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1 Drei Jahre zuvor, Syrien
2 Heute, Nacht von Freitag auf Samstag, Rheinallee, Bad Godesberg
3 Heute, Montag, Bad Godesberg
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19 Heute vor sieben Monaten, Euskirchen
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44 Heute, Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, Köln
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46 Heute, Donnerstag, Bad Godesberg
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56 Heute, Donnerstag Nachmittag, Bad Godesberg
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81 Heute, Sonntag, Bad Godesberg
Nachbemerkung
Impressum neobooks
Zweiundsiebzig
Der dritte Fall für Laura Peters
Kriminalroman
von
Patricia Weiss
Das Buch
Ein brutaler Mord erschüttert das beschauliche Bad Godesberg. Auf einem Parkplatz wird ein Junge erschlagen, die Zeitungen sprechen von einer Übertötung, die Polizei geht von einem Zufallsopfer aus. Doch das Verbrechen wurde von einer Gruppe Jugendlicher beobachtet und der Täter setzt nun alles daran, sie aufzuspüren.
Detektivin Laura Peters, die nach einem verschwundenen Jungen sucht, muss feststellen, dass die Fälle miteinander verbunden sind. Die Recherchen führen sie in islamistische Kreise und die Hinweise verdichten sich, dass ein Attentat geplant ist.
Als ein weiterer Mord passiert, gerät auch das Team der Detektei Peters ins Visier des Mörders und es beginnt ein mörderischer Wettlauf gegen die Zeit.
Die Laura-Peters-Serie
Zweiundsiebzig ist der dritte Roman, in dem Laura Peters mit ihrem Team ermittelt.
Die gesamte Laura-Peters-Reihe mit
Das Lager – Ein Fall für die Detektei Peters,
Böse Obhut – Der zweite Fall für Laura Peters,
Moloch Unsterblich – Der vierte Fall für Laura Peters,
Monströse Moral – Der fünfte Fall für Laura Peters und
Cäcilie: Eine Halloween-Novelle
ist als Taschenbuch im Internet und als E-Book in allen Online-Shops erhältlich.
Mehr Informationen finden Sie auf der Facebook-Seite ‚Patricia Weiss – Autorin‘, auf Twitter ‚Tri_Weiss‘, auf Instagram ‚tri_weiss‘ und auf YouTube ‚Patricia Weiss Autorin‘.
Zweiundsiebzig
Der dritte Fall für
Laura Peters
Kriminalroman
von
Patricia Weiss
Zweiundsiebzig ist als Taschenbuch und als E-Book erhältlich.
Impressum
Texte: © Copyright by Patricia Weiss
c/o
Relindis Second Hand
Gotenstr. 1
53173 Bonn
Covergestaltung und Foto: Patricia Weiss
Lektorat: Katharina Abel
Alle Rechte vorbehalten.
Veröffentlichung: 2018
„Nichts ist so gefährlich wie ein Buch.”
(Laura Peters)
Für meine two and a half men.
1
Drei Jahre zuvor,
Syrien
Es passierte mitten am Tag.
Nicht nachts, wie sie es erwartet hatten, im Schutz der Dunkelheit, in der man den Überfall erst bemerkte, wenn er bereits im Gange war, sondern als die Sonne am höchsten Punkt stand und sie noch damit beschäftigt waren, die Flucht vorzubereiten.
Warum waren sie nicht früher aufgebrochen?
Jedes Mal, wenn sie daran zurückdachte, stellte sie sich diese Frage. Sie kreiste in ihrem Kopf wie ein summendes, bösartiges Insekt, das immer wieder zustach, sie quälte und das sie nicht verscheuchen konnte.
Ihr Vater hatte bereits Tage vorher gewusst, dass sie kommen würden. Die verheerenden Nachrichten aus den nur wenige Kilometer entfernten Dörfern hatten sich in rasender Geschwindigkeit herumgesprochen. Es war klar, dass Flucht die einzige Rettung war. Für Ungläubige und Teufelsanbeter, wie sie von ihnen beschimpft wurden, gab es keine Gnade. Trotzdem hatte Vater sich mit den anderen Männern tagelang beraten und überlegt, was zu tun sei. Natürlich war es nicht leicht, sich zu entschließen, alles Hab und Gut zurückzulassen und irgendwo neu anzufangen, wo man nicht erwünscht war.
Aber war es besser, zu sterben?
Erst als die Nachricht kam, dass sie den Nachbarort dem Erdboden gleichgemacht hatten und auf dem Weg ins Dorf waren, hatte er eingewilligt.
Fieberhaft hatten sie das bisschen Schmuck und Geld in den Kleidern, die sie am Leib trugen, versteckt. Die Sachen von bescheidenem Wert hatten sie ganz hinten in die Schränke geschoben, in der armseligen Hoffnung, hinter den Schüsseln würde niemand suchen. Und den Ziegen im Stall hatte sie die Eimer randvoll mit Wasser gefüllt. Mitnehmen konnten sie die Tiere nicht.
Die Unruhe auf der Straße hatten alle gleichzeitig gespürt. Dann hörten sie die dröhnenden Motoren der Militärautos. Kommandos wurden gebrüllt, ein Schuss, angstvolle Schreie gellten in den Himmel. Aus dem Hof gab es keinen Fluchtweg. Sie stürzten zurück ins Haus.
Zu spät.
Durchs Fenster sahen sie, dass ein Geländewagen vorfuhr. Fünf Männer mit Bärten, grün-grauen Kampfanzügen und Gewehren im Anschlag sprangen vom Wagen und schwärmten in verschiedene Richtungen aus. Einer lief auf die offene Haustür zu, dann stand er vor ihnen. Im gleißenden Gegenlicht der Sonne zeichneten sich nur seine Silhouette und das Gewehr ab. Erst als er zwei Schritte in den Raum hinein machte, waren harte Gesichtszüge und eine Sonnenbrille zu erkennen. Mit der entsicherten Waffe und scharfen Worten, die sie nicht verstand, scheuchte er sie aus dem Haus.
Mutter hatte die Arme schützend um sie und die zwei Schwestern gelegt, Vater hatte den Jüngsten hochgenommen. Der ältere Bruder ging gesenkten Hauptes zwischen ihnen und versuchte, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen.
Hinter dem Jeep hatte ein Transporter mit offener Ladefläche gehalten. Einer der Bewaffneten zerrte ein Mädchen am Arm zu dem Fahrzeug und stieß es grob in den Rücken. Es stürzte vorwärts, konnte sich am Laster abfangen und kletterte ungeschickt hinauf. Drei weinende Mädchen knieten bereits dort und bettelten um Gnade oder schrien nach ihren Müttern. Die Familienangehörigen wurden weggezerrt.
Der Lärm war unbeschreiblich.
Der Mann griff ihr grob unter das Kinn, riss ihren Kopf hoch, dann zerrte er sie am Arm mit sich. Tief in ihrer Haut spürte sie die Fingernägel ihrer Mutter, die sie nicht loslassen wollte, doch es gab kein Entkommen. Er schleuderte sie gegen den Laster, dann krachte der Gewehrkolben in ihren Rücken. Sie schrie auf vor Schmerz und zog sich mit letzter Kraft auf die Ladefläche.
Angstvoll sah sie zu ihrer Familie. Der Vater hielt mit dem einen Arm den kleinen Sohn umklammert, mit dem anderen gestikulierte er bittend zu den Männern. Ihre Mutter weinte, flehte, schrie. Sie konnte sie in dem Lärm nicht heraushören, aber sie konnte es sehen. Der Mann ging zurück und wollte die Schwestern begutachten, aber die Mutter lies es nicht zu. Sie drehte sich mit den Mädchen im Arm zu Seite, wollte sie fortzerren.
Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, hob der Mann sein Gewehr und schoss ihr in den Kopf.
Die Mutter sackte zusammen, begrub die beiden Töchter unter sich. Ihr Blut mischte sich mit dem Staub der Straße zu einem dicken, rot-klebrigen Brei. Hilflos und schreiend versuchten die Mädchen, sich zu befreien, unter ihr hervorzukriechen. Der Vater rührte sich nicht. Er hielt den kleinen Bruder so fest im Griff, dass dieser kaum atmen konnte. Ohne nachzudenken, warf sie sich gegen die Seitenstreben des Transporters. In ihrem Kopf gab es nur maßloses Entsetzen und den unbezwingbaren Drang, die Mutter zu retten, die Schwestern.
Wie aus dem Nichts traf ein Schlag ihren Kopf. Sterne zerplatzten wie Feuerwerk vor ihren Augen.
Dann wurde es schwarz.
Das Erste, was sie wahrnahm, war ein Rütteln, das durch den ganzen Körper ging. Und ihren Kopf, der bei jedem Stoß schmerzte. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Es war stockdunkel.
Wo war sie?
Nur langsam wurde ihr bewusst, dass sie über Land fuhr, dass es der Sternenhimmel war, den sie über sich sah, und dass es menschliche Leiber waren, gegen die sie immer wieder geschleudert wurde. Schemenhaft sah sie Gestalten um sich herum sitzen. Frauen, Mädchen. Bestimmt zwanzig. Sie waren zusammengepfercht wie Hühner in einem Käfig. Die Köpfe hielten sie gesenkt, bei manchen zuckten die Schultern vom Weinen. Oder war es die unbefestigte Straße, die ihre Körper erschütterte? Vorsichtig tastete sie ihren Hinterkopf ab, fühlte eine dicke, pochende Beule, Haarsträhnen klebten in der verkrusteten Wunde. Der Fahrtwind der kalten Nacht und der Gedanke an das Schicksal ihrer Familie trieben ihr die Tränen in die Augen. Sie meinte, den Geruch von Fäkalien wahrzunehmen. Von wem er kam, konnte sie nicht ausmachen.
Vielleicht von ihr selbst.
Niemand sprach ein Wort. Sie hätte gerne Fragen gestellt. Irgendwelche. Um sich zu orientieren. Um zu hören, dass alles gut war. Aber ihr Gehirn schmerzte, war nicht in der Lage, sinnvolle Sätze zu bilden, und ihr Mund blieb stumm.
Sie fuhren durch die Nacht über die holperige Piste. Wie lange waren sie unterwegs? Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Stunden oder Minuten mischten sich mit Schmerzen und Orientierungslosigkeit. Erst als am Horizont das rot-warme Glühen des Sonnenaufgangs sichtbar wurde, kam ein Funken Lebensenergie zurück in ihren Körper. Sie wollte nur noch ankommen. Irgendwo. Nichts konnte schlimmer sein, als diese Ruckelei in der bedrängenden Enge mit den anderen Mädchen.
Doch sie irrte sich.
2
Heute, Nacht von Freitag auf Samstag,
Rheinallee, Bad Godesberg
Die Bushaltestelle war beleuchtet, eine Insel aus Licht in der Dunkelheit.
Mit unsicheren Beinen kletterten und taumelten sie aus dem Bus. Zum Glück hatte der Busfahrer sie mitgenommen, obwohl sie ziemlich getankt hatten. Anisha wartete, bis alle sicheren Boden unter den Füßen hatten, und stieg als Letzte aus. Sie hatte nur ein paar Wodkas getrunken und war, verglichen mit den anderen, einigermaßen nüchtern.
Quietschend schlossen sich die Türen hinter ihr, der Fahrer gab Gas. Die Gruppe hatte sich in der Rheinaue getroffen und den lauen Abend mit Trinken verbracht. Wie das alle bei schönem Wetter machten, die nicht alt genug waren, um in Bars abzuhängen. Eigentlich hätte Anisha längst zu Hause sein müssen, sie hatte nur Ausgang bis halb elf. Doch sie war so froh gewesen, dass die Gruppe sie mitgenommen hatte, dass sie ausgeharrt hatte.
Schwarze Mädchen hatten es nicht leicht, Freunde zu finden.
Pia-Jill hatte sie gefragt, ob sie mitkommen wollte. Ein paar Drinks kippen, bisschen Spaß haben, chillen mit ihr, ihrem Freund Göran und den Kumpels. Sie hatte begeistert zugesagt, obwohl sie Pia-Jill nicht sonderlich mochte. Sie hatte sie für verschlagen und ordinär gehalten. Und nach diesem Abend hatte sie die Gewissheit, dass der Eindruck stimmte. Aber Anisha war ihr trotzdem dankbar, dass sie dabei sein durfte.
Pia Jill schwankte gefährlich auf den hohen Schuhen. Es war sowieso ein Abenteuer, dass sie so etwas trug. Sie war so rund und schwer, dass man fürchtete, die Absätze könnten jeden Augenblick wie Streichhölzer unter ihr zusammenknacken. Ihr schmächtiger Freund Göran zog eine Dose Bier, die er in den Bus geschmuggelt hatte, unter der Jacke hervor, öffnete sie zischend, nahm einen tiefen Schluck und stopfte sie zwischen Pia-Jills üppige Brüste in den Ausschnitt. Anisha schaute betreten weg.
Das hatte er schon den ganzen Abend so gemacht.
Pia-Jill als Bierhalter missbraucht.
Sie trug einen Schlauch aus T-Shirt-Stoff, der von der kugeligen Figur so gespannt wurde, dass er oben gerade noch die Spitzen der Brüste bedeckte und unten kaum bis unter den voluminösen Hintern reichte. Jedes Mal, wenn er ihr eine Dose ins Dekolleté stopfte, rutschte das Kleid unter den Busen und musste mit viel Mühe wieder hochgezogen werden. Sah Pia-Jill nicht, wie er den Kumpels zuzwinkerte und die dreckig grinsten? Aber sie lachte nur und sagte ups. Bei Anisha hatten die Jungs es auch versucht, aber sie war so dünn, dass es ein aussichtsloses Unterfangen gewesen war. Oben herum war sie flach wie ein Brett, worüber sie zum ersten Mal im Leben froh war.
Warum hatte Pia-Jill Göran als Freund? Es war klar, dass er sie nur für Sex gebrauchte. Fickmaschine nannte er sie und Pia-Jill schaute geschmeichelt, wenn er das sagte. Anisha verstand das nicht. Warum ließ sie sich so von ihm behandeln? War sie so happy, einen Freund zu haben, der sich in der Öffentlichkeit mit ihr zeigte, dass sie alles dafür akzeptierte? So hässlich, wie sie war, wollte sie ansonsten vermutlich keiner anrühren. Warum wusch sie die mausgrauen Haare nicht mal, anstatt sie in fettigen Strähnen um das teigige Gesicht ringeln zu lassen? Da halfen auch die langen, pinken Kunstfingernägel nicht und das zentimeterdick aufgespachtelte Make-up.
Pia-Jill hatte ihr anvertraut, dass Göran Frauen liebte, bei denen es etwas zum Anfassen gab. Nicht solche dürren Bohnenstangen wie Anisha. Deshalb sollte sie es gar nicht erst bei ihm versuchen. Und schwarze Mädchen könne er sowieso nicht ab. Die seien hässlich und dumm. Als wenn sie jemals so verzweifelt wäre, sich Göran an den Hals zu werfen. Er machte zwar etwas aus sich, in die kurz geschorenen Haare hatte er Blitze rasiert, er trug Markenklamotten und hatte Geld, um Alkohol zu kaufen, aber er war arschig und schmächtig. Sie überragte ihn um mindestens fünfzehn Zentimeter.
Trotzdem. Alles war besser, als zu Hause zu hocken. Einmal nicht mehr abends in der engen Wohnung mit der Familie zu sitzen. Einmal den Abend in der Rheinaue unter freiem Himmel mit Freunden zu genießen. Na ja, mit Kumpels.
Schillok, Görans bester Freund und seit der Grundschule benannt nach seinem Lieblingspokémon, stolperte hinter das Wartehäuschen. Durch die Glasscheibe sah sie ihn breitbeinig vor einem Zeitungskasten stehen. Leise plätscherte es durch die Nacht.
Dann hörten sie den Schrei.
Ein Stöhnen, Keuchen, Schläge, das Knirschen von Kies. Die Geräusche kamen vom Parkplatz neben der Bahnlinie, der komplett im Dunkeln lag.
„Was ist da los?“ Anisha packte die Angst.
Die anderen waren wie elektrisiert. Schillok schloss eilig seine Hose, Pia-Jill, Göran und die anderen zückten die Handys.
„Los, kommt!“ Göran schlich gebückt vorwärts, die anderen taten es ihm nach.
Pia-Jill zog die Bierdose aus dem Dekolleté und senkte den Kopf, der große Bauch und die hohen Schuhe erlaubten nicht mehr Akrobatik. Anisha ging auf Zehenspitzen hinterher, gleichermaßen getrieben von Neugier und der Panik, allein zurückzubleiben. Sie bezogen Stellung hinter einem Auto, die Jungs linsten über den Kofferraum. Pia-Jill hantierte an ihrem Handy. Das Keuchen und Stöhnen und das dumpfe Geräusch von Hieben war jetzt direkt vor ihnen.
Anisha erhob sich aus der Hocke.
Nur wenige Meter vor sich sah sie eine Gestalt, dunkel gekleidet, Kapuze auf dem Kopf, in den Händen eine dicke Stange. Davor lag ein großes Bündel, zusammengerollt. Ein Mensch. Beine eng an den Bauch gezogen, Arme schützend um den Kopf geschlungen. Die Waffe sauste nach unten. Immer wieder drosch der Täter auf das Opfer ein. Traf den Körper, die Arme, den Kopf. Im fahlen Licht des Mondes glaubte Anisha, bei jedem Schlag das Blut spritzen zu sehen.
