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vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich

Christina von Braun, Inge Stephan (Hg.)

Gender@Wissen

Ein Handbuch

der Gender-Theorien

3. überarbeitete und erweiterte Auflage

BÖHLAU VERLAG

KÖLN WEIMAR WIEN · 2013

Christina von Braun ist Professorin am Institut für Kulturwissenschaft an der HU zu Berlin.

Inge Stephan ist Professorin em. am Institut für deutsche Literatur der HU zu Berlin.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind

im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich

unter www.utb-shop.de.

Umschlagabbildung:

Ricarda Roggan, Triptychon (Detail). Zwei Stühle und ein Tisch.

Stuhl, Tisch und Kasten. Stuhl, Tisch und Stellwand, 2001.

C-Print, je 100 x 125 cm, © Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin,

VG Bildkunst Bonn, 2013.

3. Auflage 2013

2. Auflage 2009

1. Auflage 2005

© 2013 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar Wien

Ursulaplatz 1, D-50668 Köln, www.boehlau-verlag.com

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes

ist unzulässig.

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Satz: synpannier. Gestaltung & Wissenschaftskommunikation, Bielefeld

Druck und Bindung: AALEXX Buchproduktion GmbH, Großburgwedel

Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier

Printed in Germany

UTB-Band-Nr. 2584 | ISBN 978-3-8252-3926-8 | ISBN 978-3-8463-3926-8 (ePub)

Über dieses eBook

Der Böhlau Verlag steht für Tradition und Innovation – wir setzen uns für die Wahrung wissenschaftlicher Standards in unseren Publikationen ein. So sollen auch unsere elektronischen Produkte wissenschaftlichen Anforderungen genügen.

Deshalb ist dieses eBook zitierfähig, das Ende einer gedruckten Buchseite wurde in Form von Text-Hinweisen kenntlich gemacht. Inhaltlich entspricht dieses eBook der gedruckten Ausgabe, auch das Impressum der gedruckten Ausgabe ist vorhanden.

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Ihr Böhlau Verlag

Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Über dieses eBook

Vorwort zur 3. Auflage

Vorwort zur 2. Auflage

1 Einführung

Gender@Wissen (Christina von Braun und Inge Stephan)

Wissensordnung und symbolische Geschlechterordnung

Die Auslagerung von geschlechtlichen Codes aus der Wissenschaft: Kanon und Reinheit

Die Einlagerung von Geschlechtercodes in die Wissenschaft: Sexualisierung und Entsexualisierung

Metaphysik und Wissenschaft

Corpus fictum und organischer Körper

Das heilige Gen

Geschlecht als Wissenskategorie

Bibliographie

2 Themenfelder

Identität (Claudia Breger)

Einleitung

Das ,andere Geschlecht‘ auf dem Weg zur Subjektwerdung: Simone de Beauvoir

Auf der Suche nach (weiblicher) Identität: Die neue Frauenbewegung

(Weibliche) Differenz: Der ,französische‘ Feminismus

Differenzen, oder: Zur Genealogie der Identität. Gender Trouble

Identität, ,postdekonstruktiv‘? Reformulierungen und Perspektiven

Bibliographie

Körper (Irmela Marei Krüger-Fürhoff)

Einleitung

Entwicklungsgeschichte des Begriffs

Einordnung in die Wissenschaftsgeschichte

Anbindung an allgemeine politische und wissenschaftliche Debatten

Querverbindungen zu anderen politischen Feldern

Bibliographie

Zeugung (Bettina Bock von Wülfingen)

Einleitung (vom Zeugen und Schaffen)

Zeugung in der Naturforschung von der Antike bis zur Moderne: Flüsse und Ökonomie

Naturforschung im 19. und 20. Jahrhundert: Das gezeugte Geschlecht

Zeugung des Lebens aus sich selbst heraus als Akt des Widerstands: Urzeugung, Autopoiese und Parthenogenese in der Moderne

Zeugung jenseits der sterblichen Körper: Re- / Produktion und Biokapital

Bibliographie

Reproduktion (Bettina Mathes)

Einleitung

Die Fruchtbarkeit der Medien

Die Reproduktion des Geschlechtskörpers

Bibliographie

Sexualität (Heike Jensen)

Einleitung

Die Erforschung der Sexualität im Abendland

Ausblick

Bibliographie

Geld (Christina von Braun)

Drei Formen der Gelddeckung

Die sakrale Gelddeckung

Der menschliche Körper im Opferritus

Das Geschlecht des Opfers

Geld und Alpha

Christliche Religion und Geld

Die moderne Opfer- und Inkarnationslogik des Geldes

Das Geld und die Psyche

Versuch eines Fazits

Bibliographie

Gewalt / Macht (Christine Künzel)

Einleitung

Anfänge in den Sozialwissenschaften

Gewalt in Ehe und Familie

Sexuelle Gewalt

Perspektiven der (feministischen) Politikwissenschaften

Kriminologie und Rechtswissenschaften

Aspekte der Männerforschung

Ausblick

Bibliographie

Rassismus (Claudia Bruns)

Begriff und Geschichte des Rassismus

Interrelationen zwischen race und gender

Bibliographie

Globalisierung (Heike Jensen)

Begriffsbestimmung und Abgrenzungen

Globalisierung als Gegenstand der Geschlechterforschung

Die Ideologie der Globalisierung und das „glokale“ Denken

Ökonomische Globalisierung im Blick der Geschlechterforschung

Globalisierung und progressive Geschlechterpolitik

Bibliographie

Performanz / Repräsentation (Dagmar von Hoff)

Entwicklungsgeschichte der Begriffe

Einordnung in die Wissenschaftsgeschichte und Anbindung an allgemeine und wissenschaftliche Debatten in den Gender Studies>

Querverbindungen zu künstlerischen Produktionen und ihre Analyse

Querverbindungen zu anderen theoretischen Feldern

Bibliographie

Lebenswissenschaften (Kerstin Palm)

Was sind Lebenswissenschaften?

Geschichte der Lebenswissenschaften

Genderforschung zu einzelnen Bereichen der Lebenswissenschaften

Schluss

Bibliographie

Natur / Kultur (Astrid Deuber-Mankowsky)

Man kommt nicht als Frau zur Welt

Die Benennung der Natur

Die Sexualisierung der Natur

Kultur und Mutter Natur

Differenz und / oder Egalität

Das niemals verschwindende Verlangen nach Artikulation

Bibliographie

Sprache / Semiotik (Lann Hornscheidt)

„Das habe ich doch nur so gesagt …“ oder alles nur Worte?

Sprache als Abbild und als Herstellung von Wirklichkeit

Die strukturalistische Sprachsicht

Konkretisierungen des Zusammenhangs von Sprache und Gender vor dem Hintergrund einer strukturalistischen Sprachsicht

Eine konstruktivistische Sprachsicht

Konkretisierungen des Zusammenhangs von Sprache und Gender auf dem Hintergrund eines konstruktivistischen Sprachverständnisses

Ausblick: Die Begrenzungen einer Fokussierung auf Sprache

Bibliographie

Gedächtnis (Claudia Öhlschläger)

Begriffsgeschichte und Tendenzen der Gedächtnisforschung

Topographie (Raum) und Bild

Gedächtnis und Geschlecht. Körpergedächtnis

Erinnerungsspuren: Freud – Benjamin – Warburg

Geschlecht und Geschichte: Erinnerung und Repräsentation – Geschlechtermythen und Geschichtsschreibung

Bibliographie

Mythos / Mythen (Inge Stephan)

Einleitung

Schlüsselmythen

Ausgewählte mythische Figuren

Ausblick

Bibliographie

3 Abgrenzungen / Überschneidungen

Postmoderne (Dorothea Dornhof)

Postmoderne im Zeichen globaler Differenz

Repräsentationskritik – Interventionen in die symbolische Ordnung der Geschlechter

Differenz – Machtkritik – virtuelle Räume

Bibliographie

Queer Studies (Sabine Hark)

Einleitung

Queer – Das politische Projekt

Queer – Das akademische Projekt

Queer und Feminismus: Die Frage der Sexualität

Butler und die Folgen: Deutschsprachige Queer Studies

Queer time: Der Moment der Artikulation von queer

Heteronormativitä

Normalisierungskritik

Zur Genealogie von queer

Herausforderungen: Queer Studies und die Frauen- und Geschlechterforschung

Bibliographie

Postcolonial Theory (Gabriele Dietze)

Postkolonialität – Terminus und Gegenstandsbereich

Politische Genealogien von Postkolonialität und Gender

Theorien von Postkolonialität

Postkoloniale Theorie und Feminismus

Interventionen I – Third-World- und Transnationaler Feminismus

Interventionen II – Queer of Diaspora Critique

Interventionen III – Dekolonialer Feminismus

Schlussbemerkung

Bibliographie

Media Studies (Kathrin Peters)

Begriffsbestimmunge

Unbestimmbarkeit von Medien

Gender und Medien

Bild – Apparat – Geschlecht

Wissen – Körper – Technologie

Bibliographie

Cultural Studies (Claudia Benthien und Hans Rudolf Velten)

Cultural Studies und Kulturwissenschaft(en)

Geschichte, Gegenstände und Konzepte der Cultural Studies

Schnittstellen von Gender Studies und Cultural Studies

Bibliographie

Zu den AutorInnen

Claudia Benthien

Bettina Bock von Wülfingen

Christina von Braun

Claudia Breger

Claudia Bruns

Astrid Deuber-Mankowsky

Gabriele Dietze

Dorothea Dornhof

Sabine Hark

Dagmar von Hoff

Lann Hornscheidt

Heike Jensen

Irmela Marei Krüger-Fürhoff

Christine Künzel

Bettina Mathes

Claudia Öhlschläger

Kerstin Palm

Kathrin Peters

Inge Stephan

Hans Rudolf Velten

Rückumschlag

Vorwort zur 3. Auflage
Gender@Wissen

Wir freuen uns, dass Gender@Wissen in Forschung und Lehre weiterhin auf große Zustimmung stößt und der Verlag mit der Bitte an uns herantrat, eine dritte Auflage vorzubereiten. Für diese neue Auflage sind die meisten Beiträge – wie bereits im Falle der zweiten Auflage – kritisch durchgesehen und z. T. ergänzt worden. Darüber hinaus haben wir uns entschlossen – zusätzlich zu der umfangreichen gemeinsamen Einleitung – zwei eigene Beiträge zu den Themen „Geld“ und „Mythos“ aufzunehmen, die das Profil des Bandes erweitern sollen. Auch der neu eingeworbene Beitrag zum Thema „Rassismus“ von Claudia Bruns stellt eine wichtige Vertiefung des bisherigen Themenspektrums dar. Die nunmehr fünfzehn Themenfelder geben zusammen mit der Einführung und den fünf übergreifenden Interdependenz-Kapiteln einen kompakten Überblick über die gegenwärtigen Genderdebatten, von dem wir uns auch für die Zukunft Impulse für Forschung und Lehre erhoffen.

Die organisatorische und technische Betreuung der dritten Auflage hat auch diesmal Julia Eckhoff übernommen, der wir an dieser Stelle ebenso herzlich danken möchten wie unseren BeiträgerInnen für ihr Engagement in allen bisherigen Auflagen.

Christina von Braun, Inge Stephan

Berlin im April 2013 [<< 7] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe

Vorwort zur 2. Auflage
Gender@Wissen

Seit seinem ersten Erscheinen im Jahre 2005 hat sich Gender@Wissen zu einem Standardwerk entwickelt, das Studierenden einen Überblick über zentrale Themenfelder der Gender-Theorien vermittelt. Zusammen mit der umfangreichen Einführung in das Verhältnis von Wissensordnungen und symbolischer Ordnung und der Bedeutung von Geschlecht als Wissenskategorie sowie fünf Übersichtsbeiträgen, in denen die Interdependenzen der Gender-Studien mit anderen Disziplinen aufgezeigt werden, bietet der Band mit seinen ursprünglich elf Themenfeldern, die von „Identität“ bis zu „Gedächtnis“ reichen, eine kompakte Einführung in einen Wissenschaftsdiskurs, der sich in Forschung und Lehre inzwischen etabliert hat.

Für die zweite Auflage konnten wir eine weitere Beiträgerin gewinnen, die den Bereich „Zeugung“, der in den letzten Jahren in unterschiedlichen Disziplinen in neuer Weise prominent geworden ist, unter wissenschaftsgeschichtlichen und gendertheore­tischen Fragestellungen präsentiert und damit das Themenfeld „Reproduktion“ aus der ersten Auflage in spannender Weise aufnimmt und auf neue naturwissenschaftliche Verfahren und Debatten hin öffnet.

Alle Beiträge sind für die zweite Auflage gründlich überarbeitet bzw. kritisch durchgesehen worden. Für die Endkorrektur danken wir sehr herzlich Julia Eckhoff, die mit großer Akribie für die notwendigen Vereinheitlichungen gesorgt hat. Wie für die erste Auflage hat uns Ricarda Roggan auch für die zweite Auflage großzügigerweise ein Foto aus ihrem Zyklus „Zwei Stühle und ein Tisch, Stuhl, Tisch und Kasten, Stuhl, Tisch und Stellwand“ (2001) für das Titelblatt zur Verfügung gestellt. Wir haben Ricarda Roggan im Künstlerhaus Wiepersdorf kennen gelernt, wo wir die erste Auflage von Gender@Wissen vorbereitet und die damalige Einführung für den Band geschrieben haben.

Christina von Braun, Inge Stephan

Berlin im Juni 2009 [<< 9] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe

1 Einführung

Gender@Wissen
Christina von Braun und Inge Stephan
Wissensordnung und symbolische Geschlechterordnung

Ausgangspunkt des Buches ist die Frage nach dem Verhältnis von Wissen / Wissenschaft und Geschlecht. Die Aufsätze geben, in unterschiedlichen Varianten und bezogen auf ihre jeweiligen Themenfelder, Auskunft darüber, dass die Beziehung zwischen der Wissens- und der Geschlechterordnung unter dem Zeichen der Dichotomie Natur / Kultur oder Geist / Körper stand und steht – einer Dichotomie, die ihrerseits ein hierarchisches Verhältnis zwischen der gestaltenden Kultur und der zu domestizierenden oder gestalteten Natur implizierte. Diese Zweiteilung wurde wiederum ‚naturalisiert‘, indem in der symbolischen Geschlechterordnung den beiden Polen je ein Geschlecht zugewiesen wurde: Männlichkeit repräsentiert Geistigkeit und Kultur, während die Natur und der Körper als ‚weiblich‘ codiert wurden – eine Zuordnung, die sich bis weit in die Moderne hinein fortgesetzt hat und noch heute prägend bleibt für die Art, wie über ‚weibliche Irrationalität‘, Unberechenbarkeit und davon abgeleitet ‚Unwissenschaftlichkeit‘ gesprochen wird. Aber diese Dichotomie bildet nur den Ausgangspunkt unserer Überlegungen und der historischen Beziehung zwischen Wissens- und Geschlechterordnung. Auf diese erste ‚Setzung‘ folgte eine Entwicklung, die in den letzten zweihundert Jahren besonders deutlich zutage tritt und zu radikalen Umwälzungen auf beiden Gebieten führte. Eine der Grundannahmen unseres Buches ist die These, dass sich diese Gleichzeitigkeit der Veränderung nicht dem Zufall verdankt, sondern dass vielmehr eine enge historische und inhaltliche Verbindung zwischen dem Wandel der Wissensordnung und dem Wandel der symbolischen Geschlechterordnung besteht.

Die ‚traditionelle‘ Dichotomie Kultur versus Natur wurde in der Wissenschaft der Moderne zunehmend durch eine Spaltung in Natur- und Geisteswissenschaft überlagert – eine Spaltung, die ihrerseits auch in der symbolischen Geschlechterordnung ihren Ausdruck fand, gelten doch die Naturwissenschaften einerseits als hard sciences, andererseits aber auch als vornehmlich ‚männliche Fächer‘, während die Geisteswissenschaften gerne als ‚weiblich‘ gehandelt werden und in ihnen die Frauen sowohl unter den Lehrenden als auch unter den Studierenden tatsächlich stärker vertreten [<< 11] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe sind als in den Naturwissenschaften. Dass es sich bei dieser ‚geschlechtlichen‘ Aufteilung der Fächer nicht etwa um geschlechterspezifische Begabungen oder Interessen handelt, sondern um eine symbolische Zuordnung, geht freilich aus der Tatsache hervor, dass sich Frauen, als ihnen Anfang des 20. Jahrhunderts endlich der Zugang zu akademischer Bildung gewährt wurde, mehrheitlich für Medizin oder ein naturwissenschaftliches Fach entschieden, während die Geisteswissenschaften – etwa vertreten durch die Philosophie oder die Geschichte – am längsten zögerten, Frauen Zugang zu ihrem Wissen zu gewähren. Schon wenige Jahrzehnte später ist es genau umgekehrt. In den Naturwissenschaften stellen Akademikerinnen heute eher die Ausnahme dar, aber sie sind gut vertreten in den Geisteswissenschaften. Mit Begabungen lässt sich eine solche Entwicklung nicht erklären, eher mit geschlechtsspezifischen Codierungen der Wissensordnung. Ein ähnlicher Wandel vollzog sich später noch einmal mit der Informatik. Als das Fach in den 1960er-Jahren an einigen Universitäten eingerichtet wurde, gab es zunächst wenige Frauen. Ab Anfang der 1980er-Jahre begann der Anteil rasch zu wachsen, um den für ein Ingenieurstudium ungewöhnlich hohen Frauenanteil von über 20 Prozent zu erreichen, bevor er gegen Ende der 1980er-Jahre wieder sank. Empirische Untersuchungen zu diesem Phänomen haben gezeigt, dass sich solche Schwankungen weder mit einer erworbenen oder angeborenen technizistischen Defizienz von Frauen erklären lassen noch mit unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen der Geschlechter.1 Vielmehr, so scheint es, haben sie mit der Wissensordnung selbst zu tun – und deren wechselhaften geschlechtlichen Codierungen.

Betrachtet aus dem Winkel der ‚ursprünglichen‘ Dichotomie der Wissensordnung impliziert die ‚Vermännlichung‘ der Naturwissenschaften und die ‚Verweiblichung‘ der Geisteswissenschaften, dass sich eine komplette Umkehrung der alten Ordnung, die Männlichkeit mit ‚Geistigkeit‘ und Weiblichkeit mit ‚Naturhaftigkeit‘ gleichsetzt, vollzogen hat, erscheint doch Männlichkeit nun in Zusammenhang mit Natur, während die ‚Kultur‘ als ‚weiblich‘ daherkommt. Man könnte diesen Wandel mit einer generellen Aufhebung symbolischer Zuordnungen von Wissensgebieten an die beiden Geschlechter erklären. Aber dagegen spricht die Tatsache, dass symbolische Zuordnungen weiterhin stattfinden – nur eben unter umgekehrten Vorzeichen. So besteht die Erklärung für den Wandel vielleicht eher darin, dass den Begriffen ‚Natur‘ und ‚Kultur‘ (oder Körper und Geist) eine neue Stellung in der Wissensordnung eingeräumt wurde. Dass sich ein solcher Wandel auch tatsächlich vollzogen hat, ist unübersehbar. Noch [<< 12] bis ins 17. und 18. Jahrhundert galt an den europäischen Universitäten die theologische Fakultät als die wichtigste, wenn nicht gar die ganze Universität aus der Theologie bestand. Von der Theologie gingen die Grundsätze aus, nach denen die Wissenschaft zu funktionieren und ihre Erkenntnisfortschritte zu erzielen hatte. Nach dem Beginn der Neuzeit und vor allem mit der Aufklärung ging diese Aufgabe zunächst auf die Philosophie und die Geschichtswissenschaft über – diese beiden großen Fächer, in denen über den ‚Sinn‘ und die Sinngebung der nationalen Gemeinschaften reflektiert wurde. Fragt man heute, welche Fakultäten und Fächer der Universität als ‚Leitwissenschaften‘ zu betrachten sind, so wird ein naturwissenschaftliches Fach wie die Biologie oder die Medizin genannt. Der Grund dafür ist paradox: Einerseits sind diese Fächer zu Leitwissenschaften geworden, weil es sich um hard science handelt, das heißt, um Disziplinen, die mit quantifizierbaren und (jedenfalls meistens) verifizierbaren bzw. falsifizierbaren Methoden arbeiten. Andererseits sind sie aber auch deshalb zu Leitwissenschaften geworden, weil das alte Projekt der Unsterblichkeit – das einst der Theologie vorbehalten blieb, dann als Phantasie vom ‚Weltgeist‘ auf die Philosophie oder als Topos der ‚unsterblichen Nation‘ auf die Geschichte übergegangen war –, weil also das Projekt der Unsterblichkeit heute mit Vorliebe auf die natur- und medizinwissenschaftlichen Erkenntnisse setzt. Am deutlichsten lässt sich das erkennen an den Genwissenschaften, bei denen nicht nur die Metaphorik, sondern auch die der Wissenschaft selbst zugrunde liegenden Paradigmen eine bemerkenswerte Analogie zu christlichen Denktraditionen aufweisen.

Die ‚Verweiblichung‘ der Geisteswissenschaften ließe sich auch mit der Verdrängung dieser Fächer ins Abseits erklären – und diese Erklärung ist auch immer wieder zu hören. In der Tat ist zu beobachten, dass Frauen zunehmend Aufnahme in den Gebieten finden, die ihre ‚Macht‘ über den öffentlichen Diskurs verloren haben; wie umgekehrt auch aus Gebieten, die von Frauen ‚besetzt‘ werden – etwa die Pädagogik und das Lehramt – ein Exodus von Männlichkeit stattfindet. Befriedigend ist diese Deutung allerdings nicht, liefert sie doch keine Erklärung dafür, warum zeitgleich ein Wandel der ‚Wissenshierarchie‘ überhaupt stattgefunden hat, der von der Theologie über die Geschichte / Philosophie bis zu den Naturwissenschaften führte. Geht man zudem davon aus, dass jede geschlechtliche Zuordnung nicht nur die Folge neuer wissenschaftlicher oder medialer Paradigmen ist (die Medien sind deshalb so wichtig, weil sie über die Speichersysteme und damit auch über die Trennung zwischen Wissen und Nicht-Wissen bestimmen), sondern auch der Naturalisierung der Wissensordnung zu dienen hat, so stellt sich die Frage nach der geschlechtlichen Zuordnung der Wissensfelder auf ganz andere Weise. Denn dann ist danach zu fragen, welcher Art die ‚Ordnung‘ ist, die hier naturalisiert werden soll, und in welcher Weise dies geschieht. [<< 13]

Die Auslagerung von geschlechtlichen Codes aus der Wissenschaft:
Kanon und Reinheit

Verallgemeinernd könnte man sagen, dass die ‚Naturalisierung‘ der Wissensordnung einen doppelten und dabei paradoxen historischen Prozess durchlaufen hat: Ging es zunächst um den Ausschluss von Geschlecht, so ging es in einem zweiten ‚Schritt‘ um den Einschluss – oder genauer: die Einlagerung – von geschlechtlichen Codes. Auf welche Weise sich dieser doppelte Prozess in den verschiedenen Wissensfeldern vollzogen und niedergeschlagen hat, wird aus den einzelnen Beiträgen in diesem Band deutlich. Am Begriff der ‚Reinheit‘, der für die Wissenschaft eine ähnliche Funktion erfüllt wie der des ‚Kanons‘, lässt sich diese paradoxe Bewegung am besten darstellen. Der Begriff ‚Kanon‘, der inzwischen in seinen geschlechtlichen Codierungen gut erforscht ist,2 kommt ursprünglich aus der Baukunst und heißt soviel wie Richtschnur, Maßstab. Er wurde in der griechischen Antike von dem Bildhauer Polyklet übertragen auf den menschlichen Körper, um Idealmaße und Proportionen zu bezeichnen – Idealmaße, die Polyklet ausschließlich am männlichen Körper demonstrierte. Später wurde der Begriff wiederum auf den Städtebau oder die Konstruktion großer sakraler Gebäude übertragen, die dem ‚sozialen Körper‘ das Aussehen und die Idealproportionen des menschlichen Körpers verleihen sollten, um heute fast ausschließlich auf Texte angewandt zu werden, die in den verschiedenen Disziplinen kanonischen Charakter – also eine Maßstabsfunktion – erhalten haben. Das Problem besteht freilich darin, dass sich die idealen Maßstäbe des Kanons nicht positiv benennen lassen, nur in Abgrenzung gegen das ‚Nicht-Maßstabgerechte‘. Das heißt, ihre Definition hängt immer von der Benennung eines ‚Nicht-Kanons‘ ab. Dieser hat – je nach historischer Notwendigkeit und je nach neu entwickelten medialen Speichersystemen, die über die Wissensordnung bestimmen – unterschiedliche Gestalt. Ihre einzige Gemeinsamkeit: die geschlechtliche Codierung.

Ganz ähnlich wirkt sich auch der Begriff der ‚Reinheit‘ für die Wissenschaft und auf die Etablierung von Wissensfeldern aus. Es gibt wenige Begriffe, die eine solche Macht über das Denken von Individuen und Gemeinschaften ausüben wie die ‚Reinheit‘. Kaum ein Wissensfeld, in dem er nicht eine Schlüsselstellung einnimmt – ob es sich um Religion, Politik, Sexualität, Sprache, Kultur, Psychologie oder eben die Wissenschaften und ihre Rolle für diese verschiedenen Bereiche handelt. Obgleich die [<< 14] ‚Reinheit‘ in jedem Wissensfeld eine andere Bedeutung annimmt, ist allen Bedeutungen gemeinsam, dass sie dazu dienen, Abgrenzungen und Ausschlüsse vorzunehmen. Das besagt schon die Etymologie des Wortes ‚rein‘: Aus dem Alt- und Mittelhochdeutschen ‚reini‘ bzw. ‚hreni‘ stammend, bedeutet das Wort ursprünglich ‚gesiebt‘ oder ‚gesäubert‘.3 Im Wort ‚rein‘ steckt also die Bedeutung von ‚herein‘ oder ‚hereinnehmen‘, was neben dem Einschluss auch einen Ausschluss beinhaltet. Die Tatsache, dass sich das ,Reine‘ – wie der ‚Kanon‘ – nur durch den Gegensatz zum ‚Unreinen‘ definieren lässt, hat zur Folge, dass in vielen Wissensfeldern der ‚Schmutz‘ oder das ‚Unreine‘ überhaupt erst benannt, sichtbar gemacht oder ‚ritualisiert‘ werden muss. (Zu den ‚Riten‘ würde etwa die der Theologie so ähnliche Kleiderordnung der alten Universität gehören, die nicht durch Zufall dann zu verschwinden begann, als Frauen in den Akademien aufgenommen wurden).

Wie auch die abendländische ‚Wissenschaft‘ von der Theologie ihren Ausgang nahm, hat auch die ‚Reinheit‘ zunächst religiöse Ursprünge. Es gibt, allgemein gesagt, keine Religion, die nicht in der einen oder anderen Weise auf Reinheitsgesetze oder – alternativ – auf die ‚Reinheit‘ des Transzendenten und die ‚Unreinheit‘ des Irdischen Bezug nimmt. Allerdings ist das, was als ‚rein‘ bezeichnet wird, in jeder religiösen Kultur unterschiedlich. Bezieht sich die ‚Reinheit‘ zum Beispiel in der jüdischen Religion auf die Zeremonialgesetze, die eine scharfe Trennung zwischen bestimmten Speisen und über diese zwischen dem Heiligen und dem Profanen fordern,4 so findet in der christlichen Religion eher eine Gegenüberstellung von Bildern statt, die einander ‚ähneln‘ und dennoch als Gegensätze konstruiert werden – etwa die Bilder des Blutes, bei denen das ‚reine‘ Blut des Gekreuzigten oder der Märtyrer dem ‚unreinen‘ Blut, das dem sexuellen Körper und der Sexualität eigen ist, gegenübergestellt wird.5 Auf der Basis einer solchen Gegenüberstellung erhielt zum Beispiel die geschlechtlich übertragene Syphilis den Namen ‚Böses Blut‘. Solche christlichen Bilder von ‚Reinheit‘ fanden sich nach dem Säkularisierungsprozess auf vielen modernen Wissensfeldern wieder. Heute gibt es zum Beispiel einen breiten Konsens darüber, dass Sauberkeit, Hygiene und Gesundheit etwas ‚Gutes‘ darstellen, während alles, was unter den Begriff des Schmutzes fällt, dem Fremden zugerechnet wird. Dass es sich bei dieser Bedeutung von ‚Reinlichkeit‘ um eine symbolische Zuordnung handelt, kann man an sich selbst [<< 15] beobachten: An Orten, die uns fremd sind oder in Ländern, deren Sprache wir nicht sprechen, nehmen wir Schmutz viel deutlicher wahr als in der eigenen Stube. Auch neigen wir dazu, Gefühle von Fremdheit mit Worten und Bildern zu umschreiben, in denen von mangelnder Sauberkeit oder schlechtem Geruch die Rede ist. Solche Wahrnehmungen stehen in einer langen Geistestradition, in der das Fremde (oder Auszuschließende) mit dem Schmutz – oder dem Unreinen – gleichgesetzt wird. In diesem Sinne ist die Reinlichkeit (sozusagen die säkulare Reinheit) auch wiederholt politisch funktionalisiert worden: etwa im rassistischen Antisemitismus, wo von der ‚Reinheit‘ des Volkskörpers und der ‚Unreinheit‘ des ‚jüdischen Blutes‘ die Rede war. In solchen Wissensfeldern und ihren Wissensformen eine hard science zu sehen, würde die moderne Wissenschaft heute – und zu Recht – ablehnen. Dennoch waren es eben diese ‚biologisierten‘ theologischen Diskurse, die im 19. Jahrhundert den Wandel der Wissensordnung vorantrieben und dazu beitrugen, dass die Naturwissenschaften zu Leitwissenschaften aufstiegen.

In der Ästhetik verweist die ‚reine‘ Form bzw. die ‚reine Kunst‘, wie bei der Mathematik oder der Logik, auf eine Vorstellung von Kunst, die keinen Bezug zu Politik, Religion oder sonstigen ‚Botschaften‘ hat, die also frei ist von Inhalten, die nicht ihr selbst, der Kunst gelten. Dann kann ‚Reinheit‘ in der Kunst aber auch auf eine Ästhetik verweisen, die sich dem ‚reinen Denken‘ oder der ‚reinen Form‘ verschrieben hat – etwa die autonome Literatur oder die abstrakte Kunst und die Musik. Oder der Begriff ‚Reinheit‘ bezeichnet eine Architektur, deren Formen von ‚reiner‘ Zwecküberlegung bestimmt werden. Den Begriff der ‚reinen‘ Kunst nehmen freilich auch ästhetische Formen für sich in Anspruch, die gerade eine politische oder religiöse Botschaft zu transportieren versuchen: das ‚Bühnenweihfestspiel‘ Richard Wagners zum Beispiel bzw. die dem ‚Blut und Boden‘ verhaftete Kunst der NS-Zeit, die die Kunst der Moderne als ‚entartet‘, mithin als ‚unnatürliche‘ und ‚fremde‘ Kunst bezeichnete. In allen diesen Fällen geht es um den Ausschluss eines – wie auch immer definierten – ‚Fremdkörpers‘. Dasselbe gilt auch für die Forderung nach einer ‚Reinheit der Sprache‘, die immer dann auftaucht, wenn es darum geht, eine Nation oder ein Sprachgebiet gegen eine vermeintliche ‚Überfremdung‘ zu schützen.

Da der Begriff der ‚Reinheit‘ in enger Beziehung zur Körperlichkeit und mithin zum Tastsinn steht, dieser aber oft (vor allem in seiner sexuellen Bestimmung) als ‚kontaminierend‘ für den ‚reinen Geist‘ betrachtet wurde, ist es nicht erstaunlich, dass das Sehen, schon seit Aristoteles, als der ‚reinste‘ der Sinne gilt, weil er – Distanz zum Objekt voraussetzend – einen hohen Abstraktionsgrad ermöglicht. Hier liegt einer der Schlüssel zum Verständnis des engen Zusammenhangs, den die Moderne zwischen Sehen und Wissenschaft hergestellt hat: Der Begriff der ‚Erkenntnis‘ ist fast zu [<< 16] einem Synonym für Betrachten geworden, und das gilt nicht nur für die Objekte des Wissens, die sich durch das Mikroskop oder andere technische Sehgeräte betrachten lassen – es gilt auch für die am Rechner erstellten Bilder, die etwas ‚sichtbar‘ machen, das eigentlich gar nicht zu sehen ist, etwa die Tätigkeit des Gehirns oder die Doppelhelix der Genwissenschaft. Ausgerechnet diese synthetischen Bilder, die nicht etwa abbilden, sondern eine symbolische Umsetzung für Vorgänge bieten, die in bildhafter Form ‚vorstellbar‘ werden, sind heute zu einer Art von Logo der ‚reinen Wissenschaft‘ geworden, die sich der sinnlichen Wahrnehmung – auch in ihrer abstraktesten Art: dem Auge – entzieht. Auch diese synthetischen Bilder verweisen, wie die Biologisierung theologischer Diskurse, zugleich auf die Einlagerung von Geschlechtercodes in die Wissenschaft.

Allgemein impliziert der Begriff der ‚Reinheit‘ in der Wissenschaft, dass das Wissen von der sinnlich wahrnehmbaren Welt und den ‚Gefühlen‘ fernzuhalten ist; es geht also auch um den Ausschluss von Emotionen und von allen Bereichen des Mensch­lichen, die mit dem Begriff des Subjektiven, des Irrationalen oder gar der ‚Leidenschaften‘ einhergehen. Deshalb spielt für die ‚Reinheit‘ auch das psychologische Moment eine wichtige Rolle. Das griechische Wort ‚Katharsis‘ bedeutet Reinigung und beinhaltet das Abreagieren von Affekten. Aristoteles sah in der Tragödie ein Mittel, die Katharsis herbeizuführen. Die Pythagoräer vertraten dagegen die Ansicht, dass sich Angstgefühle am besten durch Musik überwinden lassen, da sie von allen Künsten der Mathematik am nächsten stehe. Die moderne Psychologie und Psychoanalyse – mit ihrem ‚­chimney sweeping‘, wie Joseph Breuers Patientin Anna O. die Vorgänge nannte 6 – setzt ebenfalls auf eine Form von Katharsis, die einer ähnlichen Metaphorik folgt: Durch Verbalisierung und Bewusstmachung soll die Seele von Bedrückendem gereinigt werden. Andere Formen von Therapie versuchen, seelische Konflikte durch ‚Abreagieren‘ aufzulösen. In jedem Fall aber geht es darum, dass es ‚reines Wissen‘ – und das heißt berechenbares, verifizierbares Wissen – nur unter dem Ausschluss von Gefühlen geben kann, die ihrerseits als ‚unrein‘ zu gelten haben. Auch auf diesem Gebiet ist freilich ein paradoxer historischer Prozess zu beobachten, bei dem auf den Ausschluss von Geschlechtlichkeit – die ganz allgemein für ‚das Gefühl‘ (im kollektiven Singular) steht – eine neue und positive Bewertung der Gefühle, also deren Einlagerung folgt: deutlich zu beobachten an der Kultivierung der ‚Empfindsamkeit‘ um 1770 oder später, etwa in der Décadence, an einer neuen Begeisterung für Sinnlichkeit und [<< 17] ‚Leidenschaft‘ bzw. Leiden. Dabei lässt sich zeigen, dass die historischen Veränderungen in der Geschlechterordnung nicht nur die Geschichte der Gefühle beeinflusste, die Norbert Elias so intensiv untersucht hat, sondern auch Rückwirkungen auf den Wandel der Wissensordnung hatte.

Eben weil die ‚Leidenschaft‘ und starke Gefühle als ‚unrein‘ gelten, fällt auch der Sexualtrieb in vielen Kulturen in den Bereich des ‚Unreinen‘, das es zu domestizieren und damit unschädlich zu machen gilt. Dafür gibt es strenge, von einer Kultur zur anderen sich unterscheidende Vorschriften, die etwa festlegen, mit wem der Geschlechtsverkehr ‚rein‘ oder ‚unrein‘ ist. Oder aber die ‚Reinheit‘ wird hergestellt, indem die Bereiche des (asexuell) Heiligen und des (sexuell) Profanen streng von­einander getrennt werden. Eine dritte Form des Umgangs mit der Sexualität bestand in ihrer ‚Heiligung‘, also gerade in der Vermischung des Profanen mit dem Transzendenten. In der christlichen Theologie, die für die westliche Wissensordnung bestimmend werden sollte, wurde die Vorstellung, dass durch Sexualität Leben erzeugt wird, zunehmend verdrängt durch die Auffassung, dass der reine Geist als ‚fruchtbarer Same‘ zu wirken habe. Solche Konstruktionen implizierten immer die Gleichsetzung des weiblichen Körpers, da wo er Körperlichkeit und Sexualität symbolisierte, mit einer ‚unreinen‘ Zeugungsfähigkeit. Wenn Frauen also über Jahrhunderte von klerikalen Ämtern, von kultureller Tätigkeit und vor allem von wissenschaftlicher Arbeit ausgeschlossen blieben, so stand dahinter die Vorstellung, dass der weibliche Körper eine gefährliche Kontamination für die ‚Reinheit‘ des ‚Wissens‘ darstelle.

Insgesamt bedeutet ‚Reinheit‘ in der Wissenschaft also, dass die Forschung durch keine Elemente des Psychischen, des Historischen oder des ‚Subjektiven‘ beeinflusst werden darf. Ging die Theologie noch von einer ‚Reinheit‘ des Wissens aus, das vor allem durch die Sexualität (oder die Leiblichkeit) kontaminiert werden konnte, so gehen die modernen Naturwissenschaften von einen Prinzip der ‚Reinheit‘ aus, das auf dem Ausschluss jedes Zufalls beruht und deshalb in seiner ‚reinsten Form‘ nur im Labor durchgeführt werden kann, wo die Einflüsse der äußeren Welt und das Subjekt des Betrachters auf ein Minimum reduziert sind. Allerdings ist der Unterschied zum theologischen Ausschluss der Leiblichkeit nicht so groß, wie er scheint. Er hat sich nur auf ein anderes Feld verlagert. Hielt sich der Kleriker im Kloster und durch Askese von den schädlichen Einflüssen des irdischen Lebens und seiner Leiblichkeit fern, so übernimmt nun das Labor diese Funktion. Es ist zur modernen Form des Klosters geworden. In dieser Form der Abgeschiedenheit wird keine Askese gefordert, sondern der ‚wissenschaftliche Leib‘ selbst ausgeschlossen, stellt dieser doch ein potentielles Einfallstor des ‚Unreinen‘ und des Zufalls dar. Das heißt, idealiter hat sich die moderne Wissenschaft von der Forderung nach einer ‚Reinheit‘ ihres Trägers [<< 18] verabschiedet; als vollkommen ‚reine Wissenschaft‘ empfindet sie sich erst dann, wenn es ihr gelingt, diesen Wissenschaftler völlig zu ersetzen. Da dies nur in den Naturwissenschaften, zumindest als Phantasie, möglich ist, in den Geisteswissenschaften hingegen an der notwendigen ‚Empfindsamkeit‘ des Forschers scheitern muss, ist hier eine der Erklärungen für die neue Wissensordnung zu suchen. Hard science heißt im Idealfall science without the body of the scientist. Interessanterweise ist eben dies der historische Moment, in dem die Frau, Verkörperung der Körperlichkeit, das Reich der Wissenschaft betritt. Da sich die ‚Reinheit‘ der Wissenschaft – im Prinzip – von der Forderung nach einer ‚Reinheit‘ des Forschers unabhängig gemacht hat, gilt auch die Wissenschaftlerin nicht mehr als kontaminierend.

Die Einlagerung von Geschlechtercodes in die Wissenschaft: Sexualisierung und Entsexualisierung

Wenn sich die westliche Wissensordnung durch die Bereinigung des Wissens vom Subjektiven, Irrationalen und Sexuellen konstituieren konnte, so stellt sich die Frage, warum Frauen – und damit auch ihre Funktion, die ‚Sexualität‘ zu repräsentieren – in eben dem historischen Moment in der Wissensordnung zugelassen werden, wo Sexualität und Zufall ausgeschlossen werden. Um auf diese Frage zu antworten, sei noch einmal der Blick auf die Entwicklung der Wissenschaften gerichtet und danach gefragt, wie es ‚die Wissenschaft‘ (im kollektiven Singular) überhaupt so weit bringen konnte, dass ihr Traum von einem Labor-gerechten Forscher, der ebenso ‚rein‘ ist wie die Wissenschaft selbst, also von einem Labor ohne Forscher, in greifbare Nähe rückte. Die Voraussetzungen für die Erfüllung dieser Wissenschaftsutopie schufen die Errungenschaften der Wissenschaft auf dem Gebiet der medizinischen Forschung, als es diesen gelang, den menschlichen Körper – und damit auch den forschenden Körper – zu einem Produkt zu machen, das sich im Reagenzglas fabrizieren ließ. Mit der Entdeckung des Eisprungs um 1830, mit einer genaueren Kenntnis der Zeugungsvorgänge um 1875 (dank verbesserter Mikroskopiertechnik) hatte die westliche Wissenschaft den Zugang zu einem Wissen entdeckt, das von Anfang an die abendlän­dische Wissensphantasie beschäftigte: die Reproduktion des Menschen nach geplanten, den Zufall – vor allem den Zufall der sexuellen Anziehungskraft – ausschließenden Mechanismen. Damit rückte eine alte abendländische Wissenschaftsphantasie ihrer Realisierung um einen entscheidenden Schritt näher. Sie hatte begonnen mit Platon und seiner im ‚Staat‘ entwickelten Vorstellung einer geplanten Fortpflanzung der menschlichen Gemeinschaft, sie hatte sich ‚wissenschaftlich‘ niedergeschlagen in den [<< 19] aristotelischen Theorien über ‚die Zeugung der Geschlechter‘; und sie fand im christlichen Topos vom ‚geistigen Samen‘ ihre theologische Ausformulierung. Zwar wird der moderne Wissenschaftler (bisher) noch nicht in der Retorte gezeugt und ausgetragen, aber das Labor und die Bedingungen der Forschung im Labor tragen doch schon erheblich dazu bei, seine Existenz, zumindest an diesem Ort, den Phantasien, dass er selbst in der Retorte erzeugt werden könne, näher zu bringen. Der Mensch aus der Retorte – ob als Cyborg oder als anderes künstliches Wesen – stellt die Zukunfts- und Wissenschaftsphantasie des 20. Jahrhunderts dar. Doch es ist bemerkenswert, wie selten in den Filmen oder Romanen, die dieser Phantasie Ausdruck verleihen, der Gedanke formuliert wird, dass das eigentliche Ziel moderner Wissenschaftsphantasien die Erzeugung des Wissenschaftlers selbst ist. Jede Elite einer gesellschaftlichen Hierarchie nutzt ihre Macht über die Medien des Wissens dazu, das Gedächtnis und die Geschichte dieser Gesellschaft im eigenen Sinne um- und für die Zukunft festzuschreiben. Warum sollte dann andersherum nicht auch eine vom ‚Leib des Forschers‘ befreite Wissenschaft dafür sorgen, ihre eigenen, das heißt, diese Wissenschaft perpetuierenden Wissenschaftler hervorzubringen?

