Читать книгу: «Handbuch Transformation»



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Lektorat: Hauke Burgarth, Pohlheim
Gestaltung und Satz: Magdalene Krumbeck, Wuppertal
Verwendete Schrift: Apollo MT Std, Akko Pro
Gesamtherstellung: PPP Pre Print Partner GmbH & Co. KG
ISBN 978-3-7615-6774-6 E-Book
www.neukirchener-verlage.de
Contents
Band 1: IST – »Interdisziplinäre Studien zur Transformation«
Transformation.
Einordnung eines schillernden Begriffs
Teil 1
Transformation als Ziel. Interdisziplinäre Perspektiven
Einführung
Tobias Künkler und Tobias Faix
Transformation und ökologisches Handeln
Jürgen Harder
Die Rolle der Zivilgesellschaft im 21. Jahrhundert. Taktgeber der Großen Transformation1
Uwe Schneidewind
Soziale Innovationen und Transformation. Zur Relevanz zweier sozialwissenschaftlicher Konzepte für soziales, kirchliches und diakonisches Handeln
Annett Adler und Germo Zimmermann
Transformation und Soziale Arbeit am Beispiel der Tradition der Gemeinwesenarbeit
Tobias Künkler
Das transformative Moment der Praxis. Paulo Freires Wegweiser für Radikale
Ulli Vilsmaier und Danilo Streck
Konflikttransformation
Marcus Weiand
Transformation durch Demokratieentwicklung
Raban Daniel Fuhrmann
Transformation und Inklusion. Inklusive Kirchen als gesellschaftlich-transformatorische Kraft
Marcel Redling
Teil 2
Transformation als Ziel. Theologische Perspektiven
Einführung
Tobias Faix und Tobias Künkler
Transformation auf dem Weg des biblischen Schalom
Bernhard Ott
Transformation im Neuen Testament. Ein Ein- und Überblick über zentrale Ziele und Strukturen neutestamentlicher Transformationsprozesse
Volker Rabens
»Ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes!« Zur Leistungsfähigkeit des Begriffs Transformation aus evangelischer Sicht
Rüdiger Gebhardt
Von der Reformation zur Transformation. Eine Auseinandersetzung mit der Kritik an einer Theologie der Transformation
Thorsten Dietz
Die irdische Transformation himmlischer Mächte
Thomas Zeilinger
Öffentliche Theologie als zentraler Bestandteil einer Theologie der Transformation
Tobias Faix
Transformative Ethik. Eine Einführung
Thorsten Dietz und Tobias Faix
Die transformierende Wirkung religiöser Erfahrung und die Genese gelebter Theologie
Sabrina Müller
Teil 3
Transformation als Gegenstand
Einführung
Tobias Künkler und Tobias Faix
Transformation als globale Veränderungskraft
Gerhard Wegner
Transformation und Digitalisierung
Florian Höhne
Transformationen des Sozialstaates
Traugott Jähnichen
Umbau bei laufendem Betrieb. Kirche in Transformationsprozessen
Florian Karcher und Anna-Lena Moselewski
Organisationen transformieren? Anmerkungen zum Transformationsbegriff im Kontext von Organisationsentwicklung
Stefan Jung
Compliance und Transformation. Ein Wertetreiber zur Integrität
Stefanie Fehr
Fazit
Transformatives Lernen. Eine erziehungswissenschaftliche Perspektive
Tobias Künkler
Literatur
Autor:innen
Band 1: IST – »Interdisziplinäre Studien zur Transformation«
Herausgegeben von Sandra Bils, Thorsten Dietz, Tobias Faix, Tobias Künkler, Sabrina Müller, in Zusammenarbeit mit dem Studiengang Transformationsstudien für Öffentliche Theologie & Soziale Arbeit an der CVJM-Hochschule.
Transformation.
Einordnung eines schillernden Begriffs
Transformation – ein schillernder Begriff. Für die einen atmet er Verheißung und birgt Hoffnung, für die anderen klingt er nach Bedrohung und löst Ängste aus, für Dritte ist er eine Worthülse, die jede Menge leere Versprechungen enthält. Der Begriff scheint ebenso vieldeutig und komplex wie die Sache, die er zu benennen versucht. Aus unterschiedlichen theoretischen und disziplinären Perspektiven wird der Begriff Transformation auf vielfältige Phänomene angewendet oder dient als Zielperspektive für unterschiedliche Prozesse und Entwicklungen. In diesen Dschungel an Verwendungungsmöglichkeiten will dieser Band Schneisen der Orientierung und des tieferen Verständnisses schlagen, und das in erster Linie nicht aus einer akademischen Perspektive. Bei aller Polyvalenz, Unter- und Überbestimmtheit, ist das Konzept Transformation ein Schlüssel: nicht nur zum besseren Verständnis des Wandels von Gesellschaft und Kirche und der historisch-kulturellen Situation, in der wir leben, sondern auch zur aktiven Mitgestaltung von Transformation. Zum einen als Herausgeber dieses Bandes und zum anderen als Studiengangsleiter eines interdisziplinären Studiengangs »Transformationsstudien: Öffentliche Theologie und Soziale Arbeit« sind wir überzeugt davon, dass Transformation ein Schlüssel für eine Haltung sein kann, die dazu führt, dass Akteur:innen angesichts massiver Umbruchsprozesse und den damit einhergehenden Herausforderungen nicht passiv-defensiv verharren oder vor Angst versteinern, sondern Transformation aktiv gestalten. Dies bedeutet, weder einem blinden Aktionismus zu frönen, noch der Illusion zu verfallen, man könne Transformationen im engeren Sinne machen oder herstellen. Dass eine aktive Gestaltung auf Basis einer entsprechenden Grundhaltung und mithilfe passender Sehhilfen (Theorien), Orientierungen (Konzepte) und Werkzeuge (Methoden) Frucht trägt und soziale Innovationen hervorbringen kann, haben wir in den Transformationsstudien vielfach in den Praxisprojekten der Studierenden erleben dürfen. Um einen permanenten und konsequenten Theorie-Praxis-Dialog zu gewährleisten, führen alle Studierenden ein eigenes Praxisprojekt durch. Diese Praxisprojekte beeinflussen wiederum das theoretische Reflektieren und haben somit maßgeblichen Einfluss auch auf dieses Handbuch. Etliche dieser Projekte sind, neben vielen Erfolgen und angestoßenen Transformationsprozessen, an manchen Stellen gestolpert oder auch gescheitert. Ein beständiges Trial-and-Error und eine explorativ-suchende Grundhaltung gehören dazu, wenn man sich als Pionier:in in unbekanntes Terrain gibt.
Transformation als Gegenstand
Auch in den Transformationsstudien beziehen wir uns sowohl auf deskriptiv-beschreibende als auch auf normativ-wertende Konzeptionen von Transformation. Dies soll gleich noch genauer erläutert werden. Sucht man jedoch zunächst nach einer Art kleinstem gemeinsamem Nenner der unterschiedlichen Transformationsverständnisse, dann lässt sich vielleicht Folgendes formulieren: Transformation meint immer mehr als irgendeine Veränderung. Transformation ist immer tiefgehend (statt oberflächlich), paradigmatisch/umfassend (statt partiell), nachhaltig (statt situativ) und systemverändernd bzw. strukturell. Es geht um eine Trans-Formation, die Neu- oder Umformatierung einer bestehenden Formation.
Ist Transformation im Wesentlichen der Gegenstand einer untersuchend-analytischen Perspektive, versucht man solche paradigmatisch-strukturellen Veränderungsprozesse zu verstehen oder erklären. Der Untersuchungsgegenstand Transformation kann sich dabei auf ganz unterschiedlichen Ebenen befinden. Erstens auf einer gesellschaftlichen Mikroebene, in der zunächst die Transformation einzelner Menschen in den Blick kommt, z. B. aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive als transformative Lern- oder Bildungsprozesse, aber auch auf psychologischer oder theologischer Ebene als Konversion oder Dekonversion. Auf einer Mesoebene analysiert man zweitens die Transformation von Institutionen oder Organisationen, z. B. aus einer systemischen, organisationstheoretischen Perspektive. Transformationen der Gesamtgesellschaft liegen drittens auf der Makroebene. So untersucht man aus soziologischer Perspektive, wie bestimmte gesellschaftliche Megatrends wie Digitalisierung nachhaltig alle gesellschaftlichen Teilbereiche verändern, oder man forscht aus politikwissenschaftlicher Perspektive, wie sich in den Staaten des ehemaligen Ostblocks der politische Systemwechsel vollzogen hat. Viertens gibt es auch noch Transformationsprozesse auf der Metaebene, hier betrachtet man Ideen und Prozesse, die Gesellschaft und Kultur zuerst konstitutieren, also zugleich formen und hervorbringen, z. B. aus philosophischer und/oder historischer Perspektive. Dabei geht es darum, wie es genau dazu kam, dass das moderne Selbst- und Weltbild entstanden ist.
Transformation als Ziel
Gute deskriptive Analysen sind notwendig, um zumindest ein Stück weit zu verstehen, wer wir heute sind, was dieses Heute ist und warum und welche Stürme der Veränderung uns umwehen. Zugleich reicht es unseres Erachtens nicht, bei einer solchen Analyse stehen zu bleiben. Wie angedeutet helfen dabei die Konzeptionen von Transformation, die mit dem Begriff eine Zielperspektive aufstellen, auf die hin sich orientiert werden sollte.
Zunächst gibt es da ganz faktisch die Notwendigkeit oder gar den Zwang zur Transformation von bestehenden Systemen, die in einer Transformationsgesellschaft überleben wollen. Nur ein Beispiel hierfür ist die Kirche (besser: die Kirchen), die sich überwiegend in Schrumpfungsprozessen befinden und beständig an gesellschaftlicher Relevanz, finanziellen und personellen Ressourcen und damit an Gestaltungskraft verliert. Ähnlich sieht es gesamtgesellschaftlich aus. Wir wissen immer deutlicher, dass die Menschheit längst mehrere planetare Grenzen überschritten hat und dabei hochkomplexe, irreversible Prozesse in Gang gesetzt hat, die gravierende negative Auswirkungen auf die Menschheit haben werden, besonders auf die zukünftigen Generationen und besonders die in Armut lebenden. Vor allem unter dem Eindruck der Klimakrise wächst gegenwärtig das gesellschaftliche Bewusstsein, dass es eine »Große Transformation« hin zu einer wirklich nachhaltigen Gesellschaft geben muss. Ob den wachsenden Einsichten und Worten auch entsprechende Taten folgen, ist gegenwärtig offen. Einen Zwang zur Transformation zu postulieren, mag harsch klingen, aber letztlich stehen wir hier vor der Wahl, wie sie Harald Welzer folgendermaßen auf den Punkt brachte: »Transformation by design oder desaster«.1 Entweder wir schaffen es, die nötigen Transformationen zu gestalten, oder wir werden durch Krisen und Katastrophen hierzu genötigt. Betrachtet man die wissenschaftlichen Prognosen des Klimawandels, dann werden die bereits gravierenden gesellschaftlichen Transformationen und Änderungen unserer Lebensweise, in die wir gegenwärtig durch die Covid-19-Pandemie gezwungen werden, im Rückblick dabei vielleicht vergleichsweise harmlos erscheinen.
Angesichts dieser Herausforderungen verlassen auch viele Wissenschaftler:innen aus Disziplinen, die traditionell eher analytisch-deskriptiv arbeiten, die bequem neutrale Zone des Elfenbeinturms. In den Sozialwissenschaften ist die Öffentliche Soziologie (public sociology), die Gesellschaft weder nur beschreiben noch bloß kritisieren will, sondern mittels Wissenschaft und deren Kommunikation sich aktiv in die Gestaltung dieser Gesellschaft einmischen will, ein Beispiel. Ein anderes ist der wissenschaftstheoretische Ansatz einer transformativen Wissenschaft, die sich dezidiert als ein Akteur in der Großen Transformation versteht und diesen Prozess mit den zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Mitteln mitgestalten möchte, ohne dabei wissenschaftliche Qualitäts- und Gütekriterien zu unterlaufen.
In unserem interdisziplinären Studiengang der Transformationsstudien setzen wir nicht nur an den beschriebenen deskriptiven und normativen Perspektiven von Transformation an, sondern bringen zwei wissenschaftliche Disziplinen in einen Dialog, die beide, zumindest in manchen ihrer Theorietraditionen und Selbstverständnisse, auf Transformation zielen: zum einen die Sozialarbeitswissenschaft, zum anderen die Theologie.
Die Disziplin der Sozialarbeitswissenschaft dient der Profession der Sozialen Arbeit. Diese ist entstanden aus einer langen Geschichte der Hilfe von Menschen in Not und der Institutionalisierung dieser Hilfe. Historisch trat sie auf zu Beginn der modernen Gesellschaft als Ersatz für schwindende familiäre und verwandtschaftliche Sicherungs- und Erziehungsleistungen. Als eine solche soziale Feuerwehr wird sie auch heute noch oft missverstanden. Soziale Arbeit möchte jedoch nicht nur die Folgen sozialer Probleme vermindern, sondern vor allem präventiv arbeiten, und dies nicht nur auf der Ebene von Einzelnen oder Gruppen, sondern auch von ganzen Gemeinwesen und letztlich gesamtgesellschaftlich. Soziale Arbeit zielt auch darauf, gesellschaftliche Entwicklungen positiv zu beeinflussen und mitzugestalten, indem mit den Maßstäben sozialer Gerechtigkeit und der allgemeinen Menschenrechte Veränderungsbedarf angemahnt wird, an der Transformation von Strukturen und Systemen mitgearbeitet wird und indem Einzelne dazu befähigt und befreit werden, Akteur:innen zu werden, die an Gesellschaft teilhaben und Gesellschaft mitgestalten können.
Schließlich gibt es theologisch ein Verständnis von Mission als Transformation, verstanden als Aufruf zur Gestaltung der Welt im Licht des Evangeliums und als Partizipation an Gottes Heilshandeln auf allen Beziehungsebenen: der Beziehung des Menschen zu sich selbst, zu anderen Menschen, zur Schöpfung und zu Gott.
Sowohl theologisch als auch sozialarbeitswissenschaftlich kann aus einer solchen Perspektive die Große Transformation als Teil des Ziels von Mission einerseits und der Profession Sozialer Arbeit andererseits betrachtet werden. Die Missionen aller drei Bereiche unterscheiden wie überschneiden sich dabei: die theologisch formulierte Mission Gottes, das sozialarbeitswissenschaftlich formulierte Ziel der Gestaltung einer sozial gerechten und menschenrechtsorientierten Gesellschaft und das gesamtgesellschaftlich ausgerufene Ziel einer Großen Transformation hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft. Eine hohe Übereinstimmung gibt es jedenfalls in den Grundwerten: soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte, Solidarität, Achtung der Vielfalt, Freiheit, Gleichberechtigung als Werte der Profession Sozialer Arbeit; Gerechtigkeit, Liebe, Ebenbildlichkeit Gottes, Gleichwürdigkeit, Barmherzigkeit, Verantwortung zur Weltgestaltung und Freiheit als Werte einer Theologie der Transformation. Ähnlich gibt es eine Konvergenz in den Zielen und damit teils auch in den Praktiken: eine Veränderung des Menschen, seiner Lebenslage und der die Lebenslage bedingenden gesellschaftlichen Strukturen hier und eine Veränderung der Herzen und der Verhältnisse da.
Somit sind in einer systematischen Logik die unterschiedlichen Typen von Transformationsverständnissen skizziert, Transformation als Gegenstand und als Ziel, wie sie auf unterschiedlichen Ebenen untersucht und aus unterschiedlichen Perspektiven anvisiert wird.
Was dieses Buch will und leisten kann
Uns ist das Wagnis eines Handbuchs Transformation und die notwendige Begrenztheit dieses Bandes bewusst, und wir sind sehr dankbar, dass sich so viele namhafte Autor:innen auf dieses Experiment eingelassen haben. Handbuch Transformation. Der Titel macht das Vorhaben deutlich. Wir wollen den Versuch unternehmen, den Begriff Transformation in seiner Vieldeutigkeit aufzunehmen und seine unterschiedlichen Facetten aufzuzeigen, ihn zu systematisieren und somit mehr Klarheit und Verständnis in dessen Gebrauch zu bekommen. Im Untertitel des Buches haben wir die doppelte Dynamik, die wir in der Einleitung beschrieben haben, versucht auszudrücken. Wir sind den gesellschaftlichen Transformationen nicht hilflos ausgeliefert, sondern wir können den Wandel auf unterschiedlichen Ebenen mitgestalten. Für diese Gestaltung braucht es aber Zielrichtungen und Grundwerte für Mensch und Natur. Viele unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen beschäftigen sich mit Transformation als Zielrichtung, fast immer arbeitet man hier interdisziplinär; diesen Perspektiven widmen wir den ersten Teil des Handbuchs. Im zweiten Teil folgt dann eine Reflexion über Transformation als Ziel aus vielfältigen theologischen Perspektiven. Im dritten Teil schließlich werden die Auswirkungen der großen gesellschaftlichen Transformationen unserer Gegenwart analysiert. Alle drei Teile und die jeweiligen Einzelbeiträge werden von uns zu Beginn inhaltlich eingeleitet. Uns ist bewusst, dass wir mit diesem Handbuch den Begriff der Transformation nicht vollständig ausleuchten können, wir sind aber überzeugt, dass das vorliegende Handbuch einen guten Über- und Einblick in den heterogenen Gebrauch dieses Begriffes gibt. Dass dies gelungen ist, ist vor allem das Verdienst der Autor:innen, die an diesem Handbuch mitgewirkt haben und denen wir sehr dankbar sind. Einige davon sind als Lehrende Teil des Masters Transformationsstudien: Öffentliche Theologie und Soziale Arbeit an der CVJM-Hochschule.
Dabei bildet dieses Handbuch den Auftakt einer längeren und größeren Auseinandersetzung, denn es ist der erste Band der IST – »Interdisziplinäre Studien zur Transformation«, die sich in den nächsten Jahren den großen Themen unserer Zeit aus explizit transformatorischer Sicht zuwenden will. Parallel zu diesem Band erscheint schon Band 2: »Eine Transformatorische Ethik. Wege zum Leben« und es werden weitere Bände folgen. Wir freuen uns, dass wir dazu ein tolles Herausgeber:innenteam haben.
Wir sind sehr dankbar, dass wir im Neukirchener Verlag einen engagierten Partner für diese für uns wichtige Reihe gewonnen haben, und danken besonders Herrn Siepermann und Frau Atkinson für das große Vertrauen, eine so lange Wegstrecke mit uns zu gehen.
Sodann möchten wir vielen Menschen danken, die uns in der Entstehung dieses Bandes begleitet haben, besonders unserer Hilfskraft Ronja Dietrich, aber auch der CVJM-Hochschule und unserem tollen Kolleg:innenteam, mit dem wir im Master unterwegs sein dürfen.
Herbst 2020, Tobias Faix und Tobias Künkler
1 Sommer, Bernd; Welzer, Harald (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne. Oekom Verlag, S. 12.
Teil 1
Transformation als Ziel. Interdisziplinäre Perspektiven
Einführung
Tobias Künkler und Tobias Faix
Eines der wesentlichen Unterscheidungsmerkmale von Tieren und Menschen ist die massive Anpassungsfähigkeit von Menschen und ihre grundlegende Offenheit für Lernprozesse und ganz unterschiedliche kulturelle Umwelten. So kommt es, dass Menschen in Bottrop, der Savanne und am Südpol leben, Pinguine aber nur am Südpol. Letztere sind angewiesen auf eine spezifische Umwelt; Menschen können sich an unterschiedliche Umwelten anpassen, indem sie ihre eigene Kultur erschaffen. Die erste Große Transformation in diesem Prozess war die neolithische Revolution vor rund 10.000 Jahren in der Jungsteinzeit. Menschen begannen, mittels Ackerbau und Viehzucht sesshaft zu werden. Erst die historisch noch recht junge Industrialisierung kann als zweite Große Transformation betrachtet werden. »Befeuert durch die Erschließung und Nutzung über Jahrmillionen in der Erdkruste aufgebauter fossiler Energieträger, entfaltete die Menschheit ab Beginn des 19. Jahrhunderts eine nie dagewesene Produktivität. Sie ermöglichte eine gewaltige Explosion der Weltbevölkerung und einen Wohlstand für mehrere Milliarden Menschen auf dem Planeten Erde, der in vorangegangenen Menschheitsepochen nur kleinen Eliten überhaupt möglich war.«1
Der Preis für diese Erfolgsgeschichte ist die Überschreitung oder drohende Überschreitung planetarer Grenzen. Aus diesem Grund verkündete 2016 eine internationale Gruppe von Wissenschaftler:innen, dass wir im Erdzeitalter des Anthropozän leben. Seit Beginn der zweiten Großen Transformation sind die Eingriffe der Menschheit in biologische, geologische und atmosphärische Prozesse so massiv, dass deren Folgen den gesamten Globus für den Zeitraum eines ganzen Erdzeitalters (100.000–300.000 Jahre) prägen werden.