„Wir müssen Hilfe holen!“ Ihre Worte waren ein einziges Zittern. Sie wollte 'Aufhören' schreien. Doch die Stimme versagte den Dienst. Ihr fehlte der Mut. Die fahrigen, eiskalten Finger kriegten das Handy nicht zu fassen, konnten es nicht aus der Tasche des Hoodies ziehen. Ein verzweifelter Blick auf die Kumpels zeigte, dass die überhaupt nicht daran dachten, die Polizei zu rufen. Göran filmte, die Freunde gafften erregt, Schillok hatte die rechte Hand in der Hosentasche und schien sich zu reiben. Pia-Jill tippte mit langen Fingernägeln hektisch auf dem Telefon herum.
Anisha wollte sich abwenden. Sie konnte nicht ertragen, was sie sah. Dort wurde ein Mensch erschlagen. Doch sie stand wie gelähmt und starrte.
Plötzlich erhellte ein Lichtblitz die Nacht, tauchte die brutale Szene für Sekundenbruchteile in gleißende Helligkeit, ließ die Zeit stillstehen.
Der Täter hielt in der Bewegung inne, wandte sich zu ihnen um. Diabolische Augen sahen Anisha direkt an, fraßen sich in sie hinein, schienen sich bis in ihre Seele zu graben. Dann senkte er die Arme und lief über den Parkplatz davon.
„Fick dich, Pia-Jill, du bist zu blöd zum Scheißen. Jetzt hast du ihn vertrieben.“ Göran gab seiner Freundin einen kräftigen Stoß.
Die geriet ins Taumeln und fiel hart auf das Hinterteil.
„So ein Fuck“, schrie er in die Nacht.
Er trat auf Pia-Jill ein, die wie ein Mistkäfer auf dem Rücken strampelte und vergeblich versuchte, aufzustehen.
Anisha erwachte aus der Erstarrung. Vorsichtig schlich sie um das Auto herum, näherte sich dem Opfer, von dem eine unheilige Ruhe ausging. Sie ging in die Hocke. Pia-Jill und Göran waren gefolgt und stellten sich neben ihr auf. Schillok leuchtete mit der Taschenlampe des Handys über das zerstörte, blutige Gesicht des Toten, die anderen hielten Abstand.
Anisha sah Knochensplitter, die aus Wunden ragten, blutverklebte Haarbüschel, Finger, die unnatürlich abgeknickt in alle Richtungen abstanden und einen goldenen Ring, der für einen Augenblick im Lichtkegel aufblitzte. Göran hatte ihn auch entdeckt. Er zerrte das blutbefleckte Schmuckstück von dem lädierten Finger und steckte es, ohne es abzuwischen, in die Tasche seiner Jeans.
„Da hat sich der Abend doch noch gelohnt.“ Er grinste seine Kumpels an, dann wandte er sich zu Pia-Jill. „Jetzt bist du dran, Fickmaschine. Du hättest fast alles ruiniert mit deinem Scheiß-Blitzlicht. Jetzt zeige ich dir, was passiert, wenn man sich so dämlich anstellt.“
Er zerrte sie zum nächsten Auto und drückte sie über die Motorhaube. Mit der anderen Hand öffnete er seine Hose und die Jungs stellten sich mit gezückten Handys im Kreis um die beiden auf.
Anisha entfernte sich mit unsicheren Schritten. Sie presste die Hände auf die Ohren, um das Keuchen des kopulierenden Pärchens und das Johlen der Spanner nicht hören zu müssen. Neben einem Busch beugte sie sich vor und übergab sich. Wieder und wieder. Als wollte sie nicht nur allen Wodka, sondern auch das gesamte Böse des heutigen Abends loswerden. Dann sank sie erschöpft auf die Knie. Sie wollte nur noch nach Hause. Weg von diesem Grauen. Und weg von dem Gedanken, der ständig durch ihren Kopf kreiste.
Sie kannte den Ring.
3
Heute, Montag,
Bad Godesberg
Bepackt mit Taschen und Tüten vom Bäcker schob sich Detektivin Laura Peters durch den Vorgarten der Altbauvilla, vorbei an wuchernden Büschen, die die Zweige nach ihr ausstreckten und mit den Blättern sanft über ihr Gesicht fuhren. Unter ihren Armen klemmten Tageszeitungen und Zeitschriften, den Schlüssel hielt sie zwar vorsorglich schon in der Hand, trotzdem grenzte es an ein Zirkuskunststück, die Tür zu öffnen, ohne etwas fallenzulassen.
Aufatmend lächelte sie der jungen Assistentin, Gilda Lambi, zu, die im Vorraum an ihrem Arbeitsplatz saß und sie erwartungsvoll ansah.
„Guten Morgen.“
„Morgen Laura.“ Gilda sprang auf, strich die langen, braunen Haare zurück, lief um den Schreibtisch herum und nahm der Chefin die Tüten ab.
„Schoko-Croissants?“
„Natürlich. Und belegte Brötchen. Die vom Kiosk auf dem Busbahnhof.“
„Wunderbar. Das sind die Besten. Ich hole uns Teller und setze Kaffee auf. Gut?“
Laura nickte. „Perfekt.“
Gildas Familie stammte aus Süditalien. Als sie in der Detektei Peters angefangen hatte, hatte sie eine Napoletana mitgebracht. Eine Metall-Kaffeekanne, die auf die Herdplatte gestellt wird, um richtigen Kaffee zu machen, wie Gilda es nannte. Doch das bittere, starke Gebräu, das in kleinen Tassen serviert wurde, hatte Laura und Marek, den zweiten Detektiv, nicht dauerhaft überzeugen können. Sie liebten den Kaffee in großen Mengen und aus großen Bechern. Die italienische Variante war wunderbar, um nach einem opulenten Essen nicht in Tiefschlaf zu verfallen, aber zum Tagesgeschäft gehörte klassischer Büro-Kaffee. Es hatte eine Weile gebraucht, bis sie die junge Assistentin überzeugt hatten. Doch mittlerweile fragte sie schon gar nicht mehr, welche Art von Kaffee sie zubereiten sollte, sondern befüllte direkt die Maschine für den Filterkaffee.
Laura öffnete die Tür zu ihrem Büro und warf die Zeitungen auf den Tisch. Die Schlagzeilen hatten alle dasselbe Thema und waren der Grund, warum sie so viele Exemplare gekauft hatte: Es hatte einen Mord gegeben. Mitten in Bad Godesberg. Ein ganz junges Opfer. Ähnlich wie vor einem Jahr. Und fast genau an derselben Stelle, wo der andere Junge zu Tode geprügelt worden war. Nicht weit entfernt von der Detektei Peters.
Der Mord damals hatte hohe Wellen geschlagen, die Bürger hatten sich zu Mahnwachen und Demonstrationen gegen Gewalt zusammengefunden und selbst ausländische Fernsehsender hatten darüber berichtet. Jetzt gab es wieder einen toten Jungen. Das kleine Bad Godesberg, in dem auf engstem Raum die ganze Bandbreite sozialer Schichten und kultureller Gegensätze aufeinanderprallte, kam nicht zur Ruhe.
Laura ging zu den hohen Flügeltüren, die in den Garten hinaus führten, und öffnete sie. Sie betrat die Terrasse, legte den Kopf in den Nacken und fühlte die warmen Sonnenstrahlen auf dem Gesicht. Die Vögel zwitscherten und übertönten fast den Verkehrslärm. Was für ein schöner Tag. So friedlich und verheißungsvoll.
Es war unvorstellbar, dass ganz in der Nähe ein Junge getötet worden war.
Ein kalter Schauer lief ihr über die Haut, sie schlang die nackten Arme um sich. Trotz der Hitze, die bereits am frühen Morgen herrschte, war ihr innerlich kalt.
„Der Garten ist ein Urwald. Die Hausverwaltung muss irgendwann etwas dagegen unternehmen.“
Laura zuckte zusammen. Gilda war leise wie eine Katze neben sie getreten.
„Den Hausmeister kannst du vergessen. Der kommt nur, um Kaffee zu trinken, ein Schwätzchen zu halten und um dich Liebelein zu nennen. Wir müssten selbst Hand anlegen. Aber dazu haben wir keine Zeit.“
„Der Rosenbusch wuchert den halben Rasen zu. Bald wird alles so zugewachsen sein, dass wir wie zwei Dornröschen einschlafen und unsere Kunden sich nur noch mit dem Schwert Zugang verschaffen können.“
Laura lachte. „Zum Glück kommen sie durch den Vorgarten. Da ist der Weg noch relativ frei.“
„Könnte sich nicht die Anwältin von oben darum kümmern? Oder ist sie zu adelig dafür?“ Gilda deutete auf den Balkon über ihren Köpfen. „Hast du eigentlich schon jemals mit ihr gesprochen? Ich noch nie. Und gesehen habe ich sie auch nur ganz selten. Existiert die Kanzlei überhaupt noch?“
„Ich denke schon. Ich habe unsere Mitmieterin einmal getroffen, als ich bei den Godesberger Unternehmerinnen eingeladen war. Das ist schon etwas her, kurz nach dem ersten Fall. Sie wollten, dass ich einen Vortrag über das Erfolgsgeheimnis unserer Detektei halte. Ich habe über die Bedeutung von Teamchemie, offener Kommunikation und effektivem Delegieren als Schlüsselfaktoren gesprochen. Ehrlicherweise hätte ich wohl Zufall, Glück und Marek nennen müssen.“ Laura lachte. „Danach ist sie auf mich zugekommen und hat mich angesprochen.“
„Und? Wie ist sie so?“
Laura zuckte die Achseln. „Kaschmirpulli, Perlenkette, Siegelring. Selbstbewusst, Haare auf den Zähnen, aber ich fand sie sympathisch.“
„Verstehe, also keinen grünen Daumen. Wie du. Schade, dann bleibt es wohl an mir hängen. Vielleicht schaffe ich es am Wochenende, mich im Garten auszutoben. Ich rufe trotzdem den Hausmeister an, manchmal hat man Glück. Komm, der Kaffee ist fertig und bei der Hitze fängt die Schokolade in den Croissants an zu schmelzen.“
Laura folgte ihrer Assistentin ins Büro und überlegte, ob die knappen, ausgefransten Jeans-Shorts, das Tank-Top mit dem Logo einer Gamer-Mannschaft und die weißen Sneakers ein angemessenes Büro-Outfit waren. Sie entschied sich für ein eindeutiges Ja. Gildas lange, schlanke Beine waren glatt und gebräunt, sie wirkte korrekt angezogen, egal was sie trug.
Als hätte Gilda ihre Gedanken gelesen, drehte sie sich um und warf einen Blick auf Lauras Jeans. „Ist dir nicht zu warm?“
„Im Moment geht es. Und Shorts sind keine Option, ich werde leider nicht so schnell braun wie du. Fangen wir mit der Arbeit an. Was haben wir für Themen?“
„Zu den bestehenden Fällen ist einiges dazu gekommen. Meine Idee, Fake-Profiles in den sozialen Medien zu entlarven, ist wie eine Bombe eingeschlagen. Wir können uns vor Anfragen kaum retten. Es ist nicht zu glauben, wie viele Menschen sich im Internet ernsthaft verlieben, ohne den anderen jemals gesehen zu haben.“
„Gefälschte Profile?“ Laura ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen, trank einen Schluck Kaffee und biss genüsslich in ein Croissant.
„Ja. Accounts von Frauen bei Facebook, Twitter oder irgendwelchen Dating-Plattformen mit tollen, sexy Fotos, die nicht der Wirklichkeit entsprechen.“
„Vermutlich steckt jemand dahinter, der nicht ganz so hübsch, schlank und jung ist?“
Gilda lachte. „Natürlich. Fast jeder benutzt Foto-Filter, um die Realität zu schönen. Aber es gibt Leute, die stehlen Bilder und nehmen, manchmal nicht nur optisch, die Identität einer anderen Person an. Als ich die Idee hatte, dass wir die wahren Menschen hinter den Accounts finden, war mir allerdings nicht bewusst, welche Dramatik damit verbunden ist. In einem Fall hat sich ein Pärchen über zwei Jahre geschrieben. Sie sind zu Seelenverwandten geworden, wollten heiraten und ihr Leben miteinander verbringen. Es kam jedoch nie zu einem realen Treffen. Oder auch nur zu einem Video-Anruf.“
„Das ist verdächtig. Ich vermute, irgendwann wurde der Belogene stutzig und hat uns beauftragt“, vollendete Laura Gildas Wortschwall.
„Ganz genau. Leider musste ich eine schlechte Nachricht überbringen: Die Frau war nicht die langhaarige Schönheit mit den sexy Kurven und dem strahlenden Lächeln von den Bildern, sondern eine Bohnenstange mit gepiercter Oberlippe und Igel-Frisur. Unsere Kunden möchten ja die Wahrheit erfahren. Trotzdem fühle ich mich wie das Gegenteil von Eros, dem kleinen, dicken Engel, der mit seinem Liebespfeil die Paare zusammenbringt. Ich bin Luzifer, der mit den Recherche-Ergebnissen die Liebenden trennt und in die Hölle schickt.“
Laura lachte. „Jetzt übertreib nicht. Es ist nicht deine Schuld, wenn das Glück zweier Menschen auf einer Lüge aufgebaut ist. Es wäre auf jeden Fall herausgekommen.“
Gilda verzog einen Mundwinkel, dann erschien wieder ihr strahlendes Lächeln. „Dafür macht die Entlarvung der Fuckboys alles wieder wett.“
„Bitte?“
Gilda lachte. „Fuckboys. So nennt man die Männer, die sich Frauen für Sex warmhalten, nur in der Nacht texten, wenn sie scharf sind, aber bei den Mädels die Hoffnung wecken, sie wären ernsthaft interessiert. Die sind die Pest.“
„Fuckboys“, murmelte Laura, „soso.“ Grell blitzte die Erinnerung an ihren Ex-Liebhaber auf, doch sie verscheuchte den Gedanken sofort.
Darin hatte sie Übung.
„Ja. Da tue ich echt ein gutes Werk. Ich finde für die Mädchen heraus, dass ihre Typen noch mit anderen herummachen und nicht im Traum an eine feste Beziehung denken. Das ist zuerst ein Schock, aber dann sind die Girls total dankbar.“
„Und wie bewirbst du unsere Dienstleistung? Unterstützung bei der Entlarvung eines ...“, Laura machte eine kurze Pause, „Fuckboys? Benutzt du den Fachterminus in den Anzeigen? Damit dürften wir uns definitiv von der Konkurrenz abheben.“ Sie konnte das Lachen nicht mehr unterdrücken.
„Nein. Obwohl man die wirklich so nennt. Ernsthaft.“ Gilda gluckste. „Das geht über Mundpropaganda. Du glaubst nicht, wie schnell sich das herumgesprochen hat. Täglich kommen neue Anfragen.“
„Sehr schön. Mir gefällt deine Initiative. Es ist wichtig, neue Dinge auszuprobieren und sich als Firma weiterzuentwickeln. In dem Unternehmen, in dem ich früher angestellt war, hieß es immer, Stillstand ist Rückschritt. Da ist was Wahres dran. Aber zurück zum klassischen Teil unserer Dienstleistungen: Steht heute etwas Spezielles an?“
Gilda nickte. „Gleich kommt eine frühere Schulkameradin von mir. Wir haben am Freitag telefoniert. Sie hat nicht gesagt, worum es geht, aber sie möchte unsere Hilfe in Anspruch nehmen. Kannst du bei dem Treffen dabei sein?“
„Wenn es deiner Freundin nicht unangenehm ist, kein Problem. Ich bin flexibel. Keine Termine.“
„Kommt Marek heute?“ Gilda blies unschuldig in den heißen Kaffee.
„Weiß ich nicht.“ Lauras Stimme wurde kratzig, das Croissant, auf dem sie herumkaute, schmeckte plötzlich nach Sägemehl.
Da sie nichts weiter sagte, stand Gilda auf und räumte das Geschirr zusammen. „Ich muss noch viel erledigen, wir sehen uns nachher.“
Laura nickte nur.
Ihr Blick wanderte über die Wände des Büros. Streifte die Magnetleisten, die blank und kahl waren, weil es zurzeit keine Fälle gab, die tiefer diskutiert werden mussten. Flog über die Lithografie der kämpferischen Brunhild aus der Nibelungensage, die sie von ihrer Freundin Barbara zur Firmengründung geschenkt bekommen hatte. Blieb schließlich auf den gerahmten Zeitungsausschnitten mit den Fotos des Teams der Detektei Peters ruhen.