Die neue Wissensordnung bedarf, wie die alte, ihrer ‚Biologisierung‘ – und sie bedarf der ‚Naturalisierung‘ in verstärktem Maße und zugleich in anderer Form. Hatte die ‚alte Wissensordnung‘ alles auszuschließen gesucht, das sich ihr auf dem Weg zur ‚reinen Abstraktion‘ widersetzte, darunter vor allem die Geschlechtlichkeit, so hat die ‚neue Wissenschaft‘ die Parameter für die ‚Erzeugung‘ des neuen Forschertypus zu schaffen. Diese Aufgabe verlangt nach einer Biologisierung, die nicht etwa vorhandene Geschlechterbinaritäten ‚benutzt‘, sondern diese ganz neu erstellt. Damit kommen wir zur Frage nach der Einlagerung von Geschlechtercodes in die Wissenschaft. Auf diese Frage gibt es zunächst eine einfache Antwort: Da ‚Weiblichkeit‘ mit der Entstehung der westlichen Wissens- und Geschlechterordnung als Code für Sexualität eingesetzt wurde, liegt es nahe, dass dieser Code auch herangezogen wird, um die neue Wissensordnung mit einer sexuellen Chiffre zu versehen und zu biologisieren. Anzeichen für eine geschlechtliche Aufladung von Wissensstrukturen durchsetzen nicht nur die Metaphorik der modernen Wissensordnung selbst, sie sind auch deutlich wahrzunehmen im Sprachgebrauch und den Bildern der modernen Kommunikations- und Speichersysteme, die diese Wissensordnung ermöglicht haben: Es genügt, an das Bild der ‚jungfräulichen Festplatte‘, an den ‚binären Code‘ und das ihm zugrunde liegende ‚Lochkartensystem‘ wie auch an die synthetischen Frauenstimmen zu denken, die das ‚Hochfahren‘ des Computers ankündigen.

Über die Art, wie sich die Einlagerung von Geschlechtercodes in einzelnen Wissensfeldern und theoretischen Diskursen vollzogen hat, geben die einzelnen Beiträge dieses [<< 20] Bandes Auskunft. Sie geben damit auch Auskunft darüber, dass diese Vorgänge durchaus analysier- und entzifferbar geworden sind – eine Tatsache, die sich ihrerseits als der Hauptmotor der Geschlechterstudien und ihres spezifischen ‚Wissensdrangs‘ bezeichnen ließe und mit dem Wandel der Geschlechterordnung, der sich in den letzten hundert bis hundertfünfzig Jahren vollzogen hat, unmittelbar zusammenhängt. Diese fand in neuen Theorien über den Geschlechtstrieb ihren deutlichsten Niederschlag, und – bemerkenswert genug – diese neuen Theorien entwickelten sich zeitlich parallel zum Wandel der Wissensordnung und zur allmählichen Aufnahme von Frauen in den Wissensbetrieb.

Der Diskurs über Weiblichkeit als Repräsentation des Sexualtriebs erfährt Mitte des 19. Jahrhunderts eine völlige Umkehrung, auf die schon der Schriftsteller und Sexual­forscher Henry Havelock Ellis (1859 – 1939) um 1900 in seinen Werken zur Sexualpsychologie aufmerksam gemacht hat.7 Ellis weist darauf hin, dass die Theorien zum Sexualtrieb über Jahrhunderte eine Konstante aufwiesen, laut denen der Sexualtrieb der Frau dem des Mannes weit ‚überlegen‘ sei. Er verweist auf den griechischen Mythos vom ‚Seher‘ Teiresias, der von Hera mit Blindheit geschlagen wurde, weil er das ‚Geheimnis der Frauen‘ verriet, laut dem der weibliche Geschlechtstrieb ‚neunmal höher‘ sei als der des Mannes. Ellis zitiert den römischen Dichter Juvenal, der schrieb, dass gewiss keine Frau Interesse daran haben könne, ein Mann zu werden, „denn wie klein ist seine Wollust verglichen mit der ihrigen“; und Ellis führt auch die wissenschaftlichen Theorien von Galen an, der die Ansicht vertrat, dass es für die Frau wegen ihres starken Sexualtriebs sehr viel schwieriger sei, im Zölibat zu leben, als für den Mann.8 Auf solchen Vorstellungen, die sich spielend zwischen Mythos und Wissenschaft bewegten, basierten die Vorkehrungen, die eine Domestizierung oder Neugestaltung des Weib­lichen im westlichen Denken vorsahen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts tauchen jedoch zunehmend ‚wissenschaftliche‘ Vorstellungen auf, die genau das Gegenteil behaupten. In England veröffentlicht Agton eine Schrift, in der er behauptet, dass die Annahme, „dass alle Frauen geschlechtlich empfinden, eine niedere Beschimpfung“ sei. Fehling in Basel erklärt, dass die Sexualität in der Liebe eines jungen Mädchens als „pathologisch“ einzustufen sei,9 während der deutsche Psychiater Näcke versichert: „Die Frauen sind im allgemeinen weniger sinnlich als die Männer.“ 10 Gewiss lassen sich solche Aussagen als das abtun, was sie waren: als ‚unwissenschaftlicher‘ Versuch, eine neue symbolische [<< 21] Geschlechterordnung zu etablieren. Nur ist erstens zu bedenken, dass diese Aussagen als ‚Wissenschaft‘ daherkamen, gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch verstärkt durch die Theorien hoch angesehener Wissenschaftler wie Richard von Krafft-Ebing, der in seiner ‚Psychopathia Sexualis‘ verkündet, dass „der Mann, welcher das Weib flieht, und das Weib, welches dem Geschlechtsgenuss nachgeht, abnorme Erscheinungen“ seien;11 und zweitens stellt sich die Frage: Warum entsteht diese neue Geschlechterordnung und worin besteht ihr Gewinn für die Etablierung der neuen Wissensordnung?

Die neue Wissensordnung ‚entdeckt‘ nicht nur die Überlegenheit des männlichen Geschlechtstriebs, sie stellt auch – zum ersten Mal seit der Geburt der abendländischen Wissensordnung – ausdrücklich den Zusammenhang zwischen Geschlechtstrieb und geistiger Aktivität her und pocht damit auch auf seine Rolle für die Weiterentwicklung des Wissens. Das mag zunächst wie ein Widerspruch zu der vorher entwickelten These klingen, dass das Ideal der Wissensordnung the scientist without a body, also erst recht der Wissenschaftler ohne Unterleib ist. Doch der Widerspruch löst sich bei genauerer Betrachtung. Die Zusammenführung von Geschlechtstrieb und Wissensordnung geschieht einerseits durch physiologische Theorien wie die von Charles Darwin und andererseits durch psychologische Erklärungsmuster wie die von Sigmund Freud. Beide theoretischen Schulen begründeten die ‚Überlegenheit‘ männlicher Geistigkeit – also Wissensfähigkeit – entweder mit der ‚Überlegenheit‘ des männlichen Sexualtriebs oder aber mit der ‚Männlichkeit‘ des Geschlechtstriebs selbst. Auffallend an der physiologischen Begründung ist die Berufung auf das Tierreich und die Natur. Waren bis hierher Wissenschaft und Wissensfähigkeit mit der Unterscheidung von Kultur und Natur begründet worden, so wird nun die Ähnlichkeit von ‚Männlichkeit‘ mit den Trieben der Tiere und Primaten betont, um ‚geistige Überlegenheit‘ zu erklären. Darwin vertritt die Ansicht, dass sich der Unterschied aus den intellektuellen Kräften der Geschlechter – der sich darin zeige, „dass der Mann in allem, was er beginnt, zu größerer Höhe gelangt, als es die Frau kann, mag es nun tiefes Nachdenken, Vernunft oder Phantasie oder den bloßen Gebrauch der Sinne und Hände erfordern“ –, dass sich dieser Unterschied also aus den Gesetzen der geschlechtlichen Zuchtwahl ableite. Laut diesen Gesetzen hätten unter den Männern der „halbmenschlichen Vorfahren des Menschen und unter wilden Völkern […] viele Generationen hindurch Kämpfe um den Besitz der Frauen stattgefunden“.12 Die psychologische Beweisführung Freuds ist anders, führt aber zu demselben Ergebnis. Auch Freud betrachtet die Libido als [<< 22] Voraussetzung für geistige und kulturelle Aktivität. Er macht zwar den Unterschied zwischen dem „Gelehrten“, der seiner Tätigkeit zuliebe auf Sexualität verzichten muss, und dem Künstler, der mit „abstinentem Lebenswandel“ nicht recht vorstellbar sei und dessen „künstlerische Leistung durch sein sexuelles Erleben mächtig angeregt“ werde. Aber ganz allgemein, so fügt er hinzu, habe er nicht den Eindruck gewonnen, „dass die sexuelle Abstinenz energische, selbständige Männer der Tat oder originelle Denker, kühne Befreier und Reformer heranbilden helfe“.13 Doch in jedem Fall – ob nun die Sexualität sublimiert wird oder nicht – bildet für ihn der Sexualtrieb die Grundlage des Wissensdranges. Diesen Sexualtrieb betrachtet er zwar einerseits als geschlechtsneutral oder geschlechtsübergreifend – er schreibt, dass „die Zusammenstellung weiblicher Libido jede Rechtfertigung vermissen lässt“.14 Andererseits sieht er die Libido symbolisiert im männlichen Genital, womit implizit auch über die geschlechtliche Zuordnung ‚des Sexualtriebs‘ entschieden ist. Wo er geistiger Tätigkeit bei Frauen begegnet, analysiert er diese folgerichtig als Aneignung ‚männlicher‘ Eigenschaften und männlicher Physiologie: „Der Wunsch, den ersehnten Penis endlich doch zu bekommen, kann noch seinen Beitrag zu den Motiven leisten, die das gereifte Weib in die Analyse drängen, und was sie verständigerweise von der Analyse erwarten kann, etwa die Fähigkeit, einen intellektuellen Beruf auszuüben, lässt sich oft als eine sublimierte Abwandlung dieses verdrängten Wunsches erkennen.“ 15

Die wissenstheoretische Verschiebung, die sich hier vollzieht, lässt sich umschreiben als die Einlagerung von Geschlechtlichkeit in die Wissensgeschichte und Wissenstheorie. Es handelt sich um eine sexuelle Aufladung der Wissensordnung, die, weil es sich um eine symbolische Zuordnung handelt, eben deshalb auch nicht dem Ausschluss der Geschlechtlichkeit aus der Wissensordnung widerspricht. Die beiden Vorgänge sind gewissermaßen die Kehrseiten ein und desselben Vorgangs, und dieser findet auf doppelter Ebene statt: Einerseits wird der männliche Trieb als Generator des Wissens und der Wissensfähigkeit beschworen – er schwebt gleichsam als deus ex machina in die Wissensordnung ein. Andererseits wird aber auch die Weiblichkeit in die neue Wissensordnung aufgenommen. Auch hier tut sich auf den ersten Blick ein Widerspruch auf, der sich jedoch löst, sobald man das Paradigma betrachtet, das sich dahinter verbirgt. ‚Der Sexualtrieb‘, von dem in der neuen Geschlechter- und Wissensordnung die Rede ist, ist ein Produkt der Wissenschaftlichkeit selbst, und auch [<< 23] hier – wie beim laborgerechten Forscher – handelt es sich um eine alte Phantasie, die mit den neueren Erkenntnissen der Wissenschaft in den Bereich des Realisierbaren rückt. Denn in dieser Zeit, in der sich diese ganzen Wandlungen, ja Umkehrungen, alter Ordnungen vollziehen, entstehen nicht nur die Reproduktionswissenschaften, sondern auch die Sexualwissenschaften, die einen von der Fortpflanzung unabhängigen Sexualtrieb postulieren, ebenso wie die Reproduktionswissenschaften das Ziel einer von der Sexualität unabhängigen Fortpflanzung verfolgen. Darüber hinaus gehen die Sexualwissenschaften auch davon aus, dass sich der Sexualtrieb rational und wissenschaftlich erfassen lasse, obgleich ausgerechnet dieser in den Denktraditionen der abendländischen Wissenswelt als der mächtigste und der Irrationalität, mithin der Unwissenschaftlichkeit, am nächsten stehende Trieb gilt. Genau dies, der Versuch einer rationalen und wissenschaftlichen Erfassung der Irrationalität, ist in den letzten hundert Jahren zu einem Leitgedanken vieler Wissensfelder geworden, und der Vorgang trug dazu bei, dass die modernen Industriegesellschaften ihre Angst vor den Mächten des Sexualtriebs verloren und fast alle Paragraphen aus ihren Gesetzbüchern gestrichen haben, die den Geschlechtsverkehr regulieren. Eine solche ‚Befreiung‘ der Sexualität von (fast) allen Fesseln ist historisch einmalig und hat es in dieser Form in keiner anderen Kultur gegeben. Indem der Sexualtrieb ‚berechenbar‘ geworden ist – und in dieser Hinsicht ist die Sexualwissenschaft nicht zu trennen von den anderen Erscheinungsformen eines der Macht der Berechenbarkeit unterworfenen Sexualtriebs, egal, ob dieser in Porno, Peepshow oder Prostitution, allesamt dem Zeichensystem des Geldes unterstehenden Systemen, seinen Ausdruck findet –, wurde er der rationalen Logik unterworfen und damit wissenschaftsgerecht. Er gehört nicht nur in die neue Wissensordnung, er dient sogar ihrer Durchsetzung und Legitimierung. Der Forscher ohne Unterleib ist versehen mit einem neuen Geschlechtsapparat.

Wir fassen zusammen: Die abendländische Wissensordnung beruht in doppelter Hinsicht auf einer symbolischen Geschlechterordnung: Einerseits konstituiert sie sich über den Ausschluss von Geschlechtlichkeit, symbolisch dargestellt am Ausschluss des weiblichen Körpers aus der Wissensordnung. Erst als sich in der symbolischen Geschlechterordnung das Paradigma entwickelt, dass der weibliche Körper ‚an sich‘ geschlechtslos sei – die Vorstellung schlägt sich u. a. in wissenschaftlichen Theorien des 19. Jahrhunderts über den ,reduzierten‘ weiblichen Geschlechtstrieb nieder –, gestattet die Wissensordnung die Aufnahme von Frauen. Andererseits konstituiert sich die Wissensordnung aber auch durch die ‚sexuelle Aufladung‘ von Wissensfeldern. Motor dieses Vorgangs ist ein ‚Sexualtrieb‘, der der Berechenbarkeit des ‚wissenschaftlichen Diskurses‘ unterliegt. Unter diesen Umständen verwundert es nicht, dass das Geschlecht im 20. Jahrhundert jeden Anschein von Biologie verliert und immer mehr [<< 24] als ‚performativer Akt‘ begriffen wird.16 Allerdings muss diese Entwicklung auch in ihrer Historizität eingebettet werden, also als Erscheinungsform eines geschichtlichen Wandels der symbolischen Geschlechterordnung und eines ‚neuen Sexualtriebs‘, der als Basis der Wissensordnung verstanden wird.

Metaphysik und Wissenschaft

Gehen wir nun zurück zum Ausgang der Überlegungen, dem Wandel der Wissensordnung, der von der Theologie als Leitwissenschaft über die Geschichte / Philosophie zu den naturwissenschaftlichen Fächern als Leitwissenschaften führte. Man könnte diesen Prozess als Ausdruck eines Säkularisierungsprozesses begreifen, der Entkirchlichung oder Verlust transzendenter Glaubensinhalte besagt. Dagegen spricht jedoch die Tatsache, dass auch die neue Wissensordnung zu ihrer Konstitution einer symbolischen Geschlechterordnung bedarf und in dieser ihre ‚Biologisierung‘ findet. Die Umkehrung ist also nicht so tiefgreifend, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Und zweitens spricht dagegen auch die Tatsache, dass die neuen Leitwissenschaften in mehr als einer Hinsicht die Nachfolge der alten Leitwissenschaften angetreten haben: Ihnen wurde das alte Projekt der Unsterblichkeit überantwortet. Es gibt also eine Linie, die direkt von der Theologie zur Naturwissenschaft führt – und ihre Entwicklung weist viele Parallelen zum Wandel der Geschlechterordnung auf.

In den modernen Naturwissenschaften verbindet sich die Scheu, das Metaphy­sische zu thematisieren, mit einer bemerkenswerten Bereitschaft, religiöse Bilder zur Charakterisierung der eigenen Errungenschaften zu zitieren. So etwa, wenn Stephen Hawking in A Brief History of Time schreibt, dass die Wissenschaftler „the mind of God“ enthüllen;17 und der Physiker George Smoot, der die ‚Big-Bang-Theorie‘ mit der „treibenden Kraft des Universums“ verglichen hat, fragt: „and isn‘t that what God is?“ 18 Leon Ledermann, Nobelpreisträger der Physik, nennt die subatome Einheit, von der er glaubt, dass sie über alles bestimmt, das „God particle“.19 Welcher historische Prozess verbirgt sich hinter dieser Berufung auf das Göttliche, die mit einem Schweigen über die Metaphysik einhergeht? Könnte es sein, dass sich das Schweigen über die [<< 25] ­Metaphysik mit der Tatsache erklärt, dass die der eigenen Forschung zugrunde liegenden Paradigmen, also die historische Dimension des eigenen Werdens, ausgeblendet werden sollen? Jedenfalls verweisen die Zitate darauf, dass die Ansiedlung des alten Projekts der Unsterblichkeit in den Naturwissenschaften nicht nur eine Phantasie von Laien, sondern auch der Wissenschaftler selbst darstellt. In jedem Fall scheint die Wanderung des Unsterblichkeitsprojektes in die Naturwissenschaften dazu beigetragen zu haben, dass sie zu den ‚Leitwissenschaften‘ geworden sind.

Dieser historischen Verlagerung von Glauben zu Wissen liegt eine dem Abendland eigene Bedeutung des Begriffs ‚Säkularisierung‘ zugrunde, die in dem christlich geprägten Kulturkreis etwas anderes impliziert als etwa in der jüdischen Tradition. In der christlichen Welt bedeutet der Begriff ‚Säkularisierung‘, der sich sprachlich von lat. saeculum in der Bedeutung von Geschlecht, Generation oder auch Zeitalter herleitet, zunächst den ‚weltlichen Menschen‘, der dem durch Priesterweihe oder Mönchsgelübde gebundenen ‚religiosus‘ gegenübersteht. Ab dem 16. Jahrhundert wird der Begriff saecularisatio von französischen Kirchenrechtlern und Juristen zur Bezeichnung des Übergangs eines Ordensgeistlichen in den weltlichen Stand benutzt. Später erweitert sich der Begriff zur Bezeichnung des Übergangs kirchlichen Eigentums in weltliche Hände. Erst im 19. Jahrhundert wird der Begriff ‚Säkularisierung‘ zu einer geschichtstheoretischen oder geschichtsphilosophischen Kategorie – nun aber mit einer ambivalenten Bedeutung, die Emanzipation aus der Bevormundung durch die Kirche bzw. Entkirchlichung besagt und zugleich auf eine ‚Verfallsgeschichte‘ verweist, mit der die schwindende Integrationskraft der Religion bzw. Entleerung religiöser Gehalte gemeint sind.20 Andererseits impliziert dieser Säkularisierungsprozess aber auch, dass in der christlich-abendländischen und scheinbar ‚nachreligiösen‘ Gesellschaft ein Prozess stattgefunden hat, der sich als ‚Weltwerdung‘ des Glaubens umschreiben ließe. Diese Entwicklung, die auch die Veränderung der Wissensordnung, d. h. die Verlagerung der Leitwissenschaft von Theologie zu den Naturwissenschaften (mit dem Umweg über Philosophie und Geschichte) erklärt, scheint ein Phänomen christlicher und nachchristlicher Denktraditionen zu sein. Das zeigt z. B. der Vergleich mit der jüdischen Religion, der die Gegenüberstellung von Glauben und Wissen, von Transzendenz und Handlung fremd ist. „Unter den Vorschriften des mosaischen Gesetzes“, so schreibt Moses Mendelssohn um 1800 (also in einer Zeit, in der der christliche Säkularisierungsprozess die in christlichen Ländern lebenden jüdischen Religionsgemeinden zu [<< 26] neuen Selbstdefinitionen zwang), „lautet kein einziges: du sollst glauben oder nicht glauben; sondern alle heißen: Du sollst tun oder nicht tun! Dem Glauben wird nicht befohlen, denn der nimmt keine anderen Befehle an, als die im Weg der Überzeugung zu ihm kommen.“ 21

Das Christentum hingegen, das zwischen Glauben und Vernunft unterschied, entwickelte ein mächtiges Bedürfnis, die weltliche Wirklichkeit den Glaubensgrundsätzen anzupassen. Für das christliche Denken stellte die Veränderung der Welt, der wahrnehmbaren Wirklichkeit eine religiöse Notwendigkeit dar. Nur so ließ sich der Abgrund zwischen Metaphysik und Physik, zwischen Geist und Körper überbrücken. Wissenschaft und Logik wurden vom Glauben an die Leine genommen. Deshalb begleitet die christliche Wissensgeschichte auch eine seltsame Paradoxie. Keine andere Religion der Welt hat die Erkenntnisse der Wissenschaft und der Vernunft so erbittert bekämpft und verfolgt wie die christliche. Zugleich hat aber auch keine andere reli­giöse Kultur so viele Wissenschaftler und wissenschaftliche Neuerungen hervorgebracht wie das Christentum.22 Das lässt sich nicht mit der Tatsache erklären, dass die Neuerer Häretiker gewesen seien. Das waren sie ganz entschieden nicht: Ein Gutteil der Neuerungen kam aus den Klöstern selbst; und auch außerhalb der kirchlichen Strukturen waren die Neuerer – bis tief in die Neuzeit hinein – zumeist gläubige Christen. Descartes zum Beispiel erklärte: „Die Philosophie ist wie ein Baum. Die Wurzeln sind die Metaphysik, der Stamm ist die Physik, und die Zweige sind die anderen Wissenschaften.“ 23 Er entwarf also das Bild einer Wissenschaft, die das Sichtbare (oder die Natur) als das Produkt oder Ergebnis des Unsichtbaren oder des Transzendenten betrachtete. Dennoch vergleicht er den menschlichen Körper mit einem Räderwerk,24 also einer Schöpfung des menschlichen Erfindergeistes. Damit machte er Gott, an den er als Schöpfer glaubte, zu einem idealen Mechaniker – d. h. zum ‚Ebenbild‘ des Menschen. Für Leibniz, auch er zutiefst gläubig, wurden Maschine [<< 27] und Uhrwerk sogar zu einer Art von Gottesbeweis: „So ist jeder organische Körper eines Lebewesens sozusagen eine göttliche Maschine oder ein natürlicher Automat, der alle künstlichen Automaten unendlich übertrifft […]. Aber die Maschinen der Natur, d. h. die lebenden Körper, sind noch in ihren kleinsten Teilen, bis ins Unendliche, Maschinen.“ 25 In diese Logik bezog er auch die Seele ein, von der er schrieb, dass sie „ein geistiger, bewunderungswürdiger Automat“ sei, der „durch göttliche Präformation erzeugt“ werde.26 Hinter einer solchen Vorstellung von ‚Wissenschaft‘, die den göttlichen Plan mit den Erfindungen des menschlichen Geistes und den Glauben mit wissenschaftlicher Neuerung in Eins setzte, steckte ein Neuerungsdrang, der dem Christentum eigen war und als eine Art von Dialektik zu verstehen ist, die dem aufeinanderfolgenden Ausschluss und Einschluss von Geschlechtlichkeit ähnelt: Gottfremdes Wissen wird zunächst ausgelagert und verfolgt, bis es zu einem Teil des christlichen ‚Heilsplanes‘ geworden ist. Diese Dialektik hat die christliche Wissensordnung von Anfang an begleitet und wirkt bis in die moderne Wissenschaft weiter, denn den Kern dieses ‚Heilsplans‘ bildet die Herstellung einer spezifischen, sich dem Prinzip der Berechenbarkeit verdankenden Wissensordnung. Dass ausgerechnet das Christentum, das stärker als irgendeine andere Religion auf dem Prinzip des Glaubens beruht – d. h. auf einem Prinzip, das der von der hard science gestellten Forderung nach ‚Verifizierbarkeit‘ widerspricht –, diese Dialektik vorangetrieben hat, ist nicht notwendigerweise ein Widerspruch, begreift man den ‚Glauben‘ als eine historische Triebfeder und die Wissensordnung als das Ziel dieses Triebs. Während Sexual- und der Todestrieb zu den Charakteristika des Individuums gehören, zeichnet sich die Triebstruktur des sozialen Körpers durch die Berechenbarkeit aus, und der deutlichste Niederschlag einer solchen Triebstruktur ist die Wissensordnung. Das Produkt dieses abendländischen Neuerungsdrangs bestand in einer Vorstellung von „Wissen“, die der Philosoph und Sozialwissenschaftler Cornelius Castoriadis als eine spezifische Idee von „rationalem Wissen“ bezeichnet hat:

„Die aufeinander folgenden Umwälzungen, die sich im ‚rationalen Wissen‘ aller bekannten Gesellschaften finden lassen, setzen stets einen grundlegenden Wandel des gesamten imaginären Weltbildes (und der Vorstellungen vom Wesen und Ziel des Wissens selbst) voraus. Die letzte dieser Umwälzungen, die vor einigen Jahrhunderten im Abendland stattfand, [<< 28] hat jene eigentümliche imaginäre Vorstellung geschaffen, der zufolge alles Seiende ‚rational‘ (und insbesondere mathematisierbar) ist, nach der der Raum des möglichen Wissens von Rechts wegen vollständig ausgeschöpft werden kann und wonach das Ziel des Wissens in der Beherrschung und Aneignung der Natur liegt.“ 27

Corpus fictum und organischer Körper

Die Art, wie Theologie, Säkularisierungsprozess und Etablierung der Wissensordnung ineinandergreifen, offenbart sich besonders deutlich an den wechselnden Theorien über den Körper. Diese werden zwar in jeder Epoche neu formuliert und dennoch zu unveränderbarer biologischer Wirklichkeit erklärt. Am deutlichsten wird das, wenn man die Bilder vom kollektiven (oder sozialen) Körper mit denen vom geschlechtlichen Körper vergleicht. Ganz unbestreitbar ist der soziale Körper ein imaginärer Körper: ein corpus fictum oder imaginatum, wie die Theologen die Kirche und die Juristen den Staat nannten.28 Durch die Analogie zum menschlichen Körper sollte dem imaginären sozialen Körper der Anschein von Unteilbarkeit und Leibhaftigkeit verliehen werden. Das heißt, der kollektive Körper hatte sich im individuellen zu spiegeln – und umgekehrt. Da sich aber die Bilder des corpus fictum von einer Epoche zur anderen veränderten, erfuhren auch die dazugehörigen medizinischen, biologischen und juristischen Konzepte des organischen Körpers immer wieder neue Definitionen.29 Das heißt, die Selbst-Konzepte des sozialen Körpers bestimmten über das ‚Wissen‘ von ‚dem Körper‘. Diese Spiegelbildlichkeit bildet eines der wichtigsten Scharniere zwischen der Geschichte der Wissensordnung und der Geschichte der Geschlechterordnung, und sie offenbart zugleich den engen Zusammenhang zwischen Physik und Metaphysik.

Die wandelbaren Bilder des corpus fictum hängen ihrerseits eng mit den medialen Techniken zusammen, über die eine Epoche verfügt und die das Gesicht und die Wissensordnung dieser Epoche prägen. Da die Medien sowohl über die Form der kommunikativen Vernetzung einer Gemeinschaft als auch über das gespeicherte Wissen ihrer Epoche bestimmen, sind sie auch ‚formatierend‘ für die Gestalt des sozialen Körpers [<< 29] und seines Spiegelbildes, des menschlichen Körpers. Deutlich ist die Interdependenz von Medien und Wissensordnung im Bezug zum Körper nachzuvollziehen an den aufeinanderfolgenden Vorstellungen über die Funktionsweise des menschlichen Gehirns. Als der elektrische Strom aufkam, wurde die Tätigkeit des Gehirns mit dem elektrischen Netz und Stromstößen verglichen; dieses Erklärungsmuster wurde abgelöst vom Bild des Telegrafennetzes, auf dieses folgte das Modell des Rechners, und heute beruft sich die moderne Hirnforschung gerne auf die Analogie zum Internet. Indem die Kommunikationskanäle und Übertragungsmechanismen, die Speicher- und Reproduktionssysteme über das kollektive Gedächtnis die Entscheidung darüber treffen, was als ‚wissenswürdig‘ zu gelten hat, verwalten sie auch die Art, wie eine Gemeinschaft als Körper ‚funktioniert‘. So entsteht eine Wechselwirkung: ‚Die Wissenschaft‘ erfindet Techniken, die ihrerseits über die Gestalt des sozialen Körpers bestimmen. Der soziale Körper wiederum bringt eine bestimmte Wissensordnung hervor, der das Wissen über den menschlichen Körper unterliegt.

Die Vorstellung von der Ähnlichkeit des sozialen und des menschlichen Körpers wirkt sich aus auf die Geschlechterordnung und die geschlechtlich codierte ‚Gestaltung‘ des Sozialkörpers. Ein Beispiel: Paulus beschreibt das Verhältnis von Christus und Glaubensgemeinschaft, indem er sich auf die Analogie von Gemeinschaft und Leib beruft: „Weil es ein einziges Brot gibt“, so sagt er, „sind wir Vielen ein einziger Leib.“ 30 Die einzelnen Gläubigen bezeichnet er als ,Glieder‘, die in Christus einen unteilbaren Körper bilden.31 In dieser Konstruktion ist Christus wiederum das ‚Haupt‘ der Gemeinde und diese sein ‚Leib‘.32 Diese Körpermetaphorik überträgt er auf die Geschlechterordnung und die Rolle von Mann und Frau in der ehelichen Verbindung. Ebenso wie Christus das Haupt der Gemeinde sei, so solle auch in der Ehe der Mann das Haupt der Frau und sie seinen Leib bilden. Paulus: „So sollen auch die Männer ihre Frauen lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst.“ 33 Deutlicher als in diesem Bild eines Hauptes, das seinen eigenen Leib heiratet, lässt sich das Gesetz von der Unauflösbarkeit der Ehe, das von allen Religionen der Welt nur das Christentum kennt, kaum benennen. Augustinus übertrug diese Vorstellung auf das Verhältnis von Geist und Fleisch, das es zu domestizieren, aber nicht zu verachten gelte. „Hassen wir aber nun wirklich das Fleisch, wenn wir wünschen, dass es [<< 30] uns gehorche? In der Regel weist ein jeder in seinem Hause seine Gattin zurecht und macht sie gefügig, falls sie widerspenstig ist, aber er verfolgt sie nicht als seine Feindin.“ 34

Das Bild des Hauptes, das seinen eigenen Leib heiratet, wurde zu Beginn der Neuzeit von englischen Kronjuristen aufgegriffen, um das Verhältnis von Souverän und Reich zu charakterisieren; es wurde also aus der theologischen Sphäre in jene des Staates übertragen.35 Auch die sexuelle Codierung wurde übernommen: So wie Christus als ‚Bräutigam‘ der Glaubensgemeinschaft galt und der Bischof bei seiner Ordination zum sponsus der Kirche wurde – der Ring, den er über seinen Finger streifte, besiegelte die Ehe 36 –, so wurde im Spätmittelalter auch der König bei seiner Krönung zum ‚Gatten‘ des Reichs ernannt, zum maritus rei publicae.37 Diese Ehemetaphorik wirkte ihrerseits auf die Geschlechterordnung zurück und prägte die Vorstellung von der ‚Natur‘ der Geschlechterordnung.38 An das Haupt-Leib-Modell für Ehe und Gemeinschaft schlossen noch die Pädagogen der Aufklärung wie Theodor Gottfried von Hippel an, der 1774 schrieb: „Der Mann soll über das Weib herrschen wie die Seele über den Leib.“ 39 Solche Ehemetaphern verdankten ihre Überzeugungskraft der Tatsache, dass sie an die alte Dichotomie anschlossen, die Männlichkeit mit Geist und Weiblichkeit mit Leiblichkeit assoziierte. Und sie wirkten zurück auf die Wissensordnung.

Der soziale Körper als corpus fictum erschafft sich also im physiologischen Körper sein Spiegelbild – und umgekehrt. Genwissenschaftlich gesprochen könnte man auch sagen: Sozialer Körper und menschlicher Körper klonen sich gegenseitig – und zwar so, dass zuletzt niemand mehr weiß, welcher das Original und welcher die Reproduktion ist. Geleitet wird dieser Prozess von einer Wissenschaft, die das Produkt medialer Techniken ist, die sich ihrerseits wissenschaftlichen Errungenschaften verdanken. [<< 31]

Das heilige Gen

Dass in der christlichen und postchristlichen Gesellschaft eine enge Beziehung zwischen Wissenschaft und Metaphysik besteht, lässt sich am deutlichsten an den Wissenszweigen darstellen, die um ‚das Gen‘ entstanden sind. Das Gen ist als die Körper- und Wissenschaftsmetapher der Moderne zu bezeichnen, und nicht durch Zufall firmieren die Disziplinen, die genetische Forschung betreiben, inzwischen unter dem Namen ‚Lebenswissenschaften‘. In den Genwissenschaften verbinden sich ­mediale Techniken wie die Schrift, das Alphabet und der binäre Code 40 mit Wissen und religiösen Paradigmen, und diese spiegeln sich ihrerseits in den beiden Konzepten des Körpers wider, dem biologischen und dem sozialen. In den Genwissenschaften verbinden sich also die verschiedenen zur Etablierung der Wissensordnung notwendigen Faktoren – mediale Techniken, sozialer Körper, physiologischer Körper – und zugleich spiegeln sich in ihrer Geschichte die historischen Transformationsprozesse wider, die die Geschichte der Wissensordnung wie die Geschichte der symbolischen Geschlechterordnung durchlaufen hat.

Die Genforschung wird oft als Selbstermächtigung des Menschen interpretiert, als Versuch, sich göttliche Macht anzueignen, und in dieser Hinsicht als der christlichen Demut konträr beschrieben. Es lässt sich aber auch die gegenteilige These aufstellen: dass nämlich der Diskurs über das Gen in der christlichen Tradition selbst verhaftet ist und diese fortführt. Damit soll nicht behauptet werden, dass die Genwissenschaft als Religion mit transzendenter Botschaft zu betrachten sei, sondern vielmehr, dass sie sich den Strukturen christlichen Denkens – und einem spezifisch christlichen Säkularisierungskonzept, das die Weltwerdung der Heilsbotschaft einfordert – verdankt. Ist Christus der Fleisch gewordene Logos, so geht es in der Wissenschaft vom Gen um das Biologie gewordene Bit. In beiden Fällen hängen die ‚Heilsbotschaften‘ eng mit den jeweiligen medialen Errungenschaften zusammen: Dem Christentum war die Erfindung des griechischen Alphabets vorausgegangen, der Genwissenschaft die Erfindung des binären Codes.

Nichts ist schwieriger zu definieren als das Gen, das als eine linguistische Fiktion begann, erfunden vom dänischen Genetiker Wilhelm Johannsen im Jahre 1909, um eine angenommene Zelleneinheit zu beschreiben, die bestimmte Eigenschaften [<< 32] hervorrufen kann. Johannsen übernahm den Begriff wiederum von dem deutschen Physiologen Hugo DeVries, der den Begriff des ‚Pangens‘ von Charles Darwins ‚Pangenesis‘ abgeleitet hatte: Mit Pangenesis (der Verweis auf die Bibel kommt nicht von ungefähr) war die Theorie über den Ursprung der biologischen Variation gemeint. Für die erste Generation der experimentellen Genetiker Anfang des 20. Jahrhunderts bezeichnete das ‚Gen‘ eine physische Eigenschaft – die Flügelform oder Augenfarbe der Fliege Drosophila zum Beispiel, die sich von einem (bis dahin nicht identifizierten) Substrakt von Erbmaterial herzuleiten schien. Heute begreift man DNS (aus der sich das ‚Genom‘ zusammensetzt) nicht als Vorgabe für eine bestimmte körper­liche Eigenschaft, sondern als eine Art von Interaktion der ‚Gene‘ mit sich selbst und dem weiteren Umfeld. Wie bei der Hirnforschung spielen auch bei diesem Wandel die neuen medialen Techniken – Computer und Internet – eine wichtige Rolle. Das moderne Konzept des Gens hat dazu geführt, dass der Körper selbst nicht als eine feste Gegebenheit betrachtet wird, sondern – vergleichbar dem Computer – als ein ‚Satz von Anweisungen‘, als ein ‚Programm‘, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. In ihrem Buch The DNA Mystique schreiben Nelkin und Lindee:

„Menschen sind die ‚Computerausdrucke‘ ihrer Gene. Wenn Wissenschaftler den Text entziffern und decodieren können, die Markierungen auf der Karte klassifizieren und Anweisungen lesen können, so die Vorstellung, dann werden sie auch die Essenz der menschlichen Wesen rekonstruieren, menschliche Krankheit und die menschliche Natur selbst entschlüsseln können, um so die letzten Antworten auf das Gebot ‚Kenne dich selbst‘ zu geben. Der Genetiker Walter Gilbert beginnt seine öffentlichen Vorlesungen über Gensequenzierung damit, dass er eine Kompaktdiskette aus der Tasche zieht und dem Publikum verkündet: ‚this is you‘.“ 41

Hic est corpus meum … Die Geste des Genetikers erinnert an die Worte des Priesters während der Messe, kurz nachdem die Glocke den Akt der Verwandlung von Hostie und Wein in Fleisch und Blut verkündet hat. Und tatsächlich lässt sich das undefinierbare Gen auch am besten mit der Hostie vergleichen, dem corpus christi mysticum, mit dem sowohl der Leib Christi, das ‚fleischgewordene Wort‘, als auch die Gemeinde der Gläubigen bezeichnet wird. Beide Funktionen hat das Gen übernommen. Das Gen ist Zeichen und Fleisch zugleich, eine Metapher für den individuellen und den kollektiven Körper, und es bietet das Versprechen einer fleischlichen Unsterblichkeit. [<< 33] Wie Hostie und Heiliges Abendmahl macht es das Göttliche ‚gegenwärtig‘, es birgt die Erlösung von der ‚Erbsünde‘ (erblicher Krankheit oder Behinderung); und wie bei der Transsubstantiation verspricht es magische Verwandlungen und ‚Wunderheilungen‘. Es ist die Leib gewordene Schrift. Mit der Gentechnologie, so schreibt Hans Jörg Rheinberger,

„wird das Labor, diese privilegierte Schmiede epistemischer Dinge, in den Organismus selbst verlegt und damit potentiell unsterblich, fängt sie doch an, mit der eigenen Schreibmaschine des Seins zu schreiben. Das größte Entzifferungsprojekt dieses Jahrhunderts, das Vorhaben, das menschliche Genom zu sequenzieren, ist auf den Weg gebracht – auf den Weg des Biochip.“ 42

Allein die Tatsache, dass es sich um einen Vorgang des Sequenzierens handelt, verweist auf die Buchstabenkette des Alphabets, und Genwissenschaftler selbst sprechen von der ‚Entzifferung‘ der genetischen Zusammensetzung oder dem Alphabet des Genoms. So wie die Buchstaben des Alphabets eine eigene historische Wirkungsmacht entwickel­ten,43 so verspricht auch dieses ‚Programm‘ den Körper zu verwandeln.

