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Peter Schindler
Der Pflug Gottes
Saga
Vorspiel
Rom – die Vatikanstadt – eine Piazza neben der Peters-kirche, so römisch, wie irgend etwas in Rom: an zwei Seiten turmhoch eingerahmt von der Rückseite der Fassade der Basilika und ihrem Langhaus in Madernos elfenbeingelbem Travertiner Marmor, ausgeschwungen in den gigantischen Proportionen und phantasievollen Formen des Barocks; an der dritten Seite begrenzt durch die überdeckte Brücke von der Kirche zu Papa Braschis kathedralgroßer und doch so graziöser Sakristei; die vierte Seite von einer zwei Stockwerke hohen, ockergelb gestrichenen und von Rosen umrandeten Mauer flankiert, die von uralten Zypressen und feierlichen Palmen auf langen, angsterwekkend dünnen und von Jahrhunderten verschrammten Stämmen überragt wird, in der Mauer eine schön geschmiedete Gitterpforte mit der Inschrift Teutones in Pace und altchristlichen Auferstehungssymbolen ...
Vor dieser Friedhofspforte unter der Peterskuppel stand ich an einem Sommertag des Jahres 1913 als einundzwanzigjähriger Student und starrte in die dunklen kühlen Schatten zwischen Lorbeer, Oleander und Myrte, Rosen und Wistaria unter den Palmenwipfeln, sah über die einfachen Steine, Kreuze und Blumen der Gräber und entdeckte im Hintergrund des Campo Santo zwei winkelig zusammenlaufende Palazzoflügel mit Bögen und Säulen und Loggias und blumengeschmückten Dachterrassen. Ich sah es und dachte: »Herr, wohnte man hier, könnte man eine Arbeit des Geistes tun!«
Hoch oben hinter dem schwindelerregenden, vom sonnenhellen Goldstaub des Südlandes erfüllten Blau hat ein Auge gelächelt und eine Stimme, die ich nicht hörte, gesprochen: »Warte nur, mein Junge, warte 35 Jahre, dann sollst du dort einziehen und für beständig dort wohnen und schließlich dort drinnen in der Friedhofserde von Gethsemane ruhen! Ich habe auch eine Arbeit des Geistes für dich, die du dir heute noch nicht träumen läßt. Aber zuerst muß ich dich in die Schule nehmen und dich durch Feuer und Wasser gehen lassen. Und dann habe ich noch verschiedene Arbeiten, die du ausführen sollst, wovon du aber vorher nichts zu wissen bekommst. Du hast nur Schritt für Schritt vorwärts zu gehen, wohin dich der Stachel treibt; aber du darfst nicht löcken wider ihn!«
Am Silvesterabend 1947 zog ich durch diese Pforte ein, und jetzt ist der alte Palazzo mein Heim hienieden; der Campo Santo ist mein Garten; die Bibliothek mit den vielen tausend Bänden ist mein Eigentum, das ich mit den anderen vierundzwanzig gelehrten Arbeitern des Hauses teile; ich habe meinen Platz am Tischende in einem Refektorium mit geschnitzten Paneelen und verblichenen Gemälden unter der Balkendecke; und ich habe ein Studierzimmer von der raucherfüllten, spartanischen Traulichkeit der klassischen Studierstuben dänischer Pfarrhöfe in alten Tagen, hier aber bereichert durch Bilder, Bücher und Erinnerungen aus vielen Ländern ... All das ist mein geworden. Und als Zugabe erhielt ich die geistige Arbeit, die mir die höchste in der Welt dünkt, und auf die, wie ich jetzt deutlich zu sehen vermag, meine ganze Entwicklung hingezielt hat.
Ich kam also dahin, wohin ich wollte: vielleicht deshalb, weil ich dahin wollte, wohin ich sollte. Bevor ich »der glücklichste Priester der Welt« wurde, mußte ich durch 25 Jahre eine Tätigkeit ausüben, hier und da auf verschiedene Weise, so wie mich »der Stachel« trieb, und niemals kannte ich sie im voraus, und niemals erhielt ich ein Attest dafür. Im Campo Santo Teutonico habe ich den Frieden gefunden, nach dem ich an anderen Orten vergeblich gesucht habe: Frieden mit Gott und mit allen Menschen, Herzensfrieden und Arbeitsfrieden, was mich voll Dank dazu treibt, das Tagewerk mit dem Gebet zu beschließen:
Dank Dir, gütiger Heiliger Geist,
Daß Du mir das Lebenslos beschieden hast,
Mit Wort und Geist allein zu wirken;
Daß Du zum Kampf der Geister
Und zum Dienst an Deiner Kirche
In meine Hand die Feder gabst,
Die aus Deiner Brust Du rissest.