Sie nahm die Kaffeetasse und stand auf, um die Bilder aus der Nähe zu betrachten. Der Empfang im Bonner Rathaus. Der Bürgermeister hatte sie nach der Lösung des ersten, großen Falles eingeladen, um sich persönlich bei ihnen zu bedanken, und Presse, Funk und Fernsehen dazu gebeten. Sie erinnerte sich, dass er viel zu lange ihre Hand geschüttelt hatte, um allen Journalisten die Gelegenheit zu geben, sein Nussknacker-Lächeln im Großformat zu knipsen. Wie unwohl sie sich gefühlt hatte, zeigte ihr angespannter Gesichtsausdruck. Sie gefiel sich gar nicht auf dem Foto. Aber damals hatte sie eine Trennung und eine schwere Zeit hinter sich gehabt. Mittlerweile waren die nach der gescheiterten Beziehung in einem Anfall von Verzweiflung selbst abgeschnittenen Haare zum Glück wieder gewachsen und reichten bis zur Schulter. Und die türkise Bluse, von der sie gehofft hatte, sie würde ihr deutlich besser stehen, war nach dem Termin kurzerhand in die Kleidersammlung gewandert. Nur die Abneigung gegen öffentliche Auftritte hatte sie bis heute nicht ablegen können.
Neben ihr auf dem Foto stand ihre Freundin Barbara, die selbstbewusst strahlte und in einem orientalisch angehauchten Kleid mit tiefem Ausschnitt eine gute Figur machte. Als bekannte Pianistin war sie Publicity gewohnt und hatte Routine darin, ihre Schokoladenseite zu präsentieren.
Gilda, das Küken des Teams, lehnte auf dem Bild so dicht neben Barbara, als wollte sie sich hinter ihr verstecken. Ihr Kopf war gesenkt, die langen, glänzenden Haare verdeckten die Hälfte des Gesichts. Wie immer trug sie ausgebleichte Jeans und T-Shirt. Ein Empfang beim Bürgermeister und ein Pressetermin waren für sie kein Grund, sich extra in Schale zu werfen. Sie sah trotzdem umwerfend aus mit der grazilen Figur und den dunklen Augen. Wer sie kannte, dem fielen allerdings die Schatten unter den Augen und eine für sie untypische Blässe auf.
Beim ersten, großen Fall der Detektei war Gilda in die Fänge eines sadistischen Mörders geraten. Auch wenn sie danach behauptet hatte, es gehe ihr gut, hatte Laura das Gefühl gehabt, dass das Erlebnis ein Trauma hinterlassen hatte. Doch vor ungefähr einem halben Jahr schien die Last von Gilda abgefallen zu sein. Sie war eines Morgens wie ausgewechselt im Büro erschienen und hatte wieder so frei und zuversichtlich gewirkt, wie zu Beginn, als Laura sie kennengelernt hatte. Was diese Verwandlung in ihrem Wesen bewirkt hatte, hatte sie nicht erzählt.
Vielleicht war es einfach die Zeit gewesen, die die Wunden geheilt hatte.
Marek fehlte auf dem Zeitungsfoto. Dabei hätte er sich gut darauf gemacht: attraktiv, trainiert, in Lederjacke, Jeans und Biker-Boots. Optisch definitiv eher Action-Hero als sensibler Schöngeist. Aber er war direkt nach der Lösung des Falls verschwunden. Oder, besser ausgedrückt, er hatte sich aus dem Staub gemacht.
Weil er in Wirklichkeit nur seine eigenen Ziele verfolgt hatte.
Vermutet hatte sie das von Anfang an. Trotzdem war sie verletzt gewesen, als sich herausgestellt hatte, dass es stimmte. Und dass er sich so lange nicht gemeldet hatte, ärgerte sie heute noch. Zum Glück war er rechtzeitig wieder aufgetaucht, als sie es mit dem zweiten großen Fall zu tun bekommen hatten. Nicht nur, weil sie ihn vermisst hatte, sondern auch, weil sie ohne ihn ganz schön in Schwierigkeiten gewesen wären.
Seitdem hatte er seine Tätigkeit als polnischer James Bond, wie sie ihn gern nannte, an den Nagel gehängt und sich auf die Arbeit in der Detektei konzentriert. Er hatte sogar überlegt, als Teilhaber in die Firma einzusteigen. Voller Elan hatte er sich in die Fälle gestürzt, hatte untreue Ehemänner bespitzelt, verschwundene Familienmitglieder gefunden und Zeitungsdiebe gestellt.
Doch in letzter Zeit wirkte er rastlos, zeigte wenig Interesse an den Jobs und tauchte nur noch selten im Büro auf. Laura seufzte. Sie wusste, wie sehr Marek sich bemühte, ein geregeltes, normales Leben zu führen. Er wollte sein Team nicht im Stich lassen. Aber sie machte sich nichts vor. Lange würde er es nicht mehr aushalten, dieses tägliche Bad im Trivialen, im immer Gleichen. Er brauchte die Herausforderung, die Gefahr, den Adrenalin-Kick wie die Luft zum Atmen. Irgendwann würde er gehen. Und sie würde ihn nicht aufhalten können. Aber sie konnte sich darauf vorbereiten. Sie musste Verstärkung finden. Einen Detektiv, der die Lücke ausfüllen konnte, die Marek hinterlassen würde.
Und das möglichst bald.
4
Eine Stunde später hörte Laura die Türklingel, dann gedämpftes, erregtes Gemurmel und Schluchzen im Vorraum. Doch erst nach einer Weile bewegte sich die Klinke der Bürotür und zwei Mädchen schoben sich in den Raum: Gilda, die die Haare oben auf dem Kopf zu einem wilden Dutt geschlungen hatte, und dahinter ein molliges Wesen mit verweintem Gesicht, Kopftuch und maritimem Ringel-T-Shirt, das mindestens zwei Nummern zu klein war. Die Linien, eigentlich als Querstreifen gedacht, wanderten in abenteuerlichen Bögen über einen üppigen Busen und darunter liegende Rollen und Dellen. Die Nase lief, die schwarzen Augen sahen Laura misstrauisch an.
„Guten Morgen, immer herein.“ Laura erhob sich und setzte ein munteres Lächeln auf. „Sie müssen Gildas Schulfreundin sein.“
Gilda zog die Besucherin vollends in den Raum. „Das ist Merve, eine frühere Klassenkameradin. Soll ich dir noch einen Kaffee holen?“
„Danke, das mache ich gleich selbst. Wollt ihr euch setzen?“ Laura wies auf die hellblauen Besuchersessel.
Ihre Assistentin warf einen fragenden Blick auf die Bekannte, dann zuckte sie die Achseln. „Merve, möchtest du uns beauftragen? Du musst nicht mit uns sprechen. Du bist freiwillig hier.“
Die junge Frau schluchzte und wischte sich mit plumpen Fingern durch das Gesicht. Über ihrem Arm hing ein schwarzer Mantel, von dem ein strenger Geruch ausging, der sich schnell im ganzen Raum verbreitete. Laura verspürte einen Anflug von Übelkeit. Das Mädchen sagte keinen Ton, schniefte vor sich hin und schien sich immer tiefer in ihr Kopftuch und den Panzer aus Speck zurückzuziehen.
Laura bekämpfte die Gereiztheit. Es kam vor, dass Klienten plötzlich unschlüssig wurden. Und auch, dass sie weinten. Vor allem Frauen. Fast jedem Auftrag, den sie erhielten, war aufseiten des Auftraggebers eine Phase des Kummers vorausgegangen. Aber es machte einen Unterschied, ob ein schöner, sympathischer Mensch weinte oder ein mürrisches Teiggesicht, das den Mund nicht aufkriegen wollte und streng roch. Laura wusste, wie unfair die Gedanken waren, und bemühte sich, den Anflug von schlechtem Gewissen mit aufgesetzter Freundlichkeit zu kompensieren.
„Kann ich etwas für Sie tun? Nehmen Sie sich Zeit. Möchten Sie ein Stück Schokolade? Ist gut für die Nerven. Oder einen Kaffee? Verdammt noch mal!“
Laura fing Gildas verwirrten Blick auf, verzog einen Mundwinkel und zuckte mit den Schultern. Ihr Büro roch sauer nach Mensch, das Mädchen war bockig wie ein Esel, sie hatte ihr Bestes versucht. Sie sprang auf, ging zur Flügeltür, rüttelte an den alten Griffen, bis sie aufsprang, und sog tief die warme Sommerluft ein.
„Merve“, Gilda probierte es auf die sanfte Tour. „Jetzt erzähl uns, was dich beunruhigt. Du kannst uns vertrauen. Wir werden dich nicht bei deinen Leuten verraten.“
„Verraten?“ Laura drehte sich um, verließ jedoch nicht ihren Posten an der frischen Luft.
Gilda setzte sich auf die Sessellehne und legte den Arm um die Freundin. Laura bewunderte sie dafür. Sie schreckte wirklich vor nichts zurück. Merve entwand sich unwillig der Umarmung und betrachtete Laura mit wässrigem Blick.
„Kommen Sie.“ Lauras Lächeln funktionierte wieder. „Entspannen Sie sich. Erzählen Sie, was Sie bedrückt. Wir kriegen das wieder hin.“ Warum bemühte sie sich so um diese Person? Auf den Auftrag waren sie nicht angewiesen. Und ihr schlechtes Gewissen war in dem Mief auch schon längst wieder verflogen.
Das Mädchen faltete die molligen Hände über dem großen Bauch. „Es ist nichts. Jedenfalls nichts Schlimmes. Mein Bruder ist verschwunden. Yasin. Aber er kann auf sich aufpassen.“
„Seit wann ist er nicht nach Hause gekommen?“
„Seit ein paar Tagen. Ich habe deshalb Freitag bei Gilda angerufen.“
„Wie alt ist er?“
„Achtzehn.“
„Ok. Das ist alt genug, um eigene Wege zu gehen. Wohnt er noch zu Hause?“
„Natürlich. Er ist nicht verheiratet.“ Merves Gesichtsausdruck drückte deutlich aus, was sie von der Frage hielt.
„War er schon mal länger weg, ohne zu sagen, wo er sich aufhält?“
„Nein. So etwas macht er nicht. Er lässt die Familie nicht im Stich. So einer ist er nicht.“
„Sind Sie Türkin?“ Laura sah ihr fest in die Augen, verbot ihrem Blick, über das Kopftuch zu wandern.
„Nein, ich bin Deutsche. Ist das wichtig? Seid ihr so asi-deutsch, dass ihr nur Aufträge von Bio-Deutschen annehmt?“
Laura ignorierte die Unverschämtheit. „Nein. Wir suchen uns die Fälle zwar aus, die wir bearbeiten, aber die Nationalität des Auftraggebers spielt keine Rolle. Wir sind ja auch ein international gemischtes Team. Ich habe das nur gefragt, um mehr Informationen über das Umfeld Ihres Bruders zu bekommen.“
Sie warf Gilda einen schnellen Blick zu, die nickte knapp. Sie würde Laura später über die Details von Merves Herkunft ins Bild setzen.
„Gibt es weitere Gründe, warum Sie sich Sorgen machen? Also außer, dass Yasin nicht nach Hause gekommen ist?“
Merve zuckte die Achseln und zwirbelte an den Enden des Kopftuchs. Mehrmals wippte sie mit dem Oberkörper, dann wuchtete sie sich aus dem Sessel. „Das hier ist ein Fehler. Ich hätte nicht kommen sollen. Wir regeln das besser unter uns.“
Bevor Laura erfreut zustimmen konnte, legte Gilda dem Mädchen die Hand auf den Arm und zog sie in den Sessel zurück.
„Lass mich erzählen. Ich kenne Yasin aus der Schule und habe einiges mitbekommen.“ Sie drehte sich zu Laura um. „Merves Bruder hatte es ziemlich schwer. Er war damals Zielscheibe von üblen Streichen. Zu Hause wurde er streng erzogen“, sie machte eine kurze Pause, sah Merve an, diese nickte widerwillig. „Nach dem Realschulabschluss hat er eine Lehre als Schreiner begonnen. Die müsste er jetzt abgeschlossen haben, oder?“
Merve schüttelte den Kopf. Sie sprach kein Wort zu viel.
„Ok, also ist er noch in der Ausbildung. Wenn ich dich richtig verstanden habe, ist er dort nicht glücklich. Das kann ich mir auch denken, er wirkte immer so sanft, weich, sensibel. Mehr Ästhet als Handwerker. Ach, schwer zu beschreiben. Jedenfalls kann man ihn sich kaum zwischen Dreck, Sägespänen, Lärm und dicken Brettern vorstellen. Aber ein Kopfmensch ist er auch nicht gerade.“
Langsam dämmerte es Laura, was Gilda andeuten wollte. „Ist er homosexuell?“
„Nein!“ Merve fauchte wie eine wütende Katze. „Sind Sie total bescheuert? Mein Bruder ist nicht schwul! Sie haben wohl einen an der Klatsche! Typisch deutsch!“ Gilda wollte wieder ihre Hand auf Merves Arm legen, doch die schlug sie weg. „Ihr seid solche Arschlöcher. Alle. Mit diesen schwachsinnigen Behauptungen habt ihr sein Leben zerstört.“
Gilda biss sich auf die Lippen und sah Laura an. „In der Schule wurde er 'schwule Sau' genannt. Sie haben ihn ständig damit aufgezogen, obwohl er sich für Mädchen interessiert hat. Mich hat er mal gefragt, ob ich mit ihm ausgehen möchte.“
„Was?“ Merve sah sie überrascht an. „Das habe ich gar nicht gewusst. Ihr hattet ein Date?“
Gilda schüttelte den Kopf und wich ihrem Blick aus.
„Du hast abgelehnt? Bestimmt, weil wir Muslime sind. Warst dir zu fein? Du kamst dir ja immer wie etwas Besseres vor. Nur weil deine Eltern ein Restaurant haben. Dabei bist du nichts weiter als eine blöde, italienische Schlampe. Eine Bitch. Gehst glatt als Deutsche durch.“
„Was soll das heißen?“ Gilda wurde auch laut. „Ich glaube, jetzt hackts. Du weißt genau, was die meisten muslimischen Jungs in unserer Schule über die Mädchen dachten, die mit ihnen ausgegangen sind: Sie haben sie für Hoes gehalten. Verachtet haben sie sie. Ausgenutzt. Ihre Witze über sie gemacht. Nackt-Videos von ihnen ausgetauscht. Denkst du, mit so jemandem gehe ich aus? Und du hast die Mädchen auch für Huren gehalten. Du bist keinen Deut besser.“
Die beiden waren aufgesprungen und standen sich wie Kampfhähne gegenüber.
„Ladies, beruhigt euch.“ Laura versuchte, die Wogen zu glätten. „Ich habe verstanden, dass Yasin schwierige Zeiten durchgemacht hat. Aber das ist jetzt vorbei. Oder hat das mit seinem Verschwinden zu tun? Vermutlich nicht. Ich nehme an, Sie haben bei seinen Freunden nach ihm gefragt?“ Sie sah Merve fest in die Augen.
Die schluckte, senkte den Kopf und nickte.
„Freunde? Hat er Freunde?“ Gilda zog eine Augenbraue hoch.
„Nun, er wird doch Freunde haben? Jeder hat irgendwelche Freunde oder Leute, mit denen man zu tun hat.“ Laura sah zu Merve, die zuckte die Achseln und wich ihrem Blick aus.
„Jungs, mit denen er etwas unternimmt?“, versuchte es Laura. Erneutes Schulterzucken.
„Kollegen, mit denen er sich gut versteht?“ Merve schaute zur Seite.
„Er wird doch irgendjemanden haben, mit dem er sich mal trifft. Was macht er denn, wenn er nicht arbeitet? Sitzt er den ganzen Tag zu Hause?“
„Nein. Er geht in die Moschee. Und zu solchen Treffen. Er verbringt dort viel Zeit. Er ist ein guter Mensch.“ Merves Stimme war leise, fast nur noch ein Flüstern.
„Yasin? Bei den Bärten? Das glaube ich jetzt nicht.“ Gilda riss die dunklen Augen auf.
„Doch. Es gefällt ihm. Sie diskutieren viel. Über den Koran. Über das Leben. Er ist gerne dort.“
„Haben Sie diese“, Laura räusperte sich, „Leute nach ihm gefragt?“
Merve nickte.
„Die wissen also nichts.“ Jedes Wort musste sie dem Mädchen aus der Nase ziehen.
„Aber er ist doch nicht radikal geworden?“ Gilda sprach aus, was auch Laura durch den Kopf spukte.
„Nein! Spinnst du?“ Merve wurde wieder laut. Doch sie klang nicht überzeugt.
Laura merkte, dass das der Punkt war, der dem Mädchen die größten Sorgen bereitete und weshalb sie zu ihnen in die Detektei gekommen war. Sie wollte Gewissheit haben, gepaart mit Diskretion. Zu den eigenen Leuten konnte sie nicht gehen, das hätte sofort die Runde gemacht. Und der Polizei konnte sie sich auch nicht anvertrauen. Der Verdacht, mit Islamisten zu sympathisieren, konnte ihrem Bruder große Schwierigkeiten einbrocken.
Am liebsten hätte sie das Mädchen fortgeschickt und nie wieder an sie gedacht. Doch so ein Thema durfte sie nicht ignorieren. Sie setzte ein Lächeln auf und legte die Handflächen gegeneinander. „Wir wollen nicht gleich den Teufel an die Wand malen. Yasin wird schon auftauchen. Wir werden uns ein bisschen umhören, dann finden wir ihn bestimmt bald.“
„Da ist noch etwas.“ Merve kramte in der Tasche, die zusammen mit dem Mantel auf ihrem Schoß lag, zog ein zerknittertes Papier hervor und hielt es ihnen unter die Nase.