„Die Schrift des Lebens ist in den Schriftraum des Labors transponiert, zum epis­temischen Ding gemacht, in die Welt der mittleren Dimensionen geholt, in denen unsere Sinnesorgane operieren. Der Biologe, als Forscher, arbeitet nicht mehr mit den Genen der Zelle – er weiß ebensowenig wie jeder andere, was das ‚wirklich‘ ist – er arbeitet mit experimentell in einem Repräsentationsraum produzierten Graphemen. Wenn er wissen will, was sie bedeuten, hat er keine andere Möglichkeit, als diese Artikulation von Graphemen durch eine andere zu interpretieren. Die Interpretation eines Sequenzgels kann nie etwas anderes sein als ein weiteres Sequenzgel.“ 44

Genetiker selbst vergleichen das Gen manchmal mit ‚der Bibel‘, dem ‚Heiligen Gral‘, dem ‚Buch des Menschen‘.45 Es erscheint wie ein sakraler Text, der über die Schö [<< 34] pfung der Natur wie über die moralische Ordnung bestimmt. Manchmal wird das Gen auch mit einem ‚Wörterbuch‘, einer ‚Bibliothek‘, einer ‚Karte‘, einem ‚Rezept‘, einem ‚Referenzwerk‘ verglichen. Auch Christus ist Gral, Buch, Bibel und Speise zugleich. Ebenso wie Christus Gott und Mensch, unsichtbar und dennoch materiell ist, verbinden sich auch in DNS Kultur und Natur, Zeichen und Fleisch. In den Worten von James Watson, Nobelpreisträger und ehemaliger Leiter des Human Genome Project, ist das ‚Schreibprogramm‘ DNA „what makes us human“.46 Daher haben Abtreibungsgegner DNS auch als „the letters of a divine alphabet spell(ing) out the unique characteristics of a new individual“ bezeichnet.47

Gibt es – dank des Gens – eine biologisch definierte ‚Erbsünde‘, so ist das Gen auch dazu da, vergleichbar der Hostie, die Absolution zu erteilen: eine Erlösung von der Schuld. Wenn es die Gene sind, die über Verhalten und Handlungen bestimmen, so kann der Mensch nicht dafür zur Verantwortung gezogen werden. Die Kirche behielt sich das Recht vor, den ‚Sünder‘ nicht in geweihter Erde zu bestatten und ihm damit auch das Recht auf Auferstehung und ewiges Leben zu verweigern. Der Genetiker Francis Crick sagt: „No newborn infant should be declared human until it has passed certain tests regarding its genetic endowment […]. If it fails these tests, it forfeits the right to live.“ 48

Schon die Eugeniker der Jahrhundertwende sprachen von einem „Körperex­trakt“, dem „Beständigkeit bis zur Unsterblichkeit“ eigen sei.49 „Das ewige Leben“, schrieben die amerikanischen Eugeniker Paul Popenoe and Roswell Hill Johnson in den 1920er-Jahren, „ist mehr als eine Metapher oder ein theologisches Konzept.“ Der Tod einer riesigen Agglomeration hochspezialisierter Zellen habe wenig Bedeutung, sobald das Keimplasma weitergegeben worden sei, denn es enthalte „die Seele selbst“ des Individuums.50 Das hatte Folgen: Anfang dieses Jahrhunderts führte die Zeugung und Züchtung von „wertvollem Erbgut“ in den USA zu den sogenannten Better Babies ­Contests. Auf einem Foto ist die Gewinnerin des Wettbewerbs von 1914 zu sehen: die sechs Monate alte Virginia June Nay, nackt auf dem Boden vor einem Bündel Getre [<< 35] ideähren sitzend.51 Diese Bildgestaltung erinnert nicht durch Zufall an mittelalterliche Darstellungen von Christus: Die Kornähren neben dem Abbild des Erlösers verwiesen auf das Brot, die Hostie: den Leib des Herrn als Speise, die Unsterblichkeit verleiht. Bei den Eugenikern hatte das ‚unsterbliche Erbgut‘ diese Funktion übernommen. Better Crops war das Schlagwort, unter dem für verbesserten Nachwuchs geworben wurde.

Prämiert wurde auf den Better Babies Contests nicht etwa die Schönheit des Kindes, sondern seine Übereinstimmung mit Durchschnittsnormen wie Körpergröße, Wachstum etc., das heißt, es ging um Maßstäbe und Normen, um den Kanon selbst. „Hässliche Babys konnten Preise gewinnen. Das einzige, das zählte, waren die objektiven Maße. Für jede Abweichung von der Norm in Größe, Entwicklung oder Gestalt wurden Punkte abgezogen.“ 52 So wird die Norm selbst zum ,heiligen Text‘, zu einem dem Körper eingeschriebenen Kanon. Im säkularen Kontext tritt an die Stelle des ‚Heiligen‘ bzw. der ‚Sünde‘ ‚normal‘ und ‚deviant‘, die wiederum mit ‚natürlich‘ und ‚unnatürlich‘ gleichgesetzt werden. Auf diese Weise wurde die Eugenik zu einer ‚civil religion‘, in deren Zentrum das ‚sakralisierte Kind‘53 steht: ein Topos, der seinen christlichen Ursprung kaum verleugnen kann.54 Mit der Genwissenschaft taucht schließlich auch der Gedanke einer ‚geschlechtslosen‘ Konzeption auf, deren christliche Herkunft kaum zu übersehen ist. Dank der In-vitro-Fertilisation ist die ‚Jungfrauengeburt‘ heute nicht mehr religiöses Dogma, sondern praktizierte Medizin, die bereits bei Frauen durchgeführt wurde, die noch nie Geschlechtsverkehr hatten.55

Mit anderen Worten: Geistesgeschichtlich gesehen bilden viele Fortschritte der Neuzeit und wissenschaftliche Neuerungen keinen Gegensatz zu theologischen Diskursen, sondern geradezu deren Realisierung. Diese Erkenntnis tritt am deutlichsten zutage, wenn man die Geschichte der Wissensordnung mit der Geschichte der symbolischen Geschlechterordnung vergleicht. Das bedeutet weder das Ende der ‚fruchtbaren Ehe‘ von Wissen und Glauben noch stellt es die Bedeutung wissenschaftlicher Errungenschaften in Frage – es impliziert vielmehr einen Erkenntnisvorgang, bei dem Wissensordnung und symbolische Geschlechterordnung auf ihre Überlagerungen und Verflechtungen untersucht werden müssen. Genau das ist das Anliegen dieses [<< 36] Buches: eine Untersuchung der Rolle, die die Kategorie ‚Geschlecht‘ für die Eta­blierung theo­retischer Diskurse sowie für die Wissensordnung insgesamt gehabt hat und weiterhin hat. Dabei rücken auch die Neuen Medien, die wie die Geschlechterstudien eine ‚Querschnittswissenschaft‘ sind, in den Blickpunkt des Interesses: Die Geschichte der Wissensordnung hängt eng mit der Geschichte medialer Vernetzungen und Speichersysteme zusammen. Eben dieser Zusammenhang wird jedoch von der Wissensgeschichte ausgeblendet, so als gelte es die ‚Ursprünge‘ oder die Triebkraft der Wissensordnung zu verbergen. Die symbolische Geschlechterordnung offenbart die historische Wirkungsmacht der Medien über die Wissensordnung, hat doch jede mediale Neuerung im Abendland auch eine Veränderung der symbolischen Geschlechterordnung zur Folge gehabt.

Geschlecht als Wissenskategorie

Obgleich unverkennbar ist, dass die Frage, wie oder warum ‚das Geschlecht‘ aus der Wissenschaft ausgeschlossen bzw. in die Wissenschaft eingelagert worden ist, tendenziell auf die Geschichte der Wissensordnung selbst zielt, ist der Anspruch des Bandes als Hand- und Arbeitsbuch bescheidener: Er konzentriert sich auf die kritische Darstellung der Bedeutung, welche Geschlecht als Analysekategorie in den aktuellen Theoriedebatten spielt, die ihrerseits einen langen historischen Vorlauf haben, aber gerade in der Gegenwart das Selbstverständnis der Wissenschaften in radikaler Weise zu verändern beginnen.56 Ein Blick in neuere Publikationen zeigt, dass in der aktuell boomenden Wissenschaftsforschung 57 die Einsicht in die geschlechtliche Codierung des Wissens [<< 38] und der Wissenschaften noch immer rudimentär ausgebildet ist. In dem repräsentativ aufgemachten Band Bilderwissen 58 heißt es in dem Abschnitt „Ikonen des Intellekts“ in gespielter Naivität: „wie ein Wissenschaftler (Künstler, Schriftsteller, Komponist etc.) aussieht, sollte uns egal sein, auch wenn es sich dabei um eine Frau handelt.“ 59 Abgebildet werden bezeichnenderweise dann jedoch Porträts von Einstein, Herschel und Hawking als charismatische Wissenschaftler, die zeigen, dass ‚große Männer‘ nicht nur Geschichte machen, sondern auch Wissenschaftsgeschichte schreiben. So gängig inzwischen auch die Auffassung ist, dass die Wissenschaften – wie andere kulturelle Praktiken – „historisch und kulturell variable Phänomene“ 60 sind, so wenig Beachtung hat bisher die Tatsache gefunden, dass Wissenschafts- und Geschlechterforschung eine Reihe von parallelen Entwicklungen und Überschneidungen aufweisen.

Seit die gesellschaftliche Benachteiligung und Diskriminierung der Frau in den späten 1960er-Jahren von der akademischen Frauenforschung aufgegriffen wurde, hat sich die Geschlechterforschung in einer engen interdisziplinären Verflechtung mit sozial­wissenschaftlichen Theorien und gesellschaftstheoretischen Modellen entwickelt: In den 1970er-Jahren wurde ‚Geschlecht‘ in die Analyse des gesellschaftlichen Lebens und der sozialen Räume, des Zugangs zu und der Teilhabe an politischer Macht und der Verteilung ökonomischer Ressourcen eingeführt und als weitere grundlegende Kategorie der wissenschaftlichen Analyse in den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften etabliert. Hierbei richtete sich das Augenmerk vor allem auf Fragen der Ungleichheit – etwa in der Lohnarbeit und der sozialen Hierarchie.61

Unter dieser Perspektive wurden auch die Wissenschaften in den Blick genommen, als seit den 1970er-Jahren weibliche Karriereverläufe, die Ab- und Anwesenheit von Frauen in den Wissenschaften, die institutionellen Barrieren und deren Folgen untersucht wurden. Dabei führte die feministische Wissenschaftskritik zu einer intensiven [<< 38] Auseinandersetzung mit der Funktion und Bedeutung der Wissenschaften bei der Ausgrenzung von Frauen aus der gesellschaftlichen Öffentlichkeit und ihrer Diskriminierung in den unterschiedlichsten sozialen Systemen. In einer Vielzahl von Arbeiten wurde untersucht, wie mit wissenschaftlichen Begründungsmustern soziale, histo­rische, politische und ökonomische Praxen begründet, legitimiert und aufrechterhalten werden. In diesem Zusammenhang wurde vor allem die Instrumentalisierung von Geschlechtsstereotypien, weniger aber die Geschlechtsstereotypien selbst hinterfragt; das heißt es wurde – vereinfacht gesagt – die Verwendung von wissenschaftlichem Wissen thematisiert, die missbräuchliche oder fehlgeleitete Anwendung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Tatsachen; diese wurden jedoch als an sich neutral und objektiv angesehen.62

Dieser Zugang entsprach weitgehend dem methodologischen Selbstverständnis der traditionellen Wissenschaftssoziologie und Wissenschaftsforschung. Zwar wurde die Herstellung und Beurteilung von Wissen seit Karl Mannheim als kontextabhängig betrachtet, doch galt der Inhalt wissenschaftlichen Wissens als weitgehend sakrosankt. So wurden in der traditionellen Wissenschaftssoziologie zwar die Bedingungen der wissenschaftlichen Erkenntnisproduktion, deren Institutionalisierung, Normen und Werte untersucht oder die Motivationen der beteiligten Akteure betrachtet, wissenschaftliche Aussagen (Erkenntnisse und Tatsachen) wurden jedoch nicht weiter hinterfragt. In den 1960er-Jahren rückten mit der sogenannten antipositivistischen Wende [<< 39] jedoch auch der Inhalt und die Struktur des Wissens in den Blickpunkt des Interesses. Die Kritik am naturalistischen Wahrheitsanspruch der Wissenschaften im Allgemeinen und der Naturwissenschaften im Speziellen bildet seitdem einen gemeinsamen Fluchtpunkt der Wissenschafts- und Geschlechterforschung.

Mit der Frage der Kontextabhängigkeit wurde auch die vorgebliche Geschlechtsneutralität des Wissens kritisierbar. In der Geschlechterforschung wurde nun eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Aussagen der Lebenswissenschaften über die Geschlechterdifferenz gesucht, um deren sexistische Annahmen zu enthüllen. Arbeiten aus verschiedenen Disziplinen legten die verborgenen androzentrischen Denkmuster in der wissenschaftlichen Darstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit offen oder analysierten die Reinigung und Säuberung wissenschaftlicher Erkenntnisgegenstände von der ihnen zugrunde liegenden Geschlechtlichkeit.63

In der Wissenschaftsforschung wurden ausgehend vom „strong program“ der ­Sociology of Scientific Knowledge vor allem zwei methodische Ansätze ausformuliert, um das Zusammenwirken von sozialen und kognitiven Bedingungsfaktoren zu erklären und zu beschreiben. Das Interessenmodell führte die jeweilige Wahl zwischen konkurrierenden wissenschaftlichen Aussagen auf das Wirken gesellschaftspolitischer und professioneller oder wissenschaftsstrategischer Interessen zurück und suchte das Soziale an externen Faktoren festzumachen, die das Handeln und Denken der Wissenschaftler gewissermaßen von außen steuern.64 Im Gegensatz dazu begriff das Diskursmodell wissenschaftliche Aussagen als soziale Konstruktion und stellte die Erzeugung, Stabilisierung, wissenschaftliche Anerkennung und gesellschaftliche Durchsetzung in den Fokus der Untersuchung, um die soziale Dimension (wissenschaftliches Ansehen, Geschlechtszugehörigkeit, Zugang zu Fachzeitschriften, Koalitionsbildung oder [<< 40] Mobilisierung der Öffentlichkeit) zu erfassen.65 Beide Ansätze setzen an der Frage an, wie die auch für naturwissenschaftliche Erkenntnisbildung charakteristische Wechselwirkung von sozialen und kognitiven Prozessen analysiert werden kann.

Auch in der Geschlechterforschung wurde zunächst versucht, die Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen den sozialen Verhältnissen und den Androzentrismen der modernen Wissensbestände durch eine Differenzierung „externer“ und „interner“ Faktoren methodisch zu begründen. Analytisches Instrument war die Unterscheidung zwischen dem biologischen und dem sozialen Geschlecht, die sex als „naturgegebene“ biologische Ausstattung und gender als soziale Konstruktion und kulturelle Zuschreibung begriff.66 Carol Hagemann-White machte jedoch schon früh darauf aufmerksam, dass die unhinterfragte Klassifizierung der Menschen in Männer und Frauen keineswegs unproblematisch ist, da sie die Existenz von zwei – und nur zwei – Geschlechtern als außergesellschaftliches, naturgegebenes und unveränderbares Faktum voraussetze.67 In den 1980er- und 90er-Jahren wurde im Rückgriff auf sprachtheoretische bzw. poststrukturalistische Ansätze, die vor allem in den Kulturwissenschaften relevant geworden waren, kritisiert, dass diese Unterscheidung in letzter Konsequenz dem biologis­tischen Rahmen verhaftet bleibe, den sie sprengen will.68 Obwohl auch das biologische Geschlecht als diskursive Konstruktion betrachtet und damit die Grundstruktur der angeblich natürlichen Zweigeschlechtlichkeit in Frage gestellt wird, reproduziere die Unterscheidung von sex und gender jene Dichotomie von Natur und Kultur, die wie andere binäre Oppositionen (Körper / Geist, Subjekt / Objekt) das abendländische Denken strukturieren. Da jeweils einem Begriff der binären Opposition der Status des Gegebenen, Unhintergehbaren zukomme, kritisierte u. a. Butler die „Metaphysik [<< 41] der Substanz“ als Effekt einer Bezeichnungspraxis, bei der die Begriffe als vorgängige oder außerdiskursive bezeichnet werden und damit deren diskursive Konstitution verschleiert werde.

Mit dem Diskursmodell hatte sich auch die Wissenschaftsforschung Ende der 1980er-Jahre in eine gewisse theoretische Sackgasse manövriert, die sich gleichfalls aus der Relativität der sozialen Konstruktion ergab und in die heftig ausgetragene Streitfrage mündete, ob es jenseits der sozialen Konstruktion noch so etwas wie naturgegebene Realität gebe.69 Hier hatte die letztlich unfruchtbare (weil ontologische) Zuspitzung in Form eines Sozialdeterminismus dazu geführt, dass man sich nunmehr auf den praktischen Herstellungskontext von wissenschaftlichen Tatsachen konzentrierte. Der technological oder practical turn verlagerte (im Gegensatz zum linguistic turn) die Frage der sozialen Konstruktion auf die Ebene der materiellen, d. h. technischen Grund­lagen der Wissensproduktion, um die Wechselwirkungen zwischen Diskurs und Praktik, zwischen sozialen Konstruktionen und den material constraints zu unter­suchen. Einen entscheidenden Einfluss hatten ethno-methodologisch orientierte Feldstudien, die deutlich machen konnten, dass sich die Herstellung und Stabilisierung von wissenschaftlichen Fakten durch eine Vielfalt sozialer Praktiken auszeichnen, die nur durch Akkulturation zu erwerben sind.70 Mit heuristischen Modellen wie boundary concept oder boundary object wurde nun versucht, die Bedeutung von wissenschaftlichen Tat­sachen als Grenzobjekt und Aushandlungsgegenstand unterschiedlicher sozialer Welten zu erfassen, oder es sollten mit der Rekonstruktion von Wissenshybriden die tradierten Dichotomisierungen relativiert, wenn nicht gar aufgelöst werden.71

Diese Überschneidungen in der bislang getrennt verlaufenden Entwicklungsgeschichte der Geschlechter- und Wissenschaftsforschung verweisen nicht nur in die Zukunft eines gemeinsamen Forschungsprogramms, in dem die kritischen Ansätze aus beiden Disziplinen produktiv gebündelt werden können, sondern zugleich zurück auf die Anfänge des abendländischen Denkens, wo die Kategorie des Geschlechts – wenn auch häufig verschlüsselt oder verschwiegen – in den Konstituierungsprozessen des Wissens und der Wissenschaft eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt hat.

Der Begriff der ‚Kategorie‘ geht auf die Anfänge des abendländischen Denkens zurück, in welchem die Aristotelische Lehre von den zehn Kategorien den Schlüssel [<< 42] zum logischen Denken darstellte. Die Kategorienlehre von Aristoteles kennt bekanntlich kein Geschlecht. Wohl aber ist bereits bei Aristoteles das Geschlecht ein Gegenstand der Naturkunde. Es wird vorrangig in seinen naturphilosophischen Schriften in seiner Funktion für die Fortpflanzung thematisiert. Dort findet sich auch jene begriffliche Figur, die mit dem weiblichen Prinzip als passiver Matrix und dem männlichen als aktiver Formgebung das Denken über Geschlecht und die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem bis zur Entstehung der modernen wissenschaftlichen Disziplinen bestimmen sollte. Sie zeigt zugleich, wie eng die naturwissenschaftliche Beschreibung des Geschlechts mit der wissenschaftstheoretischen Reflexion bzw. mit der Kategorienlehre verflochten wurde. Denn für die aristotelische Philosophie war die Fortpflanzung der paradigmatische Fall des Werdens bzw. der Veränderung in der ersten Kategorie des Seins, der Substanz. Das Männliche steht für die Wirkursache, das Weibliche für die materielle Ursache. Was heute als soziale Konstruktion der Geschlechter gilt − dass Männer zur Fortpflanzung die Form, Frauen das Material beisteuern −, galt zur Zeit von Aristoteles als ‚Evidenz der Natur‘.

Bis heute ist Geschlecht Gegenstand der Naturkunde, jener Einzelwissenschaft, die sich auf Aristoteles als ihren Begründer beruft und sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts Biologie oder Life Science nennt. Geschlecht ist somit als verborgene, aber gleichwohl konstituierende Kategorie des wissenschaftlichen Denkens der abendländischen Wissenschaft ursprünglich. Sie begleitete von der klassischen Antike an das begriffliche Denken und wurde zugleich aus der philosophischen Reflexion der dieses Denken begründenden Grundlagen ausgeschlossen.72

Das Denken des Mittelalters war einerseits geprägt von den Traditionen der Antike, andererseits setzten sich aber auch neue wissenschaftliche Denkmuster durch, die sich vornehmlich christlichen Traditionen verdankten. War zunächst das asketische Ideal des Frühchristentums prägend für das Verhältnis von Glauben und Wissen, so wurden allmählich die Gelehrsamkeit der Klöster und dogmatisch-christliche Glaubensinhalte ausschlaggebend für das wissenschaftliche Denken, das alte heidnische Wissensformen überlagerte, integrierte oder verdrängte. In der Mystik des Hochmittelalters bezogen sich ‚Wahrheit‘ und ‚Wirklichkeit‘ auf ein transzendentes Wissen, das wiederum das [<< 43] Körperbild des mittelalterlichen Menschen wie das medizinische Wissen beeinflusste.73 Die ‚christliche‘ Körperwahrnehmung wirkte sich ihrerseits auf die Geschlechterbilder aus.74 Die Scholastik unternahm den Versuch, die christlichen Glaubensinhalte mit den Wissenstraditionen der Antike und deren auf der Ratio basierenden Wissensbegriff zu verbinden. Für die Mystik spielten Fragen des Bildes und der Bilderverehrung eine wichtige Rolle, was wiederum in der symbolischen Geschlechterordnung einen Ausdruck fand. War die weibliche Mystik des Mittelalters noch geprägt von dem ‚Wissen‘ um die ‚weiblichen‘ Anteile an dem Mensch gewordenen Gott, so sind bildende Darstellungen der Passionsgeschichte, die im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit entstanden, Indices für einen neuen Geschlechtercode, der die ‚Männlichkeit‘ des Erlösers in den Vordergrund rückt.75

Mit dieser Entwicklung kündigen sich schon die Renaissance und ein neues wissenschaftliches Denken an, das auch prägend werden sollte für einen Wandel der Geschlechterordnung. Das christliche Denken übte einen tiefen Einfluss auf die säkulare Welt des Mittelalters aus. War im frühen und im Hochmittelalter das höfische Leben, in dem sich sowohl heidnische als auch christliche Traditionen niederschlugen, noch prägend für sowohl das Wissen als auch für die Geschlechterordnung, so setzt sich nun ein Wandel der Körperwahrnehmung wie der Emotionalität durch.76 Gleichzeitig entwickelt sich mit technischen Neuerungen wie etwa der mechanischen Uhr sowie einer zunehmenden Geldwirtschaft und der allmählichen Durchsetzung einer Gesellschaft, die nach den Gesetzen der Schrift lebt, eine neue Gesellschaftsordnung, die nicht nur Einfluss auf das Wissen und wissenschaftliches Denken, sondern auch auf die Geschlechterrollen ausübt.77 [<< 44]

Aus der aristotelischen Philosophie entwickelte sich – befördert durch die Antiken­rezeption der Renaissance – im Abendland eine neue Form der Dichotomie, die prägend wurde für fast alle Bereiche der neu entstehenden Wissenschaften: Das hierarchische Geschlechterverhältnis ist präsent im philosophischen Diskurs, dessen Begriffe von Subjektivität und Autonomie, Freiheit und Gleichheit, Universalität und Transzendenz am männlichen Selbst ausgerichtet sind, während die Vorstellungen von Weiblichkeit, Körper und Natur als Kontrast zu diesen Selbstsetzungen fungieren.78 Ein ähnlicher Prozess vollzog sich mit der Entwicklung der Zentralperspektive auch in der Kunst, der Naturwissenschaft und auf dem Gebiet des Visuellen. Der penetrierende und einseitige männliche Blick imaginiert sich als Schöpfer, der die sichtbare Welt, indem er sie zum Objekt macht, seiner Verfügungsmacht und Kontrolle unterwirft.79 Dieser penetrierende Blick erzeugte nicht nur die Illusion männlicher Subjektivität, er spielte auch für die Entwicklung der Naturwissenschaften sowie für die Entstehung eines neuen Körperbildes eine entscheidende Rolle. Auch für die Naturkunde, die sich wie die Philosophia naturalis auf Aristoteles als ihren Begründer berief, wurde diese geschlechtsspezifische Codierung der Kategorien begründend und bei der Transformation der Naturgeschichte in die modernen Naturwissenschaften umgeschrieben. Sie findet sich heute in den Objektivitäts-, Universalitäts- und Neutralitätsan­sprüchen moderner Wissenschaftskulturen wieder, wo sie als epistemologische Basis für den wissenschaftlichen Umgang eingelagert wurde und eine kategoriale Vorgabe für die Beschäftigung mit Geschlecht und kultureller Differenz bildet.80 Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Wirkungsmacht der Wissenskategorie Geschlecht stets eine ambivalente war, die in der Dialektik von dynamischen Innovationsschüben und traditionellem Beharrungsvermögen bestand.

In der „Sattelzeit“ (Koselleck) um 1800 vollzog sich ein Paradigmenwechsel: Mit der modernen wissenschaftlichen Beschreibung zweier biologischer Geschlechter wurde das [<< 45] Verhältnis der Geschlechter nicht mehr in der Opposition von sozialer Superiorität und Inferiorität gedacht, sondern als das Verhältnis einer Differenz konstruiert. Die Frau galt nun nicht mehr, wie bei Aristoteles, als „verkümmerter Mann“, sondern sie wurde zur Repräsentantin des „anderen Geschlechts“. In der Epoche der Aufklärung wurde die „Frau“ sogar in einer Art „weiblicher Sonderanthropologie“ zur Statthalterin der Natur erklärt. In dieser Funktion avancierte sie in der nachrevolutionären bürgerlichen Gesellschaft zur Repräsentantin des moralischen Geschlechts. Der Mann stand für das rationale Geschlecht, das sich durch die Herrschaft über Natur definiert. Die Aufteilung des Menschen in zwei ungleichwertige Teile wurde in einem Zeitalter, das die Gleichheit aller Menschen zum Prinzip erhob, mit genuin aufklärerischen Prinzipien legitimiert. Die Natur bedeutete in den medizinischen, historiographischen, philosophischen und anthropologischen Diskursen für die Frau immer „Einschluss“ und „Begrenzung“, und Natur nahm – ob als die dem Organischen eigentümliche Produktivität, ob als Seelenleben oder ob als „Konstanz der Kräfte“ – immer eine doppeldeutige Funktion ein.81

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde mit der Entstehung und Herausbildung der modernen Disziplinen die traditionelle Hierarchie der Wissenschaften in eine funktionale Ordnung überführt. Dabei wurden auf dem Wege der disziplinären Abgrenzung spezifischer Gegenstandsbereiche tradierte Geschlechtermuster oft aufgehoben und überwunden und doch zugleich in Form disziplinärer Darstellungstechniken, Arbeitspraktiken und Forschungsstrategien wissenschaftlich rekonstruiert, ob in gynäkologischen Aufzeichnungstechniken, obskuren chirurgischen Praxen, psychologischen Deutungsmustern, wie etwa der Hysterie oder medialen Aufschreibesystemen.82 Auch die Entfaltung wissenschaftlicher truth claims überführte traditionelle Männertugenden in eine bürgerliche Werteökonomie, die die Aufspaltung zwischen individueller Subjektivität und wissenschaftlicher Objektivität und die ihr zugrunde liegenden Geschlechtsvorstellungen maskiert und verbirgt.

Ende des 19. Jahrhunderts kam es im Zuge der Auflösung des traditionellen Familienverbandes, veränderter Moral- und Wertvorstellungen, neuer ökonomischer und politischer Verhältnisse und Arbeitsbedingungen sowie eines neuen biomedizinischen [<< 46] Verständnisses von Zeugung und Reproduktion zu einer zunehmenden Entkoppelung von Fortpflanzung und Sexualität. Diese hatte Rückwirkungen auf die soziale und kulturelle Wahrnehmung von Geschlecht. Verstärkt wurde diese Entwicklung durch die Entstehung neuer medialer Techniken wie Photographie und Film, die ihrerseits auf die Wahrnehmung von Geschlecht und Geschlechterrollen einwirkten.83

Geschlecht war mit Beginn des 20. Jahrhunderts sowohl in der Naturgeschichte als auch in der Philosophie zu einem der zentralen Gegenstände der wissenschaftlichen Neugierde geworden – und ist es auf Gebieten wie der gentechnologischen Forschung bis in die Gegenwart geblieben. Wie die etymologische Verwandtschaft von Gen, Genus, Gentechnologie, Gender und Genre verrät, besteht zwischen dem wissenschaftlichen Gegenstand „Geschlecht“ und dem wissenschaftlichen Selbstverständnis eine für die wissenschaftliche Praxis konstitutive Verbindung, die mehr als 2000 Jahre lang kaum expliziert wurde.84 Dabei lässt sich verallgemeinernd sagen, dass die Kategorie Geschlecht in den eher anwendungsorientierten Disziplinen zwar eine bedeutende, jedoch meist kaum reflektierte und damit weithin unsichtbare Rolle spielt. Das gilt auch für die Medizin bis in jüngere Zeit. Hier sind auch die neuen molekular ausgerichteten Lebenswissenschaften zu nennen, deren Forschungsprogramme dazu tendieren, Geschlechtskategorien radikal auf Genanlagen zu reduzieren und zugleich Geschlechtsvorstellungen und Geschlechtszuschreibung im Sinne eines genetischen Determinismus neu zu begründen.85 Ähnliches gilt auch für die Rechtswissenschaft, in der Geschlecht als normatives Leitbild wirkt und zugleich immer wieder neue Leitbilder des Geschlechts durch juristische Regulierung geformt und über die Strukturen eines staatlichen Gewaltmonopols durchgesetzt werden.86

Für die Hinterfragung solcher Normierungsprozesse und die damit einhergehende Wissenschaftsreflexion spielen die sozial- und kulturwissenschaftlichen Fächer eine [<< 47] wichtige Rolle, bieten sie doch das notwendige Instrumentarium, um die Entstehung, Einschreibung und Perpetuierung von Diskursen und Praktiken des Wissens zu untersuchen. Methodisch kann hier auch von einer Wende des Blicks die Rede sein: von den materiellen, ökonomisch / sozialen Verhältnissen zur Wahrnehmung der sprachlichen und medialisierten, bildlichen, insgesamt kulturellen Formen der Konstruktion von Wirklichkeit. Der genetic turn, der mit der Verabschiedung der These einer Naturhaftigkeit der Geschlechter einhergeht, begleitet so den linguistic turn und den pictorial turn, die sich zusammen und analytisch orientiert als ­discursive turn fassen lassen.

Diese verschiedenen turns haben zu einer Dynamisierung der Forschungsdebatten geführt, von der auch der vorliegende Band profitiert. Durch die Interventionen, die aus den einzelnen Fächern heraus entwickelt wurden, sind nicht nur neue inter- und transdisziplinäre Forschungsfelder erschlossen worden, sondern wurde der Blick auch für die geschlechtliche Codierung des Wissens und der Wissensordnung insgesamt geschärft. Die bisherigen Versuche, die Erträge der Geschlechterforschung in systematischer Weise zu erfassen und zu präsentieren, beschränkten sich zumeist auf die Übersicht einzelner Disziplinen oder stellten disziplinäre Entwicklungen oder Erkenntnisse mehr oder minder additiv nebeneinander.87 Der vorliegende Band zeigt erstmalig, welche bedeutsame Rolle die Kategorie Geschlecht in den theoretischen Debatten der Gegenwart spielt. Wenn hierbei im weitesten Sinne kulturkritische Ansätze wie etwa die Gedächtnisforschung oder neuere Forschungsrichtungen wie z. B. die Media Studies als Paradigmen aufgegriffen werden, so geschieht das vor allem deshalb, weil die „Ansichten der Wissenschaften“ 88 bzw. die „Bühnen des Wissens“ 89 von eben jener kulturhistorischen Wendung profitiert haben, der auch die Genderforschung am Ende des 20. Jahrhunderts wichtige Impulse verdankt. Die theoretischen Debatten über Identität, Sexualität, Körper und Gewalt etc. haben dabei Rückwirkungen weit über die sich kulturwissenschaftlich verstehenden Disziplinen wie etwa die Literaturwissenschaften oder die Postcolonial Studies hinaus, sie betreffen auch sozialwissenschaftliche, juristische oder medizinische Diskurse und bringen die unterschiedlichen Wissenschaftskulturen in ein neues Gespräch, das die von Snow beklagte Trennung der „zwei Kulturen“ in eine literarische und naturwissenschaftliche Intelligenz 90 überwinden kann. Auch wenn [<< 48] der Band keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt – nicht zuletzt aus pragmatischen Überlegungen bleiben eher anwendungsorientierte, in den politischen Bereich zielende Debatten über „Erfahrung“, „Alltag“, „Öffentlichkeit“ oder „Arbeit“ ebenso ausgegrenzt wie komplexe, wissenschaftsübergreifende Überlegungen zu „Genealogie“, „Differenz“ oder „Rhetorik“ 91 – so bietet er doch eine repräsentative Übersicht über aktuelle Diskussionsverläufe und stellt ein Wissen zur Verfügung, das für die Wissenschafts- wie für die Geschlechterforschung gleichermaßen unverzichtbar ist.

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1 H. Schelhowe, Informatik, in: C. v. Braun / I. Stephan (Hg.), Gender Studien. Eine Einführung, Stuttgart, Weimar 2000, S. 207 – 216.

2 R. v. Heydebrand (Hg.), Kanon Macht Kultur. Theoretische, historische und soziale Aspekte ästhetischer Kanonbildung, Stuttgart, Weimar 1998.

3 Vgl. O. Gaupp, Zur Geschichte des Wortes „rein“, Diss. Tübingen 1920.

4 M. Douglas, Reinheit und Gefährdung. Eine Studie zu Vorstellungen von Verunreinigung und Tabu, übers. v. B. Luchesi, Frankfurt / M. 1988, S. 78.

5 C. v. Braun, Versuch über den Schwindel. Religion, Schrift, Bild, Geschlecht, Zürich 2001.

6 Vgl. D. Hunter, Hysteria, Psychoanalysis, and Feminism. The Case of Anna O., in: Feminist Studies 9.3 (1983), S. 485.

7 H. H. Ellis, Studies in the Psychology of Sex, Kingsport, Tenn. 1897 – 1928 (dt. 1922 – 1924).

8 H. H. Ellis, The Sexual Impulse in Women, in: ders., Studies in the Psychology of Sex, Bd. 1, Teil 2, S. 197.

9 Beide zit. n. ebd., S. 194 f.

10 P. Näcke, Kritisches Kapitel der Sexualität, Archiv f. Psychiatrie, 1899, S. 341.

11 R. v. Krafft-Ebing, Psychopathia Sexualis I, München 1984, S. 12 f.

12 C. Darwin, Die geschlechtliche Zuchtwahl, übers. v. H. Schmidt, Leipzig 1909, S. 250.

13 S. Freud, Gesammelte Werke VII, Frankfurt / M. 1964 ff., S. 160.

14 Freud, Gesammelte Werke XV, S. 140.

15 Ebd., S. 134.

16 Vgl. insbes. J. Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt / M. 1991; dies., Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, Berlin 1995.

17 S. Hawking, A Brief History of Time, New York 1988.

18 Zit. n. B. Appleyard, In Science We Trust, in: New York Times, 7.4.1993.

19 L. Lederman, The God Particle, New York 1992.

20 I. Eschebach / S. Lanwerd, Säkularisierung, Sakralisierung und Kulturkritik, in: Metis 9.18 (2000): Säkularisierung – Sakralisierung, S. 10 – 26.

21 Zit. n. M. Wiener, Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation (1933), in: S. Ben-Chorin / V. Lenzen (Hg.), Jüdische Theologie im 20. Jahrhundert. Ein Lesebuch, München, Zürich 1988, S. 103 – 132, hier S. 113.

22 Vgl. S. Andreski, Religion, Science, and Morality, in: The Encounter 6 (1987), S. 63 – 66.

23 R. Descartes, Oeuvres, 11 Bde., hg. v. C. Adam u. P. Tannery, Paris 1897 – 1913, hier Bd. 9.2, S. 14 f. (Neuaufl. 1964 – 1967).

24 R. Descartes, „Untersuchungen über die Grundlagen der Philosophie, worin das Dasein Gottes und die Unterschiedenheit der menschlichen Seele von ihrem Körper bewiesen wird“, in: ders., Philosophische Werke, übersetzt, erläutert und mit einer Lebensbeschreibung des Descartes versehen von J. H. v. Kirchmann, Abteilung I – III, Berlin 1870, hier Abt. II, S. 110.

25 G. W. Leibniz, Grundwahrheiten der Philosophie (Monadologie), übers. v. C. Horn, Frankfurt / M. 1962, S. 117.

26 G. W. Leibniz, Die Theodizee, übers. v. A. Buchenau, Hamburg 1968, S. 21 f.

27 C. Castoriadis, Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer politischen Philosophie, übers. v. H. Brühmann, Frankfurt / M. 1990, S. 454.

28 E. H. Kantorowicz, Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters, übers. v. W. Theimer u. B. Hellmann, München 1990, S. 206.

29 Vgl. dazu M. Douglas, Die zwei Körper. Ritual, Tabu und Körpersymbolik. Sozialanthropologische Studien in Industriegesellschaft und Stammeskultur, Frankfurt / M. 1993.

30 1. Kor. 10,17.

31 Röm. 12,5; s. a. 1. Kor. 12,27.

32 Eph. 5,23 u. 28.

33 Eph. 5,28.

34 A. Augustinus, Der Nutzen des Fastens, Würzburg 1958, S. 9.

35 Kantorowicz, Die zwei Körper des Königs, S. 39.

36 Ebd., S. 222.

37 Ebd., S. 225.

38 H. Wunder / C. Vanja (Hg.), Wandel der Geschlechterbeziehung zu Beginn der Neuzeit, Frankfurt / M. 1991.

39 T. G. v. Hippel, Über die Ehe, Berlin 1774, S. 96.

40 H. J. Rheinberger, Alles, was überhaupt zu einer Inskription führen kann, in: U. Raulff / G. Smith (Hg.), Wissensbilder. Strategien der Überlieferung, Berlin 1999, S. 265 – 278, hier S. 275.

41 D. Nelkin / M. S. Lindee, The DNA Mystique. The Gene as a Cultural Icon, New York 1995, S. 2 (eigene Übers., C. v. B. u. I. S.).

42 Rheinberger, Alles, was überhaupt zu einer Inskription führen kann, S. 272.

43 A. Kallir, Sign and Design. The Psychogenetic Sources of the Alphabet, London 1961 (dt. Sign und Design. Die psychogenetischen Quellen des Alphabets, Berlin 2001). Zu dem Einfluss des Alphabets auf die Körperwahrnehmung und symbolische Geschlechterordnung vgl. v. Braun, Versuch über den Schwindel.

44 Rheinberger, Alles, was überhaupt zu einer Inskription führen kann, S. 273.

45 Zit. n. Nelkin / Lindee, The DNA Mystique, S. 6 f., 39 (eigene Übers., C. v. B. u. I. S.).

46 J. Laroff, The Gene Hunt, in: Time, 20.3.1989, S. 62 – 71.

47 G. Bergel, When You Were Formed in Secret. National Right to Life Pamphlet, Reston, VA 1988, S. 2.

48 Zit. n. D. Chamberland, Genetic Engineering. Promise and Threat, in: Christianity Today 30.2 (1986), S. 20.

49 A. E. Crawley, The Idea of the Soul, London 1909, S. 209, 211 (eigene Übers., C. v. B. u. I. S.). (Der Aufsatz war dem Eugeniker Francis Galton gewidmet.)

50 P. Popenoe / R. Hill Johnson, Applied Eugenics, New York 1920, S. 29.

51 Nelkin / Lindee, The DNA Mystique, S. 28.

52 Ebd., S. 29 (eigene Übers., C. v. B. u. I. S.).

53 Ebd., S. 31

54 Vgl. I. Hacking, Aristotle Meets Incest – and Innocence, in: J. Chandler / A. Davidson / H. Harootunian (Hg.), Questions on Evidence. Proof Practice, and the Persuasion across the Disciplines, Chicago 1991, S. 476.

55 Vgl. Tageszeitung, Berlin, 12.3.1999.

56 Dieser Abschnitt basiert auf den gemeinsamen Vorarbeiten einer Gruppe von WissenschaftlerInnen für den Antrag auf Einrichtung eines Graduiertenkollegs zum Thema „Geschlecht als Wissenskategorie“, das mit Beginn des Jahres 2005 an der Humboldt-Universität zu Berlin startete.

57 R. van Dülmen / S. Rauschenbach (Hg.), Macht des Wissens. Die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft, Köln, Weimar 2004; R. v. Bruch / B. Kaderas (Hg.), Wissenschaften und Wissenschaftspolitik. Bestandsaufnahmen zu Formationen, Brüchen und Kontinuitäten im Deutschland des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 2002; I. Tomkowiak (Hg.), Populäre Enzyklopädien. Von der Auswahl, Ordnung und Vermittlung des Wissens, Zürich 2002; A. Gipper, Wunderbare Wissenschaft. Literarische Strategien naturwissenschaftlicher Vulgarisierung in Frankreich, München 2002; K. Knorr Cetina, Wissenskulturen. Ein Vergleich naturwissenschaftlicher Wissensformen, Frankfurt / M. 2002; H. v. Hentig, Wissenschaft. Eine Kritik, München, Wien 2003; P. Burke, Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft, Berlin 2001.

58 M. Kemp, Bilderwissen. Die Anschaulichkeit naturwissenschaftlicher Phänomene, Köln 2003.

59 Ebd., S. 254. Vgl. auch S. Beaufays, Wie werden Wissenschaftler gemacht? Beobachtungen zur wechselseitigen Konstitution von Geschlecht und Wissenschaft, Bielefeld 2003.

60 M. Hagner, Ansichten der Wissenschaftsgeschichte, in: ders. (Hg.), Ansichten der Wissenschaftsgeschichte, Frankfurt / M. 2001, S. 23.

61 S. Hark, Diszipliniertes Geschlecht. Konturen von Disziplinarität in der Frauen- und Geschlechterforschung, in: Die Philosophin. Forum für feministische Theorie und Philosophie 23 (2001), S. 93 – 116; T. Wobbe, Wahlverwandtschaft. Die Soziologie und die Frauen auf dem Weg zur Wissenschaft, Frankfurt / M., New York 1995.

