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Norbert Horn
Der Mond der Dichter
Lyrik vom dichten Leben
Gesamtausgabe

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Alle Rechte vorbehalten
Titelbild: Schloss Biebrich am Rhein – © N. Horn
Schriftart: Palatino 12 pt
Herstellung: ef/bf/1B
ISBN 978-3-86455-689-9 EPUB
Für Goldi, unsere Familie und ein freundliches Publikum.
Nimm und lies, tolle, lege*) manche Strecke, dass zum Zwecke Lyrik fließe und mit reichem, vollem Schwalle in die Herzen sich ergieße.
*) »Tolle, lege« ist lateinisch und bedeutet »nimm und lies«. Zu der Textmontage in der Widmung siehe unten S. 235.
Vorwort zweifach
Gebrauchslyrik
Sucht ihr das Buch der schärfsten Sprüche,
die schrägste Literatenküche,
oder hübsch gereimte Zoten? –
Das wird anderswo geboten!
Der Band hier bietet Gebrauchslyrik an:
Gedichte, die man gebrauchen kann.
Wozu? Jeder mache sich selbst seinen Reim
darauf und trage ihn freundlich heim.
Satire und Ernst und Humor sind gemischt.
Wer auf dem falschen Fuß erwischt,
gibt womöglich dem Autor die Schuld.
Der bittet um Wohlwollen und Geduld.
Vorweg sei erwähnt eine kleine Schwäche:
Oft bleibt so ein Vers an der Oberfläche,
die aber, wie ihr wissen müsst,
meist für Tieferes durchlässig ist.
Die Gedichte brauchen Stille.
Sie wirken dann als Wunderpille
und sind als Therapie zu sehn.
Lest mindestens die Woche zween!
Gedämpfte Stimmen
(Pandemische Bedrohung 2020/21)
Die Ansteckungszahlen stiegen weltweit.
Viele Gebote gab’s, Masken zu tragen,
Verbote auch, nahe Kontakte zu wagen.
Quarantäne schuf künstliche Einsamkeit.
Solchem Regime will mancher entrinnen.
Hilft hier die Flucht in die lyrische Welt,
die unsere Träume am Leben hält? –
Nicht wirklich! Und Wirklichkeit musst du gewinnen.
Denn während du träumst, verändert sich sacht
deine ganze Lebenswelt,
Home Office blüht, das Reisen entfällt,
Jobs gestrichen, Hotels zugemacht.
Im Schatten wachsender Sorgen und Schulden
tu, was du tun kannst, unverzagt,
und wenn dich einer nach Hoffnung fragt,
sag‘ ihm: pack an, und: du musst dich gedulden.
Lyrik kann Wirklichkeit beschreiben.
Zwar sind unter Masken die Stimmen gedämpft.
Doch wer für den Atem der Zukunft kämpft,
braucht auch Gedichte, um wachsam zu bleiben.
Nachwort zum Vorwort
Dieser Band ist eine Gesamtausgabe. Sie vereinigt als Wiederauflage die Gedichte der Bände »Die Wunderpille« (2009) und »Die Kinkerlitzchen und das All« (2014), die vergriffen sind. Hinzugekommen sind neue Gedichte, darunter das Titelgedicht »Der Mond der Dichter« (S. 116). Lyrik lebt von Emotionen, angeregt durch Scherz oder Ernst oder Humor, bisweilen auch alle drei zusammen. So geht es auch in diesem Band, wobei das Heitere überwiegen soll. Das Urteil dazu liegt beim lesenden Publikum. – Der Untertitel spricht vom »dichten Leben«. Was das ist, weiß keiner genau. Aber viele wollen es haben. Gedichte können über Beispiele davon berichten; so in der »Ballade vom dichten Leben« (S. 199). Nicht ausgespart werden die ernsten Spielarten von dichtem Leben, die sich keiner wünscht (»Altenpflege«, S. 133, »Der Indio« S. 60). Ob auch hier ein optimistischer Grundton möglich ist? Die Frage stellte sich auch in der Pandemie 2020/21 (S. 8, 119).
Aber nun der Reihe nach. Wer Tiere liebt, kann dazu Heiteres lesen in Kapitel 1 »Mensch und Tier« (S. 21) und Kapitel 15 »Aus Haus und Garten« (S. 171), z. B. die »Spitz-Bub-Idylle« (S. 23) oder »Der freundliche Lono« (S. 173). Wer Tiere eher als Zeugen für Lebensernst begreift, findet auch etwas (»Stiller Amur-Tiger«, S. 33; Singvögel-Zukunft, S. 34). Ein Blick auf unser Verhältnis zu Tieren ist auch sonst lehrreich, z. B. für Umweltfragen (»Der Förster und die Rehe«, S. 21, für Diätprobleme (»Der Hamster«, S. 22) oder Hygieneregeln (»Ein Sack Flöhe«, S. 26). Kapitel 2 »Forschung und Entwicklung« (S. 37) bringt u.a. überzogene Erwartungen an die Pharmaindustrie zur Sprache (»Die Wunderpille«, S. 38) sowie Abwege der Genforschung (»Das Klonschaf«, S. 37; »Huhnmenschen«, S. 41). Auch gibt’s ein Stück Naturphilosophie (»Die Evolution des Gemüsebeets«, S. 46).
