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Philipp Probst

GIPFELKUSS

Die Reporterin am Piz Bernina


Die Herausgabe dieses Buches

wurde unterstützt durch:

SWISSLOS/Kulturförderung, Kanton Graubünden

Gemeinde St. Moritz

© 2021 by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen,

fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger

und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Brigitte Knöpfel

Gesetzt in Arno Pro Regular

Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn

ISBN 978-3-85830-291-5

ISBN e-Book 978-3-85830-295-3

www.orteverlag.ch

Inhalt

PROLOG

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

PROLOG

Würde er es noch schaffen?

Carlo nippte an seinem Bier und blinzelte in die Sonne. «Viva», prostete er sich selbst zu. Nach der Tour, nach der Anstrengung, wenn er so richtig durstig war, gab es für ihn nichts Schöneres als ein kühles Bier. Heute war er auf den Munt Pers gestiegen und sass nun auf der Sonnenterrasse der Bergstation Diavolezza, der Teufelin. Er stellte das Glas auf den Holztisch, wischte sich mit dem Handrücken über den grossen, weissen Schnurrbart, setzte die Sonnenbrille auf und betrachtete das Panorama: Der imposante Piz Palü mit seinen drei Gipfeln auf der linken Seite, der über 4000 Meter hohe Piz Bernina mit dem weissglänzenden Firngrat, dem Biancograt, auf der rechten. Und dazwischen der Pers- und der Morteratschgletscher.

Würde er es noch schaffen?

Diese Frage quälte ihn. Eine Antwort könnte er nur finden, wenn er es versuchen würde. Er war sein Leben lang in den Bergen unterwegs gewesen, hatte seine Hausberge Piz Palü und Piz Bernina oft bestiegen. Wie oft eigentlich genau? Carlo wusste es nicht. Es müssten hunderte Male gewesen sein. So oft es in einem ausgefüllten Bergführerleben eben möglich war.

Ein Leben, das es nicht mehr gab.

Vor acht Jahren war er zum letzten Mal auf dem Piz Bernina. Das war an seinem 65. Geburtstag. Als er am Abend ins Tal zurückkehrte, war er Rentner. Bergführer-Rentner. Und auch Bergsteiger-Rentner. Er hatte es seiner Frau versprochen. Benedetta war eine gläubige Italienerin und hatte ihm klargemacht, dass der Herrgott lange genug seine schützende Hand über ihn gehalten habe.

So spazierte er oft mit seiner Frau den vier Engadiner Seen entlang, dem Silser- und dem Silvaplanersee, dem Lej da Champfèr und dem St. Moritzersee. Oder er ging durch den Stazerwald mit den mächtigen Arven- und Lärchenbäumen zwischen Pontresina und St. Moritz. Oder durchs romantische Fextal bei Sils im Engadin. In die Höhe wollte Benedetta nicht. Nicht einmal mit einer Seilbahn. Die über 1700 Höhenmeter des Oberengadins waren ihr seit jeher hoch genug.

Also ging Carlo alleine in seine hochalpine Bergwelt, musste seiner Frau aber versprechen, auf den markierten Bergwegen zu bleiben. Er hielt sich daran. Meistens. Hin und wieder ein kleiner Abstecher auf den Morteratsch- oder den Persgletscher. Oder auf den Roseggletscher auf der anderen Seite des Piz Berninas. Das lag drin. Das blieb ein Geheimnis zwischen ihm und dem Herrgott.

Der Herrgott hatte schliesslich noch anderes zu tun, als Benedetta über die kleinen Sünden ihres Ehemanns zu informieren. Gott würde ihm verzeihen. Schliesslich hatte sich Carlo ein Leben lang bei seinen Expeditionen nicht nur auf sein Wissen und seine Erfahrung verlassen, sondern auch auf seine Intuition, die er als göttliche Eingebung verstand. Natürlich war auch er am Berg in gefährliche Situationen geraten, alleine oder mit seinen Gästen, aber einen schlimmen Unfall hatte er nie erleben müssen.

Vor allem wenn der Piz Bernina mit dem Biancograt auf seinem Programm stand, hörte er auf die göttliche Stimme. Und so brach Carlo eine Tour auch einmal vorzeitig ab. Nicht von ungefähr wird der Biancograt, dieser schmale Grat zum Piz Bernina, auch Himmelsleiter genannt. Carlo verstand diese Bezeichnung immer zweideutig: Die Leiter führte die Menschen nicht nur zum Piz Bernina, sondern nahe zum Himmel – oder in den Himmel hinein. Schon viele Bergsteiger waren am Biancograt ums Leben gekommen.

Obwohl Carlo keineswegs so religiös war wie seine Frau, hatte er Ehrfurcht. Ehrfurcht vor Gott. Vor der Natur. Bei jedem Gipfelerfolg hatte er sich bekreuzigt und Gott gedankt.

Carlo trank sein Bier aus. Er stand auf und ging zu den Liegen. Er humpelte. Das rechte Knie schmerzte. Fürchterlich. Tausend Nadelstiche. Dieses blöde Knie! Es war der wahre Grund, dass er es nicht mehr schaffte. Dass er weder den Palü noch den Bernina besteigen könnte. Besteigen vielleicht schon. Aber wie würde er wieder hinunterkommen? Mit dem Helikopter? Wie erbärmlich. Nein, nein und nochmals nein. Es war vorbei. Ein künstliches Kniegelenk? Das kam nicht in Frage. Carlo hatte Respekt vor dem Herrgott, vor den Bergen und vor Benedetta. Aber Angst – Angst hatte er vor dem Zahnarzt, dem Doktor und dem Krankenhaus.

Hinauf würde er es schaffen. Hinunter nicht. Es war vorbei.

Carlo machte es sich auf der Liege bequem, nahm die Sonnenbrille ab und schloss die Augen.

Er sah diese beiden Damen vor sich. Eine hatte braune, leicht gewellte Haare und grosse, dunkelbraune Augen. Wenn sie lachte, bekam sie ein Grübchen in ihrer rechten Wange. Sie war Fotografin und machte eine Reportage über die zweite Frau, wie sie den Piz Bernina eroberte. Eine zierliche Blondine mit hellgrünen Augen, die auf den ersten Blick etwas giftig wirkten.

Beide hatte er sie an seinem Seil. Er war ihr Bergführer. Die Frauen vertrauten ihm. Und er hatte alles im Griff. Die Sonne ging auf. Was für ein Schauspiel. Die Brünette fotografierte immer wieder die Blondine. Diese wollte auch unbedingt ein Selfie und ein Gruppenfoto machen. So stand er also mit den beiden Frauen Arm in Arm kurz vor Beginn des Biancograts, diesem weltbekannten, geschwungenen Firngrat aus Schnee und Eis, und hielt die beiden Damen in seinen Armen, schaute ins Handy, lächelte und liess seine weissen Zähne blitzen.

Dann drängte er darauf weiterzugehen. Unter ihnen kam bereits die nächste Seilschaft. Diese machte ihm aber keine Sorgen. Eher die Wolken am Südhimmel. Die Wetterprognosen waren zwar nicht schlecht, doch diese Wolken gefielen ihm nicht. Ganz und gar nicht, denn sie zogen über den Bernina hinweg Richtung Norden. Eine alte, rätoromanische Wetterregel besagte: «Cur cha’l nüvel vo vers Vuclina, schi mett’il chapè sün pigna; cur cha’l nüvel vo vers Tavo, schi mett’il chapè sül cho. – Zieht die Wolke gegen Veltlin, dann lass den Hut auf dem Ofen liegen; zieht die Wolke gegen Davos, dann setz den Hut auf den Kopf.» Gut möglich also, dass ein Sturm aufzog.

Carlo kannte die beiden Frauen nicht. Er wusste nur, dass die eine Reporterin war, die andere irgendeine Prominente. Nichts Aussergewöhnliches. Er hatte schon etliche Touren mit Fotoreportern gemacht. Auch mit Prominenten. Die Hintergründe dieser Menschen interessierten ihn nicht. Seine Aufgabe war es, sie sicher auf den Gipfel und ins Tal zurückzubringen. Ein ganz normaler Job. Aussergewöhnlich war lediglich, dass kein Mann dabei war. Wenn Benedetta das wüsste! Dass er mit zwei jungen Frauen unterwegs war, nein, das hatte er natürlich nicht gesagt. Offiziell war er mit einer Gruppe unterwegs. Zwei Personen waren eine Gruppe. Er hatte nicht gelogen.

Die Frauen schwächelten. Das spürte er. Er müsste Eisschrauben anbringen und so seine Seilschaft sichern. Unbedingt. Rechts und links des Grats gab es nur Abgründe. Tödliche Abgründe. Die Wolken kamen sehr schnell näher. Carlo und die Frauen mussten sich wirklich beeilen. Denn der Abstieg über den Spallagrat würde nicht einfach sein. Und einen Sturm konnte er jetzt nicht gebrauchen. Also Schritt für Schritt weiter. Blick zurück. Alles schien in Ordnung zu sein. Doch sie kamen nur langsam voran. Zu langsam. Die untere Seilschaft näherte sich schnell. Und überholte.

War das nicht Benedetta, die da an ihm vorbeiging? Benedetta schaute ihn gar nicht an. Sie hielt nur ihren Rosenkranz in der Hand.

Ein weiterer Blick zurück. Die beiden Frauen, für die er verantwortlich war, stiegen langsam zu ihm hoch. Schritt für Schritt. Stetig vorwärts. Weiter. Wieder ein kurzer Kontrollblick nach hinten …

Carlo zuckte zusammen.

Die beiden Frauen waren nicht mehr da. Er zog nur das lose Seil hinter sich her.

Die Frauen waren einfach nicht mehr da.

Er schreckte auf. Die Sonne blendete. Wo war er?

«Carlo, willst du nicht nach Hause gehen?»

Er öffnete die Augen und schaute in das rundliche Gesicht der polnischen Serviceangestellten des Berggasthauses Diavolezza, mit der er immer ein bisschen flirtete. «Wie spät ist es?», fragte Carlo mit seiner rauen, etwas krächzenden Stimme.

«Du hast geträumt, mein Lieber», sagte die Polin mit ihrem charmanten Akzent und strich ihm sanft über die weissen Haare. «Die letzte Seilbahn fährt bald.»

Carlo fiel ein Stein vom Herzen. Er hatte nur geträumt.

Würde er eine solch schwierige Bergtour noch einmal schaffen?

Vielleicht. Aber die Frage stellte sich nicht mehr. Sie war durch diesen Albtraum gerade beantwortet worden. Der Herrgott hatte sie für Carlo beantwortet.

1

Sie war nackt. Und sie schwitzte. Ihre Brüste schmerzten. Ihr Bauch rumorte. Ihre Lippen waren spröde. Ihr Hals kratzte. Sie bekam keine Luft.

Marcel lag neben ihr und schlummerte friedlich. Selma stand auf, ging auf Zehenspitzen zum Fenster und öffnete es. Sie genoss den herrlichen Ausblick vom dritten Stock ihres Hauses «Zem Syydebändel» auf das nächtliche Basel und den schwarzen Rhein. Es hatte schon lange nicht mehr geregnet, der Wasserstand war tief. Selma lehnte sich aus dem Fenster und spürte einen schwachen Luftzug. Sie genoss es, wie die leichte Brise durch ihre dunkelbraunen, halblangen, gewellten Haare fuhr.

Sie ging zurück, setzte sich auf die Bettkante und schaute sich um. Ihre Kleider waren im ganzen Zimmer verstreut. Die Espadrilles mit hohem Keilabsatz lagen auf dem Boden, die kurze Jeanshose ebenso, die weisse Bluse hing am Schlüssel des Kleiderschranks, String und BH lagen neben der Nachttischlampe. Selmas Haut war klebrig. Ich muss schrecklich aussehen! Zum Glück habe ich keinen Spiegel im Zimmer, dachte sie. Es gibt doch tatsächlich Menschen, die einen Spiegel im Schlafzimmer haben. Einen Wandspiegel oder einen Spiegelschrank. Oder sogar einen Spiegel an der Decke. Wie kann man nur? Sich selbst nackt sehen? Sich alle Problemzonen vor Augen führen? Sich beim Sex zuschauen? Himmel!

Sie legte sich zurück zu Marcel, schloss die Augen, öffnete sie kurz darauf wieder und starrte an die weisse Decke mit den Stuckaturen. Sie begann, die Ornamente, Röschen und Blätter zu zählen. Obwohl sie aus anderen schlaflosen Nächten wusste, wie viele es waren.

Sie zählte nicht lange. Nicht, weil sie einschlief. Selma nervte sich. Es war einfach zu stickig im Zimmer. Und es roch anders als sonst. Es roch nach Mann. Das war zwar nicht grundsätzlich falsch, aber bei dieser Hitze einfach zu aufdringlich. Selma stand erneut auf, schlich ins Wohnzimmer und öffnete das Fenster zum Totentanz, dem kleinen Park mit der Predigerkirche vor ihrem Haus. Sie beobachtete die Blätter an den Bäumen des kleinen Parks. Sie bewegten sich kaum.

Eine kalte Dusche könnte helfen. Dann würde aber ihre Freundin Lea wach, die eine Etage unter ihr im zweiten Stock wohnte. Und auch Mama Charlotte im ersten Stock würde aufgeweckt werden. Schliesslich zischten die Wasserleitungen in diesem alten Haus ziemlich laut. Und weil kein Mensch um halb zwei Uhr morgens duschte, würden beide wissen, dass sie Sex gehabt hätten. Marcel und sie. Also Marcel mit ihr. Also Marcel. Sie hatte … Was hatte sie eigentlich? Klar, sie hatte mitgemacht, alles bestens, alles gut. Marcel war plötzlich so leidenschaftlich geworden. Sie wollte keine Spielverderberin sein, es war doch schön, dass er sie begehrte. Aber es war nicht so wie bei ihrem ersten Mal kurz vor Weihnachten in Engelberg.

Nein, ihr Liebesleben war nicht mehr so prickelnd. Und das machte Selma traurig. Was war passiert?

Zu gross die Frage. Selma schlüpfte in ihren Slip. Sie schloss die Schlafzimmertüre, verliess ihre Wohnung und stieg in die Mansarde, wo sie ihr Atelier hatte. Sie packte die Staffelei und trug sie die schmale Holztreppe hinauf auf die Dachterrasse. Dann holte sie Farben, Pinsel, Spachtel, die Palette, etwas Wasser und einen Lappen, schliesslich eine Leinwand und einen Hocker. Sie setzte sich, schaute hinauf zum Sternenhimmel und atmete tief durch. Hier draussen war die Luft einiges kühler als in der Wohnung.

Sie hörte leise das Rauschen des Rheins. Ein beruhigendes Geräusch. Selma schüttelte ihre Haare, tunkte den Pinsel in die blaue Farbe, tupfte ein bisschen Weiss dazu und begann, die Leinwand zu grundieren. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Jetzt fröstelte sie. Wie damals in der Gletscherspalte auf dem Titlis.

«Liebste, du malst!»

Selma erschrak, drehte sich reflexartig um, sah Marcel – und musste laut herauslachen.

«Okay, du lachst», sagte Marcel trocken. «Lachen ist gesund. Psychohygiene und so.»

«Natürlich, mein …» Selma konnte sich kaum mehr erholen. «Mein Hobbypsychologe.»

«Psychologe ausser Dienst, ich bitte dich», sagte Marcel. «Also immer noch studierter Psychologe, aber als Tram- und Buschauffeur tätig.»

Selma wurde von ihrem Gelächter durchgeschüttelt.

«Warum lachst du eigentlich? Lachst du über mich?»

«Nein, natürlich …» Wieder prustete Selma drauflos.

«Also doch. Erkläre mir bitte, was an mir so lustig ist.»

Selma legte den Pinsel beiseite, putzte ihre Hände an einem Lappen ab, tätschelte ihre Wangen und versuchte, ein ernsthaftes Gesicht zu machen. Doch es half alles nichts. Sie musste schon wieder grinsen und Marcel ihr Grübchen in der rechten Wange präsentieren. Dabei zeigte sie auf Marcels Unterleib.

Jetzt sah er es auch. Er trug diese Unterhose mit dem tränenlachenden Smiley verkehrt herum, das Lachgesicht war nicht hinten, wo es hingehörte, sondern vorne. Selma hatte ihm diesen Slip bei einer gemeinsamen Shoppingtour gekauft. Marcel hatte sich aber immer geweigert, ihn anzuziehen. Bis heute.

«Sehr witzig», sagte Marcel. «Ich habe einfach in die Schublade gegriffen und nicht auf das Muster geachtet.»

«Excusé, das sieht einfach zum Schreien aus», sagte Selma, «ein Lachsack vor deinem … du weisst schon!» Und dann musste sie nochmals laut herauslachen und nach Luft schnappen. Sie hielt sich den Bauch.

Marcel strich ihr sanft über die rechte Wange mit dem Grübchen, neigte sich zu ihr hinunter und küsste sie zärtlich auf den Mund. Dann schaute er ihr lange in die Augen. «Du bist wunderschön», flüstere er.

Selma fuhr mit der Hand durch Marcels kurze, schwarze Haare. Dann schnappte sie sich ein Kissen von einem der beiden Liegestühle und reichte es Marcel: «Setz dich neben mich auf den Boden. Wir malen zusammen.»

«Wir malen zusammen?», fragte Marcel erstaunt.

«Ja, Liebster», hauchte Selma.

«Ich durfte dir noch nie zuschauen, wenn du malst. Was ist denn …»

Selma hielt ihren Zeigefinger auf Marcels Mund. Marcel legte das Kissen neben Selma auf den Bretterboden der Dachterrasse, setzte sich und lehnte seinen Kopf gegen Selmas nackten Oberschenkel. «Stört dich das?»

Selma gab ihm einen Kuss und sagte: «Nein, es ist schön.» Dann nahm sie die Palette und den Pinsel und begann, alle möglichen Blautöne auf die Leinwand aufzutragen. Das Bild wurde immer kälter, düsterer, bedrohlicher.

Selma versank in ihrer Malerei. Das leise Rauschen des Rheins wurde lauter. Es verwandelte sich in das Tosen des Bachs, der tief unten in diesem schwarzen Loch des Gletschers zu hören gewesen war, in das Selma gefallen und erfroren wäre, hätte sie nicht das Seil der Skifahrer ergreifen und sich retten können.

Sie bekam Hühnerhaut. Was war das für eine abenteuerliche Geschichte damals in der Vorweihnachtszeit. Die Reportage über die verrückten Freerider in Engelberg, ihr Sturz in die Spalte auf dem Titlisgletscher, die Lawine. Und natürlich ihre Begegnung mit den Wölfen.

Ihr Auftraggeber Jonas Haberer hatte recht behalten: Selmas Fotos des jungen Wolfspaares aus dem Engelbergertal liessen sich erfolgreich verkaufen. Selma gab Interviews für Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen. Sie war ein kleiner Star geworden. Drei Mal war sie nochmals nach Engelberg gefahren, um die Wölfe zu suchen. Aber sie hatte sie nicht mehr gefunden. Niemand hatte sie noch einmal gesichtet. Das kleine Rudel war weitergezogen.

Selma dachte oft an die Wölfe. Sie malte sie. Auch mit ihrem Nachwuchs, den die Tiere nun sicher hatten. Selma hatte alle möglichen Szenen gemalt: Die Wölfe beim Kuscheln in einer Höhle, beim Spielen, bei der Jagd. Ihre Gemälde waren manchmal realistisch, oft jedoch abstrakt. Selma liebte es, in ihren Werken eine Stimmung auszudrücken und die Wölfe nur anzudeuten. Eine Schnauze, ein Augenpaar, Pfoten.

Bis heute hatte Selma nur noch Wolfsbilder gemalt. In den letzten Monaten hatte sie Zeit dazu. Es herrschte Flaute, Aufträge für grosse Reportagen blieben aus. Auch Werbeshootings gab es wenige. Selbst Tausendsassa Jonas Haberer kämpfte um neue Einnahmequellen. Er motivierte Selma, ein Buch mit ihren besten Wolfsfotos und ihren Wolfsgemälden zu machen. Selma malte und schrieb tage- und nächtelang. Es wurde ein schönes, ein spannendes Buch mit all ihren Erlebnissen. Bald würde es erscheinen.

Sie lehnte sich zurück, kniff die Augen zusammen und betrachtete nun ihr eiskaltes Werk. Es schauderte sie. Am Horizont wurde es bereits hell. Die ersten Vögel piepsten.

Marcel war längst eingeschlafen.

2

«Rufe mich bei Gelegenheit an. LG Jonas.»

Diese WhatsApp-Nachricht fand die Reporterin auf ihrem Smartphone, als sie aus der Dusche kam. Nach ihrer nächtlichen Malaktion und nachdem Marcel zu seiner Schicht bei den Basler Verkehrs-Betrieben aufgebrochen war, hatte Selma doch noch schlafen können.

Sie rief ihren Auftraggeber Jonas Haberer gleich an.

«Ja, bitte?»

«Jonas!»

«Selma, du bist ja fix», sagte er mürrisch. «Braves Mädchen.»

«Was ist denn mit dir los? Kein fröhliches ‹Selmeli, mein Mäuschen, mein Myysli›?»

«Es ist zu heiss. Und dies schon um 10 Uhr morgens.»

«Ich habe gerade geduscht. Mir geht es wunderbar.»

«Du hast geduscht? Bist du etwa nackt?»

Selma war etwas verlegen. Sie war tatsächlich nackt. Zum Glück führte sie ein Telefonat und keinen Videoanruf. «Ja, ich bin nackt.»

«Selmeli!», schrie Haberer ins Telefon. «Das kannst du nicht machen, Kleines. Jetzt habe ich noch heisser.»

«Du hockst doch in Bern. Also spring in die Aare.»

«Selmeli, das machen Kinder und pensionierte Beamte.» Er prustete laut heraus. «Nein, nein», meinte er. «Dann fahre ich lieber nach Engelberg und hüpfe auf dem Titlisgletscher in eine Spalte. Aber im Gegensatz zu dir nehme ich Whisky mit. Dann habe ich Whisky on the rocks.» Wieder prustete Haberer drauflos.

Selma musste ebenfalls lachen, obwohl er diesen Scherz nach ihrem Sturz in den Gletscher schon einmal gebrachte hatte. Dann sagte sie: «Die Aare ist doch herrlich.»

«Wie der Rhein, nicht wahr?», sagte Haberer mit einem süffisanten Unterton.

«Oh, ja, einfach toll.»

«Du badest wirklich in dieser Kloake?»

«Aber natürlich. Vielleicht springe ich später noch hinein.»

«Selmeli, wie erbärmlich! Deine Frau Mama macht das sicher nicht. Sie muss sich schämen für dich.»

«Charlotte weigert sich tatsächlich im Rhein zu schwimmen. Sie hat noch die Zeiten erlebt, als der Rhein wirklich eine Kloake war. Oder besser gesagt: ein Abwasserkanal der Industrie.»

«Und Charlotte ist eine Dame von Welt. Sie hat Niveau. Ich passe wirklich besser zu deiner Mutter als zu dir, Liebes, es tut mir leid.»

«Ich werde es überleben, Jonas. Und meiner Mutter einen Gruss ausrichten.»

«Einen sehr lieben, bitteschön.» Er räusperte sich. So laut, dass Selma kurz das Telefon vom Ohr nehmen musste. «So ein eiskaltes Gläschen Aquavit mit Charlotte wäre jetzt nicht schlecht.»

«Also, Jonas, worum geht es?», fragte Selma und wollte endlich zum Geschäftlichen kommen. «Etwas Dringendes kann es ja nicht sein, schliesslich hast du mir geschrieben, ich solle dich gelegentlich anrufen.»

«Gelegentlich heisst bei mir innerhalb einer Viertelstunde, das solltest du wissen, Myysli. Bei mir ist immer alles dringend.»

«Also?»

«Ich habe einen neuen Auftrag.»

«Endlich», seufzte Selma erleichtert. «Ist auch an der Zeit.»

«Es geht um eine aussergewöhnliche Hochzeit.»

«Du suchst eine Hochzeitsfotografin?»

«Ja. Stinkreiches Mädchen heiratet stinkreichen Macho. Kohle ohne Ende. Deshalb ist das Honorar horrend. Es muss einfach die beste Fotografin der Welt sein.»

«Das bin ich nicht.»

«Wenn ich es sage, dann schon.»

«Jonas, ich fotografiere keine Hochzeiten», sagte Selma barsch.

«Auch wenn noch eine kleine Bergwanderung dabei ist und du extrem tolle Landschaftsbilder machen und vielleicht sogar Steinböcke, Gämsen, Wölfe und Bären fotografieren kannst? Und es für dich ein wahrlich grosses Abenteuer werden kann?»

«Wie meinst du das?»

«Selmeli, der Berg ruft!»

«Und die Hochzeitsglocken läuten», meinte Selma sarkastisch. «Und nenn mich nicht immer Selmeli!»

«Selmeli, Selma, warum bist du so hart zu mir?»

«Ich bin Fotoreporterin und keine Hochzeitsfotografin.»

«Verstehe, du hast recht. Hochzeitsfotografie ist unter deiner Würde. Wie konnte ich dich überhaupt fragen? Kapelle, Kutsche, Küsschen, Küsschen, jede Menge Kohle, Selmeli, vergiss es, mir kommt das Kotzen. Ich engagiere irgendeinen Nachwuchsfotografen, der mal in New York, Dubai oder Shanghai war und verkaufe ihn als trendy. Also, bis dann!»

Die Verbindung brach ab. Selma starrte auf ihr Smartphone und schüttelte den Kopf: «Hochzeitsfotografin», murmelte sie. «Der hat sie doch nicht mehr alle.»

Selma ärgerte sich auch eine Stunde später noch über ihren Auftraggeber Haberer. Deshalb kam ihr der Coiffeurbesuch bei ihrer besten Freundin Lea gerade recht. Lea wohnte nicht nur im gleichen Haus wie sie, sondern hatte im Parterre auch ihren Salon.

«Hast du Ärger, Madame Selma Legrand-Hedlund?», fragte Lea, nachdem sie Selmas Haare gewaschen hatte. «Schlecht geschlafen? Du wirkst etwas …»

«Ich bin sauer», unterbrach Selma. «Mein Boss, der tolle Jonas Haberer, wollte mich tatsächlich als Hochzeitsfotografin engagieren.»

«Aha. Aber sonst ist alles in Ordnung? Marcel hat letzte Nacht wieder einmal bei dir geschlafen, oder?»

«Jetzt redest du wie meine Mutter», murrte Selma. «Ist nicht verwunderlich. Charlotte ist schliesslich omnipräsent, da sie ebenfalls in diesem Haus wohnt. Und ja, Marcel hat bei mir übernachtet. Aber Schluss jetzt, Lea. Bring meine Haare in Ordnung.»

Lea griff zur Schere und begann vorsichtig zu schnippeln. «Ihr seid wirklich ein Traumpaar. Ich würde mich freuen, wenn Marcel bei dir einziehen würde. Vielleicht arbeitet er dann auch wieder als Psychologe und gibt diesen Tram- und Busfahrerjob auf.»

«Lea!», sagte Selma unwirsch. «Du denkst schon wie meine Mutter. Ich möchte jetzt nicht über meine Beziehung sprechen.» Natürlich liebte sie Marcel. Er war der perfekte Mann. Gutaussehend, aufmerksam, witzig, gebildet. Und er konnte kochen. Putzen nicht so. Aber kochen konnte er wirklich.

Andererseits: Marcel war auch der perfekte Freund. Und genau diese Freundschaft hatte sich verändert, seit sie ein Paar waren. Sie waren körperlich intim, aber ihre Freundschaft war es jetzt weniger. Was sich schon allein daran zeigte, dass sie mit Marcel darüber nicht reden konnte. Und genau dies vermisste sie. Was sollte sie ihm denn sagen? Dass sie ihn liebe, aber …? Zu doof. Selma wollte Marcel nicht verletzen.

«Nellie hat mir geschrieben», sagte Selma und wechselte das Thema.

«Wie geht es denn deiner Nichte? Oder Halbnichte? Wie nennt man die Tochter eines Halbbruders überhaupt?»

«Für mich ist sie einfach meine Nichte. Sie schreibt gerade eine Arbeit für ihr Studium der Medienwissenschaften.»

«Oh, dann begibt sie sich also in deine Fussspuren und wird ebenfalls eine grosse Reporterin.»

«Ich hoffe nicht, die Geschäfte laufen gerade alles andere als gut.»

«Ach komm, Süsse, das wird schon wieder. Wann besuchst du Nellie und deine schwedische Familie endlich einmal?»

«Sie lädt mich in jedem Mail ein.»

«Na dann, los.»

«Ach Lea, ich weiss immer noch nicht, ob ich das möchte. Nichts gegen Nellie. Sie ist eine tolle junge Frau. Aber meine Geschichte ist nicht ihre. Ich habe bis vor Kurzem geglaubt, ich hätte den gleichen Vater wie meine Schwester Elin, Dominic-Michel Legrand. Dass mein Erzeuger in Wirklichkeit Nellies Grossvater Arvid Bengt Ivarsson ist, ganz ehrlich, damit tue ich mich schwer.»

«Du solltest diesen Knoten lösen und nach Schweden reisen. Sonst kannst du das nie klären.»

«Es wird geklärt.»

«Aha. Und wie?» Lea stellte sich neben den Friseurspiegel und schaute Selma fragend an.

«Nellie will im August in die Schweiz reisen und uns besuchen. Zusammen mit ihrem Vater, ihrer Mutter und ihrem Bruder. Und mit ihrem Grossvater. Mit meinem Vater.»

«Echt jetzt?»

«Ja.»

«Weiss Charlotte davon?»

«Nein.»

«Nein?»

«Lea, ich weiss es erst seit zwei Wochen.»

«Seit zwei Wochen?»

«So ungefähr. Vielleicht sind es auch drei Wochen.»

Lea verdrehte die Augen und fragte: «Was hast du Nellie geantwortet?»

«Nichts.»

«Nichts? So, so. Und wer weiss ausser mir davon? Marcel?» Lea schaute ihrer Freundin tief in die Augen.

«Niemand», sagte Selma.

«Niemand?»

«Jetzt schau mich nicht so an.»

«Wo liegt eigentlich dein Problem, Süsse? Wir wohnen im Haus des schwedischen Ex-Königs Gustav …»

«Tun wir nicht. Der wohnte weiter hinten in der St. Johanns-Vorstadt. Und im Hotel Drei Könige. Und nur weil meine Mutter so ein Theater um ihn macht, heisst das noch lange nicht, dass er ein guter Kerl war. Ich habe viel über ihn gelesen, liebe Lea, und ich muss sagen: Er war kein Sympathieträger.»

«Was aber nichts mit Nellie und deinem Vater zu tun hat.»

Selma wurde sauer: «Sag mal, was ist denn mit dir los? Wenn ich keinen Bock auf diese dämliche schwedische Verwandtschaft habe, ist das meine Sache.»

Lea machte sich wieder ans Werk, frisierte Selma weiter und sagte: «Natürlich. Ich finde trotzdem, du solltest dich dieser Sache stellen. Nellie ist nett. Da kann dein Vater kein Idiot sein.»

Wie recht sie hatte, dachte Selma und hatte bereits ein schlechtes Gewissen ihrer Freundin gegenüber.

«Sorry, ich wollte dich nicht verletzen», sagte Lea. «Aber mal ganz ehrlich: Die Sache belastet deine Mutter und deine Schwester. Und Marcel. Und mich ebenso. Nellie vermutlich auch. Deine ganze Familie leidet. Seit Monaten schiebst du das alles vor dich hin. Niemand getraut sich, mit dir darüber zu sprechen. Gib deinem Vater eine Chance.»

Tausend Gedanken schwirrten in Selmas Kopf herum. Als Lea ihr Werk beendet hatte, betrachtete sich Selma im Spiegel. Lange. Die Frisur war top. Trotzdem gefiel sie sich nicht. Sie hatte so markante, harte Gesichtszüge bekommen.

«Selma, bist du unzufrieden?»

«Alles gut. Bist ein Schatz.»

«Aber?»

«Nichts aber. Du hast recht. Ich werde Nellie schreiben. Ich werde ihr schreiben, dass ich mich auf sie und ihre Familie freue. Auf meine Familie.»

3

Der Vorsatz war da, aber mit der Umsetzung haperte es. Selma sass an ihrem Laptop, trank bereits den dritten Milchkaffee und hatte noch keinen Satz zustande gebracht. Der Cursor blinkte unaufhörlich unter der Anrede «Hei Nellie».

Selma hatte selten einen Schreibstau, wenn sie eine Reportage schreiben musste. Und wenn, dann half Kaffee. Aber in diesem Fall hatte auch das nichts gebracht.

Da sie nicht nur genügend Kaffee getrunken, sondern auch schon ihre Haare hatte frisieren lassen, gab es nur noch eines: einen Spaziergang. Oder Marcel. Oder beides. Sie schrieb Marcel eine Nachricht und freute sich, dass er kurz darauf antwortete. Sie verabredeten sich in einer Stunde in der Confiserie Seeberger an der Schifflände. Also würde sie vorher noch ein bisschen durch die Stadt spazieren. Sie warf einen prüfenden Blick in den grossen Spiegel, der im Entrée stand, war zufrieden und wollte ihre Wohnung verlassen. Doch dann drehte sie um, ging ins Schlafzimmer und zog sich bis auf die Unterwäsche aus. Ihr war in den Sinn gekommen, dass sie die kurze Jeanshose, die sie gerade anhatte, gestern Abend schon getragen hatte, als Marcel zu ihr gekommen war. Also musste sie etwas anderes anziehen. Nein, sie musste nicht, sie wollte. Marcel würde es wahrscheinlich nicht bemerken, aber schliesslich musste sie sich selbst gefallen. Zweimal hintereinander in den gleichen Kleidern zu erscheinen, ging nicht. Das hatte sie von ihrer Mutter Charlotte gelernt.

Sie warf einen Blick aus dem Fenster. Es war erneut ein heisser, wolkenloser Frühsommertag. Selma hatte Lust auf ein Kleid. Oder doch auf einen Rock und ein freches Oberteil? Jedenfalls etwas Leichtes, Kurzes. Sie tänzelte von einem Bein aufs andere, fuhr mit den Händen durch ihre Haare, drehte an ihren silbernen Fingerringen. Ach, sie hatte einfach nichts anzuziehen. Sie müsste unbedingt shoppen gehen.

Sie entschied sich schliesslich für das weisse Sommerkleid mit dem Pflanzenmuster, betrachtete sich im Spiegel, ging zum Schuhschrank und musste feststellen, dass sie keine Schuhe besass, die zu diesem Kleid passten. Sie müsste auch Schuhe kaufen. Unbedingt. Sie nahm die weissen Sneakers aus dem Kasten, zog sie an, prüfte sich erneut im Spiegel – und war einigermassen zufrieden.

Im Treppenhaus setzte sie sich wie fast immer auf den Handlauf und rutschte Etage um Etage ins Parterre. Erst dort wurde ihr bewusst, dass ihr Kleid weiss war und durch die Rutscherei jetzt dreckig sein könnte. Schnell huschte sie in Leas Coiffeursalon und fragte ihre Freundin, ob das Kleid verschmutzt sei. Lea verneinte und strich das Kleid an ihrem Po glatt.

«Du siehst toll aus», sagte Lea. «Hast du ein Date?»

«Ja», antwortete Selma, zwinkerte Lea zu und lächelte.

«Oh, dieses umwerfende Lächeln und das süsse Grübchen», meinte Lea. «Du wirst Marcel den Kopf verdrehen.»

«Marcel? Besteht meine Männerwelt nur noch aus Marcel?»

«Natürlich nicht», sagte Lea gespielt erstaunt. «Wie hiessen deine letzten Lover schon wieder? Res, Lasse, Björn?»

Res, der Senn vom Saanenland, mein Jugendschwarm, den ich auf der Alp wiedergetroffen habe, sinnierte Selma. Lasse und Björn, die beiden Schweden, die ich in Engelberg kennengelernt habe. «Tiefste Vergangenheit», sagte Selma zu ihrer Freundin. «Res hat mit seiner früheren Sennerin und heutigen Frau Martina einen Sohn bekommen. Hotelier Björn verträgt sich dank Marcels Therapie wieder mit seiner Frau. Und der schöne Alles-ist-easy-Lasse ist tatsächlich mit der gestalkten Sylvia nach Schweden zurückgekehrt.»

«Und du bist endlich mit Marcel zusammen», sagte Lea. «Nur ich bin alleine.» Sie liess die Mundwinkel hängen und tat so, als müsste sie weinen. Dann lachte sie und umarmte Selma.

Mit leichten Schritten und schönen Gedanken verliess Selma Leas Salon und ging Richtung Innenstadt.

Doch schon nach wenigen Metern hörte sie, wie jemand ihren Namen rief. War das nicht Marcels Stimme? Selma drehte sich um und sah tatsächlich Marcel vor sich. Er trug die Uniform der Basler Verkehrs-Betriebe und strahlte sie an.

Selma gab ihm einen Kuss und fragte: «Warum bist du schon da? Wir haben doch erst in einer Stunde abgemacht.»

«Die Stunde ist längst vorbei, Liebste.»

Hatte sie tatsächlich so viel Zeit vor ihrem Kleider- und Schuhschrank vertrödelt? «Oh», machte Selma nur.

«Dein Kleid ist umwerfend.»

«Danke. Aber die Schuhe passen nicht.»

«Die passen bestens. Und du warst bei Lea. Deine grossen Wellen im Haar gefallen mir.»

Selma hängte sich bei Marcel ein und schlenderte mit ihm zur Confiserie Seeberger an der Schifflände. Dort bestellten sie sich je einen Latte Macchiato. Selma erzählte Marcel von Nellies Mail, von deren Absicht, mit ihrer Familie in die Schweiz zu reisen, und dass sie es einfach nicht fertigbringe, ihr zurückzuschreiben und sie einzuladen «Du sagst gar nichts», meinte Selma plötzlich.

«Ich komme nicht dazu.»

«Oh, der Herr Psychologe ausser Dienst ist beleidigt! Er hört sich lieber selbst reden.»

«Das weisst du ja, Liebste. Aber endlich sprichst du einmal über dieses Thema. Wenn du Nellie nicht schreiben möchtest, verstehe ich es. Vielleicht brauchst du einfach noch etwas Zeit.»

«Was würdest du tun?»

«Liebste, es gibt so viele Unklarheiten. Du hast doch damals in Engelberg selbst gefragt: Warum schickte dein leiblicher Vater Arvid Bengt seine Gemälde an deine Mutter just nach dem Tod deines Stiefvaters Dominic-Michel Legrand? Was wusste er wirklich von dir? Hat deine Mutter etwas verschwiegen? Es geht nicht nur darum, deinen Vater kennenzulernen, es geht auch darum, dich selbst und deine Mutter neu kennenzulernen.»

«Was würdest du tun?», fragte Selma geradeheraus.

«Ich würde Nellie und ihre Familie willkommen heissen.»

Willkommen heissen, wiederholte Selma stumm. Er wirkte so sicher. Sie spürte, wie sich ihre Zerrissenheit auflöste. Wie sich Gewissheit breitmachte. Gewissheit darüber, dass sie endlich den schwedischen Teil ihrer Familie kennenlernen sollte.

Selma schaute Marcel lange an, ohne etwas zu sagen. Sie lächelte. Denn sie hatte gerade noch eine andere Gewissheit erlangt. Die Gewissheit, dass Marcel immer noch ihr bester Freund war. Auch wenn er jetzt ihr Liebhaber und ihr Partner war. Selma legte ihre Hand auf Marcels Arm und sagte: «Danke.»

«Danke wofür?», fragte Marcel irritiert.

«Dass du für mich da bist.»

«Das ist doch selbstver…»

«Nein, ist es nicht», unterbrach Selma. «Danke für deine Freundschaft.»

Marcel wollte etwas sagen, doch Selma lehnte sich zu ihm hinüber und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen.

«Wir wollen natürlich nicht stören, aber auf einen Kaffee hätten wir auch Lust.»

«Mama, Elin!», sagte Selma erstaunt. «Was macht ihr hier?»

«Ich war einkaufen», sagte Charlotte und stellte ihre zwei grossen Tüten auf den Boden. «Deine Schwester hat mich freundlicherweise begleitet.»

«Ist das ein Vorwurf?»

«Natürlich nicht, Liebes. Du hast schliesslich …», sie warf einen Blick zu Marcel, «… wichtigeres zu tun, als mit deiner alten Mutter durch die Läden zu ziehen. Ist es gestattet?»

Ohne eine Antwort abzuwarten, setzte sich Charlotte neben Selma an den Tisch und zog ihren kurzen Rock über die Knie. «Hach, das tut gut.»

«Gut seid ihr da», sagte Selma und fuhr mit beiden Händen durch ihre Haare. «Ich habe euch etwas zu sagen.»

«Da sind wir gespannt», meinte Charlotte und lächelte Marcel an. «Bekommt das Haus ‹Zem Syydebändel› einen neuen Mitbe…»

«Mama», unterbrach Selma. «Wir werden bald Besuch bekommen. Ich werde Nellie und ihre Familie einladen.»

«Toll», sagte Elin sofort. «Endlich. Komm her, Selma.» Die beiden Schwestern umarmten sich lange.

Charlotte hüstelte, zupfte ein Taschentuch aus ihrem Jäckchen und tupfte sich die Nase. «Darf ich fragen, meine liebe Selma Legrand-Hedlund, wen du genau meinst, wenn du von Nellies Familie sprichst?»

«Liebe Maman Charlotte Svea Legrand-Hedlund», antwortete Selma ebenso förmlich, «ich meine damit Nellies Bruder, ihre Eltern und …» Sie hielt inne.

«Arvid Bengt Ivarsson», murmelte Charlotte und starrte auf den Tisch. «Nellies Grossvater. Dein Vater.»

4

Die Mail an Nellie war nun schnell geschrieben. Sie tat das Richtige. Davon war Selma überzeugt, auch wenn die Reaktion ihrer Mutter etwas seltsam war. Seit jenen Tagen in Engelberg, als Selma, Elin und Charlotte die lebenslustige Nellie kennengelernt und sich versprochen hatten, die familiäre Vergangenheit aufzuarbeiten, war nicht viel passiert. Selma bekam regelmässig Nachrichten von Nellie, schrieb ihr auch zurück, aber meistens nur sehr oberflächlich. Charlotte hatte einmal mit Arvid Bengt telefoniert, sich danach aber nie mehr gemeldet. Und Elins Fragen nach dem Stand der Dinge kamen bei den beiden anderen Legrand-Hedlund-Frauen nicht gut an. Selma und Charlotte verhielten sich so, als könnte diese Geschichte durch Nichtbeachtung aus der Welt geschafft werden. Ein Muster, das in der Familie Tradition hatte.

Doch jetzt war Selma froh, dass ihre Nichte nicht lockergelassen hatte. Und sie war Marcel und Lea dankbar für ihre klaren Worte. Und ein bisschen stolz war sie auch auf sich selbst.

Keine Viertelstunde, nachdem Selma die Mail geschickt hatte, antwortete Nellie bereits. Sie würde sich sehr freuen, Selma und ihre Familie anfangs August endlich wiederzusehen. Sie würde gleich die Flüge buchen und ein Hotel reservieren. Selma schrieb zurück, dass sie sich nicht um ein Hotel bemühen müsste. Sie würde das organisieren.

Selma öffnete den Kalender in ihrem Smartphone und sah, dass auch Marcel zu dieser Zeit Ferien hätte. Das war gut. Das war sogar sehr gut. Selma und Marcel hatten sich vorgenommen, einige Tage gemeinsam und einige Tage getrennt zu verbringen. Warum eigentlich?, fragte sich Selma gerade. Weil sie es so gewollt hatte? Ja, so war es. Nun war sie aber froh, dass weder sie noch Marcel konkrete Ferienpläne hatten.

Selma hatte in dieser Zeit auch keine Aufträge. Der ganze Sommer war mau. Einige Werbeshootings gab es. Aber Selma hatte Lust, endlich wieder eine grosse Reportage zu machen. Doch die Verlage waren zurückhaltend mit der Auftragsvergabe. Waren Naturreportagen aus der Mode gekommen? Müsste sie sich wieder mehr auf Menschen konzentrieren?

Auf Menschen, die heiraten! Selma ärgerte sich erneut über den Auftrag, den ihr Jonas Haberer, ihr Hauptauftraggeber in Bern, zuschanzen wollte. Wie konnte er nur! Hatte er trotz seines politischen Netzwerks in der Schweizer Hauptstadt keine besseren Aufträge zur Hand?

Sie rief ihn gleich nochmals an.

«Selmeli!», schrie Jonas Haberer. «Ich wusste es. Du machst die Hochzeit. Weil bei dir sicher auch bald die Hochzeitsglocken bimmeln. Zwar bin nicht ich der Glückliche, aber …»

«Jonas!», unterbrach Selma. «Vergiss die Hochzeit. Kannst du mir wirklich nichts Besseres anbieten? Eine Reportage?»

«Nein. Tote Hose. Bei mir selbst sieht es schlecht aus. Wenn es so weitergeht, muss ich das Bier in der Ping-Pong-Bar anschreiben lassen.»

«Du willst nicht behaupten, dass du immer noch in dieser Spelunke in der Berner Matte verkehrst?»

«Nein, ich verkehre nicht, ich wohne mittlerweile dort», sagte Haberer und lachte kurz. «Ach, Selmeli», fuhr er fort, «all die Krisen, Nöte und Ängste auf der Welt. Es beelendet mich. Schliesslich kann ich nicht die ganze Welt retten.»

«Du hast also keinen Job für mich?», fragte sie nochmals.

«Selmeli, ich kann dir nicht helfen», sagte er mit weinerlicher Stimme. «Ich hoffe, du und deine Frau Maman müssen nicht am Hungertuch nagen. Da hat man es zu Reichtum und Ansehen gebracht, dann passiert irgendetwas auf der Welt, die Menschheit gerät durcheinander, man stürzt aus dem Hochadel ab, lebt plötzlich unter der Brücke und muss in einer Kloake baden. Wie ist die Welt doch unge…»

«Jonas, es reicht!», ging Selma genervt dazwischen. Sie mochte es nicht, wenn sich jemand darüber lustig machte, dass sie aus besserem Hause stammte und deswegen nicht unmittelbar mit Geldsorgen konfrontiert war. Gereizt sagte sie: «Ich komme für meinen Lebensunterhalt selbst auf.»

«Ach, Selmeli, so war es doch nicht gemeint. Ich dachte wirklich, ich könnte dich für eine schöne Hochzeitsreportage begeistern. Endlich wieder etwas Positives, etwas Schönes und Freudiges. Und dann erst noch im Engadin, in St. Moritz.»

«Engadin», sinnierte Selma leise.

«Ja, im Engadin, habe ich das nicht erwähnt? Eine magische Gegend», säuselte Jonas. «Die magischste Gegend der ganzen Welt. Deshalb kam ich ganz spontan auf dich. Ich dachte, vielleicht erledigst du diesen Job inklusive toller Bergwanderung mit dem Brautpaar, bleibst ein paar Tage länger und fotografierst diese wunderschöne Landschaft. Du könntest sogar die Staffelei mitnehmen und malen. Wie der grosse Giovanni Segantini selig. Vielleicht bekommst du dann auch ein eigenes Museum.»

«Du scheinst dich mittlerweile gut in der Kunstwelt auszukennen.»

«Dein riesiges Gemälde hängt über meinem Bett, Selmeli, seither schlafe ich wie ein Murmeltier und habe ein Sexleben wie Dschingis Khan.»

Selma musste schallend lachen. Dann meinte sie: «Es freut mich, dass du mein Bild von der Alp im Saanenland gekauft hast, mein Lieber. Aber dein Gesäusel ist übertrieben. Wo ist der Haken bei dieser Hochzeit?»

«Es gibt keinen. Mal abgesehen von einer kleinen Wanderung, die das Brautpaar unternehmen will. Ein bisschen Abenteuer. Kein Problem für dich.»

«Abenteuer? Aha. Und von wem hast du den Auftrag?»

«Von Chasper, meinem Politikerfreund aus dem Bündnerland. Ein lieber Kerl, aber politisch absolut talentfrei.» Haberer lachte laut, hustete und sagte schliesslich: «Er ist übrigens ganz begeistert von deinen Wolfsreportagen.»

«Jetzt lügst du, mein Lieber. Also nochmals, wo ist der Haken?»

«Selma, es gibt keinen.»

Selma überlegte. Nein, sie fantasierte bereits, sah wunderschöne Landschaftsfotografien vor sich. Stellte sich vor, wie sie in einem Arvenwald sass und Bäume malte.

«Selma?»

«Ja?»

«Selma, die Braut will wirklich dich. Nur dich. Ihr haben die verrückten Skibilder aus Engelberg so gut gefallen. Und dass du lawinen- und gletschertauglich bist. Und erst die Wolfsbilder. Sie ist begeistert von dir.»

«Habilein, du bist furchtbar.»

«Ich weiss. Also, was ist?»

«Wann soll die Hochzeit stattfinden?»

«Im August. Dort oben im Engadin ist es auch nicht so mörderisch heiss.»

«Im August, okay», sagte Selma und vergass, dass Nellie und ihre Familie ebenfalls im August in die Schweiz reisen wollten. «Und wie lauten die Konditionen?»

«Selmeli, du geldgieriges Mädchen», sagte Haberer frohlockend. «Wir machen einen Fixpreis. Fünfstellig im mittleren Bereich. Okay?»

«Fünfstellig im mittleren Bereich?», fragte Selma erstaunt nach. Das kam ihr doch etwas sehr hoch vor.

«Logisch! Plus ein paar Extras, die ich für dich raushaue. Du siehst es dann im Vertrag.»

Selma musste schlucken.

«Mäuschen, Myysli?»

«Bin noch da. Wo war der Haken nochmal?»

«Kein Haken. Also, was ist?»

«Ich überlege es mir.»

«Selmeli! Was ist los mit dir? Ich schicke dir den Vertrag per Mail, du unterschreibst, schickst ihn mir sofort zurück und alles ist gut. Musst mich nicht mal besuchen. Na los, ich habe Durst und brauche ein Bier. Und einen Wodka!»

«Wozu brauchen wir einen Vertrag?»

«In diesem Vertrag geht es neben dem Honorar um eine Verschwiegenheitsklausel.»

«Verschwiegenheitsklausel?»

«Genau. Weil das Management des Brautpaars es so will. Die Fotos sollen nicht an die Öffentlichkeit. Völlig normal bei stinkreichen Leuten.»

«Aha …»

«Selma, was ist los? Hat dich der alte Haberer schon mal verarscht?»

«Ja, zum Beispiel, als du mich …»

«Papperlapapp», sagte Haberer nur.

Doch, er hatte Selma schon mehrmals verarscht. Hatte sie tagelang über einen vermeintlichen Politskandal recherchieren lassen, von dem er genau wusste, dass nichts dran war. Hatte sie zu einem «organisierten» Fototermin mit einem Prominenten geschickt, der sich als Paparazziauftrag entpuppte – Selma musste tage- und nächtelang in Gstaad in einem Auto vor einem Chalet warten, bis sich der Hollywoodstar endlich kurz zeigte. Schliesslich hatte er sie für eine Reportage in ein Krisengebiet geschickt, die Geschichte aber nie veröffentlicht, weil er sie «langweilig» fand. Aber das war alles lange her.

«Deal? Selma, beim Augenlicht meiner verstorbenen Mutter, ich brauche dich.»

«Blödmann. Also: St. Moritz, Hochzeit, Kapelle, Bergwanderung, ein bisschen Abenteuer, Verschwiegenheit, gutes Honorar?»

«Ich hätte es nicht besser zusammenfassen können.»

«Okay.»

«Selmeli, ich liebe dich. Ich liebe dich.» Weg war er.

Selma zweifelte. Irgendetwas stimmte da nicht.

5

Selma bekam Bauchschmerzen, nachdem sie Haberers Vertrag ausgedruckt, unterschrieben, gescannt und zurückgemailt hatte. Die Summe war tatsächlich fürstlich, die Extras in Form von Spesen ebenfalls, doch dies bestärkte Selmas Gefühl, dass irgendetwas faul war an der Sache.

Selma zog trotzdem ihren pinken Bikini an, strich Sonnencrème ein, schlüpfte in ihre kurze Jeanshose und ein weisses T-Shirt, packte ihren wasserdichten Badesack und ging auf der Kleinbasler Seite dem Rhein entlang in Richtung Tinguely Museum. Die Sonne brannte. Selma schwitzte. Sie nervte sich über ihre Haare. Obwohl die Bauchschmerzen schlimmer wurden, stieg sie beim Museum des bekannten Schweizer Malers und Maschinenkünstlers Jean Tinguely am kleinen Kiesstrand in den Rhein, tauchte kurz ab und umklammerte den Badesack. In diesem hatte sie Hose, T-Shirt und Schuhe verstaut. Nun liess sie sich zusammen mit Hunderten anderen Badenden den Rhein hinuntertreiben.

Bereits nach kurzer Zeit bekam sie zusätzlich Seitenstechen. Selma begann zu frösteln. Kurz vor der Wettsteinbrücke schwamm sie deshalb zum Ufer und stieg aus dem Wasser. Sie setzte sich auf den letzten freien Stein, schüttelte ihre Haare und liess sich von der Sonne wärmen. Sie hielt sich den Bauch. Was war los mit ihr? Warum konnte sie sich nicht auf den neuen, äusserst lukrativen Job freuen? Weil es sich bloss um Hochzeitsfotografie und nicht um einen grossen Reportageauftrag handelte? Dafür würde er im Engadin stattfinden. Sie könnte einige Tage dranhängen und malen.

Plötzlich erinnerte sie sich daran, dass sie im August Nellie und ihre Familie eingeladen hatte. Hatte Haberer nicht gesagt, dass auch die Hochzeit im August stattfinden würde? «Ich dumme Nuss», fluchte Selma leise, zog sich an und ging mit schnellen Schritten nach Hause. Sie schaute auf dem Vertrag nach. Tatsächlich, der Job war im August. Datum noch nicht genau definiert. Warum nicht? Geheimhaltung? Was sollte das? Sie wollte Haberer erneut anrufen. Doch dann sah sie, dass er ihr eine Nachricht geschrieben hatte. Für weitere Infos soll sie sich bei einer Frau namens Katharina melden.

Selma trank zuerst einen Schluck Wasser aus dem Hahn, spuckte dieses aber gleich wieder aus, weil es viel zu warm war. Sie wählte Katharinas Nummer.

«Hallo?», meldete sich eine freundliche Stimme.

«Hei, ich bin Selma. Sind Sie Katharina?»

«Ja, die bin ich.»

«Ich heisse Selma Legrand-Hedlund. Ich rufe wegen dem Fotoauftrag von Jonas Haberer an.»

«Von wem?»

«Haberer, Medienunternehmer aus Bern.»

«Sagt mir nichts.»

«Es geht um eine Hochzeit.»

«Oh, die Hochzeit, die Chasper organisiert. Oder mitorganisiert. Weiss es auch nicht so genau.»

Chasper, der talentfreie Politiker, wie Haberer ihn genannt hatte. Selma erinnerte sich, musste lächeln und sagte: «Chasper ist ein Freund meines Auftraggebers. Ich habe diesen Job angenommen und soll mich bei Ihnen melden.»

«Gut, dann setzen wir uns doch am besten mal zusammen.»

«Können wir es nicht am Telefon besprechen?»

«Das sollten …» Katharina stockte und sprach erst nach einigen Sekunden weiter. «Das sollten wir nicht tun.»

«Und warum nicht?»

«Ich kenne Sie nicht und darf mit niemandem reden. Schon gar nicht am Telefon.»

«Geheimhaltung?», fragte Selma verärgert.

«Ja. Entschuldigen Sie, mir kommt das auch ein bisschen übertrieben vor. Aber es geht nicht anders. Ich musste sogar unterschreiben, dass ich den Auftrag vertraulich behandle.»

«Musste ich auch. Sind Sie denn die Hochzeitsplanerin?»

Katharina lachte. Es war ein sympathisches Lachen. «Nein», sagte sie. «Das gäbe eine Katastrophe.»

«Was sind Sie dann?»

«Hören Sie, ich kann nicht darüber sprechen. Machen wir einen Termin aus. Wann können Sie herkommen?»

«Moment», sagte Selma, nahm das Smartphone vom Ohr, schaltete den Lautsprecher an und öffnete den digitalen Kalender. Die nächsten Tage waren alle frei. Und Marcel war am Arbeiten. Seit sie ein Paar waren, schickte er ihr immer seine Bus- und Tramschichten bei den Basler Verkehrs-Betrieben. «Also, ich könnte zum Beispiel …» Selma überlegte kurz und entschied sich dann, Katharina so bald wie möglich zu treffen, damit sie endlich erfahren würde, worum es bei dieser ominösen Hochzeit gehen würde. «Ich könnte gleich morgen», sagte sie. «Morgen nach dem Mittag.»

«Morgen. Oh. Das passt.»

Als Treffpunkt vereinbarten die beiden Frauen den Bahnhof in Pontresina. Selma legte das Telefon beiseite und konnte sich nun endlich etwas entspannen. Das Seitenstechen war weg, auch der Bauch schmerzte bereits viel weniger. Selma hasste vage Einsätze.

Sie setzte sich an den Laptop und schrieb Nellie ein Mail, dass sie gerade einen Auftrag erhalten habe, der im August stattfinden würde, ihren Besuch aber nicht tangieren sollte. Selma rechnete damit, dass die Hochzeit und die von Haberer erwähnte Wanderung mit dem Brautpaar nicht mehr als zwei, drei Tage in Anspruch nehmen würde, höchstens eine Woche.

Danach schrieb sie Marcel eine WhatsApp-Nachricht und bat ihn um Verständnis, dass sie heute Abend zu Hause bleiben möchte, da sie morgen früh aufstehen müsse. Eigentlich hatten sie abgemacht, dass sie ihn besuchen würde.

Marcel antwortete wenige Minuten später, dass dies in Ordnung sei. Sie könnten später noch telefonieren.

Selma fühlte sich nun noch entspannter. Befreiter. Sie mochte Marcels Wohnung nicht besonders. Den Grund dafür wusste sie nicht. Lag es an der kargen Einrichtung? Am riesigen Büchergestell, das sie so ungebildet fühlen liess? Oder fühlte sie sich einfach in Marcels Reich nicht zu Hause? In Marcels Leben?

Selma wusste es wirklich nicht. War sie seltsam geworden? Eigen? Verschroben? Die Zeit würde all diese Fragen beantworten. Hoffentlich.

Sie verliess ihre Wohnung, rutschte auf dem Treppengeländer vom dritten Stock zum Hauseingang und holte in der Confiserie an der Schifflände zwei Hefeschnecken. Dann ging sie zurück ins Haus «Zem Syydebändel» und klingelte im ersten Stock bei ihrer Mutter.

«Fika?», fragte sie, als ihre Mutter die Türe öffnete.

«Selmeli», sagte Charlotte erfreut. «Was für eine Überraschung! Natürlich mache ich eine Kaffeepause mit dir. Sehr gerne sogar.»

Die Hefeschnecken konnten die schwedischen Zimtschnecken zwar nicht ersetzen, dafür schmeckte der Filterkaffee mit Zichorie richtig skandinavisch. Die beiden Frauen waren in der Stube, Charlotte sass mit angewinkelten Beinen aufrecht auf dem abgewetzten Biedermeiersofa. Selma erzählte, dass sie einen neuen Auftrag erhalten habe und dass sie bereits morgen für einen oder zwei Tage ins Engadin reisen würde. Danach führten sie den Smalltalk, wie er mit Charlotte Svea Legrand-Hedlund üblich war.

Schliesslich teilte Selma ihrer Mutter mit, dass sie mit Nellie definitiv abgemacht hätte: «Sie besucht uns im August. Zusammen mit ihrem Bruder Kristian, ihren Eltern Inger und Dagmar sowie ihrem Grossvater Arvid Bengt.» Selma hielt einen Moment inne und ergänzte: «Meinem leiblichen Vater.»

«Mon dieu, Selma, Liebes», sagte Charlotte, zog ihren Rock in die Länge und hüstelte. «Schon so bald?»

Selma ging nicht auf die Frage ein: «Darf ich noch den Rest deiner Hefeschnecken verdrücken? Ich war im Rhein und habe Hunger.»

«Bedien dich, Selmeli. War das Bad erfrischend? Du weisst hoffentlich, wie gefährlich der Rhein sein kann. Ich werde nie verstehen, wie man in dieser …» Charlotte suchte nach dem richtigen Wort.

«Kloake», ergänzte Selma. «Unser Freund Jonas Haberer nennt den Rhein Kloake.»

«Oh ja. Da hat Jonas recht. Weisst du, zu meiner Zeit …»

«Mama», unterbrach Selma. «Ich werde schon sehr bald meinen Vater kennenlernen. Und du wirst deinen Liebhaber wiedersehen.»

«Liebhaber! Selmeli, ich bitte dich.» Charlotte schüttelte den Kopf, und musste danach eine Haarsträhne ihrer Bob-Frisur wieder an den richtigen Ort rücken.

«Wie auch immer. Ich werde meinen Vater kennenlernen und ihm all die Fragen stellen können, die mich seit Monaten beschäftigen.»

«Aha», sagte Charlotte und starrte eine Zeit lang auf ihre Kaffeetasse. Schliesslich meinte sie: «Du kannst doch auch mich fragen.»

«Damit ich zu hören bekomme, wenn du überhaupt antworten würdest, dass Arvid Bengt erst vor Kurzem erfahren hat, dass es mich gibt? Damit du mir abermals versicherst, dass Arvid Bengt seine Gemälde dir ganz zufällig kurz nach dem Tod deines Ehemannes Dominic-Michel Legrand zugeschickt hat?»

«Selmeli», sagte Charlotte und erhob sich. «Es gibt Dinge, die von der Nachfolgegeneration moralisch anders bewertet werden, als …»

«Ich weiss», unterbrach Selma ihre Mutter abermals. «Trotzdem: Sage mir einfach die Wahrheit. Schliesslich bin ich deine Tochter. Und ich liebe dich, was auch immer ans Licht kommen mag.»

Selma umarmte ihre Mutter. Drückte sie fest an sich.

Charlotte sagte leise: «Selmeli. Ich würde dir die ganze Wahrheit erzählen, wenn ich sie kennen würde. Aber glaube mir: Ich kämpfe mit mir. Schon seit ich mit dir schwanger war.»

6

Gäbe es nicht bereits Tausende Fotos, unzählige Bücher und Filme über die Albulabahnstrecke – die Reporterin hätte das Thema sofort aufgegriffen. Doch nun schaute sie einfach fasziniert aus dem Fenster und genoss die Fahrt durch die imposante Landschaft, über das weltbekannte Landwasserviadukt und durch die Kehrtunnel zwischen Bergün und Preda. Wann war sie diese Strecke zum letzten Mal gefahren? Wahrscheinlich auf einer Reise in ein Schullager. Ja, sie erinnerte sich, im Unterengadin war sie als Teenager einmal in einem Wandercamp. Aber im Oberengadin war sie noch nie. Weder beruflich noch privat. Und es war auch keine Feriendestination der Legrand-Hedlunds. Das Bündner Hochtal mit dem weltbekannten Kurort St. Moritz war Charlotte schlicht zu alpin. Es sei immer kalt dort, behauptete sie.

Selma hatte vergangene Nacht wunderbar geschlafen. Das Gespräch mit ihrer Mutter hatte ihr gutgetan, obwohl die letzten Sätze sie irritiert hatten. Warum sollte Charlotte die Wahrheit nicht kennen? Sie war gespannt, ob Charlotte nun endlich reagieren würde. Ihre Mama unter Druck zu setzen, war nicht Selmas Ding. Aber ihre Schwester Elin hatte es ihr schon ein paarmal vorgemacht. Mit Erfolg. Dank Elin war die Existenz von Arvid Bengt überhaupt ans Licht gekommen. Jedenfalls war die schwedische «Fika» wohltuend gewesen.

Auch das Telefongespräch mit Marcel hatte Selma gutgetan. Sie konnten herzhaft darüber lachen, als sie ihm erzählte, dass sie ein oder zwei Tage ins Engadin fahre, er aber keine einzige «klugscheisserische» Bemerkung dazu machen dürfe. Selma wies ihn strikt an, sämtliche geografischen, geologischen, historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Informationen, die er bestimmt habe, für sich zu behalten.

«Pass auf dich auf, Liebste», hatte Marcel schliesslich gesagt.

«Pass auf dich auf, Liebster», hatte Selma geantwortet. Das Ritual aus ihrer Zeit der Freundschaft gab es noch immer. Oder jetzt erst recht. Schliesslich waren sie nun ein Paar. Alles war gut. Ja, alles war gut. Mit diesem Gedanken und diesem Gefühl war Selma eingeschlafen.

In Samedan musste Selma umsteigen. Als der Zug schliesslich anfuhr und in der Ebene den kleinen Engadiner Flugplatz passierte, war Selma sofort von der Schönheit des Tals und der Berge fasziniert. Der Zug fuhr durch einen Wald – Selma war entzückt von den stattlichen Arven und Lärchen. Und schon tauchte auf der linken Seite des Zugs der Ausflugsberg Muottas Muragl auf, hoch oben die Bergstation der Standseilbahn, darüber der intensiv blau leuchtende Himmel.

Kurz darauf erreichte der rote Zug der Rhätischen Bahn Pontresina. Selma packte ihren Rucksack und stieg aus.

«Selma?», rief jemand. Es war eindeutig die freundliche Stimme vom Telefon.

Selma drehte sich um: «Katharina?»

«Willkommen im Engadin.»

«Sagt man hier nicht Allegra?»

«Wie du willst. Kannst du Rätoromanisch?»

«Natürlich nicht. Wie hast du mich erkannt?»

«Von den Fotos im Internet. Ich habe dich gegoogelt. Selma Legrand-Hedlund, Reporterin, Fotografin, Malerin. Man findet einiges über dich.»

«Aha», sagte Selma erstaunt. «Ich habe mich selbst noch nie gegoogelt.»

«Solltest du tun. Ich bin sehr gespannt auf dein Buch über die Wölfe.»

«Oh, ja, ich freue mich sehr …» Selma lächelte. Die Wölfe! Wie sehr hatte diese Reportage, dieses Erlebnis, sie doch geprägt.

«Ich freue mich, mit dir zusammenzuarbeiten», sagte Katharina. «Kennst du das Engadin?»

«Leider sehr schlecht.»

«Dann will ich dir mal deine Foto-Location für die Hochzeit zeigen und erkläre dir alles. Komm mit.»

Katharina ging voran und liess ihre blonden und etwas wirren Locken wirbeln. Die junge Frau zog einen Autoschlüssel aus ihrer luftigen Sporthose und öffnete die Türen eines allradangetriebenen Kleinwagens. «Ich bin eine Freundin der Braut und für die Outdooraktivitäten rund um die Hochzeit zuständig», erklärte Katharina im Bündner Dialekt, während sie den Wagen Richtung Berninapass steuerte. «Die Hochzeit findet in drei Phasen statt. Erste Phase: Die Trauung. Diese findet im Fextal bei Sils im Engadin statt. Kennst du das?»

«Auch nicht», antwortete Selma. «Aber ich habe schon davon gehört. Es soll magisch sein.» Sie dachte an Marcel. Er wüsste wohl alles über das Fextal. Sie hatte nicht die geringste Ahnung.

«Dir als Fotografin und Künstlerin wird es auf alle Fälle gefallen. Und es gibt eine Kapelle. Da wird geheiratet. In kleinem Rahmen. Das Fest findet in St. Moritz statt. Das ist Phase zwei in etwas grösserem Rahmen. Hundert Gäste. In einer Villa am Suvretta-Hang. Schliesslich kommt Phase drei, das ist dann mein Job: die göttliche Trauung.»

«Oh Gott», sagte Selma spontan. «Sektenhochzeit?»

«Nein, nein», lachte Katharina.

«Jonas Haberer, mein Auftraggeber, erwähnte, dass wir eine Wanderung machen. Ist das die göttliche Trauung?»

Katharina lächelte verschmitzt, schaute kurz zu Selma und sagte: «Genau.»

Sie fuhren den ersten Teil der Passstrasse hinauf. Selma genoss die Aussicht. Und sie nahm sich vor, mehr Zeit einzuplanen, damit sie in Ruhe fotografieren und malen könnte.

Sie erreichten die Baumgrenze, fuhren an der kleinen Siedlung Bernina Suot vorbei und kamen schliesslich zu einem riesigen Parkplatz. «Da sind wir», sagte Katharina, stieg aus dem Auto und setzte sich eine dunkle Sonnenbrille auf. «Los geht’s!»

Katharina führte Selma zur Diavolezza-Seilbahn. Die grosse Kabine schwebte über die karge, steinige Landschaft, über einen kleinen See und anschliessend über ein Schneefeld, das Selma seltsam erschien.

«Was ist denn mit dem Schnee?», fragte Selma.

«Der ist zugedeckt. War einmal ein Gletscher. Der Diavolezza-Gletscher. Er wäre aber längst geschmolzen. Seit Jahren wird der letzte Schnee am Schluss der Skisaison zugedeckt, damit er den Sommer übersteht und man möglichst früh die neue Saison beginnen kann.»

«Wie am Titlis», murmelte Selma nachdenklich.

«Ja, genau.»

«Ihr spürt also die Klimaerwärmung sogar hier oben?»

«Das wirst du gleich sehen», antwortete Katharina.

Die Bahn fuhr langsam in die Bergstation ein. Selma und Katharina stiegen aus der Kabine und gingen die Treppe hinunter zum Restaurant. Selma war ganz fasziniert vom blau beleuchteten Handlauf, konnte sich aber nicht draufsetzen, weil er zu nahe an der Wand montiert war. Zudem eilte Katharina voraus. Schnell ging sie durchs Restaurant, winkte den Angestellten zu, öffnete die Türe zur grossen Sonnenterasse und wartete auf Selma. Als die Reporterin durch die Tür kam, wurde sie geblendet. Von der Sonne. Vor allem aber von der Aussicht.

«Wow!», sagte Selma laut.

«Willkommen in der Bernina-Arena», sagte Katharina.

Selma brachte erneut nur ein «Wow!» heraus.

«Links der Piz Palü mit seinen drei Gipfeln und seinen mächtigen Hängegletschern, rechts der Piz Bernina mit dem Biancograt, der Himmelsleiter. Der Bernina ist mit seinen 4049 Metern der höchste Berg der gesamten Ostalpen. Tja, und unter uns der Persgletscher und dort drüben, am Fusse des Berninas, der Morteratschgletscher oder eben das, was von ihm übriggeblieben ist.»

«Toll», murmelte Selma. Sie kramte aus ihrem Rucksack die Sonnenbrille und ihre kleine Kamera. Damit schoss sie einige Fotos.

«Allegra!», rief Katharina und winkte einem älteren Mann mit einem markanten weissen Schnurrbart auf einem Liegestuhl zu. Dieser winkte lachend zurück. Katharina liess den Blick über die Terrasse schweifen, erkannte unter den Gästen sonst aber niemanden. Dann blickte sie angestrengt Richtung Piz Palü. «Oh, da kommen sie», sagte sie plötzlich.

Selma schaute nun ebenfalls zum Piz Palü und erkannte auf dem riesigen Schneefeld drei Personen, die abstiegen.

«Das ist mein Freund Conrad mit seinen Gästen. Sie hatten ihn für die Tour Bernina-Palü gebucht.»

«Oh», machte Selma.

«Gestern der Piz Bernina, heute der Piz Palü. Eine fantastische Tour.»

«Bist du auch Bergführerin?»

«Ja.»

«Und Wanderleiterin? Schliesslich machen wir eine Wanderung.»

Katharina lachte. «Klar. Wir machen eine Wanderung.» Sie kicherte aufgeregt und zwinkerte Selma zu.

Selma fielen die dunklen Augen auf, die irgendwie nicht zu den blonden Haaren passten. Selma konnte sich aber nicht vorstellen, dass Katharina ihre Haare färbte. Dazu sahen sie zu wild und naturbelassen aus.

«Da!» Katharina zeigte mit dem Finger auf den Piz Bernina.

«Was für ein stolzer Berg.»

«Dorthin führt uns die Wanderung.»

«Wie meinst du das?», fragte Selma irritiert und begann, mit der linken Hand an ihren Haaren zu zupfen.

«Wir wandern die Himmelsleiter hinauf zum Piz Bernina.»

«Excusé, Katharina, du redest von wir?»

«Die Braut, du und ich. Oben treffen wir den Bräutigam. Dieser steigt von der italienischen Seite her auf, weil er Italiener ist. Oben gibt es den göttlichen Gipfelkuss, und dann ist das Paar bis in alle Ewigkeit miteinander verbunden. Ist das nicht romantisch? Und du fotografierst alles.»

«Moment», sagte Selma. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass über die Himmelsleiter ein offizieller Wanderweg führt.»

Katharina lachte und gab Selma einen kleinen Stoss. Selma geriet ins Schwanken, musste sich am Geländer festhalten und schnappte nach Luft.

«Du spürst die Höhe, was?», hörte Selma Katharina sagen. «Wir sind auf fast 3000 Metern über Meer. Du bist dir das nicht gewohnt. War wohl keine gute Idee, gleich hier hinaufzufahren.»

«Die Höhe …», stammelte Selma, «… die Höhe. Klar, Basel liegt auf rund 250 Metern. Hier ist die Luft viel dünner.»

Aber Selma wusste, dass ihr nicht nur wegen der Höhe schwindlig war.

7

Charlotte verbrachte den halben Nachmittag in Selmas Malatelier im Dachgeschoss. Es war brütend heiss. Aber das nahm Charlotte nicht richtig wahr. In ihren Gedanken war sie ganz woanders. Sie war bei Arvid Bengt Ivarsson, ihrem schwedischen Mittsommernachtsschwarm, Selmas Vater. Jetzt würde sie ihn also wiedersehen.

Charlotte schaute sich alle 34 Gemälde, die ihr Arvid Bengt anonym über eine Kunstagentur nach dem Tod ihres Mannes Dominic-Michel hatte zukommen lassen, genau an. Wie so oft in den vergangenen Jahren, in denen sie ihr Geheimnis hatte hüten können. Nächtelang hatte sie versucht, das Rätsel zu lösen. Und obwohl sie ein Leben lang als Kunsthistorikerin gearbeitet hatte, kam sie einfach nicht drauf: Was wollte ihr Arvid Bengt mit diesen Gemälden sagen?

Seit ihr Geheimnis gelüftet war und die Bilder nicht mehr in der Kammer im zweiten Stock des Hauses «Zem Syydebändel» lagerten, sondern in Selmas Atelier, konnte Charlotte die Bilder nicht mehr regelmässig betrachten. Sie fürchtete, dass dies Selma auffallen und sie sich fragen würde, warum ihre Mutter diese Bilder so intensiv studierte. Deshalb ging sie nur ins Dachgeschoss, wenn sie sicher war, dass Selma nicht zu Hause war.

Was wollte ihr Arvid Bengt mitteilen? Was übersah sie? Es waren 34 Landschaftsbilder, gemalt über viele Jahre, denn es zeichnete sich eine künstlerische Entwicklung ab, erst waren die Bilder naturnah, dann impressionistisch, zuletzt abstrakt. Eine ähnliche Entwicklung, wie sie auch Selma in ihrer künstlerischen Arbeit durchmachte, obwohl sie von ihrem leiblichen Vater nichts wusste. Bis zu jenem Tag, als Charlotte ihre Tochter in diese Kammer geführt hatte, hatte Selma kein einziges Bild ihres Vaters gesehen.

Vielleicht steckte das Geheimnis in der Zahl 34. Aber Charlotte konnte ihre Vergangenheit so lange durchrechnen, wie sie wollte: Die Zahl 34 passte zu nichts, was in ihrem Leben eine Rolle gespielt hätte. Als sie Arvid Bengt kennengelernt hatte, war sie Ende zwanzig. Sie hatte ihr Studium der Kunstgeschichte in Basel abgeschlossen und mehrere Praktika in Museen in der Schweiz und in Frankreich absolviert und verbrachte in jenem Jahr einige Monate an der Kunstakademie in Stockholm. Arvid Bengt war zwei Jahre älter, also auch keine 34.

Charlotte konnte in der Zahl 34 auch nichts Magisches oder Esoterisches erkennen. Vielleicht müsste sie Marcel fragen. Vielleicht hatte er eine Antwort. Er hatte doch immer eine Antwort.

Die Bilder zeigten auch nicht alle die gleiche Landschaft. Auch nicht die gleichen Häuser oder Figuren. Oft war Charlotte abgebildet, aber nicht auf allen Bildern. Zudem hing ein weiteres Gemälde von Arvid Bengt in einem Hotel in Engelberg, auf dem sie ebenfalls zu sehen war. Aber jenes Bild passte definitiv nicht in die Reihe der 34 Bilder, die Charlotte bekommen hatte, es war ganz anders aufgebaut und gemalt.

Warum 34 Bilder? Es musste eine Verbindung geben. Davon war Charlotte überzeugt. Entweder sah sie sie nicht. Oder es fehlten einige Bilder. Genau, es mussten einige Bilder fehlen. 34 ergab einfach keinen Sinn.

Charlotte schaute abermals die Bilder durch. Die ungerahmten Gemälde waren wie in einem Postershop in einem Gestell gelagert, sodass sie sie durchblättern konnte. «Ich erkenne die Verbindung, die Gemeinsamkeit nicht», murmelte Charlotte. «Ich sehe sie nicht, weil ich sie nicht sehen kann.» Sie schluckte und sagte dann leise: «Weil ich zu nah dran bin.»

Tatsächlich hatte sie die Bilder noch nie aus Distanz betrachtet. Als sie damals das Paket bekommen hatte, hatte sie die Bilder kurz durchgeblättert und dann in den zweiten Stock in die Kammer gelegt. Und sie immer nur nachts bei schlechter Beleuchtung und aus der Nähe betrachtet. Doch Bilder können ganz anders wirken, wenn sie aus Entfernung betrachtet werden. Aber dies hatte sie nie getan. Aus Angst, Selma oder Elin könnten sie dabei erwischen. Doch jetzt müsste sie die Bilder in einem grossen Saal bei gutem Licht aufhängen oder aufstellen und studieren können. Vielleicht würde sie dann das verbindende Element erkennen.

Und dann würde sie sich vielleicht auch erklären können, warum es 34 Bilder waren. Oder warum einige Bilder fehlten. Hatte Arvid Bengt ihr bewusst nur einen Teil geschickt, um das Geheimnis aufrechtzuerhalten?

Natürlich hätte Charlotte ihn einfach fragen können. Schliesslich hatte sie vor einigen Monaten schon einmal mit ihm telefoniert und ihm mitgeteilt, dass er in der Schweiz eine Tochter habe. Warum hatte er eigentlich so ruhig darauf reagiert? Warum hatte er das einfach so hingenommen? Weil er es bereits wusste? Von wem? Hatte Dominic-Michel etwa Kontakt zu ihm gehabt? Oder sogar Charlottes Vater, der grosse Forscher Hjalmar Hedlund? Oder hatte Arvid Bengt eine mystische Verbindung zu Selma?

«Mais non», flüsterte Charlotte. Nein, Mystik gab es allenfalls in der Kunst, aber nicht im wahren Leben. Und wenn sie Arvid Bengt anrufen und ihn das alles fragen würde? «Mais non», wiederholte sie. Unmöglich. Zu persönlich. Zu intim. Zu … peinlich? Offene Fragen offen ansprechen? Nein, das war nicht ihr Ding, das hatte sie nie gelernt. Totschweigen schon eher. Vielleicht war alles nur Zufall. Und Arvid Bengt hatte so ruhig reagiert, weil er noch immer jener stille, grosse, schöne und geheimnisvolle Schwede war, in den sie sich damals verliebt hatte.

«Oh ja», flüsterte Charlotte und schaute vom Atelier zum Rhein hinunter. Jetzt spürte sie die enorme Hitze. Sie hatte Schweissperlen auf der Stirn. «Verliebt …» Charlotte spürte einen Stich im Herzen. Einen, wie sie ihn seit sehr langer Zeit nicht mehr gespürt hatte.

Würde sie tatsächlich Arvid Bengt Ivarsson wiedersehen? Was würde mit ihr passieren? Mit Selma? Mit der ganzen Familie?

Charlotte legte ihre rechte Hand auf ihre linke Brust, spürte den Herzschlag: «Arvid Bengt, meine grosse Liebe, ich werde dein Geheimnis lüften, noch bevor ich dich wiedersehen werde.»

8

«Geht es wieder?», fragte Katharina.

Selma ass ein Stück Engadiner Nusstorte und spülte mit einem Mineralwasser ohne Kohlensäure und einem Latte Macchiato nach: «Das Zeug ist genau gleich süss und klebrig wie unsere Basler Läckerli», kommentierte Selma.

«Und genauso fein», ergänzte Katharina.

«Ich bin kein Fan der Läckerli. Auch nicht von Nusstorte. Aber in diesem Moment gilt: Hauptsache Zucker.»

«Ist der Schwindel weg?»

«Ja, alles wieder gut.»

Selma und Katharina sassen auf der Sonnenterrasse der Diavolezza. Selma sah, dass der ältere Herr im Liegestuhl, den Katharina vorher begrüsst hatte, immer wieder zu ihnen schaute. Was wollte der Typ?

Selma bemerkte, dass sie selbst gerade am Starren war. Also schaute sie wieder auf die Berge, tupfte mit der Papierserviette ihren Mund sauber und kramte aus ihrem Rucksack eine Lippenpomade. Sie strich ihre Lippen ein und bot Katharina den Stift ebenfalls an. Diese lehnte dankend ab. «Um nochmals auf die Wanderung zurückzukommen», sagte Selma schliesslich. «Das geht nicht.»

«Warum nicht?»

«Da muss es ein Kommunikationsproblem zwischen dir und Jonas Haberer gegeben haben. Ich bin keine Bergsteigerin.»

Katharina machte grosse Augen. In diesem Moment kam die polnische Serviceangestellte zu ihrem Tisch, räumte ab und fragte, ob sie noch etwas bringen solle. Selma bedankte sich. Katharina sagte: «Wir sind zufrieden. Bring doch Carlo noch einen Kaffee. Ich nehme an, das Bier hat er schon gehabt.»

Die Polin bejahte und lächelte zum Mann hinüber. Dieser lächelte zurück und nickte Katharina zu. Dann wandte sich die junge Bergführerin wieder an Selma: «Du bist doch Berg- und Tierfotografin. Haberer erzählte, dass du auch Gletscher- und Lawinenerfahrung hast.»

«Unfreiwillig.» Selma erzählte Katharina kurz die Geschichte, wie sie beim Fotoshooting mit den Freeridern in Engelberg erst in eine Gletscherspalte gefallen und später fast in eine Lawine geraten war: «Das hat nicht das Geringste mit Bergsteigen zu tun. Haberer hat masslos übertrieben. Gibt es keinen Berg, der nicht so gefährlich ist?»

«Doch. Wir könnten auf den Piz Languard wandern. Der liegt gleich oberhalb von Pontresina, ist nur 3262 Meter hoch, und es führt ein Bergweg hinauf.»

«Prima. Das klingt besser.»

«Geht aber nicht. Das Brautpaar will auf den Piz Bernina.»

«Wird das eine Bergführer-Ehe?»

«Nein. Julia ist Juristin, Stefano Ingenieur.»

«So heissen sie also», sagte Selma. «Julia und Stefano. Schön. Auch wenn sie keine Bergführer sind – sie müssen geübte Bergsteiger sein.»

«Julia auf alle Fälle. Wir sind befreundet und haben schon viele Touren gemacht. Stefano ist am Berg unerfahrener.»

«Und warum muss es ausgerechnet der Piz Bernina sein?»

«Weil man den Piz Bernina sowohl von der Schweiz als auch von Italien her erreichen kann.»

«Julia ist also Schweizerin?»

«Ja, nein, also sie ist schon Schweizer Bürgerin, kommt aber ursprünglich aus Deutschland. Sie fühlt sich jedoch als Schweizerin. Deshalb steigt sie von der Schweizer Seite auf.»

«Das ist fast kitschig.»

«Ist doch schön. Julia freut sich extrem.»

Nein, Selma konnte dieser Idee nicht wirklich viel abgewinnen. Würden Marcel und sie einmal heiraten, dann … Sie zuckte zusammen. Was hatte sie da gerade für einen Gedanken? Heiraten?

«Selma, alles okay? Oder wird es dir wieder …»

«Nein, alles gut.» Selma drehte an ihren Fingerringen und sagte: «Ich kann da nicht hinaufsteigen.»

«Dann lässt du dich mit dem Helikopter auf den Berg fliegen. Oder du fotografierst mit einer Drohne.»

«Für die Drohne bräuchtest du einen Profi. Da oben hat es vermutlich viel Wind.»

«Dann also per Helikopter.»

«Das ist doch …» Selma fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und sagte schliesslich: «Das mache ich nicht.»

«Flugangst?»

«Nein. Ich bin genug geflogen in meinem Leben. Ich vermeide das, wenn immer ich kann. Klimaschutz und so, okay?»

«Da hast du recht. Julia will das auch nicht. Die Klimaerwärmung stellt auch uns Bergführer vor neue Herausforderungen. Der Untergrund wird weicher, instabiler. Wir müssen mehr auf Bergstürze achten. Oder auf Einbrüche und Abrisse bei Gletschern. Auch der Biancograt ist deshalb anspruchsvoller geworden. Der Schnee auf dem Firn wird oft matschig und gefährlich, darunter ist blankes Eis. Trotzdem ist und bleibt es eine …» Katharina war plötzlich abgelenkt, winkte strahlend einem Bergsteiger zu. «Da ist er. Mein Freund. Er kommt gerade vom Palü.»

Conrad kam mit seinen Gästen zu Selmas und Katharinas Tisch. Er hatte wie Katharina blonde Locken. Dazu blaue Augen, einen blonden Dreitagebart und markante Wangenknochen. Ein Bergler wie aus dem Bilderbuch, dachte Selma. Er war allerdings nicht allzu gross. Er erschien Selma sogar etwas kleiner als Katharina, die fast so gross war wie sie.

«Allegra», sagte Selma und kam sich gleich ziemlich doof vor. Deshalb schickte sie ein «Hei» hinterher. «Ich bin Selma.»

«Conrad, freut mich.» Er gab Katharina einen Kuss und winkte danach dem älteren Herrn auf dem Liegestuhl zu, der immer noch oder schon wieder zu ihnen hinüberstarrte. Danach ging Conrad mit seinen Gästen an einen anderen Tisch, kam aber kurz darauf wieder zurück. «Na, alles vorbesprochen?», fragte er und schaute zu Selma. «Katharina schrieb mir gestern, dass sie mit der Bergfotografin heute hier hinaufkäme.»

«Leider war der Ausflug ein Flop», entgegnete Selma. «Ich bin Fotografin, keine Bergsteigerin, deshalb muss ich passen.»

«Keinerlei Bergerfahrung?»

«Doch, schon. Aber nicht so, wie es hier erwartet wird.»

«Du siehst sportlich aus. Bist du auch ehrgeizig?»

«Na ja, ich …»

«Conrad will sagen», mischte sich Katharina ein, «dass du mit Training durchaus in der Lage wärst, den Piz Bernina zu bezwingen. Mit mir als deiner Bergführerin. Ich klettere dir jeden Schritt vor.»

«Klettern? Klettern muss man auch noch? Ich dachte, wir gehen über diesen Schneegrat.»

«Es gibt einige Kletterpassagen», sagte Conrad. «Aber die sind zu schaffen.» Er neigte sich zu Selma und Katharina und sagte leise: «Meine beiden Gäste sind auch keine grossen Bergsteiger. Die Tour war viel zu anstrengend für sie. Und klettern können sie eigentlich überhaupt nicht.»

«Siehst du», sagte Selma. «Ich will euch Profis nicht quälen.»

Katharina schaute Selma lange an und sagte dann: «Julia wird enttäuscht sein.»

«Oh, ja», bestätigte Conrad. «Seit deiner Wolfsreportage ist sie ein Riesenfan von dir.»

«Die Wolfsreportage, aha.»

«Ja, das junge Wolfspaar, das in Engelberg ein Rudel, eine Familie, gründen wollte. Julia will dich unbedingt dabei haben.»

«Kannst es dir noch überlegen», sagte Katharina schliesslich. «Bis zur Hochzeit dauert es noch zwei Monate. Wenn du jetzt mit dem Training beginnst, würden wir es hinbekommen.»

«Klar», pflichtete Conrad seiner Freundin bei. «Für den Mount Everest ist die Vorbereitungszeit zu kurz. Aber auf den Piz Bernina bringen wir dich.»

Selma war irritiert. Aber auch angestachelt. Das Abenteuer reizte sie. War das eine schicksalshafte Begegnung mit Katharina und Conrad? Warum sollte sie mit ihren Kenntnissen als Natur- und Tierfotografin nicht auch Alpinistin werden und sich zusätzliche Kenntnisse aneignen? «Mein Vater war ein begeisterter Berggänger», erzählte sie jetzt. «Er war sogar im Schweizer Alpen-Club.»

«Na siehste», sagte Conrad. «Dann bist du sicher auch viel gewandert. Und ich wette, ihr habt anspruchsvolle Touren gemacht.»

«Sehr zum Leidwesen meiner Mutter», sagte Selma und grinste. «Als Jugendliche habe ich sogar einen Kletterkurs besucht.»

«Jetzt hast du keine Ausrede mehr», meinte Katharina.

Selma fröstelte. Sie rieb sich die Arme und sagte: «Ich überlege es mir, okay?»

«Du schaffst das», sagte Katharina und legte ihre Hand auf Selmas Unterarm: «Du hast kalt. Wollen wir hinunter ins Tal?»

«Gerne.»

Selma stand auf. Ihr Blick fiel zufälligerweise auf den älteren Herrn im Liegestuhl. Er schaute sie erneut an und lächelte. Dabei wurde sein weisser Schnurrbart auseinandergezogen, das Lächeln wirkte dadurch besonders breit und freundlich. Selma lächelte zurück.

Auf einmal änderten sich die Gesichtszüge des Mannes. Er starrte Selma nun mit ernster Miene an. Aber er schaute ihr nicht etwa in die Augen, sondern auf die rechte Wange. Selma verdeckte mit der Hand rasch ihr Grübchen. Dann setzte sich der Mann im Liegestuhl auf. Er hob seinen Arm und wollte etwas sagen.

Doch Katharina kam ihm zuvor: «Auf Wiedersehen. Du solltest auch bald nach Hause, du weisst schon …» Sie deutete mit dem Arm Schläge an und lachte.

Selma sah, dass der Mann zu lächeln versuchte. Doch es wollte ihm nicht gelingen. Stattdessen schaute er wie versteinert Selma an. Seine Augen sahen plötzlich ganz traurig aus. Und Selma schien es, als würde er durch sie hindurchsehen.

9

Während die Seilbahn langsam ins Tal hinunterfuhr, hing Katharina die ganze Zeit am Telefon. Selma hörte nicht hin. Sie schaute aus dem Fenster, schoss einige Fotos mit der Kamera, machte mit dem Smartphone ein Selfie, das sie an Marcel schickte: «Der Berg ruft. Wir werden Alpinisten.»

Nach wenigen Sekunden schrieb Marcel zurück: «Wir?»

Selma: «Wir! Sport tut dir auch gut.»

Marcel schickte nur ein nachdenkliches Emoji zurück.

Selma: «Nicht überlegen. Machen!»

Marcel: «Verstanden!»

Selma: «Ein gemeinsames Hobby tut uns gut.»

Marcel: «Wie meinst du das?»

Selma zuckte innerlich zusammen, starrte auf den Bildschirm, las ihren letzten Satz noch einmal: «Ein gemeinsames Hobby tut uns gut.» Ja, wie meinte sie das? Sie hatte es spontan geschrieben. Aber: War es nicht die Wahrheit? Selmas Hobbys waren die Malerei und die Fasnacht. Marcel kochte oft und gerne und las ein kluges Buch nach dem anderen. Aber ein gemeinsames Hobby hatten sie nicht. Zusammensein, ausgehen, spazieren, wandern, Freunde treffen – Selma fragte sich: Gilt solches als Hobby? Muss man als Paar nicht gemeinsame Interessen haben? Waren ihre vorherigen Partnerschaften nicht deswegen gescheitert? Was hatte sie mit Robert, dem etwas oberflächlichen Banker, gemeinsam? Ausser heissem Sex. Mit Christian, dem viel zu lieben Familienmenschen, der gerne zu Hause hockte oder in seiner Garage an seinem Oldtimer herumschraubte? Mit Alejandro, dem unter Dauerstrom stehenden Manager? Nichts. Ja, Selma und Marcel brauchten ein gemeinsames Hobby. Aber warum stellte sie sich überhaupt solche Fragen?

«Na?», sagte Katharina. «Alles klar?»

«Ähm, ja, sicher», sagte Selma, steckte das Smartphone weg und schaute zum Fenster hinaus. Die Kabine erreichte soeben die Talstation.

«Ich habe mit Julia telefoniert. Wenn du möchtest, könnten wir sie gleich treffen. Sie ist in Pontresina. Oder hast du keine Zeit mehr?»

«Doch, schon, ich muss mir aber noch ein Hotelzimmer organisieren.»

«Das ist das kleinste Problem», sagte Katharina. «Wir sind noch in der Vorsaison.»

Während der Autofahrt von der Talstation der Diavolezza-Bahn nach Pontresina erzählte Katharina, dass sie im Winter als Schneesportlehrerin und im Sommer als Bergführerin arbeitete.

«Und dazwischen?»

«Conrad und ich bauen uns gerade ein Netzwerk auf, um als Tourenleiter auch im Ausland tätig zu sein. Julia unterstützt uns dabei mit ihrem Netzwerk.»

«Toll», sagte Selma. «Dann macht ihr alles gemeinsam. Geht das überhaupt?»

«Das werden wir sehen. Wir kennen uns schon so lange. Wird schon klappen.»

«Schön», sagte Selma und dachte an Marcel. Ein gemeinsames Geschäft konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen. Passte schon beruflich nicht. Alles gemeinsam zu machen – das wäre für Selma dann doch zu viel. Sie unterbrach ihren Gedankengang: «Wer war eigentlich dieser ältere Herr da oben im Liegestuhl?»

«Carlo», sagte Katharina. «Das war Carlo. Unser Bergsteiger-Crack. Er ist in Rente und musste seiner Frau versprechen, keine gefährlichen Touren mehr zu machen und immer rechtzeitig nach Hause zu kommen. Also wandert er meist die Diavolezza hinauf oder zum Muottas Muragl, einfach überall, wo es eine Bahn hat, mit der er hinunterfahren kann. Sein rechtes Knie ist kaputt. Aber er will es nicht operieren lassen. Trotzdem besucht er ab und zu auch die Berghütten, die mit keiner Bahn zu erreichen sind. Dann erzählt er von seinen vielen Erlebnissen und kommt kaum mehr ins Tal hinunter wegen der Schmerzen.»

«Er hat mich so seltsam angestarrt.»

«Du hast ihm halt gefallen.» Katharina schmunzelte. «Carlo ist ein guter Typ. Er ist für alle Bergsteiger ein Vorbild. Hatte nie einen schlimmen Unfall. Manchmal ist er schon ein …» Katharina konzentrierte sich auf die Strasse. Es folgte eine Haarnadelkurve, Katharina bremste, schaltete zurück und fuhr äusserst vorsichtig weiter.

Selma lächelte. Sie erinnerte sich an den halsbrecherischen Fahrstil Martinas, dem Wirbelwind auf der Alp im Berner Oberland. Selma müsste sich wirklich wieder einmal bei ihr melden. Sich nach Res und ihrem gemeinsamen Sohn erkundigen. Sie vielleicht sogar einmal besuchen!

«Also», sagte Katharina nach der engen Kurve, «Carlo ist manchmal ein etwas seltsamer Kauz. Sehr gläubig. Er wohnt wie ich in Pontresina. Chesa Pio. Benannt nach dem heiligen Padre Pio. Carlos Frau ist Italienerin und noch viel gläubiger als er. Und ihr gemeinsamer Sohn Tomaso ist Helikopterpilot in Samedan.»

Katharina fuhr vorsichtig durch die nächste Kehre. Selma fühlte sich sicher. «Wenn du so besonnen bergsteigst wie du autofährst, dann bin ich dabei», sagte Selma.

«Freut mich.»

Den Rest der Fahrt schwiegen die beiden Frauen. Selma musste gegen die Schläfrigkeit ankämpfen.

Als Selma und Katharina wenige Minuten später Pontresina erreichten, parkierte die Bergführerin das Auto vor einem Sportgeschäft mit der Bemerkung, dass sie eine gute Kundin sei und ausserhalb der Saison ihr Auto hier abstellen dürfe. Sie stiegen aus, gingen ein paar Schritte und betraten ein renoviertes Engadinerhaus: wuchtige Mauern, kleine Fenster, verzierte Fassade, mit verschiedenen geometrischen Formen bemalte Ecken und Kanten. Katharina ging durch die Lobby – das Haus war offensichtlich ein Hotel, was Selma von aussen nicht aufgefallen war – und öffnete eine schwere Eisentüre, über der «Bar» geschrieben stand. Dahinter war es düster. Und alles war aus Eisen. Die Tische, die Stühle, der Tresen, die Kerzenständer. Die Bar war offensichtlich ein Szenelokal, nannte sich Selinas Place, und hätte auch in Basel, Zürich, Mailand, London oder New York sein können.

Selma wollte sich etwas genauer umsehen. Doch plötzlich betrat eine blonde junge Frau die Bar, umarmte Katharina und begrüsste danach Selma ebenfalls mit einer Umarmung, allerdings eher mit einer angedeuteten. Selma fielen sofort die hellgrünen Augen auf, die etwas giftig, aber auch geheimnisvoll wirkten.

«Selma Legrand-Hedlund, welch grosse Ehre», sagte die Frau strahlend. «Ich bin Julia und eine grosse Bewunderin von dir.» Julia hatte eine weiche, sympathische Stimme.

«Oh», sagte Selma. «Du machst mich verlegen.»

«Du bist die Wolfsfrau und machst meine Hochzeitsreportage perfekt.»

«Hochzeitsreportage?», fragte Selma irritiert.

«Genau, Hochzeitsreportage. Hat man dir das nicht gesagt?»

«Nicht wirklich.»

«Also, pass auf, liebe Selma. Ich kann dich doch nicht nur als Hochzeitsfotografin engagieren, hallo?» Dann erzählte sie äusserst aufgeregt, dass sie sich ein ganzes Buch wünsche mit vielen tollen Fotos und schönen Texten.

Aha, dachte Selma. Das rechtfertigte nun auch das hohe Honorar. Viel Arbeit. Aber trotzdem noch immer sehr gut bezahlt.

Julia erzählte von ihrem Konzept. Erstes Kapitel: Die Hochzeit in der kleinen Kapelle im Fextal. Zweites Kapitel: Das Fest in der Chesa Lej da Diavolezza, der Villa in St. Moritz. Drittes Kapitel: Das Brautpaar auf dem Piz Bernina. Und auf dem Titel sollte der Gipfelkuss zu sehen sein. «Ich bin so glücklich, euch beide in meinem Team zu haben», beendete Julia ihren Vortrag. Dann bestellte sie beim mürrisch dreinschauenden Barkeeper drei Glas Sekt.

Das war sie also, die Braut. Die Braut, die Jonas Haberer «stinkreiche Tussi» genannt hatte. Aber nichts deutete darauf hin, dass sie tatsächlich eine solche war. Julia trug ein verwaschenes T-Shirt und keinen Schmuck. Sie war nicht einmal geschminkt. Auch im Gespräch wirkte sie alles andere als arrogant. Sie interessierte sich für Selmas Arbeit, für ihre Erlebnisse, für die Wölfe und für Selmas Mission, sich für den Tier- und Naturschutz einzusetzen.

Selma hatte auch rasch erkannt, dass Julia eine wohlerzogene, gebildete Frau aus besserem Hause war. Wie sich Julia ausdrückte, wie sie zuhörte, wie sie sich bewegte – all das erinnerte Selma an ihre Mutter Charlotte. Und natürlich an sie selbst.

Was Selma ebenfalls auffiel: Julia schwärmte für Stefano wie ein Teenager. Auf dem Smartphone zeigte sie Bilder von ihm. Ja, da hatte Haberer wohl recht. Stefano entsprach dem Bild des italienischen Machos hundertprozentig: Schwarze Haare, dunkler Teint, auf den meisten Bildern trug er eine Sonnenbrille und lächelte charmant in die Kamera. Manchmal etwas schief, aber durchaus sexy.

«Wir drei Frauen gehen die Himmelsleiter hinauf und finden zu unserem Glück», sagte Julia und hob ihr Glas.

Nach dem Prosten schickte sie Selma ihre Kontaktdaten als Visitenkarte aufs Handy und sagte: «Du kannst mich jederzeit anrufen. Selma, es ist so schön, dass du in meinem Team bist.»

Team? Schon wieder erwähnte sie das. Was Selma etwas seltsam vorkam. Selma nahm einen Schluck Sekt, schaute sich die virtuelle Visitenkarte an. Und hätte sich beinahe verschluckt.

Julia von Gernhild stand da.

War sie, Selma Legrand-Hedlund, tatsächlich die Hochzeitsfotografin von Julia von Gernhild?

10

«Mama, was für eine Überraschung!», sagte Elin, als sie Charlotte die Türe ihres Hauses in Riehen öffnete. «Willkommen in meiner versnobten Villa.» Das Wort «versnobt» betonte sie.

«Elin, Liebes», säuselte Charlotte. «Versnobt habe ich noch nie gesagt. Aber es ist eine Villa, und ich bin hier.» Charlotte wechselte in einen sachlichen Tonfall: «Ich muss dringend mit dir reden.»

«Ist in Basel das Haus ‹Zem Syydebändel› abgebrannt, ein neues Virus im Anmarsch oder ein Absatz deiner High-Heels abgebrochen?»

«Mir ist nicht nach Scherzen zumute», sagte Charlotte trocken.

«Kaffee?»

«Wasser, bitte. Diese Hitze ist unerträglich.» Sie fächerte sich mit den Händen Luft ins Gesicht.

«Möchtest du in unseren Pool?»

«Mon dieu, Elin, wie dekadent!» Charlotte lachte kurz. «Das war ein Scherz.»