62 R. Bleier, Science and Gender. A Critique of Biology and its Theories on Women, New York 1979; C. Eifler, Sozialwissenschaftliche Frauenforschung in den neuen Bundesländern, Berghof-Stiftung für Konfliktforschung, Berlin 1992; U. Frevert, Historische Frauenforschung, in: Sozialwissenschaftliche Frauenforschung in der Bundesrepublik, hg. v. der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Bonn 1994, S. 157 – 167; U. Erb, Frauenperspektiven auf die Informatik. Informatikerinnen im Spannungsfeld zwischen Distanz und Nähe zur Technik, Münster 1996; A. Vogt, Die Fräulein Doktor werden immer mehr, Berlin 1996; dies., Lise Meitner und ihre Kolleginnen. Naturwissenschaftlerinnen in den Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zwischen 1912 und 1945, Berlin 1996; dies., Wissenschaftlerinnen in Kaiser-Wilhelm-Instituten. A–Z, Berlin 1999; R. Tobies / K. Radbruch (Hg.), Aller Männerkultur zum Trotz. Frauen in Mathematik und Naturwissenschaften, Frankfurt / M., New York 1997; G. Sonnert / G. Holton, Gender Differences in Science Careers. The Project Access Study, New Brunswick, N. J. 1996; S. Kohlstedt / H. Longino (Hg.), Women, Gender, and Science. New Directions, Chicago 1997; R. Becker-Schmidt / G.-A. Knapp (Hg.), Das Geschlechterverhältnis in den Sozialwissenschaften, Frankfurt / M., New York 1995; A. Bührmann / A. Diezinger / S. Metz-Göckel (Hg.), Arbeit, Sozialisation, Sexualität. Zentrale Felder der Frauen- und Geschlechterforschung, Bd. 1, Opladen 2000.

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68 Butler, Das Unbehagen der Geschlechter; dies., Körper von Gewicht; R. Gildemeister, Die soziale Konstruktion von Geschlechtlichkeit, in: I. Ostner / K. Lichtblau (Hg.), Feministische Vernunftkritik, Frankfurt / M. 1992; B. Vinken (Hg.), Dekonstruktiver Feminismus. Literaturwissenschaft in Amerika, Frankfurt / M. 1992; S. Benhabib u. a., Der Streit um die Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart, Frankfurt / M. 1993; v. Braun / Stephan (Hg.), Gender Studien.

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70 K. Knorr Cetina, Epistemic Cultures. How the Sciences Make Knowledge, Cambridge, Mass. u. a. 1999.

71 B. Latour, Die Hoffnung der Pandora.

72 E. Fox Keller, Liebe, Macht und Erkenntnis. Männliche oder weibliche Wissenschaft, München, Wien 1986; dies., Refiguring Life. Metaphors of Twentieth-Century Biology, New York 1995; A. Fausto-Sterlin, Myth of Gender. Biological Theories about Women and Men, New York 1992; dies., Sexing the Body. Gender, Politics and the Construction of Sexuality, New York 2000; D. Haraway, Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt / M. 1995.

73 M. Rubin, Corpus Christi. The Eucharist in Late Medieval Culture, Cambridge, New York, Melbourne 1991.

74 C. W. Bynum, Fragmentierung und Erlösung, Frankfurt / M. 1996.

75 L. Steinberg, The Sexuality of Christ in Renaissance Art and in Modern Oblivion, Chicago, London 21996.

76 M. Feher, Fragments for a History of the Human Body, 3 Bde., New York 1989 ff.; W. Röcke / H. Neumann (Hg.), Komische Gegenwelten. Lachen und Literatur in Mittelalter und Früher Neuzeit, Paderborn 1999; I. Kasten, Kulturen der Gefühle in Mittelalter und Früher Neuzeit, Stuttgart 2002; R. Schnell, Sexualität und Emotionalität in der vormodernen Ehe, Köln, Weimar, Wien 2002.

77 H. Wenzel, Sehen und Hören, Schrift und Bild. Kultur und Gedächtnis im Mittelalter, München 1995; P. Dinzelbacher, Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen, Stuttgart 1993; R. Sennett, Stein und Fleisch. Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivilisation, übers. v. L. Meissner, Frankfurt / M. 1997; M. Burckhardt, Metamorphosen von Raum und Zeit, Frankfurt / M. 1995; ders., Vom Geist der Maschine. Eine Geschichte kultureller Umbrüche, Frankfurt / M. 1999.

78 T. Laqueur, Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud, Frankfurt / M. 1992.

79 S. Schade / S. Wenk, Inszenierungen des Sehens. Kunst, Geschichte und Geschlechterdifferenz, in: H. Bußmann / R. Hof (Hg.), Genus. Zur Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften, Stuttgart 1995, S. 340 – 407.

80 L. Schiebinger, Frauen forschen anders. Wie weiblich ist die Wissenschaft?, München 1999; E. Scheich, Naturbeherrschung und Weiblichkeit. Denkformen und Phantasmen der Naturwissenschaften, Pfaffenweiler 1993; v. Braun, Versuch über den Schwindel.

81 Honnegger, Die Ordnung der Geschlechter; L. Steinbrügge, Das moralische Geschlecht; C. Gransee, Grenz-Bestimmungen. Zum Problem identitätslogischer Konstruktionen von „Natur“ und „Geschlecht“, Tübingen 1999.

82 G. Didi-Huberman, Die Erfindung der Hysterie, München 1997; E. Showalter, Hystorien. Hysterische Epidemien im Zeitalter der Medien, Berlin 1997; E. Bronfen, Das verknotete Subjekt. Hysterie in der Moderne, Berlin 1998; F. Kittler, Aufschreibesysteme 1800/1900, München 1985.

83 T. de Lauretis, Alice Doesn’t. Feminism, Semiotics, Cinema, Bloomington 1984; dies., Technologies of Gender, Bloomington 1987; G. Koch, Was ich erbeute, sind Bilder. Zum Diskurs der Geschlechter im Film, Frankfurt / M. 1989; L. Williams, Viewing Positions. Ways of Seeing Film, New Brunswick 1994.

84 H. Bußmann / R. Hof (Hg.), Genus. Zur Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften, Stuttgart 1995.

85 L. E. Kay, Who Wrote the Book of Life? A History of the Genetic Code, Stanford 2000.

86 C. Mackinnov, Towards a Feminist Theory of the State, Cambridge 1989; N. Lacey, Unspeakable Subjects. Feminist Essays in Legal and Social Theory, New York 1998; E. Kreisky / B. Sauer (Hg.), Geschlecht und Eigensinn. Feministische Recherchen in der Politikwissenschaft, Wien 1998.

87 v. Braun / Stephan (Hg.), Gender Studien.

88 Hagner, Ansichten der Wissenschaftsgeschichte.

89 H. Schramm u. a. (Hg.), Bühnen des Wissens. Interferenzen zwischen Wissenschaft und Kunst, Berlin 2003.

90 H. Kreuzer (Hg.), Die zwei Kulturen. Literarische und naturwissenschaftliche Intelligenz. C. P. Snows These in der Diskussion, München 1987.

91 Verwiesen werden kann hier auf das Graduiertenkolleg „Öffentlichkeiten und Geschlechterverhältnisse. Dimension von Erfahrung“, das an der Universität Kassel angesiedelt ist, und auf das Forschungsprojekt „Genealogie“ am Zentrum für Literaturforschung in Berlin.

2 Themenfelder

Identität
Claudia Breger
Einleitung

Der Begriff der Identität ist aus dem lateinischen idem: „(ein und) derselbe / dasselbe“ abgeleitet. Meyers Großes Taschenlexikon definiert ihn allgemein als „vollkommene Gleichheit oder Übereinstimmung (in Bezug auf Dinge oder Personen); Wesensgleichheit“, „Echtheit“ einer Person.1 Entwickelt worden ist der Begriff zunächst in der antiken Logik, deren Rezeption in der neuzeitlichen Philosophie ihn in die Wissenschaft der Moderne hineingetragen hat. Hier allerdings hat sich die Bedeutung des Begriffes im Laufe der Zeit verschoben: In der aktuellen Diskussion lässt sich Identität vielleicht am besten als Antwort auf die Fragen ,wer bin Ich? Wer sind Wir?‘ beschreiben. Dabei geht es nicht um die „absolute Selbstgleichheit“ der Logik, sondern um die Herstellung von Kohärenz, sei es historisch bzw. biographisch (als Kontinuität, Gedächtnis etc.) oder horizontal (als Konsistenz des Ich bzw. sozialer Zusammenhang).2 In diesem Sinne lässt sich die Frage der Identität als zentrale, wenn nicht die zentrale Problematik der neuen Frauenbewegung und der aus ihr hervorgegangenen Geschlechterforschung beschreiben. Denn einerseits funktioniert Identität hier als grundlegender Bezugspunkt politischer Aktivität wie wissenschaftlicher Arbeit: Wer / was sind die Frauen und Männer, um die es geht? Andererseits aber ist Identität in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als immer schon pro­blematische, als Medium von Herrschaft und Gewalt diskutiert worden. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts allerdings lässt sich kon­statieren, dass Identität aktueller denn je zu sein scheint. Dass sich das Wort „in unserer Alltagssprache geradezu epidemisch ausgebreitet“ hat,3 kann im Hinblick auf die (wissenschaftliche wie politische) Kritik des Konzepts in den letzten Jahrzehnten als [<< 55] backlash erscheinen: In Reaktion auf die umfassenden Verunsicherungen von Identität durch ,Postmoderne‘, Feminismus, Migration und Globalisierung sind individuelle wie kollektive Identitäten augenscheinlich wieder dringlich gefragt, nicht zuletzt in den ,alten‘ Formen z. B. ,starker‘ Männlichkeit oder nationalen Gedächtnisses. Zugleich ist festzuhalten, dass die gegenwärtige Konjunktur des Identitätsbegriffes teilweise auch als Resultat gerade seiner kritischen Diskussion in der Geschlechterforschung und parallelen Feldern (z. B. den postcolonial studies) angesehen werden kann.4 Sie reflektiert den transdisziplinären Triumphzug eines Themas, das auf komplexe Weise diskutiert wird: Die wissenschaftliche Frage nach Identität schließt heute die nach Differenzen ein. Es geht in der Regel nicht länger um stabile ,Wesenheiten‘, sondern um Prozesse der Identifizierung und der Herstellung von Zugehörigkeiten, die (z. B. in der kognitivistischen Theorie) wieder verstärkt positiv konturiert, aber auch als nicht-voraussetzbare und oft brüchige gedacht werden.

Vor dem Hintergrund dieses zwiespältigen Aktualitätsbefunds ist die Geschichte des Redens über Identität im Folgenden näher zu beleuchten. Zwei Hinweise sind einleitend noch erforderlich: Erstens sind Geschichten immer ein bisschen zu einfach. Wenn ich davon erzähle, dass Identität in der Theorie der Moderne eher positiv besetzt, in der der Postmoderne kritisiert worden ist – und ,nach der Postmoderne‘ vielleicht ein comeback erfährt, so ist ergänzend festzuhalten: Die gleiche Geschichte lässt sich auch als Geschichte andauernder Verhandlungen zwischen zwei Polen beschreiben. Historisch gesehen, stellt die Wende zum 19. Jahrhundert den Moment dar, in dem Identität auf neue, für die Moderne prägende Weise ins Spiel des Wissens gelangt ist. Die Zeit um 1800 ist die Geburtsstunde des Denkens in ,Geschlechtscharakteren‘, ,Rassen‘ usw., die als unveränderlich-,essentielle‘ gedacht und in der Natur der Menschen begründet wurden.5 Zugleich aber lässt sich auch der Beginn moderner Identitätskritik auf diesen Moment datieren: Kant, der als Anthropologe selbst an der Aufteilung der Menschen in ,Rassen‘ beteiligt war, formulierte als Erkenntnistheoretiker, dass Identität erst durch die Konstruktionsleistung eines denkenden Ich entsteht.6 Ähnliche historische und theoretische Verschlingungen der Bewegungen ,pro‘ und ,contra‘ Identität werden auch für die verschiedenen Momente des Nachdenkens über gender zu zeigen sein. Leicht zu [<< 56] Irritationen führen kann, zweitens, dass der Identitätsbegriff der Bezeichnung individueller ebenso wie kollektiver Formationen dient (einerseits der „Ich-Identität“, andererseits z. B. der gemeinsamen Identität von Frauen als Frauen). Beide Formen sind analytisch selbstverständlich unterscheidbar, fungieren in den Debatten um Identität über weite Strecken aber auf so eng verflochtene Weise, dass es mir nicht als sinnvoll erschien, sie für den Rahmen dieser Darstellung kategorisch zu trennen. Aufschlussreich ist vielmehr die Art und Weise, in der das ,Ich‘ und das ,Wir‘ jeweils miteinander verbunden werden.

Die folgende Kurzdarstellung wichtiger Stationen und Aspekte des Redens über Identität in der Geschlechterforschung schließt jeweils Verweise auf zentrale wissenschaftsgeschichtliche, d. h. hier philosophische und sozialwissenschaftliche Bezugspunkte ein. Sie geht von der Prämisse aus, dass die Identitätsdebatten in der Geschlechterforschung nicht von anderen wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen der Zeit getrennt werden können: Auf exemplarische Weise zeigt die Identitätsfrage, wie Gender@Wissen, d. h. als Schnittstelle jeweils aktueller inter / disziplinärer Konfigurationen funktioniert. Nicht weniger eng verflochten sind die Diskussionen um Identität mit den anderen theoretischen Feldern, die die folgenden Beiträge besprechen. So wurde bereits darauf verwiesen, dass Identitäten in der Moderne maßgeblich mit ,Natur‘ begründet worden sind und dass Gedächtnisprozesse einen zentralen Aspekt von Identitätsbildung darstellen. Nicht weniger grundlegend ist z. B., dass – vor allem individuelle, aber auch kollektive – Identitäten in der westlichen Tradition maßgeblich im Rekurs auf Körper(bilder) imaginiert worden sind (die wiederum eng mit ,Natur‘ zusammengedacht wurden). Die Liste wird fortzusetzen sein: Dieser und die folgenden Beiträge werfen einander ergänzende, unterschiedlich akzentuierte Blicke auf ein theoretisches Feld, auf dem sich die jeweils besprochenen Konzepte in komplexer Weise überlagern.

Das ,andere Geschlecht‘ auf dem Weg zur Subjektwerdung:
Simone de Beauvoir

Simone de Beauvoirs Klassiker Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau (zuerst 1949) wurde Ende der 1960er zu einem zentralen Referenzpunkt der neuen Frauenbewegung. Auch hier kann ein Blick auf ihn helfen zu verstehen, worum es in Sachen Identität in der Geschlechterforschung geht – und woher diese Problemkonfiguration wissenschaftsgeschichtlich kommt. Schon der Titel von Beauvoirs Werk benennt die grundlegende Asymmetrie, die ihr zufolge das Verhältnis der Geschlechter [<< 57] charakterisiert: „Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: sie ist das Andere.“ 7 Diese Begriffe entstammen dem Wortschatz G. W. F. Hegels, des einflussreichsten ,Identitätsphilosophen‘ des 19. Jahrhunderts. Bezugnehmend auf die Begriffe der antiken Logik, hat Hegel ein Denk,system‘ entworfen, in dem Identität, salopp formuliert, der Anfang und das Ende von allem ist. So erweist sich der Mensch, anthropologisch gedacht, im Unterschied zu Natur und Tieren dadurch als Mensch, dass er seine (virtuell immer schon gegebene) Identität als Bewusstsein seiner selbst, sich selbst in der ,reflektierten‘ Beziehung auf sich erfasst.8 Hegels idealistischer Philosophie zufolge besteht auch der Gang der Weltgeschichte in der Entfaltung dieses Selbstbewusstseins, das untrennbar mit ,Freiheit‘, Hegels zweitem Lieblingskonzept, verknüpft wird. Dieser Prozess aber erfordert eine Konfrontation des Selbst mit dem Anderen: Durch Differenzierung von ihm suchen das Subjekt wie der ,Weltgeist‘ ihre Selbstidentität zu beweisen. Auf der individuellen Ebene beschreibt Hegel diesen Prozess als Kampf zweier ,Selbstbewusstseine‘, durch den ein Herr-Knecht-Verhältnis etabliert wird. Beauvoir paraphrasiert: „das Subjekt setzt sich nur, indem es sich entgegensetzt: es hat das Bedürfnis, sich als das Wesentliche zu bejahen und das Andere als das Unwesentliche, als Objekt zu setzen.“ 9 Sowie: „Keine Gemeinschaft definiert sich jemals als das Eine, ohne sofort das Andere sich entgegenzusetzen.“ 10

Die Begriffe des Subjekts und des Anderen aber sind geschlechtlich codiert: Er identifiziert das Weibliche mit dem Anderen (und damit u. a. mit Natur und Körperlichkeit). So wird der ,Herr‘ durch Unterscheidung von ,der Frau‘ zum ,Menschen‘. Beauvoir verweist einleitend darauf, dass der Begriff homme im Französischen (wie man im Englischen) den „Mann“ mit dem „Menschen“ gleichsetzt.11 Ihr Werk ruft zur Überwindung dieser Kopplung auf, die der Frau den Zugang zur ,menschlichen‘ Kondition verstellt: Auch die Frau muss Subjekt werden. Dass dies möglich ist, begründet Beauvoir, indem sie sich – teilweise – von der Philosophie der Identität abgrenzt: Mit Hegels Worten akzentuiert sie gegen ihn, dass das ,Sein‘ der Geschlechter nur „geworden sein“ ist, Reaktion auf eine „Situation“ eher als „unbeweglich fixierte[…] Wesenheit“.12 Das heißt nicht, dass die Differenz der Geschlechter in der Gegenwart nicht real wäre. Doch – in den Worten, für die [<< 58] Beauvoir berühmt geworden ist – „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ 13 In diesem Sinne ist Beauvoirs Theorie ,anti-essentialistisch‘, nur sehr bedingt allerdings in dem Sinne, mit dem dieser Begriff in den Debatten der letzten Jahrzehnte meistens verknüpft worden ist: Die biologistische Argumentation, die seit dem 19. Jahrhundert das ,Wesen‘ des Geschlechts begründet hat, wird von ihr nicht (wie von vielen gender-Theo­retikerinnen heute) direkt angegriffen, sondern nur in ihrer Bedeutung relativiert: Die „biologischen Voraussetzungen“ bilden kein „unausweichliches Geschick“, denn „die Definition des Menschen ergibt, dass er nicht ein gegebenes Wesen ist, sondern eines, das sich zu dem macht, was es ist.“ 14 Hier zeigt sich Beauvoirs Zugehörigkeit zur Philo­sophie des Existentialismus (Sartre, Merleau-Ponty und andere). Aus der Perspektive der „existentialistischen Ethik“ setzt sich das Subjekt in einem Akt der ,freien Wahl‘.15

Die ,Wahl‘ macht die ,biologisch gegebene‘ Geschlechtsidentität des Subjekts irrelevant, indem sie die ihm gegebene „autonome Freiheit“ 16 verwirklicht. Diese Freiheit aber bleibt, wie bei Hegel, auch hier mit der Vorstellung von Ich-Identität verknüpft: Die „ursprüngliche Intentionalität“ der Selbstsetzung garantiert, dass das „Seelenleben […] kein Mosaik, sondern „etwas Ganzes in jedem seiner Augenblicke“ ist.17 Das hier formulierte ,Identitätspostulat‘ wird in den Debatten der Geschlechterforschung eine zentrale Rolle spielen – ebenso wie die zweite Kopplung, die das ,Subjekt Ich‘ mit dem ,Subjekt Wir‘ verbindet: Im Vergleich mit der Situation der Schwarzen und Proletarier erklärt Beauvoir die spezifische Problematik der Frauenunterdrückung damit, dass „[d]ie Frauen“ nicht „wir“ sagen, sich nicht „zu einer Einheit […] sammeln“.18 Kurz: „sie setzen sich nicht eindeutig als Subjekt.“ 19

Auf der Suche nach (weiblicher) Identität: Die neue Frauenbewegung

Die Frauenbewegung der späten 60er und 70er, die sich in den USA nicht zuletzt im Kontext der afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, in der Bundesrepublik etwas später aus der Studentenbewegung heraus entwickelte, wird in der feministischen [<< 59] Historiographie in der Regel in zwei Phasen eingeteilt: Zuerst stand (radikale) Gleichheit, dann (radikale) Differenz im Zentrum der Aufmerksamkeit. In beiden Kontexten aber waren Identitätsfragen von zentraler Bedeutung – wenn auch auf unterschied­liche Weise: Während ,weibliche Identität‘ zum prägenden Konzept der zweiten Phase werden sollte, waren die Gleichheitsforderungen der ersten Phase – im Anschluss an Beauvoir – eher auf Vorstellungen ,menschlicher Identität‘ bezogen. Zu kritisieren aber waren zunächst die ,gewordenen‘ Identitäten: In jener Rede von Helke Sanders im September 1968, die als Auftakt der neuen Frauenbewegung in der Bundesrepublik gilt, war von der „Identität“ die Rede, die Männer „durch das Patriarchat“ gewonnen und durch die Abtrennung des ,Privaten‘ vom ,Politischen‘ bewahrt haben.20 ,Das Private ist politisch‘: Mit diesem Leitslogan konzentrierte sich die neue Frauenbewegung auf Fragen der Repräsentation, Rollenverteilung und sexistischen Gewalt, der Sexualität und Reproduktion. Einen zentralen theoretischen Referenzpunkt bildeten dabei – neben Beauvoir und anderen frühen Feministinnen – verschiedene Versionen der Kritischen Theorie (Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Wilhelm Reich etc.). Ihre Verknüpfung marxistischer mit psychoanalytischen Ideen brachte wiederum Hegel ins Spiel – wenn auch in neuer kritischer Wendung. ,Identität‘ fungierte dabei als ebenso zentraler wie ambivalenter Begriff.

Berühmt geworden sind Horkheimer und Adorno für ihre scharfe Kritik der Identität: „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt.“ 21 In der während des Zweiten Weltkriegs im amerikanischen Exil geschriebenen Dialektik der Aufklärung, die zu erklären versucht, wie Faschismus und Holocaust möglich werden konnten, wird der Prozess der Geschichte ,posthegelianisch‘ als Herrschaftsprozess beschrieben. Das Selbst erscheint hier als Produkt einer gewaltsamen Unterwerfung von Natur, Körperlichkeit und der mit ihr assoziierten Weiblichkeit (ebenso wie ethnischen Minderheiten). Der ,Zwangseinheit‘ dieses Selbst gegenüber besetzen Horkheimer und Adorno das ,Nicht-Identische‘, Vielfalt und Individualität positiv. Dabei halten sie allerdings auch normativ an dem Begriff einer (,anderen‘, eben individuellen sowie ,natürlichen‘) Identität fest.22 Gegen die „Selbstbehauptung“ wird – frei nach Hegel – die (positiv konnotierte) [<< 60] „­Selbstbesinnung“ gesetzt,23 und auf der psychologischen Ebene akzentuiert Adorno in The Authoritarian Personality, dass ein entwickeltes ,Ich‘ und ein ,starker Sinn für persönliche Autonomie‘ Bollwerke gegen Antisemitismus und Rassismus bilden.24 An dieser Stelle wird ein weiterer theoretischer Einfluss sichtbar: der der zeitgenössischen amerikanischen ,Ich-Psychologie‘. Hier wurde die ,(Ich-)Identität‘, wie paradigmatisch von Erik Erikson ausformuliert, als subjektive „Wahrnehmung der eigenen Gleichheit und Kontinuität in der Zeit“ 25 ins Zentrum psychoanalytischer Theorie gestellt. (Freud hingegen arbeitete mit dem Begriff der ,Identifizierung‘, der den Prozess der Identitätsbildung akzentuiert: Durch ihn wird das Ich als „Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen“ gebildet.26) Zusammen mit ähnlichen Entwicklungen in der Soziologie – insbesondere bei Herbert Mead, der in Deutschland z. B. von Habermas rezipiert wurde – hat die Ich-Psychologie dazu beigetragen, dass die Grundannahme, derzufolge es „für menschliche Wesen von grundsätzlichem Interesse“ ist, „sich selbst als ,eins‘ zu verstehen“, in weiten Teilen der Sozialwissenschaft auch des späteren 20. Jahrhunderts mehr oder minder explizit vorausgesetzt wurde.27

Zusammen mit der Kritik der Identität als Herrschaftsprozess haben diese sozialwissenschaftlichen Neuformulierungen identitätsphilosophischer Grundsätze auch die neue Frauenbewegung geprägt: Sie wurde durch das doppelte Projekt der Kritik ,patriarchaler‘ Identitäten einerseits, der Entwicklung ,befreiter‘ Identität von Frauen andererseits geprägt.28 Mit der Veränderung der politischen Kultur im Laufe der 1970er-Jahre – die Studentenbewegung zersplitterte sich; Frieden und Ökologie wurden zu neuen Schwerpunktthemen – verschob sich dabei der Akzent zunehmend vom ,Subjekt Frau‘ auf das ,weibliche Subjekt‘. Die ,Neue Subjektivität‘, die nun im Zentrum des feministischen Projekts stand, sollte im Zeichen der Differenz von den herrschenden Standards der Zerstörung gesucht werden. So orientierte sich der ­cultural feminism an einer als universal imaginierten – und teilweise biologisch fundierten – Weiblichkeitsvorstellung, derzufolge Frauen friedlicher und mehr im Einklang mit [<< 61] der Natur seien als Männer (z. B. bei Mary Daly). Wie kritisch eingewandt worden ist, beruhten diese Vorstellungen allerdings im Wesentlichen auf einer Aneignung hegemonialer Konzepte, die weibliche Identität schon im 19. Jahrhundert genau so definierten.29 Anspruchsvollere Versionen dieser Theorieströmung wurden von psychoanalytischen, Moral- und Erkenntnistheoretikerinnen (Nancy Chodorow, Carol Gilligan, Nancy Hartsock) entworfen.30 In den Literaturwissenschaften prägte sie das Konzept der gynocritics (Elaine Showalter) und die frühe deutsche Diskussion um eine ,weibliche Ästhetik‘.31 Diese Suche nach ,der‘ Weiblichkeit macht nicht den ,ganzen‘ Feminismus der 1970er und frühen 1980er aus: Schon bald protestierten Schwarze und andere minorisierte Frauen gegen die Verallgemeinerungen, die dem Reden von ,der Frau / den Frauen‘ eingeschrieben waren, und einzelne Autorinnen und Künstlerinnen wandten sich mit ihren Projekten gegen den feministischen mainstream. Nichtsdestotrotz ist im deutschsprachigen Raum insbesondere ein – literarischer – Text zum Signum dieser Zeit geworden: Verena Stefans Häutungen, die Geschichte einer Frau, die sich in der Erkundung ,ihres‘ Körpers ,selbst findet‘.32

(Weibliche) Differenz: Der ,französische‘ Feminismus

Auf etwas andere Weise hat die Vorstellung von Weiblichkeit im Zeichen der Differenz von der männlichen Norm / alität auch den sogenannt ,französischen‘ Feminismus geprägt, der insbesondere mit den Namen von Hélène Cixous, Luce Irigaray und Julia Kristeva verknüpft ist.33 Obgleich die wichtigsten Schriften dieser Autorinnen schon in den 1970er-Jahren zeitlich parallel zu den eben diskutierten Feminismen entstanden, wurde die Theorierichtung im anglo-amerikanischen und deutschsprachigen Raum erst in den 1980er-Jahren auf breiter Basis rezipiert und – in den Literatur-, weniger den Sozialwissenschaften – vorübergehend zum hegem [<< 62] onialen Paradigma. Der grundlegende Unterschied dieser Theorierichtung von den eben besprochenen Ansätzen besteht in der Zugehörigkeit der Autorinnen zum Poststrukturalismus. Dieser nimmt erneut Bezug auf die philosophische (eher denn die aktuellere sozialwissenschaftliche) Tradition des Nachdenkens über Identität, macht dabei aber die Kritik der Identität als solcher zum Leitmotiv: Im Zeitalter der ,Postmoderne‘ wird die abendländische Philosophiegeschichte auf ihre Identitätsphantasmen hin befragt. Paradigmatisch für dieses Projekt steht insbesondere der Name Jacques Derridas, als eine wichtige Station auf dem Weg zu ihm ist aber zuvor Jacques Lacan zu besprechen.

Lacans Psychoanalyse konstituierte sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts in Abgrenzung von der zeitgenössischen amerikanischen Ich-Psychologie, deren Akzentuierung personaler Identität für ihn einem Verrat an Freud gleichkommt. Lacans eigene Theorie ist ihm zufolge eine Rückkehr zu Freud 34 – allerdings auf strukturalistischer Grundlage: Anstelle der Biologie tritt die Sprache, anstelle des Penis, der bei Freud die Wahrnehmung der Geschlechterdifferenz prägt, der ,Phallus‘ als ein Signifikant (d. h. ein ,Bezeichnendes‘, oder: ,Wortkörper‘). Lacan knüpft hier an Ferdinand de Saussures strukturalistisches Zeichenmodell an, das Bedeutung (sprich: ,Identität‘) als den Effekt differentieller Anordnung von Signifikanten beschreibt. Dabei verunsichert Lacan allerdings den Prozess der Bedeutungskonstitution, indem er den Signifikanten anders als Saussure über das Signifikat (das ,Bezeichnete‘) setzt und die Instabilität der Beziehung zwischen beiden im – andauernden – Spiel der Signifikation akzentuiert. Identität ist für Lacan auf der Ebene dessen zu verorten, was er ,das Imaginäre‘ nennt. Frei nach, einmal mehr, Hegel akzentuiert er, dass sich der Mensch nur in der Beziehung zu einem anderen als Einheit wahrnimmt, bzw. in der Lacanschen Radikalisierung: verkennt. Lacan beschreibt diesen Prozess als das ,Spiegelstadium‘, wobei in der kleinfamiliären Sozialisation z. B. die Mutter als Spiegel funktioniert. In anderen Worten: Identität ist notwendig phantasmatisch. Das gilt auch für die Geschlechtsidentität, die Lacan im Zeichen der ,Maskerade‘ bespricht – einerseits. Andererseits behauptet er, dass die Geschlechterdifferenz im unbewussten Sprechen des Subjekts (wo ihm zufolge dessen ,Wahrheit‘ liegt) eine entscheidende Rolle spielt, und schreibt dem Phallus im Spiel der Signifikation eine privilegierte, strukturierende Rolle zu. Auch wenn Lacan darauf beharrt, dass der Phallus nicht mit dem Penis zu verwechseln ist, lässt sich dieser ,Herrensignifikant‘ doch gedanklich nicht ohne weiteres vom Bild des [<< 63] männlichen Organs lösen.35 Wie bei Freud spielen so auch bei Lacan Vorstellungen von der biologischen Differenz zwischen den Geschlechtern – und die korrespondierenden Identitätsphantasmen des ,männlichen‘ Phallusbesitzes – eine entscheidende Rolle für die Struktur unserer Wahrnehmung und unseres Begehrens.

Dass dem Phallus bei Lacan nicht zu entkommen ist, hat Derrida als Ausdruck des ,abendländischen Phallogozentrismus‘ kritisiert (logos: griech. u. a. ,Gedanke‘, ,Vernunft‘, auch ,Wort Gottes‘). Seine poststrukturalistische Theorie radikalisiert die Idee des andauernden, nie Bedeutungen fixierenden Spiels der Signifikation im Namen der (mit seinem Kunstwort) différance, die jeden Sprechakt markiert.36 Die abendländische Philosophiegeschichte verbleibt Derrida zufolge demgegenüber im Bann der Identität – oder, wie er auch formuliert, der ,Metaphysik der Präsenz‘. Er untersucht diese Identitätsproduktion als Prozess, der auf einer Reihe binärer, hierarchischer Oppositionen beruht: Begriffspaare wie Mündlichkeit und Schrift sowie – uns mittlerweile vertraut – Geist und Natur bzw. Körper, Selbst und Anderes, Männlichkeit und Weiblichkeit dienen einer Ordnungswut, die bei Derrida allerdings letztlich nicht gegen die überlegene Macht des Spiels der différance ankommt. Für seine eigene Praxis der ,Dekonstruktion‘ des Identitätsdenkens spielt die Geschlechterdifferenz wiederum eine tragende Rolle: Derrida plädiert für eine strategische Inanspruchnahme des abgewerteten, am ,anderen‘ Pol der hierarchischen Oppositionen verorteten Weib­lichen. Dieser Vorschlag basiert auf der Annahme, dass dieses ,Andere‘ aufgrund seines Ausschlusses aus der ,phallogozentrischen‘ Ordnung als ,Drittes‘, nämlich Kraft der Zerstörung des oppositionellen Systems funktionieren kann. Derrida entwickelt diese Idee anhand von Nietzsches Weiblichkeitskonzept, wo Weiblichkeit u. a. mit ,Hysterie‘ assoziiert wird. Die so charakterisierte ,weibliche Schreibweise‘ ist nicht mit dem Schreiben realer Frauen zu verwechseln. Auch Derrida aber arbeitet – unter Verkehrung der Vorzeichen – mit ,herrschenden‘ Vorstellungen von Geschlechterdifferenz, die so gedanklich fortgeschrieben werden.

Hélène Cixous knüpft am direktesten an Derrida an. Aus feministischer Perspektive richtet sie den Blick vor allem auf die Opposition ,Männlichkeit – Weiblichkeit‘ und akzentuiert die ,phallogozentrische‘ Kulturgeschichte derart als Geschichte der Unterdrückung des Weiblichen. Als kritisches Gegenprinzip arbeitet Cixous die [<< 64] Vorstellung einer weiblichen Ökonomie des Begehrens – und Schreibens – aus, die das Regime der Identität destruiert.37 Charakterisiert durch Sinnlichkeit ebenso wie eine Ethik der Gabe, macht diese Ökonomie im Ich „die Vielheit von Stimmen des Anderen“ hörbar.38 Wie bei Derrida ist diese écriture féminine erklärtermaßen nicht mit dem Schreiben realer Frauen zu verwechseln. Zugleich aber wird sie hier doch essentialistisch begründet: Cixous bindet sie eng an weibliche Erfahrung und die ,dezentrierte‘ Libido von Frauen zurück.

Luce Irigaray nimmt stärker auf die Psychoanalyse Bezug als Cixous, stellt das Denken Freuds und Lacans dabei aber mit Hilfe poststrukturalistischer Überlegungen auf den Kopf: In Speculum analysiert sie die psychoanalytische, und allgemeiner: abendländische Ökonomie der Repräsentation als eine, die vom „Begehren nach dem Selben“, einem „Traum von Identität“ beherrscht ist.39 In dieser Ökonomie (sprich: unter der Vorherrschaft des Phallus) kann sexuelle Differenz nicht repräsentiert werden; Weiblichkeit erscheint nur im Zeichen des (Penis- / Phallus-)Mangels. Gerade als das ,Nicht-Repräsentierbare‘ jedoch wird Weiblichkeit hier, analog zu Derridas und Cixous‘ Überlegungen, im zweiten Schritt zu einer ,dritten‘ Kraft, die die ,phallogozentrische‘ Sinnproduktion verstören kann. Im Rekurs auf anatomische Metaphern (,zwei sich berührende Schamlippen‘) beschreibt Irigaray das weibliche Geschlecht als ,das Geschlecht, das nicht eins ist‘.40 Auch diese essentialistische Bestimmung von Weiblichkeit ist als biologistisch kritisiert, von anderer Seite allerdings als ,strate­gische‘ verteidigt worden.41 In jedem Fall bleibt festzuhalten, dass die (über alle anderen Differenzen privilegierte) Geschlechterdifferenz auch im Zeichen poststrukturalistischer Identitätskritik hier letztlich wieder zur Basis eines „Identitätskonzept[s]“ 42 wird. [<< 65]

Differenzen, oder: Zur Genealogie der Identität. Gender Trouble

Judith Butler, deren Studie Gender Trouble die Geschlechterforschung der 1990er-Jahre maßgeblich geprägt hat, kritisiert Irigarays ,monolithische und monologische männ­liche Ökonomie‘ nicht zuletzt dafür, dass sie die kulturelle und historische Spezifizität geschlechtlicher Unterdrückungsmechanismen nicht erfassen kann.43 An die Stelle solcher ,totalisierenden feministischen‘ Gesten soll eine Analyse treten, die danach fragt, wie einander überlagernde Differenzkategorien (neben gender z. B. race und class) soziale Prozesse des Ausschlusses, der Diskriminierung und Hierarchisierung organisieren.44 Butler rekurriert hier auf die Kritik an den universalisierenden Konzepten des mainstream-Feminismus, die schon seit den 1970er-Jahren von schwarzen, lesbischen und anderen minorisierten Frauen geäußert worden war. Nicht als Erste, aber mit nachhaltigerem Erfolg als ihre Vorgängerinnen, ruft Butler dazu auf, die Kategorie „Frauen“, die die feministische Theorie zu lange vorausgesetzt hat, kritisch auf ihre Entstehung und Funktionsweise hin zu befragen. Im Rekurs auf Michel Foucault verwendet Butler für dieses Projekt den Begriff der Genealogie, der ein Gegenmodell zu hegemonialen Formen der Geschichtsschreibung bezeichnet. ,Genealogie‘ geht nicht von einer ursprünglichen Identität (z. B. einem geschichtsmächtigen Subjekt oder auch einem abstrakten Funktionsprinzip à la Hegelschem Weltgeist aus), sondern befragt die ,verstreuten‘ Ereignisse und Praktiken, Diskurse und institutionellen Bedingungen, durch die Identitätsformationen entstehen.45 Im Hintergrund dieses Konzepts deutet sich das Modell von Macht an, das Foucault in Der Wille zum Wissen ausformuliert hat: Herrschaftsbeziehungen sind nicht die Folge einer zentralen, gesetzgebenden Autorität, sondern das – veränderliche, notwendig instabile – Resultat andauernder, vielschichtiger und plural gerichteter Kraftvektoren.46 Diese ,produktive‘ Macht ,jenseits‘ der Identität aber strukturiert laut Foucault das gesamte soziale Feld; auch Subjektivitäten sind als ihr Effekt zu beschreiben.

Butler verknüpft diese foucaultschen Theoreme mit den Modellen der Psychoanalyse und Dekonstruktion, um die von ihr angestrebte ,radikale Kritik der Kategorien [<< 66] der Identität‘ zu entwerfen.47 So gerät gender als ein soziosymbolischer Apparat der Produktion von Subjektivität in den Blick.48 Butler zufolge wird er maßgeblich – aber, siehe die foucaultsche Komplexitätsvorgabe, nicht allein – von den institutionalisierten Mächten des ,Phallogozentrismus‘ und der ,Zwangsheterosexualität‘ strukturiert. Die Argumentationsbewegung, mit der Butler die Identität des Geschlechts zersetzt, ist eine doppelte: Erstens problematisiert sie die Voraussetzung notwendiger Kohärenz zwischen den verschiedenen Dimensionen des Geschlechts. Nach den Vorgaben hegemonialer Norm / alität folgt aus sex (dem ,biologischen‘ Geschlecht) notwendig (ein entsprechendes, sprich: identisches) gender, und aus diesen beiden notwendig das Begehren nach einem Objekt entgegengesetzten Geschlechts. Sexualität wird hier also als zentraler Bestandteil des Geschlechts reflektiert. Potentiell ,subversiver‘ Gender Trouble beginnt, wo die ,metaphysische‘ Dreieinigkeit des Geschlechts aufgelöst wird. Zweitens aber greift Butler die Geste der Fundierung an, die sex als ,natürliche‘ Grundlage des Geschlechts voraussetzt: Im Rekurs auf feministische Forschungen zur Wissenschaftsgeschichte fragt sie, ob die ,natürliche Zweigeschlechtlichkeit‘ nicht als ebenso kulturell produzierte zu denken ist wie gender – womit die Unterscheidung zwischen sex und gender potentiell kollabiert. Die Kategorie des Geschlechts insgesamt erweist sich dann als performativ, d. h.: sie erzeugt erst die Identität, die sie vorgibt zu ,sein‘.49

Butler-Exegetinnen haben nicht zuletzt darüber gestritten, wie radikal die hier formulierte Auflösung der ,natürlichen‘ Grundlage von Identität zu lesen ist. Auch im Hinblick auf die Produktion von Identität selbst aber sind zwei – komplementäre – Lektüren möglich: Einerseits insistiert Butler, u. a. mit Lacan, darauf, dass Identität immer phantasmatisch ist; die Performanz des Geschlechts führt notwendig zu Effekten ,komödiantischen Scheiterns‘.50 Andererseits beschreibt sie, im Anschluss nicht zuletzt an den freudschen Begriff der Identifizierung, die Zwangsmechanismen, die die Kohärenz und Kontinuität einer Person effektiv herstellen.51 Die Zielrichtung von Gender Trouble jedoch ist eindeutig: Als Gegenentwurf zu den ,­Identitätspolitiken‘, die feste Einheiten voraussetzen, schlägt Butler vor, gerade die Inkohärenzen und Uneindeutigkeiten unserer Selbstwahrnehmungen und Zugehörigkeiten politisch produktiv [<< 67] zu machen. Auf der kollektiven Ebene kann dies eine Koalitionspolitik bedeuten, die auf der Akzeptanz von Divergenzen und Brüchen beruht, auf der individuellen – aber nicht weniger politischen – Ebene theatralische Inszenierungen von Geschlechts,identität‘ (z. B. durch Praktiken des drag), die deren Grundlosigkeit und Inkohärenz sichtbar machen.52

Butlers Gender Trouble ist – nicht zuletzt in Deutschland – kontrovers diskutiert worden: Ihre Auflösung der (,natürlichen‘ und vermeintlich auch körperlichen Fundamente von) Identität wurde von vielen Autorinnen als Bedrohung feministischer und anderer fortschrittlicher Politik wahrgenommen. Eine für unseren Zusammenhang zentrale Linie der Debatte ist in dem Band Der Streit um Differenz dokumentiert. Seyla Benhabib plädiert hier für das Festhalten an einem Identitätsideal (im Sinne von Kontinuität und Kohärenz), weil nur dieses ihrer Ansicht nach politische Handlungsfähigkeit ermöglicht. Im Anschluss an die besprochene philosophische Tradition von Hegel bis zur Kritischen Theorie werden „Autonomie und […] Ich-Identität“ noch einmal eng verknüpft und mit dem zeitgenössischen Begriff der „Handlungsfähigkeit“ zu einer Trias zusammengebunden, die als „regulatives Prinzip“ nachgerade angesichts der Zerbrechlichkeit des „Selbstgefühl[s] von Frauen“ unverzichtbar sei.53 In mancher Hinsicht allerdings modifiziert Benhabib das ,alte‘ Konzept der Identität auch. Im Rekurs auf – maßgeblich von Paul Ricœur inspirierte – neuere Erzähltheorien schlägt sie vor, „Kohärenz“ als „narrative Einheit“ zu verstehen: „Ich-Identität“ ist nicht nach dem Modell physikalischer Gleichheit, sondern als Leistung des Zusammenfügens jener (vielfältigen) Geschichten zu verstehen, in die wir verstrickt sind.54 Außerdem visiert sie im Hinblick auf die Identitätskritik der Kritischen wie feministischen Theo­rie ein Subjektkonzept an, in dem „autonome[…] Individualität“ mit „fließenden Ich-Grenzen“ vereinbar und ohne „Angst vor der Andersheit“ möglich ist.55

Butler akzeptiert den von Benhabib behaupteten Zusammenhang zwischen Handlungsfähigkeit und Identität nicht: Schon in Gender Trouble hatte sie betont, dass die performative Konstruktion des Geschlechts nicht im Gegensatz zu politischer agency [<< 68] steht. Dekonstruktion der Identität ist ihr zufolge nicht die Dekonstruktion der Politik, sondern die Voraussetzung neuer Politikformen.56 In ihrer Antwort auf Benhabibs Vorwürfe akzentuiert Butler dann, dass es ihr nicht um eine Verabschiedung des Subjektbegriffs zu tun ist – auch wenn ihre dekonstruktivistische Rhetorik das zuweilen nahelegen mag.57 Vielmehr sei das Subjekt als „die stets vorhandene Möglichkeit eines bestimmten Prozesses der Umdeutung (resignifying process)“ zu verstehen.58 Was genau damit gemeint ist, hat Butler in späteren Publikationen – insbesondere Excitable ­Speech (1997) – ausgeführt. Hier steht nicht länger das – oft als Kostümspiel missverstandene – Konzept theatralischer Geschlechtsperformanz im Zentrum ihrer Ausführungen, sondern ein linguistisch-rhetorisches Modell der Performativität. Im Anschluss an J. L. Austin wie Derrida betont Butler, dass Sprechakte in der Regel nicht vollständig erfolgreich sind. Dieser Umstand aber macht auch hegemoniale Regimes der Macht ,verletzlich‘; in den ,Lücken‘ ihres Funktionierens kann das marginalisierte Subjekt als kritischer Agent Handlungsfähigkeit erlangen. Im Rekurs auf Gayatri Spivak (und in der Sprache der Rhetorik) beschreibt Butler diesen Prozess des ,Zurücksprechens‘ als ,Katachrese‘, d. h. metaphorische Ersetzung einer fehlenden ‚wörtlichen‘ Bedeutung bzw. ‚missbräuchliche‘, d. h. umdeutende Verwendung von (hegemonialen, ausgrenzenden) Identitätskonzepten.59

Identität, ,postdekonstruktiv‘? Reformulierungen und Perspektiven

Nicht allein die von Butler genutzte Rhetorik bietet Möglichkeiten identitätskritischer Reformulierung von Subjektivität. So lässt sich z. B. auch Benhabibs Modell der Erzählung über ihre Vorgabe hinaus diesbezüglich weiterdenken:60 Literaturwissenschaftlerinnen wissen, dass Erzählungen nur streng normativen Ästhetiken zufolge [<< 69] allein im Zeichen der Kohärenz stehen. Ergänzend zu ihren Leistungen identitätsstiftender Verknüpfung lassen sich auch die offenen Fäden und Mehrdeutigkeiten von Erzählungen akzentuieren – ganz besonders im Hinblick auf die Erzählexperimente post / moderner Literatur. Entscheidend aber ist die Frage, ob bzw. in welchem Maße das Subjekt der Theorie (und politischen Praxis) weiterhin als kohärentes und kontinuierliches gedacht werden muss.61 Inwieweit stimmt es, dass Handlungsfähigkeit Kohärenz erfordert, inwieweit ist diese Annahme einfach der philosophischen Tradition verpflichtet, die beide verbindet? Und, andersherum gefragt: Inwieweit muss das Kohärenzparadigma relativiert werden, damit wir die Komplexität unserer Selbstwahrnehmungen und Zugehörigkeiten gedanklich fassen können?

