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Paul Keller

Marie Heinrich

Roman

Saga

Marie Heinrich

© 1926 Paul Keller

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711517468

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Oderland

Die Oder ist unter den deutschen Flüssen wie ein Bauernweib unter Edlen und Großen. Sie ist nicht so reich wie die Elbe, nicht so munter wie die Weser, nicht so königlich wie der Rhein, nicht so machtvoll wie die Donau. Kalk und Kohlenstaub liegen auf ihrem Kleide von Jugend an. Mit rüstigen Händen schleppt sie Güter aller Art in den Hausstand. Breit und behäbig schreitet sie durch den mühevollen Tag; manchmal, zur Abendzeit, summt sie zwischen Eichen und Erlenbüschen ein einförmiges Lied und steckt verlorene Lichter an auf dunklen, lautlos gleitenden Kähnen, die den Reichtum des Landes tragen. Einmal, wie wohl jedes Bauernweib, kommt die Oder auch nach der Hauptstadt, nach Breslau. Dort hört sie die Domglocken klingen und nimmt das Bild der hehren Türme in den Spiegel ihrer Seele auf, schaut auf das Treiben der Menschen in dieser großen Stadt. Die Mutter Oder verweilt nicht lange, kaum zwei Stunden. Weiter trägt sie ihre Lasten, an schweren, fruchtbaren Feldern vorbei, nach Leubus, dem sagenberühmten Kloster, das umgeben ist von tiefen Laubwäldern und vor urdenklichen Zeiten von deutschen Mönchen gegründet wurde. Und weiter, nach tagelangen Reisen, tauchen die Hügel von Grünberg auf. Da hat ein Dichter ein Lied auf den Grünberger Wein gemacht. Das Gedicht ist schlecht, der Wein ist gut, doch das schiert Mutter Oder nicht. Sie läßt sich mächtige Fässer aufladen und weiß, daß dieser Wein nach anderen Gegenden geschickt wird, von wo er mit geachteten Aufschriften als Edelwein in die Welt geht. Da lacht das alte Weib, wie alte Weiber kichern, wenn sie sehen, daß einfältige Leute sich betrügen lassen. Dann kommt das langsame Dahinwandern durch den märkischen Sand. Wie ein Bauernweib, das zu Markte geht und schwer trägt, so wandert die Oder. Föhren, Sand und Wiesen begleiten ihren Weg, Rehe grüßen sie manchmal oder ein Kind, das im rinnenden, seichten Ufergewässer spielt. Sonst ist große Stille und Einsamkeit. Heidemärchen raunen in Sand und Gehölz. So geht es weit über die hundertste Meile hinaus. Da ist das Bauernweib müde geworden. Sie ist weit gewandert, hat geschleppt, geschleppt, zwanzig starke Kinder in ihrem Schoß getragen, Mühlen und Hämmer bewegt. Ein wenig mürrisch ist sie geworden, und das Laufen fällt ihr schwer. So kommt sie nach Stettin und ist plötzlich in großem Lärm. Die Schiffe drängen sich, Züge donnern über ihre Brücken, am Ufer ist Jagen, Rufen und Hasten. Da kuscht sie sich und läßt sich geduldig die schweren Lasten abnehmen, auf die die Stadt und viele Schiffe gewartet haben, denn sie ist müde, kaum daß ihr Herzschlag noch fühlbar ist. Langsam legt sie das letzte Stück ihres langen Weges zurück, folgt dem Rufe des Meeres. Weit breitet das alte Bauernweib die Arme aus nach rechts und nach links und geht nach getaner Pflicht im großen Deltas des Sterbens friedlich ein ins große Meer. Und alle, die an diesem Meere wohnen, achten sie, denn sie ist eine ihrer stärksten Dienerinnen.

Das stille Bauernweib hat merkwürdig geartete Kinder und in ihrer Art verschieden. Da ist der Bober, ein wilder Gesell, der in unbändiger Jugendlust und überschäumender Kraft von den Riesenbergen springt und zuweilen in unzähmbarer Laune auch Unheil anrichtet. Da ist der Neißefluß, der Träumer, der an den Kirchen dahingeht, vorbei an den wilden Sandsteinfelsen der Heuscheuer, der am Gnadenorte Buße tut, da ist der lustig sprudelnde Katzbachfluß, da ist die Warthe, das stillste und doch das stärkste Kind der Oder. Und viele andere. —

1.

Am Oberlaufe eines Nebenflusses der Oder streckt sich ein Dorf hin, Wiesenthal genannt. Wer es zu Fuße durchwandern will, hat gut eine Stunde zu gehen. Rechts und links ist Hügelland, bis hoch hinauf mit Saaten bestellt, dazwischen hängen Waldschläge und Wiesen. Im Tale läuft neben der geraden Chaussee der krumme Fluß. Die Häuser stehen alle etwas erhöht am Hange, der Überschwemmungsgefahr wegen, die stets nach schweren Gewittern oder zur Zeit der Schneeschmelze eintritt. Wenn der Schmied, der jetzt auch am Hange wohnt, im Gasthause einen über den Durst getrunken hat, wird er weinerlich und erzählt, wie „er“ (er meint den Fluß) ihm seine schöne Schmiede weggerissen habe. Nur den Amboß habe er stehen lassen, der sei „dem Aas“ doch zu schwer gewesen. Sonst aber alles weg, alles hin! Vom Berge aus habe er zusehen müssen, wie seine ganze Habe fortschwamm. Am meisten habe es ihm um seine schöne Kuckucksuhr leid getan. Die sei schon weit fortgeschwommen, da habe sie noch dreimal ganz kläglich „Kuckuck“ gerufen.

Wenn dann jemand einwendet, es sei vielleicht ein wirklicher Kuckuck gewesen, der gerufen habe, wird der Schmied wild und sagt, er werde doch wohl seine Uhr an der Stimme erkennen, so wie sie rufe kein einziger Kuckuck in der ganzen Welt. Es sei eine wunderschöne Kuckucksuhr gewesen. Alle seine Sachen aber seien unten in Bärsdorf von den Leuten mit Rechen herausgefischt worden. „Strandgut“ nannten das die Lumpen. Aber er gehe oft sonntags durch Bärsdorf und horche, ob da nicht etwa irgendwo seine Kuckucksuhr rufe. Wenn er seine Uhr entdecke, dann habe für ihren Räuber das letzte Stündlein geschlagen.

Danach trinkt der Schmied noch einen Korn oder zwei, geht nach Hause und haut auf den Amboß: „Dich hat das Beest doch nicht wegschleppen können, dich hat doch kein gauneriger Bärsdorfer mit dem Rechen angeln können. Haha!“ Der Schmied haßt den Fluß. Wenn er über die Brücke geht, spuckt er jedesmal übers Geländer.

Andere Leute lieben den Fluß. Am meisten die Kinder. Die letzten Tage im März waren warm gewesen, da beschlossen zehn Büblein und Mägdlein, auf dem Heimwege aus der Schule die harte Chaussee zu meiden und lieber im Fluß, der seichtes Wasser führte, nach Hause zu waten. Es wurden also Schuhe und Strümpfe ausgezogen und zu Katechismus und Diarium in den Ranzen gepackt. Das Wasser war beißend kalt; aber es war doch ein Spaß, über die großen bemoosten Steine zu klettern, die Forellen zu scheuchen und sich von schäumenden Strudeln bespritzen zu lassen. Christel Bräuer rutschte auf einem der Steine aus und fiel in die Fluten. Das gab ein schreiendes Gelächter. Nur Christel weinte; denn es war ihr „gutes“ Kleid, und die Mutter war streng.

Klaus Heinrich stieg drei Minuten vor dem Heinrichshof an Land, rieb sich erst mit Sand die Füße und Knöchel trocken, setzte sich dann auf einen Straßenstein und zog Strümpfe und Schuhe an. Es war heute der 31. März. Vor dem Georgstag, dem 23. April, aber war es streng verboten, barfuß zu gehen, geschweige ins Wasser zu plantschen, mochte es noch so warm sein, denn „das Gift steckte noch in der Erde“. Nach dem 23. April durfte jeder barfuß gehen, auch wenn’s noch so kalt war; denn „das Gift war raus“.

Das galt in Wiesenthal wie in ganz Schlesien.

Der Heinrichshof war die schönste Besitzung des sauberen, stattlichen Dorfes. Einhundertachtzig Morgen Ackerland, Wiesen und Waldbestand, sieben Pferde, der Stall voll friesischer Rinder, Scheuern und Ställe genau so blitzweiß angestrichen und mit rotem Flachwerk gedeckt wie das große, längliche Wohnhaus. Im Hofe herrschte peinlichste Ordnung, da war alles so sachgemäß und praktisch geregelt, daß einem besuchenden Landwirt die Hochachtung ankommen mußte.

Klaus, der Jüngste vom Heinrichshofe, trat in die große Wohnstube und schleuderte die Schultasche aufs Sofa, die Mütze aufs Fensterbrett. Seine Schwester Marie, die am Fenster saß und Wäsche ausbesserte, hob den Kopf und sagte: „Die Schultasche gehört an den Nagel, die Mütze an den Haken!“

„Mach du’s doch!“ brummte der Junge.

Aber sie brauchte ihn nur fest anzusehen. Da hing der Junge die Schultasche an den dafür bestimmten starken Nagel, die Mütze an einen Kleiderrechen neben der Tür.

Nach einer Weile fragte Marie — sie war die Älteste der Heinrich-Kinder und letztes Weihnachten majorenn geworden —:

„Nun, wie war’s heute in der Schule?“

Der Junge schmollte.

„Wenn du so zu mir bist, erzähl’ ich überhaupt nichts.“

Das Mädchen nähte schweigend weiter an einem zerrissenen Sätuch. Der Junge stapfte im Zimmer auf und ab, pfiff, sah zum Fenster hinaus und hätte ja der Marie gar zu gern erzählt, „wie es war“, aber er ärgerte sich zu sehr, daß er ihr wieder einmal hatte folgen müssen. Endlich hielt es sein Temperament nicht länger aus.

„Wie’s war? Na, kurz war’s!“

„Das weiß ich, denn es ist eben erst zehn.“

„Ja, Marie, und riesig feierlich war’s.“

„Riesig feierlich, sagt man nicht“, verwies Marie, „so sprechen nur die Städter; man sagt einfach ‚feierlich‘!“

„Einfach feierlich war’s. Zuerst haben wir gesungen. Und weißt du, was wir gesungen haben, Marie? ‚Es ist bestimmt in Gottes Rat.‘ Wie bei einem Begräbnis.“

Das Mädchen hob verwundert die Augen auf von ihrer Arbeit und sagte:

„Das habt ihr gesungen? Ja, warum denn?“

Der Junge stand vor ihr und sagte:

„Ja, nun paß auf, Marie; jetzt werde ich es dir vormachen.“

Er faltete die Hände über der Brust, senkte ein wenig den Kopf und sagte mit leiser, müder Stimme: „Liebe Kinder! Ihr habt jetzt das schöne Lied gesungen ‚Es ist bestimmt in Gottes Rat, daß man vom Liebsten, was man hat, muß scheiden‘. Seht, ich habe mir für meine Abschiedsfeier dieses Lied ausgebeten. Das Liebste, was ich auf der Welt hatte, war mir die Schule. Und von der muß ich heute scheiden. Die Behörde hat mich pensioniert, nicht, weil ich es wollte, nein, weil halt die Reihe an mir ist. Ich hätte es mir ganz anders gewünscht. Gar nicht weit weg von hier liegt die Stadt Goldberg. Da hat im sechzehnten Jahrhundert ein Lehrer gelebt, unter uns Millionen Lehrern einer der besten und größten. Der hieß Valentin Trotzendorf. Er hatte eine lateinische Schule. Damals sprachen selbst die Knechte und Mägde in Goldberg neben ihrer deutschen Sprache lateinisch. Als nun der Valentin Trotzendorf wieder einmal in alter Frische und Freude am Unterrichten vor seinen schülern stand, da fühlte er plötzlich, daß er jetzt sterben würde. Und da breitete er seine Arme aus und rief: ‚In aliam scholam avocor!“ Und er starb. Seht, Kinder, was der Valentin Trotzendorf da im Sterben sagte, heißt in deutscher Sprache: ‚Ich werde in eine andere Schule abberufen!‘ Valentin Trotzendorf war sechsundsechzig Jahre alt, als er starb. Ich bin fünfundsechzig. Konnte man mir nicht noch ein Jahr in der Schule vergönnen? Vielleicht, daß Gott es gegeben hätte, ich hätte auch so einmal in der Schulstube sagen können: ‚In aliam scholam avocor!‘ So aber bin ich pensioniert.“

„Ach, nun ist es also doch so weit“, entgegnete Marie und hielt mit Nähen inne. Sie liebte ja den alten Lehrer, der heute verabschiedet wurde, wie einen Vater.

Der Junge setzte sich auf die Tischkante, und als er sah, daß seiner Schwester die Nachricht zu Herzen ging, wollte er sie trösten.

„Du, Marie, dann war’s aber auch noch weiter feierlich. Der Pfarrer hat eine Rede gehalten und gesagt: Unser Kantor, der sei einer von den Lehrern, von denen in der Bibel steht: sie werden glänzen wie die Sterne am Himmel. Und der Schulinspektor hat ihm einen Orden angemacht; ich sage dir, einen funkelnden Adler aus Silber.“

„Einen Orden? Was hat er denn dazu gesagt?“

„Ach, gar nichts. Er hat bloß so sachte mit dem Kopfe geschüttelt. Und dann haben wir Schulkinder ihm alle die Hand gegeben, und jedes hat was zum Abschiede gesagt.“

„Was hast denn du gesagt?“

„Ach, ich habe gesagt: ‚Adje, Herr Kantor! Verbindlichsten Dank!‘ “

„Alberner Bengel!“ zürnte sie.

Der Junge sprang vom Tisch herunter und sagte:

„Alberner Bengel? Wieso? So ein schönes Wort wie ‚verbindlich‘ kann sonst im Dorfe kein einziger Mensch.“

„Du bist ein alberner Bengel!“ wiederholte sie. Das nahm er wieder krumm und setzte sich erbost auf das breite Fensterbrett. Etwa nach fünf Minuten fing Marie von neuem an zu reden.

„Klaus, du solltest auch Lehrer werden oder Pfarrer.“

„Weil ich ein alberner Bengel bin?“ höhnte er.

„Nein, weil du dir so zum Staunen alles wortgetreu und leicht behältst, auch solche lateinische Wörter, und weil du alles so ganz richtig wieder hersagen kannst.“

„Da werd’ ich eben Schauspieler werden.“

„Daß du dich unterstehst, mit dieser Gesellschaft in einem Zigeunerwagen herumzufahren.“

„Es gibt ganz andere Schauspieler, Marie, in Liegnitz und in den anderen Hauptstädten der Welt. Die wohnen gar nicht in Zigeunerwagen. Lies nur in der Zeitung!“

Sie gab nichts darauf, sondern kam wieder auf das Hauptthema zurück.

„Da seid ihr wohl danach ganz still und traurig nach Hause gegangen?“

Der Junge hauchte die Fensterscheibe an und kritzelte mit dem Finger darauf. Er tat, als ob er nichts gehört hätte.

„Ob ihr recht still und traurig nach Hause gegangen seid?“ wiederholte die Schwester.

„Ach“, sagte er da, „traurig war’s ja sehr, aber die Sonne hat auch sehr schön geschienen.“

Mit scharfem Verdacht äugte Marie nach dem Jungen hin.

„Bist du etwa barfuß die Chaussee runtergerannt?“

„Nein!“ sagte Klaus mit der Ruhe der Wahrhaftigkeit.

Aber ihr Verdacht war zu groß. Sie sprang auf und faßte den Zappelnden am Bein. Die Strümpfe waren feucht. Marie wußte Bescheid. Der Schuh flog herunter, dann der Strumpf, aus dem der Streusand bröselte. Jetzt bekam Klaus den Strumpf so um die Ohren geschlagen, daß Sankt Georg, der Tagesheilige vom 23. April, an diesem 31. März nur ganz von ferne stehen und lächeln konnte: Achtet mein Datum! „Vor dem 23. April geht man nicht barfuß“, sagte Marie.

Die Mutter trat ins Zimmer, die Bäuerin. Sie war an die fünfzig, breit und behäbig. Trotz ihrer Schwerfälligkeit schaffte diese Frau vom frühen Morgen bis in die späte Nacht. Ihr Leben war einsame Pflichterfüllung. Zehn Kinder hatte sie geboren; vier waren klein gestorben; die zwei ältesten Töchter hatten, als sie eben erwachsen waren und der Mutter hätten eine Stütze sein können, nach auswärtigen Dörfern geheiratet; vier Kinder waren noch zu Hause, Karl, Marie, Bernhard und Klaus. Diese Frau war wie der Oderstrom, geboren zum Schleppen, bestimmt für einsame Wanderung; ihr Lebenslauf war ohne Poesie, kaum, daß sie abends einmal auf der Bank neben dem Rosenbusch vor dem Hause den großen Frieden der Natur empfand. Sie war einmal in ihrem Leben in Breslau gewesen, hatte verwirrt in das bunte, rauschende Treiben hineingeschaut. Aber es war ihr bange geworden, und sie hatte aufgeatmet, als sie wieder daheim war. Ihr Mann war ein frohgemuter Mensch, aber er liebte das Wirtshaus. Noch vor vollendetem fünfundvierzigsten Lebensjahre starb er. Sie mußte dann allein weiterwandern. —

Der Wirtschafter trat in die Stube. Er war zwischen fünfzig und sechzig, ein großer, starker Mann. Er hatte das rotbraune, verwitterte Gesicht der Leute vom Lande, besaß noch ganz volles, kaum angegrautes Haar, war besser gekleidet als andere Bauern, die in schlechtgeflickten Hosen aufs Feld gingen.

„Weiß jemand, wo Karl bleibt? Ich habe ihn schon vor zweieinhalb Stunden mit der Fuchsstute nach der Schmiede geschickt. Es war nur ein Huf neu zu beschlagen. Er müßte längst zurück sein. Wir brauchen die Stute.“

„Die Stute braucht ihr, den Karl braucht ihr wohl nicht?“ fragte die Bäuerin bitter. Der Wirtschafter zuckte die Achseln.

Klaus, der immer noch auf dem Fensterbrett saß, sagte: „Als ich vorhin gerade unter der Brücke war, da kamen sie mit der Stute, und der Schmied spuckte übers Geländer und hätte mich beinahe getroffen.“

„Als du unter der Brücke warst?“ fragte die Frau.

„Laß, Mutter“, sagte Marie, „das ist schon abgetan.“

„Ja, mit dem Strumpf“, knurrte der Junge, „sie ist grob zu mir. Wartet nur, wenn ich groß bin, hau’ ich ihr ein ganzes Strumpfgeschäft um den Kopf.“

Die Frau fragte nichts mehr. In Kinderstreitigkeiten mischte sie sich längst nicht mehr ein. Sie wußte, daß alle ihre Kinder grundverschieden waren, daß sie doch aber alle zur Mutter hinstrebten, jedes in seiner Art.

„Nun“, sagte der Wirtschafter, „so will ich die Stute suchen gehen, wir brauchen sie.“

Er ging aus dem Hause.

Klaus saß auf seinem hohen Fensterbrett wie auf einem Auslug und meldete:

„Er geht aufs Wirtshaus zu. Da wird er sie schon finden, den Schmied, den Karl und die Stute. Sie werden sich alle besaufen, bis auf die Stute. Die frißt vor der Türe nur dem Gastwirt die Weinknospen vom Spalier.“

„Ruhig“, befahl Marie, „du bist ein Schlingel, der in alles dreinredet!“

Der Junge hauchte an die Fensterscheibe und schrieb darauf: Marie ist dumm! Dann wurde es ihm langweilig und er sah sich nach einer weiteren Beschäftigung um.

Die beiden Frauen saßen in schweren Gedanken am Tische. Nach einer Weile sagte Marie in ihr Nähtuch hinein: „Karl verkommt!“

„Marie!“

Das Mädchen antwortete nicht. Der Junge hatte indes draußen auf der Straße den Alfred Jockisch entdeckt, mit dem er einen Ehrenhandel auszufechten hatte; er nahm die große „Fliegenklappe“ und sauste also bewaffnet aus dem Hause. Die Frauen waren allein.

„Was hast du gesagt, er verkommt?“

Die Frau fragte es mit leiser Stimme. Es war kein Aufbäumen mehr, kein Lebenswille in ihr, sondern nur müdes Verzichten. Da das Mädchen schwieg — die Röte war ihr ins Gesicht gestiegen und ließ ihre Augen noch blauer leuchten als sonst —, sagte die Mutter, die ihren Sohn verteidigte: „Karl hat keinen Vater. Frauen können wilde Jungen nicht erziehen. Die Strenge hat ihm gefehlt. Ich kann’s nicht!“

Da legte das Mädchen das Nähzeug weg, nahm mit beiden Händen die harte Arbeitshand der Mutter und sagte:

„Mutter, warum hat der Karl keinen Vater, der ihn zum Rechten führen kann? Warum heiratest du nicht wieder?“

„Ich heiraten —?“

„Ja, du!“

Das Mädchen stieß ganz rasch heraus:

„Den Wilhelm sollst du heiraten, unseren Wirtschafter. Er will dich, das siehst du doch! Den Hof hält er uns in Ordnung, die Familie kann er nicht in Ordnung halten, weil er kein Recht dazu hat. Wenn der ein Recht hätte, wäre der Karl anders. Und der Klaus hat’s auch hinter den Ohren, das sag’ ich dir! Der braucht auch einen Vater.“

Die Mutter sah sie an.

„Marie, wie kannst du nur so reden? Du bist erst zweiundzwanzig Jahre! Wie kannst du denn alles verstehen?“

„Weil ich nicht schön bin“, sagte das Mädchen. „Häßliche Mädchen wissen mehr als die hübschen, weil sie mehr Zeit zum Nachdenken haben.“

„Wer hat dir eingeredet, daß du häßlich bist?“

Marie nahm die Näharbeit wieder auf und sagte so nebenher:

„Der Spiegel, Mutter. Aber das ist ja hierbei einerlei. Die Jungen brauchen eine feste Hand, sonst wird nichts aus ihnen.“

Die Mutter faltete die Hände vor sich auf dem Tische.

„Du hast ja recht, Marie! Du bist klug, weit über deine Jahre. Da mußt du aber auch einsehen, daß ich keine feste Hand mehr habe. Es heißt, ich sei fünfzig, aber in Wahrheit bin ich siebzig. Ich habe keine starke Hand mehr für die Jungen. Es wird mit ihnen leider Gottes so werden, wie du sagst.“

„Heiraten sollst du“, zürnte das Mädchen, „den Wilhelm, daß er Macht bekommt über sie.“

Nun ergriff die Mutter die Hand des Mädchens.

„Sieh, Marie, ich glaube, mit dir kann man schon reden wie mit einer erfahrenen Frau. Der Wilhelm ist gut; er ist ein Ehrenmann. Als der Vater starb vor zwölf Jahren, hatten wir viel Schulden und die Wirtschaft war verlottert. Da kam der Wilhelm. Jetzt haben wir wenig Schulden und die Wirtschaft ist gut.“

„Na also! Der reine Staat ist die Wirtschaft, und der reine Staat könnten unsere Jungen werden.“

„Es ist nicht das, was ich eigentlich sagen wollte. Das wissen wir ja alle: für jeden Taler, den wir dem Wilhelm Lohn geben, erwirtschaftet er uns fünfzig. Es ist etwas anderes, was ich dir sagen wollte.“

Das Mädchen schaute erstaunt auf.

„Die Frauen sind verschieden, Marie. Ich bin noch vom alten Schlage. Ich hab’ deinen Vater zu lieb gehabt, wenn er oft auch nicht war, wie er hätte sein sollen; wenn ich einen anderen nehmen sollte, würde ich doch immer auch an ihn denken, und der Wilhelm, meine ich, hätte etwas Besseres verdient.“

Die Tochter sah die Mutter an und nickte nur. Ja, der Wilhelm hatte etwas Besseres verdient, dachte sie.

*

Es gab Tumult im Hofe. Der Wirtschafter Wilhelm kam mit der Fuchsstute am Halfter, und Karl schimpfte hinter ihm her. In der Tür erschien Marie.

„Was ist hier los?“ rief sie.

„Ich habe mir nur die Stute geholt, wir brauchen sie“, sagte Wilhelm in Ruhe.

„Blamiert hat er mich“, schrie Karl, der nicht nüchtern war, „blamiert vor allen Leuten, kommt mir ins Wirtshaus nach. Bin ich der Sohn vom Hofe oder ist es jener Kerl da?“

Der riesige Wirtschafter ging ein paar Schritte auf den Trunkenen los.

„Wilhelm, du hast ganz recht getan“, rief Marie, „aber lasse ihn, geh an die Arbeit. Und du, Karl, kommst mit mir in die Stube!“

„Fällt mir ja gar nicht ein!“

Der Wirtschafter zog mit der Stute ab. Das Mädchen nahm den Bruder am Arm und sagte:

„Du willst nicht mit in die Stube kommen?“

„Nein, ich gehe zurück ins Wirtshaus; ich lasse mich nicht blamieren.“

Da sagte das Mädchen voll Verachtung:

„Geh ins Wirtshaus zurück! Trink weiter!“

Sie warf ihm ein Markstück vor die Füße. Er gurgelte wütend vor sich hin. Das Mädchen verschwand. Der Bursche setzte sich auf die Bank vor der Hauswand und brömmelte und drohte. Vor ihm blitzte das Markstück im Sonnenschein.

In der Stube saß das Mädchen allein. Sie lauschte nach der Tür hin und wünschte, der Bruder möchte kommen, sie wegen der Beleidigung mit dem Markstück anfahren oder gar schlagen.

Er kam nicht. Immer schärfer lauschte Marie, was geschehen würde. Da — jetzt erhob er sich draußen von der Bank. Sie lugte durchs Fenster und sah, wie der Bruder das Markstück aufhob und zurück nach dem Wirtshause ging.

Regungslos schaute Marie ihm nach. Das Sätuch fiel unter den Tisch.

2.

Als es auf Pfingsten zuging, kam Klaus aus der Schule und sagte zu Marie:

„Du, Marie, ein ulkiger Kerl ist der Neumann!“

„Wer ist denn der Neumann?“

„Nu, doch der neue Lehrer.“

„Und du sagst ‚Kerl‘?“

Sie holte zu einer Ohrfeige aus, der aber Klaus durch einen Sprung aufs Fensterbrett geschickt entwich. „Er sagt auch ‚Kerls‘ zu uns. Kerls, ihr müßt was werden! Nicht so miese Tranfunzen sein! Es ist sehr gut und löblich, wenn ihr hinter den Ochsen und Pferden hergeht, aber es gibt noch etwas anderes auf der Welt, das auch wert ist, gelebt zu werden!“

„Trinken und Kartenspielen!“ kam’s vom Tische her.

„Bäh — nu eben nicht! Der Neumann hat gesagt: die alten Bauern haben gepflügt, geeggt, gesät, gedroschen und sind — und sind —“

„Hundert Jahre alt geworden!“ kam’s vom Tisch.

„Nu eben nicht! Höchstens mit der Wassersucht sind sie so alt geworden und ganz verblödet; denn ihr einziges Vergnügen war eben Korntrinken und Kartenspielen. Und das wird nu eben abgeschafft. Wir Neuen, wir werden alles veredeln.“

„So, wie macht ihr denn das?“

„Das machen wir so: erstens haben wir einen Verein gegründet.“

„Einen Verein?“

„Ja, aber zunächst müssen wir für den Verein einen Namen haben. ‚Kerls‘, hat der Neumann gesagt, ‚zerbrecht euch mal euer ziemlich beträchtliches Gehirn und sinnt auf einen Namen für einen Jugendbund, in dem Gesundheit, Frohsinn, Mäßigkeit, Reinheit, Sport, Spiel und Ulk die Hauptsache sind!‘ Ach, Marie! Heute in der letzten Stunde sollten wir Karl den Großen haben. Aber Neumann hat gesagt: ‚Karl den Großen wollen wir vorläufig zurückstellen und an unseren Jugendbund denken!‘ Er hatte uns nämlich statt eines Aufsatzes aufgegeben, über den Namen und über die Statuten des neuen Jugendbundes unsere Gedanken im Diarium niederzulegen. Ja, niederzulegen, so hat er wirklich gesagt.“

„Das ist komisch“, kam’s vom Stopfstrumpf her.

„Ha, der Neumann ist ein ulkiger Kerl. Also ich hab’ meinen Salm natürlich auch geschrieben.“

„Liest du mir das mal vor?“

Der Junge besann sich. Dann fragte er:

„Verkeilst du mich nicht? Auf keinen Fall?“

„Nein!“

„Sag’ erst: wahrhaftig.“

„Ich sage: wahrhaftig!“

Er sprang zu seiner Schultasche und holte das „Diarium“.

„Paß auf, Marie! Zieh nicht wieder ein Gesicht, wenn dir was nicht paßt. Alles kann ja nicht stimmen. Ich wußte ja gar nicht, was das für ein Verein werden sollte, ob was ganz Frommes oder was Weltliches. Zuerst habe ich geschrieben: ‚Aloysius-Verein‘.“

„Das ist schön!“ sagte Marie.

„Natürlich ist es schön, das hat auch der Neumann gesagt. Aber für Turnen und Ulk geht es nicht, hat er gesagt.“

„Dann weiter mit deinen Titeln.“

„Also, denn: ‚Wanderlust‘, ‚Kikeriki‘, ‚Wir werden schon‘! —“

„Wie?“ unterbrach das Mädchen, „ ‚Wir werden schon‘, das ist doch kein Vereinsname. Das war dumm von dir.“

„Zieh kein Gesicht — es geht schon weiter! Du verstehst mich nicht, Marie! Also, weiter: ‚Ins Grüne‘! — ‚Endlich mal los‘! — ‚Pfeif auf die Schule‘!“

Marie erhob sich drohend:

„Range, hast du wirklich geschrieben: ‚Pfeif auf die Schule‘?“

„Jawohl!“ kam’s behaglich vom Fensterbrett, „Neumann hat den Keuchhusten gekriegt, als er das vorlas. Na, und das andere, was ich da noch geschrieben habe an Titeln, ist lauter Quatsch.“

„Und deine Statuten?“

„Ach, die sind kurz. Verstehst du, Marie, bei Statuten sind immer Paragraphen.“

„Ja, ja, das weiß ich.“

„Also, paß auf!“

Er las wieder aus dem Diarium.

„Paragraph eins: Trinken ist verboten.

Paragraph zwei: Kartenspielen auch.

Paragraph drei: Rauchen auch.

Paragraph vier: Mit Mädels lassen wir uns nicht ein!“

„Warum nicht?“ unterbrach Marie.

„Mädels taugen nichts!“ kam’s zurück.

„Also Paragraph fünf: Wer schlapp macht, gilt als kein Mann.

Paragraph sechs: Wer nichts hat, für den bezahlen die anderen!

So, das war also mein Aufsatz.“

Das Mädchen hatte zu stopfen aufgehört und schaute auf den Bruder.

Der klappte sein Diarium zu.

„Nun, und was hat der Lehrer gesagt?“

„Ach — du! Der hat mich um den Hals genommen und mir auf die Stirn einen Kuß gegeben. Das war mir sehr peinlich. Aber dann gab’s Abstimmung.“

„Was haben denn die andern geschrieben?“

„Ach so — ‚Veilchen‘ und ‚Springinsfeld‘ und ‚Kameradenverein‘. Die meisten haben gar nicht geschrieben; die müssen jetzt zur Strafe das Einmaleins mit der Sieben zehnmal abschreiben.“

„Und wie war’s dann weiter?“

Der Junge erhob sich und kniete auf dem Fensterbrett.

„Großartig war’s. Weißt du, was für ein Titel gewählt worden ist? — Meiner! ‚Wir werden schon —‘, weißt du, mit einem Gedankenstrich. Hinter einem Gedankenstrich kann sich nämlich immer jeder denken, was er will. Ich hatte mir gedacht: ‚Wir werden schon die Bärsdorfer verhauen.‘ Und meine sämtlichen Statuten wurden angenommen. Nur, sagte Neumann, er würde sie in eine etwas andere Form bringen, auch hat er das ‚schon‘ in meinem Titel gestrichen, der Verein heißt: ‚Wir werden!‘ —“

Er sprang vom Fensterbrett herunter.

„Weißt du, Marie, wer vor dir steht? Der zweite Vorsitzende des Jugendbundes ‚Wir werden —!‘ Erster Vorsitzender ist natürlich der Neumann.“

Marie ging auf den kleinen Bruder zu.

„Du, wenn du mir jetzt eine Ohrfeige gibst, bist du meineidig, du hast wahrhaftig gesagt.“

Das Mädchen sagte mit warmen Augen:

„Ich will dich ja nicht schlagen, Klaus, es war ja alles so schön. Einen Kuß will ich dir geben.“

„Kuß?“ sagte der Junge mißtrauisch. „Nein, ich hab’ heute schon einen gekriegt, und in meinen Paragraphen steht: ‚Mit Mädeln lassen wir uns nicht ein!‘ “ Damit entwich er durch die Tür.

*

Marie saß lange am Tische, dann suchte sie die Mutter auf, die im Garten arbeitete. Sie führte sie nach der Steinbank, die unter dem Kirschbaum stand, und sagte:

„Mutter, wir brauchen deine feste Hand nicht mehr. Wir brauchen auch nicht den Wilhelm. Wir werden es allein schaffen!“

„Wer wird’s schaffen?“

„Klaus und ich.“

„Klaus ist der wildeste von allen!“

„Das ist er wohl, aber in Klaus steckt ein guter Kern. Wir werden es schaffen!“

„Das möge der Herr geben!“

Die Frau wollte wieder zur Arbeit, aber Marie hielt sie zurück.

„Nein, Mutter, es ist nicht gut, daß du noch so viel arbeitest, und doch auch nicht nötig. Bleib noch ein bißchen bei mir. Ich muß noch mit dir reden. Wir müßten uns viel öfter besprechen; denn um uns sind viel ernste Dinge. Ich möchte dich einmal etwas fragen, Mutter; du mußt aber nicht erschrecken und es mir auch nicht übel deuten! Mutter, hast du schon dein Testament gemacht?“

„Testament? Glaubst du, daß es — daß es schon so um mich steht?“

„Nein, nein, Mutter, ich glaube, daß du noch dreißig Jahre leben wirst und länger, aber ich habe neulich erst wieder gelesen: Jeder kluge Mensch bestellt für Leben und Sterben sein Haus.“

Die Alte faltete die Hände auf ihrer blauen Schürze.

„Die zwei ältesten Mädel sind ausgezahlt, haben Vater- und Mutterteil. Sie haben’s damals verlangt, weil sich sonst ihre Männer die Wirtschaften nicht hätten kaufen können. Wir haben damals viel Geld borgen müssen und zahlen immer noch daran ab. Und wenn ich nun einmal die Augen zumache, dann gehört eben das Gut euch: dir, Karl, Bernhard und Klaus.“

„Nein, Mutter, so geht es nicht. Karl, als der Älteste, würde das Gut verlangen. Er würde uns drei andere wohl auszahlen, aber wir würden fortziehen müssen; er würde in schweren Schulden sitzen, und nach kurzer Zeit wäre der Heinrichshof in fremden Händen. Das darf nicht sein!“

„Was soll ich denn tun?“ fragte müde die Mutter.

„Ein Testament sollst du machen. Darin sollst du schreiben: Der Karl bekommt sein Pflichtteil, sonst nichts, und darf nicht auf dem Heinrichshofe bleiben. Das Gut erbt Klaus. Bernhard bekommt sein Teil. Die Marie erbt kein Geld, aber sie hat das Recht, ihr Leben lang auf dem Heinrichshofe zu sein und bekommt dort Nahrung und Kleidung. Dafür soll sie mit Klaus arbeiten, und ihr Lohn beträgt monatlich zehn Mark.“

„So wärst du ja enterbt.“

„Ich brauche nicht mehr, als ich gesagt habe.“

„Aber wenn du einmal heiratest, was würde dann dein Mann sagen?“

„Ich werde nicht heiraten, Mutter. Ich könnte nur einen Mann bekommen, der mit meinem Erbe rechnet; für die Liebe bin ich nicht schön genug.“

„So ein großes, stattliches Mädchen wie du!“

„Ach, Mutter, frag nur die Männer, was sie auf groß und stattlich geben. Nichts! Höchstens ein geiziger Bauer, der eine billige Magd braucht, gibt was auf groß und stattlich. Nein, damit ist es nichts; ich finde mich schon ab. Überlege dir’s, Mutter, dann sprechen wir wieder davon. Mutter, es ist gut, was ich dir rate!“

Sie strich der Mutter leise über den Kopf und ging. Der Eichbaum an der Gartenecke rauschte über ihr: Was zürnst du über groß und stattlich? Sieh mich an! Bin ich nicht schön, auch wenn ich groß und stark, knorrig, rissig und eckig bin? Glaubst du, ich möchte mit einer zimperlichen Birke tauschen oder mit einer weichlichen Linde?

Im Wohnzimmer sah sie in den kleinen Spiegel. Wohl, sie war groß und gerade gewachsen, aber sie gefiel nicht. Die Augen, fand sie, standen um einen Strich zu weit auseinander, die Nase war um eine Kleinigkeit zu kurz, das Kinn zu breit. Das alles bestätigte der Spiegel. Aber was der Spiegel ihr nicht zeigen konnte, war der warme, kluge Blick ihrer fast violett-blauen Augen, die anmutige Haltung des Kopfes mit den schweren, dunkelblonden Zöpfen, der stolze Gang ihrer festen, schönen Beine.

3.

„Heute kommt der Neumann zu uns!“ sagte Klaus zu Marie.

„Wer?“

„Na, der Neumann, der neue Schulmeister.“

„Der Herr Lehrer Neumann heißt es! Ich werde dir Respekt vor deinem Lehrer beibringen!“

„Du? Du kennst ihn ja gar nicht! Und der Neumann braucht keinen Respekt, der macht’s auch ohne Respekt.“

„Das mag eine schöne Wirtschaft sein bei euch in der Schule.“

„Feine Wirtschaft! Es lernt sich alles ganz leicht und ulkig. Wir fürchten uns direkt vor den Ferien.“

Marie lachte.

„Fürchtet euch vor den Ferien? Ganz was Neues! Gibt’s denn gar keine Prügel?“

„Ach, viel mehr als früher. Aber der Neumann selber haut nicht. Wir hauen! Neumann stellt fest: Der hat keine Schularbeit gemacht, der hat den Unterricht gestört, der hat sich das Heft mit Klexen versaut, der hat gelogen. Dann treten wir in der Pause zu einem Ehrenrat zusammen, und dann gibt’s Keile. Neumann guckt dann weg. Siehst du, Marie, das nennt man Volksjustiz und Selbstverwaltung.“

„Das ist ja das reine Affentheater. Bist du denn auch im Ehrenrat?“

„Ich werde dich beaffentheatern, Marie! Ja, im Ehrenrat bin ich meist. Bloß vorgestern war ich Delinquent.“

„Was ist das?“

„Delinquent ist der, der die Prügel kriegt. Fünf auf den Hosenboden haben mir die Kerls zuteil werden lassen. Krause war Scharfrichter. O, Junge, Junge, wenn ich dich mal allein erwische!“

„Was hattest du denn verbrochen?“

„Gar nichts! Ich hatte gedacht, was sich liebt, das neckt sich, und dem Neumann ein Maiglöckchensträußchen ins Tintenfaß gesteckt. Erst hat er ein bißchen gelacht, dann hat er nicht schreiben können, dann hat er den Strauß herausgenommen und sich das Katheder bekleckst, dann war die Tinte voll Fasern, und das Tintenfaß mußte ausgewaschen und neu gefüllt werden, und dann hat der Neumann gefragt, ob sich das von mir wohl gehöre. Da hat die ganze Klasse mit Begeisterung ‚nein‘ gebrüllt, und in der Pause haben sie mir fünf Derbe verordnet. Der Neumann guckte weg. Der kriegt von mir im Leben keine Maiglöckchen mehr. Aber ein feiner Mann ist er.“

„Was will er denn bei uns?“

„Weißt du, wegen des zweiten Vorsitzenden im Verein kommt er. Da soll erst die Mutter zustimmen. Es ist komisch, wenn ein Junge was unternehmen will, muß erst immer die Mutter mit dem Kopfe nicken. Als wenn’s nicht ohne das auch ganz gut ginge.“

„Ja, ihr Kinder habt’s schlecht!“ lächelte Marie.

„Sehr schlecht“, bestätigte Klaus. „Nur in der Schule ist’s fein; da winkt das sogenannte Morgenrot der Freiheit!“ —

Am Nachmittage kam der Lehrer Neumann. Die Mutter stolperte, als sie von der Ankunft hörte, eilends die Treppe hinauf.

„Bleib doch da, Mutter“, schrie Klaus. „Er ist ja gleich hier. Bleib doch!“

‚Natürlich kämmt sie sich oben erst noch einmal und macht die neue Schürze um‘, dachte Klaus.

Neumann, der in die Stube trat, in der Marie saß, war ein Mann von sechsundzwanzig Jahren, eine hochgewachsene, sportliche Erscheinung mit einem frischen Gesicht und einer prachtvollen blonden Haarmähne. Er trug einen Sportanzug und hatte keinen Hut bei sich. Er verneigte sich leicht vor Marie und fragte, ob er wohl einige Minuten die Frau Mutter sprechen könnte. An Maries Stelle antwortete Klaus:

„Die Mutter ist die Treppe hinaufgesaust, als wir Sie kommen sahen, sie kämmt sich Ihretwegen erst nochmal.“

„Hinaus!“ rief Marie empört und wies mit dem Finger nach der Tür.

„Hinaus!“ rief auch Neumann, vergnügter, als es hätte ausfallen sollen.

Klaus ging hinaus, kroch aber durch ein offenstehendes Fenster wieder in die große Bauernstube zurück und setzte sich lauschend in einen Winkel. Marie lud den Lehrer zum Sitzen ein, dann sagte sie seufzend:

„Ach, Klaus ist ein schrecklicher Junge!“

„Ja, ein ganz schrecklicher!“ bestätigte Neumann lächelnd.

„Vorgestern hat er in der Schule Prügel bekommen!“

„Ach, hat er Ihnen das erzählt?“

„Er erzählt mir alles. Das muß ich ihm lassen, er ist aufrichtig, er lügt nicht und verheimlicht nichts.“

„Das will heißen, Fräulein Heinrich, er ist gesund und unverdorben; er ist mir ein sehr lieber Schüler.“

„Ach, wenn nur aus ihm ein tüchtiger, anständiger Mensch würde!“

‚Was ich alles werden soll‘, dachte Klaus in seinem Winkel.

„Warum sollte er denn kein ordentlicher Mensch werden?“

Marie sagte beklommen:

„Wenn in einer Familie der Vater fehlt, dann steht es schlecht um die Jungen. Klaus war erst ein Jahr alt, als der Vater starb. Bernhard war drei.“

„Klaus ist ein sehr munterer, Bernhard ein sehr stiller Knabe; er ist viel beim Herrn Pfarrer.“

„Der Pfarrer und die Mutter wollen, daß Bernhard Geistlicher wird. Nächstes Jahr soll er aufs Gymnasium. Gleich in die Quarta. Für die ersten zwei Klassen bereitet ihn der Pfarrer vor.“

„Sie waren gewiß auch auf einer städtischen Schule, Fräulein Heinrich?“

„Ja, drei Jahre.“

Die Mutter kam. Sie begrüßte den Lehrer unbeholfen und schüchtern. Neumann brachte sein Anliegen wegen Beteiligung ihres Klaus’ an dem geplanten Jugendbunde vor. Die Frau sagte, ohne sich zu setzen:

„Sie müssen Marie fragen; ich verstehe mich auf diese Dinge nicht.“

Dann fragte sie, wie es wohl mit einer Tasse Kaffee wäre, und ging rasch wieder hinaus nach der Küche.

‚Sie drückt sich‘, dachte Klaus in seinem Winkel.

‚Wozu kämmt sie sich erst?‘

Neumann kam nun mit Marie auf den Jugendbund zu sprechen; er stellte ihr noch einmal die Ziele des Bundes dar und befragte sie um ihre Meinung. Da sagte sie mit einem leisen Lächeln:

„Jetzt möchte ich wohl sagen: Da müssen Sie Mutter befragen, ich verstehe mich auf diese Dinge nicht.“

‚Die drückt sich auch‘, dachte Klaus in seinem Winkel.

Aber Marie ‚drückte‘ sich nicht.

„Sie werden es mir nicht übelnehmen, Herr Neumann, manches in Ihrer Schule kommt mir ganz ungewohnt vor. Ich weiß ja alles nur von Klaus, und der ist ein dummer Prahlhans und Flausenmacher.“

Der Lauscher im Winkel ballte die Faust und nahm sich eine wilde Rache vor.

„Es ist so viel Freiheit in Ihrer Schule.“

„Ist denn Freiheit etwas Schlimmes?“

„Ich weiß es nicht, aber ich glaube, bei Jungen wird leicht Respektlosigkeit daraus.“

„Das tut mir leid zu hören, Fräulein Heinrich. Ist denn Ihr Bruder Klaus respektlos?“

„Ja!“ sagte Marie.

„Nein!“ brüllte es aus dem Winkel.

Die beiden fuhren erschrocken zusammen. Klaus erschien auf der Bildfläche.

„Warte, Marie, wie du mich verpetzest. Warte, den Prahlhans zahl’ ich dir aus. Herr Lehrer Neumann, hören Sie nicht auf sie! Gehen Sie lieber zur Mutter in die Küche. Sie mahlt gerade Kaffee, da ist sie immer guter Laune.“

Da Marie erregt aufstand, fühlte Klaus, daß es besser für ihn wäre, weitere Auseinandersetzungen nicht erst abzuwarten, sondern sich durch einen Sprung durchs Fenster zu entfernen. —

Er schlich sich in die Küche, wo die Mutter Kaffee mahlte.

Hier beschwerte er sich über Marie. Sie hätte ihn sofort aus der Stube hinausgeworfen, als der Lehrer kam, begann er. Da sei er ein bißchen zum Fenster wieder hereingeklettert und habe sich ganz artig hinter die Kommode gesetzt. Und er habe gehört, wie die Marie auf ihn gelästert und ihn dem Lehrer verpetzt habe. Schimpfnamen habe sie auf ihn gebraucht. Und das habe er sich nicht gefallen lassen wollen, und da habe sie ihn nochmals hinausgeworfen, und zwar diesmal nicht mal anstandshalber durch die Tür, sondern zum Fenster hinaus. Das lasse er sich nicht gefallen, und nun solle die Mutter sich mal zusammennehmen, in die Wohnstube gehen, mit der Faust auf den Tisch schlagen und sagen: „Zum Donnerwetter, wer ist hier der Herr im Hause? Ich! Marie, ich verbiete dir, meinen Sohn Klaus respektlos zu nennen, und zum Jugendbund ‚Wir werden —!‘ kommt er und wird zweiter Vorsitzender, und damit basta! Und wer noch was sagt, der soll was erleben!“

Die Mutter sah den tobenden Jungen ängstlich, aber zärtlich an. Er war, trotz Marie, ihr Liebling, hatte noch an ihrer Brust gehangen, als der Vater starb. Vom Kirchhof weg hatte ihr Weg direkt zur Wiege geführt, wo der hungrige Kleine schrie. Jetzt streichelte sie dem Jungen zärtlich den Kopf.

„Willst du jetzt reingehen und auftrumpfen, Mutter?“

„Ach, laß doch, Klaus!“ Sie streichelte ihn wieder.

Da ging der Junge vor die Haustür und dachte: ‚Mit Mutter ist das nichts. Ich muß es mit Marie allein abmachen.‘ —

In der Wohnstube sagte indes Marie zu dem Lehrer:

„War das nun Freiheit oder Respektlosigkeit?“

„Keckheit, Dreistigkeit, wenn Sie wollen, Vorwitz, im ganzen Jungenhaftigkeit.“

„Sie urteilen sehr milde.“

„War denn Ihr eigener Lehrer hier im Dorfe, mein Vorgänger, so streng?“

„Er war gut, aber er war streng. Vorwitz und Dreistigkeit duldete er auf keinen Fall. Er war ein sehr guter Lehrer.“

Neumann nickte mit dem Kopf und sagte:

„Ich weiß es; er war ein ausgezeichneter Lehrer. Er leidet sehr darunter, aus der Schule verbannt zu sein.“

„Sie haben ihm ja doch seine Wohnung im Schulhaus belassen.“

„Bis auf ein Zimmer für mich. Mehr brauche ich nicht. Was sollte ich mit einer Wohnung? Ich hätte ja gar keine Möbel dafür. Ich, Fräulein Heinrich, bin der Jüngste von sechs vaterlos gewordenen Kindern und bin Lehrer geworden von dem, was mir meine Mutter abgeben konnte, die Aufwartefrau war, und von dem, was zwei ältere Brüder vom Grubenlohn und aus der Tischlerwerkstätte zusteuerten. —

Aber um auf Ihren alten Lehrer zurückzukommen, den Sie so hochachten — er hat mich neulich gebeten, ihn doch einmal wieder eine Schulstunde halten zu lassen. — Biblische Geschichte. Ich war natürlich sofort einverstanden. Der Himmel ist hoch, der Schulinspektor ist weit und eine Freistunde herrlich. Es war ein schöner Morgen. Ich setzte mich in den Garten, um Hefte zu korrigieren. Doch habe ich nicht lange korrigiert. Ich mußte dem Alten zuhören. Er sah mich sitzen; ich habe ihn nicht heimlich belauscht. Er hört mir auch oft zu, wenn ich unterrichte. Ach, es war schön! Das Thema war: Joseph wird von seinen Brüdern verkauft. Wie das der Alte machte! Nicht wie die Katecheten sonst, nein, wie ein Dichter, ja wie ein Prophet. Wie er den Jammer des verkauften Knaben schildert, wie die bunte Karawane zieht, wie die heimatlichen Berge verschwinden und der Knabe sehnsüchtig die Hände nach dorthin streckt, wo das Zelt des alten Vaters steht. Das war schön und ergreifend. Und dann, wie die erste Nacht kommt, wie das Lagerfeuer sein Licht wirft über die einsame Steppe. Der Wind weht kalt darüber, der finstere Sklavenhändler kommt noch einmal, betastet die Glieder des Angeworbenen und berechnet, daß er wohl an die hundert Silberlinge an ihm verdienen könne. Da kommt dem Gefangenen der jammervolle Gedanke, daß er nun kein Mensch mehr sei — nein, ein Stück Nutzvieh, eine Ware, die man kauft und wieder verkauft. Die Heimat ist verloren, der Vater ist verloren, alles ist fremd und kalt. Nur den alten Mond am Himmel kennt er, der seinen Jammer sieht, aber auch die silbernen Tränen des alten Vaters bescheint. — Ich glaube, Fräulein Heinrich, besseren Unterricht kann es nicht geben, jedenfalls keinen, der so unmittelbar ins Herz geht.“

„Es war ein herrlicher Lehrer“, sagte Marie.

„Man sollte glauben, aus der Schule eines solchen Mannes könnten nur ganz gute Menschen hervorgehen.“

Marie seufzte: „Man sollte meinen!“

Neumann fuhr fort:

„Nach der Stunde habe ich dann dem Alten meine aufrichtige Bewunderung ausgesprochen. Das tat ihm wohl, und er bat mich, öfter einmal eine Stunde halten zu dürfen. Ich versprach es gern. ‚Nur keine Rechenstunde‘, fuhr der Brave lächelnd fort, ‚denn so kuriose Aufgaben wie die vom Barbier, die Sie neulich stellten, könnte ich nicht geben.‘ Er setzte aber gleich bescheiden hinzu: ‚Solche Aufgaben sind gut, unsere in der alten Schule waren alle zu lebensunpraktisch.‘ “

Marie fühlte sich wohl bei dieser Unterhaltung.

„Darf ich wohl wissen, was das für eine Aufgabe vom Barbier war?“

„Ach“, lachte Neumann, „die stelle ich mir so selber zusammen. Also, wenn es Sie interessiert, das war so: Ein Mann in der Stadt dachte: Wenn einer ein richtiger, feiner Herr sein will, muß er sich alle Tage rasieren lassen. Also ging er jeden Tag zum Barbier. Der Hinweg und der Rückweg betrug je zehn Minuten. Beim Barbier dauerte es zehn Minuten. Wenn nun der Mann vom zwanzigsten bis zum siebzigsten Lebensjahre so zum Rasieren ging und wenn wir den Arbeitstag des Menschen mit zehn Stunden anrechnen, wieviel Arbeitszeit verlor der Mann für den Barbier?“

„Neunhundert Tage oder rund zweieinhalb Jahre“, erscholl es aus dem Winkel.

„Der Schlingel ist schon wieder da“, sagte Neumann verblüfft.

„Wo bist du?“ fragte Marie scharf.

„Hinter der Kommode! Du kriegst ja die Aufgabe doch nicht raus; da wollte ich dir’s bloß vorsagen.“

Marie erhob sich und ging auf die Kommode zu; aber das Fenster stand offen, es war nichts zu machen. Langsam kehrte sie zum Tisch zurück.

„Fräulein Heinrich“, fragte Neumann etwas beklommen, „glauben Sie, daß in der kurzen Zeit, die ich hier bin, Ihr Bruder wilder oder, wie Sie sagen, respektloser geworden ist?“

„Frech war er schon immer oder doch dreist. Er geht jetzt gerne zur Schule und paßt, glaube ich, gut auf, das ist schon etwas wert.“

„Haben Sie nur ein wenig Geduld mit dem Neuen, Fräulein Heinrich.“ —

Bei seinem abermaligen Sprunge durchs Fenster wäre Klaus beinahe an die Mutter angeprallt, die einen Kaffeekrug nach der Sommerlaube trug. Sie erschrak, nannte ihn einen Wildfang und gebot ihm dann, Herrn Neumann und Marie zu sagen, sie möchten zum Kaffee kommen.

„Ach“, sagte Klaus, „die halten Schule miteinander, erst hatten sie Biblische Geschichte, jetzt haben Sie Rechnen, paß auf, bald werden sie singen.“

„Du sollst das ausrichten, was ich dir gesagt habe.“

Da ging Klaus ans offene Fenster und rief in die Stube:

„Marie, lasse dich niemals rasieren; du verlierst sonst zweieinhalb Jahre vom Leben. Ich lasse mir von heute an einen Vollbart und die Haupthaare wachsen wie Simson. Bitte, zum Kaffee nach der Sommerlaube. Mutter wartet!“

Darauf verschwand Klaus schleunigst vom väterlichen Gehöft.

*

Es war ein wunderschöner Tag im späten Juni. Die Linden blühten, von tausend Bienen umsummt, der Bauerngarten stand in voller Blüte: Pfingstrosen, Akelei, Lilien, rote Nelken, auch ein paar Rosen. Die Knechte und Mägde brachten das letzte Heu ein. Jetzt gab es noch eine kurze Atempause vor den heißen Arbeitstagen der Getreideernte.

Die Bauersfrau saß schüchtern und scheu am eigenen Tisch. Sie hielt sich für einfältig und fürchtete immer, etwas Törichtes zu sagen. So schwieg sie beklommen in Gegenwart fremder Leute. Aber Neumann brachte die Rede auf Wirtschaftsfragen, und da wurde sie munterer und gab freundlich Bescheid. Neumann fühlte sich wohl in dem kleinen Kreise. Da lugte der Kopf eines jungen Burschen über die Gartenmauer.

„Kaffee? — Ich will auch welchen — ach, der neue Schulmeister!“

Der Kopf verschwand. Karl war es gewesen, der betrunken heimkam.

Marie war blutrot geworden vor Scham. Neumann, der Bescheid über Karl wußte, tat, als hätte er gar nichts bemerkt.

Ehe er ging, sagte Marie mit zornfeuchten Augen zu ihm:

„Das war nun mein Bruder Karl — einer aus der guten, alten Schule. Es ist schrecklich!“

„Fräulein Heinrich“, sagte der junge Lehrer milde, „ein Kreuz ist in jeder Familie. Ich hatte auch einen Bruder, der zugrunde gegangen ist, obwohl wir ihm alle helfen wollten. Karl wird sich hoffentlich noch einmal eines Besseren besinnen.“

Marie schüttelte mutlos den Kopf. Er drückte ihr warm die Hand und ging.

Und es war merkwürdig: die beiden jungen Menschen, die sich eben erst kennengelernt hatten, dachten freundlich aneinander, ja sie dachten gern und dankbar aneinander.

4.

Marie Heinrich faßte den Entschluß, nunmehr die Sorge für das Wohl und Wehe ihrer Familie selbst zu übernehmen. Die Mutter war alt, weit über ihre Jahre hinaus alt. Langes Witwentum, viel Arbeit und Sorge, wenig Erholung und fast gar keine Freude — für eine Frau, auf die das zutrifft, zählen die Jahre doppelt und dreifach. Wilhelm mischte sich in Familienangelegenheiten niemals ein, er kümmerte sich nur um die Wirtschaft.

So blieb die Sorge um die Ihren Marie Heinrich überlassen.

Wieder hatte Marie mit der Mutter eine ernste Besprechung. Sie hatte zu der Unterredung Wilhelm zugezogen.

„Es sind ernste Dinge um uns, Mutter“, sagte sie, „so geht es mit Karl nicht weiter. Es muß anders werden!“

Wilhelm senkte den Kopf und schwieg.

Die Mutter jammerte:

„Ich hab’ ja den Karl schon so oft gebeten — er folgt mir doch nicht — was soll ich denn tun? Ich kann ihn doch nicht halten. Er ist jung und stark, ich bin alt und schwach.“

Marie sagte: „So muß ihn jemand anders regieren!“

„Wer denn?“

„Ich! Aber dazu brauche ich Vollmacht. Und die Vollmacht mußt du mir geben, Mutter!“

Wilhelm erhob sich. Er war aufgeregt, seine Augen starrten ein wenig, und er sagte:

„Es sind Familienangelegenheiten — ich will —“

„Nein, Wilhelm, ich bitte dich, daß du bleibst; du bist unser bester Freund, wir brauchen deinen Rat.“

„Was denn für Vollmacht?“ fragte die Mutter.

„Die Vollmacht, daß ich über alles Geld und Gut in deinem Namen verfügen kann. Wenn ich diese Vollmacht habe, dann habe ich auch Macht über Karl. Dann werd’ ich ihn kurzhalten. Hab’ ich recht, Wilhelm?“

„Es ist Sache der Frau!“

„Darf es so weitergehen, Wilhelm?

„Nein!“

„Nun, wenn dir das, was ich vorschlage, nicht gefällt, willst du uns nicht etwas Besseres raten?“

Wilhelm zuckte schweigend die Achseln.

„Glaubst du, Wilhelm, ich könnte eine solche Vollmacht mißbrauchen, könnte mir selber mehr zustekken, als mir zukäme?“

„Du würdest für dich weniger nehmen als für die anderen.“

„Nun, warum bist du nicht für meinen Vorschlag?“

„Es geht mich nichts an“, sagte Wilhelm dumpf; „es ist Sache der Frau!“

Er ging davon. Die Mutter starrte vor sich hin.

„Karl ist der Älteste! Was wird er sagen, wenn ich dir alles übergebe?“

„Es ist gleich, was er sagt. Hauptsache ist, daß bei uns Ordnung wird.“

„Ich kann nicht! Ich will auch nicht!“ sagte die Mutter.

„Nun, dann mag alles Gott befohlen sein. Aber dann laß mich in Frieden ziehen, Mutter! Es ist ja ohne mich gegangen, als ich auf der Schule war. Ich will mir etwas suchen draußen in der Welt.“

„Du willst fort?“ jammerte die Mutter.

„Ja“, sagte Marie düster; „ich will nicht untätig und machtlos zusehen, wie Karl über den Hof Not und Schande bringt.“

Am Abend desselben Tages versprach die Mutter zu tun, was Marie wünschte. —

Am nächsten Sonntag, bald nach dem Mittagessen, war die ganze Familie in der großen Stube versammelt. Wilhelm war nicht zugegen, man hatte vergebens nach ihm gesucht.

Da sagte die Mutter: „Ich habe was Ernstes zu sagen. Ich bin alt, ich kann nicht mehr alles übersehen; ich übergeb’ die Führung des Haushaltes Marie.“

„Was soll das heißen?“ fragte Karl, der Älteste.

„Das soll heißen“, sagte die Mutter mit viel festerer Stimme als sonst, „daß überall, wo bis jetzt ich befohlen hab’, nun die Marie zu sagen hat.“

„Und das Geld?“ lauerte Karl; „bekommt sie auch das Geld?“

„Ja, sie bekommt alles Geld; wer etwas braucht, muß sich an sie wenden.“

Feuerrot wurde der Bursche. In jäher Wut schlug er auf den Tisch und schrie:

„Das lasse ich mir nicht gefallen. Ich bin der Älteste, ich bin zwei Jahre älter als sie; ich werd’ mich von einer solchen Gans doch nicht kommandieren lassen.“

„Was willst du denn tun, wenn’s nun doch mal so ist?“ fragte Marie ruhig.

„Ich schlag’ alles kurz und klein und dich dazu!“

Marie blieb ruhig.

„Du würdest nicht lange alles kurz und klein schlagen; denn wir würden dich vom Hofe runterbringen.“

Jetzt wurde der Bursche weiß vor Groll und Haß.

„Wer — wer würde mich vom Hofe herunterbringen?“

„Ich!“

Er lachte laut.

„Du? — Du wärst eine!“

„Nun, wenn ich’s nicht kann, dann am Ende der Gendarm.“

Darauf fand er keine Worte mehr. Er stierte sie bloß an. Die Mutter, deren Energie schon wieder im Erlöschen war und die unter der messerscharfen Auseinandersetzung litt, sagte bittend:

„Marie, gehe nicht zu weit. Die Kleinen sind da!“

„Die Kleinen sollen es miterleben. Sie müssen das schlechte Beispiel des Bruders ja alle Tage auch miterleben. Sie wissen doch, daß ihr Bruder ein Trunkenbold ist!“

Ein heiserer Laut, der junge Mann fiel über das Mädel her. Die Mutter hastete weinend zur Tür hinaus, ihr folgte Bernhard. Klaus, obgleich er Tränen der Angst in den Augen hatte, blieb zurück und schrie: „Laß sie, Karl — laß sie!“ Er hing sich an die Jacke des Bruders und wollte ihn wegzerren.

Marie Heinrich war durch den rohen Angriff des Bruders erschreckt worden, aber sie faßte sich sofort. Das starke, gesunde Mädchen wurde rasch Herrin über den verlotterten Säufer. Sie ergriff seine Hände, bog sie nach hinten über, daß ihm die Gelenke zu brechen drohten, und er mußte vor ihr in die Knie. Starr sah sie dem Keuchenden in die Augen; sekundenlang ließ sie ihn knien. Dann sagte sie:

„Nun weißt du Bescheid! Ich bin stärker als du!“

Sie ließ ihn los. Er lief mit einer wüsten Drohung aus der Stube.

*

Drei Tage später fuhr Marie mit der Mutter nach der Kreisstadt. Sie selbst lenkte den Einspänner. In der Stadt gingen die beiden Frauen zu einem Notar. Dort machte die Mutter ihr Testament und stellte ihrer Tochter Marie eine Generalvollmacht aus für die Verwaltung des Gutes. Das alles regte die alte Frau sehr auf. Marie brachte sie deshalb in ein Gasthaus, setzte sie in eine Sofaecke, bestellte Kaffee für sie und ging allein wieder nach der Stadt. Sie besuchte ein Bankhaus, machte einige kleine Besorgungen und kaufte zum Schluß eine schwere, eiserne Geldkassette, die an den Fußboden anzuschrauben ging.

Dann fuhren sie schweigend nach Hause. Lang dehnte sich der Weg zwischen Erlen und Wiesen. Schwere Gedanken waren in den Köpfen der Frauen. Endlich sagte die Mutter:

„So wäre ich also jetzt fertig mit dem Leben. Das Testament ist gemacht! Dir ist alles übergeben.“

„Reut es dich, Mutter?“

„Nein, es muß ja so sein. Du wirst es schon schaffen, Marie.“

Das Rößlein schlich langsam den Weg entlang. Marie saß neben der Mutter und kutschierte. Zwischen ihnen auf dem Fußboden stand hochgekantet die schwere Stahlkassette und beengte den Platz.

„Warum hast du den eisernen Kasten gekauft, Marie? Es hat uns noch niemals jemand bestohlen.“

„Man kann nie wissen, was kommt.“

„Ach, Marie, hast du denn etwa einen Verdacht auf Karl? Er ist liederlich und viel im Wirtshaus. Aber er ist doch kein Dieb.“

„Man kann nie wissen, was kommt“, wiederholte das Mädchen.

Sie ließ das Pferd unbeachtet und wandte sich zur Mutter.

„Wir müssen Herr werden über ihn. Die letzten Schulden, die er in unseren drei Wirtshäusern gemacht hat, habe ich bezahlt und den Wirten gesagt, daß nicht mehr ein Pfennig von uns gegeben wird. Borgen sie ihm wieder, so ist es ihr Schaden.

„Sie werden sehr böse sein auf dich.“

„Ja, sie sind böse. Aber daran schere ich mich nicht. Ich werde dem Karl drei Mark Wochenlohn geben. Er verdient noch gar nicht so viel. Die drei Mark wird er Sonnabend, wenn er sie bekommt, vertrinken; dann wird er eine Woche lang nüchtern bleiben müssen; denn es wird ihm niemand borgen, und ich werde nicht einen Pfennig mehr an ihn abgeben. Ich hab’ ihm gestern das alles gesagt.“

„Du bist zu hart gegen Karl.“

„Nein, ich bin nicht zu hart, sondern du warst zu weich. Das wird nun anders.“

Die alte Frau weinte still vor sich hin.

„Waren es denn viele Schulden?“

„Ja, es war viel.“

„Wieviel denn?“

„Das möchte ich nicht sagen. Die Schulden mußten bezahlt werden, und sie sind bezahlt.“

*

So kamen sie nach Hause. Da zeigte es sich, daß die hölzerne Truhe, in der bis jetzt im Heinrichshofe das Geld aufbewahrt wurde, erbrochen und beraubt war. In der Truhe lag ein Blatt, mit Bleistift beschrieben. Karl teilte mit, er halte es zu Hause nicht mehr aus, er lasse sich von einem Frauenzimmer, das zwei Jahre jünger sei als er, nichts sagen; er sei gegangen und habe die paar Groschen, die in der Truhe gewesen seien, als Reisegeld mitgenommen. Aber er verzichte auf nichts; er werde wiederkommen und sein Recht als Ältester fordern.

Marie entdeckte den Einbruch zuerst. Die Lade stand in einer Oberstube; niemand von den Dienstleuten hatte etwas von dem Diebstahl bemerkt. Karl hatte sich gegen Mittag entfernt; ein Dienst junge hatte ihm auf einem Schubkarren einen Koffer zum Bahnhofe fahren müssen. Marie schloß die Lade, nahm den Meißel, mit dem sie erbrochen war, und legte ihn unten in den Handwerkskasten zurück. Dann suchte sie Wilhelm auf und fragte ihn, was er über Karl wüßte. Wilhelm war auf dem Felde gewesen, als er aber von Karls Weggang erfuhr, ahnte er, daß da etwas nicht in Ordnung wäre, er ging nach dem kleinen Lokalbahnhof und erfuhr, daß Karl eine Fahrkarte nach Breslau gelöst hatte.

„Nun“, sagte Marie mit ruhigklingender Stimme, „so werden wir ihn reisen lassen müssen.“

Als sie nun aber doch der Mutter mitteilen mußte, was vorgefallen war, bedurfte es all ihrer Willenskraft, die äußere Ruhe zu bewahren.

Die Mutter lag mit Kopfkrämpfen im Bett. Marie saß bei ihr, flößte ihr Baldriantee ein, machte kühle Umschläge, saß dann wieder still da und hielt die Hand der leidenden Frau.

„War viel Geld in der Truhe?“ fragte die Mutter.

„Nein! Vorgestern war viel drin, das Kaufgeld für den Ochsen und die zwei Schweine und alles Gesparte vom Vierteljahr. Aber ich habe gestern bei den Wirten die Schulden bezahlt, und alles andere, was wir nicht brauchen, heute auf der Bank eingezahlt. Es waren knapp hundert Mark da.“

„Hast du es denn geahnt, Marie?“

„Ja!“

„O Gott — o Gott — ein Dieb!“

Das Mädchen legte die kühle Hand auf das zuckende Haupt der Mutter und bat sie, nicht mehr davon zu reden, sondern zu versuchen, ein wenig zu ruhen. Die Frau wurde stiller, die Müdigkeit machte sie still. Aber dann schlug sie die Augen auf und fragte:

„Marie, in der Truhe war auch dein goldenes Kreuz und dein Granatarmband. Hat er das auch mitgenommen?“

Das Mädchen zögerte mit der Antwort, dann sagte sie:

„Ja, das Kreuz und das Armband hat er auch mitgenommen. Aber er wird nicht viel dafür kriegen, und ich brauche keinen Schmuck. Ich fürchte, er wird bald wieder da sein.“

Die Mutter weinte lange in ihr Kissen. Dann sagte sie:

„Marie, ich hoffe, daß er bald zurückkommen wird oder Nachricht gibt. Für eine Mutter ist es schrecklich, wenn sie von einem Kinde nicht weiß, wo es ist.“

„Ja, Mutter, ich weiß es.“

5.

Im Dorfe waren drei Wirtshäuser. Das größte davon stand neben der Kirche, wie sich ja meist Bacchus sein fröhliches Zelt oder Merkur seinen bunten Jahrmarkt neben dem ernsten Haus des Christengottes aufschlagen. Der dicke Gastwirt musterte das Gelände. Es war alles in Ordnung. Der Fußboden war gestern am Sonnabend frisch gescheuert und mit Sand bestreut, Bänke und Tische waren abgestaubt worden; die Schnapsflaschen standen in Reih und Glied, das Fliegenpapier war erneuert, der Uhrzeiger um zwanzig Minuten zurückgedreht, in der Küche warteten fünfzig Paar Wiener Würstchen auf ihre Konsumenten. Das Faß Bier wollte der Wirt erst anschlagen, wenn sie drüben in der Kirche: „Dona nobis pacem“ singen würden. Dann war’s aus, dann kamen sie.

Es dauerte noch eine Weile. Der Wirt sah ein Bild an, das an der Wand hing. Es stellte eine rote Rose dar, und rund um die Rose stand in blauen Buchstaben gemalt: „Die Rose blüht, der Dorn, der sticht; wer gleich bezahlt, vergißt es nicht.“ Diese poetische Mahnung hing den Zechern immer vor der Nase. Wer kein Geld hatte, zahlte trotzdem nicht. Karl Heinrich hatte zweihundertundfünfzig Mark Schulden bei ihm gehabt. Die waren nun bezahlt; aber der Wirt hatte keine rechte Freude. Marie Heinrich war plötzlich bei ihm aufgetaucht mit dem Gelde und hatte eine Strafpredigt gehalten, schlimmer als der Pfarrer an Silvester. Er hatte sich verteidigt und gesagt, er gäbe als braver Wirt den Gästen das, was sie bestellten; er nötige niemandem etwas auf, aber die Wünsche der Gäste müßte er erfüllen. Sie hatte immer weiter auf ihn eingeredet. Was sich so ein junges Ding herausnahm gegen einen Ehrenmann! Schließlich war die Marie so laut geworden, daß die Wirtsfrau erschienen war und gefragt hatte, was denn los wäre. Da hatte Marie die ganze Strafpredigt noch einmal gehalten und am Schluß zur Frau gesagt: „Frau Erkner, Sie haben Kinder, ich wünsche Ihnen, daß Gott die Sünden Ihres Mannes nicht an Ihren Kindern strafe und eines so herunterkommen lasse, wie unser Karl hier bei Ihnen heruntergekommen ist.“

So eine! Lieber wollte der Wirt sogar eine Silvesteroder Fastenpredigt mit anhören, als ihr noch einmal in die Hände fallen. Bei solchen Predigten in der Kirche, die dem Wirt schrecklich auf die Nerven fielen, wurde es einem aber doch nicht so persönlich, nicht so ins Gesicht hinein gesagt, wie es dieses dumme Ding sich erdreistet hatte.

Das Schlimmste war, daß sie ihm den besten Kunden wegnehmen wollte. Nichts mehr an Schulden wollte sie bezahlen. Nun, wir wollen mal sehen! Wenn der Gerichtsvollzieher droht, der dem Karl den Sonntagsanzug, den Winterüberzieher und die Uhr pfänden will, werden die Heinrichs schon zahlen. Sie könnten sich ja sonst nicht mehr im Dorfe sehen lassen.

Die Rose blüht,

der Dorn, der sticht —

Hier hatte ein Dorn gestochen. Die Leute kommen noch immer nicht. Der Pfarrer hat wieder zu lange gepredigt. Lange Predigten bedeuten für den Wirt immer eine Schädigung; denn zum Mittagessen wollen die Leute zu Hause sein. Wir werden die Uhr noch um zehn Minuten zurückdrehen.

Langweilig wird’s. Der Wirt betrachtet ein zweites Bild an der Wand: „Die Lebensstufen“. Eine aufwärts und abwärts führende Treppe stellt das Bild dar; auf jeder Stufe steht eine menschliche Figur:

„10 Jahre, ein Kind“ — „20 Jahre, ein Jüngling“ — „30 Jahre, ein Mann“ — „40 Jahre, wohlgetan“ — „50 Jahre, Stillestand“ — „60 Jahre, geht’s Alter an“ — „70 Jahre, ein Greis“ — „80 Jahre, schneeweiß“ — „90 Jahre, ein Kinderspott“ — „100 Jahre, Gnade bei Gott“.

Er war fünfzig — Stillestand! — Schon faul! Aber noch schmeckte das Bier, noch schmeckte das Leben. Zum 50. Geburtstag hatte er eine anonyme Karte bekommen; darauf hatte gestanden: „Wer nichts wird, wird Wirt.“ Das war von irgendeinem Neidhammel. Er hat genug erreicht. Sein Bruder, der Gymnasialdirektor, der sechs Kinder hat, muß ihn um Weihnachten herum immer anpumpen. Und der Bruder gilt doch als ein großes Tier; er duzt sich sogar mit dem Landrat.

Marie Heinrich hatte gedroht, wenn das mit Karl so weiterginge, würde sie sich an den Landrat wenden und sich gar nicht scheuen, den Bruder öffentlich als Trunkenbold erklären zu lassen. Er wisse wohl, was einem Gastwirt passiere, der einem, der auf der Säuferliste steht, auch nur ein einziges Glas einschenke.

Sie werde ihm den Bruder aus den Zähnen rücken, koste es, was es wolle.

Diesem Mädel war alles mögliche zuzutrauen. Schöne Wirtschaft, wenn der Landrat eines Tages zum Gymnasialdirektor sagen würde: „Lieber Freund, es tut mir leid; aber ich habe deinem Bruder die Schankkonzession entziehen müssen.“ Nein, lieber mochte doch der Karl Heinrich nicht mehr kommen. Er kam sowieso schon seit fünf Tagen nicht mehr. Wo steckte er bloß? —

Da war der Gottesdienst aus. Jetzt war’s Zeit. Der Wirt ging nach dem Schanksims, schlug einen Spund in ein mächtiges Faß, brachte es mit dem Kohlensäureapparat in Verbindung, wischte sich die Hände ab und sagte befriedigt: „Fertig!“

Zehn Minuten später war die große Gaststube voll Mannesvolk.

*

Die von weit her waren und darum wohl das meiste Recht gehabt hätten, sich zu stärken, hatten es am eiligsten. Sie schlangen eben nur ein Paar Würstchen hinunter, gossen ein Glas Bier darauf und gingen dann ihrer Wege. Manche hatten weit über eine Stunde bergauf und bergab zu wandern. Am längsten blieben die, die am nächsten wohnten. Sie hatten zwar keine ersichtliche Veranlassung auf ausgiebige Erquickung, aber sie hatten Zeit. Und Zeithaben ist immer ein triftiger Grund zum Trinken.

Als etwa nur noch zehn Männer um den größten Tisch der Wirtsstube saßen, sagte der Schmied dumpf vor sich hin: „Karl Heinrich ist nicht mehr da.“ Sie fuhren alle mit Fragen auf ihn ein, am heftigsten der Wirt.

„Er ist nicht mehr da; er ist nicht mehr in Wiesenthal“, sagte der Schmied, der seinen besten Freund und Zechkumpanen verloren hatte, mit leidumflorter Stimme.

„Er hat’s nicht mehr ausgehalten zu Hause; er ist in die weite Welt!“

„In die weite Welt“, sagten die andern mit Staunen und fast andächtig.

„Woher weißt du es denn? Wie lange ist er fort?“

„Ich weiß es seit gestern. Fünf Tage lang habe ich ihn in allen drei Wirtshäusern gesucht. Er war nicht da. Das hat was Schlimmes zu bedeuten, dachte ich mir gleich. Es konnte ja nicht mit rechten Dingen zugehen. Da ging ich endlich nach dem Heinrichshofe, um mich zu erkundigen.“

Der Schmied machte eine Pause, sprang auf und schlug auf den Tisch, daß alle Biergläser klirrten und sein eigenes umfiel.

„Ich werd’ es ihr anstreichen! Ich werd’ es ihr geben!“

„Wem?“

„Dem Mädel — der Marie! Ich bin hingegangen, hab’ sie gefragt, wo der Karl sei; da hat sie gesagt:

‚Fortgelaufen ist er! In die weite Welt ist er. Weil er mit euch nicht mehr in der Spelunke sitzen sollte!‘ “

„Spelunke? Spelunke hat sie gesagt?“ fragte der Wirt giftig. „Ich werde sie verklagen.“

„Tue das“, rief der Schmied, „ich verklage sie auch. Gemein ist so was! Ich hab’ nach der Mutter gefragt. Da hat sie gesagt: ‚Die Mutter habt ihr krank gemacht. Den Heinrichshof verwalte ich jetzt.‘ “

„Ah — die versteht’s!“

Nun wurde über Marie Heinrich übel geredet. Man war sich bald darüber einig, daß sie eine Erbschleicherin wäre, die es auf das Gut abgesehen hätte und darum den älteren Bruder aus der Heimat vertrieb. Die Mutter wäre dumm und schwach, da hätte das freche Ding leichtes Spiel. Der Karl sei ein famoser Mensch gewesen, immer lustig, immer gefällig, immer nobel. Wenn er gern einen getrunken habe — Himmel, was sei denn dabei? Karl sei jung und habe es dazu, sich was anzutun. Die Marie habe bis jetzt keinen Mann gekriegt, da wolle sie nun das Gut, damit am Ende doch noch einer anbeißt.

Karl wurde allgemein bedauert. Der Schmied sprang abermals auf, hieb wieder auf den Tisch, wodurch diesmal das Glas des Nachbarn zum Kentern gebracht wurde, und schrie:

„Auch die Arbeit hat sie mir aufgekündigt. Ich meinte, das wäre doch Sache der Frau. Da sagte sie: ‚Die Frau bin jetzt ich, und unsere Schmiedearbeit wird fortan in Bärsdorf gemacht!‘ “

Wieder ging es über Marie Heinrich her. Arbeit, die im Dorf gemacht werden konnte, nach auswärts zu vergeben, galt als großes Unrecht.

Der Schmied verfiel von neuem in seine oft weinerliche Stimmung. Heftig schmerzte es ihn, auf dem größten Hofe des Ortes seine Arbeit zu verlieren, noch dazu nach Bärsdorf hinab, wo nach seiner Meinung die Strandräuber wohnten, die bei der großen Überschwemmung seine Habe aus dem Wasser gefischt hatten. Er trank zwei Gläser Branntwein und wurde immer trübsinniger.

Ein einziger im Kreise hatte dem Geschimpfe still und mit einem leisen Lächeln zugehört, das war der Bauer Erle.

Als nun der Schmied immer wieder über den Verlust seines Freundes klagte, sagte Erle:

„Er ist versoffen wie die Kuckucksuhr des Schmieds. Hat er nicht noch dreimal ganz kläglich: ‚Prosit! Prosit! Prosit!‘ aus der Ferne gerufen? Fortgeschwemmt ist er worden.“

Es wollte ein großer Streit entstehen, aber Erle ließ es nicht darauf ankommen. Er ging. In der Türe drehte er sich noch einmal um:

„Wenn ich auch meine Meinung über Marie Heinrich sagen darf: Sie ist der sauberste Mensch im ganzen Dorfe.“

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Дата выхода на Литрес:
05 мая 2025
Объем:
240 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788711517468
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Bookwire
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