Warum habe ich dieses Vorspiel nicht dem ersten Abschnitt meiner Lebensbeichte »Das Netz des Petrus« als Nachwort folgen lassen und meine Lebenserinnerungen damit abgeschlossen? Weshalb berichte ich nun von meinem ganzen Rückweg nach Rom, der wahrhaftig kein Richtweg war, jedoch auch kein Umweg, geschweige denn ein Spazierweg oder die Fahrstraße der vielen? Nicht aus Vergnügen, dazu ist es zu wenig vergnüglich, von mir selbst zu berichten; sondern weil einige, ja recht viele, die meinten, ich hätte ihnen auf den richtigen Weg oder unterwegs geholfen (wenn auch oft auf anderen Wegen als dem meinen), mich gebeten, nein, von mir begehrt haben, ich sollte von meinem weiteren Weg zu Gott Bericht ablegen.
Da viele unter diesen Seelen sind, die sich in der Bedrängnis befinden, welche die Religion – in dieses Wortes höchster Bedeutung – oft verursacht und verursachen muß, wage ich mich der Aufgabe nicht zu entziehen, selbst nicht mit der guten Entschuldigung, daß mein Weg des Durchbruches nicht der normale war und in den Einzelheiten nicht als ein für alle befahrbares Geleise aufgefaßt werden darf. Wie ich nicht auf gewöhnlichen Wegen nach Rom kam, so habe ich auch in der Kirche nicht auf gewöhnliche Weise gelebt. Aber der Umstand, daß selbst der Bericht von einem ungewöhnlichen Weg zum Felsen des Petrus einigen helfen konnte, berechtigt mich zu der Annahme, daß auch der Bericht über ein ungewöhnliches Leben auf den Zinnen dieses Felsens, ja selbst der Bericht vom Schwindligwerden am Rande des Felsens dem einen oder andern eine Hilfe sein könnte. Das einzige, was mich veranlaßt, die Qual zu überwinden, die es mir macht, von mir selber zu berichten, ist die Überzeugung, daß kein Roman und keine Abhandlung, sondern nur ein wahrheitsgetreues Zeugnis imstande ist, den, der sich am Rande des Abgrundes befindet, vor einem ähnlichen Absturz zu bewahren. Möge, wer kann, vom Alltag und von Festtagen, von Idyll und Sicherheit berichten, er lebt zu weit ab vom Rande des Felsens, um zu entdecken, daß es auch hier Abgründe gibt ...
Es ist ein verbreitetes Mißverständnis nicht nur unter Katechumenen vor ihrer Konversion, sondern noch mehr unter »geborenen« Katholiken, vor allem aus lateinischen Völkern, daß es leicht sei zu konvertieren. Sie haben nicht begriffen, daß dies bedeutet, »sich zu bekehren«. Sie glauben, daß Konversion ein Abschluß ist, nichts als eine »Unterwerfung«. Beim Konvertitenunterricht wurde das philosophisch-dogmatische System grundgelegt; man hat erkannt, daß die römische Kirche nicht »eine Konfession« unter den anderen christlichen Glaubensgemeinschaften ist, sondern die Kirche, identisch mit dem »Reich Gottes«; wir wurden zu den Sakramenten, die wir als Heilsmittel Christi anerkannt hatten, zugelassen, gleichwie wir Mitglieder der Herde des Guten Hirten geworden sind ... Und doch ist Konversion nur ein Anfang: Gottes reale Möglichkeit, eine Seele zu heilen. Man hat übersehen, daß wirkliche Konversion zwei Etappen hat: die Bekehrung des Gedankens und die Bekehrung des Herzens (und dazu einige Krisen, die nur die wenigsten Konvertiten umgehen können). Diese zwei Etappen können in einem Lebensabschnitt zusammenfallen, auch kann die Bekehrung des Herzens der des Gedankens vorausgehen, doch oft hinkt die Herzensbekehrung der des Gedankens ziemlich lange nach. Geschieht das nicht, dann haben wir das peinliche Phänomen eines Katholiken, der nicht Christ ist – so wie es Christen gibt, die nicht katholisch sind.
