Schleuse zu betreten.
* * *
Swanhild Rabenfeder nahm sich ein Bündel getrockneter Kräuter und rubbelte die Blätter von den Stielen. Der Geruch von Pfefferminze breitete sich im ganzen Zimmer aus und Swanhild atmete ihn tief ein. Welche Schätze uns die Natur doch schenkt! Gegen jedes Leiden war ein Kraut gewachsen! Pfefferminze – antibakteriell, entzündungshemmend, keimtötend und schmerzstillend.
Das Glas füllte sich langsam, Swanhild nahm ein letztes Bündel Minze vom Haken und füllte es auf bis an den Rand. Zufrieden verschloss sie das Gefäß und stellte es in das große Regal zu den anderen Gläsern.
Ihr Vorrat an Kräutern würde sicher bis zum nächsten Frühjahr reichen, und ab Ostara konnte sie ja wieder mit der Kräutersuche beginnen!
Swanhild wollte heute einen Hausbesuch bei einer der Mägde auf dem Nachbarhof machen, die unter starken Regelbeschwerden litt. Sie suchte mit den Augen die Reihe der Kräutervorräte ab und griff dann zielstrebig nach einem braunen und einem grünem Glas – Taubnessel, Frauenmantel … und da! Noch etwas Wermut. Sie entnahm jeweils eine kleine Dosis und füllte diese in einen Beutel. Sie würde der Magd einen frischen Sud kochen, dann würden die Schmerzen bald nachlassen. Schließlich griff sie sich noch ein kleines Töpfchen mit Ringelblumensalbe, zur Wundheilung für einen der Knechte desselben Hofes. Er hatte sich die Hände verletzt, die Salbe würde die Heilung fördern. Swanhild band den Beutel an ihren Gürtel, verstaute die Salbendose in einer ihrer Taschen und nahm sich den regenfesten Umhang vom Haken. Draußen nieselte es immer noch, sie tat gut daran, sich warm einzupacken. Sie durfte auf keinen Fall krank werden, die Menschen brauchten ihre Hilfe, schließlich war sie die einzige heilkundige Kräuterfrau im Umkreis von fast dreißig Kilometern. Und die Menschen vertrauten ihr mehr als den Ärzten.
Zugegeben, alles konnte sie nicht heilen. Manche Krankheiten machten eben doch einen Arzt nötig. Aber das, was sie tun konnte, tat sie mit Freude!
Swanhild schlang den Umhang um ihre Schultern, trat hinaus ins Freie, blieb unter dem Vordach stehen und schaute zum Firmament. Der Regen würde wohl noch eine ganze Weile anhalten, der Himmel zeigte sich in einem einheitlichen Grau. Sie raffte ihr langes blondes Haar zusammen und zog sich die Kapuze über den Kopf. Entschlossen trat sie hinaus in den Nieselregen.
Egal welches Wetter ist, meine Hilfe wird benötigt!, dachte sie, und beherzt setzte sie den Fuß auf den aufgeweichten Weg, dann schritt sie zügig aus.

URUZ – Auerochse (Heil-Rune)
Kapitel 3
Der Allvater erschuf die Welt aus dem Körper des Riesen Ymir.
Odins Volk ist angehalten, diese Gabe zu hegen und zu pflegen.
Der Schutz unserer Fauna und Flora hat oberste Priorität und
gegen Umweltsünder wird mit äußerster Härte vorgegangen!
(CHARTA GERMANIA)
Sarulf lief der Schweiß in Strömen den Körper herab. Sein Hoodie war klatsch nass und auch seine Hose zeigte deutlich die Spuren seiner Anstrengung. Seit Stunden übte er den Umgang mit dem Sax am Trainingsroboter.
Selbstredend war die Waffe, die er benutzte, nur eine Übungsklinge. Das wahre Sax würde Sarulf erst nach Beendigung seiner Ausbildung erhalten. Es bestand aus hochverdichtetem Stahl, der Griff aus geweihtem Eichenholz, und die Klinge umschloss ein zerstörerisches Kraftfeld.
Zwei Wochen sind seit meinem Besuch zu Hause vergangen und schon vermisse ich Alida. Er schien wohl mehr für sie zu empfinden, als er sich eingestehen wollte.
Surrend drehte sich das metallene Ungetüm und versuchte, Sarulf mit seinen Auslegern zu treffen. Doch Sarulf war schneller und parierte den Angriff mit ein paar wohl gezielten Schlägen.
Ob Alida auch mehr für mich übrig hat als nur Respekt gegenüber ihrem Dienstherrn?
Angriff und Schlag! Der Roboter fuhr seinen Arm zurück, er verharrte.
Sie blickt mich doch immer so an!
Einer der Arme der Kampfmaschine zuckte auf Sarulf zu, er duckte sich und schlug zu! Wieder fuhr der Roboter den Arm ein und verhielt in der Grundstellung.
Der Gedanke an Alida erfreute ihn! Ja, da ist ganz bestimmt etwas zwischen uns, bald ist Jul und ich kann wieder nach Hause fahren!
Erneut zuckten mehrere Arme auf Sarulf zu, mit ein paar klugen Hieben konterte er auch diesen Angriff.
Eine blecherne Stimme ertönte.
„Übungssequenz beendet! Trainingsziel von einhundert Prozent erreicht!“
Die Übungsmaschine zog ihre Arme ein und schaltete sich ab.
Sarulf wischte sich über die Stirn, er hängte das Sax auf den Waffenständer zu den anderen Klingen. Dann ging zur Bank, griff sich ein Handtuch, wischte sich das Gesicht ab. Er schnappte sich seine Tasche und begab sich in den Duschraum.
Für heute war die Trainingseinheit gemeistert, aber von Tag zu Tag verlangte der Übungsroboter ihm mehr ab.
Na ja, der Nachmittag würde ruhiger werden. Germanisches Recht stand auf dem Lehrplan, da kannte er sich aus, schließlich war sein Vater König der Sueben, und Sarulf hatte bei vielen Things eine ganze Menge über die Rechtsprechung lernen können!
Mit einem letzten Gedanken an Alida trat Sarulf unter die Dusche und genoss das Prasseln der heißen Wasserstrahlen auf seiner Haut.
* * *
Mit abgeblendeten Scheinwerfern schwebte die Limousine vor die Schranke neben dem Wachhäuschen. Einer der Wärter trat heran und ging zur Fahrerseite des Fahrzeugs.
Die Scheibe senkte sich lautlos, der Insasse blickte dem Wachmann in die Augen.
„Guten Abend, Herr Drachenstein! Noch so spät zu arbeiten?“
„Natürlich, sonst wäre ich ja nicht hier! Mach die Schranke hoch, Krähenzahn!“
Der so angesprochene gab seinem Kollegen im Torhaus ein Zeichen und die Schranke zum Farmgelände öffnete sich.
„Schönen Abend, Chef!“, sagte der Wächter und trat vom Wagen zurück.
„Dito, Krähenzahn, dito!“
Das Auto fuhr an, entfernte sich rasch und surrte zügig zu den Parkplätzen. Vor dem Schild „Geschäftsführung“ hielt es an.
Brunold Drachenstein stieg aus dem Wagen und begab sich in das Gebäude zur Linken. Zügig durchschritt er den Eingang und wandte sich dem Lift zu. Er fuhr in die Vorstandsetage und schritt den dunklen Gang entlang. Alles lag wie ausgestorben da!
In seinem Büro angekommen, knipste er das Licht an und zog die schweren Vorhänge zu. Man konnte ja nie wissen!
Brunold trat an einen Sockel neben seinem Schreibtisch. Er schaute sich nochmals im Raum um, griff nach einem Arm der Bronzeskulptur, die auf dem Sockel stand, und zog ihn nach vorn.
Schutz der Heimat, Leben im Einklang mit der Natur – Mann!, er konnte das nicht mehr hören! Schließlich musste er Geld verdienen und die Entsorgung der Hühnerscheiße kostete ihn jeden Monat ein Vermögen!
Und so tat er, was er an jedem Monatsersten tat. Mittels eines geheimen Ablaufrohres ließ er tausende von Litern der übelriechenden Gülle in die Elbe fließen und sparte sich somit eine Menge goldener Scheine. Mit ein bissel Cleverness konnte man eine schöne Menge Kohle scheffeln! Trottel, die!
Plötzlich öffnete sich die Tür zu seinem Büro und zwei schwarzuniformierte Männer traten ein!
Was zum Teufel …?
„Guten Abend, Herr Drachenstein! Man kann sagen, dass wir Sie auf frischer Tat ertappt haben! Und auch noch auf Film festgehalten das Ganze!“
Der schwarze Kerl, der das von sich gegeben hatte, trat nun an Brunold Drachenstein heran und hielt ihm seine Marke vor das Gesicht.
Verdammte Scheiße, Wotans Wölfe!
„Drehen Sie sich rum und nehmen Sie Ihre Hände auf den Rücken! Übrigens, Ihr ‚geheimes‘ Abflussrohr ist schon seit einiger Zeit stillgelegt! Uns fehlte zu den Verdachtsmomenten nur noch der Beweis, und den haben wir jetzt! Sie können sich in Kürze beim Thing vor unserem König erklären. Jetzt geht es erst mal in eine schöne Zelle!“
Der Wolf ließ die Handschellen zuschnappen und schob Drachenstein zum Ausgang.
* * *
Swanhild trat aus der Dunkelheit in ihr Haus ein und genoss die wohlige Wärme, die ihr entgegenschlug.
Weit war der Weg vom Nachbargehöft gewesen, durch die Dunkelheit und den Regen. Aber sie hatte helfen können, und allein das zählte!
Sie nahm den Umhang ab und hängte ihn zum Trocknen über eine Stuhllehne. Dann ging sie hinüber zum Herdfeuer, goss Wasser in den Kupferkessel und hängte ihn über die noch glimmenden Scheite. Swanhild griff sich zwei Stück Holz und legte sie auf die Glut. Sie bückte sich und pustete kräftig in das schwelende Feuer. Sofort leckten Flammen hervor und begannen sich in das Holz zu fressen.
Sie trat an das Regal und entnahm hier und da ein paar trockene Blätter und Blüten. Die gab sie in die Kanne und wartete darauf, dass das Wasser zu kochen anfing. Währenddessen band sie sich ihr Haar im Nacken zusammen und schlüpfte in ihre dicken Haussocken.
