Читать книгу: «Die Naturforschenden»


INHALT
Geleitwort Thierry Courvoisier und Jürg Pfister
Die Schweiz Ein Land von Naturforschenden Patrick Kupper und Bernhard C. Schär
Eiszeit Jean de Charpentier als tragischer Wegbereiter einer wissenschaftlichen Umwälzung Tobias Krüger
Wie die Natur in die Städte kam Augustin-Pyramus de Candolle und die Entstehung der naturhistorischen Museen in der Schweiz Flavio Häner
Das Wetter in Tabellen Christian Gregor Brügger und die Institutionalisierung der Meteorologie Franziska Hupfer
Evolution, Geschlecht und Rasse Darwins Origin of Species in Clémence Royers Übersetzung Bernhard C. Schär
Für Basel und die Wissenschaft Fritz und Paul Sarasin in Ceylon Serge Reubi
«Verschollen in den Alpen» Herbert Haviland Fields bibliografische Reform Patrick Kupper
Durch Jurawiesen und Müllhalden Rudolf Probsts «Beiträge» zur Solothurner Flora Tobias Scheidegger
Revolution nach Feierabend Albert Einsteins annus mirabilis 1905 Alexis Schwarzenbach
Zürich als Labor der globalen Rassenforschung Rudolf Martin, Otto Schlaginhaufen und die physische Anthropologie Pascal Germann
«Nach uns die Angestellten» Alfred de Quervain und die Anfänge des Schweizerischen Erdbebendienstes Remo Grolimund
Schlachtabfälle im Labor Tadeus Reichstein und der Aufstieg der Naturstoffchemie Lea Haller
Diplomatie statt Heldentum Robert Haefeli, die Schweizer Polarforschung und der Kalte Krieg Lea Pfäffli
Wissenschaft im Kalten Krieg Hedi Fritz-Niggli und die Strahlenbiologie Sibylle Marti
Auf der Suche nach Boukary Porgo Fragmente einer Schweizer Wissensgeschichte in Westafrika Lukas Meier
Biografie eines Netzwerks SystemsX und naturwissenschaftliches Forschen im 21. Jahrhundert Alban Frei
Auf der Suche nach Wissen über die Schweiz und die Welt Patrick Kupper und Bernhard C. Schär
«Eine einfache und anspruchslose Organisation» Zur Geschichte der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz Patrick Kupper und Bernhard C. Schär
Wissenschaftsnation Schweiz Bundesrat Johann N. Schneider-Ammann
Zu den Autorinnen und Autoren
Dank der Herausgeber
PROF. DR. THIERRY COURVOISIER UND DR. JÜRG PFISTER
GELEITWORT
Die Welt ist im Umbruch. Die politischen, wirtschaftlichen und auch wissenschaftlichen Pole verschieben und vervielfachen sich. Zudem zwingen globale Herausforderungen wie der Klimawandel oder die Begrenztheit natürlicher Ressourcen die Gesellschaften weltweit, sich in grossen Teilen neu zu erfinden. In dieser Phase des Umbruchs erstaunt es wenig, dass ein Land wie die Schweiz sich fragt, welches ihre Wurzeln, welches ihre tatsächlichen Stärken sind. Was also macht die Schweiz aus?
In der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz, welche 1815 gegründet wurde und damit die älteste wissenschaftliche nationale Organisation des Landes ist, bestand der starke Eindruck, dass sich die Schweiz ihrer wissenschaftlichen Wurzeln wenig bewusst ist. Im Hinblick auf ihren 200. Geburtstag regte die Akademie deshalb an, diese Wurzeln zu erkunden.
Die Historikerinnen und Historiker legen im vorliegenden Buch ein überaus reiches Wurzelwerk offen. Die Naturforschenden, die heutigen Naturwissenschafterinnen und Naturwissenschafter, prägten nicht nur die politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Schweiz entscheidend mit, sie vernetzten und verankerten die Schweiz auch international. Diese kräftigen wissenschaftlichen Wurzeln der Schweiz, so ein weiterer Befund der Historikerinnen und Historiker, liegen in weiten Teilen noch im Dunkeln und fehlen in Übersichtswerken zur Schweiz weitgehend. Das vorliegende Buch ist insofern nur eine Skizze dieser Wurzeln und eröffnet ein weites Forschungsfeld.
Die Schweiz wird sich in den kommenden Jahrzehnten wesentlich verändern. Die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz wird die Gesellschaft dabei begleiten. Zu den Aufgaben der Akademie gehört es, einerseits gegen innen zu wirken und die Naturwissenschaften darin zu unterstützen, sich selbst zu organisieren. Andererseits bündelt die Akademie die Expertise und diskutiert diese mit der Politik und der Gesellschaft. Neben Expertise zu Themen wie Klima, Energie oder Ressourcen wird die Akademie sich dafür einsetzen, dass Historikerinnen und Historiker ihre Erkundung der wissenschaftlichen Wurzeln fortsetzen und dass ihre Erkenntnisse in die Debatte zur Zukunft der Schweiz einfliessen. Unsere Gesellschaft soll im Wandel auf ihren tatsächlichen Stärken aufbauen können.
Prof. Dr.Thierry Courvoisier, Präsident, Akademie der Naturwissenschaften Schweiz
Dr. Jürg Pfister, Generalsekretär, Akademie der Naturwissenschaften Schweiz
PATRICK KUPPER UND BERNHARD C. SCHÄR
DIE SCHWEIZ
Ein Land von Naturforschenden
Die Schweiz gehört zweifellos zu den führenden Wissenschaftsnationen der Gegenwart. In internationalen Hochschulrankings belegen ihre Universitäten regelmässig Spitzenplätze. Auch die Industrieforschung gilt als äusserst wettbewerbsfähig. Gerade die Beiträge aus den Naturwissenschaften und der Medizin werden überdurchschnittlich häufig zitiert und international ausgezeichnet. Die Liste der Nobelpreisträger für Physik, Chemie und Medizin weist darauf hin, dass dies kein neues Phänomen ist. Über 20 Forscher aus der Schweiz bedachte das Stockholmer Nobelpreiskomitee seit Anfang des 20. Jahrhunderts mit dieser höchsten wissenschaftlichen Auszeichnung.1 Doch die Spuren einer schweizerischen Wissenschaftsnation reichen noch weiter zurück. Bereits 1873 stellte der Genfer Botaniker und Wissenschaftshistoriker Alphonse de Candolle fest, dass Schweizer Naturforscher im internationalen Vergleich eine aussergewöhnliche Präsenz aufwiesen. Lange bevor internationale Rankings in Mode kamen, wendete de Candolle eine quantitative Methode an, um die Güte von Wissenschaftsstandorten bestimmen und vergleichen zu können. Er wertete die Listen der Ehrenmitglieder der traditionsreichsten und renommiertesten wissenschaftlichen Akademien – der französischen Académie des Sciences, der britischen Royal Society und der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin – aus. Seine Analyse zeigte, dass Schweizer Forscher bereits seit dem 17. Jahrhundert überdurchschnittlich oft zu Ehrenmitgliedern dieser drei Vereinigungen ernannt worden waren. Damit nicht genug: Sobald er die Ernennungen mit der Bevölkerungszahl gewichtete, kam die Schweiz gar unangefochten an die Spitze seines Länderrankings zu stehen.2
Der internationale Erfolg ist das Aushängeschild des schweizerischen Forschungsstandorts. Es handelt sich dabei aber nur um einen kleinen Ausschnitt einer grösseren Geschichte. Denn seit den Anfängen der modernen Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert umfasste das Naturstudium in der Schweiz stets eine grössere Gruppe von Personen, die meisten davon sogenannte «Liebhaber» – also Amateure in der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs. Dazu zählten im Verlauf der Jahrhunderte Magistraten, Patrizier und Pfarrer, Ärzte, Lehrer und Militärpersonen, höhere Angestellte, Beamte und Industrielle. Naturforschung in der Schweiz beruhte auf einer breiten gesellschaftlichen Bewegung, was sich unter anderem darin zeigte, dass zwischen 1600 und 1800 nicht weniger als 150 sogenannte Gelehrte Gesellschaften gegründet wurden, in denen sich die grosse Mehrheit der Amateure mit den wenigen spezialisierten Forschern austauschten.3 Mit der Naturforschenden Gesellschaft der Schweiz (SNG, heute Akademie der Naturwissenschaften Schweiz SCNAT) entstand im Jahr 1815 die erste nationale Vereinigung der Naturforschenden. Sie umfasst bis heute zahlreiche kantonale Sektionen sowie disziplinäre Fachgesellschaften wie etwa die Schweizerische Entomologische Gesellschaft (die Gesellschaft der Insektenkundler) mit ihren eigenen kantonalen Zweigen. In diesem weitverzweigten Vereinsnetzwerk haben sich bis heute ungezählte Naturforschende aus professionellen oder privaten Interessen heraus engagiert.4 Bis ins späte 19. Jahrhundert war die Mitgliedschaft in einer Gelehrten Gesellschaft freilich ein exklusiv männliches Privileg. Die Gesellschaften waren zudem vorwiegend in den protestantischen Mittellandkantonen verankert. Es darf jedoch davon ausgegangen werden, dass Ehefrauen, Töchter und Schwestern sich ebenso wie die Bewohnerinnen und Bewohner der alpinen Regionen am Studium der «vaterländischen Natur» beteiligten.5 Sei es als lokale Führer für Schmetterlingssammler aus dem Flachland oder beim Bestimmen und korrekten Aufbewahren gesammelter Pflanzen im Studierzimmer eines Ärzte-, Lehrer- oder Pfarrerhaushalts.
Es darf also mit Fug behauptet werden: Die Schweiz ist ein Land der Naturforschenden. Nur ist sie sich dessen nicht bewusst. Historische Darstellungen, welche dieses Phänomen zu fassen und erklären versuchen, sind rar.6 An dieser Lücke setzt das vorliegende Buch an. Es erzählt 15 Geschichten zum Wissenschaftsstandort Schweiz. Ausgangspunkt der einzelnen Beiträge sind Figuren aus der schweizerischen Naturwissenschaftsgeschichte: bekannte, weniger bekannte und auch solche, die selbst den Fachhistorikerinnen und Wissenschaftsforschern unbekannt sein dürften. Die Autorinnen und Autoren dieses Buchs haben wir gebeten, die Geschichten dieser Personen nicht als klassische Biografien zu erzählen. Wir haben sie vielmehr zu einem Vorgehen ermuntert, das vorab im angloamerikanischen Sprachraum weitverbreitet ist: nämlich Personen als Instrumente oder Sonden zu benutzen, um jene historischen Zeitabschnitte auszuleuchten, in denen diese Personen gelebt, gehandelt und gedacht haben.7 Auf diese Weise werden die weiteren Kontexte der Wissenschaft sichtbar. So etwa die Rolle wissenschaftlicher Netzwerke und Institutionen, aber auch die Zeitgebundenheit wissenschaftlicher Vorstellungen und Praktiken. Erkennbar wird auch, wie sich gesellschaftliche Hierarchien namentlich entlang sozialer, geschlechtlicher und «rassischer» Grenzen in der Naturforschung niederschlugen respektive inwiefern Naturforschende aus der Schweiz ihre Forschung nutzten, um solche Hierarchien zu kritisieren oder zu stabilisieren, und damit die Gesellschaft in der Schweiz formten. Schliesslich geht es aber auch um die Beziehungen, die schweizerische Naturforschende aus unterschiedlichsten Motiven zu Menschen inner- und ausserhalb der Schweiz und Europas aufbauten. Unsere Perspektive taucht die geschilderten Personen in ein eher ungewohntes Licht. Vermeintlich wohlbekannte historische Persönlichkeiten (wie Louis Agassiz oder Albert Einstein) werden neu beleuchtet, und bislang vernachlässigte Figuren (wie Clémence Royer oder Boukary Porgo) verlassen ihr Rand- oder Nichtdasein und werden in ihrer Bedeutung für die Entwicklung der Naturwissenschaften in der Schweiz sichtbar.
Der Fokus auf die Bedingungen der Zeitabschnitte, in denen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bewegten, erlaubt es uns, nach der Bedeutung des Schweizerischen und allgemeiner des Nationalen für die Produktion wissenschaftlichen Wissens zu fragen. Was machte den Wissenschaftsstandort Schweiz aus, und wie präsentierte er sich zu unterschiedlichen Zeiten? Inspirierte, beförderte oder behinderte das Schweizerische oder das Nationale die Forschungsanstrengungen? Und umgekehrt: Wie beeinflusste die gesellschaftlich starke Naturforschung die Schweiz? Worin bestand dieses Schweizerische: in den sozialen, politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Verhältnissen des Landes oder in einer spezifischen schweizerischen Identität beziehungsweise einem nationalen Image? Und wie vertrugen sich politische Grenzziehungen mit dem wissenschaftlichen Credo des freien Ideenaustauschs, wie nationale Organisationsweisen mit wissenschaftlichen Universalitätsansprüchen?
Die 15 in diesem Band versammelten Texte ergeben keine umfassende oder repräsentative Geschichte des Wissenschaftsstandorts, sondern sind Erkundungen in einem weiten und in vielen Teilen noch unbekannten Terrain. Die Autorinnen und Autoren bewegen sich an den Grenzen des historisch Bekannten und verschieben diese Grenzen. Sie thematisieren relevante historische Zusammenhänge und fördern eine erstaunliche historische Vielfalt zutage, und zwar sowohl jeder Beitrag in sich als auch, verstärkt, in ihrer Gesamtheit. So entsteht beim Lesen das wenig vertraute Bild einer Schweiz als eines Landes von Naturforschenden, einer global vernetzten Nation, die sich nicht nur über die politischen und wirtschaftlichen, sondern auch über die wissenschaftlichen Aktivitäten ihrer Bewohnerinnen und Bewohner zu definieren lernte.
TOBIAS KRÜGER
EISZEIT
Jean de Charpentier als tragischer Wegbereiter einer wissenschaftlichen Umwälzung
Dass grosse Bereiche Europas während der Eiszeiten mit Gletschern bedeckt waren, gehört heute faktisch zur Allgemeinbildung. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war dieser Gedanke hingegen gänzlich unbekannt. Eine der Personen, die bei der Entdeckung und Erforschung der Eiszeiten eine massgebliche Rolle spielte, war Jean de Charpentier (1786–1855). Seine Beteiligung an einer der umwälzendsten geologischen Entdeckungen des 19. Jahrhunderts, aber auch die damit verbundene persönliche Tragik sollen hier dargestellt werden.
Der Name lässt zunächst einen Westschweizer oder Franzosen vermuten. Tatsächlich stammte de Charpentier jedoch aus Sachsen. Seinen französischen Namen verdankte er der Herkunft seiner Familie aus der Normandie. Seine Vorfahren waren einst vermutlich als protestantische Glaubensflüchtlinge nach Sachsen gelangt. Jean de Charpentier kam im erzgebirgischen Städtchen Freiberg als jüngstes von sieben Kindern zur Welt. Sein Vater war Professor an der dortigen Bergbauakademie und erstellte unter anderem 1778 eine der ersten modernen geologischen Karten weltweit.1 Auf ihr kennzeichnete er Gesteinsarten mit unterschiedlichen Farben, was damals eine Innovation darstellte. 1802 stieg Jeans Vater zum Berghauptmann auf und stand bis zu seinem Tod an der Spitze des Berg- und Hüttenwesens im damaligen Kurfürstentum Sachsen.2 Dieser familiäre Hintergrund scheint prägend für den jungen Jean gewesen zu sein. In der Schule erhielt er eine klassische humanistische Bildung. Anschliessend studierte er, wie zuvor sein älterer Bruder Toussaint, Bergwesen in Freiberg. Nachdem er kurze Zeit unter seinem Bruder im schlesischen Waldenburg, heute Walbrzych in Polen, im Kohlebergbau gearbeitet hatte, nahm er eine Stelle in den französischen Pyrenäen an. Dort beabsichtigte eine Bergbaugesellschaft, den Kupferabbau aufzunehmen. Nachdem sich dieses Projekt zerschlagen hatte, blieb de Charpentier dort und widmete sich während vier Jahren der Erforschung der Pyrenäen. Ab 1812 belegte er Vorlesungen für Chemie und Naturgeschichte in Paris. Im folgenden Jahr bereiste er die Auvergne und das Vivarais. Zu dieser Zeit erhielt er durch Vermittlung eines Studienfreundes, des Waadtländer Kantonsförsters und Geologen Charles Lardy (1780–1858), das Angebot, die Leitung der Salinen in Bex zu übernehmen.3 Deren Salzproduktion war zu diesem Zeitpunkt kostspielig und unbefriedigend. De Charpentier nahm die Herausforderung an und vermochte die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Anstatt wie anhin den salzhaltigen Quellen nachzugraben, gelang es ihm, durch gezielte geologische Untersuchungen und Berechnungen die salzhaltigen Gesteinsschichten aufzuspüren. Dadurch konnte er die Salzgewinnung in Bex auf eine neue, auch wirtschaftlich gesunde Basis stellen und die Produktion vervierfachen.4 Zum Dank liess die Waadtländer Regierung in Les Dévens für de Charpentier 1825/26 durch Kantonsingenieur Adrien Pichard (1790–1841) die klassizistische, leichte Anklänge an die regionale Architektur zeigende Villa Solitaire bauen.5