Gott hat durch den Konvertitenunterricht – wo er so gründlich ist, wie ihn die Lateiner nicht kennen – seinen Pflug an unseren ganzen Menschen gesetzt, und dieses Pfluges dogmatischscharfe Schneide hat im Dschungel oder der Wüste unserer Ideen ein für allemal klare Linien gezogen. Jetzt muß das Wort gesät werden, um vielfältige Frucht in den geraden Furchen zu tragen; sonst liegt der von Gott bestellte Boden, durch die Taufe getränkt, brach und wird Unkraut zwischen dem Weizen tragen. Wehe uns, wenn wir den Boden unseres Herzens nicht immer wieder durch die Beachtung der Gebote jäten und durch die Sakramente düngen; wehe uns, wenn wir – wie die Arbeiter des Evangeliums – auf dem Erworbenen ausruhen und nach Gottes Frühlingspflügung schlafen: dann kommt der »Feind« und sät sein Unkraut in den bestellten Boden. Und dann können wir nur danken, wenn Gott unseren Herzensacker trotzdem für wert hält, ihn von neuem umzupflügen und zu besäen, statt sich anderswo ein Feld zu bereiten. Seid überzeugt, wenn Gott umpflügen muß, dann setzt er eine Schar auf seinen Pflug, die Buße heißt. Und diese Schar pflügt schneidend tief bis zu den letzten Wurzeln des Herzens.
Niemand, der nicht den leichten und den schweren Pflug kennengelernt hat, darf seine Hand an Gottes Pflugschar legen und seine Furche durch andere Menschenherzen ziehen. Denn nur ein solcher kann es mit Verständnis und Ehrfurcht vor seelischer Pein tun; nur er hat durch schmerzliche Erfahrung gelernt, daß Gottes Pflug, auch wenn er durch die Hand der ewigen Liebe gesteuert wird, oft sehr lange wieder und wieder und (so leid es Gott selber tut) schmerzlich tief pflügen muß. Das Entscheidende (für Gott und unsere Seele) ist ja nicht, ob das Feld ein oder mehrere Jahre lang etwas Unkraut unter dem Weizen trägt; das Entscheidende ist der Schlußerfolg unserer Konversion: ob das, was zuletzt geerntet wird, für wert erachtet wird, in die Scheunen gesammelt, oder verurteilt wird, ins Feuer geworfen zu werden als nutzloses, wenn vielleicht auch munter blühendes Unkraut.
Lieber einen brennenden Schmerz aushalten, wenn der Prozeß sich entwickelt: zu konvertieren sowohl mit dem Denken als auch mit dem Herzen; ein Prozeß, der bedeutet: sowohl katholisch zu werden als auch Christ zu werden bis zur letzten Fiber seines Lebens. Dieser Prozeß läßt sich Zeit (niemand weiß vorher, wie lange), und er kann viel Leid bringen (niemand weiß vorher, wieviel), weil Gottes Pflug das Kreuz ist.
Hat man dies nicht gewußt, als man unter uns missionierte? Warum sagte man uns nicht vorher, daß Katholizismus nicht nur die Religion der Kirche, sondern auch die des Kreuzes ist? Wir müssen selbst die bittere Erfahrung machen. Aber das Kreuz wurde für uns zum Zeichen, daß der Katholizismus das wahre Christentum ist. Vielleicht war es gut, daß eine durchbohrte Hand es damals im Anfang vor unseren Augen verborgen hat, bis der Heilige Geist der Kirche uns reif machte, es durch diese klaffende Wunde zu ahnen.
Wir nichtlateinischen Völker sind vom Katholizismus so weit abgekommen, daß Konversion für uns nicht bloß eine dogmatische und historische Rechenschaft bedeutet, die abgelegt werden muß, sondern eine Änderung unserer ganzen Mentalität, jeder Fiber in unserem Gemüt – ein Wort, das die Lateiner überhaupt nicht besitzen. Sie können sich darüber ärgern, sie können uns deshalb Vorwürfe machen, aber es ist so. Der Lateiner (hauptsächlich in Spanien und Italien, aber auch in Frankreich und Belgien) kannte Religion, um nicht von Christus-Religion zu reden, nie auf eigene Faust und aus eigener Verantwortlichkeit der Bibel gegenüber. Darum versteht er auch nur schwer, daß es für uns das Kreuz bedeutet: unser persönlich teuer erkämpftes biblisches Christus-Verhältnis für Christus in der Kirche, Christus im Amt, Christus in den Sakramenten und in der Liturgie einzutauschen. Er versteht nicht die Belastungsprobe, die für uns eintritt, wenn – sobald das Philosophisch-Dogmatische für uns eine Selbstverständlichkeit geworden ist – erst noch das Problem auftaucht, sowohl Katholik als auch persönlicher Christ zu sein – um nichts geringer persönlich und christlich als früher –, also weder Katholik zu sein nur als intellektuelles Korrektiv zu unserem bisherigen Christentum, noch ein Christ zu sein, der das Katholische als etwas Aufgepfropftes empfindet, sondern das Christsein und das Katholischsein in einer unteilbaren Persönlichkeit, verschmolzen mit unserem nichtlateinischen Menschentum und unserer Kultur.