Mit dem Zeitalter der Menschen ist eine Weltrisikogesellschaft entstanden. Menschen beherrschen und kontrollieren die Natur einerseits immer stärker, andererseits verlieren sie immer mehr die Kontrolle, da fortlaufend nichtintendierte Nebenfolgen mit gravierenden Konsequenzen produziert werden. In einem Artikel der Wochenzeitung »Die Zeit« stand 2018, also lange vor der Covid-19-Pandemie, folgende Aussage: »Noch in den Siebzigerjahren galt: Verheerende Infektionskrankheiten würden bald besiegt sein. […] Doch der Optimismus verpuffte. Heute, 40 Jahre später, ist nichts mehr von ihm geblieben. Im Gegenteil: Forscherinnen und Forscher warnen vor einem Zeitalter der Epidemien, vor großen Seuchen, an deren Folgen Tausende Menschen sterben könnten.«2 Woher kamen diese Warnungen? Zum einen lagen Daten vor, die zeigten, dass Infektionskrankheiten an Häufigkeit und Dynamik ihrer globalen Verbreitung zunahmen. Nur die Spitze dieses Eisberges ist, dass die WHO 2009, 2014 und 2016 wegen Schweinegrippe, Ebola und Zika den internationalen Gesundheitsnotstand ausrief. Zum anderen ergeben sich aus den Daten immer mehr Hinweise, dass das Zeitalter der Menschen auch das Zeitalter der Epidemien werden könnte. Deutlich wird das beispielsweise an den Ergebnissen einer aktuellen Studie, die zeigt, dass seit 1990 60 bis 70 Prozent aller neuartigen Krankheiten bei Menschen durch eine Übertragung durch Wildtiere erfolgte. Im gleichen Zeitraum vernichteten Menschen Regenwald in der Größe von ungefähr siebenmal der Fläche von Großbritannien.3 Die Covid-19-Pandemie ist natürlich nicht unmittelbar und direkt vom Menschen gemacht, jedoch ist sie auch nicht bloßes Schicksal. Wie es der obige schon zitierte Artikel auf den Punkt bringt: »Weil die Massentierhaltung zunimmt, der Planet sich aufheizt, Menschen in Städte drängen und rasch um die Welt reisen können – alles charakteristisch für das Menschenzeitalter –, haben es gefährliche Krankheitserreger heute so leicht wie nie, für eine Katastrophe zu sorgen.« Bei all dem ist zu bedenken, dass die Covid-19-Pandemie mit einem anderen Erreger noch viel dramatischer hätte ausfallen können. Während die Sterblichkeitsrate, die sogenannte Letalität, bei Covid-19 nach bisherigen Berechnungen unter 1 Prozent liegt, lag die Letalität des MERS-Virus, das 2012 in Saudi-Arabien und 2015 in Südkorea ausbrach und das glücklicherweise frühzeitig eingedämmt werden konnte, bei 30 Prozent. Bis heute gibt es trotz intensiver Forschungen keinen wirksamen Impfstoff gegen MERS.
Dies alles sind erste, noch relativ harmlose, Folgen der Weltrisikogesellschaft, die die planetaren Grenzen nicht einhält. Der berühmte Bericht »Grenzen des Wachstums«, den der Club of Rome 1972 veröffentlichte, vermittelte erstmals ein Bewusstsein, dass die Erde und ihre natürlichen Rohstoffe begrenzt sind und auch Wachstum daher begrenzt sein muss.4 Mittlerweile ist deutlich geworden, dass nicht die Knappheit der Rohstoffe das zentrale Problem ist. Wissenschaftler:innen gehen von neun planetaren Grenzen aus, von denen wir drei bereits überschritten haben (der Verlust an Biodiversität, die globalen Nitrateinträge in Ökosysteme und am bekanntesten das Klimasystem durch den Treibhauseffekt). Betrachten wir nur die bekannteste planetare Grenze des Klimasystems. Aus dieser Perspektive heraus hat die Menschheit mehr Rohstoffe zur Verfügung, als gut für sie ist. Man schätzt, dass in allen vorhandenen fossilen Rohstoffreserven, also Öl, Kohle und Gas, noch ca. 10.000 Gigatonnen gebundener Kohlenstoff enthalten sind. Um die durch die Überschreitung der Grenze schon in Gang gesetzte globale Erwärmung nicht um mehr als 2 Grad zu überschreiten, dürfen nur noch 800 Gigatonnen des gebundenen Kohlenstoffs als CO2 in die Atmosphäre gelangen. Dort existiert aktuell 1/3 mehr Kohlenstoff als in den letzten 800.000 Jahren zuvor, erst in den letzten drei Jahrzehnten ist mehr als die Hälfte davon hinzugekommen. Das ist ungefähr der Zeitraum, seit der die Menschheit dieses Problem erkannt hat.
Bei der Frage nach den Folgen des Klimawandels liegt der Fokus oft nur auf dem Anstieg des Meeresspiegels. Unterschätzt werden exponentielle Dynamiken, wechselseitige Aufschaukelungsprozesse (auch Teufelskreise genannt) und langfristige Folgen. Ob sich die Erde um 2, 3 oder 4 Grad erwärmen wird, klingt zunächst vielleicht nicht nach gravierenden Unterschieden, hat nach den wissenschaftlichen Prognosen aber massiv unterschiedliche Auswirkungen. Nehmen wir nur das Beispiel der Hitze. Seit 1980 hat die Anzahl der gefährlichen Hitzewellen global um das 50-Fache zugenommen, Tendenz steigend. Die fünf wärmsten Sommer seit dem 15. Jahrhundert in Europa wurden alle nach dem Jahr 2002 gemessen. Kommt es zum gegenwärtigen Best-Case-Szenario einer 2-Grad-Erwärmung, werden »nur« die Großstädte um den Äquator unbewohnbar, »nur« 400 Millionen Menschen leiden unter Wassermangel, und in unseren nördlichen Breitegraden würden die Sommermonate »nur« Tausende von Menschen das Leben kosten, ähnlich wie in gegenwärtigen Extremsommern. Bei einer 3-Grad-Erwärmung wäre der Kipppunkt für das komplette Schmelzen der Pole erreicht. Mehr als 100 Städte auf der ganzen Welt würden unter Wasser stehen, Südeuropa würde dauerhaft verdorren, die durchschnittliche Trockenzeit in Nordafrika würde fünf Jahre andauern und in den USA würde sechsmal so viel Fläche durch Waldbrände zerstört. Bei einer 4-Grad-Erwärmung, auf die wir bis Ende des Jahrhunderts mit dem aktuellen Trend zusteuern, würden große Teile der Erde (z. B. ganz Asien südlich von Sibirien) durch Hitze, Verwüstungen und Überschwemmungen quasi unbewohnbar gemacht. Selbstverständlich beruht all das auf wissenschaftlichen Prognosen, die immer auch einen Fehlerspielraum haben. Seit Beginn der Klimafolgenforschung hat sich jedoch gezeigt, dass die Folgen meist eher unterschätzt wurden und die Folgen heute schon spürbarer sind als in den Szenarien gedacht. Wesentlich sind dafür wohl die exponentiellen Dynamiken und Aufschaukelungsprozesse verantwortlich. Nur ein Beispiel: Je stärker das Eis an den Polen schmilzt, desto weniger Sonnenlicht kann reflektiert und absorbiert werden, desto schneller erwärmt sich die Erde, desto weniger können die Meere CO2 aus der Luft aufnehmen, desto schneller erwärmt sich die Erde, desto schneller taut der Permafrostboden in der Arktis auf, der allein ca. 18.000 Tonnen Kohlenstoff bindet. Dies ist mehr als doppelt so viel, wie sich momentan in der gesamten Erdatmosphäre befindet.
Neben der Hitze sind aber auch Hunger, Ertrinken, Flächenbrände, Süßwassermangel, sterbende Meere, verpestete Luft, Seuchen, zusammenbrechende Wirtschaftssysteme, Klimaflüchtlinge und Klimakonflikte weitere Auswirkungen des Klimawandels. Mit anderen Worten: »Die desaströsen Auswirkungen, die wir heute überall um uns herum erleben, sind immer noch besser als das Best-Case-Szenario.«5 Genau deswegen leben wir in einem Kairos, der eine dritte Große Transformation nötig macht. »Und wenn unser Planet innerhalb der Lebensspanne einer Generation bis an den Rand einer Klimakatastrophe gebracht wurde, bedeutet das, dass die Verantwortung dafür, das abzuwenden, ebenfalls einer einzigen Generation zufällt. Wir wissen auch, wem – uns.«6 Genau aus diesem Grund ist Transformation unvermeidlich, sie wird entweder aktiv gestaltet hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft, oder wir werden durch Desaster und Katastrophen zur Transformation gezwungen.
Mit der Großen Transformation ist die zentrale Zielperspektive von Transformation, wie sie gegenwärtig gesellschaftlich debattiert wird, umschrieben. Wie in der Einleitung angedeutet, gibt es aus anderen Perspektiven auch weitere Verständnisse von Transformation als einem Ziel gesellschaftlicher Entwicklung, zumeist umfassen diese aber auch das, was unter der Großen Transformation verstanden wird. Um Transformation als Ziel aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven geht es in diesem Teil des Buches. Einzelne Beiträge beziehen sich zwar stellenweise auch auf theologische Inhalte, grosso modo sind sie aber aus human- oder sozialwissenschaftlicher Perspektive verfasst, die nicht theologisch ist. Die dezidiert theologischen Beiträge zu Transformation als Ziel sind im zweiten Teil des Buches versammelt.
Dieser Abschnitt des Buches beginnt mit dem Aufsatz von Jürgen Harder mit dem Titel »Transformation und ökologisches Handeln«. Wie der Titel deutlich macht, geht es auch Harder um eine Große Transformation. Hierzu betrachtet er das Konzept der Nachhaltigkeit sowie den Begriff der Ökologie genauer und macht am Beispiel von Kipppunkten im ökologischen System die Notwendigkeit einer weltweiten Transformation deutlich. Auch zeigt er, dass und wie der Begriff der Transformation auch eine theologisch-spirituelle Dimension hat und welche Folgen sich daraus für ökologisches Handeln ergeben.
In seinem Beitrag »Die Rolle der Zivilgesellschaft im 21. Jahrhundert. Taktgeber der Großen Transformation« versteht Uwe Schneidewind die Große Transformation als ein im Kern kulturell-moralisches Projekt bzw. eine kulturell-moralische Revolution. Eine besondere Rolle in diesem Prozess kommen aus seiner Sicht zivilgesellschaftlichen Akteur:innengruppen zu, also Umweltverbänden, Kirchen, Gewerkschaften, Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen sowie weiteren sozialen Bewegungen von unten. Zivilgesellschaftliche Akteur:innen, so Schneidewind, sind Mahner:innen, Mittler:innen und Motor für die Entwicklung einer nachhaltigen Gesellschaft. Sie bringen die Große Transformation nicht nur faktisch voran, sondern begründen mit ihrem Engagement allererst die moralische Grundlage dieses zivilisatorischen Wandels.
Einen Beitrag zur Großen Transformation können auch soziale Innovationen liefern. In ihrem Artikel »Soziale Innovationen und Transformation. Zur Relevanz zweier sozialwissenschaftlicher Konzepte für soziales, kirchliches und diakonisches Handeln« liefern Germo Zimmermann und Annett Adler eine Verhältnisbestimmung. Wie verhalten sich die Transformation und soziale Innovation zueinander? Sie argumentieren dabei aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive und konkretisieren ihre Erkenntnisse, indem sie Konsequenzen für die Gestaltung sozialer Innovationen im kirchlich-diakonischen und sozialen Kontext ziehen. Dies geschieht, indem sie neun Elemente sozialer Innovation vorstellen und am Beispiel der Plattform »Wheelmap« durchspielen. So liefern sie einen Orientierungsrahmen, der die Relevanz sozialer Innovationen für Kirche und Diakonie im 21. Jahrhundert aufzeigt.
»Transformation und Soziale Arbeit am Beispiel der Tradition der Gemeinwesenarbeit« lautet der Beitrag von Tobias Künkler, der ein zentrales Überschneidungsfeld von Sozialer Arbeit als Profession und der Mission der Kirche nachzeichnet. Indem er der Tradition der Gemeinwesenarbeit entlang von Geschichte, Merkmalen und Prinzipien nachgeht und auch einen Blick auf kirchliche Gemeinwesenarbeit und Gemeinwesendiakonie richtet, zeigt er auf, dass Transformation ein zentraler Zielaspekt Sozialer Arbeit ist, auch wenn dieser immer wieder in Gefahr steht, aus dem Blick zu geraten. Insbesondere wo es der Sozialen Arbeit gelingt, den kritisch-emanzipatorisch-politischen Gehalt der Gemeinwesenarbeit auch in neueren Ansätzen wiederzugewinnen, kann Soziale Arbeit eine transformative Soziale Arbeit sein.
Auf eine Untersuchung des Transformationsbegriffs des brasilianischen Pädagogen und Aktivisten Paulo Freire zielt der Beitrag »Das transformative Moment der Praxis: Paulo Freires Wegweiser für Radikale« von Ulli Vilsmaier und Danilo Streck. Da Freires Transformationsverständnis zentral von der situativen und kontextuellen Verortung des Menschen ausgeht, erarbeiten sie dieses auch an der Spezifik der Praxis, des Werkes und Wirkens von Paulo Freire, das in einem konkreten historischen und kulturellen Kontext stattfand. Genau damit aber legen sie das auch noch für heutige Praxis gültige Potenzial des Transformationsbegriffs nach Paulo Freire frei, das für alle die von großer Relevanz ist, die diese aktiv gestalten wollen. Sichtbar wird somit ein Verständnis von Transformation, das den Menschen als ein transzendierendes Wesen versteht, das auf Befreiung, Freiheit und Hoffnung hin angelegt ist.
Wer Transformation anvisiert, muss mit Konflikten rechnen. Marcus Weiand sieht in seinem Beitrag »Konflikttransformation« darin aber nicht nur eine Problematik. Das Konzept der Konflikttransformation, das er vorstellt, sieht selbst in festgefahrenen Konflikten ein Transformationspotenzial. Damit ist weder ein einfacher Weg noch ein magisches Rezept beschrieben. Vielmehr stellt Weiand zentrale »Wendepunkte« für den Weg der Konflikttransformation dar und erarbeitet, inwiefern Konflikttransformation sowohl auf die Veränderung persönlicher Haltungen und eigener Werte als auch der Situation, in der der Konflikt stattfindet, zielt.
Nach Raban Daniel Fuhrmann sollten wir »Transformation gestalten durch Demokratieentwicklung«. Dazu trägt er mit einer prozeduralen Perspektive bei, die den Fokus auf das Wie, die Prozeduren und Vorgehensweisen, legt, mit denen man diesen Prozess in Gang setzen kann. Auch eine sozial-ökologische Transformation ist für den Autor letztlich keine Frage des Willens, sondern des Könnens. Wie wir besser Demokratie können, ist von einer modernen Demokratiepolitik zu lernen. Am Beispiel des Auftrages einer aktuellen Enquete-Kommission des Landtags von Nordrhein-Westfalen beschreibt Fuhrmann die Implikationen zweier zentraler Arbeitsfelder einer solchen modernen Demokratiepolitik, die Demokratie als lernendes System begreift.
Ein in vielen Institutionen, besonders in Kirchgemeinden, vielfach propagierter Anspruch ist: »Bei uns ist jeder willkommen!«. Bei näherem Hinsehen gibt es jedoch häufig eine Kluft zwischen Wort und Tat. Hiermit sind wir bei der Frage der Inklusion, der Marcel Redling in seinem Aufsatz »Transformation und Inklusion. Inklusive Kirchen als gesellschaftlich-transformatorische Kraft« nachgeht. Redling zeigt am Beispiel der Kirche, wie sich Institutionen verändern müssen, wenn sie wirklich inklusiv werden wollen. Deutlich wird dabei, welche Bedingungen und Voraussetzungen für einen solchen transformativen Prozess vorliegen müssen. Wo eine solche Transformation gelingt und Menschen mit Behinderungen selbstverständlicher Teil der kirchlichen Gemeinschaft sind, kann Kirche stimmig gesellschaftsgestaltende Kraft sein und ihrerseits transformativ in ihren Kontext wirken.
1 Schneidewind, Uwe; Wuppertal Institut (2018): Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels. Fischer-Verlag, S. 133.
2 Simmank, Jakob (2018): »Willkommen im Zeitalter der Epidemien«, in: Zeit online, 6.09.2018. Abgerufen von https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2018-08/krankheitserreger-epidemien-kongo-ebola-anfaelligkeit-anthropozaen-ausbruch. Abgerufen am 17.10.2020.. Abgerufen am 17.10.2020.
3 Carrington, Damian (2020): „Pandemics result from destruction of nature, say UN and WHO«, in: The Guardian, 17.06.2020. Abgerufen von https://www.theguardian.com/world/2020/jun/17/pandemics-destruction-nature-un-who-legislation-trade-green-recovery?fbclid=IwAR3TYorufle6lYILo8IDlcV3EWJnt52jzHLgB4_RsTDFvSlwgR6DRM5hc_4. Abgerufen am 17.10.2020. . Abgerufen am 17.10.2020.
4 Meadows, Dennis; Club of Rome (Hrsg.) (1972): Die Grenzen des Wachstums: Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Deutsche Verlagsanstalt.
5 Wallace-Wells (2019): Die unbewohnbare Erde. Leben nach der Erderwärmung. Ludwig Erhard Verlag, S. 31.
6 Ebd., S. 15.
Transformation und ökologisches Handeln
Jürgen Harder
Die Dringlichkeit eines konsequenten ökologischen Handelns, das die Lebensgrundlagen unseres Planeten nicht zerstört, sondern bewahrt, ist in den vergangenen Jahren immer deutlicher geworden. Der folgende Artikel bietet eine Übersicht über wichtige politische und wissenschaftliche Stationen der Umwelt- oder Ökologiebewegung im 20. und 21. Jahrhundert und fragt nach dem Beitrag von Kirche und Theologie in der »Großen Transformation«.

Abb. 1: Blue Marble
Quelle Abbildung: NASA (1972)
Dieses Foto verdankt sich einer Grenzüberschreitung: Es ist eine der ersten Aufnahmen des voll erleuchteten Erdballs von »außen«, aufgenommen am 7. Dezember 1972 an Bord von Apollo 17. Die Original-Bildunterschrift der NASA-Fotografie lautet: »View of the Earth as seen by the Apollo 17 crew traveling toward the moon.«
Vom Brundtland-Bericht zur Agenda 2030
Als »Blue Marble« wurde das Foto zu einer medialen Ikone der in den 1970er-Jahren aufkommenden Umweltbewegung: Der blaue Planet im schwarzen Weltenraum – Symbol für globale Verantwortung auf einer kostbaren, einzigartigen »Perle« im All. Dieses »von außen« vermittelte neue Bewusstsein einer zerbrechlichen Erde findet Eingang in eines der wichtigsten internationalen Dokumente des 20. Jahrhunderts, den sogenannten Brundtland-Bericht aus dem Jahr 1987:
»In the middle of the 20th century, we saw our planet from space for the first time. Historians may eventually find that this vision had a greater impact on thought than did the Copernican revolution of the 16th century, which upset the human self-image by revealing that the Earth is not the centre of the universe. From space, we see a small and fragile ball dominated not by human activity and edifice but by a pattern of clouds, oceans, greenery, and soils. Humanity’s inability to fit its activities into that pattern in changing planetary systems, fundamentally. Many such changes are accompanied by life-threatening hazards. This new reality, from which there is no escape, must be recognized – and managed.«1
Unter der Überschrift »From One Earth to One World« beschreibt der Brundtland-Bericht mit seinen einleitenden Worten eine kopernikanische Wende im Weltbewusstsein des Menschen. Menschliche Aktivität bedroht das Leben auf einem fragilen Planeten – eine neue Realität, die wahrgenommen und »gemanagt« werden muss. Spätestens hier wird die Notwendigkeit eines globalen ökologischen Handelns formuliert, allerdings noch unter dem evolutionären Vorzeichen Entwicklung (Development) und weniger als tiefgreifende Transformation bestehender Systeme.
»Our Common Future« von 1987 markiert den Beginn eines weltweiten Diskurses über Nachhaltigkeit (Sustainability). Wichtige Vorläufer waren das Buch »Silent Spring« (»Stummer Frühling«) der amerikanischen Meeresbiologin Rachel Carson, das 1962 mit seiner dramatischen Beschreibung einer durch Pflanzenschutzmittel vergifteten, »verstummten« Natur weltweit zum Erwachen des Umweltbewusstseins beitrug, sowie der 1972 veröffentlichte Bericht des Club of Rome »Grenzen des Wachstums«.
Der Brundtland-Bericht prägte den Begriff Sustainability (der als »nachhaltende Nutzung« im deutschen Sprachraum ursprünglich der Forstwissenschaft des 18. Jahrhunderts entstammt) mit folgender Definition:
»Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs. It contains within it two key concepts:
the concept of ›needs‹ in particular the essential needs of the world’s poor, to which overriding priority should be given; and
the idea of limitations imposed by the state of technology and social organization on the environment’s ability to meet present and future needs.«2
Das Dreieck der Nachhaltigkeit
Im Gefolge dieser Impulse luden die Vereinten Nationen im Jahr 1992 zu einer Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro ein, die als »Rio-Konferenz« oder »Erdgipfel« bekannt geworden ist. Mit dem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung wurde dort ein ganzheitlicher und globaler Ansatz entworfen, der die Dimensionen der Nachhaltigkeit (Sustainability alias »Umweltschutz« als Thema des globalen Nordens) und der Entwicklung (Development alias wirtschaftliche Entwicklung als Thema des globalen Südens) verband und in der Denkfigur des Dreiecks der Nachhaltigkeit populär wurde: ökologische Tragfähigkeit, ökonomische Leistungsfähigkeit und soziale Gerechtigkeit werden als Eckpunkte eines Dreiecks verstanden, die miteinander verbunden und in eine ausgewogene Balance zu bringen sind.
»Transforming our World«
Dieses Konzept bestimmte alle nachfolgenden UN-Nachhaltigkeits- und Klimakonferenzen maßgeblich und mündete schließlich in den erneuerten Ansatz der Sustainable Development Goals (SDG), der auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung 2015 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurde.
Die zugehörige Agenda 20303 mit ihren 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung spricht weiterhin von »Sustainable Development« – nachhaltiger Entwicklung –, stellt diesem gedanklichen Erbe aus dem Brundlandt-Bericht jedoch eine »transformatorische« Überschrift voran: Transforming our World.4 Der Anspruch und die Vision der Agenda 2030 sind in ihrer Universalität beispiellos:
»This is an Agenda of unprecedented scope and significance. It is accepted by all countries and is applicable to all, taking into account different national realities, capacities and levels of development and respecting national policies and priorities. These are universal goals and targets which involve the entire world, developed and developing countries alike. They are integrated and indivisible and balance the three dimensions of sustainable development.«5
»Transforming our world« beschreibt in den visionären Worten der Autoren eine durch zielgerichtetes, menschliches Handeln grundlegend veränderte, »transformierte« Welt: »In these Goals and targets, we are setting out a supremely ambitious and transformational vision. We envisage a world free of poverty, hunger, disease and want, where all life can thrive. We envisage a world free of fear and violence. A world with universal literacy. A world with equitable and universal access to quality education at all levels, to health care and social protection, where physical, mental and social well-being are assured. A world where we reaffirm our commitments regarding the human right to safe drinking water and sanitation and where there is improved hygiene; and where food is sufficient, safe, affordable and nutritious. A world where human habitats are safe, resilient and sustainable and where there is universal access to affordable, reliable and sustainable energy.«6
Planetare Grenzen
Im Hintergrund dieses universal-transformativen Anspruchs steht unter anderem das Konzept der »planetaren Grenzen«, das von einer Gruppe von Erdsystem- und Umweltwissenschaftler:innen unter Leitung von Johan Rockström (Stockholm Resilience Centre) entwickelt und 2009 erstmals veröffentlicht wurde.7 Die zugehörige Grafik zeigt – wie schon das Blue-Marble-Foto – den Planeten Erde, diesmal jedoch unter einem Kreisdiagramm aus neun »boundaries« mit dem jeweiligen Grad der Überlastung. In der aktuellen Version von 2015 (Abb. 2) sind vier planetare Grenzen zum Teil erheblich überschritten: Klimawandel, Unversehrtheit der Biosphäre, Landnutzung und biogeochemische Kreisläufe (Phosphor und Stickstoff). Diese planetaren Grenzen (gestrichelte Kreislinie im Diagramm) können angesichts der Komplexität des Erdsystems keine absoluten Werte darstellen, sondern lediglich Risikobereiche (safe, increasing risk, high risk) und Wahrscheinlichkeiten unterscheiden. Dennoch wird deutlich, dass sich der Zustand des Erdsystems im Anthropozän dramatisch verschlechtert hat und insbesondere die Gefahr des Erreichens sogenannter Kipppunkte und einer weiteren irreversiblen Schädigung der Weltökosysteme erheblich zugenommen hat – beziehungsweise in manchen Bereichen schon Realität ist (Regenwaldabholzung im Amazonasgebiet, Auftauen der Permafrostböden, Klimaveränderungen). Abgesehen von der Ozonbelastung in der Stratosphäre haben sich seit Beginn der Messungen alle bekannten Indikatoren verschlechtert, allen politischen und zivilgesellschaftlichen Bemühungen zum Trotz. Die Welt befindet sich in einer fundamentalen ökologischen Krise.
Abb. 2: Planetary Boundaries
Quelle Abbildung: Lokrantz (2015)

Oikos und Logos
Der Begriff Ökologie ist ein Kompositum aus den altgriechischen Wörtern oikos (οἶκος, Haus, Haushalt) und logos (λόγος, Wort, Lehre) und teilt sich den Bestandteil oikos mit anderen geläufigen, aber scheinbar weit entfernten Komposita wie Ökonomie und Ökumene. Die Wortbildung Oecologie erfolgte erst im 19. Jahrhundert, prominent bei dem deutschen Zoologen Ernst Haeckel. Unter der Überschrift »Oecologie und Chorologie« definiert er: »Unter Oecologie verstehen wir die gesammte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Aussenwelt, wohin wir im weiteren Sinne alle ›Existenz-Bedingungen‹ rechnen können.«8
Der Begriff der (Wechsel-)Beziehung der Organismen bleibt auch in modernen fachspezifischen Definitionen prägend, wird jedoch in mehrfacher Hinsicht erweitert. Michael Begon definiert Ökologie als die »wissenschaftliche Untersuchung der Verbreitung und Abundanz von Organismen, der Wechselbeziehungen, welche dieser Verbreitung und Abundanz zugrundeliegen, sowie der Wechselbeziehungen zwischen Organismen und der Umwandlung und dem Fluss von Energie und Stoffen.«9
Der heutige umgangssprachliche Gebrauch des Begriffs Ökologie wird sich nur selten dieser fachwissenschaftlichen Herkunft bewusst sein. Im Kontext der Umweltbewegung des 20. und 21. Jahrhunderts wurde Ökologie zu einem populären normativen Begriff, der auf die »Grenzen des Wachstums« hinweist und Verhaltens- beziehungsweise strukturelle Änderungen auf individueller (Lebensstil), staatlicher (nationale Umweltpolitiken) oder globaler (internationale Vereinbarungen) Ebene anmahnt.
Politik im Anthropozän
Eine Vielzahl von NGOs (zum Beispiel Greenpeace, BUND oder Germanwatch) nimmt sich seit Jahrzehnten des Themas an, zivilgesellschaftliche Protestbewegungen wie »Extinction Rebellion« oder »Fridays for Future« um Greta Thunberg irritieren mit zivilem Ungehorsam und lautstarken Demonstrationen nicht nur die »fossile« Politik und Wirtschaft, sondern sogar alteingesessene Umweltorganisationen. Der jahrhundertalte Gedanke der »Nachhaltigkeit«10 ist vor dem Hintergrund einer rapide voranschreitenden Weltzerstörung mit der wachsenden Gefahr disruptiver Brüche zu einem globalen Thema geworden, das – darin sind sich nahezu alle wissenschaftlichen Berichte und Prognosen einig – über die Zukunft der Menschheit im Anthropozän11 entscheidet.
Kippelemente im Erdsystem
Das klimapolitische 2-Grad-Ziel, das auf der UN-Klimakonferenz in Cancún im Dezember 2010 als Minimalziel der internationalen Staatengemeinschaft anerkannt worden ist, kann unter den gegebenen politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen kaum noch erreicht werden – abgesehen davon, dass der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change, »Weltklimarat«) mittlerweile von der Notwendigkeit eines 1,5-Grad-Ziels spricht, um die Konsequenzen des Klimawandels auf ein zumindest erträgliches Maß zu senken. Das Erreichen sogenannter Kippelemente (tipping points) im Erdsystem wird mit steigenden Temperaturen zu nicht linearen, unumkehrbaren Dynamiken führen, die die Anpassungsfähigkeiten von Mensch und Natur bei Weitem überfordern. Der deutsche Klimaforscher Hans-Joachim Schellnhuber, der das Konzept der Tipping-Points ab dem Jahr 2000 in die Forschung eingebracht hat, spricht unter anderem von folgenden bereits heute beobachtbaren Kippprozessen mit gravierenden Folgen für die Gesamtstabilität des Erdsystems: Rückgang des polaren Meereises, Tauen des Permafrostes, Änderung der Meeresströmungen, Wetterextreme und Ausbreitung von Krankheiten.12
So ist »Das Ende der Welt, wie wir sie kannten«13 keine ferne Dystopie, sondern bereits jetzt im Gange – mit den Worten eines Buchtitels des Soziologen Stephan Lessenich: »Neben uns die Sintflut«14. Die Welt steht so oder so vor einer Großen Transformation: »by design or by desaster«15:
»Eine Gesellschaft, die über ihren Fortbestand angesichts sich dramatisch verändernder Umweltbedingungen nicht nachdenkt, kann nicht fortbestehen. Das heißt: Sie wird unter großen menschlichen Kosten peu à peu zerfallen und im Verlauf dieses Zerfalls ihre Fähigkeit, sich selbst zu transformieren, immer weiter einbüßen. Oder sie wird sich kulturell und sozial erneuern und als eine andere, transformierte, überleben.«16
Die dritte »Große Transformation«
Vor diesem Hintergrund werden transformatorische Perspektiven und sozial-ökologische Handlungsräume auf allen Ebenen gesellschaftlichen Zusammenlebens überlebenswichtig. Zu den Meilensteinen des Diskurses auf politischer Ebene gehört sicherlich das 2011 erschienene Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) unter dem Titel »Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation«. Das umfangreiche und kontrovers diskutierte Gutachten bezieht sich ausdrücklich auf den 1944 erschienenen Titel »The Great Transformation« des ungarischen Ökonomen Karl Polanyi und sieht die Menschheit angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nach der neolithischen und der industriellen Transformation vor einer dritten Großen Transformation, die im Gewand eines neuen Gesellschaftsvertrages, also eines spezifischen Zusammenwirkens von staatlichen und gesellschaftlichen Kräften organisiert werden soll. Der Leitbegriff der Transformation wandert damit von der Anthropologie über die Ökonomie zur Ökologie.
Es ist interessant, dass Maja Göpel, die derzeitige Generalsekretärin des WBGU, in ihrem 2016 veröffentlichten Buch »The Great Mindshift« den technisch-politisch geprägten Transformationsbegriff im Titel vermeidet und stattdessen von der mentalen Ebene eines »Bewusstseinswandels« (Mindshift) spricht. Dieser Bewusstseinswandel ist zumindest sprachlich nicht weit entfernt von dem neutestamentlichen Begriff metanoia (μετάνοια), der als »Umdenken, Umkehr« eine zentrale Rolle in der Botschaft Jesu spielt. Doch auch der Begriff Transformation hat einen religiösen Hintergrund, der bei einem Blick in das Deutsche Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm deutlich wird: Das Verb »transformieren« als umformen, verwandeln findet gemäß den Belegen im »Deutschem Wörterbuch« fast ausschließlich Verwendung in der mystischen Literatur17: Meister Eckhart übersetzt Paulus (1 Kor 15,51): »ez sprichet Paulus: wir werden alzemâle transformieret in got unde verwandelt.« Und in den »Sermones« schreibt Johannes Tauler: »wir werden transformirt von clarhait in clarhait in dasselb bilde von dem geiste gottes.« 18
Trans-formare und Pro-cedere
Die auf den ersten Blick eher technisch anmutenden Begriffe Transformation/transformieren offenbaren in diesen sprachgeschichtlichen Zusammenhängen eine überraschende Tiefe. Insbesondere die innere beziehungsweise gottgewirkte Verwandlung (Transformation), wie sie Meister Eckhart und Johannes Tauler im Rückgriff auf biblische Quellen beschreiben, ist geeignet, den heutigen Sprachgebrauch von Transformation (und »Großer Transformation«) zu bereichern beziehungsweise zu vertiefen. Im Schatten der internationalen Diskussionen um eine »nachhaltige Entwicklung« waren es ja die Kirchen der Ökumene, die bereits in den 80er-Jahren die konziliare Formel »Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« prägten und damit auf biblisch-theologischer Grundlage einen normativen und ganzheitlichen Ansatz formulierten, der inhaltlich nahe an den Konzepten der Nachhaltigkeit liegt. Insbesondere der schöpfungstheologische Gedanke einer Creatio continua als einer durch die Zeit fortgesetzten Schöpfungs- und Erhaltungstätigkeit Gottes ist anschlussfähig an moderne Konzepte von Natur, Ökologie und Transformation. Als Beispiel sei die Process Theology genannt: Die im deutschsprachigen Raum wenig rezipierte Prozesstheologie im Gefolge der Prozessphilosophie A. N. Whiteheads begreift Gott nicht als »allmächtiges, fremdes Gegenüber«, sondern – gleichsam panentheistisch – als »gestaltende, formative Kraft des Universums.«19
Schöpfung als Creatio continua erscheint in diesen Denkzusammenhängen nicht als etwas Vergangenes, Abgeschlossenes und damit auch Äußerliches, sondern als ein auf Beziehungen beruhender Prozess steter Wandlung – von Gott, Welt und Mensch. (vgl. hierzu die Beiträge von Rabens und Ott auf den Seiten 165 und 151)
Ökologisches Handeln
Neben den großen politischen oder wissenschaftlichen Entwürfen zu Nachhaltigkeit und Transformation, von denen hier beispielhaft der Brundtland-Bericht, die Planetary Boundaries, die Agenda 2030 und das Hauptgutachten des WBGU genannt worden sind, ist in den letzten Jahren eine Vielzahl von theoretischen Konzepten und praxisorientierten Initiativen entstanden, die von radikaler Kritik an der »imperialen Lebensweise« des globalen Nordens20 oder der Annahme strukturell bedingter Nicht-Nachhaltigkeit moderner Gesellschaften21 über Reallabore der Transformation22 bis hin zu neuen ökonomischen Konzepten reicht (zum Beispiel Degrowth, Gemeinwohlökonomie, Donut-Ökonomie, Transition Town und Postwachstumsgesellschaft). Die Kirchen sind vielerorts Teil oder sogar treibende Kraft dieser vielfältigen Suchbewegungen. Auch die Agenda 2030 steht auf dem Boden der jahrzehntelangen konziliaren Bemühungen um »Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung«.23
Ökologisches Handeln – insbesondere der Verzicht und eine »Ethik des Genug« – bedarf einer tiefen intrinsischen Motivation, die sich vielleicht nur in einem »Ineinander« von Immanenz und Transzendenz ausbilden und als transformative Kraft zeigen kann. Jede Kirchengemeinde kann aus diesem tiefen Schöpfungs- und Erlösungsglauben heraus ökologisch handeln und so zu einem kleinen »Reallabor« der Transformation werden.
Literatur
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1 World Commission on Environment and Development (1987).
2 Ebd, S. 32.
3 UN General Assembly (2015).
4 Deutsche Fassung: Martens; Obenland (2017).
5 UN General Assembly (2015).
6 Ebd., S. 3–4.
7 Rockström, Steffen u. a. (2009).
8 Haeckel (1866), S. 286.
9 Begon (2017), S. 4.
10 Grober (2013).
11 Crutzen (2000).
12 Rahmstorf; Schellnhuber (2019), S. 53 ff.
13 Welzer (2010).
14 Lessenich (2016).
15 Sommer; Welzer (2017), S. 29.
16 Ebd., S. 12.
17 Grimm; Grimm (o. J.).
18 Ebd.
19 Anselm (2012), S. 228 ff.
20 I.L.A. Kollektiv (2017); (2019).
21 Blühdorn (2020).
22 Schneidewind (2018).
23 EKD (2018).
Die Rolle der Zivilgesellschaft im 21. Jahrhundert. Taktgeber der Großen Transformation1
Uwe Schneidewind
Zivilgesellschaftliche Organisationen sind zentrale Akteure für den Wandel in Richtung Nachhaltigkeit. Sie treiben dieses zutiefst kulturelle Zivilisationsprojekt auf vielerlei Weise voran. Dabei bewirken sie immer dann besonders viel, wenn sie ihre Rolle als Mahner, Mittler und Motor gut zu kombinieren verstehen. Bei der Idee nachhaltiger Entwicklung handelt es sich im Kern um eine »moralische Revolution«2: Erstmals in der Menschheitsgeschichte wird die Vision eines gleichen Rechts auf gutes Leben innerhalb der planetaren ökologischen Grenzen zum internationalen politischen Kompass. Die im Jahr 2015 verabschiedeten Vereinbarungen der Pariser Klimakonferenz und die kurz vorher von den Vereinten Nationen beschlossenen nachhaltigen Entwicklungsziele sind Ausdruck dessen. Gleichzeitig zeigen politische und gesellschaftliche Entwicklungen seit 2015, wie fragil dieser zivilisatorische Fortschritt ist. In einer solchen Situation kommt zivilgesellschaftlichen Organisationen eine besondere Bedeutung zu.3
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts befindet sich die Menschheit in einem Epochenumbruch. Durch ihre ökonomischen Aktivitäten ist sie erstmalig in ihrer Geschichte in der Lage, globale geoökologische Prozesse selbst zu beeinflussen. Aktuell droht sie dabei, eine Reihe von planetaren Grenzen zu überschreiten, deren Einhaltung eine zentrale Grundlage für die menschliche Entwicklung in der bisherigen Erdgeschichtsphase war. Erdgeschichtsforscher:innen bezeichnen die neue Epoche deswegen auch als Anthropozän, das vom Menschen getriebene Erdzeitalter. Der menschlich beeinflusste Klimawandel, die Übersäuerung der Ozeane, der massive Verlust der Artenvielfalt oder das flächendeckende Einbringen von Kunststoffen und anderen Chemikalien in die Ökosysteme sind Ausdruck der naturzerstörenden menschlichen Produktions- und Lebensformen. Aus dieser Wirkmacht leitet sich eine neue Dimension der Verantwortung im Umgang mit dem Planeten ab.
Nachhaltige Entwicklung als kulturelle Revolution
Im Kern handelt es sich bei der Idee der nachhaltigen Entwicklung um ein kulturelles Projekt. Sie beschreibt einen weiteren Schritt in der Entwicklung menschlicher Zivilisation hin zu einer Welt, in der die Würde und die Entfaltungsmöglichkeiten von Menschen überall auf dieser Erde heute und in Zukunft Kompass für gesellschaftliches, politisches und ökonomisches Handeln sind – und das trotz der ökologischen Grenzen des Planeten. Ein derartiger moralisch-zivilisatorischer Fortschritt hat in der Menschheitsgeschichte immer wieder stattgefunden. Daher besteht die Hoffnung, dass die Idee einer nachhaltigen Entwicklung keine Utopie bleiben muss.
So gerahmt wird schnell deutlich, dass nachhaltige Entwicklung als ein im Kern kulturelles Menschheitsprojekt gedacht werden muss (vgl. Abb. 1): Wenn in der öffentlichen Debatte um Nachhaltigkeit oft ökologische, technologische und ökonomische Fragen im Zentrum stehen, verstellt das den Blick für die zivilisatorische Dimension, die hinter dieser Vision steht. Nur wenn der zivilisatorische Kompass klar ist, werden sich politisch-institutionelle Rahmenbedingungen entwickeln, in denen sich dann auch wirtschaftliche und technologische Kräfte im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung entfalten. Technologische Lösungen für einzelne ökologische Probleme alleine garantieren kein Erreichen dieses Zivilisationsprojektes. Die kontroverse Debatte über die Effekte der Digitalisierung und des ökologischen Rebounds in bestehenden ökonomischen Strukturen sind Ausdruck davon.4 Die Kunst der Zukunftsgestaltung5 muss von ihrem kulturellen Ende her gedacht werden. Technologische Lösungen für einzelne ökologische Probleme alleine garantieren kein Erreichen des Zivilisationsprojektes einer nachhaltigen Entwicklung. Das Projekt erfordert neue Rollenverständnisse aller relevanten Akteursgruppen: der Politik, der Wissenschaft, von Unternehmen. Eine Große Transformation ist nur in geteilter Verantwortung dieser Akteursgruppen zu erreichen: Während Wissenschaft neue Möglichkeitsräume aufzeigen kann, schaffen Unternehmen technologische und ökonomische Lösungsoptionen und gestaltet Politik institutionelle Rahmen für Transformationsprozesse. Eine besondere Rolle kommt jedoch solchen Akteur:innen zu, die mit ihrem Engagement die moralische Grundlage des zivilisatorischen Wandels begründen, Bilder wünschenswerter Zukünfte zeichnen und damit überhaupt erst den Ausgangspunkt für politisch-institutionelle, ökonomische und technologische Veränderungen schaffen (vgl. Abb. 2). Das erklärt die Sonderrolle zivilgesellschaftlicher Organisationen, die für eine nachhaltige Entwicklung streiten: Seien es Umweltverbände, Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen oder kirchliche Einrichtungen.
Abb. 1: Die vier Dimensionen der Zukunftskunst
Quelle Abbildung: Schneidewind; Wuppertal Institut (2018), S. 298

Joanna Macy, eine der großen Vordenkerinnen zivilgesellschaftlichen Engagements, unterscheidet in ihren Analysen zum »Great Turning« (Große Transformation) drei fundamentale Ansatzpunkte für das zivilgesellschaftliche Engagement:6 die Veränderung von Bewusstsein und Werten durch das Engagement; Widerstand und Protestaktionen gegen aktuelle, nicht nachhaltige Trends sowie die Schaffung neuer alternativer Strukturen für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Dieser Dreiklang macht zivilgesellschaftliche Organisationen zum Motor der Großen Transformation. Im gleichnamigen Buch werden diese unterschiedlichen Rollen als Mittler-, Mahner- und Motor-Funktion bezeichnet.7 Erfolgreiche zivilgesellschaftliche Organisationen verstehen es, alle drei Rollen wahrzunehmen und zwischen ihnen in geeigneter Weise zu »oszillieren«. Oder um es in der Sprache der »Zukunftskunst« auszudrücken: ihre Rollen zwischen Kämpfer:in und Künstler:in zu wechseln.8
Abb. 2: Die Akteure der Großen Transformation
Quelle Abbildung: Schneidewind; Wuppertal Institut (2018), S. 298

Das Ringen um den deutschen Kohlekonsens ist ein lebendiger Beleg für diese Rollenwechsel: Ohne die intensiven Proteste insbesondere im Hambacher Forst wäre es am Ende in der auch von Umweltverbänden getragenen Kohlekommission nicht zu einem Kompromiss gekommen,9 der zu einem massiven Rückbau von Kohlekraftwerken schon in den frühen 2020er-Jahren führen soll (trotz des aus Klimaschutzsicht erst späten Gesamtausstieges Mitte der 2030er-Jahre). Ähnliche Herausforderungen stellen sich für die zivilgesellschaftlichen Organisationen bei der Mobilitäts- und der Agrarwende. Auch hier sind Mahner-, Motor- und Mittlerfunktion in den kommenden Jahren immer wieder in einen guten Ausgleich zu bringen.
Die Würde aller im Blick behalten
Dabei sind die Werte und die Einflussmöglichkeiten, über die zivilgesellschaftliche Organisationen verfügen, unterschiedlich ausgeprägt. Umweltverbände, Kirchen, Gewerkschaften sowie soziale Bewegungen von unten haben jeweils besondere Potenziale (vgl. Abb. 3). In der Diskussion um den Kohlekompromiss wurde das deutlich.10 Gerade Umweltverbände und Gewerkschaften standen in der Auseinandersetzung durchaus für unterschiedliche Facetten einer gerechten Transformation (just transition). Aber der besondere Wert der Kohlekommission lag darin, dass es gelungen ist, die Würde der heute vom Kohleausstieg vor Ort Betroffenen in einen Ausgleich zu bringen mit der Würde der oft heute noch gar nicht Geborenen hierzulande, aber vor allem in anderen, vom Klimawandel besonders betroffenen Teilen der Welt. An dieser Stelle wird der zivilisatorische Charakter des Projektes einer nachhaltigen Entwicklung eindrucksvoll sichtbar.
| Zivilgesellschaftliche Gruppen | Steht für was im normativen Kompass? | Mechanismen der »Ermächtigung« |
| Umweltverbände | MittelschutzGlobale Gerechtigkeit | Einfluss auf politische DiskurseSanktionierung unternehmerischen HandelnsOrientierung und Empowerment |
| Kirchen | Universeller Humanismus | Einfluss auf gesellschaftliche DiskurseAusstrahlung gelebter Nachhaltigkeitspraxis |
| Gewerkschaften | Teilhabe/Soziale Gerechtigkeit | Einfluss auf politische DiskurseCo-Gestaltung unternehmerischer Prozesse |
| Soziale Bewegungen von unten | TeilhabeHandlungsermächtigung | Ermächtigung von unten auch als politische und unternehmerische Prozesse |
Abb. 3: Ansatzpunkte unterschiedlicher zivilgesellschaftlicher Organisationen
Quelle Abbildung: Schneidewind; Wuppertal Institut (2018), S. 310
In anderen Transformationsfeldern sind die Interessenlagen von Gewerkschaften und Umweltverbänden kongruenter: Aktuell erweisen sich die Gewerkschaften als zentraler Motor für eine umfassende Mobilitätswende und machen ihren Einfluss in den Aufsichtsräten der großen Automobilkonzerne geltend. Sie fürchten um die Arbeitsplätze in dieser Schlüsselbranche Deutschlands, wenn sie sich den ökologischen Zukunftsherausforderungen und dem aktuellen globalen Umsteuern nicht stellen. Die Mahner-Rollen von Umweltverbänden und Gewerkschaften weisen hier in die gleiche Richtung, die Motor-Funktion wird jedoch mit unterschiedlichen Gestaltungsmitteln wahrgenommen. Zivilgesellschaftliche Organisationen sind Ausgangspunkt und zentraler Motor moralischer Revolutionen. Je besser sie ihre Rollen verstehen und sich miteinander vernetzen, umso kraftvoller können sie die Transformation zu einer nachhaltigen Entwicklung befördern.
Literatur
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Lange, Steffen; Santarius, Tilman (2018): Smarte Grüne Welt? Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit. Oekom.
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Praetorius, Barbara; Kaiser, Martin; Körzell, Stefan; Grothus, Antje (2019): »Reflexionen nach der Schlacht: Erfahrungen aus der Kohlekommission«, in: Politische Ökologie, Jg. 37 Nr. 1, S. 51–60.
Schneidewind, Uwe; Wuppertal Institut (2018): Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels. Fischer-Verlag.
Weiger, Hubert (2019): »Ohne Druck von unten geht es nicht. Vom Verhältnis von organisierter Zivilgesellschaft, Politik und Bevölkerung«, in: Politische Ökologie, Jg. 37 Nr. 1, S. 37–43.
1 Ursprünglich erschienen in Politische Ökologie, 37. Jahrgang, 156 (April 2019): https://portal.dnb.de/opac.htm?method=showFullRecord¤tResultId=%22oekom%22+and+%22politische%22+and+%22ökologie%22%26any¤tPosition=6#. Mit freundlicher Genehmigung des oekom Verlags. . Mit freundlicher Genehmigung des oekom Verlags.
2 Appiah (2011).
3 Weiger (2019), S. 37 ff.
4 Lange; Santarius (2018).
5 Schneidewind; Wuppertal Institut (2018).
6 Macy (2009).
7 Schneidewind; Wuppertal Institut (2018).
8 Für diese Formel danke ich Olaf Bandt vom BUND. Er hat sie in einer Diskussion über die »Zukunftskunst« geprägt.
9 Niebert (2019), S. 61 ff.
10 Praetorius; Kaiser u. a. (2019): S. 51 ff.
Soziale Innovationen und Transformation. Zur Relevanz zweier sozialwissenschaftlicher Konzepte für soziales, kirchliches und diakonisches Handeln
Annett Adler und Germo Zimmermann
Kirche und Diakonie sind in besonderem Maße darauf angewiesen, sich im Sinne der »ecclesia semper reformanda« kontinuierlich weiterzuentwickeln. Diese Urformel der Reformation ist auch 500 Jahre später – in Zeiten von schwindenden Kirchenmitgliedszahlen und abnehmender gesellschaftlicher Relevanz der etablierten Kirchen – aktueller denn je. Sie betrifft dabei sowohl systematisch-theologische Perspektiven, ethisch-normative Aspekte als auch Fragen nach den Organisationsstrukturen. Für die kirchliche Praxis besteht die Herausforderung darin, im Kontext der diakonischen und gemeindepädagogischen Angebote und Dienste den neuen und alten Problemen mit innovativen Ideen zu begegnen. Wer diese Herausforderungen im hauptberuflichen oder ehrenamtlichen Alltag erfolgreich meistern möchte, ist gut beraten, den Blick einmal über den Tellerrand der Theologie zu werfen und im Kontext der Sozialwissenschaften Konzepte und Kontextualisierungen sozialer Innovationsprozesse zu studieren, um daraus relevante neue Gestaltungsoptionen für die kirchengemeindliche, sozialarbeiterische und -diakonische Praxis zu erlangen.1
Der vorliegende Beitrag zeichnet Verhältnisbestimmungen von Transformation und sozialer Innovation aus sozialwissenschaftlicher Perspektive nach und diskutiert diese im Hinblick auf die Gestaltung sozialer Innovationen im kirchlich-diakonischen und sozialen Kontext. Das Ziel des Beitrages besteht darin, einen Orientierungsrahmen anzubieten, der das Zusammenspiel von sozialer Innovation und Transformation aufzeigt und daraus Elemente zur Bestimmung sozialer Innovationen für die Praxis ableitet. Dabei gliedert sich der Beitrag wie folgt: Nach der Einleitung werden verschiedene sozialwissenschaftliche Perspektiven zum Nexus von sozialen Innovationen und Transformation präsentiert, um daran anschließend eine Definition sozialer Innovation vorzustellen. Um soziale Innovationen für die Praxis besser einordnen zu können, werden im folgenden Abschnitt neun Elemente sozialer Innovation expliziert und am Beispiel der Plattform »Wheelmap« konkretisiert. Den Abschluss bildet die Diskussion der Relevanz sozialer Innovationen für Kirche und Diakonie im 21. Jahrhundert.
Soziale Innovation und Transformation aus sozialwissenschaftlichen Perspektiven
Wandel und Veränderungsprozesse sind ein immanenter Gegenstand sozialwissenschaftlicher Betrachtungen. Im Folgenden wird jeweils aus der Perspektive der Soziologie, Politikwissenschaft und Sozialen Arbeit auf das Verhältnis von Transformation und sozialer Innovation geschaut, um daraus Erkenntnisse für die Praxis im kirchlichen sozialen Kontext abzuleiten.2
Die Verhältnisbestimmung von Transformation und sozialer Innovation stellt sich nicht nur vor dem Hintergrund der disziplinären Perspektiven als vielfältig dar, sondern ist auch davon begleitet, dass die Begriffe Transformation und sozialer Wandel im gesellschaftspolitischen wie auch im wissenschaftlichen Diskurs synonym verwendet werden (vgl. Abb. 1).3
Transformation als gezielter Prozess zur Veränderung von Institutionen
Modus und Konzept
zur Bestimmung



Sozialer Wandel
Reaktion
Teilmenge/
Katalysator
Reaktion


Teilmenge/
Katalysator
Soziale Innovation
Abb. 1: Eigene Darstellung: Zusammenhang Transformation, soziale Innovation und sozialer Wandel
Es zeigt sich zunächst, dass es sich bei Transformation, sozialem Wandel und sozialen Innovationen um komplexe und ambivalente Prozesse handelt, die in Abhängigkeit der jeweiligen wissenschaftlichen Disziplin unterschiedlich gedeutet, bewertet und miteinander in Beziehung gesetzt werden. Soziale Innovationen werden inter- bzw. transdisziplinär erforscht. Insofern kommt es zu Überschneidungen und zum Teil auch Unschärfen. So wird der Begriff im englischsprachigen Kontext in fünf verschiedenen Perspektiven verwendet:4
gesellschaftliche Transformation,
Modell des Organisationsmanagements,
Sozialunternehmertum (Social Entrepreneurship, Social Businesses),
Entwicklung von neuen Produkten, Angeboten oder sozialen Dienstleistungen (gemeinwohlorientiert),
Governancemodell, das Empowerment und Kompetenzerwerb ermöglicht.
All diesen Perspektiven ist gemein, dass soziale Innovationen nicht zufällig, sondern gezielt entstehen. Sie werden von Einzelnen oder einer Gruppe von Akteur:innen initiiert und gesellschaftlich wirksam. Darüber hinaus treten soziale Innovationen sektorübergreifend auf, sodass – je nach Forschungstradition – unterschiedliche Teilbereiche der Gesellschaft im Blick sind. Gemessen an ihrem sozialen Ziel werden sie daher nicht nur im Non-Profit-Sektor (Zivilgesellschaft) oder aus informellen Kontexten heraus entwickelt, sondern können ebenfalls im privatwirtschaftlichen (Markt) als auch öffentlichen Sektor (Staat) angesiedelt sein: Die Gründung von Genossenschaften durch den Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen (um 1840; Zivilgesellschaft/Markt) oder die Einführung des Sozialversicherungssystems unter Otto von Bismarck (um 1880; Staat) sind Beispiele solcher sozialen Innovationen. Jüngere Beispiele sind etwa die Verbreitung des fairen Handels (ab 1940; Zivilgesellschaft/Markt) oder die Open-Source- bzw. Open-Access-Bewegung (1970er; Zivilgesellschaft). Sie alle bieten Lösungen für neue gesellschaftliche Herausforderungen oder eröffnen neue Handlungsperspektiven für bestehende Probleme und entstehen insofern nicht zufällig. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass diese Zuordnung oder Deutung abhängig von den jeweiligen politischen Kontexten, aber auch von der sozialwissenschaftlichen Perspektive ist.
Soziologische Perspektiven auf soziale Innovation und Transformation
Transformation wird in soziologischer Perspektive als ein Modus adressiert, um sozialen Wandel zu bestimmen. Angela Pohlmann (2016) bezeichnet Transformation als »Prozesse gesellschaftlicher Veränderung, die explizit auf die Entwicklung spezifischer Institutionen zielen«5. Diese werden unter anderem in der soziologischen Transformationsforschung untersucht.6 Gegenwärtige Auseinandersetzungen beziehen sich inhaltlich dabei auch auf nachhaltige Entwicklung im Sinne der »Sustainable Development Goals« (SDG) der UN.7 Dabei werden soziale Innovationen als Katalysator gesellschaftlicher Transformationsprozesse bestimmt. In dieser Deutung gelten die Nachhaltigkeitsziele der UN (etwa der Zugang zu bezahlbarer, verlässlicher, nachhaltiger und zeitgemäßer Energie für alle) als Richtschnur für Transformationsprozesse, die sich z. B. in Maßnahmen zur Energiewende niederschlagen. Soziale Innovationen wie z. B. Energiegenossenschaften beschleunigen demnach gesellschaftliche Transformationsprozesse. Weitere Auseinandersetzungen, die soziale Innovationen und Nachhaltigkeit miteinander verknüpfen, beschäftigen sich mit nachhaltigem Konsum und benennen unter anderem Urban Gardening, Konsumgemeinschaften (Sharing Economy) wie Mitfahrgelegenheiten, Carsharing, Foodsharing, Näh- und Repair-Cafés als praktische Beispiele.8
Darüber hinaus werden soziale Innovationen im Kontext technologischer Innovation benannt. Zunächst geraten soziale Innovationen im Zuge der Digitalisierung in den Fokus, um Technologieakzeptanz zu schaffen. Hier wird der interdisziplinäre Diskurs des Themas deutlich, da soziale Innovationen auch aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive relevant sind. Das zeigt sich z. B. innerhalb der Digitalwirtschaft, in der neue Geschäftsmodelle wie Uber oder AirBnB als soziale Innovationen verhandelt werden,9 aber auch im Zuge der Veränderung der Arbeitswelt und der Mensch-Technik-Interaktion, wie z. B. bei kognitiven Assistenzsystemen (KAS) in Industrieunternehmen, die sich mit der Digitalisierung von Produktionsprozessen beschäftigen. Aus praxistheoretischer Perspektive verstehen Jürgen Howaldt und Michael Schwarz soziale Innovation wie folgt:
»Eine soziale Innovation ist eine von bestimmten Akteuren bzw. Akteurskonstellationen ausgehende intentionale, zielgerichtete Neukonfiguration sozialer Praktiken in bestimmten Handlungsfeldern bzw. sozialen Kontexten, mit dem Ziel, Probleme oder Bedürfnisse besser zu lösen bzw. zu befriedigen, als dies auf der Grundlage etablierter Praktiken möglich ist.«10
In dieser Perspektive weist die Definition deutliche Parallelen zum Transformationsbegriff auf, da beide eine zielgerichtete Veränderung adressieren. Ebenso wird »sozial« hier in Abgrenzung zur »technologischen« Innovation verhandelt (und nicht im Sinne von sozial = am Gemeinwohl orientiert). Transformation beschreibt insofern einen sozialen Wandel, also Veränderungsprozesse, die sich auf der Mikro-, Meso- und Makroebene abspielen.11 Für uns ist dies insbesondere für die Gestaltung sozialer Innovationen relevant, da sie auf individueller (Mikroebene) und organisationaler Ebene (Mesoebene) bearbeitbar sind. Inwiefern jedoch Veränderungen auf der Ebene der Gesamtgesellschaft (Makroebene) möglich sind, bleibt offen und kann erst im Rückblick bestimmt werden.
Der politikwissenschaftliche Zugang
Auch wenn nach Delf Rothe »sozialer Wandel« keine zentrale Bezugskategorie der Politikwissenschaften darstellt, wird dieser unter anderem »in der Analyse politischer Transitions- bzw. Transformationsprozesse« verhandelt.12 Mit Blick auf sozialen Wandel ist die politikwissenschaftliche Perspektive insbesondere an der politischen Steuerbarkeit gesellschaftlicher Transformationen sowohl auf lokaler als auch globaler Ebene interessiert.13 So avancierte der Transformationsbegriff etwa im Kontext der klimapolitischen Debatte zu einem neuen Leitbegriff (vgl. Gutachten des WBGU).14
Darüber hinaus werden soziale Innovationen auch als Governance-Ansatz oder Strategie z. B. in der nachhaltigen Stadt- und Regionalentwicklung adressiert, die auf Koproduktion zwischen verschiedenen Akteur:innen setzt. Hier sind neben den bereits genannten Themen (Klimaschutz und Digitalisierung) vor allem der Fokus auf sozialen Zusammenhalt (social cohesion) und die Integration zivilgesellschaftlicher Akteur:innen im Blick.15 Als Beispiele für solche Governance-Strategien sind auf europäischer Ebene »Smart Cities« bzw. auf bundespolitischer Ebene die Forschungs- und Innovationsagenda »Zukunftsstadt« zu nennen. Die Förderung sozialer Innovationen kann in diesem Zusammenhang daher auch als eine politisch gewollte Steuerungsmöglichkeit gesehen werden.
Hier deutet sich ein Doppelcharakter an, wonach sich soziale Innovationen an den Bedürfnissen der Adressat:innen orientieren sollen und gleichzeitig Strategien politischen Handelns sind, um Herausforderungen des Klimawandels und den Veränderungen der Arbeitswelt durch Digitalisierung zu begegnen. Dieser Doppelcharakter erinnert an das doppelte Mandat Sozialer Arbeit, das sich an der Lebenswelt und dem Wohl ihrer Adressat:innen orientieren soll (»Hilfe« = Mandat der Klient:innen), gleichzeitig aber auch im politischen Auftrag der Gesellschaft handelt (»Kontrolle« = staatliches Mandat).
Soziale Arbeit und soziale Innovation
Im Zusammenhang mit Sozialer Arbeit werden (soziale) Innovationen als mögliche Antwort auf den gegenwärtigen Veränderungs- und Innovationsdruck von Organisationen der Sozial- und Gesundheitswirtschaft relevant, womit sie auch als Teil des Transformationsprozesses von Wohlfahrtsorganisationen verstanden werden können.16 In dieser Betrachtung sind daher auch diakonische Einrichtungen oder Mitgliedsorganisationen der großen Wohlfahrtsverbände im Blick – der Brückenschlag zu Kirchen und gemeinde- bzw. religionspädagogischen Organisationen ist somit leicht möglich. In dieser Zuspitzung bedingt Transformation (soziale) Innovationen:
»Soziale Innovationen können als resonante, kommunikativ- und operativ-infektiöse Ideen für einen gesellschaftlichen Wandel verstanden werden, die aufgrund von technologischen, ökologischen und politischen Veränderungen der Gesellschaft – z. B. durch erlebbare Krisen – als nachlaufende Lösungen bzw. Anpassungen der bisherigen sozialen und kulturellen Praxen wirken. Nachhaltige Änderungen erfolgen durch die Entwicklung neuer Formen der Interaktion, der Institutionalisierung und der Instrumente. Soziale Innovationen basieren dabei besonders auf den Prinzipien der Inklusion, der Hybridisierung und der Systematisierung.«17
In dieser Auffassung betont die Verwendung von »nachlaufend«, dass soziale Innovationen nicht nur als Katalysator und Teilbereich von sozialem Wandel verstanden werden können, sondern Transformationsprozesse zur Ausgangsbedingung von sozialen Innovationen werden. Die Betonung des Nachlaufens ergänzt den oben angesprochenen Doppelcharakter sozialer Innovationen. Kritisch kann angemerkt werden, dass sozialen Innovationen eine Reparaturfunktion zugesprochen wird. Andererseits wird postuliert, dass soziale Innovationen im Umfeld Sozialer Arbeit gesellschaftlichen Problemen mit der Stärkung der Autonomie des:der Einzelnen, Solidarität, Empowerment, sozialer Gerechtigkeit und Netzwerkarbeit begegnen und damit bestenfalls zu einem social wellbeing führen.18 Die Recherche zu sozialen Innovationen im Kontext Sozialer Arbeit zeigt insofern, dass hier in der Tendenz Organisationsveränderungen (Mesoebene) im Blick sind. Ein Beispiel ist die Entwicklung sozialer Innovationen im Kontext sozialer Dienste (etwa durch Innovationsprojekte oder neue Kooperationsformen mit Kommunen, Wirtschaftsunternehmen, Vereinen oder Stiftungen). Eine entsprechende Agenda, die die genannten Punkte integriert, liefert das Eckpunkte-Papier des Caritasverbandes (2012) zu sozialen Innovationen.19
Mit dem Blick auf soziale Innovation als Teilmenge und Katalysator sozialen Wandels wird sie aber auch für die Soziale Arbeit als Profession und ihre Teilbereiche wie der Gemeinwesenarbeit bzw. -diakonie anschlussfähig. Dies zeigt sich insbesondere vor dem Hintergrund des eigenen und international gültigen Professionsverständnisses Sozialer Arbeit, das die Unterstützung des sozialen Wandels ausdrücklich formuliert und einfordert:
»Social work is a practice-based profession and an academic discipline that promotes social change and development, social cohesion, and the empowerment and liberation of people. Principles of social justice, human rights, collective responsibility and respect for diversities are central to social work. Underpinned by theories of social work, social sciences, humanities and indigenous knowledge, social work engages people and structures to address life challenges and enhance wellbeing.«20
Vor diesem professionellen Selbstverständnis sollen soziale Innovationen nicht nur als Reaktion auf Transformationsprozesse innerhalb sozialer (und gesundheitlicher) Wohlfahrts- und Dienstleistungsorganisationen verstanden werden, sondern auch als gezielter Gestaltungs- und Lösungsansatz. Unter Rekurs auf die allgemeine und breit gefasste Arbeitsdefinition der Young Foundation definieren wir soziale Innovationen daher wie folgt:
»Soziale Innovationen sind neue Lösungen (Produkte, Dienstleistungen, Modelle, Märkte, Prozesse usw.), die gleichzeitig einen sozialen Bedarf (effektiver als bestehende Lösungen) decken und zu neuen oder verbesserten Fähigkeiten und Beziehungen sowie einer besseren Nutzung von Ressourcen führen.«21
Zusammenspiel von sozialer Innovation und Transformation in der Praxis
Die Betrachtung der verschiedenen sozialwissenschaftlichen Perspektiven konnte zeigen, dass es sich bei sozialen Innovationen um ein inter- und transdisziplinäres Forschungs- und Praxisfeld handelt, welches insbesondere mit gesellschaftspolitisch formulierten Herausforderungen (der Großen Transformation) wie Klimawandel, Nachhaltigkeit und Digitalisierung verbunden wird. Neben der thematischen Verknüpfung zeigt sich, dass soziale Innovationen sowohl als Katalysator für sozialen Wandel und Transformationen als auch als deren Teilmenge gesehen werden (siehe Abb. 1).
Darüber hinaus wurde deutlich, dass in der sozialwissenschaftlichen Betrachtung ein Fokus auf die Organisationsebene (Mesoebene) liegt, von der sodann Lösungen für gesellschaftliche Problemlagen auf der Mikro- und der Makroebene erfolgen können. Als Teilmenge sozialen Wandels und von Transformationen charakterisiert soziale Innovationen ein doppelter Charakter: Sie fungieren selbst als Gestaltungsansatz für identifizierte Problemlagen und sind gleichzeitig als eine Reaktion auf Veränderungsdruck von außen zu verstehen. Letzteres zeigt sich insbesondere bei den politisch motivierten Governance-Strategien als auch bei der Diskussion sozialer Innovationen innerhalb der Wohlfahrtsorganisationen. Im sozialen Sektor geben sie Antworten auf bestehende soziale Fragen, wie z. B. das von Johann Hinrich Wichern gegründete Rauhe Haus als Antwort auf die soziale Frage im 19. Jahrhundert. Andererseits antworten soziale Innovationen auf neue Fragen der Gesellschaft, die aufgrund gesellschaftlicher Herausforderungen und technologischer Möglichkeiten erst entstehen. Ob soziale Innovationen als solche bewertet werden, hängt sowohl von ihrem Verbreitungsgrad als auch ihrer zeitlichen und lokalen Situiertheit ab und kann, wie bei anderen Innovationsformen auch, erst rückwirkend entschieden werden.
Neun Elemente sozialer Innovation
Auf Basis der bisher vorgestellten Aspekte und des Literaturstudiums lassen sich folgende neun Elemente sozialer Innovation ableiten: Da es sich bei sozialen Innovationen um intendierte soziale Praktiken handelt, stellt sich zunächst die Frage nach den (1) Akteur:innenkonstellationen, von denen die soziale Innovation ausgeht. Diese können Einzelpersonen, Gruppen und Bewegungen, aber auch Organisationen bzw. Netzwerke oder Kooperationen verschiedener Organisationen umfassen. Zweitens wird mit dem (2) Handlungsfeld ausgedrückt, welchen sozialen Bedürfnissen durch die Einführung der sozialen Innovation begegnet werden soll. Diese sollen sich an den Adressat:innen der sozialen Innovation ausrichten, woran sich auch die (3) Partizipationsformen der sozialen Innovation bemessen lassen. Hierbei kann auf die Art der Zusammenarbeit rekurriert werden, in der zwischen Kooperation (Adressat:innen als Informationsquelle), der Kollaboration (Adressat:innen als Assistent:innen der Akteur:innen), der Koproduktion (Adressat:innen und Akteur:innen arbeiten zusammen) sowie des Kodesigns (Adressat:innen entwickeln soziale Innovationen und werden dabei von Akteur:innen beraten) unterschieden wird.22 Viertens beschreibt die (4) Intentionalität die Planbarkeit und Zielgerichtetheit des Prozesses. Diese lässt sich beispielsweise an den Netzwerken und der Öffentlichkeitsarbeit oder auch am Leitbild oder der Vision der Akteur:innen erkennen. Neben der Intentionalität kann ebenfalls nach den (5) Typen sozialer Innovation gefragt werden. Die Young Foundation differenziert aus einer wirtschaftlich orientierten Perspektive folgende Typen sozialer Innovation:23
neue Produkte (z. B. VR-Brillen),
neue Dienstleistungen (z. B. Video-Sprechstunden beim Arzt),
neue Prozesse (z. B. Crowdsourcing),
neue Märkte (z. B. Fair Trade),
neue Plattformen (z. B. Vermittlungsportale wie AirBnB),
neue Organisationsformen (z. B. Bioenergiedörfer),
neue Geschäftsmodelle (z. B. Social Businesses).
Im Unterschied zu den Typen sozialer Innovation wird beim (6) Innovationsgrad die Art und Weise der Neuheit bestimmt. Hier zeigt sich in der Praxis, dass durch den Neuartigkeitsanspruch ein Erwartungsdruck geschürt wird, den lokale und regionale Projekte und Initiativen möglicherweise nicht erfüllen können. Daher werden an dieser Stelle auch die Neukombinationen und ein Wiederentdecken alter Formen einbezogen, die ebenfalls eine kreative Gestaltungsmacht entfalten können.24 Um den Innovationsgrad zu bestimmen, kann unter Rekurs auf Anne Parpan-Blaser und mit Blick auf Innovationen für Angebote der Sozialen Arbeit zwischen der Entwicklung, der expansiven, totalen sowie evolutionären Innovation unterschieden werden (vgl. Abb. 2).

Bei einer Entwicklung handelt es sich nicht um eine Innovation, da ein bereits bestehendes Angebot oder Verfahren für eine bereits bekannte Adressat:innengruppe weiterentwickelt wird. Bei der expansiven Innovation hingegen basiert die Neukonfiguration darauf, ein bereits bestehendes Angebot oder Verfahren für eine neue Adressat:innengruppe fruchtbar zu machen. Die evolutionäre Innovation setzt bei einer bestehenden Adressat:innengruppe an und entwickelt für diese ein neues Angebot bzw. Verfahren. Der Grad der totalen Innovation als Gegenpol zur Entwicklung zeigt sich darin, dass sowohl der Adressat:innenkreis als auch das Angebot bzw. Verfahren neu eingeführt werden.
Der (7) Ort der Innovation bezieht sich auf die Sektoren (Markt, Staat, Zivilgesellschaft und informeller Sektor), in denen und für die soziale Innovationen vorangetrieben werden. Das achte Kriterium fragt nach (8) Überschneidungen zu und Kooperationen mit anderen Innovationsformen und eröffnet damit den Blick darauf, dass soziale Innovationen Verbindungen zu technologischen, ökonomischen, ökologischen, politischen und kulturellen Innovationen aufweisen (können).25 Das letzte Element umfasst den (9) Diffusions- und Verbreitungsgrad. Es wird danach gefragt, inwiefern soziale Innovationen es schaffen, gesellschaftliche Strukturen zu transformieren. Hierbei spielt die Messbar- und Skalierbarkeit von sozialen Innovationen eine Rolle. Ob und inwiefern sich diese Elemente sozialer Innovation für den Praxisabgleich eignen, wird im folgenden Abschnitt anhand eines Beispiels einer sozialen Innovation geprüft und veranschaulicht.
Die Wheelmap als Beispiel einer sozialen Innovation
Die Wheelmap ist eine digitale Wiki-Karte, in der nach dem Crowdsourcing-Prinzip Informationen zu rollstuhlgerechten und barrierefreien Orten gesammelt und öffentlich zugänglich gemacht werden. Auf der Plattform www.wheelmap.org können weltweit Orte gefunden, eingetragen oder auch bewertet werden. »Die seit 2010 verfügbare Karte soll Rollstuhlfahrer:innen und Menschen mit anderen Mobilitätseinschränkungen helfen, ihren Tag planbarer zu gestalten. Aktuell sind eine Million Cafés, Bibliotheken, Schwimmbäder und viele weitere öffentlich zugängliche Orte erfasst. Täglich kommen über 300 neue Einträge hinzu.«26 Mittlerweile ist die Wheelmap auch als App für Smartphones (iOS und Android) verfügbar. Das Projekt wurde von Raul Krauthausen und dem Verein Sozialhelden e.V. initiiert. Beziehen wir nun die neun Elemente sozialer Innovationen auf das Beispiel Wheelmap, so zeigt sich folgendes Bild:
Die (1) Akteur:innenkonstellation, die zur Entwicklung der Wheelmap führte, bestand zunächst aus dem Rollstuhlfahrer Raul Krauthausen und einem Freund, die sich in einem Café treffen wollten, dies aber nicht barrierefrei gestaltet war. Die Idee für die Wheelmap wurde geboren. Gemeinsam mit dem gemeinnützigen Verein Sozialhelden e. V. wurde dann das Projekt realisiert.
Das (2) Handlungsfeld des Projektes ist die Öffentlichkeit bzw. Gesamtgesellschaft: Gemeinsam mit Sozialhelden e. V. besteht das Ziel darin, den Inklusionsgedanken weiterzuverbreiten und Prozesse anzustoßen, die Veränderungen auf lokaler Ebene hervorrufen. Der eigenen Aussage nach sensibilisieren die Sozialhelden Menschen, Institutionen und Unternehmen dafür, dass Menschen mit Behinderungen als Zielgruppe ihrer Angebote, Produkte oder auch Dienstleistungen wahrgenommen und mitgedacht werden.
Der (3) Partizipationsgrad kann als sehr hoch eingeschätzt werden, da die Adressat:innen von Anfang an beteiligt waren und die Wheelmap aus Betroffenen-Perspektive heraus entwickelt wurde. Damit wurden eine Koproduktion und ein Kodesign von Anfang an ermöglicht. Durch die kostenfreie Nutzung und Beteiligung an neuen Einträgen oder der Bewertung bestehender Einträge ist eine hohe Beteiligung der Nutzer:innen (»Mapper:in«) möglich bzw. hängt der Erfolg der Wheelmap auch von der Beteiligung der Nutzer:innen ab.
Die (4) Intentionalität, also die Geplantheit des Projekts bzw. der sozialen Innovation, zeigt sich zunächst an der Vision, gelebte Teilhabe und Inklusion ermöglichen zu wollen. Um dies zu erreichen, werden Veränderungen sozialer Praktiken im Kontext von Behinderung und Inklusion bewusst gefördert. Dies zeigt sich unter anderem auch an der Öffentlichkeitsarbeit (Teilnahme an Förderprojekten, Preisausschreibungen), der Bereitstellung von Apps, der Website und zahlreichen Auszeichnungen, die das Projekt bzw. die Sozialhelden bisher erhalten haben.
Bei den (5) Typen sozialer Innovation zeigt sich, dass es sich bei der Wheelmap sowohl um ein neues Organisationsformat als auch eine neue Dienstleistung handelt, die auf bestehende Herausforderungen reagiert. Mithilfe der Nutzung von Technologien und Open-Source-Informationen entsteht ein neues Produkt.
Der (6) Innovationsgrad ist als evolutionäre Innovation zu kennzeichnen, da ein neues Angebot für Alltagsprobleme einer bereits bestehenden Adressat:innengruppe entwickelt wurde.
Der (7) Ort der sozialen Innovation ist sektorübergreifend als nonprofitorientiert und aus der Zivilgesellschaft heraus zu sehen, da es sich um einen Verein handelt, dessen Gründungspersonen vorher keiner etablierten sozialen Organisation (wie etwa Wohlfahrtsorganisationen) zugehörig waren.
Im Blick auf (8) Überschneidungen zu anderen Innovationsformen zeigt sich die Nähe zur technologischen Innovation: Ohne etablierte Wikis, die auch von Laien in kurzer Zeit aufgesetzt und programmiert werden können, sowie ohne die Nutzung frei verfügbarer Kartensoftware (hier: OpenStreetMap) bzw. die dahinterstehende Haltung der Crowd- bzw. Sharing-Community wäre das Projekt nicht realisierbar gewesen.
Vor dem Hintergrund des (9) Verbreitungsgrades und der Diffusion kann festgehalten werden, dass Wheelmap ausgehend von Deutschland mittlerweile weltweit genutzt werden kann. Die Website steht in deutscher und englischer Sprache zur Verfügung. Vor dem Hintergrund des oben genannten Diffusionsverständnisses – nämlich nicht nur die Adaption zu sehen – stellt sich die Frage, inwiefern beispielsweise Gastronomiebesitzer:innen die Karte berücksichtigen oder auch öffentliche Verwaltung die Wheelmap in ihre Seiten integrieren. Hier zeigt sich die Definitionsmacht durch die Öffentlichkeit. Mit Blick auf die Bewertungen der Wheelmap zeigt sich aber auch, dass die barrierefreie Karte nicht nur von der originären Zielgruppe der Rollstuhlfahrer:innen genutzt wird, sondern auch von anderen Zielgruppen, z. B. Familien mit Kinderwagen.
Die Rolle sozialer Innovation und Transformation für soziales, kirchliches und diakonisches Handeln im 21. Jahrhundert
Die gegenwärtigen Transformationsprozesse unserer Gesellschaft verlangen nach innovativen Lösungen, um neue Impulse und Antworten auf aktuelle Herausforderungen zu finden. Soziale Innovationen rücken dabei besonders in den Fokus, da mit ihnen die Hoffnung verbunden wird, bessere Lösungen für gesellschaftliche Probleme wie etwa soziale Exklusion, Klimawandel, Pflegenotstand, Migration oder demografischen Wandel zu bieten als bisherige Ansätze, Dienstleistungen oder Produkte.27
Die Betrachtung der sozialwissenschaftlichen Perspektiven konnte zeigen, dass soziale Innovationen einen doppelten Charakter aufweisen: Einerseits sollen sie sich an den Bedürfnissen und Bedarfen der Adressat:innen orientieren und deren Alltag verbessern, andererseits werden sie seitens der Politik gezielt als politisches Steuerungsinstrument eingesetzt. In Bezug zur Transformation sind sie damit sowohl Antwort auf große Transformationsprozesse (= sozialer Wandel) als auch Katalysator von Transformationen, etwa auf organisationaler Ebene. Hier zeigt sich das Wechselspiel von Bottom-up-Prozessen wie etwa lokalen Initiativen, dem Engagement Einzelner oder von Grassroot-Organisationen, die Innovationen (teils illegal) voranbringen und dem Versuch einer Unterstützung, Förderung und Steuerung durch Top-down-Prozesse, etwa wenn Finanzierungen oder Förderprojekte für Start-ups, Initiativen oder (soziale) Innovationen ausgelobt werden.
Vor dem Hintergrund der Problemlösung sollte den sozialen Aspekten kein exklusiver Zugang gedacht werden. Im Sinne der Verbindung zu anderen Innovationsformen sind demnach auch ökologische, kulturelle und ökonomische Aspekte zu berücksichtigen wie auch die Zusammenarbeit von Akteur:innen verschiedener Sektoren (Markt, Staat, Zivilgesellschaft und informeller Sektor). Denn eines ist gewiss: Gegenwärtige und auch zukünftige Herausforderungen der (Welt-)Gesellschaft lassen sich nur gemeinsam lösen. Gleichzeitig ist aber auch darauf hinzuweisen, dass – bei aller Wertschätzung und Akzeptanz seitens des Staates – vermehrt »gesamtgesellschaftliche Aufgaben an die Zivilgesellschaft ausgelagert werden. Vereine übernehmen immer mehr Aufgaben vom Staat. Der soziale Sektor muss wachsam bleiben, dass dies Zusatzangebote bleiben und nicht mit viel Ehrenamt wichtige Aufgaben erfüllt werden«, wie Raul Krauthausen in seiner Rede anlässlich des 15. Jubiläums der Sozialhelden e. V. kritisch anmerkt.28
Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass Innovationen im Kontext einer mixed economy gedacht werden sollten: Neben innovativen Ansätzen sind immer auch verlässliche und verbindliche Strukturen nötig, die Stabilität bieten. Hier greifen gleichzeitige Prozesse ineinander – die des Wandels und die der Beständigkeit. Das zeigt sich etwa auch im Hinblick auf Kirche und Diakonie. Ein Ansatz, der innerhalb des kirchlichen Sektors als Katalysator für soziale Innovationen und organisationale Transformationsprozesse dienen könnte, ist die Wiederentdeckung des Sozialraums. Eine mixed economy, wie sie etwa in den fresh expressions of church (vgl. den Beitrag von Florian Karcher auf Seite 321) postuliert wird, könnte hier einen guten Weg darstellen, um unterschiedliche Sozialräume und gesellschaftliche Schichten bzw. Milieus (neu) zu erreichen. Denn weder klassische Formen von Gemeindearbeit noch eine vom Gemeindeleben getrennte Diakonie wird den künftigen Herausforderungen gewachsen sein. Aufbauend auf dieser Einschätzung kommt es zunehmend zu Versuchen einer doppelten Reintegration: der von Diakonie in die Gemeinde und der von Gemeinde in den Sozialraum (vgl. den Beitrag von Tobias Künkler auf Seite 64). Der mit diesem Prozess verbundene Ansatz der Gemeinwesendiakonie beschreibt »eine Gestalt kirchlich-diakonischer Arbeit, die von Kirchengemeinden und Kirchenkreisen, von diakonischen Diensten und Einrichtungen gemeinsam getragen wird und in der mit weiteren Akteur:innen kooperiert wird. Sie nimmt den Stadtteil in den Blick, orientiert sich an den Lebenslagen der Stadtteilbewohner:innen und öffnet sich so zum Gemeinwesen hin.«29 In dieser Perspektive lernt kirchliche Praxis von sozialer Praxis, (praktische) Theologie lernt von der Sozialen Arbeit und hoffentlich kommt es hier auch zu einer Wechselseitigkeit. Wenn Kirche und Diakonie sich hier (neu) öffnen für die gesellschaftlich relevanten Probleme einerseits und ihre Kooperationsfähigkeit mit lokalen Akteur:innen im Sozialraum erneuern, dann kann Kirche eine neue Relevanz im Alltag der Menschen erhalten.
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Schneidewind, Uwe (2018): Die Große Transformation: Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels. Fischer.
Schröer, Andreas (2019): »Social Innovation and Social Intrapreneurship in German Welfare Organizations«, in: Michael A. Peters; Susanne Maria Weber (Hrsg.), Organization and newness: Discourses and ecologies of innovation in the creative university. Brill Sense, S. 177–187.
The youth foundation (2012): Defining Social Innovation. The Young Foundation. https://youngfoundation.org/wpcontent/uploads/2012/12/TEPSIE.D1.1.Report.DefiningSocialInnovation.Part-1-defining-social-innovation.pdf. Abgerufen am 26.08.2020. Eigene Übersetzung.
United Nations (2020): The 17 Goals. Department of Economic and Social Affairs. https//:sdgs.un.org/goals. Abgerufen am 26.08.2020.
Zeuch, Andreas (2017): »Keine digitale Transformation ohne soziale Innovation«, in: Alexandra Hildebrandt; Werner Landhäußer (Hrsg.), CSR und Digitalisierung: Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Springer Gabler, S. 721–733.
1 Wir danken Joy Rosenow-Gerhard und Kirsten Kretzschmar, die mit ihrem kritischen Feedback zur Konkretion dieses Beitrages beigetragen haben.
2 Weitere Perspektiven, die das Themenfeld bearbeiten – wie etwa organisationspädagogische Arbeiten zu Intrapreneurship und sozialer Innovation oder die wirtschaftswissenschaftliche Perspektive, in der soziale Innovationen im Kontext volkswirtschaftlicher Auseinandersetzungen zu Postwachstum oder auch im betriebswirtschaftlichen Rahmen zu Sozialunternehmertum oder CSR (Corporate Social Responsibility) relevant werden – bleiben unberücksichtigt.
3 Pohlmann (2016), S. 5–38.
4 The young foundation (2012), S. 6.
5 Pohlmann (2016), S. 6.
6 Kollmorgen; Merkel u. a. (2015).
7 United Nations (2020).
8 Rückert-John; Jaeger-Erben u. a. (2016).
9 Zeuch (2017), S. 721–733.
10 Howaldt; Schwarz (2010), S. 89.
11 Faix; Reimer u. a. (2009), S. 11–12.
12 Rothe (2016), S. 59.
13 Rothe (2016), S. 61.
14 Schneidewind (2018).
15 Aderhold; Mann u. a. (2014).
16 Eurich; Glanz-Schmallegger u. a. (2018); Parpan-Blaser (2011); Schröer (2019), S. 177–187.
17 Jansen (2013), S. 81.
18 Müller; Kopf (2015), S. 12–13; S. 16.
19 Caritas (2020).
20 DBSH (2014).
21 The Young Foundation (2012), S. 18, eigene Übersetzung.
22 Burger (2016), S. 23.
23 The Young Foundation (2012), S. 18; 25.
24 Jaeger-Erben, John; Rückert-John (2017), S. 245–248.
25 Gillwald (2000), S. 42.
26 Sozialhelden e. V. (2019).
27 Aderhold; Mann u. a. (2014), S. 14.
28 Krauthausen (2019).
29 Horstmann; Neuhausen (2010), S. 5.
Transformation und Soziale Arbeit am Beispiel der Tradition der Gemeinwesenarbeit
Tobias Künkler
Der vorliegende Beitrag möchte am Beispiel von Gemeinwesenarbeit und Sozialraumorientierung in der Sozialen Arbeit zeigen, inwiefern Transformation in der Sozialen Arbeit eine Rolle spielt. Kurz gesagt lautet die These des Beitrags, dass Transformation ein zentraler Aspekt der Ziele Sozialer Arbeit ist. Dies wird besonders deutlich, wenn man Soziale Arbeit aus der Tradition der Gemeinwesenarbeit betrachtet und versteht. Umrissen wird damit ein zentrales Überschneidungsfeld von Sozialer Arbeit als Profession und der Mission der Kirche. In einem ersten Schritt werde ich kurz die Ziele Sozialer Arbeit auf den Aspekt von Transformation befragen, bevor ich dann in die Tradition der Gemeinwesenarbeit entlang von Geschichte, Merkmalen und Prinzipien einführe. Einen besonderen Blick richte ich dabei auf kirchliche Gemeinwesenarbeit und Gemeinwesendiakonie und skizziere Chancen und Herausforderungen von Gemeinwesendiakonie für Gemeindearbeit. Der letzte Schritt besteht dann darin, noch einmal einen aus meiner Sicht weitestgehend verloren gegangenen Aspekt aus der Tradition der Gemeinwesenarbeit für eine transformative Soziale Arbeit wiederzugewinnen.
Das Ziel der Sozialen Arbeit
Worin besteht das Ziel der Sozialen Arbeit? Gut auf den Punkt gebracht haben das Schilling und Zeller,1 indem sie drei Ebenen der Veränderung benannt haben, auf die Soziale Arbeit stets zielt: a) eine Veränderung des einzelnen Menschen, b) eine Veränderung seiner Lebenslage und c) eine Veränderung der die Lebenslage bedingenden gesellschaftlichen Strukturen. Auch wenn es in der Praxis Sozialer Arbeit oft aus dem Blick rückt und noch nicht hinreichend institutionalisiert ist, ist es, die dritte Ebene bedenkend, immer auch Ziel der Sozialen Arbeit »den Menschen und die Gesellschaft im Positiven zu verändern, weiterzuentwickeln und zu fördern«2. Sozialarbeitende sollten die Gesellschaft an ihre sozialen und demokratischen Verpflichtungen erinnern, gesellschaftlichen Veränderungsbedarf anmahnen und wo möglich zu dessen Umsetzung beitragen. Sehr gut werden diese Aspekte zusammengefasst in der Neufassung der Definition von Sozialer Arbeit auf der Generalversammlung des IFSW (International Federation of Social Workers) von Juli 2014 in Melbourne: »Soziale Arbeit ist eine praxisorientierte Profession und eine wissenschaftliche Disziplin, dessen bzw. deren Ziel die Förderung des sozialen Wandels, der sozialen Entwicklung und des sozialen Zusammenhalts sowie die Stärkung und Befreiung der Menschen ist. Die Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit, die Menschenrechte, gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt bilden die Grundlagen der Sozialen Arbeit. Gestützt auf Theorien zur Sozialen Arbeit, auf Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften und indigenem Wissen, werden bei der Sozialen Arbeit Menschen und Strukturen eingebunden, um existenzielle Herausforderungen zu bewältigen und das Wohlergehen zu verbessern.«3 Leider zielt die Praxis der Sozialen Arbeit auch heute noch zu oft lediglich auf die ersten beiden Ebenen, daher betrachten wir im Folgenden eine wichtige Traditionslinie der Sozialen Arbeit, in der dies dezidiert anders ist und auch darüber hinaus viel zu lernen ist.
Die Tradition der Gemeinwesenarbeit
Ihren Ursprung nahm die Gemeinwesenarbeit in der sogenannten Settlement-Bewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts in England und den USA entstand.4 1884 gründete das anglikanische Pfarrerehepaar Barnett in London die Toynbee Hall, die man in heutiger Terminologie als Nachbarschafts- und Bildungszentrum beschreiben würde.5 Ziel war die Verbesserung der Lebensumstände der Arbeiterbevölkerung durch gemeinschaftliche Hilfe. Gebildete Bürger:innen lehrten und halfen dazu nicht nur, sondern zogen als Zeichen gegen die Klassenspaltung teils auch in das Arbeiterviertel, das nach heutigen Standards eher einem Slum entsprach.6 In der Toynbee Hall entstand auch eine Außenstelle der Oxford University. Studierende sammelten im Elendesviertel Praxiserfahrungen und konnten gleichzeitig ihr kulturelles und fachliches Wissen weitergeben.7
Jane Addams, die ein Jahr zuvor die Toynbee Hall besucht hatte, gründete 1889 in Chicago das Settlement, das wohl am bekanntesten wurde: das sogenannte Hull House. Im Stadtviertel um Hull House lebte eine Vielzahl von Einwanderinnen und Einwanderern verschiedener Herkunft unter teilweise katastrophalen Bedingungen zusammen (Kinderarbeit, extreme Ausbeutung der Arbeiter, erbärmliche und unhygienische Wohnverhältnisse etc.). Jane Addams sammelte gut gebildete und engagierte Frauen, heute würde man sagen ein »multiprofessionelles Team«, das im Hull House Bildung vermittelte und praktische Hilfestellungen und Unterstützungen anbot. So entstand eine Mischung aus Weiterbildung, Gemeinschaft, Erholung, Nachbarschaftshilfe, Bildung und Lernen. Zum Hull House gehörte eine Bibliothek, Immigranten- und Jugendclubs, ein Kaffeehaus als Treffpunkt der Nachbarschaft, eine Kinderkrippe, eine Turnhalle und später auch eine dauerhafte Kunstausstellung.8 Jane Addams stand aber auch in engem Kontakt und Austausch mit John Dewey und der berühmten Chicago School of Sociology. Ihre Arbeit untermauerte sie so mit empirischen Daten, z. B. konnte sie im Kampf um eine geregelte Müllabfuhr im Stadtviertel aufzeigen, dass so Erkrankungen und Kindersterblichkeit zurückgingen.9
Die Arbeiten in der Toynbee Hall und dem Hull House waren frühe Formen der Gemeinwesenarbeit. Durch diese beiden Leuchtturmprojekte entstand eine ganze Settlement-Bewegung in verschiedenen Ländern, vor allem aber in den USA. Dort gab es 1900 bereits 104 Settlements und 1905 schon 226.10
Ein weiterer zentraler Ursprung der Gemeinwesenarbeit ist neben der Settlement-Bewegung vor allem das Community Organizing. Deren Begründer Saul D. Alinsky rief erstmals 1939 in Chicago zur Versammlung der »Bewegung der Hinterhöfe« (Back of the Yards-Movement) auf. Hinter den Schlachthöfen versammelte er Arbeiter mit dem Ziel, sie in ihrem Kampf um Gerechtigkeit und Einflussnahme zu ermächtigen (Empowerment). Die Settlement-Bewegung zielte teils zwar bereits auf eine Mobilisierung von Selbsthilfekräften, war insgesamt jedoch eher eine klassische Hilfe von oben. Alinskys Community Organizing ging es jedoch um eine Aktivierung gesellschaftlicher Veränderung von unten.11 Sie steht in der Tradition der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und will gegen den Rückzug in die Privatheit nachhaltig Bürger:innenorganisationen in unterprivilegierten Stadtteilen organisieren (und zwar so, dass Betroffene so unterstützt werden, dass sie selber ermächtigt werden, zum Wohle des Gemeinwesens Einfluss zu nehmen). Mittel hierfür sind klassische Formen der Mobilisierung, Kampagnenarbeit, Aktions- und Protestformen und Elemente der politischen Bildungsarbeit. Zentral dafür ist es »mit den Menschen herausfinden, was sie bewegt, und was sie gemeinsam bewegen möchten«12. Diese basisdemokratische Struktur und Arbeitsweise drückt sich auch in dem Wechsel von einer Betreuungs- zu einer Beteiligungskultur aus, die das Community Organizing schon damals erreichen wollte. Die Grundregel dabei lautet: »Never do anything for the people what they can do for themselves.«13
Die Community Organizing verschmolz mit der Tradition der Settlements zur Gemeinwesenarbeit, zunächst als Methode von Sozialer Arbeit, das heißt als dritte Methode neben Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit.14 15
Merkmale und Prinzipien der Gemeinwesenarbeit
Die wichtigsten Merkmale und Prinzipien der Gemeinwesenarbeit sind:
Eine integrative oder ganzheitliche Sicht von Problemlagen, die das Individuum nicht als isoliertes Einzelwesen betrachtet: »denn die Ursache von Problemen liegen ja nicht ausschließlich in der Lebens- und Sozialisationsgeschichte des Individuums, sondern auch in systemischen und lebensweltlichen Ursachen«.16
Gemeinwesenarbeit zielt auf das Gemeinwesen: Gemeinwesenarbeit »ist eine sozialräumliche Strategie, die sich ganzheitlich auf den Stadtteil und nicht pädagogisch auf einzelne Individuen richtet«17. Anders formuliert: Gemeinwesenarbeit »sucht sozialpädagogische Einflussnahme auf ganze Nachbarschaften, Stadtteile und Gemeinden«18.
Gemeinwesenarbeit wendet dabei eine integrative Methodik an: Methoden und Techniken der Sozialpädagogik werden integriert mit politischen Arbeitsweisen (wie Bürgerversammlungen) und Methoden der empirischen Sozialforschung (besonders Aktions- und Praxisforschung).19
»Um Ressourcen aufzuschließen und besser zu nutzen«20, zielt Gemeinwesenarbeit auf die größtmögliche Kooperation und Partizipation der Bevölkerung, ihren Gruppierungen, Behörden, Institutionen, Parteien und Kirchen. Für Sozialarbeiter:innen gilt dabei das Prinzip der Intermediarität, das heißt, ihre Position ist »die Position des Dazwischen, vermittelnd zwischen den Lebenswelten und Institutionen«21. Gemeinwesenarbeit ist daher immer trägerübergreifende Arbeit und Vernetzungsarbeit.
Intervention und Prävention: Ausgangspunkt der Gemeinwesenarbeit sind »in der Regel soziale Konflikte und kommunale Mißstände«22, sie will jedoch auch präventiv wirken, indem sie auf »generelle Verbesserung der Lebenslagen«23 gerichtet ist. Aus ihrer Tradition entstammt daher auch die heute in der Praktischen Theologie übernommene Formel von der Geh-Struktur, die die Komm-Struktur ablösen sollte. »Die Zukunft der Sozialarbeit liegt in ihrer zugehenden Struktur. Die abwartende Komm-Struktur hat sich in allen Formen der nicht-institutionellen Sozialarbeit wenig bewährt.«24
Gemeinwesenarbeit zielt auf Bildung und Emanzipation: unter anderem durch politische Bildungsarbeit, die Einsicht in die Ursachen sozialer Problemlagen gibt.
Gemeinwesenarbeit in Deutschland
Gemeinwesenarbeit hat auch in Deutschland einige Vorläufer. Als diese können genannt werden: a) Philantrophen in der Tradition der Aufklärung, b) Wichern und seine Innere Mission, c) Gesellen-Läden und Produktionsgenossenschaften wie Raiffeisen und Kreditgenossenschaft, d) Reformkräfte innerhalb der kommunalen Fürsorge und freien Wohlfahrtspflege (z. B. Alice Salomon) und e) frühe Ableger der Settlements.25 Beispiel für Letztere sind der evangelische Theologe und Pädagoge Walther Classen, der in Hamburg das Volksheim gründete mit dem Ziel, durch Bildungsarbeit von Pastoren, Lehrern und Juristen eine Verständigung mit Arbeitern zu errichten. Ein zweites Beispiel war die Gründung der »Sozialen Arbeitsgemeinschaft Berlin Ost« 1911, durch Pfarrer Friedrich Siegmund-Schultze, der seine Hofpredigerstelle in Potsdam aufgab, um mit Ehefrau, Schwester und drei Theologiestudenten ins Arbeiterviertel Friedrichshain zu ziehen mit dem Ziel, die Spaltung der Gesellschaft sowie den Bedeutungsverlust der Kirche für die Arbeiterschaft zu verhindern.26 Dazu formulierte er zu Beginn des 20. Jahrhunderts: »Evangelisation im alten Sinne des Wortes kann da nichts mehr ausrichten […] Unter den Verhältnissen des Ostens reden die Worte nicht mehr; Taten sind notwendig und die predigen.«27 Es entstanden noch weitere Ableger der Settlementbewegung in den 1920er- und 1930er-Jahren. Diese Vorläufer der Gemeinwesenarbeit in Deutschland wurden aber durch die NS-Zeit beendet.28
In Deutschland etablierte sich die Gemeinwesenarbeit daher erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Rahmen der Entnazifizierungs- und Reeducation-Programme der amerikanischen Besatzer sollte die deutsche Bevölkerung, vor allem die deutsche Jugend, in Demokratie eingeübt werden. Das Gemeinwesen bot eine gute Plattform dafür. So wurden in den 1950er-Jahren an vielen Orten Nachbarschaftszentren aufgebaut und die Gemeinwesenarbeit nach Deutschland exportiert.29 Diese Gemeinwesenarbeit basierte vor allem auf dem integrativen Ansatz von Ross. Er sah in der Gemeinwesenarbeit vor allem ein Mittel zur gesellschaftlichen Integration.30 Nach Ross »sollen alle Gruppen eines Gemeinwesens ihre Probleme erkennen und aufgrund eines gemeinsamen Wertekanons versuchen, die bestehenden Mißstände zu beseitigen«31. Hierdurch kam es zu einem Import eines harmonistischen Gesellschaftsverständnis, das Widersprüche und gesellschaftliche Konflikte ausklammerte.32 Als Gegenbewegung hierzu kam es im Zuge von Bürgerrechtsbewegung, Vietnam-Friedensbewegung und Studentenbewegung in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren zu einer Politisierung der Gemeinwesenarbeit in den USA und dann auch in Deutschland.33 Gefordert wurde eine notwendige Parteilichkeit und Politisierung von Sozialarbeitenden: »Ein Sozialarbeiter […] kann sich aus dem Kräftefeld zwischen Kapital und Arbeit nicht heraushalten […] Für ihn stellt sich die Frage: Mit der Arbeit gegen das Kapital oder mit dem Kapital gegen die Arbeit. Er wird sich zu entscheiden haben.«34
Als vorherrschende Variante von Gemeinwesenarbeit etablierte sich zunehmend die sogenannte aggressive Gemeinwesenarbeit. Diese zielt, so Noack, »auf eine Veränderung der Kräfte-Verhältnisse und Macht-Strukturen innerhalb eines Wohngebietes, indem sich benachteiligte Minderheiten zusammenschließen zur Revolution von unten. Sie hat zum Ziel, eine gerechte Verteilung von Macht und Herrschaft und damit eine grundlegende Gesellschaftsveränderung.«35 Mittel einer aggressiven Gemeinwesenarbeit waren disruptive Aktionsformen, Bildung von Gegenmacht, Demonstrationen, Streiks, Besetzungen, Ungehorsam und gewaltloser oder gewaltsamer Widerspruch. Soziale Probleme wurden in der aggressiven Gemeinwesenarbeit immer in Verbindung mit ökonomischen Machtverhältnissen und der Eigentums- und Klassenfrage gesehen. Letztlich galt in guter marxistischer Tradition stets der Kapitalismus als Wurzel allen Übels.
Durch die aggressive Gemeinwesenarbeit ist die Gemeinwesenarbeit als Ganzes nach einem kurzen Aufbruch bzw. einer kurzen Blütezeit in Deutschland eher »in Verruf gekommen«36. Denn: »Mit Gemeinwesenarbeit assoziierte man dogmatische Linke aus der 68er Zeit, unbelehrbare Besserwisser/innen auf Seiten vermeintlich Sozialhilfe missbrauchender Betroffener oder schlichtweg Gutmenschen ohne Bodenhaftung.«37
Nach einer kurzen Blütezeit kam es zu einem gleichzeitigen Rückgang und Eingang der Gemeinwesenarbeit in der bzw. in die Soziale Arbeit als Ganze. So ließ einerseits das Interesse an Gemeinwesenarbeit nach, andererseits gingen ihre Arbeitsmethoden und ihre Prinzipien in alle Bereiche der Sozialarbeit ein.38 1980 formulierten D. Oelschlägel und andere das »Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit« und versuchten auf diese Weise eine kritische Zwischenbilanz und ein Plädoyer für eine Neubestimmung der Gemeinwesenarbeit. Gemeinwesenarbeit sollte nicht mehr als eigenständiges Handlungsfeld und als dritte Methode der Sozialen Arbeit verstanden werden, sondern als ein durchgängiges Arbeitsprinzip in allen Handlungsfeldern. Als Arbeitsprinzip integriert Gemeinwesenarbeit unterschiedliche Verfahren und Methoden und steht als Chiffre für ein komplexes Bündel theoretischer und methodischer Aussagen. Gemeinwesenarbeit formuliert somit aber zugleich einen Gültigkeitsanspruch für die gesamte Soziale Arbeit.39 Dieser »durchdachte[…] und strategisch kluge […] Schachzug«40 fand jedoch weder in der Fachdiskussion noch in der Praxis richtigen Niederschlag. Was wiederum damit zusammenhing, »dass die Vokabel Gemeinwesenarbeit […] Assoziationen weckte, die sie nicht gerade anschlussfähig an den Mainstream der Fachdiskussion machte«41.
Da der Begriff Gemeinwesenarbeit gewissermaßen verbrannt war, fungierte die Gemeinwesenarbeit fortan meist unter anderen Begriffen. Nun war die Rede von stadtteilbezogener Sozialer Arbeit, Quartiersmanagement und vor allem von sozialraumorientierter Sozialer Arbeit. Selbstverständlich war damit jeweils nicht nur ein begrifflicher Wechsel, sondern auch eine konzeptionelle Weiter- oder Rückentwicklung (vor allem eine Entpolitisierung) verbunden. So nahm beispielsweise die sozialraumorientierte Soziale Arbeit Diskussionslinien, Erkenntnisse und methodische Prinzipien aus der Gemeinwesenarbeit auf, präzisierte, ergänzte und erweiterte sie aber mit Konzepten wie Lebensweltorientierung, Milieuarbeit und Netzwerktheorien.42
Kirchliche Gemeinwesenarbeit und Gemeinwesendiakonie
Kirche war und ist nicht nur ein wichtiger Akteur im Gemeinwesen, teils gibt es auch eine Tradition kirchlicher Gemeinwesenarbeit. Bereits die Beispiele aus den historischen Ursprüngen zeigen, dass nicht wenig entscheidende Akteure christlich motiviert waren. In den 1960er- und 1970er-Jahren kam es durch Pfarrer- und Gemeindeschwesternmangel sowie neue gemeindepädagogische Aufgaben zu einem wachsenden Bedarf an gemeindlicher Sozialarbeit. Diese formierte sich oft als Gemeinwesenarbeit. Dadurch kam es durchaus auch zu Spannungen, wie das folgende Zitat aus dem »Zwischenbericht über Gemeinwesenarbeiter in christlichen Gemeinden« (1974) sehr schön zeigt: »Die Pfarrer sind enttäuscht: anstelle eines ›dienstwilligen Helfers, der die Ärmel aufkrempelt und zupackt‹, hat er einen widerspenstigen, konfliktbereiten ›Sozialapostel‹ bekommen, der eigene Ideen im Kopf hat, viel diskutieren und bewußt machen und wenig selbst tun möchte! Ältestenkreis und Gemeinderat sehen ihn als einen ›Aktivisten‹ (oder Atheisten?), der möglichst viel ›von unten in Bewegung‹ bringen möchte, den Pfarrfrieden stört und von dem man nicht genau (höchstens hintenrum) weiß, wo er politisch steht. Gegenseitige Verunsicherung, Unruhe in Pfarrei und Kirchenleitung, Machtkämpfe zwischen verschiedenen Richtungen sind die Folge.«43
Durch Anfang der 1970er gegründete kirchliche Fachhochschulen kam es zu einer Verbreitung der Gemeinwesenarbeit in evangelischen Gemeinden und Kirchen44, und in allen größeren Städten gab es in den 1960er-, 70er- und 80er-Jahren kirchliche Gemeinwesenarbeit. Bei allen Reformkonzepten und Leuchtturmprojekten kam es jedoch zu keinem entscheidenden Durchbruch.45
Erstmals im Juli 2007 tauchte dann im vom Diakonisches Werk der EKD herausgegebenen Positionspapier »Handlungsoption Gemeinwesendiakonie«46 der Begriff Gemeinwesendiakonie auf, der auf eine gemeindliche Mitgestaltung von Sozialräumen zielt und seitdem eine »rasche Verbreitung in Diakonie und Kirche« fand47. Für diese Konjunktur einer Gemeinwesendiakonie gibt es meiner Einschätzung nach vor allem kairologische Anknüpfungspunkte48, die in der gesellschaftlichen und kirchlichen Situation begründet liegen. Erinnert sei nur an das Zugleich einer Zunahme an spirituell Suchenden und einer sinkenden Nachfrage nach klassischen, christlichen Formen und Angeboten von Spiritualität und Gemeinschaft. Zudem bestreitet kaum jemand die Notwendigkeit einer grundlegenden Transformation in Kirche und christlichen Werken. Ein Schlichtes »weiter so« oder des bekannten »mehr des Gleichen« wird angesichts finanzieller und anderer Schrumpfungsprozesse nicht mehr lange funktionieren. Weder klassische Formen von Gemeindearbeit noch eine vom Gemeindeleben getrennte Diakonie wird den künftigen Herausforderungen gewachsen sein.