Abb. 1: De Charpentiers 1825/26 erbaute klassizistische Villa Solitaire in Les Dévens bei Bex.
Durch seine berufliche Tätigkeit und sein ausserberufliches Engagement als Naturforscher knüpfte de Charpentier rasch Kontakte zu Schweizer Forschern. Im Jahr 1815 rief der Genfer Apotheker und Mineralwasserfabrikant Henri-Albert Gosse (1753–1816) die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft, kurz SNG, die heutige Akademie der Naturwissenschaften Schweiz, ins Leben.6 Unter den 36 eingeladenen Gründungsmitgliedern war der 29-jährige Salzbergwerksdirektor Jean de Charpentier. Dieser sollte sich in den folgenden Jahrzehnten als leidenschaftlicher und vielseitiger Forscher erweisen. Bereits während seiner Zeit in den französischen Pyrenäen hatte er deren geologischen Aufbau studiert. Für diese Untersuchung zeichnete ihn die Académie de France 1822 mit dem Preis für Statistik aus.7 Seine volkskundlichen und linguistischen Aufzeichnungen zur Sprache der in den Pyrenäen lebenden Basken stellte er 1822 dem preussischen Sprachforscher und Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt (1767–1835) zur Verfügung. Dieser benutzte sie für seine Untersuchungen zur baskischen Sprache.8
Im waadtländischen Bex erforschte de Charpentier nicht nur die lokalen Salzlagerstätten, sondern die Geologie der Alpen allgemein. So konnte er mit Charles Lardy 1814 ein deutlich jüngeres Alter der Alpen als bis dahin angenommen nachweisen.9 Im Lauf der Jahre legte de Charpentier überdies ein Herbar mit gut 26 000 Pflanzen an und entwickelte sich damit zu einem der besten Pflanzenkenner der Schweiz.10 Die grösste Leidenschaft des Salinendirektors galt wahrscheinlich den Schneckentieren. Der Katalog seiner Land- und Flussschneckensammlung führte nebst den Fundorten insgesamt 3707 Arten in 37 570 Exemplaren auf.11 Es handelte sich um de Charpentiers letzte grosse wissenschaftliche Arbeit.
DE CHARPENTIER ERWÄRMT SICH FÜR DIE EISZEIT
Heute ist Jean de Charpentier dagegen vor allem als Pionier der Eiszeitforschung bekannt. Dies ist nicht ohne historische Ironie. Zwar war er bereits etliche Jahre, bevor er seine eigenen Forschungen begann, mit Fragen aus dem Umfeld der späteren Gletscher- und Eiszeitforschung in Berührung gekommen. Doch lehnte er die Vorstellung eines ehemals kälteren Klimas und einer grösseren Ausdehnung der alpinen Gletscher zunächst ab und ging von einem wärmeren Klima in früheren Erdzeitaltern aus.
Mit Fragen des Gletscherwachstums dürfte de Charpentier erstmals im Sommer 1815 konfrontiert gewesen sein. Damals unternahm er einen Ausflug ins Val de Bagnes im Wallis. Dabei stiess der junge Salinendirektor auf die Vorstellung, ortsfremde, in der Landschaft verstreut liegende Felsblöcke könnten von Gletschern an ihre heutigen Fundorte transportiert worden sein. Viele Jahre später, im Februar 1840, berichtete er dem Berner Geologen Bernhard Studer in einem privaten Brief: «Die Person, die mir zum ersten Mal von Gletschern als Ursache des Transports der erratischen Trümer [sic!] sprach[,] war ein Bauer aus Lourtier im Bagne-Thale, Nahmens Perotin, welcher wahrscheinlich jetzt todt ist. Es war im July 1815 als ich auf einer Reise in das dortige Thal, bei ihm übernachtete. Da behauptete er steif und fest[,] dass in früheren Zeiten das Bagne- und Entremont-Thal völlig mit einem Gletscher erfüllt gewesen, welcher sich bis Martigny erstreckt und daselbst die grossen Granitblöcke abgesetzt habe. Dass ich diese Idee ganz verwarf[,] versteht sich von selbst.»12 Bei dem erwähnten Perotin handelte es sich um den Zimmermann und Gämsenjäger Jean-Pierre Perraudin (1767–1858). Entgegen de Charpentiers Mutmassung war er zum Zeitpunkt des Briefes keineswegs tot, sondern quicklebendiger Walliser Grossrat. Perraudins Beobachtungen hielt de Charpentier wahrscheinlich deshalb für mitteilenswert, da sich dieser auf überprüfbare Beobachtungen stützte und argumentierte, die ortsfremden Felstrümmer seien für einen Transport durch Wasser zu gross und schwer. Damit wandte Perraudin intuitiv das schon damals unter Geowissenschaftlern verbreitete Prinzip des Aktualismus an, wonach in der Gegenwart beobachtbare Vorgänge zur Erklärung vergangener geologischer Abläufe herangezogen werden. Tatsächlich waren ähnliche Ansichten wie jene von Perraudin unter den Bewohnern des Alpenraums recht verbreitet, und zeitgenössische Gelehrte berichteten verschiedentlich darüber.13 Wenige Monate später, im Oktober 1815, sah sich de Charpentier erneut mit dem Rätsel des Ursprungs ortsfremder Felstrümmer konfrontiert, als Henri-Albert Gosse im Oktober 1815 anlässlich der Gründung der SNG in Genf einen Vortrag zum Thema hielt.14

Abb. 2: Mutmassliche Fotografie von Jean-Pierre Perraudin (1767–1858), die in den 1850er-Jahren entstanden sein dürfte.
Im folgenden Jahr kam de Charpentier mit einer weiteren Frage aus dem Umfeld der späteren Gletscher- und Eiszeitforschung in Berührung. Er trug anlässlich der zweiten Jahresversammlung der SNG in Bern Untersuchungsergebnisse des Walliser Kantonsingenieurs Ignaz Venetz (1788–1859) vor und sicherte diesem so die Aufnahme in die Gesellschaft. In seiner Arbeit befasste sich Venetz mit der Frage, wie Gletscher Gegenstände transportieren, die in ihnen eingeschlossen sind.15 Wie und wann sich de Charpentier und Venetz kennengelernt haben, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass sie ab 1818 beruflich miteinander zu tun hatten. In jenem Jahr brach der Giétroz-Gletscher ab. Sein Eis stürzte in die Tiefe, und der danach aufgestaute Gletschersee verwüstete bei seinem Ausbruch das Val de Bagnes. Um die von Kantonsingenieur Venetz ergriffenen Schutzmassnahmen zu überprüfen, beauftragte die Walliser Kantonsregierung unter anderem de Charpentier als Gutachter.16 Später begegneten sich die beiden Männer gelegentlich, da sie an der Korrektion und Eindämmung der Rhone mitwirkten.17
1821 reichte Venetz bei der SNG ein Manuskript ein, in dem er deren 1817 ausgeschriebene Preisfrage, ob das Klima abkühle und rauer werde, zu beantworten versuchte. Der Kantonsingenieur argumentierte gestützt auf alte Gletscherstände, Findlinge und Moränen, dass sich das Klima während der Frühen Neuzeit verschlechtert habe. Schwieriger zu erklären waren für ihn jedoch Spuren alter Moränen, die bis zu fünfeinhalb Kilometer von den damals aktuellen Gletscherzungen entfernt lagen.
Venetz bat – vermutlich Ende August 1822 – über Jean de Charpentier sein Manuskript zurück, um es für die Drucklegung zu überarbeiten.18
Bis zu diesem Zeitpunkt war de Charpentiers wissenschaftliche Welt in Ordnung. Dies änderte im Frühjahr 1829, als Ignaz Venetz den Salinendirektor in Bex aufsuchte. Nach de Charpentiers Erinnerungen erklärte ihm Venetz, seine Beobachtungen hätten ihn zur Überzeugung geführt, «dass nicht nur das Tal von Entremonts, sondern das ganze Wallis einstmals von einem Gletscher bedeckt gewesen sei, der sich bis zum Jura erstreckt habe und der die Ursache für den Transport erratischer Geschiebe gewesen sei».19 De Charpentier war alles andere als überzeugt von dieser kühnen These. Die Vorstellung einer so gewaltigen Vergletscherung erschien ihm, wie er nachträglich bekannte, «wahrhaftig verrückt und übersteigert».20 Auf der folgenden Jahresversammlung der SNG im Juli 1829 auf dem Grossen St. Bernhard trug Venetz seine Überlegungen in einem Referat vor. Darin erklärte er die Verbreitung ortsfremder alpiner Gesteinstrümmer in den Alpen und im Jura, aber auch die Verbreitung von Findlingen in Nordeuropa durch «die Existenz ungeheurer Gletscher, die seither verschwunden seien».21 Das Echo auf den Vortrag des Kantonsingenieurs fiel sehr kritisch aus. Die Herkunft ortsfremder Felsblöcke schien nämlich durch die damals verbreiteten Geröll- und Schlammfluttheorien bereits hinreichend erklärt. In Versteinerungen tropischer Pflanzen in ganz Europa erblickten die damaligen Gelehrten einen klaren Beleg für ein ehemals wesentlich wärmeres Klima in Europa. Dementsprechend ging die Mehrzahl der damaligen Geologen von einer sich im Lauf der Erdgeschichte langsam abkühlenden Erde aus. In den Augen der meisten anwesenden Forscher dürfte Venetz ein schlecht informierter Autodidakt aus der Provinz gewesen sein, zumal er sich nur auf Beobachtungen in der Umgebung von Gletschern der Walliser Alpen stützte.22 Auch de Charpentier zählte zu jener Zeit zu Venetz’ Kritikern. Um seinen Freund von dessen vermeintlichem Irrtum abzubringen, machte sich Jean de Charpentier daran, dessen These zu prüfen und zu widerlegen.23 Seine Feldstudien dauerten knapp vier Jahre. Sie führten ihn jedoch zu einem ganz anderen Resultat als erwartet. De Charpentier kam zur Überzeugung, dass nicht Venetz, sondern er und die anderen Naturforscher im Irrtum waren. So schloss sich der Waadtländer Salinendirektor allmählich den Ansichten des Walliser Kantonsingenieurs an. Dies bekundete de Charpentier erstmals gesprächsweise gegenüber dem angehenden Arzt Hermann Lebert (1813-1878), der ihn im Hebst 1833 besuchte.24 Im Folgejahr, 1834, stellte de Charpentier seine neue Sichtweise an der Jahresversammlung der SNG in Luzern erstmals einem wissenschaftlichen Publikum vor. Sein Vortrag trug den Titel Anzeige eines der wichtigsten Ergebnisse der Untersuchungen des Herrn Venetz über den gegenwärtigen und früheren Zustand der Walliser Gletscher.25 Darin versuchte de Charpentier zu beweisen, dass der Rhonegletscher einst bis ins Schweizer Mittelland gereicht habe. Womöglich fühlte sich de Charpentier in seinen kühnen Thesen durch ein Erlebnis bestätigt, das ihm ein paar Tage zuvor, auf dem Weg nach Luzern, widerfahren war. So berichtete der Salzwerkdirektor im erwähnten Brief an Bernhard Studer, wie er mit seinem Vortragsmanuskript in der Tasche auf dem Brüningpass einen Holzfäller aus Meiringen einholte und ein Stück des Weges mit ihm ging: «Dieser behauptete unaufgefordert, dass die Granitblöcke, welche wir am Wege liegend sahen, von der Grimsel aus durch Gletscher hierher gekommen wären, welcher sich noch etwas weiter als Bern erstreckte. Da ich in diesem Augenblick mein mémoire in der Tasche hatte[,] um es in Luzern vor zu lesen, so freute mich die Bemerkung[,] so dass ich dem Mann ein gutes Trinkgeld gab.»26

Abb. 3: Ignaz Venetz im Alter von 38 Jahren. 1826 liess er sich als selbstbewusster Ingenieur porträtieren. Durch das Fenster links im Hintergrund sieht man den Giétroz-Gletscher. Bei dessen Abbruch konnte Venetz durch die von ihm ergriffenen Massnahmen erfolgreich eine grössere Katastrophe verhindern. Ölgemälde von Lorenz Justin Ritz (1796-1870).
In Übereinstimmung mit den damaligen Theorien zur Erdentstehung ging de Charpentier von der Vorstellung einer Erde aus, die sich im Lauf der Erdgeschichte kontinuierlich abgekühlt habe. In Anlehnung an die damaligen Gebirgserhebungstheorien nahm er an, im Untergrund wirkende, sogenannte plutonische Kräfte hätten die Alpen samt ihrem Umland emporgehoben. Durch Spalten und Klüfte des neu entstandenen Gebirges sei Wasserdampf ausgetreten. Da die Alpen kurz nach ihrer Entstehung wesentlich höher und das dortige Klima dementsprechend kälter als gegenwärtig gewesen seien, habe dies zu fortdauernden Schneefällen geführt. Ein abnormes Gletscherwachstum sei die Folge gewesen. Ein alpiner Supergletscher sei in der Folge über das Schweizer Mittelland hinweg bis an den Jura vorgestossen. Als sich das neu entstandene Gebirge gesetzt habe, seien die Alpen auf ihre heutige Höhe abgesunken. Dies habe eine Erwärmung des Alpenraums und ein Ende der Vergletscherung bewirkt. Innerhalb dieses Interpretationsrahmens betrachtete de Charpentier die ausgedehnte Gletscherbedeckung der Alpen als eine vorübergehende regionale Erscheinung. Damit glaubte er seine und Venetz’ Beobachtungen mit den damals vorherrschenden Theorien der Erdgeschichte in Einklang bringen zu können. Insgesamt ähnelte de Charpentiers Ansatz damit jenem des schwedischen Botanikers Göran Wahlenberg (1780-1851), der sich 1818 mit der Herkunft der Findlinge in Skandinavien befasst hatte und dort eine vorübergehende regionale Abkühlung und Vergletscherung des skandinavischen Gebirges vermutete.27 De Charpentier publizierte seinen Beitrag 1835 in der angesehenen französischen Bergbauzeitschrift «Annales des Mines».28 Das deutschsprachige Publikum erfuhr von diesem Beitrag 1836 zunächst durch einen Hinweis in Karl Büchners (1806-1837) «Literarischer Zeitung».29 Im gleichen Jahr druckten eine deutschsprachige und eine englischsprachige Zeitschrift eine geringfügig überarbeite Übersetzung ab.30 Ein zweiter Artikel, worin de Charpentier seine Vergletscherungstheorie in einen etwas weiteren erdgeschichtlichen Rahmen stellte, erschien 1836 auf Französisch und Englisch. Schliesslich druckte die damals führende deutschsprachige geowissenschaftliche Zeitschrift, das «Neue Jahrbuch für Mineralogie, Geognosie und Geologie», 1837 die beiden Beiträge de Charpentiers zusammen ab.31 Offensichtlich war Jean de Charpentier von seiner Theorie überzeugt und bestrebt, diese zu verbreiten und in die wissenschaftliche Diskussion einzubringen.

Abb. 4: Zeitgenössisches Porträt von Louis Agassiz aus dem Jahr 1844, auf dem er sich 37-jährig als Gletscher- und Eiszeitforscher inszeniert. Die Felsen rechts neben ihm sollen wahrscheinlich von Gletschern abgeschliffene Felsflächen darstellen. Im rechten Hintergrund ist eine Gebirgslandschaft samt Gletscher mit deutlich erkennbarer Mittelmoräne zu sehen. Ölgemälde von Frédéric Zuberbühler (1822-1896).
EINE FOLGENSCHWERE BEGEGNUNG
Eine Gelegenheit, seine Überlegungen weiter zu diskutieren, bot ihm 1836 die Jahresversammlung der SNG in Solothurn. Dort traf de Charpentier auf den deutschen Naturforscher Karl Friedrich Schimper (1803-1867) und dessen Studienfreund, den Fossilienkundler Louis Agassiz (1801-1872), Inhaber des Lehrstuhls für Naturgeschichte an der Akademie in Neuenburg. Mit Letzterem stand de Charpentier seit 1833 in Briefwechsel.32 Er lud Agassiz ein, mit seiner Familie die Ferien in Bex zu verbringen. Solche Einladungen sprach de Charpentier regelmässig gegenüber anderen Naturforschern aus. Agassiz nahm das Angebot des waadtländischen Salinendirektors an. Im Lauf des Sommers vermochte ihn de Charpentier von seiner Vergletscherungstheorie zu überzeugen, obwohl Louis Agassiz dieser anfänglich ablehnend gegenüberstand.33 Schliesslich rief Agassiz auch Schimper nach Bex. Dieser hatte bereits 1833 einen Wechsel aus warmen und kalten Phasen im Lauf der Erdgeschichte vermutet.34 Im Winter 1836/37 entwickelten Schimper und Agassiz die Vergletscherungstheorie in Neuenburg auf eigene Art weiter. Dabei prägte Karl Friedrich Schimper für ihr neu formuliertes Konzept die eingängige Metapher Eiszeit.35
Im Juli 1837 fand die jährliche Versammlung der SNG in Neuenburg statt. Präsidiert wurde sie von Louis Agassiz, der die Gelegenheit nutzte, in seiner Eröffnungsansprache die gemeinsam mit Schimper weiterentwickelte neue Theorie vorzutragen. Zunächst knüpfte Agassiz an die Erkenntnisse von Venetz und de Charpentier an, indem er erklärte, die Gletscher, die man gegenwärtig in der Schweiz antreffe, seien einst viel grösser gewesen. Dann berichtete er von seinen eigenen Beobachtungen ortsfremder, scharfkantiger Gesteinsblöcke im Jura, aus denen er ableitete, jenes Gebirge sei ebenfalls vergletschert gewesen. Im Gegensatz zu de Charpentier verneinte er jedoch, dass die jurassischen Gesteinsblöcke durch einen alpinen Supergletscher dorthin transportiert worden seien. Agassiz stellte stattdessen die These auf, Europa sei vom Nordpol her mit einer bis zum Mittelmeer reichenden Eiskappe bedeckt gewesen. Als die Alpen bei ihrer Erhebung diesen Eisschild durchbrochen hätten, seien Gesteinstrümmer darauf bis zum Jura geglitten. Eine zeitweilige grössere Höhe der Alpen sah Agassiz im Gegensatz zu de Charpentier nicht als entscheidende Ursache für ein kühleres Klima an.36 Vielmehr habe sich am Ende jeder geologischen Periode ein plötzlicher globaler Temperatursturz ereignet, der «eine eisige Kälte produziert» und alles Leben ausgelöscht habe.37 Danach habe sich der Planet durch chemische Reaktionen im Erdinneren wieder erwärmt und sei von einer neuen Schöpfung besiedelt worden. Auf diese Weise seien jeweils ältere urtümlichere Lebensformen ausgelöscht worden, was wiederum Platz für neuere und, nach Auffassung von Agassiz und Schimper, höher entwickelte Lebensformen geschaffen habe. Da der Fossilienkundler Agassiz und der Botaniker Schimper die Vorstellung der Wandelbarkeit von Arten ablehnten, blieb ihnen nur die Annahme grosser globaler Katastrophen, um die Aufeinanderfolge zunehmend komplexer, nach ihrer Auffassung höher entwickelter Lebensformen im Lauf der Erdgeschichte zu erklären. Mit der Entdeckung Eiszeit schienen diese Katastrophen identifiziert zu sein.38 23 Jahre vor Charles Darwins wegweisendem Werk On the Origin of Species glaubten Agassiz und Schimper in den Eiszeiten eine Erklärung für die Abfolge verschiedener Lebensformen in der Geschichte unseres Planeten gefunden zu haben. Diese, von der romantischen Naturphilosophie beeinflusste, Erklärung für die Abfolge der Arten war zwar hochspekulativ. Sie war es jedoch, die in Agassiz’ und Schimpers Augen die meiste Aufmerksamkeit verdient hätte. Entsprechend frustriert dürfte Agassiz gewesen sein, als die Thematik der Artenfolge in den Hintergrund geriet und stattdessen die bereits von de Charpentier und Venetz bearbeitete Frage einer vorzeitlichen Vergletscherung in den Vordergrund rückte. Möglicherweise war dies ein Grund, weshalb Agassiz den Beitrag de Charpentiers zu seiner und Schimpers Theoriebildung nicht besonders hervorhob und es auch unterliess, dem Salinendirektor in den nachfolgenden Veröffentlichungen in der Bibliothèque universelle de Genève für dessen Einführungen und Hinweise zu danken. Stattdessen markierte Agassiz Distanz zur Theorie von Venetz und de Charpentier. Er stützte sich zwar auf deren genaue Beobachtungen von Moränen und Findlingen, hielt jedoch fest, dass er nicht beabsichtige, Venetz’ und de Charpentiers theoretische Überlegungen zu verteidigen.39