Man kann an sein Ziel am Ende des Weges zwar lebendig, aber doch mit leeren Händen und ausgeplündert kommen, nachdem man Schiffbruch erlitten hat oder zwischen Jericho und Jerusalem unter die Räuber gefallen ist – und man kann an sein Ziel mit wohlbewahrten Koffern kommen, ja mit solchen, die nicht nur unbeschädigt sind, sondern sogar noch vieles enthalten, was man unterwegs dazuerworben hat.
An jenem Neujahrsmorgen 1948, als ich zum ersten Mal aus meinem Studierzimmer im Campo Santo in die klare Sonne auf der Terrasse hinaustrat, blickte ich aufwärts und sah, direkt über meinem Kopf, die schwellende, mütterlich reife Gestalt der Peterskuppel in leuchtendem Silber gegen den grünblauen Äther. Ich brauchte nicht ausdrücklich festzustellen, daß ich mein Ziel wohlbehalten erreicht hatte; der Anblick dieser gewaltigen Krone über dem Apostelgrab, die mich immer wieder, seitdem ich sie im Jahre 1913 zum ersten Male gesehen hatte, bezaubert hat, ließ mich fühlen, daß auch das geistige Erbgut, das ich auf dem Wege nach Rom mit mir geführt und hier um manchen Schatz vermehrt hatte, vor Schiffbruch und Räuberhand auf dem Wege zurück nach Rom gerettet worden war.
Hoch oben glänzte die goldene Kugel über der Kuppel, und auf ihrer Spitze flammte die Neujahrssonne in dem weißen Email des Kreuzes. Hätte ich zum Dank tun sollen, was die alten Römer zu tun pflegten, wenn sie glücklich nach Hause gekommen waren, nämlich ex voto einen Marmorfuß mit einer Inschrift aufzustellen, so hätte der Stein die Worte des weitgereisten Apostels tragen müssen: bonum certamen certavi, fidem servavi: ich habe einen Kampf gekämpft, der des Kämpfens wert war, ich habe den Glauben bewahrt.
Erstes Kapitel
Theologie auf eine dritte Weise
Es war ganz zeitig im Frühjahr, im März 1914, als mich der Expreßzug südwärts durch Deutschland und Österreich über den Brenner nach Italien brachte. In diesen jungen Jahren reiste man ja ohne Rücksicht auf Gesundheit und Kräfte Tag und Nacht hindurch, ohne Aufenthalt. Wie später so oft, empfand ich die Wohltat des einsamen Reisens: die Freude an der schnellen Fahrt, den Rhythmus der Räder auf den Schienen, die wechselnden Landschaften, die einen nicht in frommen Gedanken stören, während man die Perlen des Rosenkranzes in der Rocktasche zählt. Das Ununterbrochene, Unaufhörliche, das ständig Wechselnde und doch ständig Gleiche – wie war das lindernd nach dem Schmerz des Abschieds, heilend für die Wurzelfasern, die aus der Erde gerissen worden waren!
Kaum war ich in die Kirche aufgenommen, als mich Pater Bannwart dem Bischof v. Euch – damals schon einem Greis von fast 80 Jahren – vorstellte und seine Einwilligung erreichte, mich nach Rom, in das Sacrum Collegium de Propaganda Fide zu senden, wo Missionare der ganzen Welt ausgebildet werden und wo auch unser armer Missionsbischof einen Freiplatz besaß. Von irgendeiner Wahl konnte nicht die Rede sein, die »Propaganda« war die einzige Möglichkeit. Hier hatten auch die wenigen anderen aus Dänemark stammenden Priester ihre Ausbildung genossen. Allerdings war das schon lange her. Aber einen gab es doch, der eben erst frisch von Rom gekommen war und in Nyborg saß. Diesen, meinte der Bischof, sollte ich aufsuchen, um mich über die Verhältnisse im Collegium zu orientieren.
Da der »schwarze Mads« jetzt, wo ich formell Katholik geworden war, meine Feder in seiner »Volkslektüre« nicht mehr länger haben wollte, fand er mich für eine mehrjährige Mitarbeit, die ihm unter seinen Zeitungsausschnitten oft den einzigen Originalbeitrag eingebracht hatte, mittels einiger schlecht bezahlter Vorträge in den äußersten Winkeln des Landes ab. Ich hatte Johannes Jörgensen im Schreibstil nachgeahmt und tat es jetzt auch in der Vortragsweise; ich hatte mit seinen Augen gesehen und sprach jetzt auch mit seiner Zunge – es war reine Affektiertheit! Auf diese Weise kam ich denn auch nach Nyborg und suchte den Geistlichen auf, der in der Dachkammer einer von Ordensschwestern geleiteten Privatklinik hauste. Ich fand ihn in dem langen schwarzen Talar, Dogmatik studierend. Ich drückte mein Erstaunen aus, daß er dieses Studium nicht in Rom zu Ende gebracht hätte. Auf seine Frage, was er denn sonst anfangen sollte, meinte ich freiweg: »Zum Beispiel missionieren!«
Er entgegnete, hierzu sei unter den gegebenen Umständen wohl keine Möglichkeit, und als ich ihn fragte, ob man ihm diese Kunst denn nicht in der »Propaganda« beigebracht habe, erhielt ich zur Antwort: Nein, man habe ihnen dort nur Philosophie und Dogmatik beigebracht, aber etwas derartiges wolle ja in Nyborg niemand hören!
Ob er denn nicht in den Lokalblättern schriebe und ab und zu öffentliche Vorträge hielte, fragte ich. – Nein, das ginge wohl nicht, wie würde man das aufnehmen, und würde überhaupt jemand kommen?
Ich meinte, daß man das eigentlich nicht wissen könnte, bevor man es versucht hätte, und dachte dabei im stillen an die Heilsarmee, die vielleicht schwächer in Philosophie und Dogmatik, aber gewiß nicht so hilflos war.
Er zeigte mir die Kapelle, die in zwei ineinandergehenden Zimmern eingerichtet war, Altar und Bänke im Krankenhausstil weiß lackiert, bunte Gipsheilige mit »Nonnenstickereien« ringsum auf kleinen Postamenten. Nein, er hatte recht, hierher zu kommen, konnte man die Leute wirklich nicht einladen, nicht weil alles fremdartig, sondern weil es überhaupt nichts war: süßlich, ganz ohne Stil und Gepräge und Persönlichkeit, völlig fade und kalt. Ohne nähere Auskünfte zu suchen oder zu erhalten, verließ ich den hilflosen Mann. Wenige Monate später legte er sein Amt nieder und sagte der Kirche Lebewohl – wie man sagte, durch Höffdings Religionsphilosophie dazu getrieben.
Auf dieselbe Weise kam ich nach Silkeborg, wo ich den Samstagabend und den größten Teil des Sonntags zu meiner Verfügung hatte. Ich hatte schon etwas von der dortigen Kirche und ihrem Pfarrer gehört. Wenn er nach Kopenhagen kam und in Ballins Volkshochschule sprach, hatte er keinen geringen Widerhall. Alte Damen verließen entrüstet das Lokal, wenn er sich in allzu drastischen Wendungen bewegte, und er selbst war empört, daß man ihn auf Zimperliesen losgelassen hatte. Seine Kirche war der Gegenstand des Gespräches im ganzen Land. Er hatte sie selbst gebaut und mit mehr Zinnenkränzen versehen, als den einfachen Wänden aus rotem Backstein guttat. Das Licht fiel von hinten durch ein Fenster in der Art von Fliegenaugen herein; das weißgestrichene Innere der Kirche hatte er selbst mit Fresken dekoriert, von denen man sagte, sie seien mit viel Glauben und Liebe gemalt – ach, wären sie doch mit einem Mindestmaß von Talent gemalt gewesen! Das war nicht heilige Einfalt, nicht das bescheidene Können des Amateurs, nein, es war Dilettantismus, und man sah, daß der Dilettant selbst noch stolz auf sein Werk war. Altar und Kanzel waren aus roten Ziegelsteinen errichtet, aber ohne jede Proportion zueinander und zum Kirchenraum. Das Ganze lag jenseits der Grenze des Komischen, es wirkte nur peinlich. Als Mogens Ballin noch lebte, hatte er mich einmal davor gewarnt, meinen Weg über Silkeborg zu nehmen; denn der Priester dort sei auf Lob erpicht. Ballin meinte mit Recht, einem lutheranischen Pastor würden derartige Blamagen erspart bleiben; denn wenn er selbst auch keinen Geschmack und kein Schamgefühl im Leibe hätte, hätte er doch immerhin – eine Frau, und die würde ihn ja wohl davor bewahren, sich zum Gegenstand von Spott und Mitleid zu machen.
Aber das Hauptbuch des Pfarrers von Silkeborg hatte auch eine Kreditseite, wenngleich die Beträge, die auf ihr eingetragen standen, eher in der himmlischen Bank gebucht wurden als in jener irdischen, in der wir unser bürgerliches Ansehen abheben. Der biedere, derbe, auch mit einem derben Mundwerk behaftete geistliche Herr, der nicht nur malte, sondern dazu noch dichtete (und das nicht viel besser als jenes), hatte das Unglück gehabt, sich ein gewisses Mißfallen des vornehmen, taktvollen und an der Tradition hängenden Bischofs zuzuziehen. Das konnte niemanden wundern, der beide kannte. In solchen Fällen geschieht es wohl zumeist ganz von selbst, daß ein Geistlicher kein so bedeutsames Arbeitsfeld zugewiesen bekommt, wie es seiner Eignung und Art am besten entsprechen würde, sondern in eine »Vertrauensstellung« mit »schwierigen Verhältnissen« versetzt wird, in die man sonst niemanden anderen beordern kann. Ist der Betreffende klug, dann sagt er »danke schön« und freut sich darüber, jetzt für all seine Lebtage ein ungestörtes und unbemerktes Eremitendasein führen zu können; er darf nur keine Unterstützung erwarten.
Dieser Priester also war – nach einem mißglückten Versuch, bei einer verwitweten Baronin mit sehr selbständigen Meinungen »Hofkaplan« zu werden – in Silkeborg gelandet. Man hatte ihm eine entlegene Villa gekauft, in der er Pfarrhof, Kapelle und Schule einrichten und gefälligst mit ganzen achthundert Kronen im Jahr – man schrieb 1914 – existieren sollte.
Er schwur sich, so nehme ich an, daß es eine Kirche mit Turm, Glocken, Orgel und einem Giebel mit Zinnenkranz werden sollte, denn das war dänisch; so dänisch, wie er selbst und die Wilden Männer im dänischen Reichswappen waren, die er in bezug auf Haar- und Barttracht nachahmte. Wie diese fauchte er gegen alles Deutsche im dänischen Katholizismus – und das heißt so ziemlich gegen alles, was vorhanden war. Er hungerte sich in einigen Jahrzehnten eine Tuberkulose an, die ihn in ein zu frühes Grab brachte; er sparte im Winter Kohle, die er durch ein paar zwischen Anzug und Wäsche gesteckte Zeitungen ersetzte; er besorgte seinen Haushalt selbst und versagte sich Ferien und Vergnügungen; sein einziger Luxus war der billigste Knasterund selten einmal ein Buch. Mit all dem gelang es ihm tatsächlich, dem Bischof eine schuldenfreie Kirche zur Einweihung zu präsentieren.
Diesen Mann mußte ich ganz einfach besuchen! Ich klingelte an der Tür. Er kam in Pantoffeln und schlotternden Kleidern herangeschlurft, nicht aszetisch, sondern verhungert und tuberkulös anzusehen, keine tragische, sondern eher eine pathologische Figur; es waren ja die Merkmale Christi, die er an seinem Leibe trug! Ich gewann ihn sofort lieb. Unter dichten Haarbüscheln guckten mich zwei scharf forschende Augen an, die sich nicht durch Höflichkeit oder Falschheit bluffen ließen. »Sind Sie von jemandem drüben in Kopenhagen geschickt worden, dann sagen Sie es gerade heraus, und auch, was Sie wollen!« Nein, ich käme von selbst, wollte ihn nur kennenlernen und bei ihm morgen zur Messe gehen. Er faßte sofort Vertrauen und führte mich hinauf in seine Höhle, einen großen Raum im obersten Stockwerk des ganzen Pfarrhofes, ohne ein einziges Fenster. Er zog an einem Strick, der von der Decke herabhing, und nun öffnete sich eine Klappe vor einem Dachfenster und ich sah, daß er auch hier an den drei Wänden – die vierte wurde von einer eingebauten Koje wie in einer Kajüte eingenommen – Fresken gemalt hatte, Ansichten von Rom, bevölkert mit seinen alten Kameraden von der »Propaganda«: Chinesen, Negern, Indern, Abessiniern und Kanadiern ... und das Licht verriet eine wilde Unordnung von Papieren, Büchern, Malutensilien, Tabak und Kleidungsstücken wie in einem Atelier auf dem Montmartre oder in einer Seemannskabine.
Es wurde selbstverständlich ein römischer Abend mit viel Tabak, schwarzem Kaffee und Herzlichkeit. Aber ich beobachtete auch bei ihm, was ich noch bei anderen »alten Römern« unter den Priestern feststellen sollte, daß sie nämlich noch im Rom der ersten Zeit Leos XIII. lebten und der Entwicklung gar nicht gefolgt waren. Sie hörten zwar gern von dem Neuen, das dort unten vor sich gegangen war, fielen aber gleich wieder in die Vergangenheit zurück, in die Zeit, von der es heißt, »Als ich ein Mädel war, da hat es noch Mädel gegeben!« Ich brach spät auf, denn er hielt mich zurück, und am nächsten Morgen begab ich mich von meinem Hotel in seine Kirche.
Er hatte soeben selber die Glocken geläutet – wie er auch selbst die Kirche rein hielt, denn es gebrach an Mitteln – und verschwand jetzt in die Sakristei. Die Uhr schlug zehn, aber so viele waren unser nicht, nur neun Seelen. Er las eine stille Messe, denn es gab kein Geld für Organisten und Chor; aber seine »stille« Messe war fast so laut wie das Hochamt anderswo. Sie war kein italienischer Galopp, auch keine Routinesache: jedes Wort war voller Ernst und tiefem Sinn – so, dachte ich, müßte man wohl seine letzte Messe lesen, wenn der Tod nahe ist. Und dann predigte er – und meinetwegen (aber vielleicht nicht der anderen wegen, die ihn jeden Sonntag hörten) hätte er noch lange so fortfahren können. Dies war das Evangelium, und zwar ein ganz persönlich erlebtes! Er sprach von der »Freiheit«: daß wir Katholiken die freiesten Menschen der Welt seien, denn wir kennten keine andere Beschränkung jener herrlichen Freiheit der Kinder Gottes, zu der uns Christus verholfen habe, als diejenige, die Gott selbst vorschreibe. Ob wir Glaubensfreiheit hätten? Ja, die Freiheit, alles zu glauben, was Gott uns gelehrt habe, und alle menschlichen Einfälle zu verwerfen. Ob wir Redefreiheit hätten? Ja, eine ebenso große wie die Engel: Gott zu lobpreisen und zu bekennen, ihm zu danken und zu ihm zu beten, aber niemals, das Wort gegen Gott zu gebrauchen. Ob wir Handlungsfreiheit hätten? Ja, zu all dem Guten, wozu wir Lust hätten ...
Es war paradox, es war aufreizend, aber es war wahr. Ich mußte ihm hernach in der Sakristei danken; denn dies war solides und klares Dänisch, meilenweit entfernt von der vorsichtigen, entschuldigenden Apologetik, wie man sie sonst in den Büchern las und in den Kopenhagener Kirchen vernahm – und es waren nur neun Menschen, die ihn hören wollten! So also waren die Arbeitsverhältnisse eines katholischen Priesters in Dänemark im Jahre 1914.
Er war erfreut über meinen Dank, konnte es sich aber nicht versagen zu fragen, was ich denn von seiner Kirche hielte. Sie sei jedenfalls nicht deutsch, sondern dänisch, antwortete ich. Und nun dankte er mir, weil ich keine Begeisterung heuchelte, die ich nicht empfand, und weil ich seine Absicht, nach dänischer Art zu bauen, verstanden hätte. Ich hielt mich für zu jung, um ihm zu sagen, wie sehr ich das Opfer bewunderte, das in jedem Ziegelstein steckte: jeder von ihnen war ein Bissen, den er sich vom Mund abgespart hatte, ein Stück Kohle aus seinem Ofen. Ich hatte auch später nie Gelegenheit, es ihm zu sagen; aber ich war entrüstet – und das konnte ich ihm mitteilen –, als ein ausländischer Kollege, sobald der alte, kranke, schon vom Tod gezeichnete Mann allzu spät in eine »fette Pfründe« versetzt worden war, sich beeilte, seine Fresken zu überstreichen und seine Kanzel sprengen zu lassen – ja, sie mußte wirklich gesprengt werden. Was von dem neuen und »vernünftigeren« Mann dann zu hören war, war jedenfalls geringer an Gewicht als das Zeugnis des alten Martyrers.
Dies war es also, was ich vom dänischen Katholizismus kennengelernt hatte, bevor mich der Zug nach dem Süden führte. Aber ich glaubte, schon ein paar von den Gesetzen erraten zu haben, die beachtet werden mußten, wenn meine Landsleute von Rom überhaupt Notiz nehmen sollten. Eines dieser Gesetze bestätigte mir Johannes Jörgensen. Als er und Mogens Ballin mit Jan Verkade, dem späteren Beuroner Mönch, über die Mission in Dänemark sprachen, hatte der Pater gesagt: »Wenn ihr zurückkommt, müßt ihr die Kirche in all ihrer Würde zeigen!« Man konnte vielleicht sagen, daß dies einigermaßen in der St.-Ansgar-Kirche in Kopenhagen, in der Stenostraße bei den Jesuiten, in Aarhus und draußen in der traulichen St.-Andreas-Kirche in Ordrup verwirklicht war – der Rest war immer wieder Nyborg, wenn nicht ärger, und selbst die zuerst genannten Stätten zeigten im Jahr 1914 noch ein entscheidend ausländisches, im besonderen deutsches Gepräge. Dies in den zwei Künstlerbiographien »Mogens Francesco Ballin« und »Chresten Skikkild« gesagt zu haben, wurde mir später vorgeworfen; aber es war die bittere Wahrheit, die augenscheinlich nur der hilflose Priester in Silkeborg verstand. Man hatte keine Berührungsfläche mit dänischem religiösen Geist, ja man hatte noch nicht einmal Ansatzpunkte dazu gefunden.
Diese Gedanken erfüllten mich, als mein Auge die dänische Küste außer Sicht verlor und sich Rom zuwandte, und sie lenkten mich von der Erinnerung an den peinlichen Abschied im Elternhaus ab. Mein Vater hatte mir nichts anderes zu sagen als: »Du hast mir das größte Leid meines Lebens zugefügt«, und ich hatte ihm nichts anderes zu antworten als: »Ich habe gehandelt, wie ich handeln mußte.« Zwanzig Jahre später sollte der Tod uns trennen, bevor ich ihn und – wie ich glaube – er mich wiederfand. Mutter war voll Wehmut über das Unbegreifliche: war denn all dies nun wirklich notwendig? Zwischen uns blieb die Verbindung bestehen, aber, solange Vater lebte, eher wie zwischen einer lieben Tante und einem guten Neffen; Vaters Schatten fiel zwischen uns, bis er ins Licht, das ewige Licht einging.
Ohne Elternhaus und Familie – meine Schwestern waren in alle Winde verstreut – hatte ich nur noch ein herzliches Verhältnis, das zu Holger, der auf Bornholm saß und sich auf den Lehrerberuf vorbereitete. Ich war hinübergefahren und hatte ihn mitten im Winter besucht, so daß wir zusammen mehr Stunden in den traulichen Stuben bei ihm und seiner Mutter verbrachten als in der rauhen Natur. In religiöser Beziehung wand und krümmte er sich, wollte sich nicht ergeben und konnte sich doch nicht losreißen. Aber selbst diese Spannung band uns nur enger aneinander; war ich David, war er mein Jonathan, und unsere Freundschaft war und blieb in Gott gegründet. Seine Freundschaft und die Liebe seiner feinen, milden Mutter hatte ich bitter nötig. Diese liebevollen Seelen waren mir so nahe, während ich südwärts »durch die lieblichen Reiche« fuhr, und all die gute Musik, die ich bei ihnen immer gehört hatte, klang mild in meiner Seele nach.
Im übrigen war ich ein Kampfhahn oder wenigstens ein Kampfhähnchen gewesen und hatte in einer Diskussion im dortigen Lehrerseminar mächtig vom Leder gezogen. Auch auf dieser fernen Insel erlebte ich eine Überraschung. Als ich auf Wunsch für das dortige winzige Lokalblättchen etwas schrieb, bezeichnete man mich als den »bekannten P. S.« Ich betrachtete das zwar nicht schon als einen Schritt zur Weltberühmtheit, zu der Johannes Jörgensen auf dem besten Wege war, entdeckte aber doch, daß man auch außerhalb des Freundeskreises auf mich aufmerksam geworden war. Dies verdankte ich also dem üblen Mads, und darum nichts Schlechtes mehr über ihn!