„Das können wir nicht lesen. Was steht da? Hat Yasin das geschrieben?“ Gilda sah stirnrunzelnd auf die Wörter in schön geschwungener Schrift.
„Ja, das ist von ihm. Ich habe es im Papierkorb gefunden. Anscheinend hat er einen Brief schreiben wollen und auf diesem Blatt die Formulierungen entworfen. Er möchte mit jemandem sprechen, um ihn zu warnen. Er sagt, er kenne eine Person, die alles entlarven kann. So in der Art. Er hat die beiden Sätze mehrfach umformuliert.“
„An wen ist das Schreiben gerichtet?“ Laura kniff die Augen zusammen.
„Das steht hier nicht. Ich habe doch gesagt, er hat auf dem Zettel nur geübt.“
„Ok. Aber das klingt natürlich“, Laura suchte nach der passenden Formulierung, „nach einer ernsten Sache. Auch wenn wahrscheinlich nichts Dramatisches dahinter steckt. Aber es scheint Yasin wichtig genug zu sein, um seine Worte sorgfältig zu wählen. Sonst hätte er den Brief nicht vorgeschrieben.“ Sie bemerkte Merves erschrockenes Gesicht und ruderte schnell zurück: „Machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin sicher, dass es sich um etwas Harmloses handelt. Wir finden Yasin und dann kann er uns erzählen, was er sich dabei gedacht hat.“
Sie streckte Merve die Hand zum Abschied hin. „Gehen Sie bitte mit Gilda zu ihrem Schreibtisch im Vorraum, da können Sie den Auftrag unterschreiben. Und verzeihen Sie, wenn ich zu direkt bin, aber Sie kennen unsere Tarife?“
„Nein, ich dachte, ihr macht das umsonst.“ Das Mädchen zog eine Grimasse und stemmte sich aus dem Sessel. „Aus alter Freundschaft.“ Sie warf einen giftigen Blick auf Gilda.
Doch die ließ sich kein weiteres Mal provozieren, sondern lachte. „Die Preise habe ich dir schon genannt. Sowie du überwiesen hast, fangen wir an.“
5
Durch die geschlossene Bürotür drangen gedämpft die Stimmen der Mädchen, die im Vorraum miteinander redeten. Laura nahm die Handtasche aus der Schreibtischschublade und zog ein Eau de Toilette hervor. Ein paarmal sprühte sie in die Luft, dann auf ihren Hals. Der Duft war nicht billig, aber um den unangenehmen Geruch aus dem Raum zu vertreiben, war ihr jedes Mittel recht. Sie hörte die Wohnungstür ins Schloss fallen und riss die Tür zum Nebenraum auf.
Gilda sah vom Computer hoch. „Du riechst aber gut.“
„Was man von deiner Freundin leider nicht behaupten kann.“
Gilda zuckte die Achseln. „Sie sind eine große Familie und teilen sich die Waschmaschine mit den anderen Mietparteien im Haus. Diese Synthetik-Mäntel müffeln leider ziemlich schnell. Sie hat zu Schulzeiten schon so gerochen. Das kam natürlich nicht gut an bei den Mitschülern. Ich habe sie darauf angesprochen, weil ich dachte, es würde ihr das Leben in der Klasse leichter machen, wenn sie etwas dagegen unternähme. Aber sie hat gesagt, ich würde spinnen und solle mich um meinen eigenen Scheiß kümmern.“
Laura ging in die Küche, um sich Kaffee nachzuschenken. „Ihr seid merkwürdige Freundinnen. Sehr viel raue Herzlichkeit. Und die Betonung liegt auf rau“, rief sie über die Schulter.
„Wir sind keine Freundinnen. Ich habe mich nur manchmal mit ihr unterhalten oder sie gefragt, ob sie bei Gruppenarbeiten mitmachen möchte. Das ist alles. Sie war immer allein. Das hat mir leidgetan.“
Laura lehnte sich an den Türrahmen und nippte an der dampfenden Kaffeetasse. „Du bist eine Heilige. Ich hätte ihre patzige, dickfellige Art nicht lange ertragen. Und erst recht nicht den Geruch.“
„Doch, hättest du“, Gilda lächelte. „Wenn du miterlebt hättest, wie oft sie von den anderen verarscht worden ist und wie einsam sie war, dann hättest du dich auch um sie gekümmert.“
Laura nahm einen Schluck Kaffee, um sich eine Entgegnung zu sparen. Sie freute sich, dass ihre Assistentin so ein positives Bild von ihr hatte, aber sie befürchtete, dass sie es in diesem Fall nicht verdient hatte.
„Merve scheint es dir nicht zu danken.“
Gilda lachte. „Nein, tut sie nicht. Du hast recht. Ich glaube, sie verabscheut mich sogar dafür. Oft hatte ich das Gefühl, sie hat mich noch mehr gehasst als die anderen, die sie jeden Tag geärgert haben. Bei denen hatte sie wenigstens einen Grund, auf sie sauer sein zu können. Ich bot ihr keine Angriffsfläche. Im Übrigen riecht sie nicht so schlimm. Du hast nur deine empfindlichen Tage, an denen du an allem herumschnupperst wie ein Hund, der einen Knochen wittert.“
Laura lachte. „Habe ich? Ist mir gar nicht aufgefallen.“ Aber es stimmte. Sie war wieder in der Phase, in der sie abgestandenes Blumenwasser quer durch die Wohnung riechen konnte, menschliche Ausdünstungen schon von weitem wahrnahm und positiv auf bestimmte Rasierwasser reagierte. Daher wohl auch die Lust, sich wieder ins Nachtleben in Köln zu stürzen und möglicherweise ein Abenteuer zu riskieren. Hormone. Fruchtbare Tage. Gut, sich dessen bewusst zu sein, dann konnte man gegensteuern. Wenn man wollte.
„Was ist mit Yasin? Kennst du ihn näher? Warum ist er wohl verschwunden?“
„Nein, ich kenne ihn nur vom Sehen. Er war in der Schule zwei Klassen unter mir. Kleinere Jungs beachtet man nicht. Ich wusste nur, dass er Merves Bruder war. Dass er mich gefragt hat, ob ich mit ihm ausgehen will, lag wahrscheinlich daran, dass ich als Einzige nett zu seiner Schwester war. Aber ich war viel zu alt für ihn.“
„Manche Männer stehen auf ältere Frauen.“
„Er war damals fünfzehn. Das geht kaum als Mann durch.“
„Geschenkt. Was ist er für ein Typ?“
„Er ist ok. Eigentlich ganz süß. Sollte man nicht glauben, wenn man Merve so sieht. Immer gepflegt, gute Figur, fast ein bisschen zu schmal. Schöne Augen mit langen Wimpern. Und coole Klamotten. Nicht gerade die teuersten Marken, aber er hat ein Gefühl für Stil.“
„Das klingt nicht nach jemandem, der gemobbt wird. Wobei das ja Quatsch ist“, verbesserte sich Laura hastig, „jeder kann Mobbing-Opfer werden. Die Klugen, die Dummen, die Schönen, die Hässlichen. Das weiß ich.“
Gilda nickte. „Stimmt. Frag mich, ich kenne mich da aus. Eine Zeit lang war ich selbst Zielscheibe solcher Aktivitäten. Mobbing war an unserer Schule ganz großer Sport.“
Laura musterte das hoch aufgeschossene, grazile Mädchen mit den dunklen Bambi-Augen und dem strahlenden Lächeln.
„Doch, glaub mir, ich war auch Opfer. Was denkst du, warum ich so gut mit Computern umgehen kann? Es war eine wunderbare Möglichkeit, mich zurückzuziehen. Und mich zu wehren, wenn sie über mich in den Chatrooms herzogen. Aber es macht mir natürlich auch unheimlich viel Spaß.“
„Apropos Spaß“, hakte Laura ein, „offiziell weiß ich ja von nichts. Aber inoffiziell sage ich dir hiermit ausdrücklich: Ab jetzt gibt es keine krummen Computer-Recherche-Touren mehr. Unsere Detektei ist mittlerweile so bekannt, dass jemand auf die Idee kommen könnte, hinter uns herzuspionieren, um herauszufinden, welch genialen Schachzügen wir die spektakulären Ermittlungserfolge verdanken. Du bist nicht die Einzige, die mit dem Computer umgehen kann. Ich darf gar nicht darüber nachdenken, was passiert, wenn uns jemand auf die Schliche kommt. Das wäre ein Desaster. Für uns alle.“
Gilda nickte brav. „Ist ok. Mach dir keine Sorgen, es kommt uns keiner drauf.“
Ihr zufriedenes Lächeln gefiel Laura nicht. Trotzdem beließ sie es dabei. „Zurück zu Yasin. Du bist so andeutungsvoll. Was hast du mir bisher verschwiegen?“
„Ich denke, dass er schwul ist. Bin mir sogar ziemlich sicher. Das ist alles.“
„Das ist alles?“
„Mehr weiß ich nicht. Ich glaube, er hat mich damals nur aus Alibi-Gründen gefragt, ob ich mit ihm ausgehen möchte. Damit jeder denkt, er wäre Hetero. Er hat ein riesen Bohai darum gemacht. Seht alle her, ich habe ein Date mit einer Frau. Das hat er danach noch oft gemacht. Bestimmt, um sich seine Peiniger vom Hals zu halten. Angeblich hat er es sogar mal heimlich gefilmt, als er eine flachgelegt hat, und es überall herumgezeigt.“
„Ein Sex-Video mit einem Mädchen? Das klingt nicht sonderlich schwul. Eher nach Arschloch.“ Laura runzelte die Stirn.
„Du weißt nicht, wie sehr sie ihn davor gepiesackt haben. Es begann damit, dass sie ihn auf dem Schulhof zwingen wollten, es mit einer Klassenkameradin zu treiben. Die hat sogar freiwillig mitgemacht. So eine blöde Kuh aus seiner Stufe. Ich wollte ihm helfen, aber allein konnte ich nichts ausrichten. Sie haben mich weggeschubst, auf den Boden geworfen und da festgehalten. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie die Geschichte ausgegangen ist. Wahrscheinlich hat ihn die Schulklingel gerettet. Jedenfalls ist er noch mal davongekommen. Doch seitdem hat er sich alle Mühe gegeben, als Frauenheld aufzutreten.“
„Eigentlich unvorstellbar, dass Homosexualität ein Grund zum Mobben ist. Jedenfalls hier in der Umgebung. Köln ist direkt nebenan: Dort hat man in manchen Vierteln fast den Eindruck, dass es keine Heteros gibt.“
Gilda lachte freudlos auf. „Man merkt, dass du auf ein Gymnasium in einer guten Gegend gegangen bist. Sonst würdest du das nicht sagen. Auf meiner Realschule waren viele, die hätten mitten in Köln wohnen können, sie hätten trotzdem keine Schwulen akzeptiert. Das war ein absolutes No-Go für die. Erst recht für die muslimischen Jungs. Von denen ist sowieso keiner schwul. Das sind bloß die Ungläubigen. Haha.“
Laura stellte den leeren Kaffeebecher klirrend auf einen schmutzigen Teller im Spülbecken. „Ist das nicht ein bisschen sehr über einen Kamm geschoren? Alle Muslime sind Schwulen-Hasser? In anderen Religionen wird Homosexualität auch abgelehnt. Ich wüsste nicht, in welcher Kultur das gefeiert wird. Außer bei den alten Griechen vielleicht, da gehörte es ja fast zum guten Ton.“ Sie konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, wurde aber schnell wieder ernst. „Ich habe auch muslimische Freunde aus Schulzeiten. Die sind genauso unkompliziert und tolerant wie alle anderen Freunde. Da gibt es überhaupt keinen Unterschied. Tatsächlich müsste ich ziemlich lange überlegen, um dir sagen zu können, wer von ihnen Muslim ist und wer nicht. Religionszugehörigkeit war bei uns nie ein Thema.“
Gilda nickte. „Du hast recht. Und ich hätte das nicht verallgemeinern sollen. Aber es gab eine Gang in meiner Schule, die war total toxic. Und die hat sich auch bestimmt nicht verändert.“
„Was denkst du darüber, dass Yasin so religiös geworden ist? Und dieser Briefentwurf? Könnte es sein, dass er mit Extremisten Kontakt aufgenommen hat?“
„Ich habe keine Ahnung. Zu Schulzeiten war ihm davon nichts anzumerken. Er war nicht politisch. Und als Islamist kann ich ihn mir nicht vorstellen. Schon das Outfit würde ihm nicht gefallen, dazu ist er viel zu sehr Ästhet.“ Sie streckte die Hand mit abgespreiztem kleinen Finger aus und legte sie dann geziert auf ihr Dekolleté. „Er hat sehr auf sein Äußeres geachtet, wehe, seine Jeans bekam einen Fleck. Beim Sport immer der Letzte und wenn sich jemand das Knie aufgeschlagen hatte, kippte er gleich um, weil er kein Blut sehen konnte. Er ist bestimmt nicht zum IS gegangen, hat sich einen Rauschebart wachsen lassen, trägt einen dreckigen Kaftan und ausgetretene Schlappen, enthauptet Leute und posiert mit den blutigen Köpfen vor der Kamera.“
„Man muss ja nicht gleich übertreiben. Es gibt auch Helfer, die bei organisatorischen Sachen unterstützen, Spenden sammeln, Leute anwerben oder den Koran verteilen. Was auch immer, ich bin in der Materie nicht sonderlich bewandert. Wäre das möglich?“
Gilda zuckte die Achseln. „Wer weiß. Aber die nehmen bestimmt keinen Schwulen.“ Sie lachte, als hätte sie einen Witz gemacht.
„Jajaja“, Laura warf einen Blick auf die Armbanduhr. „Wie wäre es, wenn du den Fall übernimmst? Die Auftraggeberin ist deine Bekannte, du weißt am besten, wo man ansetzen kann, um Yasin zu finden. Falls du nicht weiterkommst, oder sich der Verdacht erhärtet, dass er ein Extremist geworden ist, müssen wir Marek mit ins Boot holen. Bei so einer heiklen Kiste gehen wir kein Risiko ein.“
6
Laura ging in ihr Büro, setzte sich an den Schreibtisch, legte die Füße hoch und schlug die erste Zeitung auf. Es war bereits Mittag, aber bislang hatte sie nicht die Zeit gefunden, die Nachrichten über den Mord in Bad Godesberg zu lesen. Am Sonntagmorgen war in der Nähe des Godesberger Bahnhofs ein Junge ermordet aufgefunden worden. Ein oder mehrere Unbekannte hatten dem Opfer in der Nacht aufgelauert und es heimtückisch aus dem Hinterhalt attackiert. Er hatte keine Chance gehabt. Nun suchte die Polizei Zeugen, die die Tat möglicherweise beobachtet hatten.
Laura spürte Unbehagen wie eine böse Vorahnung in sich heraufdämmern.
So oft war sie an dem Tatort vorbeigekommen, spät in der Nacht, oder eher am frühen Morgen, wenn sie nach einem durchtanzten Abend den letzten Zug aus Köln genommen hatte. Sie schüttelte sich. Das Opfer war ein junger Mann gewesen, keine Frau. Trotzdem nahm sie sich vor, stets etwas zu ihrer Verteidigung dabei zu haben. Ein Küchenmesser. Oder wenigstens Pfefferspray.
Die lokale Zeitung schrieb, dass es sich bei der Tat um eine Übertötung handelte. Denn auch, als es längst tot war, war noch weiter auf das Opfer eingeprügelt worden. Die Zeitung zitierte ein Mitglied der eigenen Redaktion als Experten, dass dies auf einen rauschhaften Zustand des Täters schließen lassen könnte.
No shit Sherlock.
Er führte aus, dass so ein Zustand auf Drogen zurückzuführen sein könne, möglicherweise aber auch auf übersteigerte Angst, extreme Wut oder ein durch Zurückweisung verletztes Ego. Somit könne die Tat sowohl zufällig passiert als auch eine Beziehungstat sein.
Laura seufzte und faltete die Seiten zusammen. Die Analyse hätte sie auch hingekriegt. Ohne nachzudenken.
Aber die Vorstellung, dass es eine oder mehrere Personen in Bad Godesberg gab, die zu einem Mordrausch fähig waren, war beunruhigend.
7
Es war fast Mittagszeit, als es an der Tür klingelte. Gilda angelte vom Schreibtisch aus nach der Klinke und Barbara, Lauras beste Freundin, betrat den Vorraum.
„Hi Gilda. Alles ok bei dir? Ist Laura da?“
„Ja. Sie ist in ihrem Büro.“ Gilda sprang auf, um Barbara zu begrüßen. „Wie geht es dir? Möchtest Du Kaffee? Belegte Brötchen oder ein Croissant?“
Barbara schüttelte den Kopf. „Ich habe nicht viel Zeit und bin nur auf einen Sprung vorbeigekommen, um kurz mit Laura zu sprechen. Sei mir nicht böse, ok?“
Ehe Gilda etwas erwidern konnte, stürmte Barbara in das benachbarte Büro und warf die Tür hinter sich zu. Enttäuscht sah Gilda hinter ihr her. Aus dem Nebenraum konnte sie Gemurmel hören, offensichtlich wollten die beiden Freundinnen sie bei dem Gespräch nicht dabei haben. Sie machte sich wieder an die Arbeit und starrte auf ihren Notizblock. Außer ein paar Dreiecken und Spiralen, die sie beim Nachdenken auf das Papier gekritzelt hatte, hatte sie bisher nichts zustande gebracht. Sie riss das Blatt ab, knüllte es zusammen und pfefferte es in den Papierkorb.
