Читать книгу: «Wir haben alle mal klein angefangen»

Шрифт:

Rainer Bartelt

Wir haben alle mal klein angefangen

Erzählungen

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Wo wir herkommen

Wir haben alle mal klein angefangen

Am Anfang war nur Adam

Ohne Eva kein Chichi

Mäuse im Queen’s Park

Dumm gelaufen

Der Geisterfahrer

Dummheit muss bestraft werden

Ich war stocknüchtern, Herr Richter!

Das können Sie Ihrer Großmutter erzählen...

Fünf Mark für’s Falschparken

Man sieht sich immer zweimal

Wilde Zeiten als Student

Zucker im Kaffee

Schwarze Milch

Die Liebe und das Raucherbein

Ein Prinz im Wohnheim

Norwegische Fröhlichkeit

Ruhe im Karton

Eine unruhige Nacht im „Affenheim“

Fast auch eine Bettgeschichte

Allein unter Frauen

Willkommen in Europas „Dritter Welt“

Endstation Rumpelkammer

Die fröhliche Tramperin

Der Überfall der Eselbande

Fridolin, unser Kater

Fridolin an der Leine

Fridolin, das Versuchsobjekt

Orgia Augusta

Die Wunderheilung

Die Unfallklinik streikt

Probleme mit der Logistik

Gestörter Mittagsschlaf

Ringelpietz auf’m Dach

Eine Kommissarin macht sich unbeliebt

Keine Emanzipation auf der schiefen Bahn

Die ist vom Straßenstrich!

Hinter Gittern

Oldenburg in Oldenburg: Die Hochzeit

Über Ostern in Prag

Stop and Go

Ich bin der Bruder

Koffer raus!

Endlich in Prag

Vier Kisten Krimsekt

Weyrichs Geschäfte

Auf Umwegen nach Großbritannien

Wer den Pfennig nicht ehrt...

...irgendwas mit Menschen

Harte Zeiten in Braunschweig

Flammende Experimente

Es rumst im Physiksaal

Bombenterror auf dem Schulhof

Das Patt

Wie J. R. Ewing den Abend rettete

Ein Einstellungsgespräch der etwas anderen Art

Beamtenmikado

Willkommen im Paradies

Erste Steine im Paradies

Nicht aller Anfang ist schwer

Schlafen im Hochregal

Ein Kollege namens „Frühstück“

Keine Luft zum Atmen

Ich, das Michelin-Männchen

Schwester Rabiata

Menschenversuche im Klinikum

Fälle ich mein Todesurteil?

Der Geiz siegt

Zwei Schwestern blasen mir einen

Urlaub mit Amerikanern

Mit dem Auto über die Straße

Auf der Jagd nach der vergessenen Zahnbürste

Was ist mit der Klimaanlage?

Parkplatzprobleme

Im Anzug mit Hosenklammern

Angie braucht Begleitung

Hart verhandelt

Benchmarking

Was im Großen nicht funktioniert

Ein Unternehmen wird abgefackelt

Der neueste Blödsinn

Sprachlos in Frankreich

Das große Fressen

Ich spreche kein Französisch

Good-Old-England

Bob ergreift die Flucht

So also hätten wir England besiegen können

Andere Länder, andere Sitten

Inselhopping auf den Seychellen

Kubanische Zigarren

„Where is Mrs. Bartelt?“

First-Class zurück nach Deutschland

Das Untersegelboot

Moses teilt das Meer

Tretboot in Seenot

Die Ersten werden die Letzten sein

Verfluchte Schallplatten

Policía, policía!

Autonomes Fahren in den Siebzigern

Wer liest, verliert

Eine Düse und kein Flugzeug

Der Gast ist König

3 Sterne in der City of London

Wasserschaden im Hotel

Das Paradies ist eine Insel im Meer

Echte Bürgernähe

Kein Ort zum Leben

Die Selbstvertreibung

Der verliebte Stier

Märchen von Amts wegen

Der Reichtum lacht

Die graue Wirklichkeit

Und noch’n Märchen von Amts wegen

Nicht witzig

Dumm gelaufen

Nachschlag Nummer Eins: Verkehrsregeln für Frauen

Nachschlag Nummer zwei: Selbstfahrende Autos

Nachschlag Nummer drei: Kampfroboter

Nachschlag Nummer vier: Petra rettet die Welt

Vom gleichen Autor

Impressum neobooks

Wo wir herkommen


Dem Paradies sehr nah: Straßenszene auf Mahe, Hauptinsel der Seychellen

Für Petra,

meine super-taffe Ehefrau


Wir haben alle mal klein angefangen

Als ich noch klein war und auf die Grundschule ging, hatten alle Erwachsenen nur ein Thema: ihre Erlebnisse im letzten Krieg – oder in dem davor. Meine Eltern, meine Lehrer und alle, die schon etwas länger volljährig waren, kannten keinen anderen Gesprächsstoff. Besonders beliebt war der zweite Weltkrieg: Nicht, weil er so schrecklich, sondern weil er so aufregend gewesen war. Was hatte man da nicht alles erleben können? Hunger, Not und Vertreibung, aber auch viele schöne Reisen in fremde Länder und zu fremden Kulturen. Mit Full-Service, All-Inklusive, professioneller Reiseleitung, Wahnsinns-Animationen und – als ob das nicht genug gewesen wäre – oben drauf alles das auch noch zu Null Kosten! (Was meinen Vater anging, so erlebte er diese paradiesischen Zustände nicht nur als Soldat, sondern danach auch noch als zuerst amerikanischer und dann englischer Kriegsgefangener. An der Ostfront zum Beispiel soll die Verpflegung selbst bis ganz zum Schluss noch ohne Fehl und Tadel gewesen sein. Genau so wurde es mir jedenfalls vor kurzem noch ungefragt aus berufenem Mund berichtet. Der Zweite Weltkrieg scheint daher – nicht nur für meinen Vater, sondern für viele andere Väter auch – so etwas wie die Mutter aller fröhlichen Pauschalreisen gewesen zu sein.)

Es ist also nur zu verständlich, dass es in meiner Jugend nicht wenige gab, die Hitlers Wahnsinnstat, die halbe Welt mit Mord und Todschlag überziehen zu wollen, als „kleine Dummheit“ angesehen und abgetan haben – genau von der Art, wie sie das Leben (vor allen Dingen wohl als deutscher Herrenmensch) erst lebenswert macht. Dumm nur, dass das mit dem Endsieg dann doch nicht so ganz geklappt hat. Und dumm auch die Sache mit dem Holocaust. Aber bestimmt hat AH, „unser Führer“, das mit den Juden in Wirklichkeit gar nicht so gemeint. Hat vielleicht nur schlechte und übereifrige Berater gehabt: Dass die Leute auch immer alles gleich übertreiben müssen, wenn der Chef sich mal nicht ganz so klar ausgedrückt hat – z-z-z!

Aber was denken Sie? Haben sich die Zeiten seit meiner Jugend geändert? Ich bin sicher, und Sie hoffentlich auch: nur unwesentlich. Denn die größte Geisel der Menschheit ist ... die Langeweile! Nicht Hunger, nicht Durst, nein, der totale Ausfall des Internets oder – schlimmer noch – aller Shopping-Sender im Deutschen Fernsehen würde hierzulande unmittelbar und sofort eine flächendeckende Revolution auslösen – so wie anno dunnemal beim alten Luther. Auch ohne 95 Thesen auf Twitter.

Es ist wahr: Damals wie heute fehlt vielen Leuten leider – und damit meine ich beileibe nicht nur die oftmals viel zu gerne Krieg spielenden Herren der Schöpfung – vor allen Dingen eins: der Blick für’s Wesentliche, der Blick dafür, was im Leben wirklich wichtig ist. Im Märchen strebt jeder Mensch nach Glück und Zufriedenheit im Leben. Angeblich. Tatsächlich streben einige nach Geld, andere danach, möglichst als erster an der nächsten roten Ampel anzukommen, und andere wieder streben danach, fremde Länder zu erkunden. Sie werden sehen, dieses Buch bietet für jeden etwas: Wahnsinn, Chaos, aber auch schöne Reisen in ferne Länder. Und das alles garantiert ohne kriegerische Handlungen, zu absoluten Friedenszeiten also.

Der Titel verrät es schon: Wir wollen in diesem Buch klein anfangen, gehen der Frage nach der Rettung der Welt also von Anfang auf den Grund und fangen sofort nach der Erschaffung unserer noch jungen Erde mit dem Geschichtenerzählen an. Nämlich bei Adam und Eva in ihrem – wie Sie sehen werden – äußerst irdischen Paradies!

Am Anfang war nur Adam

„Du, Adam, probier’ mal diesen roten Apfel hier: Weißt du was? Der schmeckt einfach köstlich!“

Eva


Kennen Sie die Schöpfungsgeschichte? Nein, ich wette, die kennen Sie nicht! Jedenfalls nicht die volle Wahrheit. Denn warum der liebe Gott überhaupt auf die keineswegs besonders nahe liegende Idee gekommen ist, so etwas Verrücktes wie Mann und Frau zu erschaffen, genau hierüber lässt die Bibel den interessierten Leser leider ziemlich im Unklaren.

Immerhin stellt das Buch der Bücher zum ewigen Ärgernis aller überzeugten Feministinnen zweifelsfrei fest, dass Adam vor Eva geschaffen wurde. Und weil sie angeblich die ersten waren, die die jungfräuliche Erde bevölkern durften, kommen viele Männer nach einem oberflächlichen Studium des Alten Testaments zu dem falschen Schluss, seien sie automatisch auch die Krone der Schöpfung. Weit gefehlt: Den Mann im Allgemeinen und Adam im Speziellen kann man bestenfalls als einen ersten, vergeblichen Versuch Gottes werten, ein Wesen zum Leben zu erwecken, das in der Lage ist, die Welt zu hegen, zu pflegen und nachhaltig zu bewirtschaften. Einen fleißigen und willfährigen Hausmeister sozusagen. Falls Gott selbst mal nicht vor Ort sein sollte. Weil er sich um irgendeine andere, weit entfernt gelegene Galaxis kümmern muss.

„Pass du mir gut auf Mutter Erde auf“, könnte er mit erhobenem Zeigefinger zu Adam gesagt haben: „Ich bin dann mal weg!“

Aber was war nur ein paar wenige Lichtjahre später, als Gott wieder in unserer Milchstraße vorbeikam, um bei der angeblichen Krone seiner Schöpfung nach dem Rechten zu sehen? Sie ahnen es sicher schon: Nichts war! Adam saß einfach nur stumpf vor seiner Höhle. So als ob nichts geschehen wäre. In ein Bärenfell eingewickelt, nagte er gelangweilt an einer halbgaren Wildschweinkeule herum und schien auf die Erfindung des Fernsehens und den Beginn der ersten Bundesliga-Saison zu warten.

„So wird das nix mit ‚Mutter Erde’!“, schüttelte Gott enttäuscht seinen bärtigen und grau behaarten Kopf und fuhr fort:

„Hier muss unbedingt wer her, der den ganzen Laden ein bisschen aufmischen und etwas Schwung in die Weltgeschichte bringen kann.“

Gesagt, getan: Plötzlich stand Eva zwischen dem erstaunt dreinblickenden Adam und dem ihn wärmenden Feuer, stemmte die Fäuste in ihre unbekleideten Hüften und schnaubte ihren total abgeschlafften Göttergatten aufs Höchste entnervt an:

„Was ist hier los, Adam? Du sitzt einfach nur dumm rum und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein? Dabei gäbe es jede Menge zu tun! Schau dich doch einmal um: Wie sieht es bloß in deiner Höhle aus? Was müssen meine zurzeit noch ungeschminkten Augen sehen? Keine Gardinen vor den Fenstern? Kein Teppich auf dem Fußboden? Keine Möbel, um es sich einmal ein bisschen bequem zu machen? Und dein Bärenfell, mein Gott, das ist ja vollkommen verschnitten: Sitzt um die Hüften ganz und gar nicht! Mann, Mann, Mann, du kannst von Glück sagen, dass du der einzige weit und breit bist, sonst wäre ich hier schon längst über alle Berge auf Nimmerwiedersehen verschwunden!“

Just von diesem Moment an, als Eva erschien, hatte Gott keinen Grund mehr, sich um Adams Arbeitseifer irgendwelche Sorgen zu machen. Denn sofort nach Evas erster „Gardinenpredigt“ fing er an, unter ihrer peinlich genauen und unnachgiebigen Aufsicht zu schuften und zu werkeln, dass es eine wahre Lust war. Nur damit er ihr und seinen beiden leider ziemlich streitsüchtigen Söhnen Kain und Abel ein trautes Heim bieten konnte. Das – damit seine Eva auch wirklich zufrieden war – außerdem natürlich viel schöner sein musste als all die vielen anderen Nachbarhöhlen.