Gegen die Tendenz, dass sich missionarische Werke und diakonische Einrichtungen immer weiter von der Ortsgemeinde weg entwickeln, zielt die Gemeinwesendiakonie auf eine doppelte Reintegration, die von Diakonie in die Gemeinde und die von Gemeinde in den Sozialraum. Auf diese Weise wird ein brachliegendes Kraftfeld an Ressourcen und Potenzialen gehoben.
Gemeinwesendiakonie wird von Horstmann/Neuhausen49 wie folgt definiert: »Der Begriff Gemeinwesendiakonie beschreibt eine Gestalt kirchlich-diakonischer Arbeit, die von Kirchengemeinden und Kirchenkreisen, von diakonischen Diensten und Einrichtungen gemeinsam getragen und in der mit weiteren Akteuren kooperiert wird. Sie nimmt den Stadtteil in den Blick, orientiert sich an den Lebenslagen der Stadtteilbewohner und öffnet sich so zum Gemeinwesen hin.«
In der Gemeinwesendiakonie wird die Ortsgemeinde zum Akteur im Gemeinwesen, sie entdeckt ihre Ressourcen zur nachhaltigen Verbesserung und Entwicklung des Gemeinwesens und lernt sich zugleich als ein Teil dieses Gemeinwesens zu verstehen.50 Ziel dabei ist es, »das Wohlergehen (Schalom) der Stadt zu suchen« (Jer 29,7) und »auf Basis des Evangeliums […], die Lebenssituation im Gemeinwesen zu verbessern«.51
Die theologische Begründung der Gemeinwesendiakonie müsste vor dem Hintergrund eines Verständnisses von Mission als Transformation klar sein. Mit Gemeinwesendiakonie ist eine zentrale Überschneidungsfläche von Sozialer Arbeit und kirchlicher Praxis formuliert. Dies bringt schon ein Zitat aus den frühen 1970ern gut auf den Punkt: »Versteht die Kirche ihren Dienst als ein kritisches, am Evangelium orientiertes Mitwirken am Aufbau eines menschengerechten Gemeinwesens und sieht die Gemeinde ihre Aufgabe darin, die gesellschaftsbedingten Lebensumstände aller zu analysieren, am Anspruch des Evangeliums zu messen und gemeinschaftlich mit den Betroffenen und auch mit nichtchristlichen Kräften an der Verbesserung zu arbeiten, so will sie Gemeinwesenarbeit betreiben.«52
Auch vonseiten der Diakonie gibt es eine Entwicklung hin zur Gemeinwesendiakonie. Dieser Trend ist verbunden mit dem Begriff Wichern III. Wichern I steht für die 1848 gehaltene Stegreifrede von Johann Hinrich Wichern auf dem Wittenberger Kirchentag, in der er den Protestantismus leidenschaftlich auf die Notwendigkeit und Dimension der tätigen (Nächsten-) Liebe hinwies53 und damit die Innere Mission begründete. Dies war der Beginn »organisierter Solidarität größeren Stils«54. 100 Jahre später, nach Ende des Zweiten Weltkriegs, formuliert Eugen Gerstenmaier, damaliger Leiter des Evangelischen Hilfswerks, Wichern II.55 Er stellte fest, dass »die von Wichern proklamierte künftige Epoche der christlich-rettenden Liebesarbeit« nicht eingetreten sei.56 Wicherns Vision »schrumpfte rasch zum Sozialprotestantismus«57 mit der unerwünschten Nebenfolge der Entstehung einer diakonischen Sonderwelt (im Blick auf die Gesellschaft wie auf Landeskirche und Ortsgemeinden).58 Gerstenmaier unternahm mit Wichern II einen neuen Anlauf, Wicherns Vision zu erfüllen, und formulierte so vor allem die Überzeugung, dass Diakonie nicht bei Nächstenliebe stehen bleiben darf, sondern sich auch sozialpolitisch engagieren muss. Wichern III schließlich wurde 150 Jahre nach Wichern I, also 1998, von Theodor Strohm, dem Direktor des Diakoniewissenschaftlichen Instituts in Heidelberg, formuliert.59 Schlussendlich war auch Wichern II durch institutionelle Kompromisse gescheitert. Wichern III steht für eine konsequente Sozialraum- und Lebensweltorientierung der Diakonie. Mit explizitem Bezug auf die Soziale Arbeit steht Wichern III für eine präventive und strukturell verändernde Arbeit im Sozialraum. Sie ermutigt Diakonie und Ortsgemeinde zu neuen Zusammenschlüssen und Initiativen, die geeignet sind »das System zu transformieren«. Es geht dabei um eine »Kooperation mit allen, die guten Willens sind«.60 Zudem geht es um eine Aktivierung von Selbsthilfepotenzialen, eine Solidarität außer- und unterhalb von Expertenkulturen, um die Förderung von bürgerlichem Engagement und persönlicher Verantwortung und den Verzicht auf kirchliche Bevormundung.
Chancen und Herausforderungen von Gemeinwesendiakonie für Gemeindearbeit
Zuletzt möchte ich die Chancen und Herausforderungen einer Gemeinwesendiakonie für klassische Gemeindearbeit bedenken und nach dem Einzeichnen der großen Traditionslinien noch konkreter auf Praxis eingehen.
Betrachten wir zunächst die Gefahren und Herausforderungen:
Gefahr 1: Manchmal kommt es durch Gemeinwesendiakonie zu einer Spaltung von Ortsgemeinden in einen sozial- und einen sakralengagierten Teil: Götzelmann61 betont jedoch, dass eine solche Spaltung nur dann entsteht, wo »das Evangelium nicht von seiner Befreiungsbewegung und seinem diakonischen Anspruch her verstanden [wird,] sondern von einer frommen Innerlichkeit und einer allein auf Verkündigung zielenden Kirchlichkeit«. Wir sehen hier die Wichtigkeit eines ganzheitlichen Missions- und Heilsverständnisses.
Gefahr 2: Herausforderung Fachlichkeit und Professionalität. Die entscheidende Frage dabei ist: Wie kann der Spagat zwischen größtmöglicher fachlicher Kompetenz und größtmöglicher Partizipation aller Beteiligten gelingen?62 Hierzu braucht es erstens die Fachlichkeit und Professionalität von entsprechend ausgebildeten Sozialarbeitenden, zweitens ein breites Spektrum freiwilliger Kräfte, die drittens fachlich zu Eigenverantwortlichkeit angeleitet werden, deren Ressourcen entdeckt und gefördert werden und die so selbstständiger und kompetenter werden.
Gefahr 3: Die Überforderung einer Gemeinde. Diese Gefahr besteht im Grunde jedoch vor allem dann, wenn der Anspruch der Partizipation der Gemeinde am Geschick des Ortes vollständig hinzutritt zum unverändert bestehenden Anspruch auf alle gemeindlichen Parallelstrukturen und Eigenwelten. Benedict fordert Gemeinden daher dazu auf ihre Binnenstrukturen radikal infrage zu stellen: »Eine kreative fröhliche Minderheit von Christen, die sich regelmäßig in einem Bürgerhaus trifft, kann sich durchaus anwaltlich-solidarisch mit dem Stadtteil und seinen Menschen identifizieren, in dem sie lebt. Vielleicht sogar besser, weil sie nicht ständig daran denken muss, wie sie ihre Gemeindehäuser und Kirchen überhaupt noch erhalten kann. Vermietung, Verkauf oder Umwidmung von kirchlichen Gebäuden, um sozial-personal im Stadtteil präsent zu bleiben, darf also kein Tabu sein.«63
So weit die Herausforderungen und Gefahren der Gemeinwesendiakonie – kommen wir zu den Chancen:
Chance 1: Veränderung von Einzelnen. Durch Gemeinwesendiakonie wird die Möglichkeit geschaffen zu einem tätigen Glauben. Schaller64 bilanziert mit Worten, die ich angesichts der Erfahrungen vieler Transformationsprojekte in den Transformationsstudien nur unterschreiben kann: »Viele wurden ermutigt, ihr enges Gehäuse zu verlassen und Führungsverantwortung zu übernehmen. Sie begannen zu merken, daß man sie braucht und daß sie etwas beizutragen haben.«65
Chance 2: Veränderung von Gemeinden. Es sind genau diese Erfahrungen, die wir in zahlreichen Projekten in den Transformationsstudien gemacht haben. Wo Gemeinden aufhören, sich vor allem um sich und ihre Binnenproblematiken zu drehen, sich aktiv ins Gemeinwesen einbringen und sich als Teil von diesem verstehen, da findet, wenn auch teils nach einem gewissen Zeitraum und nicht selten von innergemeindlichen Konflikten begleitet, ein Paradigmenwechsel statt. Gemeindliche Aktivität verlagert sich von einem Bildungs- in einen Abenteuermodus, und das kann ein unglaublich starkes Momentum entwickeln. All dies setzt eine Peregrinatio (Pilger-Einstellung) voraus, fördert diese zugleich aber auch systematisch. Wegener, der Gemeinwesendiakonie-Projekte auf Erfolgsfaktoren hin untersucht hat, bilanziert, dass zum Erfolg dieser Projekte weniger eine bestimmte Art der Steuerung entscheidend sei. Wichtiger seien Menschen, die dazu bereit seien, sich auf einen Weg der Pilgerschaft, »auf einen Weg in eine durchaus unbekannte Zukunft zu machen«. »Entscheidend ist Faszination, Imagination, entscheidend ist Zufluss an Geist, an Vielfalt, Verschwendung, Liebe.«66 Zu dieser Haltung gehört auch eine gewisse Opfer- und Entbehrungsbereitschaft. Denn: »Solidarische Projekte sind kein Weg zu den Fleischtöpfen Ägyptens und selten ein Weg zur Karriere. […] Denn solche Projekte begeben sich in eine Welt unterhalb der ›Respektabilitätsgrenze‹, die in unserer Gesellschaft existiert. Das ist die Grenze zwischen denen ›ganz unten‹ und denen etwas darüber. […] Letztlich bringt so etwas die Ordnung durcheinander und lässt die Grenzen zwischen den Reinen und den Unreinen verschwimmen. Dann spielen gar die Schmuddelkinder in den Vorgärten der Oberstadt.«67
Chance 3: Eine ganzheitliche und stimmige Kommunikation des Evangeliums. Gemeinwesendiakonie ist keine Konkurrenz zu Evangelisation, sondern liefert einen Beitrag zu dieser. Evangelisation ist jedoch nicht ihr »Hauptakzent, sondern eher […] Gewinn am Rande«68. Denn so werden alle Worte, die das Evangelium zu erklären suchen, viel glaubwürdiger oder überhaupt erst glaubwürdig und es besteht nicht die Gefahr der Instrumentalisierung sozialdiakonischen Handelns auf ein Um-Zu.
Chance 4: Soziale Transformation. Benedict schreibt resümierend über Gemeinwesendiakonie-Projekte: »Von solchen Projekten kann eine gesellschaftlich transformierende Kraft ausgehen in Richtung auf mehr soziale Gerechtigkeit. Jeder gesetzlich geregelte sozialpolitische Fortschritt bedarf der innovativen Vorwegrealisierung. Projekte für und mit Ausgegrenzten können eine transformierende Schubkraft entfalten, wenn sie über die Nothilfe hinausgehen und gegebenenfalls dem Konflikt mit der Politik nicht ausweichen.«69 »Das heißt, dass sich die Gesellschaft entscheidend auch durch kleine transformative Aktivitäten ändert, eher selten durch Revolutionen an einem bestimmten Punkt der Geschichte. Also: neue Sozialprojekte können ein Mittel der Transformation in einer sozial polarisierten Gesellschaft sein, indem sie Spaltungen mindern und Ausgrenzungen auflieben durch ein dichtes Netz von Unterstützungen.«70 Sie sind Hilfe und zugleich Vorgriff auf eine bessere Gesellschaft.
Der Konflikt über den Konflikt und eine transformative Soziale Arbeit
Die Chancen der Gemeinwesendiakonie voll zu ergreifen, ist meiner Meinung nach nur möglich, wenn man den Konflikt über den Konflikt entscheidet, über den es leider viel zu wenig Konflikt gibt. Meiner Einsicht nach braucht es einen nüchternen Blick auf das Soziale und die Anerkennung, dass dieses grundlegend konflikthaft ist. So gibt es gesellschaftlich immer einen Kampf um verschiedene, letztlich immer auch begrenzte Ressourcen und deren Verteilung. Wer dies aus einem falschen Harmonieverständnis oder einer gefühlten Nicht-Passung zur christlichen Ethik der Liebe übersieht, der droht, verkürzt zu handeln. Sowohl gesamtgesellschaftlich als auch innerhalb der Kirche müssen wir wohl eine positive Sicht von Konflikten gewinnen. Gewissermaßen befinden wir uns nach dem Ende des Endes der Geschichte gegenwärtig in einer Phase der Repolitisierung. Vereinfacht gesagt haben wir es in den 1980er- und 1990er-Jahren systematisch verlernt, politische Auseinandersetzungen zu führen, z. B. darüber, wie wir das Gemeinwesen gestalten wollen, in dem wir leben. Der Konflikt ist jedoch eine Grundbedingung der Demokratie. Hierzu ein Zitat von Alinsky: »Der Konflikt ist der wesentliche Kern einer freien und offenen Gesellschaft. Wenn man das demokratische Leben als musikalische Partitur abbildete, wäre ihr Hauptthema die Harmonie der Dissonanz.«71
Rückzug vor Konflikten ist somit der falsche Weg. Durch Harmonismus entsteht, vor allem bei sozialdiakonischem Engagement, oft ein zu einseitiger Fokus auf (Not-)Hilfe. Neben dem Leitbild der Welt als großem Lazarett (Friedrich von Bodelschwingh) braucht es daher immer das bonhoeffersche Leitbild, dem Rad in die Speichen zu fallen. Zellfelder bringt dies so auf den Punkt: »Wird darauf verzichtet, Leid und Not auch ursächlich zu verhindern, zu überwinden, ihm vorzubeugen, wird christliches helfendes Handeln missbraucht und dient der Verfestigung sündiger, schuldiger Strukturen. Wird darauf verzichtet, ungerechte gesellschaftliche Strukturen zu bekämpfen, wird durch helfendes Handeln nur an den Folgen kuriert und niemals heilend gewirkt werden können. Dadurch wird der eschatologische Horizont der anbrechenden Gottesherrschaft ausgeblendet.«72 Aus christlicher Sicht bedarf es aber immer einer Zangenbewegung von Konflikt- und Versöhnungsarbeit. »Konflikt und Versöhnung sind nicht unvereinbar.«73
Der Konflikt über den Konflikt ist aber nicht nur aus guten theologischen Gründen für die Gemeinwesendiakonie bedeutsam, sondern auch für die Soziale Arbeit, wie man an der Rezeptionsgeschichte der Gemeinwesenarbeit sehen kann. Als sozialraumorientierte Soziale Arbeit wird eine Weiterentwicklung der Gemeinwesenarbeit heute zwar »an zahlreichen Orten systematisch realisiert (in einer Stringenz und Geordnetheit, wie es das noch mit keinem Fachkonzept gab)«74, jedoch ist diese »(noch) nicht fachlicher Mainstream«75. »In der Sozialen Arbeit insgesamt dominierte und dominiert nach wie vor die Einzelfallorientierung.«76 Vor allem aber tritt meines Erachtens durch die Ablösung der Gemeinwesenarbeit durch die Sozialraumorientierung der transformative und gesellschaftskritische Aspekt dieser Arbeit in den Hintergrund. »In der Sozialraumorientierung geht es nicht darum, mit großem Methodenarsenal und pädagogischer Absicht Menschen zu verändern, sondern darum, Lebenswelten zu gestalten und Arrangements zu kreieren, die dazu beitragen, dass Menschen auch in prekären Situationen zurechtkommen.«77 Das letzte Wort in diesem Zitat steht beispielhaft für die Problematik. Sozialraumorientierung ist zwar der unproblematischere Begriff und in dieser Konzeption gibt es wie erwähnt konzeptionelle Weiterentwicklungen, hinter die nicht wieder zurückgefallen werden darf. Jedoch geht vom Wechsel von Gemeinwesenarbeit zu Sozialraumorientierung etwas verloren. Sie steht meines Erachtens in der Gefahr, zu affirmativ zu sein, sich zu sehr mit ungerechten Verhältnissen zu arrangieren und diese zu stabilisieren, indem man Menschen einzig dabei hilft, in prekären Situationen zurechtzukommen. »Bilanzierend [so Wendt] lässt sich feststellen, dass die ursprünglich in Deutschland über Konzepte aggressiver bzw. katalytischer Gemeinwesenarbeit bestimmte politische Funktion und Zielsetzung, gesellschaftsverändernd zu wirken, heute nahezu vollständig in den Hintergrund getreten ist.«78
Mittlerweile müsste genügend Zeit verstrichen sein, die verbrannte Erde, die die aggressive Gemeinwesenarbeit hinterlassen hat, in gewisser Weise zurückzugewinnen. Eine auf Transformation zielende Gemeinwesenarbeit braucht dabei nicht auf marxistische Ansätze zurückzugreifen, heute gibt es zahlreiche andere Konflikttheorien des Sozialen, wie z. B. der gesellschaftstheoretische und -kritische Ansatz Pierre Bourdieus. Mein Vorschlag ist es daher, den Begriff der transformativen Sozialen Arbeit zu benutzen, um auf eine Soziale Arbeit zu verweisen, die die Tradition der Gemeinwesenarbeit und insbesondere ihren transformativen Aspekt positiv aufgreift. Transformative Soziale Arbeit verweist dezidiert auf Transformation als Ziel der Sozialen Arbeit und legt somit den Schwerpunkt auf etwas, das bei allen Weiterentwicklungen und Fortschritten der Sozialen Arbeit zu oft ein noch unabgegoltener Geltungsanspruch der Sozialen Arbeit ist.
Aufgrund der Transformation als Ziel einer transformativen Sozialen Arbeit konzentriert diese sich besonders auf das Veränderungswissen der Sozialen Arbeit sowie benachbarter Disziplinen mit dem Ziel, nachhaltige Veränderungsprozesse im Leben Einzelner, deren Lebenslage und ihren die Lebenslage bedingenden Strukturen zu erreichen. Zudem kommt es in einer transformativen Sozialen Arbeit zu einem Ernstnehmen des Sozialen in der Sozialen Arbeit, das heißt zu einem vertieften Verständnis menschlicher Sozialität, sozialer Dynamiken, transintentionaler Prozesse und systemischer Effekte. Und zudem bietet die Begrifflichkeit einer transformativen Sozialen Arbeit für diejenigen, die als Institutionen oder Individuen aus einer christlichen Motivation heraus Soziale Arbeit praktizieren, den Anschluss an das missionstheologische Konzept der Mission als Transformation (siehe Teil 2: Theologische Perspektiven, ab Seite 141). Transformative Soziale Arbeit, die Transformation auch als Mission versteht, steht nicht in der Gefahr, das Christliche in der Sozialen Arbeit auf die Motivations- und Werteebene zu reduzieren, sondern praktiziert Soziale Arbeit in einem komplett anderen Deutungsrahmen und verändert damit die Praxis als Ganze.
Literatur
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1 Schilling; Zeller (2007), S. 197.
2 Ebd.
3 DBSH (2014).
4 Wendt (2015), S. 296.
5 Wagner (2013), S. 2.
6 Ebd.
7 Wendt (2015), S. 296.
8 Ebd., S. 297.
9 Wagner (2013), S. 3.
10 Götzelmann (2010), S. 34.
11 Wagner (2013), S. 3.
12 Rothschuh (2013), S. 377.
13 Wagner (2013), S. 3 ff. Rothschuh (2013), S. 375.
14 Wendt (2015), S. 297.
15 Zugleich ging Alinsky eigentlich in drei Punkten über die dann formierte klassische Gemeinwesenarbeit hinaus: »Zum ersten indem er die Selbstorganisation der Bevölkerung zum wesentlichen Prinzip macht, zum zweiten indem er die Erreichung des Ziels der demokratischen Gesellschaft von der Machtfrage abhängig macht, und zum dritten, indem er die Notwendigkeit der überregionalen Organisation betont« (in Oelschlägel (2013), S. 187). Insofern bietet die CO bis heute für Gemeinwesenarbeit einen inspirierenden Überschuss.
16 Noack (1999), S. 23.
17 Oelschläger (2001a), S. 192 f. zitiert nach Wendt (2015), S. 302.
18 Noack (1999), S. 13.
19 Ebd., S. 13.
20 Ebd., S. 17.
21 Ebd., S. 27.
22 Ebd., S. 14.
23 Ebd.
24 Ebd., S. 39
25 Ebd., S. 9; Götzelmann (2010), S. 32.
26 Götzelmann (2010), S. 34 f.
27 zitiert nach Götzelmann (2010), S. 35.
28 Oelschlägel (2013), S. 182.
29 Götzelmann (2010), S. 36; Wagner (2013), S. 4 f.
30 Wendt (2015), S. 298.
31 Noack (1999), S. 19.
32 Oelschlägel (2013), S. 183.
33 Wendt (2015), S. 297.
34 zitiert in Wagner (2013), S. 5.
35 Noack (1999), S. 19
36 Ebd., S. 20.
37 Hinte (2007), S. 8.
38 Noack (1999), S. 11.
39 Wendt (2015), S. 301.
40 Hinte (2007), S. 8.
41 Ebd.
42 Ebd., S. 9.
43 zitiert nach: Götzelmann (2010), S. 38.
44 Ebd.
45 Benedict (2010), S. 50
46 Herrmann; Horstmann (2010), S. 10.
47 Ebd.
48 Krockauer (2006), S. 35.
49 Horstmann; Neuhausen (2010), S. 5.
50 Zellfelder (2010), S. 71.
51 Götzelmann (2010), S. 32.
52 Hepp (1973), S. 290 zitiert nach Götzelmann (2010), S. 32.
53 Herrmann; Horstmann (2010), S. 9.
54 Strohm (2010), S. 18.
55 Herrmann; Horstmann (2010), S. 9.
56 in Strohm (2010), S. 17.
57 Ebd., S.18.
58 Ebd.
59 Herrmann; Horstmann (2010), S. 9.
60 Ebd.
61 Götzelmann (2010), S. 44.
62 Benedict (2010), S. 51.
63 Ebd., S. 49.
64 Schaller (1972), S. 108.
65 Ebd., S. 107
66 Wegner (2010), S. 130.
67 Ebd., S. 133.
68 Schaller (1972), S. 107.
69 Benedict (2010), S. 46.
70 Ebd, S. 47.
71 Alinsky (1999), S. 50 zit. nach Wagner (2013), S. 7.
72 Zellfelder (2010), S. 68.
73 Schaller (1972), S. 89.
74 Hinte (2007), S. 12.
75 Ebd.
76 Wagner (2013), S. 5.
77 Hinte (2007), S. 9.
78 Wendt (2015), S. 303.
Das transformative Moment der Praxis. Paulo Freires Wegweiser für Radikale
Ulli Vilsmaier und Danilo Streck
In diesem Beitrag statten wir dem »Wanderprediger des Offensichtlichen«, wie sich Paulo Freire 1975 in einem Dialog mit Ivan Illich bezeichnete,1 einen Besuch ab. Wir erkunden dabei einen Transformationsbegriff, der sich aus den Erfahrungen hochgradig ungleicher Bedingungen, kultureller und politischer Umbrüche in Brasilien um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts geformt hat und Reformbewegungen im Bildungsbereich weltweit beeinflusste. Im Zentrum unseres Erkenntnisinteresses steht die Frage nach der Relevanz und dem Potenzial der Transformationserfahrungen von Paulo Freire und seiner Praxis, um Transformation heute aktiv zu gestalten. Denn Paulo Freires Lebensweg, sein Wirken und Werk, ist gezeichnet von einem markanten, ja radikalen transformativen Moment, das uns angesichts der rasanten Veränderungen der Menschheit und deren physisch-materieller Grundlagen zu Beginn des 21. Jahrhunderts von größter Bedeutung erscheint.
In der Erkundung des transformativen Moments der Praxis gilt es zuallererst, den Begriff des Moments zu bestimmen. Der Begriff des transformativen Moments ist zunächst einmal historisch zu lesen. Zumal jede Untersuchungs- und Bildungspraxis immer innerhalb eines bestimmten zeitlichen Moments realisiert wird, führt uns der Besuch zurück in den historischen Kontext, in dem sich diese transformative Praxis herausgebildet hat. Zum anderen rekurriert der Begriff auf jene qualitativen Brüche, die sich in Situationen, die von Widersprüchen gezeichnet sind, zur Geltung bringen können. Laut Paulo Freire findet Transformation in der Geschichte dann statt, wenn Brüche und Beständigkeit in ihrer dialektischen Beziehung Berücksichtigung finden, da es selbst im Bruch – manchmal unmerklich, unsichtbar – Kontinuitäten gibt. Die gleiche Art von Spannung findet sich in semantischen Paaren wie hier und da. Wir können nicht zu einem Dort gelangen, wenn wir nicht von einem Hier ausgehen, was uns jedoch nicht entbindet, nach einem Dort zu suchen. Eine Untersuchung des Transformationsbegriffs von Paulo Freire muss daher die Kontexte der Praxis berücksichtigen, die Situationalität, in der Transformation erfolgte. Sie muss versuchen, jene grundlegenden Elemente zu erkennen, die uns zu verstehen ermöglichen, warum die Praxis der Transformation, die Paulo Freires Werk in sich trägt, trotz der unterschiedlichen Bedingungen, in denen sie sich geformt hat, auch heute noch – ja vielleicht mehr denn je – Gültigkeit hat.
Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut: Wir geben zuerst Einblicke in das Leben und Werk von Paulo Freire. Anschließend widmen wir einen Abschnitt dem Verhältnis von Aktion und Reflexion – der Grundfigur des Praxisbegriffes bei Paulo Freire und einen weiteren der Situationalität des Menschen als Ausgang für Transformation, in der wir auch auf die Herrschaftskritik von Freire eingehen. Anschließend spitzen wir das radikale Transformationsverständnis von Freire als Menschwerdung zu und schließen mit Gedanken zur Aktualität Paulo Freires heute.
Wirken und Werk
»Ich wurde am 19. September 1921 in Recife, Encanamento-Straße, im Viertel Casa Amarela, geboren. Joaquim Temístocles, aus Rio Grande do Norte, Polizeibeamter in Pernambuco, Spiritist […], gut, intelligent, ein Liebesfähiger: mein Vater. Edeltrudis Neves Freire, aus Pernambuco, Katholikin, süß, gut, fair: meine Mutter. […] Mit ihnen habe ich diesen Dialog gelernt, den ich mit der Welt zu halten suche wie mit den Menschen, mit Gott, mit meiner Frau, mit meinen Kindern.«2
Mit diesen Worten beginnt Paulo Freire einen autobiografischen Text, der 1971 publiziert wurde. Er erzählt von seiner Kindheit, dem freudvollen Spiel mit Kindern wie auch von Hunger, den er erlitten hat. Paulo Freire hat eine Ausbildung als Jurist absolviert, seinen Beruf aber schon nach seinem ersten Fall – den Schulden eines jungen Zahnarztes – aufgegeben. Als er an der Universidade de Pernambuco in enger Zusammenarbeit mit einer Volkskulturbewegung in der Erwachsenenbildung arbeitete, entwickelte er seinen Ansatz zur Alphabetisierung, für den er später weltweite Bekanntheit erlangte. Sein Ansatz gründet in der Annahme, dass dem Lesen und Schreiben ein Lesen der Welt vorausgeht. Lesen und Schreiben zu lernen, bedeutet für Freire, die Welt lesen und schreiben zu lernen und mit Wörtern zu arbeiten, die mit Realität erfüllt sind. Seine Erfolge in Angicos, einer kleinen Stadt in Rio Grande do Norte, führten dazu, dass ihn die brasilianische Regierung einlud, eine nationale Alphabetisierungskampagne in sogenannten »Kulturzirkeln« durchzuführen. Doch dieses Programm wurde durch den Militärputsch im Jahr 1964 abgebrochen und Paulo Freire musste ins Exil gehen. Er verbrachte 15 Jahre in Bolivien, Chile, den USA (Harvard University) und in Genf (Weltkirchenrat) im Exil und kehrte erst 1979 wieder nach Brasilien zurück, wo er als Professor der Universidade de Campinas und an der Pontificia Universidade Católica de Sao Paulo arbeitete. Von 1989 bis 1991 war Paulo Freire der Leiter der Bildungsbehörde von São Paulo. Über diese unterschiedlichen Stationen seines Lebens wurde viel geschrieben und Paulo Freire selbst hat häufig auf die persönlichen und professionellen Transformationen rekurriert, die dieser Weg mit sich brachte. Wir zeichnen im Folgenden vier Momente in seinem Werk nach, die erkennen lassen, wie sich die Idee der Transformation in den verschiedenen Phasen seines Lebens formte.

Abb. 1: Paulo Freire
Quelle Abbildung: Brandão (2005)
In seinem Buch »Erziehung als Praxis der Freiheit« (1969 in Brasilien publiziert),3 wo Paulo Freire das Alphabetisierungsprogramm im brasilianischen Nordosten reflektiert, ist die Idee des Wandels eng mit der Metapher des Übergangs verbunden. Die brasilianische Gesellschaft wird in einem Übergang von einer geschlossenen hin zu einer offenen Gesellschaft beschrieben, Männer und Frauen in ihrem Werden von Objekten zu (handlungsfähigen) Subjekten und Menschen in Bewegung von einem naiven zu einem kritischen Bewusstsein. »Es war ein Klima des Übergangs, das uns schließlich dazu gebracht hatte, uns systematisch mit unserer Realität zu identifizieren.«4 Eine wesentliche Herausforderung bestand darin, die Kultur des Schweigens zu durchbrechen. Paulo Freire arbeitet in diesem Buch mit dem Begriff der Entwicklung, der im Gegensatz zum Wachstumsbegriff qualitative kulturelle und strukturelle Veränderungen beschreibt, hat aber noch keinen expliziten Entwurf eines alternativen Transformationsvorschlags. Diese Alternative wird in dem Buch »Pädagogik der Unterdrückten« entwickelt (1970 in Brasilien publiziert)5, wo die Beziehung zwischen Unterdrücker und Unterdrückten zum Hauptthema wird. Angesichts der Machtstrukturen in einer abhängigen kapitalistischen Gesellschaft rücken der Befreiungskampf, die Gewalt der Unterdrücker sowie die Prozesse zur Überwindung der Unterdrückung in den Mittelpunkt. In diesem Zusammenhang wird der Dialog zum zentralen pädagogischen Moment, das sich durch Demut, Glaube und Vertrauen in die Mitmenschen, in Liebe zum:zur Anderen und zur Welt sowie in der Suche nach wahrheitsgemäßem Denken charakterisiert. Der qualitative Wandel wird hier erstmals als revolutionäres Moment bezeichnet. In der »Pädagogik der Hoffnung« (1992)6 ist die zentrale Metapher der Weberei entlehnt. Paulo Freire arbeitet mit den Begriffen des Geflechts,7 das nur mittels eines Schussfadens oder Querfadens als solches geformt werden kann. Freire erkennt in diesem Zusammenhang an, dass es vonnöten sei, in einem postmodernen Sinne fortschrittlich zu sein. Darunter versteht er, Transformation aus einer Reihe verschiedener Praktiken und Erzählungen zu begreifen. Er arbeitet mit vielfältigen Erfahrungen der Kindheit bis hin zur Komplexität sozialer Prozesse, die er als ein dichtes Geflecht beschreibt:
»Ein Ereignis, eine Tatsache, eine Leistung, ein Lied, ein Buch sind immer in dichte Handlungen involviert, die aus mehreren Gründen gespielt werden […] Deshalb war ich immer mehr daran interessiert, den Prozess zu verstehen als das Produkt selbst.«8
Schließlich, in seinem letzten Buch, der »Pädagogik der Autonomie« (1996)9, bekräftigt Paulo Freire die Rolle der Bewusstwerdung und die Rolle des individuellen und kollektiven Subjekts bei Veränderungen durch Widerstand und Rebellion gegen Ungerechtigkeit.
»Es ist jedoch notwendig, dass wir im Widerstand, der uns am Leben erhält, im Verständnis der Zukunft als Problem und in der Berufung zu einem mehr Sein als ein Ausdruck der menschlichen Natur […], eine Grundlage bilden für unsere Rebellion und nicht für unsere Resignation angesichts der Verletzungen, die uns zerstören.«10
An diesen kursorischen Einblicken sollte sichtbar werden, dass sich das Transformationsverständnis von Paulo Freire im Laufe seines Werkes in unterschiedlicher Färbung und Fokussierung herausbildet. Im Folgenden werden nun konstitutive Momente seines Denkens systematisch erarbeitet.
Aktion und Reflexion: Praxis als Moment der »Wahrheit«
Freire betont in seinem Werk, dass der Mensch nur in Beziehung zur Welt verstanden werden kann und als ein »die Welt veränderndes Wesen« ein »Wesen der Praxis, der Aktion und Reflexion«11 ist. Dieses Verhältnis von Aktion und Reflexion ist als Prinzip leitend für seinen Ansatz der Alphabetisierung und sein Menschenverständnis im Allgemeinen. Auch Freires Praxisbegriff ist darin begründet. In Anlehnung an das christliche Inkarnationsverständnis des Wortes12 führt Freire die transformative Kraft dieses Verschränkungsverhältnisses vor Augen:
»Im Wort begegnen wir zwei Dimensionen: der Reflexion und der Aktion in so radikaler Interaktion, dass, wenn eines auch nur teilweise geopfert wird, das andere unmittelbar leidet. Es gibt kein wirkliches Wort, das nicht zugleich Praxis wäre. Ein wirkliches Wort sagen, heißt daher, die Welt verändern.«13
In der »Pädagogik der Solidarität« (1974)14 erläutert Paulo Freire den Unterschied, der zwischen Veränderung durch Aktion, durch Handeln an der Welt, die damit in ihrem Vorhandensein verstanden wird, und einem Enthüllen und Entschleiern von Wirklichkeit,15 das ein Verstehen der Beziehungen von Phänomenen durch eine kritische Wahrnehmung ermöglicht. Auf der einen Seite ist der Mensch durch Aktion »[ü]ber sein Einwirken auf diese Welt durch die Ergebnisse seines eigenen Handelns geprägt. In der Aktion verändert er, mit der Veränderung schafft er seine Wirklichkeit, die ihrerseits ihn umfasst und die Form seines Handelns bedingt.«16
Auf der anderen Seite – und darüber hinausführend – ermöglicht die Reflexion ein Enthüllen, ein Loslösen aus der existenziellen Situation,17 in der Menschen ein Verhältnis zur Welt begründen und nicht mehr bloß in ihr leben.18 Paulo Freire verwendet in diesem Zusammenhang auch den Begriff des Erkennens in einer Form, die auf sein christliches Weltbild verweist, und den Begriff des Eindringens, der ebendiesem christlichen Erkenntnisverständnis nahe steht.19 »Die Wirklichkeit zu er-schauen bedeutet, sie zu objektivieren, sie als Aktions- und Reflexionsfeld zu begreifen.«20 An dieser Stelle ist es bedeutsam, den Erforschungs- und Erfahrungszusammenhang seiner Arbeit zu betrachten. Denn keineswegs geht es in Paulo Freires Werk nur um das Heraustreten aus einer Unmittelbarkeit, um einen Übergang von einem In-der-Welt-Sein – »dem ursprünglichen Bewohnen der Welt als einer vorgängig erschlossenen und vertrauten«21 hin zu einem Mit-Sein als Ausdruck eines Weltverhältnisses, das ebenso auf einem In-Sein wie auch auf Distanz dazu basiert.
Gegenüber einem bloßen In-Sein bezieht sich das Heraustreten aus der Unmittelbarkeit des Daseinsvollzuges, das Bedingungen als gegeben hinnimmt, auf das Herausbilden eines Bewusstseins über die Situation, in der sich Menschen befinden. Dieses Heraustreten ist wesentlich verbunden mit der Fähigkeit, (Er-)Leben symbolisch zu repräsentieren, eine Vorstellung davon zu entwickeln, dieses bildhaft oder sprachlich abzubilden, weshalb Alphabetisierung eine zentrale Rolle im Werk Paulo Freires spielt. Damit ist jedoch nicht die bloße Fähigkeit angesprochen, aus der unmittelbaren Leiblichkeit herauszutreten, um aus einer gewissermaßen übergeordneten Perspektive die Welt und sich selbst in ihr zu sehen. Paulo Freire hat dieses grundlegende Heraustreten zwar dann im Blick, wenn er sich konfrontiert sieht mit Gemeinschaften, die in einem mythischen Weltverhältnis leben. Worauf es an dieser Stelle jedoch ankommt, ist die Sprengkraft, die Paulo Freire in den Prozessen der Bewusstwerdung über die konkrete, existenzielle Situation, in der sich Menschen befinden, erkennt. Er verwendet dafür das Konzept der conscientização22 und bezeichnet damit Bildung als dialektischen Erkenntnisakt, der in dem Verschränkungsverhältnis von Aktion und Reflexion begründet ist und »radikal den Dialog als Weg des wechselseitigen Lernens einfordert«23. Dass Freire den Begriff der conscientização über einen langen Zeitraum aufgab, lag an seiner Verwässerung und politischen Instrumentalisierung. Erst in der »Pädagogik der Autonomie« greift er ihn wieder auf, um den Blick auf die Notwendigkeit zu lenken, die epistemologische Neugierde des Menschen zu entfalten. Diese epistemologische Neugierde bringt ein kritisches Denken hervor, das im Gegensatz zu einem sektiererischen und dogmatischen Denken steht – ein Denken, das auch seinen Begriff von Radikalität konstituiert.
Situalität: Eingebundenheit als Erkenntnismoment
Ein solches kritisches Denken ist wesentlich davon gefärbt, auf die eigene Situationalität zu reflektieren, und befähigt Menschen, sich einander als in einer Situation zu entdecken. Denn:
»Menschen finden sich als Wesen in einer Situation, in zeitlich-räumlichen Bedingungen verwurzelt, die sie kennzeichnen und von denen sie auch gekennzeichnet werden. Sie neigen dazu, auf ihre eigene Situationalität in dem Maß zu reflektieren, in dem sie von ihr dazu herausgefordert sind, an ihr zu handeln.«24
Eine Situation in ihrer Transformierbarkeit zu begreifen, sieht Paulo Freire als den eigentlichen Schlüsselmoment, »in die Wirklichkeit einzugreifen«25:
»Nur wo sich diese Situation nicht mehr als festgefügt, sich abschließende Wirklichkeit oder als quälende Sackgasse präsentiert, wo Menschen anfangen können, sie als objektiv-problematische Situation zu begreifen – nur dort kann es Verpflichtung geben.«26
Wenn Paulo Freire auf die Notwendigkeit des Erkennens der objektiv-problematischen Situation, der objektiven Wirklichkeit, der Natur, der soziohistorischen Realität, den wahrhaften Wechselbeziehungen usw. rekurriert, ist dies nicht ein Rückfall in die Scholastik, in der die »objektive Realität« in den Dingen zu ergründen war, sondern immer schon eine Realität für ein Subjekt. Um an seinen Erfahrungen im Nordosten Brasiliens anzuknüpfen, eine Realität abhängiger Landarbeiter, sei die Stimme eines Landarbeiters gehört:
»Der Landarbeiter ist ein Abhängiger. Er kann nicht sagen, was er will. Ehe er seine Abhängigkeit entdeckt, leidet er. Er lässt zu Hause den Dampf ab, wo er seine Kinder anschreit, sie schlägt und zur Verzweiflung treibt. […] Er lässt nicht beim Boss den Dampf ab, weil er glaubt, dass der Boss ein höheres Wesen ist.«27
Die Mystifizierung und Entmystifizierung von Herrschaftsverhältnissen stehen im Zentrum des Hauptwerkes von Paulo Freire. Er widmet sich im ersten Kapitel der »Pädagogik der Unterdrückten« umfassend der »Humanisierung«, dem »mehr Menschwerden«, der »vollkommeneren Menschwerdung«.28 Dabei erläutert Freire die Bedingungen, die den Boss als höheres Wesen erscheinen lassen, und führt das Ausmaß jener unterdrückerischen Weltverhältnisse vor Augen, die den Landarbeiter bestimmen, und die eben nicht nur zu einer Naturalisierung von Bedingungen, also deren Hinnahme, sondern zu einer völligen Verkennung des Menschseins führen. Paulo Freires Worte sind an dieser Stelle drastisch. Er spricht von Unterdrückten als »gespaltene, unechte Wesen« für die »Mensch sein [heißt]: Unterdrücker zu sein. Das ist ihr Bild von Menschlichkeit.«29 Und von einer Internalisierung des Bildes des Unterdrückers30, des Bewusstseins des Unterdrückers31, das sie an der Stelle von Autonomie und Verantwortung »behaust«32 und von einem Streben des einen Pols (des Unterdrückten) nach der Identifizierung mit seinem Gegenpol. Neuerlich färbt die biblische Sprache die Beschreibung der verheerenden Lage:
»In dieser Lage sehen die Unterdrückten den neuen Menschen nicht als den, der aus der Auflösung des Widerspruchs heraus geboren werden muss, wobei die Unterdrückung der Befreiung Platz macht. Für sie bedeutet der neue Mensch, dass sie selbst zu Unterdrückern werden.« In die konkrete Situation übersetzt bedeutet dies: »Sie wollen die Agrarreform nicht, um freie Menschen zu werden, sondern um Land zu bekommen und um so Landeigentümer zu werden – genauer gesagt, Vorgesetzte über andere Arbeiter.«33
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