Читать книгу: «Der Duft der indischen Nelke»
Wir fliegen zum Mond und bald
zum Mars.
Nichts ist so unerreichbar wie
der vergangene Tag.
Der Duft der indischen Nelke
La senteur des œillets d‘Inde
Roman
NICOLÀ TÖLCKE
Lektorat: Wolfgang Holtz
Lektorat und Korrektorat: Sandra Schmidt; www.text-theke.com
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DANIELLE

Grußwort
Es gibt viele Romane auf der Welt, auch gute Romane, die in Vergessenheit geraten, weil die Personen die falschen Namen tragen. In »Der Duft der indischen Nelke« tragen die Heldinnen und Helden wunderbare und einprägsame Namen. Ich tauchte ein, lebte im Licht dieser Geschichte, die mir fingerdick unter die Haut geht. Berlin, wie ich es auch kennenlernte. Die Straßen, die Peep-Shows und der Fernsehturm mit dem Sonnenkreuz, das blendet, aber nicht erblinden lässt, während in seinem Innenleben die Szenen und Fotografien von einer gewaltigen Lust berichten.
São Paulo, Juni 2014, Ignácio de Loyola Brandão
Wer sein Glück nur in der Ferne findet
Der muss einfach durch durch viele Frau‘n
Getextet von Werner Karma
Gesungen von Anna Loos
Prolog
Ein Frühlingstag und meine Mutter hat Lust auf einen Spaziergang entlang des Teltowkanals. Vor der Brücke der Krahmerstraße befindet sich ein Wildgehege mit Hirschen und Rehen. So stiefeln wir los und haben als Proviant für die Vierbeiner ein paar alte Stücke hartes Brot im Gepäck.
Ein verführerischer Blütenduft liegt in der Luft, als wir an dem waldartigen Gelände ankommen. Links schnattern die Enten im Kanalwasser und rechts hinter dem mannshohen Jägerzaun mümmeln der stolze weiße Hirsch und sein Harem.
Mutter will weiterlaufen. Es soll bis zur Bäkebrücke gehen. Dort müssen wir links abbiegen, um auf der Metallkonstruktion hinüber auf die andere Kanalseite zu gelangen.
Schon einige Male habe ich ihn gesehen; eher von weitem, diesen Flügelmann, der oben auf einem Sockel steht und seine Arme wie ein flugbereiter Adler ausstreckt. Mutter ist unerbittlich. Ganz nah vor seinem klobigen Podest kommen wir zum Stehen. Ich habe Angst! Ob der sich gleich auf mich stürzen wird?
„Komm, Hubertlein! Bück dich mal nach unten und riech mal, wie die Blumen duften.“
Schnell noch mal ein kurzer Blick nach oben. Er steht ganz ruhig da. Ich gehe auf die Knie und schon in der Bewegung fängt mich der Duft ein. Als hätten diese gelben, kleinen Sonnen eine Anziehungskraft krieche ich mit meiner Nase in sie hinein. Wie benommen ist mir plötzlich, als schwebte ich nach oben. Mich überströmt ein Glücksempfinden, das sich mit einer Gänsehaut über meinen ganzen Körper verteilt. Doch auch diese dunkle Kreatur da oben hoch über mir will, dass ich sie beachte. Im Glücksgefühl des Duftes erzittere ich vor dem Flügelmann. Ich starre ihn an, paralysiert bin ich wie ein Reh vor nächtlichen Autoscheinwerfern.
„Bald werde ich dich mitnehmen auf eine Reise, von der es kein Wiederkommen gibt!“, flüstert er mir zu.
„Hubert, komm!“, unterbricht ihn meine Mutter, „das sind Studentenblumen. Aber wir wollten doch noch ins Café dort und ein Eis essen.“
Von dem Moment an ist mir klar, dass ich diesen Mann mit seinen todbringenden Schwingen nie wieder anschauen werde, mich die Magie des Duftes der Tagetes aber oft begleiten wird.
1 Striptease am Fenster
Es ist ein besonderer Kick wenn der Aufzug diese zweihundert Meter in sechs Meter pro Sekunde bis zur Aussichtsetage
hochschießt. Es ist beruhigend, so eingeschlossen in diesem engen, mobilen Raum ohne Weitblick zu sein. Sehr beruhigend, wenn man unter Höhenangst leidet. In der Seilbahn, die von Fräkmüntegg die 647 Meter, auch in sechs Meter pro Sekunde, fast senkrecht in fünf Minuten zum Pilatus hochraste, war das damals anders. Die ganze Fahrt lang wagte ich keinen Blick auf das immer winziger werdende Luzern zu werfen.
Ich hielt meinen Blick am Seilbahnfahrer fest und sagte mir nur, dass dieser ältere, keinesfalls draufgängerisch wirkende Herr in seiner blauen Uniform nur den ganzen Tag nichts weiter machte, als an ein paar Stahlseilen hängend durch die Schweizer Landschaft zu schweben.
Die Fahrt durch den Berliner Untergrund ist heute sehr unangenehm. Die U-Bahn muss zwischen zwei Bahnhöfen eine Zwangspause einlegen. Fast eine Stunde dauert der unfreiwillige Halt dieser Linie schon, die als Ziel an ihrem Triebwagen Pankow zu stehen hat. Erfreulicherweise verlangt das Verspeisen mitgebrachter Döner nicht annähernd so lange. Wir hängen zwischen Hausvogteiplatz und Spittelmarkt fest.
Ich schlage das Taschenbuch auf, das ich mir gestern in der Bibliothek ausgeliehen habe. Nesnesitelná Lehkost Bytí, so der Titel des Originals aus dem Jahr 1984. Ich blättere willkürlich, um mir einen Eindruck zu verschaffen, und lande auf der Seite 61.
Unter der Bezifferung 19. fange ich an zu lesen. Dank des unfreiwilligen Zwischenstopps habe ich ja Zeit:
« Ich möchte Dich in meinem Atelier lieben wie auf einer Bühne. Ringsherum stehen Leute, die keinen Schritt näher kommen dürfen. Aber sie können die Augen nicht von uns losreißen… »
Im Laufe der Zeit verlor dieses Bild seine ursprüngliche Grausamkeit und begann, sie zu erregen. Manchmal, während der Liebe, rief sie Tomas diese Situation flüsternd in Erinnerung.
Sie sagte sich, dass es einen Ausweg gab, um der Verdammung zu entrinnen, die sie in Tomas‘ Untreue sah: er sollte sie mitnehmen! Mitnehmen zu seinen Freundinnen! Vielleicht war das der Weg, ihren Körper wieder zum ersten und einzigen zu machen. Ihr Körper würde zu einem Alter Ego, zu seinem Adjutanten und Assistenten.
« Ich werde sie für dich ausziehen, ich werde sie für dich in der Wanne baden und sie zu dir bringen… », flüsterte sie ihm zu, wenn sie aneinandergeschmiegt dalagen.
Ein Typ mit Klampfe reißt mich aus dem Text. Beziehungsweise eine blonde Polin, die keine Lust auf das 31. Mal The Times They Are A-Changin hat. Der hat fast so unmelodisch gekreischt, wie jener Straßensänger vor C&A in der Schloßstraße in Steglitz, der auf seinem Klappstuhl sitzend bei jedem Wetter Kinder- und Volkslieder so bar jeder Musikalität vorträgt, dass ich ihn schon als Attraktion mit der Videokamera aufnehmen wollte.
Die Polin gibt dem Musikanten schließlich einen 5-Euro-Schein in die Hand und bittet ihn, endlich still zu sein. Er tut ihr den Gefallen.
Ich kann weiter lesen:
Sie wollte mit ihm zu einem hermaphroditischen Wesen verschmelzen, und die Körper der anderen Frauen sollten zu ihrem gemeinsamen Spielzeug werden…
Zum Abschluss der Nachrichten noch ein Verkehrshinweis: Auf Grund eines schwerwiegenden Zwischfalls auf der U-Bahn-Linie 2 ist der Betrieb dieser Linie zur Zeit eingestellt. Es wurde ein Schienenersatzverkehr eingerichtet. Es gab mehrere Schwerverletzte.
Im Westen hängen dunkelgraue Wolken über der Stadt. Die Sonne zieht Wasser. Die Siegessäule ist nur zu erahnen. Keine Grillschwaden wabern aus dem Tiergarten. Die Aussichtskugel des Turms dreht sich nicht. Keine Supermarktmusik verklebt die Ohren. Gestresste, verschwitze Kellnerinnen, die es den nach Kaffee und Suppe begehrenden Touristen recht machen müssen? Fehlanzeige! Selbst die Beleuchtung schläft.
Auch vom Heizkraftwerk Reuter, drüben in Siemensstadt, auch von diesem gewaltigen, weißen Kegelschornstein steigt heute rein gar nichts in den Himmel.
Die Stimme, denke ich, die lässt mich nicht los. Die Stimme der blonden, jungen Polin in der U-Bahn. Dieses spezielle Timbre? Wo habe ich das schon mal gehört? Hätte mich der Text Ich werde sie für dich ausziehen, ich werde sie für dich in der Wanne baden und sie zu dir bringen…, hätten mich diese Worte nicht so beschäftigt, ich hätte sie vielleicht erkannt. Möglicherweise hat mich auch das kleine Mädchen an ihrer Seite irritiert. Wer weiß?
Auch waren meine Gedanken schon hier oben. Sie waren mit vielen Fragezeichen versehen. Was würde mich erwarten? Hatte ich nicht im Traum diese seltsame Einladung erhalten? War das überhaupt im Traum? Auf jeden Fall war da diese düstere Stimme, die so erklang, als breitete sie sich vom Mittelpunkt meines Kopfes an die Peripherie meines Schädels hin aus: Kommen Sie in den Fernsehturm. Ich erwarte Sie. Es ist sehr wichtig. Dieses Erleben lässt mich immer noch erschaudern. Dieser gespenstische Tonfall, jemand wie Darth Vader in meinem Gehirn, das hatte mich elektrisiert und paralysiert zugleich.
Es rauscht ein wenig in der Klimaanlage. Ich beschließe noch einmal einen Rundgang im wahrsten Sinne des Wortes. Kein Hinweis, dass hier oben irgendjemand ist. An „Tisch 11“ zeigt sich in der Ferne das Olympiastadion. Ich setze mich, nehme einen Zahnstocher und versuche, mir damit den Dreck unter den Fingernägeln zu entfernen.
Und plötzlich ist er da! Er sitzt mir gegenüber und sieht mich hemmungslos, völlig ungeniert an. Sein Gesicht wirkt zombiehaft, aschfahl, ein wenig wie aus dem Wachsfigurenkabinett. Mir ist, als ob seine Augen mich durchleuchten.
Ein kurzes Beben lässt die Maiglöckchen in der Vase zittern.
„Haben Sie keinen Hunger? Die Gulaschsuppe hier oben ist gar nicht so übel.“ Darth Vaders Stimmbänder haben sich mit denen von Elisabeth Flickenschild gepaart!
„Hier ist doch niemand. Wer sollte mir denn eine Gulaschsuppe servieren?“ Ich stecke den Zahnstocher mit der etwas grauen Spitze in meine Jackentasche.
„Vielen Dank, dass Sie meiner Einladung folgen konnten. Ich schlage vor, wir fangen gleich an.“ Er nimmt ein Diktiergerät und legt es aufnahmebereit auf den Tisch.
Die Wolken haben sich westwärts zu einem fast schwarzen Gebirge formiert.
Ich versuche mich zu konzentrieren. Was will er von mir? Seine Fragen scheinen wortlos in mein Bewusstsein zu drängen.
„Wie alles anfing, wollen Sie wissen? Meine Eltern kamen beide aus dürftigen Verhältnissen. Der Vater meiner Mutter starb, als sie drei Jahre alt war. Ihre Mutter war Schneiderin und dann kam Hitler und dann der Krieg. Die Eltern meines Vaters hatten sich scheiden lassen. Seine Mutter war viermal verheiratet. Davon zweimal mit demselben Mann. Sie war Arbeiterin beim Heinrich-Bauer-Verlag, wo sie auch ihren zweimaligen Mann kennengelernt hatte. Mein Großvater war Vertreter bei der Barmer Ersatzkasse und verstarb schon mit 59 Jahren an Lungenkrebs. – Mein Mund ist etwas trocken. Ich geh‘ einfach mal und sehe nach, ob ich was zu trinken finde.“
Er drückt auf das Diktiergerät.
Die Küche ist nicht sonderlich aufgeräumt. Hinten schließt sich eine Art Getränkeraum an. Glücklicherweise habe ich meine kleine Taschenlampe dabei, sonst könnte ich hier so leicht nichts finden. Ich schnappe mir zwei kleine Cola und überlege, ob er auch etwas möchte.
„Habe ich das mit den kleinen Verhältnissen zufriedenstellend erklärt? Ich meine, mein Vater hat sich nach seiner Kriegsgefangenschaft in Virginia zum Dentisten hochgearbeitet und profitierte dann für sich und seine Familie am deutschen Nachkriegswirtschaftswunder. Er hat ordentlich malocht in seiner Zahnarztpraxis, die er in der Schöneberger Arbeitergegend von einem Dr. Gutmann abgekauft hatte.
Mit Füllungen und Prothetik, die damals noch von den Krankenkassen erstattet wurden, brachte er es zum vierstöckigen Eigenheim.“
„Mich interessiert Ihre Gefühlsebene.“ Er schaut mich an, aber tut er das wirklich?
„Wo soll ich da anfangen? Meine kleinen Fluchten in den Schulferien zu den Großeltern in die Lüneburger Heide?“
Aus den Lautsprechern ertönt plötzlich der blonde Hans Albers mit seiner Reeperbahn nachts um halb eins.
„Die Mutter meines Vaters hatte sich zusammen mit ihrem dritten, beziehungsweise vierten Mann ein kleines Wochenendhäuschen im Wald bei Buchholz in der Nordheide zusammengespart. Dort lebten die beiden und verbrachten ihren Lebensabend eine Eisenbahnstunde entfernt von ihrer Heimat auf Sankt Pauli.“
„Und Ihr Gefühl dabei? Wie war das so weit weg von Berlin, auf dem norddeutschen Land, in der Lüneburger Heide?“
„Meine eindringlichste Erinnerung findet morgens in jenem kalten Schlafzimmer statt. Die Sonnenstrahlen kamen wie am Lineal gezogen durchs verschwitzte Fenster. Davor schwebten hunderte kleiner, winziger Staubteilchen. Oft wachte ich mit diesem Eindruck auf und lag in der Besucherritze, im großen Doppelbett meiner Großeltern. Wo sie bloß herkamen, diese vielen kleinen Partikelchen?
Einige davon waren sogar ganz schön stabil. Und so entdeckte ich von Zeit zu Zeit ein ganz spezielles, das quer vor dem Fenster entlangsegelte. Eine meiner Mitschülerinnen lag dann darauf. Ich konnte sie immer genau erkennen. Ihre Staubpartikelchen segelten mit ihnen direkt in ihre Zimmer, die sie bei mir in einem speziellen Häuschen mit vier Räumen hatten. In jedem Raum wohnte ein Mädchen aus meiner Klasse. Bärbel war oft die Letzte, die eintraf. Sie war die Blonde mit dem Charleston-Haarschnitt und den braunen Augen. Außerdem wohnten darin noch die schwarzhaarige Rita, die strohblonde Elisabeth und der Rotschopf Karin. Die Mädels waren in dem Gebäude eingesperrt. Manchmal hörte ich sie zetern, dass sie nach Hause wollten. Doch das ging nicht, sie gehörten ja mir.
Ich konnte mir immer abwechselnd eine holen. Das war ganz einfach. Ich griff nur von oben in eines der Zimmer und schwupp war diejenige still und ließ alles mit sich geschehen. An jenem Morgen, an den ich gerade denke, hatte ich Lust auf Bärbel. Als sie auf meiner Hand saß, entspannte sie sich und kuschelte sich an meinen Daumen. Langsam setzte ich sie neben mich ab, damit sie ihre normale Körpergröße erreichen konnte. Ihr grünschwarzes Kleid war verlockend kurz und so schob ich es weiter nach oben, damit das Spannendste von ihr zum Vorschein kommen konnte. Sie hatte eine weiße Unterhose mit kleinen gelben Blümchen an. Wenn ich damals gewusst hätte, dass das Studentenblumen waren, die man vornehm auch Tagetes nennen darf, und dass deren Duft mein Leben verzaubern würde! Der kleine Venushügel unter dem Höschen roch ein bisschen nach ..., ja, wonach wohl?
Dann streichelte ich sie und sie schloss die Augen. Doch ich hatte es nicht bemerkt. Die Schlafzimmertür stand sperrangelweit offen und meine Oma lud mich zum Frühstück ein.
Aus dem Radio kam die Stimme eines Nachrichtensprechers vom NDR:
Das Konklave der Kardinäle wählte im fünften Wahlgang den italienischen Bischof Giovanni Battista Enrico Antonio Maria Montini zum neuen Papst. Er gibt sich den Namen Papst Paul VI. Die Namen der Mainzelmännchen, der Maskottchen des Zweiten Deutschen Fernsehens, sind Anton, Berti, Conni, Det, Edi und Fritzchen.
Mein Gegenüber muss husten. Ein trockener, sicher chronischer Husten.
„Haben Sie diese Art Allmachtsfantasien öfter gehabt?“
„Ich glaube ja. Früher waren das einfach Wunschvorstellungen. Später eher Fluchtpunkte, wenn der Alltag zu sehr nervte.“
Die Lautsprecher säuseln The Beat Goes On von Sunny and Cher.
„Wenn Sie zurückblicken. Womit fing es eigentlich an?“
Er präzisiert es nicht, aber mir ist klar, worauf er hinauswill.
„Nach der zweiten Phimose-Operation. Es war meine erste Taxifahrt, an die ich mich erinnern kann. Die Praxis des Chirurgen Bethke war am Tempelhofer Damm. Ich hatte auf dem OP-Tisch gelegen. Und mir war eine Maske übers Gesicht gestülpt worden. Eine Maske aus einem Metallgittergeflecht. Und gleich hatte es angefangen. Es hatte auf den Stoff, der die Maske umhüllte, getropft und diese Tropfen hatten gestunken wie die Pest. Dieser ekelhafte Geruch war sofort auf den Weg durch meine Nase in mein Inneres gekrochen. Ich hatte zählen sollen, laut vor mich hinzählen. Bis kurz vor 10 war ich wohl gekommen. Dann hatte ich mich in Wohlgefallen aufgelöst. Weit weg war alles verschwunden. Meine eigene Stimme hatte wie in einer riesigen Kathedrale geklungen.
Ekel löste dann dieses traumlose Abhandensein ab. Kotzübel war mir. Und mein armer Vater besaß in jenem Taxi auf der Rückfahrt von der Chirurgenpraxis nach Steglitz einen ununterbrochen reihernden Sohn.
Lulu-Machen, so hieß bei meiner Mutter das kindliche Wasserlassen. Das war verdammt schmerzhaft nach dieser OP. Es brannte wie Feuer. Erst nach ein paar Tagen konnte ich fast schmerzfrei meinen Schniepel befühlen. Eigentlich ist das ein umgangssprachlicher Ausdruck für einen Frack. Meine Mutter hatte also meinen Penis zu einem eleganten Kleidungsstück verbalisiert. Doch dieses etwas schmerzhafte Betasten begann mir nun immer mehr Freude zu bereiten. Und dieser Schniepel konnte auch wachsen, und wenn ich mich genug anstrengte, wurde es so schön, dass er vor lauter Wonne auch noch anfing zu sabbern.“
Die ersten Tropfen treffen auf die Aussichtsfenster. Sie perlen herunter. Der Wind nimmt zu und treibt sie quer über die Scheiben.
„Wissen Sie noch, wodurch Sie das erste Mal so richtig erregt wurden?“
Draußen spielt das Wetter Weltuntergang und ich soll mich auf meine erste Geilheit konzentrieren!
„Ich war so dreizehn oder vierzehn. Der Blick durch das Fenster meines Zimmers zeigte auf den Birkbuschgarten. Wir wohnten in der obersten Etage. Im rechten Winkel neben meinem Zimmer war das Fenster einer Nachbarwohnung, die von einem jungen Ehepaar bewohnt worden war. Abends, wenn Ein Platz für Tiere von und mit Bernhard Grzimek vorbei war oder wenn die Flucht des Richard Kimble begann, musste ich ins Bett. Zufällig hatte ich wohl aus Langeweile und weil ich noch nicht müde war, aus meinem Fenster geguckt. Bei mir war es schon dunkel, aber im Zimmer über Eck brannte plötzlich Licht und eine ungeahnte Bühne wurde für mich hergerichtet. Eine hübsche junge Frau mit schwarzen Haaren, die zur Bubikopffrisur geschnitten waren, betrat diese Bühne und stand dann mit dem Rücken zum Fenster. Zuerst zog sie sich ihre gelbe Bluse aus. Dann drehte sie sich ein wenig und ich konnte ihren üppigen Busen, der von einem schwarzen BH eingefangen war, bewundern. Mir wurde heiß und kalt zugleich. Ich kauerte mich am unteren Rand meines Fensters hin und hoffte irgendwie, dass ich unsichtbar sei, und merkte dann, wie mein von Phimose bereinigtes Teil an der kochenden Heizung enorm hart wurde. Sie bewegte ihren Kopf und sah genau zu mir herüber. Im Nu tauchte ich ab. Nach ein paar Sekunden vielleicht lugte ich wieder hinüber. Ich war unentdeckt geblieben und bei ihr rutschte gerade der Rock wie in Zeitlupe abwärts. Nun stand sie da in BH und beigefarbenem Slip und bei mir stand auch etwas zwischen den Heizungsrippen eingekeilt und begann sich am Metall zu reiben. Mir lief es wohlig den Rücken hinunter. Es war wie ein ausgewachsener Schüttelfrost. Ich zitterte am ganzen Körper. Die Frau ließ mich glühen, fast wie meine Heizung.
Doch urplötzlich war die Vorstellung zu Ende. Der Vorhang fiel, das hieß, sie zog völlig unsensibel eine saublöde Gardine vors Fenster. Die war zwar ein wenig durchsichtig, sodass ich meine Nachbarin in einem weißen Nachthemd erahnen konnte, aber erstens ging dann auch noch das Licht aus und zweitens musste ich mir an der Heizung nun unbedingt Erleichterung verschaffen.“
„Ich nehme an, Sie hatten dieses Schauspiel nicht nur einmal?“
„Leider kam die Lady auch viel zu oft auf die Idee, vor ihrem Striptease diesen überflüssigen Gardinenstoff zu bemühen. Und so wartete ich viele Abende zitternd umsonst. Aber immerhin ließ sie mich zweimal ihre schwarz bewaldete Venus bewundern. Die Vorstellung, ihre beiden birnenförmigen Brüste zu streicheln, ließ mich die arme unschuldige Heizung befeuchten. Manchmal dachte ich schon vormittags während des Unterrichts an meine schöne Nachbarin, die nie erfahren hat, welche Freude, aber auch welchen Frust sie ihrem halbwüchsigen Nachbarn bereitet hatte. Wenngleich ich allerdings wirklich der Meinung war, dass ihre Aufführungen ausführlicher und damit länger und vor allem öfter auf den nachbarschaftlichen Spielplan gehört hätten!“
Draußen ist alles nur noch tiefschwarz. Der Regen wird über die Fenster gepeitscht und die Lautsprecher verkünden wie sinnig: Riders on the Storm. Wer ist hier eigentlich für den Ton zuständig?
Er schaut mich an, besser, sein Blick scheint mich zu durchdringen.
„Los, erzählen Sie weiter!“
Kurz hintereinander jagen zwei Blitze über die Stadt.
„Vera trug Strümpfe, die von Strapsen gehalten wurden. In der neunten Klasse, die ich auf dem Hermann-Ehlers-Gymnasium das zweite Mal absolvieren durfte, saß ich wie sie in der letzten Reihe. Nur der Gang trennte uns, und so durfte ich von Zeit zu Zeit, wenn es ihr nach einem kurzen Rock zumute war und sie sich gelangweilt zum Beispiel in einer Lateinstunde etwas gemächlicher auf dem Stuhl lümmelte, die Ränder ihrer Strümpfe bewundern. Sie hatte eine freche Stupsnase, jede Menge Sommersprossen und ihre schwarzen Haare waren zu einer Frisur der 20er-Jahre geschnitten. Sie neckte mich gerne, wobei ihre blauen Augen stets Blitze verschossen. Sie hatte sich einen überaus blöden Spitznamen für mich ausgedacht: Schnulli!
An jenem Mittwochmorgen trug sie einen wippenden, schwarzen Faltenrock mit kleinen, weißen Pünktchen. Schon in der ersten Stunde, Deutsch bei meinem Intimfeind Dr. Knobelsdorf, von mir nur respektlos von hinten nach vorne Frodslebonk benannt, sah ich, dass sie weiße Strümpfe trug. Den Plan, ihr die Strümpfe zu klauen, hatte ich schon seit ein paar Wochen.
Oft hatte ich nachts wach gelegen, mich dabei sehr angenehm berührt und war alles genau durchgegangen. Es ging nur während des Sportunterrichts. Ich konnte ihr die Sachen ja schlecht vom Leib reißen. An diesem Mittwoch also sollte es sein. Ich selber war für diesen Tag vom Sportunterricht, der in der schuleigenen Turnhalle stattfand, befreit. Die Umkleidekabinen waren im Kellerbereich. Jungs und Mädels hatten gemeinsamen Unterricht und durften sich beim Basketballspiel vergnügen. Vorsichtig betrat ich den Raum der Mädchen. Niemand war mehr dort. Verweist hingen und lagen die Klamotten meiner Mitschülerinnen an Haken und auf Bänken. Vieles war unordentlich einfach nur so dahingeworfen worden. Wo waren Veras Sachen? Mir war kalt, obwohl gerade im Kellerbereich gut geheizt worden war. Es roch nach Bohnerwachs. Da, hinten links, fast an der Eingangstür zu Halle, sah ich sie liegen. Vera war ordentlich. Ihre Strümpfe, der Hüftgürtel und der blütenweiße Slip waren fein säuberlich auf der Bank platziert.
Jetzt musste alles sehr schnell gehen! Ich ergriff all die Kostbarkeiten und schob sie mir unter den Pulli. Wie von einer Tarantel gestochen, jagte ich durch die Gänge, zum Ausgang und dann auf die Straße. Ich hatte ja frei. Der kleine Kramladen an der Ecke Steinstraße war mein Ziel. Rasch ´ne Cola und vor allem beruhigen. Als ich pünktlich zu Beginn der nächsten Stunde auf meinem Platz saß, merkte niemand, dass ich ein kleines bisschen mehr Bauch hatte. Rechts neben mir war der Platz leer. Auch Frodslebonk, der uns eigentlich Christliches im Religionsunterricht nahebringen sollte, verspätete sich. Nach sage und schreibe fünfzehn Minuten öffnete sich die Tür und Frodslebonk stellte sich mit hochrotem Kopf vor die Klasse. Er schrie etwas von Herrschaften, es sei die liebe Mitschülerin Vera bestohlen worden. Er hätte sie nach Hause schicken müssen, da ihr entscheidende Anziehsachen gefehlt hätten. Plötzlich bekam ich jede Menge Angst vor Leibesvisitationen oder Ähnlichem.
Also entwickelte ich furchtbare Kopfschmerzen und ließ mich von Reinhardt, meinem Klassennachbarn zur Linken, nach Hause begleiten. In meinem Zimmer genoss ich ausgiebig den Duft der an Strümpfen, Hüftgürtel und weißer Unterhose haftete. Leider hielt dieses wunderbare Parfum nicht lange. Erstens, weil es sowieso nicht besonders intensiv war und vor allem zweitens, weil ich mich überhaupt nicht zurückhalten konnte und so oft ich es vermochte, meine Nase in den kuscheligen Stoffen vergrub.
Eine Woche später hatte Klassenlehrer Frodslebonk einen außerordentlichen Elternabend einberufen. Ausnahmsweise waren meine Eltern hingegangen. Die paar Stunden, bis sie wieder nach Hause kamen, wollten überhaupt nicht vergehen. Doch niemand hatte mich verdächtigt. Meine Aufregung war umsonst gewesen. In Steglitz war an einem Gymnasium die Unterwäsche einer Sechzehnjährigen gestohlen worden. Man war der Meinung, dass das unerhört sei, doch ich als Täter hatte ein anderes Problem: Ich musste meine Beute doch mal waschen! Wo sollte ich sie denn trocknen?“
„Wissen Sie, wann das mit der Unterwäsche und mit den Strümpfen anfing?“ Er lehnt sich zurück. Hinter ihm, in den gewaltigen Panoramafenstern, erscheint die Nacht wie ein gigantisches, schwarzes Nichts. Kein Licht weit und breit.
„Mutter hat mich oft in den kleinen Laden an der Ecke Presselstraße mitgenommen. Dort saß in jenem winzigen Geschäft eine Frau hinter einem Tisch, der von einer Art Nachttischlampe beleuchtet wurde. Im Licht dieser ziemlich erbärmlichen Funzel reparierte diese Maschenkünstlerin alle Nylons aus der Umgebung. Mit einem Zwischending aus Nadel und Häkelmetall jonglierte sie die widerspenstigen Fäden zurück in Reih und Glied. Gerne hätte ich das auch mal ausprobiert, aber Mutter meinte, das sei nichts für einen Jungen. Die Strumpfdompteuse lächelte mich stets an und das Geräusch, welches ihre Beine unter dem Tisch machten, dieses sanfte Schrapen, das ihre Nylons vollführten, das gefiel mir sehr.
Als ich in der achten Klasse des Gymnasiums war, kam der Umbruch. Die ersten Vorboten der Strumpfhose kündigten sich an. Meine Mitschülerinnen, allen voran Elisabeth, waren schon von ihnen überzeugt. Ebenso überzeugt war sie wohl auch, dass sie mit ihrer Freundin alleine im Klassenzimmer sei. Auf jeden Fall sah ich, als ich verfrüht von der Pause zurückstürmte, wie Elisabeth ihren Rock hochgehoben hatte und diese neumodischen Strümpfe vorführte, die keine Strapse mehr benötigten, denn oben am Bund waren sie zu einer Art breitem Gürtel verlängert. Sozusagen Strumpfgürtel mit Strümpfen in einem.
Die strohblonde Elisabeth lief natürlich richtig rot an, als sie merkte, dass ich ihr strumpfiges Geheimnis miterleben durfte.
Den Tag danach schwänzte ich die Schule. Ich fuhr stundenlang mit der S-Bahn durch die verregnete Stadt. Am Kaiserdamm machte ich mich lächerlich, denn ich verlangte in einem Plattenladen das Lied Judy In The Sky. Der Verkäufer kannte das Problem und belehrte mich, dass der Song von John Fred and his Playboyband Judy In Disguise With Glasses hieß. Mit dieser Single, sagte man damals für eine kleine Schallplatte, in der Schultasche fuhr ich weiter bis nach Zehlendorf. Am Teltower Damm gab es einen großen Supermarkt, ich glaube, der hieß Kaiser‘s, und der verfügte über eine Strumpfabteilung. Und tatsächlich. Dort entdeckte ich diese neuartigen Kostbarkeiten. Es gab sie in Beige und in einem fast tomatigen Rot. Wie weich sie sich anfühlten. Das entsetzliche Problem war nur, ich hatte weder das Geld noch den Mut, sie zu kaufen. Also schlich ich wohl um die zwanzigmal immer wieder den Regalgang auf und ab. Oben an der Stirnseite des Ladens war ein großes Fenster, hinter dem sich sicher ein Supermarktleiter verschanzt hatte. So dachte ich still vor mich hin, als plötzlich, nach der zweiundzwanzigsten Runde meines unfreiwilligen Parcours, jemand von hinten an mich herantrat!
Ich drehte mich um und starrte in das Gesicht eines Hornbrillenträgers. Er hätte mich seit einigen Minuten beobachtet und es sei wohl besser für mich, hier umgehend zu verschwinden. Meine Gedanken wirbelten mir im Kopf umher, wie ein lästiger Wind, der das Laub in den Straßen unkontrolliert tanzen lässt. Was für eine Schmach! Natürlich verließ ich den Laden wie einer jener berühmten Pudel unter der unfreiwilligen Dusche.“
2 Unter der Brücke von Lankwitz
Erneut jagt der Wind jede Menge Tropfen gegen die Scheiben. Es erinnert an die künstlichen Regenmaschinen à la Hollywood in den schwarzweißen Klassikern der 40er-Jahre. Seine Gesichtsfarbe ist blutleer und aschfahl. Wenn er seinen Mund öffnet, wäre es nicht verwunderlich, das Gebiss eines Vampirs zu entdecken.
„Hier wird es ungemütlich! Lassen Sie uns hoch in die Koje wechseln.“
In der Tat scheint es so, als würde die Temperatur sinken. Ein gewisses Vibrieren und Schaukeln ist zu spüren. Der Turm scheint in Bewegung zu kommen.
Ich folge ihm in Richtung Ausschank. Hinter dem Tresen, wo eine verlassene Kasse neben einem Zeitungsartikel steht, öffnet er seitlich eine Tür, die in die Holzverkleidung eingebaut ist. Eine enge Wendeltreppe führt nach oben. Ein kräftiger Ruck! Ich halte mich am Geländer fest.
Er ist schon nach oben verschwunden. Die Tür hat er offen gelassen.
Ich komme in einen Raum, der tatsächlich an die Kajüte eines Schiffes erinnert. Unterhalb eines enormen Fensters, welches einen pechschwarzen Himmel zeigt, steht der Länge nach ein geräumiges Bett. Er ist an der Kopfseite und bedeutet mir mit einer Handbewegung, dass ich mich dort hinlegen solle. Ich strecke mich aus. Eine Nachtbeleuchtung glimmt neben mir. Sein linker Mittelfinger berührt meine Stirn.
„Konzentrieren Sie sich nur auf die Berührung. Sie haben das Gefühl, dass mein Finger nun ein Teil von Ihnen ist. Sie werden jetzt zurückreisen und einen Aspekt von früher erleben.“
Mir wird seltsam warm. Mein Bewusstsein scheint sich aufzulösen.
Ein wunderbar lauwarmer Wind weht mir ins Gesicht. Es ist Twilight Zone. Die Laternen des großen Schulhofes des Lycée Aragon mischen sich mit dem Licht der sterbenden Sonne, die dem Tag ordentlich eingeheizt hatte. Ich sitze auf einer einfachen Holzbank ohne Lehne. Vor mir stehen zwei Mädchen. Die Blonde mit den beiden kurzen geflochtenen Zöpfen blinzelt mich unverschämt offen an.
„So a Berliner bischt!“
„Von Geburt an“, höre ich mich sagen, „du scheinst mir aus Schwaben zu sein? Was machst du denn hier in Perpignan?“
Ihr kurzer, rotkarierter Rock nimmt mit ihr auf meinem Schoß Platz. Erst danach fragt sie:
„Darf isch wohl? Isch so g’mütlischer! Schö‘ blau Aug’n hasch! Nö, isch komm aus Heidelberg.“ Sie beginnt mir vorsichtig über die Haare zu streicheln.
Mir wird warm und kalt in einem, wie bei einer erfolgreich vollbrachten sportlichen Höchstleistung. Der Duft von Tagetes streichelt mich in der Nase. Ein Kranich erhebt sich über einer nebelverhangenen Moorlandschaft. Ich öffne meine Augen und direkt vor meinem Gesicht sehe ich das hellblaue Paar von Dorle. Sie grinst mich an und ihre vielen Sommersprossen, die eine Revolution gegen alles Eintönige neben ihren Nasenflügeln zu planen scheinen, unterstreichen das vehement. Ich versuche, meine Freude über sie zu verbergen aber das gelingt nur mangelhaft.
„Was grinscht? Willsch‘ mich net auf deine Schoß habe?“
Dieser unverschämte Widerspruch in sich macht mich macht- und fassungslos.
„Ich habe ein nettes Zimmer nicht weit von hier. Hast du Lust, mit mir `n paar Platten zu hören?“
Ich spüre ihre Lippen auf meinen. Sie springt auf, nimmt meine Hand in ihre und wir sind auf dem Weg am Fluss entlang zu meinem Domizil bei meiner Gastfamilie.
Die nächste Laterne ist Bühnenscheinwerfer für tausende Motten, denen wir das Spektakel eines sich knutschenden Teenagerpaares bieten. Unsere Zungen leisten Rekordverdächtiges. Meine zumindest ist Ewigkeiten später beim Eintreffen in meinem Souterrainzimmer reichlich krampfgefährdet.
Ich habe hier in Frankreich die Gruppe Moody Blues im Fernsehen kennengelernt und mir sofort Nights in White Satin gekauft. Diese Scheibe dreht sich nun im Akkord auf dem kleinen tragbaren Plattenspieler. Der Ton kommt aus dem Lautsprecher, den dieses Gerät im Deckel versteckt hat. Wir drehen uns dazu in vorgeschriebenem Schneckenrhythmus, wobei kein Blatt Seidenpapier unzerknittert zwischen uns passen würde.
Ich trenne mich ungern aus ihren Armen, aber die Rückseite der Schallplatte, Cities, ist auch nicht übel.
„Dein Bett isch sicher g’mütlich!“ Sie nimmt mich an die Hand und lässt sich rücklings auf die weiche Zudecke fallen, wobei ich nach dem Gesetz der Schwerkraft auf ihr zum Liegen komme.
„Bischt aba arg schtürmisch!“, kommentiert sie. Nun, neben ihr angekommen, nehme ich ihr Gesicht in beide Hände. Nach Küssen auf Wangen, Stirn und Nase übernimmt sie und schmiegt ihr badensisch schwatzendes Zünglein zu meiner.
Sie setzt sich auf und zieht ihre dunkelgraue Chiffonbluse langsam aus. Der kleine Plattenspieler schweigt und ich schließe mich der Stimmung an. Mon Dieu, was ist sie gut gebaut. Dass sie als Schwimmerin mit ihrem Verein hier in Perpignan ist, könnte niemand abstreiten.
„Du kannscht net mit mir bummse. Aba isch weiß was Schönes!“
Ihre Zunge schleckt mein Ohr. Ich streichele ihre samtig weichen Brüste und zwicke ihre Knospen leicht mit meinen Lippen.
Ich solle meinen Po hochheben, denn sie will mir die Hosen runter ziehen.
„Isch g’fall dir so!?“ Denn da ragt jemand kerzengerade in die Höhe.
Nachdem sie ihn ausgiebig geküsst hat, schmiegt sie ihre Bluse um ihn herum.
Ihre blauen Augen blitzen mich an und sie beginnt eine sanfte Massage.
„Was Warmes und Feuchtes muscht ma gebe. Isch trag‘ des denn auf meine Haut!“
Wieder habe ich Tagetes-Duft in der Nase und mir ist so leicht und so wohlig warm.
„Das war nicht schlecht!“ Er reißt mich unsanft aus diesem Erlebnis.
„Ich muss kurz etwas erledigen. Schlafen Sie ruhig.“
Als befände sich meine Ruhestätte auf den labilen Planken eines Bootes, so kommentiert dieser kleine Raum seinen Abgang hinunter, wohin auch immer.
Lautlose Blitze erleuchten stroboskopartig das Fenster. Sein Finger scheint immer noch auf meiner Stirn zu sein.
Die sechs Fahrspuren der Kaiser-Wilhelm-Straße in Lankwitz bilden sonntags eine komplett übertriebene Dimension für diese Verkehrsader.
Das Essen in den Zoo-Terrassen war bieder und geschmacklich ein Kantinenfraß. Die Champignonrahmsauce über dem Rehbraten brachte es fertig, den Fleischgeschmack komplett zu ersticken. Und mir ist zum Ersticken hier im elterlichen Mercedes, in dem wir von Lankwitz Kirche aus, um nach Hause zu gelangen, über die Kaiser-Wilhelm-Straße fahren müssen.
Vater sitzt am Lenkrad, Mutter residiert daneben und ich finde hinten neben Schwesterlein statt.
Mutter duldet keine geöffneten Fenster. Es könnte ja ziehen! Sie prägte diesbezüglich eine imaginäre Fischsuppe: die der Raubfische eines Teiches, die famose Hechtsuppe.
Eine rote Ampel gebietet Halt an der Kreuzung Seydlitzstraße.
Meine Schwester will im Radio ein Lied von Esther Ofarim hören.
Meine Mutter würde gerne die Brunsteins, unsere Nachbarn, nächste Woche nach Hause zum Tanzen einladen und Vater? Der will nur nach Hause, um im Souterrain an seiner elektronischen Orgel, der Marke Wersi, basteln zu können.
Vorne rechts ist ein großes Gartenbedarfsgeschäft. Ein Paar, Hand in Hand, überquert eben von dort kommend die Kaiser-Wilhelm-Straße.
Wir fahren weiter und nähern uns den beiden, die inzwischen in der Mitte des Fahrdammes auf den Gegenverkehr warten müssen.
Wind und vorbeifahrende Autos lassen das türkisgelbe Sommerkleid der jungen, blonden Frau auffällig im Gleichklang mit ihren schulterlangen Haaren wehen. Grazil, fast wie eine Elfe steht sie neben ihrem dunkelhaarigen Freund. Die Szene erscheint mir wie die Hochglanzwerbung eines Kosmetikprodukts, gedreht an einem Promi-Ort und das auch noch in Zeitlupe. Inmitten des Verkehrs schlingt sie ihre Arme um ihn und küsst ihn. Was würde ich gerne mit ihm tauschen und ihn hier hinten in diesen Wagen verbannen.
Seit Ostern diesen Jahres gehe ich in die zehnte Klasse des
Tannenberg-Gymnasiums. Doch ich brauchte bis jetzt, bis praktisch zum Ende dieses Sommers, bis ich hier kurz hinter der Kreuzung Kaiser-Wilhelm-Straße Ecke Seydlitzstraße bemerken kann, wie schön Evelyn, meine Klassenkameradin, ist!
„Was hast du denn die ganze Nacht so getrieben, dass ich dir am liebsten zwei Streichhölzer für die Augen spendieren würde?“
Ich sitze in der Reihe am Fenster, hinter Angela und Evelyn.
„Was für Streichhölzer?“
Es ist nicht zu leugnen, ich bin saumüde.
„Hast wohl die ganze Nacht nur an Angela gedacht, oder?“
Evelyn blitzt mich von schräg vorne unverschämt keck an. Doch nach dieser Bemerkung fängt sie sich einen sanften Hieb in ihre Taille ein. Angela mag keine öffentlichen Bekundungen, die an die Ereignisse der Klassenfahrt nach Kusel erinnern. Seit Langem geht sie mit Knut und auch die Zukunft plant sie mit ihm. Seitenlang haben wir nach besagter Klassenfahrt Briefchen ausgetauscht. Sie, indem sie mir detailliert alle alltäglichen Kümmernisse über ihre Beziehung mit Knut kundtat, und ich, immer noch nostalgisch schwärmend, denn die Zweisamkeit mit ihr auf der Klassenfahrt ging mir sehr nahe.
Wir wohnten in der Jugendherberge Thallichtenberg. Eine Burgruine, die auf einem Hügel in der Nähe von Kusel gelegen ist. Von dort aus unternahmen wir lange, bis sehr lange Busfahrten zum Beispiel nach Kaiserslautern, Straßburg, Idar-Oberstein und sogar bis nach Brüssel. Herr Schwarz, unser fast täglicher Busfahrer, ließ Radio Luxemburg an unsere Ohren und der Dauerbrenner dieser Tage, eine Vorveröffentlichung aus dem neuen Beatles-Album Abbey Road, mit dem schönen Titel Come Together, hatte uns auch tatsächlich sehr nahe zueinander kommen lassen. Speziell auf den Rückfahrten im dunklen Bus ließ es sich hervorragend knutschen. Angela besaß eine süße kusserprobte Schnute und gerade nach diversen Weinproben, die die Gegend entlang der Mosel für uns bereithielt, fiel sie mit ihren samtenen Lippen derart über mich her, dass wir beide dann spät abends auf der Burg ankommend, gewisse Überanstrengungen in unserer Gesichtsmuskulatur zu beklagen hatten, was wir natürlich niemals öffentlich taten.
Auf der Heimfahrt nach Berlin nahm mir Angela pünktlich an der Grenze zu West-Berlin unsere traute Zweisamkeit. Am Wochenende zuvor hatte die SPD die 69er Bundestagswahl gewonnen und die NPD war im Gebiet von Kaiserslautern über die Fünfprozenthürde gekommen.
Unsere Verliebtheit hatte mit dem Ende der Klassenreise zu enden, denn sie wollte bekanntlich ihre Beziehung zu Knut nicht gefährden. Schließlich hatte sie mir das auch während der Fahrt immer wieder eingebläut, dass das hier eine große Ausnahme und sie noch nie untreu gewesen sei.
Natürlich hatte Evelyn davon Wind bekommen, denn unsere Zettelkorrespondenz ließ sich schwerlich vor ihr verheimlichen.
Statt dem Unterricht zu folgen, bin ich gerade in das Ende eines Briefs von Angela vertieft.
Hubert, ich habe schon wieder eine Bitte an Dich: Könntest Du mir die Platte „Nights in White Satin“ noch einmal borgen. Sie gefällt mir so gut! Kannst Du mir diese Bitte erfüllen? Tja, lieber Hubert, die Bauchschreiberin, die übrigens heute nicht auf dem Bauch schreibt, verabschiedet sich jetzt. In der Hoffnung, dass mon Copain nicht sooft traurig ist, grüße ich Dich freundschaftlich, Deine Angela.
Ich schaue auf und überlege nicht lange. Streichhölzer möchte ich eigentlich nicht von Evelyn.
„Und wenn ich nun von dir geträumt hätte?“, entfährt es mir, in Anspielung auf ihre Behauptung, dass ich mir die vergangene Nacht mit Träumereien über ihre Platznachbarin um die Ohren geschlagen hätte.
Wie in Zeitlupe dreht sie sich um. Evelyns Augenpaar scheint für eine Ewigkeit auf mir zu haften.
„Fräulein Barz! Warum hat Strapinski die Grafenrolle weiter gespielt?“ Fräulein Hirche schaut sehr tadelnd in unsere Richtung.
Gottfried Keller und seine Leute, die Kleider machen, sind nicht unbedingt unser literarischer Kick, aber geistesgegenwärtig antwortet Evelyn:
„Wenzel träumt jede Nacht von ihr!“
„Was meinen Sie damit, Fräulein Barz?“
Evelyn merkt, dass sie da etwas durcheinander gebracht hat.
„‘Tschuldigung! Wenzel liebt Nettchen und wollte darum der Graf bleiben, um Eindruck zu schinden.“
Fräulein Hirche, längst äußerlich im Pensionsalter, scheint beruhigt. Nicht nur auf der Klassenfahrt war sie oft Ziel pubertären Schabernacks. So ließ ich mich mit Draculagebiss in Drohgebärde hinter ihr fotografieren.
„Hast du?!“, zischt sie mich an.
„Ach Evchen, was soll ich denn haben?“
Ich weiß, dass sie es hasst, Evchen genannt zu werden.
Die Pausenklingel reißt uns aus unserer kleinen Fragestunde und rettet mich vor einer handgreiflichen Revanche.
Auf dem Schulhof ist die Raucherecke hinten links. Die letzte Packung Gitanes ist nun angebrochen. In Straßburg hatte ich eine ganze Stange von dem schwarzen Kraut erworben. Weder Angela noch Evelyn sind zu sehen. Die Gitanes schmeckt nicht so recht.
Die beiden letzten Stunden heute finden im Biologieraum statt. Da ist eine andere Sitzordnung. Vor Pausenende stürme ich in den Klassenraum. Da kann ich noch schnell ungestört schreiben:
Du hast mich gefragt, ob ich von Dir geträumt hätte. Bist Du sicher, dass Dich das interessiert? Es ist nicht einfach, jeden Tag hinter Dir zu sitzen! Dein Lächeln so aus nächster Nähe verwirrt mich komplett. Tut mir leid, wenn ich Dich vorhin Evchen genannt habe! Mal sehen, wer mich nächste Nacht im Traum wieder verzaubert …
Ich reiße die Seite aus dem französischen Vokabelheft und falte sie zweimal.
Ende der letzten Stunde warte ich an der Tür vom Bioraum.
Evelyn kommt fast als Letzte. Vor ihr Angela mit fragendem Blick. In Taillenhöhe halte ich Evelyn den weißen Zettel entgegen. Sie zögert kurz. Dann nimmt sie ihn.
„Bis morgen“, flüstere ich ihr hinterher. Warum flüstere ich eigentlich?
Ende November hat Jörg Pfeiffer Geburtstag. Bisher hätte mich das eher kalt gelassen, denn er zählt nicht gerade zu meinen Favoriten. Doch hat er für seine Geburtstagsfete fast die ganze Klasse eingeladen. Schließlich waren alle durch die Klassenfahrt sehr viel enger aneinander gerückt. Evelyn war zwar aus unerfindlichen Gründen nicht mitgefahren, doch auf der Fete am Samstagabend sollte sie nicht fehlen. Das Briefchen schreiben mit Angela ist inzwischen fast gänzlich auf Evelyn übergegangen. Angela nimmt mir das übel. Sie spricht fast gar nicht mehr mit mir und ihr Lächeln wirkt arg gekünstelt. Dafür sind Evelyns Zeilen schon ziemlich teasing und voller kleiner Zweideutigkeiten. Einen Tag vor der bewussten Geburtstagsfeier hat sie mir eine beschriebene Seite aus ihrem Matheheft mit auf den Nachhauseweg gegeben.
Ich habe ja keine Ahnung, was so in dir vorgeht. Aber ich finde schon, dass du es schwer haben wirst, dem Musikunterricht zu folgen, wenn du nur auf meinen nicht vorhandenen Busen guckst! Hast du gemerkt, wie unsere Musiklehrerin dich dauernd angegiftet hat? Wenn Blicke töten könnten! Du hast mich gefragt, ob ich auf Jörgs Fête komme. Warum willst Du das wissen? Angela kommt doch auf jeden Fall - mit ihrem Knut. Das ist jetzt gemein, oder? Leidest du eigentlich noch? Ich weiß aber nicht genau, ob ich kommen werde. Sei bitte nicht traurig. Oder würdest du das überhaupt sein? Ich hab‘ mir übrigens `ne neue Platte gekauft. Kommt aus Frankreich und heißt ‚Je t’aime…moi non plus‘.
Der Samstagnachmittag will und will nicht vergehen. Anstatt Vater bei seiner Mercedes-Kosmetik unter die Arme zu greifen, gleicht mein Zimmer eher einem Raubtierkäfig, mit mir als Vorstadttiger. Space Oddity von David Bowie wechselt sich endlos mit White Room von Cream ab. Doch ist weder das eine noch das andere als beruhigende Circus-Dompteuruntermalung geeignet. Im Gegenteil. Als Folge schreit das unfreiwillige Publikum in Person meiner Mutter in immer kürzeren Abständen zu mir hoch, dass diese Dschungelmusik extrem zu laut sei.
Zwar ist das Einfamilienhaus in der Lichterfelder Kiesstraße gewissermaßen mit vier Etagen gesegnet, also auch dank massiver Steinmauern nicht sehr lärmempfindlich, aber trotz alledem erklingen scheinbar Can you hear me Major Tom? und I wait in this place, where the sun never shines, von mir, von unterm Dach juchhe, bis in die untersten Schubladen des Hauses doch zu tonintensiv. Also kapituliere ich vor der Lautstärke-Empfindlichkeit meiner Mitbewohner und verabschiede mich in die Winterluft, nicht zuletzt, um meiner Aufregung, ob Evelyn heute Abend kommen wird oder nicht, mit einem Marsch in Begleitung unseres Irish Setters etwas Beruhigendes mit kalter Hundeschnauze entgegenzusetzen.
„Tut mir leid, wenn ich Sie jetzt da rausholen muss!“
Er ist wieder da. Ich hab‘ ihn überhaupt nicht kommen hören. Er setzt sich auf das Bett, drückt auf das Diktiergerät und flüstert in einer Weise, wie ich sie von Elisabeth Flickenschildt aus alten schwarzweißen Kriminalfilmen kenne. Und seltsam, wenn ich die Augen schließe, könnte ich schwören, dass sie tatsächlich vor mir säße.
„Machen wir uns also nichts vor! Wir wissen nicht, wie lange wir das hier überleben werden. Nach einigen Informationen, die mir aus verlässlichen Quellen zu sein scheinen, gibt es genügend Hinweise, dass …“
Er unterbricht abrupt seinen Satz, springt auf und sieht aus dem Fenster.
„Fahren Sie fort! Wir sind schon mittendrin in der salzigen Suppe! Imaginieren Sie, erinnern Sie, erleben Sie wieder, wiederbeleben Sie!“
Vom Fenster her tönt seine Stimme eher wie die von Klaus Kinski selig oder auch unselig. Jedenfalls kurz vor einer Emotionsattacke. Er kommt zurück und seine Augen glühen mich an.
Ich schließe meine automatisch und bin an der Eingangstür von Jörgs Elternhaus, einem Reihenhaus gegenüber der
Coca-Cola-Filiale in Lichterfelde.
„Guten Abend! Komm rein. Die anderen sind schon fast alle da. Da rechts ist die Treppe. Brauchst nur da runtergehen und immer der Musik nach.“ Wie oft Jörgs Mutter das heute wohl schon gesagt haben mag?
Und in der Tat ist es einfach, ich folge den Klängen von No Milk Today. Der Flur im Keller ist nicht beleuchtet, doch buntes Licht kommt aus einem Raum gleich auf der linken Seite. Ich bleibe am Türrahmen stehen und wage einen Blick hinein. Ob sie schon da ist? Ich sehe Christina, die mit ihrem Norbert tanzt. Auch Klaus in weißem Oberhemd ist mit Annemarie trotz des Qualms gut zu erkennen. Jetzt merke ich, dass ein bisschen weiter rechts noch ein Raum eine blasse Beleuchtung auf den Flur schickt. Dort sitzt mein Freund Michael und versucht, im Stil eines erfahrenen Rauchers eine Zigarette zu inhalieren.
„Hey, Sloggi! Keine Lust, das Tanzbein zu schwingen?“ Micha hat sich diesen Spitznamen, dank seiner Angewohnheit Hosenträger zu tragen, redlich verdient.
Jetzt kommt Jörg in diesen Raum, der sowohl Küche als auch Bar sein könnte, und ich werde mein Geschenk los.
„Herzlichen Glückwunsch und bleib‘ sauber!“ Ich reiche ihm Oh Well von Fleetwood Mac. Petra, seit der Klassenfahrt seine feste Freundin, denkt stets ans Praktische:
„Deinen Mantel kannste da hinten in die Ecke tun.“
„Danke, danke, sind denn schon alle da?“
Jetzt hat Michael für einen Moment den Kampf mit dem Glimmstängel aufgegeben und meint sagen zu müssen:
„Falls du deine Angebetete meinst, die ist noch nicht da!“
„Lustig, sehr lustig, Sloggi! Ich meine, es dauert möglicherweise einhundert Jahre, nicht wahr, bis du begreifst, dass in den tiefsten Schächten unserer tiefsten Bergwerke Kurt seine Pantoffeln sucht!“
Seit geraumer Zeit sprechen einige aus unserer Klasse, ich natürlich auch, im sogenannten Doktor-Seltsam-Deutsch, das heißt, dass wir aus dem Film Doktor Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben frei zitieren und zwar sinnlos oder sinnfrei integriert in irgendwelche Sätze, die wir uns um die Ohren hauen. Ein fester Bestandteil eines Wortspiels mit Michael ist die Tatsache, dass ich ihn mit seinem Vater Kurt auf den Arm zu nehmen pflege. Das rührt von einem Erlebnis her, welches ich in seiner elterlichen Wohnung hatte. Kurt war auf der Pirsch nach seinen Pantoffeln und seine angeheiratete Ehefrau Liselotte, kurz Lilo genannt, half ihm indirekt, indem sie aus der Küche in schriller Weise flötete: Ja, wo hat denn der Papi seine Pantoffeln?
Ein anderes Kümmernis für meinen lieben Freund Michael
stellt die eigenwillige Anatomie des Kopfes von Kurt dar. Sein relativ massiger Schädel, bar jeden Haares, weist im hinteren Drittel, so ziemlich mittig, einen taubeneigroßen Grützbeutel auf, weswegen ich eigentlich betont mitleidig, doch eher in Babysprache ab und an, wenn die Gelegenheit günstig scheint, erkundigend nachfrage, wie denn das werte Befinden von Kurts Horn sei. Darauf reagiert Michael meistens mimosenhaft und sogar in „beleidigter leberwurstweise“ eingeschnappt. Warum? Nun, seine Eltern kratzen nicht nur beide schon am Rentenalter, was per se ja nichts Verwerfliches zu sein bräuchte, doch die beiden Leutchen weisen zudem Charakteristika auf, die Michael im Ansehen bei seiner Mitschülerschaft auf einer Beliebtheitsskala eher am unteren Rand rangieren lassen. Sie sind ein Elternpaar, was man sich spießbürgerlicher kaum vorstellen könnte und zu allem Überfluss sind sie auch noch gläubige Mitglieder der neuapostolischen Kirche. Ein Club, der in unserer Gunst nicht gerade als coole Vereinigung verschrien ist. Klassenweit ist bekannt, dass einmal pro Woche, mittwochs, zwei sogenannte fromme Brüder Michaels Heim heimsuchen, um gemeinsam aus der Bibel zu lesen und zu beten, mit anderen Worten, zusammen den Herren zu preisen!
Bevor die Kippe gänzlich ungepafft am Aschenbecherrand verglimmt, steckt sie sich Michael zwischen die Lippen, die er dann so zusammenpresst, als hätte er gerade eine für ein Pferd bestimmte Injektion in seinen Allerwertesten gerammt bekommen. Die Glut an der Spitze entflammt sich, doch was sich hinten am Filter der Peter Stuyvesant entwickelt, entlädt sich in einem gewaltigen Hustenanfall, denn Sloggi versucht just im Moment des Rauch-Inhalierens auf meine Reflektion bezüglich Papi Kurts Pantoffeln zu antworten. Sein Gesicht verschwindet für einen Moment in einer Rauchwolke, die an Nebelschwaden eines verruchten Edgar-Wallace-Streifens mit Blacky Fuchsberger denken lässt. Nun ja, ein nicht unerheblicher Anteil an Stuyvesant-Asche findet ein Zwischenlager auf Michas weinroter Wollhose, die ihm Mami Lilo im letzten Ausverkauf bei C&A als Dernier Crie erworben hat.
„Gib mal Feuer Micha!“ Ich habe mir eine filterlose Gitanes aus meinem silbernen Zigarettenetui gezogen.
Die brennende Kippe zwischen Ring-, Mittel- und Zeigefinger auf der einen Seite und andererseits gegen den Daumen gepresst, die Glut in der Innenhand spürend und somit das Vorbild eines rauchenden Humphrey Bogart mittelprächtig imitierend, so schleiche ich wie auf rohen Eiern Richtung Partyraum. Jörg hat meine Scheibe auf den Plattenteller gelegt. Oh Well entwickelt seinen rüden Charme und die farbige Lichtorgel entflammt vornehmlich im roten Spektrum. Für so ein Spektakel in meinem Zimmer würde ich morden, denke ich in mich hinein. Der Song ist nicht unbedingt geeignet, ein Tanzhit zu sein, denn bei weitem nicht alle Mitschüler sind auf der Tanzfläche zu finden. Die meisten sitzen plaudernd, knutschend oder sich langweilend auf den Stühlen, die rundherum an den Wänden des Raumes aneinandergereiht sind.
Als ich die Ecke hinten links einmal quer durch den ganzen Raum ansteuere, wird es mir schwarz vor den Augen. Ich spüre urplötzlich eine kühle, weiche Handinnenfläche auf meinem Gesicht.
„Wer bin ich?“, flüstert es von hinten. Ich drehe mich um und lerne die Bedeutung des Ausspruchs Mein Herz möchte vor Freude einen Satz machen am eigenen Leib kennen.
Sie steht vor mir! Die blonden Haare fallen anmutig links und rechts an ihrem zarten, fein gezeichneten Gesicht entlang. Der Pony ist nach hinten gekämmt und wird von einer silbernen Spange gehalten. Der graue Rolli muss aus Mohair sein. Er endet auf der Taille über einem dunkelblauen Faltenrock. Ihre Schuhe oder Stiefel hat sie sicher drüben in der Küche gelassen, denn die bemalten Fußnägel blitzen durch die dunklen, transparenten Strümpfe.
„Woll’n wir ein Schlückchen nehmen?“ Der Blick, den sie mir bei dieser Frage schenkt, raubt mir den Atem, nachdem mein Herz wieder normal zu schlagen scheint.
„Ich hol‘ uns was, okay?“
Rechts neben dem Eingang ist die Bar mit allem, was es für einen kleineren oder größeren Schwips bedarf. Auch ein rundes, üppiges Bowlengefäß lädt mit Pfirsichstückchen in prickelndem Wein zum Süffeln ein.
Wir setzen uns auf zwei Stühle an der Längsseite.
„Eigentlich mag ich keine Bowle, aber die hier ist sehr lecker!“ Sie schenkt mir ein spitzbübisches Lächeln und nimmt sofort noch einen größeren Schluck.
„Was hast du ihm denn mitgebracht?“
„Was Schönes zum Tanzen!“
Offensichtlich hat Jörg auch die neue LP von den Beatles bekommen, denn der erste Titel von Seite eins beschallt den Raum. Come together, right now, over me ... Welche Chance wir doch haben, diese Zeit aktiv mitzuerleben, da solche musikalischen Meilensteine das Licht der Notenwelt erblicken.
Ich schaue zu Evelyn und sie schaut zu mir, das ist wie Magie!
„Komm!“, höre ich mich sagen und eile zur Tanzfläche.
Sie nimmt noch mal, für mich viel zu lange, eine gutes Schlückchen der süffigen Bowle. Ich weiß ja, nach Come Together kommt Something, ein langsamer Titel mit George Harrisons samtener Stimme.
Ob sie wohl bleibt, wenn der Rhythmus romantischer wird?
Something in the way she moves attracts me like no other lover!
Sofort spüre ich ihre Arme um meinen Hals, ihre Wange an meiner. Wo sind wir? Ist sonst noch jemand hier? Wie durch einen Schleier sehe ich, wie mich Christina verstohlen beobachtet. Diese Christina, die ich kenne, solange ich lebe, denn sie ist im gleichen Krankenhaus, in der gleichen Woche auf diese Welt geraten. Nach meinem Schulwechsel im zehnten Schuljahr von Frodslebonks Hermann-Ehlers- aufs Tannenberg-Gymnasium, wobei ich das neunte zweimal bestreiten musste, fand ich mich neben Sloggi und hinter Christina in der mittleren Reihe der
Klasse 10s2 wieder. Ich weiß nicht mehr, wie viele Jahre vergangen sind, in denen ich sie nicht mehr gesehen habe. Meine Mutter hatte immer lockeren Kontakt zu ihrer Mutter gehalten, aber das interessierte mich nur am Rande.
Doch das alles ist mir in diesem Augenblick so unendlich egal! Mir ist in diesem Moment, als würde ich gerade neu geboren werden.
Was das wohl für ein Parfum ist, das mir in alle Sinne zu steigen scheint und mir diese auch noch allesamt uneingeschränkt raubt?
„Was hast du ihm denn nun geschenkt?“, flüstere ich ihr ins Ohr.
„Je t’aime … moi non plus“, haucht sie zurück.
Irgendjemand wechselt die Schallplattenseite.
Here comes the sun, here comes the sun, and I say it’s all right … und wieder singt Mr. Harrison.
Sie presst sanft ihre Stirn an meine. Ihre Augen sind wie ein Universum und ich gehe auf die Suche nach ihren Galaxien. Warum soll ich mich eigentlich noch zurückhalten? Mein Blick kommt von der Unendlichkeit zurück in diese Welt, indem er zielgenau auf ihrem vorsichtig rot gefärbten Mund zur Ruhe kommt. Dieser signalisiert einfach nur unwiderstehliche Anziehungskraft und so lande ich behutsam mit meinen Lippen auf ihren. Ihre Reaktion ist unverzüglich. Sie drückt den unteren Bereich ihres zierlichen Körpers behutsam aber doch sehr bestimmt gegen mich.
„Wer hätte das gedacht?“ So laut, dass ich es hören muss, dringt Angelas Kommentar zu mir vor, aber eigentlich ist ihre Bemerkung für Christina gedacht. Sicher dürfte ihr klar sein, wie schnurz mir ihre Sicht der Dinge ist. Meine Realität schlägt gerade tausende nächtliche Fantasien um kosmische Längen!
Evelyn ist ja unten herum nicht gefühllos, denn sie flüstert mir ins Ohr:
„Böser Junge, was spüre ich denn da?“ Mit einem süffisanten Lächeln drückt sie geradezu sadistisch jenen Hügel, der nach einem weiblichen Planeten benannt ist, gegen meine pralle, nicht zu verbergende Lust auf sie. Das büßt du mir!, denke ich. Meine linke Hand gleitet von hinten unter ihren Rock, um sie in den kleinen Po zu zwicken.
„Evchen! Du trägst ja nur eine Strumpfhose!“
„Hubertchen, wenn du weiterhin Evchen zu mir sagst, deklariere ich meinen Po als Regiona non grata für dich!“ Ich kann nichts erwidern, denn ihre Lippen bedecken meine und ihre Zunge verlangt Einlass.
Es ist saukalt in den Straßen, die von Jörgs Elternhaus zur Kiesstraße führen. Ein fast voller Mond bescheint uns den Weg, der allerdings völlig freiwillig von unendlichen Knutschpausen gepflastert ist. Vermutlich hätte ein Blinder mit einem Dutzend Krückstöcken die Strecke locker in einem Drittel der Zeit geschafft. Evelyn ist aber auch so etwas von flauschig in ihrem weiß-grau meliertem Teddymantel, dass ein schnelleres Vorankommen eine Sünde wäre.
Kurz hinter der Mariannenstraße, dort wo die Kiesstraße einen Friedhof begleitet, bleiben wir erneut stehen. Sie drückt meine linke Hand, die trotz der Kälte ziemlich heiß scheint, und ihr Mund schenkt meinem Gesicht unzählige Küsse.
„Hast du dir das so vorgestellt mit mir? Wusstest du, dass ich mich so auf dich stürzen würde?“
„Du übertriffst all meine Träume und das waren wirklich viele!“
Ich spüre ihre Hand auf meiner Hose an einer Stelle, die sich so sehr nach ihr sehnt und sie ...
„Ich muss noch ein paar Vorkehrungen treffen!“ Seine Augen scheinen wie von innen mit einem weißen Licht beleuchtet.
Ich spüre seinen Mittelfinger an der Stelle meiner Stirn, wo die Hindus ihr drittes Auge wähnen. Ich schließe meine beiden und verliere alles Zeitliche.
Kurz vor der Kreuzung Lankwitz Kirche muss Sascha an einem Baum ein größeres Geschäft verrichten. Er sieht immer so traurig aus, wenn er das tut. Es gibt Hunderassen, die haben generell einen trübsinnigen Gesichtsausdruck. Irisch Setter gehören jedenfalls nicht dazu.
Dieser kalte Dezembernachmittag hat schon sein Tageslicht eingebüßt. Ziemlich windig ist es an der Kreuzung. Ein rotes Herzass taumelt vom Bordstein auf den Asphalt. Hat das etwas zu bedeuten? Mein schwarzer Wintermantel mit der albernen Pelerine, den mir Mutter gekauft hat, ist nicht sehr wärmend. Die Flügel dieser Pelerine schlackern mir um die Ohren. Das sieht sicher komplett albern aus. Vielleicht würde das zu einem Pferdekutscher auf seinem Bock, der auf den Namen Gustav hört, passen. Aber ich schreie hier weder Hüüü! noch ist mir nach Auspeitschen eines Hotte-Birr zumute. Ich bin hier in Erwartung von Evelyn und dabei so was von aufgeregt. Sie will doch mit mir spazieren gehen!
Da steht sie ja! Keine Fata Morgana eines Winterabends!
Meine süße Fee! Sie hatte sich hinter einer Litfaßsäule, auf der Reklame für einen Film mit dem seltsamen Titel Easy Rider gemacht wird, versteckt.
Wir küssen uns sofort ungeniert neben einer Traube von Menschen, die an der Bushaltestelle wartet, während uns Sascha mit seiner Leine die Beine wenig lustvoll, aber kunstvoll zusammenschnürt.
„Gehen wir zum Kanal?“ Ihre strohblonden Haare wehen ihr um die Stupsnase, während sie mir das Lächeln einer Elfe schenkt. Wäre ich Tolkien, wäre sie meine Elbe oder auf elbisch, meine Eledhes bain, meine wunderschöne Elbenfrau!
„Du meinst da hinten an der Sieversbrücke, also bei dir zu Hause vorbei?“ Ich greife nach ihrer Hand, die trotz der Kälte warm und samtweich ist.
„Ja, da sind wir ungestört. Ich habe extra einen Rock an und wieder nur Strumpfhosen darunter. Allerdings sind die heute aus flauschiger, dicker Baumwolle.“
Wir gehen die Kaiser-Wilhelm-Straße in Richtung Teltowkanal und kommen natürlich auch an der Nummer 99 vorbei.
„Komm‘, lass uns hier ein bisschen schneller gehen. Wenn mein Bruder uns zufällig aus dem Fenster beobachten sollte, kommen nur wieder blöde Bemerkungen!“
Doch danach kurz vor der Kreuzung Alt-Lankwitz ist es höchste Zeit für eine Knutschpause. Sascha gefällt das gar nicht, denn er zerrt mächtig an der Leine und will unbedingt weiter.
Nach der Kreuzung erreichen wir die Brücke.
„Schau mal da oben! Hast du den Mond schon mal so riesig gesehen? Er scheint doppelt so groß wie sonst.“ Ich richte meine Hand gen Erdtrabanten und sie folgt meinem Blick.
Wir verharren für einen Moment in Bewunderung des Mondes.
„Ehe die Menschen das Feuer, Werkzeuge und eine Sprache besaßen, war der Mond ihnen ein treuer Verbündeter. Er war sicher eine Art Himmelsleuchte und erhellte die finstere Welt und linderte Ängste.“
„Mein philosophischer Hubert. Das hast du schön gesagt.“ Ich freue mich über ihr Kompliment. Aber auch der Vierbeiner ist ja noch da. Und ihm ist der Mond schnurzpiepegal. Ich muss Sascha verstärkt halten, denn er ist ja kein Wolf, den la bella Luna zum Gesang inspirieren würde.
„Lass uns auf die andere Seite gehen. Da ist eine schmale Treppe. Unter der Brücke ist jetzt bestimmt niemand.“ Sie schenkt mir einen Kuss auf meine Nasenspitze.
Ich lasse Sascha von der Leine und er genießt die plötzliche Freiheit in Form von ungebremsten Sprints, die Treppen zum Kanal immer wieder hoch und runter, man könnte meinen, er sei einer Horde imaginärer Kaninchen auf der Spur.
Der dunkle Bereich unter der Brücke ist erfreulicherweise menschenleer.
Wir gehen Arm in Arm bis zur Mitte. Ich spüre ihre Lippen und ihre Zunge ergreift Besitz von mir. Ihre Hände schlüpfen unter ihren Teddymantel, unter ihren Rock und lassen ihre Strumpfhose bis zu den Knöcheln abwärts gleiten. Dann ergreift sie meine linke Hand und führt sie zu ihrer flauschigen Venus.
„Komm‘ und streichle mich. Ich habe den ganzen Tag an nichts anderes gedacht, als das du mich da ein wenig verwöhnst!“ Sanft drückt sie meine Hand auf alles, was heiß und feucht ist.
Langsam gleitet mein Mittelfinger hin und her und sie beginnt leise zu stöhnen.
„Ja, das ist wunderbar, so wunderbar. Ich wusste, das du so zärtlich mit mir sein würdest!“
Ihre rechte Hand bahnt sich den Weg unter meinen Mantel und öffnet Knopf für Knopf die Jeans, die ihren Namen dem Franken Levi Strauss verdankt.
„Da ist ja jemand schon sehr aufgeregt!“, stellt sie gut geschauspielert fest.
So wie ich sie vorsichtig streichele, so macht sie es in gleicher Weise mit mir. Ich fange an zu zittern, nicht vor Kälte, sondern vor Auf- und Erregung.
„Komm‘, ich möchte, dass er mich jetzt dort kennenlernt, wo er schließlich hingehört!“ Sie drückt ihren feuchten, heißen Körper zu meiner spürbaren Erregung und so gleite ich langsam dorthin, wo er, wie sie meint, hingehört. Sie macht eine geschickte Bewegung, verändert ihre Position ein wenig nach hinten und ohne dass ich eigentlich viel dazu beitrage, merke ich, wie ich nun sanft in sie hineintauche. Wir halten inne in dem Moment, da ich gänzlich in ihr bin. Ein Moment wie in Trance. Ein Augenblick der Glückseligkeit, wenn es denn so etwas wirklich gibt. Ich merke, wie es in mir in einer seltsamen Art und Weise anfängt zu vibrieren, denke ich jedenfalls, dabei sind wir beide in dieser vermeintlichen Minute wie Dornröschen an der Spindel weggeschlafen, regen uns nicht, wollen für immer und ewig so verbleiben, weil wir uns eins fühlen mit uns, weil es danach nie wieder so sein wird, wie dieses erste, wie dieses einmalige Mal des intimen Verschmolzenseins. Ein Moment für die Ewigkeit. Jedenfalls in einer kleinen Ewigkeit dieses Seins, dieses Lebens. Doch Evelyn weiß und spürt, dass die Biologie unserer Körper ihren Tribut zu zahlen hat. Zwar sind es keine einhundert Jahre, vielleicht gerade mal einhundert Sekunden und sie ist ja auch kein Königssohn, der Dornen in Blumen verwandelt, aber sie wandelt mein Empfinden. Sie spielt mit und ergibt sich uns in das Schicksal der Hormone, die uns dirigieren. Ganz langsam, aber sehr bestimmt, entlässt sie mich aus der warmen weichen Umhüllung. Doch gemach, es droht ihm keine langfristige, eisige Sievers-Brücken-Winter-Luft. Bevor er sich‘s versieht, ergreift sie ihn wieder und immer wieder. Sie schickt ihn immer nur ganz kurz nach draußen, um ihm zu zeigen, wie schön es bei ihr ist, und holt ihn stets sofort zurück. Manchmal gewährt sie ihm wieder für eine kleine Endlosigkeit Asyl. Auch unsere Kussschnuten sind verschmolzen und turnen miteinander eine Art Schlangentanz.
„Siehst du!“, stöhnt sie, „ich will dich ganz! Ich will dich!“
„Ja, ich dich auch!“ Ich bin in dieser Sekunde kein Wortakrobat!
„Ich glaube, ja, ich spüre, du bist so weit. Das pulsiert, wie ist das schön!“ Sie entlässt mich abrupt in die Dezemberluft unter ihrem Rock. Doch ihre Hand lässt mich nicht im Stich und ergreift mich sehr, sehr hilfreich!
„Komm! Schenk mir, was du mir zu geben hast. Ich sehne mich danach, dann damit gestreichelt zu werden!“
Wie ein elektrischer Blitz eingehüllt in das Aroma einer Frühlingslandschaft von Tagetes, der sich in mir und folgend über meinen ganzen Rücken zu entladen scheint, kommt es nun dorthin zu ihr, wohin sie es sich wünscht und wonach sie sich sehnt.
„Das funktioniert inzwischen hervorragend! Sie haben schon viel hinzugelernt. Ich erlebe alles sehr plastisch, so als wäre ich mit dabei.“
Ein enormer Stoß fährt durch das Gebäude. Unten im Küchenbereich scheppern einige Flaschen, und Gläser gehen zu Bruch.
„Offensichtlich finden sie immer mehr Gefallen an ihrem Erlebten. Wir müssen sehen, dass wir noch so viel wie möglich zurückholen. Schließen sie die Augen und kümmern sich nicht weiter um mich.“
Hinter den großen Schaufenstern von Wertheim laden Märchenbilder mit sich bewegenden Puppen zum kindlichen Träumen ein. Als Kind war ich hier mit meiner Mutter, auch diese Auslagen bewundernd und in gespannter Erwartung eines neuen Adventskalenders mit seiner glitzernden Oberfläche, die mit winzigen Lametterbröseln angereichert war.
Wir schlendern Hand in Hand vom kleinen Lederwarengeschäft, wo ich für meine Großmutter Handschuhe gekauft habe, in Richtung Bushaltestelle.
„Guck mal da drüben! Dort habe ich gestern eine neue Platte gekauft.“ Meine Hand zeigt auf den Schallplattenladen Ton und Welle. Evelyn schmiegt ihren Kopf an meine Schulter und schnurrt:
„Bekomme ich die nachher zu hören?“
Mir wird plötzlich schwindlig. So als ob ich auf einem rasenden Karussell säße und mich gegen die Drehung stemmte. Weit entfernt höre ich den Nachrichtensprecher:
Zum Abschluss noch eine Meldung aus dem Bereich der Beat-Musik: Bei einem Konzert der Rolling Stones in Altamont in den USA töteten Mitglieder der berüchtigten Rockergruppe „Hell’s Angels“ einen achtzehnjährigen Farbigen. Das waren die Nachrichten des RIAS Berlin, einer freien Stimme der…
Ich schalte das Radio aus. Kleine weiße Kristalle schmelzen an der Fensterscheibe.
„Hoffentlich hat es dir Spaß gemacht, mit mir die Handschuhe für deine Omi auszusuchen?“ Evelyn setzt sich neben mich auf meine Couch, während uns Christian Anders mit Geh‘ nicht vorbei, als wär‘ nichts gescheh‘n per selbst gebastelter Lautsprecher seinen offensichtlichen Liebeskummer kundtut.
„Ja, es war toll mit dir, die Schloßstraße im dunklen Dezemberwetter zu erkunden. Wenn ich denke, wie dieser Tag heute früh anfing!“
„Stimmt! Ich war ein wenig spät dran. Du Armer hast fast eine halbe Stunde in der Kälte auf mich warten müssen.“ Sie zeigt mir traurig schelmische Augen.
„Dafür waren wir dann im Bus fast alleine!“
„Ja, aber wir kamen fast eine halbe Stunde zu spät zu Mathe!“
Sie boxt mich sanft in meine Rippen.
„Und Ringer konnte sich so richtig an uns auslassen!“ Ich versuche es bei ihr mit einer kleinen Kitzeleinheit an der Taille.
„Hör mal, wenn du meinst, dass du mich damit …“ Ich unterbreche den Satz mit einem Kuss, doch sie fährt fort:
„… zu irgendetwas Verbotenem `rumkriegst? Jedenfalls hat dieser Mathe-Heini bei mir auf Granit gebissen! Was bildet der sich überhaupt ein! Als die Tür im Klassenzimmer gerade hinter uns zugefallen war, kam diese dämliche Bemerkung, ‚man könnte meinen, Fräulein Barz, dass sie mit Hubert heute zu spät aus dem Bett gehüpft sind?‘“ Sie äfft ihn mit einem versucht dunklem Tonfall nach.
„Ich glaube, der Ringer hat uns schon lange auf’m Kicker. Seitdem der Wind davon bekommen hat, dass wir zusammen sind, sind wir für den ein rotes Tuch. Nun, deine Antwort war jedenfalls super!“
Ein verschmitztes Grinsen huscht über ihr Gesicht, als sie mir den morgendlichen Satz wiederholt:
„Sie haben ja so recht, Herr Ringer! Wir haben aber nur ein ganz kleines Bett und da ist auch null Platz für Mathe-Aufgaben!“
Wir umschlingen uns mit unseren Armen. Bloß gut, dass wir nicht zur Gattung der Oktopusse gehören, weil wir uns dann vermutlich nie wieder entwirren könnten. Ich küsse sie auf ihren Mund, ihre Nase, ihre Stirn, ihre Augenlider und ihre kleinen süßen Ohren. Das mag sie besonders, denn ich spüre sofort, wie es in ihr bebt. Sie steht mir in nichts nach und so endet diese Kuss-Salve schließlich mit unseren Lippen, die sich genüsslich vereinen.
„Und dann auch noch die Musikstunde und die Schmidt, die fast komplett ausgerastet ist.“ Der Schulvormittag hält mich noch im Bann.
„Wie oft hat sie uns aufgefordert, für die letzten fünf Minuten eine Platte mitzubringen.“ Sie streicht mir von vorne nach hinter übers Haar.
„Ich fand das total mutig von dir, ausgerechnet Je t’aime … moi non plus vorzuschlagen! Ich glaube, die letzte halbe Minute, wenn Jane Birkin anfängt zu stöhnen …“
„… wäre die Schmidt am liebsten geplatzt oder wie eine Rakete durch die Decke geflogen“, fällt sie mir ins Wort.
„Wenn Sie es nochmal wagen so etwas Widerwärtiges mitzubringen, setzt es einen Tadel!“ Evelyn kann die Schmidt so hervorragend nachmachen.
Ich denke an die nachfolgende Pause, die uns beiden dann tatsächlich einen Tadel der Musiklehrerin beschert hat.
Wir standen am großen Fenster im Treppenhaus und knutschten. Doch unten auf dem Schulhof stand die Schmidt!
„Hubert! Du kannst Euer Abendbrot holen!“, tönt von unten die wenig genüssliche Stimme meiner Mutter. „Und die Musik bitte etwas leiser.“
Als ich mit einem Tablett belegter Brötchen und zwei Gläsern Cola wieder in meinem Zimmer ankomme, schenkt mir Evelyn einen Blick, der keine Zweifel aufkommen lässt.
„Guck mal aus dem Fenster! Es schneit schon wieder wie verrückt. Da haben wir es hier so schön kuschelig. Jedenfalls gemütlicher als unter der Brücke!“ Sie zeigt mir einen Kussmund, doch ich muss erst das Tablett auf dem Tisch abstellen, ehe ich mich wieder neben sie setzen und ihrem Angebot folgen kann.
„Ich glaube, wir haben jetzt genug von Christian Anders. Ich lege uns mal meine neueste Errungenschaft auf.“ Den Plattenspieler stelle ich auf Wiederholung und komme zurück zu ihr.
Als die ersten Töne der Orgel uns erreichen, befindet sich mein Ohr in Obhut ihrer Lippen. Ihre nimmermüde Zunge liebkost mich und sie flüstert: „Das ist also die neue Single von Ton und Welle! Bist du sicher, dass niemand von deiner Familie uns hier überrascht?“
Je t’aime, je t‘aime, ô oui je t’aime!, schmachtet Jane Birkin und Serge Gainsbourg beteuert moi non plus!
„Meine Mutter hat mitbekommen, dass wir da ewig in der Dezemberkälte waren und sie hat mir angeboten, hier in meinem Zimmer ungestört sein zu können!“
„O, wie schön! Und dass du meine Lieblingsmusik besorgt hast!“ Ihre Lippen wandern zu meinem Mund. Eine ihrer Hände erkundet die Situation unter dem Reißverschluss. Offensichtlich ist sie mit dem Ergebnis zufrieden. Die Brötchen lassen wir wohl eher Brötchen sein.
Sie erhebt sich und lüftet den dunkelblauen Faltenrock. Die baumwollenen, farbgleichen Strumpfhosen rutschen ihre langen Beine hinunter. Entweder ihre Unterhose hat sich in der Strumpfhose versteckt oder aber sie hat wieder auf dieses Kleidungsteil verzichtet.
„Komm, steh‘ auf!“ Natürlich folge ich ihrer begehrlichen Anweisung. Wie in vielen meiner Fantasien öffnet sie mir die Hose, die wie von alleine nach unten fällt. Meine Unterhose, die zeltförmig gewölbt ist, ereilt dasselbe Schicksal. So steht sie vor mir. Das kleine strohblonde Gebüsch ihrer Venus sieht so verlockend aus. Sie nimmt meine linke Hand und lässt meinen Mittelfinger zielsicher landen.
„Was spürst du?“
„Es ist so weich, heiß und feucht!“
„Setz dich! Ich komme zu dir!“
Ich lasse meinen Po zurück auf die Couch fallen und so kann sie auf mir Platz nehmen.
„Mmhh, ich merke, dass du dir den Weg gemerkt hast. Lass uns einen Moment so ruhen. Du bist so tief in mir. Ich spüre dich so gerne. Er pulsiert so aufgeregt. Ich liebe diesen Rhythmus!“
Ihre Zunge ertastet mein linkes Ohr und ihre linke Hand holt sich meine rechte auf ihre linke Poseite.
Entre tes reins, meint Serge Gainsbourg. Seine Stimme scheint so unendlich weit, doch ist er uns mit seinen Gedanken so nahe.
„Ich bleibe so sitzen, bis das Lied zu Ende ist. Komm, rutsch mal unter meinen Pulli und zeig mir, dass du auch meinen Busen magst. Schließlich habe ich extra meinen BH im Wäschefach vergessen! Bin ich nicht ein böses Mädchen?“
Ich spüre seinen Blick, so als würde ein Sonnenstrahl durch eine Lupe auf meine Stirn gebündelt. Es wird heiß und es ist hart an der Schmerzgrenze.
„Es wird Zeit, dass ich interveniere und Fragen stelle. Sie müssen sich über so einiges klar werden.“
Es regnet nicht mehr. Dafür pfeift ein ausgewachsener Sturm um den Turm. Seltsam! Im Moment steht er wie der Fels in einer Brandung. Kein Rucken und kein Beben.
„Welche Gefühle haben sie, wenn sie jetzt an Evelyn denken?“
„Ich bin sehr sentimental. Sie hat mein Frauenbild geprägt. Alle die, die folgten, habe ich bewusst oder unbewusst mit ihr verglichen!“
„Das ist kein Gefühl! Das geht in Richtung Analyse! Sagen Sie mir, was sie empfinden. Sie müssen doch noch die Situation spüren, die wir gerade eben zurückgeholt haben.“
Doch wie in einem Flashback einer Droge sitze ich augenblicklich im Haus meiner Eltern unten am Telefon im Esszimmer.
„Hier bin ich!“, höre ich ihre Stimme aus dem Hörer.
„Was machst du denn so heute am zweiten Weihnachtstag?“
„Evelyn! Damit habe ich gar nicht gerechnet. Ich bin allein zu Hause. Meine Eltern sind mit meiner Schwester bei Verwandten. Und was machst du?“ Ich räuspere mich, habe offensichtlich vor Überraschung oder Aufregung einen Kloß im Hals.
„Ich bin auch allein zu Hause! Rate mal, was ich anhabe.“
„Keine Ahnung. Einen Pulli und `nen Rock?“
Es entsteht eine kleine Pause und dann flüstert sie:
„Ich liege auf meinem Bettchen und habe gar nichts an. Möchtest du nicht zu mir kommen und mich zudecken?“
Kalt und metallisch schallt mir seine Stimme entgegen.
„Und? Sind sie zu ihr gegangen?“
„Ja! Es war das letzte Mal, dass wir uns gesehen haben. Es war so wunderbar, wie in einem romantischen Märchen! Ich kann die grenzenlose Zartheit ihres Körpers erahnen. Jetzt, wo ich sie nochmal erleben durfte, bin ich überwältigt von allem. Sie war mein blonder Engel, meine Elfe. Sie passte wunderbar zu den Elben im Herrn der Ringe. Aber das habe ich ja schon gesagt. Wir waren doch beide furchtbar jung. Nie wieder …“ Mir steigen Tränen in die Augen, so als wüsste ich in diesem Moment schon ihr Schicksal.
Er fragt kurz:
„Warum haben Sie sie nicht wiedergesehen?“
„Sie hatte mir zu meinem Geburtstag die Langspielplatte The Turning Point von John Mayall geschenkt. Sie war nur zwei kurze Stündchen geblieben. In ihrem weißen Kleid sah sie umwerfend aus. Wir saßen beide hinten in der Ecke auf der großen Couch im Sousterrain im Herrenzimmer. Davon rührt das einzige Foto, das ich noch von ihr habe. Ich glaube, ich habe mich während dieser zwei Stunden um niemanden sonst gekümmert.“
„Verdammt nochmal! Das wollte ich jetzt nicht wissen!“ Wäre er ein Stier, käme ihm jetzt Dampf aus den Nüstern.
„Was ist passiert nach der Episode bei ihr zu Hause zu Weihnachten?“
„Ein paar Tage danach hat sie mir einen Brief geschickt und ein Bild von sich hineingelegt. Sie hatte sich die wunderbaren blonden Haare kurz schneiden lassen und mir geschrieben, dass wir uns nie wieder sehen würden. Ich sei entschieden zu gut für sie und ich sollte sie besser nie ganz und gar kennenlernen. Zum Anfang des neuen Jahres würde sie auf eine andere Schule wechseln. Ihr Abschiedssatz war: Mein lieber romantischer Junge! Ich werde Dich nie vergessen!“ Moi non plus! weinte ich vor mich hin, als ich im Garten das Bild und den Brief verbrannte.
Am Fenster gibt es ein platschendes, knirschendes Geräusch. Ein Fregattvogel ist gegen die Scheibe geflogen. Er muss sich dabei das Genick gebrochen haben, denn der Kopf zeigt in einem unmöglichen Winkel nach oben. Seine Augen glänzen mit einer traurigen Leere, während der leblose Körper langsam nach unten gleitet.
Begleitet wird der Abgang dieses gefiederten Gesellen von an Konfetti erinnernden, weiß gefrorenen Kristallen, die vom Sturm durch die Nacht gewirbelt werden.
3 Auf einem roten Kimono
„Wir wechseln jetzt den Standort! Kommen Sie mit!“
Er zeigt mit einer Hand in den hinteren Teil der Kajüte. Die Tür, die dort geöffnet ist, war mir vorher nicht aufgefallen. Wir gehen nacheinander einen matt beleuchteten Gang entlang. Ich folge ihm wie in Trance und habe das Gefühl, als ob wir leicht in Serpentinen abwärts laufen. Ein mächtiges Dröhnen ist zu vernehmen, so als ob ein Ozeanriese einen Eisberg rammt.
Er bleibt stehen und öffnet rechter Hand eine Tür.
Ein Raum mit samtenem, braunem Bezug an Decke, Wänden und Boden. An der linken Längsseite steht eine Couch mit einer Leopardimitatdecke. Direkt an der Kopfseite befindet sich eine Stehlampe, die den Zeitsprung aus den 50er-Jahren schadlos überstanden hat.
„Legen Sie sich nun hin. Aus Sicherheitsgründen muss ich sie an Armen und Beinen anschnallen.“
Ich lege mich, so wie er es sich wünscht, und fühle mich augenblicklich entsetzlich schwer, so als wollte mein Körper durch die Couch hindurchfallen. „Wir haben ein weiteres Niveau erreicht.“
„Was bedeutet das?“
„Wir werden eintauchen in Ihre Welten. Ich will das mal so nennen. Ich injiziere Ihnen nun eine zerebral-projektive Substanz. Dadurch werde ich alle Denkvorgänge in Ihrem Gehirn auf dem Schirm da vorne miterleben können. Außerdem kann ich, so es nötig sein sollte, etwas aufzeichnen.“
In der Tat ist auf der Stirnseite des Raumes ein riesiger Bildschirm zu sehen.
Er lässt sich auf einem Sessel neben mir nach hinten fallen und fixiert mich mit stechendem Blick.
„Schließen Sie die Augen! Sie entspannen sich jetzt. Alles wird leicht und leichter. Sie verschwinden im Zeitennebel. Ich weise Ihnen Liane. Sie sind mit Liane. Sie erleben Liane wieder, jetzt!“
Der kleine Raum ist sehr plüschig gehalten. Die zwei Funzellampen erlauben keine klare Sicht. Die Wände und das geräumige Sofa, auf dem ich sitze, sind mit flauschigen Decken überzogen. Nebenan wechselt die Musikrichtung. Dancing Queen von Abba erfreut die Anwesenden. Die Mädchen, die sich auf der Drehscheibe den Zuschauern hinter den Fensterchen präsentieren, dürfen sich ihre Musik für ihre fünfminütigen Auftritte selber aussuchen und mitbringen. Auf der rechten Seite des Séparées ist eine Tür, die ich wie gebannt anstarre. Irgendwann wird sie sich öffnen. Die Musik hat ja gewechselt. Ihre Musik ist nicht die von Abba. Sie tanzt nach Pink Floyd. Dancing Queen kommt mir endlos vor. Plötzlich denke ich an die Fünf-Doppel-Acht. Ich habe die Taxe haarscharf am Parkverbot vorbei gegenüber am Theater des Westens geparkt. Schon oft hatte ich hier eine kleine Pause eingelegt, wenn ein Fahrgast zum Kudamm gebracht werden wollte. Gewöhnlich kann ich sie mittwochs während der Frühschicht bewundern. Ihr Standardsong ist Cymbaline. Außen am Rondell, wo die Kabinen mit den Fensterchen angeordnet sind, ist eine Showtafel mit vier Fotos angebracht. Jedes Foto hat am unteren Rand ein Namensschild und über dem Bild ein Lämpchen. Wenn das Lämpchen leuchtet, heißt das, dass das entsprechende Mädchen auf der Drehscheibe ist. Noch nie hatte ich mich getraut, zum Tresen zu gehen und der Frau dort einen Namen zu nennen und ihr die fünfzehn Mark für fünfzehn Minuten mit einer der Ladys im Séparée zu geben. Vielfältigen Fantasien habe ich nachgegeben, seit ich sie das erste Mal gesehen habe. Sie war im roten Kimono auf die sich drehende Bühne gekommen. Einen Moment war sie so stehen geblieben und hatte ins Rund zu uns Bewunderern geschaut und jedem Einzelnen zugelächelt, aufmunternd zugelächelt. Dabei war ihr ihr Kimono, wie es schien, völlig unabsichtlich langsam am Körper nach unten geglitten.
Ein leises Quietschen ist zu hören, als sich die Tür langsam öffnet.
Nur ihr Kopf mit den langen blonden Haaren ist zu sehen. Nach zwei, drei Sekunden scheint sie mich zu erkennen. Sie lächelt mich spitzbübisch an. Sie ist ganz vom roten Kimono umhüllt. Dann zieht sie eine kleine, weiße Eieruhr auf und stellt sie auf ein Tischchen neben der Tür. Es beginnt zu ticken.
„Ich schenke dir fünf Minuten für unser erstes Mal. Ist dir recht, dass ich zwanzig Minuten eingestellt habe?“
Ich zittere am ganzen Körper und höre mich mit heiserer Stimme „na klar!“ sagen.
Sie kommt auf mich zu. Ich stehe auf. Sie umarmt mich und küsst mich auf den Mund. Ein betörendes Parfum. Ich schätze Opium.
Sie zieht ihren Kimono aus und breitet ihn auf dem Sofa aus.
„Komm, setzen wir uns und machen es uns gemütlich.“
Wir nehmen nebeneinander auf ihrem Kimono Platz. Sie schmiegt sich an mich und dreht sanft meinen Kopf zu sich.
„Du zitterst ja! Bist du so aufgeregt? Ich weiß was.“
Ihre Lippen erobern meine und unsere Zungen lernen sich kennen.
„So! Nun hast du dich also endlich getraut, mich ins Séparée zu bitten?“
„Ja.“ Mir ist, als ob ich mehrfach Ja sage, aber es ist nur ein kleines, schüchternes und karges Ja.
„Was möchte denn mein dunkelhaariger, schüchterner Held mit mir machen?“
„Sag du doch mal, was du mit mir machen könntest.“
„Also, wenn du mir dreißig Mark schenkst, dann würde ich dich gerne mit der Hand massieren.“ So nah vor mir wirkt Lianes Lächeln noch viel betörender als drüben von Weitem auf dem großen Plattenteller.
„Gibt es noch etwas, was wir tun könnten?“
Sie schaut mich an und wieder sind ihre weichen vollen Lippen auf meinem Mund.
„Na klar! Ich verwöhne dich auch mit meinem Mund. Das wäre dann aber noch ein bisschen teurer.“
Drüben wechselt die Musik. Ein anderes Mädchen rekelt sich zu Hotel California.
„Okay, das würde ich gerne haben.“
„Dann gib mir bitte fünfzig Mark.“
Ich krame in meinem Portemonnaie und reiche ihr einen braunen Schein. Sie verstaut ihn in einer Art Kulturtasche und widmet sich meinem Reißverschluss.
„O là, là! Da ist aber jemand sehr vorlaut!“
„Das ist nicht meine Schuld!“, flüstere ich ihr ins Ohr.
„Ich gestehe ja, ich bin die Schuldige!“
Ihr Daumen bildet mit ihren Fingern einen nicht perfekten, aber sehr effektiven Kreis und dieses kleine Rund vollführt wunderbare Bewegungen auf und ab, während ihre Haare mein Gesicht kitzeln und ihr Mund mich von ihrer Hand abzulenken sucht.
„Sag mir Bescheid, wenn es dir zu viel wird. Wir wollen doch möglichst die ganze Zeit ausnutzen. Was hältst du davon, wenn du dich mal ausziehst?“
„Okay!“ Ich entledige mich meiner Klamotten und sofort steht sie Körper an Körper mit mir und schmiegt sich an mich. Ich erlebe eine Gänsehaut vom kleinen Zeh bis zu den Ohrläppchen. Links hinten auf dem Beistelltisch flackert ein etwas unscharfer Porno. Eine schwarzhaarige Lady sitzt mit dem Rücken zur Kamera auf einem Kerl und führt sich mit einer behandschuhten Hand sein Teil in ihren Po ein. Der schwarze Handschuh aus transparentem Spitzenchiffon geht ihr fast bis zur Achsel. Wohl ein Exemplar, welches anständige Frauen auf einen Ball ausführen und dazu mit ihrem Ehegatten Sechzig Jahre – und kein bißchen weise von Curd Jürgens tanzen würden.
Der ziemlich große Fernseher schenkt uns keinen Ton. Den liefert erneut Dancing Queen des Mädchens im Showroom. Und als ob die Lady mit dem Teil in ihrem Allerwertesten Abba hören könnte, nimmt ihr Rhythmus jenen von Dancing Queen auf.
Liane gleitet mit ihrer Hand an mir, nach einem eigenen inneren Metronom.
„Komm, lass uns wieder hinsetzen. Erzähl mir ein bisschen von dir. Ich möchte dich gerne kennenlernen. Ich möchte gerne wissen, was dich so richtig anmacht.“
Wir sitzen wieder nebeneinander auf ihrem seidenen, roten Kimono. Ihre Hand streichelt mich und ihr Mund schleckt mein Ohr ab. Die Lady in der Glotze ist inzwischen von ihrem Typ abgestiegen und hält sich sein Teil vor ihren knallrot geschminkten Mund, um es sofort darin verschwinden zu lassen. Ihre Lippen umfassen seine nicht gerade kleinen Ausmaße und saugen ziemlich genüsslich daran.
„Gefällt dir der Film?“
„Na ja“, sage ich. Ich konzentriere mich auf mich selbst und bekomme zudem die Bemühungen der schwarzhaarigen Lady geboten.
„Das mache ich auch gleich mit dir“, flüstert sie mir in meine feuchte Ohrmuschel. „Aber vorher möchte ich ein paar geile Bemerkungen von dir. Schließlich ist meine Yoni auch am Programm hier beteiligt.“
„Wer ist Yoni?“
„Das ist tibetisch und heißt Möse“, belehrt sie mich. Sie verlässt mich mit ihrer Hand und führt meine zu ihrer Yoni. Dort ist es sehr warm und feucht. Im Fernseher verlässt ein weißer Schwall das Gigantoteil des Pornohelden, um letztendlich halb auf der Zunge und halb auf den roten Lippen der Lady zu landen. See the girl, watch that scene, digging the dancing queen singen Agnetha und Frida.
„Ich stehe sehr auf schöne Klamotten. Das macht mich unheimlich an.“ Ein kleiner, aber wichtiger Teil ihrer Yoni wächst unter meinen Fingerspitzen.
Und ich? Ich wusste gar nicht, wie hart ich werden kann. Jedenfalls fühle ich mich dermaßen stark zwischen ihren Fingern. Das beflügelt so einige Hoffnungen in mir.
„Was für Klamotten meinst du?“ Plötzlich wird aus ihren zarten Streicheleinheiten ein stahlharter Griff, eine Umklammerung, als wollte sie zeigen: So weit und nicht weiter. Ein lustvoller Schmerz brennt in ihrer Hand.
God knows, I want to break free!, queent es, denn nebenan zeigt sich ohrenscheinlich erneut ein anderes Mädel und in der Glotze verschlingt eine zierliche Blonde ein enormes Teil eines Blonden, der ihr dabei sehr behilflich sein mag, denn er umfasst ihren Goldschopf mit beiden Händen und gibt ihr so mit sanftem Zwang sein Tempo vor.
„Na, ich fände es zum Beispiel sehr erregend“, gehe ich auf ihre Frage ein, „wenn du einen Rock aus weichem, fließendem Stoff tragen würdest und darunter einen Hüftgürtel mit Strapsen, an denen Seidenstrümpfe befestigt wären. Dann würdest du einen weiteren Strumpf nehmen, ihn langsam aufkrempeln, bis zur Strumpfspitze, und ihn mir dann über meinen ... Wie heißt mein Teil auf Tibetisch?“
„Warja“, haucht sie.
„Über meinen Warja ziehen“, vervollständige ich den Satz.
In diesem Moment löst sie ihren Griff um eben diesen Warja und es wird warm und feucht um ihn. Ich öffne die Augen. Ihre langen Haare bedecken in wohligen Bewegungen meinen Schoß. Ihr Mäulchen nimmt mich gefangen, entlässt mich, aber nur für Sekunden, denn sofort spüre ich wieder ihre Zunge und ganz vorsichtig ihre Zähne.
„Liane, du Hexe! Du verzauberst mich!“
„Ich bin doch nur … “, das folgende Wort verschluckt sie, „lieb zu dir.“
„Meine Mutter hat immer gesagt, mit vollem Mund spricht man nicht!“
Ich spüre ihre Zähne am Rande der Schmerzfreiheit.
Der Blonde in der Ecke des Raumes vergräbt sein Teil zwischen den Brüsten der Blonden und hinter der Wand bitten die Eagles zum Hotel California.
„Liaaaane! Wann bist’n da endlich fertich? Ick hab‘ ooch `n Solo!“, zetert eine Kollegin hinter den hauchdünnen Wänden.
„Cindy! Ich komme, wenn die Zeit hier abgelaufen ist.“ Zu mir flüstert sie: „Fühl dich wohl, mein Lieber. Stell dir vor, du seist in meiner süßen Yoni.“
„Was würde ich das gerne.“
„Pssssst!“
Ich weiß nicht, wie sie das macht. Meine ganze Länge findet in ihr Platz. Ihre Zunge spielt den Sündenfall nach und die beiden Zahnreihen zeigen eindrucksvoll, dass eine Frau kein Plüschtier ist.
„Ehe du mir den Beweis lieferst, dass ich dich bis zum Zenit reizen darf und kann, möchte ich dir in deine Aufgeregtheit hinein sagen, dass mir das mit dir enorm viel Vergnügen bereitet. Das hast du ja an meiner Yoni gespürt. Heute Abend, wenn ich alleine in meinem Bettchen liege, werde ich mir selber viel Freude bereiten und dabei an deinen schönen Warja denken und das Aroma, das er mir geschenkt haben wird. Bin schon so gespannt, wie du schmeckst! Komm, nimm meinen Kopf in beide Hände!“
I was in the seventh heaven, when I kissed the teacher!
Das Abba-Mädchen macht einen Schritt von der tanzenden Königin hin zur konkreten Berührung zweier Körper.
Lianes Berührungen haben ein Limit überschritten. Sie hat mich mitgenommen und wir rasen im Tandem, Tagetes in der Nase, auf einem Deltadrachen gen Zugspitze. Von da an geht es im Schussflug durch diverse Wolkengebirge, Regenbögen, Canyons und Schluchten in welches Tal auch immer.
Die Küchenuhr, die mir gegenüber an der Wand hängt, zeigt mit dem großen Zeiger auf eins und dem kleinen auf sechs. Die mittig angelegte Barkonstruktion in Bordeauxmarmor erinnert an die Sachlichkeit eines japanischen Restaurants. Die Wände aus dunkelgrauem Schiefer wollen allerdings nicht so recht dazu passen. Sie lassen eher an die Gemütlichkeit einer Holzfällerhütte im Westerwald denken.
Der Herd rechts im Raum, auf dem ein gigantisches Ceranfeld ruht, erwärmt einen schwarzen Kessel, aus dessen Tülle in Abständen weiße Dampffahnen entweichen. Die Zeiger der Uhr sind Phallusandeutungen, die vor dem Hintergrund einer entblößten Marilyn Monroe ihre Kreise ziehen.
„Schatz, denk daran, dass Philipp vom Rolling Stone in etwa einer halben Stunde vorbeischauen wird.“ Liane ist schon auf Besuch gestylt. Ihre schwarzen Pumps klackern über die weißen Fliesen, während der knallrote Rock mit den weißen Pünktchen im Rhythmus von In-A-Gadda-Da-Vida tanzt. Die weiße Bluse mit dem hochgeschlossenen Stehkragen ist nahezu unverschämt transparent. Sehr verschämt allerdings ihre Frisur, die sie Alfred Hitchcock und seiner Marnie entnommen zu haben scheint.
„Wie gefällt dir denn dieses Exemplar?“ Da steht sie vor mir, hebt ihren Rock und nur ein Hauch von einem Stückchen weißem Tüll, der in tropischen Gefilden auch als Moskitoschutz dienen könnte, lockt nicht nur meine Augen. Jedenfalls bleibt nicht verborgen, dass sie wie immer sündig rasiert ist.
Doch der rote Vorhang fällt so schnell, wie er eben noch rasch nach oben gehoben wurde.
„Schade!“
„Nichts da, du Lustmolch! Hast du deine Hausaufgaben gemacht?
Du wolltest Löwin zu Ende schreiben!“
„Überraschung! Ist alles schon im Kasten!“
„Und wann kriege ich das zu hören? Es geht ja schließlich um mich, oder?“ Sie setzt sich auf den Barhocker neben mir.
Das eindrucksvolle Brüllen eines Löwen ist zu hören. Es gibt Leute, die schätzen einen asiatischen Gong als akustisches Signal für ankommende Gäste, doch wir haben uns für den Löwen von Metro-Goldwyn-Mayer entschieden.
„Meinste, das is schon der Philipp? Ich geh‘ mal nachsehen.“
„Tut mir leid! Ich bin etwas zu früh!“ Er sieht nicht die Bohne zerknirscht aus. Das blaurote Holzfällerhemd hängt lässig über den hautengen Jeans. In dem braunen Arztkoffer hat er wohl sein Interviewerzeug verstaut. Sein Gesicht erinnert mich an Neil Young. Er könnte ein jüngerer Bruder sein.
„Kein Problem, Philipp. Machen wir zuerst `ne kleine Führung?“
„Oh, welche Ehre! Hubert Schenck, Chef und Gründer der Kultband Tabula Raza, gönnt mir Einblicke in seine Welt!“
„Klar, der Flug zu unserer Hazienda im Mare Crisium, auf der bright side of la bella luna, wäre wohl jetzt etwas zu aufwendig. Also begnügen wir uns hier mit der hellen Seite der Erde. Fangen wir doch gleich mit dem Gartenbereich an. Die Skulpturen, die du vor dem Panorama der Pyrenäen siehst, sind aus dem hiesigen Felsmaterial gefertigt. Ein baskischer Freund von mir, Eduardo Chillida, der in San Sebastian lebt, hat sie so nach meinen Vorstellungen realisieren können.“
„Scharfes Ambiente, Hubert! Haben die Teile auch eine Bedeutung?“ Philipp greift sich eine Kippe aus seiner Brusttasche.
„Die Kulturen dieser Welt im Einklang mit einer Achse von Strahlen der aufgehenden Sonne. Ich glaube, dass das alte Ägypten in allem noch sehr präsent ist.“
„Wenn man wie du augenscheinlich von den Bergen angeturnt ist, ich meine, wären da nicht das Allgäu, also die deutschen Alpen, naheliegender gewesen?“
„Klar ist das Allgäu eine utopisch geile Landschaft. Aber hier gibt es noch einen Kick oben drauf.“
„Kannst du mir das erklären?“
„Klar! Stell dir vor, du hast eine megamäßig schöne Braut, aber die liegt im Bett wie ein Brett.“
„Ja, ja, so was soll es geben.“ Er macht eine abfällige Miene.
„Wenn diese Lady aber zum Beispiel in einer Peep Show in die Lehre gegangen ist und gelernt hat, was ein Kerl sich
so wünscht …“
„… dann bleibt nichts mehr zu wünschen übrig?!“
„Du hast es gerafft, Philipp! Und so ist das mit der Landschaft. Hier gibt es sozusagen das Allgäu 2.0. Das Allgäu mit Palmen, giganto Pampasgräsern und sogar Bananenstauden, die dich denken lassen, dass du ein Stückchen Erde in Schwarzafrika hättest. Außerdem sind die Gipfel und Grate so was von strange, Mann! Hier bleibt kein Landschaftswunsch unerfüllt.“
„Ich bin kein Alpinist, Hubert. Was ist denn hier so strange?“
„Lass uns mal, bevor wir das vertiefen, ins Haus gehen.“
Oben, in der Panoramastube, wie Liane sagt, nehmen wir Platz.
„Weißt du, an was mich das hier erinnert?“ Philipp scheint fasziniert zu sein.
„Du wirst sicher gleich den Tiger aus dem Tank lassen!“
„Ich weiß nicht, ob du jemals auf Lanzarote warst?“
„Ich war!“ Liane steht hinter uns.
Philipp dreht sich ruckartig um.
„Verdammt. Stones oder Beatles? Was ist hier schöner? Die Pyrenäen oder Liane? Ich nehme an, dass du das bist? Die Lady von Huberts größtem Erfolg bislang.“
„Schmeichler! Ich nehme an, dass ich die Beatles repräsentiere?“ Liane setzt sich neben uns und schlägt die Beine übereinander. Das verursacht das magische Knistern ihrer Strümpfe.
Dear Prudence, want you come out to play! summt Philipp vor sich hin und entzündet erneut eine Zigarette.
Liane reicht ihm eine große Muschelschale, die als Aschenbecher dient.
„Du wolltest verraten, woran dich das hier erinnert.“ Es interessiert mich wirklich, was andere beim Anblick unseres Gigantofensters denken.
„Mirador del Rio! Die Aussichtsplattform, von der aus man von Lanzarote auf die kleine Insel La Graciosa sehen kann. Total geiler Ort! Du hast das Gefühl, auf der Brücke eines Ozeanriesen zu stehen. Vor dir geht’s granatenmäßig abwärts. Das türkisfarbene Meer und auf der anderen Seite die Insel.“
„Genau von da stammt die Idee zu unserer Panoramastube. Spendierst du mir `ne Kippe? Roth Händle mit Filter kriegste in Gallien nicht.“
„Mit dem größten Vergnügen, Madame.“ Philipp reicht ihr einen unberührten Glimmstängel.„Du wolltest mich doch über die Einmaligkeit von Gipfeln und Graten hier aufklären. Sozusagen River deep mountain high? Darf ich denn gleichzeitig mein Gerät laufen lassen und unser Interview beginnen?“
„Klar, Philipp, go ahead!“ Der Kerl gefällt mir irgendwie, ist entspannt und unaufdringlich.
Er kramt in seinem Arztkoffer und stellt Recorder und Mikro auf den Tisch.
„Darf ich dabeibleiben?“ Indem Liane ihre Beine übereinanderschlägt, entsteht dieses verruchte Schrappen.
„Was wären die Bees ohne die Gees, die Fatas ohne die Morganas oder der Cunni ohne den Lingus?“ Philipp drückt die Aufnahmetaste.
„Okay, also zurück zu den Graten und Wipfeln! Ich habe mich verliebt in diese Landschaft hier. Wenn du aus dem Fenster schaust, so hast du vorne rechts da die drei Palmen und links die Bananenstaude. Als Background fungieren die Riesen der Pyrenäen. Links ein
One-World-Stand der Bergwelt. La Brèche de Roland! Als Karl der Große gegen die Sarazenen zu Felde zog, ebnete ihm sein Neffe Roland den Weg und schlug diese Bresche in die Gipfelkette; jedenfalls erzählt das die Sage. Rechts ist unter anderem der Pic du Midi d’Ossau. Schlappe 2.900 Meter hoch! Ich glaube, jetzt brauch‘ ich auch ´ne Kippe.“
„Kann man denn sagen, dass dich dieses Ambiente hier in deiner Arbeit beeinflusst?“ Philipp fingert an seinem Recorder.
„Kolossal! Zum Beispiel mein neues Projekt Lichtsinnlich dehnbarer Traum ist nur hier vorstellbar gewesen.“
„Kommen wir doch mal zu den Anfängen deiner Karriere. Wie kam es denn dazu, dass Tabula Raza für den Song The Diamond Ian Gillan von Deep Purple begeistern konnte?“
„Da bin ich nicht ganz unbeteiligt!“ Liane setzt ein kleines bisschen Schmollmund in Szene.
„Stimmt, wir hatten uns gerade kennengelernt und nur ein paar Nächte zu erregenden Tagen umgestaltet, als wir an einem Montagabend zu einem Soundcheck im Sounds in Berlin waren. Der Chef des Ladens tobte, weil irgendetwas mit der Anlage nicht stimmte. Es pfiff über die Boxen, als hätte eine Kuh über einen Tonabnehmer am Hinterteil Dauerblähungen abgelassen. In dem Moment tauchten die Jungs von Deep Purple auf.“
„Ian fuhr sofort total auf mich ab!“ Man merkt ihr an, dass sie das stolz macht. „Er versuchte alles Mögliche, um mich mit auf sein Zimmer einzuladen. Das habe ich für Hubert ausgenutzt. Hab‘ ihm verklickert, dass, wenn er bei The Diamond seine Stimme zum Einsatz bringen würde, wir uns natürlich wieder sehen müssten.“
„Geile Story, Liane. Seid ihr denn noch mit Ian in Kontakt?“
Ich gehe rüber zur kleinen Bar und besorge ein paar Gläser, Wasser und eine Flasche Ricard.
„Hoffe, du trinkst ´n Gläschen mit uns? Ach, deine Frage, ja, ja, Ian war schon ein paar Mal hier. Vorletzten Monat war er mit den Leuten von Ange hier und hat bei uns im Studio ein Album mit dem wohlklingenden Titel L’évidence bornée du graphique de l’amour aufgenommen. Liane wird übrigens auch darauf zu hören sein. Sie musste auf einem Track ein paar mal Je te plais comme ça, t’as envie de moi ? hauchen.“
Nachdem Philipp den Ricard abgenickt hat, gieße ich uns drei wohl bemessene Gläschen ein. Wir prosten uns zu.
„Hubert, du hast vorhin etwas von einem Projekt Lichtsinnlich dehnbarer Traum erzählt. Kannst du dazu ein bisschen was sagen?“
„Das ist ein Ultra-Mega-Ding! Tabula Raza goes Psycho! Wir haben dazu Richard Wright von Pink Floyd gewinnen können. Ein 25-Minuten-Song, der sozusagen akustisch einen LSD-Trip wiedergibt. Ganz exklusiv für dich ein paar Töne daraus.“
Ich gehe zum Sideboard und schmeiße
die TEAK-Vierspurmaschine an.
„Kannst loslegen, Chéri, alle vier Boxen sind angeschlossen!“ Liane hat plötzlich rote Wangen. Der Ricard wirkt offenbar. Wir haben uns in Frankreich angewöhnt, uns gegenseitig in Chéri umzutaufen. Ich starte das Band an der Stelle, wo sie mit lasziver Stimme je mange du maïs schmollt.
Draußen, hinter der majestätischen Kette der Pyrenäen, geht die Sonne unter und bei uns erobern die Klänge von Lichtsinnlich dehnbarer Traum das Terrain.
„Auch abends macht ein Joint den Tag zum Freund, oder?“ Philipp sieht uns fragend an.
„Philipp, das wäre schlecht für die Kondition! Ich habe noch eine kleine Überraschung, Surprise, wie man hier sagt, arrangiert.“ Liane geht zur Bandmaschine und stoppt sie. Daneben steht der Plattenspieler. Auf dem Teller liegt mit gelbem Etikett und türkiser Schrift Deep Purple In Rock. Witzigerweise ist laut Etikett die A-Seite auch die B-Seite. Mit anderen Worten bei der Plattenfirma Harvest wurde versehentlich auf beide Seiten des Vinyls das Etikett der B-Seite aufgeklebt. Aber keine Bange! Liane weiß inzwischen, welche der B-Seiten die A-Seite ist und lässt den Saphir auf den dritten Song der A-Seite niedergleiten: Child In Time!
„Geht Musik orgiastischer?“, sagt sie nach einigen Tönen.
Draußen wirbelt plötzlich ein Höllenlärm los. Ein Hubschrauber im Landeanflug auf den eigens für diesen Zweck arrangierten Platz oberhalb des Hauses.
Eine Blonde, eine Rothaarige und eine Schwarzhaarige verlassen das gelbe Fluggerät. Liane nimmt sie in Empfang und zeigt ihnen den Weg zu uns.
„Wir wollen uns doch heute einen ultrageilen Abend machen! Chéri, Philipp.“
Gerda trägt ihre blonde Pracht schulterlang offen. Ich hätte gerne ihr luftiges Kleidchen mit den kleinen weinroten Rhomben auf grauem Hintergrund im Helikoptersturm wehen sehen.
Mafalda gönnt uns einen verschmitzten Blick. Ihre bronzenen Locken schaukeln mit jedem Schritt. Das körpernahe, sandfarbene Top wird wie es sich gehört in der Taille von einem wilden, dunkelblauen Faltenrock gezähmt, auf dem sich gelb erblühte Rosen tummeln.
Agnieszka ist ganz in Schwarz, und als habe sie sich mit Liane abgesprochen, bändigt eine Bananenfrisur ihre pechfarbene Mähne. Die Bluse gewährt alle Vorzüge, die auch Liane eigen sind, nur nicht in Weiß! Ihr Rock, der eines Oktopus‘ Ejakulation alle Ehre machte, lädt zum zählen von kleinen weißen Pünktchen ein.
„Ist wohl Zeit für einen Champagner!“, findet sie.
„Chéri, rechts in der Kühlschranktür der Veuve Clicquot. Ich kümmer mich um die Flöten.“
Als ich in die Panoramastube zurückkehre, sitzen die Ladys auf dem roten Kanapee. Agnieszka, dann rechts Mafalda. Liane hat sich zwischen sie gemogelt, und nur Gerda hat niemanden zu ihrer Rechten. Auf seinem Stuhl allen gegenüber hockend wirkt Philipp etwas verschüchtert. Ich fülle die Flöten der Ladys und dann natürlich auch Philipps und meine.
„À notre Santé, Mesdames.“
„Skøl“, erwidert Gerda mit einer Stimme, die beruflich Obszönes am Telefon verklickern könnte.
„Lieber Philipp, das ist jetzt ein privater Abend. Wir laden dich gerne dazu ein. Der Recorder muss jetzt aber verstummen!“ Liane nimmt den Zeigefinger ihrer rechten Hand und hält ihn senkrecht vor ihren Mund, der ein wenig Lipgloss getankt hat.
Sie geht zum Plattenspieler und wechselt die Scheibe. Auf der Schallplattenhülle steht: Deutsche Grammophon Gesellschaft, Herbert von Karajan,
Bach: Brandenburgische Konzerte
Nr. 1, 2 & 3, Berliner Philharmoniker.
„Wir verteilen nun Zahlen mithilfe eines Würfels. Agnieszka, fang an!“ Liane gibt ihr einen großen Würfel aus dunkelrotem Plüsch mit weißen Punkten.
„Fünf!“ Sie gibt das Plüschteil an Mafalda weiter.
„Eins! Jetzt bist du dran, Liane.“
„Sechs! Und nun noch Gerda.“
„Drei!“
„So, Jungs, nun ist es an euch! Ihr würfelt euch jetzt die Ladys. Jeder von euch bekommt zwei.“
„Fang an, Philipp. Du bist Gast!“ Ich reiche ihm den Würfel.
Er scheint sich zu zieren.
„Ist doch nur Spaß und Vergnügen! Du sollst sie ja nicht heiraten!“ Ich klopfe ihm auf die Schulter.
„Okay, habe so was noch nie gemacht!“ Er würfelt.
„Zwei! Und nun?“ Er schaut Liane an.
„Würfel noch mal, Philipp.“
„Sechs!“
„Schlingel, hast du mich!“ Liane grinst. „Nun bist du dran, Chéri!“
Ich schmettere das Teil gegen die Panoramascheibe. Es wirbelt zurück und bleibt liegen auf – fünf.
„Okay, ich habe Agnieszka! Jetzt du noch mal, Philipp.“
Er nimmt den Würfel und – noch mal sechs!
„Noch mal, Philipp!“
Der Würfel fliegt gegen die Scheibe. Er macht mich nach.
„Eins!“ Philipp hat Mafalda und meine Liane! Also bleiben für mich Gerda und Agnieszka.
„Chéri, du gehst mit Agnieszka und Gerda ins Studio A hier oben und ich gehe mit Philipp und Mafalda ins Studio B nach unten. Viel Spaß wünsche ich euch. Und wenn wir wieder zusammenkommen, hoffe ich, dass sich das Resultat hören lassen kann und wir es dann gemeinsam aufnehmen können.“
Als wir im Studio A ankommen, ist alles schon bis ins letzte Detail von Liane vorbereitet. Drei Mikrophonständer sind im Halbkreis aufgestellt und dahinter jeweils die Notenständer.
Ich schnalle mir meine Fender um und setze mich in die Mitte zwischen Agnieszka mir zur Rechten und links positioniert sich Gerda. Die Ladys vertiefen sich in die Noten.
„Das ist sehrrr schön Stück!“, meint Agnieszka und bringt ihre Klarinette vor ihrem weinrot geschminkten Mund in Stellung. Gerda hat ihr Cello, wie es sich gehört, zwischen ihre langen, schlanken Beine geklemmt. Ihr Kleid dankt es dem Instrument, indem es seinen Saum hinter den Spitzenrand von Gerdas dunkelgrauen Strümpfen geluchst hat. Meine weiße Fender mit dem Schwanenhals markiert jede Bewegung auf meiner schwarzen Samthose.
„Bourée ist mein favorite title von Jethro Tull. Wirklich ein Meisterwerk von Ian Anderson!“ Die Schwedin spricht astreines Deutsch.
„Gibst du uns Anweisung?“ Agnieszka liebkost ihr Mundstück mit ihren Lippen.
„Klar! Agnieszka, du nimmst den Part von Ian Andersons Querflöte, also die Melodie. Gerda, du gibst uns mit dem Cello den Rhythmus, den im Original der Bass macht. Ich füge die begleitenden Akkorde hinzu.“ Ich schaue zu Gerda, die eine Frage aus ihren stahlblauen Augen versprüht.
„Wie kommen wir danach mit den anderen zusammen? Ich meine, wie soll dann das Zusammenspiel aussehen?“
Mit der Frage habe ich gerechnet.
„Wir werden sozusagen zwei unterschiedliche Instrumentalversionen zusammenführen. Philipp spielt hervorragend Akkordeon und wird die Begleitung, die ich hier mit der Gitarre spiele, in deren Version übernehmen. Mafalda soll mit ihrem Fagott den Rhythmus vorgeben und Liane macht die Melodie mit der Geige. Wenn alles klappt, werden wir in einer Stunde im Studio B alle zusammenkommen. Dort gibt es auch eine kleine Bühne und wir werden alles in Bild und Ton aufzeichnen können. Wir sollten mit unserer Version andante beginnen. Dann kommt Lianes Part schon in allegretto. Nun wieder wir in vivace und als stretta, wenn man so will, alle zusammen, einen weiteren Zacken forciert, in prestissimo. Auf geht’s, Ladys, nicht precipitatemente aber doch pressando, fangen wir mal an zu proben! Subito, con bravura.“ Ich komme mir vor wie ein italienischer Orchesterchef eines Tanztee-Ensembles in Bad Kissingen.
Ein paar Tage später sitzen Liane und ich im großen Vorführraum im Souterrain. Der Projektor im Projektionskäfig, wie Liane die kleine Kammer liebevoll nennt, gibt ein leises Surren hinter der Wand von sich. Die vier großen Bose-Boxen, von denen jeweils eine rechts und eine links der Leinwand hängt, während die anderen beiden mittig an den Seitenwänden angebracht sind, geben ein leises Rauschen ab.
Es erscheint unsere Bühne im Studio B. Von der Totalen her zoomt der Blick ganz links auf Mafalda, die allein mit dem Bassrhythmus beginnt. Rechts daneben erscheint Philipp, der mit den ersten Akkorden einsteigt. Der Blick fährt weiter auf Liane, die mit dem Bogen ihre Geige streichelt und die berühmte Melodie erklingen lässt. Nun kommt Agnieszka zum Zuge, die verführerisch mit der Klarinette die Melodie fortführt. Ich bin mit der Fender zu sehen, meine Akkorde klingen schwer, aber grooven total. Gerda flirtet mit mir. Ihr Blick wirkt intim und entschieden lasziv. Man möchte meinen, dass sie mit ihrem Cello verschmelze und wieder tritt ihr Hauch von Kleidchen mit den bordeauxroten Rhomben auf Grau die Flucht nach oben an. Die Kamera fängt den Rand ihrer Strümpfe ein. Liane und Agnieszka spielen sich die Melodie um die Ohren. Mafaldas Fagott verwöhnt die Bauchmuskulatur und jetzt spüre ich es, Lianes Hand verwöhnt aktuell etwas und zwar eindeutig unterhalb meiner Bauchmuskulatur.
„Bei der hättest du gerne mal deinen Warja spazieren geführt, oder?“
„Ich denke, du wirst mir das schon austreiben?“ Ich drücke meinen Schoß provokativ gegen ihre Finger.
Auf der Leinwand, im Gegenlicht zu den Bühnenstrahlern, wird der Rock von Agnieszka ziemlich transparent. Sie macht einen Schritt, sodass sich der Zwischenraum ihrer Beine gekonnt vergrößert. Die Umrisse ihrer rasierten Yoni sind gestochen scharf zu erkennen. Sie trägt nichts unter diesem Röckchen aus Pech und Hagelkörnern. Unter den Berührungen Lianes fühlt sich ein wichtiger Teil von mir ziemlich eingeengt. Wie von Zauberhand sind Agnieszkas als auch Lianes Blusen auf der Leinwand da vorne transparent geworden. Als ob sie von einem leisen Regen befeuchtet worden wären, glänzen die vier Brustwarzen im Rhythmus auf und ab und wippen um die Wette. Wie von Sinnen gleite ich zwischen Lianes Lippen und wie von einer anderen Welt betören von der Leinwand Mafaldas und Gerdas Basstöne, Agnieszkas und Lianes Melodieführung sowie Philipps und mein Begleitgeschick. Die gelben Rosen auf Mafaldas Faltenrock scheinen für Momente ein Eigenleben zu inszenieren. Es sieht so aus, als tanzten sie gegen den Beat ihres swingenden Untergrunds, währen weiter oben zwei üppige Brüste gegen die vermeintliche Enge des um die guten Sitten besorgten, sandfarbenen Tops protestieren. Ein unsichtbarer Taktgeber scheint den Röcken der Mädels synchrones Wippen verordnet zu haben. Je schneller das intuitive Metronom den Bourrée nach vorne taktet, je schneller die brillante Kameraführung in nahezu psychedelischer Manier die Röcke in einer Art Symbiose mit den roten Lippen der Musikerinnen verschmelzen lässt, je abenteuerlicher wird der Rhythmus, mit dem mich Lianes Mund an der Darbietung auf der Leinwand teilhaben lässt. Wie lange werde ich mich der unterschiedlichen Einzelstimmen, Takt für Takt untereinander, wie lange werde ich mich dieser unerbittlichen Partitur meiner Lust entgegensetzen können?
„Chéri! Ich möchte, dass, wenn wir auf der Bühne zum Höhepunkt kommen, du mir deinen in mein Mäulchen schenkst. Let’s bourrée Darling!“ Sofort verschließt sich ihre verbale Gier mit mir und ich spüre, wie die letzten Takte anfluten, spüre, wie es mir vom Nacken her mit abgespreizten Härchen auf der Haut bis in ihren Mund hinein vibriert, spüre, wie ich ihr das gebe, wonach sie trachtet, sehe, wie ihr blutroter Rock mit den vielen weißen Pünktchen hochgeschlagen ist und ihre Finger auf ihrer Yoni zittern.
What a crazy day, when I kissed the teacher. All my sense had flown away, when I kissed the teacher. Agnetha und Frida sind von einem Lehrer hin und hergerissen. Cindy nebenan allerdings scheint in ihrer Stimmung ziemlich angefressen.
„Liiiiiiaaaaaaane, ey! Det is nich fair, ey!”
„Was ist denn los, Cindy? Wir haben hier keine Zeitlimitvorgaben! Wenn mein Gast ´ne Stunde bleibt, so ist das seine Sache und okay. Ihr seid schließlich noch zu dritt da.“
Ich bemerke, dass Liane neben mir etwas aufgebracht ist. Jedenfalls kann sie richtig schön mit ihren großen Augen funkeln.
„Weißt du was? Ich hatte noch niemanden, der sich mir so hingegeben hat wie du gerade.“ Liane lächelt zufrieden, aber auch fragend.
„Wo wir so einen geilen Moment zusammen hatten, verrätst du mir deinen Namen?“
„Klar! Hubert. Nicht originell und auch nicht besonders modern, eher spießig! Aber das, was du da gerade mit mir gemacht hast, ehrlich, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Ich war ja komplett weg.“
„Das habe ich gemerkt, Hubert. Du hast mich so inspiriert, so angefixt. Ich bin auch zweimal gekommen, hatte Gänsehaut fast überall!“
„Ich hoffe, dass du keine Probleme wegen mir bekommst. Deine Kollegin scheint nicht sehr erfreut?“ Ich beginne, mich wieder in eine korrekte Erscheinung zu verwandeln.
„Das war hoffentlich kein One-Day-Stand, Hubert. Pass auf, ich bin freitags immer in der Martin-Luther. Dort ist alles relaxter. Wie wäre es, kommst du übermorgen vorbei? Die beste Zeit ist gegen 14.00 Uhr.“ Ich stehe auf. Sie schnappt sich ihren Kimono, streift ihn sich über und ich erhalte einen erinnerungswürdigen Kuss.
Es regnet Strippen. Natürlich auch in der Martin-Luther-Straße! Das Big Sexyland, früher gab es hier an gleicher Stelle eine Lokalität die Wiener Rutsch’n genannt wurde, liegt zwischen Motz- und Fuggerstraße im schönen Bezirk Schöneberg. Hier also kann man Liane und ihre Mitstreiterinnen bewundern und wenn genügend Geld vorhanden auch streicheln und sich streicheln lassen.
Der Laden ist wesentlich größer als der in der Kantstraße. Ich orientiere mich in Richtung der Peepshow-Bühne. Auch hier gibt es ein Anzeigefenster mit vier Mädels und einem entsprechenden, brennenden Lämpchen für die, die gerade tanzt. Miriam: langhaarig, blond. Tooky: halblang, dunkelhaarig. Gaby: schwarze, lange, glatte Haare. Rosa: eine Latina mit kaffeebrauner Haut. Wo ist Liane? Ich schaue mich um und entdecke einen orangenen Hinweispfeil, auf dem handschriftlich Solokino vermerkt ist. Ich folge der Informationshilfe durch einen langen, muffigen Gang und finde eine Art Einlasskasse, wirklich wie im Kino, hinter dessen Tresen eine sehr vollschlanke Wasserstoffblonde mit Hornbrille, güldenem Ohrgehänge und raumgreifendem Dekolleté residiert. Über ihr leuchtet in roter Neonleuchtschrift Solokino Live-Show. Links neben der Kasse ist der Eingang. Dahinter ist es dunkel.
Die Eingangstür ist weit geöffnet. Und da steht es! Auf einem gelben DIN-A4-Blatt zwischen Eingang und Kasse: heute LIANE!
Ich stelle mich mit fragendem Blick vor die Blonde. Sie schaut mich über die Ränder ihrer Brille an und dann kommt mit einer Stimme, die vielleicht Edith Hanke als Kaufhausfahrstuhlansagerin alle Ehre gemacht hätte. Es soll Leute geben, die diese mittels menschlicher Stimmbänder erzeugten Töne auch als mausähnlich bezeichnen würden. So kommt also folgende Lautäußerung auf mich zu:
„Wenn de Liane inne Show seh’n willst, kostet dett fünf Mark. Wenn de sie ooch noch in‘ Solokino willst, wa … ?“ Es folgt eine kleine Atempause.
„Dett kost‘ dreißig Mark die halbe Stunde. Watt woll’n wa denn?“
Ich krame in meiner Jackettinnentasche. Ich hatte mir schon ein paar Scheine parat gelegt. Schließlich reiche ich ihr wortlos einen Fünfzigmarkschein, einen Zehnmarkschein und ein Fünfmarkstück. Sie überlegt. Dann kommt ein Anflug eines freundlichen Lächelns über ihre feisten Wangen.
„Is jebongt, junger Mann! Wir ha’m einmal Show und denn eine Stunde Solo Liane!“
Sie gibt mir eine Art Eintrittskarte. Ein dunkelgraues Teil, auf dem EINTRITT 687 zu lesen ist. Ein gleiches Format kann man sich als Wartemarke auf dem Polizeirevier ziehen oder auch auf der Passierscheinstelle ganz oben im Forum Steglitz, wenn es einem nach einer Visite nach Ostberlin zumute ist.
„Et jeht in fünf Minuten los! Willste schon rein?“
Ich nicke.
„Denn jibb ma wieda her!“
Schon bin ich die Wartemarke, das Einlassticket, wieder los.
Mit einer unangestrengten Handbewegung in Richtung Eingang will sie mir wohl zeigen, wo es lang geht. Mit der anderen Hand führt sie eine halbgerauchte Zigarette vom vor ihr postierten Aschenbecher zu ihrem nach Rauch verlangenden schmallippigen Mund. Der Rauch steigt ihr ins linke Auge und reflexartig schlägt sie sich mit der richtungsweisenden Hand die Brille von der Nase. Vor Schreck inhaliert sie falsch, bekommt einen gehörigen Hustenanfall und läuft im Gesicht rot an.
Ich tue schnell so, als habe ich ihr Missgeschick nicht bemerkt und verschwinde im Dunkeln. Schließlich bin ich Katzen erprobt. Fällt ein Stubentiger aus Versehen vom Schrank, vom Regal oder sonst irgendwo herunter, tut man am allerbesten so, als habe man das Malheur nicht bemerkt. Der Vierpfoter dankt es einem mit einem Schnurren. Die Wasserstoffblonde ist des Schnurrens nicht mächtig, oder sollte es wider Erwarten zu ihrem Repertoire gehören, verzichte ich gerne zu Gunsten eines nachfolgenden Gastes.
Nach einem kurzen Gang eröffnet sich ein länglicher Raum mit
fünf Sitzreihen à sechs Kinosesseln. An der Stirnseite ist die Bühne. Ein schmutziger, weinroter Vorhang versteckt einen weiteren Einblick. An den Seitenwänden sind ein paar Funzellampen angebracht. Mittig an der Decke vorm Vorhang hängen ein paar erloschene Strahler. In der letzten Reihe sitzt ein altes Männchen mit Schiebermütze, vor ihm links eine Art Geschäftsmann in Anzug und Krawatte. Reihe drei ist verwaist.
Davor direkt am Gang lümmelt sich ein bierbäuchiger Mittvierziger im Blaumann. Jeder der anwesenden Herren tut unentspannt, entspannt so, als nähme er außer sich niemanden weit und breit war. Das heißt, die Augen fixieren eine nicht vorhandene Weite oder geben vor, die eigenen Oberschenkel seien das aktuelle achte Weltwunder der modernen Zeitrechnung.
Ich nehme den dritten Sessel in der ersten Reihe. Es ist stickig und warm hier. Ich lege mir mein Jackett über die Knie.
Kein Laut zu hören. Doch, das Männlein hinten hüstelt.
Da plötzlich! Die Funzeln werden noch ein wenig
runtergedimmt. Ein Rauschen in den Lautsprechern. Es erklingt eine sonore Männerstimme, ein wenig so, wie man sie aus dem Circus kennt:
„Damen und Herren! Das Big Sexyland präsentiert in einer alle Sinne betörenden Show das Girl, das am Tage immer lockt und, meine Herren, das in der Nacht niemals allein sein will,
L i a n e! Genießen Sie, was Sie sehen.“
Es folgt wieder ein Tusch wie im Circus und dann setzt Musik ein, während der Vorhang geräuschvoll und sehr langsam nach oben gleitet.
Die ersten Töne der Moody Blues und der erste Blick auf Liane.
Nights in white satin, never reaching the end. Letters I've written, never meaning to send.
Beauty I'd always missed with these eyes before. Just what the truth is, I can't say anymore.
Einen schwarzen Lackpumps hat sie auf den Bistrostuhl in Stellung gebracht. Ihren roten Kimono kenne ich. Bei der folgenden in der Stimmung stark anschwellenden Zeile, die Italiener würden als Musikbegriff acceso verwenden, 'Cause I love you, yes, I love you, oh how I love you, gleitet sie so auf den Stuhl, dass sie die Stuhllehne vor sich hat und die langen Beine etwas spreizen muss. Als habe der Kimono ein Eigenleben, rutscht er ihr über die Schultern und es kommt ein blütenweißer BH zum Vorschein. Einer, der nach oben hin offen ist, wie ihn die Bayerinnen für ihre Dirndldekolletés bevorzugen. Das Lied nimmt sie mit seiner hypnotischen, sündig anmutenden Melodie gefangen. Ihr Körper beginnt zu schlängeln, nimmt den Rhythmus auf und setzt ihn um in etwas Knisterndes, in spürbare Spannung. Der Kimono bedeckt den Boden. Ihre Taille umschlingt ein wahnsinnig breiter, fleischfarbener Hüftgürtel, der mit seinen vier Strapsen zwei bräunlichen Strümpfen Halt bietet.
Sie steht langsam auf, kehrt ihren Bewunderern den Rücken zu und umschlingt sich mit ihren Armen, so als läge sie in den Armen einer anderen Frau. Ihre Hände, die in langen Spitzenhandschuhen stecken, spielen auf ihrem Nacken nach der Melodie anmutig Luftklavier. Bei Just what you want to be, you will be in the end dreht sie ihren Kopf mit der Bananenfrisur, die Grace Kelly alle Ehre macht, und schenkt mir einen der sündigsten Blicke, den ich bislang erhalten durfte. Er landet unmittelbar dort, wo sie ihn haben wollte. Die Atmung des Blaumanns hinter mir wird hörbar.
Es folgt ein eher unbekannter Titel der Moody Blues: Candle Of Life. Take a look at me but slowly the candle of life.
Wenn ich mir vorstelle, dass ich Liane anschließend ganz allein für mich haben werde und meine Mitbewunderer hier anschließend mit sich und ihren geilen Fantasien allein gelassen werden, könnte ich an die schmuddelige Decke über mir hüpfen vor Freude und Stolz.
Der Soloraum ist ein bisschen größer als sein Bruder in der Kantstraße, der Charakter jedoch identisch. Das Kanapee ziert eine Leopardplüschimitatdecke. Hier steht die große Glotze rechts. Ohne Ton schenkt ein brutal aussehender Glatzkopf sein riesiges Teil zwei dicken Pornoqueens. Die lecken es um die Wette. Warum erinnert mich die eine an die hiesige Kassiererin?
Auf dem Beistelltisch an der Eingangstür steht die Eieruhr, die uns den Himmel begrenzen wird. Ein Moment der Besinnung. Gleich wird sie bei mir sein. Wird mich mit ihren strahlenden Augen betören, wird mir beweisen, dass sie eine der begehrenswertesten Vertreterinnen jener Wesen ist, die in der deutschen Sprache Frau benannt werden.
Auch hier quietscht die Tür. Ihren Kimono hat sie lässig über einem Arm. Aber was ist das? Hier besucht mich eine Frau mit einem Cocktailkleid, das für sie geschneidert sein muss. Rot ist unbedingt ihre Farbe. Sie hat ihre Haare von Grace Kellys Banane befreit. Das blonde Gold streichelt die schmalen Träger, die eine beeindruckende Verantwortung für dieses wunderbare Dekolleté übernehmen.
„Ich scheine dir also zu gefallen! Na dann habe ich ja schon gewonnen.“ Was für eine Begrüßung!
Ich habe mich schon meiner Klamotten entledigt. Sitze nur in schwarzer Unterhose und schwarzem T-Shirt auf dem ausgebreiteten hellblauen Oberhemd, mit dem ich den Plüschleopard unter meinem Po verstecke.
Ich stehe auf, habe Gänsehaut überall, spüre ihren Körper, den weichen Chiffon an meiner Haut und diesen Duft, den sie verströmt. Viel später habe ich gelernt, dass das Shalimar ist. Ich habe mich nie getraut sie zu fragen.
„Hat dir denn meine kleine Darbietung gefallen?“
„Ich war und bin hin und weg. Nights In White Satin ist einer meiner absoluten Lieblingstitel. Wie du dich dazu bewegt hast. Ich finde keine Worte.“
„Komm, Hubert, nimm mal dein Hemd weg. Mein Kimono ist größer und ein bisschen daran gewöhnt. Also eine ganze Stunde möchtest du mit mir?“
„Ja! Hoffentlich wird dir das nicht langweilig?“ Meine rhetorische Frage.
Statt zu antworten dreht sie den Zeiger der Eieruhr einmal komplett im Kreis.
„Wenn wir so zusammen sein wollen wie am Mittwoch, dann würde ich mich freuen, wenn du mir dafür einhundert Mark schenken könntest.“
Wer kann diesem Blick widerstehen? Ich nicht. Ein großer Blauer wechselt von Besitzer zu Besitzerin.
Wir setzen uns nebeneinander. Ich höre das Rascheln ihrer Strümpfe unterm Kleid. Ich lege meinen Arm um sie. Drücke sie an mich. Küsse sie, schließe die Augen, ja ich weiß, das ist ein Moment des Glücks in diesem Leben.
„Lass uns doch mal plaudern, bevor wir uns genießen?“
„Gerne, alles, was du magst, Liane. Heißt du eigentlich wirklich so?“ Ich gebe ihr einen Stups auf ihr Näschen.
„Wenn du es genau wissen willst?“
„Ja, natürlich.“
„Liane, Margarethe, Julia.“ Ihre Lippen berühren sanft mein Ohr.
„Sicher möchtest du wissen, warum ich in eine Peepshow komme?“
„Na, das kann ich mir doch denken. Du hast sicher sonst niemanden, der …“
„… so zärtlich ist wie du!“ Meine Finger gleiten durch ihr Haar.
„Na ja, du hast doch sicher eine Frau oder Freundin?“
„Habe ich. Wir leben seit ein paar Jahren zusammen. Unser Leben gestaltet sich aber eher wie das eines Bruders mit seiner Schwester. Da ist null erotische Spannung zwischen uns. Zudem hat sie mich mit einem Freund betrogen.“
„Und warum hast du sie nicht gehen lassen?“ Ihre Hand auf meinem Knie ist angenehm warm.
„Ich bin so ein verdammtes Gewohnheitstier! Eigentlich bin ich sowieso nur aus einer Art Mitleid mit ihr zusammengekommen.“
„Wie das denn?“ Die Hand wandert ein wenig nach oben.
„In unserer ersten Nacht in ihrem kleinen Zimmer bin ich fast aus dem Bett gefallen vor Schreck, als ich sie von hinten nackt sah. Ihre Kleidung muss unglaublich geschickt das getarnt haben, was da zu Tage, besser gesagt zu Nacht trat. Ich habe vorher noch nie so gewaltige Oberschenkel gesehen. Später erfuhr ich, dass es für dieses Phänomen auch einen Fachausdruck gibt: Reiterhosenfettsucht!
Und das mir, wo ich so mit den Augen, ich meine, wo ich so optisch, erotisch gesehen, zu erregen bin.“
„Warum bist du denn nicht am nächsten Morgen vielleicht nicht schreiend, aber immerhin doch davongerannt?“ Da nähert sich etwas meinem Schoß!
„Noch in jener Nacht hat sie mir von ihrem Selbstmordversuch erzählt, dass sie eine Woche im Koma im Sauerstoffzelt lag, dass ihr Urvertrauen gestört sei, weil sie als Baby von ihrer Mutter zu ihrer Uroma abgegeben worden war. Ich konnte sie nicht, nur weil sie dick war, vor den Kopf stoßen. Und Teile ihres Charakters sind ausgesprochen herzlich. Es gibt aber auch ihre dunkle, ihre cholerische Seite.“
„Wie sieht die aus?“ Ihre Hand wandert in meine untere Hose.
„Stell dir mal vor. Sie hatte ein halbes Jahr ein Verhältnis mit einem guten Freund von mir.
Abends zur Essenszeit hübschte sie sich dann auf und fuhr zu ihm. Und das einige Male pro Woche. Ich wusste genau, wo sie da landete. Manchmal rief sie mich sogar von ihrem Stelldichein aus an, fragte, wie es mir ginge. Liane, ich weiß nicht, ob ich mich mit deiner Hand an dieser Stelle noch konzentrieren kann!“
„Das musst du lernen, Hubert! Ich werde einen Teufel tun und jetzt von dir ablassen. Zudem, wo er schon so wunderbar gewachsen ist. Erzähl weiter.“
„Vor zwei Wochen komme ich am späten Nachmittag nach Hause. Sie fragt mich, warum ich so spät käme. Ich antworte wahrheitsgemäß, dass mich ein Fahrgast im Café am Schloß Charlottenburg zu einem Glas Sekt eingeladen hätte. Sie fragt, was das für ein Fahrgast sei. Du musst wissen, dass ich neben dem Studium Taxi fahre. Also antworte ich ihr, dass das die junge Frau sei, die ich als Dauergast zweimal die Woche von Nikolassee zum Flughafen brächte. Dann merke ich schon, wie ihre Gesichtsfarbe ins Rötliche wechselt. Und klar, dann kommt dieser Satz: Und in welchem Hotel wart ihr? Daraufhin werde ich sauer und entgegne ihr, dass wir uns den ganzen Nachmittag im Puff in der Windscheidstraße eingemietet hätten, um dort mit einer Hure einen enorm geilen Dreier zu zelebrieren.
Was ich nicht wusste ist, wie flink sie sein kann. Ratzfatz greift sie sich meine zwölfsaitige Gibson und schlägt sie mir über den Kopf. Mein Doktor musste mich mit drei Stichen nähen. Die Gitarre ist im Gitarrenhimmel und glaubst du, dass sie sich nur andeutungsweise entschuldigt hätte? Mir wird immer noch ganz anders, wenn ich mir vorstelle, wenn da nicht die Akustik- sondern eine E-Gitarre gestanden hätte. Liane Margarethe Juliane, du würdest jetzt gerade bei …“
„Pssssst!“ Sie dreht mir den Nacken zu und flüstert:
„Hubert, der Reißverschluss würde gerne abwärts fahren.“
Ich tue ihr und mir den Gefallen, fahre entlang des
BH-Verschlusses talwärts und komme erst fast am unteren Rand des Hüftgürtels zum Stehen. Ihre Hand verlässt mich. Sie steht auf, ich stehe auf und sie fragt ziemlich unkompliziert, aber auch rhetorisch:
„Ja, was machst du denn nun mit deiner halbausgezogenen Schlampe?“
Wortlos ziehe ich ihr das Kleid über den Kopf. Und da steht sie vor mir, wie vorhin auf der Bühne: Weißer BH mit Brüsten, die keineswegs noch mehr eingeengt werden dürften, einem Hüftgürtel, der sicher aus einem Retro-Wäschegeschäft stammt, jedoch die Aufgabe hat, sich um die Strümpfe, vermutlich aus reiner Seide, zuschnappend zu kümmern. Und letztlich diese Lackpumps, wegen der so manches Weib seiner besten Freundin beim Caféhausbesuch ins Ohr flüstern würde: Meine Gute, für die würde ich morden!
„Darf ich vorstellen: linker Hand, mein Herr, das ist Margarethe und zu Ihrer Rechten wartet Julia! Du darfst sie gerne ein wenig über den Rand befreien. Falls du sie magst, so darf ich verraten, dass sie es lieben, ein wenig abgeschleckt zu werden.“
Einen Moment lang stehe ich sicher vor ihr, als hätte ich vom Hupen und Trompete spielen keinen Schimmer.
Aber na klar! Frauen geben ihren Brüsten gerne auch mal Namen. So schiebe ich meinen Zeigefinger vorsichtig in Margarethes Behausung und lasse das Nippelchen über die Begrenzung des bajuwarischen Kleidungsstücks hinausschauen. Vorsichtig nehme ich es zwischen meine Lippen und umkreise es mit meiner Zunge. Die Reaktion ist eindrucksvoll. Wie ein verkehrtes Ausrufungszeichen ragt es mir in den Mund. Aber Julia möchte ja auch. Als ich sie befreie, hat sie schon fast Margarethes Ausmaße. Damit die aber nicht traurig wird, puste ich ihr ein wenig Luft zu. Nun kommt die Reaktion von höchster Stelle:
„Gemeinheit! Willst du mich quälen?“
„Wo ist eigentlich Liane, wenn hier oben Margarethe und Julia residieren?“
„Rate doch mal!“
Es gibt da eigentlich nur eine Lösung. Ich gehe auf die Knie. Unter dem Hüftgürtel, da ist ja gar nichts! Besser gesagt, da ist sehr viel, nur kein Stoff. Ein winziges, hahnenkammartiges Büschelchen verläuft vom Venushügel abwärts. Es endet dort, wo sich mir Lianes Liane völlig hemmungslos offenbart.
„Sie möchte auch dein Mäulchen kennenlernen.“
Folgsam stecke ich meinen Kopf zwischen ihre Beine.
Als wir wieder nebeneinander auf ihrem Kimono sitzen, führt sie meine Hand auf ihre erregte Yoni. Das ist deutlich zu spüren.
In der Glotze beginnt ein neuer Film. Massagesalon Elvira.
Ein hellblauer Opel Kadett ist von der Beifahrerseite her zu sehen. Eine Blondine in graublauer Bluse mit Sternchen darauf plaudert mit einer älteren Frau am Steuer. Die Blondine steigt aus. Verdammt, ich kenne das Gesicht! Neben mir beginnt es zu kichern. Liane schüttet sich fast aus vor Lachen.
„Na? Haste mich erkannt?“
„Du spielst in einem Porno mit?“
Klar! Habe ich ausnahmsweise gemacht. Der Produzent war ein paar Mal Gast bei mir. War richtig lustig mit dieser Crew! Und hat gut Kohle gebracht. Aber auf Dauer wäre mir das nichts. Hier, das ist mir lieber. Hier suchen sich die Männer mich zwar aus, aber ich kann dann unter denen wählen. Ich akzeptiere bei Weitem nicht jeden.“
„Nach welchen Kriterien?“
„Ich zwischen euch wähle?“
„Ja.“
„Sympathische Erscheinung, Sauberkeit und er muss mich auf emotionaler Ebene anmachen. Ich muss eine Spannung zwischen ihm und mir spüren.“
Im Fernsehen ist ein dicklicher Kerl auf einer Massageliege zu sehen, der sich über irgendetwas beschwert. Er will ihr ihre Hand zu seinem Teil unter einem weißen Handtuch führen. Sie ist entsetzt und verlässt den Behandlungsraum. Eben diese gefilmte Hand ist hier in Realität auf mir und streichelt sehr wirkungsvoll. Die Liane im Film betritt einen anderen Raum. Dort ist eine schmollmündige Wasserstoffblondine dabei, auf einem Patienten zu reiten. Jedenfalls sieht man von hinten, wie er in sie ein und ausfährt, während ihr wohlgeformter Po die Bewegung unterstützt. Die Liane der Glotze verlässt mit angsterfüllter Miene auch diesen Raum.
„Die Geschichte ist einfach. Ich spiele eine ausgebildete Masseurin, die erst nicht begreift, dass in diesem Massagesalon nur ein männliches Körperteil massiert werden soll. Zum Schluss akzeptiert sie die Situation und zeigt ihrem Chef, dass sie auch diese Art von Massage glänzend beherrscht.“
„Was sagt eigentlich dein Freund oder Mann dazu. Ich meine, dass du Pornos drehst und in der Peepshow arbeitest?“
„Mein Mann und ich sind auf der gleichen Wellenlänge. Sexuelle Vergnügen sind frei. Wir entsagen den landläufigen Praktiken seinen Partner besitzen zu wollen oder zu müssen. Unsere gegenseitige Zuneigung ist natürlich, ehrlich und ohne Erpressungen. Eine Mutter, die mehrere Kinder hat, liebt die sicher auch alle, jedes individuell. Ich glaube nicht an eine Begrenzung des Lieben-Könnens, jedenfalls nicht in Richtung Quantität.“
Im Fernseher hält Liane den Warja eines sportlichen Typen in der Hand und beginnt ihn zu massieren, so wie meinen gerade.
Ich küsse sie auf ihre schönen Lippen. So lässt sie mich nicht davonkommen. Sie drückt mich an sich und der Kuss wird sehr, sehr intensiv. Sie hat mich völlig in der Hand. Mein Unterbauch schmerzt vor Vergnügen und ich bin zu allem bereit.
„Wie gefällt dir das, was ich da gerade mit Johnny mache?“
Johnny heißt der Kerl also. Sie hat inzwischen sein Teil in mündlicher Behandlung.
„Ich hätte nichts dagegen!“
„Dass ich dich lutsche? Hubert, das stehst du nicht lange durch. Wir haben doch eine Stunde. Nimm dir nicht die Spannung! Komm, ich ziehe mir wieder mein Kleid an. Zuerst lassen wir Margarethe und Julia wieder verschwinden. Schwupp sind die beiden wieder hinter bayerischem Textil und Liane sitzt angeblich brav neben mir. Mein Bauchweh nimmt zu. Sie schließt mich in ihre Arme, schleckt mir sehr feucht mein Ohr und erobert erneut meinen Mund. Ich schließe die Augen und höre:
„Ich verwöhne dich so gerne, weißt du? Von der ersten Berührung an habe ich in allem gespürt, dass du genießen kannst, dass du dich mir ganz und gar hingibst. Das macht mich stolz und glücklich und dass macht mich auch geil. Verstehst du? Ein Wechselspiel im wahrsten Sinne des Wortes.“
„Du bist ein Phänomen, Liane Margarethe Julia. Ich möchte mich ununterbrochen zwicken und mich fragen, ob du nicht nur einem wunderbaren Traum entstammst. Alles an dir ist pure Erotik, macht mich so verlangend, so sehnsüchtig nach dir, obwohl du da bist.“
„Ich habe verstanden, Hubert. Wenn du mir versprichst, dass du es eine Minute aushältst, werde ich dich jetzt schon mal ein wenig beschlecken. Im Film vergewaltige ich übrigens gleich meinen Massagestudiochef. Er sagt mir da, dass ich vorsichtig sein soll, denn sein armes bestes Stück ginge sonst in die Binsen. Worauf ich ihm entgegenhauche, dass bei mir die Moral in die Binsen gegangen sei.
Und du, genieße das mal! Wer hat schon seine Pornoqueen im Fernseher und gleichzeitig an und um sich?“
Sie beugt sich über meinen Schoß und hat ihn sogleich geschnappt, schlabbert und saugt, aber äußerst vorsichtig, wie in Zeitlupe. Im Film hat sich Lianes Liane das Teil ihres Massagechefs einverleibt und scheint es auch genüsslich zu bearbeiten.
„Hör bitte auf, Liane. Ich halte es sonst nicht länger aus.“
„Okay, mein stolzer Krieger. Programmänderung!“ Sie lässt von mir ab und lehnt sich relaxt zurück.
„Wieso bin ich denn plötzlich ein Krieger?“
„Na lieben es nicht die Herren, das sogenannte starke Geschlecht
in sexueller Hinsicht in Kriegssprache zu schwadronieren? Ich habe sie erobert, habe sie genommen, sie mir unterworfen oder in brutalo Jargon: habe sie flach gelegt, sie aufgerissen, sie zugeritten und so weiter!“
„Ist nicht meine Sprache! Bei mir hieße das: Sie ist ein Sonnenstrahl in meinem Leben, ich bete sie an oder sie ist die zarteste Versuchung, seitdem es blonde Engel gibt!“ Mein Lächeln versucht meine Worte zu verstärken.
„Du bist wohl ein Romantiker, ein Träumer?“ Sie stützt ihr Kinn auf ihren Handrücken.
„Wer bei dir nicht zum Träumer wird, muss ein Herz aus Glas haben.“ Ich greife ihr mit einer Hand seitlich unter die Achsel, spüre ihre Wärme und gleite hinunter bis zur Hüfte. Dann ziehe ich sie zu mir, beuge meinen Kopf über ihre Schulter und küsse sie auf den kleinen Bereich zwischen dem Kragen des Kleides und Haaransatz. Das ist die Stelle, die für einen Japaner an einer Frau wohl der erregendste Ort ist. Ich wandere mit den Lippen seitlich hinter ein Ohr und tippe dort ein paar Mal ganz sanft mit der Zungenspitze an. Sie zittert ein wenig und atmet tief ein.
Das Fernsehprogramm ist seit dem Massagesalon Elvira unterbrochen. Weißes Schneeflimmern erfüllt den Bildschirm.
Liane steht auf und geht zum Fernsehapparat.
„Ich erspare uns jetzt den elektronischen Schnee.“
Neben der Glotze steht ein Cassettenkoffergerät. Sie führt eine Cassette ein und drückt auf einen Knopf.
Die ersten Töne von Nights In White Satin erklingen.
„So, mein lieber Hubert. Du ziehst dir jetzt mal deine Hosen und Schuhe an. Ich würde gerne ein bisschen mit dir tanzen. Ich setze mich jetzt wieder hin und du forderst mich auf, so als ob wir uns nicht kennen würden.“
Ich bin sehr folgsam.
Mit Hosen und T-Shirt am Körper und Schuhen an den Füßen stehe ich vor ihr und schenke ihr ein liebevolles Lächeln.
„Tanzt du mal mit mir?“
„Sehr gerne“, flötet sie mit verstellt, tiefer Stimme.
Besitzergreifend ist ihr Körper, mit allen Partien an mich geschmiegt, die dafür möglich sind. Wange an Wange bewegen wir uns nach Beauty, I'd always missed with these eyes before. Just what the truth is, I can't say anymore …
„I can’t say anymore“, singe ich ihr leise ins Ohr.
„Du hast mir doch noch gar nichts gesagt“, neckt sie mich.
„Ich habe dich sofort da sitzen sehen und mir gedacht, dass du wohl eine Fata Morgana sein musst. Jemand wie du hier alleine ohne Tanzpartner?“
„Ich bin eine Mutter Mordana! Sei vorsichtig, schöner Fremder. Ich fresse junge, frauenlose Männer.“ Schwupp spüre ich eine Hand auf einer Pobacke.
„Zeigst du mir, wie das geht? Ich meine, wer möchte nicht von dir gefressen werden?“ Ich tue es ihr gleich. Meine rechte Hand gleitet unter ihren Rock und kommt auf der Kurve ihres Hinterteils zu einer vorgetäuschten Ruhe.
„Du gehst aber ran, junger Mann! Aber ich mag das! Du weißt, was du willst?“ Ihre Hand wandert von meinem Po zu meinem Hinterkopf. Ihr Augenpaar nimmt Stellung vor meinem Gesicht, fixiert mich und schon erobert ihre Schnute mit allem, was zu ihr gehört, meinen Mund. Wie eine Katze ihre Jungen, schleckt sie mein Gesicht. Natürlich spürt sie meine heftige Reaktion und drückt hemmungslos dagegen. Auch Margarethe und Julia lassen mich sie spüren.
Ich merke, wie sie eine Hand unter ihren Rock schickt. Postwendend kommt ein feuchter Finger und lässt mich daran schmecken.
Die Musik ist beim zweiten Moody Blues Titel angekommen. Take a look at me but slowly the candle of life …
Ich habe den Geschmack ihrer erregten Yoni im Mund, ihre Hand auf meinem Po und Margarethe und Julia schmiegen sich lüstern an meinen Brustkorb. Mein Bauch krampft und schmerzt.
„Wollen wir es uns ein wenig auf dem Kanapee gemütlich machen?“, flüstert sie mir ins Ohr.
Ich setze mich. Sie knöpft meine Hose auf und zieht sie mir von den Beinen. Meine verbeulte Unterhose bleibt nicht unkommentiert.
„Junger Mann, un peu de contenance!“
Sie setzt sich daneben, und zwar so, dass der Saum ihres Kleides eine freie Sicht auf ihre Muschi gestattet.
Nicht ein bisschen schüchtern nimmt sie sich meine rechte Hand und führt sie eben dort hin. Sie landet unterhalb ihres Kleides. Dort ist es eher heiß, als nur warm und auf dem Weg zu einer Überschwemmung.
Mit immensem Vergnügen lassen es ihr meine Fingerspitzen gut gehen. Doch ich bin süchtig nach dem Geschmack, den sie mir eben geschenkt hat. Möchte ihn noch mal. Sie merkt das natürlich und schaut mich fragend an.
„Köstlich!“ Mehr bringe ich verbal nicht zu Stande. Es schmeckt nach einem sehr frischen Joghurt mit Studentenblumenaroma.
Zu Question, natürlich auch von den Moody Blues, findet meine Aufregung endlich wieder Einlass. I’m looking for someone to change my life, I’m looking for a miracle in my life …
Als habe sie mich Jahre lang vermisst, werde ich verwöhnt, dass es mir schwarz vor Augen wird. Ihre Lippen bilden einen samtenen Ring, der ihn ansaugt. Das Ganze wandert der Länge nach von vorne bis hinten und wieder zurück. Und dann auch noch die Zunge, die sich nicht zurückhalten kann.
Der Deltadrachen hat uns wieder. Es geht enorm hoch und höher. Zum Mont Blanc? Und dann, Flammen oben, Feuer unten. Zurück zum Monte Bianco. Dann Schussfahrt ins Nichts. Regenbögen verkehrt herum, Wasserfälle, die vom Boden in den Himmel rauschen, Sonnenblumen, die in Sekunden aus dem Boden schießen und Tagetesgeruch überall.
Bevor wir zu unserem Spaziergang aufgebrochen sind, habe ich Lara ihr goldenes Geschirr angelegt. Ich habe so im Gefühl, dass sie das glücklich macht. Sie verbindet Spaziergänge und Entdeckungen damit.
„Chéri, hast du alles?“ Liane steht an der Einfahrt zur Villa. Es ist stickig warm heute und sie tat gut daran, sich nur ein seidenes, weißes, indisches Hemd übergezogen zu haben. Mein T-Shirt und die Kaki-Shorts kommen mir da schon viel zu aufwendig vor. Der Weg in Richtung Tal ist holprig und voller Ausspülungen vom letzten großen Regen. Neulich haben wir in fünf Minuten Entfernung vom Ortseingang einen Höhleneingang entdeckt. Das hat neugierig gemacht und so haben wir zwei Taschenlampen mitgenommen.
Ich lasse Lara an der langen Leine. Alles Mögliche interessiert sie. Sie nimmt Witterungen auf, die wir mit unseren Nasen nie wahrnehmen könnten.
„Meinst du, wir könnten sie jetzt an die Schleppleine nehmen?“ Liane krault Lara hinter den Ohren. Sie liebt das. Ihr markiges Schnurren hat einen ziemlichen Gänsehautfaktor.
„Warum eigentlich nicht. Ich habe bislang noch kein Schafsgeblöke vernommen.“ Ich lege ihr die zehn Meter lange Leine ans Geschirr. Das scheint sie nicht im Geringsten zu interessieren. Im Gegenteil! Sie köpfelt mich beständig am Knie.
Am Höhleneingang gibt es eine Überraschung. Ein ockerfarbener
VW-Bulli mit Westberliner Kennzeichen steht seitlich an einer kolossalen Pinie und verdeckt das Hinweisschild.
Ich nehme Lara wieder an die kurze Leine.
„Das ist ja ein dolles Ding! Kannst du mit Lara hier kurz warten? Ich schaue mal, ob ich da drinnen den Berliner treffe.“
„Aber geh‘ nicht alleine zu tief da rein. Ich möchte dich heute schon noch wieder sehen. Wir wollen heute Abend noch unsere Chopinaufnahmen fortsetzen.“ Liane setzt sich auf einen platten Felsenvorsprung und Lara nimmt neben ihr wie eine afrikanische Statue Platz.
In der Höhle ist es sofort merklich kühler. Eine Art Weg schlängelt sich relativ stetig abwärts. Meine Taschenlampe offenbart frische, derbe Schuhabdrücke. Jemand muss vor Kurzem hier hineingegangen sein.
Der Weg biegt rechts ab. Eine natürliche Treppe führt steil bergab. Nach zirka dreißig stufenähnlichen Felsplatten stehe ich in einem riesigen Saal. Rechts von mir, um die fünfzig Meter entfernt, bewegt sich ein grelles Licht. Es wird links davon durch eine große Wasseroberfläche reflektiert. Ein unterirdischer See!
„Hallo! Was machen Sie hier?“ Die Stimme kommt vom Licht her.
„Das könnte ich Sie auch fragen“, töne ich zurück.
„Moment mal. Ich komme zu Ihnen!“ Das Licht bewegt sich auf mich zu.
Ich erkenne alsbald einen schlanken Mann so um die Mitte dreißig.
Eine Stirnlampe ziert seinen voluminösen Kopf, der von kinnlangen, dunkelblonden Locken bewachsen ist. Er zieht den Unterarm, der in einem rotblauen Holzfällerhemd steckt, genüsslich an seiner Nasenöffnung oberhalb seines breiten Schnauzbartes entlang.
Er scheint seine Manieren an die Zeiten der Höhlenmalerei angepasst zu haben.
„Das ist kein Ort fürs Höhlentrekking, junger Freund.“
„Das empfiehlt wer?“
„Ich bin kein Speläologe, falls du diesem Irrtum aufgesessen sein solltest. Mein Name ist Leo Wächter, Doktor Leo Wächter,
Ingenieur für Verfahrenstechnik. Die hiesige Administration hat mich beauftragt, die Wasserqualität dieses Gewässers zu begutachten. Und was machst du hier?“ Jetzt wandert der andere Arm an seinem Schnäuzer entlang.
„Hubert Schenck, Sir!“, antworte ich etwas keck wie der Held von Uhrwerk Orange.
„Wir haben unser Anwesen oben am Rande des Dorfes.“ Da er mich duzt, mache ich es ihm gleich.
„Du bist den ganzen Weg von Berlin mit dem Bulli hierher gekommen, um das unterirdische Wasser zu begutachten? Ist das nicht verdammt aufwendig?“ Er sieht mich an, als ob etwas in ihm nach einer Lösung sucht.
„Verdammt! Hubert Schenck! Den Namen kenne ich doch! Bloß woher? Hast du etwas mit Musik zu tun?“ Er ist schnell auf der richtigen Fährte.
„Nicht schlecht, Herr Doktor. In der Tat, ick mache in Mussick, wie die Berliner sagen würden. Tabula Raza, schon mal gehört?“
„Natürlich, ja! Ich mag euer Zeug sogar sehr. Iss ja ´n Ding. Da muss ick inne Höhle in‘ Pyrenäen rumlatschen, um Hubert Schenck zu treffen!“, berlinert er etwas aufgesetzt. Der ist mit Sicherheit kein gebürtiger Preuße!
„Ich habe heute schon gesehen, was ich wollte. Meinen Bericht werde ich in der Pension schreiben. Von mir aus könn‘ wir wieder ans Tageslicht.“ Er schreitet voran und ich folge ihm. Zuerst also wieder die dreißig Stufen nach oben. Plötzlich spüre ich, wie alles um uns herum vibriert. Zwei faustgroße Steine poltern kurz vor mir und kurz hinter ihm von der Decke.
„Sehr unvernünftig, dass wir keine Helme hier tragen. Man hat mir aber auch nicht gesagt, dass die Erde hier beben kann.“
Wir erhöhen unser Schritttempo. Irgendwie ist es mir nun unheimlich. Wieder bebt alles und noch viel stärker. Zehn Meter vor uns kracht es gewaltig. Wir nähern uns der Stelle. Ein etwa fünf Meter großer Spalt ist entstanden, zu breit um da
hinüberzuspringen!
„Und nun?“ Meine Stimme klingt sicher nicht sehr hoffnungsfroh.
„Ich habe ein Seil dabei. Im Berg brauchst du ein ähnliches Equipment wie ein Bergsteiger. Also beruhige dich. Wir werden da schon rüberkommen. Ich frage mich nur, was du gemacht hättest, wenn ich nicht auch hier gewesen wäre?“ Wieder wandert ein Ärmel an seiner Nase entlang.
„Hilfreich wäre aber jetzt noch ein dritter Mann. Bist du alleine hierher gekommen?“
„Nein, meine Frau wartet am Eingang.“
Doktor Leo Wächter schnallt seinen Rucksack ab und holt ein solides Seil, einen Hammer und dicke Nägel heraus.
„Vielleicht versuchst du, sie mal zu rufen. Sie könnte da drüben das Seil befestigen.“
„L i a n e !“, schreie ich so laut ich kann. Von unten, vom unterirdischen See kommt ein gurgelndes Echo. Ich komme mir vor wie in einem Edgar-Wallace-Film, fehlt nur noch Klaus Kinski mit seinem diabolischen Grinsen. Herr Wächter hat nicht dieses Kaliber.
„Komm, wir setzen uns hier auf den Vorsprung. Vielleicht hat sie es ja gehört. Wenn nicht, wird sie doch sicher bald unruhig und kommt nachschauen?“
„Sicher!“, beruhige ich mich wohl eher selbst.
„Habe neulich gelesen, dass euer Lichtsinnlich dehnbarer Traum
live aufgeführt werden soll?“, versucht er von der misslichen Situation abzulenken.
„Richtig, das wird ein utopisch, geiles Projekt. Wir planen oben an der französisch-spanischen Grenze, auf dem Grat der Pyrenäen sozusagen, eine gigantische Bühne aufzubauen, und zwar direkt auf der Brèche de Roland. Das ist eine riesige Kerbe, die der Sage nach der Neffe von Karl dem Großen beim Kampf gegen die Sarazenen in den Berg geschlagen haben soll.“
Ich merke, wie Leo plötzlich wie gebannt über den Spalt im Weg starrt.
Ein glühendes Augenpaar hat uns im Visier. Ein paar Meter dahinter taucht der Strahl einer Taschenlampe auf.
„Liane, du bist unsere Rettung!“
„Hubert, was ist das?“, flüstert Leo neben mir.
„Beruhige dich, das ist doch nur Lara!“
„Chéri, was ist denn los?“
„Liane, vorsichtig. Es gab ein kleines Beben und zirka fünf Meter des Weges sind versackt. Wir werfen dir ein Seil rüber und du müsstest es dann dort irgendwo befestigen.“ Ich versuche meine Atmung zu beruhigen.
„Das ist Doktor Leo Wächter. Er kümmert sich hier im Berg um die Wasserqualität.“
„Was ist Lara?“ Leo erlebt wohl gerade einen Alptraum.
„In zwei Sekunden auf freier Strecke sechzig Kilometer schnell. Ihre Flecken sind zu Längsstreifen verschmolzen. Gewicht an die vierzig Kilo!“
Als wir unsere missliche Situation dank des Seiles und mit Lianes Hilfe gemeistert haben und wieder am Tageslicht angekommen sind, setzt sich Lara neben dem Höhleneingang vor Herrn Doktor Wächter in Positur.
„Ein Gepard, oder?“
„Fast“, verbessert ihn Liane. „Eine Königsgepardin!“
Unsere Panoramastube ist angereichert mit den Gerüchen einer ausgezeichneten Paella. Zum Dessert gibt es Crème brulé maison. Paul kümmert sich schon seit geraumer Zeit um unser kulinarisches Wohlergehen. Er ist um die fünfzig, war früher in der Legion und hat somit schon viel von der Welt gesehen. Seine Wiege stand in Marseille, weshalb sein Französisch den typischen Singsang des Südens zelebriert. Irgendwer aus seiner Verwandtschaft kam aus Frankfurt/Oder. Seltsame Zusammenstellung, Marseille und Frankfurt an der Oder. Auf jeden Fall könnte er als Bruder Alain Delons durchgehen. Sagen wir mal mit konstantem Dreitagebart. Sein Deutsch ist gewöhnungsbedürftig. Sein Wortschatz ziemlich groß, doch hat er die Angewohnheit, die französische Satzstellung ins Deutsche zu transferieren.
„Ich Sie bringe noch ein Bier?“ Paul blickt auf Leos leeres Glas.
„Ja, mach mal. Hätte gerne noch so’n Töpfchen.“ Leos Blick ist schon etwas glasig.
„Für Eusch? Alles ist Ordnung? Liane, du willst noch ein Mousseux? Hubert und für disch?“
„Okay, okay, Paul. Alles bestens. Wir bedienen uns selbst.“ Liane steht auf und stellt sich in seitlich wippenden Bewegungen vors gigantische Fenster. Gegen die sich verabschiedende Sonne sieht sie in ihrem schwarzen, trägerlosen Chiffonkleid wie ein lebensgroßer Scherenschnitt aus. Die Musik wechselt von Gerry Raffertys Baker Street zu Eric Claptons Lay Down Sally.
Lara gibt mir Köpfchen in die Taille. Sie weiß, dass da noch etwas in der silbernen Schale auf sie wartet. Ich gebe ihr noch den großen letzten Brocken Hammelrippchen. Ihre Lieblingsspeise. Leo beobachtet das mit einem eher unsicheren Gesichtsausdruck. Doch seine Aufmerksamkeit wandert wieder zurück zur tanzenden Liane. „Ihr habt es hier wirklich super. Diese Aussicht! Ich meine natürlich auch gerade vor dem Fenster.“ Die Weise, wie Leo Liane betrachtet, rutscht ins Lüsterne.
„Das war wirklich total nett, mich Höhlenforscher so spontan zum Happen Pappen zu bitten.“ Wie es bei alkoholisierten Menschen oft zu bemerken ist, lachen sie gerne über sich selbst. Und Leo findet gerade sein Happen Pappen äußerst lustig.
„Monsieur! Ihre Töpfschen Bier, voilà.“ Paul nimmt die leeren Schälchen Crème brulée mit. Ich habe nur ungefähr aufgepasst, aber das muss Leos achtes oder neuntes Bier sein.
„Merci! Wohl bekomms! Auf alle Mütter meiner ungeborenen Kinder!“, prostet er sich selbst zu.
„Ich glaube, es wird besser sein, wenn du die Nacht hier verbringst. Jedenfalls sehe ich dich nicht mit ruhigem Gewissen im Dunkeln mit deinem Bulli die engen Serpentinen langfahren.“
„Quatsch! Bin schon im Jeep in Afrika am Fuße des Kilimandscharo die Savanne langgerauscht. Vorher hatten wir ein Gelange? Nee, ein Gelage sacht ma wohl. Egal, im Nachbarzelt wohnte Mick Jagger. Habe nicht schlecht geschaut, als der morgens vor seinem Eingang paar Freiübungen machte. Auf jeden Fall floss das keniatische, ich meine das kenische Bier, eine furchtbare Brühe, in Strömen!“ Bei Leo floss gerade der aktuelle Inhalt seines Glases halb über sein Kinn und dann über sein Hemd und die andere Hälfte folgte eher dem herkömmlichen Weg eines Bieres nach Verlassen des Seidels.
„Ich glaub‘, das Leolein sich hat ´n bisschen nass gemacht. Liiaane, wo issn des Klo? Oh, oh. Hier schaukelt ja allet!“
Leo wollte aufstehen, merkt aber sogleich, dass mit seinem Gleichgewichtssinn nicht alles zum Besten ist.
Aus den Lautsprechern ertönt Ramblin Man von der Allman Brothers Band und Leo grölt nicht unbedingt ton- und rhythmussicher: „Gamblin man, gamblin man, hey, hey!“
„Komm, Leo, ich bring‘ dich jetzt mal für große Jungs!“ Ich stelle mich auffordernd vor ihn. Er erhebt sich, kippt fast vorne über, legt mir den Arm um die Schulter und ab geht’s in Richtung Toilette.
„Liiaane!“, imitiere ich ihn, „mach schon mal alles im Studio klar. Ich zeige unserem Verfahrensdoktor sein Schlafgemach.“
„Cool, ich sehe es dir an, du hast noch was Geiles ausgebrütet!“ Sie swingt ihre schwarzen Rockschöße zu Ramblin Man.
Als ich wenig später ins Studio A komme, sind alle Strahler an, die Lämpchen an den Geräten blitzen und Liane sieht auf einem Barhocker so aufgeräumt aus, als habe sie sich vor dem großen Spiegel neben den Orange Boxen einen multiplen Orgasmus bereitet. Ihre Frisur gleicht der Janis Joplins nach einem inbrünstig vorgetragenen Summertime.
Das macht mich zwar tierisch an, sie so zu sehen und am liebsten ginge ich unter ihrem Rock und auf ihrem Dekolleté auf Erkundungstour, aber ich weiß, dass diese erotische Spannung zwischen uns, wenn sie spontan unerfüllt bleibt, der kreativen Umsetzung musikalischer Ideen sehr förderlich ist.
„Komm, meine Süße, du meine allerliebste of all the Bitches, lass uns uns unserer erhabenen, dekadenten Version von Choppis Nocturnes No. 3 in BH-Dur en Si Op. 9/3 widmen.“ Es macht mir Vergnügen, den ganzen Titel süffisant herzubeten! Für die Interpretation dieses classic Klassikers habe ich mir eine Spezialanfertigung einer Wersi-Orgel mit einem einmaligen Lautsprecher-Kabinett geordert. Das ist eine hölzerne Boxenkonstruktion mit darin rotierenden Leslie-Lautsprechern für den gleichnamigen Effekt. Ich nehme auf der Bank mit dem weinroten Samtbezug Platz, der an das Cover der Doppel-LP Odessa von den Bee Gees erinnert. Zuerst mal lasse ich die Lautsprecher im Kabinett rotieren und schalte ein wenig Hall ein. Die Noten hat mir Liane schon aufgestellt. Ein wenig Vibrato kann nicht schaden. Liane hat ihre Noten und den relevanten Text auf einem Notenständer vor sich. Sie rauft sich die Mähne und schnüffelt sich unter den Achseln. Dann greift sie sich ihre Geige. Ich beginne mit den ersten neun Tönen von Tin Soldier von den Small Faces.

Übergangslos geht es dann in die Melodie von Chopin. Nach zwanzig Sekunden steigt Liane ein und wiederholt die Melodie mit ihren Saiten und dem Rosshaar des Bogens. Unmittelbar danach kommt die Stelle, wo wir die Klänge das erste Mal schweben lassen. Liane ist mit dem Text dran: „Schmieg dich an meine Haut, bis die Sonne wieder scheint. Davor spielen wir das Spiel, von dem Robert Plant uns singt. Quetsche ich dich und knete ich dich, bis der Saft dir die Beine lang rinnt!“ Das bringt sie mit einer derart lasziven Betonung unter einer nahezu schmutzigen, betörenden Hervorhebung der Wortendungen, dass mir heiß und kalt wird. Aber dafür ist keine Zeit. Ich muss mich auf die Noten konzentrieren und sie auf ihren nächsten Geigeneinsatz. Wenn alles zur Zufriedenheit aufgenommen sein wird, werde ich unseren Percussionisten Pablo Rodriguez bitten, mit seinen Bongos und Congas etwas hinzuzuzaubern.
„Ich bin bettreif, Chéri! Sei mir nicht böse, wenn ich schon mal in die Federn springe. Mach‘ hier noch so lange, wie du brauchst, um alles ultramäßig abzuschließen.“ Lara, die lang ausgestreckt auf dem alten braunen Leder Chaiselongue von Lianes Oma vor sich hingeschnarcht hatte, schließt sich ihrem Frauchen an. Die beiden sind unzertrennlich.
Nach viermaligem Anhören, Zurückspulen und noch ein fünftes Mal, bin ich fast am Ende des Stückes angelangt. Wieder und wieder überlege ich, ob ich Nocturnes No. 3 so enden lasse, wie wir es begonnen haben. Ich füge dem Ende mit leichter Überblendung die neun Töne von Tin Soldier an. Da poltert mit entsetztem Gesichtsausdruck Paul ins Studio. „Hubèrt! Kommen rapide! Es sich passiert etwas. Schnell zu Liane, Hubèrt.“ Er eilt voran und ich hinterher. Auf dem lila Sitzsack vor unserem Schlafzimmer kauert blutüberströmt Leo. Über die rechte Gesichtshälfte führen die Spuren beeindruckender Krallen. Ich weiß natürlich, wer das war. Aber ich weiß nicht, warum sie das gemacht hat.
„Was ist hier los?“ Leo antwortet nicht, sondern wimmert nur etwas debil.
Im Schlafzimmer sitzt Liane im roten Kimono auf der Bettkante. Lara thront neben ihr und sieht mir mit stolzem Blick entgegen.
„Chéri, dieser Leo ist wohl nicht ganz dicht. Auf dem Weg von der Toilette hierher muss er mir nachgeschlichen sein. Jedenfalls stand er plötzlich hinter mir, als ich mein Kleid ausgezogen hatte. Ich war nur im BH und bei ihm rutschte die Hose und er zeigte mir seine Erektion. Ich sagte, dass er unsere Gastfreundschaft in diese Richtung wohl missverstanden hätte. Daraufhin meinte er, dass seine Leistung trotz vieler Töpfchen Bier doch erstaunlich genug sei und es zudem schade sei, diesen Zustand ungenutzt zu lassen. Daraufhin bat ich ihn, das Zimmer zu verlassen und gab ihm noch den Rat, seine Hände zu gebrauchen. Er könnte ja dann an mich denken. Das fiele ihm nicht im Traume ein und wie ein Wiesel schubste er mich und warf mich rücklings aufs Bett. Lara sprang neben mich und knurrte und fauchte unüberhörbar. Doch in seinem Suff schien er das nicht zu hören, sondern wälzte sich auf mich. Da baute sich unsere Lara vor ihm auf und ratsch, batsch fing er sich eine mächtige Tatze in die verschwitzte Visage!“
Ich nehme sie in die Arme. Sie zittert. Lara gibt mir Köpfchen und draußen zischt eine lallende Stimme: „Mistvieh, das büßt du mir!“
Nach einer Weile klopft es an der Tür und Paul entschuldigt sich. „Pardon, dass ich störe, Monsieur Léo, er ist gegangen und gefahren los mit seiner Bulli!“
„Merci Paul, geh‘ man nun auch schlafen.“ Ich schlüpfe zu Liane unter die Decke. Lara sitzt aufrecht am Fußende, so als müsse sie über uns wachen.
Die Nachmittagsvorstellung von Catwalk im großen Kino von Pau ist nur spärlich besucht. Liane hatte schon ein paar Tage lang darauf gedrängt, diesen Film unbedingt sehen zu müssen. Irgendwie hat mich die Idee auch angebockt, da die Models einer Kollektion wohl nach den Greatful Dead liefen. Eine ganz und gar absurde Vorstellung. Glanz und Glamour der Modezaren von Paris nach dem morbiden Westcoast-Charme der
Ultra-Hippies.
Und so staksen die ersten Ladys gerade nach Baker Street in Outfits von Dior, als wir uns gemütlich und mutterseelen lonesome eine Veuve Clicquot öffnen. Nach einem Glas beginnt sich meine liebe Begleiterin für meinen Schoß zu interessieren. Jedenfalls spüre ich die Wärme ihrer linken Hand auf mir. Ihr ist heute so nach bravem Schulmädchen, denn zwei Rattenschwänzchen schaukeln rechts und links ihres auf Unschuld geschminkten Gesichtchens. Eine Bluse, die, wenn sie nicht so blütenweiß wäre, von ihrer Großmutter stammen könnte. Der rot-schwarz karierte Rock dürfte keinen Millimeter kürzer sein, da man ihn sonst eher als ziemlich breiten Gürtel bezeichnen müsste. Die weißen Kniestrümpfe, die aus den ebenso weißen Tennisschuhen herausragen, sind vielleicht das bravste, was sie heute zu dieser Cinema-Show trägt.
Von der Leinwand kommt jetzt ein anderer Sound, eine andere Kollektion. Tatsächlich! Da ist er laut und deutlich zu hören:
der Candyman von Jerry Garcia und Robert Hunter, eine Liveversion der Dead. Und sagenhaft geile Outfits getragen von
auf Geisha geschminkten Asiatinnen. Alles fließende Chiffonstoffe, unter denen die Models nichts tragen.
Jetzt kommt eine große Blonde und sie ist keine Asiatin, aber ihre Augen sind definitiv so geschminkt. Eher wie eine Katze schleicht sie über den Laufsteg. Just für sie spielen die Dead auch live Little Red Rooster. Das eng anliegende Top lässt ihre beiden birnenförmigen Brüste bis in alle Einzelheiten erkennen. Die Trompetenärmel wehen im exakten Rhythmusgefühl ihrer Trägerin. Liane ist ohne jede Scham, hat meine Hose geöffnet und beginnt, an mir zu kosten.
„Du schmeckst aber heute nach reifen Kastanien!“, flüstert sie mir von unten zu.
„Kein Wunder, du Biest!“, zische ich ihr ins Ohr. „Du weißt doch, dass ich auch feucht werde, wenn du mich noch dazu in der Öffentlichkeit so anmachst.“
Die blonde Asiatin führt nun zum zweiten Mal ihren schwarzen, wadenlangen Stufenrock entlang der bewundernden Blicke eines vornehmlich weiblichen und ausnahmslos ultragestylten Publikums. Jetzt kommt die Stelle, wo der künstliche Wind besonders aufreizend die Rockschöße wirbelt. Sie passt nicht gut auf. Ich möchte meinen, sie legt es sogar darauf an, denn unmerklich verlangsamt sie ihren Walk und wie bei Marilyn auf dem U-Bahnschacht bildet der Rock ein schirmartiges Outfit.
„Die ist ja rasiert!“, tuschele ich nach unten. Liane lässt kurz von mir ab und kann gerade noch miterleben, wie sich der schwarze Chiffon nach dem Ausnutzen der Bö wieder nach unten fallen lässt und die Blondine mit pobetontem Gang den Steg verlässt.
Jetzt ist wieder eine, vermutlich echte Japanerin auf dem Weg. Ein schwarzweißes Kimonokleid mit tiefem Ausschnitt gleitet ihr um den grazilen Körper. Bei mir gleitet etwas sehr Stolzes, weil sanft Umhegtes, in sündigen Bewegungen zwischen Lianes Lippen. Jetzt trifft auch das Kimonokleid auf den gesteuerten Wind. Auch sie passt nicht auf, so wie ich nicht aufpasse und loslasse, was ich noch lange zurückhalten wollte. Ich fühle, wie meine Haut elektrisiert, mein Rücken vibriert und es flutet aus mir, als sei ein Staudamm gebrochen. Liane funkelt mich strahlend an. Sprechen kann sie gerade nicht, doch von der Leinwand singen die Dead Friend Of the Devil but me I’m the Friend of an Angel!
Voices In the Sky kommt aus dem Kassettenrecorder und Liane kniet vor mir und lächelt mich zweideutig an.
„Hubert, du bist ein echtes Phänomen!“
Sie schlüpft in ihr Kleid und ich in meine Hosen. Dessen ungeachtet nimmt sie auf meinem Schoß Platz. Sie fährt mir durchs Haar.
„Man könnte meinen, dass du eine mittelprächtige Wanderung absolviert hättest.“
„Mittelprächtig war hier rein gar nichts, sondern über alle Maßen prachtvoll! Und absolviert habe ich eine kleine Einsicht, in was es bedeuten kann, Glücklichsein zu sein.“ Ich gebe ihr einen Kuss auf die Wange.
„Sag mal, was machst du eigentlich in der Zeit, wenn du armen Kerlen nicht den Kopf verdrehst?“
„Magst du raten?“ Postwendend bekomme ich meinen Kuss zurück.
„Nun, schließen wir erst mal aus: Du bist keine Bäckerfachverkäuferin, keine Anwaltskanzleigehilfin, keine technische Zeichnerin und auch keine Angestellte in einer Expressreinigung.“ Ich warte, ob ich irgendwo danebenliege.
„Schlau, schlau, lieber Hubert! Nun aber mal ein paar realistische Vorschläge, was ich wohl mache.“ Sie geht zum Recorder und dreht die Cassette. Cymbaline von Pink Floyd schmiegt sich in unsere Ohren.
„Erzieherin in einem Kinderheim für schwer erziehbare Gören?“
„Nee!“ Sie kriegt fast einen Lachkrampf.
„Krankenschwester in einer Psychiatrie vielleicht?“ Ich zwicke sie in ihre ausgeprägte Taille. Tapfer kämpft sie gegen eine Kitzelreaktion.
„Auch nicht! Hubert, ich bin weit entfernt von Mutter Theresa.“
„Bist du noch in einer Ausbildung?“ Plötzlich kommt mir dieser Gedanke, denn sie ist wahrlich noch nicht alt.
„Ja, ist schon viel wärmer.“
„Studierst du?“ Sie nickt ein bisschen.
„Psychologie?“
„Falsch!“
„Biologie?“
„Genau, du hast es. Und deshalb nutze ich diese Gelegenheit, dir zu sagen … “
„… dass das hier zu deinen biologischen Studien gehört!“
„Nein, mein Lieber! Humanbiologie ist sicher eine sehr interessante Fachrichtung, aber nicht die Meine. Meine Gebiete sind Echsen und Reptilien. Was ich dir sagen wollte, ist, dass das heute für ein halbes Jahr unser letztes Treffen war. Ab nächster Woche gehe ich auf große Exkursion nach Madagaskar. Mit meinen Rendezvous hier finanziere ich mir die Reise.“ Sie sieht mich an und merkt natürlich meine Enttäuschung.
„Da hast du ein halbes Jahr Zeit, dich auf mich zu freuen!“
„Wenn es mal nur ein halbes Jahr wäre. Ich muss in drei Monaten für sechs Monate nach Frankfurt. Also können wir uns eine Schwangerschaft lang nicht sehen.“
„Was musst du denn so lange bei den Hesseköpp machen?“ Sie drückt mich liebevoll an sich.
„Ich schmeiße mein Tiermedizinstudium und heure bei Hoechst an. Mache ´ne Ausbildung zum geprüften Pharmareferenten.“
„Ist doch vielleicht gar nicht schlecht. Da lernst du dann viele Ärzte kennen. Mein Mann ist auch Arzt.“
Cirrus Minor auch von der Filmmusikplatte More der Floyd schafft sehnsüchtige Stimmung.
Liane greift nach ihrer Handtasche, die heute ein wesentlich größeres Format als die Kulturtasche vom letzten Mal hat. Sie zieht eine Art Papiertüte heraus, so eine, mit der man gewöhnlich die Schrippen vom Bäcker holt.
„Hier, das wird dir die Zeit etwas verkürzen.“ Schelmisch grinst sie mich an.
Die Tüte enthält keine Brötchen. So viel steht fest. Da ist etwas Hartes, Rundes drin. Ich hole es ans Funzellicht unseres Séparées. Eine Filmrolle mit Film!
„Was ist da drauf? Hoffentlich nicht Love Story!“
„Wo denkst du hin. Kannst du es dir nicht denken?“ Ich erhalte einen Kuss auf meinen Mund.
„Sag bloß? Der Film von vorhin? Dein Porno? Der Massagesalon?“
„Ja!“, sagt sie einfach so.
Ich bin perplex. Wie finde ich das? Na geil natürlich.
„Ich bin sprachlos! Danke!“ Ich drücke sie ganz fest an mich.
„Was ich dir noch sagen wollte. Eine Empfehlung, falls du es ohne entsprechendes weibliches Wesen nicht aushalten solltest. Miriam ist eine sehr zärtliche, tolle Frau. Mit ihr könntest du viel Spaß haben. Und auch Tooky, die macht immer auf unschuldiges Mädchen, hat es aber faustdick hinter ihren Öhrchen. Letztlich Gaby. Zwei von meinen Gästen wechseln mich gerne mit ihr ab, wenn man das so bezeichnen kann. Solltest du sie also mal besuchen, kannst du sie gerne von mir grüßen.“
„Liane! Nach unseren zwei Rendezvous glaube ich kaum, dass mir nach einer Anderen zumute sein wird.“ Ich schaue ihr traurig in ihr schönes Augenpaar.
„Abschiede sind etwas Furchtbares. Wie ein kleiner Tod, hat irgendwer mal gesagt. Komm, sei tapfer. Wir stehen jetzt beide auf.“
Wir schmiegen uns eng aneinander. Spüren jeder vom anderen so viel Körper wie nur möglich, küssen uns bis The Nile Song endet.
„Bis nächstes Jahr“, sage ich, als sie schon fast durch die Tür ist. „Ja, bis nächstes Jahr, aber noch in diesem Leben“, flüstert sie zurück.
4 Eine Nelke kommt im hohen Bogen
Das Wetter ist klar, der Blick über die Unendlichkeit des Meeres durch nichts getrübt. Beeindruckende Schaumkämme rundum. So weit das Auge reicht. Kein Schiff, kein Vogel und auch kein Wal in Sicht. Wie komme ich darauf, hier vom Turm aus Wale sehen zu wollen? Habe ich von Walen geträumt? Vielleicht von Pinocchio, der in einem solchen Riesen Unterschlupf fand. So wie ich in diesem Turm. Wann werde ich hier ausgespien?
Da fällt mir auf, dass leise, aber immerhin gut hörbar ein Lied gespielt wird, das nur ganz wenigen Menschen bekannt sein dürfte.
I was born to be a simple man. Just to sing a simple song. But somebody came and cursed my life. I didn’t know, what I’d done wrong.
Simple Man heißt dieser Song und ist von einer Formation, die sich in den 70er-Jahren Cuby+Blizzards nannte. Unten auf dem Plattencover gab es ein Zitat von Jean-Jacques Rousseau: »Je ne suis pas l’homme que tu crois.«
Da hier sehr vieles auf mich reflektiert, ist es sicher auch dieser leise musikalische Verweis.
Ich gehe ein wenig im Rund. Wo er wohl ist? Wie bin ich wieder hierher gekommen? Ich war doch in diesem seltsamen Raum mit der Chaiselongue.
Ich schaue nach unten. Was ist das denn? Da treibt ein gigantisches Containerschiff. Eigentlich sieht es aus wie eine riesige Lagerhalle aus Holz. Und daneben? Ich habe meine
Brille …? Wo habe ich meine Brille gelassen? Oben in der Kajüte vermutlich.
Vera aus dem Album The Wall begleitet meinen Blick neben das schwimmende Haus.
Eine tote Giraffe! Jetzt erkenne ich es.
Weiter hinten in Schwimmrichtung ragt etwas aus der aufgewühlten See. Ich will es nicht glauben. Die obere Hälfte des Funkturms.
Doch Vera hat eine seltsame magische Wirkung. Ich setze mich auf einen Hocker, der neben dem verwaisten Barbereich an der Wand steht. Ich lehne mich zurück. Oder ist das noch die Wirkung von dem Zeug, was er mir gespritzt hat?
Mir fallen die Augen zu.
Ich stehe in einem Fahrstuhl. Die Werbetafel unterhalb der Speisekarte empfiehlt: Ramada Frankfurt exklusiv! Ein intimer Abend mit Roger Whitaker. Ein Kaminkonzert nur für unsere Gäste.
Der Lift hält. Fünfter Stock. Zimmer 535 hat sie gesagt.
Links 501 bis 530 und der rechte Pfeil 531 bis 550.
Also ab und rechts lang. Ich stehe vor der 535, die in goldenen Zahlen auf die grau-gelbliche Tür gebannt ist.
Ich klopfe dreimal kurz wie verabredet.
Sie öffnet mir sofort. Das geht so schnell, als habe sie hinter der Tür gewartet. Ihre normalerweise kinnlangen, braunen Haare hat sie mit einer Spange ziemlich wuselig nach oben gesteckt. Das legt ihren formschönen Nacken frei. Das lange, oben herum eng ansitzende, dunkelblaue Baumwollkleid wird bis zu den Knien ziemlich weit und würde sie sicherlich beim Tanzen zum Wedeln des Stoffes einladen. Sie ist eine kleine und sehr schlanke Person. Das weit bis zwischen die beiden fulminanten Brüste aufgeknöpfte Kleid zieht sicher kalkulierte Aufmerksamkeit auf sich, zumal darunter ein gleichfarbiger BH aus transparentem Stoff heftig um Beachtung bittet.
„Komm rein. Schön, dass du pünktlich bist.“ Ich weiß nicht, ob ihr Augenaufschlag das unterstützen will oder auf etwas ganz anderes hinwirken mag.
Ihr Zimmer ist identisch mit meinem, nur zwei Stockwerke höher: ein geräumiges Bett, rechts und links zwei Sessel mit einem kleinen Schreibtisch, geradezu ein Balkon, von dem man auf den Wald von Frankfurt-Nied schauen kann.
Auf Monikas Bett sind Arbeitspapiere und der große, dicke Ordner Anatomie des Menschen relativ ungeordnet verteilt.
Während des Unterrichts im Fortbildungszentrum der Firma Hoechst sitzen Monika und ich hintereinander. Sie sitzt vor mir und in den letzten, vergangenen Unterrichtsstunden kam es immer häufiger vor, dass sie sich umdrehte, um mich etwas zu fragen. Sodann gab ihr das die Gelegenheit, um mir einen dankbaren Blick zu schenken.
Wir setzen uns nebeneinander aufs Bett. Ich nehme das Papier, das das Skelett des Brustbereichs mit den entsprechenden Bezeichnungen der Knochen auf Deutsch beschreibt. Darunter, wie in einem Vokabelheft, stehen die Begriffe links in Deutsch und rechts in Latein.
„Schlüsselbein?“, frage ich sie.
„Clavicula“, antwortet sie brav und rückt so nah an mich heran, dass ich die Wärme ihrer Oberschenkel spüre.
„Brustbein?“ Sie legt mir seitlich den Kopf an die Schulter.
„Sternum! Habe ich nicht gut gelernt?“ Ihre rechte Hand fährt mir durchs Haar. „Du könntest die Haare ruhig ein wenig länger tragen.“
„Schulterblatt?“ So leicht will ich mich doch nicht ablenken lassen.
„Scapula“, entgegnet sie trocken. „Was hast du denn heute noch vor?“ Ihr Blick richtet sich auf meinen Reißverschluss.
So was Peinliches! Der steht sperrangelweit auf.
„Tut mit leid! Ich wollte dich nicht …“
„… Na hör mal!“, fällt sie mir ins Wort. „Ich bin doch keine Nonne!“
„Schambein?“, will ich unvermittelt wissen.
„Os, Os? Nichts da! Das gehört doch gar nicht zum Brustkorb. Das ist doch viel weiter unten.“
„Richtig“, pflichte ich ihr bei. „Und Os war nicht verkehrt. Os pubis wäre die Lösung gewesen.“
„Ich mach‘ uns mal ´n bisschen Musik.“ Sie schaltet ihr kleines Kofferradio ein.
Zum Abschluss noch ein Blick nach Frankreich: Staatspräsident Válery Giscard d’Estaing wird beschuldigt, vom zentralafrikanischen Kaiser Bokassa I. Geschenke erhalten zu haben. So weit die Nachrichten von Hessen Drei. Es ist 19.35 Uhr.
Eine Musik im Westernstyle ertönt. Don’t you worry, don’t you worry, and it’s too late anyhow, singen zwei männliche Stimmen.
Die Begleitung erinnert mich irgendwie an Cinderella Rockefeller von Esther und Abi Ofarim.
Monika wippt im Takt, wobei ihr Kleid ein wenig das Bein
hochwandert.
„Wie findest du eigentlich die Murschall?“
Frau Dr. Murschall ist die Graue Eminenz der Hoechster Pharmareferentenschulung. Ein Standardwerk über diese Schulungen hat sie schon vor Jahren publiziert. Schließlich sind die Kursteilnehmer nicht ausschließlich für den Hoechstkonzern vorgesehen, sondern viele andere Pharmaunternehmen schicken ihre künftigen Mitarbeiter auch nach Frankfurt-Höchst.
„Vielleicht ist sie nicht die beste Pädagogin, aber sie verfügt über ein unglaubliches Wissen. Wir können sehr viel bei ihr lernen, das steht fest.“ Ich lasse mich auf das große Kissen am Kopfbereich des Bettes fallen.
Das war ein richtiger Oldie aus dem Jahre 1972. „Don’t You Worry” von Abi Ofarim und Tom Winter. Doch jetzt mal einen aktuellen Hit. Der junge Mann ist in Italien schon ein Star und schickt sich an, mit seinem Nummer-Eins-Hit aus seiner Heimat auch diesseits der Alpen einen großen Erfolg zu landen. Ich habe mir sagen lassen, dass speziell unsere Zuhörerinnen total auf diesen Song abfahren. Hier ist er also, Alan Sorrenti mit „Tu sei l’unica donna per me“!
„Hubert, ich liebe dieses Lied! Würdest du es mit mir tanzen?“
Sie springt auf und steht mit strahlendem und bettelndem Blick vor mir.
„Klar, mir gefällt es auch sehr gut. Ich verstehe zwar nicht viel Italienisch, aber ich glaube, der Titel passt sehr gut zu dir!“ Was war das denn, habe ich ihr da eben ein dickes Kompliment gemacht?
Die Reaktion kommt tanzwendend, als sie mir bei den süßen Tönen Sorrentis in den Armen liegt. Sie lässt mich viel Schönes von sich spüren, inklusive ihrer Wange an meiner.
Sie löst ihr Tête-à-Tête mit mir und schaut mich innig an.
Da klopft es zweimal heftig an der Tür.
Unwirsch verlässt sie mich gen Eingang.
„Wer ist da?“ Ihre Stimme klingt wenig einladend.
„Isch bin dat, de Peter.“ Unser Kollege aus Düren möchte Monika einen Besuch abstatten.
„Peter, lass et juut sin!“, empört sie sich. „Isch hän Migrän. Jode Ovend!“ Sie kommt zurück zu mir. Hinter der Tür sind gemurmelte Worte zu vernehmen. Sehr fröhlich klingen die nicht.
Sofort schließt sie sich mir wieder in die Arme und knüpft an den genüsslichen Blick von gerade an. Wer soll dem widerstehen? Muss ich auch nicht.
Langsam, ganz langsam nähern sich unsere Lippen. Sie schließt ihre blauen Augen und ich tue es ihr nach. Der erste Kuss beschränkt sich nur auf die betreffenden Sinne und ist geeignet, den klaren Verstand zu verlieren. Jedenfalls geht es mir so. Als ich wieder zu Sinnen komme, liege ich halb auf ihr und halb auf ihrem von den Lernunterlagen befreiten Bett. Sie ist mir behilflich, auch mich selbst zu befreien, und zwar von meinen Klamotten. Da wären zuerst der hell- und dunkelblau gestreifte Nickipulli und dann natürlich die Jeans. Bei ihr ist es etwas einfacher. Das Kleid hat rücklings einen langen Reißverschluss, der ihr bis zum Po reicht. Der blaue BH spendiert mir den Verschluss vorne und ihr Seidenslip im gleichen Farbton mit einem kleinen Spitzenrand macht nach dem Abstreifen einen Bogenflug auf einen der beiden Sessel.
Wir liegen Gesicht an Gesicht, sie auf ihrer linken und ich auf meiner rechten Seite. Der Ganzkörperkontakt in Kombination mit endlosem Knutschen lässt mich wie selbstverständlich zu Weiterem bereit sein. Ich schiebe sie sanft auf ihren Rücken und gleite vorsichtig auf sie. Sie öffnet die Beine und sie küsst mich, ich gleite weiter, natürlich nun anteilig, aber sehr zielstrebig, bis ich komplett in ihr verschwunden bin. So verweile ich, verweilen wir, den besonderen Augenblick in vollen Zügen auskostend.
„Das ist so schön, so schön, ich wünschte, wir könnten den Moment für immer festhalten“, flüstert sie und beginnt lustvoll zu stöhnen, leise, nur für mich. Beileibe nicht so laut und aggressiv wie Monica Seles auf dem Tennisplatz.
We don’t talk anymore singt Cliff Richard aus Monikas kleinem Radio und mich verleiten ihre Lustlaute auch nicht zum Gespräch, sondern verhelfen mir zu sehr viel Kraft, die ich in weiche und zielführende Bewegungen umsetze.
Sie unterbricht mein rhythmisches Tun, indem sie ein wenig nach oben rutscht. Das fühlt sich an mir kühl und unerfüllt an.
Sie küsst mich und dreht sich geschmeidig auf den Bauch.
„Gefällt dir mein Hinterteil?“
„Sehr“, stöhne ich.
„Sehr gut, sehr gut. Dann lass es uns doch hinten weitermachen.“ Sie streichelt sich eine Pobacke mit einer Hand und spreizt die Beine. „Komm, spendier uns ein wenig Speichel dorthin. Du wirst sehen, das ist fast noch schöner als vorne.“
„Du meinst, ich soll dich …“
„Ich meine, Sie sollen überhaupt nicht ohne mich rückerleben!“
Mit stechendem Blick und zornigem Gesichtsausdruck steht er vor mir. Ich sitze immer noch auf dem Barhocker. Draußen auf dem Meer ist finstere Nacht. Kein Mond und kein Stern in Sicht.
Von irgendwoher kommt Howard Carpendales Stimme, die säuselt, als wenn nächtens, wenn alles schliefe, eine Sie bei ihm sein sollte, doch diese Sie sei ja doch nur bei einem gewissen Ihm.
Einerlei, mir wird anheim gestellt, mich wieder in das Flauschkabuff zu begeben.
„Wenn sie hier ungebeten zurückfantasieren und ihre Pausenzeit vergeuden, kann ich auch nicht helfen!“
Der Weg ins Kabuff kommt mir viel weiter vor.
Dort riecht es nach Mäusen und Meerschweinchen. Ich lege mich ergeben auf die Chaiselongue, schließe die Augen und erhalte meinen Stoff.
„So, das Zauberwort ist wieder Liane.“
Ich sitze am Steuer eines weinroten VW Passat. Aus den Lautsprechern kommt Pink Floyds Comfortably Numb. Die Kantstraße ist wie so oft in Höhe des Savignyplatzes verstopft. Ich ergattere einen Parkplatz gegenüber dem Delphi Kino. Als ich in den Lusttempel hineinkomme, schlägt mir die bekannte muffige Luft entgegen. Wir haben Mittwoch. Eigentlich müsste sie hier sein. Es ist aber so viel Zeit vergangen, ganze zehn Monate! Vielleicht haben sich ihre Gewohnheiten geändert? Hat sie die Madagaskar-Reise heil überstanden? Lässt ihr ihr Studium überhaupt noch Zeit für die Peepshow?
In der Martin-Luther-Straße ist sie heute nicht. Da war ich schon. Mein Puls beginnt sich aufzuregen, jedenfalls spüre ich ihn. Hier ist ein wenig umgebaut worden. Die Kabinen haben nun Vorhänge und keine verschließbaren Türen mehr. Die Showtafel hängt auf der anderen Seite, ist peppiger und mit bunten Sternchen und Glitzer versehen.
Eine große Enttäuschung macht sich breit. Vier Mädels und keine Liane. Ich kenne nur eine dem Namen nach, die blonde Miriam, die, die mir Liane empfohlen hatte. Bei ihr blinkt ein Lämpchen.
Ich gehe in eine Kabine und spendiere dem Zeitautomaten
eine Mark. Der dunkle Vorhang hebt sich. Sie steht auf der Drehscheibe und lässt einen weichen, rosa Pareo abwärts rutschen. Miriam hat einen durchtrainierten Körper mit einem schönen Busen, einer eindrucksvollen Taille, langen, schlanken Beinen und eigentlich das Wichtigste, einem süßen Gesicht. Strahlende, graublaue Augen blicken ins Rund und haben mich entdeckt. Ich bekomme ein schüchternes Lächeln. Ihr Mund ist mit vollen Lippen beschenkt, die sie hellrosa geschminkt hat. Die üppigen, brustlangen Haare sind in einem seitlich angelegten Pferdeschwanz eingefangen. Ihren Venushügel ziert ein kleines haariges Dreieck.
Wie auf der Flucht stürze ich nach dem Ende der Eine-Mark-Zeit nach draußen. Als ich im Auto sitze, fällt mir ein, dass in der Uhlandstraße kurz hinter dem Gebäude des Maison de France noch eine Peepshow aufgemacht hat. Vielleicht …?
Zum Abschluss der Nachrichten noch eine traurige Meldung: Wie erst heute bekannt wurde, ist gestern in Los Angeles der britische Produzent und Filmregisseur Alfred Hitchcock gestorben. Hitchcock zählte zu den bedeutendsten Vertretern des Thriller-Genres.
Eine rote Ampel folgt der anderen. Mich nervt im Moment alles. Ich schalte das Radio aus.
Hier ist es noch schwieriger, einen Parkplatz zu finden. So leiste ich mir das Vergnügen des Parkhauses im Kudamm-Karree.
Im Gang zur Uhlandstraße stinkt es heftig nach Urin.
In diesem Laden scheint alles noch mehr zu glitzern. Ich orientiere mich um das Rondell der Kabinen, die auch hier nur Vorhänge besitzen. Am Ende hängt die Tafel mit den Frauen. Gudrun, Natalie, Jenny und Kim! Keine Liane!
So ein Mist!
Als ich nach bestandener Pharmareferentenprüfung aus der Mainmetropole wieder in Berlin zurück war, lag ich nächtelang wach und dachte an die Rendezvous mit Liane. War meine Sie außer Haus, bewunderte ich sicher zwanzigmal Lianes Porno. Das war der Sehnsucht nach ihr nicht gerade förderlich. Und jetzt ist sie nicht auffindbar. Meine Erregung allerdings ist sehr anwesend. Bin nahe an lästigen Bauchschmerzen. Aus dem Radio kommt ein Schmachtfetzen von Peter Cornelius. Segel im Wind, wo er vermerkt: Du bist elektrisches Fieber und man wünscht sich, dass das niemals vergeht! Wie wahr, denke ich, als ich wieder in der Kantstraße den gleichen Parkplatz vorfinde.
„Zweimal Solo Miriam“, erkläre ich dem Typ mit dem pockennarbigen Gesicht an der Kasse.
Alles in diesem Raum erinnert mich an Liane. Ob Miriam mich das vergessen machen kann? Sun Of Jamaica tönt nebenan die Goombay Dance Band und schwungvoll geht die Tür ohne Quietschen auf.
„Halo, wir kennen noch nich. Bin ich Miriam. Nimm dein Hemd von Couch. Lege ich lieber Tunika, ist größer.“ Sie breitet ihren fliederfarbenen Pareo mit griechischem Mäandermuster aus, setzt sich zu mir und sieht mich mit einem hemmungslosen Strahlen an.
„Hallo, Miriam! Liane hat mir gesagt, dass es mit dir sehr schön sei!“
„Oh, ist sehr freundlich von Liane.“ Ich spüre ihren Arm hinter meiner Schulter. Sie strömt ein wunderbares Parfum aus. Ihre Haut ist warm und samten.
„Vielleicht wir könn‘ gleiche mach’n wie Liane?“
„Das wäre sehr schön.“
„Du verrät mir, was ihr macht? Aber muss ich noch Uhr stelln.“
Sie geht zum Tischchen und dreht die Eieruhr. Es beginnt zu ticken. Plötzlich, wie von Geisterhand, erstrahlt die Mattscheibe des Fernsehers mit einer Szene in einem Bett mit weißer Bettwäsche, auf der Erdbeeren appliziert sind. Ein dunkelhaariger Typ liegt relaxt in diesem Bett und Traci Lords krabbelt über die Zudecke bis zum Gesicht des Mannes, um ihn mit ihren roten Schmolllippen zu verwöhnen.
Miriam verschönt wieder das Sofa neben mir.
„Also du sagst mir? Auch wie du heißt?“
„Ich heiße Hubert.“
„Huberrt?“ wiederholt sie. „Namen ich nich kenne.“
„Du bist Polin?“
„Ja.“
„Den Namen gibt es bei euch auch. Auf Polnisch hieße ich Huberta.“
„Huberrta? Habe ich nie gehört. Aber Huberrt, was möchtest du?“
„Ich möchte dich küssen und Französisch bitte.“
„Okay! Gibst du mir einhundert.“
Aus der Flimmerkiste kommen Bilder, die zu meinem Wunsch gut passen. Traci beschleckt ihren Bettpartner an der Stelle, die ihm sicher sehr viel Freude bereitet.
Miriam bemerkt, dass ich das Geschehen im Fernseher verfolge.
„Gefällt dir diese Frau und was sie macht?“
„Ja, das ist eine gute Darstellerin. Sie heißt Traci Lords.“
„Okay, werrden wir sehn, ob ich bin auch gut? Dazu musst du auch Unterhose ausziehen.“
Ich lege meinen Arm um sie und ziehe sie an mich.
Sie schließt die Augen. Wieso denke ich an den ersten Kuss mit Monika in Frankfurt?
Miriam ist sehr aktiv in meinem Mund, fast schon besitzergreifend. Das habe ich nicht erwartet. Ihre Brustwarzen werden hart. Traue ich mich, auch weiter unten eine Reaktion zu erforschen?
Dieses Ansinnen übernimmt sie. Sanft ergreift sie meine Hand, um ihr vorzuführen, dass auch ihr Schoß von unseren Küssen profitiert.
„Merkst du, was du machst mit mir?“ Sie sieht an mir entlang.
„Schön, Huberrt. Bist du schon bereit für meine Mund?“
Ein weiteres Wort bleibt ungesagt, da mein Mund ihren
zurückerobert. Nebenan erobert Abba mit When I Kissed the Teacher die Drehscheibe. Mit? Wie hieß sie noch? Die, die sich über Liane beschwert hat? Silvie? Nee, jetzt weiß ich es wieder. Cindy!
Auf jeden Fall küsst Miriam großartig. Fast schon zu großartig.
„Wie heißt denn dieses Wahnsinnsparfum?“, versuche ich mich abzulenken.
„Ist dieses Opium. Meine Lieblingsduft.“ Ihre linke Hand erkundet sehr behutsam meine momentane Standfestigkeit.
In alten öffentlichen Gebäuden fahren Paternoster auf und ab. Ich denke an einen in einem Hotel in Bremerhaven, den ich Anfang der 60er-Jahre kennenlernte und in dem ich immer davor Angst hatte, zu spät auszusteigen und ins Schwarze unten in den Keller einzufahren. Krampfhaft hole ich mir diese Gedanken aus dem Gedächtnis, denn ihr Auf und Ab an mir ist überhaupt nicht schlicht, aber ergreifend.
„Gefällt dir? Ich merke bist du sehr stark!“
Wieder raube ich weiteren Bemerkungen den Atem. Der Geschmack ihres Mundes ist köstlich. Ich schwebe im künstlichen Schnee in der Frankfurter Jahrhunderthalle. Seelig ist vielleicht eine zu starke Beschreibung für jenen Moment. Jedoch ist erlebtes Glücklichsein über einen erhebenden musikalischen Augenblick durch Angelo Branduardis Ninna Nanna nahe daran. Was wünschte ich mir jetzt Ninna Nanna als Untermalung dieses Moments.
Während sich Traci auf der Mattscheibe ihren Partner partiell einverleibt, verschwindet ein kleiner, aber wesentlicher Teil von mir in diesem polnischen Schnäuzchen. Sie hat sich vor mich gekniet und umhüllt mit ihren schlanken Händen alles, was nicht zwischen ihre Lippen gerät.
Ich schließe meine Augen und sehe Lianes Gesicht vor mir. Doch es dauert nicht lange, da verschwimmt das Bild. Wie bei einer Überblendung in einem Film lächelt mich Miriam an. Verwirrt öffne ich die Augen und sehe die reale Miriam, die mich von unten mitten in ihrem Tun mit großen Augen ansieht.
Meine schließe ich wieder. Gedanken nehmen mich mit auf eine unvorhergesehene Reise.
Hier wird sehr viel geraucht. Ich schaue mich um und entdecke viele feuchtfröhliche Leute in einer feuchtfröhlichen Atmosphäre. Vor mir am rustikalen Holztisch stehen ein Glas Sekt und ein Fläschchen Underberg. Normalerweise hasse ich das Zeug.
Auf einer Bergwanderung rund um den Königssee bei Berchtesgaden hatte ich mal den Irrsinn besessen, nach einer harten Etappe eine ganze Dose Ölsardinen inklusive des Öls komplett in mich hineinzumampfen. Wie gesagt, mit Öl! Am nächsten Tag war es weitergegangen, natürlich wieder wandernd über Stock, Berg, Serpentinen, Graten und Stein, zum Kärlingerhaus am Funtensee, mit vergnüglichen Kreuzottern und Murmeltieren im Rudel. Dieser Weg dorthin war
glücklicherweise mit frischem Huflattich gesäumt, denn bei mir wollten Sardinen und Öl wieder an die verregnete Bergluft. Nicht nur auf gleichem Weg zurück, nein, selbstverständlich auch in die andere Richtung, weshalb die Huflattichblätter zwar nicht mehrlagig, aber doch sehr hilfreich waren. Unterwegs traf ich viele fremde Wandersleut‘, die ich, wenn sie außer Hörweite waren, als üble blaubeerfressende Bayern beschimpfte. Völliger Schwachsinn! In dem Zustand hätte ich nicht mal eine einzelne kleine Babyblaubeere hinunterwürgen können. Aber es kamen wieder neue Wanderer. Die erschraken sich an meiner nicht vorhandenen Gesichtsfärbung. Da gäbe es nur ein Mittel, verkündete die fleißige Wandersfrau und reichte mir ein Fläschchen Underberg. Ich schüttete es todesmutig gegen alle vorhandenen Brechreize und naturgegebenen Würgereflexe dem gestern verspeisten Öle hinterher.
Ich bedankte mich und eilte meinen Mitalpinisten hinterher, die ja keinen Bedarf an Underberg am Vormittag hatten. So verweilte die köstliche Brühe eine gewisse Zeit in mir. Doch dann walteten physikalische Urgewalten in mir und ich beugte mich der Physik, die da postuliert, dass ein flüssiger Aggregatzustand zwar nicht so schnell zur Ortsveränderung neigte wie ein gasförmiger, doch dass, wenn er, wie ich verspürte, in Bewegung gerät, das durchaus explosiv geschehen könnte. So schoss alles, was ich gestern, in welchem Aggregatzustand auch immer, aufgenommen hatte, im hohen Bogen aus mir heraus.
Einen anderen hohen Bogen wählt eine rote Nelke, die, aus einer Vase entnommen, sich nun an mein Gesicht schmiegt, dort keinen Halt findet und vor mir neben dem
Underberg-Fläschchen nun aber Ruhe findet.
„Tanzt du mal mit mir?“ Sie ist brünett, hat braune Augen und eine weibliche Façon der Prinz-Eisenherz-Frisur.
Wir haben Rosenmontag und hier in Bad Säckingen, in dieser eigentlich unscheinbaren Gaststätte, steppt der berühmte Bär. Die Gäste steppen zwar nicht, aber tanzen sich die Sohlen blank, und nun steht mir das auch bevor.
Sie heißt Marie, kommt aus Saint-Denis bei Paris und sowie ich sie bei She Drives Me Crazy, ein Titel, ein Programm, von den Fine Young Cannibals im Arm habe, weitet sich der Kontakt, auch nicht im Rhythmus des Liedes, sondern eher in einer Slowmotionversion, auf einen Kontakt mit allem, was wir an Oberfläche haben, aus.
Sie ist Zahntechnikerin und macht hier in Säckingen eine Fortbildung. Ihre Eltern sind Deutsche, deshalb spricht sie meine Sprache wie ich.
Ihren Atem würde ich keiner Alkoholkontrolle im Straßenverkehr unterziehen wollen. Das bestätigt sich dann auch sofort beim gegenseitigen, genaueren Kennenlernen unserer Bouches, wie die Franzosen das Rotbemalte unterhalb der Nase benennen.
Da tippt mir jemand auf die Schulter! Hoffentlich hat Marie keinen eifersüchtigen Copain im Schlepptau. Ich drehe mich und erblicke das verschmitzte Grinsen einer Kurzhaarigen.
„Bonsoir! Isch bin Odile. Diese Poufiasse du tanzt, ist mein Freundin. Aber maintenant du tanzt un peu mit mir?“
Fliegender Wechsel mit ähnlicher Folge. Auch Odile klebt sofort an mir. Sehr angenehm und aufregend zugleich.
Sie ist direkt aus der französischen Hauptstadt, genauer gesagt aus La Madelaine. Auch sie macht die
Zahntechnikerfortbildung und auch ihr Deutsch ist super, allerdings mit mehr Akzent als bei Marie.
So lerne ich unvermittelt die Raffinesse von Odiles Talent in einer urfranzösischen Disziplin kennen. Sie küsst im reinen Sinn des Eigenschaftswortes atemberaubend.
Wir machen Pause und kehren an unseren Tisch zurück. Da wartet auf mich eine Runde Underberg und Sekt oder besser gesagt andersherum, erst ein Glas Sekt und dann den Underberg hinterher.
Marie und Odile nehmen mich in die Mitte, und wenn ich ihnen keinen Einhalt gebieten würde, endete der Abend sicher in einem hemmungslosen Besäufnis.
Aus den Lautsprechern kommt Twist In My Sobriety von Tanita Tikaram. Marie meint, dass es langsam Zeit für einen weiteren Dance proche sei.
Sie umgarnt mich mit Küssen hinterm Ohr und endet wieder Mund auf Bouche. Dann gibt sie Odile auch einen Kuss auf ihre weinrot geschminkten Lippen.
Mir fällt auf, dass sie so gut wie Partnerinnenlook haben: schwarzes Carmen-Top, schwarzer Faltenrock bis kurz übers Knie und schwarze Strumpfhosen.
„Hast du Lust, mit uns noch ein Glas Champagner auf unserem Zimmer zu … schlürfen?“ Maries Augen blitzen mich verführerisch an.
Mein Puls beginnt zu stolpern, zu traben, zu galoppieren.
Zwei Mädels, zwei Französinnen auf ein Mal, alors là! Honni soit qui mal y pense!
La Chambre ist im dritten Stock, erst geradeaus und dann rechts.
In ihrem geräumigen Zimmer steht an der Wand gegenüber rechts der Tür ein geräumiges, französisches Bett. Auf der anderen Seite befindet sich eine Nische mit einem Tischchen und zwei kleinen Sesseln. Dahinter ist die Tür zum Badezimmer.
„Bleibt brav, aber niescht ssu sehr! Isch nähm Dusch, bis gleisch!“ Odile verschwindet.
Marie nutzt die Gelegenheit, meinen Schoß zu besetzen. Wenn sie sich so zu mir beugt, erlaubt ihr Carmen-Top-Dekolleté beeindruckende Einblicke.
Ich spüre ein kurzes Überprüfen meines Aggregatzustandes zwischen den Beinen. Ihr Mund lässt kurz von meinem ab, um mir mitzuteilen, dass das ganz ordentlich sei, aber durchaus ausbaufähig.
Odile entsteigt dem Bade in einer luftigen Chemise de Nuit, aus weißem Chiffon mit türkisfarbenen Schmetterlingen. Ein niedlicher Kontrast zu ihrem schwarzen Bubikopf.
Jetzt verschwindet Marie gen Feuchtkabine und Odile nimmt auf mir Platz. Das provoziert eine Reaktion, die ihr nicht verborgen bleibt.
„Dis donc! Schlimmer Garçon! Hast du eilisch?“
Eine Antwort lässt sie jedoch nicht zu, jedenfalls nicht verbal. Die sucht sie eher mittels unserer aufgeregten Zungen zu ergründen.
Marie singt unter der Dusche, wenn ich richtig höre Amoureuse von Véronique Sanson.
Nun bin ich an der Reihe und entledige mich in dieser geräumigen Duschzelle meiner Klamotten. Marie ist in einem seidenen, schwarzen Maxishirt mit ihrer Freundin auf dem Bett gelandet. Ihr fröhliches Gegackere ist bis hierher zu vernehmen.
Nur mit schwarzem Slip bekleidet schließe ich mich den beiden an.
„Komm zwischen uns. Wir wollen doch beide etwas von unserem Germanen haben. Du hast dich aber nicht richtig abgetrocknet.“
Marie nimmt die Decke und bearbeitet meinen Rücken. Odile löscht das Licht, sodass der fast volle Mond nur schemenhafte Ansichten zulässt.
Das einzige Bekleidungsstück, welches mir noch verbleibt, stört Marie und so liege ich nackt zwischen zwei Französinnen auf einem französischen Bett.
„Was hast du denn heute gemacht?“, will Marie wissen.
„Ich war mit unserem Schulungsleiter und meinen Kollegen in Luzern. Wir haben uns dort die Fastnacht angeschaut. Das war die tollste Fastnacht, die ich jemals erlebt habe. Keine grölenden, besoffenen Horden, kein Alaaf, Humtata und Tätärä. Nur wahnsinnig gut verkleidete Leute mit wunderschönen Masken und dahinter die geniale Bergwelt der Schweiz. Wir haben auch die Seilbahn genommen, die von Fräkmüntegg die 647 Meter in sechs Meter pro Sekunde fast senkrecht in fünf Minuten zum Pilatus hochrast. Die ganze Fahrt lang wagte ich keinen Blick auf das immer winziger werdende Luzern zu werfen.“
„Hast du Vertige, wie sagt man? Höhenangst?“, errät Marie.
„Und wie! Ich hielt meinen Blick am Seilbahnfahrer fest und sagte nur mir immer, dass dieser ältere Typ da in seiner blauen Uniform den ganzen Tag nichts weiter macht, als an ein paar Stahlseilen durch die Schweizer Landschaft zu schweben. Ja, ja, die traumhaften Gipfel!“
Traumhaftes spielt sich neben und hinter mir ab. Die beiden haben sich während meiner Landschaftsreflektionen entdeckt und küssen sich intensiv und leidenschaftlich. Doch nicht so von Sinnen, als dass sie nicht die Kontrolle über ihre Finger verlören. Wie zwei größere Käfer, allerdings jeweils nicht auf sechs, sondern nur auf vier Beinchen krabbeln da zwei Hände in Richtung meiner Erlebniswelt. Doch Peterchens Mondfahrt wird heute nicht gegeben. Der Mond ist nicht voll genug und auch kein Herr Sumsemann in Sicht, sondern nur gallische Händchen auf dem Chemin für Abenteuer. Marie erreicht von rechts als Erste ihr Ziel, mit dem Resultat, dass mir nur eine Fahne zum Hissen fehlt. Aber von links ist Odile kaum langsamer. Der Kampf um den großen Zapfen-Streich ist entflammt. Wenn mich meine kärglichen Kenntnisse zu militärischen Gegebenheiten nicht trüben, werden zu solchen Anlässen, bei derartigen Momenten, die Blasinstrumente ausgepackt. Schließlich heißt das Hotel-Restaurant, in dem wir uns befinden Der Bläser von Säckingen. Also auf zum großen Zapfen, Streich der Erste: Marie hat ihn in ihrer gierigen Schnute. Das ist wie Balsam auf meiner Wohltat, als träufelte sie behutsam Öl auf meine Flammen. Baume benennen die Franzosen den Balsam. Und wie ein Baume, ausgesprochen Bohm, im Sturm der Gier fühle ich mich. Doch es naht Linderung meiner Wohltat von links. Irgendwo stand mal, dass man das Feuer mit Feuer bekämpfen sollte. Ob das so stimmt, wage ich zu bezweifeln, wenn ich den mündlichen Ortswechsel an mir recht interpretiere. Doch was einen echten Germanen, der zwischen zwei Feuerfronten gerät, ausmacht, und als solcher fühle ich mich in diesem heißen Atem zweier leidenschaftlicher Sirenen, er bleibt standhaft. Der Zapfen streicht nicht die Segel, obwohl der zweite Streich mittels Odile schon in vollem Gange ist.
Als wären wir einer Tollerei des Wilhelm Busch entsprungen, überspringen wir sechs der folgenden Streiche und landen beim terminalen achten. Marie und Odile haben den siebenten überlebt, sind nicht vom Müller in Stücke gemahlen und anschließend von Dagobert Ducks Kollegen verspeist worden.
Nein, Odile sitzt in eindeutiger Haltung auf mir und knutscht dabei mit Marie. Was der Teufel, warum ich gerade an Max und Moritz denke. Auf jeden Fall reime ich den beiden völlig unvermittelt und auch mit gewissen Atemproblemen, die allerdings eher in Odiles Bewegungsdrang begründet sind:
„Ach, was muss ich nun von geilen
Mädchen spüren, die mich heilen?
Von dem Feuer, welches sie in mir entfacht
Und sie löschen es gekonnt in dieser Nacht.
Das Beispiel hier, denn diese beiden,
Marie, Odile mag ich nicht meiden.
Ja, zu Bettgeschichten hier zu dritt,
wie ich merke, sind sie reichlich fit!“
Das Reimen und Gedichte aufsagen währenddessen ist vermutlich ähnlich schwierig und anstrengend, wie das Singen beim Stepptanz.
Fred Astaire hätte ein Lied davon vortragen können.
Marie hält inne mit der Knutscherei. Odile verliert ihren Rhythmus. Eine, zwei Sekunden völliger Stille, dass man draußen auf der Gasse sogar zwei Kater beim Balgen belauschen kann. Doch dann bricht es aus den beiden heraus und ihr Lachen ist wie jenes Lied von Ina Deter: Frauen kommen langsam – aber gewaltig. Dieser Lachkrampf, oder besser bei diesen beiden Gallierinnen dieser Fou-Rire, weitet sich auch auf mein Zwerchfell aus. Machtlos und wehrlos ergeben wir uns der Triebhaftigkeit der Komik. Bei Nebenwirkungen fragen sie weder Arzt noch Apotheker, sondern konstatieren besser den Verlust und das Schwinden der Manneskraft.
„Alors, ça alors! Muss ich dieses Wiener Würstchen wieder zu eine Knacker machen, hein? So schöne Knacker haben wir nicht in Paris!“ Marie hat sich als Erste wieder eingekriegt. Odile hingegen erhält durch Maries Bemerkung neuen Stoff. Sie wälzt sich vor Vergnügen, während sich ihre Freundin eher meinem Vergnügen widmet. Diese Widmung gerät so gekonnt, dass sie alsbald der Überzeugung ist, dass der vorhin von Odile praktizierte Rhythmus von ihr fortgeführt werden könnte. Vielleicht geht Marie neben ihrem Zahntechnikerinnendasein in Saint-Denis bei Paris noch einer Beschäftigung als Gymnastiklehrerin nach. Wer weiß? Hier gerade turnt sie sich in fast olympischer Schmiegsamkeit auf mich herauf und ergreift sehr zielstrebig von ihrem Werk Besitz. The Who, ziemlich am Ende ihrer kreativen Karriere, haben ein wunderbares Lied geschrieben und aufgenommen: Squeeze Box. Darin singt Roger Daltrey unter anderem: She goes in and out and in and out, and in and out …
So geschieht, was in der Intensität und in keinem diesbezüglichen Streich der Welt einen Zapfen ungerührt lässt.
Marie spürt die Bescherung und grinst.
„J’ai réussi!“, flüstert sie ihrer Freundin zu.
„Hattest du länger kein Sex? Ich habe selten so erlebt!“ Miriam betupft sich ihre Lippen mit einer Ecke ihres Pareos, wie man es gewöhnlich nach dem Genuss eines gelungenen Mahles tut. „Glaube ich, war schön für dich. Hast du auch sehr lange gebraucht.“ Zufrieden setzt sie sich neben mich und gibt mir einen feuchten Kuss auf die rechte Wange.
„Wo kommst du denn her aus Polen?“
„Nicht weit. Nur zweihundert Kilometer. Bin ich aus Stettin. Und du, bist du aus Berlin? Liane sie hat erzählt, sie ist von hier.“
„Ja, ich bin in Berlin geboren worden. Ach ja, Liane. Weißt du, wann sie wieder hier ist?“ Ich merke, wie mich die Frage erregt.
„Kannst du glücklich sein. Nächste Woche sie ist wieder da. Mittwoch hier und Freitag in Martin-Luther. Habe in Plan von Woche gesehn.“
Was soll ich ihr daraufhin antworten? Wahrscheinlich nur mit mäßiger Überzeugungskraft überspiele ich meine Freude. Meine Bemerkung ist ziemlich knapp:
„Das ist ja schön, dass sie wieder gesund zurück ist.“
Miriam geht darauf auch nicht ein, sondern möchte mir eine Neuerung im Big Sexyland in der Martin-Luther-Straße verklickern.
„Wir haben wirklich geile Idee in Martin-Luther! Chef nennt Surprise-Room.“
„Was ist das denn?“
„Ein Raum wie hier mit ganzer Wand aus Spiegel. Kannst du vorstelln?“
„Okay, klar.“ In der Glotze hat Traci Lords ihr Werk vollbracht und verlässt ihren sichtlich erschöpften Bettpartner.
„Ja, ja, aber Spiegel ist nicht Spiegel von Normalität! Nee, nee! Spiegel dort ist durchsichtig. Du kannst von diese Surprise-Room in Nachbarzimmer gucken und sehn, was machen andere Mädchen mit Gästen!“
„Das ist ja lustig. Wann bist du denn mal dort?“
„Muss ich erst für drei Wochen Polen fahren, zu meine Mutti. Aber dann ich bin immer tagsüber dienstags und donnerstags.“
„Okay, dann sehen wir uns bestimmt. Es war sehr schön mit dir!“
„Du bist sehr freundlich. Musst du noch arbeiten?“
„Ja, ich muss jetzt in die Firma. Nicht weit von hier. Wir haben eine Besprechung mit allen Kollegen. Das ist nicht sehr lustig. Vor allem der oberste Chef ist ein absolutes Arschloch!“
In meinem dunkelroten Dienstwagen ist Pink Floyd angesagt. Cymbaline, an wen mich das wohl erinnert? Ich bin in Gedanken versunken, als ich am Firmensitz eintreffe. Ist ja nur ein Klacks von der Kantstraße entfernt. Die Niederlassung der Firma Hoechst in Berlin liegt gegenüber der Hochschule der Künste am Steinplatz Ecke Hardenbergstraße.
In der Hoechster Nomenklatur heißt das allerdings Kontor Berlin. Für heute Nachmittag ist eine Konferenz angesagt, wie das etwas hochtrabend heißt. Nach erfolgreicher Ausbildung und abgelegter Prüfung zum geprüften Pharmareferenten wurde ich nicht wie ursprünglich vorgesehen Mitarbeiter der Behringwerke, sondern bin dem anderen Tochterunternehmen der Hoechst AG, der Firma Albert-Roussel, zugewiesen worden.
Für Mitarbeiter ist der Firmenparkplatz hinter dem Gebäude mit Einfahrt von der Goethestraße reserviert.
Ich schnappe mir meinen schwarzen Pilotenkoffer, klopfe meinen dunkelblauen Cordanzug auf Krümel und Fussel ab und binde mir die gelb-grau gestreifte Krawatte um, denn bei Miriam hatte eine Krawatte nichts verloren. Neben der Rampe ist der Eingang. Vier, fünf Stufen hinauf und hinein ins Vergnügen!
Zuerst ist eine Art Lagerraum zu durchqueren. Oft habe ich mich gefragt, was für eine Räumlichkeit da links hinter der Tür mit der groben Holztäfelung sein könnte. Heute ist diese Tür nur angelehnt und ich höre Stimmen. Eine Frau und ein Mann im Gespräch. Seine Stimme kenne ich! Sie war mir vom ersten Ton, den ich wahrzunehmen gezwungen war, unsympathisch, und das ist noch freundlich charakterisiert. Ein Radiojournalist beschrieb diese Art von menschlichem, tonauslösendem Organ einmal als fett. Das war allerdings positiv gemeint und bezog sich auf den Sänger Roger Chapman der britischen Rockformation Family. Hier, bei Dieter Fohlter, gilt dies im Negativsinn. Er spricht stets mit sehr viel, die Worte fast ertränkendem Speichel, wobei sich zu allem Übel auch noch ein leichtes Stottern gepaart mit einem unüberhörbaren Lispelfaktor gesellt.
„Ma-marlene! Zick nich so-so rum! We-wenn dein grotha“, (am ähnlichsten kommt dem gelispelten deutschen S-Laut noch das englische Th, bei der Fohlterschen Aussprache ist das Allophone ð zwingend als stimmhafter Th-Laut [ð], wie the, that, clothes oder father), „we-wenn dein grotha starker Dieterbär dir an die Wä-wäsche will. Loth runter mit dem Höthchen und ich komme rei-rein inth Ver-vergnügen!“
„Dieter, wenn jemand kommt!“
Oje! Ihre Stimme ist auch eindeutig: Marlene Ramm, seine Sekretärin.
Offensichtlich war seine Ansprache von Erfolg gekrönt, denn es schließt sich unmittelbar ein vollmundiges Stöhnen im Kanon an.
Das „Ah!“ von Marlene Ramm als Mezzosopran ist ein lupenreines A, also 220 Hertz.
Dann das „Ah!“ des Dieter Fohlter, als Bariton, ein etwas unreines A, das es auf 110 Hertz bringen dürfte.
Nun „Oh!“ von ihr und „Oh!“ von ihm, folgend von der Variante, schon allegramente vorgetragen, „Ah!“ und „Ah!“.
Fohlter unterbricht die Symphonie, bevor sie sich ins Allegrissimo steigert mit dem Hinweis: „Tho ith schön, du Thlampe! Ich ma-mach dich pla-platt! Fahr thur Hölle, Hu-hure! Die Thlacht ith gethlagen! Gleich krigth du-du, wath du-du verdientht!“
„Dieter, du erstickst mich ja! Hör auf, mich zu würgen!“, antwortete sie nach Luft ringend, bevor sie unbeirrt ihr zweistimmiges Tonstück fortführt. Bevor das in Pressante kulminiert, mache ich mich auf den Weg in den dritten Stock zur anberaumten Konferenz.
Vom Etagenpodest aus geht es links zu den Behrings und rechts zu uns. Hier residieren die Albert-Rousseller.
Dieter Fohlters Royaume befindet sich im ersten Stockwerk. Er ist oberster Boss hier im Hoechster Kontor Berlin. Ihm unterstehen die Linien Cassella Riedel, die Behring-Werke und natürlich der Hoechster Pharmaaußendienst selber.
Beim Einarbeitungsbeginn nach den Ausbildungsmonaten in Frankfurt-Nied und Wiesbaden musste ich auch bei Fohlter vorsprechen.
Marlene Ramm hatte mich erst mit arrogantem Gehabe eine halbe Stunde warten lassen, ohne mich während dieser Minuten auch nur eines Blickes oder Wortes zu würdigen.
Dann entschwand sie für eine geschätzte Viertelstunde bei ihm, um mit einem Blick, der durch mich hindurchsah, aus der Bürotür zu treten und mich zu informieren: „Der Herr Bereichsleiter lässt bitten!“
Es war ein kühler Tag im April und kein schwüler Sommertag! Fohlter jedoch saß hinter seinem Schreibtisch aus schwarzem Marmor und schon von Weitem leuchtete sein, fast bar jeden Haares, klobiger Schädel, als hätte er auf einer Sportveranstaltung in Kuala Lumpur einen Hundertmetersprint absolviert.
Das Büro ist so groß, so groß, dass man auf dem Weg von der Tür bis zu seinem Residenztisch vor Ehrfurcht zu erstarren hat, zumal man als Eintretender seines Blickes vom Spektrum Gestapo mit einer Nuance Stasi allgegenwärtig zu sein hat.
„Herr Thenck!“ Sein Gesichtsausdruck drückte eine Mischung aus Verachtung und Neugierde aus. „Ich habe mich da-dank ihreth Lebenthlaufs mit ihrer Vi-Vita vertraut gemacht. Thie kommen von ei-einem Bathillen Mutterthiff?“ Seine rot unterlaufenen Augen sehen mich nach diesem Rhetorikfrageversuch durchdringend an.
„Was meinen sie damit, Herr Fohlter?“
„Itht doch klar wie Klo-Klothbrühe! Der ko-kommunistische Bathillus hat die ehemalig freie U-Univerthität unterwandert und zu Handlangern Mothkaus gemacht. Herr Thenck, dath dath klar ist! Dath werden wi-wir ihnen hier thon authtreiben. Hier wird U-Umthath gemacht!“
„Herr Fohlter, ich bin kein Kommu…“
„Papperlapapp!“, erstickte er meinen zaghaften Versuch, ihm zu erklären, dass ich weder dem KBW, Kommunistischer Bund Westdeutschland, noch der SEW, Sozialistische Einheitspartei Westberlin, angehörte. Nie wieder würde ich auch nur den geringsten Versuch machen, ihm etwas erklären zu wollen.
„Erklär’n Se mir det mal!“, brüllt es in Dr. Kurt Merettigs Büro. Ich stehe am Eingang des Sekretariats des Chefs von Albert-Roussel Berlin. Seine Sekretärin, Monika Groth, ist nicht an ihrem Platz, das heißt aber trotzdem, ihr gilt das Gebrüll ihres Chefs. Dem gehe ich lieber aus dem Weg und wechsele durch die Verbindungstür in den Raum der Sekretärin Elfriede Kalck, guter Geist für alle normalen Außendienstler. Frau Kalck ist um die sechzig, immer mit einem verschmitztes Lächeln auf den Lippen unterwegs und kämmt sich ihre Großmutter-Friseurladen-Toupierfrisur.
„Na, Herr Schenck, schön fleißig gewesen? Hier ist es heute nicht so prickelnd. Der Chef ist mit zwei linken Beinen aufgestanden. Erst hat ihn Herr Fohlter angepflaumt und nun kriegt es Frau Groth ab.“
„Hab‘ schon gehört. Die Ärzte hatten heute auch schlechte Laune. Ich konnte nur mit dreien sprechen.“
„Is nicht so schlimm! Sie sind auch ´n bisschen früh. Wir haben wie immer belegte Brötchen geholt. Nehmen Sie sich ruhig schon. Sie sind noch jung und brauchen mehr als die alten Hasen. Die kommen sicher auch bald.“
Auf ihrem Schreibtisch steht ein Metalltablett mit Schrippen, auf denen sich Emmentaler Käse, Salamiwurst und Schabefleisch zum Verzehr anbieten. Ich nehme mir einen von den leeren Tellern, die sorgfältig daneben gestapelt sind, und bereichere ihn mit zwei halben Schabefleischbrötchen.
Schon eine halbe Stunde später sind wir vollzählig nebenan im Konferenzzimmer versammelt.
Vorm Fenster sitzt Herr Dr. Merettig, auch im sechsten Lebensjahrzehnt, braun gebrannt wie immer, kernig mit keinem Gramm Fett zu viel und einer leichten Version einer
Heinz-Maegerlein-Frisur. Rechts, vor der Längsseite des Tisches, Jochen Arnold, gerade die Fünfzig erreicht, mit Kinn- und Oberlippenbart und immer einem klein karierten Jackett mit ledernen Ellbogenschonern auf seinen Schultern. In Folge sitzend zu seiner Rechten: Irmgard Singer, ein älteres Mädchen eines weiter zurückliegenden Jahrgangs, braun gebrannt, gewagt geschminkt mit gewöhnungsbedürftigen Klamotten. Heute hat sie sicher noch ein Date als Cowgirl auf einer verspäteten Karnevalsfeier. Ich sitze gegenüber von Dr. Merettig. Links neben mir hat sich der blonde Harald-Peter Ebert niedergelassen. Er kokettiert gerne damit, dass ihn die holde Weiblichkeit, die er eher als die Weiber qualifiziert, mit Hardy Krüger verwechselt. Die Wölbung oberhalb seines Gürtels übersteigt die Ausmaße von Herrn Krüger sicherlich um das Doppelte. Eine brennende Zigarette, die er stets im Handinnenraum zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger hält, gehört praktisch zu seiner Erscheinung. Direkt links neben Ebert gesellt sich Kristian Donner zu unserer Runde ehrgeiziger Pharmavertreter ‒ pardon, umsatzorientierter, geprüfter Pharmareferenten.
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