• Letztere Überlegung bildet den Ausgangspunkt zahlreicher neuerer Überlegungen zu ,Identitäten‘. Ein Großteil von ihnen ist nicht im Rahmen der Geschlechterforschung selbst, sondern in angrenzenden Feldern entwickelt worden, doch – wie z. B. Butlers Bezugnahme auf Spivaks postkoloniale Theorie zeigt – auf vielfältige Weise in Dialog mit dieser getreten und für sie produktiv gemacht worden. Im gegebenen Rahmen kann nur schlagwortartig auf einzelne dieser Überlegungen verwiesen werden:

• Im Rahmen der queer studies ist Butlers Kritik der Kohärenz von ,Geschlechts-identität‘ z. B. von Eve K. Sedgwick ausgeweitet worden. Sie differenziert die Trias von sex, gender und Begehren noch einmal, indem sie u. a. zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung unterscheidet und die ,sexuelle Orientierung‘ einer Person in Fragen der Objektwahl, der Vorliebe für bestimmte Praktiken und Phantasien aufspaltet. Der Begriff queer, der in der Moderne nicht zuletzt als Gegenbegriff zu ,normal‘ funktioniert hat, bezeichnet das Feld der bei Sedgwick schier unendlichen Möglichkeiten, dass sich im Spiel dieser zahlreichen Ebenen Dissonanzen und Inkohärenzen einschleichen.62 Neben dieser Multiplikation von Identitätsfacetten akzentuiert der Begriff, der etymologisch zunächst Bewegungen des Durchquerens bezeichnet, auch die Beweglichkeit und Prozessualität von Identität.63

• Im Rahmen der postcolonial studies ist z. B. von Homi Bhabha die Performativität kollektiver, maßgeblich nationaler und kultureller Identitätsbildung verfolgt worden. [<< 70] Bhabha akzentuiert hier insbesondere das Moment der notwendigen ,Hybridität‘, d. h. das konflikthafte Ineinander von gegensätzlichen Elementen in ,Identitäts‘-Formationen.64 In der kontroversen Diskussion um die Nützlichkeit dieses Begriffes ist u. a. darauf verwiesen worden, dass die Produktion von ,Hybriditäten‘ noch kein Garant für ,Subversion‘, sondern auch als aktuelle Strategie der Herrschaftssicherung im Raum der Globalisierung zu begreifen ist.65 Darüberhinaus wird der Begriff von seiner problematischen Geschichte belastet: In den Rassetheorien des 19. Jahrhunderts bezeichnet Hybridität das – in der Regel als unfruchtbar imaginierte – Produkt der Verbindung zweier ,Rassen‘.66 Eine Alternative kann möglicherweise der religionshistorische Begriff des ,Synkretismus‘ bilden. Mit seinen Konnotationen der ,Verschmelzung‘ scheint er allerdings wieder in Richtung einer Zielvorgabe von Kohärenz zu führen,67 der gegenüber Bhabha gerade die Irreduzibilität von Differenz in der ,Identität‘ zu akzentuieren sucht: Jeglicher Versuch, unsere kollektiven Formationen als einheitlich zu begreifen, erweist sich als Gewalt gegenüber denen, die nicht der (in Deutschland z. B. weißen, christlichen) Norm entsprechen.

• Das bedeutet nicht, dass in den neueren Reformulierungen von ,Identität‘ allein das Moment der Differenz maßgeblich wäre. Im Rahmen der politischen Theorie z. B. hat Chantal Mouffe eine Verknüpfung beider Aspekte vorgeschlagen: Das Funktionieren eines Gemeinwesens erfordert, wie sie betont, Momente einer kollektiven Identität im Sinne von gemeinsamer Identifikation und Konsens (z. B. hinsichtlich der Gültigkeit von ethisch-politischen Grundsätzen moderner Demokratie).68 Das muss jedoch nicht heißen, dass das Gemeinwesen als homogener oder konfliktfreier Raum zu denken wäre. Im Gegenteil: Die Artikulation konfligierender Interessen sozialer Gruppen ist ein essentieller Bestandteil des von ihr – und Ernesto Laclau – imaginierten (radikal)demokratischen Prozesses.69 [<< 71]

Fragen lässt sich, inwieweit der Identitätsbegriff noch eine sinnvolle Bezeichnung solcher Rekonzeptualisierungen von Subjektivität und Gesellschaft darstellt. Zu konstatieren ist, dass er in der gegenwärtigen Diskussion nicht nur zur Beschreibung der – relativ – effektiven Schließungsprozesse genutzt wird, mit denen hegemoniale Diskurse Kohärenz und Kontinuität erzeugen, sondern darüber hinaus auch zur Markierung von diversen Spielarten der ,Nicht-Identität‘.70 Vielleicht wird dieser – in Butlers Sinne resignifizierende – Gebrauch im Laufe der Zeit dazu beitragen, Identität neu zu definieren, d. h. ihre etymologische Verknüpfung mit Einheits- oder wenigstens Kohärenzvorstellungen zu relativieren. Zu verweisen ist aber auch auf Alternativbegriffe, z. B. den der ,Positionalität‘, der in der gender-Theorie entwickelt wurde und die Vielschichtigkeit wie Veränderlichkeit von Subjektivität und sozialer Zugehörigkeit akzentuiert: In Leslie Adelsons Definition bezeichnet Positionalität das Set spezifischer sozialer und diskursiver Beziehungen, durch das die (verkörperte) agency eines Subjekts zu einem gegebenen Zeitpunkt konstituiert wird.71 Wie dieses – im Rekurs auf die Metaphorik des Raums gewonnene – Konzept für die world-wide-web-Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ggf. zu reformulieren wäre, ist eine, soweit ich sehe, derzeit noch offene Frage. Untersuchungen zu Internet-Inszenierungen von geschlechtlicher und ethnischer Zugehörigkeit haben allerdings gezeigt, dass die soziosymbolischen ,Platzzuschreibungen‘ der europäischen Moderne auch unter den Vorzeichen der Virtualität auf komplexe Weise ,weiterspuken‘.72

Wie eingangs angedeutet, kann die Frage nach den Perspektiven von ,Identität(en)‘ seit der Jahrtausendwende gegensätzliche Antworten provozieren. Im Zuge der europäischen Einigung und der vielbeschworenen Globalisierung scheinen kollektive Identitäten in ihrer klassischen modernen Form, der (ethnisch definierten) Nation, kaum noch eine Zukunft zu haben. Allerdings haben gerade diese im Zuge des Auseinanderfallens des alten Osteuropa nach 1989 neue tödliche Konjunkturen erlebt; und die Ereignisse nach dem 11. September 2001 haben gezeigt, dass die moderne Diskursstrategie der Behauptung grundsätzlicher ,kultureller‘ Gegensätze (zwischen z. B. ,westlichem Liberalismus‘ und ,islamischem Fundamentalismus‘) im 21. Jahrhundert weiterhin effektiv funktioniert. Im theoretischen Feld differenzieren sich diese Bewegungen aus. Die weitverbreitete Abkehr von postmodernen Differenzparadigmen [<< 72] hat zu einer Renaissance universalistischer Paradigmen menschlicher Gemeinsamkeit geführt, die (z. B. in der kognitiven und Evolutionstheorie, aber auch in linkspolitischen Entwürfen wie denen Alain Badious) streckenweise Gefahr laufen, die ungebrochene Wirkmächtigkeit soziosymbolischer Differenzierungsprozesse qua Geschlecht oder race aus dem Blick zu verlieren.73 Unter Berücksichtigung ebendieser Wirkmächtigkeit sind alternative Universalismusentwürfe allerdings auch dezidiert als Kontrapunkt zu den ethnischen Schließungen des 21. Jahrhunderts entworfen worden.74 In den affect studies, die zu einem einflussreichen Paradigma der gender- und queer-Theorie geworden sind, hat sich die teilanaloge Abwendung von postmoderner Diskurstheorie demgegenüber als Weiterentwicklung dezidiert identitätskritischer Paradigmen im Zeichen von Prozess und Fluidität artikuliert, sei es im (antihumanistischen) Zeichen Deleuzianischer assemblage, sei es in dem phänomenologischer Kategorien z. B. der Orientierung.75 Zugleich verweisen Vermittlungsversuche (z. B. zwischen assemblage und dem – als statisch kritisierten – Konzept der Intersektionalität 76) auf die vielleicht zunehmende Bereitschaft, sich den Komplexitäten andauernder (Dis-)Identifizierungsprozesse zu stellen. Zu solchen Vermittlungen hat nicht zuletzt die transgender-Theorie mit vielschichtigen Konzeptualisierungen geschlechtlicher Identifizierung zwischen medizinischer, rechtlicher und sozialer Regulierung, subjektivem Erleben und politischer Artikulationsstrategie beigetragen.77 Im Zeichen solcher Komplexität kann die Geschlechterforschung weiterhin eine Menge produktiver Arbeit an der Identität – und ihrer andauernden Wirkmächtigkeit in hegemonialen, noch immer diskriminierenden und ausschließenden ebenso wie ermächtigenden alternativen Artikulationen – leisten. [<< 73]

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1 Bd. 10, 2., neubearb. Aufl., Mannheim u. a. 1987, S. 163.

2 G. Heinrichs, Bildung, Identität, Geschlecht. Eine (postfeministische) Einführung, Königstein 2001, S. 21 (im Rekurs auf zahlreiche andere AutorInnen).

3 A. Assmann / H. Friese, Einleitung, in: dies. (Hg.), Identitäten. Erinnerung, Geschichte, Identität, Frankfurt / M. 21999, S. 11 – 23, hier S. 11.

4 Vgl. ebd., S. 13.

5 Vgl. z. B. C. Honegger, Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib 1750 – 1850, Frankfurt / M. 1991.

6 Vgl. H. Friese, Identität. Begehren, Name und Differenz, in: Assmann / Friese (Hg.), Identitäten, S. 24 – 43, hier S. 32.

7 S. Beauvoir, Das andere Geschlecht, Gütersloh o. J., S. 11.

8 G. W. F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse; hg. v. F. Nicolin u. O. Pöggeler, Hamburg 71969, S. 125.

9 Beauvoir, Das andere Geschlecht, S. 12.

10 Ebd., S. 11.

11 Ebd., S. 9 f.

12 Ebd., S. 19, 8.

13 Ebd., S. 344.

14 Ebd., S. 57, 59.

15 Ebd., vgl. S. 70 ff.

16 Ebd., S. 25.

17 Ebd., S. 70.

18 Ebd., S. 13.

19 Ebd.

20 Zit. n. J. Osinski, Einführung in die feministische Literaturwissenschaft, Berlin 1998, S. 28.

21 T. W. Adorno / M. Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, in: dies., Gesammelte Schriften 5, hg. v. G. Schmid Noerr, Frankfurt / M. 1987, S. 56.

22 Vgl. z. B. ebd., S. 52.

23 Ebd., z. B. S. 102.

24 T. W. Adorno / E. Frenkel-Brunswik / D. J. Levinson / R. Nevitt Sanford, The Authoritarian Personality, New York 1950, hier S. 759, 762, 781; vgl. auch Adorno / Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, S. 229.

25 E. H. Erikson, Identität und Lebenszyklus. Drei Aufsätze, übers. v. K. Hügel, Frankfurt / M. 1966, S. 18.

26 S. Freud, Das Ich und das Es. Metapsychologische Schriften, Frankfurt / M. 1992, S. 268.

27 Heinrichs, Bildung, S. 22.

28 Für einen Überblick vgl. Osinski, Einführung, S. 25 ff.

29 Vgl. z. B. L. Alcoff, Cultural Feminism versus Poststructuralism. The Identity Crisis in Feminist Theory, in: Signs 13.3 (1988), S. 405 – 436.

30 Für einen Überblick vgl. z. B. Heinrichs, Bildung, S. 93 ff.

31 Vgl. z. B. Osinski, Einführung, S. 71 ff. Die deutsche Debatte ist dokumentiert in: G. Ecker (Hg.), Feminist Aesthetics, Boston 1985.

32 V. Stefan, Häutungen, München 121978.

33 Kristevas Schriften werden im Folgenden aus raumökonomischen Gründen nicht besprochen; für einen Überblick vgl. z. B. L. Lindhoff, Einführung in die feministische Literaturtheorie, Stuttgart 1995, S. 110 ff.

34 Vgl. (auch allg. zur Einführung) S. Weber, Rückkehr zu Freud. Jacques Lacans Entstellung der Psychoanalyse, Wien 1990; J. Bossinade, Poststrukturalistische Literaturtheorie, Stuttgart 2000.

35 Vgl. J. Butler, Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, übers. v. K. ­Wördemann, Berlin 1995, S. 91 ff.

36 J. Derrida, Die différance, in: ders.: Randgänge der Philosophie, Wien 1988, S. 29 – 52. Vgl. (auch zum Folgenden) z. B. Lindhoff, Einführung, S. 97 ff.; Bossinade, Literaturtheorie, v. a. S. 78 ff.

37 H. Cixous, Die unendliche Zirkulation des Begehrens. Weiblichkeit in der Schrift, übers. v. E. Meyer u. J. Kranz, Berlin 1977.

38 Lindhoff, Einführung, S. 125. Für eine Zusammenfassung vgl. ebd., S. 122 ff.; Bossinade, Literaturtheorie, S. 74 ff.

39 L. Irigaray, Speculum. Spiegel des anderen Geschlechts, übers. v. X. Rajewsky u. a., Frankfurt / M. 1980, S. 31 f.

40 L. Irigaray, Ce sexe qui n’en est pas un, Paris 1977.

41 Vgl. D. J. Fuss, Essentially Speaking, New York 1989.

42 Heinrichs, Bildung, S. 86.

43 J. Butler, Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity, New York 1990, S. 13.

44 Ebd., S. 13 f.

45 Ebd., ix; vgl. M. Foucault, Von der Subversion des Wissens, hg. u. übers. v. W. Seitter, Frankfurt / M. 1987, S. 69 ff.

46 Vgl. ders., Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Bd. 1, übers. v. U. Raulff u. W. Seitter, Frankfurt / M. 31989, S. 113 f.

47 Butler, Gender Trouble, S. ix.

48 Eine diesbezüglich ähnliche Argumentation, die einige von Butlers Thesen vorwegnimmt, findet sich schon bei T. de Lauretis, Technologies of Gender. Essays on Theory, Film, and Fiction, Bloomington 1986.

49 Butler, Gender Trouble, S. 7, 25.

50 Ebd., S. 46.

51 Vgl. z. B. ebd., S. 17, 47 ff.; ausführlich dann J. Butler, Bodies that Matter, New York 1993.

52 Ebd., vgl. insbes. S. 14 f. und S. 136 ff.

53 S. Benhabib, Feminismus und Postmoderne. Ein prekäres Bündnis, in: dies. / J. Butler / D. ­Cornell / N. Fraser, Der Streit um Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart, Frankfurt / M. 1993, S. 9 – 30, hier S. 14 f.

54 S. Benhabib, Selbst im Kontext. Kommunikative Ethik im Spannungsfeld von Feminismus, Kommunitarismus und Postmoderne, übers. v. I. König, Frankfurt / M. 1995, S. 219 f. (im Rekurs auf Hannah Arendt).

55 Ebd., S. 27.

56 Butler, Gender Trouble, S. 147 f.

57 J. Butler, Kontingente Grundlagen. Der Feminismus und die Frage der ,Postmoderne‘, in: Benhabib / Butler / Cornell / Fraser, Der Streit um Differenz, S. 31 – 58. Als nicht zuletzt sprachliches ,Missverständnis‘ zwischen Benhabib und Butler hat N. Fraser die Auseinandersetzung gelesen (Falsche Gegensätze, in: ebd., S. 59 – 79, insbes. S. 69 f.).

58 Butler, Kontingente Grundlagen, S. 45.

59 Vgl. J. Butler, Excitable Speech. A Politics of the Performative, New York 1997, S. 141 ff.

60 Butler selbst nähert sich dem Modell der Erzählung in Giving an Account of Oneself an (New York 2005). Für einen Einblick in die andauernde Debatte um Identität und Narration vgl. z. B. D. D. Hutto (Hg.), Narrative and Understanding Persons, Cambridge 2007.

61 Für eine vorsichtige Relativierung des Kohärenzparadigmas vgl. P. V. Zima, Theorie des Subjekts. Subjektivität und Identität zwischen Moderne und Postmoderne, Tübingen 2000.

62 E. Kosofsky Sedgwick, Tendencies, Durham 1993, S. 7 f. Für die Profilierung von queer als Gegenbegriff zu normal vgl. M. Warner, Introduction, in: ders. (Hg.), Fear of a Queer Planet. Queer Politics and Social Theory, Minneapolis 1993, S. xxvi; ders., The Trouble with Normal. Sex, Politics, and the Ethics of Queer Life, Cambridge, Mass. 2000.

63 Sedgwick, Tendencies, S. xii.

64 H. K. Bhabha, The Location of Culture, New York 1994.

65 Vgl. M. Hardt / A. Negri, Empire, Cambridge 2000, S. 150; aber auch schon Bhabha, Location of Culture, für vergleichbare Argumentationen zum kolonialen Herrschaftsraum.

66 R. J. C. Young, Colonial Desire. Hybridity in Theory, Culture and Race, London 1995.

67 Vgl. die Darstellung der Begriffsgeschichte bei C. B. Balme, Theater im postkolonialen Zeitalter. Studien zum Theatersynkretismus im englischsprachigen Raum, Tübingen 1995, S. 18 ff.

68 C. Mouffe, Democratic Politics and the Question of Identity, in: J. Rajchman (Hg.), The Identity in Question, New York 1995, S. 33 – 45, hier S. 41.

69 Ebd.; vgl. E. Laclau / C. Mouffe, Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus, hg. u. übers. v. M. Hintz u. G. Vorwallner, Wien 1991.

70 Vgl. z. B. Friese, Identität, S. 42.

71 L. Adelson, Making Bodies, Making History. Feminism and German Identity, Lincoln 1993, S. 64; vgl. schon Alcoff, Cultural Feminism, S. 428 ff. (im Rekurs auf Teresa de Lauretis).

72 Vgl. z. B. L. Nakamura, Race in / for Cyberspace. Identity Tourism and Racial Passing on the Internet, in: D. Bell / B. M. Kennedy (Hg.), The Cybercultures Reader, New York 2000, S. 712 – 720.

73 Vgl. A. Badiou, Saint Paul. The Foundation of Universalism, Palo Alto 2003 und z. B. die einflussreiche Konzeptualisierung der Spiegelneuronen durch den Kognitionswissenschaftler Vittorio Gallese, die über die Spiegelmetapher hinaus (trotz gegenläufiger Akzente auf gelingender Intersubjektivität statt Verkennungsphantasma) verblüffende Ähnlichkeiten mit Lacans universalisierendem Modell aufweist: V. Gallese, Empathy, Embodied Simulation, and the Brain. Commentary on Aragno and Zepf / Hartmann, in: Journal of the American Psychoanalytic Association 56 (2008), S. 769 – 781.

74 So z. B. J. Butler, Precarious Life. The Power of Mourning and Violence, London, New York 2004.

75 Vgl. z. B J. Puar, Queer Times, Queer Assemblages, in: Social Text 23.3/4 (2005), S. 121 – 139; S. Ahmed, Queer Phenomenology. Orientations, Objects, Others, Durham 2006.

76 J. Puar, „I would rather be a cyborg than a goddess“. Becoming-Intersectional in Assemblage Theory, in: philoSOPHIA 2.1 (2012), S. 49 – 66.

77 Vgl. z. B. D. Spade, Resisting Medicine, Re / modeling Gender, in: Berkeley Women’s Law Journal 15 (2003), S. 15 – 37.

Körper
Irmela Marei Krüger-Fürhoff
Einleitung

Der Begriff ‚Körper‘, der vom lateinischen corpus abgeleitet ist, bezeichnet einen wahrnehmbaren Gegenstand oder die begrenzte Menge eines bestimmten Stoffes (Physik), eine Körperschaft (Rechtswissenschaft, Politologie), meist jedoch Gestalt und materielle Erscheinung eines Lebewesens (Biologie, Anthropologie). Im Kontext dieses Beitrags bezieht sich ‚Körper‘ auf die physische und psychosexuelle Konstruktion des Menschen in seiner geschlechtlichen Markierung, eine Konstruktion, die außerhalb diskursiver und sozialer Kontexte weder existiert noch wahrgenommen werden kann. Obwohl der männliche und vor allem der weibliche Körper schon seit den 1960er-Jahren zu den zentralen Gegenständen von Feminismus und Geschlechterforschung gehören, zeichnet sich seit Mitte der 1980er-Jahre ein regelrechter ‚Körperboom‘ bzw. – vergleichbar mit dem früheren linguistic turn – ein body turn in den von unterschiedlichen politischen Zielsetzungen und wissenschaftlichen Theorieansätzen geprägten Gender Studies ab. Dabei gehört es zu den bleibenden Herausforderungen, die Vielfalt ‚des‘ Körpers (z. B. als junger, behinderter, einer bestimmten Hautfarbe oder Ethnie zugeordneter Körper) ebenso zu reflektieren wie seine Zugehörigkeit zum (historisch, sprachlich und visuell konstruierten) Symbolischen sowie seine Abhängigkeit von physiologischen Phänomenen wie Lust, Schmerz und Sterblichkeit.

Entwicklungsgeschichte des Begriffs

Im Rahmen der Gender Studies erweist es sich als sinnvoll, den Körper in seiner individuell-persönlichen und seiner kollektiven Dimension zu untersuchen, denn auf beiden Ebenen materialisieren sich Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit. Kulturanthropologie und Geschichtswissenschaft haben gezeigt, dass eine Wechselwirkung zwischen der Wahrnehmung von Individual- und Gesellschaftskörper [<< 77] besteht.1 Die historisch sich wandelnden Körperkonzeptionen prägen die (geschlechtsspezifische) Selbstwahrnehmung, beeinflussen religiöse, sexuelle und politische Weltbilder und dienen der Herausbildung kollektiver (z. B. nationaler) Identitäten.2 Dabei wird gerade der weibliche Körper bevorzugt für (allegorische oder symbolische) Darstellungen des Gemeinschaftskörpers eingesetzt, weil er in der (abendländischen) Tradition als ‚natürlich‘ imaginiert wird und deshalb als privilegierte Matrix kultureller Zu- und Einschreibungen fungieren kann.3

Die Assoziation von Weiblichkeit und Natur bedeutet jedoch auch, dass beide zum Objekt der Unterwerfung und Austragungsort (wissenschaftlicher) Macht werden. Zwar richtet sich seit Descartes’ Gegenüberstellung von res extensa und res cogitans die Abwertung des Materiell-Animalischen nicht allein gegen den weiblichen, sondern auch gegen den männlichen Körper, doch kann Letzterer in der philosophischen Tradition leichter von der Aufwertung des Geistes profitieren. Vor dem Hintergrund der Auffassung, dass der männliche Körper die Norm darstelle und der weibliche Körper dessen Abweichung, bildet sich im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts eine ‚weibliche Sonderanthropologie‘ heraus. So wird das sogenannte ‚Ein-­Geschlecht-Modell‘, demzufolge der weibliche Körper genauso ausgestattet ist wie der männliche, wenngleich mit nach innen gekehrten Geschlechtsteilen, allmählich vom ‚Zwei-Geschlecht-Modell‘ abgelöst, das männliche und weibliche Sexualorgane als grundsätzlich unterschiedlich auffasst und in ein hierarchisches Verhältnis zuein­ander setzt.4 Auch die philosophisch-moralische Begründung für den Ausschluss von Frauen aus der öffentlichen Wissensproduktion zugunsten ihrer Reduzierung auf Reproduktions- und Familienarbeit wird zunehmend mit biologisch-anatomischen Argumenten geführt, so dass die Vorstellung von je spezifischen „Geschlechtscharakteren“ 5 in eine naturwissenschaftlich fundierte „Ordnung der Geschlechter“ 6 mündet. Mit Blick auf die Konstruktion des weiblichen Körpers bedeutet dies – um auf [<< 78] ein Begriffspaar zurückzugreifen, auf das im nächsten Abschnitt noch eingegangen wird –, dass gender zu sex gemacht wird.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kursieren unterschiedliche Körperkonzeptionen in den Gender Studies: Neben der Auffassung, der Körper sei ein quasi-natürlicher Garant für Identität oder Differenz steht die Überzeugung, der Körper müsse nicht nur als Objekt kultureller Überformungen und Einschreibungen verstanden werden, sondern werde überhaupt erst diskursiv hervorgebracht.7 Die wissenschaftshistorischen und politischen Hintergründe dieser divergierenden Konzepte werden im Folgenden dargestellt.

Einordnung in die Wissenschaftsgeschichte

Die Frauenbewegung der 1970er-Jahre wendet sich in Selbsterfahrungsgruppen, politischen Arbeitskreisen und wissenschaftlichen Diskussionszusammenhängen vor allem dem weiblichen Körper zu. Sie fordert Selbstbestimmung und Verfügungsgewalt über den eigenen Körper (u. a. in der Debatte um die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und Alice Schwarzers PorNO-Kampagne), argumentiert gegen die Medikalisierung weiblicher Sexualität (Menstruation, Schwangerschaft, Geburt und Menopause)8 und widmet sich der Rekonstruktion und Aufwertung weiblicher Körpererfahrungen und Wissensbestände 9 sowie der Suche nach neuen Ausdrucksformen weiblicher Lust jenseits von patriarchalen und heterosexuellen Zuschreibungen.

Vor allem in Frankreich verbinden sich dabei linguistische, philosophische und psychoanalytische Perspektiven, die sich kritisch mit abendländischen Denktraditionen bzw. den Weiblichkeitskonzepten von Sigmund Freud und Jacques Lacan auseinandersetzen.10 So entlarvt Luce Irigaray in parodistischen Relektüren die logozentrische und spekuläre Logik von westlicher Philosophie und freudscher Psychoanalyse und plädiert für eine Feier weiblicher Autoerotik und des mütterlichen Körpers sowie für die Entwicklung eines spezifisch weiblichen Sprechens bzw. Schreibens, das der rhythmisch-klanglichen [<< 79] Seite der Sprache besonderen Raum gibt.11 Julia Kristeva ergänzt Lacans Konzept des Symbolischen um die Kategorie des Semiotischen, das die ­präödipale Mutter-Kind-Dyade mit ihren primären Trieben und pulsierenden Bewegungen bezeichnet; auch nach der Ablösung des sich entwickelnden Kindes vom mütterlichen Körper destabilisiere das Semiotische in Form von rhythmischen und klanglichen Besonderheiten die sprachlichen Sinnbildungsprozesse der symbolischen Ordnung.12

Obwohl Theoretikerinnen wie Irigaray und Kristeva die écriture féminine nicht ausschließlich an Weiblichkeit binden, stehen sie im Verdacht, naturalistisch-essentialistische Vorstellungen fortzuführen. Ähnliche Vorwürfe richten sich gegen jene Differenz-Feministinnen, die überhistorische weibliche Erfahrungen rekonstruieren und positiv besetzen, weil sie damit die hierarchischen Dichotomien von Körper und Geist bzw. Natur und Kultur nicht überwinden, sondern eine „Geschlechtermetaphysik mit umgekehrten Vorzeichen“ betreiben.13

Auch über den französischen Feminismus der 1970er-Jahre hinaus erweist sich die kritische Verbindung von Psychoanalyse und Geschlechterforschung gerade für die Körpertheorie als fruchtbar. So verdeutlicht die umfangreiche Forschung zur Hysterie nicht nur die Verknüpfung von Weiblichkeits- und Krankheitsvorstellungen, sondern – über das Moment der ‚Lektüre‘ uneindeutiger Krankheitssymptome – auch die komplexen Wechselwirkungen zwischen Körper und Zeichen.14 Grundlegend bleibt auch Lacans Konzept der Subjektkonstitution im sog. Spiegelstadium. Laut Lacan glaubt das Kleinkind, in seinem Spiegelbild bzw. im anerkennenden Blick der Mutter seine eigene Gestalt als Ganzheit zu erkennen, ignoriert dabei jedoch seine tatsächliche Abhängigkeit und motorische Ohnmacht. Die Herausbildung eines Körperbildes qua Identifikation ist also laut Lacan ein Ergebnis von Verkennungen und verweist – trotz der Illusion von Autonomie und Ganzheit – auf den grundsätzlichen Mangel [<< 80] und die unhintergehbare Gespaltenheit des Subjekts, eine These, die in den Gender Studies zur kritischen Hinterfragung idealisierender Körperkonzepte beigetragen hat.15

Die Differenzierung in sex und gender, also in ein biologisches und ein soziokulturell konstruiertes Geschlecht, eröffnet im Verlauf der 1970er-Jahre neue Perspektiven auf den Körper.16 Etwa zeitgleich werden Michel Foucaults Studien rezipiert, die ebenfalls die historische ‚Gemachtheit‘ körperlicher Kategorien thematisieren. Die Arbeiten des französischen Philosophen untersuchen das Zusammenwirken von Macht und Wissen, durch das der Individualkörper, aber auch der Bevölkerungskörper auf historisch je spezifische Weise sowohl produziert als auch diszipliniert bzw. reguliert werden.17 Dies bedeutet, dass (Selbst- und Fremd-)Wahrnehmung von Körper und Geschlecht nicht biologisch konstant und mithin geschichtslos bzw. überhistorisch sind, sondern sozial und kulturell wandelbar. In der Folge haben sich die Geisteswissenschaften mit unterschiedlichen Körperkonzeptionen beschäftigt (z. B. der Körper der Säftelehre, der durchlässige bzw. groteske Körper, der Körper als Räderwerk, Maschine, Nervengeflecht oder Netzwerk)18 sowie mit der historischen und geschlechtsspezifischen Wahrnehmung verschiedener Körperzustände (z. B. der schöne, verführerische, (un)fruchtbare, kranke, verwundete, sterbende Körper).19

Weitere Impulse erhält die Körperforschung in den 1980er-Jahren durch die Historische Anthropologie, wenngleich gender-Perspektiven dort nicht leitend sind. In frühen Veröffentlichungen erhebt die „Wiederkehr des Körpers“ im Namen authentischer Erfahrungen Einspruch gegen die zunehmende Instrumentalisierung und Technisierung des Körpers; spätere, eher kultursemiotisch ausgerichtete Arbeiten [<< 81] untersuchen den Körper v. a. als Gegenstand und Gedächtnis (gewaltsamer) kultureller Einschreibungen.20

Andere Wege gehen seit Mitte der 1980er-Jahre Studien am Schnittpunkt von Geschichtswissenschaft, Geschlechterforschung und Ethnomethodologie, die mit der Unterscheidung zwischen Körper und Leib arbeiten, welche in der Phänomenologie und philosophischen Anthropologie von Maurice Merleau-Ponty, Helmut Plessner und Hermann Schmitz entwickelt wurde. Dabei steht die Kategorie des Leibes für Innenwahrnehmung, Selbsterfahrung und Ganzheitlichkeit, während der Körper als von außen wahrnehmbar, kulturell überformt, objektiviert und instrumentalisiert aufgefasst wird. Diese begriffliche Unterscheidung und die Rekonstruktion früherer Leibeswahrnehmungen zielen auf die Überwindung des cartesianischen Dualismus sowie auf die Freilegung ehemals unentfremdeter, aber durch Sexualwissenschaft und (Bio-)Medizin verschütteter Wissensbestände.21 Die Arbeiten der Körperhistorikerin Barbara Duden argumentieren überzeugend gegen die Rückprojektion gegenwärtiger Körperauffassungen auf frühere Zeiten, neigen jedoch dazu, vergangene Leiberfahrungen als ‚eigentlich‘, ‚natürlich‘ und vordiskursiv zu proklamieren. Die Soziologin Gesa Lindemann entwirft Leib und Körper als gleich ursprünglich, privilegiert in ihrer Studie zur Transsexualität allerdings insofern die Ebene des Leibes, als sie danach fragt, auf welche Weise ein gesellschaftlich-kulturell konstruierter Körper ‚unmittelbar‘ als geschlechtlicher Leib erfahren wird.22

Trotz seiner erkenntniskritischen Stoßkraft läuft das Begriffspaar sex und gender Gefahr, auf unterschwellige Weise überkommene Dichotomien von Natur / Biologie und Kultur fortzuschreiben. Vor diesem Hintergrund erhalten Körpertheorie und Gender Studies in den 1990er-Jahren wichtige Anregungen durch Judith Butlers radikal-konstruktivistische Infragestellung der Kategorie des biologischen Geschlechts (sex) als ebenso kulturell konstruiert wie gender. Butler fordert, den Körper nicht als (bereits vorhandene) Einschreibefläche kultureller Prägungen und Zurichtungen zu verstehen, sondern als Effekt, der durch diskursive, also sprachliche und kulturelle [<< 82] Operationen überhaupt erst produziert wird.23 Weder die Wahrnehmung von Körperteilen und -grenzen noch die Geschlechtlichkeit des Körpers können demnach als vorgängig gelten, sondern sie sind Sedimentierungen sozio-kultureller Prozesse bzw. müssen durch performative Praktiken des Zitierens beständig neu hervorgebracht werden.24 Dies bedeutet, dass auch die feministische Rede vom Körper keinen Ort unmittelbarer Erfahrung beanspruchen kann.

Vor allem Butlers Das Unbehagen der Geschlechter wird aus unterschiedlichen Richtungen kritisiert. So sehen Seyla Benhabib, Drucilla Cornell und Nancy Fraser die Handlungsfähigkeit des Subjekts bedroht und politische Perspektiven, z. B. im Kampf gegen Geschlechterdiskriminierung, Rassismus und Militarismus, vernachlässigt.25 Einige Körperhistorikerinnen sprechen dagegen von ‚Entkörperung‘ und ‚Verdrängung des Leibes‘, weil die Materialität des Körpers sowie die leibliche Selbstwahrnehmung unberücksichtigt blieben.26 Obwohl Butler in Körper von Gewicht das Verhältnis zwischen Performativität und Materialität des Körpers genauer bestimmt, hält sich die Kritik der 1990er-Jahre zum Teil hartnäckig.27

Insgesamt setzen sich jedoch seit den 2000er-Jahren Arbeiten durch, die eine Polarisierung zwischen essentialistischen und konstruktivistischen Ansätzen, die ja selber an der Fortschreibung des cartesianischen Dualismus beteiligt ist, zu überwinden suchen.28 Entsprechend problematisieren Begriffe wie derjenige der ‚Verkörperung‘ sowie von Butler ausgehende Forschungen im Kontext der Queer Studies die Privilegierung von gender gegenüber sex.29 Zahlreiche Studien argumentieren, dass die Konzepte von Performativität und Diskursivität nicht auf eine rein sprachliche Ebene reduzierbar [<< 83] sind, sondern sehr wohl (geschlechterpolitische) Fragen nach regulierenden Normierungen sowie den Möglichkeiten und Grenzen von agency, also der politischen Handlungsmächtigkeit des Subjekts stellen.30 Eine vermittelnde Position nehmen auch jene historischen Arbeiten ein, die von der diskursiven Konstruktion des Körpers ausgehen, sich aber zugleich gegen eine Aufgabe der Kategorie des ‚Subjekts der Geschichte‘ wenden und darauf beharren, dass Erfahrungen wie Lust und Schmerz die Grenzen der Diskursivität überschreiten und damit gewissermaßen widerständige Phänomene darstellen.31

Anbindung an allgemeine politische und wissenschaftliche Debatten

Die unterschiedlichen Theoretisierungen des Körpers entsprechen der Entwicklung und Ausdifferenzierung von Feminismus, Geschlechterforschung und Gender Studies. Aus (sozial-)politischer und juristischer Perspektive stehen der weibliche und der männ­liche Körper weiterhin im Zentrum zahlreicher Debatten (u. a. zur Vergewaltigung in der Ehe, Prostitution von Frauen und Männern, sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz und zu den Auswirkungen moderner Medizin- und Reproduktionstechnologien auf Körpervorstellungen und -funktionen) sowie internationaler Problemfelder (u. a. weibliche Beschneidung, Gesundheitsfürsorge und Familienplanung, gezielte Massenvergewaltigungen und andere Kriegsverbrechen, Sextourismus, Migration, Organ- und Menschenhandel).

Im wissenschaftlichen Bereich sind Frauen zunehmend nicht länger nur Objekte, sondern auch Subjekte der (akademischen) Forschung. Eine der Grundlagen der gender-orientierten Wissenschaftskritik ist die Aufwertung des (weiblichen) Körpers gegenüber dem (männlichen) Geist. So formulierte bereits der Feminismus der 1970er-Jahre den Anspruch, spezifisch weibliche Erfahrungen zum Ausgangspunkt für eigene theoretische Methoden und Forschungsfragen zu machen. Zudem kritisierte er den Androzentrismus bisheriger Wissensbestände und befragte gängige Vorstellungen von Rationalität, Objektivität und Universalität, die die Bildung wissenschaftlichen [<< 84] Wissens beeinflussen, auf die ihnen zugrunde liegenden gender-Aspekte.32 Auf welche Weise feministische Wissenschaftlerinnen im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert die vergeschlechtlichten Grundlagen von Erkenntnis und Wissensproduktion aufdecken, gender-Perspektiven einbringen und die Bedeutung des Körpers untersuchen, soll an vier Beispielen aus unterschiedlichen Disziplinen erläutert werden.