Ohne Eva kein Chichi

Ja, es tut mir leid, liebe Männer, aber es stimmt wirklich: Erst die Frauen bringen Farbe und Glanz in unsere Welt! Wer’s nicht glauben will, der schaue sich einfach mal die ISS an, diese über unseren Köpfen kreisende internationale Blechdose. Entschuldigung, ich meinte natürlich: „Raumstation“! Im Internet zum Beispiel. Wie es in der ISS aussieht, darüber gibt es dort jede Menge Bilder. Und so wie es in dieser Blechbüchse aussieht, das können Sie mir glauben, so würde es auch überall sonst auf unserer kleinen Mutter Erde aussehen, wenn Männer für sich allein fortpflanzungsfähig wären und für die Produktion kleiner Schreihälse keine Evas bräuchten.

Adam Welt wäre: Technik, Technik überall und kein einziger Tischläufer. Ja, nicht einmal einen richtigen Esszimmertisch mit bunter Tischdecke, frischen Blumen und einem goldenen Teeservice aus Meißner Porzellan würde es geben! Ich kann Ihnen sagen: Einfach grauenhaft, die Welt wäre sowas von öd und leer. Ich bezweifele sogar, dass die von der ISS sich in der Vergangenheit oder jüngsten Gegenwart jemals einen Innenarchitekten zugelegt haben. Und wenn doch: Jede Frau hätte den allein wegen der schon dem bloßen Augenschein nach erwiesenen Unfähigkeit sofort gefeuert! Also: Sofern sich in der modernen Raumfahrt in Sachen Schick und Gemütlichkeit nicht sehr bald etwas Grundlegendes ändert, werden wir Männer auf unserem ersten Flug zum Mars sehr, sehr einsam sein…

Genauso einsam und verzweifelt wie ich damals war, bevor ich meine eigene Eva namens Petra traf. Im Schlussverkauf bei Karstadt. In der Abteilung für Damenoberbekleidung. Erst da nahm mein Lebensglück seinen Anfang. Denn Petras unverrückbare, sich im Detail nur sehr unwesentlich widersprechenden (Über-)Lebensgrundsätze lauten, damals wie heute:

„Man findet anderswo allemal etwas Interessanteres als Zuhause!“

Und:

„Nie ohne mein Kopfkissen!“

Womit wir Adam für den Moment einmal hinter uns gelassen und in Evas Welt gelandet sind. Wobei – landen wollen wir eigentlich gar nicht, wir wollen starten, wir wollen auf die Reise gehen. Durch fünf Jahrzehnte und über (mindestens) drei Kontinente. Mit oder ohne Kopfkissen. Zu Fuß, mit dem Auto, dem Zug, dem Schiff oder mit dem Flugzeug. Nur nicht mit der ISS.

Unsere erste Reise führt uns zurück ins England des frühen Millenniums, und gleich danach geht es langsam aber sicher noch weiter zurück in die Zeit von Afrolook, Schlaghosen und Diskomusik. Da sind wir dann in Göttingens berühmt-berüchtigter Studentenszene angekommen. Göttingen, eine kleine Großstadt am Rande des Harzes, die angeblich jede Menge „Wissen schafft“, in der stattdessen aber genauso viel Blödsinn passiert, wie anderswo auf der Welt – nur eben hoch-wissenschaftlich be- und gegründet.

Enden werden wir – nach einer Reise kreuz und quer durch diese Welt – mit gendergerechten Verkehrsregeln, selbstfahrenden Autos und intelligenten Kampf-Robotern. Also in einer mit Riesen-Schritten herannahenden Zukunft, in der nicht nur der gute alte Adam, sondern wir alle irgendwann einmal überflüssig sein werden. In der es dann trickreich programmierte Maschinen gibt, die für uns den ganzen Blödsinn erledigen, den wir sonst selber machen müssten. Dumm gelaufen für die Spezies Mensch. Obwohl – urteilen Sie selbst, sind wir es wirklich wert, diesen wunderschönen Planeten zu bewohnen? Ich habe da so meine Zweifel...

Mäuse im Queen’s Park

„Oh schau mal, Claire, die süßen kleinen Mäuse!”

Zwei piekfeine englische Ladies, die genau so aussahen, als ob sie gerade eben einem Rosamunde-Pilcher-Roman entsprungen waren, betrachteten ganz verzückt das lustige Tiertreiben, das sich am helllichten Tag unweit des Buckingham Palastes unmittelbar vor ihnen zutrug. Unwillkürlich mussten Petra und ich auch hinschauen – und trauten unseren Augen kaum: Was tummelte sich da, mitten auf dem ultrakurz gemähten englischen Rasen im hochherrschaftlich-königlichen Queen’s Park? Nein, da hüpften keine süßen kleinen Mäuschen lustig auf dem gepflegten Londoner Grün herum und erfreuten sich eines unbeschwert-fröhlichen Mäuselebens. Vor unseren Nasen hockte stattdessen ein halbes Dutzend dicker, fetter, abgrundtief hässlicher Ratten, die allesamt so böse dreinschauten, als ob sie gleich gemeinsam aufspringen, über den Rasen laufen und sich mit großem Appetit auf die beiden alten Damen stürzen wollten.

Nun, wenn das mit den „süßen Mäuschen” kein typisch britisches Understatement war, was war es dann – nicht wahr?

Dumm gelaufen

Kerstin war jung, Single und neu in Göttingen, einer großen Universität mit einer gemütlich kleinen Stadt dabei – ach, und natürlich am Rande des Harzes gelegen. Unternehmungslustig, wie Kerstin nun mal von Natur aus war, ging sie fast jeden Abend aus, um andere Leute kennenzulernen oder einfach nur, um Spaß zu haben. So lang wie viele Menschen von nah und fern in großer Zahl zum Studieren hierher kommen, war das in Göttingen noch nie ein Problem, denn gefühlt gab’s und gibt’s hier für jeden Tag und für jeden einzelnen Studenten Abend für Abend ‘ne andere Kneipe zum Abchillen.

Recht spät in der Nacht, voll des süßen Weines und immer noch ganz beschwingt vom Tanz im Club versuchte Kerstin, ihren gebraucht gekauften BMW einigermaßen sicher in Richtung Heimat zu steuern. Gerade eben dachte sie noch bei sich: „Ob ich den süßen Typ von heute Abend wohl noch einmal wiedersehe?”, da hörte sie eine Sirene direkt neben sich und sah, wie ihr eine Polizeikelle aus dem Seitenfenster des vorbeifahrenden Fahrzeug entgegengestreckt wurde, um ihr zu bedeuten, dass sie nach rechts an den Straßenrand fahren und anhalten solle.

„So ein Mist”, rief sie laut, als sie auf die Bremse trat: „eine Zivilstreife!” Und sie dachte: „Jetzt ist es aus, ich habe bestimmt zu viel getrunken. Keine Chance davonzukommen, der Führerschein ist weg!“

Vor lauter Aufregung würgte sie das Auto ab, als die beiden Zivis an ihr Fahrzeug traten und sie nach ihren Wagenpapieren fragten. Sie hatten – ganz nach Vorschrift – zuvor ihre Dienstmützen aufgesetzt. Dadurch waren ihre Gesichter in der Dunkelheit kaum zu erkennen.

Zu Kerstins großer Überraschung und Erleichterung erhielt sie nur eine einfache mündliche Ermahnung wegen eines defekten Rücklichts – der eigentliche Grund, warum sie angehalten worden war – und durfte weiterfahren, nachdem sich herausgestellt hatte, dass mit ihren Papieren alles in Ordnung war.

Ein paar Tage später war sie mit einer Arbeitskollegin wieder in derselben Disko und traf an der Bar zufällig auf zwei super-cool aussehende junge Typen. Man unterhielt sich über dies und das, und Kerstin fing an, von der Polizeikontrolle zu erzählen:

„Ihr glaubt nicht, was mir passiert ist: Halten mich doch zwei Bullen an, wie ich mit dem Auto nachhause fahre, und merken nicht, dass ich ziemlich einen im Kahn habe! Könnt ihr euch das vorstellen?“

Mit leicht angesäuerter Miene antwortete einer der beiden „ coolen Typen“:

„Das können wir uns ganz gut vorstellen, denn schließlich waren wir ja die zwei ‚Bullen’, die dich angehalten und kontrolliert haben!“

Dumm gelaufen…

Der Geisterfahrer

Verglichen mit Kerstin waren vier autofahrende Studenten am Ende doch wesentlich schlauer, obwohl sie sich zunächst ganz fürchterlich dumm anstellten: Auch sie waren nach einer fröhlichen Zecherei angeheitert auf dem Heimweg, als plötzlich ein Polizeifahrzeug im Rückspiegel auftauchte.

„Mensch gib’ Gas: Das sind die Bullen!“, rief einer der Studenten, der hinten saß und durch die Heckscheibe sehen konnte, wie die „grüne Minna“ immer dichter an ihr Fahrzeug herankam. Der hinter dem Steuer sitzende Student ließ sich nicht lange bitten und machte sich daran, mit der Polizei um die Wette zu fahren. Prompt gingen hinter ihnen Blaulicht und Martinshorn an, und die wilde Hatz begann.

Unglaublich aber wahr, ungeachtet des nicht unerheblichen Alkoholpegels gelang es dem jugendlich-unbekümmerten Fahrer, durch einen äußerst riskanten und rasanten Fahrstil Boden gegen die Polizei gut zu machen. Von den Rücksitzen her kamen wilde Anfeuerungsrufe:

„Los, Manni, fahr zu!”, „Schneller, schneller, du schaffst es!”

Der Motor heulte, die Reifen quietschen, das Auto konnte die Spur kaum halten, und fast sah es so aus, als ob die Flucht gelingen würde. Der Abstand zu dem Polizeifahrzeug wurde immer größer und größer. Bald waren die „Bullen“ ganz außer Sichtweite.

Da passierte das Unerwartete: Ohne irgendeine Vorwarnung tauchte hinter einer scharfen Kurve eine große Baustelle auf. Zum Ausweichen war es viel zu spät. Trotz sofortiger Vollbremsung rauschte das Fluchtauto mit vollem Karacho in die Absperrung und blieb im losen Schotter der ihrer Teerdecke beraubten Straße stecken. Eine große Staubwolke vernebelte den studentischen Ausreißern die Sicht.

Ob’s volle Absicht war oder nur glückliche Fügung – ich war damals nicht mit von der Partie und kann es daher nicht mit letzter Bestimmtheit sagen: Alle drei Beifahrer saßen auf der Rücksitzbank, der Vordersitz neben dem Fahrer war deshalb unbesetzt. Geistesgegenwärtig rutschte unser unglücklicher Bruchpilot schnell über Mittelkonsole und Schalthebel auf den Beifahrersitz, im selben Moment als das Polizeiauto an der Unfallstelle scharf bremsend zum Stehen kam.

Die Beamten sprangen aus ihrem Fahrzeug. Einer zog zur Sicherheit seine Dienstwaffe und zielte damit auf die Heckscheibe des verunglückten Fluchtwagens, der andere stürzte nach vorn zur Fahrertür und riss sie auf. Dann machte er ein ziemlich belämmertes Gesicht: Der Fahrersitz war leer!

„Was ist hier los? Wo ist der Fahrer, bitte?“, schrie der Beamte die Fahrzeuginsassen voller Aufregung und Verblüffung an.

„Ja haben Sie ihn denn nicht gesehen, Herr Wachtmeister? Der ist abgehauen!“

„Was sagen Sie da? Was soll das heißen?“

„Der ist aus dem Auto gesprungen, als Sie gekommen sind und schnell über das Feld dort abgehauen. Sie müssen ihn doch noch gesehen haben: Nach dahinten ist er lang gelaufen!“

„Das glaube ich Ihnen nicht: Ich denke, Sie dort auf dem Beifahrersitz, Sie sind gefahren! Zeigen Sie mir bitte mal Ihre Papiere!“

„Nein, nein, Herr Wachtmeister: Ich bin nicht gefahren, wirklich nicht, da können Sie alle hier im Auto fragen!“

Währenddessen fingen die drei vom Alkohol ziemlich benebelten Studenten auf der Rücksitzbank an, lautstark im Chor zu singen:

„Wir wollen pusten, wir wollen pusten! Bitte, bitte Herr Wachtmeister, lassen Sie uns ins Röhrchen pusten…“

Was soll ich sagen, die Sache ging vor Gericht, aber alle vier Studenten hoben am Ende die Hand zum Schwur und wurden so allesamt von jeder Schuld freigesprochen. Und das, obwohl sie vor Gericht standhaft darüber geschwiegen haben, wer am Ende dieser ominöse flüchtige „Geisterfahrer“ gewesen sein sollte, der so schnell durch die Kurven gerast war, dass selbst die Polizei nicht mehr hinter ihm her kam.