Wie konnte sie Yasin finden?
Der Familie einen Besuch abzustatten, war Merve nicht recht. Sie behauptete, die muslimische Gemeinschaft habe ihre eigenen Methoden, um mit Problemen fertig zu werden. Ihre Eltern würden garantiert nicht mit Gilda reden. Frühere Schulkameraden zu kontaktieren, war ebenfalls sinnlos. Yasin war schon damals nicht mit ihnen befreundet gewesen. Warum sollten sie heute wissen, wo er war? Blieben die Schreinerei, wo er seine Ausbildung machte, und sein Gebetskreis. Sie griff zum Handy und wählte Merves Nummer.
„Ja?“
„Hi, Merve, hier ist Gilda.“
„Ja?“
„Wie heißt die Firma, in der Yasin arbeitet?“
„Nemez.“
„Ok. Besitzt dein Bruder einen Computer?“
„Klar hat er einen Computer. Denkst du, wir leben hinter dem Mond?“
„Schon gut. Jetzt geh nicht gleich wieder an die Decke. Wie lautet seine E-Mail-Adresse?“
Merve nannte sie ihr, Gilda schrieb hastig mit.
„Und hat er einen Social Media Account? Also Facebook, Twitter, Snapchat oder irgendetwas in der Art?“
Merve schnaubte: „Ich weiß, was Social Media Accounts sind. Und natürlich hat er so etwas nicht. Außerdem geht dich das nichts an.“
Gilda hatte den Eindruck, dass Merve ohne ein weiteres Wort auflegen wollte. „Warte. Wo trifft sich Yasins Gebetskreis?“
„Keine Ahnung. Irgendein Café in der Nachbarschaft.“
„Wohnt ihr noch in Lannesdorf in der Nähe der Moschee?“
„Ja.“
„Und wann treffen die sich immer?“
„Weiß nicht, Mann. Drei-, viermal die Woche. Irgendwann am späten Nachmittag.“
„Kannst du mir einen Namen nennen von jemandem, der auch dorthin geht?“
„Nein. Du kriegst doch die Kohle, um das herauszufinden.“ Die Verbindung wurde unterbrochen. Gilda schaute auf das Display, Merve hatte aufgelegt.
Sie verzog den Mund und schluckte einen Fluch hinunter. Merve zahlte Geld, da war Höflichkeit anscheinend überflüssig. Die Klassenkameradin hatte ihr immer leidgetan, weil viele Mitschüler sie ignoriert oder sogar schlecht behandelt hatten. Doch mittlerweile musste man eher die Leute bedauern, die Merves Weg kreuzten.
Sie konnte wirklich gut austeilen.
8
Laura hörte die Klingel, dann eine Stimme, die ihr sehr vertraut war. Die Tür wurde aufgerissen, Barbara stürmte ins Zimmer.
„So eine Überraschung. Wieder zurück in der Heimat. Das war eine lange Tournee.“ Laura stand auf und schlängelte sich um den Schreibtisch herum.
Barbara ließ die Tasche in einen Sessel fallen und umarmte sie stürmisch.
„Holla, das nenne ich mal eine Begrüßung.“ Leicht verlegen befreite sich Laura aus der Umklammerung.
Sie trat einen Schritt zurück und begutachtete die Freundin mit zusammengekniffenen Augen. Barbara trug einen schwarzen Jumpsuit mit Spaghetti-Trägern, ein silberner Gürtel war um die Taille geschlungen. Weiße Sneakers als gewollter Stilbruch, silberne Kreolen und ein dicker Armreif komplettierten das Outfit. Doch die Freundin sah blass aus und war schmal geworden. Schatten lagen unter den Augen.
„Du siehst müde aus. War die Konzerttournee so anstrengend? Oder ist etwas passiert? Alles in Ordnung?“
„Heinolf will sich scheiden lassen“, fiel Barbara mit der Tür ins Haus und strich sich eine lockige, blonde Strähne aus der Stirn.
„Nein!“ Laura konnte sich gerade noch bremsen, herzlichen Glückwunsch zu sagen.
Sie war nie warm geworden mit dem hochnäsigen Herrn Professor, der sie bei den wenigen Malen, wo sie aufeinandergetroffen waren, nach Kräften ignoriert hatte. Es war ihr ein Rätsel, was Barbara an ihm gefunden hatte.
„Was ist passiert?“
„Er hat auf seiner Amerika-Reise eine sexy Studentin kennengelernt, die ihn anhimmelt. Das ist passiert.“
„Ok.“ Laura presste die Lippen aufeinander und überlegte, was sie als Nächstes sagen sollte.
Barbara nahm ihr die Entscheidung ab.
„Es ist in Ordnung für mich. Wir haben schon lange separate Leben geführt und waren eigentlich nur noch Freunde. Ich mache ihm keinen Vorwurf.“
„Das ist gut“, sagte Laura lahm. „Außerdem hattest du ja auch was am Laufen. Deinen Phantom-Verehrer.“
„Ja.“ Barbara hielt den Kopf gesenkt und starrte auf die kurz geschnittenen Fingernägel.
Sie hatte sich letztes Jahr in einen Mann verliebt, der sie mit kryptisch-romantischen Nachrichten bombardiert, sich ansonsten aber lange Zeit nicht zu erkennen gegeben hatte. Er war in den zweiten großen Fall der Detektei Peters verwickelt gewesen und die Romanze hätte Barbara fast das Leben gekostet. Es hatte lange gedauert, bis sie wieder auf die Beine gekommen war. Die Freundinnen hatten das Thema seitdem nicht mehr angesprochen, obwohl es immer wie ein Elefant im Raum stand.
„Wie geht es jetzt weiter? Ziehst du aus?“
„Nein, Heinolf geht in die USA. Er hat einen Lehrstuhl an einer renommierten Uni angeboten bekommen und fängt nach den Sommerferien an. Ich bleibe in der Wohnung. Oder ich suche mir etwas Neues, für eine Person ist sie ganz schön groß. Andererseits beschwert sich bei mir im Haus niemand, wenn ich Klavier übe. Und der Flügel braucht viel Platz. Ich weiß es noch nicht. Hat ja keine Eile.“
„Und du bist wirklich ok?“
Barbara nickte. „Ja, kein Problem. Etwas ungewohnt vielleicht, schließlich waren wir ein paar Jahre zusammen.“
„Kennst du seine Neue?“ Laura konnte ihre Neugier nicht zügeln.
„Ich habe sie kurz getroffen. Sie ist gerade zu Besuch in Bonn und die beiden machen die Tour durch die Universität und unseren Bekanntenkreis. Ein nettes Mädchen, sehr hübsch. Amerikanisch eben. Zahnpasta-Lächeln, braun gebrannt, exaltiert, selbstbewusst. So ein Beach-Girl. Und sehr viel jünger als er.“
„Das bist du auch.“
„Ja, aber sie ist noch viel jünger. Es war seltsam für mich, die beiden zusammen zu sehen. Sie wirkten wie Vater und Tochter.“
„Phantomas war auch wesentlich jünger als du. Da hat es dich nicht gestört.“ Laura hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Warum spielte sie ständig auf Barbaras Affäre an? Sie war doch froh, dass das vorbei war. Und warum verteidigte sie Heinolf?
„Findest du? So wild ist der Altersunterschied doch nicht.“
Dass Barbara im Präsens sprach, fiel beiden gleichzeitig auf. Mit großen Augen starrten sie sich an.
„Du hast noch Kontakt.“
Barbara zuckte mit den Schultern und wich Lauras Blick aus.
„Bist du völlig verrückt geworden? Nach ihm wird überall gefahndet. Wahrscheinlich wird dein Telefon überwacht, um ihn aufzuspüren. Die Polizei wird es nicht lustig finden, wenn sie spitzkriegt, dass du einen Kriminellen schützt. Und was glaubst du, wie sich die Zeitungen drauf stürzen werden, wenn die herausfinden, mit wem du ein Verhältnis hast? Du bist eine bekannte Pianistin.“
„So berühmt bin ich nicht. Und wir passen auf. Mach dir keine Gedanken. Das kommt nicht raus.“
„Selbst wenn du einfach nur Lieschen Müller wärest, eine Affäre mit einem international gesuchten Mafioso ist für die Presse immer ein gefundenes Fressen.“ Laura hob hilflos die Hände und verdrehte die Augen. „Warum machst du das? Das hat doch keine Zukunft? Ihr werdet niemals zusammen sein können. Das ist alles vertane Zeit und viel zu gefährlich.“
„Laura, wer braucht denn Zukunft? Wir sind glücklich, wenn wir einen Augenblick gemeinsam haben. Mehr wollen wir nicht. Und Glücklichsein ist keine Zeitverschwendung. Ganz im Gegenteil. Das sind die Momente, in denen ich mich lebendig fühle, voller Energie.“ Barbara machte eine Pause und schien zu überlegen, ob sie noch etwas hinzufügen sollte. Es blitzte in ihren Augen. „Und du bist mir die Richtige. Bist Detektivin und regst dich darüber auf, dass mein Kontakt zu Valentin gefährlich ist. Wenn ich daran denke, wie oft deine Fälle dich, das Team und mich schon in Lebensgefahr gebracht haben, kann ich mich über deine Einwände nur wundern.“
„Das bringt der Job eben manchmal mit sich.“ Laura verschränkte die Arme vor der Brust.
„Also ich riskiere mein Leben lieber für die Liebe als für ein bisschen Geld“, konterte Barbara spitz.
Die Freundinnen funkelten sich an, dann zuckte es in Lauras Gesicht.
Sie lachten gleichzeitig los.
9
Er zog den Zettel aus der Hosentasche und prüfte die Hausnummer, um sicherzugehen, dass er an der richtigen Adresse war. Mit zusammengekniffenen Augen musterte er den alten Kasten und den zugewachsenen Vorgarten. Sein Auftrag war es, die Büsche zurückzuschneiden und den Grünmüll abzutransportieren. Der Lohn war nicht üppig. Aber er hatte Glück gehabt, den Job bekommen zu haben, und er würde ihn gut machen. Er brauchte das Geld. So dringend. Vor einem Monat war er nach Bonn zurückgekehrt. In die Stadt, in der er geboren war. Und die er vor zwei Jahren verlassen hatte in der festen Absicht, sein Leben und eine neue Weltordnung woanders aufzubauen und nie mehr zurückzukehren.
Er drückte die Klingel der Erdgeschosswohnung.
Das Erste, was ihm an der jungen Frau, die die Tür öffnete, auffiel, waren die nackten, gebräunten Beine. Und die langen, glänzenden Haare.
Lange Haare, an denen sie die kreischenden Frauen hinter sich her durch den Staub schleiften.
„Ich soll den Vorgarten in Ordnung bringen.“ Er vermied es, ihr in die Augen zu blicken, trat von einem Bein auf das andere.
„Perfekt! Kommen Sie, ich zeige Ihnen, was zu tun ist und wo die Gartengeräte stehen.“ Ihre Stimme klang wie bunte Glasmurmeln, die gegen Sand gerieben wurden. Und sehr vertraut.
„Gilda?“
„Ja...?“ Sie musterte ihn, suchte in seinen Augen nach dem Wiedererkennen.
„Hassan. Von Facebook. Wir sind ewig befreundet. Und haben dieselben Partys besucht.“
„Hassan ...“
Er spürte ihren Blick auf seinem Gesicht, sah, wie die Erinnerung in ihr dämmerte.
„Sorry, klar, Facebook. Ich glaube, ich war damals mit jedem in Bonn befreundet. Aber das haben ja alle so gemacht. Jetzt benutzte ich es fast gar nicht mehr. Ich weiß noch, die Partys in der Stadthalle. Und Karneval. Aber du bist ... erwachsen geworden.“ Ihr Lächeln war freundlich und ohne Arg.
Er erwiderte nichts.
Doch er war ihr dankbar, dass sie sich so zurückhaltend ausdrückte. Er wusste, wie er aussah. Und es war nicht die Narbe, die dunkelrot seine Stirn in der Mitte spaltete, die den nachhaltigsten Eindruck machte. Es waren seine Augen. Die mehr gesehen hatten, als ein einzelner Mensch ertragen konnte. Gilda hatte recht, er war erwachsen geworden. Seine Seele war in den zwei Jahren so gealtert, dass sie nur noch nach Ruhe dürstete.
„Wir haben uns lange nicht gesehen.“ Sie strahlte ihn an. Neugierig. Fragend.
Er zuckte die Schultern. „Ich bin ins Ausland gegangen. War einige Zeit weg.“
„Es ist gut, etwas von der Welt zu sehen. Das habe ich auch gemacht. Ich habe auf Ibiza gejobbt. Das war eine tolle Zeit. Wo warst du?“
Gleißende Sonne, zerstörte Häuser, kein Ort, an dem man Urlaub machte. Eine Welt mit anderen Regeln, anderen Machtverhältnissen, ein anderer Planet.
„Bin ein bisschen rumgekommen.“ Er konnte darüber nicht reden, schaute zur Seite.
„Davon musst du mir unbedingt mal erzählen. Komm mit.“ Sie legte eine Hand auf seinen nackten Arm.
Er zuckte zurück, als hätte er einen Stromschlag erhalten, doch sie schien sich nichts dabei zu denken. Lächelnd winkte sie ihm zu, ihr zu folgen, und lief vor ihm auf einem schmalen, von Büschen zugewucherten Weg um das Haus herum in den Garten.
„Heute scheint der Tag der früheren Freunde und Bekannten zu sein. Eben war meine Schulkameradin Merve bei uns. Die habe ich auch ewig nicht gesehen. Die kanntest du doch auch, oder? Erinnerst du dich an sie?“ Gilda lächelte ihm über die Schulter gewandt zu.
„Klar.“
„Bist du in Kontakt mit ihr? Und mit Yasin?“
„Nein. Du bist die Einzige, die ich, seit ich wieder hier bin, getroffen habe.“ Er wehrte einen Zweig ab, der auf ihn zuflitschte, ohne den Blick von ihrem Po in den knappen Shorts zu wenden.
Frauen, die sich nicht verhüllten, die den Blickkontakt suchten. Alles Huren, die zu ihrem eigenen Besten aufgegriffen werden mussten. Und bei denen es nicht zählte, was man ihnen antat.
Er presste die Faust an die Stirn, um den Gedanken zu verscheuchen. Gilda war ein nettes Mädchen, er hatte sie immer respektiert. Gemocht. Sie war nicht so.
Keine Frau war so.
Sie drehte sich zu ihm um und lächelte. „Im Schuppen findest du alles, was du brauchst: Gartenscheren, Rechen und Besen. Vielleicht sogar Handschuhe.“
Er trat in die geöffnete Tür des Gartenhäuschens und sah sich um. Geräte, ein Grill, Säcke mit Erde, alles im wilden Durcheinander. Sein Blick blieb an der Axt hängen. Er griff danach, ohne es zu wollen. Seine Finger umschlossen das glatte Holz des Stils, glitten automatisch in Position.
Und katapultierten seine Gedanken in die Vergangenheit zurück.
10
Gilda holte den Laptop und ging durch die Küche auf die kleine Veranda. Im Vorgarten konnte sie Hassan hören, der mit der Heckenschere die Büsche stutzte. Hätte er ihr nicht gesagt, wer er war, hätte sie ihn nicht wiedererkannt. Dieser verschlossene, düstere Mann mit den traurigen Augen hatte keine Ähnlichkeit mit dem Jungen, der gerne lachte, Unsinn im Kopf hatte und ständig redete. Er wirkte, als wäre er in eine Zeitmaschine gestiegen, die ihn in den Jahren seiner Abwesenheit um ein ganzes Leben hatte altern lassen.
Die Sonne schien grell, doch das Vordach und die dichte Krone des mächtigen Walnussbaums spendeten angenehmen Schatten. Sie setzte sich in den knarzenden Korbstuhl, streifte die Sneakers ab, stemmte die nackten Füße gegen das Geländer und startete die Suche nach Yasin. Laura hatte illegale Abkürzungen bei der Computerrecherche zwar untersagt, doch dieser Fall gehörte sicher zu den Ausnahmen. Yasin war im Prinzip ein Freund und seine Schwester hatte sie beauftragt.
Niemand würde sich beschweren.
Im Postfach seines Mail-Accounts sprangen ihr Nachrichten der schwulen Dating-Seite GayDarling ins Auge. Hatte sie es doch gewusst. Sie klickte auf eine Mail, folgte dem Link und sah sich seinen Account an. Yasin war ein hübscher Kerl, dementsprechend viele Anfragen hatte er erhalten. Auf den Fotos, die er veröffentlicht hatte, posierte er in engen Boxer-Shorts und Sonnenbrille.
Das war wesentlich mehr Kleidung, als die Interessenten, die ihm geschrieben hatten, auf ihren Bildern trugen.
Etwas Weiches strich kitzelnd unter ihren nackten Beinen entlang und ließ sie hochschrecken: Der schwarze Nachbarskater war auf die Veranda gekommen und wollte Aufmerksamkeit. Vermutlich, um im Schatten ein bisschen zu dösen, auf jeden Fall aber, um eine Leckerei abzuholen. Gilda stellte den Laptop auf den verschnörkelten Metall-Tisch. Das verrostete Ungetüm stammte noch von den Vormietern und an vielen Stellen war die Farbe abgeplatzt. Sie hatte es schon längst entsorgen wollen, aber Laura war dagegen. Sie hatte gewitzelt, dass es keinen Unterschied zu einem teuren Shabby Chic Designer Möbel gab. Gilda schlüpfte in ihre Sneakers, umrundete das Haus und sah nach Hassan, der im Vorgarten einen großen Haufen aus Zweigen und Ästen zusammengerecht hatte. Sein T-Shirt klebte an seinem Körper und der Schweiß lief ihm das Gesicht hinunter. Er arbeitete wie ein Verrückter und war so vertieft, dass sie mehrmals seinen Namen rufen musste, bis er sie bemerkte.
„Unglaublich, Hassan. Das sieht ja schon fast fertig aus. Du hast ein ganz schönes Tempo vorgelegt.“
Er richtete sich auf und kniff die Augen gegen die Sonne zusammen, als er sie ansah. Ihr Lob schien ihm nichts zu bedeuten. Seine Miene blieb unbewegt, er wartete ab.
Gilda malte mit dem Schuh Linien in den Kiesweg. „Ich wollte dich fragen, ob du etwas zu trinken möchtest. Cola oder ein Wasser?“
Er schüttelte den Kopf. Sein Blick wich ihr aus. Warum wollte er sie nicht ansehen? Früher hatten sie herumgealbert, Witze gemacht.
Was war geschehen, dass er sich so verändert hatte?
Gilda verharrte einen Augenblick unschlüssig, dann gab sie sich einen Ruck, machte kehrt und ging durch den Garten in die Küche. Dort füllte sie ein Schälchen mit verdünnter Milch und stellte es der Katze hin, die maunzend um ihre Beine strich. Sie bückte sich und strich über das seidige Fell.
„Du freust dich wenigstens, wenn ich dir eine Erfrischung anbiete. Nicht wie dieser komische Hassan. Irgendwas stimmt nicht mit dem“, murmelte sie vor sich hin. Dann griff sie sich ein Wasser und den Notizblock und setzte sich wieder auf die Terrasse.
Yasins Account war eine wahre Fundgrube. So wenig Kontakte er im richtigen Leben zu haben schien, so viele hatte er im Internet.
Die Plattform-Nutzer verwendeten natürlich nicht die richtigen Namen, doch das bereitete Gilda kein Kopfzerbrechen. Es würde ihr nicht schwerfallen, sie herauszufinden. Die Fantasie bei der Namensgebung schien grenzenlos, genauso wie bei der Beschreibung der eigenen Vorzüge. Auch die Fotos schienen häufig geschönt, wenn nicht sowieso nur das vermeintlich einzig wichtige Körperteil abgebildet war.
Sie musste schmunzeln.
Immerhin war es den schwulen Männern wichtig, sich von der besten Seite zu präsentieren. Sie hatte bei den Internet-Recherchen genügend Bilder ungepflegter Hetero-Männer gesehen, die sich aus dem ungünstigsten Winkel geknipst hatten und trotzdem überzeugt waren, ein Gottesgeschenk für jede Frau zu sein. Wenigstens konnte man sie um ihr Selbstbewusstsein beneiden.
Gilda sah sich die Chatverläufe an. Yasin hatte nur wenigen überhaupt geantwortet. Sie war überrascht, wie schnell es zur Sache ging und wie schonungslos offen. Meist kam nach dem ersten Hallo bereits eine Aufzählung der Vorlieben und die Frage nach dem Wann und Wo.
Sie verspürte eine gewisse Erleichterung, dass ihr früherer Schulkamerad die Treffen anscheinend abgelehnt hatte. Er hatte sich in der Schule zwar als harter Kerl gegeben, aber sie hatte immer gespürt, dass er sehr sensibel war. Hoffentlich fand er jemanden, der ihn wirklich mochte und ihn nicht nur ausnutzen wollte.
Ein Mann, der sich LifeGoals78 nannte, war besonders hartnäckig. Er hatte immer wieder nachgefragt, Yasin bedrängt und Penisbilder geschickt. Ein Nein schien er nicht zu akzeptieren. Yasin hätte ihn blockieren sollen. Der Kerl war wirklich aufdringlich. Gilda ging auf sein Profil. Er schien die harte Gangart zu bevorzugen. Er war tätowiert, die Fotos zeigten ihn in schwarzen Lederhosen, Bikerboots und nacktem Oberkörper oder ganz ohne Kleidung. Aber immer ohne Gesicht. Sie notierte sich seinen Nutzernamen und schickte den Befehl an den Printer auf ihrem Schreibtisch, um die Fotos zu drucken. Sie würde später nach ihm suchen. Dann wechselte sie zurück zu Yasins Profil und blockierte den Stalker.
Es fühlte sich gut an.
Sie lehnte sich in ihrem Gartenstuhl nach hinten und streckte die Arme. Der Kater, der nach dem Genuss des Schälchens Milch auf der Holzbank geschlafen hatte, tat es ihr nach, machte einen Buckel und gähnte ausgiebig.
Gilda rief wieder den Mail-Account auf und scrollte durch die Nachrichten. Doch sie fand nichts mehr, was von Interesse war. Sie schloss den Laptop, strich dem Kater über den weichen Kopf und ging zurück an ihren Schreibtisch.
Aus dem Drucker ragten die Papiere mit den Torso-Bildern. Gilda zog sie heraus und legte sie zur Seite.
Dann googelte sie die Adresse der Schreinerei. Sie lag in Lannesdorf, in der Nähe der Sportanlage. Die große Moschee war nicht weit davon entfernt.
Sie konnte am Nachmittag bei der Schreinerei vorbeischauen und dann nach dem Treffpunkt des Gebetskreises suchen.
11
Es klingelte an der Tür.
Gilda sah auf die Uhr. Sie hatte zwei Stunden konzentriert am Stück gearbeitet, Laura hatte sich während der ganzen Zeit nicht blicken lassen.
Ob Barbara noch bei ihr im Büro war?
Mit ausgestrecktem Arm beugte sie sich nach vorn, betätigte den Türöffner und angelte nach der Klinke der Wohnungstür. Sie hörte die Haustür aufspringen, Schritte hallten durch das Treppenhaus. In der Tür erschien ein schlaksiger Mann in weißem T-Shirt und Jeans, ein freches Lächeln im Gesicht.
„Nico!“ Gilda grinste. „Wir dachten schon, du wärst verschollen.“ Sie riss das Blatt, auf dem sie herumgekritzelt hatte, vom Notizblock ab, zerknüllte es und warf es ihm an den Kopf.
Er hatte mit der Attacke nicht gerechnet, der Papierball traf ihn mitten auf der Stirn.
„Spinnst du?“
Er bückte sich nach dem Wurfgeschoss, um sich zu revanchieren. Doch Gilda war längst unter dem Schreibtisch in Deckung gegangen.
Sein Wurf landete auf dem leeren Stuhl.
„Alter, du musst echt an deinen Reflexen arbeiten. Jede Schildkröte ist schneller als du.“ Gilda krabbelte glucksend unter dem Tisch hervor.
Nico machte einen halbherzigen Versuch, sie zu schubsen, dann lachte er mit. „Jetzt chill mal. Begrüßt du alle Kunden so?“
„Nein. Nur Jungs, die sich bloß dann blicken lassen, wenn sie Croissants abstauben können.“
„Stimmt ja gar nicht“, er grinste breit. „Hast du denn welche?“
„Wusste ichs doch.“
Gilda hatte Nico bei dem Fall mit dem Totengräber, einem Mörder, der seine Opfer lebendig in fremden Gräbern verscharrt hatte, kennengelernt. Nico hatte damals versucht, von den Drogen wegzukommen, und war in ein Rehabilitationsprojekt geraten, das ihn fast das Leben gekostet hatte. Mit Lauras Hilfe hatte er fliehen können. Sie hatte ihn dabei unterstützt, neu anzufangen, ihm eine Wohnung und einen Job besorgt und eine Therapeutin gefunden.
Seitdem liebte er Laura.
„Was ist eigentlich mit dem Vorgarten passiert? Ich dachte schon, ich wäre an der falschen Adresse. Der Urwald ist weg.“
„Gut, oder? Ist Hassan denn schon fertig?“
„Ich habe keinen Hassan gesehen. Draußen ist niemand.“
„Dann ist er gegangen, ohne Tschüss zu sagen. Ein komischer Typ. Ich kenne ihn von Facebook und ein paar Partys, aber das ist ewig her. Da war er echt nett. Aber das hat er mittlerweile abgelegt.“ Gilda zog einen Flunsch. Dann breitete sich das Lächeln wieder auf ihrem Gesicht aus. „Und sonst, alles klar bei dir, Nico?“
„Ja, läuft.“ Nico strahlte. „Die Ausbildung ist ok und körperlich bin ich auch wieder in Form.“
„Jetzt übertreib nicht.“ Spielerisch boxte sie in seinen flachen Bauch. „Du hast etwas zugelegt. Aber es könnte mehr sein. Und Muskeln sehe ich keine. Wie wäre es mal mit ein bisschen Sport?“
Er lachte, versuchte auszuweichen und wehrte ihre Hand ab. „Tu nicht so, als wärst du meine Mutter. Wir sind gleich alt. Von dir muss ich mir nichts sagen lassen.“ Dann verdüsterte sich sein Gesichtsausdruck für einen Augenblick, „und von meiner Mutter auch nicht.“
„Schon gut. War doch nur Spaß“, lenkte Gilda ein. Sie wollte keine schlechten Erinnerungen wecken.
Nicos Familie hatte ihn, als sie von seiner Drogensucht erfahren hatte, fallenlassen und ihm seitdem jegliche Unterstützung verweigert. Er behauptete zwar, dass ihm das nichts ausmachte, aber sie glaubte ihm nicht.
„Möchtest du einen Kaffee? Oder etwas Kaltes? Schoko-Croissants liegen auf dem Küchentisch. Noch habe ich sie nicht alle vernichtet.“
„Ist Laura da?“ Hoffnungsvoll sah er auf die geschlossene Bürotür.
„Ja. Aber Barbara ist schon seit Ewigkeiten bei ihr. Obwohl sie angeblich nur kurz Zeit hat. Ich weiß nicht, ob wir sie stören können. Es scheint wichtige Themen zu geben. Immerhin ist es nicht Marek, der so lange bei ihr hockt“, flachste Gilda.
Nicos Miene verfinsterte sich wieder.
Sie wusste, dass er auf Marek eifersüchtig war. Was sie in zweifacher Hinsicht absurd fand, denn erstens lief nichts zwischen Laura und Marek, obwohl es zwischen den beiden für alle anderen spürbar funkte, und zweitens hatte Nico natürlich keine Chance bei Laura. Aus so vielen Gründen, dass es keinen Sinn machte, überhaupt nur einen aufzuzählen. Doch es war erstaunlich, wie gleichgültig ihm das war.
Gilda zog Nico in die Küche, schenkte Kaffee ein und hielt ihm die Brötchentüte unter die Nase. „Los, Croissant gefällig.“
Sie setzten sich an das runde Tischchen und kauten einträchtig vor sich hin.
„Habt ihr einen neuen Fall?“
„Wir haben immer neue Fälle. Wir sind schließlich berühmt“, witzelte Gilda.
„Ich weiß. Aber irgendetwas Besonderes? Wieder einen Mörder? Oder irgendwelche Mafia-Verbrechen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nichts dergleichen. Nur den üblichen Kram. Heute kam eine frühere Klassenkameradin von mir und bat uns, ihren Bruder zu finden. Darum werde ich mich gleich kümmern. Ich muss nach Lannesdorf in eine Schreinerei, seine Kollegen befragen. Außerdem suche ich dort nach einem Café, in dem sich sein Koran-Gesprächskreis trifft.“
„In Lannesdorf? Gibt es da Cafés? Ich habe mich dort mal mit einem Kumpel getroffen, aber wir haben nur eine ziemlich langweilige Kneipe gefunden.“
„Keine Ahnung. Zuerst gucke ich im Internet, dann fahre ich die Gegend um die Moschee mit dem Fahrrad ab.“
„Er ist Muslim?“
Gilda nickte. „Ja. Und er scheint in der letzten Zeit total religiös geworden zu sein. Seine Schwester befürchtet, dass er mit Radikalen in Kontakt steht. Außerdem hat sie Hinweise entdeckt, dass er, oder jemand, den er kennt, brisante Informationen hat. Mehr wissen wir noch nicht.“
„Brisante Informationen. Klingt irgendwie abgedreht. Was soll das denn sein?“
Gilda zuckte die Schultern und leckte Schokolade von ihrem Zeigefinger.
„Egal, das werdet ihr schon herausfinden. Aber ein Koran-Lesekreis trifft sich sicher nicht in einem normalen Café, sondern eher in einem Vereinslokal für muslimische Männer. Bei uns im Nachbarhaus ist so ein Klub. Ich wollte da mal abhängen, habe es mir aber schnell wieder anders überlegt. Die waren nicht gerade geflasht darüber, dass ich mich zu ihnen setzen wollte. Wahrscheinlich lassen sie dich als Frau gar nicht rein.“
Gilda lachte. „Quatsch. In Deutschland sind Vereine bestimmt nicht erlaubt, die öffentliche Lokale betreiben, wo Frauen nicht zugelassen sind. Das wäre doch Diskriminierung.“
Nico zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Aber selbst wenn sie dich reinlassen, ist das kein guter Ort, wo du allein hingehen solltest.“
„Wer soll denn mitkommen? Du vielleicht?“
Die Frage war nicht ernst gemeint, doch er nickte.
„Warum nicht? Oder noch besser: Ich gehe allein und suche nach dem Café. Wenn ich es finde, frage ich nach dem Bruder deiner Freundin und wenn einer ihn kennt, können wir beide uns mit ihm treffen. Du kannst in der Zeit die Schreinerei unter die Lupe nehmen. Ist das ein Plan?“
Es klang verlockend, doch Gilda schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht annehmen. Du hast genug um die Ohren, außerdem bist du Zivilist. Ich kriege das schon hin.“
„Zivilist? Barbara hilft euch oft bei euren Fällen und arbeitet auch nicht hier. Sogar Justin unterstützt euch. Warum also ich nicht? Keine Widerrede. Ich mache das. Laura hat so viel für mich getan“, sein Gesichtsausdruck bekam etwas Schwärmerisches, „ich bin froh, wenn ich mich mal revanchieren kann. Das ist das Mindeste, was ich für sie tun kann.“
12
Nico machte sich direkt auf den Weg nach Lannesdorf. Er verzichtete auf den Bus und ging zu Fuß. Von Rüngsdorf bis zur großen Moschee war es zwar ein ziemliches Stück, aber das Wetter war schön, die Vögel zwitscherten und die Bewegung tat ihm gut.
Von den Drogen wegzukommen war hart gewesen.
Er war körperlich und seelisch völlig am Ende gewesen, ein Wrack, ein Zombie. Rückwirkend wunderte er sich, woher er die Kraft genommen hatte für den Entzug. Den Willen. Die Hoffnung, dass nach der Tortur ein besseres Leben auf ihn wartete. Doch er hatte es geschafft. Zwar gab es immer noch Augenblicke, in denen der Wunsch nach einem Schuss fast übermächtig wurde, doch sie wurden seltener. Und jetzt reichte der Gedanke an Laura, um die Versuchung, sich den Drogen zu ergeben, zu verscheuchen.
Sie war eine wunderbare Frau.
Wenn sie lachte, schlugen die Schmetterlinge in seinem Bauch Purzelbäume. Wenn sie ihn anschaute, schien sie bis in sein Innerstes zu sehen. Und sie roch so gut. Eine Mischung aus Honig, Erdbeeren, Schokolade und frischer Waldluft. Ein Duft, der ihn magisch anzog.
Er wollte seine Arme um sie schlingen und sie nie mehr loslassen.
Während er vor dem Bahnübergang darauf wartete, dass der Zug durchfuhr, hing er seinen Träumen nach.
Noch war es zu früh, sie zu fragen. Noch hatte er keinen Job und körperlich war er noch nicht hundertprozentig fit. Aber er arbeitete hart daran, etwas aus sich zu machen. Und wenn es so weit war, würde er ihr sagen, dass er sie liebte.
Die Schranken öffneten sich klirrend und klappernd, er überquerte die Gleise. Der Weg bis zum Sportpark Pennenfeld war nicht mehr weit. Es wurde Zeit, sich auf den Auftrag zu konzentrieren und die Umgebung genauer in Augenschein zu nehmen. Kein Café oder Vereinsheim. Er passierte ein Fitnesscenter und einen Baumarkt, dann erreichte er die Moschee.
Nico wanderte an der trutzigen Mauer entlang, vor der hüfthoch das Unkraut auf den Fußgängerweg wucherte. Weiß gestrichene Gitter waren in regelmäßigen Abständen in den Beton eingelassen. Das Minarett überragte kaum das Gebäude aus dunklem Glas und hell verputzten Wänden, sein goldenes Dach stach wie ein spitzer Hut in den sonnigen Himmel.
Er trat an das Eisentor, umfasste zwei Metallstäbe und starrte in den Innenhof. Eine gepflasterte Einfahrt, ein mit Wiesenschaumkraut zugewachsenes Areal, geschlossene Fenster.
Der Ort strahlte Vernachlässigung und Verlassenheit aus.
Nico wusste, dass hier noch bis vor Kurzem reger Betrieb geherrscht hatte. In der Akademie waren Kinder nach saudischem Lehrplan unterrichtet worden. Und in der Moschee hatten sich Gläubige aus dem ganzen Land zum Freitagsgebet zusammengefunden.
Und es waren nicht nur friedlich gesinnte Muslime gewesen, die dort gebetet hatten.
Schon vor Jahren hatte die Presse darüber berichtet, dass sich hier Radikale getroffen hatten. Die besorgten Bürger hatten Unterschriften gesammelt, doch die Stadt hatte lange Zeit merkwürdig zurückhaltend reagiert. Mittlerweile war die Akademie geschlossen und der Betrieb der Moschee eingeschränkt worden. Allerdings wirkte das Gelände auf Nico so, als fände hier gar nichts mehr statt. Niemand schien sich mehr zu kümmern, keiner war zu sehen.
Doch man hatte ihn bemerkt.
Plötzlich öffnete sich die Tür des Gebäudes, ein untersetzter Mann in zerknittertem Hemd, schwarzer Hose, ausgetretenen Sandalen eilte auf ihn zu.
„Was willst du?“
Nico wusste nicht, was er antworten sollte. Statt sich vorher eine Geschichte zurechtzulegen, hatte er nur an Laura gedacht. Unschlüssig trat er von einem Bein auf das andere.
„Ist die Moschee geschlossen? Hier wird wohl nicht mehr gebetet?“
Der Mann schaute ihn weiter mit zusammengekniffenen Augen an. „Manchmal. Nicht mehr oft. Bist du zum Beten gekommen?“
Nico schüttelte den Kopf. Er zog das Bild, das Gilda ihm gegeben hatte, trotzdem aus der Hosentasche.
„Kennen Sie Yasin Özgur?“
Der Mann warf einen abschätzigen Blick auf das Foto und zuckte die Schultern. Er stand jetzt direkt vor ihm, nur das Metallgitter trennte sie. Nico spürte seinen Atem, der nach Knoblauchwurst und Magensäure roch.
„Ich weiß nicht. Vielleicht habe ich ihn mal gesehen. Warum suchst du ihn?“
Der lauernde Blick verunsicherte Nico. Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück. Bestimmt waren der Mann und seine Leute häufig irgendwelchen Anfeindungen ausgesetzt und deshalb misstrauisch. In Zeiten von IS, Al Qaida und Sprengstoffanschlägen auf Weihnachtsmärkte, Konzerte und U-Bahnen machten manche Mitbürger keinen Unterschied mehr zwischen gläubigen Muslimen und Islamisten.
Trotzdem fühlte Nico sich unwohl.
„Yasin ist mein Freund.“ Er merkte, wie unglaubwürdig er klang. Aber verdammt noch mal, er war kein Detektiv und nicht geübt darin, Leute auszufragen. Auch wenn ihm das Lügen nicht schwerfiel. In seinem Vorleben hatte er es darin zur Meisterschaft gebracht, allerdings war es dabei immer um das Beschaffen von Geld, nicht von Informationen gegangen.
„Freund“, wiederholte der Mann gedehnt. Er streckte eine schwielige Hand aus, um das Foto zu nehmen, doch Nico zog es weg.
„Gibt es in der Nähe einen Treffpunkt einer Gruppe, die gemeinsam den Koran liest?“
„Es gibt viele. Wir alle lesen den Koran.“
„Aber so eine Art Café? Oder ein Vereinsheim?“
Nico fühlte den forschenden Blick auf sich ruhen, es machte ihn nervös.
Warum war der Kerl so unheimlich?
Sein Gegenüber schien die Nervosität zu spüren.
„Interessierst du dich dafür, was im heiligen Koran steht?“
Nico zuckte die Achseln, dann nickte er schnell.
„Ich kann dir ein Exemplar geben. Du liest mal darin und dann kommst du vorbei. Hier gibt es Menschen, die sich gerne mit dir darüber unterhalten. Augenblick.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, ging der Mann in das Gebäude und erschien kurz darauf mit einem Buch, das er Nico in die Hand drückte.
„Danke.“ Nico sah verlegen auf das grüne Taschenbuch.
Geschenke anzunehmen fühlte sich ungewohnt an und fiel ihm schwer. Selbst wenn es sich bei dem Präsent um Werbung handelte.
„Vielleicht komme ich mal wieder vorbei. Mal sehen.“ Er nickte, lächelte, winkte, dann wandte er sich um und ging. Zuerst langsam, dann immer schneller.
Er war froh, wegzukommen.
An der Kreuzung sah er sich um. Hinter ihm befanden sich die Moschee und der Sportpark, geradeaus und rechts begannen die Wohngebiete. Linker Hand erstreckte sich das Gewerbegebiet, in dem sich große Discounter bis zur Bahnlinie aneinanderreihten.
Nach kurzer Überlegung entschloss er sich, zuerst in dieser Richtung zu suchen.
Er startete mit der rechten Straßenseite, studierte Firmenschilder und Klingelbeschriftungen und wartete geduldig an den Einfahrten der Parkplätze, wenn Einkäufer mit ihren Autos vor ihm einscherten. Zehn Minuten später war er am Bahnübergang angelangt, vor dessen heruntergelassenen Schranken sich eine längere Schlange gebildet hatte. Nico hatte hier auch schon viel Zeit mit Warten verbracht. Die Deutsche Bahn schien der Ansicht zu sein, Hochziehen zwischen den Zügen koste nur unnötig Geld. Deshalb nahmen viele Autofahrer größere Umwege in Kauf, um die Wartezeiten zu vermeiden, oder fuhren gleich woandershin.
Nico wechselte die Straßenseite und schlenderte zurück. Sein Eifer ließ nach. Schon auf dem Hinweg hatte er gesehen, dass es dort keine Cafés gab. Einige Meter vor ihm bog eine Gruppe Männer mit bärtigen Gesichtern auf den Parkplatz eines Discounters ein. Die meisten waren in Jeans und Shirt gekleidet, doch zwei trugen die langen, luftigen Gewänder, die vor allem bei Wüstenklima gute Dienste leisteten. Sie waren etwa in seinem Alter, sahen weder rechts noch links und einige trugen Bücher unter dem Arm.
Nicos Interesse war geweckt.
Er folgte ihnen zwischen den parkenden Autos hindurch, vorbei am Eingang des Supermarktes. Hinter dem Gebäude tat sich eine weitere Parkfläche auf. Die jungen Männer überquerten gemessenen Schrittes den Platz und verschwanden in einem schmalen Weg, der beidseitig von Mauern eingefasst war. Nico schaute sich um.
Warum hatte er plötzlich so ein mulmiges Gefühl?
Um ihn herum packten Familien ihre Einkäufe in die Autos oder schoben Einkaufswagen zurück. Nichts deutete auf Gefahr hin. Warum stellte er sich jetzt so an?
In seinen Drogenzeiten hatte er die übelsten Orte aufgesucht und war vor nichts zurückgeschreckt, um an den nächsten Schuss zu kommen. Doch damals waren die Alarmsirenen im Inneren von der Sucht gedämpft worden. Und nicht immer war es gut gegangen. Manche Erlebnisse hatte er nur durch den Rausch verdrängen können.
Und bis heute vermied er es, die Erinnerungen hochkommen zu lassen, so hartnäckig seine Therapeutin auch versuchte, sie auszugraben.
Doch früher hatte er außer seinem armseligen Leben im Dreck nichts zu verlieren gehabt. Heute gab es so viel, was ihm wichtig war, wovon er träumte, worauf er hoffte. Er schüttelte das unangenehme Gefühl ab. Er musste es machen. Er wollte herausfinden, wohin die jungen Männer gingen.
Er tat es für Laura.
13
Nachdem Nico die Detektei verlassen hatte, hatte sich Gilda wieder in die Arbeit vertieft. Die Enttäuschung, dass er Laura nicht gesehen hatte, hatte sie ihm deutlich angemerkt. Was dachte er sich eigentlich? Glaubte er ernsthaft, dass er eine Chance bei ihr hatte? Aber es war rührend, dass er die Recherche-Tour übernommen hatte. Aus welchen Beweggründen auch immer.
Von außen wurde ein Schlüssel ins Schloss gesteckt, dann stand Justin vor ihrem Schreibtisch, den Schulrucksack lässig über die Schulter gehängt.
„Hey, what's up, Bro?“ Gilda streckte ihm die Faust entgegen, er tippte leicht mit seiner dagegen.
„Läuft“, antwortete er cool.
Justin war dreizehn, ein magerer, hoch aufgeschossener Junge in Hochwasser-Jeans und mit linkischen Bewegungen. Das Gesicht trug bereits die kantigen Spuren des Erwachsenwerdens, doch das treuherzige Lächeln und die Grübchen waren die eines Kindes. Seine Familie interessierte sich nicht für ihn. Der erwachsene Bruder ging seinen eigenen Weg, die meist alkoholisierte Mutter kümmerte sich in lichten Momenten nur um den Stiefvater oder um Hausfreunde, die ihr etwas zusteckten, wenn sie nett zu ihnen war.
Marek hatte Justin im Zusammenhang mit dem ersten Fall angeheuert, um bei einer Observierung zu helfen. Und er hatte den Job gut gemacht. Seitdem hatte der Junge in der Detektei eine Art Zuhause gefunden.
„Ist Marek da?“, stellte Justin die Standardfrage.
Er bewunderte den Detektiv, doch vor allem genoss er es, in dessen Abwesenheit das Büro zu benutzen und Counterstrike zu spielen.
„Nein, du hast freie Bahn.“ Sie zwinkerte ihm zu.
„Cool, dann lege ich gleich los. Die anderen sind bestimmt schon im Team-Speak und warten.“
„Hohoho“, bremste Gilda. „Wie sieht es mit den Hausaufgaben aus? Und schreibst du nicht bald eine Mathe-Arbeit?“
Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, mit ihm zu lernen, weil sie sich für ihn verantwortlich fühlte und gleichzeitig davon profitierte. Wegen einer unbehandelten Legasthenie hatte Gilda es mit Mühe bis zur Mittleren Reife gebracht. Die Eltern hatten sie nicht gefördert, sie vertraten die Ansicht, dass Mädchen vor allem im Haushalt ihre Stärken nutzen sollten. Das hatte sie verletzt. Sie war deshalb gleich nach dem Schulabschluss von zu Hause fortgegangen, hatte sich ins freie Leben gestürzt und mit Jobben durchgeschlagen. Sehr zur Enttäuschung ihrer Familie, die sie als Unterstützung für das Restaurant eingeplant hatte.
Erst als Gildas Vater ernsthaft erkrankte, war sie nach Bonn zurückgekehrt.
Barbara, die damals mit ihrem Mann zu den Stammgästen des Lokals gehörte, hatte ihr den Job bei Laura vermittelt. Seitdem hatte sich ihr Leben verändert. Die Arbeit in der Detektei machte ihr Spaß und hatte ihr das Selbstvertrauen gegeben, mit der Abendschule anzufangen, um das Abitur nachzumachen. Da war es eine gute Übung für sie, mit Justin die Hausaufgaben zu machen.
„Wir haben nichts auf. Und gelernt habe ich schon.“ Justin sah unschuldig aus wie ein Engel.
Gilda runzelte misstrauisch die Stirn, nickte dann aber gnädig.
Strahlend verschwand er in Mareks Büro, kurz darauf hörte sie ihn die Calls an die Team-Kameraden brüllen. Belustigt setzte sie gegen den Lärm die Kopfhörer auf und wandte sich dem Computer zu.
Lauras Sorge, dass sich ein Fremder ins Firmennetz stehlen, in den Dateien umsehen und ihr auf die Schliche kommen könnte, hielt sie für übertrieben. Trotzdem ging es ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie wollte sichergehen, dass alles in Ordnung war. Für die Recherche-Touren außerhalb der Legalität nutzte sie zwar immer den privaten Laptop, das Dark-Net oder fremde WLANs, doch man konnte nie wissen. Einen guten Hacker, der sich nur umsah, entdeckte man nicht durch Zufall. Man musste gezielt nach ihm suchen.
Konzentriert analysierte sie die Zahlen von Prozessen. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sie prüfte, wann Dateien und Festplatte zuletzt aktiv gewesen waren. Und hatte schließlich die bittere Gewissheit: Jemand war ins Netzwerk eingedrungen und hatte vor allem die Personal-Unterlagen unter die Lupe genommen.
In Gilda stieg kalte Wut auf.
Sie griff nach dem nächstbesten Kuli und pfefferte ihn an die Wand. Wie hatte sie so selbstgefällig sein können? Was sie fertigbrachte, war auch für andere kein Hexenwerk. Jeder Noob konnte die Anleitungen im Internet zum Hacken befolgen. Das war schon lange kein Geheimwissen mehr.
Sie knabberte an einem Fingernagel und dachte fieberhaft nach.
Laura würde einen Anfall kriegen.
Und bestimmt denken, dass es ihre Schuld war, dass sie gehackt worden waren. Aber sie konnte nichts dafür. Sie musste jetzt Ruhe bewahren und überlegen, was zu tun war.
Zuallererst würde sie den Hauptrechner putzen. Alle wichtigen Dateien jeden Abend offline stellen. Da hätte sie sich längst drum kümmern sollen.
Jetzt war es zu spät.
Immerhin war es ein Leichtes, die IP-Adresse des Hackers herauszufinden. Doch um wen es sich handelte, wollte sie erst heute Abend von zu Hause aus überprüfen. Sie durfte keinen Fehler mehr machen.
Gilda zog den Laptop aus dem großen Nylonrucksack, der unter dem Schreibtisch stand, und schaltete ihn ein. Hatte der Kerl auch ihre Privatdateien durchschnüffelt?
Er hatte.
Sie verwischte nach Recherchen immer sorgfältig alle Spuren, doch selbst kleinste, noch so unwichtig erscheinende Informationen konnten verräterisch sein, wenn jemand etwas Bestimmtes suchte. Der Eindringling hatte sich das Adressbuch angesehen. Damit besaß er die Kontaktinformationen ihrer Familienmitglieder und Freunde. Sie war ein offenes Buch für ihn.
Gilda packte wieder die Wut.
Sie sprang so heftig auf, dass der Stuhl nach hinten kippte und in die Tür des Wandschranks krachte. Ungeduldig riss sie sich das Headset herunter und stapfte in die Küche. Sie brauchte erst mal eine Cola, um herunterzukommen und dabei die Optionen zu prüfen.
Mareks Bürotür flog auf. „Alles in Ordnung? Bist du hingefallen?“
Justin sah mit den riesigen Kopfhörern aus wie eine besorgte Mickey Mouse. Eine Welle von Zärtlichkeit durchflutete sie. Sie lächelte beruhigend und fühlte sich schon viel besser.
„Alles ok, nichts passiert. Ich bin nur etwas zu schnell aufgestanden, da ist der Stuhl umgekippt.“
Justin kniff die Augen zusammen, dann nickte er, drehte sich um und verschwand wieder in seiner Gamerhöhle.
Gilda lehnte sie sich mit dem Glas in der Hand aus dem geöffneten Küchenfenster und starrte in den Rosenbusch, der direkt vor dem Fenster wucherte. Die Sonne schien warm, Bienen summten auf der emsigen Suche nach Nektar. Dieser Ort war ein Refugium, in dem sie sich sicher und aufgehoben fühlte. Doch der virtuelle Eindringling warf den kalten Schatten kommenden Unheils in das Idyll. Er verfügte über alle Informationen. Sie musste herausfinden, wer er war und was er im Schilde führte.
Die Situation war gefährlich.
14
Laura und Barbara hatten sich noch kurz unterhalten. Dann war die Pianistin mit der hastigen Entschuldigung, dass sie noch viel erledigen müsse, aufgesprungen und durch den Garten verschwunden.
Die Detektivin blieb an ihrem Schreibtisch zurück und widmete sich der Post. Die Rechnungen sortierte sie auf einen gesonderten Haufen, damit sie sie später prüfen konnte. Als sie nach der Tasse greifen wollte, stieß sie gegen den Stapel, die Papiere segelten vom Schreibtisch.
Dabei bemerkte sie, dass das Bild von ihrem Großvater, das sie mit ihm am ersten Tag ihres Studiums gemacht hatte, nicht an seinem Platz stand.
Nachdenklich ließ sie den Blick wandern.
Es schien ihr, als wären auch andere Sachen nicht so, wie sie sie abgelegt hatte. Der silberne Kuli, den sie selten benutzte, lag schräg. Der Bücherstapel mit den antiquarischen Sherlock-Holmes-Ausgaben hatte nicht mehr dieselbe Reihenfolge, der Locher war ganz ans Ende des Tisches gewandert.
Irgendjemand hatte alles in die Hand genommen und woanders wieder hingelegt.
Gilda oder die anderen aus dem Team konnten es nicht gewesen sein. Sie wussten genau, wie sehr Laura es hasste, wenn etwas umgestellt wurde. Außerdem wirkte die neue Anordnung nicht unbeabsichtigt oder zufällig, sondern so, als sollte sie es bemerken. Als wollte ihr jemand die Botschaft senden, dass er da gewesen war. Dass er sich in ihrem Büro bewegt, an ihrem Schreibtisch gesessen, alle ihre Sachen berührt hatte. Sie riss die Schubladen auf, prüfte, ob etwas fehlte.
Doch alles war da.
Nur nicht am richtigen Ort.
15
Es wurde später Nachmittag, bis Gilda sich auf den Weg zu der Schreinerei machen konnte, in der Yasin angestellt war.
Laura war irgendwann aus dem Büro gekommen, mit gerunzelter Stirn und tief in Gedanken, und Gilda hatte überrascht festgestellt, dass Barbara schon lange gegangen war. Anscheinend hatte sie den Hinterausgang durch den Garten genommen. Auf ihre Frage hin, ob etwas vorgefallen sei, hatte Laura nur unverständlich vor sich hingemurmelt. Gilda war ihre geistige Abwesenheit ganz recht, so brauchte sie sich keine Sorgen zu machen, dass Laura ihr anmerkte, dass sie etwas entdeckt hatte.
Sie riss den Zettel mit der Adresse der Schreinerei vom Block, sprang auf und schwang sich die Handtasche über die Schulter. Laura erzählte sie, was sie vorhatte und wünschte ihr noch einen schönen Abend. Doch die schien kaum hinzuhören. Dann sah Gilda bei Justin rein. Der wollte wie immer nicht gestört werden und scheuchte sie mit einer genervten Handbewegung weg.
Im Vorgarten zerrte sie das Fahrrad aus einem Busch. Es hatte keinen Ständer und zum Anlehnen gab es nichts. Heute Morgen hatte der wild wuchernde Strauch den Drahtesel noch komplett verschlungen und so vor Dieben geschützt. Jetzt hatte ihm Hassan mit der Heckenschere eine akkurate Form verpasst und das Rad quasi aus ihm herausgeschnitten. Morgen würde sie wieder das Zahlenschloss benutzen müssen.
Sie schob das Rad auf den Bürgersteig und fuhr los.
Die Sonne schien noch heiß, aber es wehte ein angenehmer Wind. Sie trat kräftig in die Pedale, schaltete die Gänge hoch und flitzte durch die schmalen Straßen Rüngsdorfs. Die körperliche Anstrengung tat ihr gut und half ihr, das Unbehagen über den Hackerangriff abzuschütteln. Die wilde Fahrt wurde nur zweimal durch rote Ampeln unterbrochen, innerhalb weniger Minuten hatte sie ihr Ziel erreicht.
Die Schreinerei hatte einen großen Vorhof. Links befand sich ein Schuppen, mitten auf dem Platz stand ein roter, klappriger Transporter. Sie schob das Fahrrad am Auto vorbei, um zu dem Gebäude zu gelangen. Obwohl alle Fenster und Türen geschlossen waren, kreischten die Sägen mit empfindlicher Lautstärke. Offensichtlich wurde noch gearbeitet.
Sie lehnte das Fahrrad an die Hauswand, hier würde es ja wohl keiner klauen, und ging zum Eingang.
Die Tür war verschlossen. Das Schild mit den Öffnungszeiten informierte, dass Feierabend war. Gilda drückte die Klingel. Nichts. Kein Wunder, die Maschinen lärmten so laut, dass niemand das Schellen hören konnte. Sie wartete ab, bis das Sägen unterbrochen wurde, und klingelte Sturm.
Schritte näherten sich, aber von hinten.
„Wir haben geschlossen.“
Sie drehte sich um. Vor ihr stand ein schwarzer Mann mit Rastazöpfen bis zur Schulter. Er war gerade mal so groß wie sie und sehr schlank, fast grazil. Aber die Arme, die unter dem roten, mit Sägespänen bedeckten T-Shirt hervorkamen, waren muskulös. Er war gut in Form. Sein Alter konnte sie schwer schätzen. Es konnte alles zwischen zwanzig und fünfunddreißig sein.
Sie merkte, dass er sie musterte. Sein Blick wanderte über ihre Figur und blieb im Ausschnitt hängen.
„Grasshopper, ganz erwachsen. Siehst hot aus.“ Mit ebenmäßigen, weißen Zähnen strahlte er sie an.
„Abdou?“
„Klar, Baby. Hast du mich vergessen, ma belle?“
„Tut mir leid, aber du hast dich verändert“, lachte sie. „Früher war deine Frisur anders. Und nenn mich nicht Grasshopper. Den Namen habe ich immer gehasst.“
Sie waren bis vor ein paar Jahren Nachbarn gewesen, dann war seine Familie auf die andere Rheinseite gezogen. Aber sie hatte nie viel mit ihm zu tun gehabt. Er war einige Jahre älter als sie und hatte sie kaum zur Kenntnis genommen. Dies schien sich geändert zu haben.
„Wie geht es deiner kleinen Schwester?“
„Anisha? Good, good. Sie ist bald ready mit school.“
Gilda wusste, dass er perfekt Deutsch sprach. Er war in Bonn geboren. Aber seit er in der Pubertät seine „Black Identity“ entdeckt hatte, sprach er ein Kauderwelsch aus Deutsch, Französisch, Englisch und ein paar Brocken Wolof. Offenbar hatte er die Marotte beibehalten.
„Schön. Grüß sie ganz lieb von mir.“
„Ok. Heute Abend. Was willst du hier, Grasshopper? Ich meine: Baby? Vielleicht mit mir was trinken gehen? Ich arbeite nicht mehr lange, bald ready for take off.“ Sein Blick wanderte wieder ihren Körper hinauf und hinunter.
„Nein danke. Ich bin eine Freundin von Yasin. Ist er da?“
Sein Lächeln erstarb. „Freundin von Yasin? Er ist krank. Nicht da. Aber ich bin da, Baby.“
„Oh, das ist dumm.“ Sie ignorierte seine letzten Worte und versuchte, enttäuscht auszusehen. „Was mache ich denn jetzt?“
Er trat einen Schritt näher. „Ich kann dir helfen. Bin good friend mit Yasin.“
Sie lächelte. „Ich fürchte nein. Ich muss mit ihm persönlich sprechen. Er ist nicht zu Hause, deshalb dachte ich, ich könnte ihn hier finden.“
„Yasin ist schon ein paar Tage nicht da. Du bist nicht good friend, wenn du es nicht weißt“, fügte er augenzwinkernd hinzu.
„Ist der Chef da? Herr Nemez?“
„Nope.“ Er steckte die Hände in die Taschen der staubigen Latzhose und grinste sie an.
In diesem Augenblick bog ein älterer Mann um die Ecke. „Abdou, wo bleibst du? Denkst du, der Auftrag macht sich von allein?“
Gilda konnte das Lachen gerade noch unterdrücken, als sie Abdous enttäuschten Gesichtsausdruck sah.
„Sind Sie Herr Nemez?“
„Warum?“ Der Mann mit den dünnen Haaren und dem stattlichen Bauch im Karo-Hemd blieb stehen.
„Ich bin auf der Suche nach Yasin. Er arbeitet hier, richtig?“
„Yasin?“ Er zog sich die dicken Arbeitshandschuhe von den Händen und kam näher.
„Ja. Zu Hause konnte man mir nicht sagen, wo ich ihn finde.“
Nemez schaute seinen Mitarbeiter an: „Los, troll dich.“ Doch es brauchte noch einen Schubs gegen die Schulter, bis Abdou bereit war, zurück in die Werkstatt zu gehen.
„Yasin hat sich schon eine Weile nicht mehr blicken lassen. Ich habe keine Ahnung, wo er sich rumtreibt. Aber wenn du ihn findest, kannst du ihm ausrichten, dass er seine Sachen abholen kann. Ich brauche ihn nicht mehr.“ Zur Bekräftigung seiner Worte spuckte er auf den Boden.
„Ist das nicht ein bisschen schnell geschossen? Es gibt bestimmt einen guten Grund, warum er verhindert ist.“
Nemez schaute sie mit schmalen Augen an. „Es gibt klare Regeln. Wer krank ist, hat sich abzumelden, und wer schwänzt, wird gefeuert. So einfach ist das. Denkst du, ich kann es mir leisten, lauter Faulpelze durchzufüttern, die mir die ganze Arbeit überlassen? Er ist draußen. Punkt.“
Gilda malte mit ihrem weißen Sneaker ein paar Striche in den staubigen Boden. Die Fläche war wohl mal mit Kies bedeckt gewesen, doch mit der Zeit war nur der festgetretene Untergrund übrig geblieben. Wie sollte sie weitermachen? Sie entschied sich für Offenheit:
„Yasins Familie macht sich Sorgen. Er ist seit ein paar Tagen nicht nach Hause gekommen und das ist ungewöhnlich. Ich arbeite für die Detektei Peters. Unser Auftrag ist es, Yasin zu finden.“
Nemez glotzte sie an. Sie wusste, was er dachte.
„Du bist Detektivin? Und du meinst, dass ich dir das abnehme?“
Wortlos fingerte sie eine Visitenkarte aus der Hosentasche und hielt sie ihm unter die Nase.
Mit seinen dicken, schmutzigen Händen nahm er sie entgegen und starrte eine Weile darauf. „Detektei Peters. Habe ich schon gehört. Habt ihr nicht diesen Mörder zur Strecke gebracht, der die Leute lebendig begraben hat? Wie hieß er noch?“
„Totengräber. Ja.“
„Ein Mädel wie du nimmt es mit so einem Perversen auf?“ Er schüttelte den Kopf.
Für einen Augenblick blitzte die Erinnerung auf. Der Mond, der Friedhof, das Gefühl, wie sie mit blutenden Fingern wie wahnsinnig in der kalten, harten Erde grub, um eines der Opfer zu retten.
Sie straffte den Rücken und hob das Kinn. „Ja. Wir konnten den Fall lösen. Zurück zu Yasin. Wie ist ihr Eindruck? Hat er sich in letzter Zeit verändert oder anders verhalten? War er bedrückt? Oder beunruhigt?“
Nemez gab einen verächtlichen Laut von sich. „Das ist hier kein Kindergarten und kein Sanatorium. Ich fühle meinen Mitarbeitern nicht jeden Morgen den Puls und frage, wie die Befindlichkeiten sind. Hier wird gearbeitet und fertig.“
„Also war er wie immer?“
Nemez zuckte die Schultern. „Vielleicht nicht. Er ist sehr religiös geworden. Trug plötzlich einen Bart, verzog sich ständig zum Beten. Er wollte dafür mein Büro nehmen, aber ich hab ihm gesagt, wenn er Privatsphäre will, soll er ins Scheißhaus gehen.“
Gilda hörte nur zu, trotzdem meinte er, sich verteidigen zu müssen: „Ist doch wahr. Soll ich hier überall Kapellen einrichten? Der eine ist katholisch, der andere Muslim, der Dritte macht Voodoo. Ist mir alles egal, aber sie sollen es zu Hause machen.“
„Kennen Sie seine Freunde?“
„Der Kerl hat Freunde? Nicht, dass ich wüsste.“
„Und unter den Kollegen?“
„Auch nicht.“
„Aber sie kommen gut miteinander aus?“
Nemez zuckte wieder die Schultern. „Im Prinzip schon. Yasin ist ein ruhiger Typ. Ganz verträglich. Nur Abdou kann er nicht leiden. Für Schwarze hat er nichts übrig.“
„Ich würde gern mit Yasins Kollegen sprechen.“
„Die sind schon lange weg. Wir haben seit vier Uhr Feierabend.“
„Und Abdou?“
„Den brauche ich für einen Sonderauftrag, der kann jetzt nicht. Aber du kannst morgen um halb zehn noch mal kommen. Da haben die Jungs Pause. Die werden sich sicher freuen.“ Die letzten Worte wurden von einem anzüglichen Lächeln begleitet.
Sie bedankte sich und ging zu ihrem Fahrrad.
„Eins fällt mir doch noch ein: An dem Abend, bevor er verschwunden ist, haben ihn zwei Typen abgeholt. Die sahen ziemlich finster aus. Schwarze Haare, schwarze Bärte, Sonnenbrillen, schwarze Lederjacken. Und der eine hatte eine Tätowierung auf der Hand. Einen Löwen.“
16
Nico folgte dem unbefestigten Weg hinter dem Parkplatz und fand sich plötzlich vor einer Tür wieder, die in das Gemäuer eingelassen war. Darüber hing der Rest eines zerbrochenen Plastik-Schildes, auf dem nur noch „Kulturverein“ stand. Das Wort davor fehlte. An der Mauer war die Zahl Zweiundsiebzig aus Metall angebracht, vermutlich die Hausnummer. Sprayer hatten daneben das Wort Jungfrauen in rot verlaufenen Buchstaben an die Wand geschrieben. Der klägliche Versuch, das Wort mit Schwamm und Wasser zu entfernen, ließ es wie ein blutiges Massaker aussehen und hatte es noch auffälliger gemacht.
Ohne weiter nachzudenken, betätigte er die altmodische Klingel. Schlurfende Schritte näherten sich, durch den Türspalt sah ihn ein Mann mit runzligem Gesicht und Bart fragend an.
„Hi, ich bin Nico. Kann ich bei Ihnen einen Kaffee bekommen? Bitte?“ Aus alter Gewohnheit hatte er den Kopf schief gelegt, große Augen gemacht und ein treuherziges Lächeln aufgesetzt. Wie oft hatte er in seinen dunkelsten Zeiten die Leute so angebettelt.
Gelernt war gelernt.
„Hier?“
Der Mann wirkte unschlüssig. Es kam bestimmt nicht oft vor, dass Fremde klingelten, die auch noch erkennbar nicht-muslimisch waren. Nico schob sich unmerklich nach vorn. Der alte Mann wich vor ihm zurück, dann entschied er sich schließlich, Nico hereinzulassen. Er führte ihn durch den schäbigen Innenhof, in dem ein paar ramponierte Gartenstühle standen und viel Unkraut wuchs, zu einem kleinen Haus.
Im unteren Geschoss gaben große Fenster den Blick auf einen Raum mit vielen Tischen frei. Nico folgte dem Mann in das Vereinsheim und stellte überrascht fest, dass fast alle Plätze besetzt waren. Es waren bestimmt fünfundzwanzig bis dreißig Leute anwesend, alles Männer, die meisten bärtig, viele mit traditionellen Hemden bekleidet.
Er nickte schüchtern in die Runde. „Guten Tag.“
Einige Männer grüßten zurück, viele starrten ihn nur an.
Nico folgte dem alten Mann zu einem Ecktisch, ließ sich auf einen Stuhl fallen und sah sich um. Auf den Tischen lagen bunte Tischdecken, die Wände waren in einem freundlichen Zitronengelb gestrichen, an der Wand neben der Tür hing die gerahmte Fotografie einer Moschee.
Nico hatte schon beim Hereinkommen gesehen, dass Yasin nicht hier war. Aber vielleicht lohnte es sich, zu warten.
Eine laut diskutierende Gruppe junger Männer weckte seine Aufmerksamkeit.
Zwei von ihnen trugen schwarze Lederjacken und Sonnenbrillen, die übrigen waren mit Jeans und Hemden bekleidet. Sie gestikulierten wild, einige von ihnen waren vor Erregung sogar aufgesprungen. Nico verstand die Sprache nicht, aber die Situation beunruhigte ihn. Es war ihm nicht entgangen, dass sie immer wieder zu ihm herübersahen. Die Gruppe hatte sich so in Rage geredet, dass selbst die älteren Männer an den anderen Tischen die Gespräche unterbrochen hatten und hinübersahen. Der Mann, der Nico hereingelassen hatte, ging zu dem Tisch und zischte ein paar Worte. Was auch immer er gesagt hatte, es wirkte.
Ruhe kehrte ein.
Um die Blicke der Gäste zu vermeiden, starrte Nico durch das Panoramafenster in den Garten und überlegte, wie er weiter vorgehen sollte. Plötzlich stand der Mann, der das Café betrieb, vor ihm und stellte ein Glas mit Tee auf den Tisch. Er bedankte sich und zog die Aufnahme von Yasin hervor. „Kennen Sie diesen Mann?“
Der Alte schüttelte den Kopf, nahm das Bild trotzdem und studierte es. Dann schlurfte er zu der Gruppe junger Männer und warf ihnen das Foto auf den Tisch.
Das Gespräch verstummte schlagartig.
Obwohl keiner von ihnen das Bild berührte, hatte Nico den Eindruck, dass alle wussten, wer darauf abgebildet war.
Die beiden Lederjacken setzten ihre Sonnenbrillen ab und starrten ihn an.
Бесплатный фрагмент закончился.