Ausgangspunkt der kritischen Befragung der Naturwissenschaften und ihrer Geschichte ist die Einsicht, dass die Metaphorik von ‚männlicher Kultur‘ und Körperlosigkeit bzw. männlichem Geist auf der einen und ‚weiblicher Natur‘ bzw. Körperhaftigkeit auf der anderen Seite alle Wissensdiskurse prägt und sich in einem hierarchischen Verhältnis zwischen männlichem Forschungssubjekt und weiblichem Objekt der Forschung (sei dies die Natur, die Frau oder ihr Körper) niederschlägt.33 Demgegenüber fordern feministische Wissenschaftlerinnen, die Erzeugung von Wissen als sozialen Prozess zu begreifen, dessen Akteure niemals neutral sind, sondern eine je partiale Perspektive einnehmen; die Chancen und Grenzen dieses ‚situierten Wissens‘ gelte es zu reflektieren.34 Dass geschlechtsspezifische Körpervorstellungen auch die sogenannten ‚harten Naturwissenschaften‘ beeinflussen, verdeutlicht z. B. die Wissenschafts- und Technikhistorikerin Nelly Oudshoorn in ihrer Sozialgeschichte der Sexualhormone.35 In ähnlicher Stoßrichtung zeigt die Medizinanthropologin ­Margaret Lock in einer kulturvergleichenden Studie zu den weiblichen Wechseljahren, dass der scheinbar universale menopausale Frauenkörper erst im Zusammenspiel zwischen einem westlich-medizinischen Körpermodell und einer durch Medizinkonsum sozia­lisierten Frauenwahrnehmung entsteht.36

In Rechtswissenschaft und Rechtsprechung stellt sich die Frage nach der vermeintlichen gender-Neutralität juristischen Denkens und Handelns z. B. im Kontext von Pornographiedebatten 37 oder bei Strafverfahren in Vergewaltigungsdelikten, die auf kulturelle Vorstellungen einer geschlechtsspezifischen Täter-Opfer-Verteilung zurückgreifen und männlichen und weiblichen Zeugenaussagen (bzw. den darin vermitte [<< 85] lten Körpererfahrungen) häufig eine unterschiedliche Glaubwürdigkeit zumessen.38 Andererseits transportieren und perpetuieren Konzepte vom ‚Rechtssubjekt‘ oder ‚Bürger‘, aber auch Vorstellungen von Öffentlichkeit und Privatheit, Gleichheit und Freiheit sowie Politik und Staat bereits auf der Ebene von Rechtstheorie und Legislative geschlechtsspezifische Vorannahmen.39

Die sozial- und kulturwissenschaftlichen Disability Studies, die sich seit 1980 in Großbritannien und den USA und seit 2000 auch in Deutschland etablieren, untersuchen Behinderung als kultur- und zeitgebundene Kategorie, die als ‚Schattenseite‘ der Moderne verstanden werden kann, weil sie das Komplement von Vernunft und Normalität darstellt.40 Grundlage dieser Forschungsrichtung, die auf gesellschaftspolitische Intervention zielt und sich kritisch von den anwendungsbezogenen Rehabilitationswissenschaften absetzt, ist die (von der sex-gender-Differenzierung inspirierte) Unterscheidung zwischen „impairment“ und „disability“,41 also zwischen der medizinischen Kategorisierung einer gesundheitlichen Beeinträchtigung und der gesellschaftlichen Praxis sozialer Ausschließung (vgl. den Slogan „behindert ist man nicht, behindert wird man“).42 In ihren auf historische und aktuelle Phänomene bezogenen Analysen bleiben die Disability Studies nicht bei Debatten um diskursive Effekte stehen, sondern gehen von konkreten Körpererfahrungen und den Selbstrepräsentationen von [<< 86] Betroffenen aus. Sie verbinden Diskursanalyse und Phänomenologie, erinnern an die Verletzbarkeit und Sterblichkeit jedes menschlichen Körpers, stellen philosophische und bioethische Fragen nach den Möglichkeiten der Anerkennung von Differenz und argumentieren, dass die mangelnde ‚Passung‘ keine Eigenschaft behinderter Körper sei, sondern als relationaler Begriff verstanden werden müsse.43

Die Literatur- und Kulturwissenschaften wenden sich seit Mitte der 1990er-Jahre verstärkt dem Körper als Träger kultureller Erinnerungen, als Material (künstle­rischer) Inszenierungen und als Bestandteil der Konstruktion nicht nur von Weiblichkeit, sondern auch von Männlichkeit zu. So thematisiert eine an Foucault und Butler geschulte gender-orientierte Gedächtnisforschung den Körper als Medium und Effekt kultureller Einschreibungen, an dem sich individuelle und kollektive Prozesse der Erziehung und Sinnstiftung vollziehen.44 Konzepte körperlicher Inszenierung oder Performativität werden u. a. in Studien zur Theorie des Tanzes, der Fotografie, des Films sowie der Video- und Performance-Kunst fruchtbar gemacht, z. B. mit Blick auf die zeitgenössischen Künstlerinnen Marina Abramovic, Valie Export, Orlan und Cindy Sherman, die durch ihre Arbeiten am eigenen Körper traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit, Authentizität und Identität angreifen.45 Auch die Selbstinszenierungen und -zurichtungen des Körpers z. B. durch bodybuildung, Piercing und Tätowierungen werden zum Gegenstand von Analysen. Schließlich verdeutlichen jüngere kultur- und literaturwissenschaftliche Arbeiten, dass nicht nur der Frauenkörper, sondern auch der normstiftende und darin scheinbar unsichtbare Männerkörper – sei es als heroisch-soldatischer, sportlicher, viriler oder kreativer Körper – bzw. die historisch sich wandelnden Vorstellungen von Männlichkeit als Ort und Ergebnis von Rollenzuweisungen, Maskierungsprozessen und (durchaus auch vom Scheitern bedrohten) Konstruktionsvorgängen verstanden werden müssen.46 [<< 87]

Querverbindungen zu anderen politischen Feldern

Am Beginn des 21. Jahrhunderts kommen die möglicherweise grundlegendsten Anfragen an herrschende Körper- und gender-Vorstellungen aus den Bereichen der Medien­wissenschaften sowie der Medizin-, Bio- und Reproduktionstechnologien. Bereits Marshall McLuhans Bestimmung der Medien als Prothesen des menschlichen Körpers hat die Aufmerksamkeit für die visuellen Repräsentationen des Körpers sowie die mediale Erzeugung von (geschlechtsspezifischen) Körperbildern und Leibesempfindungen geweckt. Gegenwärtig werfen digitale Medien und virtuelle Räume des Cyberspace, aber auch medizinische Möglichkeiten der Sichtbarmachung innerer Körpervorgänge sowie – im Kontext des genetic screening – potentieller zukünftiger Veränderungen des Körpers neue Fragen nach körperlicher Selbst- und Fremdwahrnehmung auf. So analysiert die Medientheoretikerin Marie-Luise Angerer den Ort des Körpers zwischen Realität und Virtualität und argumentiert, dass trotz der neuen Flexibilität von Identitätsentwürfen die Unterscheidung zwischen männlich und weiblich kulturell weiterhin prägend bleibt.47

Jüngere Entwicklungen am Schnittpunkt von Medien-, Informations- und Medizintechnologie haben auch zu einer Auflösung zahlreicher auf den Körper bezogener kultureller Grenzziehungen geführt, sei es die Unterscheidung zwischen Innen und Außen (und deren Veränderung z. B. durch Röntgenstrahlen, Ultraschallaufnahmen oder die Präimplantationsdiagnostik),48 die Grenzziehung zwischen Tod und Leben (und deren Neudefinitionen z. B. durch das Hirntodkonzept und die Möglichkeiten postmortaler Fertilisation)49 oder die Abgrenzung zwischen Mensch und Maschine (und deren Unterlaufung z. B. durch Prothesen und Neuroimplantate)50. Während Philosophen wie Paul Virilio die technische ‚Kolonisierung des Körpers‘ kritisieren,51 rufen feministische Wissenschaftshistorikerinnen wie Donna Haraway und Katherine Hayles dazu auf, die Entstehung von ‚Cyborgs‘, also Hybriden zwischen Mensch und [<< 88] Maschine, als Chance zu begreifen, auch andere vergeschlechtlichte Grenzziehungen (wie diejenige zwischen Natur und Kultur, Tier und Mensch, Subjekt und Objekt, Männlichem und Weib­lichem) aufzulösen und auf diese Weise jene Herrschaftsstrukturen aufzubrechen, die mit diesen Dichotomien verbunden sind.52 Die Denkfigur des Cyborg hat sich für die Theoretisierung des Körpers als fruchtbar erwiesen, wenngleich jüngere Arbeiten auch die ökonomischen und epistemologischen Gefahren der damit verbundenen Grenzverwischung bzw. Vereinheitlichung thematisieren und daran erinnern, dass eine Entnaturalisierung von Körper und Geschlecht nicht mit deren Entmaterialisierung einhergehe.53

Andere gender-orientierte Analysen werfen einen kritischen Blick auf die neu entwickelten Verfahren der life sciences, Biowissenschaften und -technologien, in denen Geschlechtskörper kulturell entworfen, aber auch ganz praktisch verändert werden.54 So verdeutlichen z. B. Analysen von naturwissenschaftlich-medizinischen Techniken der digitalen Bilderzeugung (wie Computer- und Kernspintomographie), dass es sich bei den auf diese Weise erzeugten Einblicken in den Körper nicht um Abbilder, sondern um physikalisch-mathematische Konstrukte handelt, deren Erstellung besonderen Selektionsprozessen (z. B. bei der Eliminierung von Streudaten) unterliegen.55 Gerade weil der Konstruktions- und Kunstcharakter solcher Visualisierungen meist nur unzureichend reflektiert wird, tragen diese Körperbilder zur Verwischung der Unterscheidung zwischen ‚Natur‘ und ‚Kultur‘ bei und führen dort zu Standardisierung und Stereotypisierung, wo sie beobachtete individuelle Geschlechterdifferenzen zu biologischen Realitäten bzw. Normen erklären.

Die besondere Aufmerksamkeit aktueller transdisziplinärer Untersuchungen gilt den Entwicklungen der Reproduktionsmedizin, die an einer weit reichenden Entkopplung von Fortpflanzung und Sexualität arbeitet und gegenwärtige Körpervorstellungen – z. B. von ‚natürlicher‘ bzw. ‚technischer‘ Fortpflanzung, männlicher Zeugungs- und [<< 89] weiblicher Gebärfähigkeit sowie körperlicher Integrität und Identität – grundlegend verändert.56 Gerade die Reproduktions-, aber auch die Transplantations- und ­Gentechnologien sind aus gender-theoretischer Perspektive weiterhin kritisch darauf zu befragen, welche Körperkonzepte den neuen Forschungsfeldern zugrunde liegen bzw. von ihnen propagiert werden.57

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[<< 95]

1 Vgl. z. B. M. Douglas, Reinheit und Gefährdung, Frankfurt / M. 1988; dies., Die zwei Körper, Frankfurt / M. 1993; A. Koschorke / S. Lüdemann / T. Frank / E. Matala de Mazza, Der fiktive Staat, Frankfurt / M. 2007.

2 Vgl. den Beitrag von C. Breger in diesem Band.

3 G. Ecker (Hg.), Kein Land in Sicht, München 1996; S. Wenk, Versteinerte Weiblichkeit, Köln, Wien 1996; C. Öhlschläger / B. Wiens (Hg.), Körper – Gedächtnis – Schrift, Berlin 1997; M. Heinz / S. Doyé (Hg.), Geschlechterordnung und Staat, Berlin 2012.

4 T. Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt / M., New York 1992.

5 K. Hausen, Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“, Stuttgart 1976.

6 C. Honegger, Die Ordnung der Geschlechter, Frankfurt / M., New York 1991.

7 Vgl. J. Funk / C. Brück (Hg.), Körper-Konzepte, Tübingen 1999, S. 7 – 17.

8 Allerdings gibt es in den 1970er-Jahren auch Feministinnen, die eine mögliche Trennung der biologischen Reproduktion vom weiblichen Körper (z. B. in Form einer künstlichen Gebärmutter) als Befreiung proklamieren. Vgl. S. Firestone, Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, Frankfurt / M. 1975.

9 Vgl. zusammenfassend z. B. A. Bergmann, Die verhütete Sexualität, Hamburg 1992; E. ­Labouvie, Andere Umstände, Köln 1998.

10 J. Chasseguet-Smirgel (Hg.), Psychoanalyse der weiblichen Sexualität, Frankfurt / M. 1974.

11 L. Irigaray, Das Geschlecht, das nicht eins ist, Berlin 1979; dies., Speculum, Frankfurt / M. 1980; vgl. auch H. Cixous, Weiblichkeit in der Schrift, Berlin 1980; E. Meyer, Zählen und Erzählen, Wien, Berlin 1983.

12 J. Kristeva, Die Revolution der poetischen Sprache, Paris 1978. Für die These, dass der mütterliche Körper für das sich konstituierende Subjekt nicht nur verheißungsvoll, sondern auch bedrohlich und mithin Objekt von Ekel und Verwerfung ist, vgl. dies., Pouvoirs de l’horreur, Paris 1980.

13 E. List, Denkverhältnisse, Frankfurt / M. 1989, S. 17.

14 C. v. Braun, Nicht Ich. Logik, Lüge, Libido, Frankfurt / M. 1985; R. Schaps, Hysterie und Weiblichkeit, Frankfurt / M. 1992; E. Showalter, Hystorien, Berlin 1997; E. Bronfen, Das verknotete Subjekt, Berlin 1998.

15 J. Lacan, Das Spiegelstadium, Weinheim, Berlin 1986. Für feministische Relektüren der Körperkonzepte von Freud und Lacan vgl. u. a. E. Seifert, Was will das Weib?, Weinheim 1987; J. Benjamin, Die Fesseln der Liebe, Frankfurt / M. 1990; K. Campbell, Lacan and Feminist Epistemology, London, New York 2004.

16 K. Millett, Sexus und Herrschaft, München 1971.

17 V. a. M. Foucault, Sexualität und Wahrheit, Frankfurt / M. 1977 – 1986; ders., Die Geburt der Klinik, Frankfurt / M. 1988.

18 Vgl. z. B. M. Feher / R. Nadaff / N. Tazi (Hg.), Fragments for a History of the Human Body, New York 1989; B. M. Stafford, Body Criticism, Cambridge, London 1991; R. v. Dülmen (Hg.), Körpergeschichten, Frankfurt / M. 1996; A. Koschorke, Körperströme und Schriftverkehr, München 1999; M. Lorenz, Leibhaftige Vergangenheit, Tübingen 2000.

19 Vgl. z. B. C. Öhlschläger, Unsägliche Lust des Schauens, Freiburg 1996; C. W. Bynum, Fragmentierung und Erlösung, Frankfurt / M. 1996; I. M. Krüger-Fürhoff, Der versehrte Körper, Göttingen 2001; T. Nusser / E. Strowick (Hg.), Krankheit und Geschlecht, Würzburg 2002; I. Hermann, Schmerzarten, Heidelberg 2006; A.-R. Meyer, Homo dolorosus, München 2011.

20 G. Mattenklott, Der übersinnliche Leib, Reinbek 1982; D. Kamper / C. Wulf (Hg.), Die Wiederkehr des Körpers, Frankfurt / M. 1981; dies. (Hg.), Transfigurationen des Körpers, Berlin 1989; S. Weigel, Bilder des kulturellen Gedächtnisses, Dülmen-Hiddingsel 1994.

21 B. Duden, Geschichte unter der Haut, Stuttgart 1987; dies., Der Frauenleib als öffentlicher Ort, Hamburg 1991; F. Akashe-Böhme (Hg.), Von der Auffälligkeit des Leibes, Frankfurt / M. 1995.

22 G. Lindemann, Das paradoxe Geschlecht, Frankfurt / M. 1993. Zur Transsexualität vgl. auch S. Hirschauer, Die soziale Konstruktion der Transsexualität, Frankfurt / M. 1993; A. Runte, Biographische Operationen, München 1996.

23 J. Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt / M. 1991; dies., Körper von Gewicht, Berlin 1995. Zur Historisierung der Kategorien sex und gender vgl. S. Mehlmann, Unzuverlässige Körper, Königstein / Ts. 2006.

24 Zum Begriff der Performativität vgl. den Beitrag von D. v. Hoff in diesem Band.

25 S. Benhabib / J. Butler / D. Cornell / N. Fraser, Der Streit um Differenz, Frankfurt / M. 1993.

26 Vgl. die Debatten in: Feministische Studien 11.2 (1993); T. Wobbe / G. Lindemann (Hg.), Denkachsen, Frankfurt / M. 1994; A. Maihofer, Geschlecht als Existenzweise, Frankfurt / M. 1995 sowie die Überblicksdarstellung bei I. Stephan, Gender, Geschlecht und Theorie, in: dies. / Christina von Braun (Hg.), Gender Studien. Eine Einführung, Stuttgart, Weimar 2000, S. 58 – 96.

27 Z. B. in der Behauptung, der postmoderne Feminismus bereite Genetik und Körpermanipulation den Weg. Vgl. B. Duden, Abschlußbericht, Opladen 2002.

28 A. Barkhaus / A. Fleig, Körperdimensionen, München 2002; S. Pritsch, Rhetorik des Subjekts, Bielefeld 2008.

29 Vgl. den Beitrag von S. Hark in diesem Band.

30 S. Barz / S. Fuchs / M. Kaufmann / A. Lauser, KörperBilder – KörperPolitiken, in: Kea. Zeitschrift für Kulturwissenschaften 11 (1998), S. 1 – 10; J. Butler, Haß spricht, Frankfurt / M. 2006.

31 E. Scarry, Der Körper im Schmerz, Frankfurt / M. 1992; J. Tanner, Körpererfahrung, Schmerz und die Konstruktion des Kulturellen, in: Historische Anthropologie 2 (1994), S. 489 – 502; P. Sarasin, Mapping the Body, in: Historische Anthropologie 7 (1999), S. 437 – 451.

32 S. Hark (Hg.), Dis / Kontinuitäten, Opladen 2001, S. 230 f.

33 S. Harding, Das Geschlecht des Wissens, Frankfurt / M., New York 1994; L. Schiebinger, Am Busen der Natur, Stuttgart 1995; B. Orland / E. Scheich (Hg.), Das Geschlecht der Natur, Frankfurt / M. 1995.

34 E. F. Keller, Liebe, Macht und Erkenntnis, München, Wien 1986; D. Haraway, Die Neuerfindung der Natur, Frankfurt / M., New York 1995, S. 73 – 97.

35 N. Oudshoorn, Beyond the Natural Body, London, New York 1994.

36 M. Lock, Encounters with Aging, Berkeley 1993.

37 C. A. MacKinnon, Nur Worte, Frankfurt / M. 1994.

38 C. Gransee / U. Stammermann, Kriminalität als Konstruktion von Wirklichkeit, Pfaffenweiler 1992; vgl. auch den Beitrag von C. Künzel in diesem Band.

39 S. Baer, Die Konstruktion des ‚Bürgers‘ im Verwaltungsrecht, Tübingen 2003; L. Foljanty / U. Lembke (Hg.), Feministische Rechtswissenschaft, Baden-Baden 2006; G. Ludwig / B. Sauer / S. Wöhl (Hg.), Staat und Geschlecht, Baden-Baden 2009.

40 D. T. Mitchell / S. L. Snyder, Narrative Prosthesis, Ann Arbor 2001; L. J. Davis (Hg.), Diability Studies Reader, New York 2006; A. Waldschmidt / W. Schneider (Hg.), Disability Studies, Kultursoziologie und Soziologie der Behinderung, Bielefeld 2007; E. Bösl / A. Klein / A. Waldschmidt (Hg.), Disability History, Bielefeld 2010; B. Stammberger, Monster und Freaks, Bielefeld 2011.

41 Die „International Classification of Impairments, Activities and Participation“ (ICIDH-2) der Weltgesundheitsbehörde WHO unterscheidet seit 1999 zwischen impairment (Schädigung), disability (Beeinträchtigung) und handicap (soziale Benachteiligung); durch Einführung der zusätzlichen Kategorien activity (Beweglichkeit) und participation (Teilhabe) rücken persönliche Fähigkeiten und soziale Teilhabe in den Vordergrund.

42 Die poststrukturalistische Kritik an dieser Unterscheidung verweist darauf, dass bereits die medizinische Kategorie des „impairment“ ein Produkt diskursiver Praktiken ist. Wenn „impairment“ aber naturalisiert und damit entpolitisiert werde, wiederhole dies genau die Logik, die es zu kritisieren gelte.

43 R. Garland-Thomson, Misfits, in: Hypathia 36.3 (2011), S. 591 – 609.

44 Vgl. B. Bannasch / G. Butzer (Hg.), Übung und Affekt, Berlin, New York 2007 sowie den Beitrag von C. Öhlschläger in diesem Band.

45 G. Brandstetter, Tanz-Lektüren, Frankfurt / M. 1995; I. Baxmann, Mythos: Gemeinschaft, München 2000; S. Flach, Körper-Szenarien, München 2003; C. Liebrand / I. Steiner (Hg.), Hollywood hybrid, Marburg 2004.

46 L. Weissberg (Hg.), Weiblichkeit als Maskerade, Frankfurt / M. 1994; W. Erhart / B. Hermann (Hg.), Wann ist der Mann ein Mann?, Stuttgart, Weimar 1997; W. Erhart, Familienmänner, München 2001; C. Benthien / I. Stephan (Hg.), Männlichkeit als Maskerade, Köln, Weimar 2003; aus geschichts- bzw. sozialwissenschaftlicher Perspektive: M. Dinges (Hg.), Männer – Macht – Körper, Frankfurt / M., New York 2005; M. Bereswill / M. Meuser / S. Scholz (Hg.), Dimensionen der Kategorie Geschlecht, Münster 2007; M. S. Micale, Hysterical Men, Cambridge, London 2008; M. Bereswill / A. Neuber (Hg.), In der Krise?, Münster 2011.

47 M. L. Angerer (Hg.), The Body of Gender, Wien 1995; dies., Body Options, Wien 1999.

48 P. A. Treichler / L. Cartwright / C. Penley (Hg.), The Visible Human, New York, London 1998; C. Waldby, The Visible Human Project, London, New York 2000.

49 B. Hauser-Schäublin / V. Kalitzkus / J. Petersen / I. Schröder, Der geteilte Leib, Frankfurt / M., New York 2001; M. Shildrick / R. Mykitiuk (Hg.), Ethics of the Body, Cambridge, London 2005.

50 G. Kirkup (Hg.), The Gendered Cyborg, London, New York 2000.

51 P. Virilio, Die Eroberung des Körpers, München 1994.

52 D. Haraway, Die Neuerfindung der Natur, Frankfurt / M., New York 1995, S. 33 – 72; K. ­Hayles, How We Became Posthuman, Chicago 1999.

53 M. L. Angerer / K. Peters / Z. Sofoulis (Hg.), Future Bodies, Wien, New York 2003; J. Weber, Umkämpfte Bedeutungen, Frankfurt / M., New York 2003; dies. / C. Bath (Hg.), Turbulente Körper, soziale Maschinen, Opladen 2003.

54 E. List, Grenzen der Verfügbarkeit, Wien 2001; S. Lettow, Biophilosophien, Frankfurt / M., New York 2011. Vgl. auch den Beitrag von K. Palm in diesem Band.

55 Vgl. z. B. M. Schuller / K. Reiche / G. Schmidt (Hg.), BildKörper, Hamburg 1998; B. Heintz / J. Huber (Hg.), Mit dem Auge denken, Zürich, Wien, New York 2001; B. Orland (Hg.), Artifizielle Körper – Lebendige Technik, Zürich 2005.

56 Vgl. z. B. U. Bergermann / C. Breger / T. Nusser (Hg.), Techniken der Reproduktion, Königstein 2002 sowie den Beitrag von B. Mathes in diesem Band.

57 S. M. Squier, Liminal Lives, Durham, London 2004; C. Waldby / R. Mitchell, Tissue Economics, Durham, London 2006; T. Nusser, „Wie sonst das Zeugen Mode war“, Freiburg 2011; I. M. Krüger-Fürhoff, Verpflanzungsgebiete, München 2012.

Zeugung
Bettina Bock von Wülfingen
Einleitung (vom Zeugen und Schaffen)

Ähnlich wie der Begriff Geschlecht ist der deutsche Begriff der Zeugung umfassender und hat in anderen westlichen Sprachen wenig direkte Entsprechung. Er leitet sich vom althochdeutschen „giziogon“ für „fertigen“ bzw. im Mittelhochdeutschen „ziugunge“ ab, was sowohl einerseits auf „Beziehung“ und andererseits auf das „Geschaffene“ im Sinne von „Zeug“ verweist.1 Der Nominativ Zeug meint in seiner mittelalterlichen Bedeutung metallene Gegenstände wie vor allem Rüstzeug und später Schrifttypen in der Druckerei. Besonders die Verbindung des Begriffs mit der mittelalterlichen Zeugdruckerei,2 wobei von Modeln aus Holz oder Metall als ‚Zeug‘ Muster auf Stoffe gebracht wurden, verweist auf die Möglichkeit, dass bereits der damalige Begriff der Zeugung Vorstellungen von Abbilden und Ähnlichkeit implizierte. Eine solche begriffliche Belegung fand nach Jordanova im Englischen mit dem aus der Möbelindustrie stammenden Begriff der reproduction erst im 19. Jahrhundert statt, als dieser Begriff begann, den Begriff der generation zu ersetzen.3

Im Lateinischen wie Englischen wird die Zeugung, wenn nicht mit Reproduktion bzw. Befruchtung (mit dem Wortteil „fertil-“), dann mit „generation“ („to generate: 1. to bring into existence; originate; produce: to generate ideas […]; 4. […] ­procreate“)4 übersetzt. In beiden Fällen geht es um die Hervorbringung eines Lebewesens durch Befruchtung. Allerdings meint der lateinische Begriff „generation“, eine Übersetzung der aristotelischen Kategorie „genesis“,5 die Überführung vom Nicht-Sein zum Sein – [<< 97] „eine höchst und exklusiv männlich verstandene Zeugung, […][M]it ‚generatio‘ ist davon die Rede, dass einer etwas macht – vor allem etwas Lebendiges.“ 6 Vor allem, aber nicht nur, denn diese Fassung von Zeugung als Schöpfung im kreativen Akt der Befruchtung (wobei die Frucht, die eingesetzt wird, nicht organischer Art sein muss) bezieht sich sowohl auf die göttliche Schöpfung, wie auch die künstlerisch-kreative.7 Beides könnte kaum deutlicher in eins fallen als in dem quasi homosexuellen Zeugungsakt von Michelangelo, dem Fresko „Die Schöpfung Adams“ in der Sixtinischen Kapelle. So wird die Metapher der Zeugung auch im Umgang mit der Schriftkultur immer wieder, etwa in Literatur und Germanistik, bemüht, wenn es darum geht, die Erschaffung von Werken als ehrenhaft aus der eigenen Kraft heraus darzustellen.8

Entsprechend beschrieb die differenz- und symboltheoretische Analyse die kontinuierliche Aneignung weiblicher Produktivität 9 für die verschiedensten Wissensfelder. Eva Mayers psychoanalytisch angelegte Diskussion der „Selbstgeburt“ sieht in solchen Konzepten des unendlichen „Spiegelns“ vor allem das Bannen des Materiellen,10 eine Überwindung (von Sterblichkeit) durch Aneignung von Generativität, die sich, so auch die Biologin Elvira Scheich, ebenfalls in den naturwissenschaftlichen Traditionen der Theoriebildung fände.11

Mit zumindest als solchen diskutierten neuen technischen Möglichkeiten stellt sich zunehmend die Frage, wo denn das Lebendige beginne. Wurden Mary Wollstonecrafts [<< 98] Frankenstein und spätere Monster im 19. Jahrhundert von der industriellen Revolution, immer drängenderen Fragen nach der eigenen Identität und schließlich dem bewegten Bild angeregt, so geschieht dies neuerlich mit den aktuellen Technologieentwicklungen. Oder eher werden im Wechselverhältnis zwischen dem Willen zur „Verlebendigung der Technik“ 12 und den entstehenden Möglichkeiten, die Maschine mit dem Digitalen und teils auch dem Biotischen zu vermengen, lebendige Artefakte geschaffen, ohne auf das sterbliche Weibliche der Mutter rekurrieren zu müssen.13

Gleichzeitig erzeugen genetische Technologien und neuere Entwicklungen wie die Synthetische Biologie, die sich in der Lage sieht, biologische Zellen aus chemischen Einzelteilen herzustellen (und beschleunigt durch den Versuch des Genetikers Craig Venter, ein synthetisches Chromosom in ein Bakterium einzuführen und ‚zum Leben zu erwecken‘), eine analytische Entsprechung. Diese besteht in der sprachlichen Wendung, hier nun endgültig ginge es (zumindest den NaturtechnikerInnen und dem Kapital) um „life itself“, das Leben selbst.14

In der Geschlechterforschung wird die Zeugung einerseits, beginnend in den 1970er-Jahren, vorwiegend in ihren Dimensionen als Problem der künstlichen Befruchtung diskutiert. Andererseits richtet sich das Interesse auf einander historisch ablösende frühe bis aktuelle wissenschaftliche Zeugungstheorien als kulturtheoretisches Phänomen, die auf wechselnde Geschlechter- und Gesellschaftsordnungen verweisen (wie etwa von der Urzeugung bis zum Ein- und Zweigeschlechtermodell oder heutiger Merkantilisierung von Gameten und Embryonen). Wie die Geschlechterforschung seit über drei Jahrzehnten zeigt, sind Konzepte der Naturforschung und jeweilige kulturelle Hintergründe untrennbar über die Jahrhunderte mit Zeugungstheorien verknüpft. Auf diesen Aspekten, der Rolle von Geschlecht in verschiedenen Zeugungstheorien in der Naturforschung bis zur extrakorporalen Befruchtung, soll daher im Folgenden der Fokus liegen. [<< 99]

Zeugung in der Naturforschung von der Antike bis zur Moderne:
Flüsse und Ökonomie

Die bereits mit der antiken Mythologie einsetzende symbolische Zuschreibung der Geschlechter zu Logos / Geist einerseits und Materie / Körper andererseits findet in den Vorstellungen der frühen Naturforschung zur Zeugung ihre Entsprechung in der Differenz von Form versus Materie sowie von Hitze und Kälte nach der Temperamentenlehre der Humoraltheorie. Platons Interesse galt noch vor allem der Auflösung des Konfliktes zwischen Einheit und Differenz,15 wie in dem Urmythos von Zeugung und Eros deutlich wird, den er den griechischen Komödiendichter Aristophanes erzählen lässt.16 So habe es ursprünglich drei Geschlechter gegeben, indem immer zwei miteinander einen Kugelmenschen bildeten, zwei weibliche oder zwei männliche oder eine männlich-weibliche Kugel. Ihre Gesichter waren zueinander gewandt, die Geschlechtsteile nach hinten bzw. außen gerichtet. Da sie sich mit Zeus überwarfen, teilte er sie alle in zwei. Nun aber sehnten sie sich nacheinander und suchten und umarmen sich ständig, und kamen dadurch weder zum Arbeiten noch pflanzten sie sich fort. Zeus zeigte Einsicht und setzte ihre Geschlechter nach vorn. Hier liegt der Ursprung des Eros, bei Platon das Begehren nach Vereinigung gänzlich unabhängig von Zeugungsphantasien. Anders als für Platon stellt sich für Aristoteles hingegen mit der Frage nach der Zeugung auch stärker die Frage nach Differenz. Diese ist graduell und drückt sich nach der Philosophin Ingvild Birkhan in der männlichen Dominanz und Autorschaft aus.17

Männlichkeit und Weiblichkeit standen in der Antike nicht in binärer Opposition und waren auch nicht mit Genitalität verbunden,18 sondern mit den sich mischenden Temperamenten, wobei dem Männlichen das feurige und aktive zukommt.19 So wird nach Aristoteles „Über die Zeugung der Geschöpfe“ der allein nährende, die Materie [<< 100] darbietende weibliche Körper vom männlichen ‚Samen‘ befruchtet. Dabei sind diese Begriffe in ihrer heutigen Belegung irreführend, denn der dort so bezeichnete Samen ist reiner Impuls- und Formgeber.20 Begleitet wird die in diesem Konzept enthaltene Aktiv-passiv-Symbolik zugleich von der Gegenüberstellung männlicher Hitze zu weiblicher Kälte, es sei also die Hitze, die der weiblichen Samenmaterie (für Aristoteles das Menstruationsblut) bei der Zeugung zur Entwicklung verhelfe.21

Auch für die erfolgreiche Zeugung im Geschlechtsakt müsse ausreichend koitale Hitze herrschen, indem beide Geschlechter in Wallung sein müssten, heißt es noch in der Spätantike bei Soranus im 2. Jahrhundert in Rom 22 und bleibt Thema noch im 20. Jahrhundert. Bereits in der Antike gab es zwar mit Anaxagoras, Empedocles, ­Hippocrates und Parmenides Naturphilosophen, die die materielle Entstehung des Fetus sowohl dem männlichen wie auch weiblichen Samen zuschrieben.23 Dennoch wird das Aristoteles folgende Ein-Geschlechter- und Zeugungsmodell der Humoraltheorie von den griechischen Ärzten Galen und Soranus fortgeführt 24 und trägt sich über Paracelsus hinaus bis in die Aufklärung und damit bis zu den Ansätzen der heutigen Biomedizin.25 Und auch christliche wie jüdische Theoretiker behielten ­Aristoteles’ Verständnis des Männlichen als aktivierendes und formgebendes Prinzip über die Jahrhunderte bei.26

Mit der bürgerlichen Revolution gilt ab etwa dem 18. Jahrhundert das wissenschaft­liche Interesse ganz der nicht nur graduellen, sondern qualitativen Geschlechter­differenz und dies bezieht sich mit der Entwicklung der „Weiblichen Sonderanthropologie“ auch, allerdings leicht verspätet, auf den Prozess der Zeugung.27 In dem Maße, wie nachr [<< 102] evolutionär oder im deutschsprachigen eher biedermeierlich Generativität bzw. später Reproduktivität zunehmend dem ‚Weib‘ und dem Raum des Privaten zugeschrieben wurde,28 schwand das Interesse an der Suche männlicher Anteile an der Zeugung.29

Während in der Antike Spermien und Eizellen nicht bekannt waren, wurde auch nach der Entdeckung der Beteiligung von Gameten beider Geschlechter unter dem Mikroskop bis über die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts die Idee des ‚Samens‘ als Energie- und Bewegungsträgers aufrechterhalten, indem der männliche Beitrag nicht als materiell gesehen wurde. Dieser Haltung nach, die heute als epigenetisch bezeichnet wird, betrachtete die Naturforschung seit Aristoteles und bis zu den Arbeiten des Physiologen William Harvey im 17. Jahrhundert den Embryo als in einer graduellen Entwicklung aus unorganisierter Materie aus dem Blut im Uterus oder durch eine Vermengung der Samenflüssigkeit beider entstanden 30 und durch Gott in allen Lebewesen in der Anlage erzeugt.31 Harvey schließlich vertrat eine ganz unzeitgemäße epigenetische These der Befruchtung durch eine (damals noch rein hypothetische) Samenzelle. Eine solche heterosexuelle Befruchtung wurde im 18. und 19. Jahrhundert eher zur Ausnahme: Entdeckungen der Naturforscher Japetus Steenstrup, Richard Owen, Theodor von Siebold und Wilhelm Hofmeister zeigten in der Tier- und Pflanzenwelt eine ungeahnte Vielfalt: Generationswechsel von sexueller und asexueller Fortpflanzung, Parthenogenese (s. w. u.) und Hermaphroditismus wurden zu anerkannten Reproduktionsmodi,32 bis hin dazu, dass für Darwin sexuelle Fortpflanzung in keiner Spezies relevant schien.33

Weiterhin hielt sich auch nach Oskar Hertwigs Entdeckung von 1876, dass das Spermium im Befruchtungsprozess in die Eizelle gelangt, ein Nachhall galenscher Säfte­theorie in den nun durch die Physiologie geprägten Theorien bis in die 1870er-Jahre, in der Annahme,34 für die Zeugung sei die Auflösung eines oder mehrerer Spermien [<< 102] in der Eizelle essentiell.35 In diesem Kontext verbreitete sich um die 1850er-Jahre die Vorstellung, der gezeugte Nachwuchs stelle den berechenbaren 36 materiellen Überschuss dar, der im Laufe des Lebens mit der Nahrungsaufnahme angesammelt würde. So finden sich in den Texten zur Fortpflanzung zwischen 1850 und 1880 etwa bei dem physiologisch ausgebildeten Zoologen Rudolf Leuckart wie auch bei Charles Darwin 37 vielfältige und metaphernreiche Bezüge zur Ökonomie wie die Begriffe Einnahmen, Ausgaben, Konsumption und Kapital. Diese Bezüge hingen offenbar von der physiologischen Theorie der Flüssigkeiten ab, denn sie wurden mit dem Übergang zu einer späteren morphologischen bzw. mechanischen Theorie der Weitergabe materieller Einheiten obsolet.38 Leuckart vertrat dabei die im Rahmen der Epigenese plausible und zeitgemäße Theorie,39 die Geschlechtsentwicklung geschehe graduell entsprechend äußerer Bedingungen. Die zwei Geschlechter seien lediglich ein Ausdruck der Entwicklung gemäß den Gesetzen der Arbeitsteilung.40

Mit zunehmender Hinwendung zur mechanistischen Theorie wurde dieses physiologische Konzept herausgefordert durch die bereits genannte und schon im 17. Jahrhundert manifest werdende Idee, die Entwicklung des Embryos von der Zeugung ab stelle eine Entfaltung bereits zuvor angelegter Strukturen dar, die durch einen mechanischen Impuls ‚in Gang gesetzt‘ würde. Dieser Theorie folgte auch die Annahme, notwendigerweise müsse diese Anlage entweder in der nun mit dem Mikroskop beobachteten weiblichen Eizelle oder im männlichen Samen zu finden sein. Hier nun entfaltet sich neben den weiterhin existierenden Epigenesistheorien der Streit zwischen Ovisten und Animaculisten, je nachdem, ob man die vollständigen (also auch geschlechtlichen) Anlagen des Menschen im weiblichen oder männlichen Samen sah.41 [<< 103]

Naturforschung im 19. und 20. Jahrhundert: Das gezeugte Geschlecht

In einer Fortführung des mechanistischen Konzepts vertraten seit den 1870er-Jahren die Embryologen bzw. Entwicklungsmechaniker Wilhelm His, Wilhelm Roux und Eduard Driesch die „Kontakt-Theorie“ 42, die auch als „physico-chemische“ Theorie firmiert.43 Der Beginn allen Wachstums läge im Ei begründet, das von einem Stimulus durch das Spermium profitierte: „Nicht die Form ist es, die sich überträgt, […] sondern die Erregung zum formerzeugenden Wachstum, nicht die Eigenschaften, sondern der Beginn eines gleichartigen Entwicklungsprozesses.“ 44 Der Präformationstheorie setzte Oskar Hertwig nach seiner Beobachtung der Fusion von Eizelle und Spermium unter dem Mikroskop 1876 eine „morphologische“ 45 Theorie entgegen. Die materielle Vereinigung der Kerne sowohl der Eizelle wie des Spermiums sei zur Zeugung und Weiterentwicklung nötig und er folgerte (entgegen der Präformationstheorie), alle Körperzellen und Embryonen enthielten die Fähigkeit, sich männlich oder weiblich zu entwickeln.46 Der Zoologe Edouard van Beneden verband diesen zellulären Hermaphroditismus mit der Idee des Energiemoments im Spermium: Er sah in der Befruchtung der Eizelle den Startpunkt eines notwendigen Verjüngungsprozesses der sich dann weiterentwickelnden Eizelle 47 und schloss ebenfalls aus seiner Beobachtung der gleichmäßigen Verteilung von Chromosomen bei der Zellteilung, dass alle Zellen und somit auch der Embryo sowohl männlich als auch weiblich seien.48 [<< 104]

Grundsätzlich bewirkten die Beobachtung der Chromosomen und die spätere Theorie der Vererbung durch sie, dass der Streit zwischen den verschiedenen Schulen des Präformismus um 1900 in der herkömmlichen Form beigelegt war, denn der materielle Beitrag beider Geschlechter in der Zeugung war nun schwer abzuweisen. Dies geschah schließlich auch auf Kosten der Theorie mehrgeschlechtlicher Entwicklungsfähigkeit von Embryonen: In der physiologischen wie ökonomischen Betrachtungsweise der Zeugung konnte der Embryo die verschiedensten Eigenschaften aus einer Anlage entwickeln, die alle Möglichkeiten barg, je nachdem ob ein bestimmtes Phänomen überwog (dies war je nach Theorie das graduelle Überwiegen eines Stoffes oder einer chemischen oder physikalischen Bedingung innerhalb oder außerhalb der Zellen). Nach der Theorie der materiegebundenen Eigenschaften dagegen entschieden konkrete Partikel über eine qualitative Differenz. Dass diese damit dann nicht mehr auf epigenetische Einflüsse der Umgebung, sondern einzig auf Abstammung zurückführbar war, scheint vor dem Hintergrund zunehmender, Kontinente überschreitender Mobilität und rassisierter Klassenkämpfe im die Naturforschung anführenden Vereinten Königreich und Preußen umso relevanter. Die Theorie der Vererbung von Eigenschaften über Chromosomen war nach ihrer Veröffentlichung 1906 relativ schnell akzeptiert. Allerdings war es gerade die Frage, ob und wie Chromosomen Geschlecht vererben, die die Durchsetzung der Theorie der chromosomalen Vererbung erschwerte, da selbst die Vertreter der Theorie Mendels daran festhielten, nicht der Moment der Zeugung entscheide über das Geschlecht, sondern später wirkende Konditionen. 49 [<< 105]

Zeugung des Lebens aus sich selbst heraus als Akt des Widerstands:
Urzeugung, Autopoiese und Parthenogenese in der Moderne