Dummheit muss bestraft werden

„Also Herr Angeklagter, das möchte ich jetzt doch gern mal von Ihnen hören: Warum erzählen Sie hier vor Gericht immer wieder neue Lügengeschichten?”

„Aber da sind Sie doch ganz allein selbst dran Schuld, Herr Richter: Warum löchern Sie mich hier auch wieder und wieder mit immer neuen Fragen?”

Ganz klar, die Sache mit den vier Studenten ist nicht zur Nachahmung empfohlen. Nicht allein deshalb, weil sich deutsche Gerichte nicht gern verarschen lassen und Falschaussagen daher hart bestrafen. Nein, manchmal wird es sogar richtig ernst! Dann nämlich, wenn sich Polizisten gegenseitig zu helfen versuchen, um einen flüchtigen Autofahrer dingfest zu machen: In Niedersachsen stellte sich ein Polizeifahrzeug eines Nachts nach einem entsprechenden Hilferuf von Kollegen quer auf die Bundesstraße, um eine Straßensperre zu errichten. Intelligenter Weise direkt hinter einer Kurve. Eine richtige Raser-Falle sollte es sein. Und war es auch. Doch unglücklicherweise kam der Raser, von anderen Polizeiwagen verfolgt, so schnell angefahren, dass den beiden Polizisten keine Zeit mehr blieb, ihr Fahrzeug zu verlassen. Das Ergebnis: drei Tote, zwei Polizisten und der an der Weiterfahrt gehinderte Raser. Ein leider unvermeidliches Resultat perfekter Fehlplanung, denn das war schon immer ein ehernes Gesetz in unserer Galaxis – Dummheit muss bestraft werden...

Und Dummheit wird bestraft: Zu ihrem eigenen Bedauern wissen nicht alle armen Sünder, die von der Polizei erwischt werden, sich so elegant aus der Affäre zu ziehen wie die verschworenen vier Musketiere, Entschuldigung: Göttinger Studenten. Diese Erfahrung machte ich in einem Gerichtsprozess, dem ich etwa zur gleichen Zeit beiwohnen durfte, als die dreisten Vier in Göttingen vom Gericht freigesprochen wurden.

Der Prozess, an dem ich nur als einfacher Zuhörer teilnahm, fand vor einem schleswig-holsteinischen Amtsgericht statt und wurde von dem leitenden Amtsrichter höchstpersönlich durchgeführt. Immerhin ging es um eine einigermaßen knifflige Angelegenheit, bei der der Ausgang vollkommen ungewiss war:

Der Angeklagte war ein Bauarbeiter, wie er im Buche stand. Während seiner schweißtreibenden Arbeit trank er regelmäßig Bier in rauen Mengen und fuhr deshalb meist auch mit total besoffenem Kopf nachhause. Normalerweise klappte das ganz gut, noch nie hatte ihn eine Polizeistreife angehalten und ins Röhrchen pusten lassen, bis er eines schönen Tages in einer scharfen Kurve sein Auto statt nach links um die Ecke einfach stur geradeaus weiterrollen ließ.

Dummerweise stand ihm dabei ein Haus im Wege. Ohne zu Bremsen fuhr er durch den kleinen Vorgarten, durchbrach die Außenmauer des Wohnhauses und parkte sein Auto mitten im Schlafzimmer. Da das Ganze tagsüber geschah, kam außer dem Auto, der Hauswand, einem französischen Doppelbett und einigen anderen Möbeln glücklicherweise niemand ernsthaft zu Schaden. Auch der Unglücksfahrer selbst – unser dem Teufel Alkohol besonders liebevoll zugetaner Mann vom Bau – trug kaum Blessuren davon, denn Betrunkene haben bekanntermaßen mehr als einen Schutzengel. (Nämlich mindestens zwei an der Zahl, weil Betrunkene bekanntermaßen alles doppelt sehen!)

Trotz seines nicht unerheblichen Alkoholpegels war unserem forschen Bruchpiloten sofort klar, dass dieses nicht gerade als klein anzusehende Malheur für ihn doch die eine oder andere unangenehme Konsequenz nach sich ziehen könnte. Den Verlust des Führerscheins zum Beispiel. Wie sollte er zur Arbeit kommen, ohne Auto fahren zu dürfen? Um diese und andere Unannehmlichkeiten zu vermeiden, kletterte er schnell aus dem Autowrack, stieg über die Trümmer der Schlafzimmerwand ins Freie, wischte sich den von der Decke gefallenen Mörtel aus den Haaren und von den Schultern und machte sich vor Schreck, Alkohol und Benommenheit leicht schwankend davon.

Schlauerweise schlug er nicht den Weg in Richtung seiner heimatlichen Wohnung ein, denn dort hätte ihn die Polizei wohl am ersten gesucht. Stattdessen stolperte er so gut es ging über Stock und Stein quer über die eine oder andere bügelbrett-flache Wiese seiner norddeutschen Heimat, bis er auf ein Wirtshaus stieß, das ihm gemütlich genug erschien, um es dort bis zum nächsten Morgen auszuhalten. Währenddessen wartete seine Frau zuhause mit dem Abendessen auf ihn und wunderte sich, wo ihr Mann bloß blieb.

Im Saufen hatte „Quax“, unser vom rechten Weg abgekommener Bruchpilot, große Erfahrung, und so war es für ihn keine besondere Herausforderung, seinen ehrlich erworbenen Alkoholpegel über die kurze Nacht bis in den anderen Tag hinein zu retten. Nach anfangs vergeblicher Suche bei Freunden und Bekannten fand ihn die Polizei schließlich am anderen Mittag am Tresen einer vom Unfallort einige Kilometer entfernten Gaststätte in einem immer noch stark angeheiterten Zustand.

Ich war stocknüchtern, Herr Richter!

Als ich unseren Unglücksfahrer schließlich im provinziell-gemütlichen Dithmarscher Amtsgericht zu Meldorf in voller Schönheit und furztrocken bewundern konnte, stand er als überhaupt nicht reuiger Sünder kerzengerade und mit hoch erhobenem Haupt vor dem Richtertisch:

„Bitte glauben Sie mir, Herr Richter, ich war stocknüchtern, als ich in das Haus gefahren bin. Ich hatte nur für einen kurzen Moment die Kontrolle über mein Fahrzeug verloren. Warum, das kann ich mir heute überhaupt nicht mehr zusammenreimen. Vielleicht war’s ein technischer Defekt am Auto? An der Lenkung vielleicht? Ich weiß es wirklich nicht!“

„Ja guter Mann, wie kommt es denn, dass man Sie am Tag danach mit fast 2,5 Promille in dieser Kneipe aufgegriffen hat? Und warum haben Sie überhaupt Fahrerflucht begangen? Das erklären Sie diesem Gericht doch bitte mal!“

„Aber Herr Richter, das war so: Als ich in das Haus gekracht bin, habe ich einfach den Kopf verloren. Ich hatte einen Schock und wusste nicht, was ich tun sollte. Da bin ich einfach weggerannt.“

„Und weil Sie so erschrocken waren, haben Sie sich dann in die nächste Kneipe gesetzt, um sich dort ein Glas nach dem anderen hinter die Binde zu kippen und sich sinnlos zu besaufen?“

„Ja Herr Richter, genauso war es – ich schwöre!“

„Herr Rechtsanwalt, was sagen Sie denn zu den Aussagen Ihres Mandanten?“

Der Richter wandte sich direkt an den Pflichtverteidiger des Angeklagten, der daraufhin aufsprang und folgendes zum Besten gab:

„Also Herr Richter, wissen Sie, ich habe zu meinen Mandanten bisher auch noch nicht das richtige Vertrauensverhältnis aufbauen können…“

Spätestens jetzt lag sonnenklar zu Tage, dass dem Angeklagten im Gerichtssaal niemand auch nur ein Wort glaubte – nicht einmal sein eigener Verteidiger. Für den Angeklagten sah es also gar nicht gut aus.

Obwohl: Wer sollte ihm beweisen, dass seine Geschichte von vorn bis hinten erstunken und erlogen war? Zeugen gab es nicht, eine beweisfähige Blutprobe vom Tatzeitpunkt auch nicht. Eigentlich war der Angeklagte so gut wie aus dem Schneider. In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten – auf diesen Rechtsgrundsatz konnte er sich jederzeit berufen, denn es gab keinen Tatzeugen und auch sonst keinen stichhaltigen Beweis dafür, dass er wirklich betrunken am Steuer gesessen hatte, als der Unfall passiert war.

Das können Sie Ihrer Großmutter erzählen...

Obwohl von der Sache her vollkommen unbeteiligt, war ich aufs Äußerste gespannt, wie sich dieser offene Wettstreit zwischen Richter und Angeklagtem entwickeln würde: Was würde der erlauchte Amtsgerichtsdirektor, in Sachen verstockter Delinquenten mit allen Wassern gewaschen, wohl unternehmen, um diesen „gordischen Knoten“ in der Beweisführung zu entwirren? Würde er die Verhandlung abbrechen, um eine erneute, noch genauere Detail-Untersuchung anzuordnen? Des Tatorts oder des Unfallfahrzeugs zum Beispiel, um eventuell doch noch Spuren und Hinweise auf den vermuteten Alkoholkonsum vor der Tat zu finden? Um durch hieb- und stichfeste Indizien und Beweise den Angeklagten am Ende doch noch einer Lüge zu überführen?

Nichts dergleichen! Die Methode, die der Richter anwandte, um den Angeklagten, der wie ein Uhrwerk immer dieselbe Geschichte wiederholte, zur Strecke zu bringen, war ebenso simpel wie effektiv: Er stellte dem Angeklagten mit unbeirrter Beharrlichkeit immer wieder dieselben Fragen zum Tathergang und ließ ihn seine Geschichte wieder und wieder erzählen. Und jedes Mal, wenn der Angeklagte mit seinen Ausführungen fertig war, schaute der Richter mit gespielter Verachtung von oben, von seinem leicht erhöhten Richtertisch auf den Angeklagten herab und sagte im vollen Brustton der Überzeugung:

„Das glaubt Ihnen doch kein Mensch: Diese Geschichte können Sie vielleicht Ihrer Großmutter erzählen, aber nicht diesem Gericht hier! Denken Sie sich doch bitte mal etwas Überzeugenderes aus. So kommen wir hier nie zu einem guten Ende!“

„Nein, Herr Richter, ich schwöre, genauso war es, ich sage die volle Wahrheit!“

Drei oder viermal erzählte der arme Mann gezwungenermaßen dieselbe Geschichte, dann knickte er endlich ein:

„Also ja Herr Richter, ich geb’s ja zu: Zu dieser Erzählung haben mir meine Kumpels geraten. In Wirklichkeit war es so…“

Und dann kam eine zweite Geschichte, die noch unglaublicher anzuhören war als die erste.

Das war’s mit „im Zweifel für den Angeklagten”: Trotz fehlender Beweise wurde unser wackerer, zu seinem eigenen Unglück leider mehr als ihm gut tat dem Alkohol verfallener Handwerksmann der grob fahrlässigen Verkehrsgefährdung in Tateinheit mit schwerer Sachbeschädigung schuldig gesprochen.

Die für Verkehrsdelikte zuständige Haftpflichtversicherung des Unfallfahrers, deren Vertreter zu den wenigen Zuhörern in dem großen, fast leeren Gerichtssaal gehörte, hatte damit die gewünschte Handhabe, sich den gesamten Schadensersatz für das beschädigte Haus vom Angeklagten zurückzuholen. Auto futsch, Geld futsch, und seinen Job beim Bau war der arme Wurm sogar schon vor dem Gerichtstermin los gewesen: Wer beschäftigt auf dem weiten, platten Land wohl jemanden, der kein Auto hat, mit dem er zu ständig wechselnden Baustellen fahren kann?

