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Petra Gabriel
Tod eines Clowns
Der 26. Kappe-Fall
Kriminalroman
Jaron Verlag
Inhalt
Cover
Titel
Über die Autorin
Impressum
Kapitel Eins
Montagmorgen, 12. Dezember 1960
Kapitel Zwei
Rückblende: Sonntag, 27. März 1960
Kapitel Drei
Montagnachmittag, 12. Dezember 1960
Kapitel Vier
Dienstag, 13. Dezember 1960
Kapitel Fünf
Rückblende: Ostermontag, 18. April 1960
Kapitel Sechs
Dienstag, 13. Dezember 1960
Kapitel Sieben
Rückblende: Freitag, 10. Juni 1960
Kapitel Acht
Mittwoch, 14. Dezember 1960
Kapitel Neun
Donnerstag, 15. Dezember 1960
Kapitel Zehn
Freitag, 16. Dezember 1960
Kapitel Elf
Sonnabendmorgen, 17. Dezember 1960
Kapitel Zwölf
Sonnabendmittag, 17. Dezember 1960
Kapitel Dreizehn
Montag, 19. Dezember 1960
Kapitel Vierzehn
Dienstag, 20. Dezember 1960
Kapitel Fünfzehn
Mittwoch, 21. Dezember 1960
Kapitel Sechzehn
Donnerstag, 22. Dezember 1960
Kapitel Siebzehn
Freitagabend, 23. Dezember 1960
Kapitel Achtzehn
Freitagabend, 23. Dezember 1960
Kapitel Neunzehn
Freitagnacht, 23. Dezember 1960
Kapitel Zwanzig
Sonnabendmorgen, 24. Dezember 1960
Nachwort
Es geschah in Berlin …
Petra Gabriel, geboren in Stuttgart, ist gelernte Hotelkauffrau, Dolmetscherin und Journalistin. Als freiberufliche Autorin lebt sie in Laufenburg und Berlin. Sie schreibt historische Romane, Jugendbücher und Krimis, zudem verfasst sie Kurzgeschichten. Ihren ersten Roman, «Zeit des Lavendels», veröffentlichte sie 2001. Im Jahr 2010 erschien ihr Mystery-Roman «Der Klang des Regenbogens», ihren siebten historischen Roman «Der Ketzer und das Mädchen», zur Geschichte des Konstanzer Konzils, brachte sie 2014 heraus. Zur Krimireihe «Es geschah in Berlin» trug sie bereits drei Bände (zuletzt: «Kaltfront», 2014) bei. (www.petra-gabriel.de)
Originalausgabe
1. Auflage 2015
© 2015 Jaron Verlag GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt.
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer+Möhring, Berlin
Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
ISBN 978-3-95552-025-0
KAPITEL EINS
Montagmorgen, 12. Dezember 1960
FLEISCHERMEISTER FRITZ FECHNER war immer der Erste in der Moabiter Arminiushalle, auch an diesem trüben und nasskalten Dezembermorgen. Es war noch dunkel. Er fröstelte. Obwohl der Dezember des Jahres 1960 bisher mild ausgefallen war.
Er kam stets, wenn in der Halle noch Stille herrschte. Fechner brauchte diese morgendliche Ruhe fast wie eine Droge. Es faszinierte ihn stets aufs Neue, wie das hohe Gebäude zum Leben erwachte, wie die anderen Händler nach und nach ihre Stände herrichteten, wie die Stille von immer mehr Geräuschen, Stimmen, Lachen und Flüchen durchbrochen wurde, ehe die ersten Kunden eintrafen. Er liebte das Erwachen der Markthalle beinahe mehr als den geschäftigen Trubel am Tage. Dann konnte es laut werden, störend. «Für einen Schlächter», sagte seine Frau immer wieder, «… für einen Schlächter bist du eine ziemliche Mimose, Fritz.»
In der Arminiushalle war Wurst-Fritz eine Autorität. Bei seiner Frau Edith nicht.
Fechner entdeckte Blumen-Erika und brummte im Vorübergehen einen Gruß. Sie hatte ihren Jungen im Schlepptau. Eugen Schreiber von «Zilles Obst- und Gemüseoase» schlurfte an Fechners Auslage vorbei zu seinem Stand, nickte ihm zu und brummte ein mürrisches «Tach!», bevor er hinter seine Holzaufbauten strebte und begann, die Planen von den Kisten zu entfernen. Fechner dachte sich nichts beim Anblick von Schreibers knurrigem Gesicht. Sie hatten seit Jahren ihre Stände nebeneinander. Gemüse-Eugen war morgens immer muffig, besonders wenn die Sonne so spät aufging wie jetzt in der Vorweihnachtszeit. Er brauchte Licht, um sich in ein umgängliches menschliches Wesen zu verwandeln.
Fechner hingegen schoss morgens aus dem Bett wie angeknipst. Er liebte seinen Beruf, verstand ihn mehr als Berufung denn als Broterwerb. Bis auf das Schlachten selbst vielleicht, aber das war nun mal notwendig. Die Kollegen lachten, wenn Fechner behauptete, das Fleisch von behutsam und möglichst schmerzfrei geschlachteten Schweinen und Rindern schmecke einfach besser, sei saftiger. Sollten sie doch lachen! Er liebte es, die Schweinehälften zu zerteilen, die Arme bis zu den Ellbogen im Brät zu versenken, um Fett, Fleisch und Gewürze miteinander zu verkneten, ehe die Masse in den Naturdarm gestopft wurde. Kurz, Fleischermeister Fechner war ein Perfektionist und weit über Moabit, sogar weit über Berlin hinaus bekannt für sein hervorragendes Fleisch und seine würzigen Wurstwaren, insbesondere für die Blut- und Leberwürste, die er nach einem Rezept seiner schlesischen Großmutter anfertigte. In der Vorweihnachtszeit verkauften die sich besonders gut.
Er war an diesem Morgen deshalb schon kurz nach Mitternacht und nach nicht mehr als drei Stunden Schlaf aufgestanden und hatte in seiner Fleischerei einen gehörigen Vorrat produziert, für den Laden und für die Halle. Den Laden betrieb seine Frau, er verkaufte am Stand.
Bei der Ankunft des Gemüsehändlers hatte er die ersten Würste bereits hinter dem Glas seiner Theke aufgeschichtet und mit einigen Blättern Grünkohl dekoriert, gleich neben dem rosigen Schwein aus Plastik, das ein Kleeblatt im lächelnden Maul hielt. Fritz Fechners Ehefrau Edith fand, das Schwein sei eine für die Vorweihnachtszeit unpassende Dekoration. Doch Fechner bestand auf der Anwesenheit des Plastiktiers in seiner Auslage. Es brachte ihm Glück. So hatten seine Frau und er einen Kompromiss geschlossen: Das Schwein lag der Jahreszeit gemäß auf einem Bett aus Tannenzweigen, weihnachtlich mit Strohsternen dekoriert. Das einzig Ärgerliche an diesem Arrangement, fand Fechner, war die damit einhergehende Platzverschwendung. Denn um nicht den Unmut der Lebensmittelkontrolleure zu erregen, mussten seine Waren einen bestimmten Abstand zu den harzigen Zweigen wahren. Deshalb brachte er in der Auslage weniger Würste unter. Doch deswegen einfach so nachgeben? Nein! Ein Mann hatte schließlich seinen Stolz und musste zeigen, dass er der Herr im Haus war.
Dabei würde Edith nicht einmal bemerken, wenn er die Dekoration veränderte. Sie hatte momentan ganz andere Interessen: Der belgische König Baudouin heiratete in Brüssel die spanische Gräfin Fabiola. Und Edith klebte am Fernsehgerät. In Anbetracht der royalen Hochzeit hatte sie keinen Sinn für Schweine, auch nicht für solche aus Plastik. Den Laden versorgte derweil eine langjährige Aushilfe namens Emma.
Fechner hielt inne und betrachtete sein Werk. Die letzten Lücken wollte er mit den besonders teuren Rinder- und Schweinefilets füllen. Das tat er immer erst kurz vor dem Eintreffen der ersten Kunden, damit die Stücke möglichst lange ansehnlich blieben. Aber vorher nickte er Gemüse-Eugen zu. Der nickte zurück, und die beiden Männer machten sich gemeinsam auf den Weg nach draußen, um in Ruhe eine Zigarette zu rauchen. Ohne dieses Ritual begann der Tag in der Halle einfach nicht auf die richtige Weise.
Als Fechner wieder an seinen Fleisch- und Wurststand zurückkehrte, waren die Lücken hinter dem Thekenglas bereits gefüllt. Allerdings anders, als er es geplant hatte. Mit dem Gesicht nach unten, ein Messer im Rücken, direkt neben den Blutwürsten, lag ein Mann. Reglos. Tot. Dafür hatte Fleischermeister Fechner einen Blick. Er wusste auch: Das bedeutete Ärger. Gemüse-Eugen fasste Fechners Bedenken zusammen. «Oje!», brummte er Wurst-Fritz hinterher, der bereits zum nächsten Fernsprecher spurtete, um die Polizei zu alarmieren.
Die Arminiushalle wurde für diesen und die nächsten Tage geschlossen. Das ordnete Kriminaloberkommissar Otto Kappe von der Mordkommission als Erstes nach seinem Eintreffen eine halbe Stunde später an. Er hatte den Kollegen Hans-Gert Galgenberg an seiner Seite. Aller Protest von Gemüse-Eugen und Wurst-Fritz blieb vergebens. Kappe konnte nachvollziehen, dass die Hallensperrung für die Händler mehr als ärgerlich war. An den Tagen vor Weihnachten machten sie besonders gute Geschäfte. Doch es führte kein Weg daran vorbei. «Erst ist die Spurensicherung dran! Wir müssen die gesamte Halle durchsuchen, danach können Sie weiterverkaufen», erklärte er in einem derart preußisch-bestimmten Ton, dass Wurst-Fritz und Gemüse-Eugen klein beigaben.
Derweil trocknete auf dem Hemd der Leiche langsam das Blut, ebenso auf dem Hallenboden und auf den umliegenden Wurstwaren. Kappe betrachtete zusammen mit Galgenberg die Bescherung. «Das kann noch nicht lange her sein», stellte er fest. Er hatte im Laufe seiner Jahre bei der Kriminalpolizei genügend Blut gesehen, um aus dessen Zustand Rückschlüsse auf den Zeitpunkt der Tat ziehen zu können.
«Denk ick och.» Polizeihauptkommissar Karl Schulz, Leiter des zuständigen Reviers 24 in der Oldenburger Straße, besah sich die mörderische Angelegenheit ebenfalls eingehend. Kappe war froh, ihn dabeizuhaben. Er war der Beste, den er sich vorstellen konnte, um die Absperrung der Halle zu organisieren und, falls nötig, erregte Gemüter zu beruhigen. Schulz kannte seine Moabiter Pappenheimer gut, vor allem schon lange, und er stand in dem Ruf, dass er auch mal kräftig dazwischenfahren konnte. Unter den Händler gab es so einige, die zu – nicht immer gewaltfreien – Temperamentsausbrüchen neigten.
Schulz, sonst die Ruhe in Person, wirkte an diesem Tag allerdings ungewöhnlich angespannt. Die Angehörigen der Polizei wurden gerade auf mögliche persönliche Verstrickungen in Verbrechender Nationalsozialisten überprüft. Vielleicht waren die Ermittler gerade an Schulz dran, überlegte Kappe. Er mochte den Mann, obwohl er mal gehört hatte, dass der 51-jährige gebürtige Niedersachse einst als SS-Hauptsturmführer im «Führerbegleitkommando» zu Hitlers berüchtigter Schlägertruppe gehört habe. Kappe hatte keine Ahnung, ob das stimmte. Er konnte es eigentlich nicht so recht glauben. Schulz war schließlich nicht gerade ein seltener Name. Nun, wie auch immer es gewesen sein mochte, der Polizeihauptkommissar kannte sich in der Halle aus wie in seiner Westentasche und konnte den Leuten von der Spurensicherung wichtige Hinweise geben.
Schulz nickte Otto Kappe zu. «Gerade eben den Weg allen Fleisches gegangen, könnte man sagen.»
Niemand lachte.
Dr. Konrad König von der Gerichtsmedizin trat näher an den Toten heran. «Heidenei, so eine Sauerei!» Manchmal konnte König den gebürtigen Schwaben noch immer nicht ganz verleugnen, obwohl er sich größte Mühe gab, dem Berliner Jargon alle Ehre zu erweisen. So sagte er stets «Schrippe», nie «Weckle». König war schnell, sogar kurz vor Kappe eingetroffen. Die Gerichtsmediziner saßen nämlich ganz in der Nähe, in einem Gebäudeteil des Krankenhauses Moabit in der Turmstraße Nr. 21. Noch. Im letzten Jahr hatten die Planungen für ein neues Haus in der Invalidenstraße begonnen.
Der 34-jährige König war vor Jahren nach Berlin gekommen, der Liebe wegen, und hatte in der Stadt Medizin studiert. Die Liebe war weg, König noch immer da. Spillerig, etwas linkisch, mit dünnem aschblondem Haar, das sich am Hinterkopf und an der Stirn bereits erheblich lichtete. Die Kollegen gaben sich redlich Mühe, König bei der Suche nach einer Freundin mit Tipps zu versorgen, aber es wollte nicht so recht klappen. «Dem vielen Blut nach zu urteilen hat’s eine wichtige Blutbahn verletzt. Ich kann aber noch nicht genau sagen, wann und wie der Mann gestorben ist, zumal das Messer noch im Rücken steckt. Danach wollten Sie doch fragen, oder, Herr Kriminaloberkommissar? Das Messer im Rücken scheint zwar eindeutig, aber das Offensichtliche lässt nicht immer auf die eigentliche Todesursache schließen. Hab da schon manche Überraschung erlebt.»
Das hatte Otto Kappe tatsächlich fragen wollen. Obwohl er schon geahnt hatte, dass er genau diese Antwort bekommen würde. Es war ein immer wiederkehrendes Ritual. Die Mordermittler brauchten möglichst schnell möglichst verlässliche Zeitangaben und Fakten, um den Tathergang rekonstruieren zu können. Die Kollegen von der Gerichtsmedizin bestanden vor genauen Angaben auf einer gründlichen Leichenschau.
«Eines ist aber sicher: Da hat einer heftig zugestochen! Das Ding steckt ganz schön tief drin. Der Mörder muss ziemlich wütend gewesen sein», fuhr Konrad König fort, wobei sein linkes Augenlid zuckte. Das passierte immer, wenn ihn etwas irritierte. Ganz anders, als sein Name vermuten ließ, war er sehr schüchtern, dafür aber kräftiger, als er aussah. Jetzt packte er den Griff der Tatwaffe mit den beiden behandschuhten Händen, stellte sich leicht breitbeinig hin, holte Luft und tat einen Ruck. Die Klinge flutschte aus dem Fleisch. König hielt das Messer hoch und besah es. «Scharf wie die Sau.»
«Noch Witze machen über meine Wurstwaren, wa? Meine Schweine sind eins a … Det is mein bestes Messer, ’n besseret hab ick nich zum Entbeinen. Det will ick wiederham!», forderte Fleischermeister Fechner.
Otto Kappe schüttelte den Kopf. «Daraus wird nichts, das ist ein Beweisstück.»
Fechner schaute mürrisch.
Konrad König zitierte mit einer Handbewegung einen Kollegen von der Spurensicherung herbei, der gerade damit begonnen hatte, die Scheibe von Fechners Theke auf der Suche nach Fingerabdrücken mit Graphitpulver abzupudern. «Hallo! Kommen Sie mal hierher! Ich könnte Sie vielleicht brauchen.»
«Schwarzet Pulver an unserer Theke – det wird meiner Ollen nich jefalln», meinte der Fleischermeister. «Würde Ihnen raten, det Sie det später wieda schön saubermachen. Sonst bläst Ihnen meine Edith den Marsch. Und det kann se.»
Der Kollege legte seine Utensilien ziemlich unsanft nieder und trottete herbei. König übergab ihm das Messer. Dann packte er ein weiteres Mal zu und drehte den Toten um.
Alle hielten den Atem an. Ein Gesicht mit weit aufgerissenen, fast erstaunt wirkenden blauen Augen starrte sie an. Ein sehr merkwürdiges Gesicht, denn es trug eine Clownsbemalung, ziemlich ungelenk ausgeführt. Die Linien um Mund und Augen wirkten krakelig, die weiße Farbe war verschmiert. In der Mitte saß eine rote Clownsnase. Wer auch immer die Maske aufgetragen hatte, schien darin nicht besonders geübt zu sein, befand Oberkommissar Otto Kappe und sagte: «Komisch.»
«Bei dem is jetzt aber Schluss mit lustig!», meinte Hans-Gert Galgenberg. «So wat passiert offenbar selbst Clowns.»
«Haha!», kam es trocken von Kappe, während er sich daranmachte, die Taschen der Winterjacke des Toten zu durchstöbern. Er wollte wissen, ob der Papiere bei sich hatte, fand aber nichts. Er richtete sich wieder auf. «Entweder der oder die Mörder haben seine Taschen geleert, oder der Clown ist ohne Papiere hierhergekommen. In beiden Fällen stellt sich die Frage: Warum?»
In diesem Augenblick erklang eine weibliche Stimme: «Oh, wen haben wir denn da?»
Kappe wandte sich um. Sein Herz machte einen Hüpfer.
«Die Kollegen vom Dauerdienst haben mich geschickt», erklärte Kriminalmeisterin Lilli Lenné auf seinen fragenden Blick hin. «Die dachten, es wäre vielleicht besser, wenn eine Frau bei den Befragungen dabei ist. Und wer weiß, vielleicht ist der Mörder ja noch da. Sieht für mich jedenfalls so aus, als hätte jemand ganz hastig eine Clownsbemalung auf das Gesicht gepinselt. Wahrscheinlich nach dem Mord. Was meinen Sie, Doktor König?»
«Vor der Autopsie meine ich nie etwas», antwortete König und wurde unvermittelt rot.
Otto Kappe sah vom einen zur anderen. Er wusste ziemlich genau, was in König vor sich ging. So war es immer mit diesem Fräulein Lenné: Die Kollegin hatte einfach eine besondere Wirkung auf Männer, ihn selbst eingeschlossen. Obwohl sie keine klassische Schönheit war – stämmig, sportlich, Trägerin des schwarzen Gürtels beim Judo –, konnte man einfach nicht wegsehen, wenn sie mit schwingenden Hüften vorüberging oder einen mit ihren großen blauen Augen anschaute. Sie hatte etwas Französisches. Was allerdings nicht weiter verwunderlich war, stammte sie doch von einer jener hugenottischen Familien ab, die im 17. Jahrhundert aus dem streng katholischen Frankreich nach Berlin geflüchtet waren. Wie alt sie wohl sein mochte? Vermutlich ungefähr so alt wie König. Der war 1926 in irgendeinem schwäbischen Kaff geboren, dessen Namen Kappe sich nicht merken konnte.
«Was meinen Sie, wie lange die Tat her ist? Könnte der oder könnten die Täter noch in der Halle sein?» Lilli Lenné beharrte auf Antworten.
«Ein Täter, vermutlich ein Mann, Linkshänder womöglich», wich König aus. «Aber vor der Autopsie meine ich …»
«Wissen wa, wissen wa. Vor der Autopsie meinen Sie nie was», fuhr Galgenberg dazwischen.
Lilli Lenné lächelte König zu.
Otto Kappe verspürte einen Anflug von Eifersucht und fragte sich zum wiederholten Mal, warum ihm das gerade bei Lilli so ging. Seine Gertrud war schließlich eine prächtige Person, praktisch, handfest und tüchtig. Eine Frau zum Herzerwärmen. Er wollte keine andere. Und trotzdem …
Der Ablenkung wegen, aber nicht nur deshalb, sah er sich um. Vielleicht war der Täter tatsächlich noch irgendwo in der Halle. Auf den ersten Blick konnte Kappe keine möglichen Verstecke erkennen. Aber so viel stand für ihn fest: Nach Lage der Dinge war der tote Clown nur wenige Minuten nach seinem gewaltsamen Dahinscheiden gefunden worden. Also hätte jemand den Täter sehen müssen! Fechner und sein Kollege Schreiber vom Obststand hatten vor dem nächstgelegenen Ein- und Ausgang der Halle eine Zigarette geraucht und Stein und Bein geschworen, sie hätten niemanden fortlaufen sehen. Allerdings gab es mehrere Ein- und Ausgänge. Um zu einem der anderen zu gelangen, hätte der Kerl an jeder Menge Stände vorbeikommen müssen. «Würde mich mal interessieren, ob jemand von den anderen Händlern eine Person gesehen hat, die nicht hierher gehört», murmelte Kappe vor sich hin. Er ließ seinen Blick erneut schweifen und schaute dann nachdenklich nach oben, zur hohen Decke. Wegfliegen ging ja wohl nicht. Anschließend sah er auf die Umstehenden. Einige Personen waren noch in die Halle gekommen, bevor die abgesperrt worden war, hatten sich bei Fechners Fleischtheke versammelt und gafften, während die Kollegen von der Spurensicherung verzweifelt versuchten, die Herrschaften auf Abstand zu halten. Es war vielleicht ein halbes Dutzend, darunter zwei Frauen mittleren Alters und ein etwa zehnjähriger Junge, der sich an die grüne Schürze seiner Mutter drückte.
Ein Kollege von der Schutzpolizei raunte Otto Kappe zu, dass das provisorische Vernehmungszimmer inzwischen eingerichtet und die Kollegen vor der Tür dabei seien, die Personalien der Händler aufzunehmen.
«Halten Sie die Leute fest, wir brauchen sie noch! Lassen Sie niemanden gehen! Besorgen Sie sich außerdem die Liste sämtlicher Hallenbeschicker, und karren Sie schnellstens diejenigen hierher, die uns durch die Lappen gegangen sind! Ich denke, es ist sinnvoll, wenn sich alle der Reihe nach den Toten ansehen. Dann haben wir sie gleich beieinander. Ich fange mit denen an, die hier rumstehen.» Kappe machte eine einladende Handbewegung. «So, meine Damen und Herren, dann wollen wir mal!», dröhnte seine Stimme. «Sie kommen bitte nach hinten zum Fisch, Ausgang Nord, Bugenhagenstraße! Einer nach dem anderen. Ich warte da auf Sie.» Und dann sagte er etwas leiser: «Galgenberg, du übernimmst die Verkehrsführung! Und Sie, Fräulein Lenné, schreiben bitte das Protokoll! Soweit ich weiß, können Sie Steno.»
«Na, da müssen wir uns aba beeiln, sonst stinkt die Leiche bald genauso wie der Fisch. Für ewig wolln die von der Rechtsmedizin och nich auf den Toten warten», murmelte Hans-Gert Galgenberg vor sich hin und trabte hinter Kappe her.
In den Gewölben unter der Arminiushalle hockte ein dunkler Schatten zusammengesunken und reglos am Boden, die Knie angezogen, die Hände vors Gesicht geschlagen, einen Rucksack und eine Jacke neben sich. Er wusste, er hätte längst weg sein müssen. Doch er war wie gelähmt. Ihm war speiübel. Er hatte einen Menschen getötet, ein Messer in eine lebende Person gerammt. Gegen den Widerstand des Fleisches und der Knochen war es schließlich zwischen den Rippen hindurchgeglitten. Mehr als die Tat selbst machte ihm der Umstand zu schaffen, dass er überhaupt dazu fähig gewesen war. Dass er nicht links und nicht rechts geschaut hatte in diesem Tunnel aus blankem Hass und Abscheu. Er richtete sich etwas auf, nahm die Hände herunter. Nein, das war kein Mord gewesen, das war Gerechtigkeit. Jarusch würde niemals wieder einem anderen Menschen schaden können. Er musste würgen. Der Brechreiz wurde immer stärker.
Dann hörte er Stimmen. Er sah den Lichtkegel einer Taschenlampe und ergriff hastig den Rucksack und die Jacke. Verflucht, er hatte doch gewusst, dass es knapp werden würde! Wieso war er nur nicht früher abgehauen?
Er vernahm Schritte. Panik stieg in ihm auf. Wohin? Er begann zu rennen. So geräuschlos wie möglich. Die Keller unter der Halle waren weitläufig. Bis zum Notausgang würde er es nicht mehr schaffen. Seine Augen suchten hektisch die Gewölbe ab.
Das große Fass stand ganz hinten, es war wohl für ein halbes Fuder ausgelegt. Problemlos kletterte er hinein. Starker Weingeruch umnebelte ihn. Er versuchte, seine Gedanken klar zu halten. Hauptsache, die Polizei brachte keine Hunde mit. Aber die würden durch die Weinausdünstungen wahrscheinlich ohnehin irritiert sein. Sobald die Polizisten wieder weg waren, wollte er den Notausgang Richtung Bugenhagenstraße nehmen. Vom Fass bis dahin waren es nur etwa zehn Schritte.
KAPITEL ZWEI
Rückblende: Sonntag, 27. März 1960
HOLGER GERICKE hatte sich für die Elektrische entschieden. Linie 95. Die galt als eine der sichersten für Republikflüchtlinge. Die Straßenbahnen wurden ohnehin weniger kontrolliert als die U- und die Stadtbahnen. Sie würden zunächst bis Endhaltestelle Ost fahren. Die lag vor dem Übergang. Nach einem kurzen Fußmarsch ging es dann mit der 95 West weiter.
Die Elektrische quietschte und ruckelte über die Mittelpromenade der Sonnenallee. Die Gleise wurden nur noch notdürftig instand gehalten.
Noch gab es sie, diese Straßenbahnlinien, die von Ost-Berlin in Richtung West-Berlin führten. Doch jeder wusste: Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie verschwinden würden. Auch die Strecke über die Sonnenallee war wahrscheinlich ein Auslaufmodell. Der Berliner Senat hatte bereits die Umstellung auf Busse beschlossen.
Die Stimmung zwischen Ost und West spitzte sich erneut zu. Als zweite Berlin-Krise wurde dieses Machtgerangel bezeichnet. Gericke verstand nicht viel von Politik. Er wollte einfach nur leben dürfen und seine Familie ernähren, genug zu essen und zu trinken haben. Vor allem wollte er seine Würde bewahren und nicht schikaniert werden wegen der Mutter seiner Frau. Die war aus politischen Gründen in den Westen gegangen. Sie hatte sich als alte Sozialdemokratin einfach nicht mit der Zwangsvereinigung von SPD und SED abfinden können. Die inzwischen fast Achtzigjährige war kurzerhand in ein Altersheim in Berlin-West gezogen. Sie hatte Krebs, würde nicht mehr lange leben und wurde deshalb von ihrer Tochter so oft wie möglich besucht.
Das Gespräch im vergangenen Jahr, oder besser den Monolog von Wolfgang Müller, seines Zeichens Pressechef beim VEB Zentral-Zirkus, für den Holger Gericke arbeitete, würde er für den Rest seines Lebens nicht mehr vergessen. «Gericke, reden Sie mit Ihrer Frau! Muss sie denn wirklich so oft in den Westen? Besuche dort sind nun mal nicht gern gesehen. Das ist ein sensibles Thema, seitdem sich Harry Barlay und sein Kompagnon Brumbach vor zehn Jahren mit ihrem halben Zirkus in den Westen davongemacht haben. Das wissen Sie so gut wie ich, mein lieber Gericke.»
Und ob Gericke das wusste! Barlay hatte nach der Teilung Deutschlands schwer zu kämpfen gehabt. Zuerst, um überhaupt aus dem Westen für Gastspiele in die Zone kommen zu können. Er hatte sich die Rettung seines kränkelnden Zirkusunternehmens erhofft. Als es dann einigermaßen lief, spekulierte er auf einen eigenen Zirkusbau an der Friedrichstraße.
Den Zirkusbau an der Friedrichstraße bekam Barlay 1948. Doch seine Pläne gingen nicht auf. Der Circus Busch musste sogar mit Dressuren aushelfen und schickte ihm nicht nur Epi Vidane mit seinen vier Elefanten, sondern auch Hermann Ullmann und Hildegard Noris mit der Hohen Schule der Pferdedressur. Und dann tauchten die Hinweise in den westlichen Blättern auf, die ihm ordentlich zu denken gaben. In der Neuen Zeitung stand, dass in Kürze die drei Unternehmen Aeros, Richard Busch in Bitterfeld und Barlay verstaatlicht würden. Harry Barlay wollte das wohl nicht miterleben, klamm und heimlich wanderte er mit den meisten Tieren und viel wertvollem Material in den Westen ab, der Zirkus Barlay an der Friedrichstraße blieb weiter bestehen. Die Bildung des DDR-Staatszirkus hatte dann doch noch rund zehn Jahre gedauert. Seit Januar 1960 waren die einst privaten Zirkusse Busch und Barlay nun unter dem sozialistischen Dach des VEB Zentral-Zirkus vereint. Aeros würde folgen. Barlay sollte dann offiziell Olympia heißen, doch für die Menschen blieb er Barlay. Der ehemalige Direktor des Zirkus Barlay hatte vom Westen aus nur noch zuschauen können, er war bankrott. Nein, die Republikflucht hatte ihm kein Glück gebracht, ebenso wenig wie seinem Kompagnon Brumbach. Gericke konnte nur hoffen, dass es ihm und seiner Familie besser erging und sie sich im Westen ein gutes Leben aufbauen konnten.
Bei dem Gedanken an Barlays Zirkustreck gen Westen musste Holger Gericke schmunzeln. Seine Frau sah es und lächelte ihm zu. Sie nahm wohl an, dass er weit weniger Befürchtungen hatte als sie selbst, was ihren Neuanfang anbelangte. Doch er war kein mutiger Mann, auch wenn er so tat, um seine Familie nicht zu verunsichern – und weil Feigheit einfach nicht in das Bild passte, das man sich gewöhnlich von einem Raubtierdompteur machte. Raubtiere flößten ihm weniger Angst ein als das Leben und dieser Wechsel in eine neue Welt voller Unwägbarkeiten. Er brauchte die Sicherheit alltäglicher Routinen, das Wissen, dass bestimmte Dinge am nächsten Tag noch genauso sein würden wie am Tag zuvor. Sein Bett, die Wohnung, das Lächeln seiner Frau. Sogar die Mucken der Kinder. Die seines Sohnes Thomas, der sich langsam anschickte, seine eigenen Wege zu gehen, und die seiner Tochter Monika, die sich bald in der schwierigen Phase der Pubertät befinden würde.
Er hatte Harry Barlay immer für dessen selbstsicheres Auftreten bewundert. Der schien keine Ängste zu kennen, auch nicht in Zeiten, in denen es drunter und drüber ging. Für den heimlichen Treck in den Westen hatte er sich eine wunderbare Legende verschafft: Er musste sich angeblich wegen einer Augenbehandlung in eine Klinik in Braunschweig begeben. Durch ein zuvor ausgekundschaftetes Tor einer Bahnunterführung im Norden Berlins war ein Großteil der Tiere in den französischen Sektor gebracht worden. Die berühmten Elefanten des Zirkus Barlay hatten nicht geschmuggelt werden müssen, die waren ohnehin auf Tournee in Westdeutschland gewesen.
Die Organisation des Wagentrecks in den Westen hatte Barlays Kompagnon Gustav Brumbach übernommen. Und das auf eine ziemlich trickreiche Weise, das musste der Neid ihm lassen. Er hatte im Vorfeld schon einmal heimlich mit den Westalliierten gesprochen, ganz unverbindlich. Als die dann diskret durchblicken ließen, dass sie auch mal wegschauen könnten, ließ er sofort die Wagen umstreichen, so dass man den Namen Barlay nicht mehr lesen konnte, und schmuggelte sie auf verschiedenen Wegen über die innerstädtische Grenze. Zwei dieser Wagen wurden zum Beispiel hinter einen Traktor gespannt. An der Sektorengrenze erfuhren die überaus aufmerksamen Volkspolizisten zu ihrer Beruhigung, dass es sich um Wagen von West-Berliner Schaustellern handle, die man zurückbringen wolle. Damals konnten Schausteller aus dem Westen noch in allen vier Sektoren gastieren. Ein anderes Mal argumentierte Brumbach auf seine übliche joviale Weise und daher besonders einleuchtend, dass man nur deshalb West-Berlin durchqueren wolle, um schneller wieder am anderen Ende Berlins, in der Heimat der Werktätigen, zu sein. Auf Westgebiet wurde dann einer der beiden Wagen ausgehängt – und Brumbach fuhr mit nur einer Karre zurück in die Friedrichstraße, dann natürlich über einen anderen Sektorenübergang.
Von West-Berlin aus gelangten Tiere und Material, ebenfalls mit diskreter Unterstützung der Westalliierten, nach Helmstedt: 90 Wagen, 35 Pferde sowie Tiger, Bären und andere Tiere. Anschließend ging die Reise in die kleine Industriestadt Eschweiler weiter, östlich von Aachen. In Eschweiler, auf dem dortigen Kasernengelände, war das Winterquartier der Republikflüchtlinge eingerichtet worden. Dort ging Harry Barlay letztendlich das Geld aus.
Holger Gericke arbeitete damals schon bei Barlay und wusste, was vor sich ging. Er selbst wollte aber in Ost-Berlin bleiben. Er glaubte an eine Zukunft des Zirkus Barlay, war sich sicher, dass es wieder aufwärts gehe, dass der «Restzirkus» an der Friedrichstraße eine gute Überlebenschance habe. Heute fragte er sich, wie er so naiv hatte sein können.
Im Osten zurückgeblieben war nämlich ein ausgebluteter Zirkus, der zwar über einen Bau an der Friedrichstraße verfügte, ansonsten aber nur noch über wenige, meist kranke Tiere und schrottreifes Material – ein Schatten seiner einstigen Größe. Der Zirkus kam einfach nicht wieder auf die Beine, trotz wechselnder Direktoren und West-Artisten machte er ständig Verluste. Das neue Chapiteau – in Grün, der Farbe der Hoffnung –, die neuen Stallzelte, die zunehmende Zahl der neugestrichenen Wagen, all das half nichts: Barlay schrieb weiter rote Zahlen. Gericke selbst versuchte sich an einer neuen Dressur, einer kleineren, mit Tieren, die ihre besten Zeiten längst hinter sich hatten.
Der Magistrat war es schließlich leid, die finanziellen Löcher zu stopfen. So wurde der Zirkus Barlay kurzerhand zum volkseigenen Betrieb umgewandelt. Das weckte neue Hoffnungen, mobilisierte noch einmal Kräfte. Und für eine kurze Zeit wurde es tatsächlich besser.
Holger Gericke verzog den Mund und drehte den Kopf, schaute zum Fenster der Elektrischen hinaus. Er wollte nicht, dass seine Frau Anita ihm ansah, worüber er nachdachte. Er war der Mann, er hatte Zuversicht auszustrahlen – und gab sich deshalb gelassen. Doch seine Gedanken kreisten voller Wehmut um die vergangenen guten Tage. Es brach ihm beinahe das Herz bei der Erinnerung an das, was sie verloren hatten.
Gustav Brumbach hatte sich nach der Flucht von Barlay getrennt und einen eigenen Zirkus aufgemacht. Holger Gericke hatte gehört, dass auch dieser vor dem Aus stand. Das konnte er kaum glauben. Vielleicht wollte er es auch einfach nicht glauben. Während er seine eigene Flucht plante, hatte er insgeheim gehofft, bei Barlays früherem Kompagnon ein Engagement als Dompteur zu bekommen. Schließlich hatte Brumbach es ihm versprochen. «Sie sind einer der Besten, die ich kenne, Gericke. Wann immer Sie sich entschließen, uns nachzuziehen, kommen Sie zu mir! In meinem Zirkus gibt es immer einen Platz für einen guten Dompteur», hatte er getönt.
Und dann, vor einigen Tagen, war auch noch der Betriebsleiter des VEB Zentral-Zirkus, Harry Michel, in den Westen geflüchtet. Am 13. März. Holger Gericke würde dieses Datum nicht vergessen. Er verstand Michel sogar. Dieser hatte sich bis zuletzt gegen die Zentralisierung gewehrt. Seine Flucht war ein herber Schlag für Gericke, denn Michel war sein letzter Unterstützer gewesen, einer, der seinen eigenen Kopf hatte. Als ihm die Stellung als Pressechef beim Circus Busch Berlin in Aussicht gestellt wurde, ging er. Mit Werner Weber, Michels Stellvertreter, kam Gericke einfach nicht klar.
Da hatten er und seine Frau gewusst, dass auch für sie der Zeitpunkt gekommen war, ihr Zuhause zu verlassen und in den Westen zu gehen.
Müller hatte ihn sofort nach Michels Flucht zu sich zitiert und ihm einen gehörigen Warnschuss verpasst. Anfangs hatte Gericke nur mit halbem Ohr hingehört. Hauptsache, er nickte an den richtigen Stellen. Jeder wusste, dass Müller einer war, der im Dienste der Staatssicherheit große Ohren machte. Doch dann hatte er gesagt: «Gericke, denken Sie nicht mal an Flucht! Sie würden es bereuen. Barlay hat es bereut, und Brumbach wird es bereuen. Ebenso wie Michel. Sie werden sehen, der bleibt nicht lange Pressechef bei Busch. Auch in Westdeutschland erkennen sie Verräter. Unser Land blutet aus. Zu viele gute Leute gehen, angezogen von den Verlockungen eines ausbeuterischen, kapitalistischen Systems. Statt beim Wiederaufbau unseres Landes zu helfen, laufen sie feige davon. Geben Sie uns keinen Anlass zu glauben, dass Sie solche Pläne hegen! Gericke, ich spreche zu Ihnen als Freund. Seit dem Zusammenschluss von Barlay und Busch zum VEB Zentral-Zirkus im Januar hat sich vieles geändert. Ich rede jetzt mal Klartext: Sie sind ein guter Artist, wir wollen Sie nicht verlieren. Und was ich über Ihren Sohn höre, klingt auch sehr vielversprechend. Ich habe erst neulich mit einem Freund geredet, der im Gebäude des Kulturzentrums sitzt. Der behauptet, der Leiter der Staatlichen Artistenschule habe Thomas in den höchsten Tönen gelobt. Gericke, die Mutter Ihrer Frau wird ohnehin bald sterben. Soweit ich weiß, hat sie Krebs. So hart das vielleicht klingen mag, aber die Zukunft Ihres Sohnes ist doch wichtiger als eine alte Frau, die nicht mehr lange zu leben hat.»
Es war absurd. So richtig und so falsch zugleich. Aber wie auch immer die Situation sein mochte – Anita würde ihre Mutter nie im Stich lassen. Er wusste das und hatte sich sofort heimlich Arbeit im Westen gesucht. Aus dem einst gefeierten Dompteur einer gemischten Raubtiergruppe würde ein Pausenclown und Stallarbeiter auf Probe bei Reiz werden. Der kleine Familienzirkus hatte sich draußen in Kladow ein Winterquartier in einem alten Bauernhof eingerichtet und tingelte das ganze Jahr über durch die West-Berliner Bezirke, um Vorführungen zu geben – mit einem Zweimastzelt, einer kleinen Manege, einem Pony, Kamelen, einem Lama, einer Hundedressur, Clowns, Jonglagen und einer Seiltänzerin, die ihre besten Jahre bereits hinter sich hatte und viel Schminke benötigte, um jung zu wirken. Dann war da noch der alte Braunbär mit den grauen Haaren an der Schnauze, der in seinem Käfig sehnsüchtig in die Ferne starrte oder rhythmisch den Kopf hin und her schwang, um den Hals eine Eisenkette, die an einem Betonklotz befestigt war.
Bei Reiz packte jeder überall mit an. Viel Geld gab es nicht. So hatte sich Gericke für ein paar Stunden die Woche eine Stelle als Aushilfstierpfleger im Zoologischen Garten verschafft.
Und nun saßen sie hier in der Elektrischen. Ob seine Tiere im Zentral-Zirkus ihn schon vermissten? Ein wenig vielleicht. Doch bald hätten sie ihn vergessen. Der bereits lendenlahme Leopard, die beiden alten Löwinnen und der Bär hatten stets fleißig mitgemacht – und er ließ sie für eine einzige Hoffnung im Stich: dass in West-Berlin nicht die politische Überzeugung ausschlaggebend war, sondern das, was ein Mensch leistete, und dass man für sein Geld auch etwas bekam. Vielleicht würde er ja irgendwann wieder in den Raubtierkäfig zurückkehren können und einen Zirkus finden, der ihm eine neue Chance gab. Dieser Wunsch trieb ihn an. Immerhin durfte er im Zoo aufgrund seiner Erfahrungen bei den Raubtieren mithelfen.
Gericke schaute wieder zu seiner Familie. Sie hatten in der Elektrischen sogar alle vier Sitzplätze beieinander bekommen. Jetzt mussten sie nur noch diese Fahrt, nur noch eine einzige Kontrolle überstehen, dann waren sie West-Berliner. Er beugte sich vor, nahm die Hand seiner Frau Anita und küsste sie.
In ihren Augen schimmerten Tränen, doch sie hielt sie zurück und lächelte ihrem Mann erneut zu. «Wir konnten nichts anderes tun, Holger. Es ist schon richtig so. Wenn wir mal alt sind, wollen wir bestimmt auch nicht, dass unsere Kinder uns im Stich lassen.»
Die dreizehnjährige Monika schmiegte sich an die Mutter, die trotz des Frühlingstags ihren Pelz trug. Sie alle hatten mehrere Lagen Kleidung übereinandergezogen. Es war besser, nicht durch einen Koffer aufzufallen, wenn man mit der Elektrischen von Berlin-Ost nach Berlin-West reiste. Das weckte nur Aufmerksamkeit bei den Kontrolleuren.
Sohn Thomas schaute mit muffigem Gesicht am Vater vorbei nach draußen. An den Bäumen links und rechts der Straße bildeten sich die ersten Knospen, doch das konnte den Jungen nicht aufheitern. Er hatte sich mit Händen und Füßen gegen die Umsiedlung in den Westen gewehrt. Holger Gericke verstand seinen Sohn. Der hatte in der Artistenschule hart gearbeitet. Er war talentiert und auf dem besten Wege, ein guter Hochseilartist zu werden. Aber nun musste er von vorne beginnen, wie der Vater. Thomas kannte seine Großmutter kaum. Für diese alte Frau, deren Leben zu Ende ging, musste er seinen großen Traum aufgeben. Wer die Staatliche Artistenschule absolviert hatte, bekam ohne Probleme eine Anstellung im Zirkusbetrieb. Der Siebzehnjährige war allerdings alt und klug genug, um zu begreifen, dass das nur für zuverlässige Volksgenossen galt. Und für die Söhne von zuverlässigen Volksgenossen. Nicht für die Söhne von Republikflüchtlingen.
Ein weiteres Ruckeln, ein Quietschen – Endstation. Sie hatten ihr Ziel erreicht. Jetzt mussten sie nur noch an den beiden Männern vorbei, die den Übergang bewachten. Die unterhielten sich gerade. Einer lachte. Der andere nickte der vierköpfigen Familie zu und blickte dann wieder seinen Kollegen an. Gericke atmete auf. Der Übergang war passiert. Der goldene Westen lag vor ihnen. Dennoch erreichten die Sonnenstrahlen dieses Frühlingstags zwar die Haut von Holger Gericke, nicht aber sein Herz. Ihm war, als schöbe sich ein dunkler Schleier zwischen ihn und seine Umgebung, als drücke ihn plötzlich eine harte Hand nieder. Er bemühte sich zum wiederholten Mal, sich nichts anmerken zu lassen. Ihm wurde heiß, er schaute zurück. Die Grenzer beachteten sie nicht. Er schälte sich aus seiner Winterjacke und half seiner Frau aus dem Pelz. Auch die Kinder legten die oberste Schicht ihrer Kleidung ab.
In etwa einer halben Stunde würden sie in Moabit sein, in der Turmstraße. Dort wartete ein Zimmer zur Untermiete auf sie. Holger Gericke hatte seiner Anita bestimmt hundert Mal erzählt, woher er Karl, den Inhaber der Wohnung, kannte. Karl hatte nach dem Krieg auch mal beim Zirkus Barlay gearbeitet, unter anderem als Clown und Tierpfleger. Der ehemalige Akrobat war mit einem kaputten Bein von der Ostfront zurückgekehrt. Da war es mit den Salti vorbei gewesen. Sie hatten auch nach Karls Weggang von Barlay lose Kontakt gehalten. Und unter Artisten half man einander. So hatte Karl Holger Gericke unter die Arme gegriffen, als der eine Bleibe in West-Berlin suchte.
In der Turmstraße lebte Karl den Winter über. Wenn Menschen und Tiere wieder auf die Reise gingen, suchte er sich eine Anstellung als Pausenclown bei einem der kleineren Zirkusse. Durch Karl hatte Holger Gericke auch die Stelle als zweiter Pausenclown bei Reiz bekommen. Er hatte sich zudem bereit erklärt, Holger und seiner Familie in der Wohnung, die er vom Vater geerbt haben sollte, gegen einen geringen Obolus ein Zimmer zu überlassen. Die Miete war für drei Monate im Voraus bezahlt.
In den letzten Tagen hatte Gericke Stück für Stück ihre Habe in diesem Zimmer untergebracht. Es handelte sich um Dinge, die ohne Aufsehen zu transportieren gewesen waren, um Schmuck und Familiensilber und alles, was den Krieg überstanden hatte. Anita, geborene Bernauer, war eine Frau aus gutbürgerlichem Hause. Ihr Vater war Arzt der Nationalen Volksarmee und Leiter der Bad Saarower Kliniken, des zentralen Armeelazaretts, gewesen. Er hatte sich von seiner Frau scheiden lassen, als diese in den Westen ging. Ihr Engagement bei der SPD hatte er ohnehin nie gebilligt, es ihr aber auch nicht verwehrt. Mit ihr in den Westen zu flüchten, weg von der Arbeit, die er liebte, hatte er sich nicht vorstellen können.
Anita war nach dem Weggang der Mutter beim Vater geblieben. Der war nicht sonderlich begeistert gewesen, dass sein Liebling, die einzige Tochter, einen Zirkusdompteur heiraten wollte. Holger Gericke und sie waren sich zufällig auf der Straße begegnet, als sie in Berlin einkaufen gewesen war. Anita wurde von einem Mann angerempelt und ging mitsamt den Tüten zu Boden. Dann stellten sie fest, dass ihre Geldbörse verschwunden war. Holger Gericke legte ihr das Geld für die Heimfahrt aus. Beim nächsten Treffen, bei dem sie ihm das Geld zurückgab, verliebten sie sich Hals über Kopf. Am Ende hatte Anitas Vater trotz seiner Bedenken keine Einwände gegen ihre Heirat. Er war zwar durch und durch ein Militär gewesen, aber auch ein Mann mit großem Herzen und weitem Denken. Das war in diesen Zeiten keine Selbstverständlichkeit. Nun ja, vielleicht ahnte er auch, dass seine Tochter ein Kind erwartete. Anita schwor bis heute, dass sie es ihm erst nach der Hochzeit erzählt habe.
Vor zwei Jahren war ihr Vater gestorben. Holger Gericke war ihm bis heute dankbar für sein Vertrauen und hoffte inständig, dass er sich dessen als würdig erwies.
Diese Hoffnung fiel eine halbe Stunde später innerhalb weniger Minuten in sich zusammen. Als sie in der Turmstraße ankamen, war es still in der Wohnung, und auch auf das Klingeln hin rührte sich nichts. Holger Gericke machte sich noch keine Sorgen, er hatte ja den Schlüssel. Auf direktem Weg führte er seine Familie in das helle Zimmer im Vorderhaus, das Karl an ihn untervermietet hatte.
Anita und Holger Gericke lächelten einander zu. Geschafft! Sie waren endlich in ihrem neuen Leben angekommen. In einem Leben, in dem eine Tochter ihre kranke Mutter so oft besuchen konnte, wie sie wollte.
Als die Tür aufschwang, schien die Frühlingssonne auf abgezogene Dielen – in einem komplett leeren Zimmer. Holger Gericke und seine Frau erstarrten. Sie konnten zunächst nicht glauben, was sie sahen. Als sich Gericke schließlich gefasst hatte, stürmte er los, öffnete die beiden anderen Zimmertüren, die Tür zur Küche, zum Bad. Die Räume waren ebenfalls vollkommen leer und wurden nur noch von der Stille bewohnt. Von Karl, dem Freund, war nichts zurückgeblieben, nicht die kleinste Spur. Er war fort. Mit allen Möbeln. Und der gesamten Habe der Familie Gericke.
Anita Gericke schwankte. Ihr Mann konnte sie gerade noch auffangen.
Auch ihm wären fast die Tränen in die Augen geschossen, doch er bemühte sich, die Verzweiflung nicht zu zeigen, die in ihm aufstieg und ihn fast zu ersticken drohte. «Harry Barlay wird uns helfen. Oder Gustav Brumbach. Du wirst sehen, ich kann wieder als Dompteur arbeiten.»
«Ich will aber nicht mit einem Zirkus durchs Land ziehen. Das weißt du. Die Kinder brauchen ein festes Zuhause. Und außerdem kann ich meine Mutter nicht alleinlassen.» Anita Gericke liefen die Tränen über die Wangen.
Holger Gericke nahm seine Frau in die Arme. Sie lehnte sich an seine Brust, und er streichelte ihren Rücken. «Dann suche ich mir was anderes. Ich habe ja Arbeit für den Übergang. Es wird schon, du wirst sehen, es wird schon. Und wenn alle Stricke reißen … Ich habe noch andere Kontakte in der Zirkuswelt, die ich nutzen kann.»
Über den Kopf seiner Frau hinweg sah er seinen Sohn Thomas an. Der Siebzehnjährige schaute grimmig, seine Kiefer mahlten. Gericke begriff, dass sein Sohn den Kontakten des Vaters nicht mehr traute. Wenn er es recht bedachte, ging es ihm selbst nicht anders. Harry Barlay, Gustav Brumbach, Harry Michel – alles unsichere Kandidaten. Er wusste ja noch nicht einmal, wo Barlay und Brumbach sich derzeit aufhielten. Aber immerhin waren es Möglichkeiten, etwas, an dem man ansetzen konnte. Und das war immer noch besser als nichts.
Sie hörten, wie jemand die Wohnungstür aufschloss. Sofort keimte wieder Hoffnung in Gericke. «Siehst du, da ist er. Jetzt wird sich alles aufklären.»
Ein älterer Mann erschien im Türrahmen und fuhr sie wütend an: «Wer sind Sie? Was machen Sie in meiner Wohnung? Wenn Sie nicht sofort hier verschwinden, rufe ich die Polizei!»
KAPITEL DREI
Montagnachmittag, 12. Dezember 1960
AN DEN SONNABENDEN reichten die Parkplätze rund um die Arminiushalle kaum aus, um den Ansturm von Kaufwilligen zu bewältigen. Jetzt, in der Vorweihnachtszeit, war das auch an diesem Montagnachmittag der Fall. Der Fund des Toten und die daraus resultierende Sperrung der Halle hatten sich trotz der Meldungen im Radio noch nicht überall herumgesprochen.
Normalerweise luden die Menschen im Wirtschaftswunderland nach oft kilometerlangen Anfahrten die Kofferräume ihrer Autos voll mit Porree und Apfelsinen, Broten und Heringen oder einem saftigen Eisbein. So, als gäbe es bald die nächste Hungersnot. Die Berlin-Krise verunsicherte viele. Karpfen und Gänse hatten Hochkonjunktur, und nach dem Vorbild der Amerikaner musste auch der eine oder andere Truthahn sein Leben lassen. Wer konnte schon sagen, wie die Welt nächstes Jahr zu Weihnachten aussah.
In der Arminiushalle blieben selten Kundenwünsche offen. Neben makellosen Importtomaten für 2 Mark das Pfund gab es in der nächsten Gasse welche für 80 Pfennige, wenn auch nicht ganz so ansehnliche. Bei der Schinkenwurst ging das Viertel für 1,65 Mark über die Theke, bei der Thüringer Speckwurst hingegen schon für 35 Pfennige. Auch aparte Sachen gab es im Angebot, zum Beispiel Parfum aus dem Ballon, 50 Milliliter «Chypre» für 1 Mark. Ein beliebtes Weihnachtsgeschenk waren Handtaschen oder allerlei asiatischer Schnickschnack wie lange Kratzehändchen, mit denen man angeblich jede Stelle auf dem Rücken erreichen konnte.
Doch an diesem Tag war einkaufen nicht möglich. Entsprechend groß war die Empörung der ausgesperrten Kunden. Manche hatten schließlich lange Fahrten hinter sich. Die Männer der Schutzpolizei blieben jedoch stoisch. Niemand durfte durch, auch diejenigen nicht, die sich in der Halle in die medizinischen Bäder oder in die Reinigungsbäder begeben wollten. Ein Ehepaar mit Kindern ließ sich partout nicht abweisen. Der Vater protestierte lauthals, war kurz davor zu randalieren. Die Familie hatte ein Nachtquartier gebucht. Für 10 Mark konnte man in den Büroräumen unterkommen, die in der städtisch verwalteten Halle nicht mehr benötigt wurden, fließend heißes und kaltes Wasser inklusive. Beinahe hätte es eine Schlägerei gegeben.
Das Schimpfen und Fluchen der Menschen, die vergeblich nach Moabit gefahren waren, drang nicht bis zu Kriminaloberkommissar Otto Kappe vor. Er konzentrierte sich auf die Befragung der Hallenbeschicker. Polizeihauptwachtmeister Schulz und seine Leute hatten es tatsächlich geschafft, fast alle aufzutreiben. Die anderen, die sich nicht hatten blicken lassen, würden von ihnen zu Hause aufgesucht werden.
In Anbetracht des Aufwands ließ die Informationsausbeute sehr zu wünschen übrig. Den Aussagen nach war die Halle das reinste Paradies, ein Hort der Harmonie. Es hatte angeblich keinerlei Streit gegeben, auch nicht zwischen einem Händler und einem Clown oder zumindest einem Menschen, der mit dem Zirkusmilieu zu tun hatte. Alles Friede, Freude, Eierkuchen. Weit und breit kein Mordmotiv. Nach und nach führte man die Händler zu dem Toten, aber keiner erkannte ihn. Angeblich. In solchen Fällen konnte man sich nie sicher sein, ob nicht doch jemand log – oder sich unter den Befragten sogar der Täter befand. Auch wenn sein in vielen Jahren entwickelter kriminalistischer Instinkt ihm sagte, dass dem nicht so war, konnte Otto Kappe derzeit nichts ausschließen. Soviel er auch fragte, nachhakte, bohrte – das Ergebnis blieb gleich null. Ein ums andere Mal hörte er sich Namen, Wohnort und Familienstand an. Ansonsten hatte Protokollführerin Lilli Lenné wenig zu notieren.
Erika Richter aus Pankow, Inhaberin des «Blumenhauses Erika», setzte sich als Letzte auf den wackligen Stuhl gegenüber Kappe, ihren kleinen Sohn Bernd an der Seite. Sie gab bereitwillig Auskunft. « Nee, da war niemand, hab niemanden kommen sehen. Is jeden Morgen das Gleiche: Erst kommt Wurst-Fritz, dann der alte Muffelkopp Schreiber und dann eben icke, die Blumen-Erika. Sie müssen wissen, den ersten Stand mit Blumen hat schon meine Großmutter Louise Auguste Friederike Lewerenz aus Wedding anno 1891 in der damals gerade erst gebauten Markthalle X eröffnet. Nach ihr war meine Mutter Helene Berg, verwitwete Runkwitz, geborene Lewerenz, aus Wandlitz an der Reihe. Hat ihr nüscht ausgemacht, dass sie jeden Tag so weit fahren musste. Na, und nun steht eben meine Wenigkeit bei den Blumen, Erika Berg. Und später, wenn ick mal alt bin, wird mein Berndchen hier übernehmen, wa, Bernd?»
Der Junge nickte. Er wirkte verstört. Kein Wunder, dachte Kappe.
«Muss der Bengel denn nich in die Schule?», erkundigte sich Kollege Hans-Gert Galgenberg.
Erika Berg schaute ihn anklagend an. «Klugscheißern, wa? Wenn Ihnen Schule so wichtich is, hätten Se uns auch früher drannehmen können. Aber nein, sie lassn ’ne alte Frau und ’nen kleinen Jungen warten bis zuletzt. Ick bin doch die Letzte, oder? Aba mal im Ernst, so einfach, wie Sie det sehen, is det nich. Jetze, vor Weihnachten, brauch ick jede Hilfe, die ich kriegen kann. Außerdem ist er krank. Nich wahr, Berndchen? Huste mal!»
Der Junge tat ihr den Gefallen.
«Und ab dem 22. sind sowieso Schulferien. Nach Weihnachten hat Berndchen dann noch bis 7. Januar Zeit sich zu erholen.»
Die Erfolglosigkeit der zurückliegenden Befragungen machte Kappe ungeduldig. Immer wieder die gleiche Prozedur: «Können Sie mir etwas zu dem Toten sagen? Kannten Sie ihn?»
«Na, Sie sind mir einer, Herr Kommissar! Wie sollte ick den überhaupt erkannt habn? Ick hab ja nur den Rücken gesehen und nicht das Gesicht.»
«Dann kommen Sie mit!», sagte Kappe ein weiteres Mal und marschierte los, um Blumen-Erika den Toten zu zeigen.
«Der Junge bleibt hier», meinte Lilli Lenné. «Ich pass so lange auf, bis Sie zurück sind. Das ist nichts für ein Kind. Schlimm genug, dass Ihr Sohn den Toten überhaupt gesehen hat.»
Blumen-Erika warf dem Kommissar einen zweifelnden Blick zu, auch sie schien nicht begeistert von der Aussicht, sich den erstochenen Clown noch einmal ansehen zu müssen. Als Kappe dann das Leinentuch von dessen Gesicht zog, schaute sie jedoch beherzt hin. Anschließend wiegte sie nachdenklich den Kopf.
«Wenn Sie ihn kennen, müssen Sie mir das sagen. Rücksichtnahme, auf wen auch immer, ist hier nicht angebracht.» Kappe hatte plötzlich das Gefühl, dass die Blumenfrau ihn einen Schritt weiterbringen könnte.
«Also, ick weiß nich. Könnten Sie nich mal die Schminke wegwischen, Herr Kommissar? Dann tät ick mehr sehen.»
Die aufgeflammte Glut der Hoffnung erkaltete. «Das geht nicht, er muss erst ins gerichtsmedizinische Institut.» Kappe machte eine Pause und dachte nach. «Was halten Sie von folgendem Vorschlag: Wenn der Tote untersucht worden ist, wischen wir die Schminke ab und machen ein Photo. Damit kommen wir bei Ihnen vorbei. Mein Kollege Galgenberg wird Ihre Adresse notieren.»
«Braucht er nich, ick bin sowieso jeden Tag hier. Oder glauben Sie, ick kann meine Blumen einfach so allein lassen? Die müssen gegossen werden.» Blumen-Erika stockte. «Na, hoffen wir mal, dass von den Schnittblumen wenigstens einige halten, bis die Halle wieder geöffnet wird. Wer zahlt mir eigentlich den Verdienstausfall?»
Das konnte ihr Otto Kappe auch nicht sagen, versprach aber sich zu erkundigen – obwohl er sich fast sicher war, dass eventuelle Verluste an den Händlern hängenbleiben würden. Er wollte sich jedochdas Wohlwollen von Blumen-Erika vorerst nicht verscherzen. Zumindest so lange, bis er ihr das Photo gezeigt hatte. «Ihre Adresse brauchen wir trotzdem», beharrte er. «Und außerdem müssten Sie zur Ansicht des Photos ins Revier 24, Oldenburger Straße 1, kommen.» Er blickte zu Hauptkommissar Schulz, der sich inzwischen zu ihnen gesellt hatte. «Ist das in Ordnung, Herr Kollege?»
Schulz nickte. «Geht klar. Ich habe zwar keinen Dienst, aber ich werde meinen Stellvertreter informieren, Polizeikommissar Ernst Gehler. Sie kennen ihn.»
«Kenn ich, kenn ich. Frau Richter, kommen Sie morgen, sagen wir, gegen halb zehn, aufs Revier. Mein Kollege Galgenberg und ich stoßen am besten gleich dazu. Bis dahin sollten wir Abzüge des Porträtphotos haben. Und falls Sie uns nicht weiterhelfen können, müssen wir in den sauren Apfel beißen und auch die anderen Marktbeschicker einbestellen.»
Schulz sah nicht begeistert aus, nickte aber.
«O heiliger Bürokratius!», stöhnte Blumen-Erika, während sie gemeinsam mit Kappe zum provisorischen Vernehmungszimmer zurückmarschierte. «Als ob ick nüscht anderes zu tun hätte!»
«Haben Sie doch auch nicht», meinte Kappe nicht allzu freundlich. «Die Halle ist gesperrt, bis die Kollegen von der Spurensicherung fertig sind. Auch für Sie. Blumen hin oder her.» Dann fiel ihm auf, dass etwas mehr Verbindlichkeit angebracht wäre. Sie waren inzwischen wieder im Vernehmungszimmer angelangt. Kappe wandte sich Berndchen zu und meinte augenzwinkernd: «Du, mein Junge, kannst morgen also ruhig in die Schule.»
«Och, kann ich bei der Spurensicherung nicht zugucken?», fragte Bernd hoffnungsvoll.
«Nee, leider nicht», mischte sich Galgenberg ein. «Alle müssen raus aus der Halle, sonst werden noch mögliche Spuren verwischt. Aber ick denk mal …», er schaute in Richtung Otto Kappe, «… bis übermorgen müsste allet erledigt sein. Dann kannste zu uns kommen, und Fräulein Lilli Lenné wird dir allet haarklein erzählen. Bis dahin gehst du aber schön brav in die Schule.»
«Ehrlich?»
«Ehrlich.»
Lilli Lenné lächelte den Jungen an und nickte. «Klar.»
Bernd strahlte sie an, und Kappe dachte, dass Lilli anscheinend auf kleine Männer dieselbe Wirkung hatte wie auf große.
Am Abend, als Rechtsmediziner König mitsamt dem Toten längst abgezogen war, als sich die Abenddämmerung über die Halle senkte, in den umliegenden Häusern die Lichter angingen, die Stimmen der Menschen, die hektischen Rufe nach und nach verstummten und die Mäuse darauf warteten, dass auch die letzten Menschen endlich verschwanden, sagte Otto Kappe zum Kollegen Galgenberg: «O je! Viel Aufwand – und keinen Schritt weiter.»
«Lass man, Kappe, ick hab im Urin, det uns diese Blumen-Erika weiterbringen wird. Die hatte so was im Blick. Als würde sie den Toten kennen, aber nichts Falsches sagen wollen.»
«Meinst du?»
«Mein ick.»
KAPITEL VIER
Dienstag, 13. Dezember 1960
AM NÄCHSTEN TAG brachte Blumen-Erika die Ermittlungen tatsächlich weiter. Lange und ausgiebig betrachtete sie auf dem Revier in der Oldenburger Straße das Photo des Toten. Die blauen, etwas engstehenden Augen, die niedrige Stirn, die Nase, die auch ohne die rote Clownsknolle wie eine Kartoffel aussah. Die typische Nase eines Gewohnheitstrinkers. Nach einer Weile nickte sie. «Hab auch daheeme noch mal nachgedacht. Der kam mir irjendwie bekannt vor. Ja, den kenn ick. Der hat früher immer mal wieder als Bote in der Arminiushalle ausgeholfen. Hab ihn aber schon länger nich mehr gesehen. Der war etwas seltsam, und als dann bei einigen Händlern Geld wegkam … Na ja, wir konnten es ihm nie beweisen. Jedenfalls hieß der Ernst … ne, Erich … ne, irgendwas mit K. Genau, Karl Jarusch! Hat gesagt, er sei Alleinunterhalter in so einem Varieté, den Namen weiß ick nich mehr, und verdiene sich in der Halle nur was dazu. Na, Unterhaltung hatten wir jedenfalls mit dem, und das nicht zu knapp. Hat immer geprahlt, dass er ein berühmter Hochseilartist gewesen sei. Wird wohl vom Seil gefallen sein, womöglich auf ’n Kopp, bei den Mengen, die der gesoffen hat. Jedenfalls hat er gehinkt. Und neulich hat mir Wurst-Fritz, also der Fritz Fechner, gesagt, der Jarusch sei wiederaufgetaucht. Ganz plötzlich. Habe händeringend um Arbeit gebeten. Da ham se ihn bei der Stadt wieder als Boten genommen. Also, wenn Se mich fragen, ick hätte das nich getan.» Blumen-Erika biss sich auf die Lippen. «Aber über Tote soll man ja nicht schlecht reden, wa.»
Otto Kappe schaute nachdenklich. So so, Fechner hatte also erst unlängst mit Blumen-Erika über den Clown geredet – und wollte ihn als Toten trotzdem nicht erkannt haben? Hatte Wurst-Fritz vielleicht ein Motiv, den Kerl zu erstechen? Allerdings konnte er es kaum gewesen sein, er hatte ein Alibi: Zusammen mit Eugen Schreiber hatte er vor der Halle eine Zigarette geraucht, als jemand den Mann umgebracht hatte. Zumindest hatten die beiden das ausgesagt. Der Lage der Dinge nach, oder besser, der des Toten und der Anordnung und Konsistenz der Blutflecke nach, schied ein anderer Tatort als Fechners Fleisch- und Wursttheke aus.
Jarusch hieß der Mann also. War angeblich ein suspektes Subjekt gewesen. Schulz und seine Leute würden das Photo auf jeden Fall auch den anderen Standbetreibern vorlegen und diese eingehend befragen müssen. Die waren nicht aus dem Schneider. Von denen konnte sehr wohl einer zur Tatzeit in der Halle gewesen sein und sich dann verdünnisiert haben. Die Händler kannten sich in der Halle und deren Eingeweiden aus verschlungenen Gängen gut aus. Der Täter war nach dem Mord vielleicht sogar frech vor der Halle aufgetaucht und hatte Einlass begehrt. So hätte Kappe es jedenfalls gemacht. Und trotzdem – dass Fechner den Toten nicht kennen wollte, war schon seltsam. Nun ja, immerhin hatten der Tod und die Schminke dessen Gesicht verändert.
Es gab jedenfalls jede Menge Arbeit. Galgenberg und er würden sich mit dem Umfeld des Erstochenen beschäftigen. Jarusch war angeblich ein hinkender Bote und ein ehemaliger Artist gewesen, eventuell aus dem Varieté. Diesbezüglich tat sich in einer Stadt wie Berlin eine ganze Welt von Möglichkeiten auf.
Zurück im eigenen Büro in der Gothaer Straße, beraumte Kappe erst einmal eine Lagebesprechung an. «Wie viele Varietés mag es in Berlin wohl geben?», fragte er. Die Zahl der Angesprochenen war höchst überschaubar: Günter Kynast, Gerhard Piossek und Jürgen Rückert waren bis über die Halskrause mit anderen Fällen beschäftigt, es blieb also von der üblichen Truppe nur Hans-Gert Galgenberg. Dazu kam Fräulein Lilli Lenné von der Weiblichen Kriminalpolizei. Vorerst allerdings nur, um zu erläutern, was sie bisher herausgefunden hatte. Es war offiziell noch nicht vorgesehen, dass die Kollegin die Ermittlungen unterstützen sollte. Eigentlich. «Also, eine Idee?»
Kopfschütteln.
«Weiß einer von euch, wie viele Zirkusse es derzeit in Berlin gibt?»
Kopfschütteln.
«Die können sonst wo sein, viele ziehen ja rum», merkte Hans-Gert Galgenberg an. «Und det mit den Varietés is in Berlin och ein weites Feld.»
«Auf die Zirkusse trifft das eher nicht zu», meinte Kriminalmeisterin Lilli Lenné. «Die meisten sind momentan in ihrem Winterquartier, auch diejenigen, die in Berlin-West residieren. Und das können nicht viele sein, denn das Reisen ist von hier aus schwierig. Wagen und Tiere müssten durch die Zone, um in den Westen zu kommen. Mit Sonderzügen oder so. Mir fällt spontan jedenfalls nur einer ein: Zirkus Reiz. Ist ein Familienunternehmen, ’ne kleine Klitsche. Ich glaube, die haben ihr Quartier in Kladow, auf einem alten Bauernhof. Und soweit ich weiß, reisen die auch nicht aus, sondern tingeln durch die West-Berliner Stadtteile. Davon können die ganz gut leben, sie haben ja nicht allzu viel Konkurrenz. Sind übrigens alle weitläufig verwandt mit der berühmten Seiltänzerfamilie Ernst Jacob Reiz.»
Die Augen von Hans-Gert Galgenberg begannen zu funkeln. «Ist det der, der kurz vor der Jahrhundertwende als Multimillionär gestorben ist? Mein Großvater, der olle Gustav Galgenberg, hat mir viel von ihm erzählt, der mochte Zirkus bekanntlich in jeder Form. Reiz muss ’n beeindruckender Mann gewesen sein, er soll sogar ein Ehrengrab des Landes Berlin auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof gekriecht ham.»
«Ach, der olle Galgenberg», sagte Otto Kappe mehr zu sich selbst und dachte an seinen Onkel Hermann Kappe, Kriminaloberkommissar a. D., der nun schon seit fast sechs Jahren im Ruhestand war und die Füße noch immer nicht stillhalten konnte, trotz Rheuma und allerlei anderen Gebrechen, die das Alter mit sich brachte. Galgenberg eins und Kappe eins waren ein legendäres Gespann bei der Berliner Kriminalpolizei gewesen. Jetzt hatten Gustavs Enkel Hans-Gert, also Galgenberg zwei, und er selbst, Hermanns Neffe Otto, also Kappe zwei, übernommen.
«Genau den Reiz meine ich», bestätigte Kriminalmeisterin Lenné. «Übrigens gibt es sicher ein Verzeichnis der in Berlin-West ansässigen Zirkusse und Varietés. Falls wir da nicht fündig werden, müssten wir in der Zone weitersuchen. Und dann wird’s kompliziert.»
«Hm», sagte Otto Kappe. «Aber auch dafür werden wir eine Lösung finden. Galgenberg, du klapperst erst mal die Varietés ab!»
Der schaute bedröppelt. «Alle? Ick meine, ick mag ja hübsche Damen und so, aber det könnte dauern.»
«Zunächst brauchst du nur anzurufen, den Namen des Toten haben wir ja. Der könnte natürlich falsch sein, muss aber nicht. Wenn wir damit nicht weiterkommen, müssen wir doch mit dem Photo die Etablissements aufsuchen.»
«Dann brauchen Sie aber Verstärkung», meinte Lilli Lenné.
Otto Kappe zog die Stirn in Sorgenfalten. «Sie sagen es, Sie sagen es. Da fangen die Probleme schon an. Ich hätte Sie bei diesem Fall gerne dabei. Meinen Sie, es gibt eine Möglichkeit, Sie für diese Ermittlungen von der Weiblichen Kriminalpolizei loszueisen? Sie kennen sich mit Zirkussen ja offenbar aus. Ich finde, sie sollten sich um diesen Zirkus Reiz kümmern.»
«Lassen Sie mich nur machen, ich krieg das schon hin.» Kriminalmeisterin Lenné sagte dies mit einer solchen Entschlossenheit, dass Kappe ihr sofort glaubte.
«Und du, wat machst du?», fragte Hans-Gert Galgenberg.
«Ich werde herausfinden, ob es über diesen Jarusch eine Akte gibt.»
Es gab keine Akte. Jarusch hatte keinerlei Vorstrafen. Und selbst nachdem Galgenberg alle Varietés in West-Berlin abtelefoniert hatten, waren sie kein Stück weiter. Kappe sah sich bereits mit schmerzenden Füßen und durchgelaufenen Sohlen durch die Stadt tigern und das Photo des Toten herumzeigen.
Die Einzige, die eine gute Nachricht mitbrachte, war Lilli Lenné. «Ich habe mich loseisen können und war auch gleich beim Zirkus Reiz. Dort habe ich einfach nach einem Karl Jarusch gefragt, natürlich ohne zu sagen, dass der tot ist. Eigentlich sind das ganz nette Leute. Der Herr Direktor gibt sich vielleicht ’n bisschen bombastisch. Die kennen tatsächlich einen Karl Jarusch. Der habe bei ihnen ausgeholfen, sei aber eines Tages ganz plötzlich unter Mitnahme der gesamten Wocheneinnahmen verschwunden, hieß es. Sie vermuten, dass er aus der Zone kam und dahin auch wieder verschwunden ist. Oder dass er sich einem reisenden Zirkus angeschlossen hat. Sie sagen, es passiere nicht selten, dass Leute, die etwas ausgefressen haben, sich bei einem Zirkus verstecken. Zirkusse ziehen weiter, Menschen mit ihnen, und auf diese Weise verschwinden sie. Natürlich lassen sich die Direktoren die Ausweise zeigen, und es finden Polizeikontrollen statt, trotzdem passiert es immer wieder.»
«Haben bei Reiz Polizeikontrollen stattgefunden, als sich dieser Jarusch dort aufhielt? Hat der Mann Familie, Freunde, hat er von sich erzählt? Weiß man mehr über ihn?»
«Nein», antwortete Kriminalmeisterin Lenné. «Nur, dass er sich offenbar gerne am Eigentum anderer Menschen vergreift.»
«Hat die Familie Reiz denn nicht Anzeige erstattet?»
«Hat sie nicht. Wie es aussieht, halten die bei Reiz nicht besonders viel von den Fähigkeiten der Polizei. Das scheint aber nicht auf schlechten Erfahrungen zu beruhen. Ich habe mal nachgeforscht, ob wir was über Reiz haben. Es gibt nichts. Der hat eine saubere Weste, weiß wie frisch gefallener Schnee, ich konnte das anfangs kaum glauben. Die Leute von Reiz blieben mir gegenüber übrigens ziemlich bedeckt. Bis auf den Herrn Direktor. Der hat mir angeboten, bei ihm anzufangen, wenn es mir bei der Polizei nicht mehr gefallen sollte.» Kriminalmeisterin Lenné hatte eine Art zu kichern, bei der einem nichts anderes übrigblieb, als unwillkürlich einzustimmen. Wenn andere das taten, missbilligte Kappe das allerdings entschieden. Er schalt sich einen Idioten, beschloss aber, künftig bei allem mitzumischen, was diesen Zirkus und dessen Direktor betraf.
«Können die sich vorstellen, warum jemand Jarusch abmurksen wollte? Andererseits, könnte det nich sein, dass die Leute vom Zirkus sich für den Diebstahl des Geldes gerächt und Selbstjustiz geübt ham?», sinnierte Galgenberg. «Vielleicht haben sie Jarusch in der Arminiushalle aufgetrieben, es kam zum Streit, und denn tauchte plötzlich ’n Messer auf. Falls hier jemand an meiner unmaßgeblichen Meinung interessiert is.»
Otto Kappe nickte. «Eine mögliche Theorie.»
Kriminalmeisterin Lenné schaute plötzlich sehr nachdenklich. «Zirkusdirektor Reiz ist ein ziemlich kräftiger Mann. Und er betätigt sich auch als Messerwerfer. Seine Frau steht dabei an der großen Scheibe. Ein bemerkenswertes Ziel.»
«Wieso bemerkenswert?», erkundigte sich Galgenberg.
Fräulein Lenné kicherte erneut. «Na, sie ist nicht die Schönste, ziemlich dürr dazu. So wie ich das sehe, ist der werte Gatte kein Kostverächter, was Frauen angeht. Der platzt bald vor lauter Eigenliebe und Selbstbewusstsein. Also, mit Messern kennt er sich jedenfalls aus. Ganz von der Hand weisen würde ich die Theorie des Kollegen Galgenberg nicht.»
«Nur, wie sollte einer von denen unbemerkt in die Halle rein- und wieder rausgekommen sein?», hakte der Gelobte selbst nach.
«Tja, das ist eine gute Frage. Das ist überhaupt die Schlüsselfrage. Mal abgesehen von der Frage, wer ein Motiv gehabt haben könnte, den Mann umzubringen. Unter Umständen gibt es noch mehr Leute, die er beklaut hat.»
«Aber wegen ein paar Mark bringste doch niemanden um», wandte Galgenberg ein.
«Wir hatten schon Fälle, da ging es um 50 Pfennige», meinte Kriminaloberkommissar Kappe. «Am besten bestellen wir einen nach dem anderen von diesem Zirkus zu uns. Vielleicht sind die Herrschaften hier auf dem Revier etwas zugänglicher. Haben wir eigentlich schon was von der Spurensicherung gehört? Haben die irgendeinen Anhaltspunkt in der Halle gefunden? Was sagt König? Gab es Besonderheiten an der Leiche, die uns weiterbringen?»
«Gibt noch nüscht wirklich Neues», antwortete Galgenberg. «König hat nur bestätigt – ziemlich widerwillig, soweit ick det beurteilen kann, den Kerl und seinen komischen Dialekt versteht ja keiner –, was wir schon in der Halle besprochen hatten: Der Clown kann erst wenige Minuten tot gewesen sein, als Fechner und Schreiber ihn fanden. Die Tat hat also maximal eine Zigarettenlänge gedauert, fünf Minuten oder so. Wenn man langsam pafft, vielleicht sieben. Mehr haben König und seine Leute noch nich zu bieten. So wat dauert eben.»
Das Gefühl hatte Otto Kappe auch.
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