Kapitel 3 »Auf Reisen« befasst sich mit der Lieblingsbeschäftigung der Bevölkerung. Das Reisen wurde 2020 von der Pandemie heftig getroffen (S. 119). Zum Thema Reisen gibt es aber aus der Zeit davor (und wohl auch für die Zeit danach) Wundersames zu berichten (»Nasentanz der Südsee«, S. 49) und Reiseerlebnisse, die nachdenklich machen (»Der Indio«, S. 60; »Am See Genezareth«, S. 61). Der Schrecken einer Flugkatastrophe wird nicht ausgespart (»Die Piloten von Flug MH 370«; S. 62).
Neben dem Reisen verdienen andere Aspekte einer kultivierten »Lebenskunst« (Kap. 4) Beachtung, etwa die Planung von ›Events‹ (S. 63) und Ehrungen (S. 65), auch die Verehrung des Kulinarischen (S. 68–70). Natürlich darf Bildung nicht fehlen, wobei auch »Uni-Wissen« helfen kann (Kap. 5, S. 77). Die Beachtung unserer Gewohnheiten und Umgangsformen ist nützlich (Kap. 6); sonst kann man weder ein echter Biker werden (»Frühling der Biker«, S. 85) noch ein Internat besuchen (»Gespräche der Jungen«, S. 88).
Um die Schönheiten und die Geheimnisse der Sprache zu verstehen, braucht es »Wörterliebe« (Kap. 7, S. 95); dabei sind auch »Unwörter« zu bewältigen (S. 100). Wem Sommerblumen gefallen, der lese das gleichnamige Gedicht (S. 95). Wer Kinder liebt, schaue nach bei »Rapunzel mehrsprachig« (S. 107), aber auch in anderen Kapiteln, etwa bei »Eidechsen im Bohnenbeet« (S. 182) oder »Das Auge im Dreieck« (S. 191). – Dichtkunst (Kap. 8) ist ein so schwieriges Thema, das der Autor sich damit begnügt, nach einer kleinen Aufmunterung (»Der gut gelaunte Dichter«, S. 109) einige ihrer »Eigenarten« anzurühren, bei denen sich Licht und Schatten dieser Kunst besichtigen lassen: »Unter den Erlen« (S. 115), »Das Dementi« (S. 113), »Kinderreim« (S. 112), »Lyrikleitfaden« (S. 110). Das Titel-Gedicht »Der Mond der Dichter« (S. 116), gibt Rätsel auf. Es skizziert (als »Meta-Gedicht«) knapp den weitläufigen Kosmos der Mondgedichte. Dann wird der Mond als emotionslos bemäkelt, obwohl er zur Lyrik inspiriert. Der Autor hofft, mit der Aufdeckung dieses vielleicht nur scheinbaren Widerspruchs den Geheimnissen der Lyrik näher zu rücken.
Kapitel 9 über »Philosophie zum Selbermachen« soll Mut machen, das Philosophieren selbst in die Hand zu nehmen. Dazu gibt es eindringliche Beispiele (»Pandemisches Lied der Freiheit«, S. 119; »Meine Rente«, S. 132; »Altenpflege«, S. 133), daneben amüsante Warnungen (»Stein und Zeit«, S. 121; »Philosophische Worte«, S. 125). Direkte Bastelanleitungen zum Philosophieren sind rar; am ehesten findet man sie noch im Gedicht »Nichts Besonderes« (S. 123). – Das Risiko, von der Philosophie aus in die Politik zu geraten, ist dem Autor bewusst; dies wird meist vermieden, aber nicht immer (Pandemisches Lied etc., S. 119; Euro, S. 155).
Im Kapitel 10 »Wege und Berufe« (S. 135) geht es um den privaten und beruflichen Werdegang. Dazu gehört auch die Antriebskraft der »Schatzsuche« (S. 135), die Härte des Karrierekampfes (»Die Rede«, S. 139) und die Bürde der beruflichen Pflichten, die über die Routine hinausgehen (»Des Pfarrers Job«, S. 145; »Der Chefarzt« S. 143). Berufsthemen setzen sich fort im Kapitel 13 »Wirtschaft und Gesellschaft« (S. 163; z. B. »Der Abgang«, S.166; »Leerverkauf«, S. 167). Eine erholsame Auszeit für den Leser bietet der Ausflug ins »Buch der Kinkerlitzchen« (Kap. 11, S. 147). Der Eindämmung der dadurch (hoffentlich) erzeugten Heiterkeit können die »Ernsten Euro-Gesänge« dienen (Kap. 12, S. 155).
Wer leisere Worte sucht, findet sie in vielen Gedichten. Es gibt dazu aber auch das Kapitel 15 (S. 185; z. B. »Kölner Lichtblick«, S. 194; »Ein Schiff auf dem Rhein«, S. 192) sowie das Schlusskapitel 16 »Streublumen« (S. 199). In beiden Kapiteln wird u. a. am unendlichen Thema der Liebe weiter gestrickt. Da gibt es eine etwas altmodische Anleitung, wenn Mann eine Frau kennenlernen will (»Ballade vom dichten Leben«, S. 199) und wie man den Antrag formuliert (S. 201). Ferner andere Gedichte, die keinen besonderen Hinweis brauchen oder vertragen. – Im Anhang (S. 211) gibt es zu einigen Gedichten Hintergrundinformationen.