Armer Sünder, dachte ich mir, diesen Strick hast du dir ganz allein selbst um den Hals gelegt! Und für mich selbst zog ich aus dieser missglückten Selbstverteidigung den guten Vorsatz, zukünftig noch mehr als bisher an meiner eigenen Rhetorik feilen zu wollen. Nach diesem Prozess war mir sonnenklar, vor Gericht hat nur der gute Karten, der „coole“ Argumente und einen noch cooleren – Entschuldigung –, einen noch kühleren Kopf hat.

Vor allen Dingen: Jeder Depp und jeder Richter weiß, dass es nur eine einzige Wahrheit, dafür aber umso mehr Unwahrheiten gibt. Wer also für sich selbst beschlossen hat, den Rest der Welt mit Lügenmärchen zu beglücken, der sollte immer daran denken: Sagt man zuerst A und dann B, braucht man sich nicht darüber zu wundern, wenn einem hinterher keiner mehr glaubt. Also bitte schön bei der Stange bleiben – ganz besonders vor Gericht –, und immer schön „A” sagen, auch wenn’s einem keiner glaubt. Sollen alle anderen doch erst einmal hergehen und dir das Gegenteil beweisen!

Fünf Mark für’s Falschparken

Diesen guten Grundsatz zur Rechtfertigung aller krummen Touren in unserer ach so unperfekten Welt beherzigten zwei befreundete Jurastudenten, die für falsches Parken am Ende sogar noch Geld vom Staat bekamen. Man lernt aus diesem schönen Beispiel, dass von allen wichtigen und gesellschaftlich wertvollen Berufen, die der liebe Gott so erfunden hat, eine fundierte juristische Ausbildung noch immer das beste Hilfsmittel ist, um ein krummes Ding zum Erfolg zu führen.

Dabei fing die Geschichte mit meinem Schulfreund „Carlo“ und seinem Freund Jens eigentlich ganz harmlos an:

Einer der beiden – nämlich Carlo, auch „Karlchen“ genannt, der wahre Name soll hier lieber verschwiegen werden, denn heute ist Karlchen selbst ein ehrenwerter Rechtsanwalt und Notar und möchte ganz bestimmt nicht mit einem Dummejungenstreich wie diesem in Verbindung gebracht werden – fuhr zu einem hochwichtigen Bundesliga-Handballspiel seines Heimvereins THW Kiel. Da alle Parkplätze vor der großen Sporthalle entweder schon belegt waren oder Geld kosten sollten, stellte er sein Auto einfach unmittelbar vor den Halleneingang und damit ins Parkverbot. Es kam, wie es kommen musste: Als das Spiel vorbei war, steckte ein Knöllchen hinter einem der beiden Scheibenwischer. Einen ganzen „Heiermann“ (fünf Mark) sollte Carlo für falsches Parken an Vater Staat berappen. (Man sieht, die Geschichte spielt noch zu antiken, aber seligen D-Mark-Zeiten!)

Jeder normale Mensch hätte sich kurz geärgert, das Bußgeld überwiesen und die ganze Sache dann sofort ad Acta gelegt. Doch mein guter Freund Carlo war nun einmal ein hoffnungsvoller angehender Jurist. Also suchte er nach einem Ausweg – und fand einen.

Er tat deshalb erst einmal gar nichts und ließ die Zeit verstreichen, bis ihm vom Gericht per Post eine Vorladung zugestellt wurde. Zwanzig Minuten waren für die Verhandlung seiner Ordnungswidrigkeit angesetzt worden. In Begleitung eines Freundes und mit einem Stapel Akten unter dem Arm betrat Carlo den Gerichtssaal. Nachdem seine Personalien festgestellt waren, fragte der Richter:

„Warum haben Sie die Geldstrafe nicht gezahlt?”

Darauf Carlo: „Weil ich unschuldig bin!”

„Aber Sie sind doch der Halter des Fahrzeugs KI-TT 257?”

„Ja, der bin ich!”

„Aber dann ist die Sache doch sonnenklar: Sie müssen die Strafe bezahlen!”

„Nein, nein, Herr Richter, ich möchte gern einen Zeugen aufrufen!”

„Warum das denn, was wollen Sie damit bezwecken? Denken Sie, Sie sind hier bei einem Schwurgericht!?”

„Nein, Herr Richter, ich möchte nur meine Unschuld beweisen.”

„Ihre Unschuld!?”

„Ja, Herr Richter, das ist mein gutes Recht!”

Carlo kramte in seinen Akten, fand, was er suchte, und hielt ein bedrucktes Blatt Papier in die Höhe:

„Dieses höchstrichterliche Urteil vom 27. März 1957 mit dem Aktenzeichen...”

„Also gut, also gut, Sie haben ja Recht! Der Zeuge, den Sie benennen wollen, ist wohl Ihr unbekannter Begleiter dort?”

„Ja Herr Richter, das ist mein Freund Jens. Jens möchte eine Aussage zur Sache machen.”

Auch wenn sich die Verhandlung dadurch aus Sicht des Richters vollkommen unnötig in die Länge zog, blieb ihm nach geltendem Recht nichts anderes übrig, als meinem Freund Karlchen zu Willen zu sein. Nachdem Jens’ Personalien in den Gerichtsakten notiert worden waren, durfte er als Zeuge „zur Sache“ aussagen:

„Ich bin gefahren, Herr Richter!”

„Was, wie denn das?” Der Richter war echt verblüfft.

„Ich hatte mir das Auto von Carlo geliehen, weil ich mir das Handballspiel des THW Kiel ansehen wollte. Als ich das Auto vor der Sporthalle abgestellt habe, muss ich wohl das Parkverbotsschild übersehen haben.”

Langsam dämmerte dem Richter, was hier abgehen sollte: „Also gut”, sagte er und schloss mit Schwung den Deckel seiner Akten, „dann beende ich mit dieser Zeugenaussage, die den Angeklagten entlastet, die Verhandlung, das Verfahren wird eingestellt.”

Doch er hatte nicht mit meinem Freund Carlo gerechnet: „Einspruch, Herr Richter: Ich möchte, dass das Verfahren ordnungsgemäß zu Ende geführt wird. Mein tadelloser Leumund ist beschmutzt, ich fordere hiermit für mich einen formellen Freispruch!”

Statt der geplanten zwanzig Minuten dauerte das Verfahren am Ende zwei volle Stunden. Trotz ständigem heftigen Kopfnickens von Jens Seite, kostete es Carlo noch einige Mühe, den Richter durch Hinweise auf ähnlich gelagerte Präzedenzfälle dazu zu bewegen, diesen Pillepalle-Prozess um eine banale Ordnungswidrigkeit wie gewünscht formal korrekt zu Ende zu führen. Doch Ende gut, alles gut: Zum guten Schluss gab es für Carlo den gewünschten Freispruch erster Klasse, und für den angeblichen Parksünder Jens sogar noch fünf Mark Zeugengeld aus der Staatskasse oben drauf.

Das Ergebnis dieses Sensationsprozesses: Nach den Gerichtsakten war Jens der gesuchte und überführte Übeltäter und bekam dafür sogar noch ein finanzielles Handgeld aus der Staatskasse!

Allerdings hätte Jens, dem voll geständigen Parksünder sofort nach der Verhandlung ein neues Knöllchen wegen falschen Parkens ausgestellt werden müssen. Aber seit dem überaus schändlichen Verkehrsdelikt waren in der Zwischenzeit mehr als drei Monate vergangen, und damit war die Verjährungsfrist leider schon abgelaufen.

Doch selbst wenn es anders gewesen wäre, und man hätte Jens noch wegen Falschparkens zur Verantwortung ziehen können: Die fünf Mark, die er hätte haben müssen, um sein Knöllchen zu bezahlen, hatte er sich durch seine Zeugenaussage in dem Prozess ja schon verdient.

Fazit: Ein geständiger Sünder, aber keine Strafe, sondern stattdessen eine „ansehnliche“ finanzielle Belohnung vom Staat. Ja, es ist wahr, Jurist müsste man sein, dann schlägt man selbst aus der krummsten Tour noch Gewinn!

Man sieht sich immer zweimal

Trotzdem kam für den eigentlichen Bösewicht Carlo nach diesem sauber eingefädelten Coup beinahe noch ein dickes Ende nach: Genau dieser Richter, den er zusammen mit seinem Freund Jens so fein aufs Kreuz gelegt hatte, wurde zum Ende seines Jurastudiums Carlos Prüfer im ersten Staatsexamen.

Damit hätte es meinem guten Freund genauso ergehen können, wie in dem bekannten Witz:

„Treffen sich Prüfer und Prüfling nach der Prüfung auf dem Klo an der Pinkelrinne, sagt der Prüfer zum Prüfling (von oben herab): ‚Also hier ziehen Sie auch den Kürzeren...’”

Doch ganz so schlimm kam es glücklicherweise nicht, auch diese Geschichte hatte das gewünschte Happy-End, denn der auch die Prüfung ausführende Richter erwies sich trotz des vorangegangenen Dramas im Amtsgericht als fairer Verlierer: Mein Freund Karlchen kam am Ende ungeschoren durch die mündliche Prüfung und bestand sein juristisches Examen mit einer auch aus seiner eigenen Sicht ganz passablen Zensur.

Wilde Zeiten als Student

Im Wintersemester 1970, ein halbes Jahr nach dem bestandenen Abitur fing ich an, Mathematik an der alt-ehrwürdigen Georg-August-Universität in Göttingen zu studieren. („Nach Kiel zum Segeln, nach München zum Skilaufen, nach Göttingen zum Studieren...”)

Die wilden sechziger Jahre, Jahre der technischen, gesellschaftspolitischen und kulturellen Innovation und Revolte wirkten noch einige Zeit nach, bis mit dem Ölpreis-Schock – Benzin kostete mit einem Male vierzig statt vorher nur zwanzig Pfennig pro Liter –, der Roten Armee Fraktion und den nachfolgenden Berufsverboten (vor allen Dingen, aber nicht nur für links gesinnte Lehrer) ab Mitte der siebziger Jahre erneut die politische Reaktion Einzug in Deutschland hielt.

Doch die Ölkrise war noch in weiter Ferne, und so war ich schon etwas enttäuscht, als ich in Göttingens Hörsälen nicht die erwarteten wild kiffenden, langhaarigen Hippies oder bärtigen und eine Mao-Bibel unter dem Arm tragenden Revoluzzer antraf. Sondern überwiegend ganz normale und in meinen Augen daher ziemlich stieselige Bürgertöchter und -söhne, die brav studierten und an ihrer zukünftigen Berufskarriere bastelten.

In der Geschichte ist Göttingen eben nie das Zentrum umwälzender Weltrevolutionen gewesen. Trotz der „Göttinger Sieben“ (Professoren), die gut hundert Jahre zuvor gegen ihren König in Hannover rebelliert hatten. Und dafür umgehend des Landes verwiesen wurden. Sogar die Gebrüder Grimm waren dabei und mussten ihre Märchen von da an woanders aufschreiben. Doch für das bürgerlich-brave Göttingen sind diese, den Aufstand gegen die Obrigkeit probenden Professoren eine absolute Ausnahmeerscheinung geblieben.

Tatsächlich war das mit Abstand Wildeste, das mir von den Göttinger Studentenprotesten ein, zwei Jahre vor meiner Zeit berichtet wurde, die ruchlose Schändung eines Kriegerdenkmals, das das seltene Pech hatte, zufälligerweise direkt vor dem Eingang zum alten Audi Maximum, dem ehemals größten Hörsaal der Universität, aufgestellt worden zu sein. Das Denkmal war damit ein ständiger Stein des Anstoßes für alle Studenten, die täglich daran vorbeigehen mussten.

Und so kam es, wie es kommen musste: Aus Protest gegen was auch immer wurden eines Nachts die Genitalien der überlebensgroßen nackten Männer, die auf ihren Händen gemeinsam einen gefallenen Soldaten zu seiner letzten Ruhestätte trugen, mit Leuchtfarbe angepinselt. Da das solchermaßen verunstaltete Kriegerdenkmal auch ohne diesen innovativen farblichen Akzent schon immer absolut potthässlich gewesen war, kann ich mir sehr gut vorstellen, wie hoch die Wellen der Empörung in der Göttinger Bürgerschaft damals geschlagen sind und wie sehr sich alle an diesem harmlosen Spaß beteiligten und unbeteiligten Studenten ins Fäustchen gelacht haben.

Von Anbeginn an stand über dem Eingang des alten Göttinger Audi Maximums eine Statue des sagenumwobenen Barons von Münchhausen. (In unmittelbarer Sichtweite des heutigen Heinz-Ehrhard-Denkmals!) In jener Nacht, als das graue Denkmal so farbenfroh verschönert wurde, so erzählt man sich noch heute in Göttingen, soll sich auch in das Gesicht des Barons, der zu den vier Gründungsvätern der Göttinger Universität gehörte, ein leises Lächeln geschlichen haben. Vielleicht war das die Geburtsstunde der berühmten Göttinger „klammheimlichen Freude“…

Zucker im Kaffee

Doch das Studentenleben, so wie ich es damals erlebte, war durchaus nicht immer nur Spaß und Hallodri-o. Schon im ersten Semester durfte ich erfahren, dass die Sorge um den schnöden Mammon auch in meiner harmlosen Studentenunterkunft schon ihr Unwesen trieb und Anlass genug war, selbst um kleinste Pfennigbeträge hart zu streiten – eine Unsitte, die mir aus dem eigenen Elternhaus, das wahrlich nicht auf Rosen gebettet war, so gut wie unbekannt war. Damals wie heute litten viele Studenten unter ständiger Geldknappheit und hatten daher im Allgemeinen weniger als (k)eine Mark zu verschenken.

Demgegenüber galt für mich bis zum Ende meiner Schulzeit, vor dem Studium also: Wer nichts hat, hat auch nichts, worum er sich Sorgen machen kann. Aber jetzt war nicht nur ich selbst in der Fremde ganz auf mich allein gestellt, auch die anderen jungen Erwachsenen um mich herum mussten ohne die praktische Hilfe ihrer Eltern zurechtkommen und hatten oft so ihre liebe Not damit.

In meinem ersten Semester waren die meisten Studenten sogar noch erheblich älter als ich und kamen mir daher sehr erfahren und weise vor. Bis ich bemerkte, dass sie sich bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten immer noch absolut kindisch benahmen. (Genauso wie es manche Erwachsene bis ins hohe Alter tun...) Und je geringfügiger der Anlass, desto kindlicher die Methoden:

Zum Wachwerden gehört auch bei Studenten reichlich Zucker in den ersten Morgenkaffee, und wenn man selber keinen hat, dann kann sich ja immer noch bei anderen bedienen. So dachte jedenfalls ein unbekannter Mitbewohner in unserem Studentenwohnheim. (Mitbewohnerinnen hatte ich in diesem ersten Studiensemester noch keine, denn es handelte sich wegen der Gemeinschafts-Toiletten und Waschräume bei meiner ersten Unterkunft sogar im Jahre anno 1970 noch um ein reines Männerwohnheim.) Heimlich, still und leise stibitzte er derart massenweise Zucker aus der Dose eines anderen Studenten, dass dieser sich zu Gegenmaßnahmen gezwungen sah. Er beriet sich mit einigen anderen, ihm vertrauenswürdig erscheinenden Heimbewohnern. Gemeinsam kann man auf die glorreiche Idee, den Zucker in der Dose komplett gegen Salz auszutauschen.

Am anderen Morgen wurden alle Mitstudenten, die ihren Frühstückskaffee im Gemeinschaftsraum tranken, aufmerksam und mit Argusaugen beobachtet. Jeden Moment erwartete man, dass einer der Studenten, der den versalzenen Kaffee trinkende Zuckerdieb nämlich, das Spucken anfangen würde.

Doch man hatte nicht mit der Abgebrühtheit dieses Gewohnheitsdiebes gerechnet. Keiner der morgendlichen Kaffeetrinker verzog eine Miene, obwohl sich der gesuchte Mitbewohner – wie man im Nachhinein schadenfroh feststellte – reichlich Salz in den Kaffee getan hatte. Der scheinbar so geniale Trick war aber dennoch vollkommen ins Leere gelaufen. Und er ließ sich dummerweise auch nicht mehr so ohne Weiteres wiederholen, denn ab sofort fand man auf dem privaten Zucker-, beziehungsweise Salzvorrat des leidtragenden Kommilitonen jeden Morgen einen kleinen, kreisförmigen Fingerabdruck, mit dem der gewitzte Dieb anscheinend vorab überprüfte, ob auch wirklich Zucker in „seiner“ Dose war.

Man musste also nach einem neuen Weg suchen, den mit allen Wassern gewaschenen Dieb zu täuschen, und dabei noch schlauer vorgehen als zuvor: Die Dose wurde wieder bis zum Stehkragen mit Salz gefüllt. Aber ganz zum Schluss kam oben drüber noch eine hauchdünne Zuckerschicht! Man kicherte leise über diesen genialen Einfall und wartete gespannt auf den nächsten Morgen.

Grundsätzlich war die neue Strategie auch erfolgreich, denn tatsächlich – der fiese Zuckerdieb wurde erneut getäuscht: Wie beim ersten Mal tat er sich reichlich Salz in seinen Kaffee, und wie beim ersten Mal verzog er keine Miene beim Trinken. Daher führte selbst diese eigentlich hoch geniale Gemeinschaftsidee nicht zur Enttarnung unserer diebischen Elster.

Um eine lange Geschichte abzukürzen, man hat den gemeinen Zuckerdieb am Ende doch noch überführt. Wie? Ganz einfach: Statt Salz tat man schließlich Waschpulver in die Zuckerdose, mit einem Hauch von Zucker darüber, und Bingo – der Schaum auf dem Kaffee war nicht zu übersehen und nicht zu leugnen. Und – Ende gut, alles gut – nach diesem preiswürdigen Geniestreich herrschte endlich wieder Friede in unserer studentischen Gemeinschaftshütte!

Schwarze Milch

Recht raue Sitten herrschten also im unmittelbaren Umfeld meiner allerersten Studentenbude in einem der letzten der damals in Göttingen noch verbliebenen Unisex-Wohnheime. Reine Frauen- und Männer-Wohnheime waren zu der Zeit allerdings nicht wirklich eine Besonderheit, denn bis zum Ende der sechziger Jahre galt der Kuppelei-Paragraph §180 in voller Schärfe auch für Erwachsene und war insbesondere bei privaten Vermietern von Studentenbuden entsprechend gefürchtet! (Bitte melden: Wer kennt den §180 StGB heute noch?)

Aus Angst vor Strafe durften nach 22 Uhr abends und vor 6 Uhr morgens absolut keine weiblichen Wesen in unserem Heim gesehen werden. Was man dagegen tun konnte? Um der damals schon nicht mehr ganz zeitgemäßen Vorschrift nachzukommen, sperrte man die holde Weiblichkeit nach 22 Uhr einfach in das eigene Zimmer ein und entließ sie erst morgens nach 6 Uhr wieder in die Freiheit. Ausreichend Zeit für ein ausführliches körperliches Miteinander also. So wurde der Sinn und Zweck des Kuppelei-Paragraphen mit ein bisschen destruktiver Fantasie ganz einfach in das genaue Gegenteil verkehrt.

Raue Sitten also. Mein erstes Weihnachten wollte ich nicht fern der Heimat, sondern natürlich zuhause bei meinen Eltern und Freunden verbringen. Vor der langen Heimreise mit dem damals noch größtenteils dampfbetriebenen Zug versuchte ich noch, mich mit einem selbst gekochten Teller Spaghetti, Tomatensoße und leckerem Parmesankäse zu stärken. (Alles vom billigen ALDI, versteht sich!)

Ob’s am Reisefieber lag? Jedenfalls schaffte ich es nicht, die ganze Portion italienische Nudeln in einem Rutsch aufzuessen. Daraufhin dachte ich so bei mir, dass es doch bestimmt eine feine Sache sein würde, drei Wochen später wieder nach Göttingen zurückzukommen und dort im Gemeinschaftskühlschrank einen leckeren Essensrest vorzufinden. Schnell wieder warm gemacht, würde ich ihn mit großem Appetit und Genuss verspeisen, ausgehungert von der ebenso langen Rückreise mit der Bahn.

So jedenfalls dachte ich mir’s und stellte meine Restspaghetti mitsamt Soße, Käse und Besteck in den Kühlschrank, optisch ansprechend auf einem wunderschönen, giftgrünen Plastikteller angerichtet. (Diesen todschicken und topmodischen Teller hatte ich gleich zu Beginn meines Studiums für kaum ´ne Mark günstig beim HERTIE um die Ecke erstanden.)

Ich war nicht wenig überrascht, als ich gut drei Wochen später weder Teller noch Besteck, geschweige denn meine Spaghetti im Kühlschrank wiederfand. Die im Tagesraum anwesenden Mitbewohner sahen mich ratlos ins leere Kühlfach starren.

„Du suchst deine Nudeln?“

„Ja!“

„Ach, du warst das!“

„Ja, wieso? Das waren meine Spaghetti! Wo sind die denn jetzt?“

„Die haben wir weggeworfen.“

„Warum denn bloß?“

„Die waren doch total vergammelt, Mann. Und gestunken haben die auch – zum Hundserbarmen!“

„Ja, wirklich? Das ist dumm! Wo ist denn jetzt mein Teller?“

„Den haben wir gleich mit weggeworfen!“

„Was? Etwa mitsamt dem Besteck?“

„Na klar, Mann: mitsamt dem Besteck!“

Ich muss sagen, Mitleid oder tätige Reue sahen anders aus. Dabei war mir gerade dieser so schön giftgrüne Plastikteller – der erste Teller, den ich mir jemals von meinem eigenen Geld gekauft hatte – schon nach kürzester Zeit so ans Herz gewachsen, dass ich mich auch heute noch mit Schmerzen an diesen bedauerlichen Verlust erinnere.

Wenn ich allerdings so recht darüber nachdenke, hat man Teller, Besteck und Spaghetti nach drei langen Wochen im Kühlschrank wahrscheinlich überhaupt nicht mehr voneinander trennen können – weder optisch noch mechanisch. Die Reaktion meiner Kommilitonen war im Nachhinein also irgendwie verständlich. Dumm gelaufen...

Abschließende Verständnisfrage zum Thema „Studenten und ihre Essensvorräte”: Wie bekommt man schwarze Milch? Ganz einfach: In den Kühlschrank stellen und vergessen. Die Steinkohlebriketts der Neuzeit sind ursprünglich wohl auch auf diesem Wege entstanden. (Vielleicht gab’s ja schon in prähistorischen Zeiten Kühlschränke und Milchtüten!)

Die Liebe und das Raucherbein

Aber nicht nur Männer machen schräge Sachen, auch bei Studentinnen stieß ich gelegentlich auf recht merkwürdige Kausalzusammenhänge, die nicht so ganz in mein damals noch überwiegend logisch geprägtes Weltbild passen wollten:

Eines schönen Tages hatte ich mich über beide Ohren in eine süße Medizinstudentin verliebt. Fast jeden Abend hing ich mit ihr zusammen auf ihrer Bude ab. Zu meinem großen Bedauern war sie im Umgang mit mir eigentlich immer sehr zurückhaltend. Vielleicht lag es daran, dass sie Kettenraucherin und ich ein überzeugter Nichtraucher war.

Eines Abends war sie besonders wortkarg und niedergeschlagen.

„Was ist mit dir los? Geht es dir nicht gut?“, fragte ich besorgt.

„Nein, mir geht’s wirklich nicht so gut. Ich musste heute bei einer Operation zuschauen.“

„Und was war? War die Operation besonders schlimm?“

„Ja, einem Raucher musste das Bein amputiert werden.“

„Oh!“

„Sein letztes Bein: Das andere war ihm schon vor zwei Jahren abgenommen worden!“

„Tatsächlich, sowas gibt’s? Warum hat dieser Verrückte denn nicht aufgehört zu rauchen? Er musste doch wissen, dass er auch sein letztes Bein noch verlieren würde! Wie kann man nur so dumm sein?“

„Tja, heute – diese Amputation, das war wirklich ganz besonders schlimm!“

„Und? Was hast du nach der Operation gemacht?“

„Ich? Was ich getan habe? Um über den Schock hinwegzukommen, bin ich erstmal vor die Tür gegangen und hab mir eine Zigarette angesteckt!“

Besagte Studentin, die so sprach und die von mir damals heiß begehrt wurde, ging kurz nach unserem Gespräch eine feste Verbindung ein. Und heute muss ich sagen: Glücklicherweise nicht mit mir!

Ein Prinz im Wohnheim

Ausländische Studenten gab es reichlich in allen öffentlichen geführten und ebenso finanzierten Wohnheimen, die ich während meines Studiums in Göttingen bewohnen durfte. Während die hier geborenen Studenten überwiegend aus dem gehobenen Bildungsbürgertum kamen – mit mir als einer der wenigen Ausnahmen waren die Eltern meistens mindestens beamtete Lehrer, wenn nicht beruflich sogar noch höher gestellt –, kamen ausländische Studenten gar nicht so selten aus irgendwelchen Fürstenhäusern kleinerer, meist arabischer oder afrikanischer Staaten. Gehörten in ihrer Heimat also zur absoluten Oberschicht, dem auch aus deutscher Sicht superreichen Geld- oder sonstigen Adel.

Ein solcher Neuzugang machte sich in unserem Heim sofort „beliebt“, weil er der Meinung war, wir anderen Studenten kämen alle aus einer niedrigeren Kaste. (Um internationale Verwicklungen zu vermeiden, verschweige ich lieber das Herkunftsland!) Seiner Ansicht nach sollten wir alle zusammen für ihn Kochen, Einkaufen und höchstpersönlich seine Bude putzen, um nur die alltäglichsten seiner Ansprüche zu nennen. Er dachte also, wir wären allesamt sein persönliches Fußvolk, das ihn zu bedienen und zu unterhalten hätte.

Nun ja, die Gedanken sind frei. Ein jeder kann sich gern solchen Tagträumen hingeben. Nur darf er nicht erwarten, dass seine Wünsche in der harten Realität auch in Erfüllung gehen!

Es passierte also nichts von dem, was unser ausländischer Gast sich so an gewöhnlichen Dienstleistungen und Handreichungen von uns erhoffte. Für ihn vollkommen unerklärlich, verharrten wir ihm gegenüber in absoluter Passivität. Keiner von uns machte für ihn auch nur den kleinsten Finger krumm.

Notgedrungen musste er sich damit abfinden, nicht von uns bedient zu werden, und irgendwann selbst damit anfangen, sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Was er dann auch tat. Nur sich selber darüber hinaus persönlich für die Wohngemeinschaft in Form der üblichen Sozialdienste nützlich zu machen, das war dann doch nicht seine Welt.

Nun ist es leider so, dass mit solchen Leuten, die wie von einem anderen Stern in die harte Wirklichkeit eines rauen Studentenlebens herabgefallen zu sein scheinen, unter echten Männern im Allgemeinen nicht lange herumgefackelt wird: Ein jeder von uns musste – ohne Ausnahme – von Zeit zu Zeit den Müll in die vor dem Haus vor sich hin müffelnden Container entsorgen. Das war die Pflicht, die uns die Hausordnung und der Gemeinschaftssinn auferlegten. Nur dass diese Tätigkeit unserem neuen, in geistig höheren Sphären verweilenden Mitbewohner überhaupt nicht beizubringen war. Er stellte sich stur, selbst als ihm die vollen Abfalleimer demonstrativ vor die Tür gestellt wurden. Das Ergebnis: Als unsere beiden Abfallbehältnisse aus Küche und Gemeinschafts-Waschraum wieder voll waren, wurde ihm der Abfall erneut vor die Tür gestellt – dieses Mal aber ohne die beiden Eimer!

Glücklicherweise waren alle anderen ausländischen Kommilitonen bei weitem nicht so hochgestochen. Die zahlreichen kalifornischen Gaststudenten in unserem Wohnheim verhielten sich zum Beispiel vollkommen normal und waren in ihrem Freizeitverhalten von deutschen Studenten so gut wie überhaupt nicht zu unterscheiden.

Und andere, ebenfalls aus exotischer Ferne zum Zweck des Studiums nach Göttingen herbeigereiste Hausgäste waren ganz einfach schlauer als unser am Ende von allen Seiten gemoppter „Wohnheimprinz“: Eine afrikanische Familie mit drei Kindern zum Beispiel, die ein Mehrzimmer-Studentenappartement bezog, brachte aus ihrer Heimat klugerweise einfach eine arme Verwandte mit, die für die ganze Familie kochen und putzen musste. Dadurch waren alle anderen Angehörigen ihrer Sippe vollkommen von den lästigen Pflichten des Alltags befreit und konnten sich damit voll und ganz dem Studium (oder anderen angenehmen Zeitvertreiben) widmen.

Norwegische Fröhlichkeit

Vollkommen unkompliziert im Umgang mit sich und der Welt war auch der norwegische Student, der ein, zwei Semester lang mein Zimmernachbar war: Als Entschädigung für die deutsche Besatzungszeit im zweiten Weltkrieg durften junge Norweger in Göttingen Medizin studieren – ohne irgendwelche Beschränkungen durch Studienplatz-Knappheit und Numerus Clausus fürchten zu müssen. (Womöglich gilt diese Regelung heute noch...) Das Studium war für die meisten aus Norwegen zugereisten Studenten allerdings eher Nebensache, stattdessen floss der in Deutschland vergleichsweise billige Fusel in Strömen. Im Zimmer nebenan war jeden Abend Party bis zum Abwinken.

Mit besoffenem Kopf kommt man schon mal auf dumme Gedanken: So wurde mein fröhlicher Nachbar eines Nachts beobachtet, wie er sturzbetrunken am Steuer seines eigenen Wagens – natürlich ein großer Volvo, wie könnte es anders sein – immer im Kreis um den im Sommer schön mit Blumen geschmückten Kandelaber mitten auf dem Göttinger Theaterplatz herumfuhr. Auf dem Dach liegend ein zweiter Norweger, der sich mit seinen Händen an den beiden Scheibenwischern festhielt und lauthals fröhliche Trinklieder ins Dunkel der Nacht hinausschrie. Auf Norwegisch, versteht sich. (Ich hoffe jedenfalls, dass es nur Trinklieder waren, die er zur Freude der aus dem Schlaf geweckten Anwohner zum Besten gab!)

Für alle, die Göttingen nicht kennen: Die hier beschriebene Örtlichkeit lässt sich auch im Heinz-Erhardt-Film „Natürlich die Autofahrer“ bestaunen. Besagter Theaterplatz ist nämlich genau derjenige Verkehrskreisel, auf dem Heinz Erhardt höchstpersönlich zum guten Ende seines Films die flüchtigen Bankräuber stellt. Während seiner Führerscheinprüfung.

Was man daraus lernen kann: Verrückter geht’s immer! (Zumindest im Film...)

Ruhe im Karton

Nach anfänglichen Schlafstörungen wurde die allabendliche Musik-Beschallung aus meinem Nachbarzimmer, von dem mich nur eine recht dünne Wand aus Gipskarton trennte, mit der Zeit zur lieben Gewohnheit. Zum Schluss konnte ich selbst bei dem lautesten Partylärm ein- und durchschlafen.

Bis es allerdings eines Nachts auch mir zu bunt wurde: Mitten in der Nacht wurde ich wach und stellte fest, dass vom Wohnheimflur her eine wirklich ohrenbetäubende Krachmusik in mein Zimmer drang. Als ich den Kopf schlaftrunken aus der Tür steckte und mich umsah, stellte ich fest, dass mein Nachbar seine mit voller Lautstärke spielende Musikanlage mitten auf den Flur gestellt hatte – vor seine und damit auch direkt neben meine eigene Zimmertür. Dazu drang aus der offenen Tür des Nebenzimmers lustiges Palaver an meine schlaftrunkenen Ohren.

Dieser nächtliche Lärm war mir dann irgendwie doch zu viel. Ich überlegte, was ich tun sollte. Statt lange und höchstwahrscheinlich ergebnislose Diskussionen mit den schon ziemlich angeheiterten Gästen zu führen, erschien es mir am einfachsten, direkt zum zentralen Sicherungskasten zu gehen und der Krachmusik „den Saft“ abzudrehen. Ein Gedanke, den ich umgehend in die Tat umsetzte: Im Schlafanzug stapfte ich tapfer und unbeirrbar an der lauten Musik und der offenen Nachbartür vorbei bis ans Ende des dunklen Flurs, öffnete den Sicherungskasten und legte den Schalter um. Sofort herrschte gespenstische Stille auf dem Flur, und ich vernahm nur noch das fröhliche Lachen der Partygäste.

Nach dieser gewalttätigen Aktion legte ich mich wieder ins Bett, starrte minutenlang an die dunkle Zimmerdecke und konnte bei der ungewohnten Stille nun erst recht nicht mehr einschlafen. Also quälte ich mich wohl oder übel wieder aus dem Bett und mischte mich unter die Feiernden im Nachbarzimmer – immer noch müde und immer noch mit meinem langweilig blau-weiß gestreiften Schlafanzug angetan.

Das Zimmer, in dem mein Nachbar hauste, war nicht sehr groß: Bett, Sofa, ein Tisch, ein kleiner Schrank und ein paar Stühle füllten die privat vermietete Studentenbude vollkommen aus. Überall saßen Partygäste herum – auf dem Bett, auf den Stühlen und sogar auf dem Fußboden. Es wurde gelacht, geraucht, geredet und getrunken. Die Stimmung war entspannt und ausgelassen. Mein fröhlicher und erstaunlich trinkfester Nachbar thronte gut gelaunt mit zwei heißen Bräuten im Arm auf dem Sofa und schien hoch erfreut über meinen unerwarteten Besuch zu sein. Schnell kamen wir ins Gespräch, und ich wunderte mich, dass keinen der anwesenden Gäste das Fehlen der lauten Partymusik zu stören schien.

Irgendwann traute ich mich zu fragen, was den eigentlich mit der Musik sein? Ob es denn keinem aufgefallen sei, dass sie so plötzlich ausgegangen sei. Ja, meinten einige Gäste, sie hätten sich schon gewundert, warum es mit einem Mal so leise gewesen sei!

Warum die Musikanlage denn nicht hier im Zimmer, sondern draußen auf dem Flur stehen würde, fragte ich weiter. „Oha!“, kam es zurück: Im Zimmer sei die Musik doch einfach viel zu laut gewesen. Da habe man die ganze Anlage einfach vor die Tür gestellt. Und überhaupt: So wie’s jetzt wäre – ganz ohne Musik, da wäre es doch eigentlich viel, viel schöner!

Dieser weisen Einsicht, Ergebnis einer absolut lückenlosen logischen Beweiskette, konnte ich nur aufs Höchste erfreut zustimmen. Irgendwann in dieser Nacht bin ich dann wohl doch noch zum Schlafen gekommen…

Eine unruhige Nacht im „Affenheim“

Sex im Bett wird meiner Meinung vollkommen überbewertet. Denn man kann es ja auch anderswo sehr schön miteinander treiben: im Auto etwa oder im Wald, auf dem Sofa und so weiter und so fort. Erwarten Sie hier von mir also bitte nicht die üblichen Bettgeschichten, sondern ehe solche wie die nun Folgende:

Von diesem wohl – wie ich hoffe – ziemlich einmaligen Sexerlebnis berichtete mir Kalle Reimann, damals wissenschaftlicher Assistent an dem berühmten Institut für theoretische Mathematik in der „Bunsenstraße“:

Kalle wohnte mit seiner Verlobten Eva im Erdgeschoss des öffentlich geförderten Studentenwohnheims für afro-asiatische Studenten, in der Göttinger Szene besser bekannt als „Affenheim“. Im Erdgeschoss lag auch der Eingang zur Wohnheim-eigenen Diskothek, die sich an der Göttinger Universität einen gewissen Kultstatus erarbeitet hatte. Nirgendwo sonst konnte man so einfach Studentinnen aus der nahe gelegenen Pädagogischen Hochschule treffen und „aufreißen“ wie hier. Also war die Affenheim-Diskothek fast jeden Abend bums-voll mit paarungswilligen Studentinnen und Studenten.

Der große nächtliche Ansturm auf die Musikkneipe sorgte natürlich auch auf dem Flur im Erdgeschoss, von dem aus es geradewegs in das Einzimmerappartement von Eva und Kalle ging, immer für Betrieb, soll heißen, für regen Personenverkehr.

Eines schönen Abends lag Kalle neben seiner Eva im Bett und hatte Probleme einzuschlafen. Er drehte sich auf ihre Seite und flüsterte leise:

„Entschuldige mal, Eva, aber ich muss dringend nochmal schnell aufs Klo!”

„Kein Problem, Kalle! Beeil’ dich aber bitte und lass’ das Licht aus, ich bin schon fast am Einschlafen.”

Eva sprach’s und drehte sich wieder auf die von ihr bevorzugte Schlafseite.

Kurze Zeit, nachdem Kalle aus dem Zimmer über den Flur zur Gemeinschaftstoilette gegangen war, huschte er schon wieder durch die Tür zurück ins dunkle Zimmer. Eva ermahnte ihn im Halbschlaf:

„Schließ’ doch bitte noch die Tür ab!”

Wie befohlen drehte sich der Schlüssel im Schloss. Unmittelbar darauf ging im partnerschaftlichen Gemeinschaftsbett ein wildes Geschmuse los. Erst kam Eva das plötzliche Interesse ihres Verlobten zu solch nachtschlafender Zeit nur komisch vor, dann zunehmend merkwürdig und merkwürdiger. Schließlich, als sie die starke Alkoholfahne unmittelbar über ihrem Gesicht bemerkte, wurde sie panisch. Im gleichen Moment versuchte jemand, von außen die verschlossene Zimmertür zu öffnen: Ihr aus dem Zimmer ausgesperrter Kalle stand vor der Tür und konnte nicht herein!

Gemeinsames Geschrei – im Zimmer und auf dem Flur – schlugen den sexbesessenen Eindringling in die Flucht, bevor Schlimmeres passieren konnte: So schnell und heimlich, wie er gekommen war, verschwand er wieder aus dem warmen Bett, stolperte durchs dunkle Zimmer und schloss die Tür von innen auf. Vor der Tür wartete der aufgeregte und wütende, weil ausgesperrte und schändlich hintergangene Verlobte und warf den dreisten Eindringling zur Belohnung für seinen Sex-Frevel mit Schmackes gegen die andere Flurwand.

Allen denen, die diese abenteuerliche Geschichte nicht so recht glauben wollten, konnte als Beweis ein deutlich sichtbarer länglich-ovaler Fleck an der Wand des „Affenheims“ gezeigt werden – genau gegenüber von Evas und Kalles Tür.

Fast auch eine Bettgeschichte

Aufregende nächtliche Erlebnisse im Studentenwohnheim waren allerdings nicht nur meinem Freund Kalle vorbehalten, so etwas widerfuhr auch anderen. Besonders Strebern und Miesepetern, die so wie ich nachts – aus welchen Gründen auch immer – schlafen wollten, statt bei einer spontan organisierten Hausparty fröhlich mitzufeiern, wurde schon das eine oder andere Mal übel mitgespielt:

So wurde in einem besonders bemerkenswerten Fall während einer solch feucht-fröhlichen Studentenparty im damals erst wenige Jahre alten Göttinger „Studentendorf“ einfach das Doppel-Null-Schild von der Gemeinschaftstoilette abmontiert und an die gegenüber liegende Zimmertür gepappt, hinter der eine besonders renitente Spaß-Bremse im Bett lag und den Schlaf des Gerechten schlief, ohne auch nur im Entferntesten zu ahnen, welches Ungemach da auf sie zukam.

Nun kann sich ein jeder wohl so ungefähr ausmalen, was wenig später geschah: Im Zimmer des schlafenden Party-Muffels ging mitten in der Nacht urplötzlich das Licht an, und vor seinem Bett stand ein schon ziemlich angeheiterter, ihm vollkommen unbekannter Student mit halb heruntergelassener Hose, voller Blase und einem offen heraushängenden Gemächt, der vergeblich nach der hinter der Tür vermuteten Kloschüssel suchte. Wer bei diesem unerwarteten Zusammentreffen wohl überraschter war: der aus dem Tiefschlaf hochgeschreckte oder der sein Geschäft im falschen Zimmer verrichten wollende Student?

Allein unter Frauen

Unfreiwillige nächtliche Gesellschaft hatte ich selbst sogar schon vor dem Studium, allerdings von deutlich angenehmerer Natur. Es geschah auf meiner ersten Auslandsreise gleich nach dem bestandenen Abitur. Mein Reiseziel war Südwest-England, genauer gesagt das ausgesprochen charmante Seebad „Weston-Super-Mare“ an der schönen Severn-Mündung nahe Bristol. Dort, wo meine elf Jahre ältere Schwester nach ihrer Heirat mit Robert Stark, einem waschechten Engländer, ihre neue Heimat gefunden hatte.

Die Reise fand zu einer Zeit statt, als Großbritannien noch das absolute Mekka der Popmusik war, für junge Leute wie mich also ein absolut hippes Reiseziel. Mein unfreiwilliges Abenteuer im Bett ereignete sich aber schon auf dem Weg dorthin an Bord der Autofähre „Prinz Hamlet“. Dieses seinerzeit hochmoderne Fährschiff pendelte mehrmals wöchentlich zwischen Bremerhaven und der südost-englischen Hafenstadt Harwich hin und her und wurde von einer schwedischen Reederei betrieben. Die ganze Überfahrt von Deutschland nach England dauerte etwa einen halben Tag und die ganze, darauf folgende Nacht.

Als armer Schulabgänger hatte ich natürlich die billigste von allen möglichen Schiffspassagen gebucht und fand mich so in einer extrem kleinen, fensterlosen Innenkabine wieder. Es gab noch nicht einmal eine Nasszelle, sondern nur ein Waschbecken und zwei Etagen-Doppelbetten. Meine Mitbewohner waren alles Frauen.

Das war für mich in keiner Weise ein Grund zur Besorgnis, denn erstens war ich noch vollkommen grün hinter den Ohren und zweitens hatte ich mir zuhause mein Zimmer immer mit meiner älteren Schwester teilen müssen, bevor sie mich schnöde verließ und ohne mich in die große, weite Welt ging.

Die beiden jüngeren, in meinen Augen gar nicht so unflotten England-Touristinnen, mit denen ich die kleine Mehrbett-Kabine teilen durfte, fanden die ganze Angelegenheit auch einigermaßen lustig. Nur die dritte, etwas ältere Einzelreisende in unserer gemeinsamen Schlafstatt war absolut „not amused“. Ziemlich genervt sprach sie mich an: Da wäre doch bestimmt eine Verwechslung passiert, ich solle bitte sofort zur Rezeption gehen, um die Fehlbelegung zu korrigieren! Sie sagte das in einen ziemlich unfreundlichen, für mich einigermaßen ungewohnten Befehlston.

Irgendwie verstand ich die ganze Aufregung nicht. Wieso sollte ich eine Fehlbelegung sein? Auf die naheliegende Idee, dass die schwedische Schiffsbesatzung, die wohl eher Englisch als Deutsch verstand, meinen Vornamen irrtümlicherweise für weiblich gehalten und mich nur deshalb (versehentlich!) in diese Frauenkabine gesteckt haben könnte, kam ich nicht.

Da man in dieser kleinen Kabine sowieso nichts anderes anstellen konnte, hatte ich mich schon halb ausgezogen und ins warme Bett gekuschelt. Obwohl oder gerade weil ich so unfreundlich angeraunzt wurde, verspürte ich überhaupt keine Lust, noch einmal aufzustehen und nach draußen auf die ungemütlichen und feucht-kalten Schiffskorridore zu gehen: Wenn die gute Frau ein Problem mir hatte, warum ging sie dann nicht selber zur Rezeption?

Irgendwie musste sie meine Gedanken erraten haben, denn sie verschwand für längere Zeit aus unserer Mehrbettkabine. Wahrscheinlich hatte sie die Hoffnung, dass ich nicht mehr da sein würde, wenn sie zurückkam.

Ich war aber tatsächlich noch da, als sie zurückkam, wurde wieder wach und wunderte mich sehr, warum die gute Frau sich bei halboffener Tür im Dunkeln aus- und umzog. Auch aus ihrer Sicht gesehen kamen mir ihre gymnastischen Übungen fast ganz ohne Licht doch ziemlich unbequem vor. Schließlich gab es in unserem Zimmer eine durchaus einwandfrei funktionierende, ausreichend helle Deckenbeleuchtung.

Wieder kam ich nicht auf die Idee, dass ich der Grund für das heimliche Gemunkel im Dunkeln sein könnte. Dabei lag ich ganz tief im untersten Etagenbett und hatte deshalb natürlich einen ausgesprochen exquisiten Ausblick auf alles, was um mich herum und über mir passierte.

Wenn die arme Frau, die meinte, sich im Dunkel umziehen zu müssen, nur gewusst hätte! Ich war an dem, was sie da vor meinem Bett für Verrenkungen anstellte, herzlich wenig interessiert. Nach der anstrengenden und umständlichen Bahnreise von meiner Heimatstadt „Heide in Holstein“ über Hamburg und Cuxhaven nach Bremerhaven wollte ich mich eigentlich nur ausschlafen. Ihr unter den BH oder gar unter das knappe Höschen zu schauen, war für den Moment absolut ohne jedes Interesse für mich. Denn gut und geschmackvoll angezogene Frauen habe ich Zeit meines Lebens immer für deutlich attraktiver gehalten als die nackten, langweilig zart-rosanen Tatsachen. Und, wie schon erwähnt, ich war damals in jeder Hinsicht noch Jungfrau und deshalb absolut rein im Geiste.

Irgendwann war das Gehampel vor meinem Bett endlich vorbei, und in der kleinen Kabine leuchtete nur noch die Notbeleuchtung. Nach einer kurzen Nacht sah ich meine Widersacherin am anderen Morgen nur noch von hinten: Ihre Sachen packen und raus aus der Kabine waren eins.

Mir konnte es egal sein, denn die anderen beiden Mädels hatten mich dafür umso mehr in ihr Herz geschlossen und begleiteten mich in der Bahn noch bis London, wo sich unsere Wege dann leider für immer voneinander trennten.

Willkommen in Europas „Dritter Welt“

Reisen sind anscheinend eine gute Gelegenheit für unfreiwillige sexuelle Abenteuer. Ein anderes Abenteuer dieser Art erlebte ich sechs Jahre später auf der schönen grünen Insel Irland:

Mit meiner Reisebegleitung Marion verband mich nichts weiter, als dass sie wie ich aus dem nicht nur im Sommer von Kohlköpfen aller Art bevölkerten Landkreis Dithmarschen stammte, in Göttingen Mathematik studierte und ich sie schon mehr als einmal mit meinem Nachthimmel-blauen VW-Käfer gegen eine bescheidene Benzinkosten-Beteiligung nachhause gefahren hatte. Ein, zwei Jahre später hatte ich dann die besondere Ehre, von ihr als ihr exklusiver persönlicher Begleiter auf eine selbstorganisierte Kreuzfahrt kreuz und quer durch ganz Irland eingeladen zu werden.

Gerade erst war sie stolze Besitzerin eines eigenen Vehikels geworden. Mit ihrem quietsch-grünen, nagelneuen Renault R4, der wesentlich geräumiger war als meine eigene, alte Schrottkiste, gingen wir zu zweit auf große Tour. Und trafen nach einer ziemlich langen Fahrt mit ihrem Auto per Schiff eines schönen Sommernachmittags anno 1976 im irischen Fährhafen Rosslare ein – ohne uns vorher über die genaue Route, über Übernachtungsmöglichkeiten oder über andere Notwendigkeiten einer derartigen Entdeckungsreise irgendwelche Gedanken gemacht zu haben.

Und so traten wir auch nicht gleich die Suche nach einer nächtlichen Bleibe an: Zu faszinierend war das, was vor uns lag. Gleich hinter dem Fähranleger bogen wir von der Hauptstraße ab und landeten sofort in der „Pampa“ – im wahrsten Sinn des Wortes. Schon England und der Süden Wales hatten auf uns zwei, vom stahl-kalten technischen Wohlstand der BRD verwöhnten Rotznasen nicht gerade den Eindruck absoluter Modernität gemacht, aber hier, so schien es, waren wir von jetzt auf gleich in einem Dritte-Welt-Land gelandet: Autos wie aus dem Museum, mickrig schmale Landstraßen und Häuser, die eher wie Notbehausungen aussahen, nach unseren hochfliegenden Maßstäben ziemlich primitiv aus grobem Naturstein zusammengehauen und danach bis auf das ebenfalls aus einfachsten Materialien bestehende Hausdach fast ausnahmslos weiß getüncht. Fast alle Häuser wurden bewacht von wolfsgroßen Hütehunden, deren größter Spaß es war, das halbe Dutzend motorisierter Fahrzeuge, das über den lieben langen Tag verteilt vorbei zu kommen geruhte, anzufallen, zu jagen und zu verbellen.

