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Otto Kallscheuer

ZUR ZUKUNFT

DES ABENDLANDES

Essays


Otto Kallscheuer, 1950 im Rheinland geboren, Politikwissenschaftler und Philosoph, derzeit Professor an der Universität Sassari, lebt in Sardinien und Berlin. Freier Autor u. a. für die FAZ, die NZZ, DIE ZEIT; Forschung und Lehre u. a. an der Freien Universität Berlin, dem Institute for Advanced Study Princeton, New Jersey; letzte Buchveröffentlichung: »Die Wissenschaft vom lieben Gott«. (2006).

Reihe zu Klampen Essay,

herausgegeben von Anne Hamilton

© 2009 zu Klampen Verlag · Röse 21 · D-31832 Springe

info@zuklampen.de · www.zuklampen.de

Satz: thielenVERLAGSBÜRO, Hannover

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

Umschlag: Matthias Vogel (paramikron), Hannover,

unter Verwendung eines Fotos

von Lucky Dragon - Fotolia.com

ISBN 978-3-86674-210-9

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über ‹http://dnb.ddb.de› abrufbar.

Inhalt

Cover

Titel

Der Autor

Impressum

I. VORWORT

II. BYZANZ UND SEINE TRÜMMER

Von der Kehrseite des Abendlandes

Ägäische Kreuzfahrt

Partitio Romaniae

Das christliche Rom

Der Grundwiderspruch von Byzanz

Herbst der Patriarchen

Translatio Imperii

Autokephale Wendehälse

Symphonie und Autokratie

Leib und Seele

III. DREI REICHE – WIE VIELE ZIVILISATIONEN?

Rückblicke auf das Ende der Geschichte

Hegel in Washington – und in Paris

Culture Club

Zwei Politikberater

Offene Enden der Geschichte

Kirche und Reich

Kulturzonen und Ethnokratie

Wer ist mein Nächster?

IV. REFORMATION UND REVOLUTION

Novalis’ poetische Ökumene

Verfremdung und Zutrauen

Ein Text – Zwei Kontexte

Pfingsten oder die Ökumene

Politische Tristesse, poetische Revolte

Das untergehende Vaterland

Verratene Revolution – versteinerte Reformation

Es war einmal

V. DER ISLAM IN EUROPA

Kulturelle Minderheit oder Weltreligion?

Eine Religion wie jede andere?

Religion Oder Zivilisation?

Orientalische Fragen

Zweierlei Heimkehr der Kolonien

Ethnischer Islam …

… und virtuelle Ummah

VI. ALTERNATIVE ABENDLAND?

Zum politischen Status der Europäischen Union

Der Balkan und der Kontinent

Die Republik und das Monstrum

Bürgerreligion und Nationalstaat

Das Abendland oder Europa

Föderalismus Und Pluralismus

Kein Volk, Kein Kaiser, Kein Tribun

Literaturhinweise

I. VORWORT

Liegt das Abendland im Westen?

Wie deutlich die Welt

ist Im Fadenkreuz

des Theodoliten.

Das kühle Auge

der Dosenlibelle:

ein winziger Himmel.

Hans Magnus Enzensberger,

Blindenschrift (1960)

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Vor zwanzig Jahren haben wir auf der Mauer getanzt. Die kleine Firma, bei der ich arbeitete, der Berliner Rotbuch Verlag, hängte am 9. November »aus aktuellem Anlaß« ein Pappschild an die Tür. Wir schlossen unsere Fabriketage an der Potsdamer Straße und gingen rüber zum Brandenburger Tor, um zu feiern. ›Drüben‹ im Osten, in der DDR, waren wir natürlich auch vorher häufig gewesen (wir konnten ja einreisen). Schon um unsere Autoren aus der Dissidenten- und Literatenszene zu besuchen. Später stellte sich freilich heraus, daß der allergrößte Zampano unter den kritischen Kritikern ein Stasi-Offizier war.

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Über den ungarischen Riß im Eisernen Vorhang, über den Fall der Berliner Mauer, über die zwar unfreiwillige, aber (mit wenigen Ausnahmen) am Ende doch friedliche Entmachtung des Kommunismus in Osteuropa war die Freude noch allgemein. Während des Kalten Krieges hatten Ost- und Mittel- und Südosteuropäer jahrzehntelang von ihrer ›Rückkehr nach Europa‹ geträumt. Als sie dann nach dem Zusammenbruch des Ostblocks in die Europäische Union aufgenommen werden wollten, waren die Völker im Westen deutlich weniger begeistert. Und dies hatte nicht nur ökonomische Gründe.

Denn nun führte der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums (und seiner Satelliten oder Varianten auf dem Balkan) zur Wiederbelebung von weitaus älteren nationalen, religiösen, kulturellen Bruchlinien. In Südosteuropa wurden in den neunziger Jahren blutige Volkskriege ausgefochten und ethnische Säuberungen durchgeführt – und das gerade erst mit dem Maastricht-Vertrag (1992/1993) entstandene politische (West)Europa war weder willens noch in der Lage, sie zu verhindern. Auf dieser Seite des Vorhangs hatte niemand damit gerechnet, daß die historischen Gegensätze zwischen lateinischer und orthodoxer Christenheit, zwischen christlichen und muslimischen Bevölkerungen auf dem Balkan, am Ende des XX. Jahrhunderts wieder von Bedeutung sein könnten.

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Und plötzlich behauptete die Türkei, auch sie gehöre in die Europäische Union. (So jedenfalls erschien es den meisten Westeuropäern. In Wahrheit waren Ankara schon jahrzehntelang Beitrittsverhandlungen in Aussicht gestellt worden – aber niemand aus dem westlichen Club hatte dies offenbar ernst gemeint.) Angesichts der EU-Neuzugänge in Zentraleuropa und trotz einer wachsenden Anzahl muslimischer Einwanderer und Neubürger in West- und Nordeuropa (oder eben genau deswegen) löste nun die türkische Frage in Rom oder Paris oder Berlin oder Prag alte und neue Ängste aus. Weitaus weniger übrigens in London: Seit dem Ende des britischen Empire waren schließlich zahlreiche muslimische Commonwealth-Bürger, vor allem aus Britisch Indien oder Ostafrika, nach England gekommen.