Jenseits der Fragen der Vererbung erlebte die Epigenese-Theorie immer wieder Renaissancen,50 nicht zuletzt als theoretischer Bestandteil von Konzepten der nicht-geschlechtlichen Zeugung, in den Konzepten der Urzeugung oder später Autopoiese. Theorien der Epigenese, die also die Entwicklung zu Formen, die nicht bereits in einer Anlage vorgegeben wird, voraussetzt, finden sich besonders in Reaktion auf den Mechanizismus des 18. Jahrhunderts im Wechselfeld zwischen Naturforschung und Philosophie. Sie beziehen sich auf Phänomene der Selbstorganisation und meinen die kreative und unvorhersagbar lebendige Hervorbringung von komplexen Strukturen in der Natur ebenso wie durch den Menschen. So wandte Kant beispielsweise das Prinzip der „Selbstgebärung“ 51 unseres Verstehens gegen Humes Idee der empirischen Vorprägung unserer Ideen und sprach vom natürlichen Körper als sich selbst organisierendes Wesen,52 während zur gleichen Zeit naturforschende Präformisten und Anhänger der Epigenese-Theorie um die Erklärung der Zeugungsphänomene rangen. Auch Schelling,53 Fichte und Goethe schreiben der Epigenese das Wort,54 bei Herder und Humboldt 55 ist sie das Prinzip der Hervorbringung der Sprache selbst und bei Beaumarchais findet sie sich in der Kritik aristokratischen Präformationismus.56 Neuerlich prägte im 20. Jahrhundert der Neurobiologe Humberto Maturana den Begriff der Autopoiese (altgriech. für Selbsterschaffung)57 für das Phänomen, dass Lebewesen sich selbst hervorbringen und erhalten könnten,58 indem „das Pr [<< 106] odukt ihrer Organisation sie selbst sind, das heißt, es gibt keine Trennung zwischen Erzeuger und Erzeugnis. Das Sein und das Tun einer autopoietischen Einheit sind untrennbar, und dies bildet ihre spezifische Art von Organisation.“ 59 Das Konzept fand schnell Verbreitung auch in anderen wissenschaftlichen Bereichen, so fand etwa Niklas Luhman es rasch anwendbar auch für die Beschreibung gesellschaftlicher Prozesse.60 Interessant schien dieses Konzept von Selbstzeugung oder Autopoiesis für die feministische Theorie durch einen darin enthaltenen veränderten Lebensbegriff,61 mit dem eine Veränderung der Vergesellschaftung von Natur reflektiert wird: Produktion und Reproduktion fallen so in eins, Reproduktion wird also aus Produktion nicht mehr ausgeklammert.62

Dasselbe gilt auch für die Entstehung des Lebens an sich: Die Theorie der Urzeugung oder Spontanzeugung von Leben aus unbelebter Materie wurde zunächst mit der Sichtung von Maden in faulendem Fleisch, später mit den im Mikroskop entdeckten Bakterien bewiesen.63 Mit Sterilisierungstechniken wurde sie zwar in dieser Form widerlegt, jedoch wurde gezeigt, dass die chemische Evolution die Genese von biotischen Zellen aus der sogenannten Ursuppe möglich machte.64 Von hier aus führt der Weg in die Selbstorganisationstheorie, Chaosforschung und Systemtheorie,65 an die die Hoffnung geknüpft wird, sowohl das Biotische als auch das Technische weniger mechanistisch und deterministisch fassen zu können.66 Die binäre Grenzziehung zwischen ‚toter Materie‘ einerseits und ‚lebendigen Organismen‘ wurde dabei zunehmend [<< 107] in Frage gestellt.67 Die Selbstgenerationsfähigkeit und ‚Unbändigkeit‘ der Natur (teils im Sinne von Organizismus oder Vitalismus) im Kontrast zu Determinismus und Mechanizismus sowie etwa zunehmende Naturausbeutung adäquat beschreiben zu können, war ein grundsätzliches Anliegen feministischer Theorie zu Lebenskonzepten in den 1970er- und 80er-Jahren.68 Später dagegen überwogen Ansätze, die versuchten, Technik und Natur als miteinander vereinbar zu denken, sie begrüßten daher z. T. die Idee der Selbstorganisation.69 Elvira Scheichs Untersuchung der historischen Debatten um Selbstorganisation kommt allerdings zu dem Schluss, dass, indem eine übergeordnete, abstrakte Reproduktionseinheit gewählt wird, Geschlechtlichkeit und damit auch die weibliche Rolle in der Generativität ausgeklammert würde, während das Prinzip des Wandels ein Männliches bleibe.70

Gegenüber der (scheinbar) nicht-geschlechtlichen Zeugung von Lebendigem aus toter Materie, als Autopoiese oder Urzeugung, wurde die Selbstzeugung aus (dann weiblich definierten) Lebewesen heraus zumindest seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein problematisches Politikum. Diese Art der Fortpflanzung, die nach heutigem biologischen Verständnis in allen Tiergruppen vereinzelt oder verbreitet vorkommt und ledigliche für Säuge- und Beuteltiere ausgeschlossen wird, war bereits Aristoteles vertraut 71 und Erzählungen von rein weiblicher Fortpflanzung in Mittelmeerraum und Orient sowie in frühen christlichen Schriften weit verbreitet.72 Seit den ersten mikros­kopischen Beobachtungen der Entwicklung unbefruchteter Eizellen durch Marcello Malpighi 1675 mehrten [<< 108] sich die Berichte von Jungfernzeugungen im Tierreich über die Jahrhunderte.73 In der Debatte zwischen Ovisten und Animakulisten stärkte die Parthenogenese die Position der Ovisten.74 Nachdem nicht einmal der Geschlechtsakt als Impuls der Eientwicklung beobachtet wurde, wurde die Parthenogenese einerseits als willkommenes Argument für die Position verwendet, Zellen und Lebewesen seien grundsätzlich hermaphroditisch und eine dichotome Zweigeschlechtlichkeit als These abzulehnen,75 andererseits wurde sie aus demselben Grund als eine Bedrohung der Rolle der beiden Geschlechter beschrieben.76 Die Lösung dieser Bedrohung wurde über die aristotelische Vorstellung der größeren (energetischen) Bedeutung des männlichen Beitrags herbeigeführt: Diese trug zur sexuellen Ordnung der Moderne bei, indem schließlich, in einem nach der Ansicht des Historikers Frederick Churchill grundlegenden Schritt, die sexuelle Fortpflanzung als höherwertig gegenüber der asexuellen gesehen wurde.77 So beschrieb etwa Johan Japetus Steenstrup 1845 erstmals den Wechsel von sexueller zu asexueller (parthenogenetischer) Generation 78 und begründete die Höherwertigkeit Ersterer mit ökonomischen Begriffen des Verbrauchs der sperma­tischen Kräfte im Lauf der asexuellen Generationen.79

Auch Ende des 20. Jahrhunderts reflektieren Theorien zur Parthenogenese sowie die Geschichtsschreibung zu früheren Theorien über sie, wie die Biologin Smilla Ebeling feststellt, die gesellschaftlich aktuellen „diskursiven Aushandlungen um die ‚Fortpflanzungsmacht‘“.80 Evolutionsbiologische Texte problematisierten die eingeschlechtliche Fortpflanzung etwa als evolutionäre „Sackgasse“,81 während der ­zweigeschlechtlichen Zeugung höhere genetische Flexibilität zugeschrieben würde.82 Wie Ebeling feststellt, diskutierten populärwissenschaftliche Texte zur Parthenogenese die „,Freiheitsbestr [<< 109] ebungen der Frauen‘“, die „die Männchen abschaffen“.83 Ein ähnliches Motiv, Frauen könnten mittels künstlicher Befruchtung gänzlich ohne Männer leben, wird zur gleichen Zeit, Ende des 20. Jahrhunderts, von manchen wissenschaftlichen Befürwortern der breiten Anwendung von Gen- und Reproduktionstechnologien als emanzipato­risches Argument ebenfalls in die Öffentlichkeit gebracht.84

Zeugung jenseits der sterblichen Körper: Re- / Produktion und Biokapital

Für feministische Interpretationen der Befreiung der Frau durch Technologien bietet Simone de Beauvoir eine liberal-feministische Argumentationsfolie, die nicht so sehr die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Reproduktion stattfindet, für die ‚Unfreiheit‘ der Frau verantwortlich machte, sondern primär die biologische Bindung der Reproduktion an den weiblichen Körper.85 Entsprechend forderte Shulamith ­Firestone in ihrem radikalfeministischen „The Dialectic of Sex“ (1970) die Befreiung von Frauen von ihrer Biologie durch neue Reproduktionstechniken.

Spätestens allerdings mit der Realisierung der In-vitro-Fertilisation und der ersten Geburt eines in-vitro-gezeugten Kindes, Louise Brown 1978, wurden die technischen Möglichkeiten der Reproduktion und insbesondere der Zeugung außerhalb des Körpers feministisch überwiegend kritisch diskutiert.

Gerade die Entwicklung der biomedizinischen Positionen zu sogenannter künstlicher Befruchtung zeigen die Verwobenheit gesellschaftlicher Prozesse und wissenschaftlicher Erkenntnis: Wie die Historikerin Christina Benninghaus ausführt, wandelte sich die Insemination zwischen dem erstmaligen Bericht über eine „künstliche Befruchtung“ 86 einer Frau 1865 und den bestverkauften Büchern der Ärzte Herrmann Rohleder und Albert Döderlein 1911 und 1912 über ihre Befruchtungserfolge von einer verpönten Praxis zu einer zwar selten angewandten, aber anerkannten Infertilitätsbehandlung vor dem Hintergrund einer veränderten Wahrnehmung der Bedeutung von Unfruchtbarkeit. „Gesellschaftliche Veränderungen liessen Sterilität zu einem nicht nur individuellen, [<< 110] sondern auch gesellschaftlichen Problem werden. Künst­liche Befruchtung erschien einerseits als eine Lösungsstrategie, die gleichermassen dem Rückgang der Bevölkerung entgegenarbeitete und die Geschlechterordnung restaurierte.“ 87 Eine Parallele lässt sich in den biologischen Zeugungskonzepten aufzeigen, indem die zunehmende Ablehnung hermaphroditischer Konzepte und die Heterosexualisierung des biolo­gischen Zeugungsverständnisses von den etwa 1870er-Jahren bis zu den 1920ern politisch begleitet sind von einer auch rechtlichen Festlegung der Geschlechter u. a. mit dem Erlass eines Personenstandsrechts im Zusammenhang mit der Eheschließung 1875, das das Preußische Landrecht, das den Begriff des Zwitters noch kennt, ersetzte.88 In einer Zeit, in der die erste Frauenbewegung und der Rückgang der Zeugungswilligkeit als Maskulinisierung problematisiert und medizinisch in Form der „Genitalhypoplasie“ gefasst werden,89 ist die Naturforschung geradezu besessen von der Geschlechtlichkeit der Zellen.90 Zugleich beginnt im deutschen Sprachraum der Begriff der „Vererbung“ seit den 1880ern die vorherigen, „Erblichkeit“ oder „Zeugung“, zu ersetzen, sodass ererbte Rechte und Besitz mit der Zeugung fixiert werden, mit Körpermerkmalen in eins fallen und per Blutsverwandtschaft Ein- und Ausschlüsse artikuliert werden.91

Auch die verschiedenen geschlechtertheoretischen Perspektiven, die wiederum seit der zweiten Frauenbewegung zur Laborzeugung und anhängigen Möglichkeiten des genetischen Eingriffs entwickelt wurden, spiegeln sowohl die gesellschaftlichen, politischen und technischen Entwicklungen, vor allem aber auch die der Frauen- und Geschlechterforschung insgesamt. Die deutschen feministischen Diskurse zeigten im Kontext der jeweiligen verschiedenen Gesetzgebungsverfahren zur Laborzeugung wie in kaum einem anderen Land eine einhellig kritische Position gegenüber künstlichen Reproduktionsverfahren (in [<< 111] einer Tradition der Frankfurter Schule in der Haltung zu Exzessen aufklärerischen Rationalismus).92 Sie betonten vor allem den Verdacht der Ausbeutung der Frau und ihres Körpers und argumentierten mit inhaltlichen Bezügen auf die einschlägigen feministischen Aktivistinnen Maria Mies, Gena Correa oder die internationale Gruppe Finrrage.93 Ein dominanter liberal-feministischer „Diskurs der Aufklärung“ 94 wiederum vertritt dagegen seit den 1990er-Jahren jeweils in Parlamenten Großbritanniens, Deutschlands und vor allem den USA ähnlich die Position, dass Frauen, da sie nicht allein Opfer kapitalistischer Verblendung seien, wie der marxistisch inspirierte feministische Diskurs suggeriere, in jedem Fall selbst entscheiden könnten und können müssten, ob, wann und wie sie Kinder bekommen wollen.95 Beckmann und Harvey begründen das frühe Erstarken einer liberalen feministischen Position zu neuen Reproduktionstechnologien in den USA in ihrer historisierenden Übersicht 96 damit, dass Frauen sich dort früh als Angehörige oder Patientinnen z. T. für Stammzellforschung oder Infertilitätsbehandlungen einzusetzen begannen 97 oder als Vorreiterinnen im praktischen Umgang mit Gentests am Embryo oder den Gameten fungieren, da sie unter anderem durch die Beratungssituation Hauptverantwortung für die Gesundheit ihrer Kinder auf sich nähmen.98 [<< 112]

Seit Ende der 1990er-Jahre zeigt sich der deutsche Diskurs zu Laborzeugungsverfahren als akademisch etabliert und argumentiert weniger mit der Ausbeutung weib­licher Körper als eher mit gesundheitlichen, technischen und sozialen Risiken;99 Fragen des internationalen Marktes und dominanten ethischen Debatten.100 In einer dritten ‚Welle‘ der vergangenen Jahre wurde Gouvernementalität im Sinne Foucaults stärker als Interpretationsfolie gewählt und AnwenderInnen dabei als im selben Machtfeld sich bewegend wahrgenommen.101 Seither mehren sich international Interviewstudien und internationale Vergleichsarbeiten, die mit soziologischen, anthropologischen oder ethnologischen Methoden Elemente der Praktiken der Laborzeugungsverfahren, wie etwa die Motivation von Frauen zur Eizellspende, vorgeburtlicher Diagnostik oder IVF untersuchen 102 oder die internationale Bewegung von ‚Biomaterial‘ wie Spermien und Eizellen verfolgen.103 [<< 113]

Die Änderung des feministischen Diskurses, der nun weniger die prekäre Rolle des Frauenkörpers auch in extrakorporalen Zeugungsverfahren unterstreicht, sondern auf diskursive Praktiken scheinbar jenseits eines binären Geschlechtskörpers verweist, wurde mitunter als eine postmodern trendgerechte Entsolidarisierung im Sinne der „Entkörperung der Frauen“ als ein Verschwinden von „L / weiblichkeit“ kritisiert.104 Diese Verschiebung reflektiert zugleich die Veränderung im betrachteten Gegenstand, der Zeugungsverfahren und Reproduktionsgenetik.105 Denn einerseits zeigt sich, dass auch der männliche Körper zunehmend in den Blick der Biopolitiken rückt, wie im Zuge der Erweiterung der Andrologie.106 Andererseits stellen die Analysen reproduktionswissenschaftlicher und -medizinischer Praktiken seit etwa der Jahrtausendwende eine Abkehr vom Primat der herkömmlichen fordistischen Mehrung, des Vertriebs und der Kontrolle biologischer Güter zugunsten einer Hinwendung zur zunehmenden molekularen Wertschöpfung des Körpers oder allein zu Potentialen des Eingreifens fest: „postmodern approaches to reproduction are centered on transformation of reproductive bodies and processes“.107 Dabei wird oft die Analyse unterstützt, es gehe hier um „biocapital“ 108 im Sinne einer Ausweitung von Möglichkeiten im Zugriff auf das [<< 114] Material und „life itself“.109 Das mit dem Autopoiesiskonzept postulierte Ineinsfallen von Produktion und Reproduktion wird somit ökonomische Realität. Zugleich wird „Leben“ von Weiblichkeit entkoppelt und eher mit Molekülen und Einzellern verbunden,110 das historische Projekt der Überwindung des Todes 111 durch die Entzifferung der DNA, des Textes des Lebens (in einer Gleichsetzung von Bibel, Gott- / Natur­erkenntnis und Genom)112, wird nun auf zellulärer Ebene fortgeschrieben;113 der durch den Körper symbolisierte zeitliche Verfall im Blick auf die inzwischen weit über das nur Genomische hinausgehende Generativität der Zelle systemtheoretisch und biosynthetisch gebändigt und in Wert gesetzt. Auf körperlicher Ebene findet eine Entkopplung nicht nur statt zwischen Sex und Fortpflanzung, sondern auch zwischen Sex und Geschlechtsverkehr, indem Erotik und Begehren längst platonische Ausdrucksformen in musikalischer oder textlicher Ekstase finden,114 einerseits und zwischen Zeugung und (Hetero-)Sexualität, die zu einer ausschließlichen Kopplung von Zeugung und [<< 115] (platonischer) Liebe wird,115 die bereits seit dem 17. Jahrhundert in der Legitimation der Zeugungen die Kirche ablöst.116 Bei allen historischen Veränderungen verweist beides zurück auf Kontinuitäten des ‚Anfangs‘: Für die christliche Kirche scheint kaum etwas so problematisch wie die Reproduktion im gleichgeschlechtlichen Paar und die Liebe erscheint als die sublimierte Hitze, die der Geschlechtsakt zur Zeugung im Rekurs noch auf Aristoteles und Galen bis in das 20. Jahrhundert hinein benötigte.

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1 Duden. Deutsches Universalwörterbuch, 6. überarbeitete Auflage, Mannheim 2007.

2 Bibliographisches Institut & FA Brockhaus, Meyers Lexikon, Mannheim 2006.

3 L. Jordanova, Interrogating the concept of reproduction in the eighteenth century, in: F. D. Ginsberg / R. Rapp (Hg.), Conceiving the New World Order. The Global Politics of Reproduction, Berkeley, S. 369 – 386.

4 Art. „generate“, in: Random House Webster’s college dictionary, New York 1996, S. 555.

5 K. Philipp, Zeugung als Denkform in Platons geschriebener Lehre, Zürich 1980.

6 M. Baader, Generation. Versuche über eine pädagogisch-anthropologische Grundbedingung, Weinheim 1996.

7 C. Begemann / D. E. Wellbery (Hg.), Kunst – Zeugung – Geburt. Theorien und Metaphern ästhetischer Produktion in der Neuzeit, Freiburg / i. Br. 2002.

8 L. Harders, Wissens- und Geschlechterordnung in den American Studies, in: Zeitschrift für Germanistik 18.2 (2008), 2, S. 348 – 356; W. Erhart, Der Germanist, die Dichtung. Wissenschaftshistorische Anmerkungen zum paternalen und die „nicht mehr zeugungsfähigen Mächte“. Selbstwertgefühl der deutschen Literaturwissenschaft, in: Begemann / Wellbery (Hg.), Kunst – Zeugung – Geburt, S. 353 – 379; V. Hoffmann, Künstliche Zeugung und Zeugung von Kunst im Erzählwerk Achim von Arnims, in: Aurora 46 (1986), S. 158 – 167.

9 J. Kristeva, Produktivität der Frau, in: Alternative 108/109 (1976): Das Lächeln der Medusa, S. 167 – 172, hier S. 171; L. Irigaray, Speculum. Spiegel des anderen Geschlechts, Frankfurt / M. 1980; C. Woesler de Panafieu, Feministische Kritik am wissenschaftlichen Androzentrismus, in: U. Beer (Hg.), Klasse Geschlecht. Feministische Gesellschaftsanalyse und Wissenschaftskritik, Bielefeld 1989, S. 95 – 131.

10 E. Meyer, Zum Phantasma der Selbstgeburt, in: D. Hambach (Hg.), Zukunft als Gegenwart, Berlin 1982, S. 156 – 190, hier S. 170 ff.

11 E. Scheich, Naturbeherrschung und Weiblichkeit, Frankfurt / M. 1989, S. 22 ff.

12 A. Saupe, Verlebendigung der Technik, Bielefeld 2002.

13 G. Treusch-Dieter, Von der sexuellen Rebellion zur Gen- und Reproduktionstechnologie, Tübingen 1990; J. Weber / C. Bath (Hg.), Turbulente Körper und soziale Maschinen. Feministische Studien zur Technowissenschaftskultur, Opladen 2003; C. Bath u. a. (Hg.), Materialität denken. Studien zur technologischen Verkörperung, Bielefeld 2005; C. Bath, De-Gendering informatischer Artefakte, Diss. Bremen 2009; K. Hayles, How we became posthuman. Virtual Bodies in Cybernetics, Literature, and Informatics, Chicago 1999.

14 N. Rose, The Politics of Life Itself. Biomedicine, Power and Subjectivity in the Twenty-First Century, Princeton 2006.

15 E. F. Keller, Liebe, Macht und Erkenntnis, S. 27 – 39, hier S. 29 ff.

16 Platon, Sämtliche Werke, Bd. 2: Lysis, Symposion, Phaidon, Kleitophon, Politeia, Phaidros, übers. v. F. Schleiermacher, Reinbek 1986.

17 I. Birkhan, Ein philosophisches Paradigma der Geschlechtersymbolik. Aristoteles und seine Zeugungstheorie, in E. Mixa u. a. (Hg.), Körper – Geschlecht – Geschichte. Historische und aktuelle Debatten in der Medizin, Wien 1996, S. 44 – 59.

18 Aristoteles, Über die Zeugung der Geschöpfe, hg. und übers. v. P. Gohlke, Paderborn 1959; T. Laqueur, Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud, Frankfurt / M. 1992.

19 Ebd.

20 Aristoteles, Über die Zeugung der Geschöpfe.

21 N. Tuana, The weaker seed. The sexist bias in reproductive theory, in: dies. (Hg.), Feminism and Science, Bloomington 1989, S. 147 – 171; Birkhan, Ein philosophisches Paradigma; Laqueur, Auf den Leib geschrieben.

22 Ebd.

23 Tuana, The weaker seed, S. 147 – 152.

24 Ebd.; Laqueur, Auf den Leib geschrieben.

25 G. Pomata, Vollkommen oder verdorben? Der männliche Samen im frühneuzeitlichen Europa, in: L’Homme 6.2 (1997), S. 17 – 23; L. Schiebinger, Am Busen der Natur. Erkenntnis und Geschlecht in den Anfängen der Wissenschaft, Stuttgart 1995, S. 260 – 282; C. Honegger, Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib, Frankfurt / M. 1992.

26 Birkhan, Ein philosophisches Paradigma.

27 Honegger, Die Ordnung der Geschlechter.

28 N. Luhmann, Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität, Frankfurt / M. 1994.

29 F. Vienne, Vom Samentier zur Samenzelle. Die Neudeutung der Zeugung im 19. Jahrhundert, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 32.3 (2009), S. 215 – 229.

30 Tuana, The weaker seed, S. 160 ff.; F. B. Churchill, Sex and the Single Organism. Biological Theories of Sexuality in Mid-Nineteenth Century, in: W. Coleman / C. Limoges (Hg.), Studies in History of Biology, Bd. 3, Baltimore 1979, S. 139 – 177.

31 Vienne, Vom Samentier zur Samenzelle.

32 F. B. Churchill, From heredity theory to Vererbung. The transmission problem, 1850 – 1915, in: Isis 78 (1987), S. 337 – 364, hier S. 341.

33 Ebd., S. 345.

34 Ebd., S. 339.

35 J. Farley, Gametes and spores. Ideas about sexual reproduction 1750 – 1914, Baltimore 1982, S. 160 – 188.

36 R. Leuckart, Zeugung, in: R. Wagner (Hg.): Handwörterbuch der Physiologie (1842 – 1853), Bd. IV, Brunswick 1853, S. 707 – 1000.

37 Darwin setzte alle Reproduktionsprozesse mit Wachstum gleich und sah in den „gemmules“ Überschußprodukte der Zellen. Churchill, From heredity theory to Vererbung, S. 345.

38 Ebd., S. 360.

39 J. Maienschein, What determines sex? A study of converging approaches, 1880 – 1916, in: Isis 75 (1984), S. 457 – 480.

40 Leuckart, Zeugung, S. 744. Dieses Gesetz der Arbeitsteilung geht wiederum auf Aristoteles zurück: Churchill, From heredity theory to Vererbung, S. 341, FN 12.

41 C. Pinto-Correia, The ovary of eve. Egg, sperm and preformation, Chicago 1997; G. Garden, A discourse concerning the modern theory of generation, in: Philosophical transactions of the Royal Society 16 (1686), S. 474 – 483.

42 W. Coleman, Cell, Nucleus, and Inheritance. An Historical Study, in: Proceedings of the American Philosophical Society 109.3 (1965), S. 124 – 158, hier S. 134.

43 Ebd., S. 133.

44 W. His, Unsere Körperform und das physiologische Problem ihrer Entstehung, Leipzig 1874, hier S. 152.

45 J. Farley, Gametes and spores. Ideas about sexual reproduction 1750 – 1914, Baltimore 1982, S. 160 – 188.

46 O. Hertwig, Beiträge zur Kenntnis der Bildung, Befruchtung und Theilung des thierischen Eies, in: Morphologisches Jahrbuch 1 (1876), S. 347 – 452 sowie 3 (1877), S. 1 – 86; Farley, Gametes and spores.

47 E. van Beneden, Recherches sur l’embryologie des Mammifères. La formation des feuillets chez le lapin, in: Archives de Biologie 1 (1880), S. 137 – 224; G. Hamoir, The discovery of meiosis by E. van Beneden, a breakthrough in the morphological theory of heredity, in: International Journal of Developmental Biology 36 (1992), S. 9 – 15, hier S. 10.

48 E. van Beneden, Recherches sur la maturation de l’œuf et la fécondation. Ascaris megalocephalia, in: Archives de Biologie 4 (1883), S. 265 – 640; Hamoir, The discovery of meiosis, S. 13.

49 S. F. Gilbert, The embryological origins of the gene theory, in: Journal of the History of Biology 11 (1978), S. 307 – 351; S. E. Kingsland, Maintaining continuity through a scientific revolution, in: Isis 98 (2007), S. 468 – 488; H. Satzinger, Theodor and Marcella Boveri. Chromosomes and cytoplasm in heredity and development, in: Nature Reviews Genetics 9 (2008), S. 231 – 238; J. Maienschein, What determines sex? A study of converging approaches, 1880 – 1916, in: Isis 75 (1984), S. 457 – 480. Zu den heutigen Auseinandersetzungen zur genetischen (eindeutigen) Geschlechtsentwicklung aus der Zeugungskonstellation s. z. B. B. Mauss, Genomic Imprinting im Kontext feministischer Kritik, in: S. Schmitz / B. Schinzel (Hg.), Grenzgänge. Genderforschung in Informatik und Naturwissenschaften, Königstein / Taunus 2004, S. 149 – 163; B. Mauss, Die kulturelle Bedingtheit genetischer Konzepte. Das Beispiel Genomic Imprinting, in: Das Argument 43.242 (2001), S. 584 – 592; A. Fausto-Sterling, Sexing the Body – Gender Politics and the Construction of Sexuality, New York 2000.

50 J. Farley, The spontaneous generation controversy from Descartes to Oparin, Baltimore 1977.

51 I. Kant, Kritik der reinen Vernunft, Stuttgart 2003, S. 778.

52 I. Kant, Kritik der Urteilskraft, Leipzig 1968.

53 Vgl. M.-L. Heuser-Keßler / W. G. Jacobs (Hg.), Selbstorganisation. Schelling und die Selbstorganisation. Neue Forschungsperspektiven. Jahrbuch für Komplexität in den Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften, Bd. 5, Berlin 1994; A. Saupe, Selbstreproduktion von Natur. Die Autopoiesistheorie. Herausforderung für eine feministische Theorie der Gesellschaft, Berlin 1997, S. 85 ff.

54 H. Müller-Sievers, Epigenesis. Naturphilosophie im Sprachdenken Wilhelm von Humboldts, Paderborn 1993.

55 Ebd.

56 H. Müller-Sievers, Self-generation. Biology, philosophy, and literature around 1900, Stanford 1997.

57 Bibliographisches Institut & FA Brockhaus, Meyers Lexikon, Mannheim 2006.

58 F. Varela u. a., Autopoiesis. The organization of living systems, its characterization and a model, in: Biosystems 5.4 (1974), S. 187 – 196.

59 H. R. Maturana / F. J. Varela, Der Baum der Erkenntnis, Bern 1987, S. 56.

60 N. Luhmann, Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie, Frankfurt / M. 1984.

61 J. Weber, Turbulente Körper und emergente Maschinen. Über Körperkonzepte in neuerer Robotik und Technikkritik, in: dies. / C. Bath (Hg.), Turbulente Körper und soziale Maschinen. Feministische Studien zur Technowissenschaftskultur, Opladen 2003, S. 119 – 136.

62 Saupe, Selbstreproduktion von Natur, S. 23.

63 W. Köhler, Entwicklung der Mikrobiologie mit besonderer Berücksichtigung der medizinischen Aspekte, in: I. Jahn (Hg.), Geschichte der Biologie, Berlin 2000.

64 W. Martin / M. J. Russell, On the origins of cells: A hypothesis for the evolutionary transitions from abiotic geochemistry to chemoautotrophic prokaryotes, and from prokaryotes to nucleared cells, in: Philosophical Transactions of the Royal Society 358 (2003), S. 59 – 85.

65 I. Prigogine / I. Stengers, Dialog mit der Natur, München 1993.

66 Vgl. Scheich, Naturbeherrschung und Weiblichkeit, S. 6; S. Burren / K. Rieder, Organismus und Geschlecht in der genetischen Forschung, Bern 2000; J. Calvert, The commodification of emergence: Systems biology, synthetic biology and intellectual property, in: BioSocieties 3 (2008), S. 383 – 398.

67 D. Haraway, Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften, in: dies.: Die Neuerfindung der Natur, Frankfurt / M. 1995, S. 33 – 72; B. Latour, Wir sind nie modern gewesen, Frankfurt / M. 2002; Prigogine / Stengers, Dialog mit der Natur.

68 Siehe u. a. B. Holland-Cunz, Soziales Subjekt Natur. Natur- und Geschlechterverhältnis in emanzipatorischen politischen Theorien, Frankfurt / M. 1994; V. Shiva (Hg.): … schließlich ist es unser Leben. Ökofeministische Beiträge aus aller Welt, Darmstadt 1995; vgl. S. Schultz, Feministische Bevölkerungspolitik? Zur internationalen Debatte um Selbstbestimmung, in: C. Eichhorn / S. Grimm (Hg.): Gender Killer. Texte zu Feminismus und Politik, Berlin 1994, S. 11 – 23.

69 Zur Übersicht siehe Saupe, Verlebendigung der Technik; J. Weber, Umkämpfte Bedeutungen. Naturkonzepte im Zeitalter der Technoscience, Frankfurt / M., New York 2003.

70 Dies gilt bei Scheichs Untersuchung zumindest für Selbstorganisationsideen bis hin zu Darwins Konzept der Artenevolution: Scheich, Naturbeherrschung und Weiblichkeit, S. 279 ff.

71 Aristoteles, Über die Zeugung der Geschöpfe.

72 A. Preuss, Science and philosophy in Aristotle’s generation of animals, in: Journal of the History of Biology 3.1 (1970), S. 1 – 52; G. Koller, Daten zur Geschichte der Zoologie, Bd. 4, Bonn 1949.

73 P. Geddes / J. A. Thompson, The evolution of sex, London 1914; I. Jahn, Biologiegeschichte, Jena 1998.

74 Coleman, Cell, Nucleus, and Inheritance.

75 R. Leuckart, Zur Kenntnis des Generationswechsels und der Parthenogenese bei Insekten, Frankfurt / M. 1858.

76 C. T. E. von Siebold, Wahre Parthenogenesis bei Schmetterlingen und Bienen. Ein Beitrag zur Fortpflanzungsgeschichte der Thiere, Leipzig 1856, S. 140 f.

77 Churchill, Sex and the single organism.

78 J. J. S. Steenstrup, On the alternation of generations. Or the Propagation and Development of Animals Through Alternate Generations (1845), Whitefish, MT 2008.

79 Ebd.

80 S. Ebeling, Die Fortpflanzung der Geschlechterverhältnisse. Das metaphorische Feld der Parthenogenese in der Evolutionsbiologie, Mössingen-Talheim 2002, S. 293.

81 Ebd., S. 284.

82 Ebd., S. 280.

83 Ebd., S. 291.

84 Z. B. C. Djerassi, Der entmachtete Mann, in: EMMA 5 (1999), S. 50 f; zur Übersicht siehe B. Bock v. Wülfingen, Genetisierung der Zeugung – Eine Diskurs- und Metaphernanalyse reproduktionsgenetischer Zukünfte, Bielefeld 2007, S. 128 – 136.

85 S. de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Reinbek 2005.

86 J. M. Sims, Klinik der Gebärmutter-Chirurgie mit besonderer Berücksichtigung der Behandlung der Sterilität. Deutsch hg. v. Dr. H. Beigel, Erlangen 1870, S. 305.

87 C. Benninghaus, Eine „unästhetische Prozedur“. Debatten über „künstliche Befruchtung“ um 1910, in: B. Orland (Hg.), Artifizielle Körper – lebendige Technik. Technische Modellierungen des Körpers in historischer Perspektive, Zürich 2005, S. 107 – 128, hier S. 114 f.; vgl. C. Schreiber, Natürlich künstliche Befruchtung? Eine Geschichte der In-vitro-Fertilisation von 1878 bis 1950, Göttingen 2007.

88 K. Plett, Intersexuelle. Gefangen zwischen Recht und Medizin, in: F. Koher u. a. (Hg.), Gewalt und Geschlecht. Konstruktionen, Positionen, Praxen, Opladen 2003, S. 21 – 42.

89 R. Bröer, Genitalhypoplasie und Medizin. Über die soziale Konstruktion einer Krankheit, in: Zeitschrift für Sexualforschung 17 (2004), S. 213 – 238.

90 H.-J. Rheinberger, Biologische Forschungslandschaften um 1900, in: M. L. Angerer / C. König (Hg.), Gender goes Life. Die Lebenswissenschaften als Herausforderung für die Gender Studies, Bielefeld 2008.

91 Churchill, From heredity theory to Vererbung, S. 338, FN 4.

92 P. O’Mahony / M. S. Schäfer, The ,book of life‘ in the press. Comparing German and Irish media discourse on human genome research, in: Social Studies of Science 35.1 (2005), S. 99 – 130.

93 D. L. Steinberg, Bodies in glass. Genetics, eugenics and embryo ethics, Manchester 1997; M. Mies / V. Shiva, Ökofeminismus. Beiträge zur Praxis und Theorie, Zürich 1995; zur Übersicht s. auch H. Hofmann, Die feministischen Diskurse über Reproduktionstechnologien. Positionen und Kontroversen in der BRD und den USA, Frankfurt / M. 1999.

Über die Grünen und den linken Flügel der SPD gingen diese Positionen im Bundestag in das weiterhin wirksame Embryonenschutzgesetz ein. C. Augst, Verantwortung für das Denken. Feministischer Umgang mit neuen Reproduktionstechnologien in Großbritannien und der Bundesrepublik, in: Krankheitsursachen im Deutungswandel. Jahrbuch für Kritische Medizin 34, Hamburg 2001, S. 135 – 156.

94 Ebd. S. 149.

95 Augst, Verantwortung für das Denken; G. Haig, Reproduction not a condition of marriage, in: The Ottawa Citizen, 16.10.2001; R. Mackey, The way we live now. Expert opinion: Hazing; Join the Club, in: The New York Times, 19.03.2000; R. Maura, Ethics and economics of assisted reproduction. The cost of longing, Washington, D. C. 2001.

96 L. J. Beckman / S. M. Harvey, Current reproductive technologies. Increased access and choice?, in: Journal of Social Issues 61.1 (2005), S. 1 – 20.

97 Ebd.; A. Stevens, Cloning debate splits women’s health movement, in: Women in Action, 31.03.2002, S. 63 f.

98 Ebd.; R. Rapp, Chromosomes and communication. The discourse of genetic counselling, in: Medical Anthropology Quarterly 2.2 (1988), S. 143 – 157.

99 I. Schneider, Embryonen zwischen Virtualisierung und Materialisierung – Kontroll- und Gestaltungswünsche an die technische Reproduktion, in: Technikfolgenabschätzung 11.2 (2002), S. 45 – 55.

100 E. Kuhlmann / R. Kollek (Hg.), Konfiguration des Menschen. Biowissenschaften als Arena der Geschlechterpolitik, Opladen 2002; E. Beck-Gernsheim, Health and responsibility: From social change to technological change and vice versa, in: B. Adam u. a. (Hg.), The Risk Society and Beyond. Critical Issues for Social Theory, London 2000, S. 122 – 135; Gen-ethisches Netzwerk / G. Pichlhofer (Hg.), Grenzverschiebungen. Politische und ethische Aspekte der Fortpflanzungsmedizin, Frankfurt / M. 1999; B. Manhart, Zur Dynamik von Moral und Technik im Bereich der Fortpflanzungsmedizin, in: U. Beck u. a. (Hg.), Der unscharfe Ort der Politik, Opladen 1999, S. 151 – 183.

101 Z. B. S. Graumann, Germ line ‚therapy‘. Public opinions with regard to eugenics, in: E. Hildt / S. Graumann (Hg.), Genetics in human reproduction, Ashgate 1999, S. 175 – 184; U. Naue, Biopolitik der Behinderung. Die Macht der Norm und des „Normalen“, in: Politix 19 (2005), S. 7 – 12.

102 Siehe z. B. M. Strathern, Reproducing the Future. Anthropology, Kinship, and the New Reproductive Technologies, Routledge 1992; S. Beck u .a. (Hg.), Verwandtschaft machen. Reproduktionstechnologien und Adoption in Deutschland und der Türkei. Berliner Blätter. Ethnographische und ethnologische Beiträge, Bd. 42, Münster 2007; S. Franklin / C. Roberts, Born and Made. An ethnography of preimplantation genetic diagnosis, Princeton 2006; W. de Jong / O. Tkach (Hg.), Making Bodies, Persons and Families. Normalising Reproductive Technologies in Russia, Switzerland and Germany, Münster 2009; M. Lock, Perfektionierte Gesellschaft: Reproduktive Technologien, genetische Tests und geplante Familien in Japan, in: I. Lenz u. a. (Hg.), Reflexive Körper? Zur Modernisierung von Sexualität und Reproduktion, Opladen 2003; S. M. Kahn, Reproducing Jews: a cultural account of assisted conception in Israel, Durham 2000.

103 C. Waldby, Women’s reproductive work in embryonic stem cell research, in: New Genetics and Society 27.1 (2008), S. 19 – 31; S. Bergmann, Managing transnational kinship. An ethnographic account of gamete donation in a Spanish IVF clinic, Workshop Paper, Conference: „Past, Present, Future. From Women’s Studies to Post-Gender Research“, Umeå University, 14.–17.06.2007, online: www.umu.se/kvf/aktuellt/ppf/sbergmann.pdf (letzter Zugriff: 29.04.2009).

104 B. Duden, Die Frau ohne Unterleib. Zu Judith Butlers Enkörperung, in: Feministische Studien 11.2 (1993), S. 24 – 33; B. Krondorfer, Von Unterschieden und Gleich-Gültigkeiten. Eine Stellungnahme wider die Auflösung der W / Leiblichkeit, in: Mixa u. a. (Hg.), Körper – Geschlecht – Geschichte, S. 60 – 76, hier S. 60; vgl. C. Bath u. a., Materialität denken – Positionen und Werkzeuge, in: dies. u. a. (Hg.), Materialität denken – Studien zur technologischen Verkörperung, Bielefeld 2005, S. 9 – 30; L. N. Trallori, Eugenik – Wissenschaft und Politik als Fortsetzung des Krieges, in: Mixa u. a. (Hg.), Körper – Geschlecht – Geschichte, S. 164 – 180.

105 Vgl. die Beiträge von G. Berg, I. Schneider und B. Duden in: E. Kuhlmann / R. Kollek (Hg.), Konfiguration des Menschen. Biowissenschaften als Arena der Geschlechterpolitik, Opladen 2002.

106 T. Wöllmann, Die Neuerfindung des Männerkörpers: Zur andrologischen Reorganisation des Apparats der körperlichen Produktion, in: C. Bath u. a., Materialität denken 2005, S. 141 – 166.

107 A. Clarke, Disciplining Reproduction. Modernity, American Life Sciences, and the Problems of Sex, Berkeley 1998, S. 10 (Hervorhebung im Original).

108 K. S. Rajan, Biocapital. The Constitution of Postgenomic Life, Durham 2006; s. a. C. Waldby / R. Mitchell, Tissue economies. Blood, organs and cell lines in late capitalism, Duke 2006; S. Franklin, Dolly Mixtures. The Remaking of Geneology, Duke 2007, S. 46 – 72; B. Bock v. Wülfingen, Genetische Kolonisation als Flexibilisierung – warum die Genetisierung der Zeugung keine Medikalisierung ist, in C. Würmann u. a. (Hg.), Welt.Raum.Körper, Bielefeld 2007, S. 139 – 158.

109 N. Rose, The Politics of Life Itself. Biomedicine, Power and Subjectivity in the Twenty-First Century, Princeton 2006.

110 M. O’Malley / J. Dupré, Introduction. Towards a philosophy of microbiology, in: Studies in History and Philosophy of Biological and Biomedical Sciences 38.4 (2007), S. 775 – 779; mit besonderem Hinweis auf die biologische Umkehrbarkeit der Zeit in Stammzellen Franklin, Dolly Mixtures, S. 19 – 45.

111 F. Bacon, New Atlantis, in: The world’s great classics. Ideal commonwealths – Francis Bacon, Thomas More, Thomas Campanelle, James Harrington (1901), New York 1993, S. 103 – 137, hier S. 111, 118; vgl. A. Bergmann, Die Verlebendigung des Todes und die Tötung des Lebendigen durch den medizinischen Blick, in: Mixa u. a. (Hg.), Körper – Geschlecht – Geschichte, S. 77 – 95, hier S. 77.

112 E. R. Curtius, Das Buch als Symbol, in: ders., Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Bern 1948, S. 304 – 351; H. Blumenberg, Der genetische Code und seine Leser, in: ders., Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt / M. 1983, S. 372 – 409; E. F. Keller, Das Leben neu denken, München 1998, S. 105 ff.; C. Brandt, Metapher und Experiment. Von der Virusforschung zum genetischen Code, Göttingen 2004, S. 257 ff., 14 ff.; C. von Braun, Versuch über den Schwindel, Zürich 2001.

113 B. Bock v. Wülfingen, Virulente Perspektiven der Reproduktion. Von der Befruchtung zur entgrenzten Infektion, in: G. Engel / N. C. Karafyllis (Hg.), Re-Produktionen, Berlin 2005, S. 115 – 130.

114 Y. Bauer, Sexualität – Körper – Geschlecht. Befreiungsdiskurse und neue Technologien, Opladen 2003.

115 B. Bock v. Wülfingen, Platonische Gene. Materialisierung der Liebe in der postsexuellen Fortpflanzung, in: I. Berkel (Hg.), Postsexualität. Zur Transformation des Begehrens, Gießen 2009, S. 63 – 78.

116 Luhmann, Liebe als Passion, S. 140.

Reproduktion
Bettina Mathes
Einleitung

Haben Medien ein Geschlecht? Ist Vervielfältigung eine Form der Fortpflanzung? Was verbindet Babys mit Bildern? Will man diese Fragen beantworten, stößt man auf den Begriff der Reproduktion. Aber zugleich stellen sich diese Fragen überhaupt erst, weil es den Begriff der Reproduktion gibt. Es liegt also nahe, bei der Wortgeschichte zu beginnen.

Etymologisch ist ‚Reproduktion‘ eine Zusammensetzung aus dem lateinischen producere (herstellen) und der Vorsilbe re- (wieder), wobei producere wiederum aus dem Verbstamm ducere (ziehen, führen) und dem – Abstraktion anzeigenden – Präfix pro (vorwärts) besteht. Reproduktion bezeichnet also die Herstellung einer ‚Wiederholung‘ von etwas, das man durch ‚Abziehung‘ von etwas anderem gewinnt bzw. das Produkt dieses Prozesses. Zugegeben, diese Übersetzung klingt kompliziert, sie macht aber darauf aufmerksam, dass die Anfertigung einer Reproduktion auf einem Abstraktionsprozess beruht. Man könnte Reproduktion in diesem Sinne auch mit ‚Abziehbild‘ übersetzen. Tatsächlich wird das Wort ‚Reproduktion‘ – anders als ‚Produktion‘, dessen Verwendung schon im Mittelalter nachgewiesen ist – erst im Laufe des 19. Jahrhunderts bedeutsam – einem Jahrhundert, in dem die Photographie und damit die einflussreichste Technik zur Herstellung von ‚Abziehbildern‘ erfunden wird.1 Mit der Photographie, die von einem ihrer Erfinder, dem Briten William Henry Fox Talbot (1800 – 1877), auch als unverfälschter Pinselstrich der Natur („pencil of nature“) bezeichnet wurde, glaubte man eine Technik gefunden zu haben, mit deren Hilfe die Natur sich selbsttätig, ohne Zutun des Menschen reproduzierte, indem sie sich in ein Bild verwandelte.2 Die Reproduktion, so könnte man sagen, ist die Natur der Natur. [>>121] Eine Ansicht, die sich auch im Naturverständnis der Philosophie des 19. Jahrhunderts zeigt. So heißt es etwa bei Friedrich Wilhelm von Schelling (1775 – 1854) in Bezug auf die Natur: „Es ist schlechterdings kein Bestehen eines Produkts denkbar, ohne beständiges Reproducirtwerden. Das Produkt muß gedacht werden als ein in jedem Moment vernichtet, und in jedem Moment neu producirt. Wir sehen nicht eigentlich das Bestehen des Produkts, sondern nur das beständige Reproducirtwerden.“ 3 Der abstrakte Prozess der Reproduktion wird hier auf die Natur übertragen und damit ‚naturalisiert‘. Auch in der Ökonomie, dem zweiten großen Diskursfeld, in dem der Begriff ‚Reproduktion‘ eine zentrale Stelle einnimmt, geht es um das Verhältnis von biologischer und gesellschaftlicher Fortpflanzung. Karl Marx (1818 – 1883) und Friedrich Engels (1820 – 1895) beschreiben mit ‚Reproduktion‘ die Macht der kapitalistischen Geldwirtschaft, eine ‚zweite Natur‘ oder genauer: ein „gesellschaftlich vermitteltes Naturverhältnis“ zu erzeugen, das die Reproduktion der Gesellschaft gewährleistet.4 In dieser kurzen Wortgeschichte deutet sich schon an, wie eng mediale Reproduk­tionstechniken und kulturelle Fruchtbarkeitsvorstellungen miteinander verknüpft sind – eine Tatsache, die heute die Begriffe ‚Reproduktionstechnologie‘ bzw. ‚Reproduktionstechnik‘ widerspiegeln, womit sowohl mediale Vervielfältigungstechniken als auch die medizinische und gentechnische Steuerung der Fortpflanzung gemeint sein können.

Die Geschichte dieser Beziehung beginnt jedoch nicht erst mit dem Auftauchen des Wortes ‚Reproduktion‘ oder der Erfindung der Photographie im 19. Jahrhundert, sondern sie setzt in der Antike mit der Entstehung und Verbreitung der Alphabetschrift ein und steht damit am Anfang der abendländischen Kultur. Der historische Rückblick auf die Antike erlaubt deshalb Einblicke in die Wirkungsmacht, die diese beinahe 3000-jährige Beziehung entfaltete. Im Folgenden möchte ich zwei zentrale Aspekte dieser Geschichte darstellen: 1. die Fruchtbarkeit der Medien, 2. die Reproduktion des Geschlechtskörpers. [>>122]

Die Fruchtbarkeit der Medien

Medien bringen nicht nur Wissen über Fruchtbarkeit und fruchtbare Körper hervor (das tun sie auch), sie selbst sind aus fruchtbaren Körpern hervorgegangen und ‚haben‘ ein symbolisches Geschlecht.5 In den Buchstaben der Alphabetschrift ist die Geschichte dieses Geschlechts des Zeichens bis heute aufgehoben.

Alfred Kallir hat in seiner Untersuchung Sign and Design nachgewiesen, dass die Buchstaben des Alphabets eine lange Geschichte besitzen, die von der Trennung des Zeichens vom Körper, der Schrift von der Sprache erzählt.6 Nach Kallir besteht „eine Verbindung zwischen den Objekten, welche durch den Namen [des Buchstabens] bezeichnet werden, und der Gestalt des alphabetischen Symbols“.7 Kallir geht weiterhin davon aus, dass alle Schriftzeichen des Alphabets ursprünglich Fruchtbarkeitszeichen waren. Das Alphabet, so behauptet Kallir, „erzählt die Geschichte von der Erschaffung des Individuums wie auch der Gattung Mensch und bildet zugleich eine magische Kette von Fruchtbarkeitssymbolen, die zur Sicherung der Erhaltung der Art bestimmt ist“.8 Insofern trage das Alphabet bis heute das „Geheimnis vom Ursprung des Lebens in sich“.9 Insbesondere die ersten beiden Buchstaben des Alphabets berichten von dieser neuen Fruchtbarkeit, die zugleich eine neue Geschlechterordnung besagt.

Die Geschichte des Buchstaben ,A‘, des ersten Buchstaben im hebräischen, arabischen, griechischen und lateinischen Alphabet, ist auf das Engste mit dem männlichen Genital verbunden. Der Stamm A–L–Ph, so schreibt Kallir, aus dem sowohl das semitische Aleph als auch das griechische Alpha hervorgehen, verweist in seiner metathetischen Form Ph–A–L auf den Phallos und auf den Pflug (phala-h (sanskr.) = Pflug).10 Darüber hinaus stellt die optische Gestalt des Alpha eine Abstraktion des Stierkopfes dar, was auch im Namen des Buchstabens zum Ausdruck kommt, der in allen Sprachen im Mittelmeerraum Stier bedeutet und männliche sexuelle Potenz symbolisiert. In seiner frühen Form zeigten die Längsstriche des Alpha nach oben und [>>123] symbolisierten die Hörner des Stiers, dann legte es sich seitwärts, wurde durch einen das Joch des Pfluges symbolisierenden Querstrich ergänzt, und im Laufe der Zeit drehte es sich nochmals um 90º in eine ‚aufrechte‘ Position und symbolisierte nun den aufrecht stehenden männlichen Körper, eine Entwicklung, die Kallir mit der Entstehung des Monotheismus und „dem Übergang von theriomorphen zu anthropozentrischen Konzepten von der Welt“ erklärt: „Die Umwandlung von Aleph, dem Stier, in Alpha, das Ebenbild des Menschen, ,versinnbildlicht‘ dieses Ereignis. […] Der Mensch (Mann) wird zum Herrscher über die Welt. Der mächtige Vierbeiner, der ,haupt‘sächlich zur Seite blickt und sich seitwärts bewegt und ausbreitet, weicht der menschlichen Gestalt, die aufrecht steht und nach oben blickt.“ 11 Diese „Umwandlung“ blieb allerdings nicht ohne Konsequenzen für das männliche Genital. Die Domestizierung des Stiers, seine Verwendung als Zugtier für den Pflug, setzt seine Kastration voraus. Nicht der Stier, sondern der Ochse trägt das Joch des Pfluges und zwar genau an der Stelle, an der der Kopf in den Körper übergeht. Die kulturelle ,Fruchtbarkeit‘ des männlichen Rinds beruht mithin auf seiner sexuellen Unfruchtbarkeit; die ‚Beschneidung‘ der Männlichkeit bildet die Voraussetzung für die Berechenbarkeit der Fruchtbarkeit.12 Zur selben Zeit, als der Ochse für den Ackerbau nutzbar gemacht wird, entsteht der Buchstabe ,A‘. „Kühe, nicht Ochsen sind auf frühen ägyptischen Darstellungen des Pflügens zu sehen. Die Zähmung des Stiers ist die große Errungenschaft der sich entwickelnden landwirtschaftlichen Zivilisation und wie die Erfindung des Alphabets ein Meilenstein des menschlichen Fortschritts. Die beiden Ereignisse scheinen gleichzeitig stattzufinden, vermutlich zu Beginn des zweiten vorchristlichen Jahrtausends.“ 13 Ein weiterer Beleg für diese These ist die große Ähnlichkeit, die die ägyptischen Hieroglyphen für Messer und Pflug mit dem Alpha aufweisen. Im Alpha ist die Existenz eines Körpers, dem das Zeichen entzogen (abstrahiert) wurde, aufgehoben. Es erzählt von der Verwandlung sexueller in geistige Fruchtbarkeit und legt zugleich den Grundstein für ein Denkmuster, das den Vorrang des Geistes vor der Materie, des Mannes vor der Frau, der Kultur vor der Natur und dem Einen vor dem Anderen besagt.14 Bis heute [>>124] ­belegen Begriffe wie Seminar (das sich vom Samen ­ableitet) oder Pinsel / pencil (die mit Penis verwandt sind) die enge Beziehung zwischen der Schriftlichkeit, dem logischen Denken und den männlichen Geschlechtsorganen (Parker 1996; Pittenger 1996).15 Im Konzept des Phallus hat die Zeugungskraft des Buchstabens Eingang in die psychoanalytische Theorie gefunden und von dort aus auf die Medien- und Geschlechtertheo­rie gewirkt (Gallop 1982, 1988; Grosz 1995; Mulvey 1994).16 Jacques Lacan beschreibt den Phallus als Repräsentanten der Sprache (des Symbolischen), dessen Macht darin bestehe, Bedeutung, Kultur und geschlechtliche Subjekte erzeugen und kontrollieren zu können. Die ‚Vaterschaft‘ dieses Phallus leitet sich nicht nur metaphorisch von der Fruchtbarkeit des männlichen Geschlechtsorgans ab, vielmehr hat sich der Phallus den Penis zu ‚eigen‘ gemacht: „Man kann sagen, dass die Wahl auf diesen Signifikanten fällt, weil er am auffallendsten von alledem, was man in der Realität antrifft, die sexuelle Kopulation ausdrückt wie auch den Gipfel des Symbolischen im buchstäb­lichen (typographischen) Sinn dieses Begriffs, da er im sexuellen Bereich der (logischen) Kopula entspricht. Man kann auch sagen, dass er kraft seiner Turgeszenz das Bild des Lebensflusses ist, soweit dieser in die (in der) Zeugung eingeht.“ 17

Während das Alpha die ‚Vaterschaft‘ der Schrift repräsentiert, stellt der zweite Buchstabe, das Beth oder Beta, die gebärenden, behausenden und nährenden Eigenschaften der Schrift dar – kurz, die symbolische Mutter. Der Name und die Gestalt des Buchstabens ‚B‘ leiten sich in den semitischen Sprachen vom „Haus“ ab. Das Design des Buchstabens geht auf die ägyptische Hieroglyphe für „Haus“ zurück und stellt den Grundriss oder auch die Profilansicht eines Hauses dar.18 Das ägyptische Phonogramm, d. h. das Lautzeichen, das zur Hieroglyphe „Haus“ gehört, ist das „Bein“ bzw. das „Gehen“. In dieser Verbindung lässt sich der hebräische Buchstabe als Darstellung [>>125] der Schrift im Sinne eines „portativen Vaterlands“ verstehen, als ‚Entbindung‘ von der ‚mütterlichen‘ Erde oder dem mütterlichen Schoß, wie die Hieroglyphe „hervorkommen“, die eine Verbindung aus „Haus“ und „Gehen“ darstellt, nahe legt. Im griechischen, kyrillischen und lateinischen Alphabet verändert sich die Gestalt des Buchstabens beträchtlich. Das ‚B‘ richtet sich auf, die ‚Türöffnung‘ wird verbreitert und schließlich werden die Ecken abgerundet und nach innen gezogen. Der Buchstabe verbindet damit die Hieroglyphe für „Haus“ mit der ebenfalls aufgerichteten Hieroglyphe ‚Berg‘ zu einer neuen, anthropomorphisierten Gestalt, die nun sowohl die Lippen, und damit die gesprochene Sprache, als auch die weiblichen Brüste, d. h. die Nahrung symbolisiert. In der Metaphernfolge Haus, Entbindung / Flucht, Berg, Lippen und Brüste kommt eine historische Progression zum Ausdruck, die die Abwendung vom mütterlichen Körper und damit von der Muttersprache besagt: Mit dem griechischen Alphabet, das im Gegensatz zum semitischen die Vokale schreibt, eignet sich die Schrift die gesprochene Sprache an und trennt sich damit vollständig vom Leib als Klangkörper: Der Buchstabe kehrt seiner Herkunft – dem Leib wie auch den ihm vorausgehenden Buchstaben – gleichsam den Rücken zu. Anders gesagt, das ‚B‘ erzählt von der Überführung des sprechenden Körpers der Mutter in einen stummen, vereinzelten Schriftkörper. Aus dieser ‚Richtungsänderung‘ erwachsen der Schrift wiederum nährende Kräfte geistiger Art, die über die Augen beim stummen / stillen Lesen, wie es das Christentum privilegieren sollte, aufgenommen werden können. An der etwa im 4. Jahrhundert einsetzenden Interpunktion der scriptio continua, d. h. dem Schreiben ohne Satzzeichen und Pausen, das den geschriebenen Text wie eine fließende Rede erscheinen ließ, dessen Sinn im mündlichen Vortrag hervortrat, lässt sich die ‚Zerstückelung‘ der Mündlichkeit durch die Schrift – die ‚Penetration‘ des Sprachbandes durch das Satzzeichen und die Worttrennung – deutlich ablesen.19

Die Geschichte, die die Buchstaben des Alphabets erzählen, scheint zunächst sehr abstrakt. Jedoch bringt die im Schriftsystem aufgehobene Fruchtbarkeit nicht nur Mythen männlicher Kopfgeburten wie etwa die Göttin Athene, die dem Haupt ihres Vaters Zeus entspringt oder der zweimal geborene Gott Dionysos, den Zeus in seinem Schenkel austrägt, hervor, sondern setzt auch Gedanken in Gang, die die Verwirk­lichung der Utopie berechenbarer, asexuell gezeugter Körper besagen. Der griechische Philosoph Platon (427 – 347) entwirft einen Idealstaat, in dem der Nachwuchs nicht geboren, sondern nach abstrakten züchterischen Kriterien hervorgebracht, d. h. [>>126] im Wortsinn reproduziert wird – und auch das zeitgenössische Drama verleiht dieser Vorstellung Ausdruck, etwa wenn es bei Aischylos heißt: „Vater kann man ohne Mutter sein“ – Utopien, die heute mit Hilfe der Reproduktionstechnologie Wirklichkeit geworden sind.20 Mit dem Christentum entsteht eine wirkungsmächtige Schriftreligion, in deren Zentrum die Menschwerdung der Schrift, die Unbefleckte Empfängnis und die Jungfrauengeburt stehen.21

Die Buchstabenschrift ist nicht das einzige Medium geblieben, dessen Botschaft männlich-geistige Fruchtbarkeit besagt. Neben dem Geld und der Hostie – zwei weiteren Medien, die die im Schriftsystem aufgehobene Fruchtbarkeit zirkulieren – findet sich die Botschaft geistiger Fruchtbarkeit in der Technik der Reproduktionsmedien wieder.22 So werden die christlichen Vorstellungen des jungfräulich-reinen Körpers und der Unbefleckten Empfängnis auf den gerade erfundenen Buchdruck übertragen: Es ist vom „Kopf“ des Zeichens die Rede und der Druckprozess wird als Übertragung der in der Patrix codierten ‚Vaterbotschaft‘ in den ‚Schoß‘ der Matrix imaginiert.23 Die etwa gleichzeitig wiederentdeckte und verbesserte Zentralperspektive besagt die sichtbare Erzeugung der Welt durch den männlich-voyeuristischen Blick nach den rationalen Prinzipien der Geometrie.24 Ebenso wie das Alpha entsteht der Blick der Zentralperspektive aus einer symbolischen Kastration des männlichen Körpers, die die beweglichen, anfälligen Augen in den einäugigen, stillgelegten, unberührbaren [>>127] Blick verwandelt.25 Insofern ist auch die Malerei eine Schrift, aber nicht deshalb, weil die Bedeutung des Gemäldes auf die Hl. Schrift angewiesen wäre – wie dies im Mittelalter der Fall war –, sondern weil die zentralperspektivische Malerei sich anschickt, die Schrift zu ersetzen.26 Ihr maßgeblicher Theoretiker Leon Battista Alberti beschreibt die Perspektive als Instrument, das es erlaube, durch die Herstellung eines Bildes „den Himmel herabzuziehen“, d. h. der Abstraktion der Schrift eine sichtbare, irdische Wirklichkeit zu verleihen.27 Ablesen kann man diese Technik gewordenen Heilsbotschaften u. a. in zeitgenössischen Darstellungen der Verkündigungsszene, in denen Maria die Botschaft ihrer Empfängnis lesend (und nicht etwa hörend) aufnimmt,28 sowie an Bildern, die den auferstandenen Christus mit einer Erektion zeigen, die die Unterwerfung des Geschlechtsorgans unter den Geist symbolisiert.29 Jedes auf der Zentralperspektive beruhende, optische Medium (Fernrohr, Mikroskop, Photographie, Film) hat dazu beigetragen, die mit der Buchstabenschrift in die Welt gesetzte Phantasie der Reproduktion sichtbarer und damit wirklicher erscheinen zu lassen. Im 17. und 18. Jahrhundert, mit der zunehmenden Verbreitung der optischen Sehgeräte, gewinnt in der Naturforschung die Auffassung, Zeugung sei die Herstellung eines Bildes, an Plausibilität. Wie Barbara Stafford schreibt, erscheint die Entstehung des Lebens den Forschern als spektrales Ereignis: „It involved the emission of a continous living river of light flowing vertically from the creator to bathe his perishable creations“. In diesem Sinne betreiben die visuellen Medien „a sort of artistic birth control […] preventing the insemination of, and even aborting when necessary faulty and deceptive conceptions“.30 Dabei spielen nicht nur Zeugungs-, sondern auch Mutterschaftsphantasien eine Rolle, wenn etwa die Camera obscura, [>>128] das Innere eines Fotoapparats oder der Computer als künstliche, kontrollierbare Gebärmutter empfunden werden.31

Mit der Erfindung des Computers und der Entwicklung neuer Informationstechnologien entstand zugleich die Vorstellung, die Entstehung des Lebens, die Mechanismen der Vererbung und die ‚Natur‘ des Bewusstseins digital simulieren zu können. Lily E. Kay hat nachgewiesen, dass die moderne Genforschung ohne die gleichzeitigen Entwicklungen im Bereich der Kybernetik und der Informationstechnologie nicht möglich gewesen wäre.32 Und zwar nicht nur deshalb, weil der Computer die zur Erforschung der genetischen Daten notwendige Rechnerleistung zur Verfügung stellt, sondern auch deshalb, weil die Auffassung darüber, was Leben sei und wie Fortpflanzung und Vererbung vor sich gehen, durch die Logik des digitalen Codes beeinflusst wurde und wird. Gen und DNA sind ,Verwandte‘ der bits und bytes. Forschungsbereiche wie Künstliche Intelligenz und Artificial Life beschäftigen sich mit der Entwicklung neuen Lebens im Netz und auf dem Bildschirm und stellen damit zugleich männlich-geistigen Selbstgeburts- und christlichen Auferstehungsphantasien einen virtuellen, aber nichtsdestoweniger wirklichen Raum zur Verfügung.33 Insbesondere die „Matrix“ des Cyberspace verspricht die Erzeugung digitaler, d. h. auf reinen Zeichen beruhender Körper. Nicht zufällig taucht das @ – die bislang letzte Entwicklungsstufe des Alpha – als Signum und Funktionscode der elektronischen Speichermedien auf.

Die Reproduktion des Geschlechtskörpers

Die Fruchtbarkeit der Medien erfüllt nicht nur symbolische Funktionen, sie prägt zugleich auch die Wahrnehmung des Geschlechtskörpers und das Wissen über biologische Fortpflanzungsvorgänge. In der Frauen- und Geschlechterforschung wurden die Neuen Medien / Technologien wie auch die Fortschritte in der Reproduktionsmedizin für neue Genderentwürfe herangezogen, die eine Absage an die als essentialistisch kritisierte Gegenüberstellung von Sex und Gender (Natur und Kultur) darstellten zugunsten von Konzepten, die sich an Hybridität, Parodie und Performativität [>>129] orien­tierten und die geschlechtliche Körper als Verbindungen von Biologie und Technik, als umhertreibende Zeichen (Cyborgs) oder „Kopie ohne Original“ interpretierten.34 Die gleichzeitig stattfindenden Fortschritte der Genforschung und Reproduktionsmedizin, die das Leben als Buchstabencode betrachten und die Fortpflanzung Schritt für Schritt aus dem weiblichen Körper auslagern, haben jedoch auch zahlreiche kritische Interventionen der Frauen- und Geschlechterforschung hervorgerufen und eine bis heute andauernde Diskussion um die Bedeutung der Kategorie Gender ausgelöst.35 Es wurde beispielsweise darauf hingewiesen, dass die Möglichkeiten der Geburtenkontrolle, die Frauen in den industrialisierten Gesellschaften ohne Zweifel größere Freiräume eröffnen, zugleich jene bereits in der griechischen Antike entstandene und vor allem von der Gentechnologie vorangetriebene Logik unterstützten, die die Überwindung der weiblichen Gebärfähigkeit besagt.36 Insbesondere Barbara Duden hat darauf aufmerksam gemacht, dass der „genetische Denkstil“ sowohl die öffentliche Wahrnehmung des Frauenkörpers als auch das leibliche Empfinden jeder einzelnen Frau bestimme.37 In diesem Zusammenhang und anlässlich der Veröffentlichung von Judith Butlers Gender Trouble (1991) wurde auch die Rezeption und Weiterentwicklung dekonstruktivistischer Ansätze in der Genderforschung kritisch hinterfragt, da diese dazu tendierten, die Vernachlässigung der weiblichen (und männlichen) Generativität zum methodischen Prinzip zu erheben und aus der Analyse der Geschlechterverhältnisse auszublenden, womit eben jener, dem männlichen Logos verpflichtete „genetische Denkstil“ befördert werde, dessen Kritik sich die Geschlechterforschung [>>130] vorgenommen habe.38 Gegen den Vorwurf der Diskursontologie beriefen sich die Befürworterinnen des Dekonstruktivismus darauf, dass gerade die Essentialisierung der weiblichen Generativität zum Kernbestand westlicher Geschlechterstereotype gehöre.39 Neue Perspektiven kann die historische Forschung eröffnen, die danach fragt, welche Verwandlungen die Wahrnehmung des Geschlechtskörpers und das Wissen um seine Fruchtbarkeit erfahren haben.

Die feministische Forschung hat schon früh nachgewiesen, dass das scheinbar objektive Wissen um die biologische Natur der männlichen und weiblichen Fruchtbarkeit seit der griechischen Antike von der symbolischen Geschlechterordnung hervorgebracht wird,40 deren Entstehung wiederum mit der Geschichte der Buchstabenschrift verbunden ist.41 Exemplarisch lässt sich diese ‚Naturalisierung‘ der Medien an der Geschichte des Samens und des Eis darstellen, die von Aristoteles bis zu den Verfahren der Gentechnologie und Reproduktionsmedizin reicht. An der Zeugungstheorie des [>>131] Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) ist diese Biologisierung der symbolischen Geschlechterordnung in besonderer Klarheit abzulesen. In seiner Abhandlung Über die Zeugung der Geschöpfe begreift Aristoteles die Fortpflanzung als einen Vorgang, bei dem eine immaterielle, göttliche Zeugungskraft, die sogenannte „aura seminalis“ den unbeseelten Stoff in Form bringe.42 Träger dieser Zeugungskraft sei der männliche Same, der seine Fruchtbarkeit von der in ihm enthaltenen göttlichen Vernunft beziehe, welche wiederum die passive mütterliche Materie zur Ausformung eines Embryos anrege.43 So heißt es bei Aristoteles: „Es spielt sich so ab, wie es vernünftig ist: da das Männchen Gestalt und Bewegungsquelle, das Weibchen Körper und Stoff hergibt, so ist die Arbeit geteilt für Männchen und Weibchen.“ 44 Im Christentum galt der (materielle) Same seit der frühesten Zeit sogar als Überträger des Bösen und der Erbsünde 45, eine Auffassung, die sich in der christlichen Hochschätzung der Askese spiegelt. Diese vom Logos inspirierte Interpretation des männlichen Samens, die seine materielle Beschaffenheit zugunsten seiner geistigen Fruchtbarkeit abwertete, sollte bis weit ins 19. Jahrhundert für die Medizin bestimmend bleiben. Als die Naturforscher Antoni Leeuwenhoek (1632 – 1723) und ­Nicolas Hartsoecker (1656 – 1725) in der Mitte des 17. Jahrhunderts mit Hilfe eines stark verbesserten Mikroskops das Spermium entdeckten und der italienische Geistliche Lazzaro Spallanzani (1729 – 1799) wenig später die Theorie der „aura seminalis“ als Mythos entlarvte, indem er bewies, dass das Spermium einen notwendigen organischen Beitrag zur Befruchtung des Eis lieferte, wurden diese Entdeckungen mit großer Zurückhaltung oder sogar mit energischer Ablehnung aufgenommen.46 Spallanzani, der wahrscheinlich der erste Forscher war, der die Befruchtung einer Eizelle außerhalb des weiblichen Körpers vorgenommen hatte (beim Frosch) und der damit zu den Pionieren der Reproduktionsmedizin gezählt werden muss, beschreibt das Spermium als „Parasit“, der in den Fortpflanzungsorganen lebt und beim Geschlechtsverkehr weitergegeben würde.47 Außerdem ist er, wie viele seiner Kollegen, davon überzeugt, dass das Ei, unabhängig von der Befruchtung durch den [>>132] Samen, das ganze Lebewesen enthalte.48 Wie Carla Pinto-Correia gezeigt hat, belegen die meisten Naturforscher des 17. und 18. Jahrhunderts den Körper des Samens mit Ekel, indem sie ihn in die Gruppe der Aale, Würmer und Insekten einreihen. Auch der neue Kampf gegen die Masturbation – jene Verschwendung des Samens –, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einsetzt, ist von dieser Abneigung gegenüber der Materialität des Samens erfüllt: Der Same wird zwar als wertvoll erachtet, aber nur wenn er unsichtbar, mithin ‚unkörperlich‘ bleibt, wenn er also entweder im Körper des Mannes zurückgehalten oder in den Körper der Frau überführt wird.49 Mit anderen Worten, in dem Moment, in dem die biologisch-organische Grundlage der männlichen Fruchtbarkeit entdeckt wird, entsteht auch eine Abneigung gegen diesen Körper des Samens. Die Einrichtung von Samenbanken seit den 1970er-Jahren, die den Samen anonym aufbewahren, zeigt, wie wenig Männer sich bis heute mit der organischen Natur ihrer Samenzellen und mithin ihrer Vaterschaft identifizieren.

Die Tatsache, dass es mehr als 2000 Jahre dauerte, bis die wissenschaftliche Neugierde sich der Erforschung der organischen Natur des Samens widmete, bringt ein kulturelles Desinteresse an der biologischen Seite der Vaterschaft zum Ausdruck, die nicht nur mit fehlenden optischen Geräten und mangelhafter Laborausstattung begründet werden kann. Vielmehr scheint erst eine (kosmische) Perspektivverschiebung die Beschäftigung mit dem Körper des Samens möglich gemacht zu haben. Der Entdeckung des Spermiums ging die Entdeckung der Sonne als Mittelpunkt des Kosmos im Laufe des 16. Jahrhunderts voraus.50 Erst nachdem man die Erde-Sonne-Beziehung vom ‚Kopf‘ auf die ‚Füße‘ gestellt hatte, kommt der Körper des Samens in den Blick.

Das neue Verhältnis zwischen Sonne und Erde spiegelt sich auch in der Bewertung des weiblichen Eis. „Ex ovo omnia“ – alles Leben entsteht aus dem Ei – hatte der englische Arzt und Entdecker des Blutkreislaufs William Harvey (1587 – 1657) 1651 geschrieben. Auf die Renaissance der Künste folgte eine Renaissance des Eis. Zwar ist die Wertschätzung des Eis als Ursprung des Lebens und des Kosmos sehr alt – sie findet sich in zahlreichen Schöpfungsmythen –, jedoch ging dieses Wissen im Laufe der Antike und des Mittelalters verloren. Die im 17. Jahrhundert neu entdeckte und nun naturwissenschaftlich begründete Fruchtbarkeit des Eis unterscheidet sich von den älteren mythologischen Deutungen darin, dass nun das Ei zum Objekt wird, an [>>133] dessen Erforschung der männliche Verstand seine geistige Fruchtbarkeit beweisen kann. Anders gesagt, der Forschergeist des Wissenschaftlers verhält sich zum Ei wie die Sonne zur Erde. Zwischen den Forschern Regnier de Graaf (1641 – 1673) und Jan Swammerdam (1637 – 1680) entspinnt sich im 17. Jahrhundert ein regelrechter Streit um die ‚Entdeckung‘ der Eier (Follikel) in den Eierstöcken. Dabei sehen die „Ovisten“ unter den sogenannten Präformisten das Ei als Behälter eines voll ausgebildeten Miniatur­menschen an, während für die Anhänger der Epigenese das Ei der Ausgangspunkt eines stets von neuem einsetzenden Entwicklungsvorgangs ist. An der Wende zum 19. Jahrhundert scheint der Streit zwischen Epigenetikern und Präformisten mit der Behauptung des „Bildungstriebes“ durch Johann Friedrich Blumenbach (1752 – 1840) vorerst beigelegt. Darunter verstand man einen Trieb, der – so ­Blumenbach – „die erste wichtigste Kraft zu aller Zeugung, Ernährung, und Reproduction zu seyn scheint, und den man um ihn von andern Lebenskräften zu unterscheiden, mit dem Namen des Bildungstriebes (nisus formativus) bezeichnet“.51 Der Ausdruck gibt die enge Verbindung zwischen Fortpflanzungswissen und der Herstellung eines Bildes zu erkennen. Und er macht deutlich, dass der gravierendste Unterschied zwischen der Verehrung des Eis in den alten Kulturen und seiner Erforschung durch die moderne Wissenschaft in der Erhellung des Geheimnisses seiner Fruchtbarkeit liegt. Zwar wurden auch in Ägypten, China und Griechenland Eier (von Vögeln) künstlich ausgebrütet, der Wunsch jedoch, die Reifung des Eis in der Gebärmutter bzw. unter der es umgebenden Schale zu beobachten, d. h. dem Leben bei seiner Entstehung zuschauen zu können, ist nicht denkbar ohne das Augenprimat der Schrift und der aus ihr hervorgegangenen optischen Medien. Deren Verbesserungen ermöglichten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neue Erkenntnisse der Zelltheorie, so etwa Oskar Hertwigs 1876 erbrachten Beweis, dass die Befruchtung der Eizelle durch die Penetration des Spermiums erfolgt. Mit der Verbesserung der Visualisierungstech­niken ging zudem die Kontrolle und Manipulation des befruchteten Eis einher: durch In-vitro-Fertilisation, Leihmutterschaft oder den Bau einer künstlichen Gebärmutter.52

Während in der Reproduktionsmedizin optische Medien und visuelle Metaphern eine zentrale Rolle spielen, knüpfen Genetik und Molekularbiologie an die Schriftlichkeit, [>>134] den Buchdruck und die Informationstheorie an, insofern als sie Vererbungsvorgänge in Buchstaben und Zahlencodes darstellen.53 Nach dieser Logik besteht das „Buch des Lebens“ (das Genom) aus 23 „Kapiteln“ (den Chromosomen) und unzähligen „Sätzen“, deren „Worte“ jedoch mit nur vier Buchstaben auskommen: A, T, G, C (Kürzel für die Nukleinsäuren). Kombinationen aus je drei dieser Buchstaben bilden den „Code“ der DNA, welche Informationen für die Kopie, Replikation und Übersetzung der Erbinformation enthält und die wiederum ein Buchstabenkürzel für „das Molekül des Leben“ ist. Die Schriftmetaphern, die zur Beschreibung der Beschaffenheit der Gene herangezogen werden, zeigen die enge Verzahnung medialer Aufschreibesysteme mit dem Fortpflanzungswissen an. Begriffe wie Buchstabe, Code oder Information lassen die Vererbung als einen Vorgang erscheinen, der sich vollständig von der Materie – mithin von der Mutter – losgelöst hat. Darüber hinaus geben sie aber auch Aufschluss über die Beziehung zwischen den Zeichen für die Fruchtbarkeit und dem fruchtbaren Körper. Die DNA erscheint als Symbol und Materie zugleich, das Gen als Zeichen und Fleisch in einem und knüpft damit an das christliche Dogma der Transsubstantiation an, die sich in der Hostie vollzieht.54 Daneben verbinden sich mit der DNA Vorstellungen, die die Überwindung der Endlichkeit des menschlichen Lebens sowie die Unabhängigkeit vom Prozess des Geborenwerdens versprechen.55 Die berühmte Doppelhelix, die sich rasch als Symbol für die Struktur der DNA durchgesetzt hat, greift die seit dem Paläolithikum bekannte Form der Spirale auf, die den Mond, die zyklische Zeit und mithin die Gebärfähigkeit der Frau, aber auch die Sterblichkeit symbolisiert.56 Jedoch handelt es sich bei der Doppelhelix der DNA um eine lineare Spirale, die aus dem Nichts kommt und in die Unendlichkeit verweist. Die mit Hilfe der Reproduktionstechniken stattgefundene Überführung weiblicher in männliche Fruchtbarkeit besagt auch das Wort Doppelhelix: Im Griechischen bedeutet helix [>>135] (åëéî) sowohl Windung einer Schlange (ursprünglich ein Symbol der zyklischen Zeit und des weiblichen Zyklus) als auch die Kreisbahn der Sonne (Symbol für die lineare Zeit und männliche Rationalität). Mit dem Ausdruck „Selbst-Replikation“ wird zudem suggeriert, dass die DNA in der Lage sei, selbsttätig identische Kopien der in ihr codierten Information herzustellen, die wiederum die Entwicklung eines Individuums ermöglichten.

Zwar verspricht der Diskurs der Genetik die Erfüllung männlicher Selbstzeugungsphantasien; gerade das Klonen stellt jedoch zwei der wichtigsten reproduktiven Denkfiguren der Schriftlichkeit in Frage: den Vorrang des Originals vor der Kopie und die Bedeutung von Vaterschaft als Autorschaft. Wenn sich der Klon genetisch in nichts von seinem Original unterscheidet – eine Eigenschaft, die er mit einer digital hergestellten Kopie gemeinsam hat –, dann wird hier eine Möglichkeit von Fortpflanzung als Imitation entworfen, die den Gedanken der Vaterschaft als Autorschaft, wie er sich in der abendländischen Tradition herausgebildet hat, übersteigt. Kaum zufällig werden derzeit Inzestgesetze und -theorien wieder neu durchdacht.57 Zwar gehört die Beschäftigung mit dem Inzest – sei es als Neigung, sei es als Verbot – von Beginn an zu den ‚fruchtbarsten‘ Themen der abendländischen Literatur und Wissenschaft, jedoch sind die mit dem Inzest verbundenen Phantasien historischen Veränderungen unterworfen, die stets mit medialen Neuerungen einhergehen, welche wiederum Aufschlüsse geben über die symbolische Ordnung der Epoche, in der sie entstehen.58 Im Hinblick auf die aktuelle Diskussion über die Gentechnologie lässt sich die Beschäftigung mit dem Inzest als Ausdruck einer fragwürdig gewordenen Vorstellung von (geistiger) Vaterschaft erklären. Judith Butler beispielsweise nimmt die durch die Reproduktionsmedizin gegebene Möglichkeit homosexueller Elternschaft zum Anlass, das heteronormative Fundament des Inzestverbots – mithin des Ödipuskomplexes, mithin der Position des Vaters – zu hinterfragen (2003).59 Bereits in Das Unbehagen der Geschlechter hatte sie dem Inzestverbot eine „generative Fähigkeit“ im Bezug auf die normative Heterosexualität zugeschrieben, weil es das Begehren nach dem Vater [>>136] bzw. der Mutter erzeuge und zugleich die heterosexuelle Verschiebung dieses Begehrens erzwinge. Indem es homosexuelles Begehren negiere, wirke das Inzesttabu als Voraussetzung der Zwangsheterosexualität: „Das Inzesttabu ist genau jenes juridische Gesetz, das angeblich die Inzestbegehren verbietet und zugleich durch die Mechanismen der Zwangsidentifizierung gewisse geschlechtlich bestimmte Subjektivitäten hervorbringt.“ 60 Dagegen hat Gerburg Treusch-Dieter argumentiert, dass in einer historischen Perspektive – die Butler vermeidet – die Einsetzung des Inzesttabus als Effekt – und nicht als Ursache – der symbolischen Geschlechterordnung zu interpretieren sei, und dass mithin das in der Gentechnologie enthaltene inzestuöse Begehren nach dem Klon Ausdruck jener heteronormativen Ordnung sei, die das Eine (Iden­tische) stets vor dem Anderen privilegiert habe.61 Mit anderen Worten: der Vorstellung, Geschlechtsidentität und Begehrensstrukturen seien „Kopien ohne Original“, liegt der Wunsch sowohl nach dem ‚geschlechtslosen Selbst‘ als auch nach dem ‚Selben ohne Geschlecht‘ (ohne Anderen) zugrunde, der sich auch als „Begehren nach Klonung“ umschreiben ließe.62 Ob mit oder ohne Klonung – schon heute hat der Einsatz der Reproduktionstechnologie die Geburtenrate von Zwillingen erhöht.

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1 R. Schulz, Art. „Reproduktion“, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hg. v. J. Ritter u. K. Gründe, Bd. 8, Basel 1992, Sp. 853 – 858.

2 P. Geimer (Hg.), Ordnungen der Sichtbarkeit. Fotografie in Wissenschaft, Kunst und Technologie, Frankfurt / M. 2002.

3 Schulz, Art. „Reproduktion“, Sp. 856.

4 Vgl. H. Kurnitzky, Triebstruktur des Geldes. Ein Beitrag zur Theorie der Weiblichkeit, Berlin 1974, S. 23; H. C. Binswanger, Geld und Magie. Deutung und Kritik der modernen Wirtschaft, Stuttgart 1985.

5 C. v. Braun, Das Stieropfer, in: Mensch und Tier. Geschichte einer heiklen Beziehung, hg. v. ZDF nachtstudio, Frankfurt / M. 2001, S. 194 – 227; dies., Versuch über den Schwindel. Religion, Schrift, Bild, Geschlecht, München, Zürich 2001.

6 A. Kallir, Sign and Design. Die psychogenetischen Quellen des Alphabets, übers. a. d. Engl. v. R. Hölzl u. T. Dietrich, Berlin 2002.

7 Ebd., S. 17.

8 Ebd., S. 10.

9 Ebd., S. 10.

10 Ebd., S. 51 f.

11 Ebd., S. 80.

12 Vgl. v. Braun, Das Stieropfer; G. Taylor, Castration. An Abbreviated History of Western Manhood, New York, London 2002.

13 Kallir, Sign and Design, S. 39.

14 Vgl. L. Irigaray, Speculum. Spiegel des anderen Geschlechts, übers. a. d. Franz. v. X. Rajewsky u. a., Frankfurt / M. 1980; C. Honegger, Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaft vom Menschen und das Weib. 1750 – 1850, Frankfurt / M. 1991; C. Klinger, Beredtes Schweigen und Verschwiegenes Sprechen. Genus im Diskurs der Philosophie, in: R. Hof / H. Bußmann (Hg.), Genus – zur Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften, Stuttgart 1995, S. 34 – 59; v. Braun, Versuch über den Schwindel.

15 P. Parker, Virile Style, in: L. Fradenburg / C. Freccero (Hg.), Premodern Sexualities, New York, London 1996, S. 199 – 222; E. Pittenger, Explicit Ink, in: L. Fradenburg / C. Freccero (Hg.), Premodern Sexualities, New York, London 1996, S. 223 – 242.

16 J. Gallop, Feminism and Psychoanalysis. The Daughter’s Seduction, London 1982; dies., Thinking Through the Body, New York 1988; E. Grosz, Jacques Lacan. A Feminist Introduction, London 1995; L. Mulvey, Visuelle Lust und narratives Kino, übers. v. K. Gramann, in: L. Weissberg (Hg.), Weiblichkeit als Maskerade, Frankfurt / M. 1994, S. 48 – 65.

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