Endlich warf das Wasser im Kessel Blasen. Swanhild nahm ihn vom Feuer und goss die Teekanne voll. Sie stellte den Kessel auf den Herd, holte sich eine Tasse und ihre Zuckerdose und stellte alles auf den Tisch zur Teekanne. Dann ließ sie sich erschöpft auf den Stuhl fallen, tat etwas Zucker in ihre Tasse und frischgebrühten Tee. Sie nahm die Tasse an die Lippen, blies hinein und nahm einen kleinen Schluck. Sofort durchflutete Wärme ihren Körper. Swanhild trank noch etwas mehr vom Tee.
Wie lange ist es eigentlich her, dass ich hier mit Fenja Rabenherz gesessen habe?
Ihre Mentorin war vor einem Sommer zu den Göttern gegangen, und seitdem war sie, Swanhild Rabenfeder, die heilkundige Kräuterfrau des Rabenclans. Schon als junges Mädchen war sie zu Fenja gekommen und hatte sich deren Wissen aneignen dürfen. Es hatte vieler Jahre bedurft, bis sie sich mit jedem Kraut, jeder Wurzel und jedem Pilz auskannte und deren Wirkung im Schlaf herunterbeten konnte. Dazu kamen noch die Heilsteine, auch hier dauerte es Jahre, bis Swanhild deren Wirken kannte.
Jeden Abend hatten sie gemeinsam hier an diesem Tisch gesessen und zusammen Tee getrunken.
Wehmütig seufzte Swanhild und nahm noch einen Schluck von dem heißen Gebräu.
Langsam sollte ich mich wohl auch mal nach einer geeigneten Schülerin umsehen! Ich werde schließlich auch nicht jünger!, bei diesem Gedanken lächelte sie leise vor sich hin.

THURISAZ – Dorn (Rune des Gottes Thor, Schutz-Rune)
Kapitel 4
| Ich weiß, dass ich hing | am windigen Baum |
| Neun lange Nächte, | |
| Vom Speer verwundet, | dem Odin geweiht, |
| Mir selber ich selbst, | |
| Am Ast des Baums, | dem man nicht anseh’n kann |
| Aus welcher Wurzel er spross. | |
| Sie boten mir | nicht Brot noch Met; |
| Da neigt’ ich mich nieder | |
| Aus Runen sinnend, | lernte sie seufzend: |
| Endlich fiel ich zur Erde. |
(DIE EDDA, ODINS RUNENLIED)
Knisternd und mit hellem Schein loderte das Feuer im Kamin. Still war es im Raum und wohlig warm. Kerzen tauchten das Zimmer in ein heimeliges Licht. Riesige Regale, gefüllt mit alten und uralten Büchern und Folianten, die sämtliche Wände bedeckten, strömten eine geheimnisvolle Atmosphäre aus.
Zwei Adepten saßen auf dem Boden, der mit dicken Fellen ausgelegt war, vor ihrem Meister, der auf dem Lehnstuhl neben dem Feuer thronte. Er beobachtete Hasso Hirschhorn und Steinar Rabenfeder, die in die Lektüre eines vor ihnen liegenden Wälzers vertieft schienen, mit Argusaugen.
Weißbart Rabenzahn, Druide der Sueben, unterwies Hasso und Steinar, die, wenn man seiner Aussage glauben wollte, dumm wie Bohnenstroh waren und eine Last auf seinen alten Schultern, in der Kunst der Magie. Nun, vielleicht reden alle Meister so über ihre Lehrjungen. Aber in beiden musste doch ein wacher Verstand stecken, denn Rabenzahn nahm nicht jeden als Lehrbursche.
Der Meister war eine Koryphäe auf seinem Gebiet und hellseherisch begnadet. Er wusste um die Kraft der Runen und deren Zauber, und war Meister des Orakels. In punkto germanischer Mythologie konnte ihm kaum einer was vormachen. Jede Göttin, jeden Gott kannte er quasi mit Vornamen, sämtliche Fabelwesen waren ihm so vertraut wie der Kram in seiner Hosentasche.
Als Berater des Königs fehlte er zudem bei keinem Thing!
„Beim Schweif des Sleipnir! Hirschhorn, du sollst lesen, nicht schlafen!“, schalt er den Kleineren.
Der so Angesprochene zuckte vor Schreck zusammen und grub seine Augen tief in das Buch auf seinem Schoß.
„Meinst du, ihr sollt das aus Spaß lesen? Oder weil heute Märchenstunde ist? Mitnichten! Frau Holle muss jeder Druide kennen! Das ist reinste germanische Geschichte und Mythologie, nicht wahr, Rabenfeder?“
„Ja, Meister!“, antwortete Steinar brav.
Weißbart Rabenzahn blickte ihn streng an.
„So, so, dann erzähle mir doch mal, was deiner Meinung nach daran so mystisch ist!“
„Ja, Meister! Ja … also … als das fleißige Mädchen in den Brunnen gefallen war, um seine Spindel herauszufischen, erwachte es auf einer Blumenwiese. Diese nennt man groni godes wang – grüne Gotteswiese.“
„Richtig, Rabenfeder! Hirschhorn, hör gut zu, hier kannst du was lernen!“
Steinar fuhr fort: „Auf dieser Wiese beginnt der Helweg, der Weg in das Totenreich Hel. Deshalb setzen wir unsere Toten mit gutem Schuhwerk bei, damit sie den langen staubigen Weg ohne Mühe gehen können.“
Meister Rabenzahn unterbrach ihn mit einer ungeduldigen Geste und wandte sich Hasso zu:
„Du machst weiter!“
„Ja, Meister!“ stammelte der, „mh … dann kam das Mädchen zur Kuh. Und hat die gemolken!“
Stolz schaute Hasso zu seinem Meister.
„Hasso, du trottliges Produkt besoffener Eisriesen! Was für eine Kuh denn?“
„Äh … Audhumbla, die Urkuh, die Ymir nährte!“
„Geht doch, Hirschhorn! Mach weiter, Rabenfeder!“
„Dann kam das Mädchen an einen Backofen. Da lag ein Brot drin und wollte raus, weil es sonst verbrennt. Das Mädchen nahm die Backschaufel und zog das Brot aus dem Ofen.“
Rabenzahn nickte und sprach: „Merkt an, Schüler! Sieht ein Brot nicht aus wie ein frischgewickeltes Neugeborenes? In alten Zeiten und bis heute glaubt man, dass die Ahnen Gebärenden beistehen, und das Mädchen war ja tot und in der Unterwelt! Hasso!“
„Ja! Als das Mädchen den Helweg weiterging, kam es an einen Apfelbaum, der geschüttelt werden wollte, was sie auch tat.“
„Gut. Äpfel waren und sind eine wichtige Vitaminquelle in der Zeit des Winters! Rabenfeder, du bist wieder dran!“
„Das Mädchen kam zu Frau Holle, die war gar schrecklich anzusehen, sodass es sich fürchtete. Aber die alte Frau gab sich freundlich und nahm es bei sich auf. So sah das Mädchen sie mit anderen Augen, denn Frau Holle war nicht nur eine Erdgöttin, sondern auch die Göttin der Schönheit und Liebe.“
„Sehr gut, Steinar!
Meister Weißbart war zufrieden mit seinen Schülern, sie schienen endlich Feuer und Flamme und in der Geschichte aufzugehen. Er deutete auf Hasso.
„Das Mädchen blieb bei Frau Holle und war sehr fleißig. Morgens schüttelte es die Betten auf und dann fiel Schnee auf der Erde. Wenn sie für Frau Holle das Essen kochte, stieg der Dampf als Nebelschwaden aus den Schluchten auf. Ein Tag bei Frau Holle war auf der Erde ein ganzes Jahr. Dem Mädchen gefiel es sehr gut bei Frau Holle!“
Ein kurzer Blick zu Steinar.
„Aber dann wurde das Mädchen traurig, es hatte Heimweh. Das sagte es Frau Holle! Die freute sich, dass das Mädchen so ehrlich war, und übergab ihm die verlorene Spindel. Sie führte das Mädchen zu einem großen Tor. Als Dank für seine guten Dienste ließ Frau Holle Gold auf das Mädchen regnen. Das Mädchen kam zurück auf die Erde und ward wiedergeboren!“
Rabenzahn klatschte in die Hände. Er strahlte über das ganze Gesicht.
„Prima, Jungs! Hab ich euch am Ende doch noch etwas beigebracht! Ihr habt mich sehr glücklich gemacht. – Somit können wir uns also der Runenkunde zuwenden!“
Die Knaben grinsten sich an und stießen ihre Fäuste gegeneinander.
„Werdet mal nicht übermütig! Ab mit euch auf eure Kammer, morgen wird ein langer Tag. Euer König hat zum Thing gerufen, wir werden dabei sein!“
„Jawohl, Meister! Gute Nacht, Meister!“, riefen die Lehrlinge wie aus einem Mund und stiegen die Treppe zu ihrer Kammer empor.
Meister Rabenzahn blickte zufrieden in das Feuer, schließlich stand er auf und blies die Kerzen aus. Auch er brauchte seinen Schlaf!
* * *
Heute war der Tag. Die Zeit der Reinigung war endlich vorbei, nun würden sie damit beginnen, seinen Körper wieder aufzubauen.
Die Tür zu seiner Zelle öffnete sich, grelles Licht durchflutete den Raum und stach ihm schmerzhaft in die an die Schwärze gewöhnten Augen. Er kniff seine Lider fest zusammen. So sah er nicht, wie mehrere Schwarzkutten eintraten. Als sie seinen ausgezehrten Leib auf eine Schwebetrage betteten, stöhnte er vor Schmerzen auf.
„Alles wird gut, Bruder!“, spendete einer der Männer ihm Trost.
Vorsichtig öffnete er die Augen einen winzigen Spalt und sah sich um. Sie leiteten ihn über einen schmalen Gang. An der Decke waren in regelmäßigen Abständen Lichtröhren angebracht, links und rechts zweigten Türen ab.
Plötzlich blieben die Kuttenträger vor einer Tür stehen. Der erste von ihnen öffnete sie, die Bahre schwebte in einen riesigen Raum.
Riesige gläserne Behälter standen in dieser Halle, in ihnen schwamm eine trübe Flüssigkeit.
Ein alter Mann trat an ihn heran und blickte ihm tief in die Augen.
„Sei mir gegrüßt, Bruder! Deine Zeit ist gekommen, wir werden eine Waffe des einzig wahren Gottes aus dir schmieden. So, wie es dein Wille war! Während du hier in einem der Behälter aufgebaut wirst, sorgen wir für dich. Schließlich wirst du stark sein und mächtiger als je zuvor, und niemand wird dich aufhalten können! Halte durch, Bruder, die Rache wird unser sein!“
„Tod und Verderben den Ungläubigen!“, presste er mühsam hervor.