Abb. 5: De Charpentiers Rekonstruktion der Ausdehnung des eiszeitlichen Rhonegletschers aus dem Jahr 1841. Die blau eingefärbte Fläche stellt das vom Gletscher bedeckte Gebiet dar.
DER ESSAI SUR LES GLACIERS UND DAS ENDE EINER FREUNDSCHAFT
Während Agassiz und Schimper die Beobachtungen de Charpentiers für ihre eigene spekulative Theorie heranzogen, kritisierte der Genfer Jean-André Deluc (1763-1847) an der gleichen Jahresversammlung dessen Vergletscherungstheorie vehement.40 Für Jean de Charpentier war dies nach eigenem Bekunden Anstoss genug, seine Vergletscherungstheorie ab Herbst 1839 in einem Buch genauer auszuführen.41 In der Summe schienen sich die Dinge bis zu diesem Zeitpunkt im Sinn de Charpentiers zu entwickeln. Seine Beiträge zur Existenz eines alpinen Supergletschers hatten international Beachtung gefunden, seine Überfegungen konnte er mit den vorherrschenden Gebirgserhebungstheorien in Einklang bringen, und nun hatten mit Schimper und Agassiz sogar zwei Forscher ausserhalb der Erdwissenschaften seine Theorie, wenn auch in etwas eigenwilliger Ausdeutung, aufgegriffen. Allerdings sollte dieser für de Charpentier erfreuliche Zustand nicht lange anhalten.
Louis Agassiz hatte zwischenzeitlich eigene Forschungsanstrengungen unternommen und begonnen, seine Eiszeittheorie ebenfalls in einem Buch darzulegen, das im Herbst 1840 erschien. In seiner hastig niedergeschriebenen Darstellung überging er, wie er selbst einräumte, Schimpers Beitrag zur Eiszeittheorie. Dem noch an seinem Buch arbeitenden de Charpentier kam Agassiz einige Monate zuvor. Damit konnte er für sich in Anspruch nehmen, die erste grosse Darstellung zur Thematik veröffentlicht zu haben. Indem er sie als globale Eiszeittheorie formulierte und in den Rahmen seiner naturgeschichtlichen Überlegungen stellte, vermochte er ihr seinen Stempel aufzudrücken.
Dies verbitterte Jean de Charpentier. Er hatte offenbar erwartet, der junge Professor lasse ihm den Vortritt, da er es gewesen war, der Agassiz in die Gletscher- und Eiszeitforschung eingeführt hatte. Schliesslich erschien 1841 de Charpentiers Essai sur les glaciers et sur le terrain erratique du bassin du Rhône. Darin stand die Frage nach der Herkunft der Findlinge im Zentrum. Er setzte sie in Beziehung zu den durch Gletscherschliffe und Moränen geformten Landstrichen, die er als terrain erratique bezeichnete. Die Annahmen und Einwände der Vertreter der verschiedenen Schlamm- und Geröllfluttheorien widerlegte er in seiner Darstellung systematisch. Auch die These von Agassiz und Schimper, wonach die Alpen nach der Entstehung einer Poleiskappe entstanden seien, entkräftete er. De Charpentier zeigte, dass die Verteilung von Findlingen dem Verlauf der grossen Alpentäler folgt. Das wäre nicht der Fall gewesen, wenn die entstehenden Alpen ähnlich einem Löwenzahn, der Asphalt durchbricht, erst eine bestehende Eiskappe hätten durchbrechen müssen. Daneben zitierte de Charpentier auch seine Vorläufer, den Schotten John Playfair (1748-1819) und Johann Wolfgang von Goethe (1781-1832), die vor ihm den Transport von Findlingen mit Eis in Verbindung gebracht hatten. Nicht bekannt war de Charpentier offenbar Jens Esmark (1763-1839). Der dänisch-norwegische Geologe hatte bereits 1824 eine Eiszeittheorie publiziert, die von mehreren globalen Kältephasen mit einem jeweils massiven Anwachsen von Gletschern und Eisfeldern verursacht durch Schwankungen der Erdbahn ausging.42

Abb. 6: Jean de Charpentier gegen Ende seines Lebens. Lithografie.
Trotz gründlichen Beobachtungen und qualitätsvollen Abbildungen durch Zeichner aus dem Umfeld de Charpentiers erreichte sein Werk nicht die Bekanntheit von Agassiz’ Darstellung. Es war eben nur der zweite Titel zum Thema. Obendrein erschien sein Buch in Lausanne, was für dessen internationale Verbreitung nachteilig gewesen sein dürfte. Möglicherweise spielte bei der Wahl des Publikationsorts eine gewisse Verbundenheit mit dem Kanton Waadt eine Rolle, wie sie auch die Wahl seiner übrigen Forschungsgegenstände und Veröffentlichungen nahelegt. Dafür spricht, dass de Charpentier der Kantonsregierung ein spezielles Exemplar mit einer Widmung zukommen liess.43 Zudem war Jean de Charpentier nicht der Mann, der wie sein jüngerer Kollege durch entsprechende Vorträge und Artikel in Zeitungen und Journalen für Publizität sorgte. Gesellschaftliche Ambitionen gingen dem sächsischen Aristokraten allem Anschein nach ohnehin ab.44 Vor allem aber dürfte ihn seine Position als Salinendirektor zeitlich in Anspruch genommen haben.
Nach der Publikation seines Essai engagierte sich de Charpentier weiterhin in der Eiszeitforschung. 1842 veröffentlichte er einen Aufsatz über die Anwendbarkeit der Venetz’schen Hypothese, wie er sie nannte, auf Nordeuropa.45 Damit bezog er nun Gebiete ausserhalb des Alpenraums in seine Überlegungen ein und näherte sich den bereits von Venetz vorgebrachten Gedanken weiter an. An einem Kongress in Mailand wandte er sich 1844 gegen die These eines piemontesischen Geologen, die erratischen Blöcke in den Pyrenäen seien durch Flutwellen abgelagert worden.46 1846 und 1847 widersprach de Charpentier in zwei Aufsätzen, die er an die Société Géologique de France in Paris sandte, nochmals dieser Ansicht.47 Danach scheint die Frage nach dem Ursprung der erratischen Felsblöcke für ihn erledigt gewesen zu sein. In den folgenden Jahren befasste sich Jean de Charpentier wieder mit den Land- und Süsswasserschnecken.
DE CHARPENTIER ALS WEGBEREITER DER EISZEITFORSCHUNG
Als Naturforscher und Gelehrter, der fast die gesamte erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hindurch aktiv war, zeichnete sich Jean de Charpentier durch die erfolgreiche Leitung eines Salzbergwerks, vielseitige naturwissenschaftliche Interessen und seine internationale Vernetzung aus. Die von ihm mitbegründete SNG diente dem kontakt- und reisefreudigen de Charpentier als Plattform, um seine Beobachtungen und neuen Theorien vorzustellen und Kontakte zu anderen Naturforschern zu pflegen. Ebenso nutze er deren Verhandlungen für die Publikationen seiner Untersuchungen. Strebte er eine internationale Verbreitung seiner Arbeiten an, wählte er daneben auch andere Zeitschriften.
De Charpentiers Rolle als einer der Pioniere der Eiszeitforschung zeichnet sich durch eine gewisse Tragik aus. Obwohl sich Jean de Charpentier spätestens seit 1815 mit der Frage nach der Herkunft ortsfremder Felsblöcke konfrontiert sah, befasste er sich erst ab Anfang der 1830er-Jahre damit. Dabei erwies er sich als bestens mit den zeitgenössischen Theorien zur Erdgeschichte vertraut. Konsequent versuchte er, seine und Venetz’ Beobachtungen mit dem damals aktuellen Forschungsstand in Einklang zu bringen. Im Nachhinein betrachtet, bewegte er sich damit in bekannten Bahnen. Seinen Überlegungen fehlten weitgehend konzeptionelle Neuerungen. So gesehen erwiesen sich die unkonventionellen Gedanken seines Freundes Ignaz Venetz zu einer Vergletscherung Nordeuropas oder zu astronomischen Ursachen48 einer globalen Abkühlung des Klimas als weiterführender. Doch stellt sich die Frage, ob die These eines alpinen Supergletschers ohne diese Zugeständnisse an den vorherrschenden Interpretationsrahmen der damaligen Forschung überhaupt Beachtung gefunden hätte. Die vorangehenden Arbeiten von Esmark hatten ohne solche Anknüpfungspunkte kaum Widerhall in den deutsch- und französischsprachigen Ländern gefunden.
Schliesslich musste de Charpentier erleben, wie Louis Agassiz ihm durch sein Vorpreschen bei der Publikation seines Buchs die Schau stahl. Dadurch vermochte Agassiz die Eiszeittheorie entsprechend seinen naturgeschichtlichen Vorstellungen zu formulieren und mit seiner Person zu verknüpfen. Hier liesse sich die Frage stellen, wie gerecht die Forschung und die Zuschreibung wissenschaftlicher Leistungen sind. Jean de Charpentier seinerseits zeichnete sich durch ein hohes Mass an Integrität aus und achtete gewissenhaft darauf, die Verdienste anderer Naturforscher zu würdigen. Die Rolle seines Freundes Venetz als Anreger seiner Forschungen hob er zeitweise bis in den Titel seiner Publikationen hervor. Sorgfältige Beobachtungen und Feldstudien waren ein weiteres Merkmal seiner Arbeit als Forscher.
Bei aller Zeitgebundenheit Jean de Charpentiers dürfte seine wichtigste Leistung sein, dass der Gedanke grossräumiger Vergletscherungen in den deutsch- und französischsprachigen Ländern den Weg in die wissenschaftliche Agenda fand. Ebenso war er daran beteiligt, das Thema im englischen Sprachraum zu etablieren. So sind die pathetischen Verse in einem Gedicht des Geologen Arnold Escher von der Linth (1807-1872) über seinen Freund de Charpentier durchaus zutreffend: «Dieser wandte unsern Blick in die ferne Zeit hinaus, wo die hohe Gletschermasse reichte bis zur Bergterrasse […]. Der was anfangs schien vermessen, allen machte licht und klar.»49
FLAVIO HÄNER
WIE DIE NATUR IN DIE STÄDTE KAM
Augustin-Pyramus de Candolle und die Entstehung der naturhistorischen Museen in der Schweiz
Im frühen 19. Jahrhundert entstanden nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa neue Bauwerke, in denen Menschen die Natur studieren konnten, ohne dazu in die Natur hinausgehen zu müssen. Hierzu gehören die botanischen Gärten wie auch die ersten naturhistorischen Museen. Die Naturforschenden brachten hier die Gegenstände zusammen, die sie in der Natur gesammelt hatten, gaben ihnen Namen, klassifizierten und arrangierten sie. In den künstlich geschaffenen Räumen strebte man danach, die Natur als ein geordnetes System darzustellen. Doch die Einrichtung solcher Anstalten geschah nicht ohne Schwierigkeiten. Zum einen musste eine Vielzahl von Objekten aus der Natur in die Städte verfrachtet werden. Zum anderen mussten die Naturforschenden die Öffentlichkeit, also die Politik und auch die breite Gesellschaft, vom Nutzen und Zweck des Sammelns und Ausstellens von Objekten aus der Natur überzeugen. Gleichzeitig galt es, die Naturforschung überhaupt als eine eigenständige Wissenschaft zu etablieren.1
Eine der zentralen Figuren, die sich in der Schweiz für die Errichtung von botanischen Gärten, naturhistorischen Museen und damit für eine Modernisierung der Naturwissenschaften einsetzte, war der namhafte Genfer Botaniker Augustin-Pyramus de Candolle (1778-1841). In der Wissenschaftsgeschichte ist de Candolle vor allem für die Entwicklung eines neuen Klassifikationssystems für Pflanzen bekannt, auf das sich etwa auch Charles Darwin bezog.2 Hier soll seine Rolle bei der Entwicklung einer modernen naturwissenschaftlichen Infrastruktur in der Schweiz näher beleuchtet werden. Er und seine Zeitgenossen setzten sich dafür ein, dass sich die Naturforschung in der Schweiz von einem privaten Freizeitvergnügen wohlhabender Patrizier- und Magistratsfamilien zu einem öffentlichen und staatlich getragenen Projekt wandelte.
DIE SCHWEIZ, DER GARTEN EUROPAS
Vor dem Hintergrund der Romantik und der aufblühenden Naturphilosophie avancierte die Schweiz im 18. Jahrhundert zu einem der beliebtesten Reiseziele für Naturliebhaber aus ganz Europa. Die unwegsamen Gebirge mit eisbedeckten Gletschern wurden nicht mehr als Schreckbilder und öde Wildnis empfunden. Gemeinsam mit den tiefen Tälern, waldbedeckten Hügeln und unzähligen Flüssen, Bächen und Seen mit ihren Auen- und Uferlandschaften wurde die schweizerische Landschaft zunehmend als eine Art weltliches Paradies gedeutet. So hielt der deutsche Arzt und Geograf Johann Gottfried Ebel gegen Ende des Jahrhunderts in seinem Reisehandbuch über die Schweiz fest:

Abb. 1: Wild-romantische Schweizer Natur. Ein Stich aus einem Buch des deutschen Reisenden Christian Hirschfeld von 1776.
«Es gibt zuverlässig kein Land, keinen Teil unsers Erdbodens, der in so vielen Rücksichten merkwürdig und interessant wäre als die Schweiz […]. Alles Grosse, Ausserordentliche und Erstaunenswürdige, alles Schreckliche, Reizende, Heitere, Ruhige, Süsserquickende, was in der ganzen Natur zerstreut ist, scheint sich hier in einen kleinen Raum vereinigt zu haben, um dies Land zu dem Garten von Europa zu bilden, wohin alle Anbeter der Natur pilgern und wo sie für ihre Opfer in dem vollsten, reinsten Masse Belohnung und Befriedigung erhalten sollten.»3
Der Ruf der Schweiz als Naturparadies wurde vor allem in den grossen europäischen Metropolen gefestigt. So nannte man in Paris einen im Jahr 1794 neu eröffneten Landschaftspark mit Tiergehegen und damit einen der ersten öffentlichen zoologischen Gärten der Welt schlicht la vallée suisse.4 Doch auch in der Schweiz selber lernten wohlhabende Bürger ihr Land mit anderen Augen sehen. Eine besondere Rolle spielten dabei die Naturalienkabinette, wie etwa der deutsche Universalgelehrte Christian Cajus Lorenz Hirschfeld im Jahr 1777 erläuterte:
«Man kann den Schweizern das Lob nicht entziehen, dass sie nicht nur auf die Merkwürdigkeiten ihres Landes sehr aufmerksam sind, sondern auch den Fremden mit Vergnügen vorzeigen. Selbst viele Prediger in den entlegenen Berggegenden fangen an, sich aus der Sammlung und Untersuchung der Naturalien ihres Vaterlandes eine eben so nützliche als angenehme Beschäftigung zu machen.»5
Die gelehrten Reisenden fanden Naturalienkabinette nicht nur in den grossen Städten wie Basel, Bern, Zürich, Genf, Lausanne, Neuchâtel oder Luzern, sondern ebenso in kleineren Ortschaften wie Schaffhausen, Solothurn, Yverdon, Altdorf, Glarus oder La Ferrière. Ihre Besitzer waren Professoren, Ärzte, Apotheker, Pfarrer, Schullehrer, Künstler. Auch manch vermögender Bankier oder Fabrikbesitzer pflegte eine kleine Sammlung von Naturgegenständen.6 Andere spezialisierten sich gar auf den Handel mit Naturalien und Naturgegenständen. Das Sammeln, Handeln und Tauschen von Naturalien war aber nicht bloss eine vergnügliche Freizeitbeschäftigung. Die Sammlungen bildeten die unerlässliche Grundlage für das Studium der Natur. Dies geht aus dem Eintrag zu den Naturalienkabinetten in der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert aus dem Jahr 1752 hervor:
«Die Wissenschaft der Naturgeschichte macht Fortschritte in dem Masse, wie sich die Kabinette vervollständigen; das Bauwerk wächst aber nur durch die Materialien, die es beherbergt, und es wird kein Ganzes bilden, bevor alle seine wesentlichen Bestandteile zusammengebracht sein werden […]. Erst in diesem Jahrhundert hat man sich mit dem notwendigen Eifer der Naturgeschichte angenommen und derart grosse Fortschritte in diesem Unternehmen gemacht. Es ist auch unser Jahrhundert, das sich durch die Gründung der vortrefflichsten Einrichtungen auszeichnet, der Naturhistorischen Kabinette.»7
Die ungezählten Naturalienkabinette, die im 18. Jahrhundert zumeist in den städtischen Räumen der damaligen Schweiz entstanden, waren in privatem Besitz. Sie für Studienzwecke zu verwenden, war meist ihren Besitzern vorbehalten.8 Doch Sammlungen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, war ein Gebot der Zeit, wie etwa die britische Schriftstellerin und Dichterin Helen Maria Williams (1761-1827) bei ihrem sechsmonatigen Aufenthalt in der Schweiz im Jahr 1794 bemerkte:
«Unter den Merkwürdigkeiten der Schweiz, welche die Aufmerksamkeit von Reisenden verdienen, sind die Naturhistorischen Kabinette nach der Meinung der Einheimischen von besonderem Rang. […] ein beachtliches und wertvolles Museum könnte einst aus diesen Sammlungen hervorgehen, wenn diese zusammengeführt und in den Dienst der Öffentlichkeit gestellt würden.»9
SAMMELN UND FORSCHEN – IMPULSE AUS DEM AUSLAND
Es war allerdings nicht nur der mangelnde öffentliche Zugang zu naturhistorischen Sammlungen, die der Modernisierung der Naturforschung um 1800 im Weg stand. Es fehlte auch an Ausbildungsmöglichkeiten für angehende Naturforscher. Anders als an anderen grossen akademischen Hochschulen in Europa existierten in der Schweiz bis ins 19. Jahrhundert nämlich noch gar keine naturwissenschaftlichen Fächer oder Lehrstühle, weder an den Akademien in Genf, Lausanne und Bern noch an der Universität Basel.10 Einzig die Botanik war als Teilbereich der Medizin bereits in der wissenschaftlichen Lehre und Forschung vertreten, doch interessierten sich die Ärzte mehr für die Verwendung der Pflanzen als Arzneimittel und weniger für deren Systematik, Physiologie oder Taxonomie. Erst um 1778 lassen sich erste Tendenzen für die Einrichtung naturhistorischer Sammlungen an Schweizer Hochschulen nachweisen. In Basel kaufte die Regierung das umfangreiche Naturalienkabinett von Daniel Bruckner (1707-1781). Ein Argument für den Ankauf war, dass dieses für die Stadt und die Universität einst von grossem Nutzen sein könnte, sollte «mit der Zeit die Naturgeschichte öffentlich gelehrt» werden.11 Die Sammlung wurde in der Öffentlichen Bibliothek eingerichtet, jedoch dauerte es noch mehrere Jahrzehnte, bis sie ihre wissenschaftliche Bestimmung erfüllen sollte. In Genf forderte 1794 Henri Boissier (1766-1845) die Gründung eines Naturalienkabinetts zum Zweck des Unterrichts in Naturgeschichte. Daraufhin genehmigte die Genfer Regierung einen Kredit zur Anschaffung einiger physikalischer Instrumente und der Naturaliensammlung des Apothekers Pierre-François Tingry (1743-1821). Die Professoren machten allerdings nur wenig Gebrauch von den Sammlun gen, und aufgrund ausstehender Zahlungen musste die Sammlung wieder an ihren Besitzer zurückgegeben werden.12 1805 wurde der erste Lehrstuhl für Naturgeschichte an der neu eröffneten Akademie in Bern eingerichtet und mit dem Naturforscher Karl Friedrich Meisner (1765-1825) besetzt.
Der Hauptteil der Naturforschung fand jedoch abseits der Hochschulen statt, in sogenannten Gelehrten Gesellschaften, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden waren. Hierzu gehören die Physikalische beziehungsweise Naturforschende Gesellschaft in Zürich (gegründet 1746), die Societas Physico-Medica Basiliensis (1751-1787), die Privatgesellschaft naturforschender Freunde in Bern (gegründet 1786) oder die Société des Naturalistes Genevois (gegründet 1791, ab 1799 Société de Physique et d’Histoire Naturelle de Genève). Manche dieser Gesellschaften unterhielten auch eigene Sammlungen und Naturalienkabinette, zu deren Unterbringung sie eigene Räumlichkeiten einrichteten, wie zum Beispiel die Physikalische Gesellschaft in Zürich. Doch auch hier sollte es noch einige Jahre dauern, bis weitere Kreise von den privaten Interessen der Naturforscher und deren Gegenständen profitieren konnten.13 Die politischen Umstände waren dabei nicht gerade günstig. Mit dem Einmarsch der französischen Truppen unter Napoleon im Jahr 1798 gerieten die helvetischen Stadtrepubliken unter die Kontrolle Frankreichs. In den unruhigen Zeiten kamen die Aktivitäten an den Schweizer Hochschulen praktisch zum Erliegen. Wer ein ernsthaftes Studium in Medizin, Naturgeschichte oder Botanik absolvieren wollte und auch über die nötigen finanziellen Mittel verfügte, studierte an einer Universität im Ausland. Besonders hoch angesehen waren die Universitäten in Göttingen, Paris oder Leiden. In diesen modernen Universitäten fand der Unterricht nicht bloss in Hörsälen statt, sondern sie verfügten schon über eigens für die akademische Lehre und Forschung eingerichtete Museen, botanische Gärten und weitere, umfangreiche Sammlungen aus allen Teilgebieten der Naturforschung. Ebenso standen Exkursionen und Forschungsreisen auf dem Lehrplan.14 Die Studenten aus der Schweiz lernten den Vorzug der wissenschaftlichen Sammlungen kennen. Hier sammelte man nicht für den privaten Gebrauch, sondern für den «höheren» Zweck der Wissenschaften. Nach ihrem Studienaufenthalt brachten die Studenten nebst ihrem Wissen auch die Idee einer neuen Art der Ausbildung zurück in die Schweiz.
DAS STUDIUM IN DER NATUR – AUGUSTIN-PYRAMUS DE CANDOLLE
Ein Student, der in den vollen Genuss dieser neuen Bildungsform im Museum, im botanischen Garten und auf Exkursionen kam und diese schätzen lernte, war der Genfer Augustin-Pyramus de Candolle.15 Die von ihm selbst verfasste und durch seinen Sohn beendete Biografie gibt einen Einblick in das Leben eines Naturforschers um 1800. Sie macht auch sichtbar, welche Personen in dieser Zeit Naturforschung betrieben und an welchen Orten sie dies taten.16 De Candolle wurde am 4. Februar 1778 in Genf als Sohn eines wohlhabenden Bankiers geboren. Er besuchte das Gymnasium und erste Kurse an der Akademie, der späteren Universität Genf. Sein Interesse galt zunächst vor allem der Literatur, ehe er im Frühling 1794 einen Kurs in Botanik «in einem äusserst bescheidenen Garten» der Genfer Société de physique et d’histoire naturelle besuchte.17 Diese Gesellschaft war 1791 vom Apotheker und Naturforscher Henri-Albert Gosse als Société des Naturalistes mit dem Ziel der Förderung der Naturwissenschaften gegründet worden. In seiner Biografie schrieb de Candolle, dass er bei Wanderungen während der Sommerferien im Juragebirge bemerkt habe, dass ihm kein einziger Name einer Pflanze bekannt war. Daraufhin habe er den Entscheid gefasst, zumindest die Namen der Pflanzen zu studieren. Sein neues Interesse an der heimischen Flora konnte er mit seinen Schulfreunden Jean-Pierre Pictet (1777-1857), Sohn des Geografen und Astronomen Jean-Louis Pictet, und dem an naturhistorischen Themen ebenfalls interessierten späteren Geschichtsprofessor und Statistiker Jean Picot (1777-1864) teilen. Beide wohnten in der Nachbarschaft von de Candolles Elternhaus und stammten ebenfalls aus wohlhabenden Familienverhältnissen. Ihr privilegierter sozialer Status erlaubte es den jungen Naturforschern, ihrer Neugierde und ihren Interessen ohne konkrete berufliche Aussichten nachzugehen, denn Naturforschung war kein Beruf, mit dem sich Geld verdienen liess.
1797 besuchte der französische Geologe Déodat Gratet de Dolomieu (1750-1801) die Stadt Genf. Die Eltern von Pictet und Picot baten Dolomieu, die Söhne nach Paris mitzunehmen. Sie luden de Candolle ein, ebenfalls an der Reise teilzunehmen. Im November erreichten sie Paris. Da im Winter keine Vorlesungen in Botanik stattfanden, besuchten die drei Freunde verschiedene Vorlesungen in Physik, Chemie, Mineralogie, Anatomie und Zoologie. Bei der Rückkehr nach Genf 1798 fasste de Candolle den Entschluss, Medizin zu studieren. Er stand, wie er selbst sagte, vor der Wahl zwischen Göttingen und Paris, wobei seine Unkenntnis der deutschen Sprache die Wahl auf Paris fallen liess. Von Paris aus unternahm er bereits im Herbst 1798 eine Exkursion in die Normandie. Zum ersten Mal an der Atlantikküste, unterliess es de Candolle nicht, möglichst alles an zoologischem und botanischem Material zu sammeln, was er finden konnte. Sein Vorhaben, eine ganze Sammlung von Fischen, die er bei den Fischern zusammenkaufte, in einem Fass voller Weingeist mit nach Paris zu nehmen, scheiterte, da sich irgendwelche anderen Tiere an den Fischen gütlich taten und diese vollständig zerbissen.18 In der Zwischenzeit wurde seine Heimatstadt von Frankreich annektiert. Zurück in Paris, erfuhr de Candolle, dass die neue französische Regierung in Genf eine zentrale Schule für das Departement Léman einzurichten gedachte. Als Professor für Naturgeschichte sah man den gerade einmal 20-jährigen de Candolle vor. Für den Unterricht sollte er ein eigenes naturhistorisches Museum aufbauen und sich dafür aus den Doubletten des Museums in Paris bedienen. Mit grossem Eifer ging er dieser Aufgabe nach und stellte eine reichhaltige Sammlung zusammen, die er nach Genf schickte. Die Sammlung von wissenschaftlich unschätzbarem Wert kam zwar in Genf an, sollte jedoch nie ihren Bestimmungszweck erfüllen. Wie das gesamte Schulprojekt fiel sie den politischen Wirren am Ende der Helvetik zum Opfer, wurde geplündert und zerstreut. Als er knapp 20 Jahre später nach Genf zurückkehrte, fand er nur noch ein misshandeltes ausgestopftes Zebra vor.19
Die Zeit der Napoleonischen Kriege nach 1803 verbrachte de Candolle mit weiteren Studienaufenthalten in Holland und England. 1807 wurde er zum Professor für Botanik an der Universität in Montpellier berufen. Dort legte er eine umfangreiche und systematische Studiensammlung an. Im Bereich der Naturforschung verpasste de Candolle nicht viel in seiner Heimat. Zwischen 1800 und 1815 lassen sich, abgesehen von Bern, nur indirekt Aktivitäten an den Schweizer Hochschulen in Bezug auf die Naturwissenschaften feststellen. Die Professoren waren mehr mit politischen Debatten zu einer gesamtschweizerischen Bildungsreform beschäftigt oder allgemein damit, den schweizerischen Staat in eine funktionierende Form zu bringen.
RESTAURATION UND WISSENSCHAFTSBETRIEB
1814 trat die Stadtrepublik Genf der Schweiz bei und wurde zum Hauptort des gleichnamigen und neu gegründeten Kantons. Mit der Beruhigung der politischen Situation konnte in der Schweiz auch der wissenschaftliche Betrieb wieder in Gang gebracht werden. Von besonderer Bedeutung für die Naturwissenschaften war die Gründung der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft (SNG) im Jahr 1815 durch den bereits erwähnten Henri-Albert Gosse und den Berner Theologen und Naturforscher Samuel Wyttenbach.20 Nun gab es zum ersten Mal eine Organisation, in der sich die Schweizer Naturforscher gesamtschweizerisch austauschen konnten. Die Gesellschaft richtete sich aber nicht nur an Experten, sondern sie sollte explizit auch Laien und Liebhabern der Natur Teilnahme und Teilhabe an den Wissenschaften ermöglichen.21 Vom allgemeinen Aufschwung der Naturwissenschaften, der von der SNG ausging, profitierte auch de Candolle. Noch im Gründungsjahr der Gesellschaft erhielt er aus Genf ei nen Ruf als Professor für Naturgeschichte. Er nahm die Stelle unter der Bedingung an, dass ihm für den Unterricht ein botanischer Garten zur Verfügung gestellt werde. Bei seinem Umzug nach Genf 1816 galt seine grösste Sorge zunächst dem Transport seiner Sammlung aus Montpellier. Die 40 Wagen voll mit Material, die im September vor seiner Haustür angeliefert wurden, lösten bei den Nachbarn Besorgnis über seinen Geisteszustand aus. Wie sollte er all diese Dinge in einer so kleinen Wohnung unterbringen? Doch de Candolle hatte die Sammlung genauestens vorbereitet, systematisch geordnet und jede Kiste durchnummeriert, sodass er bereits am übernächsten Tag wieder seine voll eingerichtete private Studiensammlung zur Verfügung hatte.22

Abb. 2: Der Professor in seinem Garten. Porträt von Augustin-Pyramus de Candolle aus dem Jahr 1822. Gemälde von Pierre-Louis Bouvier (1766-1836).
Noch ehe er mit den Vorlesungen begann, machte er sich an die Einrichtung des botanischen Gartens. Die Regierung in Genf kam de Candolles Wunsch entgegen und stellte ihm ein Feld bei Des Bastions sowie eine nicht unbeachtliche finanzielle Summe zur Verfügung.23 Bereits im November 1817 konnte der Unterricht beginnen. Der Hörsaal befand sich in der Mitte des botanischen Gartens. Im folgenden Jahr startete de Candolle einen Aufruf zur öffentlichen Unterstützung des botanischen Gartens, dem zahlreiche wohlhabende Bürger der Stadt Folge leisteten. Sie spendeten eine überaus stattliche Summe zum Bau von Gewächshäusern sowie mehrere Hundert Pflanzenarten aus ihren eigenen Gärten. Inspiriert vom Erfolg des botanischen Gartens griff Henri Boissier seine Idee von 1794, die Gründung eines akademischen Museums, wieder auf. Er beabsichtigte, ein Gebäude einzurichten, in dem die naturwissenschaftlichen Fächer Physik, Chemie, Mineralogie und Zoologie einen Platz für Lehre und Forschung auf der Basis der Sammlungen erhielten. Boissier hatte bereits im Jahr 1811 sein privates Naturalienkabinett und seine Sammlung von Antiquitäten der Akademie Genf vermacht. Doch diese hatte bis dahin keine zweckmässige Aufstellung oder Verwendung gefunden. Gemeinsam mit de Candolle konnte er weitere Personen aus der Regierung und der Akademie für das Vorhaben gewinnen. Im Jahr 1818 beschloss der Senat der Genfer Akademie, eine Museumskommission einzuberufen. Sie bestand aus den Professoren für Physik, Chemie, Mineralogie, Botanik, Zoologie und Archäologie. Einen freien Raum für das Museum fand man in einem Gebäude, welches zur Zeit der Besatzung dem französischen Regierungsrepräsentanten als Logis gedient hatte. Schon 1819 fanden die ersten Vorlesungen im Akademischen Museum statt. Im Mai 1820 verabschiedete die Genfer Regierung einen weiteren Beschluss, durch welchen der Besitz des Museums und sämtliche darin enthaltenen Sammlungen an die Stadt übergingen. Das Museum erhielt nun ein jährliches Betriebsbudget, eine administrative Verwaltung und ein Reglement, das auch die Öffnungszeiten für das breite Publikum festlegte. Damit war das erste naturwissenschaftliche Museum der Schweiz offiziell eröffnet. Die Sammlung wuchs rasch dank zahlreichen Spenden und Geschenken von privaten Sammlern und wohlhabenden Bürgern.24
Die Gründung der SNG, die Berufung eines Professors für Naturgeschichte in Genf und die Eröffnung des botanischen Gartens sowie des akademischen Museums förderten auch die Entwicklungen der Naturwissenschaften in anderen Schweizer Städten. An der zweiten Jahresversammlung der SNG 1816 nahm der an der Universität Basel als langjähriger Leiter der öffentlichen Bibliothek tätige Mathematiker und Astronom Daniel Huber (1768-1829) teil. Zurück in Basel, initiierte er nicht nur die Gründung einer lokalen Sektion der SNG, sondern setzte sich auch stark für die Einrichtung eines naturwissenschaftlichen Museums ein. Gemeinsam mit dem Basler Ingenieur, Physiker und Naturforscher Christoph Bernoulli (1782-1863) und dem politisch wie akademisch gut vernetzten Peter Merian (1795-1883), dessen Leidenschaft die Geografie war, gelang es, sowohl Regierung, Universitätsleitung als auch weitere Kreise einflussreicher Personen vom Nutzen der Naturwissenschaften zu überzeugen.25 1818 richtete die Universität Basel einen Lehrstuhl für Naturgeschichte ein, zusammen mit einem weiteren für Chemie und Physik. Als Professoren ernannte man Christoph Bernoulli und Peter Merian. Direkt nach Antritt der Stellen traten Huber, Bernoulli und Merian mit dem Anliegen an die Basler Regierung, dass ein zweckmässiger Unterricht in Naturgeschichte, Physik und Chemie nur möglich sei, wenn die entsprechenden Sammlungen und Infrastrukturen wie ein chemisches Laboratorium und physikalische Instrumente für Demonstrationen zur Verfügung gestellt würden.26 1821 konnte das naturwissenschaftliche Museum eröffnet werden und entwickelte sich gleich wie in Genf rasch zum Zentrum der naturwissenschaftlichen Lehre und Forschung.27 Ab den 1820er-Jahren fanden auch in anderen Schweizer Städten vergleichbare Entwicklungen statt. Bereits 1819 wurden in St. Gallen und Lausanne lokale Sektionen der Naturforschenden Gesellschaft gegründet. 1824 entstand in Lausanne der botanische Garten inklusive einer naturhistorischen Sammlung. 1830 wurde in Porrentruy der bereits seit 1792 unter französischer Leitung gegründete botanische Garten neu konzipiert und durch ein naturhistorisches Museum ergänzt. Weitere naturhistorische Museen und botanische Gärten öffneten 1832 in Bern, 1833 in Zürich oder 1835 in Neuchâtel ihre Tore.

Abb. 3: Flanieren in der Natur – der botanische Garten in Genf 1824.
SAMMELN FÜR EINEN HÖHEREN ZWECK
Seit den 1820er-Jahren gelangten in praktisch allen grösseren Städten der Schweiz, die über entsprechende Hochschuleinrichtungen verfügten, private Sammlungen von Naturgegenständen in universitären Besitz, wo sie auch im Unterricht eingesetzt wurden. Damit hatte sich das Modell der Sammlung als Forschungsinstrument und Lehrmittel vollständig etabliert. Die wissenschaftlichen Museen waren aber noch keine öffentlichen Bildungsinstitutionen, wie man sie heute kennt. So war der Besuch der Sammlungen für die Öffentlichkeit zu Beginn in Genf nur am Dienstagnachmittag, in Basel am Sonntagnachmittag möglich. Während der restlichen Zeit waren sie den Professoren und Studierenden vorbehalten. Man war sich aber durchaus des Potenzials bewusst, das die Museen als öffentliche Bildungsinstitutionen besassen. Karl Friedrich Meisner beschrieb den Zweck des Museums der Naturgeschichte in Bern folgendermassen:
«Naturalienkabinette können – so wie überhaupt Sammlungen jeder Art – nur einen vernünftigen Zweck haben: Aufmunterung zum Studium der gesammelten Gegenstände und Belehrung. Man bringt eine Menge Gegenstände der Natur zusammen, stellt sie nebeneinander in einer gewissen Ordnung auf, bezeichnet sie mit Namen, Aufenthalts- und Fundort u.s.w. Warum? Es lässt sich kein anderer vernünftiger Zweck denken, als dieser: durch die Aufbewahrung und Aufstellung einer Reihe von Naturprodukten hier und da die schlafende Neigung zur Naturgeschichte zu wecken und ihr gleichsam den ersten Stoss zu geben sich zu regen; dem Ungelehrten wie dem Gelehrten Gelegenheit zu verschaffen, durch Anschauung und Vergleichung ihre Begriffe zu berichtigen und ihre Kenntnisse zu bereichern.»28
Mit der Zusammenführung der Sammlungen und ihrer Eingliederung in die wissenschaftliche Lehre und Forschung entstanden die neuen Zentren der Naturforschung, in denen das Wissen über die Natur nicht nur geschaffen und gespeichert, sondern auch einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wurde. Gerade für die Etablierung der naturwissenschaftlichen Disziplinen wie Biologie, Geologie oder Anthropologie spielten die Museen und botanischen Gärten als Forschungs- und Lehranstalten eine zentrale Rolle. Hier versuchten Naturforschende wie de Candolle mit ihren Klassifikations- und Ordnungsmustern, nach denen sie die Naturgegenstände aufstellten, die Natur im wahrsten Sinn des Wortes in Ordnung zu bringen. In zunehmendem Mass dienten sie ebenso dazu, die Naturphänomene einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen und anhand der ausgestellten Dinge zu veranschaulichen.29 Durch den neuen Wissensraum Museum gelangte die Natur direkt ins Zentrum des bürgerlichen Lebens, nämlich in die Städte. Die Ausstellungen regten zur Reflexion über das Verhältnis der Menschen zur Natur an. Beim Anblick der Objekte in den naturhistorischen Museen und den botanischen Gärten sahen sich Forscher wie Besucher mit existenziellen Fragen konfrontiert: Wie entstand die Erde, wie entwickelten sich die verschiedenen Arten, woher kommt der Mensch? Durch die zunehmende Öffnung der wissenschaftlichen Sammlungen zur Mitte des 19. Jahrhunderts konnten Bürgerinnen und Bürger aktiver an der Verhandlung dieser Fragen teilnehmen, nicht nur indem sie den Forschungsanstalten eigene Sammlungsobjekte zur Verfügung stellten, sondern auch indem sie ihre eigenen Beobachtungen oder Ansichten über die Natur mitteilten.30 Naturforschung war nicht mehr die private Angelegenheit einzelner wohlhabender Bürger, sondern öffnete sich nun dem städtischen und bildungsbürgerlichen Publikum. Dieses musste nun keine weite Reise auf sich nehmen, sondern die Natur wurde ihm sozusagen direkt vor der Haustüre in wohlgeordneter Form präsentiert. Die Museen oder botanischen Gärten bildeten eine Plattform zur Generierung und Verhandlung neuen Wissens über die Natur.31 Und mit diesem Wissen, das den Menschen fernab der Natur vor Augen geführt wurde, begannen sie die Natur mit anderen Augen zu sehen.
FRANZISKA HUPFER
DAS WETTER IN TABELLEN
Christian Gregor Brügger und die Institutionalisierung der Meteorologie
«Ein Jünger der Naturwissenschaften […] hat seit einigen Jahren ganz von sich aus unternommen, unser vielverzweigtes ‹Alpisch-Rhätien› mit einem Netz von Stationen für Witterungs- und Naturbeobachtungen zu überziehen», teilte eine Bündner Zeitung 1859 mit.1 Dieser «fleissige Naturforscher» war Christian Gregor Brügger (1833-1899), der drei Jahre zuvor, nach seinen Studienjahren in München und Innsbruck, in seinen Heimatkanton Graubünden zurückgekehrt war und auf Eigeninitiative ein meteorologisches Beobachtungsnetz aufgebaut hatte. Der damals erst 23-Jährige war überzeugt davon, dass eine empirische und vergleichende Beobachtung des Wetters Gesetzmässigkeiten erkennen lassen würde. Er wollte verstehen, wie die «Bewegungen des irdischen Luftmeeres» die lokalen Wettererscheinungen bedingten und wie sich diese auf die Vegetation auswirkten.2 Deshalb versuchte Brügger, an möglichst vielen Orten des Kantons Graubünden freiwillige, das heisst unbezahlte Wetterbeobachter zu gewinnen. Ihnen übergab er eine Tabellenvorlage inklusive Anleitung, nach der zwei Mal täglich Temperatur, Niederschlagsart, Bewölkungsgrad und Windrichtung zu notieren waren.3 Am Ende jedes Monats sandten die sogenannten Korrespondenten ihre Tabellen an Brügger. Korrespondenzbeziehungen zu Beobachtern an vielen verschiedenen Orten gehörten in der Naturforschung seit dem 18. Jahrhundert zu den typischen Methoden.4
Damit Brügger die Messresultate miteinander vergleichen konnte, hielt er seine Korrespondenten an, alle einen Thermometer desselben Typs zu kaufen. Einzelne statteten sich auch mit einem Barometer zur Luftdruckmessung oder mit einem Ombrometer aus, mit dem sie die Niederschlagsmenge messen konnten. Die Instrumente mussten kalibriert, das heisst aufeinander abgestimmt werden, wobei Brüggers eigene Instrumente die Norm bildeten. Vorkenntnisse waren nicht erforderlich, um beim Projekt mitzumachen. Brügger rekrutierte seine Mitarbeitenden, die neben einzelnen Frauen mehrheitlich Männer waren, durch persönliche Kontakte. Er wurde dabei unterstützt vom angesehenen Privatgelehrten und Schlossbesitzer Carl Ulysses von Salis-Marschlins (1795-1886), der selbst meteorologische Messungen machte und neue Beobachter an Brügger vermittelte. Einige Personen nahmen von sich aus mit Brügger Kontakt auf und anerboten sich als Mitarbeiter, «um der Wissenschaft dienen zu können».5 Die Beobachter, die bis auf wenige Ausnahmen nicht naturwissenschaftlich gebildet waren, empfanden ihren Einbezug in ein wissenschaftliches Projekt als einen grossen Vertrauensbeweis. Der Zernezer Pfarrer Guidon dankte für die «Ehre», als Mitarbeiter aufgenommen zu werden.6 Pfarrer schienen Brügger als Beobachter besonders geeignet. Sie bildeten die am stärksten vertretene Berufsgruppe. Das meteorologische Netz wurde im Kanton Graubünden schnell bekannt, da Zeitungen die Zusammenstellungen der Messresultate abdruckten. Die «Bündner Zeitung» publizierte jeweils am Monatsanfang eine Tabelle mit den Temperaturangaben zum Vormonat. Waren es im April 1857 noch zehn Stationen, stieg die Zahl bis im Juli 1858 auf 37 Stationen an.7 Die Tabellen enthielten die monatlichen Durchschnittstemperaturen, den Tag des niedrigsten und höchsten Thermometerstands sowie der grössten täglichen Schwankung, gefolgt von der mittleren täglichen Temperaturdifferenz, der Windrichtung und schliesslich der Anzahl Tage mit Schnee, Regen, Nebel oder Bewölkung.