«Dann bist du also doch zu Scherzen aufgelegt», sagte Elin, füllte aus dem in den Kühlschrank integrierten Wasserspender ein Glas Wasser und reichte es ihrer Mutter.

«Nicht, wirklich, Elin. Ist alles in Ordnung bei euch? Wie geht es Eric? Wie geht es meinen lieben Enkeln Sören und Sven?»

«Alles bestens. Die Buben sollten bald nach Hause kommen. Also Mama, was ist so dringend, über das wir nicht am Telefon hätten reden können?»

«Wie du weisst, kommt Arvid Bengt Ivarsson in die Schweiz. Zusammen mit seinem Sohn, seiner Schwiegertochter und seinen Enkeln.»

«Ich freue mich. Das ist schön.»

«Sehr schön.»

«Ist das nun zynisch …»

«Nein. Es ist mir ernst. Aber ich muss vorher noch etwas herausfinden. Und dazu brauche ich deine Hilfe.»

«Schiess los!»

Charlotte nippte an ihrem Glas, nahm aus ihrer Handtasche ein Taschentuch, tupfte die Lippen vorsichtig trocken, sodass der bordeauxrote Lippenstift nicht verschmiert wurde, fischte ein neues Taschentuch aus der Packung und tupfte die Schweissperlen von ihrer Stirn. «Diese Hitze», seufzte sie. «Der Buschauffeur entschuldigte sich. Er meinte, die Klimaanlage sei bei diesen Temperaturen überfordert.»

«Du bist mit dem Bus gekommen?»

«Natürlich, Liebes, natürlich.»

«Warum hast du kein Taxi genommen?»

«Elin, ich bitte dich.»

«Wenn du zum Abendessen bleibst, wird dich Eric sicher nach Hause fahren.»

«Ihr seid gütig.»

«Also, Mama, worum geht es?», hakte Elin etwas forscher nach.

Charlotte räusperte sich, sah ihrer Tochter in die Augen und sagte: «Ich brauche einen Saal. Einen grossen Saal mit guter Beleuchtung.»

Elin blickte etwas irritiert und fragte: «Planst du eine Party? Brauchst du einen DJ? Discokugeln?» Sie hob die Hände und wippte hin und her.

«Nein.»

«Bon. Du willst Arvid Bengt und seiner Familie einen Empfang bereiten. Roter Teppich, Catering, Blumenmeer?»

«Ich merke, diese mörderische Hitze bekommt dir nicht gut», meinte Charlotte schnippisch.

«Excusé, Maman. Worum geht es dann?»

«Um Kunst.»

«Du planst eine neue Ausstellung für Selma? Wunderbar. Die Wolfsbilder kommen sicher sehr gut an. Meiner Meinung nach sind das Selmas beste Werke. Vielleicht nicht die künstlerisch wertvollsten, aber sicher die populärsten.»

«Deine Einschätzung ist nicht einmal so verkehrt, Liebes. Aber nein, es geht nicht um eine Vernissage. Es geht mehr … sagen wir mal, es geht um ein Experiment.»

«So richtig wissenschaftlich?»

«Könnte man sagen.»

«Ich bin dabei.»

«Könntest du also einen Saal organisieren?»

Elin überlegte kurz. Dann sagte sie: «Ich könnte den Riehener Gemeindepräsidenten fragen, ob wir den Bürgersaal im Gemeindehaus benutzen dürfen. Der hat grosse Fenster und auch eine gute Beleuchtung.»

«Kennst du denn den Gemeindepräsidenten?»

«Klar.»

«Chapeau. Du scheinst in diesem noblen Kaff angekommen zu …»

«Omi!», schrie plötzlich eine Kinderstimme. «Grand-mère!», eine zweite. Dann stürmten die beiden Buben Sven und Sören in die Stube und umarmten Charlotte. Sie war etwas überfordert und versuchte, die beiden auf Distanz zu halten.

«Kommst du auch baden?», fragte Sören.

«Baden? Mon dieu!»

«Bitte, bitte, bitte!»

Tatsächlich war Madame Charlotte Svea Legrand-Hedlund zwanzig Minuten später im kleinen Pool und lieferte sich mit ihren Enkeln eine Wasserschlacht. Sie trug einen Bikini ihrer Tochter, der ihr zwar etwas zu gross war, in dem sie sich aber dennoch wohlfühlte.

Elin sass am Beckenrand, streckte ihre Füsse ins Wasser und staunte über ihre eigene Mutter. So fröhlich hatte sie sie seit Langem nicht gesehen. Lag es an Sören und Sven? Lag es an diesem Kunstexperiment? Oder lag es daran, dass ihre einstige grosse Liebe Arvid Bengt Ivarsson bald zu Besuch kam?

Charlotte blieb fast eine Stunde im Wasser. Erst als ihr Schwiegersohn nach Hause kam und die Bespassung von Sören und Sven übernahm, kletterte sie aus dem Pool.

«Mein Make-up ist ruiniert», bilanzierte sie als erstes.

«Das lässt sich reparieren, Mama», meinte Elin. «Magst du jetzt einen Kaffee?»

«Eine wundervolle Idee», sagte Charlotte. «Ich fühle mich wie zwanzig.»

«Oder eher wie Ende zwanzig?»

«Bitte?»

«Schweden. Mittsommerfest. Arvid Bengt?»

«Mach dich ruhig lustig über mich. Ich zieh mich um, du kochst Kaffee.»

«Und bereite unser Znacht vor. Café complet?»

«Oh, sehr gerne. Esst ihr überhaupt sowas? Kein Filet Mignon heute?»

«Maman!»

Charlotte lächelte. Seit Elin mit ihrer Familie im Villenquartier, wie es Charlotte nannte, in Riehen wohnte, zog sie ihre Tochter gerne damit auf. Elins Mann Eric musste wirklich gut verdienen. Auch wenn er in Charlottes Augen «nur» für eine Versicherung arbeitete. Pharma oder Bank hätte sie bevorzugt. So wie ihr Ehemann, der Bankier Dominic-Michel oder ihr Vater Hjalmar. Aber gut. Über Geld sprach man in der Familie Legrand-Hedlund eh nicht. Man hatte es. Und lebte sparsam. Bei Charlotte hatte es immer Café complet zum Abendessen gegeben. Milchkaffee, Brot, Käse, Joghurt. Manchmal noch Salat oder Obst. Fleisch nur sonntags.

Als Eric seine Schwiegermutter nach dem Abendessen nach Hause fuhr, rutschte Charlotte etwas nervös auf dem Beifahrersitz herum. Er fragte, ob sein Fahrstil nicht in Ordnung sei.

«Nein, ich fühle mich sehr wohl. Ich habe nur vergessen, Elin etwas Wichtiges zu sagen.»

«Ruf sie doch an. Oder ich richte es ihr aus.»

«Das würdest du tun?», fragte Charlotte und tat so, als wäre sie erstaunt.

«Charlotte, ich werde es ihr ganz besonders ans Herz legen.»

«Das weiss ich doch», sagte Charlotte und lächelte. Natürlich hatte sie nicht vergessen, Elin etwas mitzuteilen. Es war Absicht, ihr Anliegen über Eric anzubringen. Sie war sich sicher, dass es Elin dann ernster nehmen würde. Zudem gab es dadurch einen für Elins Eheglück durchaus wichtigen Mitwisser. «Weisst du, ich habe Elin heute um einen Gefallen gebeten. Und ich würde es sehr bevorzugen, wenn Selma nichts davon erfahren würde.»

«Natürlich», sagte Eric kurz.

«Es soll eine Überraschung sein.»

«Natürlich», meinte Eric noch einmal. «Selma liebt Überraschungen.»

«Mais non, tut sie nicht», entgegnete Charlotte. «Das wissen wir beide. Aber sehr nett, dass du das gesagt hast. Ich nehme einmal mehr zur Kenntnis, dass du mich bestens verstehst.»

«Natürlich, meine liebe belle-mère.»

11

Selma hatte mal wieder einen Bad-Hair-Day. Sie sass im Zug zurück nach Basel und fummelte dauernd in ihren Haaren herum. Immer wieder schaute sie ihr Spiegelbild im Fenster an und zupfte an ihrer Frisur herum. Es war zum Verzweifeln. Lea musste ran. Auch wenn sie erst um Mitternacht Zeit hätte.

Selma hatte grottenschlecht geschlafen, was vermutlich daran lag, dass sie schon miesgelaunt ins Bett gegangen war. Sie hatte sich gleich im Hotel Selina ein Zimmer genommen, nachdem sie dort Julia von Gernhild getroffen hatte.

Julia war ein Spross der deutschen Familiendynastie von Gernhild, die mit dem Handel von Tuch, Gewürzen, Kaffee und Tee in Hamburg zu Reichtum gekommen war. Die Nachfahren des Firmengründers Werner von Gernhild vergrösserten das Unternehmen kontinuierlich, mischten in der Seefahrt mit, aber auch in der Waffenproduktion. Was dem Konzern nach dem Zweiten Weltkrieg einen herben Rückschlag verpasste und einen Schatten auf die Familie warf. Trotzdem schafften es die von Gernhild, sich zurückzukämpfen und erfolgreich zu wirtschaften. Ihr Vorteil war auch, dass der Name von Gernhild der breiten Öffentlichkeit nahezu unbekannt war, da es keine Produkte, Marken oder Firmen mit diesem Namen gab. Sämtliche Familienmitglieder achteten stets auf Diskretion. Von Julia von Gernhild, eine der wenigen direkten Nachkommen und der Haupterbin des Familienvermögens, gab es im Internet nur ein einziges Bild. Es zeigte sie lachend auf einer Bergspitze zusammen mit anderen Personen. Damals war sie deutlich jünger. Selma schätzte, dass sie vielleicht 17 oder 18 Jahre alt war. Die blonden Haare und vor allem die hellgrünen Augen waren schon damals sehr auffällig. Selma vermutete, dass das Foto bei einem Ausflug mit Schulkameraden des Lyceum Alpinum Zuoz geschossen worden war, einem international renommierten Institut im Engadin für Kinder wohlhabender Familien.

Selma war also die persönliche Hochzeitsreporterin einer Milliardenerbin. Damit war die Notwendigkeit des Verschwiegenheitsvertrags geklärt.

Das alles hätte Selmas Stimmung keineswegs in den Keller sacken lassen. Schliesslich war Julia eine nette, liebenswürdige und keineswegs arrogante Frau. Auch dass sie für einmal für eine private Reportage engagiert war, war okay. Was Selma aber sauer machte: Ihr Auftraggeber Jonas Haberer wusste das alles. Er wusste auch, dass es sich bei der sogenannten Wanderung mit dem Brautpaar um eine schwierige Tour auf den Piz Bernina handelte. Er hatte es ihr schliesslich gestern Abend am Telefon gestanden. Gewusst habe er es nicht wirklich, hatte er gesagt. Aber geahnt. Selma war sich sicher, dass Haberer bei seinem talentfreien Politikerkumpel Chasper Decurtins ein gewaltiges Honorar für sich herausgeschlagen hatte. Weil er genau wusste, dass Julia unbedingt Selma als Fotografin wollte. Und dass Geld keine Rolle spielte.

«Kotzbrocken», schimpfte Selma leise im Zug nach Basel. «Er war und ist und wird immer einer bleiben.» Sie erinnerte sich an ihre Zeit bei «Aktuell», einer grossen Gratiszeitung. Selma hatte gerade ihre Ausbildung zur Fotografin abgeschlossen. Jonas Haberer, damals der charismatische Chefredaktor dieser Zeitung, heuerte Selma an, machte sie zur Reporterin und hetzte sie von einer Story zur anderen. Wie alle anderen auch. Haberer war ein knallharter Boss und ging über Leichen. Und belog und schikanierte seine eigenen Leute. Hauptsache er bekam eine heisse Story. Der Erfolg gab ihm recht. Da er zudem keine Manieren hatte, verlieh ihm das Team den Übernamen «Kotzbrocken».

Mit den Manieren war es seither etwas besser geworden. Auch sein Umgang mit Menschen hat sich gebessert, dachte Selma. Aber sein neuster Streich bewies etwas anderes. Obwohl er sich entschuldigt und gesäuselt hatte, wie schwer ihm die Lügerei gefallen sei, er aber keine andere Möglichkeit gesehen hätte, um Selma für diesen Hochzeitsjob zu gewinnen. «Bla bla», machte Selma leise.

Sie versuchte, sich zu entspannen. Ihre Gedanken schweiften zum Piz Bernina, zum alten Bergführer mit dem weissen Schnauz, zu ihrem bevorstehenden Training und zu ihrem künftigen Hobby mit Marcel. Was ihre Emotionen gleich wieder hochschiessen liess. Der liebe Marcel hatte sich gestern Abend am Telefon wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert, fand Selma. Warum es ihr so wichtig sei, dass sie ein gemeinsames Hobby hätten, hatte er gefragt. Meine Güte, was für eine Frage? Allein die Tatsache, dass sie «ein gemeinsames Hobby» überhaupt erwähnt hatte, zeigte doch, dass es ihr wichtig war. Männer! Schlimmer: Psychologen!

Als Selma in Basel ankam, war sie noch schlechter gelaunt. Nun störte sie auch die Hitze. Aber dann kam ihr ein Typ in Bergsteigerhosen, mit Steigeisen an den schweren Schuhen, einem umgehängten Seil, Helm und Gletscherbrille entgegen. Marcel!

«Ich mache alles mit», sagte er. «Wir trainieren in einer nach Schweiss und Arnika und Harz riechenden Kletterhalle. Aber den Piz Bernina lasse ich aus. Und das würde ich auch dir dringend empfehlen. Viel zu gefährlich. Da fallen Bergsteiger am Laufmeter hinunter. Okay, das ist übertrieben. Aber das schaffe ich nicht. Nenn mich Weichei oder Warmduscher. Ich bin ein Intellektueller. Ein intellektueller Tram- und Busfahrer. Ich bin ein Stadtmensch, kein Bergler. Ich bin auch kein Abenteurer. Aber ich liebe dich und werde deine Hand halten. Also unten, nicht auf dem Piz Bernina. Ich werde deine Muskeln massieren und dich psychisch stärken. Ich werde dir eintrichtern, dass du dich quälen musst. Du brauchst das. Du bist ein Tier, Selma.» Marcel machte animalische Geräusche. «Aber ich bin …»

«Du bist sexy», unterbrach Selma.

Als sie in Selmas Wohnung am Totentanz ankamen, fielen die beiden übereinander her und liebten sich trotz der enormen Hitze wild und leidenschaftlich wie damals in ihrer ersten Nacht in Engelberg.

«Du bist auch ein Tier», sagte Selma völlig verschwitzt danach.

«Ja, Selma, gib mir Tiernamen, bitte, bitte, dann kann ich gleich nochmal.»

Dann lachten beide, bis ihre Bäuche schmerzten.

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272 стр. 4 иллюстрации
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9783858302953
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