Norbert Horn
Inhalt
Widmung
Vorwort zweifach
Gebrauchslyrik
Gedämpfte Stimmen (Pandemische Bedrohung 2020/21)
Nachwort zum Vorwort
Kapitel 1
MENSCH UND TIER
Der Förster und die Rehe
Der Hamster
Spitz-Bub-Idylle
Hund vor dem Dom
Die Hoffnungen der Regenwürmer
Ein Sack Flöhe
Ratte im Trockendock
Nachtgeschrei
Der Bär und sein Anwalt
Herbstnüsse
Krischna
Stiller Amur-Tiger
Singvögel-Zukunft
Kapitel 2
FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG
Das Klonschaf
Die Wunderpille
Huhnmenschen
Die Lochkartenschnitzer
Die Evolution des Gemüsebeets
Die Entschlüsselung des Menschen
Kapitel 3
AUF REISEN
Nasentanz der Südsee
Des Müllers Lust
Urlaubsbericht
Wolkenlose Freiheit
Stillgelegt
Brandung
Kreuzfahrt
Der Indio
Am See Genezareth
Die Piloten von Flug MH 370
Kapitel 4
LEBENSKUNST
Ereignis nach Plan (Event Management)
Ehrung, vierfach
Der Dreisternekoch
Die Zeit des Zahns
Der Meisterkoch und sein Wildknochenleim
Tiefbettpantoletten
Scheidung altkölnisch
Menschenliebe
Romantische Liebe
Regenlied
Kapitel 5
BILDUNG
Ein gebildetes Gespräch
Die Installation
Die Logik vom Spaß (Uni-Wissen 1)
Zukunft, volkswirtschaftlich (Uni-Wissen 2)
Philologischer Wörterkampf (Uni-Wissen 3)
Juraprofessorenlied (Uni-Wissen 4)
Kapitel 6
LEBENSART UND UMGANGSFORMEN
Frühling der Biker
Mein Abendkrimi
Gespräche der Jungen
Erfolgreiche Männer und Frauen
Verfehlung
Schöne Lilofee
Begrüßung und Abschied mit Brillen
Nachtischbuffet
Kapitel 7
WÖRTERLIEBE
Sommerblumen
Hörfehler
Rap (Wörterhass?)
Poesie im Wörterregen
Zwei Unwörter
Der Chairman
Leserbrief
Ballade von Lucinde, der Liebe und dem Hund
Rapunzel mehrsprachig
Kapitel 8
EINIGE EIGENARTEN DER DICHTKUNST
Der gut gelaunte Dichter
Lyrik-Leitfaden (I) Verrätselung
Lyrik-Leitfaden (II) Erotica
Kinderreim
Das Dementi
Unter den Erlen
Der Mond der Dichter
Kapitel 9
PHILOSOPHIE ZUM SELBERMACHEN
Pandemisches Lied der Freiheit 2020/21
Stein und Zeit
Nichts Besonderes
Das letzte Fersengeld
Philosophische Worte
Hoffnungen
Verstehen
Es hapert
Nachruf
Fingerzeig
Meine Rente
Altenpflege
Kapitel 10
WEGE UND BERUFE
Schatzsuche 1945
Wanderungen
Auf der Spur der Zeit
Kapitän und Reh
Die Rede
Die Vorrede
Die Marktnische
Der Anwalt und die hohe See
Der Chefarzt
Schiedsrichterlied
Des Pfarrers Job
Kapitel 11
BUCH DER KINKERLITZCHEN
Die Kinkerlitzchen und das All
Der goldene Kinkerlitz
Das Geheimnis der Konkerlotzen
Kinkerlitz im Lenz
Die Rettung des Kunkerlutz
Crèpe Kinkerlitz
Kapitel 12
ERNSTE EURO-GESÄNGE (2011, 2020)
Wülkes Bauernregeln für Rettungsschirme (2011)
Das Wülke-Memo: Euroland spart
Nachtrag 2020: Wülkes Geduld
Wülkes lateinische Euro-Spielregeln (2011; 2020)
Nachtrag 2020: Ein pandemisches Geschenk
Wülkes Menschenrecht
Kapitel 13
WIRTSCHAFT UND GESELLSCHAFT
Verkaufserfolge
Die Milliardenunschuld
Der Abgang
Leerverkauf
Verschmutzungsrechte
Weltbank-Weihnacht
Kapitel 14
AUS HAUS UND GARTEN
Die Rosenkatze
Der freundliche Lono
Zwiegesprächs-Monolog
Die Fliege und die Kaltmamsell
Die Wurmkur
Ratten im Garten
Nestbau
Die Käferin
Eidechsen im Bohnenbeet
Kapitel 15
LEISERE WORTE
Nachtschicht
Das Mofa
Das Kriterium des ersten Schnees
Das Auge im Dreieck
Ein Schiff auf dem Rhein
Streueffekt
Kölner Lichtblick
Elegie
Im Garten
Kapitel 16
STREUBLUMEN
Ballade vom dichten Leben
Unbeholfener Antrag
Kein Abschied
Vorfreude, erinnert
Glücksgewitter
Alles was grünt
Wie diesen Sommer
Neujahrsschnee
Traumforschung
Strauchmalven
Hintergrundinformationen
Alphabetisches Verzeichnis der Gedichte nach Titeln
Hinweis:
HI am Ende eines Gedichts bedeutet, dass es zu diesem Gedicht eine Hintergrundinformation gibt; s. S. 197 ff.
Norbert Horn
Gesamtausgabe
Kapitel 1
MENSCH UND TIER
Der Förster und die Rehe
Beim Försterexamen wurde er Erster
und war zeitlebens ein sehr guter Förster.
Er hat seine Rehe im Wald stets gehegt
und fertig gehegte Rehe erlegt.
Des Försters Frau briet prächtige Braten
mit dunkler Soße, vorzüglich geraten.
Der Förster war heiter in all diesen Jahren,
die für die Rehe nicht einfach waren.
Sein Dienstabschied stimmte die Rehe heiter,
bis rauskam: der Nachfolger macht so weiter.
Der Hamster
Der Hamster hamstert, was er kann,
und legt sich einen Vorrat an
in seiner Höhle fressbereit.
So kommt er durch die Winterzeit:
Im Frühjahr taucht er auf ans Licht,
ganz schlank, mit Idealgewicht.
Auch du, Mensch, hamsterst, was du kannst
in deinem gut genährten Wanst.
Die Winterzeit bringt Eis und Schnee
und Gänsebraten, Crème brulée.
Das Frühjahr taucht dich neu ins Licht.
Doch abgenommen hast du nicht.
Spitz-Bub-Idylle
Am Seeufer liegt ziemlich abgeschieden
im Sonnenschein das Bauernhaus.
Der Hahn verkündet Sieg und Frieden.
Die Wache tritt jetzt auf die Treppe heraus.
Ein Wurstbrot mit Bub erscheint soeben.
Der Bub nimmt die sonnige Treppe als Sitz.
Danach tritt auf und setzt sich daneben
majestätisch ein großer Spitz.
Der Bub beißt ins Brot, streckt’s dann hin dem Hund.
Auch der beißt ab. Der Bub nimmt’s zurück.
So geht’s hin und her, zwischen Schnauze und Mund,
friedlich geteiltes Wurstbrotglück.
Wanderer kommen mit knirschendem Tritt.
»Der Hund frisst mit«, ruft einer heiter.
»Servus, und guten Appetit!«
Gelächter verklingt; die Gruppe zieht weiter.
Spitz und Bub, unbewegtes Gesicht.
Wir wachen am Haus. Da wird nicht gelacht.
Auch für die andern gehört sich das nicht,
wenn die Wachmannschaft Brotzeit macht.
Hund vor dem Dom
Warum nur darf Caro, mein treuer Hund,
nicht in den hohen Kölner Dom?
Er fiele nicht auf im Besucherstrom,
und Caro ist höflich und kerngesund.
– Was mancher Besucher nicht aufweisen kann;
da hustet oft einer den anderen an.
Man sagt, Hunde kläffen und heben das Bein.
Doch täte mein Tier im Dom so was nicht.
Es weiß, in der Kirche übt man Verzicht,
und Caro ist dom- und stubenrein.
Soll er für andere Hunde büßen,
die sich nicht zu benehmen wissen?
Man sagt auch, der Dom sei für Menschen gemacht.
Doch ist er für Gott, und der hat erschaffen
Menschen und Hunde, Vögel und Affen
und hat auch an meinen Caro gedacht.
Zwar kann der Caro nicht richtig beten;
– ach, wenn das nur alle Touristen täten!
Wahr ist, im Dom riecht es nirgends nach Hund,
und Caro könnte dort nirgends an Ecken
Hündisches schnüffeln oder entdecken.
Zum Dombesuch gibt’s für ihn keinen Grund.
Man muss auch mal an die Tiere denken.
Komm, Caro, den Dom sollten wir uns schenken!
Die Hoffnungen der Regenwürmer
Tausend Regenwürmer leben
in den Beeten rings um’s Haus,
graben still nach Futter aus
Pflanzenresten, Faulgeweben.
Trocken und wie Stein die Erde
in dem sommerheißen Garten.
Regungslos die Würmer warten,
dass die Erde feuchter werde.
Wolkenbruch stürzt auf den Garten,
treibt die Regenwürmer-Herde
aus der überschwemmten Erde
an die Luft. Die Amseln warten
auf ihr Futter, Frucht der Erde.
Mancher Wurm ist längst ersoffen.
Und die andern Würmer hoffen,
dass die Erde trockner werde.
Ein Sack Flöhe
Willst du einen Sack Flöhe hüten,
brauchst du Flöhe und einen Sack.
Fängst die Flöhe, musst das Pack
nur noch in den Sack eintüten.
Hörst du dann die Flöhe husten,
denkst du, dass sie Hunger haben,
lässt am nackten Arm sich laben
Floh für Floh, die husten mussten.
Kriegst du dann die Cholera,
weil die Flöhe die schon hatten
von den feuchten Kellerratten,
ist dein Ende ziemlich nah.
Hast zum Jammern keinen Grund.
Hättest, bevor dich die Flöhe bissen,
schon am Husten merken müssen,
dass die Tiere nicht gesund.
Merk’ dir eins: Ein kranker Floh
macht am Ende keinen froh.
Und selbst mit gesunden Flöhen
geht’s im Grunde ebenso.
Ratte im Trockendock
Die Sonne hat den Schiffsrumpf erhitzt.
Die Ratte draußen im Trockendock sitzt
auf ihren nackten Hinterpfoten,
die Schnauze hoch dem Wind geboten.
Wo Futter ist, wo Hunde sind,
muss Ratte wittern sehr geschwind.
Wachsam muss sie sein und schnell,
zu retten ihr struppiges Rattenfell.
Es läuft die eilige Lebensuhr.
Als Ratte lebt man einmal nur.
Nachtgeschrei
Plötzlich nachts die Vögel klagen,
zischeln, gackern, zetern lange.
Hat die Eule zugeschlagen
oder macht die Katze bange?
Auf und nieder wogt das Klagen.
Wenn es wieder still geworden,
kann die Eule weiter jagen
und die Katze weiter morden.
Und wir wollen weiter schlummern,
wohlig fern vom Krieg der Tiere.
Doch dann schreckt uns leises Wummern.
Ein Dieb ist im Haus, ein zweiter steht Schmiere.
Hilft uns jetzt ein Nachtgeschrei?
Wär‘ wohl die falsche Reaktion.
Oder hilft die Polizei?
Habe den Notruf im Handy schon.
Der Bär und sein Anwalt
Der Bärenanwalt der Ostschweizer Kantone,
Herr Jäggi, trat ein und schüttelte Hände,
nahm Platz an des Tisches oberem Ende
und sagte dann ernst in brummendem Tone:
Meine Damen und Herren, der Bär ist los!
Jetzt heißt es, kühlen Kopf zu bewahren.
Damit sind wir Schweizer stets gut gefahren.
Wir hören den Bericht von Herrn Hürlimoos.
Der sprach: Der Bär ward am Corvatsch gesehn.
Tags drauf überstieg er die Bonderchrinde,
riss dort eine Gams und etwas Gesinde
und scheint jetzt zum Monte Rosa zu gehn.
Herr Flückiger rief: So ein Mörder und Würger!
Reißt Gamsen und wertvolle Arbeitskräfte,
verdirbt uns Hoteliers die Geschäfte;
am Ende frisst er noch Schweizer Bürger!
Sprach Skilehrer Badrutt aus Samnaun:
Der Bär ist ein wertvolles Stück Natur.
Man sollte ihn hegen auf freier Flur,
doch brauchen wir jetzt einen Bärenzaun!
Am besten im Nationalparkgelände.
Der Bär kann die Hirsche dort dezimieren,
bevor die unseren Wald ruinieren.
Zum Beifall regten sich viele Hände.
Herr Frutiger sagte: Es kann uns passieren,
der Bär fängt am Zaun zu klettern an
und bricht uns aus, sobald er kann.
Wir müssen den Zaun elektrifizieren.
Eine Dame meinte: Der Zaun hat viel Reiz.
Der Bär tat vom Ausland hierher immigrieren;
man sieht’s an den schlechten Essmanieren.
Wir brauchen den Zaun um die ganze Schweiz!
Plötzlich hat Jäggis Handy geschellt.
Der lauschte und sagte: Ich hab’ grad’ erfahren:
am Julier wurde der Bär angefahren
und hat sich der Polizei gestellt.
Die unmittelbare Gefahr ist vorbei!
Wir müssen die Sache noch ausdiskutieren,
wo wir den Bär und den Zaun installieren.
Die nächste Sitzung ist Dienstag halb drei!
(HI)
Herbstnüsse
Herbst ist, mit lauter Haselnüssen.
Das Eichhörnchen hat sie verstecken müssen.
Die Katze hat es totgebissen.
Kein Tier wird von den Nüssen wissen.
Still liegt es unterm Pflaumenbaum.
Die Katze interessiert das kaum.
Am Morgen drauf ist es verschwunden.
Die Raben hatten es gefunden.
Das Eichhörnchen ist bald vergessen.
Kein Tier wird seine Nüsse fressen.
Die liegen unter Moos – und Eis.
Vielleicht wächst draus ein Haselreis.
Krischna
Frühmorgens, als es tagte,
ging Krischna in den Wald.
Er traf dort die Schlange; die sagte:
Der einfache Weg endet bald.
Lianen verdecken den Pfad.
Du musst dich durch’s Dickicht winden.
Und Krischna folgte dem Rat,
doch konnte den Weg nicht mehr finden.
Müde fiel er in Schlaf.
Auf ihm ruhte ein Falter.
Da zielte auf Krischna und traf
ein Jäger, der hieß »Hohes Alter«.
(HI)
Stiller Amur-Tiger
Das hat es im Zoo noch nie gegeben:
Amur-Tiger und Tierpflegerin
zur gleichen Zeit im selben Raum.
Lautloses Spiel um Tod und Leben,
geschmeidig, mit stummer Gewalt. Der Beginn
war schon das Ende. Ein böser Traum.
Nach dem Angriff sitzt er still
bei der toten Pflegerin
und der winzigen roten Lache.
Weiß nicht, was er weiter will.
Lange Minuten rinnen dahin.
Beute oder Totenwache?
Die Tür ins Außengehege verschlossen.
Saß dort oft an Wintertagen
still im Wassergraben kalt,
hat die Kälte des Amur genossen.
Spürt jetzt kaum den Schuss einschlagen,
der den ganzen Zoo durchhallt.
(HI)
Singvögel-Zukunft
I.
Am Morgen meines Lebens,
nach durchfeierter Nacht,
sangen die Vögel. Vergebens;
bin spät erst aufgewacht.
Am Mittag meines Lebens
machte ich früh mich auf.
Die Vögel sangen. Vergebens;
ich war halt nicht so drauf.
Die sind immer wieder am Singen.
Heut’ achte ich auf den Klang
und suche herauszubringen
den Sinn von ihrem Sang.
Sie kennen nur alte Lieder,
ein kunstvolles Einerlei.
Die singen sie immer wieder. –
Sie singen die Zukunft herbei!
II.
Sie singen im Feld unverdrossen,
sobald der Gefechtslärm schweigt,
nach Springflut, die abgeflossen.
Wird Kernschmelze angezeigt,
dann singen sie: Frühling werde!
Sie wissen ja sonst nicht viel.
Dann fallen sie tot zur Erde,
verendet ihr kleines Spiel.
Doch andere Orte wird’s geben,
wo Vögel noch singen können,
berichten von neuem Leben,
und dass sie die Zukunft gewönnen.
Kapitel 2
FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG
Das Klonschaf
Das Klonschaf sprach auf grüner Au:
Ich fühl mich hundeelend mau.
Mir fehlt in meines Erbguts Schatz
der Gegen-Chromosomensatz.
Ich spür’s, ich werde nicht sehr alt!
Tatsächlich starb das Klonschaf bald.
(HI)
Die Wunderpille
Nach Jahren der Forschung in aller Stille
erschien Kadabra, die Wunderpille.
Der Vorstandschef hat zur Presse gesprochen:
Eine neue Zeit sei angebrochen.
Schmerzfreies Wohlsein für jedermann,
das sei es, was die Pille kann.
Kadabra, weil polivalent fokussiert,
viele Leiden auf einmal kuriert:
Darmträgheit und Haarausfall,
Gedächtnisschwund und Hustenqual,
steifes Knie und Knickplattfuß,
Völlegefühl und Bluterguss.
Auf Fragen musste der Vorstand erklären:
Todkrankheit sei nicht abzuwehren.
Unsterblichkeit sei noch nicht in Sicht,
und die Packungsbeilage verspreche das nicht.
Doch Kadabra führe den Zustand heran,
den man als Wohlnis bezeichnen kann.
Die Werbung kam sehr rasch in Fahrt;
an Geldern wurde nicht gespart,
im Fernsehen Werbezeit gebucht.
Für die Spots wurden neue Models gesucht.
Die Models mussten vor allen Dingen
die Vielfalt der Heilung rüberbringen:
Dass Haarausfall und Darmträgheit
verschwinden fast zur gleichen Zeit
mit Knickplattfuß und andren Malaisen, –
und durften das Lächeln nicht vergessen.
Ein Menschheitstraum sei nun erfüllt,
eine uralte Sehnsucht endlich gestillt.
Die Werbung bewegte das Fernsehvolk tief.
Die Nacht nach der Sendung niemand schlief.
Die Zuschauer rannten am nächsten Morgen,
um sich Kadabra zu besorgen.
Die Umsätze stiegen und der Gewinn,
der Aktienkurs auch; die Konkurrenz war hin.
Doch wollte die Konkurrenz nicht ruh’n.
Sie musste was gegen Kadabra tun.
Von Nebenwirkungen bekam sie Wind,
die mit Kadabra verbunden sind.
Wenn einer ohne Haarausfall
Darmträgheit bekämpft, wird er oben kahl.
Ein fleißiger Darm wird rasch gedämpft,
wenn einer nur steifes Knie bekämpft.
Denn Kadabra will alle Übel besiegen,
und wem eins fehlt, soll’s erst mal kriegen.
Ein Sprecher erklärte die Sache genau:
Dies sei »präventiver Symptomaufbau«.
Das nun war leider des Fortschritts Feind.
Die Pille wurde daher redesigned.
Pro Kubiknanometer 2 Teilchen mehr
verbesserten die Wirkung sehr.
Nur vorhandene Leiden wurden nun geheilt,
für Altfälle Schmerzensgeld verteilt.
Doch bald ein neues Übel begann:
Die Pille griff nun den Ohrknorpel an.
Kadabra machte die Ohrmuscheln schlapp;
die hingen dann ziemlich traurig herab.
Ein Wutschrei ging durchs ganze Land.
US-Anwälte kamen gerannt.
Die forderten für der Patienten Schar
10 Milliarden Euro in bar.
Die Firma ging pleite, der Vorstandschef fort
mit 10 Millionen Abfindung an Bord.
Da wurden den Anwälten die Ohren schlapp
und hingen – ganz ohne Kadabra – herab.
Was soll man da sagen, was lehrt die Geschicht’?
Die richtige Pille gibt es noch nicht.
Huhnmenschen
Die Genforscher treibt ihre Forschung ins Rasen.
Der Fahrtwind des Fortschritts umweht ihre Nasen.
Von nichts hat uns die Forschung verschont.
Jetzt hat man auch Mensch mit Huhn geklont.
Der Huhnmensch ward von den Medien umjohlt.
Der Fortschritt hat sich hier selbst überholt.
Nicht viele Huhnmenschen entstanden zum Glück,
doch immerhin wurden es zweihundert Stück.
Der Verband der Huhnmenschen wurde gegründet,
als Sprecher Müller Zwei verkündet.
Der trat leicht gefiedert vor die Presse
und stieß natürlich auf größtes Interesse.
Stehend auf nur einem Bein
– das andre zog er artig ein –,
zeigte er ruckartig den Kopf von der Seite,
beäugte die Presse und blickte ins Weite.
Der Kamm schwoll ihm unmerklich an,
als er zu reden nun begann.
Wir Huhnmenschen sind keine Zellspenderknechte
und pochen auf unsere Huhnmenschenrechte.
Therapeutische Zellspenden lehnen wir ab,
die Zellen nehmen wir mit ins Grab.
Die Genforscher haben versagt, das ist wahr:
Des Huhnmenschen Leben währt nur acht Jahr!
Müller Zwei schwoll stärker nun der Kamm;
er forderte ein Lebensverlängerungsprogramm.
Wir wollen achtzig Jahr’ wie die meisten!
Ein moderner Sozialstaat muss so was leisten!
Man sieht doch, wie wenig die Genforscher taugen!,
rief er mit funkelnden Huhnmenschaugen.
Für uns sind die achtzig nicht mehr zu schaffen,
wir können statt acht vielleicht zwölf Jahre raffen.
Doch wollen wir uns nicht entmündigen lassen.
Das Recht ist entsprechend anzupassen:
Volljährig mit zwei, volles Bürgerrecht,
Rente ab sechs wäre nur gerecht.
Reichlich muss die Rente fließen,
den Lebensabend bis zwölf zu genießen,
mit Golfclub, Kreuzfahrten, Bildungsreisen,
in schönen Restaurants zu speisen!
Hier riss den Zuhörern die Geduld,
die Pressekonferenz geriet zum Tumult.
Doch viele sagten, man müsse verstehen
und auch den Huhnmitmenschen sehn.
Der Huhnmensch sei zu integrieren,
neue Wege zu probieren.
Doch Müller Zwei wies alles zurück:
Kein Kompromiss, hier geht es ums Glück!
Der Streit begann die Gesellschaft zu spalten.
Was soll man von Huhnmensch-Schulen halten?
Von praktischen Kursen zum Eierlegen,
um liebevoll die Brut zu pflegen?
Die Vogelgrippe begrub das Problem.
Die Genforscher sind vorsichtiger seitdem.
(HI)
Die Lochkartenschnitzer
Die Herrgottsschnitzer vom Boitzburger Wald,
die schnitzten Krippen, Kochlöffel, Elche.
Mal hungerten sie, mal verkauften sie welche.
Doch waren sie glücklich und wurden alt.
Da kam in ihre Waldeinsamkeit
eines Tages Herr Hollerith.
Der brachte die Lochkartentechnik mit
und neue Arbeit und Fröhlichkeit.
Die Boitzburger Wäldler durften beschnitzen
Millionen Karten nach Kundenangaben.
Bestimmte Löcher sollten die haben,
die mussten sie in die Karten ritzen.
Die Karten gingen in alle Welt
und halfen beim Rechnen und Daten-Erfassen.
Die Boitzburger feierten ausgelassen.
Denn nun hatten sie endlich Geld.
Doch leider ward der Computer erfunden.
Der Markt brach zusammen fast über Nacht.
Die Boitzburger wurden ums Brot gebracht.
Sie hatten zuletzt nur noch einen Kunden
in einem Bergdorf bei Bad Gastein,
der bot Elektroklaviere an,
die man mit Lochstreifen spielen kann.
Da schnitzten die Boitzburger Mozart rein.
Doch kaufte Toyota das Bergdorf auf.
Man hat die Klaviere digitalisiert,
die Lochstreifentechnik ausrangiert.
Für die Schnitzer ein übler Verlauf.
Sie berieten: Schnitzen wir Schweine, Kälber,
Zwerge und Hirsche, Igel und Mäuse,
Krippen oder Puppengehäuse?,
bis einer rief: Wir schnitzen uns selber!
Lochkartenschnitzer geschnitzt sind der Hit!
Man sieht sie auf allen Touristikmessen,
auch in Marzipan, dann kann man sie essen.
Sie kommen nicht mit der Nachfrage mit.
Die Kinder, mit i-Pods und Laptop gewitzt,
kommen aus dem Staunen nicht heraus.
Seht, Kinder, so sah es früher aus:
Steinbeile gab’s damals – und Lochkarten geschnitzt!
(HI)
Die Evolution des Gemüsebeets
Mitten im einsamsten Schwarzwald steht
auf einer Lichtung, die niemand begangen
und die von dichten Tannen umfangen,
ein herrliches Gemüsebeet.
Der Wirsing steht stolz in schnurgrader Reih’
mit schwellenden Köpfen und üppig gebaut,
parallel die Möhren mit hellgrünem Kraut,
und dann ist ein Beet mit Zwiebeln dabei.
Der Wind hat den Samen dort hingeweht,
auch Vögel brachten ihn herauf,
Maulwürfe lockern den Boden auf,
und so entstand allmählich das Beet.
Das Wild wollte oft ans Gemüse gehen.
Das schwitzte Stresshormone in Reihe;
das Wild äste nur das vom Stresshormon freie
Gemüse und ließ die Reihen stehen.
Kaum waren fünftausend Jahre vergangen,
schon stand das Beet in voller Pracht,
vom Zufall in schnurgrade Ordnung gebracht.
Mehr kann man vom Zufall nicht verlangen.
Man weiß, dass Natur nur sehr langsam entsteht.
Der Schwarzwald brauchte Jahrtausende Zeit.
Natur kommt ausschließlich durch Zufall sehr weit
und schuf so das Gemüsebeet.
Wer zweifelt, nehm’ selbst es in Augenschein
auf der Lichtung. Und wer die nicht finden kann,
trifft anderswo Naturwunder an,
noch größer als Wirsing und Möhren in Reih’n.
(HI)
Die Entschlüsselung des Menschen
Das Rätsel des Menschen-Genoms ist enthüllt!
Sein Code ist erkannt und ins Netz gestellt.
Man sagt, ein großer Wunsch sei erfüllt:
ein Schritt zur Entschlüsselung der Welt.
Der Code erklärt dem Menschen sein Wesen,
er lehrt, was mit unseren Genen los.
Wie schön, ihn den Kindern vorzulesen!
Das Kleinste sitzt auf meinem Schoß.
Der Code, das sind endlose Datenreihen.
Die Kinder seufzen, ich lese geschwind.
Es ist halt viel, ihr müsst mir verzeihen.
Im Arm schläft fest das jüngste Kind.
Die andern schleichen leise davon
und lärmen im Zimmer daneben sehr.
Die Lesung stockt, und ich frage mich schon:
Wo haben die Kinder die Lärm-Gene her?
Kapitel 3
AUF REISEN
Nasentanz der Südsee
I.
Die Insel Malaua mit endlosen Stränden
hat in der Südsee den feinsten Sand.
Der schmeichelt dem Fuß, rinnt weich durch die Hand
der Gäste aus allen Kontinenten.
Die Malauaner pflegen am Strand
den Nasentanz. Mit Handstand fängt’s an.
Dann dreht auf den Händen den Körper, wer kann,
und taucht die Nase zugleich in den Sand.
Der Körper kreist um die Spitze der Nase.
Touristen werden behutsam trainiert,
wie man den Körper austariert,
das Gleichgewicht hält in der Drehungsphase.
Um die Touristennasen zu schonen,
gibt es Plastiknasen zum Schutz
der Haut und Atmung vor Sand und vor Schmutz.
Der Nasentanz soll sich für jedermann lohnen.
Ein Zeugnis gibt es, wenn alles gelungen.
Drin steht, dass dieser Tourist dann und wann
sich selbst auf der Nase herumtanzen kann.
Der Gipfel der Freiheit sei damit errungen.
II.
Doch zeigt die Befragung der großen Zahl
von Kunden: Die Sache strengt dermaßen an,
dass keiner die Freiheit genießen kann.
Das Freiheitserlebnis bleibt vage und schal.
Drum bricht sich ein neuer Nasentanz Bahn.
Man tanzt auf den Füßen, zu zweit, ganz befreit
auf der Terrasse zur Abendzeit.
Die Nasen ganz nah. Das fühlt sich gut an.
Des Müllers Lust
Das Mahlen ist des Müllers Lust,
mahlt gern das Korn, strahlt unbewusst
beim Mahlen.
Des Müllers Mehl ist rein und fein.
Er will kein schlechter Müller sein,
wenn Kunden zahlen.
Das Sparen ist des Müllers Lust,
bei Tag und Nacht ganz zielbewusst,
das Sparen.
Er schafft und spart und spart und schafft
und kommt zu Geld aus eigner Kraft
nach Jahren.
Dann packt den Müller Reiselust.
Will Geld ausgeben ganz bewusst
auf Reisen.
Er reist mit seiner Müllerin
zu vielen fernen Ländern hin,
es zu beweisen.
Nach vielen Reisen voller Lust,
da packt den Müller großer Frust
am Leben.
Er fragt: Wir reisen her und hin,
was soll denn das für einen Sinn
ergeben?
Die Müllerin haut auf den Tisch.
Sinnfragen sind zu hoch für dich,
Banause!
Schön ist das Reisen durch die Welt!
Bleib doch, wenn’s dir nicht mehr gefällt,
zuhause!
Der Müller greift zum Wanderhut.
Allein zu Haus ist gar nicht gut.
Wir fahren!
Doch sag’, warum wir, wie ich find’,
auch unterwegs oft einsam sind
seit Jahren?
Urlaubsbericht
Also bei uns war der Urlaub ganz toll.
Das Wetter war gut. Es war auch nicht voll.
Versteh’n Sie, ich fühl’ mich dort einfach wohl.
Kein Grund, warum ich woanders hin soll.
Bei uns war der Urlaub auch ziemlich toll.
Das Wetter meist gut. Es war etwas voll.
Manchmal war’s laut; ich sag’s ohne Groll.
Weiß nicht, ob ich da wieder hinfahren soll.
Bei uns war der Urlaub nicht so toll.
Das Wetter durchwachsen. Auch war es recht voll
und teuer. Wir fragten uns oft, was das soll.
Die Ferienstimmung war meist eher Moll.
Zusammengefasst war der Urlaub meist toll,
teils nicht. Auch war es teils nicht voll, teils voll.
Man fühlte sich teils nicht wohl, meist wohl.
So geht’s, wenn vom Urlaub erzählt werden soll.
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