Abb. 1: April 1858: Der Zollbeamte Andreas Bärtsch notierte drei Mal täglich den Thermometerstand, die Niederschlagsart, den Bewölkungsgrad und die Windrichtung im bündnerischen Martinsbruck (heute Martina). Am Monatsende sandte er seine Tabellen jeweils an Brügger.
WETTERDATEN IN DER ZEITUNG: «PERLEN VOR DIE SÄUE GEWORFEN»
Brügger folgte in seiner Zielsetzung der Auffassung des deutschen Forschungsreisenden Alexander von Humboldt, wonach «mittlere Zahlenwerthe der letzte Zweck» waren.8 Er strebte also eine langjährige statistische Erfassung von Wetterzuständen an, um das Bündner Klima gründlich zu erforschen. Brügger erhielt für sein Projekt Zuspruch von namhaften Wissenschaftlern. Der in Russland lehrende Ludwig Friedrich Kämtz – er gilt als Mitbegründer der modernen Meteorologie – bereiste 1858 die Schweiz und sprach voller Lob über das Bündner Netz.9 Auch Bernhard Studer, Geologieprofessor in Bern, verhiess Brügger, sein meteorologisches Netz werde «höchst ehrenvoll anerkannt werden».10 Klimastatistik, wie sie Brügger betrieb, war in der Meteorologie der 1850er-Jahre die dominierende Forschungsrichtung. Die Wetterprognostik sollte sich erst rund 20 Jahre später etablieren.11 Brügger beschäftigte sich also ausschliesslich mit bereits vergangenem Wetter. In den «Rheinquellen» publizierte er täglich seine eigenen Temperaturmessungen vom Vortag.12 Im Juni 1858 liess sich die Tageszeitung auf das Experiment ein, die Temperaturmessungen von 20 Stationen jeweils am Folgetag zu publizieren.13 Die teilnehmenden Beobachter erhielten dazu Postkarten, die sie nach der Messung am Mittag ausfüllten und mit der «Nachmittags-Post» nach Chur sandten.14 Obwohl die Übermittlung der Daten in den meisten Fällen gelang, wurden diese «Tagesberichte der freiwilligen Stationen für Witterungskunde von und für Bünden» nicht weitergeführt. Auch die Zusammenarbeit mit dem «Bündnerischen Monatsblatt» erwies sich nicht als dauerhaft. Brügger hatte seinen Korrespondenten versprochen, dass die rechtzeitig zugesandten Beobachtungen in der Monatszeitschrift publiziert würden.15 Ab Januar 1858 erschien dann auch unter der Rubrik «Chronik» jeden Monat eine ganzseitige Zusammenstellung der meteorologischen Aufzeichnungen. Doch bereits nach sechs Monaten wurden diese Tabellen wieder aus dem Heftinhalt gestrichen. Agostino Garbald, Zolldirektor in Castasegna an der schweizerisch-italienischen Grenze und meteorologischer Beobachter, machte für den Publikationsstopp das mangelnde Interesse des Lesepublikums verantwortlich:

Abb. 2: «Perlen vor die Säue geworfen»: Das öffentliche Interesse an Brüggers Wetterdaten hielt sich in Grenzen. Tabelle aus dem «Bündnerischen Monatsblatt», 5. 5. 1858.
«Wer nicht halb oder wenigstens viertels Meteorologe ist, interessiert sich für die Sache gar nicht; ganz vernünftige und auch ordentlich gebildete Leute fragen nicht selten, was solche Beobachtungen nüzen, und aus ihrem spöttischen Lächeln und mitleidigen Achselzukken nimmt man wahr, dass sie Einen, wenigstens in dieser Beziehung, für einen Halbnarren haben. Es ist sich demnach nicht zu verwundern, dass solche Leute die meteorologischen Beobachtungen nicht würdigen, und jede Zeile bedauern, die dieselben dem Zeitungsklatsche entrükken. Wir haben Perlen vor die Säue geworfen.»16
Es war also nicht gelungen, die Leserschaft von der Wichtigkeit der meteorologischen Beobachtungen zu überzeugen. Auch Brüggers Argument, dass die Landwirtschaft von der Kenntnis des lokalen Klimas profitieren würde, vermochte das Interesse nicht zu steigern.17 Mit aufklärerischem Enthusiasmus hoffte Brügger indes weiter darauf, dass aus jedem «Saulus noch ein Paulus der Meteorologie» würde.18
METEOROLOGIE IM DIENST DER TOURISMUSFÖRDERUNG
Weit mehr Begeisterung als bei Zeitungslesenden riefen die Wetterdaten in der Tourismusbranche hervor. Die Temperatur- und Niederschlagsmessungen ermöglichten es, die Annehmlichkeit des örtlichen Klimas in wissenschaftlicher Manier zu beweisen, und eröffneten somit wirtschaftliches Potenzial. Brügger beschäftigte sich intensiv mit den klimatischen Besonderheiten des Kantons Graubünden. Bereits 1858 entstand eine Zusammenarbeit mit der Heilquellen-Gesellschaft in St. Moritz. Die private Gesellschaft verwaltete die Mineralquellen des aufstrebenden Kurorts. Das lokale Klima hatte jedoch in der «neuesten Touristen-Literatur» einen schlechten Ruf. Zu Unrecht, wie Brügger anhand seiner Messdaten ausführte.19 Brügger erhielt 1860 von der Heilquellen-Gesellschaft den Auftrag, eine kurmedizinische Schrift über St. Moritz mit einem klimatologischen Beitrag zu ergänzen.20 Eine weitere Auftragsarbeit, die mit 275 Franken entlohnt wurde, verfasste er für St. Moritz und Bormio gemeinsam.21 Die Mineralquellen des italienischen Bormio waren seit 1859 in Privatbesitz von Nationalrat Andreas Rudolf von Planta, der gleichzeitig als Präsident der St. Moritzer Heilquellen-Gesellschaft amtierte. Sowohl in St. Moritz als auch in Bormio erfassten die Angestellten der Kuranstalten nach Brüggers Vorgaben täglich meteorologische Daten, die sie ihm regelmässig zur Korrektur und Bearbeitung zusandten. In einem «Werk fuer allerlei Publicum» über die Thermen von Bormio wies Brügger mithilfe dieser Messungen nach, dass die dortigen Temperaturen diejenigen von diversen europäischen Kurorten auf gleicher Meereshöhe übertrafen und es in Bormio verhältnismässig wenig regnete.22 Eduard Killias, der Präsident der Naturforschenden Gesellschaft Graubündens, lobte Brüggers vergleichende Klimatologie als «sehr belehrend».23 Ihm zufolge war es den klimatischen Verhältnissen zu verdanken, dass die Bündner Kurorte «die Koncurrenz mit altberühmten Weltbädern» nicht zu scheuen brauchten.24 Nutzniesser des Gesundheitstourismus und Naturforscher behaupteten gleichermassen einen spezifischen Charakter der Natur in ihrem Kanton. Brüggers datenbasierte Argumentation machte aus der unbewiesenen Behauptung von der klimatischen Vorzüglichkeit Graubündens eine belegte Tatsache.

Abb. 3: Die 1860 veröffentlichte Auftragsarbeit für die Heilquellen-Gesellschaft sollte beweisen, dass das Oberengadin «angenehme Temperaturverhältnisse» wie kein «zweites Land» in Europa auf einer Höhe von rund 1800 Metern über Meer biete. Ansicht von St. Moritz um 1885.
VOM ANFÄNGLICHEN ENTHUSIASMUS ZUM «JOCH» DES TÄGLICHEN BEOBACHTENS
Um wissenschaftlich anerkannte Klimastatistik zu betreiben, waren ununterbrochene Messreihen elementar. Viele Messnetze des 19. Jahrhunderts scheiterten jedoch an der Unzuverlässigkeit von Beobachtern, die der mühsamen Arbeit überdrüssig geworden waren. Auch für Brügger wurde die Disziplin unter seinen freiwilligen Mitarbeitenden zum Problem.25 Er sah die meteorologischen Beobachter als naturforschendes «Frei-Corps», das im ganzen Kanton wissenschaftlichen Enthusiasmus «ins Feld bestellt» habe, nun aber von den «nahenden feindlichen Geistern der Anergia und Inertia», der Untätigkeit und Trägheit, bedroht werde.26 Jeden Tag frühmorgens und mittags Wetterbeobachtungen präzis zu notieren und bei jeder Abwesenheit einen Stellvertreter zu organisieren, empfanden die meisten Beteiligten als mühsame Tätigkeit. Die einen hielten durch und erfüllten gewissenhaft ihre Verpflichtung, andere brachen ihre Aufzeichnungen aus Zeitmangel oder Motivationsgründen ab. Die Pfarrerstochter Süsette Gyger, die drei Jahre lang als Beobachterin für Brügger gearbeitet hatte, bekundete nach einem Wohnortswechsel, sie sei froh, dass sie das «Joch» der meteorologischen Aufzeichnungen nun habe «abschütteln» können.27 Einige Beobachter begründeten ihren Abbruch der Messungen mit dem Hinweis, dass sie lange Zeit nichts vom «Fortgang der Sache» gehört hätten.28 Der Beobachter in St. Antönien, an der Grenze zu Österreich gelegen, gewann sogar den Eindruck, Brügger interessiere sich «nicht sonderlich» für seine Arbeit.29 Ohne Kapazitäten für eine intensive Betreuung versuchte Brügger seine Mitarbeitenden zu motivieren, indem er die wissenschaftliche Bedeutung ihrer Arbeit unterstrich und eine baldige gesellschaftliche Anerkennung «dieser jüngsten Frucht vom naturwissenschaftlichen Erkenntnisbaume» versprach.30 Bis dahin sollten die Beobachter «unbekümmert um persönliche Vortheile wie um Lob oder Tadel der Menge» ausharren. Zudem stellte Brügger die wissenschaftliche Tätigkeit als patriotischen Dienst am Bündnerland dar, indem er appellierte, «den hohen Idealen von Vaterland und Wissenschaft seine Kräfte zu weihen».31
1859 musste Brügger seinen eigenen «Dienst» am Bündnerland massiv einschränken. Er trat eine Stelle als Konservator der botanischen Sammlungen am Polytechnikum in Zürich an und konnte sich nicht mehr um die Berechnung und Redaktion der Tabellen kümmern.32 Seinen Korrespondenten hatte er zuvor mitgeteilt, dass es ihm nicht gelungen sei, einen Nachfolger zu finden. Er hielt sie dazu an, wie bisher mit den Beobachtungen weiterzufahren und die ausgefüllten Tabellen gut aufzubewahren, damit er sie später einsammeln könne.33 «Wir wollen Halleluja singen, wenn alle ausgestellten meteorologischen Schilderungen bis zu Ihrer Rückkehr auf ihren Posten ausharren», kommentierte Agostino Garbald dazu.34 Brüggers Freund und Beobachter in Castasegna befürchtete, das meteorologische Netz werde ohne Leitung innert kurzer Zeit «zerstäuben». Auch das «Bündner Tagblatt» schätzte die Überlebenschancen des Projekts ohne Brüggers Präsenz gering ein.35 Die Zeitung rief die Naturforschende Gesellschaft Graubündens dazu auf, finanzielle Unterstützung zu leisten. Diesem Aufruf entsprach der Verein insofern, als er 1860 damit begann, Beobachtungstabellen aus dem meteorologischen Netz in seinen Jahresberichten zu publizieren. Diese Rubrik wurde laufend ausgeweitet und umfasste bald mehr als einen Drittel des Inhalts. So erschienen in den Jahresberichten die mehrjährigen Aufzeichnungen von rund 50 Stationen. Fortlaufende Beobachtungsreihen seit 1856 lieferten die wenigsten Stationen, sei es, weil die Beobachter ihre Arbeit abgebrochen hatten, sei es, weil sie die ausgefüllten Tabellen verloren hatten. Ein Oberengadiner Beobachter teilte mit, er habe nicht damit gerechnet, dass seine Aufzeichnungen je veröffentlicht würden, und deshalb seien diese nahezu unleserlich.36
DIE GRÜNDUNG DES NATIONALEN NETZES: NEUE STANDARDS UND HIERARCHIEN
Das angestiegene Interesse innerhalb der Naturforschenden Gesellschaft Graubündens an den meteorologischen Beobachtungen stand in Zusammenhang mit dem ab 1860 laufenden Projekt eines landesweiten Beobachtungsnetzes. Die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft richtete mit finanzieller Unterstützung des Bundesstaats landesweit 88 Stationen ein und schuf in Zürich die Meteorologische Zentralanstalt, welche die Tabellen ab Dezember 1863 sammelte, kontrollierte und publizierte. Im Grund verfolgten die Organisatoren des schweizerischen Netzes dasselbe Ziel wie Brügger: eine Klimastatistik für ein bestimmtes Gebiet auf der Grundlage von mehrjährigen, synchronen Messungen mit abgeglichenen Instrumenten. Die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft sah die Chance eines landesweiten Beobachtungsnetzes hauptsächlich darin, über viele und vergleichbare Daten zu verfügen. Mit den Beobachtungsresultaten der 88 Stationen sollte die Wirkung der Topografie, insbesondere der Alpen, auf das Wetter untersucht werden.37 Die Projektkoordination und Verwaltung der Daten lag in den Händen der Zentralanstalt, die eine grosse Datenmenge, über 1000 Monatstabellen pro Jahr, zu verwalten hatte. In der Zentralanstalt wurden die einzelnen lokalen Wetterdaten zu Puzzleteilen eines grossen Ganzen, des Schweizer Klimas. Die solcherart kreierte Vorstellung eines schweizerischen Naturraums wurde als Beitrag zur Schaffung einer nationalen Identität gesehen. So bezeichnete die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft ihr meteorologisches Projekt als «wahrhaft patriotisch» und sprach von einem «grossen vaterländischen Unternehmen».38 Auch Brügger hatte sein Projekt als patriotisches Handeln verstanden, nur war der Bezugsrahmen nicht die Nation, sondern der Kanton, sein «theures Heimathland Graubünden», gewesen.39

