Читать книгу: «Die Steuersünder»

Шрифт:

Peter Mathys

Die Steuer­sünder

Roman

Limmat Verlag

Zürich

Für Nuria und Linda

1

An diesem schönen Märzmorgen war es Rechtsanwalt Michael Kellenberger nicht ums Arbeiten. Sein Fenster ging auf den Rhein, und er sah, wie die Sonne goldbronzene Spiegelsplitter aufs Wasser zauberte, die ständig aufeinander zu trieben, ohne sich je zu vereinen. Die Fähre war bereits in Betrieb und brachte erste Fahrgäste ans andere Ufer.

Tanja, seine Assistentin, hatte ihm die Post gebracht, geöffnet, mit dem Eingangsstempel versehen, in einer Mappe sauber geordnet. Daneben lag die Zeitung. Er schob die Mappe beiseite und griff nach der Zeitung.

Neue Schwierigkeiten der größten Schweizer Bank in den USA. Pädophile Priester, die sich an ihren Chorknaben vergriffen. Weitere Schlagzeilen; lauter Probleme ohne Lösungen, Kellenberger wollte nichts davon wissen, er stopfte die Zeitung in den Papierkorb.

Auf dem Rhein zog jetzt ein Tankschiff flussabwärts. Das Heck liess eine Furche aufgewühlten Wassers zurück, der schwarzweiße Kamin glänzte im Sonnenlicht. Der Anwalt schaute zu, wie das Schiff unter der Mittleren Brücke verschwand, und er dachte, wie schön es wäre, jetzt an nichts zu denken.

Als das Telefon läutete, nahm er ab, ohne den Blick vom Wechselspiel der Farben im Fluss abzuwenden.

«Ein Herr Matter», meldete Tanja.

«Was will er?»

«Mit Ihnen persönlich sprechen.»

«Dann verbinden Sie bitte.» Als es klickte, sagte er höflich neutral: «Kellenberger.»

«Matter, von der Steuerverwaltung. Spreche ich mit Rechtsanwalt Dr. Michael Kellenberger?»

«Ja. Was kann ich für Sie tun?»

«Ich bin für die Kontrolle und Veranlagung Ihrer Steuererklärungen zuständig», fuhr Matter fort. «Es gibt da einige Fragen, die geklärt werden müssen.»

«Bitte sehr – schießen Sie los», antwortete der Anwalt, immer noch gut gelaunt.

«Ich fürchte, das ist zu kompliziert für ein Telefongespräch», erklärte Matter. «Es wäre gut, wenn Sie in den nächsten Tagen bei uns vorbeikommen könnten.»

«Wenn Sie meinen …»

Sie fanden rasch einen Termin; nächsten Donnerstag, drei Uhr nachmittags. Der Anwalt legte die Agenda weg und lehnte sich zurück. Eine Wolke war vor die Sonne gekrochen. Der Tag war nicht mehr schön. Kellenberger blätterte abwesend in der Postmappe.

Was, zum Teufel, wollte der Steuerheini von ihm?

Zum Gespräch am Donnerstag nahm Kellenberger die Kopie seiner letzten Steuererklärung mit. Das Rathaus am Marktplatz strahlte frisch renoviert in leuchtendem Rot. Dort wurde das Steuergesetz ausgebrütet und alle paar Jahre revidiert. Verschiedene seiner Berufskollegen saßen dort im Parlament. Kellenberger überlegte, wen er um Hilfe angehen konnte, falls dieser Matter schwierig werden sollte.

Die Steuerverwaltung belegte mehrere Stockwerke in einem Bürogebäude an einem kleinen Platz, der sinnig Fischmarkt hieß. Kellenberger stellte sich vor, wie vor hundertfünfzig Jahren feiste Händler mit roten Backen ihre stinkende Ware auf Holztischen feilboten und wie die Dienstmädchen mit ihren weißen Häubchen aus dem zappelnden Angebot in den Blecheimern die schönsten Felchen oder Regenbogenforellen aussuchten und zusahen, wie der Verkäufer ihnen die Köpfe abhackte.

Er fand Matter in einem kleinen Büro hinter einem großen Schreibtisch mit einem Seitentisch für den Computer. Das Pult war aufgeräumt; er sah nur zwei Aktenstapel und die Rückseite einer postkartengroßen Fotografie mit Silberrahmen. Die Wand gegenüber wurde von Metallschränken eingenommen, und hinter Matters Rücken hing ein großer Farbdruck aus dem Staatlichen Kunstkredit; er zeigte den Rhein mit der ältesten Brücke im 19. Jahrhundert. Originale gab es erst ab Stufe Abteilungsleiter. Dem Büro fehlte jegliche Harmonie, keine Zimmerpflanze rettete das Ambiente. Der einzige sympathische Gegenstand war die Fotografie; Kellenberger war neugierig auf das Bild, das ihm verborgen blieb.

«Herr Dr. Kellenberger, bitte nehmen Sie Platz», begrüßte ihn Matter und wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Lachend fügte er bei: «Danke, dass wir so rasch einen Termin finden konnten.»

Kellenberger mochte Leute nicht, die schon bei der ersten Begegnung ohne ersichtlichen Grund lachten. Er fragte: «Also, Herr Matter, womit kann ich Ihnen dienen?»

Der Beamte klopfte auf eines der beiden Aktenbündel auf seinem Tisch. «Es gibt da einige Fragen zu Ihrer letzten Steuererklärung.»

«Ja, bitte?»

«Wir haben eine Meldung von der Fürstlichen Steuerverwaltung in Vaduz erhalten. Danach bezahlte Ihnen eine liechtensteinische Aktiengesellschaft mit dem interessanten Namen Plus-Minus AG Verwaltungsratshonorare, in den beiden letzten Jahren je 10 000 Franken. In Ihrer Steuererklärung finde ich nichts darüber. Können Sie sich dazu äussern?»

Die kräftige Stimme kam aus einem rundlichen Gesicht mit hellblauen Kulleraugen. Eine hohe Stirne ging über in eine Halbglatze; die verbleibenden braunen Haarbüschel waren straffnach hinten gekämmt. Eine graue Jacke mit Fischgrätemuster, sie war nicht zugeknöpft, enthüllte einen Bauchansatz; darüber baumelte eine orange Krawatte mit Kürbismuster.

«Ich muss das in der Buchhaltung überprüfen», antwortete der Anwalt schließlich. «Plus-Minus AG stimmt. Es kann sein, dass die Position mir beim Ausfüllen entgangen ist. Sie wissen ja, wie das ist.»

«Nein, ich weiß nicht, wie das ist, Herr Dr. Kellenberger», erwiderte Matter. Er lachte wieder. «Wem gehört denn diese Gesellschaft? Einem Mandanten?»

Der Anwalt zögerte, dann nickte er. Matter war sein Zögern nicht entgangen. Wer der Mandant sei, dürfe er ihm vermutlich nicht sagen. Kellenberger schüttelte den Kopf. «Aber», fuhr Matter fort, «um was für eine Art von Gesellschaft es sich handelt, sollte ich schon wissen. Falls Sie damit Probleme haben, kann ich mir die Unterlagen von Vaduz direkt besorgen. Das würde doch schon etwas Licht in die Affäre bringen.»

Matter machte eine Pause. Das Wort «Affäre» gefiel dem Juristen nicht. Es deutete Weiterungen an, Abgründe, die sich noch nicht ansatzweise ausloten ließen. Matter war ein kluger Verhandler. Um Zeit zu gewinnen, sagte Kellenberger: «Ja, ich verstehe.»

«Das ist sehr gut, Herr Dr. Kellenberger.» Matter lehnte sich entspannt zurück. Ein sonniges Lächeln glitt über sein Mondgesicht. Dann beugte er sich nach vorne und zwinkerte mit den Augen. «Oder könnte es gar sein, dass vielleicht Herr Dr. Kellenberger selber der Mandant ist?»

Sollte das der Fall sein, so müsste es natürlich in Ordnung gebracht werden, fuhr er nachdenklich fort. In Dr. Kellenbergers eigenem Interesse. Er schlage eine weitere Besprechung vor. Es wäre viel einfacher, wenn der Herr Doktor die Bilanzen selber mitbrächte, weniger Umtriebe für alle Beteiligten, eine günstigere Erledigung, und so weiter.

Sie vereinbarten ein nächstes Treffen. Kellenberger realisierte, dass er bis zum Hals in der Tinte steckte.


Am Dienstag strahlte die Morgensonne über Matters Schreibtisch bis hinüber zur Aktenwand. Das Buchenholz der Tischplatte glänzte; Kellenberger sah darauf nur eine einzige Akte, und das Foto drehte ihm immer noch den Rücken zu. Matter trug jetzt eine hellbeige Jacke, ein marineblaues Hemd, eine knallgelbe Krawatte und dunkelblaue Hosen. Er lächelte verbindlich, als er Kellenberger Platz anbot.

«Nun», begann er, «haben wir diese Unterlagen?»

«Ja. Hier.»

Während Matter die Zahlen studierte, musterte Kellenberger sein Gesicht. Seine feisten Wangen glänzten rötlich, man sah kaum Bartspuren. Eine kurze Stupsnase ließ das Gesicht flach erscheinen, und aus den Nasenlöchern standen dunkle Härchen hervor. Der Mund war klein, umrahmt von schmalen, farblosen Lippen. Seine blassblauen Augen starrten intensiv, fast böse auf das Papier.

«Also», sagte Matter nach langen Minuten. «Da geht es ja um wesentlich mehr als bloß einige Verwaltungsratshonorare. Plus-Minus AG verfügt über Wertschriften von mehr als vier Millionen Franken; allein im letzten Jahr wurden über zwei Millionen einbezahlt. Woher stammen diese Zahlungen, Herr Doktor?»

«Zum größten Teil von Geschäftsleuten aus Litauen, zum kleineren Teil aus der Schweiz.»

«Aha.» Matter lächelte verbindlich, dann holte er zum entscheidenden Schlag aus. «Also nochmals, Herr Doktor: Gehört diese Gesellschaft Ihnen?»

Kellenberger versuchte, klar zu denken. Wenn er verneinte, konnte Matter in Vaduz nachfassen. Er brauchte dort bloß einen Amtskollegen ein wenig besser zu kennen, und schon funktionierte die informelle Amtshilfe. Kellenberger hatte gepfuscht. Wenn er jedoch alles gestand, bestand die Möglichkeit, über die Höhe der unvermeidlichen Nach- und Strafsteuern zu verhandeln. Matter hatte im ersten Gespräch selber von einer günstigeren Erledigung geredet.

Kellenberger schluckte. «Ja», sagte er.

Matter wiegte den Kopf hin und her. «Das ist eine heikle Angelegenheit. Als Anwalt wissen Sie, Herr Kellenberger», jetzt ließ er den Doktortitel weg, «dass da mit beträchtlichen Nach- und Strafsteuern zu rechnen ist.»

«Ja.»

«Bei vier Millionen», dozierte Matter, «verteilt auf, sagen wir, drei Jahre, ist für die Nachsteuer bei der Bundessteuer und der kantonalen Steuer und für die Strafsteuer mit bis zu neun Millionen Franken zu rechnen. Plus Verzugszinsen natürlich.»

Jetzt machte Matter eine Pause. Seine Kugelaugen fixierten sein Gegenüber; zweifellos wollte er beobachten, was seine kleine Rechnung auslöste. Vielleicht erwartete er, dass Kellenberger zusammenbrach und anfing, um Milde zu betteln. Aber der Anwalt schwieg einfach.

Der Raum um ihn herum, Matter, das Pult, das Fenster mit dem Blick ins Freie verschwammen. Stattdessen flimmerte wie ein Film seine Lebenssituation über einen inneren Bildschirm. Sein Vermögen erreichte bei weitem nicht Matters neun Millionen. Er war geschieden und hatte seiner Ex noch während Jahren Alimente in astronomischer Höhe zu zahlen. Dass die ausfallen würden, erfüllte ihn mit bitterer Befriedigung. Seine beiden Töchter hatten sich auf die Seite ihrer Mutter geschlagen und mieden ihn seit Jahren, als hätte er die Beulenpest. Also brauchte es ihm nicht leidzutun, wenn er ihnen kein Erbe hinterließ.

In dieser kurzen Schweigeminute wurde ihm klar, dass er ein ziemlich unnützes Leben führte. Da war nicht einmal eine feste Freundin, für die er sich ein wenig verantwortlich fühlen konnte. Und seine Haushälterin aus dem nahen Elsass fand ohne weiteres eine neue Stelle, wenn das Geld für ihren Lohn nicht mehr reichte.

Endlich ergriff Matter wieder das Wort. Er schien zu ahnen, dass er lange auf eine kluge Bemerkung warten konnte. Wenn man in Betracht ziehe, begann er, dass Herr Kellenberger die Unterlagen freiwillig vorgelegt und eingeräumt habe, dass die Gesellschaft ihm gehöre, komme das einer Selbstanzeige recht nahe. Da könne man sich eine stattliche Reduktion der Strafsteuer auf vielleicht das Doppelte der hinterzogenen Steuer vorstellen. «Das macht dann noch knapp fünf Millionen.»

«Also spare ich vier Millionen», sagte Kellenberger, um nicht weiter schweigen zu müssen. «Vielleicht könnte man die Strafsteuer in Anbetracht des hohen Betrages weiter reduzieren auf das Anderthalbfache.»

«Möglich – alles möglich», nickte Matter. Sachlich fuhr er fort: «Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, eine solche Schuld in Raten abzuzahlen.»

«Klar, wer kann schon fünf Millionen aus der Schublade ziehen!»

«Eben.» Matter versank wieder in Nachdenken. «Oder – ganz theoretisch – man könnte sich eine unbürokratische Regelung vorstellen, die wesentlich weniger kosten würde.»

«Wie denn das?», fragte der Anwalt, neugierig geworden. Die Verwaltung von Basel war nicht bekannt für unbürokratische Lösungen.

Matter lehnte sich zurück und fingerte an seiner Krawatte.

«Wie wäre es denn –», Matter richtete seinen Blick zur Zimmerdecke, «wenn Herr Kellenberger oder die Plus-Minus AG jemandem ein Darlehen über zwei Millionen einräumen würde, rückzahlbar in fünf Jahren. Die böse Meldung der Fürstlichen Steuerverwaltung aus Vaduz könnte ja in der Post verloren gegangen sein, das kommt immer wieder vor. Dann wäre das ganze Thema bei uns hier vom Tisch, und der Darlehensgeber hätte nochmals drei Millionen gespart.»

Kellenberger verstand ihn sofort. Diese Sprache kannte er von seinen litauischen Klienten.

«Kommen Sie zu mir in die Kanzlei», sagte er. «Dann regeln wir die Einzelheiten.»

2

Das nächste Opfer war Paul Regenass. Es war Freitag, der 21. März, Frühlingsanfang, und die Sonne putzte den Himmel sauber wie für ein schönes Fest.

Regenass werkelte an seinen Rosensträuchern links und rechts vom Eingang zu seinem Haus auf dem Bruderholz. Er trug ein offenes Flanellhemd und alte Kordhosen, ein Kranz von Schweißperlen umrahmte seine Stirne. Die Sommersprossen in seinem Gesicht leuchteten mit dem roten Bürstenhaarschnitt um die Wette. Den Mann, der ihm über die Buchsbaumhecke hinweg zuschaute, bemerkte er erst, als dieser anfing zu sprechen.

«Die geben bestimmt viel Arbeit.»

«So ist es – aber es macht auch viel Freude, wenn sie dann wieder blühen.»

«Gewiss.» Der Mann auf dem Gehsteig trug eine schmale Aktentasche. Er sagte: «Sie sind nicht zufällig Herr Regenass?»

«Doch, der bin ich. Und Sie?»

«Matter. Herbert Matter von der Steuerverwaltung. Ich bin froh, Sie hier anzutreffen. Es ist diskreter, als wenn ich telefoniere und vielleicht jemand anderer das Gespräch entgegennimmt.»

Jetzt richtete sich Regenass auf, strich sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirne und trat zur Hecke. Zum ersten Mal nahm er den runden Kopf mit der Halbglatze des anderen wahr.

«Und was gibt es denn Diskretes zwischen uns?», fragte Regenass.

«Ich bearbeite Ihre Steuererklärungen. Über die Deklarationen der letzten beiden Jahre müssen wir reden; es gibt da einige Unklarheiten. Ich würde gerne mit Ihnen einen Termin abmachen für eine Besprechung in meinem Büro.»

«Warum besprechen wir das nicht gleich hier?»

Matter nickte. «Auch recht.»

«Kommen Sie.»

Regenass winkte Matter zur Eingangstür und bat ihn herein. Zu diesem Zeitpunkt war es immer noch bloße Neugier, die ihn veranlasste, den Fremden in den Garten einzuladen. Im Unterschied zu Kellenberger plagte ihn keinerlei schlechtes Gewissen wegen seiner Steuerangelegenheiten; sie interessierten ihn nicht, und er verstand nichts davon. Er war sechsunddreißig Jahre alt, ein besessener Computer- und Internetspezialist mit einer eigenen Beratungsfirma, die ihm einen Haufen Geld einbrachte. Er führte Matter ums Haus herum zu einem Sitzplatz unter einem Vordach mit Blick über den ganzen großen Garten.

«Möchten Sie etwas trinken?»

Dieses freundliche Angebot verwirrte Matter. «Nein, danke. Ich bin ja gewissermaßen in amtlicher Funktion hier.»

«Wie Sie wollen. – Also, was ist mit meinen Steuererklärungen los?»

Matter räusperte sich. Er sagte: «Ihre Verbrauchsrechnung über die letzten zwei Jahre geht nicht auf.»

Paul Regenass lachte.

«Das ist nichts Neues. Meine Verbrauchsrechnung geht nie auf. Meine Frau wirft mir immer vor, dass ich zu viel verbrauche. Aber irgendwie arrangieren wir uns. Bis jetzt wenigstens.»

«Das ist gut!» Jetzt lachte auch Matter, dasselbe zu laute Lachen, das schon Kellenberger beim ersten Besuch in seinem Büro geärgert hatte. «Das ist sehr gut», sagte er zu Regenass. «Aber ich glaube, wir reden von verschiedenen Dingen. Ihr Geschäftsgang ist ausgezeichnet, Herr Regenass.»

«Ich darf zufrieden sein.»

«Ja, für die beiden letzten Jahre haben Sie ein Einkommen von zusammen 674 000 Franken deklariert. In derselben Zeit hat Ihr Vermögen gemäß Ihren eigenen Angaben um 650 000 Franken zugenommen. Also haben Sie vom Einkommen dieser zwei Jahre ganze 24 000 Franken verbraucht. Das kann nicht sein. In den Jahren zuvor deklarierten Sie ebenfalls Einkommen von je rund 300 000 Franken, ohne dass Ihr Vermögen zugenommen hat. Demnach gehen wir davon aus, dass Sie auch in den letzten zwei Jahren nicht weniger verbraucht haben. Das heißt, dass Sie in Wirklichkeit zweimal 280 000 Franken mehr verdient haben, als Sie uns deklariert haben.»

Nun geriet Matter in Fahrt. Er erläuterte Regenass die Folgen seines Vergehens mit derselben pedantischen Präzision, mit der er am Dienstag schon Kellenberger den Tag verdorben hatte. Seine Berechnung führte diesmal zu Nach- und Strafsteuern von 1 170 000 Franken. Er untermauerte seine Ausführungen damit, dass er das Steuergesetz aus der Aktentasche zog und Regenass die einschlägigen Bestimmungen unter die Nase hielt. Dieser schüttelte nur den Kopf und willigte am Ende sehr rasch ein, anstelle der Nachzahlung an den Staat Matter ein Darlehen von 350 000 Franken zu gewähren, zinsfrei für eine Dauer von fünf Jahren.