4

Zudem hatte sich der damalige Dekan des römischen Kardinalskollegiums Joseph Ratzinger in dieser Debatte über die kulturellen Grenzen Europas zu Wort gemeldet und (ausgerechnet in der französischen Presse!) eindeutig gegen die türkische Mitgliedschaft in der Europäischen Union Stellung bezogen. Für türkische Ohren kam damals Ratzingers Europa-Idee jener Vorstellung vom ›Christenclub‹ ziemlich nahe, die der Führer der gemäßigt islamistischen Gerechtigkeitspartei Tayyip Erdogan allen Türkei-skeptischen Europapolitikern des Westens unterstellte. Und ausgerechnet dieser kulturelle Lateineuropäer Ratzinger wurde dann im Frühjahr 2005 zum römischen Papst und Nachfolger Petri auserkoren.

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Unter der Hand hatte sich die kulturgeschichtliche (ebenso integrierende wie differenzierende) Frage nach einer europäischen ›Identität‹ in die Suche nach politischen Abgrenzungen verwandelt – Europa wird zum Ausschlußgrund. Nun besinnen sich sogar Ungläubige auf die christlichen Wurzeln Europas.

Beiderseits des Atlantik warnt seit dem 11. September 2001 ein neues Genre von Sachbüchern und Pamphleten vor dramatischen Entwicklungen in Alteuropa als ›dem schwächsten Glied der Kette des Westens‹: In drei, vier Jahrzehnten könnte sich der alte Kontinent, einst feste Burg der christlichen Zivilisation, in ein muslimisches ›Eurabia‹ verwandelt haben.

Bei seinem dritten historischen Ansturm auf das Herz der Christenheit finde nämlich ›der Islam‹ heute – anders als Anno Domini 732 bei Poitiers und dann 1683 vor Wien – keine westlichen Verteidiger mehr. Diesmal seien die Waffen der muslimischen Conquista freilich andere als jene, wider die Karl Martell bei Poitiers oder Jan Sobieski in der Schlacht am Kahlenberg vor Wien das Banner der Christenheit verteidigten. Heute und morgen bedrohe uns christlich-säkulare Europäer nicht nur der islamistische Terrorismus, sondern die Hingabe an Gott (denn nichts anderes heißt: Islam).

Und vor allem … die Demographie. Die eingeborene und zumeist christlich erzogene europäische Bevölkerung reproduziert sich nicht mehr: Ihre Geburtenrate ist weit unter das ›Erhaltungsniveau‹ von 2,1 Kindern pro Frau gefallen, wohingegen die meisten muslimischen Länder noch über eine ›aktive‹ demographische Bilanz verfügten. Die europäische Christenheit habe spätestens seit den sechziger Jahren ihre angestammten religiösen Überzeugungen aufgegeben und den regelmäßigen Gottesdienstbesuch regelrecht desertiert.

Da aber beide Trends irgendwie zusammenhängen – strikt religiöse Familien mit traditioneller geschlechtlicher Arbeitsteilung haben i. d. R. eine höhere Kinderzahl als säkulare Familien mit höherer Entscheidungsfreiheit der Frau –, scheint auch die Therapie offenkundig: Ihr am Christglauben zweifelnde Europäer, kehret zurück in den Schoß der Mutter Kirche, tut Buße, glaubet erneut und mehret Euch! Give me that old time religion! – oder die Mauren kehren zurück. Diesmal als Sieger.

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Das Jalta-System – der durch das atomare Gleichgewicht des Schreckens befestigte Ost-West-Gegensatz von Kommunismus und Freier Welt – schien in der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts sämtliche älteren Konflikte ausgelöscht oder doch in ihrer politischen Bedeutung verschluckt zu haben, an denen sich zuvor in zwei Jahrtausenden Europas kulturelle Identität formiert hatte. Zu diesem ›Ende der Geschichte‹ hatte nicht nur die totalitäre ›Geschichtspolitik‹ des sowjetischen Kommunismus beigetragen, sondern auch das freiheitlich ›anti-historistische‹ Selbstbewußtsein Amerikas – in den Worten Georg Wilhelm Friedrich Hegels »ein Land der Sehnsucht für alle, welche die historische Rüstkammer des alten Europa langweilt«. (HW, Bd. 12, S. 114).

Amerikas Selbstbild als »Land der Zukunft« hat bereits eine über zweihundertjährige Geschichte. Die »nordamerikanischen Freistaaten«, wie Hegel sie nennt, verstanden und konstituierten sich schließlich Ende des XVIII. Jahrhunderts als Gegenmodell zur europäischen Kriegs- und Staatenordnung des Absolutismus, als bürgerliche Gesellschaft ohne »Bedürfnis eines organischen Staats«. (Hegel). Im Jahrhundert zuvor war ein Großteil der neuenglischen Siedler wegen ihres religiösen Dissenses aus der alten Welt der konfessionellen Staaten und Kriege Europas ausgewandert: Sie wollten in der Neuen Welt die »City upon the Hill« errichten, das Neue Jerusalem.

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Die Alte Welt des Abendlandes hingegen, die Vorgeschichte des sich politisch einenden und darüber streitenden Europa, bildete und gliederte sich durch kulturelle Brüche, welche in der Regel religiös oder ›theologisch-politisch‹ codiert waren. Um vier davon geht es in den folgenden Essays. Um zwei west-östliche Brechungen: Griechen versus Barbaren, ein Selbstbild, welches später auch das römische Imperium übernommen hatte (das ja kulturell mindestens ebenso griechisch wie römisch war); oströmische orthodoxe Christenheit versus weströmischen Katholizismus – und um zwei nord-südliche Bruchlinien: Islam versus Christenheit; Katholizismus versus Protestantismus und reformierte Kirchen.

An jeder dieser Fronten fanden im letzten Millennium wiederholt Kriege statt. Zahlreiche Entscheidungsschlachten wurden geschlagen, aber kein Konflikt ist entschieden, keiner dieser Gegensätze ist ›erledigt‹. Keine dieser Fronten wurde jemals begradigt – im Gegenteil: Heute sind sie durch Migration und globalisierte Kommunikationsnetze allgegenwärtig. Keine dieser Grenzziehungen wird durch Staatsgrenzen garantiert – gerade in der Diaspora werden sie heute am stärksten erlebt.