„Tod und Verderben den Ungläubigen!“, wiederholte der alte Priester, wandte sich ab und gab den anderen ein Zeichen.
Einige Weißkittel traten heran. Einer hielt eine Atemmaske in der Hand.
„Sie wird dich mit Luft versorgen!“, sagte er, streifte ihm das Teil über das Gesicht und fixierte es am Kopf. Jemand anderes befestigte Schläuche an ihm. Sein geschundener Körper bestand nur noch aus Haut und Knochen, ein lebendiges Skelett. Die Haut war bleich und wundgelegen.
Den Einschnitt in der Bauchdecke spürte er kaum, und auch den Schlauch, der in seinen Magen eingeführt wurde, nahm er nicht wahr. Der würde ihn mit Nahrung versorgen. Und mit Anderem, worüber er aber noch nichts wusste.
Als die Vorbereitungen abgeschlossen waren, fuhren die Männer ihn an den nächsten Behälter heran, hoben seinen Leib von der Trage und ließen ihn langsam in die warme Flüssigkeit gleiten.
Die Wärme beseelte seinen Körper, er trieb träge durch diesen Sirup. Jetzt wird alles gut werden, alles!
Die monatelange Qual der Reinigung hatte sich gelohnt, er würde als Krieger Gottes aus diesem Gefäß steigen, wie Phönix aus seiner Asche!

ANSUZ – Ase / Gott (Rune Odins; Rune der Inspiration)
Kapitel 5
Recht dem, dem Recht gebührt! Bis zum Beweis seiner Schuld
ist jeder als unschuldig zu betrachten. Möge die Weisheit Odins
über den Richter kommen und ihn ein gerechtes Urteil fällen lassen!
Ist einer unschuldig, verlässt er das Thing als freier Mann.
Wird sein Verbrechen bewiesen, fällt er den Wölfen Wotans anheim!
(CHARTA GERMANIA)
Milde Novembersonne tauchte die Lichtung in ein helles kühles Licht. Letzte Nacht hatte es den ersten Frost gegeben, und immer noch war die Luft klar und kalt, obwohl schon fast die Mittagszeit erreicht war. Das Gras auf der Lichtung war noch mit Resten von Raureif überzogen.
Majestätisch erhob sich eine riesige Eiche in der Mitte und breitete ihre Äste schützend über dem Podest zu ihren Füßen aus. Darauf stand ein hoher Lehnstuhl, der den provisorischen Thron für Swidger Rabenfeder bildete. Auf den Bänken zu seinen Seiten saßen Swanhild Rabenfeder, die Kräuterfrau des Rabenclans, und Weißbart Rabenzahn. Dessen Lehrlinge hockten vor ihm.
König, Zauberer und Hexe bildeten die Oberhäupter beim Thing, so war es gut, und so würde es bleiben, bis die Zeit der Götterdämmerung gekommen war, die Riesen gegen Asgard zogen, und die Welt neu erschaffen wurde.
Die Lichtung war voll von Menschen, die gespannt zur Eiche blickten und auf das erste Wort des Königs warteten.
Alle waren der Einladung gefolgt. Jede Sippe hatte ihre Vertreter geschickt – Raben, Drachen, Wölfe, Hirsche, Schlangen und so weiter und so weiter. Auch viele Bewerber, die in der Nähe wohnten, hatten sich eingefunden, und Mägde und freie Knechte.
Dicht an dicht standen sie und es floss ihnen in der Mittagskühle der Atem in Wölkchen von den Lippen.
Etwas abseits stand ein schwerer Panzer der Wölfe Wotans. Schwarz und unheildrohend schien das bewaffnete Ungetüm die Lichtung zu dominieren. Nur sein Hoheitszeichen, zwei goldene Wunjo-Runen, die sich in einem goldenen Rechteck kreuzen, milderten ein wenig diesen Eindruck. Drei Wölfe standen vor dem Fahrzeug. In schwarzer Uniform, Sturmhaube, Helm und Handschuhe bedeckten sie vollständig, sodass nur ihre Augen zu erkennen waren. Sie waren mit Kombiwaffe und Sax ausgerüstet.
Der Anblick konnte einem schon einen kalten Schauer über den Rücken jagen, aber wer sich bedroht fühlte, hatte wohl etwas zu verbergen. Denn diese Männer in Schwarz beschützten die Menschen in diesem Land und gaben lieber ihr Leben her, als einem Germanen nicht beizuspringen!
Jetzt erhob sich Swidger Rabenfeder von seinem Platz, sofort verstummte auch das letzte Gemurmel.
„Bürgerinnen und Bürger! Freie Germaninnen und Germanen! Bewerberinnen und Bewerber!
Ich, Swidger Rabenfeder, gewählter König der Sueben, grüße euch alle!
Wir haben uns heute hier an Odins Eiche versammelt, um ein Thing abzuhalten. Ich rufe Tyr, den Beschützer des Thing, um seinen Beistand an. Und verkünde hiermit den Thingfrieden. Es gibt zwei wichtige Dinge, die wir heute zusammen entscheiden müssen.
Doch bevor wir beginnen, bitte ich dich, Meister Weißbart Rabenzahn, wirf die Runen, um zu sehen, wie die Götter zu unserer Versammlung stehen!“
Rabenfeder nahm auf seinem Stuhl Platz und Meister Rabenzahn ließ sich von Steinar den Beutel mit den Runen reichen.
„Zwei Dinge, zwei Runen!“, rief er und griff mit geschlossenen Augen in den Beutel. Er wühlte mit seiner Hand darin herum und brachte schließlich seine geschlossene Faust wieder zum Vorschein. Meister Weißbart streckte den Arm nach vorn und öffnete seine Hand. Er blickte zu den Runensteinchen auf seiner Handfläche und ein Lächeln stahl sich in sein verrunzeltes Gesicht. Er erhob sich von der Bank und rief mit lauter Stimme:
„Gebo: Odin-Rune, Gabe, Geschenk, Treue und Gefolgschaft. Ansuz: Odin-Rune, Weisheit, Eingebung, Wissen und Offenbarung.
Die Götter sind uns wohlgesonnen, unsere Entscheidungen sind der Wille des Allvaters!“
Der Meister warf die Runensteine wieder in den Beutel und nahm Platz.
Swidger erhob sich erneut von seinem Thron.
„Sei bedankt, ehrwürdiger Meister Rabenzahn! Dank an Odin, der mit Wohlwollen vom Hlidskialf auf unser Thing herniederblickt!“ Er schlug sich mit der rechten Faust an die linke Brust und rief: „Odin, Odin, Odin!“
Die Menge folgte ihm und rief ebenfalls: „Odin, Odin, Odin!“
Swidger reckte den Arm in die Höhe und die Menge verstummte.
„Kommen wir zum ersten Punkt dieser Versammlung. Mikael Antropow, ich rufe dich nach vorn!“
Ein Raunen ging durch die Menge. Ein großer dunkelhaariger Mann bahnte sich den Weg nach vorn. Als er vor dem Podest angekommen war, neigte er sein Haupt.
„Hier bin ich, König Rabenfeder!“
König Swidger blickte den Mann vor ihm prüfend an und lächelte.
„Mikael Antropow! Vor fünf Jahren bist du zu uns gekommen, um dich für die Bürgerschaft in Neu Germanien zu bewerben, seitdem hast du bei der Familie Rabenfeder gearbeitet. Durch deine fleißige Arbeit, dein straffreies Leben und deine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft hast du eindeutig bewiesen, dass du würdig bist, ein freier Germane zu sein.
Hiermit verkünde ich, König Swidger Rabenfeder, dass der Bewerber Mikael Antropow ab sofort den Status eines freien Germanen erhält!“
Die Lichtung hallte wider von Jubelrufen.
Swidger brachte die Menge mit einer Geste zur Ruhe.
„Mikael Antropow! Du kannst nun in eine Stadt gehen und dir dort Arbeit und Heim suchen, denn du bist ja sehr gebildet. Dann behältst du deinen alten Namen und bekommst die Tätowierung ‚freier stammesloser Bürger‘.
Oder du bleibst beim Stamm der Sueben, dann bekommst du einen germanischen Namen und deine Stammestätowierung. Du kannst eine eigene Familie gründen und dem Blut des germanischen Volkes deines hinzuzufügen.
Entscheide dich jetzt!“
Swidger Rabenfeder blickte den ehemaligen Bewerber erwartungsvoll an.
Mikael Antropow räusperte sich und hub dann an:
„Mein König, ich danke Euch! Gern wähle ich die zweite Option! Ich habe mich hier fünf Jahre sehr wohl gefühlt und, naja, hier auch mein Herz verloren. Ich möchte gern bei den Raben bleiben!“
„Dein Wille ist Odins Wille! Komm nach oben zu mir!“
Mikael stieg die paar Stufen zu Swidger empor und verbeugte sich.
König Rabenfeder griff hinter die Lehne seines Stuhles und zog ein hochbeiniges Wägelchen zu sich heran. Darauf stand ein silberner Kasten auf dünnen Beinchen. Er öffnete die Schnappverschlüsse und klappte den Deckel auf.
„Knie dich bitte hin, Mikael!“, sagte er zu Antropow.
Dieser ließ sich nieder und blickte dem König fest in die Augen.
Swidger zog einen zirka zwanzig Zentimeter langen, fünf Zentimeter dicken Stab aus dem Kasten und vollzog an ihm einige Einstellungen.
„Wende mir deine rechte Kopfseite zu. Es wird etwas schmerzen.“
Mikael Antropow wandte dem König den Kopf zu und dieser drückte das Ende des Stabes in seinen leeren Kreis auf der Schläfe. Er betätigte einen kleinen Knopf an der Seite, es zischte leise. Dünn kräuselte Rauch von der Schläfe, aber Antropow zuckte mit keiner Wimper. König Rabenfeder zog den Stab zurück und gab den Blick frei auf die Tätowierung: Othala und Gebo – Stammeszeichen der Sueben!
Swidger drehte den silbernen Kasten, sodass er zu Mikael geöffnet war.
„Lege deine rechte Hand auf die Fläche und blicke den blauen Punkt im Deckel an!“
Antropow tat wie ihm geheißen und sogleich wurden seine Fingerabdrücke gespeichert, ein Netzhautscan durchgeführt und ihm Blut abgenommen zum Extrahieren der DNS fürs Genregister. Fingerabdrücke und Netzhautmuster wanderten sofort in die Zentraldatenbank.