Am folgenden Mittwoch suchte Matter den Neurologen Dr. Hubert Huber auf. Er meldete sich bei der Praxishilfe als Patient für eine Konsultation, am liebsten gegen Ende des Nachmittags. Der Arzt lud ihn in sein Ordinationszimmer und bat ihn, Platz zu nehmen. Matter sah sofort den gestickten Teppich mit Wildtieren an der Wand neben dem Eingang und die hohe Glasvitrine an der Wand hinter Huber. Andenken aus Afrika, zierlich geschnitzte Schalen aus Ebenholz, eine Maske mit rötlichem Haar, ein Nashorn aus grünem Seifenstein, eine kunstvoll bearbeitete Kugel aus Elfenbein und ein nackter Krieger mit wurfbereitem Speer verleiteten ihn zu einem Kommentar.

«Herrlich! Haben Sie die alle selber gesammelt?»

«Ja, in Südafrika.» Damit war das Thema auch schon erledigt für Dr. Huber. «Was führt Sie zu mir, Herr …?»

«Matter, Herbert Matter.»

«Also, Herr Matter?»

Der Steuerbeamte spürte die höfliche Zurückhaltung. Er musterte das schmale Gesicht mit dem gewellten schwarzen Haar und die grauen Augen, die unbewegt seinem Blick standhielten. Der Arzt wiederum versuchte aus dem Mondgesicht mit den wässrigen Kulleraugen auf das Naturell seines neuen Patienten zu schließen. Die Finger seiner linken Hand trommelten ganz fein auf die Glasplatte des Pultes und verrieten eine leichte Ungeduld. Matter begriff, dass dieses Gespräch schwieriger würde als die fast spielerische Konversation mit Regenass. Er erwog kurz, sein Vorhaben aufzugeben und stattdessen über Schmerzen im linken Knie zu reden.

Aber schließlich siegte die Geldgier über die Vernunft. Matter griff in die Brusttasche, beugte sich vor und legte einen Ausweis auf den Tisch. Sehr förmlich sagte er:

«Ich bin Veranlagungsbeamter der Steuerverwaltung. Zu meinen Aufgaben gehören unter anderem die Kontrolle Ihrer Steuererklärungen und die Veranlagung Ihrer Steuern. Ich habe mich bei Ihnen angemeldet, um Ihnen die Unannehmlichkeit eines Gangs zu unserer Amtsstelle zu ersparen.»

«Seit wann nehmen unsere Beamten derart Rücksicht auf die gewöhnlichen Bürger? Was ist der Grund?», fragte der Arzt. Seine Stimme klang rau und ungläubig.

«Es ist der Steuerverwaltung bekannt geworden, dass Sie über bedeutenden Immobilienbesitz in Frankreich verfügen», erwiderte Matter sachlich. «Davon erscheint nichts in Ihren Steuererklärungen. Gibt es dafür eine Erklärung?»

Der Arzt zuckte die Achseln. «Ich ging davon aus, dass ausländische Liegenschaften nur im Ausland steuerpflichtig sind.»

«Das stimmt im Großen und Ganzen», bestätigte Matter. «Aber es stellt sich die Frage, aus welchen Mitteln die Objekte erworben worden sind. Vielleicht gibt es ja eine Erklärung, die mir bis jetzt entgangen ist.»

Langsam dämmerte es Huber, dass er ein Problem hatte. Er sagte:

«Das Bauernhaus im Burgund wurde mit einem Darlehen meines Schwiegervaters finanziert, 280 000 Euro.»

«Na also!» Jetzt lachte Matter, zum ersten Mal, seit er die Arztpraxis betreten hatte. «Da ist ja schon ein Teil des Rätsels gelöst. – Aber Sie leben von Ihrer Frau getrennt. Und trotzdem ein Darlehen des Schwiegervaters?»

«Das Darlehen war vor der Trennung.»

«Aha. Ich nehme an, dass darüber Dokumente bestehen.»

«Selbstverständlich. Und eine Hypothek zugunsten meines Schwiegervaters. Das Haus gehört praktisch ihm.»

«Und das Geschäftshaus in Straßburg?» Jetzt war Matter in seinem Element. «Auch vom Schwiegervater finanziert?»

«Nein. Vor zwei Jahren gekauft.»

«Der Preis?»

«Eine Million achthunderttausend Euro. Aber hören Sie –»

Auf der Stirn des Arztes erschienen zwei Zornesfalten. «Hat Sie meine Frau –»

Matter hob abwehrend die Hände. «Aber ich bitte Sie, Herr Doktor!»

Huber ließ den Rest seiner Frage unausgesprochen. Er dachte an Marianne. Wie sie vor anderthalb Jahren mit dem Spaniel ausgezogen war und außer ihrem Mercedes-Coupé demonstrativ nichts mitgenommen hatte. Er wolle ja nichts mehr von ihr. Und sie gedenke ihr Leben nicht damit zu verplempern, sich seine Krankengeschichten anzuhören. Auf seine Frage, ob sie einen Freund habe, erklärte sie, das gehe ihn nichts an. Und jetzt kam dieser Matter mit seinen geschmacklosen Kleidern und seiner Schnüffelei.

Da Huber schwieg, fuhr Matter fort: «Dann wurde das Haus in Straßburg aus Einkommen finanziert, das man vergessen hat zu deklarieren. Sehe ich das richtig?»

«Ja.»

Matter rückte in seinem Patientenstuhl nach vorne, nahe zu Hubers Pult. Leise, wie um das Problem zu verkleinern, sagte er: «Wissen Sie, Herr Dr. Huber, das passiert sehr oft. Da hat man irgendwo ein kleines Konto. Und weil es klein ist, vergisst man es bei den Steuern. Dann taucht ein unerwartetes Nebeneinkommen auf, und ganz von selber landet es auf dem kleinen vergessenen Konto. So kommen manchmal ganz ordentliche Beträge zusammen, und plötzlich ist es nicht mehr möglich, diese Beträge in den offiziellen Kreislauf zurückzuführen.» Er machte eine Pause und musterte den Arzt. Dessen Gesicht sah mit einem Mal müde aus; es verriet lautlos Zustimmung, und der kämpferische Ausdruck war verschwunden. Matter ergänzte seine Ausführungen:

«Aber jetzt müssen wir uns mit dem Problem der Nach- und Strafsteuern befassen, verstehen Sie, Herr Doktor?»

«Ja.»

Damit war der Augenblick gekommen, der Herbert Matter am meisten Freude bereitete. Sein Gesicht belebte sich, und er fing an, Dr. Huber die vom Gesetz vorgesehenen Nach- und Strafsteuern vorzurechnen. Etwas bescheidener als bei Kellenbergers Fall lautete die Endsumme auf lediglich siebeneinhalb Millionen Franken. Weil Herr Huber nichts abgestritten und somit eigentlich aktiv an der Aufklärung mitgewirkt habe, ließe sich das Ganze auf, sagen wir, viereinhalb Millionen reduzieren. Es sei denn, hier machte Matter eine effektvolle Pause, es sei denn, Herr Huber sei daran interessiert, über eine andere, noch flexiblere Variante nachzudenken.

«Und das wäre?», wollte der Arzt wissen.

Wenn man den starren, eidgenössisch-bürokratischen Weg für einen Augenblick vergesse, dann könnte eine Lösung darin bestehen, dass Herr Dr. Huber an einen Empfänger, der noch zu benennen wäre, ein Darlehen von anderthalb Millionen ausrichte. Zinsfrei, für eine Dauer von fünf Jahren. «Es könnte ja sein», schloss Matter, «dass die Information über die französischen Liegenschaften gar nie in den Akten aufgetaucht ist.»

«Oh!»

Huber war sichtlich verblüfft. Mit einem Kugelschreiber fing er an, Kringel auf seinen Rezeptblock zu malen. Matter sah ihm an, dass er intensiv nachdachte. Endlich hob der Arzt den Kopf.

«Ihr Vorschlag ist in der Tat ungewöhnlich. Er tönt zu gut, um wahr zu sein. Ich werde meinen Anwalt konsultieren. Wenn er mir nicht abrät, werde ich Ihr Angebot annehmen.»

Jetzt geriet Matter aus der Fassung. Er sagte: «Das würde ich an Ihrer Stelle nicht tun, Herr Huber.»

«Und warum nicht?»

«Meine Anregung zur Erledigung Ihrer Steuerhinterziehung ist ein Entgegenkommen von mir, um es klar auszudrücken. Wenn eine Drittperson eingeschaltet wird, ist mein Vorschlag hinfällig. Ich werde Sie für das hinterzogene Einkommen samt Verzugszinsen veranlagen.»

«Dann zeige ich Sie wegen Erpressung an!», rief der Arzt. Vor lauter Empörung hatte er Mühe mit dem Atmen, und sein Gesicht lief rot an.

«Vergessen Sie’s», erwiderte Matter, jetzt wieder gefasst und ruhig. «Wenn Sie das tun, zeige ich Sie an wegen versuchter Beamtenbestechung. Sie haben mir vorgeschlagen, mir anderthalb Millionen zu zahlen, wenn ich Ihre Steuerhinterziehung unter den Tisch fallen lasse. Zeugen haben wir beide keine. Aber Ihr Dossier liegt sicher in meinem Büro am Fischmarkt.» Matter stand auf. «Ich glaube, ich gehe besser.»

«Setzen Sie sich bitte», versuchte Huber einzulenken. «Wir sollten das in Ruhe besprechen. Ich habe nicht jeden Tag mit Steuerbeamten zu tun.»

3

Am Abend begab sich Herbert Matter nicht gleich nach Hause, sondern in die Eulerbar beim Bahnhof. Es gefiel ihm, im Halbdämmer zwischen Menschen zu sitzen, die englisch, französisch, russisch oder hochdeutsch sprachen, und ein Bier oder einen Whisky zu schlürfen. Er sah sich im Spiegel hinter dem Rücken des Barmannes, er sah links und rechts die Gesichter der anderen Trinker in ihren Anzügen, er fühlte sich dann unter Seinesgleichen und vergaß, dass er städtischer Beamter in einer mittleren Lohnklasse war. Der Barkellner kannte ihn mittlerweile und blinzelte ihm zu, wenn nebenan ein ältlicher Graukopf mit Pferdeschwanz besonders innig seine Begleiterin befummelte.

Er besaß den Fachausweis als diplomierter Steuerexperte. Sein Unglück war, dass er damals, vor dreiundzwanzig Jahren, weder das Geld noch den Mut gehabt hatte, sich als Steuerberater selbständig zu machen; stattdessen war er in den Staatsdienst eingetreten. Hinzu kam, dass er sich – rückblickend – viel zu früh das Korsett und die Lasten einer bürgerlichen Ehe auferlegt hatte. So verbrachte er mit seiner Frau Sylvia die Sommerferien nicht an den Traumstränden der Malediven, sondern, jedes zweite Jahr, auf der Insel Mallorca für tausendachthundert Franken, zwei Wochen, alles inbegriffen.

Die ehelichen Freuden nutzten sich mit der Zeit ab, verkamen zur Routine und dann zur Pflicht und schließlich zur Last. Daran trug eigentlich niemand Schuld, höchstens die Zeit, die alles gleichmachte, Höhepunkte wegrasierte, Abgründe mit Vergessen zuschüttete. Die Freundin, die er sich vor einiger Zeit zugelegt hatte, half ihm, seine Manneskraft gleichwohl auszuleben.

«Noch ein Bier, Herr Matter?», fragte der Barmann.

«Danke, nein. Heute nicht. Elternabend in der Schule meines Sohnes. Zahlen bitte.»

«Gleich.»

«Dann bis morgen.»

«Ja, gerne.»

Arnold war Matters zweites Unglück. Aufgrund eines Geburtsfehlers war sein linkes Bein vier Zentimeter kürzer als das rechte. Damit blieb es ihm versagt, in irgendeiner Sportart Spitzenleistungen zu erbringen. Und auch in der Schule vermochte er die hochgesteckten Erwartungen seines Vaters nicht zu erfüllen. Wenn nicht ein Wunder geschah – und Herbert Matter glaubte grundsätzlich nicht an Wunder –, würde Arnold allen Hoffnungen des Vaters zum Trotz den Namen Matter weder berühmt noch auch nur in irgendeinem Bereich bekannt machen.


Auch im Fürstentum Liechtenstein war es nicht mehr so einfach, eine neue Bankbeziehung zu eröffnen wie noch vor ein paar Jahren. Das musste Kellenberger Herbert Matter klarmachen, als dieser ihn drei Tage nach dem zweiten Besuch in seiner Kanzlei aufsuchte. Matter war gut gelaunt und zwinkerte Tanja zu, als sie ihn ins Büro des Anwalts führte.

«Heute komme ich gewissermaßen als Klient zu Ihnen», begann er und lachte dazu sein widerliches Lachen.

«So, so», erwiderte der Anwalt. Mehr fiel ihm nicht ein.

Er war schlecht aufgestanden an diesem Morgen. Im Traum hatte ihn jemand aus Versehen in der Waschküche eines Wohnblocks eingeschlossen; Wasser überschwemmte den Raum, er klopfte und rief, bis er aufwachte, ohne dass man ihn befreit hätte. Beim Rasieren störte ihn sein Gesicht: Die Furchen zwischen den Nasenflügeln und den Mundwinkeln wurden immer tiefer, das Fleisch am Kinn fing an schlaff zu werden, und in seinem Haar trat Grau zunehmend in den Vordergrund. Als er aus der Garage fuhr, regnete es; der Himmel war so verhangen, als hätte ihn die Sonne für immer verlassen. Und jetzt noch Matter.

«Ich hätte gerne, dass Sie mich bei einer Bank in Liechtenstein einführen», sagte Matter. «Sie wissen am besten, wie das geht, haha!»

«Liechtenstein? Lesen Sie eigentlich keine Zeitungen?»

Matter grinste. «Sie meinen die Steueraffäre?»

«Ja, die meine ich.» Kellenberger seufzte. Die ganze Welt blickte auf das Fürstentum, seit vor einiger Zeit ein Angestellter einer großen Bank in Vaduz dem deutschen Fiskus über tausend vertrauliche Kundendaten verkauft hatte. «Das Steuerparadies Vaduz hat böse Lackschäden erlitten. Ich würde heute dort kein Geld mehr anlegen. Wie Heuschreckenschwärme fallen dieser Tage die deutschen Steuerfahnder über echte und vermeintliche Steuersünder her. Alles wegen dieser Indiskretion.»

«Die erst noch mit einem Millionenbetrag honoriert worden ist», sinnierte Matter. «Nimmt mich wunder, wie viel wir hier in Basel aufwerfen würden, wenn man uns die Hinterzieher so auf dem Silbertablett servieren würde, haha!»

«Nichts, will ich doch sehr hoffen», erklärte der Anwalt. «Das wäre die reine Hehlerei.»

«Ach wo!» Matter verwarf die Hände. «Ich begreife die deutschen Kollegen. Da muss man doch zugreifen.»

«So, so», sagte Kellenberger zum zweiten Mal.

Herbert Matter wurde ungeduldig. «Wie dem auch sei! Ich habe keine Angst. Wählen Sie irgendeine kleine Bank, für die sich niemand interessiert.»

Seine blauen Kulleraugen blickten am Anwalt vorbei in unbestimmte Fernen. Für ihn war Vaduz kein Problem. Kellenberger sagte: «Ich muss von Ihnen wissen, wer der Kontoinhaber sein soll. Sie selber oder Sie und Ihre Frau gemeinsam? Dann brauche ich eine beglaubigte Kopie Ihres Passes. Und schließlich benötige ich eine genaue Schilderung, woher die Mittel stammen, die Sie bei der Bank anlegen wollen.»

Matter antwortete in fröhlichster Laune. «Um hinten anzufangen: Über die Herkunft der Mittel müssen Sie sich etwas einfallen lassen. Eine Erbschaft vielleicht, erfolgreiche Geschäfte im Ausland, eine Schenkung, was weiß ich. Die Passkopie schicke ich Ihnen, und das Konto soll zunächst auf mich persönlich lauten.»

«Die Bank kann Belege für die Herkunft der Mittel verlangen.»

«Sie sind der Anwalt, Herr Doktor.»

«Aber Sie werden Geschäftspartner der Bank, nicht ich. – Und ich denke, wir sollten einen Darlehensvertrag abschließen.»

«Nein, das werden wir nicht», erwiderte Matter. «Es ist nicht nötig. Wir haben gemeinsame Interessen.»

«Und welche Garantie habe ich, dass die ominöse Meldung der Steuerverwaltung von Vaduz aus Ihren Akten verschwindet?»

«Keine, Herr Kellenberger, keine.» Matter lachte wieder. «Sie werden mir wohl oder übel vertrauen müssen.»


Der Anwalt wusste, dass er ihm vertrauen musste. Als Matter gegangen war, überprüfte Kellenberger seine eigenen Alternativen. Er konnte den Wohnsitz kurzfristig ins Ausland verlegen und seine Guthaben – vor der Zahlung an Matter – ebenfalls woanders hin übertragen, nach Mauritius, Dubai, Singapur, auf die Bahamas oder ganz einfach nach London. In Krakau kannte er eine Verlagslektorin, die perfekt Deutsch sprach, in Perpignan einen Transportunternehmer, und in Vilnius saßen seine Klienten aus dem internationalen Finanzbereich. Sie alle würden ihm gerne helfen. Sein Haus in Basel war – als Spätfolge seiner Scheidung – so hoch mit Hypotheken belastet, dass er es ohne Bedauern verlassen und dem Zugriff der Steuerbehörden überlassen konnte. Er brauchte im Ausland nicht einmal unterzutauchen. Einfache Steuerhinterziehung galt in der Schweiz immer noch nicht als Straftat. Strafbar war erst der Steuerbetrug, also etwa das Fabrizieren falscher Dokumente zur Irreführung der Behörden. Davon war jedoch keine Rede; dass er Plus-Minus nicht deklariert hatte, reichte bei weitem nicht für den Vorwurf des Betrugs.

Dennoch beschloss er, in Basel zu bleiben. Es war die Stadt seiner Kindheit. Er liebte den Blick über den Rhein mit seinen trägen Wellen und auf den Messeturm am Horizont des anderen Ufers. Er liebte seine gelegentlichen Gänge durch die Stadt, den «Goldenen Sternen», seine Stammkneipe an Fluss, das Gewimmel der Menschen, die er nicht kannte, die Vielfalt an Sprachen und Völkern und die farbenprächtigen Gewänder der Afrikaner und Muslime, die jetzt im Frühling im Stadtbild wieder überhandnahmen. Und auf die paar Freunde, die ihm geblieben waren, mochte er keinesfalls verzichten. Ihre Gespräche, wenn sie gelegentlich abends zum Essen ausgingen, bewegten sich an der Oberfläche. Höchstpersönliches wurde kaum angesprochen, und so brauchte er von sich auch nichts preiszugeben.

Davon ausgenommen war natürlich sein Freund Kurt. Er lebte im Mittelland auf einer Anhöhe mit wunderschöner Aussicht auf die Dörfer, in der Ferne die Autobahn und weit hinten am Horizont die Bahn. Sein Haus hatte er perfekt eingerichtet; es hätte jeder Zeitschrift für schöneres Wohnen zur Ehre gereicht. Und seinen Garten pflegte er so liebevoll, dass kein Efeu und kein Unkräutlein sich in den kurzgeschorenen Rasen verirrten. Ihre Freundschaft bewährte sich seit gut dreißig Jahren, als sie gemeinsam im Militärdienst litten. Kurt kannte alle seine Schwächen, Kellenberger die seinen, und Kurt riet ihm dazu, sich trotz seiner unangenehmen Erfahrung mit Helen wieder nach einer Frau umzusehen.

Bei der Universal Bank kannte der Jurist seit langem den Generaldirektor Peter Danuser. Als er ihm telefonisch Matter als neuen Kunden anzeigte, klagten sie zunächst einträchtig über die Arglist der deutschen Behörden. Aber die Universal Bank sei nicht gefährdet, versicherte Danuser. Ihr Personal sei sorgfältig ausgewählt, sehr gut bezahlt und habe keinen Grund, die Bank oder deren Kunden zu verraten. Er lasse ihm sofort die notwendigen Dokumente für Herrn Matter zustellen.

Kellenberger wusste, dass es keine Rückfragen geben würde, wenn er Danuser alles sauber ausgefüllt zurücksandte. Beim Fragebogen setzte er als Matters Beruf «Steuerexperte» ein. Die Herkunft von dessen Mitteln umschrieb er mit «sehr erfolgreiche Betätigung im Finanzbereich unter Ausnützung seiner fundierten Spezialkenntnisse»; und schließlich bestätigte er, Matter persönlich gut zu kennen.

Als alles bereit war, bestellte der Anwalt Matter in seine Kanzlei. Es war Abend, und sie waren allein. Kellenberger ließ ihn alle Formulare unterzeichnen und legte seinen Begleitbrief an Danuser dazu.

«Jetzt können Sie das Ganze versenden, und in zwei Tagen ist Ihr Konto bereit.»

Matter schüttelte den Kopf. «Schicken Sie die Originale an die Bank und einen Satz Kopien an mich.» Dann fügte er maliziös hinzu: «Und vergessen Sie nicht die Auszahlung des Darlehens.»

Als Matter gegangen war, blätterte Kellenberger die Dokumente nochmals durch. Beim Blatt «Unterschriftenregelung» hielt er inne. Er hatte Matter als einzigen Zeichnungsberechtigten eingesetzt, die drei Felder darunter waren leer. Einem Impuls folgend, ging er hinaus ins Sekretariat. Dort gab es zum Ausfüllen von Formularen noch eine altmodische Schreibmaschine mit Farbband und Walze. Er spannte das Blatt ein und setzte sich als zweiten Zeichnungsberechtigten ein. Dann fügte er seine Unterschriftenprobe bei, kopierte alle Dokumente und stopfte sie in die Umschläge. Er verließ das Büro und warf die beiden Sendungen in den nächsten Postkasten. Falls ihn Matter je darauf ansprechen sollte – der Anwalt glaubte es nicht –, würde er es als reinen Routinevorgang darstellen. Bei Auslandkonten sollte nie nur eine einzige Person unterschriftsberechtigt sein.

Seine Vermutung erwies sich als richtig. Matter hatte seine Kopien nicht angeschaut. Ihm ging es nur ums Geld, nicht ums Papier.

4

Einige Tage später brachte die Post Matter die Bestätigung der Universal Bank, dass 3 850 000 Franken auf sein neues Konto einbezahlt worden seien. Die Bank schrieb dazu, sie offeriere gerne ihre Dienste bei der sorgfältigen Anlage seines Guthabens und stehe überhaupt jederzeit zu seiner Verfügung. Dem Anwalt hatte Peter Danuser eine Kopie geschickt und sich für die neue Geschäftsbeziehung bedankt. Es erwies sich bereits als nützlich, dass dieser ebenfalls unterschriftsberechtigt war. So erfuhr Kellenberger, dass Matter sich über seine zwei Millionen hinaus noch weitere Beträge zu erpressen verstanden hatte.

In derselben Post fand Matter neben den Bankmitteilungen die Todesanzeige über das Ableben seines Schulfreundes Sebastian Bogdan in London. Bogdan hatte ihm imponiert, weil er sich bei keiner Schurkerei erwischen ließ. Die Beisetzung war auf den kommenden Samstag angesetzt. Matter beschloss sofort, hinzureisen und das Wochenende mit seiner Freundin zu verbringen. Seine Frau orientierte er beim Mittagessen.

«Ich muss da hin. Ich reise Freitagabend und komme am Sonntag zurück.»

«Ich könnte dich begleiten. Es wäre schön, ein Wochenende mit dir in London.»

Matter schüttelte den Kopf. «Es werden etliche Schulkollegen dort sein. Man wird sicher nachher noch zusammen sein und Erinnerungen austauschen. Du würdest dich langweilen. Außerdem würde es glatt tausend Franken mehr kosten. So viel möchte ich für den guten Sebastian doch nicht ausgeben, haha.»

Er nahm die Karte, die in einer schönen kalligrafischen Schrift gedruckt war, am Nachmittag mit ins Büro.

Um siebzehn Uhr hörte er im Gang draußen die Schritte der Kollegen vom gleichen Stockwerk. Auf die Minute pünktlich verließen sie ihre Arbeitsplätze. Matter lehnte sich zurück. Er hielt nichts von dieser Eile am Feierabend. Jetzt war der Augenblick, da er seinen Gedanken freien Lauf lassen konnte.

Sein Blick fiel auf das Bild seiner Frau. Es gelang ihm, das Bild einer jungen Frau mit dunklen Mandelaugen und vollem langem Blondhaar in den Silberrahmen hineinzudenken. In einer halben Stunde würden sie sich treffen. Sylvia hatte Spanischunterricht; vor halb zehn würde sie nicht nach Hause kommen. Und jetzt, da ihm Geld in reichem Maß zur Verfügung stand, war es ohnehin an der Zeit, sich von ihr zu trennen. Sie war so bieder und langweilig geworden, und die Falten im Gesicht und am Bauch ließen sich mit allen Kosmetika – wie er diese Dosen und Tuben hasste, die überall im Bad herumstanden! – nicht wegzaubern. Und ihren Sohn hatte sie ebenfalls verdorben mit ihren ständigen Leitplanken und Richtlinien. Trotz seiner vierzehn Jahre weigerte sich Arnold hartnäckig, zu pubertieren. Er kiffte nicht und stellte nichts an. Wenn Leim auf den Stuhl des Lehrers geschmiert oder am Passat des Schulhausabwarts die Scheiben rosa gefärbt wurden, war Arnold nicht dabei. Seine Leistungen waren nicht gut und nicht schlecht, er wurde weder gescholten noch ausgezeichnet; es war, wie wenn es ihn gar nicht gäbe. Was immer an Persönlichkeit in ihm stecken mochte, verbarg er hinter einem scheuen, fast devoten Auftreten.

Herbert Matter schloss die Augen. Ich bin ein Glückspilz, dachte er, ich bin wirklich ein Glückspilz. Ich habe es ihnen gezeigt. Sollen die anderen statistische Größen bleiben, Material für Volkszählungen und Meinungsumfragen. Sollen sie weiterhin über Lohnerhöhungen um anderthalb oder zwei Prozent streiten. Ich fange jetzt an zu leben.

Dann dachte er: Bis es so weit ist, lebe ich unauffällig weiter wie bisher. Ich werde nicht mit Geld um mich werfen, höchstens manchmal ein Essen in einem der besseren Lokale. Heute Abend entscheidet sich, wie es weitergeht. Tanja wird sich freuen.


Tanja wartete auf Matter bei der letzten Tankstelle vor dem Grenzübergang ins Elsass. Das war jeden Mittwochabend ihr Treffpunkt, inmitten der französischen Grenzgänger, die mit ihren kleinen Renaults und Peugeots nach Hause fuhren. Dreizehntausend an der Zahl, wälzte sich ihr Zug jeden Morgen zur Arbeit nach Basel und jeden Abend zurück in die elsässischen Dörfer rund um die Grenze. Matter sah Tanjas blonden Schopf von weitem.

«Heute war er wieder unausstehlich», sagte sie, als sie die Zollstation hinter sich hatten. «Zwei Briefe waren schlecht formatiert, das Mailprogramm ist abgestürzt, ein Klient hat ihm das Mandat entzogen.»

Matter lachte. «Sei nachsichtig, mein Häslein. Kellenberger hat schwierige Zeiten hinter sich. – Heute Abend feiern wir, auf seine Kosten!»

«Hat alles geklappt?», fragte sie.

«Alles wie am Schnürchen. Alle drei haben bezahlt, die Bank hat heute die Bestätigung geschickt.»

Tanja lehnte sich an Matters rechte Schulter. «Du bist ein Genie», erklärte sie. «Mein Genie.»

Er legte die Rechte auf ihren Schenkel. «Dank dir, Häslein. Ohne deinen Tipp wären wir heute nicht so weit.»

«Der Tipp war ja unabsichtlich. Aber du musst mir alles erzählen.»

«Klar. Bei einem feinen Essen und einem guten Glas Wein.»

«Einverstanden.»

«Und am Wochenende reisen wir zusammen nach London, wenn du nichts Wichtigeres vorhast.»

«Oh?» Sie strahlte. «Ich liebe Überraschungen.»

Es war bereits warm an diesem Aprilabend, und die offene Landschaft empfing sie in sattem Grün. Auf den Feldern blühten der Löwenzahn und das Wiesenschaumkraut, die Riegelbauten glänzten in allen Pastellfarben; Herbert Matter spürte den Frühling, und mit Tanja neben sich vergaß er seine siebenundvierzig Jahre und sein unvorteilhaftes Gesicht. Früher hatte ihn seine Mutter immer zu trösten versucht, wenn er sich über sich beklagte. Ein Mann muss nicht schön sein, lautete ihre Devise; es genügt, wenn er ein bisschen weniger hässlich ist als der Teufel.

Er hatte im Restaurant Zur alten Schmitte reserviert. Das ehrwürdige Lokal war teuer und im Guide Michelin mit einem Stern ausgezeichnet. Matter bestellte eine Flasche Champagner, Moët Chandon, um auf ihre Zukunft anzustoßen.

Nach dem Essen, als die Dämmerung bereits einen blauen Schimmer über das Dorf, die Felder und die Bergrücken im Hintergrund warf, griff Matter in die Jackentasche. Er zog ein kleines Päckchen hervor und legte es auf den Tisch.

«Das ist für dich, mein Häslein. Du hast mir den Hinweis auf Plus-Minus AG gegeben, dein Chef hat gestanden und wurde weich wie Butter, als ich ihm die maximale Steuerforderung vorrechnete, haha.»

Tanja lachte. «Zusammen sind wir offenbar ein gutes Team.» Ihr Blick ruhte auf dem rostrot eingewickelten Päckchen. «Und die anderen beiden?», fragte sie.

«Es war reiner Zufall, dass ungefähr zur selben Zeit Hubers Frau ihren Mann denunzierte, aus reiner Wut, um ihm eins auszuwischen. Und Regenass», Matter schmunzelte, «habe ich in den Akten gefunden. Er ist ein Tölpel. Kann einem fast leidtun.»

«Und wie viel hast du jetzt insgesamt?»

«Drei Millionen achthundertfünfzigtausend.»

«Das tönt gut.» Tanja streckte die Hand nach dem Geschenk aus. «Darf ich es öffnen?»

«Klar, nur los!»

Matter schaute zu, wie Tanja das Geschenkpapier aufriss. Es erfüllte ihn mit Stolz, dass er in der Lage war, seiner Freundin etwas Wertvolles zu schenken. Er hatte am Nachmittag für eine Stunde sein Büro verlassen. Bei einer Bankfiliale hob er zehntausend Franken von seinem Konto ab. Dann ließ er sich im schönsten Juweliergeschäft Diamanten zeigen. Es erstaunte ihn, wie klein die Klunkerchen waren. Geduldig hörte er sich die Erklärungen des Fachmanns an, dann entschied er anhand des Preises. Ein wunderschönes Stück, bestätigte der Verkäufer; 1,2 Karat, vvs. Geeignet für einen Ring oder als Herzstück eines Anhängers.

«Oh, wie schön, Herbert!»

Tanja stand auf, ging um den Tisch, umarmte Matter und drückte ihm einen Kuss auf die Stirne.

«Es ist recht, wenn es dir gefällt. Wir können in Ruhe überlegen, was wir damit machen. Einen schönen Ring oder einen Anhänger.»

«Oder wir lassen ihn, wie er ist, als Kapitalanlage.» Sie ging zurück zu ihrem Platz. «Sag, Herbert – Diamanten steigen doch im Wert, oder?»

Matter zögerte; diese Frage hatte er dem Verkäufer nicht gestellt. «Wahrscheinlich schon. Warum?»

«Nur so. Ist ein Zertifikat dabei?»

«Natürlich. Unten in der Schachtel.»

Sie fand das Dokument und studierte es. «Was bedeutet vvs?», wollte sie schließlich wissen.

«Jeder Diamant hat gewisse Unreinheiten, die von bloßem Auge kaum sichtbar sind», begann Matter seine Erklärung, zufrieden über sein neu erworbenes Wissen. «vvs heißt, dass nur ganz, ganz winzige Unreinheiten vorhanden sind. Es ist eine der höchsten Qualitätsstufen.»

«Das ist sehr gut.» Sie verschloss die Schachtel und verstaute sie in ihrer Handtasche. «Und jetzt?»

Matter lachte scheppernd. «Jetzt gehen wir zu dir. Hast du keinen Appetit?»

Tanja antwortete nicht gleich. Sie blickte ihn an, prüfend, wie ihm schien. Ihr Mund war zu einem Strich zusammengepresst. Endlich sagte sie:

«Wir werden uns wohl wieder beeilen müssen. Damit du vor deiner Frau zu Hause bist.»

«Nicht mehr oft. Noch zwei Tage, dann fliegen wir nach London, ungestört ein ganzes Wochenende lang.»

«Und danach?»

«Ich trenne mich von Sylvia.»

«Weiß sie es schon?»

«Nein, noch nicht.»

«Und wann willst du es ihr sagen?»

«Wenn wir von London zurück sind.»

«Aha.» Dann fügte sie mit einem kleinen Schmunzeln bei: «In London kaufe ich dir eine schöne Krawatte.»


Am Freitagnachmittag, als Herbert Matter sich gut gelaunt anschickte, das Büro zu verlassen, beschäftigte sich sein Chef, Konrad Nägeli, noch intensiv mit seinen Amtspflichten. Als Abteilungsleiter Veranlagung oblag es ihm, von Zeit zu Zeit stichprobenweise die Steuerveranlagungen der ihm unterstellten Beamten zu überprüfen. Ohne besonderen Grund wählte er Matters Bereich. Er rief die zuletzt bearbeiteten Dossiers auf und gelangte so zu Huber, Regenass und Kellenberger. Bei allen fand sich Matters Genehmigungsvermerk; bloß die Steuerbeträge mussten noch errechnet und die Steuerrechnungen ausgefertigt und versandt werden.

Konrad Nägeli vertiefte sich in die elektronischen Akten. Bei Kellenberger fand er eine Notiz Matters «Vaduz überprüfen», aber keinen Hinweis, ob die Überprüfung stattgefunden hatte. Das Dossier Huber enthielt im Aktenverzeichnis den Hinweis auf den Eingang eines Briefes der Ehefrau Huber vom 7. März. Der Brief selber war nicht eingescannt; Nägeli würde ihn am Montag von Matter anfordern. Interessant war der Fall Paul Regenass. Nägeli verglich die beiden letzten Steuererklärungen und stellte sofort fest, dass Regenass im vergangenen Jahr angeblich bloß rund zwanzigtausend Franken für den Lebensunterhalt seiner Familie – ein Ehepaar und zwei Kinder – aufgewendet hatte. Jeder Laie musste erkennen, dass das nicht stimmen konnte.

Kopfschüttelnd schloss Konrad Nägeli die drei Dossiers. Matter war ein äußerst pflichtbewusster und sachkundiger Beamter. Nach fast zwanzigjähriger Zusammenarbeit betrachtete Nägeli ihn als Freund. Dennoch würde er am Montag einiges zu erklären haben.


Am Freitagabend bestand Sylvia darauf, Matter zum Flughafen zu fahren. «Wenn ich dich schon das ganze Wochenende nicht habe», erklärte sie. In der großen Halle mit den Check-in-Schaltern sah er von weitem Tanja; sie entdeckte ihn im gleichen Augenblick. In der Tasche trug er die Flugtickets für beide. Tanja machte ein paar Schritte in seine Richtung, dann hielt sie inne. Wahrscheinlich hatte sie erkannt, dass die rundliche Dame mit dem strengen Haarschnitt zu ihm gehörte. Um sein Entsetzen unter Kontrolle zu bringen, richtete er den Blick auf die Anzeigentafel mit den Flugbewegungen. Bei seinem Flug stand eine Anzeige: eine halbe Stunde Verspätung. Das war Matters Rettung.

Er wandte sich seiner Frau zu. «Schau, wie sich das trifft! Jetzt haben wir Zeit für einen Abschiedstrunk. Den Koffer gebe ich nachher auf.»

Im Lift nach oben zum Restaurant erkundigte sich Sylvia: «Warum fliegst du eigentlich nicht mit EasyJet? Das wäre doch viel billiger.»

Matter winkte mit einer großen Geste ab. Den Mittagsflug habe er nicht nehmen können, weil er im Amt stark beansprucht war. Und der nächste Flug morgen Vormittag kam nicht in Frage, weil er damit die halbe Beerdigung verpasst hätte. Also Swiss, leider. Dass er Business Class gebucht hatte, verschwieg er.

Im Restaurant fanden sie einen Tisch beim Fenster mit Blick aufs Flugfeld. Sie bestellten Getränke, Matter ein Bier und Sylvia einen Pfefferminztee. Er erhob sich.

«Entschuldige mich einen Augenblick. Ich muss zur Toilette.»

Mit seinen kleinen, energischen Schritten eilte er den Gang zurück, durch den sie gekommen waren. Die Türen zu den Toiletten befanden sich links, gleich neben dem Aufzug. Es dauerte nur Sekunden, bis sich die Lifttür öffnete und drei übermütige Burschen und ein kicherndes Mädchen mit roter Cherokeefrisur entließ. Matter fuhr nach unten und suchte die Halle ab. Tanja stand am Auskunftsschalter der Swiss. Sie lachte, als er zu ihr trat und ihr einen Kuss auf die Wange drückte.

«Deine Frau, nehme ich an», sagte sie.

«Ja, sie wollte mich unbedingt begleiten.»

Tanja strich ihm über sein schütteres Haar. «Du Armer! Ich verstehe jetzt, dass du dich von ihr trennen willst.»

Matter war nervös. «Ich muss zurück. Hier ist dein Ticket. Setz dich in die Lounge. Ich komme, sobald Sylvia verschwunden ist.»

5

Die Weltstadt London glänzte wie neu, als Herbert Matter mit seiner Geliebten eintraf. Die Abendsonne warf lange Schatten; sie fuhren mit der Schnellbahn an putzigen neuen Reihenhäuschen mit winzigen Vorgärten und spiegelnden Fensterscheiben vorbei, dazwischen Werkstätten, Garagen und viel Schrott. Ein Kran verschob lautlos Metallträger, im Hintergrund zog gemächlich die Themse.

Ein Taxi brachte sie von der Endstation zum Old Hampshire Hotel. Matter fragte den Fahrer in hölzernem Englisch, ob sich zu dieser Jahreszeit viele Touristen in London aufhielten; mehr fiel ihm nicht ein. Sehr viele Touristen, lautete die Antwort, und zwar zu jeder Jahreszeit. Tanja erkundigte sich, ob Matter seiner Frau den Namen ihres Hotels genannt habe. Ja, es wäre unnatürlich gewesen, das nicht zu tun. Dann werde sie gewiss im unpassendsten Augenblick anrufen. Matter lachte: «Dann lassen wir es einfach läuten, wenn es uns nicht passt!»

Im Hotelzimmer dämpften lange Tüllvorhänge das letzte Tageslicht. Ein hohes Doppelbett, überzogen mit einer rostfarbenen Brokatdecke, erinnerte ans vorletzte Jahrhundert, ebenso der unförmige Nussbaumschrank. Aber das Bad war neu eingerichtet. Nicht ohne Stolz musterte Matter den hellen Travertinboden und die großen, weißen Kacheln, welche die Badewanne und eine geräumige Dusche umgaben. Ob es ihr gefalle, wollte er von Tanja wissen. Ja, und sie freue sich sehr, ein wenig durch die Stadt zu bummeln, es sei vier Jahre her seit ihrem letzten Besuch in London.

«Sofern wir Zeit und Lust haben zum Bummeln», meinte Matter.

«Ich kann alleine bummeln, während du zur Beerdigung gehst.»

Matter schüttelte den Kopf. «Eigentlich hatte ich im Sinn, auf die Beerdigung zu verzichten. Der gute Bogdan hat nichts davon, wenn ich seinen Nachrufen zuhöre, haha.» Er trat zu Tanja und fasste sie an den Schultern. «Zusammen haben wir es viel schöner, glaubst du nicht?»

«Natürlich», sagte Tanja und drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Stirne. «Aber du solltest trotzdem hingehen. Es werden Leute dort sein, die dich kennen. Wenn du nicht erscheinst, wird sich das herumsprechen.»

Sie entwand sich behutsam Matters Griff. «Ich hatte vor, mich jetzt ein wenig zu erfrischen, für den Fall, dass wir nachher ausgehen.»

Er sah an Tanja vorbei und erblickte sich im Spiegel. Sein rundes Gesicht glänzte, und hinter der linken Schläfe stand ein Haarbüschel unvorteilhaft ab. Aus den Nasenlöchern ragten schwarze Härchen, dafür wuchsen ihm praktisch keine Brauen über den Augenwülsten. Über dem Bauch spannte die Jacke, die er noch nicht abgelegt hatte. Herbert Matter gefiel sich nicht, und seine Stimmung schlug um in eine milde Depression.

«Du hast recht», sagte er. «Ich überlasse dir jetzt das Bad.»


Seit langem hatte er sich in den Kopf gesetzt, Alpakas zu züchten. Dass er nichts von Alpakas verstand, keine Ahnung hatte, wie man Weideland bewirtschaftete, kümmerte ihn wenig. Das Nötigste konnte er lernen, man konnte Fachkräfte anstellen, Geld war ja kein Problem. Ein Freund hatte von Neuseeland geschwärmt; es sei wie die Schweiz, sauber, mit Schneebergen, Weiden mit Vieh, mehr Schafe als Kühe, und eben Alpakas. Sie waren robust, vertrugen jedes Klima und brachten erst noch Geld ein. Und Neuseeland war weit genug entfernt von Basel, von Sylvia und seinem Sohn, den sie verdorben hatte, und von der Steuerverwaltung und den drei Tölpeln mit ihren Darlehen.

Diese Überlegungen unterbreitete er Tanja beim Abendessen im «Bibendum», während sie auf das Rindsfilet warteten. Der Rotwein, ein argentinischer Malbec, nahm allen schwierigen Gedanken die Härte, und Matter war von seinen Argumenten derart begeistert, dass ihm undenkbar erschien, Tanja könne von seinen Plänen nicht überzeugt sein. Sie schwieg, und ihre Augen verrieten nicht, was sie dachte. Im Dämmerlicht erschien ihm ihr Haar wie ein goldener Kranz, ihr Gesicht darunter wie das Antlitz einer Königin. Endlich sagte sie:

«Kennst du jemanden in Neuseeland?»

«Nein», erwiderte er. «Aber man kann überall Leute kennenlernen.»

«Und den Ort hast du schon ausgesucht?»

«Noch nicht. Ich will mir alles zuerst ansehen. Es gibt auch eine Alpaka-Vereinigung.» Matter unterbrach sich, unsicher, wie viel Tanja überhaupt über Alpakas hören mochte. Er fuhr fort: «Die ersten Alpakas wurden 1986 aus Chile nach Neuseeland exportiert. In Südamerika hat man sie schon vor 6000 Jahren domestiziert. Ihre Wolle ist wertvoll, sie brauchen wenig Pflege und sind gutmütig.»

Jetzt lachte Tanja hell und unbeschwert. «Entschuldige, Herbert, aber an die Vorstellung von dir in blauen Latzhosen, wie du deine gutmütigen Tiere fütterst, striegelst oder was sonst man mit ihnen macht, muss ich mich erst gewöhnen. Verstehst du das ein wenig?»

«Ja und nein.» Matter zögerte verunsichert. «Ich stelle mir vor, dass wir das alles gemeinsam erkunden. Danach wissen wir mehr und können Entscheidungen treffen.»

«Herbert, du bist ein Träumer», sagte Tanja leise. «Ich mag das an dir.» Sie legte ihre Hand auf seine. «Aber ich habe eine Stelle und kann nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden.»

«Die Stelle kannst du aufgeben. Wir haben jetzt genug Geld.»

«Du hast genug Geld», berichtigte sie.

«Es ist für uns», erklärte Matter. «Ich habe bereits ein Vollmachtsformular angefordert, damit du auch darüber verfügen kannst.»

«Und du? Deine Familie, deine Stelle?»

Matter fasste Tanjas Hand. «Ich hoffe, du wirst meine Familie. Von Sylvia trenne ich mich, das habe ich dir bereits gesagt. Und meine Stelle kündige ich zur Jahresmitte. Mit meinen Ferien und Überzeitguthaben kann ich vor Ende Mai aufhören im Amt.»

«Was machen deine Opfer, wenn du einfach von der Bildfläche verschwindest?»

«Sie werden mich verfluchen, was sonst.» Matter lachte sein lautes Lachen, und die Gäste am Nachbartisch drehten sich um.

«War das ein Antrag vorhin?», fragte Tanja. «Habe ich richtig gehört?»

«Ja, natürlich», erwiderte Matter. Er fühlte sich unbequem. Gespräche über Liebe und Zuneigung erschreckten ihn; man konnte falsch verstanden oder gar zurückgewiesen werden. Mit Sylvia redete er schon seit Jahren nicht mehr über solche Dinge.

Jetzt brachte der Kellner das Hauptgericht und goss Wein nach. So verschob sich das delikate Thema wie von selbst auf einen späteren Zeitpunkt. Das Fleisch war innen zartrosa, ganz wie es sein sollte.

«Vortrefflich», sagte Matter.

«Allerdings», erwiderte Tanja.

Später beim Nachtisch, als der Wein fast ausgetrunken war, sagte Tanja: «Ich weiß nicht, ob ich einfach so mit dir nach Neuseeland verschwinden kann. Seit meiner Scheidung vor drei Jahren bin ich unabhängig und auf mich gestellt. Das ist manchmal schwierig, hat aber auch Vorteile. Die paar Bekannten, die ich habe, leben in oder bei Basel; ich möchte sie eigentlich nicht verlieren. Und was ist, wenn du eines Tages genug hast von mir?»

«Oder du von mir?», fragte Matter zurück.

Darauf ging Tanja nicht ein. Aber sie fragte: «Warum willst du eigentlich ausgerechnet nach Neuseeland? Nur wegen der Alpakas?»

«Nein!», rief Matter, wieder ein wenig zu laut. «Ich habe genug! Genug von Basel, von Sylvia, vom Fischmarkt, von allem. Das führt doch alles nirgends hin. Immer dieselben Tage, dieselben Gesichter, dieselben Sprüche der Kollegen. Zu Hause wird auch alles immer enger. Sylvia und ihr Haushalt! Arnold braucht neue Hosen. Der Geschirrspüler muss repariert werden. Rita hat angerufen, sie probiert eine neue Diät aus. Die Fahrräder dürfen nicht mehr im Treppenhaus abgestellt werden. Und so weiter, und so weiter! Ich brauche einen totalen Tapetenwechsel, ein neues Leben. Alpakas sind faszinierende Tiere. Pflegeleicht, freundlich. Und Neuseeland ist sauber und zivilisiert, bietet alles, was man braucht.»

«Und deine Freunde?», fragte Tanja. «Willst du die einfach so aufgeben?»

Matter zögerte. «Ich weiß nicht, ob ich Freunde habe. Eher Kollegen. Man kann schreiben …»

«Und dein Sohn?»

«Arnold? Der macht sich nichts aus seinem Vater. Und die Mutter verwöhnt ihn wegen einer kleinen Behinderung. Er wird mich nicht vermissen.»

«Wirst nicht du ihn vermissen?»

«Ich weiß es nicht.»

Tanja schüttelte den Kopf. «Mir scheint, du willst flüchten. Vor deinem bisherigen Leben, vor deiner Familie, vor dir selber. Aber dich hast du immer und überall dabei.»

Herbert Matter lachte wieder. Der kritische Unterton in Tanjas Bemerkung entging ihm. Er sagte: «Wenn du dabei bist, macht es mir nichts aus.»


Am Sonntagabend holte ihn Sylvia am Flugplatz ab. Er hatte Tanja gebeten, vor ihm durch die Passkontrolle zu gehen, und versprochen, sie am Montagabend anzurufen. Sylvia entdeckte ihn sofort, als er durch die Milchglastür trat. Sie umarmte ihn und küsste ihn auf den Mund.

«Du hast eine neue Krawatte», stellte sie fest, während sie zum Ausgang schritten.

«Ja.»

«Gefällt mir. Passt gut zu deinem Hemd.»

Später entdeckte Sylvia den roten Priority-Kleber am Koffergriff. «Bist du Business Class geflogen?», fragte sie ungläubig.

Er folgte ihrem Blick zum Koffer. «Ah, das», meinte er. «Man hat mir ein Upgrade gegeben in London, weißt du.»

«Da ist es dir aber gut ergangen!»

«Die Sitzanordnung ist gleich wie hinten. Nur das Essen ist besser.»

«Hm.» Sylvia zögerte. «Du warst offenbar viel unterwegs. Ich habe dreimal versucht, dich anzurufen. Und das Handy war ausgeschaltet. Du hättest mich einmal anrufen können.»

Matter widersprach. «Die Batterie war am Ende, und ich habe das Ladegerät zu Hause vergessen. Wir waren unser sechs gestern Abend. Nach Mitternacht wollte ich dich nicht wecken, verstehst du.»

Während sie zum Parkplatz schritten, überlegte er krampfhaft, wie er Sylvia seinen Entschluss möglichst schonend beibringen konnte.


Am Montagmorgen bat ihn sein Chef zu einer kurzen Besprechung. Das Büro des Abteilungsleiters war geräumig; an der Wand gegenüber dem Fenster hing eine Lithografie von Niklaus Stöcklin, und in der Ecke machte sich ein Gummibaum mit dunkelgrün glänzenden Blättern breit. Sie setzten sich an den großen Besprechungstisch. Matter war bedrückt; für heute Abend hatte er das Gespräch mit Sylvia geplant. Nägeli, zweiundfünfzig, strahlte Kraft und Energie aus. Man sah ihm den ehemaligen Spitzenhandballer an. Unter seinem silbergrauen Bürstenhaarschnitt funkelten wache, braune Augen; jetzt gerade waren sie prüfend auf Herbert Matter gerichtet.

«Wie war London?», erkundigte er sich freundlich.

«Tolle Stadt», brummte Matter. «Die Abdankung fand in einer alten Basilika statt, gut zweihundert Leute. Viele Kollegen, die ich seit der Jugend nicht mehr gesehen habe.»

«Ja, so geht das, wenn man älter wird. Man trifft sich immer häufiger bei Beerdigungen. – Aber jetzt zur Sache», sagte Nägeli. «Ich habe am Freitag ein paar Akten überprüft. Da sind Fragen aufgetaucht, die du sicher beantworten kannst.»

Matter runzelte die Stirn. «Ja?»

Konrad Nägeli zählte die drei Dossiers auf, erkundigte sich nach dem Vermerk über Vaduz und dem Brief der Ehefrau Huber, fragte ungläubig, ob Herbert denn bei Regenass nicht die Verbrauchsrechnung überprüft habe. Matter schloss die Augen wie um nachzudenken. Milde Panik breitete sich in ihm aus. Dann lehnte er sich zurück.

«Alles der Reihe nach», begann er. «Natürlich ist mir die wundersame Vermehrung des Vermögens von Herrn Regenass aufgefallen. Er bekommt eine amtliche Veranlagung, die sich sehr von seiner eigenen Steuererklärung unterscheiden wird.»

«Dann ist ja gut», sagte Nägeli.

«Nun Kellenberger. Ich prüfe noch, ob er von einer Liechtensteiner Gesellschaft Honorare bezogen hat, die er uns nicht deklariert hat. Aber ein Schreiben von Frau Huber habe ich nicht in den Akten.»

«Warum ist es denn im Verzeichnis vermerkt?»

Matter zuckte die Achseln. «Ich weiß es nicht. Vielleicht liegt es noch bei einem anderen Sachbearbeiter. Immobilien vielleicht.»

Sein Chef machte eine Pause. Mit den Fingern trommelte er auf das Tischblatt. Endlich sagte er: «Warum hast du denn alle drei Dossiers als genehmigt abgehakt, Herbert? Das geht doch nicht auf!»

«Reine Routine, glaube ich», erklärte Matter lahm. Er fühlte, wie ihm in den Achselhöhlen Schweiß ausbrach. «Es war an einem Abend nach Arbeitsschluss, als ich die drei Fälle bearbeitete. Ich hatte viel um die Ohren. Ich muss die Akten abgehakt haben, ohne zu denken. Tut mir leid.»

Nägeli nickte bedächtig. Matters Antworten klangen nach Ausflüchten. «Ich hoffe sehr, dass es nur das ist, Herbert», sagte er leise. «Berichte mir, wie es weitergeht, bei allen drei bitte.»

«Klar, mache ich.»

Matter zog sich zurück, versuchte zu grinsen, während er noch unter der Tür stand, aber es geriet ihm zu einer kläglichen Grimasse. Der Tag war verpfuscht. Wieder in seinem eigenen Büro, schaltete er das Besetztlämpchen an der Tür ein und legte die Füße auf sein Pult. Jetzt nur nicht den Kopf verlieren. Kellenberger konnte er retten, Huber möglicherweise auch, aber Regenass musste er eine saftige Rechnung ins Haus schicken. Was dann geschah, war nicht auszudenken. Dabei war London in schönster Harmonie ausgeklungen. Tanja würde ihn auf die Erkundungsreise nach Neuseeland begleiten; und es schien, als empfinde sie echte Gefühle für ihn.

Und heute Abend musste er Sylvia beibringen, dass es aus war.

6

Seit drei Tagen lebte Matter in einem kleinen Stadthotel nicht weit vom Zentrum. In einem Rollkoffer und einer Tasche hatte er das Notwendigste mitgenommen. Er musterte den Inhalt der Minibar, dann verstaute er seine Wäsche in einer Schublade. Aus seinem Fenster im zweiten Stock sah er, wie sich die grünen Straßenbahnen in beiden Richtungen stauten; eine Greisin an Stöcken wartete minutenlang, bis ein Hilfspolizist sie am Arm fasste und aus der Gefahrenzone geleitete. Matter schauderte beim Gedanken, eines Tages ebenfalls alt zu werden. Wenn schon alt werden, dann wenigstens stilvoll und in Würde. Die Mittel dazu besaß er jetzt, Gott sei Dank.

Sobald er sich in einem Hotel befand, überkam ihn stets eine gewisse Erregung, eine unbestimmte Sehnsucht nach Neuem, ein Drang, in die Welt auszuschwärmen zu fremden Menschen, Städten, Landschaften. Daran änderte auch die Ernüchterung nichts, wenn er auf Mallorca regelmäßig um einen Sonnenschirm am Strand kämpfen musste und die neuen Bekannten kleine Ladenbesitzer aus Bochum oder Wanne-Eickel waren. Ein Hotel, selbst seine schlichte Absteige in Basel, war der Ausgangspunkt für aufregende Abenteuer, für alles, was ihm seine Träume einflüsterten. Herbert Matter freute sich auf die Reise nach Neuseeland mit Tanja, auf die Suche nach Land für seine Alpakazucht, auf den Abschied von vielen Jahren langweiligem Erwerbsleben als kleiner Beamter. Bei der Universal Bank hatte er angeordnet, alle Post banklagernd zurückzubehalten. Außerdem hatte er Tanja Goldstein unbeschränkte Vollmacht erteilt, über sein Konto zu verfügen.


Dass die Information über diese Vollmacht zu ihm gelangte, verdankte Michael Kellenberger einem Zufall. Mit Generaldirektor Danuser von der Bank führte er ein Telefongespräch über eine komplizierte Transaktion, die innerhalb von vierundzwanzig Stunden für seine litauischen Klienten durchgeführt werden musste. Am Schluss, als alles klar war, sagte Danuser:

«Übrigens, die Vollmacht ist eingetroffen.»

«Welche Vollmacht?», fragte der Anwalt, ahnungslos.

Danuser entschuldigte sich für den abrupten Themenwechsel. «Ich spreche vom neuen Konto, das wir für Ihren Klienten Matter eröffnen durften, von der Vollmacht für Frau Goldstein. Ich finde es klug, dass in Ihrer Kanzlei noch jemand über das Konto verfügen kann. Es handelt sich doch um eine beträchtliche Summe. Und Ihre Assistentin ist ja eine kompetente Vertrauensperson.»

Kellenberger fand kaum Zeit, sich zu fassen. Tanja saß draußen im Sekretariat und tippte seine Korrespondenz. Auf seinem Pult stand der Morgenkaffee, daneben lag die Zeitung, in die er noch keinen Blick geworfen hatte. Und da kam Danuser und eröffnete ihm, dass Tanja Vollmacht über das Konto des Erpressers Matter führte. Er erwiderte vage: «Ja, da haben Sie recht, Herr Danuser.»

Nachher saß er reglos an seinem Schreibtisch und brütete über den Abgrund, der sich vor ihm aufgetan hatte. Normalerweise half ihm der Blick durchs Fenster auf den Rhein, seine Gedanken zu ordnen. Wenn sich die Sonne in den kleinen Wellen spiegelte, wenn ein Lastkahn flussaufwärts zog, kamen ihm die besten Ideen für die Probleme seiner Mandanten. Heute jedoch sah er durch den Fluss hindurch bis ans dunkle Ende der Welt. Tanja, das Luder! Zwischen Matter und ihr musste eine enge Beziehung bestehen. Sie war geschieden wie ihr Chef, auf sich selber angewiesen und entschlossen, nicht unterzugehen. Sie war fünfunddreißig, hübsch, liebenswürdig und gescheit. Ihr Anblick erfreute ihn, besonders wenn sie ihr blondes Haar offen trug. Über Privates sprachen sie kaum je, und als Frau war sie für ihn tabu, obwohl ihn manchmal angenehme Tagträume heimgesucht hatten. Und jetzt dies! Den Hintern sollte man ihr versohlen. Mit einem Riemen, wie ihn sein Vater manchmal benützt hatte.