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Wie steht es also künftig um das Verhältnis zwischen dem politischen Code des Westens und dem historischen, kulturellen oder theologisch-politischen Gedächtnis des Abendlands? – Der Westen ist abendländisch entstanden; das europäische Abendland bildet die kulturelle Matrix des politischen Westens, der sich inzwischen normativ universalisiert und geographisch den Atlantik überquert hat. Die politischen Institutionen und Ideale des Westens sind ohne die europäische Geschichte nicht verständlich, aber nicht an sie gebunden. Die USA sind jener Teil des Westens, welcher das Abendland verlassen hat – ohne dessen Eingriff in den Zweiten Weltkrieg das Abendland jedoch vermutlich nicht überlebt hätte.

Die institutionelle Tradition des Abendlands ist zwar eine pluralistische (regnum versus sacerdotium, forum internum versus ius publicum, Marktfreiheit versus Landesherrschaft, usw.) – ein Pluralismus, der häufig übrigens wider den integristischen Willen der Beteiligten zustandekam. Aber sein kulturelles Gedächtnis bleibt bis ins XX. Jahrhundert hinein antidemokratisch verfaßt. Der spezifisch abendländische Pluralismus wird jedoch künftig ohne die institutionellen Minimalbedingungen politischer Freiheit, wie sie in den liberalen Demokratien westlicher Machart institutionalisiert sind, kaum überlebensfähig sein.

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Und nun die kompliziertere Frage: Gilt das auch umgekehrt? Ist auch der Westen auf eine politische Verkörperung des Abendlandes angewiesen? Und was wäre denn Europa, wenn es kein christlicher Club sein will? Welche Art von Staatswesen? Über ein souveränes Machtzentrum verfügen ja die in der EU vereinigten europäischen Staaten bis heute nicht. Und das ist kein Wunder: Die Reiche und Nationen, aus denen das heutige Europa hervorging, waren ja in ihrer Geschichte meist gegeneinander aufgestellt.

Wenn wir jedoch die Europäische Union als legitime Tocher des Abendlandes ansehen (und im letzten Kapitel versuche ich, diese Sicht zu begründen), dann spricht vieles dafür, daß der freie Westen auch das Gedeihen des politischen Europa braucht. Man kann dafür Gründe der internationalen Machtbalance anführen: Die alteuropäischen Nationalstaaten brauchen einen Entscheidungs-Pool, um sich nicht allein gegenüber der verbündeten Großmacht USA, sondern in der multipolaren Welt überhaupt behaupten zu können. Und es gibt ordnungspolitische Motive, welche die politische Kommunikation zwischen den Kulturen oder Zivilisationen betreffen: Denn die alteuropäische Staatenwelt unterhält schon als Erbe ihrer Kolonialgeschichte differenziertere, sensiblere und darum zuweilen auch störanfälligere Beziehungen zu ihrer geographischen und kulturellen Umwelt im Süden und Osten als die westliche Vormacht Amerika.

Der Westen liegt nämlich im Norden. Es gibt zwar südliche Ausnahmen: Australien liegt im Pazifik, Südafrika am Kap der Guten Hoffnung und Israel im Nahen (oder von London aus gesehen: Mittleren) Osten. Warum zählen wir diese Länder dennoch zum Westen? – Nun, es sind Demokratien, werden Sie sagen. Also gehört Indien, die größte Demokratie der Welt, auch zum Westen? – Und wenn nicht, warum nicht?

Die drei genannten Ausnahmen haben nicht viel miteinander gemein, aber alle drei Staaten sind entstanden als (weiße) Siedlergesellschaften in einem nichtwestlichen Umfeld – so wie die »nordamerikanischen Freistaaten«. Eine offene, bis heute politisch und kulturell ungelöste Frage hingegen bleibt das Verhältnis des Westens zu den ehemaligen Kolonien der abendländischen Imperien – sowie zum ›globalen Süden‹ überhaupt. Aber sie ist nicht Thema dieses Buches.

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Die politische Zukunft des Abendlandes liegt also vermutlich im komplexen (und nur in Grenzen rationalisierbaren) ›Monstrum‹ der Europäischen Union von Staaten und Bürgern. Anderfalls hätte das Abendland nur eine Zukunft: seine (erinnerte) Geschichte.

Europas alte Unübersichtlichkeit muß freilich kein Standortnachteil sein. Pluralismus und Multilateralismus – also: Routinen kultureller Vielfalt und Mechanismen politischer Konzertation unter zahlreichen Beteiligten – sind schließlich Tugenden, die wir im neuen Jahrtausend noch brauchen werden. Nicht nur in Europa.

Die Kapitel dieses auf Anregung von Anne Hamilton hin entstandenen Buches knüpfen an verschiedene Essays und Vorträge an, die von mir in den vergangenen Jahren verfaßt wurden. Im Anhang finden neugierige Leser einige Lektüretips.

II.

BYZANZ UND SEINE TRÜMMER

Von der Kehrseite des Abendlandes

Das byzantinische Reich ist ein großes Beispiel, wie die christliche Religion bei einem gebildeten Volke abstrakt bleiben kann, wenn nicht die ganze Organisation des Staates und der Gesetze nach dem Prinzipe derselben [sc. nach dem Prinzip der selbstbewußten Freiheit] rekonstruiert wird.

G. W. F. Hegel,

Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte

»KYR MANUÍL, DER KAISER, der Komnene, / fühlte sich an einem Tag der Schwermut / im September seinem Tode nah« – so beginnt das i. J. 1915 veröffentlichte Gedicht »Manuíl Komnenós« des großen Alexandriners Konstantin Kavafis. Die Szene spielt im September 1180: Im Gedicht sagen die Hofastrologen, »die gekauften«, dem nunmehr sechzigjährigen Basileus von Byzanz noch viele Lebensjahre voraus. Ihm, dem glänzenden Sieger der Komnenendynastie.

Manuel I. (1143 – 1180) war der Wiederhersteller des ägäischen Reiches, der 1158 die Armenier und 1160 das Sultanat von Rum geschlagen, 1165 die byzantinische Oberhoheit über den fränkischen Kreuzritterstaat Antiochia gesichert, 1167 die Ungarn besiegt und auf dem Balkan die Herrschaft Konstantinopels wiederhergestellt hatte. In Süditalien schien er gar zeitweilig (bis zur Niederlage vor Brindisi) kurz vor der Wiederherstellung des römischen Reiches zu stehen.

Doch die glänzenden militärischen Erfolge der Komnenenkaiser Alexios I., Johannes II., Manuel I. entbehrten einer soliden Grundlage. Mit dem Vordringen der Seldschuken in Kleinasien war die Herrschaft von Byzanz über das Binnenland weitgehend verloren gegangen. Auf den Zerfall des Seldschukenstaats in Anatolien folgte in der zweiten Hälfte des XIII. Jahrhunderts die Expansion des jungen osmanischen Staates, welcher bald auch auf die europäischen Gebiete von Byzanz übergriff (Thrakien, Makedonien, Bulgarien) und sich auf dem Balkan dem serbischen Reich und dann, nach dem Sieg über Fürst Lazar auf dem Amselfeld (1389), dem Königreich Ungarn als Gegenspielern gegenübersah.

Auf dem Meer hingegen wurde der oströmische Kaiser zunehmend abhängig von »lateinischen« Seemächten (Venedig, Pisa, Genua), die er zuweilen gegeneinander auszuspielen versuchte. Stadt und Reich von Byzanz waren zwischen den Normannenstaaten im westlichen Mittelmeer und der türkischen Invasion im Osten in die Klemme geraten.

ÄGÄISCHE KREUZFAHRT

Keine zwei Jahrzehnte nach dem von Kavafis evozierten Tode des großen Komnenen beginnt der in Frankreich von Fulk de Neuilly gepredigte und in (West)Rom von Papst Innozenz III. ausgerufene vierte Kreuzzug, dessen offizielles Ziel wieder in der Rückeroberung der Heiligen Stätten der Christenheit in Jerusalem bestand. Gewiß, bereits die westlichen Pilger und Krieger des ersten (1096 – 99) oder zweiten (1146 – 48) Kreuzzuges, welche die Päpste zur Eroberung des Heiligen Landes ausgerufen hatten, waren in Konstantinopel keineswegs willkommen gewesen. Aber im XII. Jahrhundert war es im östlichen Mittelmeer zumindest zu einer faktischen Teilung der Machtsphären zwischen westlichen Kreuzritterstaaten und dem byzantinischen Kaiser gekommen. Erstere eroberten Palästina, wo sie alsbald in Jerusalem, Antiochia, Edessa und Tripolis ihre lateinischen Königreiche gründeten. Dafür ließen sie wenigstens die Hauptstadt weitgehend in Ruhe.

Diesmal jedoch kam es anders. Zunächst brauchten Pilger und Gotteskrieger, um überhaupt ins Heilige Land zu kommen, eine Flotte. Der Niedergang der Macht von Byzanz auf dem Balkan und in Anatolien hatte auch den Landweg der Kreuzfahrer nach Palästina unmöglich gemacht. Also mußten die Kreuzritter, um die venezianischen Schiffe für die Überfahrt nach Konstantinopel zu bezahlen, zunächst einmal im November 1202 die von Venedig abgefallene dalmatinische Stadt Zara zurückerobern – und zwar vom christlichen Königreich Ungarn! Die westliche Flotte nahm daraufhin den exilierten byzantinischen Thronprätendenten an Bord: Alexios, der Sohn des entthronten und geblendeten Kaisers Isaak II. Angelos, war ein Schwager Philipps von Schwaben.

Die Kreuzfahrer segelten zum Bosporus weiter, wo sie hofften, aus dem Streit um den byzantinischen Kaiserthron Nutzen zu ziehen. Doch in dem im Juli 1203 schnell eingenommenen Konstantinopel konnte der von den Westmächten eingesetzte neue Kaiser Alexios IV. Angelos keine der großzügigen Versprechungen auf Truppenverstärkung und Geld erfüllen, die er zuvor venezianischen Seeherrschern und fränkischen Glücksrittern gemacht hatte – im Gegenteil. Nach nur wenigen Monaten wurden er und sein Vater im Januar 1204 in einer Palastrevolution beseitigt.

Darauf schlossen Venezianer und Genuesen, Franken und Flamen, deutsche und andere Kreuzfahrer einen Deal. Sie teilten ihre künftige Macht und Beute im Vorhinein detailliert auf wie die Beteiligungen an einer Aktiengesellschaft – und eroberten »zur Ehre Gottes, des Papstes und des Kaiserreiches« im April 1204 kurzerhand das Rom des Ostens zum zweitenmal. Nun aber plünderten sie seine Reichtümer, entweihten seine Altäre und schändeten seine Frauen: Sogar die muslimischen Sarazenen seien barmherziger gewesen als diese lateinischen Krieger, welche doch das Kreuz Christi auf den Schultern trugen, schrieb der byzantinische Historiker Niketas. Nie hatten diese westlichen Barbaren einen solchen Reichtum an Gold und Preziosen, an Pelz und edlen Stoffen gesehen. Und noch »nie seit Erschaffung der Welt« sei jemals bei der Eroberung einer Stadt soviel erbeutet worden. Dies berichtete später der Kreuzzugsteilnehmer Gottfried von Villehardouin.

PARTITIO ROMANIAE

Die westliche Eroberung Konstantinopels und die darauf folgende partitio Romaniae, die Aufteilung des Reichs unter den Siegern, besiegelten das Ende des byzantinischen Imperium universale. Es kommt zur Errichtung eines kurzlebigen lateinischen Imperiums am Bosporus unter Balduin von Flandern. Bald verschacherten die lateinischen Barone Konstantinopels auch seine kostbarsten Reliquien: die allerheiligsten Folterwerkzeuge der Passion Jesu Christi, darunter Seine Dornenkrone.

Der französische König Ludwig IX. war Vetter des jungen lateinischen Kaisers von Byzanz Balduin II. (welcher wiederum ein Neffe des ersten fränkischen Imperators am Bosporus Balduins von Flandern war). Durch ihn erfuhr er i. J. 1237 von der Absicht, die Reliquien zu verkaufen, und konnte dann 1238 in komplizierten diplomatischen Verhandlungen mit Konstantinopel und Venedig die heilige Dornenkrone meistbietend ersteigern und rechtzeitig auslösen. Denn es galt auch noch, binnen einer knappen Frist byzantinische Schulden zu tilgen, für die die heilige Reliquie den Venezianern als Pfand überlassen worden war.

Die translatio Sacratissimae Passionis instrumentorum (die Überführung der Folterwerkzeuge der allerheiligsten Passion Christi) findet unter Beteiligung des gesamten christlichen Europa statt, mit dem kaiserlichen Schutz Friedrichs II. und bei wundersam günstigen Wetterverhältnissen. »Tagsüber, während der Überlandbeförderung, fällt kein Tropfen Regen, doch sobald die Reliquie für die Nacht in einer Klosterherberge untergebracht ist, gießt es in Strömen. Das Zeichen des göttlichen Schutzes ist also manifest«. (Jacques Le Goff).

Zwei christliche Seemetropolen, Konstantinopel und Venedig, beweinen ihren Abschied von Christi Passionsinstrumenten. Frankreich hingegen, die erstgeborene Tochter der Kirche, kann sich stolz als ein zweites Heiliges Land feiern: Christi Dornenkrone kann seither in der zu ihrer Verehrung errichteten Sainte Chapelle auf der Seineinsel in Paris angebetet werden.

»Wie unser Herr Jesus Christus das Gelobte Land auserkoren hat, um daselbst die Mysterien seiner Erlösung zu zeigen« – freute sich Walter Cornut, Erzbischof von Sens und Primas der gallikanischen Kirche – »so scheint es und so glaubt man, daß er zur besseren Verehrung seiner siegreichen Passion besonders unser Frankreich [nostram Galliam] auserkoren hat, auf daß der Name des Herrn gepriesen werde vom Morgenland bis zum Abendland durch die Übertragung seiner hochheiligen Leidenswerkzeuge auf Geheiß unseres Herrn und Erlösers von der Region Griechenlands, die man die nächste des Orients nennt, nach Frankreich, das die Grenzen des Abendlandes berührt.«

König Ludwig IX. hingegen – »Ludwig der Heilige« – sollte dann später selbst einen Kreuzzug ins Heilige Land unternehmen (1248 – 1254); und er starb schließlich beim Aufbruch zu einem weiteren Kreuzzug. In Tunis, wo die Flotte mit seinem Kreuzfahrerheer gelandet war, verschied Ludwig i. J. 1270 an einer Typhusepidemie, nachdem er in der Nacht vor seinem Tode noch, mit brechender Stimme, gesagt haben soll: »Wir werden einziehen nach Jerusalem«.

In der Ägäis hatte die neue dynamische Handelsmetropole des Mittelmeerraums, die mit dem Meer vermählte Seerepublik Venedig, die Macht übernommen. War also das oströmische Reich mit diesem Sieg von venezianischen Handelskapitalisten und fränkischen Glücksrittern – und der translatio ihrer allerheiligsten Reliquien in den Westen – definitiv am Ende?

Nun, ein einheitliches lateinisches Reich bildete sich aus den diversen fränkischen Fürstentümern in Griechenland und am Bosporus keineswegs heraus. Nach nur wenigen Jahrzehnten fiel 1261 auch die Hauptstadt Konstantinopel wieder an die jetzt in Nikaia residierenden byzantinischen Kaiser zurück, welche sich mittlerweile mit der Seemacht Genua wider Venedig verbündet hatten. Doch längst war auch die griechisch-orthodoxe Ökumene in zahlreiche, politisch weitgehend autonome Machtzentren, Enklaven und Territorien zerfallen.

Das west-östliche Schisma von 1054 dagegen, die große Kirchenspaltung zwischen Rom und Konstantinopel, hatte sich weder theologisch auflösen noch politisch überbrücken lassen. Erst recht nicht durch eine immer wieder in Sonntags- oder Fastenpredigen beschworene lateinisch-griechische Einheitsfront wider den Islam als gemeinsamen Feind der Christenheit. Im Gegenteil: die von westlichen Predigern geforderten und von westlichen Souveränen und Päpsten angestrengten Kreuzzüge haben die christliche West-Ost-Spaltung eher noch bekräftigt und das byzantinische Mißtrauen in Kirche und Volk wider den katholischen Westen nur noch vertieft.

Zum einen nämlich wollten lateinische Kirchenfürsten und Theologen als Bedingung für jeden westlichen politisch-militärischen Beistand der östlichen Christenheit auch ihre Dogmen und die päpstliche Hoheit vorschreiben. Zuallerletzt geschah dies 1438/39, auf dem vermeintlichen »Unionskonzil« von Ferrara und Florenz, zu dem sogar Kaiser Johannes VIII. Palaiologos in Begleitung mehrerer Bischöfe aus Konstantinopel nach Italien angereist war. (Es sollte ihnen nach ihrer Rückkehr in die Heimat freilich nicht gelingen, die orthodoxe Christenheit vom Sinn der Kircheneinheit und von der lauteren Absicht des »lateinischen Rom« zu überzeugen.)

Zum andern aber reagierten Griechen und Lateiner auch in ihrer politischen Denkungsart und militärischen Strategie völlig entgegengesetzt auf das Vordringen »des Islam«. Wo westliche Ideologen und Kreuzzugsprediger sofort Interventionspläne schürten, da agierten byzantinische Bürokraten mit Bedacht pragmatisch. Schließlich waren sie, und nicht die Kreuzzugsprediger in Frankreich, die Nachbarn der ständig erstarkenden osmanischen Macht und daher eher an einem pragmatischen modus vivendi mit den Türken interessiert.

Entscheidungsschlachten suchte das geschwächte Ostrom also zu vermeiden. Der byzantinische Reststaat würde sie am Ende (auch mangels verläßlicher westlicher Unterstützung) verlieren – was dann 1453 geschah. Zweieinhalb Jahrhunderte nach dem vierten Kreuzzug versetzte das neue, osmanische Großreich den Resten des christlichen Rum den Todesstoß: Mit der Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmed II. fiel ein bereits auf wenige byzantinische Enklaven und die Hauptstadt geschrumpftes römisches Reich.

DAS CHRISTLICHE ROM

Hat nun Byzanz auch diesen seinen politischen Tod – den Fall von Konstantinopel – überleben können? Der Poet Konstantin Kavafis (1863 – 1933), ein unter Muhammad Ali Pascha in Alexandria aufgewachsener Grieche, verstand sich zeitlebens als ›Byzantiner‹ im Exil. Doch in seinem Gedicht über Kaiser Manuels Melancholie (»wie Galle schwarz«) spiegelt sich zugleich ein modernes Subjekt. Seine Sprache, die griechische Koiné, war keine bloße Nationalsprache – noch nicht. Man sprach und schrieb sie auch in allen Städten des osmanischen Reiches, in den griechischen Vierteln von Alexandria oder Damaskus ebenso wie in Smyrna oder Saloniki. Viele von Kavafis‘ Gedichten sind sprachliche Splitter von Byzanz: historische Miniaturen, aufgefunden bei der Lektüre alter Texte in der Bibliothek des Patriarchats von Alexandria. Mit Sorgfalt sortiert, bedacht und geschliffen.

Die irdische Dauer des Reichs bildet für Kavafis jedenfalls nicht die wirkliche Dimension von Byzanz – ebensowenig wie das lange Leben, das die astrólogoi im Gedicht »Manuíl Komnenós« dem Kaiser prophezeien: »Da aber jene redeten, besinnt er sich / des frommen Brauchs der Überlieferung / und gibt Befehl, daß aus den Klosterzellen / man ihm geistliche Gewänder bringe«, um der Tradition des orthodoxen Kaisertums gemäß zu sterben: »Glücklich die, die glauben, / und die enden wie Kyr Manuíl, der Kaiser, / in ihrem Glauben züchtigst eingekleidet.«

Kaiserwürde und Klostergewand: Imperium und Mönchstum.

Die Legitimität von Byzanz hatte zwei Dimensionen, den göttlichen Auftrag zur christlichen Weltherrschaft des Neuen Rom und die Orthodoxie einer weltabgewandten christlichen Spiritualität. Beide, imperialer Anspruch und asketische Spiritualität, stützten einander wechselseitig, sie haben den christlichen Osten zunächst des Mittelmeers und dann des europäischen Kontinents getragen und gestaltet. Freilich gerieten beide auch häufig miteinander in Konflikt – und dies ebenso in der Geschichte von Byzanz (von der Teilung des Imperium Romanum i. J. 395 zwischen Westkaiser Honorius und Ostkaiser Arcadius bis zum Fall Konstantinopels) wie in seiner Nachgeschichte.

Die erste, bestimmende Dimension byzantinischer Legitimität war natürlich das Imperium: die Vereinigung der gesamten oikumene (der bewohnten, zivilisierten Welt) unter der Herrschaft des christlichen Kaisertums. Am Anfang stand der Traum, den Kaiser Konstantin (306 – 337) in der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober, im Jahre des Herrn 312, vor der Schlacht an der milvischen Bücke bei Rom hatte: In hoc signo vincis. Sein Traumbild sagte Konstantin den Sieg über seinen Konkurrenten Maxentius im Zeichen Christi voraus, wie Eusebius in seiner Biographie des Kaisers berichtet.

Des großen Konstantin Begegnung mit dem Christuszeichen als dem neuen Siegesmal des römischen Kaisertums war allerdings kein bloßer historischer Zufall, sondern das Ergebnis einer jahrhundertelangen Suche des römischen Imperiums nach einem seinem universalen Anspruch angemessenen Begriff von Legitimität. Diesen nämlich hätte ihm der Polytheismus der spätantiken heidnischen Eliten nie liefern können.

Bestätigt wird diese Deutung durch eine neue Lektüre der »konstantinischen Wende« und ihrer welthistorischen Folgen. Die Bekehrung des Kaisers hat ja der wiederholt verfolgten christlichen Sekte (der zu Beginn des IV. Jahrhunderts höchstens ein Zehntel der Bevölkerung des römischen Reiches angehörte) den Weg zur herrschenden (und schließlich Staats-) Religion des Reiches geebnet.

Läßt sich diese Wende nun, so fragt heute der bedeutende (und natürlich ungläubige) französische Althistoriker Paul Veyne, als eine zugleich politisch rationale und glaubwürdige, also von persönlicher Überzeugung getragene Entscheidung des Kaisers begreifbar machen? Ja, antwortet Veyne: Es waren schließlich weder faszinierende (alte oder neue) Mysterien aus dem reichen Reservoir orientalischer Mythologien noch spezifisch christliche Jenseitsvorstellungen von Himmel, Hölle und Unsterblichkeit, die den Imperator Konstantin davon überzeugten, daß sein (durch den militärischen Sieg über Maxentius beglaubigter) Traum vom Christuszeichen eine ihn persönlich verpflichtende und für das ganze Reich relevante Botschaft enthielt. Und des Kaisers Annahme dieser frohen oder guten Botschaft (des christlichen eu-angelion) erschließt sich auch keiner bloß »machiavellistischen«. (oder voltaireschen) Lektüre. Denn Konstantins Bekehrung garantierte dem Kaiser ja zunächst keinerlei politischen Mehrwert. Angesichts einer mehrheitlich andersgläubigen, polytheistischen Reichsbevölkerung bedeutete sie – im Gegenteil – ein gewaltiges Risiko.

Was aber überzeugte Konstantin davon, dieses Risiko einzugehen? Entscheidend war das einzigartige, neue Ethos der christlichen Brüderlichkeit. Folgt man Paul Veyne, so lag das Motiv der »konstantinischen Wende« im potentiell die gesamte Gesellschaft betreffenden Universalismus der christlichen Liebesethik und Kirchenorganisation, die allen sozialen oder ethnischen Gruppen, Kasten, Klassen des Reiches ihre Mitgliedschaft und Nächstenliebe anbot. Dies nämlich war der Zug des Christentums, der es von der Gesamtheit der alten griechisch-römischen Religion(en) abhob und auch von alten wie neuen synkretistischen Kulten und Mysterien des Orients mit ihren esoterischen Mitgliedschaften unterschied.

Erst mit der einzigen und allmächtigen Gottesgestalt des Christentums erhielt also das römische Kaisertum eine ihm kongeniale transzendente Legitimitätsgrundlage. Eusebius von Cäserea faßte sie in seiner berühmten Abhandlung zum dreißigjährigen Thronjubiläum Kaiser Konstantins zusammen: Der göttliche Pantokrator Christus, einziger (monogenes) Sohn des Vaters und absoluter Gebieter des Universums (der noch heute in byzantinischen Kreuzkuppelkirchen den Raum beherrscht) ist in seiner Allmacht Vorbild und Quelle der diesseitigen Macht des kaiserlichen Autokrator.

Neben einem dergestalt »monotheistischen« und »katholischen«. (sprich: allumfassenden) Verständnis der weltlichen Macht des christlichen Kaisers konnte freilich die Kirche, das Sacerdotium, keine vom Imperium wahrlich unabhängige Instanz werden, wie dies in Westeuropa durchaus der Fall war. Peter Brown hat diese westlichen »Mikrochristenheiten« durch das – mindestens – bis zur Französischen Revolution wirksame »institutionelle Ideal« des Bischofs als Stadtvater und defensor civitatis charakterisiert. Im römischen Westen sollten nach dem Verfall des Zentralreiches – über Jahrhunderte kontinuierlichen Staatsversagens, demographischer Verschiebungen (»Völkerwanderungen«) und das Auf und Ab wechselnder Regionalmächte hinweg – nur mehr die städtischen Zentren mit ihren (auch politisch) starken und aktiven Bischofsgestalten eine institutionelle und kulturelle Kontinuität verkörpern.

Und daher blieb – zweitens – im Osten des Reiches jenseits der sichtbaren (All-) Macht des Autokrator nur noch das Mönchstum als institutionelle und ideelle Reserve: als Exempel für die weltabgewandte Askese, für die »Innerlichkeit« der Ostkirche, als wahrhaftiger Hort der orthodoxen Frömmigkeit und stets auch als potentielle Alternative zur Macht. Anders als im Westen die benediktinische Regel (und auch die Mehrzahl aller späteren katholischen Ordensgründungen) ist das Ethos des ostkirchlichen Mönchtums gerade nicht auf tätige Caritas und aktive Weltveränderung ausgerichtet, sondern auf weltabgewandte Theiosis: auf »Gottwerdung« oder meditative Gottesannäherung, auf Teilhabe am göttlichen Logos und Wiedergeburt des Individuums in Christo.

DER GRUNDWIDERSPRUCH VON BYZANZ

I. J. 533 etablierte Kaiser Justinian mit dem Codex Justinianus die autokratische Synthese aus christlicher Staatsreligion und römischem Recht. Daß derselbe Justinian I. (527 – 565), der im Innern des Reiches die Verrechtlichung der christlichen Staatsreligion vollendete und die Reichsverwaltung zentralisierte, außenpolitisch gleichzeitig eine restauratio imperii betrieb, ist natürlich kein Zufall. Die Wiedereroberung des Westreichs durch die Siege über Wandalen und Goten geht einher mit der staatspolizeilichen Bekämpfung der Häresien des Arianismus im Westen und der Stillstellung des Konflikts mit Nestorianern und Monophysiten im Osten. Aber schon im nächsten Jahrhundert, auf dem Höhepunkt der »cäsaropapistischen« orthodoxen Macht, welche die Kontrolle des rechten Glaubens der Richtlinienkompetenz des Imperators unterworfen hatte, drohte das römische Reich unter dem Ansturm von Arabern, Bulgaren und Slawen zu zerbrechen.

Die Schwäche des Imperiums gegenüber den Muslimen, die in nur sieben (!) Jahren die gesamten afro-asiatischen römischen Ostgebiete eroberten, war freilich nicht primär militärischer Natur. Sie lag in der demographischen Stagnation von Byzanz und der fehlenden geistlichen Loyalität seiner Südostprovinzen begründet. Schon dieser erste Zusammenbruch des Reichs war also in seiner Konstruktion selber angelegt: in der ökonomischen und demographischen Auszehrung eines von Steuerlasten und einer zentralistischen Elite beherrschten Staatswesens und in der Unfähigkeit der orthodoxen Staatsreligion, dem kompromißlosen weltabgewandten Monotheismus der östlichen Kirchen Alexandrias und Antiochias (Nestorianer und Monophysiten) dauerhaft das Wasser abzugraben.

Das »Bewegungsgesetz« des oströmischen Imperiums liegt somit im Widerspruch zwischen dem imperialen Universalismus der Autokratie des christlichen Kaisers und der geographisch, klimatisch, geologisch heterogenen und sozialökonomisch stagnierenden Basis seiner Macht. Diese hat Alain Ducelliers byzantinische Strukturgeschichte vor Augen geführt: Die mediterrane Landwirtschaft erfährt im Jahrtausend vom IV. bis zum XIV. Jahrhundert kaum Produktivitätsfortschritte; Erdbeben, Überschwemmungen, Trockenzeiten, Heuschreckenplagen und periodische Seuchen begrenzen das wirtschaftliche Wachstum (zumal jedes Surplus von den kaiserlichen Steuerbeamten eingetrieben wird) und die demographische Entwicklung; die Städte entwickeln keine eigene ökonomische Dynamik, sondern bleiben – wie in der Antike – vorwiegend agrarische Märkte; und alle zaghaften Ansätze zu einer byzantinischen Bourgeoisie werden seit dem XI. Jahrhundert von der handelspolitischen Vormacht der italienischen Seerepubliken überrannt.

Die Entwicklung des Reiches hebt diesen Grundwiderspruch nie auf, schafft aber die Formen, in denen er sich bewegen kann. Dies ist überhaupt die Methode, wodurch sich wirkliche Widersprüche lösen. Dem »Scheitern von Rom im Osten«. (Alain Ducellier) im VII. Jahrhundert – dessen Restaurator Justinian und dessen Totengräber der Prophet Mohammed und die Slaweninvasionen waren – folgt ein schon defensiver, auf die Ägäis eingeschränkter Universalismus von Byzanz, das im XII. Jahrhundert, unter den Komnenenkaisern, seine Apotheose vor dem Zusammenbruch im vierten Kreuzzug erlebte.

HERBST DER PATRIARCHEN

In seiner weltgeschichtlichen Vignette Land und Meer hat Carl Schmitt dieses ägäische Küstenreich als »Katechon« bezeichnet: als jenen »Aufhalter«, der das europäische Abendland vor dem Islam bewahrt habe. »Immerhin vermochte [Byzanz] als Seemacht etwas zu vollbringen, was das Reich Karls des Großen – eine reine Landmacht – nicht vermochte […] es hat trotz seiner Schwäche viele Jahrhunderte lang gegen den Islam ›gehalten‹ und dadurch verhindert, daß die Araber ganz Italien eroberten.«

Die Analogie beruht natürlich auf einer theologisch fragwürdigen Gleichsetzung des Islam mit dem Anti-Christ am Ende der Zeiten. Denn Schmitts Katechon spielt natürlich an auf die apokalyptischen Hinweise in Paulus‘ zweitem Brief an die Thessaloniker. Dort ist es der »Sohn des Verderbens«, der »Widersacher, der sich in den Tempel Gottes setzt und vorgibt, er sei Gott« – kurz: der Antichrist – dessen Ankunft unmittelbar bevorsteht, aber noch verzögert, vom Katechon aufgehalten wird. – Aber wie lange noch? Wann endlich wird das mysterium iniquitatis, das »Geheimnis der Bosheit« aufgedeckt werden? – Dann, wenn die Zeit erfüllt ist und »der Böse offenbar wird. Ihn wird der Herr Jesus umbringen mit dem Hauch seines Mundes und wird ihm ein Ende machen durch seine Erscheinung wenn er kommt«. (2 Thess 2,6 – 9).

Darüber hinaus ist diese religiöse Interpretation (und politische Feind-Bestimmung) des ägäischen Reiches auch historisch falsch. Denn die Defensive von Byzanz ging nach allen Seiten: gegen die erst mit ihrer Christianisierung selbständig werdenden slawischen Nationen – und gegen das handelspolitische Vordringen der »Lateiner«, von Venezianern und Genuesen, die sich fränkische Haudegen und den päpstlichen Segen zur Aufteilung ihrer Einflußzonen im Mittelmeerraum holten. Wie wir sahen, waren es keine Muslime, sondern »Lateiner«: Franken, Flamen, Katalanen, Venezianer, die 1204 zum ersten Male das zweite Rom eroberten. Zwar konnten danach die Paläologen, die letzte byzantinische Kaiserdynastie, vom Despotat Nikaia aus eine Reconquista Konstantinopels einleiten, doch das Imperium war dahin.

Gleichwohl hat Carl Schmitt mit seinem endzeitlichen Bild vom Katechon durchaus einen Charakterzug des byzantinischen Niedergangs getroffen – wenn man will: den Stil spätbyzantinischen Selbstbewußtseins, seine eher melancholische als fanatische Apokalypse. Wir finden die für das Nachleben von Byzanz eigentümliche universalistische Trauer nicht zuletzt im Exil: etwa in den Gemälden des Domenikos Theotókopulos (»El Greco« am spanischen Hof), oder auch in den alexandrinischen Gedichten des Kavafis.

Und wir mögen darin den Geist von Byzanzens letzter Blüte wiederkennen wollen – etwa in den Fresken der Kirchen von Mistra, der Hauptstadt des byzantinischen Despotats der Morea (oberhalb von Sparta). Am Ende klammerte sich das längst eingekreiste Konstantinopel verzweifelt »an das universale Imperium, was die übrige orthodoxe Welt nur noch deswegen hinnimmt, weil die Kirche dieses Prinzip auf die Fahnen geschrieben hat«. (Ducellier).

Denn die beständige Mimesis des römischen Reichs, an welcher (nach dem definitiven Verlust von Syrien, Palästina und Ägypten an die Araber im VII. Jahrhundert) auch noch das längst »ägäisch« reduzierte Byzanz festhielt (umso starrer, je weniger sie den Realitäten entsprach), hatte dieses Staatswesen stets blockiert. Im Osten hat die Reichsidee grundlegende politische und institutionelle Innovationen verhindert. Darum hat das (ost)römische Reich, wie der Berliner Byzantinist Ralph-Johannes Lilie bemerkt, »nie eine echte Revolution erlebt, sondern seine Entwicklung blieb immer gleitend und vollzog sich in kleinen merklichen Schritten. Die Trägheit dieser Prozesse förderte das Weiterbestehen von Tradition bis hin zum Selbstbetrug«.

Doch als es die eine Christenheit schon seit Jahrhunderten nicht mehr gibt, und nachdem auch die griechisch-orthodoxe Ökumene politisch auseinandergebrochen ist – da kommt es noch einmal zu einer neuen geistigen Blüte. Zahlreiche Gelehrte, Philologen und Astronomen sitzen jetzt auf dem Patriarchenthron wie zuletzt Bessarion aus Trapezunt oder der zum Metropoliten von Rußland bestimmte Isodor (die beide später als katholische Kardinäle in Italien sterben sollten). Schon ist freilich nicht mehr Konstantinopel das Zentrum der Hochkultur. In der peloponnesischen Exklave Morea betreiben die Intellektuellen um Gemistos Plethon eine neuplatonische Philosophie aus dem Geiste des spätantiken Heidentums und einer synkretistischen Universalreligion (die Orthodoxie, Katholizismus und Islam auf höherer Ebene versöhnen sollte).

Diese exzentrische intellektuelle Elite orientiert sich teilweise nach Westen – einige treten »unionistisch« für eine Wiedervereinigung der oströmischen Christenheit mit dem weströmischen Papst ein. Kaiser Johannes VIII. Palaiologos versuchte sich vergeblich an einer Wiedervereinigung der Christenheit auf dem Florentiner Konzil (1439), um die westliche Christenheit noch für ein Aufgebot zur Rettung von Konstantinopel zu motivieren. Aber die nach Italien gekommenen byzantischen Querdenker konnten nur noch der Platonrezeption in der italienischen Renaissance wichtige Impulse vermitteln. Auch der deutsche Kirchenjurist und Philosoph (und spätere Kardinal) Nikolaus von Kues, der in Konstantinopel an den theologischen Verhandlungen für die Union zwischen den christlichen Ost- und Westmächten beteiligt war, gelangte »bei seiner Rückkehr aus Griechenland auf dem Meerwege« zur Einsicht, »das Unbegreifliche in nicht begreifender Weise in belehrter Unwissenheit zu erfassen« – durch die Docta ignorantia, wie er später im Juni 1440 im Widmungsbrief dieser Schrift an seinen Gönner Kardinal Cesarini schrieb. Eine der Quellen für die antidogmatische »negative Theologie« des Cusaners war jedenfalls seine Begegnung mit dem byzantinisch vermittelten spätantiken Platonismus und Hermetismus.

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22 декабря 2023
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