„Du hast es gleich überstanden!“, Rabenfeder lächelte zu Mikael, „wir müssen nur auf deinen Name warten!“
Es piepte leise, das Zeichen dafür, dass der Name eingetroffen war. Der König blickte auf die Anzeige und erhob seine Stimme:
„Erhebe dich, Meinulf Rabenauge! Möge die Rune Gebo recht behalten und du ein Geschenk für das gesamte germanische Volk sein! Komm nach dem Thing in mein Büro, wir besprechen dort alles Weitere!“
Meinulf Rabenauge erhob sich, neigte den Kopf vor Swidger und drehte sich der Menge zu.
„Odin, Odin, Odin!“
Die allgemeine Freude kannte keine Grenzen, der Jubel war gewaltig. Meinulf Rabenauge ging hinunter zu den Leuten, mit denen er gekommen war. Andere Bewerber klopften ihm auf die Schultern und freuten sich mit ihm.
Swidger Rabenfeder klappte den Deckel des silbernen Kastens herunter und schob das Wägelchen zur Seite.
„Die erste Rune hatte recht, Odins Wille ward erfüllt! Gebo – das Geschenk, wie wahr!
Lasst uns nun zum letzten Tagesordnungspunkt kommen!“
Rabenfeder blickte hinüber zum Panzerfahrzeug und gab den Männern ein Zeichen. Zwei der Wölfe gingen zur Rückseite des Fahrzeugs und kamen kurz darauf mit einem Mann zurück. Er hatte eine Schandkrause um den Hals, seine Hände waren darin fixiert, und er trug einen rosa Overall – als Zeichen dafür, dass er eines schändlichen Verbrechens beschuldigt wurde.
Die Wölfe brachten den Mann bis an den Rand des Podestes und hielten an, den Beschuldigten fest im Griff.
„Brunold Drachenstein, du weißt, weshalb du heute hier stehst?“
„Ja, mein König!“, flüsterte der Angeklagte und blickte zu Boden.
„Du hast zwar versucht, sehr clever zu sein, aber du warst nicht clever genug. Vor ein paar Monaten wandten sich zwei Angler an die Behörden. Sie fischten des Nachts an der Elbe, als ihnen eine weißliche, stinkende Brühe auffiel. Nachforschungen unsererseits haben ein gut getarntes Rohr zu Tage gebracht, welches bis in deine Hühnerfarm reichte. Der Verdacht fiel auf dich, und so haben wir eine Kameradrohne in deinem Büro installiert. Und siehe da! Einmal im Monat kommst du am späten Abend und lässt mittels deiner illegalen Rohrleitung Hunderte von Litern Hühnerscheiße in den Fluss laufen, statt diese zu entsorgen.“
Die Menge buhte lauthals, Swidger brachte sie zur Ruhe und fuhr fort.
„Hast du etwas zu deiner Verteidigung zu sagen? Wir können auch gern die Aufnahmen der Drohne abspielen!“
„Nein, mein König! Es ist alles wahr, ich erwarte eure Strafe.“
Der Angeklagte blickte erneut zu Boden, als läge da die Lösung seines Problems.
„Nun gut! Da du alles zugibst, erspart uns das eine Menge Zeit. Ansuz hat uns das Wissen um deine Tat offenbart und so höre!
Deine Tat ist ein großes Verbrechen an unserem Land. Als uns Allvater Odin diese Welt in die Hände gab, nahm er uns das Versprechen ab, sie zu hegen und zu pflegen. Lange, lange Zeit haben wir gebraucht, um dieses Land zu reinigen, und nun kommst du und verschmutzt es erneut. Brunold Drachenstein, du bist eine Schande für deinen Clan und eine Schande für unser Volk! Deine Farm fällt in die Hände der Gesellschaft, ebenso dein Vermögen, welches du auf so widerliche Art und Weise erworben hast. Du selbst wirst den Rest deines Lebens damit verbringen, diese Tat wieder gutzumachen. Wotans Wölfe werden dich in ein Straflager bringen, dort kannst du durch harte Arbeit und Entbehrung deine Schuld ableisten. Deine Stammes-Runen werden getilgt und dein Bürgerstatus erlischt mit sofortiger Wirkung!“
König Rabenfeder griff in den silbernen Kasten an seiner Seite und nahm den Stab heraus. Er stellte ihn neu ein und übergab ihn an einen der Wölfe. Dieser drückte ihn Drachenstein an die rechte Schläfe. Ein Druck auf den Auslöser, Brunold zuckte kurz, leichter Rauch kräuselte empor.
Der Wolf zog den Stab zurück und statt der Stammes-Runen der Sueben, zeigte sich nun ein feuerroter Kreis an dem Kopf. Der Wolf gab den Stab an Swidger Rabenfeder zurück, der ihn wieder in den Kasten legte.
„Bringt ihn weg! Dank sei Odin, dass er uns mit seiner Weisheit gesegnet hat!“
Die Menge rief wieder lauthals: „Odin, Odin, Odin!“
Swidger stand auf, breitete seine Arme aus und rief:
„Das Thing ist hiermit beendet! Unser Dank an Tyr! Der Thingfrieden ist hiermit aufgehoben! Euch allen den Segen der Götter auf euren Wegen!“
Die Menschen begannen sich zu zerstreuen und gingen an ihre Arbeit zurück oder fuhren in ihre Gehöfte oder Firmengebäude. Die zwei Wölfe Wotans verfrachteten den Verurteilten in ihr Fahrzeug, bestiegen es und sanft summend hob sich der Panzer in die Höhe und verließ die Lichtung.
Swidger blickte zufrieden auf die sich leerende Lichtung. Laut krächzend erhob sich ein Rabe in die Luft und flog ebenfalls von der Lichtung fort.
Wenn das mal kein gutes Zeichen ist, dachte der König. Einer von Odins Raben war Zeuge des Thing und fliegt nun zurück nach Walhalla, um Odin Bericht zu geben!
Meister Rabenzahn und seine Eleven schickten sich ebenfalls an, zu ihrem Tagwerk zurückzukehren, und auch Swanhild musste in ihr Haus, es waren noch Heiltränke zu brauen!
Swidger Rabenfeder verließ das Podium und ging in Richtung seines Hofes, auch auf ihn wartete genug Arbeit. Einen großen Hof zu führen, ließ einem nicht viel freie Zeit!

RAIDHO – Reiten / Rad (Rune der Reisenden)
Kapitel 6
Tief unten, an den Wurzeln von Yggdrasil, sitzen die Nornen
und weben die Schicksalsfäden, von Frigg gesponnen.
Sie werden Urdr, Verandi und Skuld gerufen.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
(NORDISCH-GERMANISCHE MYTHOLOGIE)
Träge trieb er durch die trübe Flüssigkeit. Er fühlte sich schon wesentlich besser als zur Zeit der Reinigung. Seine Haut hatte sich fast völlig erholt, die wunden Stellen waren beinahe abgeheilt.
Wie eine warme Hülle umschloss ihn die Flüssigkeit und bot ihm Schutz.
Sogar etwas Gewicht hatte er schon wieder zugelegt und fühlte sich kräftiger. Er ließ seinen Blick umherschweifen und nahm vage Schemen in den Tanks neben sich wahr. Ebenso heilige Krieger wie er, die auf ihren Kampf vorbereitet wurden.
Wie lange er noch in diesem Behälter würde verbringen müssen, wusste er nicht. Noch war sein Körper jedenfalls nicht so stark wie früher, und es würde wohl noch viel Zeit vergehen, bis der Aufbauprozess abgeschlossen war.
Er bewegte seinen rechten Arm und hob seine Hand empor. Intensiv betrachtete er seinen Arm.
Sehr dünn alles, aber ich kann schon mehr als Knochen erkennen. Die Muskeln zeichnen sich langsam unter der Haut ab. – Ja, ich werde wieder. Nur besser als vorher!
* * *
Weiß dominierte den Raum: von den gekachelten Wänden über die gefliesten Böden bis hin zum Mobiliar. Unterbrochen wurde es nur vom Silber der metallenen Apparaturen, welche auf den weißen Tischen standen.
Der Mann, der sich über ein Elektronenmikroskop beugte, war ebenfalls in Weiß gekleidet, Hose, Kittel, Schuhe, Haube, sogar sein Mundschutz, der den größten Teil seines Gesichtes verhüllte, strahlten weiß.
Nun veränderte der Mann einige Einstellungen an dem Mikroskop, blickte wieder konzentriert durch das Okular und machte sich Notizen. Dann entfernte er den Objektträger aus dem Gerät und schob einen anderen ein. Wieder studierte er intensiv die Probe auf dem Glasstreifen, drehte leicht am Schärfenregler und schrieb erneut etwas auf seinen Notizblock.
Die Tür des Labors öffnete sich, eine Gestalt trat ein. Ihr Erscheinen ließ den reinen Raum noch lichter, die farblose Person noch blasser wirken. Die Kapuze ihres nachtschwarzen kuttenartigen Gewandes war tief ins Gesicht gezogen, sodass von ihm nur der dichte schwarze Vollbart zu sehen war.
Der Dunkle trat an den Mann am Labortisch heran, der drehte sich herum.
„Meister!?“
„Wie läuft die Arbeit?“, sagte der Kuttenträger mit tiefer Stimme.
„Alles zu unserer besten Zufriedenheit, Meister! Die Tests waren erfolgreich, die eingeschlossene Substanz verhält sich passiv! Die Hülle hält der aggressiven Magensäure stand und zerfällt erst nach der Berührung mit dem Botenstoff. Jetzt steht nur noch der Test mit der Darmflora an, dann haben wir’s geschafft!“
„Sehr gut! Wann habt ihr ausreichend Kügelchen vorrätig, damit wir endlich beginnen können?“
„Noch etwa eine Woche, Meister! Dann steht genug Material zur Verfügung, um mit der Einlagerung in die Körper zu beginnen!“
„Recht so! Dann macht euch an die Arbeit! Und vergesst nicht, die Zähne müssen absolut echt aussehen, und sie müssen dem Druck normalen Zubeißens standhalten. Es darf nichts schiefgehen, das wäre eine Katastrophe für unseren Plan!“
„Keine Sorge, Meister! Das bekommen wir in den Griff, wir werden die Ungläubigen mit ihren eigenen Waffen schlagen!“
„Gut! Ich bin sehr zufrieden mit deinem Team! Trotzdem, verstärkt eure Anstrengungen, ich will spätestens am Geburtstag unseres großen Propheten und Heilands mit der Prozedur beginnen!“
„Das schaffen wir, Meister!“
„Das hoffe ich doch!“, der Mann in Schwarz, drehte sich herum und ging aus dem Raum. Hinter ihm schob sich die Labortür mit einem satten Schmatzen in ihre alte Position, und der Mann in Weiß war wieder allein im Labor.
* * *
Sarulf schwang sich über den Balken und tauchte unter dem nächstem wieder ab. Drüber und drunter, mit Leichtigkeit nahm er auch dieses Hindernis auf der Sturmbahn. Sein Kampfanzug war klatschnass und verschlammt.
Fix rannte er zum letzten Gerät auf der Bahn und erkletterte geschwind die hölzernen Querbalken. Oben angekommen atmete er noch einmal tief durch und sprang in den Abgrund.
Mit einem lauten Klatschen schlug er unten auf und versank kopfüber in der matschigen Brühe. Prustend tauchte Sarulf an der Oberfläche auf, stemmte seinen Körper aus dem Schlammloch und rannte so schnell er konnte auf die Ziellinie zu.
„Zwei dreizehn, Rabenfeder! Gute Zeit!“, nickte sein Ausbilder.
Sarulf stoppte seinen Lauf und ging schnaufend zu seinen Kameraden hinüber. Johlend wurde er von ihnen begrüßt. Reihum klatschte er die ihm dargereichten Hände ab.
Er war zufrieden, nur ein wenig außer Atem hatte er den Parcours bewältigt und seine Zeit noch einmal um einige Sekunden verbessert.
Nachher musste er zur Waffenkunde, aber das war kein Problem für ihn. Mit Waffen kannte er sich aus, und heute stand ein besonderes Sturmgewehr auf dem Lehrplan: Kalaschnikow – AK 2301, die Waffe der Infanterie der Schwarzmeerkoalition, im Übrigen auch vom Islamischen Kalifat bevorzugt. Sein Vater hatte so ein Gewehr in seinem Waffenschrank, Sarulf hatte es schon unter seiner Aufsicht reinigen dürfen.
Jul ist nicht mehr weit!, dachte er. Dann habe ich endlich ein paar Tage frei! – Und werde Alida wiedersehen!
„Gruppe angetreten!“, brüllte es, und Sarulf nahm seinen Platz in der Formation ein.
„Ab Marsch! Im Laufschritt, los, los!“
Die Gruppe der auszubildenden Wölfe setzte sich in Bewegung und rannte zurück zur Kaserne.

KENAZ – Fackel (Rune der Selbsterkenntnis, des Karmas)
Kapitel 7
Hauptlieder neun lernt ich von dem weisen Sohn
Bölthorns, des Vaters Bestlas,
Und trank einen Trunk des teuern Mets
Aus Odrörir geschöpft.
Zu gedeihen begann ich und begann zu denken,
Wuchs und fühlte mich wohl.
Wort aus dem Wort verlieh mir das Wort,
Werk aus dem Werk verlieh mir das Werk.
(DIE EDDA, ODINS RUNENLIED)
In der Nacht war der erste Schnee gefallen und hatte das Land mit einem zarten Schleier bedeckt. Klar spiegelte sich die Dezembersonne in den Eiskristallen, alles schien zu glitzern und zu glänzen.
Im Haus war es warm und behaglich, die Kälte blieb vor der Tür.
Hasso und Steinar hörten gespannt auf das Referat ihres Meisters.
„Runen können auf zweierlei Weise benutzt werden. Einmal zum Schreiben, wie ihr es in der Schule gelernt habt, denn jeder Rune ist ein Laut zugeordnet. Wir Germanen schreiben wieder auf ursprünglicher Art und Weise. Doch für Menschen, die der Runenschrift nicht mächtig sind, wie Bewerber oder ausländische Besucher jeglicher Art, haben wir die lateinischen Zeichen beibehalten und Straßen, Ämter, Flughäfen und öffentliche Orte doppelt beschriftet!“
Weißbart Rabenzahn blickte seine Schüler an.
„Habt ihr das verstanden?“
„Ja, Meister!“, antworteten die Adepten wie aus einem Munde.
„Gut! Die Rune Isa …“, er griff in ein Säckchen und holte ein kieselgroßes Hölzchen hervor, das er Hasso zur Ansicht in die Hand drückte, „… bedeutet Eis. Sie ist außerdem eine mächtige Schutz-Rune. Isa ist Materie gewordener Geist, sie weist denjenigen, der sie benutzt, auf seinen jeweiligen Standort hin. Isa hält auch die Persönlichkeit zusammen und besitzt gigantische Kräfte! So bannt die Rune fremde Gedanken, Einflüsse und Wesen. Sie schützt den Benutzer vor Manipulationen, Energievampiren und verirrten Seelen, die ihren Platz noch nicht gefunden haben!“
„Wie kann man die Rune für sich nutzen, Meister?“, wollte Steinar wissen.
„Gute Frage, Rabenfeder!“ sagte Meister Weißbart. „Steht mal auf, ihr Zwei! Ich zeige es euch.“
Meister Rabenzahn erhob sich von seinem Platz, ebenso wie seine Schüler.
„Stellt euch gerade hin. Füße leicht auseinander, Hände an den Körper.“
Sie nahmen die Stellung ein, die ihnen ihr Lehrer vormachte.
„Atmet tief ein und lasst alles, was euch belastet, beim Ausatmen euren Körper verlassen. Macht das einige Male! Einatmen … und ausatmen! Einatmen … und ausatmen! – Wenn ihr spürt, dass ihr gut in euch ruht, hebt eure Arme in die Höhe, die Handflächen einander zugewandt. Nun wieder einatmen. Lasst die Energie in euch eindringen, spürt, wie sie euch zentriert und euch wieder zu euch selber macht.“
Meister Rabenzahn atmete mit geschlossenen Augen tief ein … und wieder aus. Die beiden Zauberlehrlinge taten es ihm nach.
„Wir rufen nun die Rune Isa an und bedienen uns ihrer Kraft: Atmet tief ein und sagt laut und deutlich ‚Isa‘ … dann langsam wieder ausatmen.“
Sie riefen nun alle drei gemeinsam die Rune an.
Steinar fühlte, wie etwas Mächtiges in ihn hineinfloss und ihn mit Energie füllte. Er empfand sich als unerschütterliche Säule seines Ichs und alles Fremde splitterte von ihm ab. Unglaublich, was für eine Kraft in dieser Rune steckt!, dachte Steinar und war ganz er selber. Dieses Wissen erfüllte ihn mit großer Freude. Bei Odin!, diese Zeichen haben doch etwas sehr Magisches!
Da senkte Meister Weißbart wieder seine Arme, öffnete die Augen und blickte seine Schüler an.
„Senkt eure Arme und lockert den Körper. Dann setzt euch wieder.“
Rabenzahn nahm auf seinem Stuhl Platz und wartete.
„Habt ihr etwas gespürt?“
„Ja, Meister! Es war unfassbar!“, rief Hasso begeistert.
„Unglaublich, welche Energie da drin steckt!“, bestätigte Steinar.
„Gut! Heut Nachmittag werden wir uns mit der Bedeutung von Isa beim Runenorakel beschäftigen. Bis dahin übt das Gelernte!“
„Ja, Meister!“, riefen die Schüler und beugte sich über ihre Bücher.
* * *
Sie strich getrocknete Blätter in ein Glas. Den ganzen Vormittag schon war Swanhild damit beschäftigt, Erkältungskräuter zu verarbeiten. Die Salbeiblätter hatte sie fertig, jetzt war die Pfefferminze dran, zum Schluss würde sie noch Kamille dazutun.
Nun, da der erste Schnee gefallen war und die Winterzeit eingeläutet hatte, musste sie ausreichend Tee vorrätig haben, denn bald würde danach gefragt werden. Sie wusste es genau: Die drei Kräuter mit heißem Wasser aufgegossen und Honig dazu, da hatten weder Husten noch Schnupfen eine Chance!
Swanhild hatte den Frühling und Sommer hindurch fleißig Kräuter gesammelt, ihr Vorrat würde spielend über den Winter reichen.
Sie hielt inne und stützte versonnen das Kinn auf ihre rechte Hand.
Ach ja, was für ein erfülltes Leben ich doch führe! Ich bin oft an der Natur und kann mit meinem Wissen den Menschen helfen. Was will ich mehr?, lächelte sie.
* * *
Jul steht vor der Tür, morgen früh geht es nach Hause!, freute sich Sarulf, als er seine Zivilklamotten packte. Die Eltern werden sich freuen, und die Geschwister. Und Swanhild werde ich sehen, und Steinar, und Siegfried von Heimdalls Horden. Das wird ein tolles Fest werden! – Und ich werde Alida wiedertreffen!
Darauf freute er sich am meisten und hoffte, dass auch Alida sich freute! Oft stellte er sich ihr Gesicht vor, und bei jedem Gedanken an sie wurde ihm warm ums Herz.
Es ist so schön, verliebt zu sein!
Sarulf schloss die Tasche und stellte sie ans Fußende des Bettes. Dann gesellte sich zu seinen Kameraden, die bereits zum Abendappell antraten.
Noch einmal schlafen, dann geht es ab nach Hause!, er grinste verstohlen.
* * *
Sanft und weich umhüllte ihn die Flüssigkeit und vermittelte ihm ein Gefühl von Geborgenheit. Allmählich waren die Veränderungen an seinem Körper sogar durch das trübe Fluidum hindurch deutlich erkennbar. Die Muskeln traten schon ein wenig hervor und bedeckten die Knochen. Seine Haut war vollständig abgeheilt und unversehrt, sie begann sich über sie zu straffen. Er hatte so lange gelegen, dass seine Muskulatur fast zu einem Nichts geschrumpft gewesen war. Doch bald würde er den Tank verlassen und mit dem Training beginnen können, und sich alle Bewegungsabläufe neu antrainieren müssen, bevor er in den heiligen Krieg ziehen konnte.
Macht nichts, meine Mitstreiter werden bestimmt dasselbe Problem haben.
Plötzlich gab es einem Ruck. Eine unsichtbare Welle schoss durch seinen Heiltrank und versetzte ihm einen Schubs.
Er drehte sich um die eigene Achse, um nach der Ursache zu sehen. Aber durch die milchige Flüssigkeit konnte er kaum etwas erkennen.
Er nahm Schemen wahr, die an ihm vorüberglitten, sie schienen vom Eingang zu kommen und zur Tür gegenüber zu eilen, um die Halle wieder zu verlassen. Plötzlich jaulte eine Sirene auf und durchdrang jede Faser seines Körpers, Rundumleuchten warfen rhythmische Blitze durch das Glas.
Was ist denn nur los? Es muss etwas Schlimmes passiert sein.
Mit seinem Tank konnte es jedenfalls nichts zu tun haben, die Versorgung funktionierte einwandfrei! Bei den anderen schien es ebenso.
Was nur hinter dieser Tür liegen mag? Wenn ich das wüsste, aber ich bin ja nur halbtot auf einer Schwebeliege in die Halle gekommen!
Er betete zu seinem Herrn, dass der große Plan nicht in Gefahr geraten war und bald der alles reinigende Feuersturm über die Ungläubigen niederging.

GEBO – Gabe, Geschenk (Rune der göttlichen Gaben)
Kapitel 8
Zur Julzeit beehrt uns Odin, um uns seinen Segen zu spenden.
Er kommt auf Sleipnir und ist in einen roten Mantel gehüllt.
Schmückt euer Haus mit Tannengrün, um unseren Allvater
gebührend zu begrüßen! Äpfel bringt er, Nüsse und gar manch
Süßes. Und den Fliegenpilz für all die Weisen. Mittel für die
Reise in die Welt der Zwerge und der Ahnen.
(GERMANISCHE LEGENDE)
Sarulf parkte den Scooter in der Garage, er lud sich die Tasche auf die Schulter und stapfte durch den Schnee zum Wohnhaus. Wohlige Wärme empfing ihn in der Eingangshalle, Sarulf stellte die Tasche auf den Boden. Aus dem Wohnzimmer vernahm er leises Stimmengemurmel.
Sarulf betrat das Zimmer, sofort verstummte alles und blickte ihm entgegen.
„Sarulf, Sohn!“
„He, Bruderherz!“
„Oh, mein Junge!“
„Hallo, kleiner Bruder!“
„Na, Brüderchen!“
In Begleitung des Chors freudiger Überraschung ging Sarulf zur Sitzecke, wo alle aufgestanden waren und ihn nun neugierig umringten.
Seine Eltern, seine Schwester, Steinar und Siegfried. Die ganze Familie Rabenfeder war da und würde gemeinsam für einige Tage das Julfest feiern.
„Hallo, ihr alle!“, rief Sarulf und umarmte einen nach dem anderen.
„Wie war die Reise?“ – „Was macht die Ausbildung?“ – „Wie geht es dir?“
Er wurde mit tausend Fragen bestürmt. Sarulf ließ sich auf das Sofa fallen und genoss die Aufmerksamkeit.
Der Abend verging wie im Fluge. Erst spät in der Nacht verabschiedeten sich die Familienmitglieder voneinander, und jeder begab sich auf sein Zimmer. Sarulf schnappte sich seine Tasche und betrat sein altes Kinderzimmer. Er warf die Tasche auf das Bett und nahm erst einmal eine Dusche.
Als er schließlich im Bett lag, schloss er beseelt die Augen. Es würden sicher ein paar sehr schöne Tage werden.
Langsam dämmerte er ins Reich des Schlafes, das letzte, was er sah, war ein Mistelzweig, den jemand über seiner Zimmertür angebracht hatte.
Die Dezembersonne schien ins Zimmer, als Sarulf erwachte. Er hatte zu lange geschlafen und musste sich jetzt beeilen, die anderen warteten bestimmt schon mit dem Frühstück auf ihn.
Schnell vollzog er seine Morgentoilette und schlüpfte in frische Sachen.
Dann riss er die Tür auf und wollte eben nach unten stürmen, als er auf der Schwelle fast mit jemandem zusammengestoßen wäre.
„He, hallo … Alida!“
„Äh, hallo … Sarulf! Ich dachte, Ihr … du wärst schon beim Frühstück. Ich wollte das Bett machen und so …“
Sarulf hielt Alida mit einer Hand an sich gepresst, Alida stand ganz still und sah ihn mit großen Augen an.
Sarulf zog sie über die Schwelle und deutete auf den Mistelzweig.
„Hast du den dahingehängt, Alida?“
„N…nein!“, erwiderte sie erschrocken.
„Na egal! Brauch ist Brauch!“ Sarulf beugte sich zu ihr hinab. Er blickte Alida tief in die Augen und gab ihr einen Kuss. Alida hielt ganz still. Sarulf löste seine Lippen von den ihren und sah sie wieder an. Da nahm Alida sanft seinen Kopf in ihre Hände, sah ihn tief an, sie schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte sich ganz fest an ihn.
Und so küssten sie sich … und küssten sich!
Sarulf hielt Alida fest im Arm und streichelte ihr flammendes Haar.
Langsam, ganz langsam lösten sich ihre Lippen schließlich voneinander. Alida legte ihren Kopf an Sarulfs Brust.
Nach einer Weile flüsterte sie: „Ich muss an die Arbeit!“
„Und ich sollte langsam zum Frühstück!“, lächelte Sarulf.
Alida löste sich sacht von Sarulf, bis er sie nur noch an einer Hand hielt.
„Ich hab mich so auf ein Wiedersehen mit dir gefreut, Alida!“, sagte er und deutete auf den Zweig. „Ein schöner Brauch! Aber das eben, das war mehr!“
„Ja!“, erwiderte Alida. „Auch ich konnte es kaum erwarten, dich zu sehen!“
„Sehen wir uns später?“, fragte Sarulf.
„Ich hab um sechs Uhr Feierabend, wenn du willst …!“
„Und ob ich will!“ Sarulf gab ihr noch einen Kuss und stürmte die Treppe hinab zum Frühstück.
Alida schaute ihm lächelnd hinterher.
* * *
Die Explosion hatte verheerende Folgen. Der Großteil des Labors war dahin, viele der Mitarbeiter aus der Abteilung starben und traten vor ihrer Zeit vor den Schöpfer. Teure Geräte wurden zerstört, aber die konnten ersetzt werden.
Die Auswertungen der Versuchsreihen waren extern gespeichert worden, sodass die Tests gut nachvollziehbar waren.
Der finstere Kuttenträger hieb mit der Faust auf den Tisch.
„Was, verdammt noch mal, ist da schiefgegangen?“, fuhr er den weißen Mann an. Der Chefwissenschaftler des Ordens verbeugte sich.
„Es tut mir leid, Meister! Das konnte wirklich keiner voraussehen, die Versuche waren fast abgeschlossen. Wir waren eben dabei, die letzten Tests mit Darmbakterien durchzuführen, als das Unglü…“
„Und was hat dieses … Unglück verursacht, sag es mir!“
„J…ja, Meister! Es waren Caryophanon-Bakterien. In den Hüllen dieses Stoffes müssen niedermolekulare Fettsäure gewesen sein. Davon leben diese Bakterien. Sie haben die Fettsäuren verzehrt, die Hülle wurde durchlässig … und so kam es zur Explosion!“
Der alte Meister blickte den Wissenschaftler durchdringend an, seine Augen leuchteten wie Feuer unter der Kapuze hervor.
„Dann kennt ihr ja jetzt die Ursache und könnt diese blöden Hüllen so schnell als möglich anpassen. Uns läuft die Zeit davon, die heiligen Krieger brauchen auch ihre Zeit, bis sie präpariert sind. Im nächsten Herbst ist das große Treffen, dann müssen die Krieger vollständig gerüstet vor Ort sein!“
„Ja, Meister! Das schaffen wir, in ein paar Tagen ist das Material bereit für den Einsatz!“
„Das will ich hoffen, für dich! Der Zorn unseres Herrn kennt keine Gnade für Versager!“
„Ja, Meister!“
„Na los, ab an die Arbeit, die neuen Geräte sind schon unterwegs!“
„Ja, Meister!“, der Wissenschaftler verbeugte sich tief und verließ eilig den Raum.
Der Alte blieb allein zurück.
Die Zeit wird knapp!, dachte er ärgerlich. So lange hat die Vorbereitung schon gedauert, und nun auch noch so etwas. Jetzt müssen alle am Projekt beteiligten Brüder und Schwestern sich ungeheuer anstrengen. Die Rache des Herrn darf nicht verzögert werden, so einen Termin bekommen wir nicht so schnell wieder!
Er stand auf und raffte die Schöße seiner Kutte. Dann machte er sich auf den Weg in die Halle mit den Heiltanks, um den Zustand der dreizehn Krieger in Augenschein zu nehmen.
Dreizehn Krieger, einer davon würde den Weg ebnen, sich für die anderen opfern, sodass diese zwölf Krieger dann in den heiligen Krieg ziehen konnten. Zwölf Krieger, fast wie die zwölf Verkünder der Lehren ihres Gottes. Nur würden die Krieger nicht das Wort ihres Herrn verkünden, sondern mit Feuer und Schwert über die Ungläubigen herfallen.

WUNJO – Wonne (Rune der Hoffnung und der Freude)
Kapitel 9
Die zwölf heiligen Nächte bilden den Ausgleich zwischen dem
alten Mondjahr und dem Sonnenjahr. Somit steht die Julzeit
zwischen den Jahren und diese Nächte waren besonders zauberkräftig.
Jede dieser Nächte stand für einen Monat im nächsten Jahr.
(GÉZA VON NEMÉNYI, DER JAHRESKREIS)
Sarulf schnallte die Tasche fest, schloss den Kragen seiner Jacke und stieg auf den Scooter. Er drehte sich ein letztes Mal um und winkte Alida zum Abschied. Sie warf ihm eine Kusshand zu und winkte zurück.
Jede freie Minute hatten sie in den letzten Tagen miteinander verbracht und gehofft, es würde niemand bemerken. Doch nun war die schöne Zeit vorbei und er musste zurück in die Kaserne. Siegfried war schon vor ihm aufgebrochen, er hatte nicht so lange frei bekommen wie Sarulf. Auch Swanhild und Steinar waren zu ihrer gewohnten Arbeit zurückgekehrt.
Die letzte Nacht hatte Alida bei Sarulf im Zimmer verbracht. Heimlich hatte er in der Dunkelheit am Eingang des Hauses auf sie gewartet. Und Alida war unbemerkt aus dem Mägdehaus gehuscht. Dann hatte sie diese letzten Stunden in seinen Armen gelegen, die Zeit war viel zu schnell vergangen!
Bald gibt es ja wieder Urlaub, dann kann ich sie endlich wiedersehen.
Sarulf drehte sich um und startete seinen Scooter. Langsam schwebte er vom Hof der Familie, begleitet mit dem Wunsch, so schnell wie nur möglich zu Alida zurückzukehren.
* * *
Von Rabenzahns Augäpfeln war nur noch das Weiße zu sehen. Steinar und Hasso blickten sich wissend an, diesen Anblick waren sie inzwischen gewöhnt.
Der Meister weilte im Reich der Ahnen. Er hatte eine akribisch abgemessene Dosis von den getrockneten Fliegenpilzen eingenommen, die Swanhild Steinar für ihn mitgegeben hatte.
In jeder der heiligen Raunächte ging Meister Rabenzahn hinüber in die andere Welt, um Dinge aus der Zukunft zu erfahren.
In jeder heiligen Nacht wurden das Runen-Orakel und die Karten befragt.
Jede der Raunächte stand für einen Monat des nächsten Jahres, und die Orakel sagten die Ereignisse für den jeweiligen Monat voraus.
Weißbart Rabenzahn notierte sich alle Voraussagungen genauestens, er würde sie später an König Rabenfeder exakt so weitergeben.
Der Meister wiegte seinen Oberkörper hin und her und gab unverständliche Laute von sich.
Steinar und Hasso beobachteten ihn und warteten voller Ungeduld, bis er wieder in ihre Welt zurückkommen würde.
Langsam verebbte das Wiegen des alten Körpers und schließlich saß Rabenzahn wieder steif wie ein Stock auf dem Boden. Seine Lider schlossen sich, kurz darauf öffnete er sie. Nun waren seine eisgrauen Augen wieder klar und erkennbar. Auch war sein unverständliches Brabbeln verstummt.
„Oje! Langsam werde ich zu alt dafür, es wird Zeit, dass ihr das übernehmt!“
Der Meister erhob sich ächzend vom Fell. Er ging zu seinem Stuhl und ließ sich schwer auf ihn fallen.
„Hirschhorn, bring mir meine Kladde! Und du Steinar, mach mir einen Tee. Dann setzt euch zu mir!“
Hasso griff sich die Orakelkladde des Meisters, während Steinar den Kessel über das Feuer hängte und darauf wartete, dass das Wasser zu kochen anfing. Dann stellte er die Tasse mit dem Tee vor den Alten auf den Tisch.
„Setzt euch, Jungs! Und hört zu!“
Hasso und Steinar blickten ihren Lehrer erwartungsvoll an. Der öffnete sein Buch und schlug eine leere Seite auf.
„Dieser Monat bringt Schatten und Verlust! Die Ahnen waren sehr aufgeregt und es lag ein dunkler Schleier über der Familie unseres Königs!“
Steinar erschrak, ging es doch um seine Familie, der König war sein Vater.
Weißbart fuhr fort.
„Es kommt Unheil auf uns zu! Aber ich muss erst die Runen befragen, bevor ich Genaueres sagen kann!“
Meister Rabenzahn griff nach dem Beutel mit den Runen und entnahm diesem eine. Er warf sie auf den Tisch.
„Fehu!“, sagte er, alle drei prüften nun die Lage der Rune.
„Kein gutes Omen!“, murmelte Weißbart Rabenzahn. „Die Rune liegt verkehrtherum, das bedeutet Verlust! Irgendetwas oder irgendjemanden wird die Familie des Königs verlieren, was genau, das liegt im Dunkel!“
Steinar blickte entsetzt auf das Zeichen. Bei Odin, warum?
Rabenzahn schaute auf seine Lehrjungen und griff nach seinem Stift.
„Geht zu Bett, alle beide! Ich muss meine Notizen beenden!“
Steinar und Hasso wünschten dem Meister eine gute Nacht und zogen sich zurück. Doch Steinar lag noch lange wach und grübelte über die Weissagung.
Kann der Alte in den Runenzeichen wirklich so genau die Zukunft erkennen? – Doch nur dann, wenn man sie zu seinen Gunsten verändern kann! Ich muss mit Vater reden!
Steinar wusste, auf jeden Fall würde dieser Monat ihrer aller besonderen Wachsamkeit benötigen!
* * *
Das Flackern unzähliger Kerzen drang durch die Finsternis der unterirdischen Felsenhalle. Es erfüllte den Felsendom mit trautem Schein und vermittelte ein Gefühl des Behütetseins.
Hunderte Menschen drängten sich in der Kathedrale. Sie waren im Overall, in dunkler Kutte, in Alltagskleidung oder in feierlichem Ornat erschienen.
Sie alle blickten gespannt zu dem Felsblock in der östlichen Ecke der Halle. Ein Mann in einer schwarzen Kutte stand hinter dem Stein, der ihm bis an die Hüfte reichte, er hatte die Kapuze tief in das alte Gesicht gezogen.
Vor ihm standen eine große weiße Kerze und ein silberner Kelch, ein eckiges Bündel lag daneben.
Er hob beide Arme empor, sofort versiegte auch das letzte Murmeln.
„Brüder und Schwestern, lasst uns feiern! Die Zeit ist gekommen, um unserem Herrn unsere bedingungslose Treue zu zeigen!
Heute, der Tag, an dem sich der Dreizehnte opferte, um den Zwölfen den Weg zu ebnen, ist der richtige Zeitpunkt, die Prophezeiung erneut wahr werden zu lassen.“
Der Mann senkte seine Arme und schlug den Stoff des vor ihm liegenden Bündels auseinander. Ein Buch kam zum Vorschein. Es musste sehr alt sein. Halb zerfallene Seiten steckten in dem ramponierten ledernen Einband. Und doch ging etwas Besonderes von dem Folianten aus, die Zuschauer holten tief Luft, als sie sahen, was der Priester enthüllte.
Er öffnete vorsichtig das Buch und erhob seine Stimme:
„Brüder und Schwestern! Im zweiten Buch des Achim von Magdeburg steht geschrieben: Dreizehn werden den Anfang machen. Einer wird sich den Ungläubigen als Köder opfern, zwölf werden über sie herfallen. Gerüstet mit der Macht des Herrn werden sie Verderben über diese sündhafte Welt bringen, und das Feuer wird sie alle reinigen, und sie werden den Herrn als ihren einzig wahren Gott erkennen. Gar groß wird das Jammern und Klagen sein, doch die Macht unseres Herrn wird trotzdem unter sie fahren. Nur wer reinen Herzens ist, den wird das Feuer und das Schwert Gottes verschonen!
Brüder und Schwestern, lasst uns jubilieren und voller Freude sein!
Erneut wurden dreizehn Krieger geboren, um den Willen unseres Herrn in die Welt hinauszutragen.
Bald, schon sehr bald werden diese Krieger bereit sein, in den heiligen Krieg zu ziehen!
Und wir werden noch einmal dreizehn Krieger brauchen, für den nächsten heiligen Kampf, und wiederum dreizehn Krieger und wieder!
Darum lasst uns heute feiern und den Herrn lobpreisen!
Darum feiern wir heute erneut den heiligen Tag der Zeugung der Dreizehn!
Bringt den Wein und die Jungfrauen!
Amen!“
Das „Amen“ der Gläubigen hallte dumpf von den Wänden des Doms wider.
Mehrere Schwarzgekleidete erschienen mit Fässern von Wein und stellten sie vor den Altar. Aus einem Türchen tauchte eine lange Reihe junger Frauen auf.
Die Menge johlte und schrie.
Die Priester begannen, den Wein an die Menschen zu verteilen, die gierig den Traubensaft in sich hinein schütteten. Das Getränk war mit einem Aphrodisiakum präpariert worden und entfaltete prompt seine Wirkung. In kürzester Zeit fiel die Menge in ekstatische Verzückung!
Die Jungfrauen steigerten noch die allgemeine Erregung der trunkenen Schar, indem sie ihre Brüste blitzen ließen und die Röcke hoben, um ihre Scham zu präsentieren.
Die Kerle johlten, stürmten auf sie ein, und ein wildes Kopulieren fing an. Wer keine Jungfrau abbekommen hatte, schnappte sich einfach die Frau seines Nebenmannes, die ebenso bereitwillig ihren Körper darbot, denn sie wollten alle in dieser heiligen Nacht schwanger werden, um einen heiligen Krieger zu gebären. Alle Mitglieder der „Gemeinschaft rechtgläubiger Menschen“ wollten heute auf ihre Kosten kommen, und jeder entblößte seinen steifen Schwanz, und jede griff sich den nächsten, der sich ihr entgegenreckte.
Auch die Priester beteiligten sich an dieser wüsten heiligen Orgie und lustvolles Stöhnen und spitze orgiastische Schreie erfüllten das Gotteshaus.
Wer seinen Schuss getan hatte, paarte sich mit der Nächsten, die sich ihm bereits entgegenwarf, und dann mit der Nächsten. Und während dieses Zeugungsrausches priesen sie ihren Herrn und dankten ihm.
Die Wände des Tempels der Lust hallten wider von Geilheit und Lobpreisungen.
Einzig der alte Priester wandte sich vom Geschehen ab und ging in seine kleine Kapelle, um für seine Brüder und Schwestern zu beten.
Kniend bat er seinen Gott um Fruchtbarkeit der Frauen und gesundes Sperma der Männer, die an der Zeugung der neuen Krieger beteiligt waren.
Da betrat eine Jungfrau die Kapelle, ihre Kleidung hing nur noch in Fetzen vom Leibe herab. Sie trat zum Priester, zwängte sich zwischen ihn und das meterhohe Tischchen seines Betstuhls, beugte sich kopfüber und hielt ihm ihren blanken Hintern vor das Gesicht. Ihre Schamlippen waren gerötet und glänzten feucht. Bereitwillig nahm der Priester ihren Leib an. Er fuhr lustvoll mit beiden Händen über ihre prallen Pobacken und ihre Scham. Kurz schob er ihr zwei Finger in die Vagina.
„Meister! Nimm mich!“, stöhnte das Weib und spreizte ihre Beine noch weiter auseinander.
Da zog er sich die schwarze Kutte vom Körper und sein erigierter Penis drang in die Frau vor ihm ein. Lustvoll schob er sich tief in ihre Vagina hinein. Dann nahm er die Geißel, welche an der Seite des Betstuhles hing, und hieb abwechselnd sich und der Dirne Gottes auf den Rücken.
Bei jedem Schlag dankte er seinem Herrn und rief ihn an.
Jedem Stoß seines Unterleibes folgten zwei Schläge mit der Geißel.
Lustvolle spitze Schreie und geiles Stöhnen bildeten eine makabre Melodie mit dem rhythmischen Klatschen der Geißel.
Als der Priester endlich seinen Samen in den Leib der Stöhnenden ergoss, standen beider Füße in einer Lache aus Blut.

HAGALAZ – Hagel (Rune der Hexen und Zaunreiter)
Kapitel 10
Das Sonnenkind ward unter dem Weltenbaum wiedergeboren,
der goldborstige Eber Freys hatte das Jahresrad wieder angestoßen
und der Kreislauf der Jahreszeiten begann wieder von vorn.
(GERMANISCHE MYTHOLOGIE)
Das neue Jahr war angebrochen. Die gesamte Menschheit hatte den Jahreswechsel gefeiert, ob nun Christen, Moslems, Juden, Hindus, Buddhisten oder germanische Heiden, alle begrüßten das neue Jahr gemeinsam und es ward gefeiert, gesungen und getanzt.
Sarulf Rabenfeder war auf dem Weg nach Dresden, wo er sein Praktikum absolvieren wollte. Die Ausbildung hatte er mit Bravour bestanden, nun durfte er sich in den nächsten drei Monaten bis zur Ernennung als Wotans Wolf in der Praxis bewähren und Erfahrung sammeln. Man hatte ihn der Kriminalabteilung des suebischen Stammes zugeteilt, morgen früh begann sein Dienst.
Nach einem kurzen Abstecher bei seiner Familie und Alida, zischte er nun mit seinem Scooter die Elbe aufwärts. Es war zwar nicht weit vom Gehöft seiner Eltern an der mittleren Elbe bis in die Hauptstadt, aber da er die Landschaft genießen wollte, hatte er sich für die interessantere Route entschieden.
Sarulf folgte den Windungen des Flusses und konnte sich kaum satt sehen an der Schönheit des Landes. Zwar hatte der Winter die Natur noch fest im Griff, aber auch schneebedeckt strahlte die Gegend eine beeindruckende Eleganz aus. Als er um die nächste Kurve bog, konnte er in der Ferne die beiden Domtürme der Festung Meißen erblicken.
Über zweitausend Jahre hatte dieses Gemäuer auf dem Buckel und erhob sich majestätisch über der Elbe wie ehedem. Hier werde ich mal mit Alida hinfahren. Die Festung mit ihrer historischen Altstadt ist auf jeden Fall eine Reise wert!
Sarulf beschleunigte. Lautlos schnurrte der Scooter am Elbufer dahin und fraß Kilometer für Kilometer. Bald hatte er sein Ziel erreicht.
* * *
Er las aufmerksam die Prophezeiungen des Meisters und runzelte die Stirn. Ja, dort stand es schwarz auf weiß: Seine Familie hatte mit Verlust und Unheil zu rechnen. Weißbart hatte sich noch nie geirrt, sie würden also in diesen beiden Monaten besonders achtsam sein müssen.
Doch war der König der Sueben nicht besonders beunruhigt, wenn man die Zukunft ein wenig kannte, konnte man sich darauf einstellen. Und das würde er tun!
Im späten Herbst sollte der Rat der Könige wieder tagen, ob aber das vorhergesagte Unheil genau in diese Zeit fallen würde, konnte der Meister so exakt nicht voraussagen. Also mussten Vorkehrungen getroffen werden, um gegebenenfalls Probleme oder Schwierigkeiten zu vermeiden. Er würde sich die Tage mal mit seinen Kollegen aus den anderen Stämmen beraten. Vielleicht hatten deren Seher etwas Ähnliches geschaut, vielleicht sogar genauer als Weißbart, und konkretere Angaben gemacht.
Es klopfte an der Tür.
„Herein!“, rief Swidger, Alida betrat scheu das Büro ihres Chefs.
„Hallo, Alida! Komm rein!“
„Guten Morgen, Herr!“, sagte Alida und trat zögernd näher.
„Setz dich, bitte!“
„Ja, Herr!“, antwortete sie und nahm vor Rabenfeders Schreibtisch Platz.
„Alida, ich habe dich rufen lassen, weil deine Anstellung als Magd auf unserem Hof beendet ist. Bitte räume deine Kammer im Mägdetrakt!“
Alida blickte mit schreckgeweiteten Augen Swidger Rabenfeder an. Oje, was habe ich denn nur falsch gemacht?
„Aber … ich …“
Swidger lächelte Alida an und fuhr fort: „Ich habe mich wohl falsch ausgedrückt, tut mir leid! Höre folgendes: Du kannst als Magd bei mir nicht mehr arbeiten, weil es sich für eine Schwiegertochter des Königs nicht geziemt, die Arbeit der Mägde auszuführen“, er grinste Alida breit an. „Natürlich weiß ich über dich und Sarulf Bescheid! Ihr habt euch nicht sehr geschickt angestellt, es zu verbergen! – Also, du ziehst sofort in das Wohnhaus ein und kümmerst dich zusammen mit meiner Frau um die Vermarktung unserer Produkte, und betreust mit ihr den Hofladen. Mit deiner kaufmännischen Ausbildung wird dir das nicht schwerfallen! Der Name deiner Familie hat einen ehrbaren Ruf! Derer von Drachenherz sind eine unbescholtene Familie, ich bin froh und stolz, dass unsere Sippen sich auf diese Art und Weise verbinden! Mein Sohn hat eine hervorragende Wahl getroffen, oder wurde getroffen!“ Der König lachte und kam um den Schreibtisch herum. „Lass dich in die Arme nehmen, Tochter“, er drückte sie fest an seine breite Brust.
Alida wusste noch nicht recht, wie ihr geschah, aber sie war sehr glücklich!
* * *
Endlich waren die Tests abgeschlossen. Die Hülle der Kügelchen erwies sich nun als resistent gegen alle körpereigenen Stoffe.
Der Stoff konnte endlich den heiligen Kriegern verabreicht werden und deren Körper damit zu einer gewaltigen Waffe transformieren.
Die Krieger hatten sich mittlerweile erholt und ihre Körper ihre alte Stärke wieder erreicht. Bald würden sie die Heiltanks verlassen können und sich trainieren. Das war der Zeitpunkt, dass ihre Körper mit dem Stoff angereichert wurden. Er war gespannt, wie viel von der Substanz ein Körper aufnehmen konnte. So ein bis zwei Kilogramm wären schon nicht schlecht, dann wäre das Ausmaß der Explosion schon eines einzigen Kriegers gigantisch, und eine Menge Ungläubige würden dabei den Tod finden! Die Hülle der Kügelchen war aus biologischem Material gefertigt, sie würden sich unversehrt an den Darmwänden ablagern. Kein Gerät der Welt würde die winzigen Sprengstoffkapseln erkennen können. Und erst wenn der Botenstoff aus den falschen Zähnen in den Blutkreislauf gelangte, würden sich die Hüllen zersetzen. Dann reichte ein Schlag oder Tritt in den Unterleib, ein Sturz auf den Bauch, um die Explosion auszulösen. Der Priester war von seiner Idee geradezu entzückt.
Inzwischen hatte er einen seiner Schläfer in Neu Germanien aktiviert und zu ihm Kontakt aufgenommen. Er wies den Mann an, ein Team krimineller Personen zusammenzustellen, die die erforderlichen Aggregate besorgen sollten. Anschließend musste er alle Mitwisser eliminieren und die Geräte unauffällig in das Gotteshaus schaffen. So wäre für eine perfekte Ausbildung der Krieger an dem Material gesorgt.
Wir werden die Ungläubigen mit ihren eigenen Waffen schlagen! Es ist alles germanische Technik, die bei diesem heiligen Krieg zum Einsatz kommt. Es lebe die Wissenschaft!
Zufrieden mit dem Stand der Dinge wollte sich der Priester auf den Weg ins Labor machen, um die Produktion der Sprengstoffkügelchen zu begutachten.
Ächzend erhob er sich von seinem Stuhl und verzog das Gesicht. Mein Rücken tut immer noch verdammt weh, aber ich lasse meine Wunden nicht von einem Arzt behandeln. So viel Spaß ich auch beim Zeugungsfest hatte, den Preis muss ich nun auch zahlen. – Aber ich zahle ihn gern! Er grinste versonnen und blinzelte ins Licht.
* * *
Meister Rabenzahn hatte die Neun Welten auf den Lehrplan gesetzt. Steinar kannte zwar das meiste noch aus der Schule, aber ein Druide musste es wie im Schlaf herunterbeten können.
Die nordisch-germanische Mythologie faszinierte Steinar über alle Maßen und er las gern darüber. Es konnte nie schaden, das Wissen aufzufrischen! Also begann er mit der ersten Welt.
Die erste der drei oberen Welten ist Asgard, sie liegt auf einer Insel im Fluss Hvergelmir, welcher in Niflheim unter einer der drei Wurzeln von Yggdrasil entspringt. Die erste Wurzel des Yggdrasils ist in Asgard verankert, unter ihr entspringt die Quelle des Schicksals, der Urdbrunnen. Er wird von den Nornen Urd, Verdandi und Skuld bewacht. Sie besitzen zusammen nur ein Auge.
Asgard wird durch starke Mauern beschützt und kann nur durch ein einziges Tor betreten werden. In der Mitte liegt Valaskjaff, der Thingplatz der Götter. Weiter findet man in Asgard Valhalla, der Ort für die gefallenen Krieger, die Einherjer. Sie kämpfen jeden Tag auf der Ebene Vigrid, um sich für Ragnarök vorzubereiten. Die Wohnorte der Götter und Göttinnen nennt man Gladsheim und Vingolf.
Asgard ist mit Midgard durch Bifrost, die Regenbogenbrücke, verbunden. Sie besteht aus Luft und Wasser und endet in Heimdalls Turm, Himmingbjorg genannt. In Midgard verändert Bifrost ständig die Position und nur durch einen sehr starken Willen und mit Hilfe einer der Valkyren kann Bifrost betreten werden.
Steinar blickte vom Buch auf und sah hinüber zu Hasso. Der schien ebenfalls ganz in dieses Mysterium versunken zu sein.
Meister Weißbart saß auf seinem Stuhl am Feuer und schien zu schlafen. Schließlich ist er weit über achtzig, da muss man schon mal das eine oder andere Schläfchen am Tage halten.
Steinar lächelte und sah wieder ins Buch.

NAUDIZ – Not
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