Abb. 4: Der Knotenpunkt des nationalen Netzes war die Meteorologische Zentralanstalt, die sich bis 1880 im zweiten Obergeschoss der Sternwarte in Zürich befand. Sie erhielt pro Jahr über 1000 Beobachtungstabellen aus der ganzen Schweiz zugesandt. Undatierte Fotografie.
Das nationale Projekt war für die Bündner eine Chance, sich als Vorreiter zu profilieren, denn neben Graubünden hatten nur Thurgau, Bern und Solothurn bereits Beobachtungsnetze errichtet.40 Brügger schrieb 1862 an seine Beobachter, die Veröffentlichung aller Tabellen aus dem Bündner Netz stehe «im Interesse unseres Heimat-Kantons», der «seinen Mitständen und dem Bund in nachahmungswürdiger Weise vorangegangen» sei.41 Die Organisatoren des nationalen Netzes warfen Brügger allerdings zahlreiche Mängel vor. Seine Beobachtungsdaten könnten «nur Resultate von sehr beschränkter und bedingter Wichtigkeit zu Tage fördern», weil sie keine Luftdruck- und Luftfeuchtigkeitsmessungen enthielten und nicht alle zu denselben Tageszeiten erhoben worden waren.42 Zudem seien Brüggers Thermometer qualitativ ungenügend. Diejenigen Beobachter, die aus dem bündnerischen in das nationale Beobachtungsnetz übergingen, rüstete die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft deshalb komplett neu aus.43 Brügger erfüllte also die neuen Standards des nationalen Netzes nicht, die von einer Kommission aus Professoren definiert worden waren. Auch die Meteorologische Zentralanstalt hielt Brüggers Arbeit für wissenschaftlich unbrauchbar und gestand ihm lediglich zu, «den Sinn für meteorologische Beobachtungen und klimatologische Erfahrungen» geweckt zu haben.44 Obwohl die Organisatoren des nationalen Netzes Brüggers Arbeit als unwissenschaftlich klassifizierten, profitierten sie dennoch davon. Die 19 Bündner Beobachter, die als Mitarbeiter des nationalen Beobachtungsnetzes ausgewählt wurden, verfügten anders als die meisten Inhaber der insgesamt 88 nationalen Stationen bereits über Erfahrung. Der Leiter der Zentralanstalt schrieb denn auch an Brügger, man merke, dass er im Kanton Graubünden «bereits Jahre lang Beobachter erzogen» habe.45 Vergleiche man die monatlich eingereichten Tabellen der Beobachtungsstation auf dem Julier mit denjenigen von Marchairuz, so seien die bündnerischen Beobachtungen wie «Rosoli» (Likör), die Waadtländischen hingegen wie «Charesalb» (Wagenschmiere).
Die Mehrheit der Beobachter im nationalen Netz hatte nach wie vor keine naturwissenschaftliche Ausbildung. Von den total 88 waren über die Hälfte Lehrer oder Pfarrer.46 Für die 19 Bündner Beobachter, die nun für das nationale Netz ihre Messungen machten, wurde die Tätigkeit bedeutsamer und prestigeträchtiger, obwohl sie nach wie vor unbezahlt war. Für die restlichen Stationen, die Brügger initiiert hatte, wurde eine Fortführung der Messungen sinnlos, da sie den neuen Standards nicht entsprachen und somit nicht mehr gefragt waren. Im Auftrag der Zentralanstalt in Zürich das Wetter aufzuzeichnen, veränderte die tägliche Arbeit der Bündner Beobachter kaum, ausser dass sie neue Instrumente erhielten und die Beobachtungszeiten leicht verschoben wurden. Die Vorschriften waren nun allerdings akribischer und die Kontrollen strenger. Die eingesandten Resultate verglich die Zentralanstalt mit solchen aus nah oder gleich hoch gelegenen Orten und ermahnte die Beobachter bei auffälligen Abweichungen. Während sich Brügger als Leiter des Bündner Netzes stets als «Mitbeobachter» verstanden hatte, war im nationalen Netz das Machtverhältnis zwischen den Berufswissenschaftlern in Zürich und den Beobachtern als ihren Gehilfen eindeutig festgelegt. Für Brügger, der weder Laie noch Fachmann war, gab es in der neu geschaffenen Hierarchie zwischen der nationalen Institution und den Laienbeobachtern keine Rolle mehr, die seiner früheren Tätigkeit als Koordinator entsprochen hätte.

Abb. 5: Im Werbeprospekt «Alpen-Kurort Churwalden» präsentierte Brügger die idealen Verhältnisse für den Gesundheitstourismus: milde Sommertemperaturen, wenig Regen und nur selten Gewitter.
«DIE UNERBITTLICHE LOGIK DIESER ZAHLEN»: BRÜGGER ALS SPEZIALIST FÜR KLIMAFRAGEN
In seiner Rolle als Auftragsautor für Kurorte profitierte Brügger davon, dass er dank dem schweizerischen Netz breiter anerkannte meteorologische Daten zur Verfügung hatte. Er konnte die klimatische Vorzüglichkeit nun mit den Resultaten der Meteorologischen Zentralanstalt belegen. Der Verweis auf die nationale Institution wirkte als Garantie für die Gültigkeit der Methoden und die Exaktheit der Resultate. Zudem erleichterte das nationale Beobachtungsnetz klimatologische Vergleiche innerhalb der Schweiz. Diese neue Möglichkeit nutzte Brügger 1865, als er seinen Heimatort Churwalden darin unterstützte, sich als Kurort zu vermarkten. Das Dorf mit 600 Einwohnern, acht Kilometer von Chur entfernt und an der Passstrasse zur Lenzerheide gelegen, versuchte sich in den 1860er-Jahren als gesundheitstouristische Destination zu etablieren. Eines der beiden Hotels in Churwalden gehörte einem Verwandten Brüggers, dem Landschreiber Johann Georg Brügger. Für ihn verfasste Brügger einen Prospekt sowie ein Zeitungsinserat mit dem Titel «Alpen-Kurort Churwalden».47 Hauptelement des Werbetextes war eine Tabelle, in der Brügger die Churwaldner Temperaturmessungen denjenigen von neun Schweizer Orten gegenüberstellte.
Nach den Zahlen, die Brügger der offiziellen Publikation der Zentralanstalt entnahm, hatte es in den Monaten Juni, Juli und August 1864 in Churwalden halb so viel geregnet wie in Beatenberg im Berner Oberland, Gewitter waren drei Mal seltener als in Zürich, und die Durchschnittstemperatur war höher als auf dem 200 Meter tiefer gelegenen Chaumont bei Neuenburg. Brügger kommentierte die Vergleichstabelle mit den Worten: «Nichts kann beredter und überzeugender sein, als die unerbittliche Logik dieser Zahlen.»48 Weitere schlagkräftige Argumente für die «Ausnahmsverhältnisse von Churwalden» bot der Genfer Professor Emile Plantamour in einer Analyse der Wintertemperaturen des schweizerischen Netzes.49 Er hatte für verschiedene Höhenlagen einen Durchschnittswert berechnet. Churwalden übertraf diesen Wert um 2,83 Grad Celsius und wies damit die grösste positive Anomalie unter 69 verglichenen Stationen auf.50 Die zweistellige Dezimalzahl 2,83 vermittelte eine Exaktheit, die ein meteorologisches Netz mit menschlichen Beobachtern nicht leisten konnte. Doch Brügger interessierte sich nicht für eine Relativierung der Resultate, sondern nahm die Zahlen als wissenschaftlichen Beweis für die idealen Wetterverhältnisse in Churwalden. Mildes Alpenklima wurde zunehmend als Hauptfaktor zur Wiederherstellung von Gesundheit angesehen. Im starken Konkurrenzkampf unter den Schweizer Kurorten konnte sich Churwalden deshalb als «klimatischer Höhenkurort» positionieren.

Abb. 6: Von 1870 bis 1898 arbeitete Brügger als Lehrer an der Kantonsschule Chur. Auf dem Gebiet der Naturforschung galt er als «der beste Kenner» des Kantons Graubünden. Undatiertes Porträt.
Auch in Tunnelbaufragen brachte Brügger klimatologisches Wissen ins Gespräch. Während der langjährigen Auseinandersetzung um den besten Standort für einen alpenquerenden Tunnel, in der sich am Ende die Befürworter des Gotthardtunnels durchsetzen sollten, versuchte Brügger Anfang 1864, die Vorteile des Lukmaniers darzulegen. Er untersuchte dazu in beiden Regionen die Verbreitung von Pflanzen, woraus er auf die Temperatur- und Niederschlagsverhältnisse schloss. Aus dem Vergleich der Vegetation ging für Brügger hervor, dass der Lukmanier in klimatologischer Hinsicht «von Seite der Natur» eindeutig bevorzugt werde.51 Diese Verbindung von Botanik und Klimatologie war typisch für Brügger. Sein Interesse an Wetterzuständen war aus der Beschäftigung mit der Botanik, seinem lebenslangen Forschungsschwerpunkt, entstanden. Brügger ging davon aus, dass Veränderungen in der Vegetation zu Klimaveränderungen führten und nicht etwa umgekehrt. Die Abholzung im Kanton Graubünden kritisierte er deshalb scharf. Als im Mai 1858 grosse Schneefälle auftraten, stellte er diese in Zusammenhang mit der Entwaldung. Die direkte Ursache des «in seinem Gleichgewicht gestörten, in seinem innersten Triebwerk verletzten, daher unregelmässiger und excessiver gewordenen Klimas» war für ihn die Abholzung der Bergwälder.52 Ob bei Tunnelprojekten oder forstwirtschaftlichen Fragen, Brügger nahm an vielen Diskussionen im Kanton Graubünden aktiv teil. Für ihn waren seine naturwissen schaftlichen Untersuchungen Ausdruck seiner «unauslöschlichen Anhänglichkeit und Begeisterung» für sein «theures Heimathland Graubünden».53
LOKALKUNDE FERNAB DER WISSENSCHAFTLICHEN ZENTREN
Nach zehnjährigem Aufenthalt in Zürich kehrte Brügger 1870 in seinen Heimatkanton zurück und unterrichtete in den folgenden 28 Jahren als Kantonsschullehrer in Chur Naturgeschichte und Geografie. Während dieser Zeit war er ein aktives Mitglied in der Naturforschenden Gesellschaft Graubündens, von 1873 bis 1879 deren Vizepräsident. Insgesamt hielt Brügger an den Vereinsversammlungen über 50 Vorträge.54 Das Themenspektrum, das von botanischen Raritäten des naturhistorischen Museums über Wanderheuschrecken, Föhnwind und Fischerei bis hin zu Steinkohlevorkommnissen reichte, zeugt von seinem breiten Interessenhorizont.55 Aufgrund dieser vielseitigen wissenschaftlichen Tätigkeit wurde Brügger «zur alten Schule der Naturforscher» gerechnet.56 Der spätere Präsident der Naturforschenden Gesellschaft Graubündens schrieb anlässlich Brüggers Tod 1899, der Verstorbene sei «der beste Kenner unseres schönen Bündnerlandes» gewesen und «weit umher als solcher bekannt, viel citiert und consultiert».57
Die «alte Schule» der Naturforscher war in den neuen wissenschaftlichen Institutionen kaum vertreten. Die Berufswissenschaftler in akademischen Zentren wie Zürich grenzten sich zunehmend gegen Forscher ohne Hochschulanbindung ab. Während Brüggers floristische Beiträge, an denen er jahrelang gearbeitet hatte, in Graubünden Anerkennung fanden, lautete das Urteil der Botaniker an den Universitäten ganz anders. Die meisten seiner Beschreibungen von Pflanzenarten galten in akademischen Kreisen als Irrtümer.58 Die heftige Kritik ging nicht spurlos an Brügger vorbei. Er lebte zurückgezogen und fuhr in seiner Freizeit unentwegt fort, botanische, zoologische, klimatologische und historische Materialien zum Kanton Graubünden zusammenzutragen. Das als Synthese seiner grossen Pflanzensammlung geplante Werk «Die Flora des Kantons Graubünden» vollendete er nie. Zu einem erfolgreichen Abschluss brachte er hingegen ein Projekt, das seine historischen und meteorologischen Interessen kombinierte. In sechs Bänden gab Brügger von 1876 bis 1888 im Selbstverlag die «Natur-Chronik der Schweiz insbesondere der rhätischen Alpen» heraus, eine Auflistung der Wetterereignisse in Graubünden vom 11. bis zum 18. Jahrhundert. Dem ersten Band stellte er das Motto voran: «Der Meteorolog ist nichts als Geschichtsschreiber der Witterung: er hat es nur damit zu thun, die Gesetze der vergangenen Ereignisse aufzusuchen.»59 Während also die Meteorologische Zentralanstalt in Zürich Ende der 1870er-Jahre ihren primären Arbeitsbereich der Klimastatistik um die Wetterprognostik erweiterte, ging Brügger der Meteorologie nunmehr in Form einer Naturgeschichte nach. In Zürich würdigte man seine mühevollen Recherchen für die «Natur-Chronik», aber gleichzeitig hielt man ihm vor, dass er diese Materialsammlung nicht wissenschaftlich weiterverarbeitet habe.60 Die Praktiken der «alten Schule der Naturforschung», die hauptsächlich im Sammeln, Beschreiben und Auflisten bestanden, reichten in den wissenschaftlichen Zentren nicht mehr zur Anerkennung. Der Institutionalisierungsprozess führte Ende des 19. Jahrhunderts schliesslich zur Aufteilung der Naturforschung in akademische Wissenschaft einerseits und untergeordnete Hobbytätigkeit andererseits.
BERNHARD C. SCHÄR
EVOLUTION, GESCHLECHT UND RASSE
Darwins Origin of Species in Clémence Royers Übersetzung
Der Ausgangspunkt jeglicher Politik muss lauten: «Die Menschen sind von Natur aus ungleich.»1 So formulierte es Clémence Royer 1862 im Vorwort ihrer Übersetzung von Charles Darwins Werk «On the Origin of Species» (Deutsch: Über die Entstehung der Arten). In diesem epochenmachenden Buch präsentierte der Engländer 1859 erstmals seine Theorie über die Geschichte der Natur. Nicht Gott würde Tiere und Pflanzen erschaffen, sondern die «natürliche Selektion». Im Wettbewerb um beschränkte natürliche Ressourcen überlebten jene Arten, die am besten an die Umwelt angepasst seien. Dadurch würden sich die Arten beständig weiterentwickeln und verändern.2
Die französische Philosophin Clémence Royer (1830-1902) übersetzte Darwins Werk in der Stadtbibliothek Lausanne ins Französische. Sie fügte dem Buch nicht nur zahlreiche Kommentare in Fussnoten, sondern auch ein 60-seitiges Vorwort bei. Dieses sorgte in der französischsprachigen Welt für ähnlich viel Wirbel wie Darwins Theorie selbst. Der Grund hierfür war, dass Royer «mehr noch als Herr Darwin», wie sie in ihrem Vorwort erklärte, «viele Hypothesen»3 wagte:
«[D]as Gesetz der natürlichen Selektion zeigt, auf den Menschen angewendet, in überraschender und zugleich schmerzhafter Weise, wie falsch unsere bisherigen politischen und gesellschaftlichen Gesetze wie auch unsere religiöse Moral gewesen sind.»4
Die Moral «unserer christlichen Ära» zeichne sich durch eine «Übertreibung dieses Mitleids, dieser Wohltätigkeit, dieser Brüderlichkeit» gegenüber Schwachen, Kranken und Armen aus. Diese würden «schwer auf den Schultern der Gesunden lasten» und «drei Mal mehr Platz an der Sonne beanspruchen als gesunde Individuen!»5
«Was folgt aus diesem exklusiven und unklugen Schutz für die Schwachen, die Kranken, die Unheilbaren, selbst für die Bösartigen, für alle, die gegenüber der Natur in Ungnade gefallen sind? Nichts anderes, als dass das Übel, unter dem sie leiden, dazu tendiert, bis in alle Ewigkeit fortzubestehen und sich zu vervielfältigen; dass dieses Übel sich vergrössert anstatt sich verkleinert; und dass es sich auf Kosten des Guten vermehrt.»6
Jahre bevor der Begriff Eugenik erfunden wurde, 7 war Royer 1862 eine der ersten Intellektuellen, die solche Schlussfolgerungen aus Darwins Theorie ausformulierte. Obschon sie dies nicht explizit schrieb, legten ihre Äusserungen nahe, dass es im «Kampf ums Dasein» besser sein könnte, Schwache, Kranke und Pflegebedürftige sterben zu lassen oder ihre Fortpflanzung zu verhindern.
Mit dieser Haltung verkörperte Royer einerseits wesentliche Merkmale des zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Denkens. In einer Zeit, als Frauen in Europa nicht nur von politischen Ämtern, sondern auch von Universitäten ausgeschlossen waren, war Royer aber andererseits eine Ausnahmeerscheinung. Sie war eine der wenigen Frauen in der französischsprachigen Welt, die sich auf Augenhöhe mit den grössten Theoretikern ihrer Zeit intellektuell duellierten. Sie vertrat in diesen Debatten einen pointiert feministischen Standpunkt.8 Dieser unterschied sich nicht nur von den vielfältigen Theorien ihrer Zeitgenossinnen (und erst recht von den Theorien all ihrer männlichen Zeitgenossen), sondern auch von den feministischen Theorien ihrer Nachfolgerinnen. Während etwa Royers Landsfrau Simone de Beauvoir fast ein Jahrhundert später proklamierte, dass man nicht als Frau geboren, sondern durch die Gesellschaft zu einer solchen gemacht werde, 9 hielt Royer an der Auffassung fest, dass Menschen entweder als Männer oder als Frauen geboren würden und von Natur aus ungleich seien. Das Originelle an Royers Argument war jedoch, dass gerade diese natürliche Ungleichheit der Grund sei, weshalb Frauen (zumindest solche der «weissen Rasse», wie wir sehen werden) dieselben Rechte und Chancen wie Männer erhalten sollten. Royer entwickelte diese Sichtweise in einer feministischen Evolutionstheorie. Von ihren männlichen Zeitgenossen wurde diese allerdings weitgehend ignoriert, weshalb Royer nach ihrem Tod schnell in Vergessenheit geriet.10 Im 20. Jahrhundert flackerte die Erinnerung an sie zunächst periodisch in feministischen Zeitschriften wieder auf.11 Als sich ab den 1980er-Jahren die Frauen- und Geschlechtergeschichte etablierte, erschienen zwei wissenschaftliche Biografien – eine von der französischen Philosophin Geneviève Fraisse und eine von der amerikanischen Wissenschaftshistorikerin Joy Harvey.12

Abb. 1: Die Bibliothek in Lausanne um 1900.

Abb. 2: Das Titelblatt von Clémence Royers erster Darwin-Übersetzung. Für die zweite französische Auflage von 1866 entfernte Royer auf Geheiss Darwins den Begriff «Fortschritt» im Untertitel. Für die dritte Auflage von 1869 entzog ihr Darwin seine Autorisation.
Das Hauptanliegen dieser Biografinnen war es, Royers Beiträge zur feministischen Theoriebildung und zur Biologie zu rekonstruieren und zu würdigen. Hier soll ein anderer Aspekt von Royers Denken ins Zentrum gerückt werden, der in der bisherigen Literatur zwar nicht ignoriert, jedoch nur am Rand behandelt wurde: der Rassismus. Dieser war sowohl für ihren Feminismus als auch für die von ihr mitgeprägte Darwin-Rezeption elementar.13 Zugleich lassen sich Einblicke in die Rolle der Schweiz als Drehscheibe zwischen den französischen, deutschen und englischen Wissenschaftsgemeinschaften gewinnen. Zentrale und bis heute einflussreiche Theorien des 19. Jahrhunderts wurden über die Schweiz ausgetauscht. Es handelt sich um Theorien der Evolution, der Rassen und der Geschlechter.
WESHALB ROYER?
Royers Weg zur Darwin-Übersetzerin war alles andere als geradlinig.14 Sie kam 1830 in Nantes zur Welt. Ihr Vater war Offizier und unterstützte die französische Monarchie. Royers Mutter stammte ebenfalls aus einer Offiziersfamilie. 1832 flohen die Royers in die Schweiz, da der Vater für seine Unterstützung der antirevolutionären Kräfte zum Tod verurteilt worden war. Die Familie liess sich für drei Jahre am Genfersee nieder. 1835 kehrte sie nach Paris zurück. Der Vater wurde vor Gericht begnadigt. Später zog die Familie in die Provinz, wo die junge Clémence ein katholisches Internat besuchte. Die Erfahrung scheint traumatisch gewesen zu sein. Royer bezeichnete sie später als intellektuelle «Vergewaltigung», was ihre späteren scharfen antireligiösen Attacken erklärt.15 Die Emanzipation von der katholischen Indoktrination erfolgte schrittweise. Während der 1848er-Revolution lebte Royer wieder in Paris, was ihren Wandel zur Republikanerin eingeleitet habe. Sie machte eine Ausbildung zur Lehrerin. Zwischen 1853 und 1855 unterrichtete sie in Grossbritannien Französisch und Musik. Zugleich lernte sie Englisch, was ihr später als Darwin-Übersetzerin zugute kommen sollte. Kaum nach Paris zurückgekehrt, erlebte Royer jedoch, wie die neue, konservative französische Regierung Gesetze gegen die Mädchen- und Lehrerinnenbildung erliess. Royer sah ihre Berufsaussichten schwinden. «Wie eine zweite Jeanne d’Arc, […] jedoch nur mit einer Schreibfeder bewaffnet, verliess ich Frankreich, der katholischen Kirche den Krieg erklärend», schrieb sie Jahre später im Rückblick auf ihr Leben.16 Sie liess sich ab Sommer 1856 zunächst im protestantischen Lausanne nieder, zog wenig später jedoch in das etwa zehn Kilometer weiter östlich gelegene Dorf Cully.
In einem kleinen Bauernhaus mietete sie ein acht Quadratmeter grosses Zimmer. In dieser Kammer, hoch über dem Genfersee gelegen, begann schliesslich «die heroische Phase meines Lebens», hielt sie rückblickend fest: «Mein Leben erfuhr eine schicksalhafte Wendung. Ermöglicht wurde sie durch meine Begegnung mit der Bibliothek in Lausanne.»17

Abb. 3: Cully heute: In diesem Bauernhaus lebte Royer zwischen 1856 und 1859. Die Plakette unter dem Fenster ihrer damaligen Kammer wurde 1912 von der Waadtländer Freidenkervereinigung zu Royers zehntem Todestag angebracht. Auf ihr heisst es: «In Erinnerung an Clémence Royer 1856. Hier erwachte ihr Genie.»
EIN STRAUSS BLUMEN AUS DER WIESE DES WISSENS
Die Bibliothek in Lausanne gehörte zur Akademie, der späteren Universität, und war sehr gut bestückt. Royer las sich während rund dreier Jahre systematisch in die wichtigsten sozial- und naturwissenschaftlichen Theorien ihrer Zeit ein. Die Bücher liess sie sich per Post nach Cully schicken. Manchmal legte sie den elf Kilometer langen Weg auch zu Fuss zurück. Was die wissenschaftliche Lektüre für Frauen des 19. Jahrhunderts bedeuten konnte, reflektierte Royer 1859:
«Es gibt mehr als zehntausend Wörter, die Frauen niemals ausgesprochen gehört haben, deren Bedeutung sie nicht kennen. […] Auch ich selber war eine Zeit lang stark eingeschüchtert von der Wissenschaft. Ich fand sie langweilig und fad […] und glaubte, sie sei nutzlos. Es reichten jedoch einige anständig geschriebene Seiten, einige glückliche Erklärungen aus der Feder einiger weise gebildeter Personen, die die Nacht meines Geistes wie ein Blitz erhellten. Da wurde mir gewahr, dass die Männer der Wissenschaft ihr Wissen mit einem Hag voller Dornen umzäunt hatten. Auf der anderen Seite des Zauns ist dieser Garten jedoch voller Blumen. Also entschied ich, ein Loch in diesen Zaun zu hauen oder, falls nötig, über ihn hinüber zu springen.»18
Die Passage stammt aus einer der ersten öffentlichen Vorlesungen, die Clémence Royer ab 1859 in der Akademie in Lausanne für Frauen hielt. In der zitierten Gartenmetapher erklärte Royer ihren Zuhörerinnen: «Ich betrat die Wiese und pflückte einen Blumenstrauss. Diesen Strauss offeriere ich Ihnen heute.»19
Eine von Royers Zuhörerinnen war, wie ihre Biografin Joy Harvey vermutet, Marie Forel, eine gebildete Frau aus der Familie bekannter Westschweizer Naturwissenschaftler. Forel führte einen Salon, in dem die gebildeten Eliten der Stadt verkehrten. Dazu gehörten etliche republikanische Exilanten aus Frankreich, die an der Lausanner Akademie lehrten. Einer davon war der politische Ökonom Pascal Duprat (1815-1885), der Clémence Royers grosse Liebe werden sollte. Duprat war bereits verheiratet, lebte jedoch ab den frühen 1860er-Jahren bis zu seinem Tod 1885 mit Clémence Royer und einem gemeinsamen Sohn in wilder Ehe. Bereits ab 1858 begann Royer in der von Duprat herausgegebenen Zeitschrift «Le Nouvel Economiste» Rezensionen und später Artikel zu schreiben. 1860 schrieb der Kanton Waadt in Zusammenarbeit mit Duprats Zeitschrift einen Preis aus. Zu behandeln war die Frage, wie die Einkommenssteuer reformiert werden könne. Royers Arbeit erhielt den zweiten Preis und wurde als Buch publiziert. Damit wurde Royer international bekannt. Sie erhielt Einladungen zu wissenschaftlichen Konferenzen sowie zu Vorträgen in weiteren Städten in der Schweiz, in Frankreich und in Italien.20
«… ONE OF THE CLEVEREST AND ODDEST WOMEN IN EUROPE …»
Von Darwins «Origin of Species» dürfte Royer, wie ihre Biografin Joy Harvey vermutet, erstmals 1860 in Genf gehört haben, wohin sie Duprat begleitet hatte und wo sie Vorlesungen hielt. Im Unterschied zu den Pariser Naturwissenschaftlern reagierten die westschweizerischen relativ positiv auf das Werk des Engländers.21 Allen voran der deutsche Emigrant Carl Vogt (1789-1861). Der spätere Gründungsrektor der Universität Genf und Genfer Vertreter im schweizerischen Ständerat wurde zu einem der radikalsten Befürworter des Darwinismus.22 Wie genau Royer zur Übersetzerin Darwins wurde, ist nicht völlig klar. Bekannt ist, dass Darwin familiäre Verbindungen nach Genf hatte. Möglicherweise kam ihr Name auf diese Weise ins Spiel. Darwin hatte sich bis dahin vergeblich bei französischen Freunden um eine Übersetzung bemüht. Für Royer sprachen nicht nur ihre Englischkenntnisse, sondern auch der Umstand, dass sie einen französischen Verleger hatte, der bereits ihr Buch über die Einkommenssteuer publiziert hatte und bereit war, die Übersetzung herauszugeben. Ausserdem hatte sie nicht nur die naturwissenschaftlichen Referenzwerke gelesen, auf denen Darwins Theorie aufbaute, sondern auch das Werk des Nationalökonomen Thomas Robert Malthus (1766-1834), das für Darwins Theorie eine wichtige Rolle spielte.

Abb. 4: Porträt der jungen Clémence Royer, vermutlich aus den 1860er-Jahren.
Darwin schickte Royer am 10. September 1861 eine Kopie seines «Origin» zu. Royer arbeitete schnell. Die gedruckte Übersetzung erreichte Darwin weniger als ein Jahr später im Sommer 1862. Amüsiert, aber auch beeindruckt von Royers Stil sowie insbesondere von ihrem Vorwort und den zahlreichen Kommentaren in den Fussnoten, schrieb Darwin einem Freund in den USA: «Madlle [sic] Royer muss eine der klügsten und ungewöhnlichsten Frauen in Europa sein […]. Sie landet einige ausgefallene und guten Schläge […]».23 Ihr selber soll er geschrieben haben, dass er ein «verlorener Mann» gewesen wäre, hätte er sich so explizite Schlussfolgerungen zu formulieren getraut wie sie.
Die Zusammenarbeit zwischen Royer und Darwin dauerte bis 1869. Dann endete sie in einem Eklat. Bereits vorher hatte es verschiedene Schwierigkeiten gegeben. Ein Problem war, dass Royer als Frau keine formale universitäre Ausbildung absolvieren konnte. Als Autodidaktin und Theoretikerin fehlten ihr praktische Erfahrungen etwa beim Sezieren von Tieren im Labor. Dies führte zu Missverständnissen bei der Übersetzung. Um diese möglichst gering zu halten, sollte sich Royer eigentlich vom Westschweizer Zoologen Edouard Claparède (1832-1871) beraten lassen, der sich mit einer sehr positiven und informierten Besprechung von Darwins Werk hervorgetan hatte.24 Claparède war jedoch kränklich. Es sei ihm, wie er Darwin nach Erscheinen der französischen Erstauflage schrieb, nicht gelungen, Royers Drang nach Kommentierung und Weiterentwicklung einzudämmen.25
Dass Übersetzer nicht bloss Texte von der einen in die andere Sprache übertrugen, sondern auch ihre eigene Lesart und Weltsicht in sie hineinlegten, war im 19. Jahrhundert indes nichts Ungewöhnliches. Mit Darwins erster deutscher Übersetzung war ähnliches passiert.26 Was nun Royer betraf: Sie sah in Darwins Werk in erster Linie eine empirische Bestätigung ihrer eigenen antiklerikalen, evolutionstheoretischen Philosophie, die sie sich in der Bibliothek Lausanne insbesondere durch die Lektüre des zwischenzeitlich etwas in Vergessenheit geratenen Naturforschers Jean-Baptiste Lamarck (1744-1828) erarbeitet hatte. Royer sah in Darwin folglich einen Verbündeten, dessen Lehre sie mit ihrem Vorwort und ihren Kommentaren einer möglichst breiten französischen Leserschaft näherbringen wollte. Wie ihre beiden Biografinnen herausgearbeitet haben, wich Royers Lesart jedoch in zwei Punkten von Darwins Lehre ab. Der eine Punkt betrifft die Traditionslinie zu Lamarck. Tatsächlich hatte auch dieser bereits davon gesprochen, dass sich tierische Arten an die Umwelt anpassen könnten und sich in der Generationenfolge verändern würden. Lamarcks Ideen waren jedoch spekulativ gewesen. Vor allem aber übersah Royer, dass Darwin mit seinem Konzept der natürlichen Selektion einen fundamental neuen Mechanismus einführte, der den Artenwandel nicht nur postulierte und beschrieb, sondern auch – auf andere Weise als Lamarck – erklären konnte. Die zweite Differenz zu Darwin bestand darin, dass Royer – wie so viele andere auch – die Evolutionstheorie als (Natur-) Gesetze des Fortschritts verstand, «des Lois du Progrès», wie sie den Untertitel übersetzte. In Darwins Konzeption hatte der Evolutionsprozess jedoch keine eindeutige Richtung.27
Für die zweite französische Auflage verlangte Darwin etliche Anpassungen, so etwa den Verzicht auf den Begriff Fortschritt im Untertitel, und er löschte auch einen ihrer Fussnotenkommentare. Das Vorwort liess er jedoch stehen. Obschon er befürchtete, dieses schade der ohnehin harzigen Rezeption seiner Theorie in Frankreich, schätzte er an Royer, dass sie die wichtigsten Elemente seiner Lehre nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch ausgezeichnet erfasst hatte, wie er sich von französischen Freunden versichern liess. Für die dritte Auflage beging Royer jedoch in den Worten ihrer Biografin Joy Harvey den «enormen Fehler», 28 ein neues Vorwort zu verfassen, in dem sie Darwin direkt angriff. Die Kritik bezog sich nicht auf den «Origin», sondern auf Darwins neueste Theorie über die Vererbungslehre. Im historischen Rückblick betrachtet, handelt es sich um einen Nebenschauplatz.29 Für Darwin selber war dieser jüngste Baustein in seinem Theoriegebäude jedoch sehr wichtig, weshalb er ausserordentlich verärgert auf Royers Kritik reagierte. Dass Royer es zugleich versäumt hatte, Verbesserungen und Ergänzungen aus den aktuellsten englischen Neuauflagen in ihre Übersetzung einzuarbeiten, verstärkte seinen Ärger noch. Darwin weigerte sich deshalb, Royers dritte Auflage zu autorisieren, und veranlasste stattdessen eine Neuübersetzung durch einen anderen Autor.

Abb. 5: Lausanne in den 1860er-Jahren: die Seepromenade mit dem Hotel Beau Rivage. Gemälde von Rudolf Dickmann.

Abb. 6: Blick auf die Weindörfer Pully (im Vordergund) und Cully (im Hintergrund) am Genfersee und die Walliser Alpen. Gemälde von William-Henry Bartlett, 1835.
Auch nach der Beendigung der Zusammenarbeit blieb Clémence Royer die wohl einflussreichste Vermittlerin von Darwins Theorie in Frankreich. 1869 zogen sie und ihr Gefährte, Pascal Duprat, nach Paris, wo Royer als erste Frau in die Société d’Anthropologie aufgenommen wurde. Es handelte sich um die einzige Gelehrtengesellschaft Frankreichs, die sich ernsthaft mit Darwins Theorie auseinandersetzte. Sie wurde von einer Gruppe radikaler Denker rund um Paul Broca (1824-1880) geleitet. Auch der in Genf ansässige Carl Vogt gehörte ihr an. Nicht zuletzt unter Royers Einfluss akzeptierten die französischen Anthropologen Darwins Lehre allmählich.30 Mit ihrer Übersetzung prägte Royer die Darwin-Rezeption auch in Italien, Spanien und Lateinamerika, wo Französisch die führende Wissenschaftssprache war.31
MÄNNCHEN UND WEIBCHEN, FRAUEN UND MÄNNER IN DER EVOLUTIONSTHEORIE
Ein zentrales Problem, das Royer nicht nur mit Darwin, sondern in Frankreich auch mit Broca und allen übrigen Theoretikern in Konflikt brachte, betraf die Frage, welche Rolle im Prozess der Evolution die Weibchen im Tierreich respektive die Frauen bei den Menschen spielen. Diese Frage durchdrang Royers gesamtes philosophisches Werk. Es ist auch diese Frage, die Royer zugleich hoch aktuell und auch problematisch erscheinen lässt.
Um Royers Position zu verstehen, ist es wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, dass die Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts massgeblich zur Legitimation der gesellschaftlichen und politischen Diskriminierung von Frauen beitrugen. «Der Charakter wissenschaftlicher Männer ist in vieler Hinsicht antifeminin», hielt etwa Darwins Vetter Francis Galton, einer der bedeutendsten Vererbungsforscher seiner Zeit, 1874 fest.32 Im selben Sinn äusserte sich sein Genfer Zeitgenosse Alphonse de Candolle, ein eminenter Botaniker: «Die [geistige] Entwicklung der Frau hört früher auf als jene des Mannes […]. Ausserdem ist der weibliche Geist oberflächlich.»33 Diese weit ins 18. Jahrhundert zurückreichenden Ansichten erhielten mit Darwins Konzept der «sexuellen Selektion» eine neue wissenschaftliche Grundlage. Mit der sexuellen Selektion erklärte Darwin das Paarungsverhalten tierischer und pflanzlicher Arten. Seine Grundannahme war, dass die Männchen eine aktive Rolle bei der Eroberung der Weibchen sowie im Konkurrenzkampf mit anderen Männchen einnahmen, während die Weibchen eine passive Rolle bei der Begattung sowie eine pflegende Rolle bei der Aufzucht spielten. Dieser Mechanismus habe bewirkt, so Darwin in seinem Werk über die «Abstammung des Menschen», dass sich die Geschlechter körperlich und geistig immer weiter voneinander entfernten: «So wurde der Mann der Frau schliesslich überlegen.»34

Abb. 7: Royers Zeitgenossen: Charles Darwin (links), Paul Broca (rechts) und Carl Vogt (unten).
Dagegen schrieb Royer in origineller Weise an. Sie teilte zwar mit ihren männlichen Zeitgenossen die Ansicht einer «erworbene[n] Unterlegenheit»35 von Frauen gegenüber Männern. In wichtigen Punkten wich Royer jedoch von ihren männlichen Kontrahenten ab. Während diese die biologische Ungleichheit für unveränderlich und kategorial hielten, hatten sie für Royer «nichts Schicksalhaftes, nichts Absolutes».36 Dies hatte mit ihrer lamarckistischen Lektüre Darwins zu tun. Royer glaubte, dass Menschen und Tiere auch solche körperlichen oder mentalen Eigenschaften an ihre Nachkommen weitervererben konnten, die sie erst nach ihrer Geburt erworben hatten. Daraus leitete sie eine Evolutions- und Geschlechtertheorie ab, die aus drei Phasen bestand. Bei den frühesten Vorfahren des Menschen hätten sich Männchen und Weibchen körperlich und geistig kaum voneinander unterschieden. Zu einer geschlechtlichen Differenzierung sei es erst durch die Verknappung der natürlichen Lebensressourcen gekommen, was den Konkurrenzdruck zwischen den frühsten Urmenschen erhöht habe. In dieser zweiten Phase des Evolutionsprozesses habe sich eine geschlechtliche Arbeitsteilung zum Schutz des eigenen Nachwuchses und damit zur Erhaltung der eigenen Art als Selektionsvorteil herausgebildet. In körperlicher Hinsicht sei es zu einer Rückbildung der männlichen Brustdrüsen gekommen respektive zu einer Spezialisierung der Frauen auf das Stillen ihres Nachwuchses.37 Männer hätten ihren Bewegungsradius bei der Nahrungssuche und im Kampf gegen Konkurrenten ausgeweitet, was eine Zunahme ihrer Körperkraft und ihrer Intelligenz zur Folge gehabt habe. Frauen hätten demgegenüber ihre mütterlichen und häuslichen Instinkte ausgeprägt. Die feministische Pointe dieses Arguments ist, dass die natürliche Asymmetrie zwischen den Geschlechtern kein primäres Merkmal der menschlichen Art ist, sondern ein gesellschaftlich erworbenes, sekundäres Merkmal. Die biologischen Geschlechterunterschiede sind so gesehen nicht statisch. Sie sind vielmehr dem naturhistorischen Wandel unterworfen und können sich in Zukunft wieder ändern, sprich: zurückbilden. Genau darauf lief Royers Argumentation hinaus. Die «zivilisierten Rassen» befänden sich nämlich, so Royer, an der Schwelle zu einer dritten Phase des Evolutionsprozesses, in welcher die Geschlechterasymmetrien nicht mehr notwendig und sogar kontraproduktiv seien. Anstelle von Körperkraft und Härte bei Männern sowie Häuslichkeit und Vorsicht bei Frauen verlange das Leben in modernen Industriegesellschaften zunehmend die Entwicklung von geistigen und sozialen Fähigkeiten beiderlei Geschlechter. Um das Leben in Städten harmonisch zu gestalten, müssten Männer Körperkraft und Intelligenz mit Emotionalität verbinden, Frauen Schönheit mit Stärke, Zärtlichkeit mit Intelligenz.38 Biologisch war dies in Royers Konzeption denkbar, weil Mädchen und Knaben sowohl die Merkmale ihrer Mütter als auch jene ihrer Väter erbten. Männer hatten, so gesehen, auch weibliche Dispositionen (daher beispielsweise die Brustwarzen) und umgekehrt. Damit beide Geschlechter ihre jeweils männlichen und weiblichen Dispositionen entfalten können, müssten jedoch die rechtlichen und sozialen Benachteiligungen der Frauen aufgehoben werden. Nur so könnten sie im Wettbewerb mit den Männern ihre schlummernden männlichen Dispositionen zu Intelligenz, Mut und Aktivität entwickeln und an ihre Töchter weitervererben. Die biologischen Geschlechterasymmetrien waren für Royer also durchaus in der Natur verwurzelt. Sie waren jedoch nichts Urtümliches, sondern eine sekundäre naturgeschichtliche Erscheinung, die notwendig war, um den Zustand der Zivilisation zu erreichen, in welchem sie nun zum Verschwinden gebracht werden sollten.
DIE WEISSE FRAU ALS HÜTERIN IHRER «RASSE»
Dass Royer den menschlichen Geschlechtskörper als etwas Androgynes und Wandelbares verstand, ist ein Gedanke, der auch in aktuellen Geschlechtertheorien Resonanz findet.39 Royers Geschlechtertheorie hatte jedoch eine problematische Kehrseite. Die tiefste Wahrheit über die Natur des Menschen war für Royer nämlich die Hierarchie zwischen menschlichen «Rassen». «Der erste Blick, den wir auf die Gesamtheit der lebenden Menschheit werfen», schrieb Royer in ihrem evolutionstheoretischen Hauptwerk von 1869, «zeigt uns diese in grosse Rassen unterteilt, sehr ungleich in ihren Fähigkeiten, in ihren gesellschaftlichen Organisationsweisen, in ihren körperlichen Eigenschaften, in ihrer Vorherrschaft und geografischen Ausbreitung auf dem Planeten […]. An der Spitze der Reihe hebt sich die weisse – auch arische oder indoeuropäische – Rasse ab […].»40
Mit ihren rassentheoretischen Ansichten stand Royer nicht alleine da. In einem schweizerischen Zusammenhang lässt sie sich als Vertreterin eines radikalen, säkularisierten Rassismus einordnen, den sie mit ihrem Genfer Kollegen Carl Vogt teilte. Auch er war ein atheistischer Verfechter des Evolutionsgedankens. Im Unterschied zu Royer glaubte er nicht, dass alle «Rassen» aus demselben «Stamm» hervorgegangen seien, sondern unterschied mehrere Wurzeln (Polygenismus). Ähnlich wie Royer sah er die Rassen in einem zutiefst hierarchischen Verhältnis. Afrikaner «erinnerten» ihn etwa «unwiderstehlich an den Affen».41 Andere Naturforscher teilten zwar Darwins These von der Wandelbarkeit der Arten, hielten jedoch aus religiösen Überzeugungen am Gedanken der göttlichen Schöpfung fest. Auch sie teilten die Menschheit in verschiedene «Rassen» ein, sahen diese jedoch als Variationen innerhalb derselben Art. Sprachlich äusserten sie sich zurückhaltender und setzten sich vor allem für den «Schutz» der vom Untergang bedrohten «Naturvölker» ein.42 Einen Spezialfall bildete der Neuenburger Naturforscher Louis Agassiz, der Lehrer Carl Vogts. Er lehnte den Darwinismus aus religiösen Gründen ab, vertrat jedoch ähnlich wie Vogt einen polygenetischen Rassismus, den er im Unterschied zu Royer und Vogt jedoch nicht so sehr in seinen Publikationen, sondern in privaten Äusserungen ausbreitete.43
In Royers Konzeption war die Hierarchie zwischen den «Rassen», im Unterschied zu jener zwischen den Geschlechtern, nicht nur fundamental und unüberwindbar, sondern auch weit grösser als in den Augen ihrer Zeitgenossen. Strichen diese vor allem die Nähe «primitiver Rassen» zu Primaten hervor, betonte Royer:
«Es lässt sich sogar ohne Furcht behaupten, dass ein Mincopie [Bewohner der Andamanen], ein Buschmann, ein Papua oder sogar ein Lappländer [geistig] nicht nur näher mit einem Affen, sondern auch näher mit einem Känguru verwandt ist als mit einem Descartes, einem Newton, einem Goethe oder einem Lavoisier.»44
Wenn wir Royers Geschlechtertheorie mit ihrer Rassentheorie kombinieren, lässt sich ihre Position als eine Art feministischen Rassismus oder rassistischen Feminismus charakterisieren. Der Fluchtpunkt von Royers Denken bildete stets der «Fortschritt» der weissen «Rasse». Anders als bei ihren männlichen Kollegen spielten Frauen in diesem Prozess jedoch nicht nur eine passive und nebensächliche, sondern eine aktive, ja die zentrale Rolle, wie sie in einer Passage über sexuelle Verbindungen («Blutsmischung») zwischen unterschiedlichen «Rassen» erläuterte:
«Der Widerwille gegen die Blutsmischung zeigte sich zuerst bei den überlegenen Rassen und zwar stärker bei den Weibchen als bei den Männchen. Bis zum heutigen Tag ist es eine universelle Tatsache, dass Kreuzungen zwischen der weissen Rasse und minderwertigen Rassen aus Verbindungen zwischen dem Weissen und der Negerin, der Inderin oder der Australierin hervorgehen; nur in Ausnahmefällen – etwa in Fällen von Gewalt – findet man Beispiele von Mischungen zwischen der weissen Frau und Männern anderer Rassen.»45
Die Gründe, weshalb sexuelle Verbindungen zwischen europäischen Männern und farbigen Frauen häufiger waren als umgekehrt, waren politischer und kultureller Art: Gerade zum Schutz des weissen Überlegenheitsanspruchs wurde der Kontakt zwischen europäischen Frauen und farbigen Männern auf den Plantagen und in Handelsstädten in Übersee durch die Kolonialmächte eingeschränkt.46 Royer erklärte sich diese Tatsache jedoch biologisch, mit einem angeblich angeborenen «Widerwillen» weisser Frauen gegenüber farbigen Männern. Die weisse Frau sorgte in ihrer Konzeption also für die «Reinheit» und angebliche Überlegenheit ihrer «Rasse».

Abb. 8: Im hohen Alter wurde Clémence Royer in Frankreich mehrfach geehrt. Dieses Porträt entstand 1902 kurz vor ihrem Ableben. Es zeigt sie mit dem roten Band der französischen Ehrenlegion.
SCHLUSS
Damit entpuppt sich Royer als gleichermassen faszinierende und ambivalente Denkerin. Sie schrieb in origineller Weise gegen die naturwissenschaftliche Begründung der Diskriminierung von Frauen an. Anders als spätere Generationen von Feministinnen entlarvte sie angeblich biologische Unterschiede und Hierarchien zwischen den Geschlechtern jedoch nicht als Ausdruck der kulturellen Machtausübung in einer männlich dominierten Gesellschaft. Sie versuchte stattdessen eine alternative, eine feministische Biologie zu entwerfen. Die problematische Kehrseite ihrer Philosophie war der Rassismus, der kein Nebenprodukt, sondern vielmehr konstitutiv für ihren Feminismus war. Ihre Vorstellung von Emanzipation umfasste nicht alle Menschen, sondern primär bürgerliche europäische Frauen wie sie selber. Sie sah die Menschheitsgeschichte als einen Überlebenskampf zwischen der «zivilisierten» europäischen «Rasse» und allen anderen «Rassen». Die Emanzipation der europäischen Frauen stellte für sie eine Notwendigkeit im ureigenen Interesse der «weissen Rasse» dar. Nur mit der Emanzipation der Frauen könne diese ihren Zustand der «Zivilisation» und damit ihre Überlegenheit über alle anderen «Rassen» bewahren. Hierzu müsse jedoch auch gegen Bedrohungen im Inneren vorgegangen werden, gegen die «Schwachen, Kranken, Unheilbaren und Bösartigen», wie sie im Vorwort zu ihrer Darwin-Übersetzung nahelegte.
Royer entwickelte diese Gedanken nicht in isolierter Abgeschlossenheit, sondern im regen Austausch mit Wissenschaftlern aus der Schweiz und dem Ausland. Der Fall beleuchtet damit auch ein Stück Geschichte der intellektuellen und gebildeten Schweiz. Er illustriert, dass Rassentheorien und eugenische Theorien keinesfalls aus dem Ausland in die Schweiz «importiert» wurden, sondern dass die Schweiz als Knotenpunkt innerhalb weitverzweigter wissenschaftlicher Netzwerke selber ein Standort war, wo solche Theorien produziert wurden.
SERGE REUBI
FÜR BASEL UND DIE WISSENSCHAFT
Fritz und Paul Sarasin in Ceylon
Als die Vettern Fritz (1859-1942) und Paul Sarasin (1856-1929) zu Beginn der 1880er-Jahre in Ceylon weilten, führten sie – inspiriert durch ihren Mentor Karl Semper in Würzburg sowie durch die Situation vor Ort – umfangreiche zoologische Untersuchungen durch. Sie wollten nicht nur die Embryologie von Pachydermen (Dickhäutern) studieren, sondern ebenso Süsswasser-Mollusken, Seeigel, Amphibien und die Weddas, ein Volk, das sie selbst als primitiv betrachteten. Dieses ehrgeizige Unterfangen ist allerdings gar nicht so heterogen, wie es uns heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, erscheinen mag. Im Gegenteil ist es bezeichnend für eine gewisse Vorstellung und Praxis der Forschung, die Ende des 19. Jahrhunderts weit verbreitet war und die Arbeiten der beiden Sarasin-Vettern stark beeinflusst hat. Gleichzeitig zeigt sich darin aber auch, wie sehr die Praktiken der schweizerischen Naturforschung von gewissen Eigenheiten der sozioökonomischen Milieus geprägt sind, aus denen die Naturforscher der damaligen Zeit hervorgegangen sind. Diese Praktiken, die Historikerinnen und Historiker aus Gewohnheit, Zweckmässigkeit oder Verbundenheit mit der Einrichtung, in der diese Forschenden tätig waren, als «gelehrt» bezeichneten, können und müssen aus verschiedenen Blickwinkeln und im Zusammenhang mit den vielfältigen Funktionen betrachtet werden, denen sie dienten. Die Forschungspraktiken von Fritz und Paul Sarasin stützten sich nämlich sowohl auf wissenschaftliche Vorgaben, wie sie auch in anderen Ländern anzutreffen waren, als auch auf lokal geprägte gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Gegebenheiten. Und genau um diese letzteren Punkte geht es hier. Einerseits sollen die gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Bedingungen untersucht werden, die in Basel Ende des 19. Jahrhunderts den Aufbau exotischer Gelehrtensammlungen ermöglicht haben, und andererseits soll analysiert werden, inwiefern ihr Zusammenspiel eine bestimmte Art der Forschung geprägt hat.
PATRIZIER, VIELSEITIGE GELEHRTE UND NATURFORSCHER
Der 1856 geborene Paul und sein um drei Jahre jüngerer Vetter Fritz Sarasin entstammten dem Basler Patriziat, mit dem sie ihre Vorstellung von Wissenschaftspolitik teilten. Gleichzeitig waren sie aber auch die etwas späten Erben einer gewissen humboldtschen Forschungstradition, deren Spuren in ihren Praktiken zu erkennen sind. Diese beiden Traditionen haben ihre Tätigkeit als Gelehrte und Bürger zutiefst geprägt.
Das Patriziat, das aus einer Handvoll alteingesessener, reicher und eng miteinander versippter Bürgerfamilien bestand, dominierte das politische Leben in Basel de jure bis 1874. Aber auch danach blieb der Einfluss der Patrizierfamilien immens, und sie dominierten zumindest bis zum Ersten Weltkrieg nicht nur die Politik, sondern auch das juristische, wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt.1 Die Sarasins zählten zu den bedeutendsten Mitgliedern dieser Führungsschicht. Sie stammten von hugenottischen Flüchtlingen ab, die seit ihrer Niederlassung in Basel im 17. Jahrhundert im Textilgeschäft tätig waren. Die Familie war wirtschaftlich und kommerziell äusserst erfolgreich, und schon bald übernahmen einige ihrer Mitglieder Ehrenämter in der Verwaltung des Stadtstaats. Fritz Sarasin – Enkel eines Regierungsrats und Mitglieds der Tagsatzung sowie Sohn des Bürgermeisters, der ebenfalls Mitglied der Tagsatzung gewesen war – ebenso wie sein Vetter Paul gehörten somit einer ehrwürdigen Tradition an, die ihnen nicht nur finanziellen Wohlstand brachte, sondern dank geschickten Heiratsstrategien auch einen privilegierten Platz im Netz der familiären Beziehungen sicherte, das die Machtverteilung in Basel regelte.2 Dank ihrer Zugehörigkeit zum Patriziat hatten sie einerseits Zugriff auf ein nahezu unerschöpfliches wirtschaftliches Kapital, sodass sie ihre Forschungen in völliger institutioneller und finanzieller Unabhängigkeit durchführen konnten. Andererseits war ihre Herkunft aber auch mit einem symbolischen Kapital verbunden, das es ihnen ermöglichte und sie dazu verpflichtete, verschiedene Ehrenämter in kulturellen und gelehrten Einrichtungen der Stadt zu übernehmen, die sie in der Folge nach ihren Interessen steuern konnten.3

Abb. 1: Fritz und Paul Sarasin als Mitglieder der Studentenverbindung «Zofingia» in Basel (undatiert).
Die beiden Vettern waren Naturforscher, gemässigte Darwinisten, 4 Materialisten, 5 aber vor allem Empiriker. Sie absolvierten mit Ausnahme eines Abstechers von Fritz Sarasin nach Genf, wo er bei Carl Vogt studierte, die gleiche naturwissenschaftliche Ausbildung mit Spezialisierung auf die Zoologie. Paul begann sein Studium in Basel, wo ihn aber nur gerade die Vorlesungen des Naturforschers Ludwig Rütimeyer und des Anthropologen Julius Kollmann zu fesseln vermochten. Schon bald wechselte er, gefolgt von Fritz, an die Universität von Würzburg, wo die beiden bei den renommiertesten deutschen Naturforschern studierten, darunter dem berühmten Zoologen Karl Semper, bei dem sie letztlich auch promovierten.6 Letzterer hat ihre Untersuchungsmethoden denn auch deutlich geprägt. So hatte sich Semper während fast zehn Jahren auf den Philippinen mit geologischen, zoologischen, meteorologischen und anthropologischen Fragestellungen beschäftigt, 7 während die Sarasins über drei Jahre zoologische, anthropologische und meteorologische Forschungen in Ceylon durchführen sollten. Alle drei bevorzugten die Feldforschung gegenüber den Aktivitäten der Salon-Gelehrten, beschäftigten sich lieber mit exotischer Naturgeschichte als mit der Erforschung von Europa und konzentrierten sich zwar auf die Zoologie, studierten daneben aber noch viele andere Objekte.

Abb. 2: Fritz und Paul Sarasin als Zoologen auf Ceylon, undatiert (1880er-Jahre). Um Elefantenembryos zu studieren, mussten Elefanten gejagt und getötet werden, ein Umstand, den der spätere Naturschützer Paul Sarasin bedauern sollte. Die Abbildung mit dem Elefanten als Trophäe weist darauf hin, dass die Elefantenjagd nicht nur eine wissenschaftliche Praxis, sondern auch ein Freizeitvergnügen war.
Diese Vielfalt von Studienobjekten, die wir heute verschiedenen Disziplinen zuordnen, muss aus drei Gründen nicht erstaunen. Erstens wurden die Forschungsbereiche damals nur als Fachrichtungen betrachtet, die sich einzig durch ihren Gegenstand voneinander unterschieden, aber nicht durch das Denkverfahren, das sie für sich in Anspruch nahmen.8 Solche parallelen Forschungen waren übrigens im letzten Viertel des 19.Jahrhunderts gang und gäbe, wie dies etwa die Arbeiten von Alfred C. Haddon zeigen, der im Torres Strait gleichzeitig ethnografische und zoologische Studien durchführte, oder diejenigen von Franz Boas, der sich der Anthropologie, der Kartografie und der Meteorologie von Baffin-Land widmete.9 Genauer gesagt, beschränkte sich dieses «Denkverfahren» auf eine naturalistische Statistik nach humboldtscher Tradition, die die Gelehrten dazu aufforderte, die Wirklichkeit zu beobachten und bis ins kleinste Detail zu beschreiben.10 Damit wurde der Forschungsgegenstand umrissen, und gleichzeitig war es legitim, den einen oder andern Aspekt genauer zu untersuchen. Zweitens vertraten Fritz und Paul Sarasin ebenso wie ihr Basler Lehrer Rütimeyer ein breites Verständnis von Zoologie, zu der auch die Anthropologie gehörte, da der Mensch schliesslich auch ein Tier sei. Und schliesslich übernahmen sie wie die meisten deutschen Anthropologen des ausgehenden 19. Jahrhunderts eine Vorstellung von Anthropologie, die sich in die Naturwissenschaft und nicht in die Geisteswissenschaft einreihte.
Als die beiden Gelehrten nach dreijähriger Feldforschung 1886 nach Europa zurückkehrten, liessen sie sich in Berlin nieder, um ihre mitgebrachten zoologischen und ethnografischen Objekte zu untersuchen. Dabei wurden ihre Arbeiten in den Berliner Gelehrtenkreisen unterschiedlich aufgenommen. Während die zoologischen Untersuchungen bei den Gelehrten des Naturhistorischen Museums11 auf Wohlwollen stiessen, war dies bei den anthropologischen und ethnografischen Arbeiten, die sie dem Kreis rund um den herausragenden deutschen Ethnologen Adolf Bastian und der renommierten Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte (BGAEU) vorstellten, weniger der Fall.12 Gewisse Grenzen ihrer Forschungen wurden ihnen zudem schnell einmal selbst bewusst. Als Rudolf Virchow, einer der bedeutendsten Anthropologen Ende des 19. Jahrhunderts, sie persönlich dazu aufforderte, nach Ceylon zurückzukehren und ihre Sammlungen zu erweitern, zögerten sie denn auch nicht lange. 1890 stellten sie eine zweite Expedition zusammen, um weitere Kulturgüter, Fotografien und Skelette zu sammeln, auf deren Grundlage sie später ihre umfassende Studie über die Weddas verfassten.13
Man könnte also sagen, dass das Vorhaben der Sarasin-Vettern auf zwei voneinander getrennten Pfeilern beruhte: zum einen auf einem Forschungsgegenstand, den sie aufgrund ihres Studiums bei europaweit bekannten Gelehrten erarbeitet und den Empfehlungen der herausragendsten Köpfe angepasst hatten, und zum andern auf ihrer familiären Herkunft, dank der sie sich einen über siebenjährigen Forschungsaufenthalt in Ceylon und Berlin überhaupt erst leisten konnten. Zwar betonten die Sarasins nach ihrer Rückkehr nach Basel immer wieder, dass ihr Beziehungsnetz zu Gelehrten auf wissenschaftlichen Grundlagen aufbaute. Aber die Tatsache, dass sie nicht nur wegen ihrer Verdienste Umgang mit der Crème de la Crème der europäischen Gelehrten hatten, sondern auch wegen ihres Wohlstands, weist darauf hin, dass die Situation wohl nicht ganz so eindeutig war. Eine sorgfältige Prüfung ihrer Praktiken zeigt denn auch, dass die Grenzen fliessend waren.
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