Das Ritual war immer dasselbe: Wir fuhren durch die fast leere grüne Landschaft auf ein Haus zu – außer ein paar Schafen, einer Handvoll Möwen und einigen stumpf wiederkäuenden Kühlen weit und breit keine lebende Seele zu sehen. Aber in demselben Moment, in dem wir das allein stehende Haus erreichten, brach die Hölle los: Mit ohrenbetäubendem Gebrüll schoss ein braunes, graues oder schwarzes haariges Monster aus seinem hinter einer Mauer gelegenen Versteck hervor und schmiss sich so vor unseren Kühler, dass wir kaum noch den Schwanz sehen konnten. Jeden Moment musste es zum Aufprall kommen! Aber nein, stattdessen tauchten plötzlich hässlich gelb-weiße, wütend gefletschte Zähne neben unserem Auto auf und spritzten einzelne Speichelfetzen an die Seitenscheiben. Wenige Sekunden später war der Spuk schon wieder vorbei, denn nach anfänglichen Irritationen zogen wir es vor, besser nicht zu bremsen, sondern einfach weiterzufahren. Und so gab sich das wütend bellende Monster für uns erst mit einiger Entfernung im Rückspiegel als ein immer kleiner werdendes Exemplar der Gattung „Hund“ zu erkennen.

Endstation Rumpelkammer

Ich weiß nicht mehr, ob es tatsächlich Rosslare oder nur eines der vielen namenlosen Dörfer war, die weit verstreut in der menschenleeren irischen Landschaft lagen, jedenfalls trafen wir nach kurzer Zeit auf eine größere Ansammlung gemauerter Behausungen, in der die Straßen nicht nur von Hunden, sondern auch von dem einen oder anderen Exemplar der Gattung Mensch bevölkert waren. Überraschend schnell fanden wir ein Haus mit einem einigermaßen anheimelnden Aussehen, in dessen Vorgarten neben einem hellblau gestrichenen Gartenzaun und ein paar Blumen das ersehnte Schild mit der Aufschrift „Bed and Breakfast“ stand.

Marion klopfte an die Haustür, und ohne jede Verzögerung wurde uns aufgetan. Anscheinend waren wir aus dem Haus schon einige Zeit neugierig beäugt worden. Das erste, was uns aus dem halbdunklen Hausinneren sofort ins Auge sprang, war ein großes Kruzifix, das direkt über dem Treppenaufgang hing. Da nicht anzunehmen war, dass man sich hier vor Vampiren fürchtete, war klar: Jetzt sind wir im erzkatholischen Herzen Irlands angekommen!

Die Hausherrin persönlich hatte uns die Tür geöffnet, also überließ ich Marion das Reden. Mit dem Ergebnis, dass wir nach einer kurzer Abstimmung über die Zimmermiete und die Frühstückszeit unser Zimmer beziehen konnten.

Das Zimmer, das uns als Schlafstelle für unsere erste Übernachtung in Irland zugedacht war, war selbst für unseren jugendlichen, von allzu hohen Erwartungen wenig getrübten Geschmack doch etwas zu klein und zu spartanisch eingerichtet. Zwar gab es ein Waschbecken, einen Schrank, einen kleinen Tisch und auch ein Bett, aber genau dieses Bett war das Problem, für Marion ebenso wie für mich: Doppelbett wäre geschmeichelt gewesen, das Bett hatte noch nicht einmal Queen-Size-Maße. Eigentlich war es nur ein Bett für eine einzige, mäßig große Person. Und für diese eine Person gab es auch nur eine einzige Bettdecke.

Marion schoss sofort wieder aus dem Zimmer, um das vermeintliche Missverständnis aufzuklären – vergeblich: Anscheinend überstieg es vollkommen den geistigen Horizont unserer katholisch-frommen Hauswirtin, dass ein Mann und eine Frau, die gemeinsam eine Reise taten, nicht in ein- und demselben Bett schlafen wollten. Meine leicht panisch werdende Bekannte versuchte daraufhin, der guten Frau in ihrem gebrochenem Schul-Englisch verständlich zu machen, dass wir genau das nicht waren, nämlich keineswegs Mann und Frau. Und zwar weder verheiratet, noch verlobt, ja noch nicht einmal eng befreundet. Bloße Reisegenossen also.

Allerdings hätte Marion unserer armen Gastgeberin genauso gut erzählen können, im Hof hinter ihrem Haus wären Außerirdische gelandet. Als fromme Irin verweigerte sich unsere Wirtin stocksteif der Annahme, ein Mann und eine Frau im heiratsfähigen Alter könnten gemeinsam unterwegs sein, ohne nicht wenigstens kirchlich getraut zu sein. Gut möglich, dass sie in unserem Auto noch eine mehrköpfige Kinderschar vermutete, die wir dort versteckt hatten, um sie im Schutze der anbrechenden Nacht heimlich ins Haus zu lassen. Dass wir nur deshalb um ein zweites Zimmer baten, um mit diesem Trick das Geld für die Übernachtung unserer Kinder zu sparen. Kurz und gut, es gab kein zweites Zimmer und kein zweites Bett. Und eine zweite Bettdecke gab es auch nicht.

So hatte die arme Marion schon gleich zu Beginn unserer zweiwöchigen Irland-Rundreise in der ersten Herbergsmutter ihren Meister gefunden und bekam deshalb während dieser ersten gemeinsamen Nacht am Ziel unserer gemeinsamen Abenteuerreise kein Auge zu. Ruhelos wälzte sie sich, meistens allein unter der schmalen Bettdecke liegend, ihren eigenen, vom (Angst-)Schweiß nassen Rücken gegen meinen ebenfalls leicht feuchten, weil ebenfalls schwitzenden Rücken gepresst, die ganze Nacht von einer auf die andere Seite hin- und her. Ich hingegen schlief wenigstens ab und zu den Schlaf totaler Erschöpfung. Und zwar immer dann, wenn ich den die ganze Nacht andauernden Kampf um die schmale Bettdecke, die in etwa die Ausmaße eines in der Wäsche eingelaufenen Badehandtuchs hatte, für ein paar Minuten für mich entscheiden konnte.

Am anderen Morgen saß ich einigermaßen ausgeschlafen am Frühstückstisch und wunderte mich nicht das erste und auch nicht das letzte Mal in meinem Leben, wie Frauen aus einem bei Lichte besehen absolut nichtigen Anlass tatsächlich den Saft für einen ganzen Tag schlechte Laune ziehen können. Vollkommen zu Unrecht musste ich in unserem nächsten Quartier irgendwo in einer anderen trostlos öden Pampa zwischen Rosslare und Cork die Nacht wortwörtlich in einer Rumpelkammer schlafen, damit Marion ihr eigenes Zimmer hatte, das sie ganz für sich allein beziehen konnte.

Nun, ich habe auch diese zwiespältige Erfahrung bei einigermaßen guter körperlicher und seelischer Gesundheit überlebt, obwohl mitten in der Nacht die unverschlossene Haustür synchron mit meiner eigenen Kammertür aufsprang und eine eiskalte Windböe mit lautem Geheul zur Tür herein und durch den offenen Kamin meiner kleinen Kammer wieder hinaus zog. Zähneklappernd saß ich senkrecht im Bett und brauchte danach einigermaßen lange, um wieder zurück in einen halbwegs ruhigen Schlaf zu finden.

Aber wie heißt es doch so schön: Kleine Sünden straft der liebe Gott sofort! Aber warum nun ausgerechtet ich die alleinige Schuld an unserer ersten, schlaflosen Nacht auf der Insel zugewiesen bekam und dafür büßen musste, darüber bin ich mir bis heute immer noch nicht wirklich im Klaren!

Die fröhliche Tramperin

Die Reise durch die irische Republik war in jeder Hinsicht ein Abenteuer: Jedes Quartier war anders – ein Dachzimmer war so niedrig, dass ich beim Auszug mit meinem Kopf einfach die Lampe von der Decke fegte. Der Wirt lachte nur. Überhaupt waren die Iren ein fröhliches Volk: Erlaubt war, was gefällt. „Halbe Pizza mit Pommes Frites” war das Top-Angebot einer irischen Gaststätte. Mir drehte sich schon beim Anblick dieses handgeschriebenen Reklameschildes im Fenster des Gasthauses der Magen um.

Den Gipfel der Fröhlichkeit erlebten wir dann wenige Tage später, als wir eine hutzlige Alte, ganz in Schwarz gekleidet, am Straßenrand stehen sahen, den Arm heraus und den Daumen in die Höhe gestreckt. Facebook war damals noch nicht erfunden, also war das kein Like-it-Zeichen, sondern nur der zarte Hinweis, dass diese alte Dame als Tramperin von freundlichen Autofahrern mitgenommen werden wollte.

Natürlich ließen wir uns diese günstige Gelegenheit, mit der lokalen Bevölkerung intensiver ins Gespräch zu kommen, nicht entgehen. Marion trat auf die Bremse, und ich hielt der guten Frau galant die Tür auf. Sie stieg auch ohne einen Moment zu zögern bereitwilligst zu uns ins Auto. Sicher hatte sie noch nie einen dieser heute so beliebten Splatterfilme gesehen, in denen mordlustige junge Pärchen reihenweise einsame und ahnungslose Tramperinnen dahinmeucheln. Andererseits war unsere neue Beifahrerin auch schon in einem Alter, wo das lustvolle Meucheln selbst für den abgebrühtesten Gewohnheitsmörder etwas an Reiz verliert.

Sei dem, wie es war, ich drehte meinen Kopf nach hinten in Richtung Rücksitzbank, wo unsere neue, einheimische Bekanntschaft saß und uns beide mit großem Interesse beäugte. Was es denn so für neue Nachrichten gäbe, fragte ich jovial und erwartete den üblichen Klatsch und Tratsch über Hochzeiten in der Nachbarschaft oder vielleicht die überraschende Auflösung eines äußerst mysteriösen Falles wiederholten Milchkannen-Diebstahls in dem County, durch das wir gerade fuhren.

Doch ihre fröhliche Antwort, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde, lautete nur kurz und knapp:

„Today, they’ve blown the British ambassador to pieces!“ (Flöt, flöt…)

Ich glaubte, mich verhört zu haben, weil ihr diese unglaubliche Schreckensnachricht so blümchenartig unaufgeregt über die Lippen gekommen war:

„Sagten Sie gerade, die britische Botschaft sei in die Luft gesprengt worden?“, fragte ich ungläubig zurück.

„Nein, nein, den britischen Botschafter haben sie in die Luft gesprengt!“

Ihre gute Laune, mit der sie diese grandiose Neuigkeit gelassen aussprach, ließ sich kaum noch steigern.

Reich bebilderte Zeitungsberichte bestätigten gleich am anderen Tag die grausame Tat: Vom Botschafter, seinem Fahrer und dem großzügigst dimensionierten Diplomatengefährt (ein gepanzerter Bentley) waren nur noch ein vollkommen zertrümmertes Autowrack und ein großes und über einen Meter tiefes Loch in einer der unzähligen namen- und gesichtslosen irischen Landstraßen übrig.

Ob unsere Hutzelalte in Wirklichkeit ein verkleideter irischer Terrorist war, der sich von uns an den Ort seiner nächsten Schandtat fahren ließ? Nein, diese Annahme wäre dem Augenschein nach vollkommen abwegig gewesen: Sie sah mir eher nach einer ebenso frommen Kirchgängerin aus wie unsere erste irische Hausmutter mit dem unbequemen Einbettzimmer.

Es war wohl eher so, dass es all die frommen und grundehrlichen Einwohner der Republik Irland damals vollkommen okay fanden, ab und zu mal einen britischen Botschafter in die Luft zu sprengen. Und weil die Iren halbe Sachen verabscheuen, war später in Dublin – der Endstation unserer irischen Rundreise – die Straße mit der britischen Botschaft gesperrt, weil sie nach dem Botschafter auch gleich seinen Amtssitz ebenfalls mit einer ordentlichen Prise scharfen Sprengstoffs bedacht hatten.

Nur: Warum hassen die Iren die Engländer bloß so innig und abgrundtief? Umgekehrt ist es doch überhaupt nicht so! Ich glaube, der Hauptgrund ist die englische Polizeistunde: Im Pub schon nachts um Elf mit dem Trinken aufhören zu müssen, das bringt auch den friedliebendsten Iren irgendwann einmal auf die Palme. In der Provinzstadt Sligo erhoben sich alle Iren im Pub nach der „Last Order“ (der letzten Bestellung des Abends) wie ein Mann und schmetterten aus voller Brust und Überzeugung mit hoch erhobenen Biergläsern: „Off to Dublin in the Green!“ („Auf nach Dublin in den Kampf!“ )

Danach ging der Wirt zur Tür, schloss zu, damit kein Engländer mehr herein konnte, und wir alle feierten fröhlich weiter bis zum Morgengrauen...

Бесплатный фрагмент закончился.

133,59 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
281 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783742763747
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги