Читать книгу: «Sand und Asche»
Peter Gerdes
Sand und Asche
Langeoog-Krimi

Zum Autor
Peter Gerdes, geb. 1955, lebt in Leer (Ostfriesland). Studierte Germanistik und Anglistik, arbeitete als Journalist und Lehrer. Schreibt seit 1995 Krimis und betätigt sich als Herausgeber. Seit 1999 Leiter des Festivals »Ostfriesische Krimitage«. Die Krimis »Der Etappenmörder«, »Fürchte die Dunkelheit« und »Der siebte Schlüssel« wurden für den Literaturpreis »Das neue Buch« nominiert. Gerdes betreibt mit seiner Frau Heike das »Tatort Taraxacum« (Krimi-Buchhandlung, Veranstaltungen, Café und Weinstube) in Leer.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Immer informiert
Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie
regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.
Gefällt mir!

Facebook: @Gmeiner.Verlag
Instagram: @gmeinerverlag
Twitter: @GmeinerVerlag
Besuchen Sie uns im Internet:
www.gmeiner-verlag.de
© 2020 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
info@gmeiner-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2020
(Originalausgabe erschienen 2010 im Leda-Verlag)
Herstellung: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer
unter Verwendung eines Fotos von: © chrisaram2 / pixabay.com
ISBN 978-3-8392-6466-9
Widmung
Für J. K.
1.
Sie spürte es brennen. Sie spürte sich brennen. Endlich.
Feuer. Verzehrendes Feuer, reinigendes Feuer. Sie seufzte erwartungsvoll bei dem Gedanken, dass dieses Feuer alles verbrennen würde, was nicht wirklich zu ihr gehörte. All das, was nur an ihr hing wie kiloschwere Kletten, das an ihrem Selbstbewusstsein saugte wie eklige Egel, das um sie herumwallte wie Fett gewordene Häme. Das gute, das herrliche Feuer würde ihr wahres Ich aus diesem widerlichen Kokon herausschälen. Herausbrennen. Herrlich. Endlich.
O loderndes Feuer. O göttliche Macht.
Wo kam das jetzt auf einmal her? Sie grinste. Kaiser Nero in Quo vadis, diesem schwülstigen Hollywoodschinken, den sie sich in der Schule hatte anschauen müssen. Peter Ustinov als fette Witzfigur. Nero, der Rom verbrennen ließ, der das verkommene Alte beseitigte, um Platz für das herrliche Neue zu schaffen. Die Römer hatten ihn erst vergöttert, dann gefürchtet, schließlich hatten sie ihn für verrückt erklärt.
Was wussten denn die!
Sie betrachtete sich im Spiegel. Ihr ganzes Zimmer hing voller Spiegel, zwei davon reichten bis zum Boden. Keiner davon war fest montiert, denn die anderen durften sie nicht sehen. Wenn sie richtig stand, konnte sie ihren Körper von allen Seiten zugleich betrachten. Nackt, ungeschönt, schonungslos. Aufgelöst in Facetten, in Fragmente zersplittert, in Stücke gebrochen. In Teile, die so viel mehr waren als das Ganze.
Ihren Körper so zu betrachten, war eine furchtbare Qual, der sie sich trotzdem immer wieder aussetzte. Weil das nötig war. Weil sie es einfach tun musste. Weil sie sich immer wieder darin bestärken wollte, unbarmherzig zu sein gegenüber ihrer eigenen Unvollkommenheit. Das Unerträgliche musste immer aufs Neue ertragen werden, damit man es nicht ewig ertragen musste.
Natürlich kannte sie ihre Schwachstellen gut. Die schwabbeligen Hüften, den fetten Po, diese viel zu dicken Oberschenkel, diese monströsen Titten. Niemandem sonst war dieser Anblick zuzumuten. Deshalb trug sie auch immer Kleidung, die diese Katastrophe kaschierte, so gut es eben ging. Weite, fließende, locker fallende Klamotten, die nichts zeigten, nichts betonten oder hervorhoben, sondern alles verhüllten, was zu verhüllen war.
Sie wusste selbstverständlich genau, dass das nicht wirklich funktionierte. Dass alle anderen Menschen sie trotzdem als das wahrnahmen, was sie war: ein fetter, klopsiger Trampel, ein Monstrum, das es eigentlich nicht verdient hatte, in der Gegenwart anderer, wirklicher Menschen geduldet zu werden. Jeder sah das, jeder wusste das. Aber man schien ihren Versuch, die Belästigung der Umgebung durch ihre widerwärtige Erscheinung so gut es ging zu mindern, doch anzuerkennen. Jedenfalls insoweit, als niemand mit dem Finger auf sie zeigte, dass sie nicht öffentlich verlacht, geschmäht und davongejagt wurde. Man benahm sich ihr gegenüber rücksichtsvoll. Aber die vielen versteckten Blicke, die sie registrierte, ohne dass jemand das bemerkte, zeigten ihr doch immer wieder, was Sache war. Rücksicht war eben nur eine milde Form der Verachtung.
Und sie selbst hatte für sich, für ihren Körper, nicht einmal Rücksicht übrig.
Sie stöhnte. Das Feuer in ihr brannte heiß, so heiß, dass sie keuchen musste, um ihm genügend Atemluft zuzuführen. Sauerstoff, den es brauchte, um sein gnädiges Zerstörungswerk gründlich zu verrichten.
Heiß brannte es, aber nicht heiß genug. Sie kannte die Vorschriften, aber diejenigen, die diese Vorschriften verfasst hatten, kannten ganz bestimmt nicht sie. Konnten nicht wissen, welch herkulische Aufgabe es hier zu verrichten und zu vollenden galt. Also weg mit den Vorschriften. Das Feuer musste heißer brennen, musste immer wieder aufs Neue angefacht und genährt werden. Nachschub an Brandbeschleunigern sollte ja ohnehin heute noch kommen. Wozu also sparen?
O loderndes Feuer. O göttliche Macht.
Sie griff nach den Tabletten.
2.
»Mehr Drama, Baby!«
Der Kerl grinste so breit, dass es Stephanie die Sprache verschlug. Was bildete sich dieser Provinzkasper denn bloß ein? Hielt er sich etwa für eine bleichgesichtige Ausgabe von Model-Coach Bruce Darnell? Von wegen. Eine Lachnummer! Eine Billigkopie! Bestimmt war er noch nicht einmal schwul.
Sie drehte ihm den Rücken zu.
Aber eigentlich passte dieser affektierte Stenz ganz gut zu dieser ganzen Veranstaltung, dachte Stephanie, während sie krampfhaft versuchte, in den schmalen, etwas zu groß ausgefallenen High-Heels, aus denen ihre Füße bei jeder unbedachten Bewegung herauszuschlüpfen drohten, einen vernünftigen Performance-Schritt hinzubekommen. Scharf hingestochen und doch elegant, selbstbewusst und doch fraulich. So hatte sie es gelernt. Die Kurse waren teuer genug gewesen. Daddy sollte sein Geld nicht umsonst ausgegeben haben.
Selbstbewusst und doch fraulich. Als ob das ein Gegensatz wäre!
»Steffi, bist du endlich so weit? Du musst da raus!«
Wieder dieser teiggesichtige Conférencier, dieser Mode-Maestro von eigenen Gnaden. Dabei hing doch auch er an Daddys Kohle-Tropf. Verdammt, wenn sie das alles vorher gewusst hätte! Aber jetzt war es zu spät, jetzt musste sie da durch. Und das hieß erst einmal: da raus.
Hinaus auf den Laufsteg. Zur Premiere als Model. Himmel, wie lange hatte sie davon geträumt!
Daddy hatte so geheimnisvoll geguckt, als er ihr den Termin verraten hatte. Vorgestern erst: »Lampenfieber muss kurz und heftig sein.« Jubelnd war sie ihm um den Hals gefallen, hatte einen Freudentanz um ihn herum aufgeführt und weitere Details aus ihm herauszuquetschen versucht. Aber Daddy war diesmal hart geblieben, hatte nur den Kopf geschüttelt und gelächelt: »Musst du alles noch gar nicht wissen. Erfährst du alles noch früh genug.« Und dabei war es geblieben. Alles geschah immer so, wie Daddy es wollte.
Nur einen Zusatz hatte er noch gemacht: »Sieh zu, dass du deine Kleidergröße bis dahin hältst. Nicht noch dünner werden, hörst du, Engel?«
Was Daddy nur immer redete! So clever wie er war, von einigen Dingen hatte er absolut keine Ahnung.
Offenbar auch nicht davon, was eine richtige Modenschau war. Sonst hätte er ihr bestimmt nicht zugemutet, ihr Debüt ausgerechnet in einer Turnhalle zu geben! Sich in einer miefigen Umkleide zu stylen und auf ihren Auftritt vorzubereiten! Was für eine Demütigung. Das würde sie ihm nie vergessen. Natürlich hatte er recht damit, dass es in ihrer kleinen Heimatstadt Leer keine wirklich passende Location gab. Das sogenannte Theater, in Wahrheit nur eine größere Aula mit dem Charme der 60er Jahre, eignete sich nicht. Alle anderen Säle waren zu klein oder falsch geschnitten. Und als Daddy ihr mit der Viehhalle gekommen war – »Den Geruch kriegen wir schon raus, und da gibt es gut zweitausend Sitzplätze!« –, hatte sie sich nur noch die Ohren zugehalten. Fleischbeschau in der Viehhalle! Am Ende gab es dort auch noch Brandzeichen.
Trotzdem, viel besser war eine Sporthalle auch nicht. Obwohl es die größte weit und breit war. Zudem die einzige mit Hochtribüne.
»Wird’s bald?«
Stephanie wirbelte herum, einen saftigen Fluch auf den Lippen. Fast wäre sie dabei umgeknickt. Um ihr Gleichgewicht kämpfend, stieß sie sich ihre linke Hand an einem eisernen Kleiderhaken. Mit Mühe unterdrückte sie einen Schmerzensschrei. Teiggesicht kam mit einem bösen Blick davon.
»Also dann, los jetzt.«
Sie stöckelte schlingernd um ein paar Holzbänke herum, zwischen mobilen Kleiderständern hindurch, an improvisierten Schminktischen vorbei. Zugegeben, der Aufwand, der hier getrieben wurde, war ziemlich groß. Die Deko alleine musste Zigtausende gekostet haben. Und den Namen des Modeschöpfers, dessen Kreationen hier präsentiert wurden, hatte sie auch schon einmal gehört. So gesehen, konnte sie Daddy vielleicht doch keinen Vorwurf machen. Mühe gegeben hatte er sich, auch seine Beziehungen spielen lassen. Vom Geld ganz zu schweigen. Daddys Geld war wie ein Universalschlüssel, und er scheute sich nicht, diesen Schlüssel zu benutzen.
Was aber alles nichts daran änderte, dass dies hier eine Turnhalle war. Wenn auch eine große. Es war doch ein neuer Festsaal in Leer geplant, warum war der denn noch nicht fertig? Stephanie stampfte mit dem Fuß auf. Fast wäre sie dabei lang hingeschlagen, aber zum Glück war ein Türrahmen in Reichweite.
In dem Gang von den Umkleidekabinen zur Halle herrschte hektisches Getriebe. Andere Mädchen und junge Frauen in teils abenteuerlich anmutenden Roben eilten hierhin und dorthin, einige stöckelnd und stolpernd, andere barfuß, hochhackige Folterinstrumente in der Hand. Rufe übertönten die Musik, die aus der Halle drang. Applaus rauschte herüber, an- und abschwellend wie Brandungswogen. Plötzlich spürte Stephanie ihren Herzschlag bis in die Mundschleimhäute hinein. Turnhalle oder nicht, es war so weit. Ihr erster Auftritt als Model stand unmittelbar bevor.
Jemand packte sie von hinten am Arm, riss sie halb herum. Die kleine, faltige Frau mit dem Maßband um den Hals und dem Nadelkissen am Handgelenk. »Kind, so kannst du doch nicht hinaus. Los, Füße zusammen! Steh gerade!«
Stephanie spürte, wie sich die Frau hinten an dem Kleid zu schaffen machte, das sie trug, einer Orgie aus blauer Seide und Flitter, schulterfrei und eng anliegend wie ein Schlauch. Größe 34 natürlich. Sie war hineingeschlüpft, ohne einen Gedanken an die Passform zu verschwenden. Größe 34 passte ihr immer, sofern die Länge stimmte.
Die Frau zupfte und zerrte, raffte mit geschickten Fingern Stoff zu verdeckten Falten zusammen, steckte Nadeln so präzise, dass Stephanie das kalte Metall fühlte, ohne gestochen zu werden. Die Seide schmiegte sich an wie eine zweite Haut, formte den Schwung von Taille und Hüfte nach.
»So, jetzt ist es nicht mehr zu weit. Aber bleib gerade!« Die Schneiderin gab ihr einen Klaps auf den Po, als gelte es, ein Zirkuspferd in die Manege zu schicken. »Viel Glück. Los!«
Zu weit? Größe 34 zu weit?
Jemand riss eine große Tür auf, und sie trat hindurch, plötzlich ganz sicher auf den Füßen, präzise und doch elegant, wie sie es gelernt hatte. Adrenalin war eben doch ein Teufelszeug.
Sie durchquerte einen dämmerigen Vorraum, der durch schwarze Tuchbahnen von der übrigen Halle abgetrennt war, erklomm eine kleine Treppe, umrundete die versetzt aufgehängten Hälften eines schweren Vorhangs. Gleißende Helligkeit und tosender Beifall empfingen sie. Ja. Das, genau das war der Moment.
Sehen konnte sie nicht viel; das Scheinwerferlicht errichtete Mauern aus tiefer Schwärze rund um den grell erleuchteten Catwalk. Nur die ersten Reihen kleiner, runder Tische direkt unterhalb des Laufstegs waren schemenhaft zu erkennen, aber sie spürte, dass die ganze große Halle voller Menschen war. Hinter den Tischchen für die VIPs mussten Stuhlreihen dicht an dicht stehen, das hörte sie an der Intensität des Applauses, der ihr entgegenbrandete. Auch von oben. Richtig, die hoch gelegene Seitentribüne. Hatte sie in dieser Halle nicht früher einmal Handball gespielt? Das musste in einem anderen Leben gewesen sein.
Haltung. Arme. Schritte. Lächeln. Kopf wenden. Alles kam automatisch. Vergessen alle Unsicherheit, das Schlingern und Straucheln. Dies war der Laufsteg, und sie mitten darauf. Sie hörte ihren Namen aus den Lautsprechern, hörte die Vorstellung des Kleides, das sie trug, ohne auf den Wortlaut zu achten. Sie war ganz Körper, Bewegung, Anmut, Ausstrahlung. Erneut wurde der Beifall stärker. Ringsherum flammten Blitzlichter auf, und sie badete darin, fühlte ihren Körper in diesen Strahlen noch elastischer, noch biegsamer werden. An die Turnhalle dachte sie nicht mehr. Das hier, das war es, was Daddy für sie gewollt hatte. Und was sie selbst wollte. Jetzt war sie sich sicher.
Und da war Daddy! Er saß ganz weit vorn, an einem der runden Tischchen, die vom Rampenlicht des Laufstegs noch gestreift wurden. Er strahlte und winkte ihr zu. Was sollte das sein, ein Test? Natürlich winkte sie nicht zurück. Sie war doch kein kleines Mädchen auf einer Schulbühne. Sie war jetzt ein professionelles Model.
Drehung, jetzt verharren, Arme ausschwingend, Beine leicht gespreizt. Lächeln nicht vergessen. Dann weiter, bis zum Ende des Catwalks. Wieder eine Drehung, langsamer diesmal, kurz verharren, Kopf herumschwenken. Das Lächeln kam jetzt schon automatisch. Erneutes Blitzlichtgewitter. Einzelne Rufe durchdrangen den Beifall. Sie klangen begeistert. Es durchrieselt sie heiß. Davon hatte sie geträumt.
Zurück. Und die dritte Drehung auf halber Strecke nicht vergessen.
Da war Daddy wieder. Er war aufgestanden, hantierte mit irgendetwas Glänzendem herum. Wollte wohl ein Foto machen. Waren hier denn nicht schon genügend Fotografen an der Arbeit? Aber so war Daddy eben. Wenn du willst, dass etwas ordentlich gemacht wird, dann mach es selbst.
Jetzt rutschte ihm der Fotoapparat weg. Er bückte sich, erwischte das Ding gerade noch, ehe es aufs Hallenparkett knallte. Von wegen alles selber machen! Manchmal …
Plötzlich schwankte sie. O Gott, die High Heels, schoss es ihr durch den Kopf. Aber die Schuhe waren es nicht. Hatte jemand sie geschubst? Ihr war, als hätte sie einen Schlag gegen ihren Oberkörper gespürt. Aber hier oben auf dem Laufsteg war doch niemand außer ihr.
Brennend heiß wurde es jetzt, als hätte ihr jemand glühende Eisenstangen zwischen die Rippen und in den Oberarm gerammt. Dort begann es feucht zu werden.
Ihr Körper vollendete die eingeleitete Drehung ohne ihr Zutun. Der Rand des Laufstegs näherte sich, passierte ihr Gesichtsfeld, entfernte sich wieder. Eins der runden Tischchen fiel krachend um, und sie begriff nicht, warum sie plötzlich darunter lag. Roter Wein aus berstenden Gläsern und Karaffen durchnässte sie. Köpfe mit runden, stummen Mündern drängten sich vor die gleißenden Scheinwerfer. Das Licht erlosch.
3.
Sonnenschein, eine leichte Brise, gedämpftes Brandungsrauschen, Möwengeschrei, lebhaft plappernde Menschen um ihn herum, ein bunter Strandkorb direkt vor seiner Nase – und das, obwohl er sich nicht etwa am Strand befand, sondern mitten im Ortszentrum: Lüppo Buss war mit seiner Entscheidung, Polizist auf der Insel Langeoog zu werden und zu bleiben, wieder einmal vollkommen zufrieden. Um nicht zu sagen glücklich. Ja, doch. Seit er vor einigen Wochen aus dem Dienstgebäude an der Kaapdüne aus- und zusammen mit Nicole in die schöne Etagenwohnung am Hasenpad eingezogen war, konnte er sich mit diesem Begriff, den er eigentlich hoffnungslos kitschig fand, durchaus anfreunden.
Außerdem, was hieß schon kitschig. Waren das Strandkörbe mitten in der Fußgängerzone etwa nicht?
Andererseits, was hieß auf Langeoog schon Fußgängerzone. Die war hier genau genommen überall, denn Autos waren streng verboten. Nicht einmal Busse oder Taxis gab es, stattdessen Fahrräder, Elektrokarren und Pferdefuhrwerke. Na gut, für die Erhaltungsarbeiten an der sturmflutgefährdeten Seeseite gab es ein paar Traktoren und andere Motorfahrzeuge, und für Notfälle stand auch ein motorisierter Krankenwagen bereit. Ansonsten aber herrschte Autofreiheit – Freiheit nicht etwa für das Auto, sondern Freiheit davon. Was für die Menschen hier ein Stück wirklicher Freiheit war. Davon war Lüppo Buss überzeugt.
Dabei hatte er heute überhaupt nicht frei. Sondern Dienst. Ob sich die Kollegen auf dem Festland während ihrer Dienstzeit auch so fühlten? Lüppo Buss verschränkte seine Hände hinter dem Rücken, reckte die muskulösen Schultern und grinste. Sein Mittagessen in der Kupferpfanne zählte er natürlich zu seinen dienstlichen Obliegenheiten. Kontaktpflege war wichtig, wer wollte das bestreiten? Tja, in der Tat, wer? Hier war er sein eigener Chef.
Und die Matjesfilets mit Bratkartoffeln waren wieder einmal hervorragend gewesen.
Allzu lange war es nicht her, da hatte Lüppo Buss die Dinge noch etwas anders gesehen. Hatte sich hier auf Langeoog wie auf dem Abstellgleis gefühlt, abgenabelt von wirklich interessanten Fällen und verantwortungsvollen Aufgaben, gegängelt von arroganten Vorgesetzten, die glaubten, vom Festland aus die Dinge besser beurteilen zu können als er. Er war drauf und dran gewesen, das Inseldasein aufzugeben und sich anderswo hin zu bewerben, »nach Deutschland«, wie die Insulaner sagten. Zur richtigen Polizei, wie er es im Stillen nannte.
Ein Glück, dass es dazu nicht gekommen war.
Bester Laune spazierte der Oberkommissar die Barkhausenstraße entlang, Dienstmützenbezug und Uniformhemd faltenfrei, Mützenschirm und Sonnenbrille blitzblank poliert, die Hose messerscharf gebügelt, die schwarzen Schuhe glänzend. Hier zwischen Wasserturm und Haus der Insel brodelte, gerade jetzt zu Beginn der Hochsaison und kurz nach der Mittagessenszeit, das Leben – jedenfalls in einer insular gedämpften Form von brodeln. Von rechts und links grüßten ihn die Leute, teils weil sie ihn kannten, teils, weil sie in ihm eine ebenso inseltypische Erscheinung sahen wie in den innerorts aufgestellten Strandkörben.
Inselpolizist Lüppo Buss, ein skurriles Stückchen Touristenkitsch?
Er räusperte sich und prüfte den korrekten Sitz seiner Mütze mit der Handkante. Nein, das war er nun doch nicht. Sondern ein gewichtiges Stück staatlicher Autorität. Das sollte mal besser keiner vergessen. Auch er selber nicht.
»Mensch, Lüppo, gut, dass ich dich sehe.« Eine pfannengroße Hand landete krachend auf seiner gestärkten Hemdschulter. Der Oberkommissar zuckte leicht zusammen. Stimmlage und Schlagstärke erlaubten keinen Zweifel daran, wer da gerade seinen staatsautoritären Patrouillengang in der Mittagssonne so respektlos unterbrach. Zumal sich ihm der Betreffende kurzerhand mitten in den Weg gestellt hatte.
Seufzend nahm er die dunkle Brille ab. Jetzt, da dieser Trumm zwischen ihm und der Sonne stand, benötigte er sie sowieso nicht mehr.
»Moin, Backe. Was gibt’s?«
Der fleischige Riese verzog seinen Mund zu einem breiten Grinsen und entblößte ein gelbliches, sehr lückenhaftes Gebiss. Ein erschütternder Anblick, der jedoch durch den Ausdruck ehrlicher Freundlichkeit auf dem braunen, wettergegerbten Gesicht gemildert wurde.
»Müll«, sagte der Riese.
»Müll.« Lüppo Buss verzog das Gesicht, als läge der Unrat leibhaftig vor ihm. Gab es ein Thema, das weniger zur sonnenwarmen Sommerstimmung auf der Langeooger Flaniermeile passte als dieses? Und zu den Gedanken, in denen der Inselpolizist eben noch geschwelgt hatte?
Lüppo Buss musterte sein Gegenüber, als handele es sich um einen überquellenden Müllbehälter. Natürlich war es nicht korrekt, solche Vergleiche zu ziehen, trotz der Trümmer in Backes Mund, seiner containerhaften Ausmaße und der fleckigen, kaum noch als weiß anzusprechenden Schürze, die er sich um die massive Leibesmitte geknotet hatte. In seinem übergroßen Fischerhemd sah Beene Pottebakker, genannt Backe, wie ein eingeborener Insulaner aus, noch weitaus mehr Kitsch-Klischee als Lüppo Buss und sämtliche Strandkörbe zusammen. Tatsächlich aber war Backe ein Zugereister und arbeitete erst seit wenigen Monaten auf Langeoog. Lüppo Buss erinnerte sich noch gut an seine beiläufige Routineüberprüfung Beene Pottebakkers, nach der ihm die Haare zu Berge gestanden hatten. Mittlere und schwere Körperverletzung, Rauschmittel- und Eigentumsdelikte in großer Zahl und bunter Folge fanden sich in Backes Akte; ein Wunder, dass dieser Riese immer mal wieder aus dem Strafvollzug entlassen worden war. Aktuell allerdings war kein Strafverfahren anhängig. Kein Grund also, einzuschreiten – Gründe genug aber, diesen Mann im Auge zu behalten.
Was momentan weiter kein Problem war.
»Ja, Müll.« Backe nickte eifrig, als sei er froh, verstanden worden zu sein. »Unser Container. Da hat sich schon wieder einer dran zu schaffen gemacht. Drum herum ist alles siffig, trotzdem ist der Kübel voll. Da entsorgt doch jemand seinen Dreck illegal. Auf unsere Kosten. Sauerei, nicht?«
Der Inselpolizist nickte bedächtig. Auf Langeoog gab es keine Mülldeponie – und natürlich auch keine Verbrennungsanlage. Der Tourismus war die Haupteinnahmequelle, mit weitem Abstand; da musste man mit Wasser, Luft und Landschaft natürlich vorsichtig umgehen. Ebenso wie praktisch alles, was auf der Insel konsumiert wurde, mit Schiffen herangeschafft werden musste, so musste sämtlicher dabei entstehender Müll zurück aufs Festland transportiert und dort entsorgt werden. Das gab es nicht umsonst. Und natürlich achtete jeder Insulaner peinlich darauf, dass er von diesen Kosten nicht mehr zu tragen hatte als unbedingt nötig.
»Und?«, fragte Lüppo Buss. »Wer ist der böse Bube? Hast du schon eine Idee?«
In einer Geste vollkommener Ahnungslosigkeit breitete Backe seine überlangen Arme aus. »Was weiß denn ich? Auf frischer Tat ertappt habe ich noch keinen, und einfach so jemanden beschuldigen, das gehört sich ja nicht, oder?« Seine zwinkernden Augen aber straften Backes Gestik Lügen, als er hinzufügte: »Vor allem nicht die lieben Mitbewerber.«
Der Oberkommissar verzog sein Gesicht. Bloß das nicht! Der Smutje, der Laden, in dem Backe an der Fritteuse stand, war mehr als einem Langeooger Wirt ein Dorn im Auge. Dort speiste man zwar nicht eben edel – »Paniert, frittiert, serviert«, wie Backe es ausdrückte – dafür aber konkurrenzlos billig. Jedenfalls für Inselverhältnisse. Viele Familien waren hier unter den Touristen, und in Zeiten wie diesen wurde mit dem Cent gerechnet. Jeder Panadefisch mit Pommes oder Kartoffelsalat aus dem Plastikeimer entlastete die Reisekasse. Und brachte den umliegenden Restaurants Umsatzeinbußen. Ob tatsächlich oder nur gefühlt, das machte da keinen Unterschied.
Kleinere Sabotageakte, und seien es nur ein paar illegal entsorgte Müllsäcke, um den billigeren Konkurrenten in Verlegenheit zu bringen, der natürlich nicht mehr Containerraum vorhielt als unbedingt nötig, waren als Reaktion durchaus vorstellbar. Ein bevorstehender Gastronomen-Krieg auch. Hier ging es ums Geld, und das war den Inselwirten heilig.
»Also dann, wir gehen mal gucken«, entschied Lüppo Buss. Kein leichter Entschluss, zumal mit einer guten Portion Matjes mit Bratkartoffeln im wohltrainierten Bauch, dessen Muskeln schon beim bloßen Gedanken an den Geruch von Fischabfällen zu zucken begannen. Aber wo, wenn nicht im Container selbst, waren Hinweise auf den möglichen Täter zu erwarten?
»Spitze.« Backe rieb sich die Bratpfannenhände. »Ich wette, wir finden Innereien. Von Fischen. Dann ist nämlich klar, wer’s war. Von uns können die auf keinen Fall sein, wir nehmen die Fische ja nicht selber aus.«
»Logisch«, sagte Lüppo Buss. »Den möchte ich auch mal sehen, der tiefgefrorene Panade-Filets noch ausnehmen kann.«
Interessant, dass Backe so selbstverständlich wir sagt, dachte der Inselpolizist, während er sich bemühte, mit dem Riesen Schritt zu halten, der erwartungsvoll in Richtung Smutje eilte. Er scheint sich richtig mit dem Laden zu identifizieren. Dabei gehört ihm der natürlich gar nicht. Und sein Job dort ist alles andere als ein Hauptgewinn. Jeden Tag Überstunden in Hitze, Fisch- und Fettgestank, und das Gehalt ist mit Sicherheit mehr als mau. Sonst hätte der alte Stapelgeld bestimmt jemand anderen dafür gefunden als ausgerechnet einen gewohnheitsmäßigen Knastrologen.
Natürlich hieß der Eigner des Smutje nicht Stapelgeld, sondern Stapelfeld. Thees Stapelfeld. Sein Spitzname, den er seinem einst legendären Geiz verdankte, drückte durchaus nicht nur Spott, sondern auch Anerkennung aus. Stapelfeld war einer, der sich nicht mit dem zufrieden gab, was er geerbt, erworben und erheiratet hatte. Er wollte höher hinaus, er wollte mehr, und mehr bekam man eben nicht durch großzügig gezahlte Löhne. Jahr für Jahr erweiterte Stapelfeld das, was er nicht nur bei sich, sondern auch abends an der Theke »mein Imperium« nannte. Ein Spruch, über den auf Langeoog schon länger keiner mehr lachte.
Backe streckte den Arm aus: »Da hinten steht er.«
In einer schmalen Lohne zwischen dem Smutje und dem Nachbarhaus stand der Abfallcontainer der billigen Fischbraterei. Offenbar nicht genau auf seinem üblichen Platz, wo die Rollen deutliche Spuren auf den Pflastersteinen hinterlassen hatten. Das musste nichts heißen, konnte aber tatsächlich ein Hinweis darauf sein, dass jemand etwas Voluminöses oder Schweres hineingestopft und sich dann eilig entfernt hatte. Dreck und aufgeplatzte Tüten, aus denen Küchenabfall quoll, lagen um den großen Behälter herum, ganz wie von Backe beschrieben. Über allem hing ein Geruch, der den Matjes in Lüppos Bauch zu neuem Leben zu erwecken schien.
»Mach mal auf«, wies er Backe an.
Die Riese packte zu. Die große Metallklappe knarrte nur leise, als er sie ohne Mühe anhob.
Der Container war fast voll. Obenauf lag, teilweise von Müll bedeckt, die Leiche einer jungen, unbekleideten Frau mit weit aufgerissenen Augen, deren narbenbedeckter Körper aussah wie ein mit Haut bespanntes Skelett.
Lüppo Buss spürte, wie eine unsichtbare Müllpresse seinen Magen zusammenquetschte. Er drehte sich weg und krümmte sich zusammen.
4.
»Von wo kam der Schuss?«, fragte Hauptkommissar Stahnke.
»Von dort oben«, antwortete Kramer und wies auf die Seitentribüne. »Vermutlich aus der näheren Umgebung des Eingangsbereichs. Ganz exakt lässt sich das aber nicht feststellen, weil sich das Opfer zum genauen Tatzeitpunkt nach übereinstimmenden Aussagen gerade in einer Drehung um die eigene Achse befand. Außerdem ist ein Schusskanal …«
Ungeduldig winkte Stahnke ab. Oberkommissar Kramers Hang zum Perfektionismus war eine wunderbare Sache, wenn es um die minutiöse Aktenführung ging. Im wirklichen Leben aber konnte einem das ganz schön auf die Nerven gehen.
»Patronenhülse?«, fragte er weiter.
»Negativ«, sagte Kramer. »Vermutlich hat er einen Revolver benutzt. Würde auch zum Kaliber passen. Neun Millimeter.«
Stahnke nickte. Während eine Automatikpistole die Patronenhülse nach dem Schuss auswarf, blieb sie bei einem Revolver in der Trommel stecken, und der Schütze nahm sie einfach mit. Eine Spur weniger.
»Neun Millimeter«, wiederholte der Hauptkommissar. »Da meinte es aber jemand richtig ernst.« Er taxierte die Entfernung zwischen der nächstgelegenen Ecke der Tribüne, dort, wo sich die Tür zum Treppenhaus befand, und den Blutflecken auf dem Laufsteg. »Achtzehn, vielleicht zwanzig Meter«, sagte er. »Man muss schon ein sicherer Schütze sein, um mit einer kurzläufigen Faustfeuerwaffe auf diese Distanz zuverlässig zu treffen.«
Kramer zuckte die Achseln. Klar, das bedurfte eigentlich keiner Erwähnung. Zumal nur ein einziger Schuss gefallen war.
»Vermutlich hat der Täter einen Schalldämpfer benutzt«, erläuterte Kramer. »Sonst hätten die in unmittelbarer Nähe Sitzenden wohl schneller reagiert. So aber haben sich nur wenige umgeschaut – das auch erst mit Verzögerung – und nur einen grauen Rücken durch die Glastür verschwinden sehen. Beschreibung unspezifisch. Etwas über mittelgroß und mittelschlank, keine Angaben zum Alter möglich, nicht einmal das Geschlecht steht eindeutig fest.«
»Schalldämpfer? Ich dachte, Revolver lassen sich nicht dämpfen.« Stahnke bedauerte seine Äußerung, noch ehe er den Satz zu Ende gesprochen hatte. Vor Kramer gab er sich ungern eine Wissensblöße. Auch wenn das Verhältnis zu seinem Kollegen in letzter Zeit stetig enger und vertrauter geworden war. Seit ihrer gemeinsamen Recherche im Rocker-Milieu duzten sie sich sogar. Für Stahnke hieß das schon etwas.
»Sie sind selten, aber es gibt sie.« Kramer war natürlich wieder perfekt informiert. »Man muss der betreffenden Waffe nachträglich ein Laufgewinde schneiden oder schneiden lassen, um einen Dämpfer benutzen zu können. Geht nur mit Spezialwerkzeug und ist nicht billig.«
Stahnke nickte. Wenn dem so war, konnte das ein Anhaltspunkt sein. Solche Spezialisten und ihre Werkzeuge mussten sich finden lassen.
»Die Dämpfungsleistung ist allerdings umstritten«, fuhr Kramer fort. »Gedämpft werden kann ja nur der Mündungsknall, also die Explosion der Geschossladung. Die anschließende Luftverdrängung durch das Geschoss aber findet selbstverständlich trotzdem statt, und deren Geräuschentwicklung hat es in sich. Eben ein Überschallknall. Von wegen ein leises ›Plop‹ wie bei James Bond!«
»Und wie ist es bei Unterschallmunition?«, fragte Stahnke leise.
Kramer schwieg zwei Sekunden lang. Dann pfiff er durch die Zähne. »Natürlich. Die gibt’s ja auch. Ist weniger effizient als die mit Überschallgeschwindigkeit, aber mit entsprechend größerer, langsam brennender Treibladung und erhöhtem Geschossgewicht …«
»Und mit Kaliber neun Millimeter«, sagte Stahnke und nickte. »Das reicht auch bei Unterschall. Wurde das Geschoss schon untersucht?«
»Ist im Labor«, antwortete Kramer. Es klang ein wenig kleinlaut.
Stahnke bemühte sich, seinen kleinen Triumph nicht zu sehr zu genießen. In der Regel machte ihm Kramers überlegenes Recherchewissen ja auch nichts aus. Aber es konnte gewiss nicht schaden, gelegentlich mal selber einen Punkt zu verbuchen.
Zumal ihm Kramer allein schon durch die Tatsache um Längen voraus war, dass er gestern Abend telefonisch erreichbar gewesen war und Stahnke nicht. Ganz bewusst nicht; er hatte seine erwachsene Tochter in Südniedersachsen besucht, was selten genug vorkam, und sein Handy mit voller Absicht zu Hause gelassen. Wenn er schon zu weit vom Schuss war, um etwas tun zu können, dann wollte er auch nicht mit Anrufen belästigt werden. Außerdem wusste Kramer ja Bescheid.
Trotzdem ärgerlich, dass solch eine Sache ausgerechnet an so einem Tag passieren musste!
Stahnke schob seine Hände zurück in die Hosentaschen, wo er sie bei Tatortbesichtigungen mit Vorliebe aufbewahrte, um nicht unbedacht Spuren zu vernichten, und drehte sich langsam um die eigene Achse. Die BBS-Sporthalle kannte er gut. Ein großes Ding. Hallenfußball-Kreismeisterschaften, Basketball-Regionalliga, Turngala, sogar nationale Titelkämpfe im Taekwon-Do hatten hier schon stattgefunden. Aber eine Modenschau? Wer war bloß auf diese Idee gekommen? Haute Couture und Mattenmief, das passte doch nicht zusammen!
Andererseits hatte solch eine Riesenhalle aber auch Vorteile. Lage und Infrastruktur stimmten, Parkplätze waren in Hülle und Fülle vorhanden, und vor allem bot die Dreifachsporthalle Platz im Überfluss. Man musste nur die entsprechenden Mittel und die richtigen Leute haben, um Funktionalität und Atmosphäre des weitläufigen Innenraums durch Einbauten und Dekoration entsprechend zu verändern.
Stahnke nickte anerkennend. Ganz offensichtlich waren die richtigen Leute zum Einsatz gekommen, denn das Resultat war überzeugend. Nicht unbedingt gerade jetzt, da alle Neon-Leuchtröhren strahlten und das Rampenlicht und die Punktstrahler ausgeschaltet waren. Aber bei geschickt ausgesteuerter Beleuchtung konnte die Sporthalle in derart gediegener Aufmachung bestimmt als Modetempel durchgehen.
An den nötigen Finanzmitteln, das sah man auf den ersten Blick, hatte es nicht gefehlt. Kay-Uwe Venema stand ja auch dahinter.
Venema war Reeder. Einer von denen, die der ostfriesischen Kleinstadt Leer zum Status des zweitgrößten Reedereistandorts Deutschlands gleich hinter Hamburg verholfen hatten. Einer von denen, die an der Globalisierung verdienten, daran, dass Rohstoffe, Halbfertig- und Fertigprodukte seit Jahren in immer größeren Mengen und immer schneller per Schiff um den Planeten strömten, ohne Rücksicht auf ökologische Erfordernisse. Preis und Profit waren die einzigen Maßstäbe. Ein Geschäft, auf das sich Kay-Uwe Venema hervorragend verstand. Er war reich geworden dabei. Schwerreich. Um nicht zu sagen stinkreich.
Stahnke musste grinsen, als er ihm die Herkunft dieses Adjektivs einfiel. Einer wie Venema gab sein Geld sicher nicht für das Privileg aus, eines Tages innerhalb einer Kirche oder gar eines Doms begraben zu werden, unter den steinernen Bodenplatten, um Mitmenschen und Nachkommen durch seinen Verwesungsgestank auch nach seinem Tod noch unter die Nasen zu reiben, um wie viel höher seine eigene soziale Stellung gewesen war als ihre. Nein, ein Kay-Uwe Venema wusste sein Geld so zu investieren, dass es schon zu Lebzeiten seines Besitzers reichen Ertrag brachte.
Venema kaufte und bereederte durchaus nicht nur Schiffe; ewig konnte der überhitzte Welthandel schließlich nicht so weiterlaufen, das zeigte die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise deutlich. Eine Weile noch, sicher, aber nicht ewig, dafür würde schon der zwangsläufig weiter steigende Ölpreis sorgen. Wenn dann die Transportbranche zusammenbrach, würde das Venema nicht mit in die Pleite reißen, denn er hatte seine multiplen Millionen breit angelegt. Zukunftstechnologie wie Solar- und Windenergie, Gezeitenkraftwerke, Chemie und Pharmazie, medizinische Institute, Technologie und Tourismus. Und das waren nur die Engagements, von denen etwas in der Zeitung stand. Irgendetwas davon würde auch in Zukunft dafür sorgen, dass Venema obenauf schwamm, ganz egal, was aus seinen Schiffen wurde und wen die zyklische und trotzdem so schwer berechenbare Weltwirtschaft demnächst im Abgrund des Bankrotts verschwinden ließ.
Einer wie Venema konnte sich jeden Wunsch erfüllen. Nicht nur sich, sondern auch seinem Töchterchen. Und wenn Töchterchen aus dem Pony-Alter heraus war und Model werden wollte, dann kaufte Papa ihm eben eine eigene Modenschau.
Damit, dass Töchterchen bei dieser Gelegenheit Opfer eines Mordanschlags werden würde, hatte Papa Venema wohl nicht gerechnet. Ob er sich das jemals verzeihen konnte?
Na ja – gut möglich. Schließlich war Stephanie Venema ja nicht tot.
»Wo genau wurde sie denn getroffen?«, fragte Stahnke.
»Das Geschoss ging zwischen Brustkorb und linkem Oberarm hindurch«, berichtete Kramer. »Da der Oberarm zu diesem Zeitpunkt angelegt war, gab es beiderseits Fleischwunden. Schmerzhaft, aber ungefährlich. Das Mädel hat unverschämtes Glück gehabt.«
Stahnke runzelte die Stirn; auf einer Bühne vor Hunderten von Zuschauern mit großkalibriger Munition beschossen zu werden, entsprach eher nicht seiner Vorstellung von Glück. Aber wie auch immer, natürlich hatte Kramer wieder einmal recht.
»Das Projektil haben wir aus dem Hallenboden geklaubt«, fuhr der Oberkommissar fort. »Das Opfer ist nach dem Beschuss vom Laufsteg auf einen der Tische gestürzt, unmittelbar neben dem Tisch, an dem ihr Vater saß. Ihn hat sie im Fallen ebenfalls umgerissen.« Kramers Stoiker-Maske bekam einen Augenblick lang Risse: »Als ob der Schock für den nicht schon groß genug gewesen wäre.«
Stahnke musste an seine eigene Tochter denken; das ließ sich einfach nicht verhindern. »Gib mal die Pressefotos her«, schnauzte er ungewollt barsch.
Stephanie Venema war wirklich wunderschön, das musste ihr der Neid lassen, dachte Stahnke. Auch wenn so hochgewachsene, dünne Blondinen überhaupt nicht sein Typ waren. Aber selbst wie sie so dalag, inmitten von Glasscherben und blutüberströmt, war ihre besondere Ausstrahlung spürbar. Dieses Mädchen schien wirklich das Zeug zu haben, in der Modewelt Karriere zu machen.
Dann stellte Stahnke fest, dass er Stephanie Venema kannte.
Natürlich, die Sache auf Langeoog. Die Chorsängerinnen vom Gymnasium, die um die Tickets für einen Amerika-Trip konkurriert hatten. Das verschwundene Mädchen, der Mann ohne Gedächtnis und all die anderen Verwicklungen. Fälle, die er als Badegast aufzuklären geholfen hatte, zusammen mit seinem Kollegen Lüppo Buss.* Seinerzeit war ihm auch Stephanie Venema begegnet. Wie lange war das jetzt her? Anderthalb Jahre? Etwas länger sogar.
»Dann müsste sie jetzt siebzehn sein«, murmelte Stahnke.
»Stimmt genau«, bestätigte Kramer und nickte anerkennend. Wieder ein unverdienter Punkt für Stahnke.
»Wo kommt eigentlich das viele Blut her?«, fragte der Hauptkommissar. »Doch nicht von zwei Streifschusswunden. Wurde eine Schlagader verletzt?«
»Das meiste ist überhaupt kein Blut«, antwortete Kramer. »Auf dem Tisch, der den Sturz des Mädchens abgebremst hat, standen mehrere Gläser und Karaffen mit Rotwein. Davon hat sie eine Menge abbekommen. Sieht schlimmer aus, als es in Wirklichkeit ist.«
»Kann man wohl sagen.« Stahnke rieb sich das Kinn. »Vielleicht hat es der Täter ja deshalb bei nur einem Schuss belassen. Weil er glaubte, sein Ziel erreicht zu haben.«
Kramer zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts. Stahnkes Spekulationen waren bisweilen genial, immer jedoch mit Vorsicht zu genießen.
Der Hauptkommissar hatte ein ähnliches Foto bereits in der Zeitung gesehen, die er sich am Bahnhof besorgt hatte. Natürlich war die Presse präsent gewesen – wer konnte sich schon einer Einladung von Kay-Uwe Venema verweigern? Und da der Schuss rechtzeitig vor dem Andruck gefallen war, hatte die Sensationsmeldung fett auf Seite eins gestanden. Mit Bild. Zwar war das Gesicht des Opfers verdeckt gewesen, aber der Rest reichte für die zweifellos beabsichtigte Schockwirkung. Für eine seriöse Tageszeitung ziemlich grenzwertig, fand Stahnke.
»Leeraner Reederstochter bei Mordanschlag lebensgefährlich verletzt«, tönte die Schlagzeile. Und im Text hieß es: »Ob die 17-Jährige eine Überlebenschance hat, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.« Das war nun schon jenseits der Boulevard-Grenze. Der Überlebenskampf auf dem Zeitungsmarkt, nicht zuletzt wegen der Konkurrenz der privaten TV-Sender, schien immer härter zu werden, da fielen wohl alle Hemmungen.
Der Name Venema kam auf der Titelseite gleich zweimal vor. Leeraner Schiff am Horn von Afrika von Piraten geentert, hieß es weiter unten. Der Text verriet, dass es sich dabei um einen von Venemas Frachtern handelte. Unter anderen Umständen wäre das auch einen Aufmacher wert gewesen.
»Haben wir irgendein Mordmotiv?«, fragte der Hauptkommissar.
»Keins, das auf der Hand liegt«, musste Kramer zugeben. »Stephanie scheint ein richtig nettes Mädchen zu sein, nach allem, was wir bisher gehört haben. Und von tobsüchtigen Exliebhabern weiß auch keiner etwas. Bisher haben sich noch keine Anhaltspunkte ergeben.«
»Vielleicht müssen wir die Fragestellung erweitern«, sagt Stahnke.
»Inwiefern?«
Der Hauptkommissar tippte auf das oberste Foto des Stapels, den er immer noch in der Hand hielt. »Dieses Kleid, das sie trägt. Sieht erfolgversprechend aus. Von wem ist das? Möglicherweise galt der Anschlag nicht dem Model, sondern der Modenschau. Also dem Modeschöpfer.«
»Mordanschlag aus Konkurrenzneid?« Kramers Stimme klang ungläubig.
»Wenn alle wahrscheinlichen Thesen eliminiert sind, muss das, was übrig bleibt, die Lösung sein, so unwahrscheinlich es auch klingt«, sagte Stahnke. »Stimmt’s nicht, Watson?«
»Allright, Sherlock.« Kramer grinste pflichtschuldig, aber nur kurz. »Also ehrlich, ich weiß nicht. Würde ein neidischer Konkurrent nicht eher auf den Designer schießen als auf eins seiner Models?«
Stahnke zuckte die Schultern. »Anzunehmen. Aber sicher ist das nicht.«
Kramer blätterte in seinem Notizblock. »Der Modemensch heißt Florian Globeck. Sein Label führt den Namen Global Flow. Genau genommen ist es auch nicht wirklich seins, sondern …«
»Lass mich raten«, unterbrach Stahnke. »Der Eigentümer heißt Kay-Uwe Venema. Richtig?«
Kramer verzog den Mund: »Na, so schwer war das wirklich nicht.«
Das stimmte allerdings. Venemas finanzielle Aktivitäten waren eben wirklich breit, sehr breit gestreut. Und wenn Papa seinem Töchterchen eine Freude machen wollte, dann sprach eigentlich auch nichts dagegen, dabei gleichzeitig etwas für den eigenen Profit zu tun.
Der Hauptkommissar erinnerte sich an eine Donald-Duck-Geschichte, die er als Jugendlicher gelesen hatte. Da wusste der schwerreiche Onkel Dagobert nicht, wohin mit seinem Geld, da sein Geldspeicher überquoll und ein Erweiterungsbau nicht genehmigt wurde. In seiner Not musste Dagobert das überschüssige Geld tatsächlich ausgeben, was ihm unheimlich schwerfiel, aber Neffe Donald und die Großneffen Tick, Trick und Track halfen ihm dabei. Sie warfen mit Talern nur so um sich. Das Problem aber konnten sie nicht lösen – denn alle Geschäfte, in denen sie einkauften, gehörten Dagobert, und so floss das Geld immer wieder in den überfüllten Speicher zurück.
Tja, das waren Sorgen! Stahnke dachte an sein Beamtengehalt.
Dann schüttelte er den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben. »Bleiben wir lieber beim Opfer selbst. Ganz klassisch. Wer hatte einen Grund, Stephanie Venema zu erschießen, und wer hatte dazu die Gelegenheit?«
»Und wer wird es wieder versuchen, wenn er erfährt, dass es beim ersten Mal nicht geklappt hat?«, ergänzte Kramer trocken.
Ein berechtigter Einwand, fand Stahnke.
Er warf einen erneuten Blick auf die Zeitungs-Titelseite, auf das Foto, das eine blutüberströmte, lebensgefährlich Verletzte zu zeigen schien. Die ebenso gut schon tot sein konnte.
»Der Täter muss es ja nicht erfahren«, sagte er.
* siehe: Solo für Sopran
5.
»Sie heißt Angela Adelmund«, sagte Doktor Fredermann.
»Eine Patientin von Ihnen?«, fragte Lüppo Buss.
»Wie man’s nimmt.« Der Inselarzt musterte den Körper der Toten ohne erkennbare Gemütsbewegung. »Früher ja, als sie noch klein war. Ist hier auf Langeoog aufgewachsen, da kam sie natürlich mit den üblichen Routinesachen zu mir. Oder vielmehr ihre Mutter kam mit ihr. So bis vor ein paar Jahren, etwa bis zum Einsetzen der Pubertät. Ab da kam sie nicht mehr.« Behutsam berührte er eine der zahlreichen wulstigen Narben am Oberarm der Toten. »So habe ich den Beginn der Anorexie nicht mehr mitbekommen.«
»Magersucht?«, fragte Lüppo Buss, ohne mit einer Antwort zu rechnen. Es war offenkundig.
Sie hatten die Tote in die kleine Leichenhalle neben der Inselkirche schaffen lassen. Mit der nächsten Fähre sollte sie nach Bensersiel und weiter nach Oldenburg gebracht werden, in die Gerichtsmedizin; Doktor Mergner hielt sich dort für eine Obduktion bereit. Die weiteren Ermittlungen auf Langeoog würde Hauptkommissar de Beer aus Wittmund übernehmen. Er hatte mit Lüppo Buss telefoniert und sich ins Bild setzen lassen, aber noch keinen konkreten Zeitpunkt für seine Ankunft genannt: »Wir haben hier auch eine Menge um die Ohren. Sichern Sie mal den Tatort ab, lassen Fotos machen und so weiter, leiten Sie alles Nötige in die Wege, Sie kennen sich doch aus, sind kein heuriger Hase mehr, was?« Und tschüss.
Faule Sau, dachte der Inselkommissar, aber ein bisschen geschmeichelt fühlte er sich auch. Damals, vor gut anderthalb Jahren, als erst dieser Mann ohne Gedächtnis auf der Insel herumgegeistert und dann eins der Mädchen aus dem Leeraner Schülerchor spurlos verschwunden war, hatte ihm de Beer noch überhaupt nichts zugetraut, hatte ihn wie einen Deppen behandelt und ihm die Ermittlungsarbeit so schnell wie möglich aus der Hand nehmen wollen. Als er dann auf der Insel eintraf, konnte Lüppo Buss ihm sämtliche Fälle als abgeschlossen melden. De Beers Gesichtsausdruck seinerzeit war ein Fest gewesen, das für die vorher erlittene Geringschätzung entschädigte. Seither sah de Beer ihn mit anderen Augen. Und, was vielleicht noch schöner war: Er hielt sich meistens auf Distanz.
Sicher, damals war Stahnke an Lüppo Buss’ Seite gewesen. Der Hauptkommissar aus Leer hatte natürlich wesentlichen Anteil an der Auflösung gehabt. Aber er hatte Lüppo Buss immer als Gleichberechtigten in die Arbeit mit einbezogen. Sie waren kein schlechtes Team gewesen, der Kriminalbeamte mit der einschlägigen Erfahrung und der Inselpolizist mit seiner Kenntnis von Eiland und Leuten.
Schade, dass er jetzt nicht hier ist, dachte der Oberkommissar. Aber er wischte den Gedanken gleich wieder fort. Immerhin hatte er damals einiges gelernt, das konnte er jetzt zur Anwendung bringen. Und so allein wie damals – ehe Stahnke überraschend auftauchte – war er diesmal nicht.
»Äußere Verletzungen, die zum Tode hätten führen können, kann ich vorläufig keine erkennen«, sagte Fredermann. »Die vernarbten Schnittverletzungen sind allesamt nicht letal und außerdem schon älter.«
»Was meinen Sie, Doktor, hat sie sich buchstäblich zu Tode gehungert?«, fragte Oberkommissarin Insa Ukena.
Lüppo Buss musterte seine neue Kollegin aus den Augenwinkeln. Sie war deutlich kleiner als er, mit kräftigen Schultern und Oberarmen und einer dunkelbraunen Kurzhaarfrisur. Nicht sein Typ, das hatte er auf den ersten Blick festgestellt – Gott sei Dank. Dafür tüchtig, viel zu tüchtig eigentlich, um mit Anfang vierzig immer noch in beigeordneter Position tätig zu sein. Das Zeug zur Leiterin hatte sie, das konnte Lüppo Buss nach den wenigen Tagen, die Insa Ukena den Posten an seiner Seite innehatte, bereits sagen.
Nicht, dass er das etwa schon getan hätte; der Inselpolizist neigte nicht zu übereilten Äußerungen.
»Durchaus möglich«, beantwortete Fredermann Insa Ukenas Frage. »Zehn Prozent aller Magersüchtigen sterben an dieser Krankheit, das heißt, sie verhungern tatsächlich. Teilweise zieht sich das über viele Jahre hin. Ob das aber auch auf Angela Adelmund zutrifft, muss erst die Obduktion erweisen.«
»Kaum zu glauben. Verhungern im Land des Nahrungsüberflusses«, murmelte Lüppo Buss. »Und dann finden wir sie in einem Container voller Essensreste. Was mir übrigens nicht gerade für eine natürliche Todesursache zu sprechen scheint.«
»Das habe ich auch nicht gesagt«, erwiderte Insa Ukena scharf. »Man kann einen Menschen auch verhungern lassen. Einsperren, misshandeln, missbrauchen, quälen bis zum Exitus. Und dann einfach wegwerfen. Da gibt es reichlich Präzedenzfälle, das werden Sie ja wohl wissen. Nicht nur in Belgien oder Österreich.«
Die hat Haare auf den Zähnen, dachte Lüppo Buss und schwieg.
»Die Schnittverletzungen scheinen mir außerdem nicht alle bereits lange zurückzuliegen«, fuhr die Oberkommissarin fort. »Schauen Sie hier, an der Innenseite des rechten Oberschenkels. Die sind gerade mal verschorft.« Sie sprach Fredermann direkt an, ignorierte ihren Kollegen; auch das registrierte Lüppo Buss kommentarlos.
Der Arzt nickte. Er untersuchte die Hände der Toten. »Rechtshänderin, unter Vorbehalt«, sagte er. »Lage und Laufrichtung der Narben, der alten wie der frischeren, lassen Selbstverletzung vermuten.«
»Vermuten«, schnaubte die Polizistin. »Das heißt noch gar nichts.«
»Natürlich äußere ich hier Vermutungen«, entgegnete Fredermann scharf. »Ich sag’s ja auch extra dazu. Dachte, es hilft Ihnen weiter, wenn ich Ihnen schon mal meine Meinung sage. Ich kann’s auch lassen. Dann können Sie auf den offiziellen Bericht von Doktor Mergner aus Oldenburg warten.« Er stemmte beide Hände in die Hüften.
Lüppo Buss legte ihm beruhigend seine Hand auf den Ellenbogen. »Schon klar«, sagte er sanft. »Aber wieso Selbstverletzung? Warum sollte sich so ein armes Mädchen, das körperlich sowieso schon übel dran ist, auch noch selber Schaden zufügen? Von den Schmerzen ganz zu schweigen.«
Fredermann warf noch einen bösen Blick zu Insa Ukena hinüber, dann wandte er sich Lüppo Buss zu. Dasselbe Spielchen, nur anders herum, dachte der. Albern. Aber so geht’s nun mal zu, wenn der Gruppendynamo surrt.
»Diese ganze Magersucht ist doch eigentlich der Krieg eines Menschen gegen sich selbst«, erläuterte der Arzt. »Und der Körper ist dabei das Schlachtfeld. Die Ursachen liegen in der Psyche, grob gesagt. Sie können ganz verschieden sein. Der Körper jedenfalls muss alles ausbaden. Er wird durch Essensentzug für vermeintliche Unzulänglichkeiten bestraft. Und wenn das mal nicht klappt, also diese Art der Bestrafung, dann wird eben zu anderen Mitteln gegriffen. Zum Beispiel zum Messer.«
»Wie, wenn das nicht klappt?« Lüppo Buss hatte zwar eine Vermutung, wollte aber sichergehen. »Warum sollte das Aushungern denn plötzlich nicht mehr klappen?«
»Weil zum Beispiel eine Instanz vorhanden ist, die dafür sorgt, dass das lebensnotwendige Minimum an Nahrung aufgenommen wird«, antwortete Fredermann. »Dann staut sich der Selbsthass an wie ein plötzlich zugeschütteter Fluss, und der Druck muss sich anderweitig entladen. So etwas passiert durchaus nicht selten …« Er schaute Lüppo Buss in die Augen. »Da sieht man mal wieder, wie wichtig gute Fragen sind. Ihre zum Beispiel führt uns mit einiger Sicherheit zu dem Ort, wo sich Angela Adelmund zuletzt aufgehalten hat.«
»Das wäre doch schon mal etwas«, sagte Lüppo Buss mit der gebotenen Bescheidenheit. »Weil sie doch ansonsten keinerlei Hinweise bei sich hat. Und, was glauben Sie, wo hat sie gewohnt?«
»Im Panoptikum der Arschlosen«, sagte Fredermann.
6.
»Die Presse wollen Sie belügen?« Kriminaldirektor Manningas dunkle Augen fixierten Stahnke unter hochgewölbten Brauen hervor.
»Warum nicht? Die belügen uns schließlich auch dauernd.« Der Hauptkommissar zuckte die Achseln und erwiderte den Blick ohne ein Zwinkern. Er lächelte nicht einmal. Echt cool, Alter, dachte er selbstzufrieden. Und dann grinste er doch.
Manninga lehnte sich zurück, so dass sein Chefsessel in allen Verbänden krachte. Der Leiter der Polizeiinspektion Leer/Emden war ein erfahrener Mann hart an der Pensionsgrenze, breit und massig gebaut, mit großväterlichem Gebaren. Rein äußerlich war er Stahnke nicht unähnlich. Bloß etwas älter, grauer und dicker, überlegte der Hauptkommissar, dessen eigene weißblonde Stoppelfrisur eine natürliche Tarnung für altersgraue Haare bot.
Nun, Manningas Altersvorsprung war Fakt, daran würde sich auch nichts mehr ändern. Figürlich aber, das musste Stahnke sich eingestehen, hatte in den letzten Monaten eine unwillkommene Angleichung stattgefunden. Auch er neigte zur körperlichen Fülle, die zwar von seinen breiten Schultern halbwegs kaschiert, von der Waage aber gnadenlos ausposaunt wurde. Vergangenes Jahr hatte Stahnke es geschafft, durch viel Bewegung und wenig Wein und Bier ein bisschen abzuspecken; auch der mit seinem Hausumbau verbundene Stress hatte das Seine dazu beigetragen. Über den Winter aber war er wieder bequemer geworden. Das Fahrrad hatte Staub angesetzt – etwas, wozu die Flaschen in seinem Weinvorrat gar nicht erst gekommen waren. Das Resultat trug er jetzt oberhalb des Gürtels vor sich her.
»Wo Sie recht haben, haben Sie recht«, antwortete Manninga augenzwinkernd. »Aber wir reden hier nicht von der Blöd-Zeitung, sondern von der seriösen Tagespresse. Und natürlich von der Öffentlichkeit. Was glauben Sie, was wir da zu hören bekommen, wenn die Sache rauskommt! Und rauskommen wird sie früher oder später, das ist Ihnen ja hoffentlich klar.«
Stahnke schob die Unterlippe vor. »Irgendwann sicher, aber nicht so bald, wenn wir es geschickt anfangen«, sagte er. »Und dann wird die Reaktion davon abhängen, wie erfolgreich wir waren.«
»Tja.« Manninga nickte. »Das ist es eben. Können Sie mir für den Erfolg Ihrer Aktion garantieren?«
»Garantien gibt es keine in unserem Geschäft«, sagte Stahnke.
Schweigend schauten sie sich an.
Es klopfte. Ehe Manninga antworten konnte, wurde die Tür geöffnet.
Stahnke kannte Kay-Uwe Venema natürlich von Pressefotos. In natura wirkte er kleiner und schmächtiger. Graues Sakko, legeres weißes Hemd mit offenem Kragen, graue Hose; der Reeder-Tycoon präsentierte sich in unaufdringlicher Allzweck-Eleganz. Seinen schwarzen Schuhen sah man erst auf den zweiten Blick an, wie teuer sie waren. Schweineteuer. Der Hauptkommissar kannte die Marke. Er hatte sich nicht einmal getraut, Schuhe dieses Labels anzuprobieren.
»Herr Venema.« Manninga hatte sich aus seinem Sessel gestemmt und trat mit ausgestreckter Hand hinter seinem Schreibtisch hervor. Auch Stahnke erhob sich zur Begrüßung. Venemas Händedruck war fest, sein Blick direkt. Die schmale, beinahe zart zu nennende Nase erinnerte stark an die seiner Tochter. Ein femininer Zug, der jedoch durch ein energisches Kinn mehr als ausgeglichen wurde. Auch gegenüber den beiden körperlich größeren Amtsträgern zeigte Venema keine Spur von Unsicherheit.
Sie nahmen in Manningas Besucherecke Platz.
»Kaffee? Oder lieber …«
Venema machte eine knappe, abwehrende Handbewegung. »Was gibt es Neues?«, fragte er.
»Nichts.« Auch Manninga kam gut ohne langes Herumgerede aus. »Das gefundene Projektil wurde untersucht, es passt zu keiner Waffe, die bei uns registriert ist. Nach Fingerabdrücken wurde zwar gesucht, aber das ist bei einem öffentlichen Gebäude wie diesem praktisch aussichtslos. Die Angaben zur Gestalt des flüchtigen mutmaßlichen Schützen sind zu allgemein für ein Phantombild. Im Eingangs- und Außenbereich der BBS-Halle ist die betreffende Person niemandem aufgefallen. Insgesamt wurden an die einhundert Personen befragt. Entweder hat sich der Täter enorm gut in der Gewalt gehabt und ist wie ein normaler Passant davonspaziert, oder er hat die Halle über den Notausgang verlassen und sich dann über das Schulgelände und die angrenzenden Wiesen entfernt.«
Venema nahm Manningas Bericht mit einem leichten Nicken entgegen. Typisch für jemanden in seiner Position, sich dazu nicht an die ermittelnden Kriminalbeamten, sondern an deren Chef zu wenden, überlegte Stahnke. Ob ihm überhaupt bewusst war, dass Stahnke, der ja mehr zufällig mit am Tisch saß, seit seiner Rückkehr de facto der Leiter dieser Ermittlungen war?
»Dann haben Sie also überhaupt nichts in der Hand«, stellte Venema fest. Kein Vorwurf klang aus seinen Worten, aber Stahnke stellte sich vor, er sei beruflich von diesem Mann abhängig, und erschauderte.
»Immerhin haben wir das Projektil«, widersprach Manninga. »Außerdem gibt es, äh … Erkenntnisse zur mutmaßlichen Tatwaffe.« Ein Nicken in Stahnkes Richtung sollte wohl bedeuten, dass damit seine Vermutungen in Bezug auf einen schallgedämpften Revolver gemeint waren.
»Und das nützt Ihnen … was?« Venemas Stimme blieb unverbindlich, sein Blick aber gewann mehr und mehr die Schärfe eines Seziermessers. Der Alpha-Rüde kommt zum Vorschein, dachte Stahnke. Ohne zu knurren, denn er ist sich seiner Rolle sicher. So sicher, dass er sie nicht eigens zu betonen braucht. Ein höflicher Leitwolf, dem jeder die Fangzähne glaubt, auch ohne sie zu sehen.
»Vorläufig nichts«, schaltete sich Stahnke ein. »Sehr viel aber in dem Moment, wenn uns im Zuge der Ermittlungen die Tatwaffe zum Täter führt. Oder aber wenn wir über einen Tatverdächtigen auf die richtige Waffe stoßen. Dann wird das Projektil zum entscheidenden Beweismittel.«
Der sezierende Blick bohrte sich in Stahnkes Augen. Seine sind auch wasserblau, nur einen Tick dunkler als meine eigenen, stellte der Hauptkommissar fest, während er den Blick lächelnd erwiderte.
»Und was, glauben Sie, könnte Sie in dieser Richtung voranbringen?«, fragte Venema. Auch mit größtem Bemühen war seinem Tonfall keine Spur Ironie zu entnehmen.
»Das Motiv«, antwortete Stahnke.
»Welches Motiv?«
»Das«, erwiderte der Hauptkommissar, »ist genau das Problem. Weder wissen wir, wer ein Motiv gehabt haben könnte, Ihre Tochter umzubringen, noch, welches Motiv das sein könnte. Aber vielleicht können Sie uns in diesem Punkt ja voranbringen.«
Das Blicke-Duell hielt an. Weder bei Stahnke noch bei Venema zuckte auch nur eine Wimper.
»Meine Tochter ist eine junge Frau von ungewöhnlich ausgeprägter sozialer Kompetenz«, sagte der Reeder dann. »Ihr Gerechtigkeitssinn bestimmt ihr ganzes Verhalten, das stets auf Ausgleich gerichtet ist. Ob man sich damit Feinde machen kann, weiß ich nicht. Bekannt ist mir jedenfalls kein einziger. Dafür Freunde. Stephanies Freundeskreis ist nicht sehr groß, aber stabil. Ich kenne alle, die dazugehören. Alle mögen, um nicht zu sagen: lieben Stephanie. Ich wüsste wirklich nicht …«
»Was ist mit der Schule?«, hakte Stahnke ein.
Venema hob sein Kinn ein wenig an. »Keinerlei Konflikte, von denen ich wüsste«, sagte er. »Weder in ihrer Klasse noch in einem der vielen Kurse. Das trifft auf Mitschüler ebenso zu wie auf Lehrer.«
»Wie können Sie das so genau wissen?«
Venema hob kurz die Schultern: »Man informiert sich eben.«
»Offenbar nicht nur beim Elternsprechtag.« Ein Schuss ins Blaue, dessen war sich Stahnke bewusst.
»Ganz sicher nicht nur dort«, antwortete Venema nachdrücklich. »Stephanie ist meine einzige Tochter. Seit dem frühen Tod meiner Frau ist sie mein Ein und Alles. Ich kann es doch nicht riskieren …« Er brach ab und senkte erstmals seinen Blick.
Treffer, dachte der Hauptkommissar.
»Inwiefern Risiko?« Manninga nahm die Vorlage auf. »Gab es also doch einen Konflikt, eine Bedrohung Ihrer Tochter, von der Sie bisher noch nichts erzählt haben?«
»Missverständnis.« Venema hob beide Handflächen. »Ich spreche von dem Risiko, nach meiner Frau auch noch meine Tochter zu verlieren. Das ist das Risiko, das ich meine, ganz allgemein gesprochen. Stephanie ist ein außergewöhnlich hübsches Mädchen, das sehe ich wohl nicht nur als Vater so …« Sein beifallheischendes Lächeln in die kleine Runde wirkte routiniert und schien bloßer Konvention zu entspringen. »… und sie wird eines Tages ziemlich wohlhabend sein. Was sage ich, reich wird sie sein, wenn ich nicht noch irgendeinen riesigen Fehler mache.« Wieder dieses Lächeln. Venema schien die Möglichkeit, jemals einen katastrophalen Fehler zu machen, für sich selbst völlig auszuschließen.
»Ihre Stephanie ist sogar ein sehr schönes Mädchen«, bestätigte Stahnke. »Da muss sicher kein Vermögen in Aussicht stehen, um sie für Jungs interessant zu machen. Wie sieht es denn mit ehemaligen Verehrern aus, mit eifersüchtigen Abgeblitzten? Gibt es da vielleicht ein Hass-Potential?«
Energisch schüttelte Venema den Kopf. »Bisher nur Sandkastengeschichten. Und Freundschaften natürlich. Reiterhof, Segelclub, Ruderverein. Wenn Sie wollen, lasse ich Ihnen eine Liste mit Stephanies Kontakten erstellen. Meiner Ansicht nach führt das aber zu nichts.«
»Mit siebzehn noch so brav?« Das war wieder Manninga. »Ungewöhnlich, vor allem heutzutage. Meint sie denn, sie sei noch nicht so weit?«
Diesmal umspielte ein verschmitztes Lächeln Venemas Lippen. »Hab ich sie auch gefragt. Sie meinte, es seien wohl eher die Jungs in ihrem Alter, die noch nicht so weit sind.«
Die drei Männer lachten ein kollerndes Männerlachen. Schau an, dachte Stahnke, eine ehrliche Gefühlsäußerung. Und schon ist sie wieder vorbei.
»Wer ist denn das, der diese Kontaktliste in Ihrem Auftrag erstellen könnte?«, fragte Stahnke, als das Lachen verklungen war.
Venema fixierte ihn wieder scharf. »Meine Büroleiterin«, sagte er dann. Die Verzögerung war kaum messbar.
»Gut«, sagte Manninga. »Diese Liste brauchen wir unbedingt. Irgendwo müssen wir ja anfangen. Auch wenn unser Täter nicht in diesem Kreis zu finden ist – letztlich führt ja doch eins zum anderen. So funktioniert Polizeiarbeit eben, nicht wahr, Stahnke?«
Klingt nach Schlussansprache, dachte der Hauptkommissar. »Eine Chance haben wir natürlich noch, zu einem schnelleren Resultat zu kommen«, schnitt er Manninga das Wort ab. »Wenn man es denn eine Chance nennen will.«
»Was für eine Chance?« Venema, dessen Rücken während des gesamten Gesprächs die Lehne seines Ledersessels nicht berührt hatte, straffte sich noch mehr.
»Nun ja. Dass es der Täter noch einmal versucht, meine ich. Und dass wir ihn dabei überraschen und festnehmen können.«
»Sind Sie wahnsinnig?« Venema schien aus seinem Sessel emporzuschnellen. »Was haben Sie vor? Wollen Sie meine Tochter als Köder missbrauchen? Menschenskind!«
Diesmal hob Stahnke die flache Hand, um Venemas Eruption zu bremsen. »Davon kann überhaupt keine Rede sein«, sagte er. Dann lächelte er den Reeder schweigend an, um ihm die Gelegenheit zu geben, sich zu fangen. Das ging schnell.
»Nicht wir sind es, die etwas vorhaben«, sagte er dann, »sondern der Täter. Davon können, ja müssen wir mit Sicherheit ausgehen. Sobald er erfährt, dass sein Anschlag erfolglos geblieben ist. Und das wird er, und zwar ganz einfach, wenn er morgen früh die Zeitung aufschlägt. Was genau er dann tun wird, wann er es tun wird, das wissen wir nicht. Alle Vorteile sind auf seiner Seite, während wir unsere Kräfte aufteilen müssen, weil wir zugleich schützen und ermitteln müssen. Und das wer weiß wie lange.«
Er schwieg einen Moment, ließ seine Worte einsinken, bemerkte, dass Venema um eine Nuance erblasste. Dann öffnete er den Mund.
Der Reeder aber kam ihm zuvor. »Das machen wir anders«, sagte er. »Ich werde meine Tochter in Sicherheit bringen. Soll die Öffentlichkeit ruhig glauben, dass sie tot ist. Eine Familie, die sich grämen könnte, haben wir ansonsten sowieso keine; Stephanie und ich haben nur einander.«
»Sie wollen Sie für tot erklären lassen?«, fragte Manninga mit aufgerissenen Augen.
»Ich möchte, dass Sie das machen«, sagte Venema fest. »Ich sorge für ein sicheres Versteck. Und ich weiß auch schon, wo. Sie kümmern sich darum, dass der Mörder gefasst wird.« Der Reeder nickte. Für ihn schienen die Segel gesetzt, die Befehle gegeben zu sein.
Manninga schaute Stahnke fassungslos an.
Der breitete die Arme aus. »Wenn Herr Venema das wünscht, dann belügen wir eben mal die Presse«, sagte er und schämte sich seiner Scheinheiligkeit nicht einmal.
7.
Lüppo Buss hielt sich im Hintergrund, als Doktor Fredermann am Rezeptionstisch der Klinik stand und leise auf eine Frau einredete, die dort Dienst tat und deren schneeweiße Kluft das Diensthemd des Inselpolizisten an Blendkraft noch um eine Nuance übertraf. Was der Arzt sagte, war von hier nicht zu verstehen, aber das machte nichts. Der Oberkommissar wusste auch so, worum es ging. Und um das Überbringen schlechter Nachrichten riss er sich nie.
Der Eingangsbereich der Klinik Waterkant, mehr Saal als Foyer, war durch einen geschlängelten Weg mit Mosaikpflaster, ausgedehnte Blumenrabatten, zwei Paar gläserne Automatiktüren und großzügig bemessene Fußmattenflächen dazwischen vom Straßentrubel abgeschirmt. Alles hier drinnen schimmerte silbrig oder strahlte bunt, alles sah nicht nur neu aus, es roch auch neu. Und ein bisschen teuer. Dabei war dieser Laden, so hatte der Oberkommissar gehört, durchaus nicht nur betuchten Privatversicherten oder Selbstzahlern vorbehalten. Vielleicht lag es daran, dass entsprechende Überweisungen nicht von Krankenkassen, sondern von den zuständigen Rentenversicherungsträgern vorgenommen wurden. Erstaunlicherweise schien in deren Kassen doch noch Geld übrig zu sein.
Unweit des halbrunden Rezeptionstresens saßen zwei junge Frauen vor einem deckenhohen Blumenfenster und unterhielten sich lebhaft. Erst jetzt bemerkte Lüppo Buss, dass eine von ihnen in einem Rollstuhl saß. Ihre Größe war schwer zu schätzen, aber sie schien mehr als mittelgroß zu sein. Sie trug einen überdimensionierten Sommerpullover mit breiten Querstreifen in Schwarz und Weiß, der ihre Schmächtigkeit nur annähernd kaschierte. Ihre Hände waren langfingerig und zart, mit auffällig dicken Adern auf den Handrücken. Halblange, dunkle Haare bauschten sich über ihren Schultern, ihre Wimpern waren lang und dunkel, ihr dreieckiges, fein geschnittenes Gesicht war blass. Sie trug eine Brille mit schmalem, eckigem Rahmen aus dunklem Metall. Lüppos Blick registrierte lange Beine in aschgrauen Hosen, schlanke Füße in schwarzen Sandalen, gepflegte Zehen, farblosen Lack.
Jetzt schlug sie die Beine übereinander. Merkwürdig. Wenn sie gar nicht gelähmt war, weshalb saß sie dann im Rollstuhl?
Die Frau kreuzte die Arme über ihrem Schoß und lächelte ihre Gesprächspartnerin an. Ihre Wangenknochen traten dabei stark hervor, und dünne Falten bildeten sich, die senkrecht hinab zu den Mundwinkeln führten. Es war, als trete ihr Totenschädel für einen Wimpernschlag aus ihrem blassen Gesicht hervor. Lüppo Buss erschrak und wandte seinen Blick ab.
Fredermann redete immer noch leise auf die Diensthabende in Weiß ein, die ihren Kopf in den Nacken legen musste, um dem langen Inseldoktor ins Gesicht schauen zu können, so dass ihr rotbrauner Pferdeschwanz frei an ihrem Hinterkopf baumelte. Jetzt nickte sie und griff zum Telefon. Die Miene der Frau war angespannt, ihre Stirn in Falten gelegt. Das Wesentliche schien der Doc ihr schon erzählt zu haben. Lange würde es hoffentlich nicht mehr dauern.
Der Blick des Inselpolizisten blieb an einem weiteren Rollstuhl hängen, der leer an der Rezeption stand. Ein ungewöhnlich breites Exemplar. Gab es Rollstühle für Paare? Und wenn ja, wie koordinierten die wohl die Fortbewegung?
Ein lautes Geräusch hinter ihm ließ Lüppo Buss herumfahren. Etwas Großes, Massiges bewegte sich da auf ihn zu, auf den ersten Blick ein Bär, der schwerfällig herantapste und -schlurfte, laut schnaufend und seinen Körper mit beiden Vordertatzen an der Wand abstützend, um ihn mühsam halbwegs in der Senkrechten zu halten. Aber Bären trugen natürlich keine ausgeleierten Trainingsanzüge im verblichenen Ethno-Look, und Bärenhintertatzen sahen nicht aus wie Elefantenfüße und steckten auch nicht in Aldiletten, deren Riemen beinahe von quellenden Fettwülsten unter bleicher, haarloser Haut überwuchert wurden.
Der Mann – natürlich war es ein Mann, kein Bär – lächelte Lüppo Buss entschuldigend zu, während er an ihm vorbeistampfte, mit den Armen rudernd, als gingen die wenigen Schritte ohne Wandstütze schon über seine Kräfte. Erschüttert stellte der Inselkommissar fest, dass dieser Koloss noch relativ jung war, trotz seines zerquälten Gesichtsausdrucks; Anfang oder Mitte dreißig vielleicht. Sein Gewicht mochte an die vier Zentner betragen, vielleicht auch mehr. Himmel, wie konnte man nur so fett werden?
Immerhin war damit die Funktion des überbreiten Rollstuhls erklärt.
Die Frau in Weiß mit dem rotbraunen Pferdeschwanz stand plötzlich vor Lüppo Buss. »Doktor Fredermann hat mich so weit informiert. Natürlich können Sie Angelas Zimmer sehen, auch ohne Durchsuchungsbeschluss. Die Klinikleitung ist einverstanden. Wir sind alle tief erschüttert.«
»Danke«, sagte der Oberkommissar und streckte seine Hand aus. »Mein Name ist Lüppo Buss.«
»Angenehm«, sagte die Frau. Sie mochte knapp über dreißig sein; ihre goldbraunen Augen waren wach und unbefangen auf ihr Gegenüber gerichtet. »Ich bin Sina Gersema.«
Angela Adelmunds Zimmer lag an einem Korridor, der mehr an ein Hotel erinnerte als an eine Klinik. Auch hier lag dieser typische Geruch nach kürzlich verlegtem Teppichboden und frischer Farbe in der Luft, ein Geruch, der eine neue oder zumindest gerade erst generalüberholte Umgebung signalisierte. Allerdings war er durchmischt mit etwas schärfer Riechendem, das an etwas anderes erinnerte. Autowerkstatt, dachte Lüppo Buss. Gummi. Tatsächlich, die kleinen Rampen, mit denen alle Stufen und Treppchen überbrückt waren, hatten einen Belag aus schwarzem Gummi. Anscheinend waren Rollstuhlfahrer hier nichts Ungewöhnliches.
Das Zimmer war recht geräumig, die Einrichtung im Schleiflack-Stil wirkte solide und ebenso praktisch wie schematisch. Eine schmale Glastür führte zu einem winzigen Balkon. Lüppo Buss spähte hinaus: Hochparterre. Also eher eine Terrasse.
»Natürlich konnte Angela leicht dort hinaus«, sagte Sina Gersema scharf. Sie schien Lüppos Blick sofort bemerkt und gedeutet zu haben. »Aber ebenso gut konnte sie das Gebäude auch durch den Haupteingang verlassen. Schließlich sind wir hier keine geschlossene Psychiatrie, sondern eine Klinik für Essstörungen. Unsere Patienten sind hier, weil sie hier sein wollen.«
»Aber sie müssen sich bestimmten Regeln unterwerfen, stimmt’s?«, konterte Fredermann. »Und die Einhaltung dieser Regeln wird überwacht. Wer dagegen verstößt, hat Ausgangssperre, soviel ich weiß. Oder arbeiten Sie hier etwa nicht mit Sanktionen?«
Die junge Frau errötete leicht. Eine steile Falte erschien über ihrer Nasenwurzel. »In der Tat, es gibt Sanktionen«, bestätigte sie. »Obwohl längst nicht jeder hier von der Richtigkeit solcher Maßnahmen überzeugt ist. Und natürlich werden die Patienten überwacht, in mehr als einer Hinsicht. Das brauchen sie, sonst wären sie nicht hier. Aber das bedeutet nicht, dass irgendjemand mit Gewalt daran gehindert würde, mal an die frische Luft zu gehen.«
Fredermann schnaubte geringschätzig. »Inkonsequenz hilft doch niemandem«, grummelte er. »Außerdem haben wir es hier nicht mit einer illegalen Spaziergängerin zu tun, sondern mit einer toten Patientin. Ihrer Patientin.«
Lüppo Buss hielt sich aus dem Disput heraus. Solange die beiden nichts anfassten, sollten sie sich seinetwegen über den richtigen Umgang mit Essgestörten zoffen. Er schaute sich lieber um.
Der Raum sah aus wie frisch verlassen, recht ordentlich, aber mit den üblichen kleinen Anzeichen, dass er bewohnt war: Zeitschriften, ein Buch neben dem Bett, ein leerer Teebecher auf dem Beistelltisch. Keine Wäsche auf dem Boden, und auch die Schuhe standen säuberlich beieinander neben dem Kleiderschrank. Angela Adelmund schien eine Ordentliche gewesen zu sein. Hätte sie ihr Zimmer verlassen, um es nie wieder zu betreten, wäre es gewiss picobello aufgeräumt gewesen.
»Dieses Zimmer muss kriminaltechnisch untersucht werden«, sagte der Inselpolizist. »Ich werde es versiegeln, sobald die erste Inaugenscheinnahme beendet ist.«
Fredermann schaute ihn konsterniert an; es schien eine Weile zu dauern, ehe er merkte, dass sich das Wortungetüm Inaugenscheinnahme auf das bezog, was sie hier gerade taten.
Sina Gersema hingegen nickte sofort.
Lüppo Buss zog ein Paar Latexhandschuhe aus der Tasche und streifte sie über. Wo beginnen? Bei der Schreibtischschublade, entschied er. Der wahrscheinlichste Aufbewahrungsort für Schriftstücke. Vorsichtig zog er die Lade auf.
Papiere, sorgfältig gestapelt. Obenauf lag ein gefalteter Zettel im DIN-A4-Format, liniert, offenbar aus einem Schreibblock gerissen. Etwas stand darauf, in großen Blockbuchstaben.
Lüppo Buss zog den Zettel heraus und las laut vor: »WENN ICH TOT BIN«.
Selbst Fredermann bekam runde Augen. »Doch ein Abschiedsbrief?«, fragte er. »Wie passt das denn …«
Der Oberkommissar brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. Er faltete das Blatt auseinander. Der Text war kurz.
»Wenn ich tot bin, will ich eingeäschert werden. Mein Körper soll brennen. Meine Asche soll am Osterhook verstreut werden, am Strand und in den Dünen. Alles, was ich besitze, soll mein Bruder bekommen.« Und eine kindlich wirkende Unterschrift. Angela Adelmund.
»Kein Abschiedsbrief«, sagte Lüppo Buss, »sondern ein Testament.«
»Und was für eins«, ergänzte Fredermann, der mitgelesen hatte.
»Ach«, sagte Sina Gersema. »Sie hatte einen Bruder?«
8.
Sieht aus wie ein zertretener Schuhkarton, dachte Stephanie, als die Fähre einlief. Und glaubte sich mit einem Déja-vu-Erlebnis konfrontiert. Hatte sie das nicht schon einmal gesehen? Und gedacht?
Natürlich, der Schulchor. Die Reise nach Langeoog, das Trainingslager, die Auswahl für die begehrte Reise in die USA. Damals hatte sie genau hier gestanden, am Kai in Bensersiel. Allerdings nicht alleine wie jetzt. Zu viert hatten sie über das in ihren Augen nicht eben stylische Gefährt gewitzelt.
Stephanie fühlte sich zurückversetzt in eine Zeit, in der alles neu und spannend und aufregend gewesen war und das Leben ein einziger großer Spaß. Wie lange war das jetzt schon her, ein halbes Leben? Natürlich nicht. Keine zwei Jahre. Ein Zeitraum, in dem sich in ihrem Leben viel geändert hatte, sehr viel. Und in dem sie dieses Leben fast verloren hätte.
Verstohlen schaute sie sich um. Der Kai war voller Menschen, und es kam ihr vor, als starrten alle nur sie an. Was natürlich Blödsinn war, denn alle starrten erwartungsvoll der Fähre entgegen, genau wie sie selber auch. Schließlich war Juli, also Urlaubszeit, es war Mittag und sonnig, wenn auch etwas kühl und windig, und die Touristen strömten nur so nach Langeoog und auf die anderen ostfriesischen Inseln. Nordrhein-Westfalen hatte schon seit einer Woche Ferien, in Niedersachsen war heute letzter Schultag gewesen. Hochsaison.
Die Bugschrauben der Fähre wühlten beim Anlegemanöver schlammiges Hafenwasser auf. Noch so ein Anblick, an den sie sich gut erinnerte. Schließlich war sie in Ostfriesland aufgewachsen und hatte die Inseln häufig besucht. Für die Urlauber aber war das vermutlich ein richtig aufregendes Schauspiel. Die hielten einen halbstündigen Fährtrip durchs Wattenfahrwasser ja auch für eine abenteuerliche Seefahrt.
Ausnahmslos alle Urlauber aber zog die Schlammspritzerei doch nicht in ihren Bann, stellte Stephanie fest. Mancher der Umstehenden hatte tatsächlich auch Augen für sie. Männer vor allem, junge wie ältere, aber auch zwei, drei Frauen. Sie kannte das, dachte sich gewöhnlich nichts dabei. Heute aber war ihr das extrem unangenehm.
Was, wenn sie nun doch jemand erkannte?
Sie hatte alles dafür getan, dass das nicht passierte. Ihr langes, hellblondes Haar war dunkel gefärbt und im Nacken zu einem formlosen Knoten gebunden, ihre blauen, leicht schräg stehenden Augen und die hohen Wangenknochen waren hinter einer großformatigen Sonnenbrille versteckt, ihren Körper hatte sie in einen unförmigen, schlammbraunen Parka gehüllt, die langen Beine steckten in dunklen Jeans. Dazu trug sie schmuddelige Chucks, Turnschuhe aus Segeltuch, die sie schon vor zwei Jahren hatte wegwerfen wollen. Nur gut, dass ihre Füße seither nicht mehr gewachsen waren.
Ihren Rucksack hatte sie sich nur über die rechte Schulter gehängt, denn ihre linke Seite war noch sehr empfindlich. Sie spürte die Verbände unter der weiten Kleidung zwicken. Bis auf diesen erträglichen Schmerz fühlte sie sich vollkommen fit, obwohl der Anschlag erst sechsunddreißig Stunden her war. Daddys Ärzte hatten grünes Licht für die kurze Reise gegeben. Außerdem warteten auf Langeoog ja bereits weitere Ärzte auf sie.
Eine schriftliche Anmeldebestätigung für die Klinik trug sie bei sich. Auf den Namen Steffi Ventjer. »Gleiche Initialen. Falls einige deiner Kleidungsstücke noch gekennzeichnet sind«, hatte Daddy schmunzelnd erklärt. Gott, machte ihm dieses Versteckspiel etwa auch noch Spaß? Sie hatte nur gelächelt und nichts darauf geantwortet. Auch nicht, dass sie ihr letztes mit Wäschestift markiertes Kleidungsstück schon vor fünf Jahren in den Lumpensack gesteckt hatte.
Endlich lag die Fähre fest vertäut. Die Fahrgäste begannen sich über den brückenartigen Zugang an Bord zu schieben, während Elektrokarren damit anfingen, ganze Züge von Gepäckwagen über eine Rampe an Land und dafür andere Wagenketten aufs Schiff zu ziehen. In anderen Sielorten ging das noch per Kran vonstatten; dieses Verfahren hier fand Stephanie weit professioneller, auf jeden Fall schneller. In gewisser Weise waren die Fähren und ihre Kaianlagen in den jeweiligen Sielhäfen Spiegelbilder der verschiedenen Inseln, die von diesen Schiffen angefahren wurden. Im Gegensatz zu Borkum und Norderney, wo alles nach Massenabfertigung aussah, war Langeoog zwar autofrei, aber in der Hochsaison auch wiederum nicht so verschlafen wie etwa Baltrum, auch nicht so versnobt wie Juist oder so abgehoben wie Spiekeroog. »Fahrräder unerwünscht« – solch ein Schild würde man auf Langeoog wohl nicht finden.
Im Gedränge und Gerempel auf der Gangway begann ihr der Rucksack über den Rücken zu pendeln. Stephanie war froh, dass sie ihren Rollkoffer nicht auch hinter sich her ziehen musste, denn ihre Verletzungen schmerzten doch noch bei jedem Stoß und jeder kleinen Anstrengung. Ihr Koffer lag wohlverstaut in Containerwagen Nummer 42. Die Zahl hatte sie sich eingeprägt, um nach ihrer Ankunft auf der Insel nicht lange suchen zu müssen. Zwar hatte sie außerdem noch einen nummerierten Gepäckschein erhalten, dessen Gegenstück auf dem Koffer klebte, aber die Kofferausgabe ging erfahrungsgemäß viel schneller, wenn man sich gleich beim richtigen Wagen anstellte statt am Schalter.
Die Salons unter Deck füllten sich schnell; vielen Fahrgästen war es auf dem Sonnendeck offenbar zu windig. Stephanie ließ sich davon nicht abschrecken. Sie fand eine sonnenbeschienene Bank auf der Leeseite, lehnte sich mit der rechten Schulter an die eiserne Reling, hob das Gesicht dem wärmenden Licht entgegen und schloss die Augen.
Sonnenstrahlen und die sanften Überbleibsel abgelenkter Windstöße streichelten ihre Haut wie mit warmen, weichen Fingern. So, wie Mama es früher oft getan hatte. Und Lennert heute.
Lennert. Ihr großes, ihr einziges echtes Geheimnis vor Daddy. Ein Wunder, dass ihr Vater in den letzten neun Wochen nichts von ihm mitbekommen hatte. Ein Wunder auch, das Lennert vorgestern Abend niemandem aufgefallen war. Denn er musste in der Halle gewesen sein. Natürlich inkognito. Ob er versucht hatte, zu ihr zu gelangen, nachdem der Schuss gefallen war? Aber bestimmt hatten das viele gewollt. Bestimmt hatte die teure Security, von Daddy angeheuert, alle aufgehalten. Alle, auch Lennert.
Super. Den Täter hatten diese hirnlosen Muskelprotze natürlich nicht aufhalten können.
Die Zeitung, die sie zusammengefaltet in ihrer Innentasche trug, fiel ihr wieder ein. Nicht auszudenken, wenn Lennert heute früh die Titelseite ohne Vorwarnung zu Gesicht bekommen hätte! Reederstochter erliegt nach Anschlag ihrer Schussverletzung – dazu eine weitere Variante des grauenhaften Bildes, auf dem sie sich sogar selbst für tot hielt. Nein, ganz ausgeschlossen, das nicht so schnell wie möglich richtigzustellen. Lennert hätte sich bestimmt etwas angetan.
Also hatte sie ihn vorgewarnt, hatte ihm von einem geborgten Handy aus eine SMS geschickt: »Ich lebe!« Dazu die dringende Bitte um absolutes Stillschweigen. Und ihr geheimes gemeinsames Codewort. Mehr nicht. Vorerst jedenfalls.
Genug immerhin, um Daddys Plan zu hintertreiben. »Keiner darf wissen, dass du noch lebst, hörst du? Auch nicht, wohin wir dich bringen werden. Sonst bist du deines Lebens nicht sicher. Versprichst du mir das?«
Natürlich, Daddy. Sie hatte es ihm versprochen, in die Hand, ohne zu blinzeln. Aber nicht gehalten. Sie hatte Daddy belogen.
Na schön. Und? Sie war jetzt siebzehn, da galt es, eigene Prioritäten zu setzen.
Daddy arbeitete schließlich auch nicht immer mit sauberen Methoden. Von wegen »gegenseitiges Vertrauen«! Hatte er wirklich geglaubt, sie würde es nicht merken, dass er sie immer mal wieder ausspionieren ließ? Ihr diesen Schmierlappen auf den Hals hetzte, der sich Privatdetektiv nannte? Gott, wie entwürdigend. Dabei hatte Daddy doch sonst so ein gutes Gespür für Qualität. Mehr als das Honorar dieses Stümpers waren ihre Geheimnisse ihrem eigenen Vater nicht wert? Geradezu peinlich.
Dumm nur, dass dieser Typ trotzdem erfolgreich gewesen war. Blindes Huhn, na ja, das kannte man. Zum Glück war der Mensch außerdem noch korrupt. Und Stephanie konnte über einiges an Geld verfügen, ohne Daddy gleich Rechenschaft ablegen zu müssen. Doppeltes Glück für sie. Und den Schmierlappen. Pech für Daddy.
Die Schiffssirene ertönte. Die Fähre legte ab, wendete, nahm Kurs auf die Fahrrinne. Plötzlich saß Stephanie im Schatten und ungeschützt im Wind. So schnell konnten sich die Verhältnisse ändern. Dort, wo die Sonne hingewandert war, waren die Bänke dichter besetzt. Offenbar saßen dort diejenigen, die sich auskannten, die Fähren-Vielbenutzer. Viele junge Leute darunter.
Ein paar Plätze waren dort noch frei, darunter einer direkt an der Reling. Stephanie schnappte sich ihren Rucksack und setzte sich dorthin. Erneut schloss sie die Augen und genoss das Spiel der Rot-Töne ihrer durchleuchteten Lider.
»Und, wie sieht’s bei dir aus?«
Stephanie blinzelte kurz, aber sie war nicht gemeint.
»Mäßig bis saumäßig. Wie immer halt. Weißt ja, die Pauker sind nicht gerade mein Fanclub.«
»Bei mir geht’s sogar. Zehn Punkte in Englisch, hätt ich nie gedacht.«
»Ha, die Bergmann steht doch auf dich, ey!«
»Blödsinn. Ausgerechnet die.«
»Teacher’s pet, teacher’s pet!«, tönte es von verschiedenen Seiten. Harmloser Spott, der lachend gekontert wurde. Stephanie war offenbar in eine Gruppe Jung-Insulaner geraten, die zu Ferienbeginn zurück nach Hause fuhren.
Aha, jetzt hatte sie den Begriff »Nige« aufgeschnappt. Niedersächsisches Internatsgymnasium Esens. Wer auf den ostfriesischen Inseln auf höhere Schulbildung erpicht war, der musste aufs Festland, nach Deutschland. Jahrelang in einer Gastfamilie unterschlüpfen. Oder aber aufs Internat. Eine Horrorvorstellung, dachte Stephanie, aller Verklärung des Internatslebens in den Harry-Potter-Büchern zum Trotz. Zwar hatte auch sie, genau wie der Zauberlehrling, schon früh auf ihre Mutter, die jung gestorben war, und häufig auch auf ihren vielbeschäftigten Vater verzichten müssen. Trotzdem, ein Zuhause war ein Zuhause.
Außerdem war Stephanie durch mit der Schule. Nicht wirklich, aber innerlich. Eigentlich hatte sie schon vor einem Jahr damit Schluss machen wollen. Welchen Sinn sollte das denn noch haben, diese stumpfe Paukerei, diese endlosen Debatten in endlosen Kursen, diese abgehobenen Klausurthemen, die bestimmt nicht einmal die Lehrer selber verstanden? Und für ihre Mitschüler hatte Stephanie von einem Tag auf den anderen ebenfalls kein Verständnis mehr gehabt. Kindisch und albern die einen, blasiert und arrogant die anderen. Überall große Klappen, aber nicht einer, der wusste, was er mit seinem Leben überhaupt anfangen wollte. Also erst einmal weitermachen, immer im gleichen Schultrott, Runde um Runde bis zum Abi und dann ab zur Uni, wo dann vermutlich das Gleiche ablief, nur noch spezialisierter und noch abgehobener. Und dann?
Nein, das war nicht ihre Welt, war es nie gewesen und würde es niemals mehr sein. Sie wollte ihr eigenes Leben anpacken, praktisch und konkret. Kein Abitur, kein Studium, sondern runter von der Schule mit der Mittleren Reife, eine Ausbildung machen und dann möglichst schnell auf eigenen Füßen stehen.
Klar, dass Daddy ausgetickt war, als sie ihm damit kam. Nicht, dass er etwa herumgeschrien hätte wie so’n Prolo-Papi. Aber auf seine Weise hatte er sie mindestens ebenso massiv unter Druck gesetzt. Ob sein Vorbild ihr denn überhaupt nichts gezeigt hätte? Was sie denn ohne adäquate Ausbildung mit all den Vermögenswerten anfangen wolle, die sie einmal erben würde? Falls er diese nicht vielleicht doch lieber in eine Stiftung überführte. Ob sie ihn denn unbedingt bis auf die Knochen blamieren wollte?
Natürlich hatte er auf ihre Kompromissbereitschaft gesetzt, ihre Nachgiebigkeit, ihre Abneigung gegen Konflikte. Und natürlich hatte sie nachgegeben. Mein Gott, war sie noch ein Kind gewesen damals! Schon ein Vierteljahr später hätte sie sich in den Hintern beißen können. Und zum Halbjahr hatte sie ihrem Vater dann unmissverständlich klargemacht, dass das elfte Schuljahr ihr letztes sein würde. Unwiderruflich.
Erstaunlicherweise hatte Daddy eingelenkt. Und diese Model-Sache auf den Tisch gebracht. »Spiel deine Stärken aus. Mach dir gleich einen Namen. Lerne den Betrieb von innen her kennen. Und dann steig mit ein, aber auf der Entscheiderebene.« So stellte Kay-Uwe Venema sich das vor.
Kunststück, wenn einem die Firma gehört!
Aber wie auch immer, eine Chance war eine Chance. Stephanie hatte zugegriffen. Und jetzt saß sie hier.
Die Kids um sie herum – viele waren älter als Stephanie, trotzdem kamen sie ihr unglaublich unreif vor – hatten inzwischen das Thema gewechselt, gingen von den Zeugnissen zur anstehenden Abendunterhaltung über.
»Bei Keno wird gegrillt heute Abend, da können wir später noch hin.«
»Klasse. Hat er sturmfrei?«
»Nee, aber open house, kein Problem da, kennst ja seine Alten. Musst nur was mitbringen.«
»Logo. Paar Würstchen oder so.«
Gelächter brandete auf. »Was?«, rief die Stimme von gerade irritiert. Stephanie konnte förmlich hören, wie der Junge rot anlief.
»Würstchen, du Seppl!« Ein anderer Junge, einer mit Wortführer-Tonfall. »Wir reden hier von Schnappes! Wodka oder Bacardi, sonst läuft nichts bei Keno. Komm da ja nicht mit ’ner Packung Elefantenpimmel an.«
»Elefanten… – was?«
Wieder hämisches Lachen. Stephanie ergriff innerlich sofort Partei für den gehänselten Jungen. Verdammtes Mutter-Theresa-Syndrom.
Ob sie Lust hätte, mit dieser Bande abends zu feiern? Abgesehen davon, dass das aus anderen Gründen überhaupt nicht in Frage kam? Das »Nein« kam reflexartig. War das etwa noch die alte Stephanie? Die kleine Brave, Daddys Liebling, die ewig auf Ausgleich Bedachte mit dem Eins-A-Sozialverhalten?
Sie runzelte die Stirn und kniff die geschlossenen Augen zusammen. Nein, jetzt ging sie doch eindeutig zu weit. Das hatte Daddy nicht verdient. Er hatte immer zu ihr gestanden, da durfte sie ihn nicht verraten, jedenfalls nicht öfter als dieses eine Mal, in der Sache mit Lennert. Daddy zuliebe musste sie sich zusammenreißen und sich solche Gedanken verbieten. Sie musste …
Musste sie?
Unwillkürlich hatten sich ihre Arme um ihren Oberkörper geschlungen. So fest, dass sie ihre Schultergelenke knarren hören konnte. Und dass sie ihre Rippen durch Parka, Sweatshirt und Unterzeug hindurch spürte – war das immer schon so gewesen?
Die Wunden schmerzten. Schnell ließ sie ihre Hände tiefer rutschen, in die Hüftgegend, dorthin, wo sie ihre Schwachstellen wusste. Fettschichten, Speckröllchen, kaum dass sie ihren Oberkörper um ein paar Grad aus der Senkrechten bog. Widerlich. Von wegen zu dünn für Konfektionsgröße 34! Blödsinn, sie wusste es besser. Hier lagen ihre wahren Aufgaben, hier galt es, Leistung zu bringen. Auch und vor allem für Daddy. Und das würde sie tun.
Die Insel-Schüler redeten immer noch über Alkohol und darüber, in welchen Mengen sie ihn heute Abend zu vernichten gedachten. Ihren eigenen Worten nach waren sie sämtlich Hardcore-Trinker, für die Wein und Bier lächerlich und hochprozentige Getränke erst flaschenweise interessant waren. Alles Angeberei? Stephanie kannte ihre eigenen Schulkameraden. Angeberei sicher, aber bestimmt nicht alles. Fast alle tranken, und viele tranken viel zu viel. Einige würden dabei auf der Strecke bleiben, das war bereits absehbar. Hatten die eigentlich keine Eltern? Oder interessierte die das einen Dreck? Lebten die ihnen solch ein Leben womöglich vor?
»Und was ist mit Dope?«
»Was soll sein.« Wieder der Junge mit der Angeber-Stimme. »Kannste von ausgehen. Auf Maria Johanna ist Verlass.«
Wieder das allgemeine Gelächter. Dass dieser altmodische Name für Marihuana immer noch in Gebrauch war! Stephanie staunte. Sonst war immer nur von Gras die Rede. Oder von Shit für die Shisha, also Haschisch für die Wasserpfeife. Drogen, die unter Schülern als völlig harmlos galten und in Ostfriesland fast so verbreitet waren wie im benachbarten Holland. Nur dass sie dort legal waren.
»Woher weißte? Haste was dabei?«
»Also echt. Für wie dumm hältst du mich?« Der Angeber gab sich Mühe, noch überlegener zu klingen, aber es gelang ihm nicht. Offenbar wusste er, wie weit er gehen durfte, was man einem wie ihm noch als Jugendsünde durchgehen lassen würde und was nicht. Außen Revoluzzer, innen Spießer. Die meisten waren doch so.
»Und woher soll’s dann kommen?«, insistierte eins der Mädchen.
»Woher wohl. Von Filius natürlich, dem Unkontrollierbaren!«
Wieder dieses Insider-Lachen. Es gab also einen Insel-Dealer, stellte Stephanie fest. Überraschte sie das? Nicht wirklich. So ganz aus der Welt waren die ostfriesischen Inseln eben nicht.
Tja, wieder eine Illusion beim Teufel. Stephanie kam sich unheimlich erwachsen vor und musste grinsen.
Wieder wischten kalte Schatten über sie hinweg. Sie öffnete die Augen. Die Fähre hatte den Kurs gewechselt, die Hafenmolen lagen schon dicht voraus, die Mannschaft bereitete sich auf das Anlegemanöver vor. War das schnell gegangen! Noch schneller als in ihrer Erinnerung. Was, wenn ihr die Insel jetzt auch noch kleiner vorkam als vor zwei Jahren? Dann wurde sie wohl wirklich alt.
Aber Langeoog war so groß wie immer, lang und von ihrem Blickpunkt aus vor allem in östlicher Richtung hingestreckt, mit Deichen, Dünen, Wäldchen, dem beachtlichen Ort mit seinen immerhin über zweitausend Einwohnern und vor allem diesem unendlichen Strand. Das meiste davon war natürlich vom Schiff aus überhaupt noch nicht zu sehen, aber ihr Gedächtnis projizierte ihr bei jeder Wendung des Kopfes problemlos die passenden Bilder ins Hirn. Und die dazugehörigen Gefühle.
Sie musste sich vor zwei Jahren wohl in diese Insel verliebt haben. Komisch, dass ihr das jetzt erst bewusst wurde.
Als Daddy ihr gestern seinen Plan unterbreitet hatte – Plan, nicht etwa Vorschlag – , da war sie noch alles andere als begeistert gewesen. Weder von der Aussicht, auf absehbare Zeit auf einer Insel ab- statt in die Modeszene einzutauchen, noch von der Art ihrer Unterbringung.
»Du willst mich in eine Klapse stecken!?« Fassungslos hatte sie ihn angestarrt. Er hatte natürlich abgewiegelt. Hatte darauf verwiesen, dass psychologische Hilfestellung heutzutage doch zum guten Ton gehöre, für Manager ebenso wie für Leistungssportler, ja sogar für Lehrer, die sich ausgebrannt fühlten. Um am Ende dann doch die Katze aus dem Sack zu lassen: »Kind, du bist wirklich viel zu dünn. Lass dir doch helfen.« Außerdem gehöre die Kurklinik Waterkant schließlich ihm. Also bitte.
Zu dünn. Helfen lassen. Ihm gehören.
Gehörte denn eigentlich alles ihm? Auch sie selbst?
Wütend stampfte sie mit dem Fuß auf, eine Bewegung, die im allgemeinen Aufstehen und Treppabdrängeln unbemerkt blieb. Stephanie ließ sich vom Strom der Touristen und heimkehrenden Insulaner mitziehen.
»Also heute Abend dann bei Keno?«, fragte ein Mädchen, das unmittelbar vor ihr lief. Groß und schlank, fast so groß und so schlank wie sie selbst, mit kurzen brünetten Haaren und einer moosgrünen, taillierten Jacke. Das Mädchen aus der Schülergruppe.
Der Junge, der ihr antwortete, war der arrogante Wortführer. »Na, mal sehen. Weiß nicht, ob ich schon wieder Bock auf die ganze Bande habe. Entweder dort oder Düne 13. Aber jedenfalls nicht vor halb elf.« Der dunkelhaarige Typ war nicht so groß, wie sie vermutet hatte, machte aber in seiner schwarzen Lederjacke einen kräftigen Eindruck.
Zwei Fahrgastströme trafen sich am Fuß der Treppe. Das Gedrängel nahm zu, Kinder quengelten lauthals, während noch lautere Erwachsene sich hierhin und dorthin drehten und dabei pralle Rucksäcke gegen Körper und Köpfe der hinter ihnen Gehenden klatschen ließen. Mit Rücksicht auf ihre schmerzenden Verletzungen ließ Stephanie die Drängler vor. Die Schüler verschwanden vor ihr im Gewühl.
Mit den letzten Passagieren verließ sie die Fähre, durchquerte die große gläserne Abfertigungshalle und schlenderte auf die Inselbahn mit ihren quietschbunten Wagen zu. Die meisten Gepäckcontainer waren bereits auf flache Waggons verladen worden. Kaum hatte Stephanie im vordersten Wagen auf einer der unbequemen Holzbänke Platz genommen, ruckte der Zug auch schon an. Schön, nicht warten zu müssen, dachte sie und nahm sich vor, es hier auf Langeoog auch in den nächsten Tagen etwas langsamer angehen zu lassen.
Die Inselbahn schien diesen Vorsatz ebenfalls gefasst und umgesetzt zu haben. Gemächlich zuckelte sie zwischen Salzwiesen und Pferdeweiden, einzeln stehenden Gasthöfen und verstreut liegenden Häuschen dahin. Golfplatz und Flughafen kamen in Sicht und sackten langsam achteraus. Ein beschrankter Bahnübergang, an dem Radfahrer warteten und winkten, zeigte schließlich die Annäherung an den Ort an. Und dann waren sie da. Inselbahnhof Langeoog, Endstation. Lustig.
Nein, irgendwie doch nicht Endstation. Zwischenstation war besser. Von hier aus ging es schließlich auch zurück zum Fährhafen. Wann? Irgendwann. Aber bestimmt.
Wiederum ließ sich Stephanie Zeit mit dem Aussteigen. Die anderen Fahrgäste schienen sich auf jede Gepäckwagenreihe, die auf den überdachten Bahnsteig gerollt wurde, geradezu zu stürzen. Weiß bemütztes Personal beschränkte sich darauf, die seitlichen Schutzplanen zu lösen; danach traten die Männer grinsend beiseite und ließen die Meute wühlen. Sie kannten das schon. Irgendwann, wenn auch die Hotelangestellten mit den Bollerwagen die Koffer ihrer Gäste in Empfang genommen hatten, würden sich die Männer der verbliebenen Reste erbarmen und sie in die eigentliche Gepäckaufbewahrung schaffen. Bis dahin aber konnten die ungeduldigen Touristen die Arbeit auch gut alleine erledigen.
Stephanies Blick suchte nach dem Gepäckwagen mit der Nummer 42. Ehe der nicht auf dem Bahnsteig stand, konnte sie sich getrost zurückhalten. Und das war bisher noch nicht der Fall.
Nach und nach verlagerte sich das Urlaubergetümmel in Richtung Bahnhofsvorplatz. Dort boten Transporteure mit zwei- oder vierrädrigen Karren, ja sogar mit richtigen Pferdekutschen ihre Dienste an. Die meisten Touristen aber machten sich zu Fuß auf den Weg zu ihren Hotels, Pensionen und Wohnungen. Ein breiter Menschenstrom wälzte sich über Straße und Fußwege in Richtung Wasserturm, der sich markant hinter der Ortsmitte erhob. Ein vielstimmiges Gequietsche überforderter Rollkofferrädchen begleitete den Zug akustisch.
Als das Gewühl auf dem Bahnsteig weniger und das Quietschen allmählich leiser wurde, begann Stephanie sich zu wundern. Immer noch war kein Gepäckwagen mit der Nummer 42 aufgetaucht. Ob ausgerechnet dieser Wagen immer noch auf einem der offenen Pritschenwaggons stand?
Es sah nicht so aus, und während sie dies feststellte, ließ der Lokführer das Signalhorn ertönen, und die Inselbahn setzte sich langsam wieder in Bewegung, zurück Richtung Hafen. Damit wäre das geklärt, dachte Stephanie. Der Wagen muss also schon hier auf dem Bahnsteig stehen, und ich habe ihn bloß übersehen.
Ein wenig schneller aber klopfte ihr Herz doch, als sie die Reihe der offen dastehenden Gepäckwagen abschritt, an denen sich jetzt nur noch wenige Reisende zu schaffen machten. Natürlich hielt sie es prinzipiell für möglich, dass sie sich geirrt und den richtigen Wagen übersehen hatte. In Wirklichkeit aber glaubte sie nicht daran.
Und tatsächlich: keine Nummer 42. Auch beim zweiten Kontrolldurchgang nicht. Wie war das möglich? Hatte sie sich denn so getäuscht?
Da stand ein Gepäckwagen mit der Nummer 24. Vermutlich war das die Lösung. Sie hatte sich zwar die richtigen Ziffern, aber in der falschen Reihenfolge gemerkt. Erleichtert schritt sie auf den Wagen zu.
Aber zu früh gefreut. Drei schwarze Riesenkoffer, einer davon ohne Rollen, zwei verschnürte Kartons, ein Bündel Strandspielzeug – das war alles, was Nummer 24 noch enthielt. Wieder schlug Stephanies Herz schneller. Deutlich spürte sie die ersten Anzeichen von Panik.
Einige der weiß bemützten Männer standen noch herum, aber keiner von ihnen schaute zu ihr her. Absichtlich? Sie konnte ja hingehen und einen von ihnen fragen. Aber wie würde sie dann dastehen? Wie ein hysterisches Gänschen.
Es half nichts, sie musste die ganze Wagenreihe noch einmal abschreiten und genau in jeden Gepäckwagen hineinschauen. Immerhin lagen ja noch etliche Koffer darin. Ihrer musste einfach noch dabei sein. Wer klaute hier auf Langeoog schon Koffer? Das gab’s doch gar nicht.
Na ja, Dealer und kiffende Jugendliche gab es hier ja ebenfalls. Warum nicht auch Beschaffungskriminalität?
Stephanie zwang sich, langsam zu gehen und genau hinzuschauen. Ihr Koffer war relativ klein und schwarz, hatte einen herausziehbaren Bügel mit einer roten Arretierung. Ein gängiges Modell, nicht besonders auffällig. Hier aber waren die meisten Gepäckstücke größer, Familienformat eben. Und die kleineren Koffer sahen deutlich anders aus als ihrer. Mist, verdammter. Ihr Herz begann zu rasen, und die Panik war ganz nahe.
Und dann sah sie ihn doch, ihren kleinen schwarzen Rollkoffer mit dem Bügel und der roten Taste darunter. Zur Sicherheit schaute sie schnell auf ihren Gepäckschein. Ja, die Ziffern stimmten auch überein. Gott sei Dank, alles noch einmal gut gegangen. Sie war einfach etwas unaufmerksam gewesen. Und beinahe hysterisch.
Im Weggehen drehte sie sich noch einmal um. Gepäckwagen 35 war das. Warum nur war sie sich so sicher gewesen, dass sie ihren Koffer in die Nummer 42 geschoben hatte? Wie hatte sie sich denn so täuschen können?
Es musste alles mit den Ereignissen der letzten Tage zu tun haben. Vermutlich war sie doch stärker angegriffen, als sie sich eingestehen wollte. Daddy hatte also recht gehabt, wieder einmal. Der Klinikaufenthalt würde ihr bestimmt guttun. Dumm von ihr, das nicht gleich eingesehen zu haben. Kopfschüttelnd trabte sie in Richtung Bahnhofsvorplatz, flüchtig den Gruß eines der weiß bemützten Männer erwidernd, die immer noch herumstanden.
Im Schatten der Bahnsteigüberdachung stand eine große, dunkle Gestalt ohne weiße Mütze und schaute ihr nach.
9.
Als seine Zielperson den Schritt verlangsamte, stoppte auch Mats Müller ab. Schnell drehte er sich seitwärts und baute seine gedrungene Gestalt vor einem Schaufenster auf, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, den Blick nur scheinbar auf die Auslage, tatsächlich aber aus den Augenwinkeln weiterhin auf das Objekt seiner Observation gerichtet, das gerade die Zeitschriftenständer eines Kiosks betrachtete. Bis jetzt hatte ihn der Mann nicht bemerkt. Tja, gelernt war eben gelernt! Hauptsache unauffällig, das war die Devise. Sehen, ohne gesehen zu werden. Davon verstand er etwas.
Zwei kräftig gebaute Frauen blieben neben ihm stehen, die eine rechts, die andere links von ihm. Beide warfen ihm merkwürdige Blicke zu, fragend die eine, empört die andere. Und die eine rümpfte sogar die Nase, als beide weitergingen. Was sollte das denn? Unauffällig senkte er den Kopf noch etwas weiter und schnupperte in Richtung Achselhöhle. Sicher, seit zwei Tagen war er jetzt schon nicht mehr aus den Kleidern herausgekommen, aber war das vielleicht seine Schuld? Und so stark roch er nun auch wieder nicht, dass man es gleich auf zwei Schritt Entfernung wittern könnte.
Oder etwa doch? Er hatte mal irgendwo gelesen, dass die Nase nur fremde, unbekannte Gerüche ans Gehirn weitermeldete. Ein Relikt aus der menschlichen Frühgeschichte: Neues bedeutete entweder Beute oder Gefahr, also Angriff oder Flucht, fressen oder gefressen werden. Bekannte Gerüche waren weder vielversprechend noch gefährlich und wurden unterdrückt. Angeblich funktionierte das Riechorgan heute noch so. In dem Fall konnte es natürlich sein, dass er für andere Leute tatsächlich etwas raubtiermäßig …
Er schaute nach vorne, in das Schaufenster, vor dem er stand. Damenunterwäsche, Übergrößen. Aha, deswegen. Dann war das mit seinem Körpergeruch also wohl doch nicht so schlimm.
Der Mann, den er observierte, stand immer noch vor dem Kiosk, offenbar unschlüssig, welches Hochglanzmagazin er nun kaufen sollte. Mats Müller fragte sich, ob er seinen Standort wechseln sollte. Vielleicht gab es ja nebenan eine männergerechtere Auslage. Obwohl, was war in dieser Hinsicht gegen Damenunterwäsche einzuwenden?
Außerdem schien er ja nicht der einzige Mann zu sein, der sich für so etwas interessierte. Im Schaufensterglas sah er nämlich, dass sich gerade gleich zwei recht männlich aussehende Gestalten neben ihm aufbauten, die eine rechts, die andere links. Eine mittelgroß und schmächtig, die andere deutlich größer. Breitschultrig, massig, stoppelhaarig. Verdammt.
Hauptkommissar Stahnke legte seine schwere Linke auf Mats Müllers schmuddelige Trenchcoat-Schulter. »Thou art the man«, zischte er ihm ins Ohr.
»Was?« Der Privatdetektiv zuckte zusammen. »Wieso Sau?« Er schnüffelte erneut, dann protestierte er: »Ich muss … Sie dürfen doch nicht … meine Arbeit! Wissen Sie, ich bin gerade …«
»Wissen wir«, unterbrach ihn Stahnke knurrend. »Sie observieren gerade das arme Würstchen, das sich an dem Kiosk da vorne eine neue Wichsvorlage kauft. So plump, wie Sie das machen, weiß das doch jeder! Was hat der Typ denn Schlimmes getan? Seiner Schwiegermutter den Rasierapparat geklaut?«
»Eduard Münzberger, Prokurist bei Weise-Papier«, murmelte Kramer, während er seine Augen scheinbar nicht von einer hautfarbenen Korsage in Killerwalgröße lassen konnte. »Seine Schwiegermutter rasiert sich nicht. Wer die Frau schon mal gesehen hat, weiß das.«
»Ja, aber … wie können Sie … woher?« Mats Müller schnappte nach Luft.
»Da staunen Sie, was?« Stahnkes Hand rutschte abwärts und schob sich unter Müllers Ellbogen. »Wir sind eben Profis. Und als Profi müsste ich mal dringend mit Ihnen reden.«
»Das geht nicht! Was wird mit Münzberger?« Mats Müllers Augen waren kugelrund. Offenbar nicht nur aus Angst vor einer abgebrochenen Observation.
»Keine Sorge. Kollege Kramer übernimmt so lange«, flüsterte Stahnke. »Jede Wette, das merkt Ihr Objekt bestimmt nicht.«
»Höchstens, weil er sich plötzlich so unbeobachtet fühlt«, ergänzte Kramer. Sein Gesicht, das sich in der Schaufensterscheibe widerspiegelte, drückte nichts als heiligen Ernst aus. Stahnke beneidete seinen Kollegen sehr um diese Fähigkeit. Vermutlich hatte er so auch Venemas Büroleiterin dazu gebracht, Mats Müllers Namen herauszurücken.
Dann war Kramer plötzlich weg. Spurlos verschwunden. Noch so eine beneidenswerte Eigenschaft.
»Kommen Sie«, sagte Stahnke, »ich geb einen aus.« Er verstärkte seinen Ellbogengriff, ehe er ergänzte: »Einen Kaffee.«
Sie fanden einen freien Tisch vor einem der Eiscafés in der Mühlenstraße. Ein Glücksfall, denn obwohl es zwar schön sonnig, aber noch nicht so richtig sommerwarm war, waren überall die Freiluftsitzgelegenheiten schon sehr gut ausgelastet. Zum Grand Café oder zu den Schönen Aussichten wäre Stahnke nur ungern ausgewichen, denn zwischen Denkmalsplatz und Hafen wimmelte es am letzten Schultag vor den großen Ferien nur so von betrunkenen Schülern.
Mats Müller hantierte betont umständlich mit seinem Latte macchiato, als wollte er Zeit schinden. Nicht einmal das kann er geschickt verbergen, dachte Stahnke mehr mitleidig als geringschätzig. Er wusste, dass viele seiner ehemaligen Kollegen, die vom polizeilichen Stress und Frust irgendwann einmal die Nase voll gehabt hatten, heute als Objekt- oder Personenschützer oder eben als Private eye arbeiteten. Die wenigstens hatten diese Entscheidung aus Abenteuerlust gefällt; meist war ihnen gar nichts anderes übrig geblieben.
Dieser Müller freilich war ein Sonderfall. Er kam nicht aus dem Polizeidienst, sondern aus dem Strafvollzug. Schon nach wenigen Jahren in der JVA Oldenburg hatte ihn seine eigene Gier zu Fall gebracht. Seine Bestechlichkeit war ebenso legendär wie hemmungslos; gegen entsprechendes Entgelt war bei ihm praktisch alles zu bekommen. »Vorteilsnahme im Amt« nannten Juristen so etwas. Die aber waren in Mats Müllers Fall nicht zum Zuge gekommen. Die Oldenburger Kollegen hatten es vorgezogen, Müller durch energischen Druck zum Abschied zu bewegen, und ersparten es ihm damit, seine Laufbahn, die hinter Gittern begonnen hatte, auch hinter Gittern zu beenden.
Kaum zu fassen, dass einer wie Venema einen wie Müller engagierte, dachte Stahnke. Aber der Hinweis stammte aus sicherer Quelle.
Also brauchte auch nicht lange um den heißen Brei herumgeredet zu werden. »Sie haben im Auftrag des Reeders Kay-Uwe Venema dessen Tochter Stephanie observiert«, sagte Stahnke. »Sie wissen, dass Ihre berufliche Zulassung am seidenen Faden hängt. Uns liegen mindestens zwei Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs gegen Sie vor, die zwar beide von den Antragstellern zurückgezogen wurden, was uns aber natürlich nicht daran hindert, von Amts wegen tätig zu werden, wenn wir das für richtig halten. Sie werden mir also alles sagen, was Sie über diese Stephanie rausbekommen haben, und zwar gleich, und wenn Ihnen später noch etwas einfällt, dann eben auch später. Das, oder Sie sind raus aus dem Geschäft. Bedenkzeit entfällt. Los jetzt.«
Mats Müller setzte seine Tasse ab. Auch ohne den Milchschaum in seinen Bartstoppeln wäre er eine traurige Witzfigur gewesen. Immerhin aber schien er in der Lage zu sein, eine Entscheidung zu fällen.
»Venema leidet unter Paranoia, was seine Tochter betrifft«, sagte er leise. »So einer ist für unsereins eine Goldgrube. Jeder andere hätte schon nach einem ersten Bericht auf jede weitere Observation verzichtet. Aber der nicht. Alle paar Wochen klingelt der bei mir durch. Da fühlt man sich fast wie fest angestellt.«
»Kann mich gar nicht erinnern, nach Ihrem Befinden gefragt zu haben.«
Mats Müller ging mit keiner Miene auf Stahnkes Einwurf ein. »Stephanie ist ein echt sauberes Mädchen«, fuhr er fort. »Anständig, intelligent, gutes Benehmen, richtig nett. Allgemein beliebt. Altersgemäße Kontakte, auch viele davon. Aber wenige enge. Die habe ich alle überprüft. Ein Mädchen ist darunter, das Gras raucht, einer der Jungs hat schon mal geklaut, einer kloppt sich manchmal in Diskos herum. Kleinigkeiten, wenn Sie mich fragen. Und Stephanie weiß nicht einmal etwas davon. Sie trinkt auf Feten manchmal ein Glas Wein, und wenn andere betrunken sind oder bekifft, geht sie nach Hause.« Müller seufzte theatralisch: »Ich wollte, ich hätte so eine Tochter.«
Ich auch, dachte Stahnke. Laut sagte er: »Sie haben doch überhaupt keine Kinder.«
»Eben«, sagte Mats Müller. Mit Schwung leerte er sein Kaffeeglas. Eine blassbraune Perle blieb in seinem Mundwinkel hängen. Er schien es nicht zu bemerken.
»Nur in einem Punkt hat sie gelogen«, sagte er dann.
Stahnke hob auffordernd die Brauen.
»Sie hat einen Freund«, fuhr Mats Müller fort. »Seit gut zwei Monaten. Mit dem trifft sie sich regelmäßig. Ihr Vater weiß nichts davon.«
»Warum tut sie das?«, fragte Stahnke. »Ich meine, warum die Heimlichtuerei? Ist das Verhältnis zu ihrem Vater also doch nicht so vertrauensvoll?«
»Doch, ist es«, sagte Müller. »Fast schon unnormal eng, wenn man bedenkt, wie sich andere Mädels in diesem Alter so aufführen. Aber Papa Venema neigt zu hochgradiger Kontrolle. Einer wie er will alles bestimmen. Na, und es gibt eben Dinge, in die will man sich einfach nicht reinreden lassen.«
»Aber warum versteckt sie sich? Hat sie Angst vor einer Konfrontation?«
»Streit mag sie nicht, sie ist eher der ausgleichende Typ«, antwortete Müller. »Ob das aber der alleinige Grund ist, weiß ich nicht. Vielleicht muss sie sich auch selber erst noch über einiges klarwerden.«
»Wer ist dieser Typ, wie heißt er, wo wohnt er?« Stahnke fand, dass es Zeit für ein paar Fakten war.
»Vorname Lennert, Nachname unbekannt. Alter jenseits der zwanzig. Fährt einen getunten Golf, Wittmunder Nummer. Die kann ich Ihnen geben. Mehr weiß ich nicht.«
»Mehr wissen Sie nicht? Mann, machen Sie keine Hausaufgaben? Wofür bekommen Sie denn eigentlich Ihr Geld?«
»Dafür«, sagte Müller ruhig, »habe ich mein Geld nicht von Vater Venema bekommen. Sondern von der Tochter.« Er wich Stahnkes Blick nicht aus. »Was soll’s, Sie erfahren es ja sowieso. Damit spare ich Ihnen etwas Zeit. Natürlich können Sie mich jetzt bei Venema hochgehen lassen.« Mit einer schnellen Bewegung seiner Zungenspitze schleckte er sich den Kaffeetropfen aus dem Mundwinkel, so zielsicher, als hätte er die ganze Zeit um seine Existenz gewusst. »Aber überlegen Sie sich gut, wen und was Sie damit außerdem hochgehen lassen.«
Ratte bleibt Ratte, dachte Stahnke, während Müller die Wittmunder Autonummer auf ein Stück Serviette kritzelte. Nimmt Stephanies Beziehungs- und Familienglück als Geisel, gegen mich, und ich kann gar nichts machen. Drecksack. Aber egal, ein bisschen was haben wir wenigstens.
Er zückte sein Handy. Kramer war sofort dran.
»Münzberger ist jetzt im Erotischen Kaufhaus«, berichtete der Oberkommissar. »Gleich gegenüber vom Parteibüro der Grünen.«
Ich weiß, wo das ist, wollte Stahnke sagen, biss sich aber gerade noch rechtzeitig auf die Zunge. »Müller kommt jetzt«, sagte er knapp.
»Ist auch besser. Sonst habe ich nur noch die Wahl zwischen Lackstiefeln und Gesundheitslatschen«, sagte Kramer.
»Eins will ich mal klarstellen«, sagte Stahnke, nachdem er Mats Müller mit einer Handbewegung entlassen hatte. »Ehe du nicht über meine Witze lachst, lache ich auch nicht über deine.«
10.
Die schlanke junge Frau kam ihm irgendwie bekannt vor. Aber er konnte sie nicht richtig einordnen. Sie ihn offenbar auch nicht, denn sie hatte seinen Gruß nur flüchtig erwidert. Vielleicht hatte sie ihn sogar mit einem der Kofferträger verwechselt, die trugen ja auch weiße Mützen. Sogar mit mehr Recht als er, denn die Polizei war inzwischen längst mit dunkelblauen Uniformen und Kopfbedeckungen ausgestattet, so dunkelblau, dass sie schon schwarz aussahen. Dass der Oberkommissar seinen weißen Deckel einfach beibehalten hatte, war genau genommen eine Dienstpflichtverletzung. Aber wo kein Kläger, da kein Richter, und bisher hatte sich niemand beschwert.
Nachdenklich schaute Lüppo Buss der hochgewachsenen Gestalt nach. Dann kam er drauf, an wen sie ihn erinnerte. Obwohl die Haarfarbe anders war. Vorletztes Jahr hatte er mit genau solch einer Schönheit zu tun gehabt, allerdings einer blonden.
Und die, so stand es heute in der Zeitung, war jetzt tot. Kaum zu fassen.
Das hübsche Mädchen damals war fast noch ein Kind gewesen, und Lüppo Buss hatte sich ein bisschen dafür geschämt, dass er sie attraktiv fand. Aber er stand nun einmal auf große Blondinen. Solche wie seine Nicole.
Er nahm die Mütze ab und strich sich durch die Haare. Natürlich war er nicht zum Inselbahnhof gekommen, um nach Frauen Ausschau zu halten. Da würde Nicole ihm auch schön etwas erzählen. Nein, Lüppo Buss war der Schüler wegen hier. Heute war letzter Schultag, da kamen die Festlandsschüler und Internatszöglinge aus dem Exil zurück, und abendliche Feten waren schon Tradition. Feten mit viel Alkohol und gelegentlich auch mit anderen Stimmungsmachern. Und ordentlich Randale und Bambule.
Im Amtsdeutsch hieß das Ruhestörung, Sachbeschädigung und Körperverletzung. Tendenz alljährlich zunehmend. Lüppo Buss kannte seine Pappenheimer, die Rädelsführer ebenso wie die Mitläufer. Und so, wie es aussah, waren sie allesamt wieder da. Beste Voraussetzungen für eine unruhige Nacht.
Ein lautes Pfeifen kündigte die erneute Ankunft der Inselbahn an. Was, schon wieder? Der Oberkommissar schaute zur Uhr: Gerade zwanzig Minuten waren vergangen, seit der Zug seine Fahrgäste auf den Bahnsteig gespieen hatte. Dann kam er drauf: Klar, die Reederei hatte eine Vorfähre eingesetzt, weil zum Ferienbeginn in Niedersachsen mit besonderem Ansturm zu rechnen war. Dieses Schiff war einige Minuten vor dem eigentlichen Termin gefahren, was den Fahrgästen sicherlich gar nicht aufgefallen war. Der nächste Schwung Menschen, der jetzt gerade eintraf, bestand aus den Passagieren der regulären Fähre.
Eigentlich hatte Lüppo Buss genügend zu tun, trotzdem gönnte er sich noch ein paar Minuten, um das Touristengewühl an den Gepäckwagen und die Schlacht um die Koffer noch einmal zu genießen. Niemand schien bereit zu sein, zum Auftakt eines vermutlich mehrwöchigen Urlaubs auch nur fünf Minuten zu warten. Ellbogen wurden eingesetzt wie Rammböcke. Menschen, dachte Lüppo Buss, waren doch faszinierend. Jeder einzelne für sich war vernünftig und intelligent, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Aber Menschen in Massen waren schlimmer als eine Herde Rinder. Alles Rationale und Kultivierte fiel von ihnen ab wie eine dünne Lackschicht, die in großen Placken zu blättern beginnt, sobald der Untergrund in Bewegung kommt. Irgendwie peinlich für jeden Angehörigen dieser Gattung, aber auch immer wieder spannend.
Die Tatsache, dass beim Verladen des Gepäcks natürlich nicht zwischen Fähre und Vorfähre unterschieden worden war, verstärkte das Getümmel noch. Jedes der beiden Schiffe hatte seinen Anteil der Containerwagen an Bord genommen, ohne Rücksicht darauf, ob der Inhalt nun zu den jeweiligen Passagieren gehörte oder nicht. So hatte manch einer die scheinbar gewonnenen Minuten mit Warten auf seine Koffer verbracht. Andere dürften in dem Glauben, ihr Gepäck sei verloren gegangen, ganz hübsch in Panik geraten sein.
Natürlich hatte sich kein Reedereimitarbeiter die Mühe gemacht, die Passagiere über diese Möglichkeit aufzuklären. Die wollten vermutlich auch ihren Spaß haben, dachte Lüppo Buss.
Wenigstens kamen jetzt, da alle Containerwagen eingetroffen waren, alle Passagiere zu ihren Koffern. Auch die, die ihr Gepäck schon verloren geglaubt hatten. Und diejenigen, die sich bereits zu ihren Unterkünften aufgemacht hatten, nicht ohne schon von unterwegs per Handy Verlustmeldungen auf den Anrufbeantworter des Polizeibüros An der Kaapdüne zu sprechen, würden ihre Koffer nachgeliefert bekommen. Die Hoteliers und Vermieter kannten sich schließlich aus.
Ein hochgewachsener junger Mann in schwarzer Lederjacke schien sein Glück, doch noch zu seinem Koffer gekommen zu sein, gar nicht glauben zu können. Noch auf dem Bahnsteig öffnete er das Gepäckstück, um den Inhalt zu inspizieren. Er nahm sich richtig viel Zeit dafür, fand Lüppo Buss. Schließlich stapfte er dann doch noch in Richtung Ortsmitte davon, den Rollkoffer hinter sich herziehend.
Seufzend schloss sich der Oberkommissar ihm an. Erst mal zur Polizeistation gleich beim Wasserturm, die gegenstandslosen Kofferklau-Meldungen vom Anrufbeantworter löschen, und dann weiter im Text in Sachen Angela Adelmund. Bisher war jede einzelne Überprüfung im Sande verlaufen. Die Mutter der Toten war vor zwei Jahren verstorben, und einen Vater schien es nie gegeben zu haben. Blieb der angebliche Bruder – und von dem wusste überhaupt niemand irgendetwas. Angela, so hieß es, sei ein Einzelkind gewesen, und genau das stand auch in der Einwohnermeldekartei. Eine Tatsache, die ihnen die Arbeit nicht gerade erleichterte.
Jedenfalls war für den Rest des Tages für Beschäftigung gesorgt. Und für die halbe Nacht auch – in dieser Hinsicht war auf die Inseljugend Verlass. Wenn er Glück hatte, reichte die Zeit noch für ein Abendessen mit Nicole. Aber nicht einmal das war gewiss.
In solchen Momenten beneidete er doch die Urlauber, die hier auf Langeoog nichts als Müßiggang erwartete. Solche wie den jungen Mann mit dem Rollkoffer, der unmittelbar vor ihm das Bahnhofsgelände verlassen hatte.
Komisch. Eigentlich hätte der Typ direkt vor ihm laufen müssen. Aber das war nicht der Fall. Er war wie vom Erdboden verschluckt.
11.
»Ach. Das ist ja interessant.« Stahnke griff nach dem Zettel, den Kramer ihm unter die Nase geschoben hatte, und blickte zu dem Oberkommissar hoch. »Ein Kollege also?«
»Ex-Kollege, besser gesagt.« Kramer wies auf eine Datumszeile am Ende des kurzen Textes: »Letztes Jahr ausgeschieden. Auf eigenen Wunsch.«
»Trotzdem allerhand.« Stahnke drehte sich auf seinem Stuhl zum Fenster hin, wandte dem hektischen Getriebe der emsig arbeitenden Mordkommission den Rücken zu. »Stephanie Venemas heimlicher Lover ist also ein SEK-Rambo.«
»Ehemaliges Mitglied eines Sondereinsatzkommandos«, korrigierte Kramer milde. »Lennert Tongers, 25 Jahre. Stand zuletzt im Rang eines Kommissars. Hat die Hochschule für Verwaltung mit Auszeichnung absolviert. Ausgebildet in allen möglichen Kampftechniken und mit den verschiedensten Waffen. Alle Lehrgänge mit gut bis sehr gut bestanden. Der Junge hatte eine Karriere vor sich.«
»Und warum schmeißt er die weg?«, fragte Stahnke. »Doch nicht etwa, um so ein schmieriger Privatschnüffler zu werden wie dieser Mats Müller?«
»Wissen wir nicht«, antwortete Kramer, stoisch wie immer. »Da nichts gegen Tongers vorlag, bestand ja auch kein Grund, ihn nach seinem Ausscheiden unter Beobachtung zu halten. Es gibt schließlich die verschiedensten Motive, eine einmal gefällte berufliche Laufbahnentscheidung nach entsprechenden Erfahrungen zu verändern, auch nach Jahren noch. Die meisten dieser Motive sind ehrenhaft.«
»Das kann man wohl sagen«, stimmte Stahnke zu und grinste mehrdeutig. Aber natürlich glitt auch dieser Versuch der Selbstironie spurlos an Kramer ab.
Dass der hier stand und ihm, Stahnke, Untersuchungsergebnisse zur Bewertung vorlegte, zeugte wieder einmal von seiner maßlosen Loyalität. Schließlich war er es gewesen, der den sogenannten ersten Angriff bei der Untersuchung des Mordversuchs an Stephanie Venema koordiniert hatte. Er hatte – mit Manninga zusammen – die Mordkommission Modenschau personell zusammengestellt und ihre Leitung übertragen bekommen. Kommissarisch natürlich, denn Stahnkes Rückkehr stand ja kurz bevor. Trotzdem, über zwanzig Männer und Frauen, unterstützt von der Analysestelle Fahndung und der Kriminaltechnik, hatten unter seiner Führung ihre Arbeit aufgenommen. Kramer hätte sehr wohl darauf dringen können, auch nach Stahnkes Eintreffen mehr als nur die Rolle des Aktenführers für sich zu beanspruchen, schließlich konnte die nachträgliche Übergabe der Leitung an den Hauptkommissar durchaus zu Reibungsverlusten führen. Das aber hatte er nicht getan, hatte nicht einmal ein Wort darüber verloren.
Wie hätte er sich in einer vergleichbaren Situation verhalten? Stahnke war sich da gar nicht so sicher.
Er betrachtete das mitgelieferte Foto von Lennert Tongers, übermäßig kontrastreich, vom Faxvorgang leicht entstellt. Kein eckiger Testosteron-Kiefer, wie vermutet, stattdessen ein eher gemütlich wirkendes, ovales Gesicht mit ausgeprägter, leicht gebogener Nase und breitem, vollem Mund. Nur der rasierte Kahlschädel entsprach dem Klischee.
Was wollte ein Mädel aus gutem Hause wie diese Stephanie bloß mit solch einer Krawallglatze?
Mit einer durchtrainierten, sicherlich nicht dummen Krawallglatze. Hm, da gab es diverse mögliche Antworten. Stahnke zog die Frage zurück. Anders herum: Was wollte ein 25-jähriger ehemaliger SEK-Kommissar mit einer 17-jährigen Schülerin? Auch diese Frage führte nicht weiter, sie beantwortete sich von selbst, wenn man die Beziehung der beiden auf das rein Sexuelle reduzierte. Vielleicht war’s das ja auch, vielleicht erschöpfte sich das beiderseitige Interesse darin. Man musste …
Kramer Zeigefinger erschien wieder in Stahnkes Blickfeld. »Hier, schau mal. Noch ein interessantes Detail.«
Geburtsort hieß die Rubrik. Und der Eintrag lautete Langeoog.
Бесплатный фрагмент закончился.