Natürlich kannte Tanja seine sämtlichen Akten. Auch Plus Minus ag. Was, wenn Matter gar keine Meldung von der Fürstlichen Steuerverwaltung in Vaduz erhalten hatte? Wenn Tanja ihn darauf aufmerksam gemachte hatte? Dann wäre sie die eigentliche Urheberin von Matters Plan, Steuersünder zu erpressen. Allerdings wusste Kellenberger nichts über die Umstände der weiteren Einzahlungen auf das Konto bei der Universal Bank. Vielleicht hatte erst seine Situation Matter auf den Geschmack gebracht, nach weiteren Opfern zu suchen?

Bald war ihm klar, dass er eine Entscheidung zu treffen hatte. Aber welche? Weiterfahren, wie wenn nichts geschehen wäre, kam nicht in Frage. Sollte er mit Matter reden? Oder mit Tanja? Tanja entlassen? Mit der Vollmacht sein Geld wieder von Matters Konto abziehen und sich ins Ausland absetzen? Mit den zwei Millionen und dem, was sich noch auf dem Konto von Plus-Minus befand, ließ sich überall ein sorgenfreies Leben einrichten. Aber der Bank gegenüber war Matter sein Klient. Und Anwälte vergreifen sich im Allgemeinen nicht am Vermögen ihrer Klienten.

Es schauderte ihn beim Gedanken an einen derartigen Verstoß gegen sein Berufsethos und was sich Danuser dabei denken würde. Andererseits gehörten die zwei Millionen ihm, Matter hatte sie ihm unrechtmäßig abgenötigt. Am Ende bremste dieselbe Erkenntnis seinen Gedankenflug, die ihn bereits vor drei Wochen veranlasst hatte, Matters Erpressung nachzugeben: Michael Kellenberger lebte gerne in Basel, er liebte seine Stammkneipe Zum goldenen Sternen und er war nicht bereit, sich aus seiner Stadt vertreiben zu lassen. Wie er mit Tanjas Verrat umzugehen hatte, wusste er deswegen allerdings noch immer nicht.


Herbert Matter hatte, zumindest vorübergehend, wieder zu seinem unbeschwerten Optimismus zurückgefunden. Sylvia hatte seinen Auszug erstaunlich gefasst aufgenommen. Sie hatte vorgeschlagen, nach ein paar Monaten zu überprüfen, ob ihre Ehe wirklich nicht zu retten sei. Natürlich dachte er in seiner jetzigen Verfassung nicht daran, Rettungsversuche zu unternehmen. Im Amt ließen sich mit etwas Glück drei Wochen herausschinden, bis er Nägeli zur Akte Regenass Resultate vorweisen musste. Das Osterwochenende stand bevor, und Matter wusste, dass sein Chef für diese Zeit zwei Wochen Ferien auf einer Südseeinsel geplant hatte.

Er fing an, sich um die Anlage seines Vermögens zu kümmern. Der Einblick in die Vermögensverhältnisse vieler Steuerpflichtiger – seine Kunden nannte er sie – hatte ihm gezeigt, mit welchen Investitionen Geld zu verdienen war. Obligationen kamen nicht in Frage; sie waren langweilig, ihr Ertrag mickrig. Aktien versprachen da mehr Gewinn, aber nur auf lange Sicht. Es gab immer wieder Ausreißer, und kurzfristig waren Verluste nicht ungewöhnlich.

Aber Matter hatte keine Zeit, und er war ungeduldig. Seine Alpakazucht lockte ihn. Er hatte bereits per Mail mit der Züchtervereinigung in Wellington Kontakt aufgenommen. Die Auskunft war ermutigend: Es gab reichlich gutes Land, die Tiere gediehen hervorragend in Neuseeland, und der Bedarf nach ihrer Wolle und ihren Fellen, aber auch nach geeigneten Zuchttieren, stieg laufend an. Am besten wäre, Herbert Matter käme persönlich vorbei; das Sekretariat verfüge über alle einschlägigen Informationen, und der Vereinspräsident würde sich freuen, einen Schweizer mit Mut und Pioniergeist kennenzulernen.

Am Dienstagabend der Karwoche saß Matter in der Gaststube seines Hotels, vor sich ein kaltes Weizenbier, und studierte Finanzzeitschriften und den Wirtschaftsteil der «Neuen Zürcher Zeitung». Niemand kannte ihn, niemand störte ihn, und im Lokal wurde nicht geraucht. Er hatte seine Jacke über die Stuhllehne gehängt, den Krawattenknopf gelockert und den obersten Hemdenknopf geöffnet, eine Freiheit, die ihm seine Eitelkeit sonst nicht gestattete. Allmählich kristallisierte sich eine Anlagestrategie heraus, die ihm vielversprechend erschien.

Zufrieden lehnte er sich zurück und gönnte sich einen großen Schluck Bier. Er spürte, wie die Kühle sich langsam in ihm ausbreitete. Eins mit sich und der Welt dachte er an seine Alpakas; in Gedanken wuchs seine Herde bereits auf Hunderte von Tieren an, und schon ein einziges gesundes männliches Jungtier brachte mehrere tausend Dollar ein. Er sah sich auf dem Jeep seine Weiden abfahren, für die Pflege der Tiere würde es Angestellte geben. Herbert Matter hatte nicht im Sinn, wie Tanja es ausgedrückt hatte, in blauen Latzhosen seine Tiere selber zu striegeln und was sonst noch mit ihnen zu tun war.


Am Gründonnerstag, kurz vor Büroschluss, rief ihn Dr. Huber an. Matter hatte seine Akten bereits weggeschlossen und den Computer heruntergefahren. Die Stimme des Arztes vibrierte und klang noch spitzer, als er sie von seinem Gespräch in der Praxis her in Erinnerung hatte.

«Ich muss Sie sprechen, so rasch wie möglich.»

«Was ist geschehen, Herr Huber?», fragte Matter ungeduldig. Er hatte für das Osterwochenende im Tessin reserviert und freute sich auf einige intime Tage mit Tanja. Sie wollten in zwei Stunden abfahren.

«Nicht am Telefon.» Hubers Stimme tremolierte am Rande der Hysterie. «Ich muss Sie sehen.»

«Wenn es sein muss», erwiderte Matter. Er stellte sich das schmale Gesicht des Arztes vor und seine starren, fast unheimlichen grauen Augen. «Am Dienstagabend. Ich komme zu Ihnen in die Praxis.»

«Nein!» Huber schrie fast durchs Telefon. «Heute. Sofort.»

Matter erinnerte sich an den unerfreulichen Wortwechsel mit dem Arzt bei ihrem ersten Gespräch. Huber war am Durchdrehen und offenbar nicht mehr ganz Herr seiner Sinne. «Also gut. Ich komme in einer Stunde. Beruhigen Sie sich.»

Statt einer Antwort vernahm Matter bloß ein Klicken in der Leitung. Es passte ihm nicht, dass Huber ihn im Amt angerufen hatte. Es bestand immer die Möglichkeit, dass jemand mithörte. Er ergriff die Finanzzeitung, die er über das lange Wochenende zu studieren gedachte, und verließ sein Büro.

Mit dem Lift fuhr er in die Tiefgarage zu den Parkplätzen, die für Beamte der Steuerverwaltung reserviert waren. Jahrelang hatte er darum gekämpft, bis man ihm einen Platz zugestand. Sein Opel Astra stand unscheinbar zwischen dem bmw-Coupé des Amtsvorstehers und einem bulligen blauen Landrover, dessen Besitzer Matter nicht kannte. Noch ein paar Wochen, dachte er, höchstens zwei Monate, dann ist Schluss mit «Guten Tag, Herr Doktor» und «Natürlich, sofort, Konrad». Dann ist endlich Schluss mit Sylvia, mit Steuerveranlagungen und all dem elenden Kram.

Inzwischen verfolgte ihn der Gedanke an Paul Regenass. Schickte er ihm eine Steuerrechnung ins Haus, kam es zur Katastrophe. Tat er nichts, drohte Ärger mit Konrad Nägeli. Matter war ratlos. Aber er vertraute darauf, dass ihm über Ostern eine Lösung einfallen würde.

Das alte Jugendstilhaus, in dem Dr. Huber praktizierte, schien auf ihn gewartet zu haben. Kaum ließ er den Klingelknopf los, ging die Haustür aus Eichenholz auf. Der Arzt stand persönlich im Eingang, im weißen Ordinationsmantel, ohne Krawatte.

«Kommen Sie herein, wir sind allein.»

Herbert Matter trat ein. Ein schwerer Teppich im Vorraum, der seit Jahrzehnten hier zu liegen schien, dämpfte seine Schritte. Er kam nicht dazu, die alten Stiche an den Wänden zu bewundern. Huber dirigierte ihn am Wartezimmer vorbei gleich in sein Behandlungszimmer.

«Nehmen Sie Platz», sagte er und wies auf den Patientenstuhl.

«Was ist geschehen?», fragte Matter erneut, während er sich setzte. Er registrierte Hubers unsteten Blick und eine lose Haarsträhne, die ihm in die Stirne hing. Von der kühlen Gefasstheit des Arztes war nichts zu spüren.

«Ich will mein Geld zurück.»

Matter beugte sich vor und musterte Huber aufmerksam. Ärger stieg in ihm hoch; er begriff, dass Ungemach drohte, und er wusste nicht, wie darauf zu reagieren war.

«Was soll das, Herr Dr. Huber?», erwiderte er endlich. «Wir haben eine Abmachung getroffen. Sie haben Ihren Teil erfüllt, ich habe meinen Teil erfüllt. Was wollen Sie eigentlich?»

«Mein Geld zurück», wiederholte der Arzt. «Auf unsere Abmachung pfeife ich. Mein Schwiegervater hat das Darlehen für das Haus im Burgund gekündigt, auf Ende des nächsten Monats. Meine Frau beansprucht eine Abfindung von über einer Million. Und mein eigener Anwalt erklärt mir, dass diese Forderung berechtigt sei. Damit ist meine Praxis ruiniert.»

Während Hubers Ausbruch dachte Matter an Sylvia. Sie hoffte auf Aussöhnung, er auf eine schnelle Scheidung ohne viel Ärger. Aber auch sie würde Forderungen stellen, sobald sie feststellte, dass sein Entschluss unabänderlich war. Von seinem Guthaben in Vaduz ahnte sie nichts. Früher hatte er ihr gerne Überraschungsgeschenke gemacht, einen Blumenstrauß, ein zartes Seidenfoulard; sie hatte es ihm mit Liebe und Fürsorge gedankt. Manchmal wunderte er sich, wo all das geblieben war. Sylvia war älter geworden, fester im Auftritt; unbemerkt hatte sie ein Eigenleben entwickelt. Und ebenso unbemerkt war sein Interesse an ihr erkaltet, ihre Spuren des Alters störten ihn jetzt ebenso wie sein eigenes Aussehen, mit dem er seit seiner Jugend haderte. An beidem ließ sich heute nichts mehr ändern.

Matter sah, wie der Arzt ihn herausfordernd anblickte. Er sagte: «Ihr Privatleben tut hier nichts zur Sache. Unsere Vereinbarung ist klar: In fünf Jahren erhalten Sie Ihr Darlehen zurück, nicht früher.»

Huber stand auf und ging hinter seinem Schreibtisch hin und her, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Bei der afrikanischen Kriegerstatue aus Holz blieb er stehen. Er nimmt ihm gleich den Speer aus der Hand und geht auf mich los, dachte Matter.

Aber Huber wandte sich bloß um und sagte: «Unsere Vereinbarung ist ungesetzlich, das wissen Sie so gut wie ich. Wenn Sie mir nicht entgegenkommen, reiche ich eine Selbstanzeige ein und lege unsere sogenannte Vereinbarung offen. Dann sind Sie dran, Herr Matter. Mit versuchter Beamtenbestechung können Sie mich heute nicht mehr erschrecken. Sie haben die Bestechung, wenn es denn eine war, angenommen. Wenn die Behörden Ihr Konto in Vaduz beschlagnahmen, bleibt Ihnen nichts, verstehen Sie. Es würde mich nicht wundern, wenn sich herausstellen sollte, dass Sie sich noch an weiteren Opfern finanziell vergriffen haben.»

Herbert Matter spürte, wie ihm warm wurde. Jetzt nur kein Schweißausbruch, hoffte er. Es würde schlecht aussehen, wenn er ein Taschentuch zücken und sich die Stirne abwischen müsste. Er realisierte staunend, wie Dr. Huber immer ruhiger wurde, während er ihm seine Vorwürfe entgegenschleuderte. Er sah die schlanke Figur des Arztes in Weiß, in fast derselben Pose wie hinter ihm die Kriegerstatue, und hinter beiden ein breites Glasfenster, das den Blick in einen kleinen Garten freigab. Er fragte sich, ob Huber nicht tatsächlich einen Anwalt konsultiert hatte, wie er es schon bei ihrem ersten Gespräch in Aussicht gestellt hatte. Es war ein Fehler gewesen, sich mit dem Arzt einzulassen. Was, wenn der Kerl in einer Schublade ein Aufnahmegerät eingeschaltet hatte?

«So einfach ist das alles nicht, Herr Huber», erwiderte Matter und fixierte die grauen Augen des Arztes. «Eine Selbstanzeige kostet in erster Linie Sie eine Menge Geld …»

«Das ich nicht habe», warf Huber ein, «und deshalb ist es mir egal, ob ich von meiner Frau, von der Steuerbehörde oder von beiden in den Ruin getrieben werde. Aber Sie kommen nicht ungeschoren davon, Herr Matter, lassen Sie sich das gesagt sein!»

«Dann kann ich ja gehen», erklärte Matter und erhob sich. Langsam knöpfte er seine gelbe Tweedjacke zu, die er eigentlich schon für die Fahrt ins Tessin angezogen hatte, und wandte sich zur Tür. «Ihre Selbstanzeige können Sie ohne mich vorbereiten.»

«Ich will mein Geld zurück, Herr Matter», rief der Arzt aus. Seine Stimme bewegte sich wieder am Rand der Hysterie. «Ich brauche es, verstehen Sie das denn nicht? Geben Sie es mir zurück, dann ist allen geholfen, Ihnen, mir, meiner Frau …»

«Sie hören nächste Woche von mir, Herr Huber.» Matter verließ das Ordinationszimmer, durchquerte mit strammem Schrittden reich ausgestatteten Vorraum, zog die schwere Eichentür auf und trat auf die Straße.

Seinen Astra hatte er in der nächsten Querstraße abgestellt. Er ließ sich hinters Steuer sinken und zog die Tür zu. Er lehnte den Kopf an die Nackenstütze und schloss die Augen, ohne zu denken. Schweiß tropfte ihm jetzt von der Stirne auf den Kragen. Unter der Jacke war ihm warm geworden; er spürte die dunklen Ringe, die unter seinen Achselhöhlen wuchsen. Herbert Matter hasste seinen Schweiß, dem er machtlos ausgeliefert war. Mit der Rechten fischte er sein Taschentuch aus der Hosentasche und fing an, seine Stirne abzutrocknen. Er würde sich umziehen müssen, bevor er mit Tanja ins Osterwochenende aufbrach.

7

Der Aufenthalt Matters im Nobelhotel Giardino im Tessin über Ostern war kein uneingeschränktes Vergnügen. Hubers hysterischer Auftritt und die Anweisung seines Chefs Konrad Nägeli, die drei Dossiers in Ordnung zu bringen, bedrückten ihn. Eingewickelt in eine Wolldecke lag er im Hotelgarten in einem Liegestuhl, die bleiche Sonne blendete ihn, und auch der Blick auf den See weit unten brachte keine Erleuchtung. Neben ihm lag Tanja und las. Der Gedanke an den Arzt Huber endete stets mit der grimmigen Entschlossenheit, nichts herauszurücken. Und die Vorstellung, dem sympathischen Jungunternehmer Regenass eine Nach- und Strafsteuerveranlagung ins Haus zu schicken, löste kalte Schauer aus. Matter informierte Tanja in epischer Breite über seine Ärgernisse, und sie gab sich alle Mühe, ihn abzulenken. Aber beim Essen blieb er einsilbig. Und auf ihre Verführungskünste am Morgen und am Nachmittag während der Siesta reagierte er nur halbherzig.

Am Sonntag schließlich, während eines Frühstücks mit Champagner, Kaviar und einem reichen Büfett, in dessen Mitte ein Osterlamm aus Butter thronte, entwickelten sie den Plan: Am nächsten Dienstag würde Herbert in Vaduz eine Stiftung gründen und sein Vermögen auf die Stiftung übertragen lassen. Die Erkundungsreise – vielleicht wurde mehr daraus – über London nach Neuseeland würde auf den kommenden Sonntag vorverlegt. Damit entging er weiteren Diskussionen mit seinem Chef. Am Samstagnachmittag davor hatten sich Huber, Regenass und Kellenberger in London einzufinden, um je einzeln Anweisungen entgegenzunehmen. Was für welche, war noch zu überlegen. Sollten sie sich weigern, so hätten sie die Folgen zu tragen. Vor der Abreise würde Matter per Post seine Kündigung bei der Steuerverwaltung einreichen. Den Urlaub für die Reise würde er sich vom Amtsvorsteher persönlich bewilligen lassen; als Grund musste eine schlimme Wendung beim Brustkrebs seiner Schwester in Miami herhalten. Niemand wusste, dass er keine Schwester hatte. Und wenn am folgenden Montag sein Chef von der Südsee zurückkam, würde Matter verschwunden sein; mochte sich Nägeli dann selber mit Regenass und den anderen herumärgern.


Herbert Matter fühlte sich frei und leicht wie die Möwen, die über dem Zürichsee ihre Kreise zogen. Am Morgen hatte er sich im Büro krankgemeldet. Jetzt genoss er das Gefühl, an einem gewöhnlichen Arbeitstag sein eigener Herr und Meister zu sein. Am Abend stand ihm der Einzug in die kleine Wohnung bevor, die er am Stadtrand von Basel gemietet hatte.

Im Internet hatte er «Treuhandbüros in Vaduz» eingegeben und festgestellt, dass es über hundert davon gab. Nach gründlichem Studium verschiedener Internetseiten entschied er sich für die Treuhand Dr. Wanger, rief an und erhielt einen Termin auf den frühen Nachmittag. Jetzt gab er sich ganz seiner Autofahrt hin. Das Radio spielte anspruchslose Schlager, sein Opel Astra spulte mit gemütlichen hundertzwanzig über die Autobahn, und es störte ihn nicht, dass er immer wieder von übermütigen Rasern überholt wurde. Sein Vermögen lag gut angelegt bei der Universal Bank. Einige Aktien waren bereits im Wert gestiegen, wie ihm seine regelmäßigen Kontrollblicke auf eine Wertschriftenseite im Internet bestätigten, die er auf seinem Laptop eingerichtet hatte. Am Walensee öffnete sich die Sicht auf die Kurfirsten; ihre bissigen Zacken waren noch mit Schnee bedeckt, und am Himmel schwebten flauschige Schäfchenwolken und hatten nichts zu tun.

Sorge bereitete ihm allerdings die deutsche Steueraffäre. Aufgeschreckt durch die Äußerungen des Anwalts Kellenberger hatte er alle Zeitungsartikel studiert, deren er habhaft werden konnte. Zweifel befielen ihn, ob das Fürstentum das Bankgeheimnis noch zu wahren vermochte. Schon vor zwei, drei Jahren hatte ein gewissenloser Angestellter einer der großen Banken Liechtensteins Kundendaten ausländischer Bankkunden, darunter über tausend reiche Deutsche, gestohlen und für mehr als vier Millionen Euro an den deutschen Bundesnachrichtendienst verkauft. Dieser hatte die Informationen an die Steuerbehörde weitergeleitet. Und jetzt, kürzlich, waren den deutschen Behörden neue cds mit Kundendaten, diesmal aus der Schweiz, zugespielt worden. Die Steuerfahnder vermuteten, häufig zu Recht, dass die denunzierten Personen Einkommen und Vermögen am Fiskus vorbei nach Liechtenstein oder in die Schweiz geschleust und in anonymen Stiftungen versteckt hatten. Razzien im Morgengrauen in vornehmen Villen, Beschlagnahmung von Akten, Verhaftungen – teilweise vor laufenden Fernsehkameras – und Einvernahmen von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens waren die Folge. Da enthüllte die Staatsgewalt eine hässliche Fratze, die man seit gut siebzig Jahren überwunden geglaubt hatte. Dass eine Person als unschuldig galt, bis ein Gerichtsurteil das Gegenteil feststellte, wurde vergessen. Erfolgreiche Anwälte, Unternehmensleiter und reiche Erbinnen erstatteten in großer Zahl Selbstanzeige. Die deutsche Regierung, um ihr ramponiertes Ansehen aufzubessern, offerierte die erbeuteten Daten unentgeltlich den übrigen Regierungen der Europäischen Union. Einige nahmen an, Dänemark lehnte entrüstet ab.

In der Schweiz wurde viel Druckerschwärze auf das Problem verwendet, ob die deutschen Behörden rechtmäßig gehandelt hatten. Alle waren sich einig, dass wer Steuern hinterzog, bestraft werden sollte. Die Frage war bloß, ob der Staat rechtswidrig handeln durfte, um Unrecht aufzudecken. Wenn eine Privatperson Diebesgut erwarb und wusste, dass es gestohlen war, erfüllte sie den strafbaren Tatbestand der Hehlerei. Wenn eine Behörde eines Rechtsstaates dasselbe tat, warfen ihr die einen Raubrittertum vor, während andere fanden, der Zweck heilige durchaus die Mittel.

Für Herbert Matter waren das moralische Spitzfindigkeiten. Ihn interessierte einzig, ob Schweizer Kunden von liechtensteinischen Banken ebenfalls gefährdet waren, ob allenfalls andere unzufriedene Bankangestellte auch auf die Idee kamen, ihre Informationen dem Meistbietenden zu verhökern. Aufgrund seiner Lektüre war er zum Schluss gekommen, dass Schweizer Behörden für vergleichbare Informationen kein Geld herausrücken würden. Außerdem handelte es sich bei der Universal Bank um ein vergleichsweise kleines Institut mit wenigen Angestellten, die einfacher zu überwachen waren. Und schließlich würde er sein Vermögen ohnehin nach Neuseeland transferieren, sobald er dort Fuß gefasst hatte.

Vor der Abfahrt am Morgen hatte er ihre Flüge gebucht, am Freitag nach London und für den Sonntagabend – First Class – weiter über Sydney nach Wellington. Anschließend telefonierte er mit seinen Opfern und bestellte sie nach London ins Old Hampshire Hotel. Ein wichtiger neuer Umstand erfordere ein weiteres persönliches Gespräch, erklärte er. Und, nein, aus Diskretionsgründen komme Basel als Ort für das Treffen nicht in Frage. Eine Weigerung würde sich äußerst nachteilig auswirken. Sein Vorgesetzter sei bei einer Routinekontrolle auf ihre Dossiers gestoßen und habe detaillierten Aufschluss verlangt. Weitere Einzelheiten seien nicht am Telefon zu besprechen. Bei Dr. Huber fügte er bei, er werde sich in London zu seinem Wunsch äußern.

Alle drei reagierten verärgert, aber alle drei willigten ein, am Samstag zur Besprechung zu erscheinen.

Im Treuhandbüro Dr. Wanger wurde Herbert Matter von einem Mitarbeiter namens Josef Ritter empfangen. Es gefiel ihm, dass man ihn überaus freundlich in ein Sitzungszimmer bat und ihm gleich eine Tasse Kaffee offerierte. Der junge Mann hatte Manieren und wusste, was sich gehörte. Er trug einen dunkelblauen Anzug; eine Hornbrille verlieh seinem Gesicht einen ernsten, nachdenklichen Ausdruck. Als Matter sich nach Einzelheiten zur Gründung einer Stiftung erkundigte, öffnete Ritter eine Broschüre und schob sie über den Tisch. Während der nächsten Viertelstunde erfuhr Matter alles Notwendige. Diskretion sei gewährleistet; Stiftungen würden nicht in ein öffentliches Register eingetragen, sondern die Akten lediglich bei einer Amtsstelle hinterlegt. Die Kosten erwiesen sich als bescheiden. Als Stiftungszweck sollte «Förderung der Alpakazucht und Ausrichtung von Beiträgen an die Lebenshaltungskosten bestimmter Personen» festgeschrieben werden. Die «bestimmten Personen» waren in einem Reglement zu bezeichnen; sie konnten jederzeit wieder gestrichen und durch andere ersetzt werden.

Jetzt lehnte sich Herbert Matter zurück. Mit seinen Kugelaugen fixierte er den jungen Angestellten, bis dieser hinter seiner Brille den Blick senkte. Er sagte:

«Zum Thema Diskretion. Die Schlagzeilen der letzten Wochen über das Fürstentum haben das Gegenteil in die Welt hinausposaunt, haha! Wie sicher sind Sie eigentlich, dass nicht auch Ihre Kundendaten an deutsche oder andere ausländische Behörden verkauft werden?»

Ritter räusperte sich, als sei ihm ein Insekt in die Luftröhre geraten. «Herr Matter, es wird Sie nicht wundern, wenn ich Ihnen verrate, dass man uns diese Frage in den letzten Tagen schon einige Male gestellt hat.»

«Nein, das wundert mich nicht. Und Ihre Antwort?»

«Wir sind ein kleines Unternehmen mit zweiundzwanzig Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Wir haben das Glück, einen guten und verständnisvollen Chef zu haben. Unser Geschäft lebt von seinem guten Ruf, der über mehr als dreißig Jahre erarbeitet worden ist. Niemand bei uns würde auf die Idee kommen, am Ast zu sägen, auf dem wir sitzen. Die Zufriedenheit unserer Kunden ist unser oberstes Ziel.»

Herbert Matter lachte sein schepperndes Lachen. «Soso! Und diese große Bank, deren Kunden nach Deutschland verraten worden sind? Lebt die nicht auch von ihrem guten Ruf?»

«Es handelt sich dort um eine eigentliche Großbank mit sehr vielen Mitarbeitern. Offensichtlich haben die Kontrollen und das Sicherheitssystem versagt. Es wird Jahre dauern, bis sie das verlorene Vertrauen zurückgewinnt. Ob sie überhaupt überlebt, ist noch völlig ungewiss.»

Ganz allmählich begriff der Steuerbeamte Herbert Matter, dass es in Geldangelegenheiten keine Sicherheit mehr gab.


Um halb vier war alles klar.

«Bis Ende Woche ist die Alpaka-Stiftung gegründet», erklärte Josef Ritter. «Dann können wir das Bankkonto eröffnen.»

«Kann man das nicht beschleunigen?», fragte Matter. Er dachte an die Reise nach Neuseeland.

«Schwierig», sagte Ritter. «Haben Sie bereits eine Bankverbindung in Vaduz?»

«Ja, die Universal Bank.»

«Gute Adresse. Nicht zu groß.» Ritter nickte anerkennend. «Aber die Bank muss die Kontoeröffnungsdokumente vorbereiten und Ihnen zur Unterzeichnung zustellen. Und Sie müssen sich überlegen, wer unterschriftsberechtigt sein soll. Das dauert ein paar Tage. Außerdem müssen wir bestimmte Sorgfaltspflichten einhalten. Sie wissen – die Vorschriften zur Bekämpfung der Geldwäscherei und des internationalen Terrorismus. Dazu gehört, dass Sie uns aufklären, woher die Mittel stammen, die Sie auf die Stiftung übertragen.»

Matter runzelte die Stirne. Terrorismus. Geldwäscherei. Er wusste nur ungefähr, um was es dabei ging. Al Kaida fiel ihm ein, Drogenhandel, Prostitution, Pornografie. Damit hatte er nichts zu tun. Er wünschte sich, Dr. Kellenberger wäre an seiner Seite. Der Anwalt würde das gewandt für ihn erledigen.

«Ich habe das alles schon der Bank dargelegt», sagte er schließlich.

Ritter schien mit der Auskunft zufrieden. «Dann genügt es, wenn Sie uns dieselben Angaben zur Verfügung stellen wie der Bank. Im Weiteren benötige ich eine Kopie Ihres Passes.»

Herbert Matter seufzte. «Ich hatte mir Diskretion eigentlich ein wenig anders vorgestellt. Aber bitte – wenn es sein muss.»

Sie einigten sich rasch über alle Einzelheiten. Matter erwähnte seine Tätigkeit als Steuerexperte und seine erfolgreichen Finanzgeschäfte. Unterdessen kopierte eine Sekretärin seinen Pass. Dem Stiftungsrat sollten er selber, Tanja und Josef Ritter angehören. Bei der Bank würden er und Tanja Unterschrift führen. Die Treuhand Dr. Wanger würde der Stiftung ihre Adresse zur Verfügung stellen. Und Herr Matter verstand selbstverständlich, dass er als Neukunde des Büros gebeten wurde, eine Anzahlung von fünftausend Franken zu leisten.

Bei der Universal Bank bezog er die verlangte Anzahlung und darüber hinaus fünftausend englische Pfund für die bevorstehende Reise. Man warnte ihn, nicht zu viel Bargeld mit sich herumzutragen, und offerierte, ihm einen Teil in Reiseschecks auszuhändigen. Matter lehnte dankend ab und verabschiedete sich.

Als er wieder im Auto saß, fragte er sich, ob sein Sohn Arnold es jemals zu einer so interessanten Position bringen würde wie der junge Josef Ritter.


Am selben Dienstagabend, es war der 22. April, rang Rechtsanwalt Kellenberger sich zu einem Entschluss durch. Er schob die Akte, die er seit über einer Stunde studierte, beiseite. Der Fall war hoffnungslos. Sein Mandant, der seit zehn Jahren Seite an Seite mit einem Nachbarn lebte, fand plötzlich, dessen Haus werfe zu viel Schatten auf sein Grundstück. Er hatte einen gehässigen Briefwechsel gestartet, bei dem die Wortwahl mittlerweile die Grenze strafbarer Verunglimpfungen erreichte. Und jetzt sollte der Anwalt einen Gerichtsbefehl erwirken, der dem Nachbarn auferlegte, den Schattenwurf zu beseitigen. Kellenberger griff zum Telefon und drückte eine Taste.

«Frau Goldstein, kommen Sie bitte für einen Augenblick.»

Tanja trat ein, und er bat sie, sich zu setzen. Sie trug ein beigefarbenes, ärmelloses Wollkleid, das ihr bis zu den Knien reichte und schon den Sommer vorwegnahm.

«Frau Goldstein», begann Kellenberger förmlich, «ich muss Ihnen mitteilen, dass ich beabsichtige, mein Arbeitspensum stark einzuschränken. Neue Mandanten werde ich nicht mehr annehmen.» Er sah, wie die Sekretärin ihn ausdruckslos musterte. Ihre Augen glänzten bernsteinfarben. Sie schien schon alles begriffen zu haben. Er dachte an ihren Verrat. «Das bedeutet, dass ich auf Ihre Mitarbeit, die ich außerordentlich schätze, in Zukunft verzichten muss. Ich schlage vor, dass wir unser Arbeitsverhältnis auf Ende Juli beenden. Unter Berücksichtigung Ihrer Ferienansprüche und Überstunden denke ich, dass Sie noch bis Ende Juni hier arbeiten werden.»

Tanjas Mundwinkel verzogen sich zu einem unmerklichen Lächeln. In ihren Augen stand leiser Spott.

«Werden Sie Ihre Korrespondenz dann selber schreiben?»

«Nein. Aber eine stundenweise Aushilfskraft wird genügen.»

«Aha.» Sie machte eine Pause, dann fuhr sie fort: «Ich habe gerne bei Ihnen gearbeitet, Herr Kellenberger. Aber Ihre Mitteilung kommt mir nicht ganz ungelegen.»

«Wieso?»

Tanja lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. Sie war immer selbstbewusst gewesen; jetzt empfand der Anwalt sie als provokativ. «Ich hatte auch im Sinn, mich gelegentlich zu verändern.»

«So.»

«Ja. Es sieht so aus, als ob ich wieder heiraten werde.»

Kellenberger schluckte. Matter. Der Strolch hat sie völlig in der Hand, jetzt sowieso mit dem vielen Geld. Und Vollmacht über sein Konto hat er ihr auch noch gegeben. «Wer ist denn der Glückliche?»

«Ich schicke Ihnen eine Anzeige, wenn es so weit ist», sagte Tanja und lachte. «Er ist älter als ich.» Es klang wie eine Entschuldigung.

Und sieht aus wie eine Witzfigur, dachte Kellenberger. Was Geld nicht alles fertigbrachte.

Matters Lachen klang ihm wieder in den Ohren, und er sah seine wässrigen Augen über der Stupsnase mit den ungepflegten Nasenlöchern vor sich. Und jetzt zitierte der Kerl ihn noch nach London, wieder mit der verdeckten Drohung eines Nach- und Strafsteuerverfahrens. Er sagte: «Ich wünsche Ihnen, dass er reich ist und Sie glücklich macht.» Und dass ihn der Teufel holt, setzte er in Gedanken hinzu.

«Danke», erwiderte Tanja. Dann fuhr sie fort: «Wir können das Ganze auch abkürzen. Ich würde gerne die beiden kommenden Wochen als Ferien beziehen. Danach helfe ich Ihnen noch, die pendenten Akten aufzuarbeiten, wenn es Ihnen recht ist. Dafür sollten weitere zwei Wochen genügen.»

«Einverstanden», sagte Kellenberger. Er hatte plötzlich die Nase voll. Sollte sie sich doch dem Banditen an den Hals werfen. «Sie erhalten selbstverständlich ein ausgezeichnetes Zeugnis.»

Tanja verabschiedete sich, und Michael Kellenberger wandte sich wieder seiner Akte zu. Er sehnte sich nach einem kühlen Bier und beschloss, das Abendessen im «Goldenen Sternen» einzunehmen. Nur jetzt nicht ins leere Haus zurückkehren. Die Vergangenheit würde ihn mit ihren klebrigen Fingern einholen, Helen ihm seinen Fehltritt während ihrer dritten Schwangerschaft wieder vorwerfen, den Abort im vierten Monat; die Verachtung seiner Töchter, Reue über verpasste Gelegenheiten, dann die Angst vor Versagen im Beruf, und jetzt der Pfusch mit den Steuern – alles würde ihn heimsuchen wie ein Ausschlag, der sich nie ganz auskurieren ließ. Und die Vorstellung der Stille, die ihn umhüllen würde wie ein schweres Laken, wenn er im Wohnzimmer eine Zeitung las, erfüllte ihn mit sanftem Schrecken.

Als er sich zum Weggehen bereitmachte, läutete das Telefon. Es war zehn vor sieben. Für einen geschäftlichen Anruf war es zu spät, und seine paar Freunde und Bekannten riefen ihn – wenn überhaupt – zu Hause an. Er hob ab.

«Ja», sagte er, leicht ungeduldig.

Eine Frauenstimme sprach. «Herr Dr. Kellenberger?»

«Ja, wer spricht?»

«Sind Sie allein? Können Sie sprechen?»

«Ja.» Jetzt wurde er neugierig.

«Mein Name ist Sylvia Matter», sagte die Frauenstimme. «Kann es sein, dass Sie meinen Mann kennen, Herbert Matter?»

«Allerdings!», entfuhr es Kellenberger. Dann fiel ihm ein, dass auch sie zu Matters Opfern zu zählen war. Freundlicher fuhr er fort: «Was veranlasst Sie, mich anzurufen?»

«Ich möchte nicht am Telefon weiterreden. Wann kann ich Sie allein sprechen?»

«Geben Sie mir wenigstens ein Stichwort.»

«Vaduz.»

«Ich bin heute Abend frei. Wenn Sie mich in meinem Büro besuchen wollen, können wir ungestört reden.»

«In zwanzig Minuten bin ich bei Ihnen.»

8

Michael Kellenberger führte seine Besucherin in sein kleines Konferenzzimmer. Sylvia Matter trug einen grünen Hosenanzug. Ihr Haar war braun gefärbt mit einem Stich ins Rötliche, kurz geschnitten und straff nach hinten gekämmt. Darunter traten starke Backenknochen hervor, und trotz eines sorgfältigen Makeups waren bei beiden Augen Krähenfüsse sichtbar, und tiefe Falten zogen sich von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln hinab. Die grauen Augen blickten streng, und das breite Gesicht wirkte gehetzt und müde. Der Anwalt schätzte sie auf Mitte vierzig.

Sie saß kerzengerade auf der Kante ihres Stuhls, die Unterarme auf den Tisch gestützt, und suchte nach einem Anfang. Sie sagte: «Danke, dass Sie mich so kurzfristig empfangen.»

Kellenberger lächelte schwach. «Das fiel mir leicht, als ich Ihren Namen und Ihr Stichwort hörte.»

«Sie haben meinen Mann bei einer Bank in Vaduz eingeführt und ihn bei einer geschäftlichen Angelegenheit beraten. Das stimmt doch?»

Der Anwalt schüttelte den Kopf. «Ja und nein. Ja, ich habe Herrn Matter bei der Universal Bank eingeführt; und nein, ich habe ihn nicht als Mandanten beraten. Wäre er mein Klient, wäre unser Gespräch bereits beendet. Warum kommen Sie zu mir, Frau Matter?»

Die Frau gab sich einen Ruck. «Mein Mann hat mich vor ein paar Tagen Hals über Kopf verlassen. Dabei vergaß er einen Umschlag mit Papieren der Bank aus Vaduz. Neben einem Brief der Direktion – darin werden Sie erwähnt – lagen drei Gutschriftanzeigen über fast vier Millionen Franken im Umschlag. Wir haben nicht so viel Geld, Herr Dr. Kellenberger. Ich möchte wissen, was los ist. Ich hatte gehofft, dass Sie mir dabei helfen. Unsere Ersparnisse betragen etwas über hunderttausend Franken. Und wir haben einen vierzehnjährigen Sohn, dem ich nicht erklären kann, weshalb sein Vater verschwunden ist. Das ist das Schlimmste an der ganzen Geschichte.»

«Steht auf den Belegen, woher die Zahlungen kommen?», fragte Kellenberger, weil ihm nichts anderes einfiel.

«Ja. Von einem Dr. Hubert Huber und einem Paul Regenass, beide aus Basel, ich habe sie im Telefonverzeichnis gefunden, und einer Plus-Minus AG.»

«Hm.»

Wie auf Knopfdruck spulte Kellenbergers Erinnerung den Film seiner Begegnungen mit Herbert Matter ab: die beiden Gespräche im Büro bei der Steuerverwaltung am Fischmarkt, die kurze Sitzung hier im selben Konferenzzimmer, in dem jetzt seine Frau nach Antworten suchte. Dann der Schock, dass seine Assistentin mit Matter gemeinsame Sache machte. Er fragte:

«Wissen Sie, warum Ihr Mann Sie verlassen hat? Eine andere Frau?»

Sylvia Matter schluckte. «Er hat gesagt, er halte es nicht mehr aus, er brauche endlich seine Freiheit. Ob eine Frau im Spiel ist? Ich weiß es nicht. Aber man kann es wohl nicht ausschließen, nach zwanzig Ehejahren, nicht wahr?»

«Nein, das kann man nicht.»

Der Anwalt versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Er war froh, dass Matters Frau zuerst zu ihm gekommen war. Die Namen Regenass und Huber sagten ihm nichts. Aber offensichtlich waren sie ebenfalls erpresst worden. Wenn Sylvia Matter sie aufsuchte, flogen die Gaunereien ihres Mannes höchstwahrscheinlich auf. Es war unverkennbar, dass sie vor den großen Geldbeträgen Angst hatte.

Wenn sie Anzeige erstattete, ließen sich auch die Steuerhinterziehungen – er nahm an, dass Huber und Regenass sich in derselben Lage befanden wie er – nicht mehr geheim halten. Er begriff, dass seine Besucherin mit äußerster Sorgfalt zu behandeln war.

«Darf ich fragen, woher Sie meinen Mann kennen?», wollte sie wissen.

Kellenberger nickte. «Er ist für die Bearbeitung meiner Steuererklärungen zuständig.» Die Höflichkeit der Frau stand in krassem Gegensatz zur forschen Aufdringlichkeit ihres Mannes.

«Und wie kommt es, dass Sie ihn bei einer Bank in Vaduz einführten?»

«Er hat mich darum gebeten.»

«Um was geht es bei seinen Geschäften?» Die Frau zögerte, dann setzte sie leise hinzu: «Ich kann nicht glauben, dass alles mit rechten Dingen zugeht.»

«Ich verstehe Sie.»

Der Anwalt stand auf und trat zum Fenster. Die Abenddämmerung hatte eingesetzt und ließ den Fluss noch goldbraun und teilweise bereits dunkelgrau schimmern. Einige Lichter vom gegenüberliegenden Ufer spiegelten sich darin; es sah aus wie ein kleines Sternenmeer. Er dachte an seine Jugend, wie alles noch harmlos war, wie er als Student mit einem Buch an der Böschung des Flusses gelegen hatte, Vorlesungen, Zukunft und alles andere vergessend. Das Buch hieß «Die Weisheit des lächelnden Lebens» von Lin Yutang, einem chinesischen Philosophen. Das schönste Kapitel handelte vom Genuss guten Essens. Der Autor beklagte die Unsitte westlicher Männer, ihren Bauch mit einem Gurt einzuschnüren, wo doch die lose hängenden Gewänder der Chinesen der Entfaltung der Leibesfülle viel mehr Spielraum boten.

Kellenberger verscheuchte die Reminiszenz an eine entschwundene Zeit und wandte sich wieder seiner Besucherin zu. «Ich weiß teilweise, was geschehen ist», fuhr er fort, vorsichtig bemüht, nichts Unwahres auszusprechen. Dann drehte er sich um und erklärte, noch immer am Fenstersims lehnend:

«Es ist gut, dass Sie mich aufgesucht haben, Frau Matter. Ihre Vermutung ist leider berechtigt: Ihr Mann hat sich Gesetzwidrigkeiten zuschulden kommen lassen. Ich kenne allerdings noch nicht alle Einzelheiten. Ich schlage deshalb vor, dass wir ein weiteres Gespräch führen, sobald ich mehr weiß. Wichtig ist, dass Diskretion gewahrt bleibt. Wenn am falschen Ort geredet wird, droht verschiedenen Personen großes Ungemach, insbesondere auch den Herren Huber und Regenass. Ich bitte Sie deshalb, mit ihnen nicht in Kontakt zu treten. Jeder Schritt, der jetzt unternommen wird, kann falsch sein.»

Sylvia Matter hörte Kellenbergers Enthüllungen mit unbewegtem Gesicht zu, nur in ihren Augen flackerten Unruhe und eine Spur von Angst.

«Herbert wollte immer hoch hinaus», sagte sie schließlich. «Er war nicht zufrieden, mit sich nicht, mit seiner Arbeit nicht, und offenbar mit mir auch nicht. Dabei hatte er alle Aussicht, zum Abteilungsleiter befördert zu werden. Konrad Nägeli – das ist sein direkter Vorgesetzter – war ja bereits als Nachfolger des Amtsvorstehers vorgeschlagen. – Ach, das ist alles so unglaublich. Und so traurig. Wie geht es jetzt weiter?»

«Ich weiß es nicht», sagte der Anwalt. «Noch nicht.»

«Wann sollen wir uns wieder treffen?»

«Morgen Abend um dieselbe Zeit. Wissen Sie, wo Ihr Mann sich jetzt aufhält?»

«In einem kleinen Hotel. Er hat es mir gesagt. Wir sind übereingekommen, nach einiger Zeit zu überprüfen, ob die Trennung wirklich unabwendbar ist.»

In ihrer Stimme schwang plötzlich Hoffnung mit, ihr Gesicht hellte sich auf. Aber Kellenberger dachte an Tanja Goldstein; er bezweifelte, dass Matter je zu einer Versöhnung Hand bieten würde. Er musterte seine Besucherin, und insgeheim bewunderte er die Würde, mit der sie die Trümmer ihrer Ehe zu ordnen versuchte. Seine Exfrau Helen hatte ihn seinerzeit kurzerhand hinausgeworfen, als sie von seinem kurzen – und wie er heute noch glaubte: harmlosen – Techtelmechtel während ihrer Schwangerschaft erfuhr. Jetzt aber quälte ihn vor allem die Frage, wie viele Informationen er Sylvia Matter offenlegen durfte. War sie zuverlässig? Wie würde sie auf die Steuerhinterziehungen reagieren, die ihr Mann so rücksichtslos ausgenützt hatte? Was, wenn sie von Tanja erfuhr? Ob Huber und Regenass ebenfalls nach London zitiert worden waren? Ob er es riskieren durfte, mit ihnen in Verbindung zu treten?


Kellenberger folgte eher einem Impuls als einer rationalen Überlegung, als er in sein Arbeitszimmer zurückging. Er fand die Telefonnummern von Huber und Regenass auf Anhieb. Er entschied sich, mit dem Arzt zu beginnen. Aus dem Verzeichnis ging hervor, dass sich Praxis und Wohnräume im selben Haus befanden. Nach dem dritten Klingeln wurde abgenommen.

«Ja?» Die Stimme klang hart und ungehalten.

«Spreche ich mit Dr. Hubert Huber?»

«Ja. Und wer sind Sie?»

«Ein Bekannter von Herbert Matter. Sagt Ihnen dieser Name etwas?»

«Und ob, verdammt noch mal! Was wollen Sie? Ich habe nichts mehr.»

«Keine Sorge, ich will nichts von Ihnen», sagte der Anwalt. «Ich fürchte, wir befinden uns in derselben Lage, was Matter angeht. Haben Sie auch eine Einladung nach London erhalten?»

«In der Tat, auf nächsten Samstag.» Die Stimme des Arztes tönte weniger gereizt. «Aber ich würde jetzt schon gerne wissen, mit wem ich spreche.»

«Klar.» Kellenberger stellte sich vor und schloss: «Sie verstehen, dass man sich nicht leichthin jemandem als Steuersünder, der erpresst wird, zu erkennen gibt.»

Jetzt lachte der Arzt. «Allerdings. Und wie sind Sie eigentlich auf mich gestoßen?»

«Durch eine Nachlässigkeit von Matter. Purer Zufall. Es gibt noch ein drittes Opfer. Ich habe vor, ihn ebenfalls zu kontaktieren. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich ihm von Ihnen erzähle?»

«Nein, aber bitte zunächst ohne Namensnennung, so wie Sie unser Gespräch angefangen haben. Und dann sollten wir uns vermutlich treffen, um abzuklären, ob wir gemeinsam etwas gegen diesen Strolch unternehmen können.»

«Einverstanden», erklärte Kellenberger. «Ich rufe nochmals an, sobald ich mit dem anderen Herrn geredet habe.»

Das Gespräch mit Paul Regenass verlief ebenso reibungslos. Man kam überein, sich am Donnerstagabend um sieben Uhr im Büro des Anwalts zu treffen. Zufrieden räumte Michael seine Akten weg. Er freute sich auf sein Abendessen im «Goldenen Sternen».

Sein Stammplatz war noch frei. Die Oberkellnerin Lucie, eine zierliche Elsässerin mit einem hellen Kinderstimmchen, brachte ihm die Karte. Er entschied sich für eine Kalbsconsommé, danach Riesenkrevetten mit Reis und grünem Blattsalat, dann bat er um eine Zeitung. Matter und seine Gaunereien waren in den Hintergrund gerückt; allein schon die Kontaktaufnahme mit seinen beiden Leidensgenossen linderte den Druck, der seit Tagen auf seiner Seele lag.

«Möchten Sie einen Schluck Wein zum Essen?», fragte Lucie, während sie die Zeitung auf den Tisch legte.

«Gerne, was schlagen Sie vor?»

«Wir haben einen weißen Villa Antinori, der ausgezeichnet zu den Krevetten passt.»

«Also, dann bringen Sie mir einen Dreier.»


Am Dienstagabend hatte Matter seine Zweizimmerwohnung eingerichtet. Die wenigen gebrauchten Möbel waren schnell hingestellt, die paar Lampen aus dem Einkaufszentrum rasch aufgehängt. Freude bereitete ihm eine Biedermeierkommode, die er in einem Antiquariat gefunden hatte. Er platzierte sie prominent im Eingang, die Wand darüber dekorierte er mit einem alten Ölgemälde mit einer englischen Jagdszene aus demselben Antiquariat. Tanja half ihm und beschrieb dabei ihr Kündigungsgespräch mit Kellenberger. Ob dieser wohl etwas ahne von ihrer Verbindung, wollte Matter wissen. Es sei schwer zu glauben, dass er genau jetzt seine Berufstätigkeit einschränke, wo er einen massiven Mittelabfluss hinzunehmen hatte. Dazu lachte er sein grelles Lachen; es klang wie das Bellen eines Foxterriers. Tanja hatte nur die Achseln gezuckt, es war ihr egal.

«Ich bin jetzt ganz dir ausgeliefert», hatte sie erklärt. «Die Ära Kellenberger ist für mich abgeschlossen.»

«Nicht ausgeliefert», hatte Matter protestiert. «Nicht ausgeliefert, mein Häslein. Aber wir sind jetzt auf einander angewiesen, verstehst du? Das ist ein Unterschied.»

«Ja.»

Dann hatte er ihr über die Gründung der Alpaka-Stiftung berichtet und dass sie beide dem Stiftungsrat angehören sollten. Wegen lästiger Formalitäten konnte das Vermögen nicht mehr vor der Reise nach Neuseeland auf die Stiftung übertragen werden. Tanja bereitete zwei Tassen Kaffee und trug sie ins kleine Wohnzimmer. Sie trat ans Fenster mit Blick auf eine stark befahrene Kreuzung. Ihre eigene Wohnung hatte Aussicht ins Grüne, in der Ferne sah man den Waldrand, und es gab keinen Verkehrslärm. Dort war es schön, und sie konnte sich entspannen. Sie versuchte sich Neuseeland vorzustellen und Herbert auf einer Farm, wie er sich mit Tieren beschäftigte, von denen er nichts verstand. Sie zweifelte, ob dieser Nachteil mit Geld allein wettzumachen war. Oder ob Matter nicht doch einfach Fluchtgedanken hegte und sein Ziel nicht weit genug entfernt sein konnte. Zuletzt kam es ihr unwahrscheinlich vor, dass er sich innert nützlicher Frist von seiner Frau scheiden lassen und sie heiraten würde. Und wenn er sie fallen ließ – was für eine Zukunft stand ihr bevor mit fünfunddreißig Jahren? Eine neue Stelle als Sekretärin in einem langweiligen Büro mit jüngeren Kolleginnen, denen das Leben mit allen Verrücktheiten noch offen stand. Was für Männer würden sich noch für sie interessieren? Über Fünfzigjährige mit viel perverseren Wünschen als Matter, der bloß seinen sexuellen Nachholbedarf bei ihr auslebte. Schließlich ging ihr durch den Kopf, dass sie nach wie vor eine Vollmacht über sein Konto in Vaduz besaß.

9

Der Mittwoch brachte Herbert Matter neues Ungemach. Er verbrachte den Vormittag mit der Erledigung von Routineaufgaben, der Veranlagung einiger kleiner Handwerker und dem Studium zweier Einsprachen gegen frühere Veranlagungen. Hoffnungslose Zeitverschwendung, die Einsprecher hatten nicht die geringste Chance, mit ihren Einwendungen durchzudringen. Den Nachmittag widmete er dem Kunststück, für die Akten darzulegen, dass die Steuererklärungen der Herren Kellenberger und Huber nach erneuter Überprüfung korrekt waren. In zwei Notizen zeigte er auf, dass sich dem Rechtsanwalt nichts Unkorrektes nachweisen lasse, insbesondere keine nicht deklarierte Zahlung aus Vaduz, und dass sich das ominöse Schreiben der Ehefrau Huber vom 7. März auch in den Akten der anderen Abteilungen nicht auffinden lasse. Entweder existierte es nicht, oder es war unauffindbar verloren gegangen oder es lag in der Akte eines gänzlich anderen Huber, mit dem Matter nichts zu tun hatte.

Wesentlich mehr Mühe bereitete ihm sein Opfer Regenass. Nachdem der Abteilungsleiter, Konrad Nägeli, die Akten eingesehen hatte, ließ sich nichts mehr wegargumentieren. Paul Regenass musste eine Nach- und Strafsteuerrechnung hingepfeffert werden. Als einzige Milderung kam in Frage, ihm geringeres Verschulden zuzubilligen. Damit ließ sich die Nach- und Strafsteuer auf unter 500 000 Franken reduzieren. Aber wie Regenass darauf reagieren würde, war nicht abzusehen. Der Internetfachmann würde mit Sicherheit toben und hochgehen wie ein Vulkan, vielleicht eine Strafanzeige wegen Erpressung einreichen. Dagegen nahm sich das Gegenargument der Beamtenbestechung reichlich mager aus. Und wenn Konrad Nägeli gar auf die Idee kommen sollte, die Doktoren Kellenberger und Huber zu ihren Steuererklärungen zu befragen, würde Matters sauberes Konstrukt platzen wie eine Seifenblase.

Langsam dämmerte dem Beamten, dass er sich ein unlösbares Problem aufgehalst hatte. Selbst eine Rückzahlung des Darlehens würde keine Sicherheit gewähren; Regenass konnte es sich dann erst recht leisten, ihn zu denunzieren. Der einzige Ausweg bestand darin, in London mit Regenass zu reden, ihm Argumente für eine Beschwerde gegen die zu erwartende Steuerrechnung zu liefern und ihm klarzumachen, dass auch ihm strafrechtliche Konsequenzen drohten, falls ihr Darlehensgeschäft bekannt würde.

Damit ließ sich bestenfalls ein wenig Zeit gewinnen; Zeit allerdings, die Herbert Matter ausreichte, um sich auf Nimmerwiedersehen nach Neuseeland abzusetzen. Mit diesem kleinen Trost versehen, begann er wie die übrigen Beamten kurz vor fünf Uhr sein Pult aufzuräumen.

Am Donnerstag stand der Gang zum Amtsvorsteher auf dem Programm, dem er das Urlaubsgesuch wegen des Brustkrebses seiner Schwester in Miami unterbreiten würde. Dass es bewilligt würde, stand außer Zweifel. Am Freitag stand sein Arbeitsplatz bereits den Putzfrauen zur Verfügung, von unterwegs würde er seine Kündigung einreichen, und am Samstag fing das Leben mit Tanja an. Sein Blick fiel auf das gerahmte Bild seiner Frau Sylvia; er hatte vergessen, es zu entfernen. Entschlossen packte er die Fotografie und verstaute sie in der untersten Schublade seines Pultes. Jetzt war nichts Persönliches mehr in seinem Büro; man konnte ihm getrost für immer den Rücken kehren.


Am folgenden Abend informierte Kellenberger Sylvia Matter über weitere Einzelheiten. Sie trug diesmal ein kleines Schmuckstück um den Hals, ein Goldkettchen mit einem zitronengelben Edelstein. Ihr Gesicht war noch sorgfältiger hergerichtet als am Vortag. Sie hörte aufmerksam zu, als er ihr eröffnete, dass ihr Mann einige Steuersünder erpresst hatte, um sich selber zu bereichern. Also hätten seine Opfer ebenfalls ungesetzlich gehandelt, stellte sie schließlich nüchtern fest. Das sei so, bestätigte der Anwalt, und deshalb sollte sowohl über die Verfehlungen ihres Mannes als auch über diejenigen seiner Opfer Stillschweigen bewahrt werden. Über Tanja Goldsteins Stellung zu reden brachte er nicht fertig. Welche Untat denn nun schwerer zu gewichten sei, wollte Sylvia weiter wissen. Eindeutig die Erpressung, die Strafe dafür sei Zuchthaus, während Steuerhinterziehung lediglich mit einer Strafsteuer, also einer Art von Busse, geahndet werde. Ob das für sie denn so wichtig sei, schloss Kellenberger seine Ausführungen mit einer Frage.

«Nicht wirklich», erwiderte Sylvia Matter. Sie verstummte und fuhr erst nach längerem Schweigen fort. «Wissen Sie, als Frau fühlt man sich ganz klein und schäbig, wenn einem der Mann davonläuft. Man kommt sich unnütz vor, wie weggeworfen. Man fragt sich, was man falsch gemacht hat. Nicht, was er falsch gemacht hat. Ich habe Fehler begangen, sonst wäre er ja nicht ausgezogen. Dann kommt die Gegenreaktion. Er ist ein Schuft, ein elender. Zwanzig Jahre lang besorgt man ihm den Haushalt, erzieht den Sohn, weil der Papa keine Zeit hat, legt ihm die Hände unter die Füße. Man liebt ihn, selbst wenn er ungehalten ist und unfreundlich, selbst nachts, wenn er schnarcht wie ein Sägewerk. Und das soll es dann gewesen sein, das ganze Leben! Was danach kommt, interessiert niemanden. Und dann vernimmt man noch, dass er ein Verbrecher ist! Umbringen sollte man ihn, den Mistkerl, in die Hölle sollte er fahren!»

Sie schlug die Hände vors Gesicht. Ihr Mund öffnete sich, als wolle sie noch etwas sagen, aber sie schwieg. Kellenberger befürchtete, sie werde gleich in Tränen ausbrechen. Er fragte:

«Kam das alles aus heiterem Himmel? Gab es keine Abkühlung in Ihrer Beziehung? Haben Sie nichts geahnt von seiner Unzufriedenheit?»

Sylvia Matter schüttelte den Kopf. «Wahrscheinlich war ich zu gutgläubig. Oder zu ahnungslos. Ich habe mich der Routine des Alltags hingegeben, ohne zu merken, dass das nicht genügt. Wäre ich wachsam gewesen, hätte ich die Zeichen rechtzeitig erkannt.»

Der Anwalt antwortete nichts. Er wechselte das Thema.

«Ich habe Ihnen noch nicht alles berichtet, Frau Matter.»

«Oh – gibt es noch weitere Hiobsbotschaften?»

«Ihr Mann hat seine Opfer auf kommenden Samstag nach London zitiert. Wahrscheinlich geht es um eine neue Teufelei.»

Sylvia schüttelte den Kopf. «Ich verstehe nichts mehr. Warum nach London? Sicher ins Old Hampshire Hotel.»

Jetzt staunte Kellenberger. «Ja, genau. Sitzungszimmer Leonardo. Aber wie kommen Sie auf dieses Hotel?»

«Er war vor drei Wochen in London an der Abdankung eines Schulfreundes. Wenigstens hat er mir das erzählt. Da wohnte er auch im ‹Old Hampshire›.» Nach kurzem Zögern fuhr sie fort: «Ich durfte nicht mit, weil es zu teuer war.»

Sie schwieg, und ihr Schweigen senkte sich übers Konferenzzimmer wie eine schwere Decke. Als die Stille fast greifbar wurde, räusperte sich der Anwalt und sagte: «Sie machen eine schwierige Zeit durch. Ich bewundere Ihren Mut. Aber ich hoffe auch, dass Sie Diskretion bewahren werden. Im Gegenzug sichere ich Ihnen zu, Sie über die weitere Entwicklung auf dem Laufenden zu halten, soweit ich dazu in der Lage bin.»

Er wunderte sich, dass sie nicht wissen wollte, ob er selber auch zu den Opfern zähle und ob er auch nach London reise. Dann, nach einer Pause, sagte er unvermittelt:

«Ihnen ist der Mann davongelaufen, Frau Matter. Mich hat meine Frau rausgeworfen. Ich habe eine Dummheit begangen, die ich seither bereue. Jetzt sind wir geschieden, und ich zahle für meine Dummheit.»

Sylvia Matter musterte ihn aufmerksam. Kellenberger erwiderte den Blick, er sah ihren goldenen Anhänger, ihre glitzernden Augen, ihr anliegendes weißes Kleid, aber er sah durch sie hindurch, ganz als habe er nur zu sich selber gesprochen. Sie fragte:

«Warum erzählen Sie mir das, Herr Kellenberger? Um dem einen Unglück ein zweites beizufügen?»

Er schüttelte den Kopf. «Nein, einfach so. Wir kennen uns wenig genug, dass wir uns nicht voreinander zu schämen brauchen. Ich dachte, es hilft Ihnen vielleicht, zu wissen, dass andere auch Unglück zu tragen haben.»

«Nein, das tut es nicht. Ich muss ja mein Unglück allein tragen.»


Als sie gegangen war, setzte sich Michael Kellenberger in sein Büro und legte die Füße auf den Schreibtisch. Er hatte kein Licht eingeschaltet. Ein Bündel Briefe flatterte auf den Boden. Er ließ sie liegen. Die Dämmerung legte sich langsam über den Fluss; die Silhouetten der Häuser auf der anderen Seite stachen spitz wie Scherenschnitte in den Himmel. Er begriff hinterher nicht, was ihn veranlasst hatte, dieser Frau, die er nicht kannte, seinen persönlichen Kummer anzuvertrauen. Aber sie imponierte ihm mit ihrer Gradlinigkeit. Und wenn er die Augen schloss, erschien ihm ihre gepflegte Figur, durchaus noch attraktiv, ihr rotbraunes Haar, das die Ohren zur Hälfte verdeckte, und ihr Blick – nicht leicht anzüglich wie der Tanjas –, sondern ehrlich und rührend zutraulich.

Aber da war noch Helen. Sie hatte sein drittes Kind in ihrem Leib getragen. Vor sechs Jahren. Während genau vier Monaten. Sie hatten gelacht wie die Kinder; er hatte ihr Hemd hochgestreift und ihren Bauch gestreichelt. Natürlich war noch nichts zu sehen. Sie hatten gespritzten Weißwein getrunken im Bett. Er hatte sie weiter gestreichelt, dann sie ihn, und am Ende hatten sie sich geliebt, fröhlich und unbeschwert, bei offenem Fenster, umschmeichelt von den Sonnenstrahlen eines warmen Sommerabends.

Bis sein Ausrutscher mit der Freundin einer Bekannten der Idylle ein Ende bereitete. Im Grunde war es nicht der Ausrutscher, der ihre Ehe unheilbar vergiftete, sondern sein spontanes Geständnis hinterher, als die Affäre nach nur zwei Wochen bereits verpufft war. Dabei hatte er sich eine Überlegungsfrist von einem Tag eingeräumt und sich beinahe aufgerieben ob der Frage, was richtig sei: Geständnis oder Stillschweigen.

Helen hatte hysterisch reagiert auf sein Bekenntnis einer männlichen Schwäche. Ihr Menschenbild ließ eine unbedachte, bedeutungslose Verirrung nicht zu. Ihre herausgeschrienen Vorwürfe klangen Michael in den Ohren wie am ersten Tag; ihre Flüche und Verwünschungen, dann ihre Tränen. Und zuletzt der Abort ihres Kindes als Folge ihrer psychischen Erschöpfung.

Michael verdrängte die Erinnerung. Er hatte Helen geliebt. Wahrscheinlich liebte er sie immer noch, aber das wollte er sich nicht eingestehen. Manchmal vermisste er sie, vor allem wenn er mit sich allein war. Aber Helen verweigerte jeden Kontakt; übrig geblieben waren nur seine monatlichen Zahlungen. Und das Gerücht, sie sei lesbisch geworden, zugetragen von einem wohlmeinenden Freund.

10

Am Donnerstagmorgen fand sich einer von Kellenbergers litauischen Klienten mit einem Mitarbeiter in seiner Kanzlei ein. Tanja Goldstein, unverändert freundlich, führte sie ins Konferenzzimmer. Vadim Brasaukas hatte den Anwalt am Vorabend um zweiundzwanzig Uhr übers Handy angerufen, als dieser an einem Whisky nippte und über Sylvia Matters Besuch nachdachte. Er hatte seinen Geschäftssitz in Vilnius. Groß und jung, noch unter vierzig, und breit gewachsen stand er mit dem Rücken zum Fenster, eine Art baltischer Wikinger, während Kellenberger sorgfältig die Tür schloss. Brasaukas trug wie stets graue Hosen, einen Reißverschlusspullover undefinierbarer Farbe und darüber eine schwarze Lederjacke. Sein Kopf hatte die Form einer Zwiebel, eine kräftige Kieferpartie, die sich gegen die Schläfen deutlich verjüngte, und eine fliehende Stirn, die nur durch einen strammen Bürstenhaarschnitt aufgehalten wurde. Sein Mitarbeiter, Tito Tablisi, hingegen war mager, bleich, trug ebenfalls eine Lederjacke und die Aktentasche seines Chefs und hatte in dessen Gegenwart noch nie ein Wort gesprochen. Die beiden erinnerten Kellenberger an ein berühmtes Paar aus alten Westernfilmen des letzten Jahrhunderts; bloß die breitrandigen Hüte und die Revolver, die so lässig über den Hüften baumelten, fehlten.

«Vadim, wo brennt es?», begrüßte Kellenberger seinen Klienten.

Der Litauer neigte devot den Kopf, drehte entschuldigend beide Handflächen nach oben und sagte: «Nicht brennt, Herr Doktor Michael, aber sehr eilig. Ich habe ein großes Geschäft in Aussicht und brauche gute Verträge, sehr gute Verträge.»

«Sie brauchen gute Verträge, seit ich Sie kenne, Vadim», sagte der Anwalt.

«Sie machen gute Verträge, seit ich Sie kenne, Doktor Michael», erwiderte Brasaukas höflich und nickte dazu.

Kellenberger schmunzelte. Er mochte seinen Besucher, nicht nur, weil er zahlungskräftig war und freundlich wie alle Osteuropäer. «Bitte, setzen Sie sich und erzählen Sie. Hat Darbo Leikas Sie heute nicht begleitet?»

«Nein. Mein Partner hat wichtige Geschäfte in Vilnius. Muss auch arbeiten, verstehen Sie, Doktor Michael?» Er lächelte und kniff die Augen zusammen und sah mit seinem breiten Mund so aus, wie Kellenberger sich die Russen aus dem asiatischen Teil, dem Kaukasus vielleicht, vorstellte.

«Möchten Sie Kaffee, Vadim?»

«Nein. Frühstück im Hotel war sehr gut.» Der junge Tablisi nickte dazu, die erste Regung, die Kellenberger als eine Art Meinungsäußerung des schweigsamen Schattens wahrnahm.

«Wo logieren Sie? Im ‹Schweizerhof› wie stets, nehme ich an.»

«Ja. Zimmer gut. Leute freundlich, lieben Trinkgeld und sagen immer danke.»

Früher hatte Kellenberger Brasaukas, wenn sie zusammen speisten, diskret angedeutet, dass zu üppige Trinkgelder falsch verstanden würden. Mit einer nonchalanten Handbewegung pflegte der Balte solche Hinweise wegzufegen wie eine Schmeißfliege. «Egal», erwiderte er jeweils. «Kleinigkeit. Sie zufrieden, ich zufrieden. Arbeiten gerne für mich.» Ich auch, musste sich der Anwalt eingestehen, denn auch er war den pekuniären Reizen seines Auftraggebers gegenüber nicht unempfänglich geblieben.

«Worum geht es denn diesmal?», fragte er, als genug Höflichkeiten ausgetauscht waren.

«Automobile», erwiderte Brasaukas. Er verzog sein Gesicht zu einem Lächeln und kniff dabei die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. «Sechsundvierzig Mercedes. Limousinen, Coupés, alle Modelle, alle neu. Aus Belgien. Hier.»

Er streckte die Linke aus, und wortlos und gut einstudiert reichte ihm Tablisi die Aktentasche. Der Litauer entnahm ihr ein schmales Mäppchen mit Fotos. Kellenberger sah eine elegante Autogarage unter einem nur leicht bewölkten Himmel, einen schmucken Showroom mit blank polierten Autos, ‹Auto-Belge› stand überall angeschrieben, und viele Edelkarossen in Großaufnahme. Der größte Autoimporteur Belgiens, erklärte Brasaukas. Stand vor dem Zusammenbruch und musste liquidieren, um das Schlimmste zu verhüten. Er war bereit, die Fahrzeuge unter dem Fabrikpreis abzugeben, sofern der Käufer alle abnahm und sofort bezahlte. Warum denn so ein Unternehmen fallieren müsse, wollte Michael Kellenberger wissen. Falsch spekuliert, in großem Stil falsch spekuliert, wusste Brasaukas zu berichten. Habe sich wegen der Lage am Weltmarkt dazu hinreißen lassen, ganze Schiffsladungen Erdöl nach Belgien importieren zu wollen, habe die Ladungen auch verkauft, aber dann sei sein Verkäufer vor der Lieferung aus einem fadenscheinigen Grund zurückgetreten, und auf den Autoimporteur seien gigantische Schadenersatzforderungen hereingebrochen.

An dieser Stelle stutzte der Anwalt. Der Handel mit Erdöl und Erdgas war das Hauptgeschäft von Brasaukas und seinem Partner Darbo Leikas. Sie belieferten höchst erfolgreich einen ukrainischen Händler in Warschau, der das Material alsdann den großen polnischen Benzin- und Ölhandelsgesellschaften weiterverkaufte. Bei allen wichtigen Verträgen hatte Kellenberger diskret mitgewirkt, seine Klienten vor Schaden bewahrt und ihnen oft zu stattlichen Gewinnen verholfen.

Ob Vadim denn in irgendeiner Weise mit dem vertragsbrüchigen Verkäufer zu tun gehabt habe, fragte er jetzt. Nicht direkt, Doktor Michael, hatte Brasaukas wahrheitsgemäß erwidert. Bloß habe er, weil er den anderen kenne, diesem auf seine entsprechende Frage hin mitgeteilt, dass andere Käufer wesentlich bessere Preise zahlen würden als der Autoimporteur. Dass der Verkäufer dann vertragsbrüchig werde, damit habe er nun wirklich nicht rechnen müssen.

Der Anwalt unterließ es, seinen Mandanten zu fragen, wer denn an Stelle des Belgiers die fraglichen Schiffsladungen an Erdöl gekauft habe. Stattdessen forderte er ihn auf: «Erzählen Sie mir mehr über Ihre Automobile, Vadim.»

«Heute ist Donnerstag. Anfang nächster Woche muss Vertrag unterschrieben und Kaufpreis bezahlt werden. Weniger als eine Million Euro! Ich verkaufe die Autos zum dreifachen Preis weiter, nach Ukraine, nach Polen, nach Weißrussland. Aber ich brauche sehr guten Vertrag. Sie erhalten Honorar, Herr Doktor Michael, zwanzigtausend Euro, weil sehr eilig. Einverstanden?»

Michael Kellenberger lehnte sich zurück. Wie stets, wenn ihn etwas beschäftigte, ließ er den Blick über den Rhein schweifen, der jetzt unter einer blassen Aprilsonne gelblich glänzend dahinzog. Die Fähre an ihrem Leitseil kroch unendlich langsam ans ferne Ufer, verfolgt von ihrem eigenen Schatten auf dem trägen Wasser. Während er ihr nachschaute, nahm langsam eine Idee Form an. Er sagte:

«Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen, Vadim, aber unter vier Augen, wenn Sie einverstanden sind.»

Der Litauer nickte unmerklich und machte eine rasche Handbewegung nach links. Tablisi erhob sich wortlos und verließ den Raum. Kellenberger fuhr fort:

«Bis morgen Nachmittag erhalten Sie Ihren Vertrag, Vadim. Aber ich möchte diesmal kein Honorar. Hingegen nimmt mich wunder, ob Sie mir in einer äußerst delikaten Angelegenheit helfen können.»

«Natürlich.» Brasaukas klang leicht indigniert, weil das Hilfeersuchen in Frageform ausgesprochen wurde. «Was ist das Problem?»

Kellenberger gab sich einen Ruck. «Ich wurde erpresst von einem Steuerbeamten. Er hat mir zwei Millionen Franken abgenommen. Ich möchte, dass er sie mir zurückgibt. Freiwillig, verstehen Sie?»

Vadim Brasaukas schmunzelte. «Ich verstehe sehr gut. Wer ist der Kerl? Wo finden wir ihn?»

Der Anwalt gab ihm alle Informationen über Matter, die ihm zur Verfügung standen, und beschrieb ihn: rundes Gesicht, leicht vorstehende Augen, Halbglatze, Hang zur Beleibtheit, exzentrische Kleidung, Wohnadresse unbekannt.

«Macht nichts. Wir finden ihn», erklärte der Litauer. «Und dann?»

«Ich bereite noch heute einen Brief an seine Bank vor, den er unterzeichnen soll. Ich bringe ihn in Ihr Hotel.» Er legte eine Pause ein, zögerte, und fuhr dann fort: «Das geht meine Sekretärin nichts an, wissen Sie.» Es klang wie eine Entschuldigung.

«Klar.»

«Noch etwas, Vadim», ergänzte Kellenberger. «Matter wird sich am kommenden Samstag, dem 26. April, in London im Old Hampshire Hotel aufhalten. Er hat sich mit mir und zwei anderen Herren dort zu einer Besprechung verabredet.»

«Wann?»

«Mit mir um sechzehn Uhr, mit den anderen beiden vermutlich etwas später. Im Sitzungszimmer Leonardo.»

«Gut. Ich denke, wir können Ihr Problem lösen, Herr Doktor Michael.»

«Aber ohne Gewalt», fügte Michael bei.

«Ich wende nie Gewalt an, Herr Doktor Michael. Nur Köpfchen!»

«Dann ist gut.»

Der Anwalt ließ sich nun noch alle notwendigen Informationen für den Vertrag mit dem Belgier geben, dann verabschiedeten sie sich, beide zufrieden darüber, dass ihre Zusammenarbeit ein weiteres Mal ausgezeichnet funktionierte.


Über Mittag, nachdem Tanja zum Essen gegangen war, schrieb Kellenberger auf seinem Laptop einen Brief Matters an die Universal Bank. Als Absender setzte er «Herbert Matter, zurzeit City Hotel, Basel» ein. Der Brief lautete:

Sehr geehrter Herr Direktor Danuser

Mit diesem Brief bitte ich Sie, kurz vor meiner Abreise nach London, ab meinem Konto einen Betrag von chf 2 000 000 (zwei Millionen Franken) an Herrn Dr. Michael Kellenberger, Rechtsanwalt in Basel, zu überweisen, und zwar auf sein Ihnen bekanntes Klientenkonto bei der Helvetischen Bank in Basel.

Vielen Dank und freundliche Grüße

Herbert Matter

Kopie an: Dr. Michael Kellenberger

Der Anwalt druckte den Brief im Doppel auf seinem Drucker aus, beschriftete zwei Umschläge, einen an Direktor Danuser, den anderen an sich selbst. Er kam sich dabei vor wie ein gemeiner Dieb, obwohl der im Brief erwähnte Geldbetrag ihm gehörte. Er stellte sich vor, wie Brasaukas Herbert Matter die Unterzeichnung des Schriftstückes nahelegte, wie das hässliche Lachen in dessen Babygesicht einfror, und hoffte, dass es dabei nicht zu Gewaltanwendung komme. Kurz erwog er, das Ganze bleibenzulassen und den Brief wieder zu vernichten. Dann erinnerte er sich an seine Sekretärin und an ihren Vertrauensbruch. Dass sie sich unter seinen Augen mit dem Erzfeind zusammengetan hatte, rechtfertigte jede noch so strenge Sanktion. Er begab sich ins Sekretariat, steckte beide Briefe in einen großen Umschlag und adressierte ihn an Vadim Brasaukas.

Er verließ seine Kanzlei und überquerte den Platz mit den uralten Kastanien neben dem Münster. Eine kleine Straße führte an alten Herrschaftshäusern vorbei zum Kunstmuseum. Dort, im Vorhof, lieferten sich drei Bengel eine Verfolgungsjagd um die Rodinstatue «Die Bürger von Calais»; die traurige Menschengruppe aus Erz schaute ihnen teilnahmslos zu. Zweihundert Meter weiter lockten die Schaukästen der Großbank mit zinsgünstigen Hypotheken. An einem Tisch saß ein junges Ehepaar einem lächelnden Bankfachmann gegenüber; zwischen ihnen lagen die Pläne eines Einfamilienhauses. Aber Kellenberger stellte sich das Familienglück in fünf Jahren vor: zwei kleine Kinder, der Mann arbeitslos, die Zinsen gestiegen, der Scheidungsprozess beim Gericht anhängig, das Haus zum Verkauf ausgeschrieben. Dann schalt er sich ein zynisches Ekel und verscheuchte die bösen Gedanken. Nicht jede Liebesgeschichte endete in Zwist und Unglück wie die seine. Er ging weiter zum Hotel Schweizerhof. Beim Empfang gab er den Umschlag ab, bedrückt und erleichtert zugleich.

Auf dem Heimweg dachte er daran, den Drucker im Büro zu entsorgen und durch einen neuen zu ersetzen. Wenn je die Schrift auf dem Brief an die Bank analysiert werden sollte, ließ sie sich nicht auf den neuen Drucker zurückführen.

Бесплатный фрагмент закончился.

1 170,31 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
352 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783857919022
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги