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SOLDAT, BRUDER, ZAUBERER

(FÜR RUHM UND KRONE -- BUCH 5)

MORGAN RICE

Morgan Rice

Als Autorin von Fantasy-Epen wie der siebzehn-bändigen Reihe DER RING DER ZAUBEREI; der zwölf-bändigen Bestseller Serie DER WEG DER VAMPIRE; der bisher zwei-bändigen post-apokalyptischen Bestseller Serie DIE TRILOGIE DES ÜBERLEBENS; der sechs-bändigen epischen Fantasy Serie VON KÖNIGEN UND ZAUBERERN und dem neuen Fantasy-Epos Serie FÜR RUHM UND KRONE gehört Morgan Rice zu den Bestsellern in ihrem Genre. Morgans Bücher sind als Hör- und Printbücher in mehr als 25 Sprachen erhältlich.

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Ausgewählte Kritiken zu Morgan Rice

„Wenn Sie geglaubt haben nach dem Ende von DER RING DER ZAUBEREI nicht weiterleben zu können, dann haben Sie sich geirrt. Mit DER AUFSTAND DER DRACHEN hat Morgan Rice eine brillante neue Serie geschaffen, die uns in das Reich von Trollen und Drachen, von Ehre, Mut und Magie entführen wird. Morgan ist es gelungen eine neue Generation von Charakteren zu schaffen, die uns auf jeder Seite in Atem halten wird... Eine Empfehlung für alle Leser, die gut geschriebene Fantasy zu schätzen wissen.“

--Books and Movie Reviews

Roberto Mattos

„Ein Action-geladenes Fantasy Abenteuer das nicht nur allen Morgan Rice Fans gefallen wird sondern auch Anhängern von Christopher Paolinis DAS VERMÄCHTNIS DER DRACHENREITER... Fans von Fiction für Jugendliche werden dieses Werk von Rice verschlingen und um eine Fortsetzung betteln.“

--The Wanderer, A Literary Journal (bezugnehmend auf Der Aufstand der Drachen)

„Ein lebhaftes Fantasy-Abenteuer das auch durch seine mysteriösen Elemente und sein Intrigenspiel besticht. In QUESTE DER HELDEN geht es um Mut und darum einen Sinn im Leben zu finden. Die Helden und Heldinnen reifen, wachsen über sich hinaus und leisten dabei Außergewöhnliches... Alle die ein bissiges Fantasy-Abenteuer suchen, werden bei diesen Protagonisten und dieser Action fündig werden. Vor einer lebhaften Kulisse wächst das verträumte Kind Thor zu einem jungen Erwachsenen heran, das es mit lebensbedrohlichen Herausforderungen aufnehmen muss... Dieser Band verspricht der Anfang einer epischen Serie für Jugendliche zu werden.“

--Midwest Book Review (D. Donovan, eBook Reviewer)

„DER RING DER ZAUBEREI hat alle Zutaten für einen Bestseller: die Handlung, die Gegenhandlung, viel Geheimnisvolles, wackere Ritter und sich entfaltende Beziehungen voll von Herzschmerz, Betrug und Täuschung. Es wird Ihnen sicherlich keine Minute langweilig sein. Für jedes Alter geeignet, darf es in keiner Fantasy-Buchsammlung fehlen.”

--Books and Movie Reviews, Roberto Mattos

„In diesem Action-geladenen ersten Buch der epischen Fantasy-Reihe Der Ring der Zauberei – die momentan 14 Bände umfasst – stellt Rice ihren Lesern den 14-jährigen Thorgin „Thor“ McLeod vor, dessen Traum es ist in die silberne Legion – der Eliteritter-Einheit des Königs – aufgenommen zu werden... Rices Schreibstil ist solide und ihre Handlung faszinierend.“

--Publishers Weekly

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Copyright © 2017 durch Morgan Rice. Alle Rechte vorbehalten. Außer wie gemäß unter dem US Urheberrecht von 1976 ausdrücklich gestattet, darf kein Teil dieser Veröffentlichung auf irgendwelche Weise oder in irgendeiner Form sei es elektronisch oder mechanisch kopiert, reproduziert, verteilt oder angezeigt werden ohne die ausdrückliche Erlaubnis des Autoren eingeholt zu haben. Dieses Ebook ist nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt. Dieses Ebook darf kein zweites Mal verkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch an andere Personen weitergeben wollen, so erwerben Sie bitte für jeden Rezipienten ein zusätzliches Exemplar. Wenn Sie dieses Buch lesen ohne es käuflich erworben zu haben oder es nicht für Ihren alleinigen Gebrauch erworben wurde, so geben Sie es bitte zurück und erwerben Sie Ihr eigenes Exemplar. Vielen Dank, dass Sie die harte Arbeit des Autors respektieren. Es handelt sich um eine fiktive Handlung. Namen, Charaktere, Geschäftsangelegenheiten, Organisationen, Orte, Ereignisse und Zwischenfälle entspringen der Fantasie der Autorin oder werden fiktional benutzt. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen, ob tot oder lebendig, sind zufälliger Natur. Die Bildrechte des Bildbandes liegen bei Ralf Juergen Kraft und werden unter der Lizenz istock.com verwendet.

INHALTSVERZEICHNIS


KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHSZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

KAPITEL EINS

Dass er überhaupt aufwachte, überraschte Thanos. Nach allem, was die Königin gesagt hatte, bevor die Soldaten ihn bewusstlos geschlagen hatten, war er davon ausgegangen, dass sie ihm einfach den Hals durchschneiden würden.

Er war sich nicht sicher, ob er sich darüber freuen sollte, dass sie ihre Meinung geändert hatten.

Er musste bereits zuvor das Bewusstsein verloren haben, denn noch immer klebte das Blut an ihm, das den Boden der Gemächer seines Vaters bedeckt hatte. Er erinnerte sich daran, wie er seinen Vater in den Armen gehalten hatte, den einst großen Mann so zerbrechlich wie ein Kind. In seinen Träumen waren seine Hände mit Blut befleckt gewesen.

Er blinzelte und die Sonne verriet ihm, dass er nicht länger träumte. Doch das Blut war noch immer da. Seine Hände waren noch immer blutverklebt, nur dass Thanos nicht mehr wusste, wie viel davon sein eigenes war. Er konnte spüren, wie kaltes Eisen gegen seinen Körper drückte, doch fühlte es sich nicht wie Ketten an.

Thanos konnte sich nicht recht besinnen. Er fragte sich, wie sehr sie ihn geschlagen haben mussten, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. Sie zogen ihn hinab zu dem Augenblick, in dem er hilflos mit hatte ansehen müssen, wie sein Vater seinen letzten Atem aushauchte.

„Du wirst die Wahrheit ans Licht bringen müssen, die ganze Wahrheit.“

Diese Worte hatten seinen Vater so viel Kraft gekostet. In jenem Moment war es ihm so wichtig gewesen, dass Thanos als des Königs Sohn anerkannt würde. Vielleicht sah er darin einen Weg, den Schaden, den er in seinem Leben angerichtet hatte, wieder ein Stück weit gut zu machen. Vielleicht hatte er aber auch nur geahnt, welchen Schaden Lucious anrichten würde, wenn er an die Macht käme.

Thanos ächzte unter diesen Gedanken. Seine Träume wurden von Sonnenlicht geflutet während sein schmerzender Körper sie weiter zurückdrängte. Doch die Stimme seines Vaters hörte er noch immer.

„Felldust. Du wirst die Antworten, nach denen du suchst, in Felldust finden. Sie hat sich auf den Weg dorthin gemacht, nachdem ich – “

Selbst in seinen Träumen war dieser Satz unter dem leeren Starren seines Vaters Augen unvollendet geblieben. Er hatte nur den Namen eines Ortes, den Hinweis auf eine Reise, die ihm Aufklärung bringen würde.

Falls er lange genug lebte, um sie auch anzutreten.

Er kam wieder zu Bewusstsein und mit ihm das volle Ausmaß körperlicher Schmerzen. Thanos hatte das Gefühl, dass jeder Teil seines Körpers bis ins Mark misshandelt worden war. Er konnte kaum den Kopf heben, denn er würde ihm zerspringen, sollte er es auch nur versuchen. Er wusste aus Erfahrung, wie sich gebrochene Rippen anfühlten und gerade fühlten sich zu viele Stellen seines Körpers genau so an.

Die Wachen hatten sich nicht zurückgehalten, auch wenn sie gewusst hatten, wer er war. Vielmehr hatten sie genau deshalb noch fester zugeschlagen, entweder angetrieben durch das Ausmaß seines angeblichen Verrats, oder weil sie zeigen wollten, dass sie nicht auf der Seite ihres Rebellenprinzen standen.

Thanos gelang es, sich aufzurichten und sich umzublicken. Die Welt um ihn schien sich zu drehen, während er das versuchte. Für einen Augenblick dachte er, dies wäre eine List seiner Schmerzen, Schwindel hervorgerufen durch die Hiebe gegen seinen Kopf. Dann erkannte er jedoch, dass er sich tatsächlich bewegte. Die vertikalen Eisenstäbe waren ein ständiger Bezugspunkt während seine Bewegung den Rest der Welt ins Wanken brachte.

„Der Galgen“, murmelte Thanos und die Worte schienen ihm im Hals stecken bleiben zu wollen. „Sie haben mich an einen Galgen gehangen.“

Ein zweiter Blick bestätigte seine Vermutung. Er saß in einer überdimensionierten Variante eines Käfigs, in dem sonst auch eine verwöhnte Adlige einen Vogel hätte halten können. Thanos’ Beine steckten zwischen den Stäben und waren doch dank der kurzen Kette, mit der man den Käfig an dem Pfosten angebracht hatte, noch weit entfernt vom Boden.

Der Käfig befand sich in einem kleinen von Mauern umgebenen Hof. Hier würden sich Adlige vielleicht zu Unterhaltungszwecken treffen oder Bedienstete, um unliebsame Aufgaben zu erfüllen. In den kleinen, in das Pflaster eingelassenen Kanälen, konnte Blut oder Schlimmeres weggespült werden.

In einer Ecke errichteten Wachen ein Galgenpodest und würdigten Thanos nicht eines Blickes. Sie bauten also auch keine Richtbank zum Zwecke einer Enthauptung.

Thanos überkam die Wut und er umklammerte die Stäbe. Er würde nicht wie ein Biest in diesem Käfig sitzen und seiner Schlachtung entgegensehen. Er würde nicht herumsitzen während Männer sich bereitmachen, ihn für etwas hinzurichten, das er nicht getan hatte.

Er rüttelte mit aller Kraft an den Stäben, doch sie waren zu stark. Das Schloss seiner Tür wurde von einer Kette verriegelt, dessen Glieder so dick waren, wie Thanos’ Daumen. Er prüfte sie, doch er fand keine Schwachstelle. Der Galgen, an dem sein Käfig baumelte, ließ ihm keine Fluchtmöglichkeit.

„Hey! Hände weg!“ schrie einer der Wächter und hieb mit einem Stock nach Thanos’ Knöcheln. Schmerz durchflutete ihn, während er versuchte, dem Drang laut aufzuschreien zu widerstehen.

„Du kannst so stark tun, wie du willst“, sagte der Wächter mit hasserfülltem Blick. „Wenn wir mit dir fertig sind, dann wirst du schreien.“

„Ich bin noch immer Teil des Königshauses“, sagte Thanos. „Ich habe das Recht auf einen Prozess vor den Adligen des Reiches und ein Recht, die Art meiner Exekution zu wählen.“

Dieses Mal zischte der Stock gegen die Stangen nur eine Handbreit von seinem Gesicht entfernt.

„Königsmörder kriegen, was auch immer für sie entschieden wurde“, zischte der Wächter zurück. „Kein schneller Axthieb für dich, Verräter!“

Thanos konnte die Wut darin sehen. Echte Wut über etwas, das einem persönlichen Verrat gleichkam. Das konnte Thanos verstehen. Vielleicht bedeutete dies, dass dieser Mann einmal ein guter Mensch gewesen war.

„Du hast geglaubt, dass sich die Dinge ändern könnten, nicht wahr?“ vermutete Thanos. Das war ein großes Risiko, aber ihm blieb nichts anderes übrig, wenn er seine Unschuld beweisen wollte.

„Ich dachte, dass Ihr die Dinge besser machen würdet“, gab der andere Mann zu. „Doch dann hat sich herausgestellt, dass Ihr mit der Rebellion zusammengearbeitet habt, um den König zu töten!“

„Ich habe ihn nicht getötet“, sagte Thanos. „Aber ich weiß, wer es getan hat. Hilf mir hier raus und – “

Dieses Mal traf der Stock seine verletzte Rippenpartie und als der Wächter für einen weiteren Hieb ausholte, suchte Thanos nach einer Möglichkeit sich schützend zurückzuziehen. Aber er konnte nirgendwo hin.

Doch der Schlag erreichte nicht sein Ziel. Thanos sah, wie der Wächter innehielt, seinen Stock senkte und dann eine tiefe Verbeugung machte. Thanos versuchte, sich umzudrehen, um ausmachen zu können, was dort vor sich ging. Doch das führte dazu, dass sein Käfig sich zu drehen begann.

Als er wieder zum Stillstand kam, stand König Athena bereits vor ihm. Sie trug trauerschwarz und sah aus als wäre sie diejenige, die ihn nun hinrichten würde. Wachen hatten sich um sie gescharrt, als befürchteten sie, dass Thanos der Stäbe seines Käfigs zum Trotz einen Weg finden würde, sie zu töten, so wie er einen Weg gefunden hatte, den König zu töten.

„Warum hängt er hier?“ fragte Königin Athena. „Ich dachte, ich hätte euch gesagt, dass ihr ihn einfach hinrichten solltet.“

„Verzeiht Majestät“, sagte einer der Wachen, „aber er war noch nicht bei Bewusstsein und es braucht ein wenig Zeit, um eine Hinrichtungsstätte zu errichten, die dieses Verräters würdig ist.“

„Was habt ihr vor?“ fragte die Königin.

„Wir wollten ihn halb aufhängen, ihm seine Eingeweide entnehmen und ihn zum Schluss auf das Rad spannen. Wir konnten ihn, nach allem was er getan hat, nicht einfach schnell töten.“

Thanos sah, wie die Königin kurz nachdachte und dann nickte. „Vielleicht habt ihr Recht. Hat er sein Verbrechen überhaupt schon gestanden?“

„Nein, Eure Majestät. Er behauptet sogar, dass er es nicht getan hat.“

Thanos sah, wie die Königin ihren Kopf schüttelte. „Dummheit. Er wurde über die Leiche meines Mannes gebeugt vorgefunden. Ich will mit ihm alleine sprechen.“

„Eure Majestät, seid Ihr euch ganz – “

„Allein, habe ich gesagt.“ Das böse Funkeln der Königin genügte, dass selbst Thanos für einen Augenblick Mitleid mit dem Mann hatte. „Er sitzt sicher in diesem Käfig. Setzt eure Arbeit an dem Galgen schleunigst fort. Ich will den Mann, der meinen Mann getötet hat, tot sehen!“

Thanos sah, wie sich die Wachen von ihm und der Königin entfernten. Sie waren mit Sicherheit außer Hörweite. Thanos hatte keinen Zweifel, dass dies so gewollt war.

„Ich habe den König nicht getötet“, beharrte Thanos, auch wenn er davon ausging, dass das nichts an seiner Situation ändern würde. Wer würde ihm ohne Beweise schon glauben? Und erst recht nicht die Königin, die ihn noch nie hatte leiden können.

Der Ausdruck im Gesicht der Königin erstarrte für einen Augenblick. Thanos sah, wie sie sich schon beinahe verstohlen umblickte, so als wäre sie besorgt, dass jemand sie belauschte. In diesem Moment verstand Thanos.

„Ihr wisst es bereits, oder?“ sagte Thanos. „Ihr wisst, dass ich es nicht war.“

„Woher sollte ich so etwas wissen?“ fragte Königin Athena, doch etwas in ihrer Stimme verriet sie. „Du wurdest mit dem Blut meines geliebten Mannes an deinen Händen ertappt. Du standest über seine Leiche gebeugt.“

„Geliebt“, wiederholte Thanos. „Ihr habt den König aus politischen Gründen geheiratet.“

Thanos sah, wie die Königin ihre Hände an ihr Herz hob. „Und das heißt, dass wir einander nicht auch lieben konnten?“

Thanos schüttelte seinen Kopf. „Ihr habt meinen Vater nie geliebt. Ihr liebt nichts als die Macht, die euch eure Rolle als Gattin des Königs eingebracht hat.“

„Deines Vaters?“ sagte König Athena. „Mir dünkt, du hast mehr herausgefunden als du solltest, Thanos. Claudius hat viel auf sich genommen, um das zu verheimlichen. Allein deshalb solltest du hingerichtet werden.“

„Und für etwas, das Lucious getan hat“, schoss Thanos zurück.

„Ja, für etwas das Lucious getan hat“, antwortete Königin Athena und Ärger trat in ihr Gesicht. „Glaubst du etwa, du könntest mir etwas über meinen Sohn sagen, dass mich schockieren würde? Selbst das. Er bleibt mein Sohn!“

Thanos konnte die verteidigende Haltung darin hören, beinhart und unerschütterlich. In diesem Moment musste er an das Kind denken, das er niemals mit Stephania haben würde und daran, wie er seinen Sohn oder seine Tochter in Schutz genommen hätte. Er wollte glauben, dass er sein Kind in jeder Situation verteidigt hätte, doch ein Blick auf Königin Athena verriet ihm, dass dies nicht der Wahrheit entsprach. Es gab Grenzen, jenseits derer sich auch Eltern nicht mehr vor ihr Kind stellen durften.

„Was ist mit den anderen?“ erwiderte Thanos. „Was werden sie tun, wenn sie es herausfinden?“

„Wie sollten sie es herausfinden?“ fragte Königin Athena. „Wirst du es ihnen gleich zurufen? Versuch es. Lass alle wissen, dass der Verräter in dem Käfig, der über seinem ermordeten Vater stehend aufgefunden wurde, behauptet, dass eigentlich sein Bruder die Tat begangen hat. Glaubst du wirklich, dass dir irgendjemand glauben wird?“

Thanos kannte bereits die Antwort darauf. Die Tatsache, dass er hier festsaß, sprach für sich. Für jeden, der im Reich Macht besaß, war er bereits ein Verräter. Außerdem hatte er sich ins Schloss geschlichen. Nein, wenn er versuchte ihnen die Wahrheit zu sagen, würden sie ihm nicht glauben.

Er wusste, dass, wenn ihm die Flucht nicht gelänge, er hier sterben würde. Er würde sterben und Lucious würde König. Was danach geschähe, wäre ein Alptraum. Er musste einen Weg finden, es aufzuhalten.

Sicher konnte auch Königin Athena sehen, wie schlimm es werden würde. Er musste es ihr nur ins Bewusstsein rufen.

„Was glaubt Ihr wird geschehen, wenn Lucious König wird?“ fragte Thanos. „Was glaubt Ihr, wird er tun?“

Er sah, wie ein Lächeln auf Athenas Gesicht trat. „Ich denke, er wird tun, was seine Mutter ihm rät. Lucious hatte nie viel Geduld für die... mühseligen Details seiner Rolle. Eigentlich sollte ich dir danken, Thanos. Claudius war zu dumm. Er hat nicht auf mich gehört, wenn er es besser hätte tun sollen. Lucious ist formbarer.“

„Wenn Ihr das glaubt“, sagte Thanos, „dann seid Ihr genauso krank wie er. Ihr habt gesehen, was Lucious fähig war, seinem Vater anzutun. Glaubt Ihr, dass, nur weil Ihr seine Mutter seid, er euch verschonen würde?“

„Macht ist der einzige sichere Hafen“, antwortete Königin Athena. „Du wirst es nicht mehr erleben, was auch immer geschieht. Wenn der Galgen bereit ist, wirst du sterben, Thanos. Lebewohl.“

Sie drehte sich um und ging. Thanos konnte nur an Lucious denken. An dessen Krönung. Daran wie Thanos das Dorf vor Lucious gerettet hatte. An den Zustand, in dem Lucious gewesen sein muss, als er seinen Vater getötet hat.

Ich werde mich befreien, versprach Thanos sich selbst. Ich werde entkommen und ich werde Lucious töten.

KAPITEL ZWEI

Ceres wurde auf den Schultern der Menge aus dem Stadion in das Sonnenlicht getragen und ihr Herz schwoll über. Sie blickte über das Trümmerfeld und wurde von einem Schwall an Emotionen überrollt, der um ihre Aufmerksamkeit buhlte.

Natürlich herrschte Siegesstimmung. Sie hörte den Jubel der aus dem Stadion strömenden Menge. Sie alle liefen bunt durcheinander, die Rebellen von Haylon, die Kampfherren, die letzten Kämpfer aus Lord Wests Einheiten und die Menschen der Stadt.

Erleichterung über den Erfolg ihres verzweifelten Versuchs, die Kampfherren vor Lucious letzten Tötungen zu retten und darüber, dass es nun endgültig vorbei war, machte sich breit.

Doch das war nicht alles. Ceres’ Blick durchforstete die Menge, bis sie ihren Bruder und Vater Arm in Arm in einer Gruppe von Rebellen stehend fand. Sie wollte zu ihnen laufen und sicherstellen, dass es ihnen gut ging, doch die Entschlossenheit der Menge, sie durch die halbe Stadt zu tragen, war zu groß. Sie musste sich damit begnügen, dass sie allem Anschein nach unverletzt geblieben waren. Sie liefen jubelnd mit den anderen umher. Es war kaum zu glauben, dass sie zu jubeln noch im Stande waren. So viele dieser Menschen waren bereit gewesen, für das Ende der Tyrannei des Reichs ihr Leben zu geben. So viele hatten ihr Leben gegeben.

Und schließlich ergriff sie auch noch eine letzte Emotion: Traurigkeit. Traurigkeit, dass all das notwendig gewesen war und dass auf beiden Seiten so viele Menschen hatten sterben müssen. Sie sah die Leichen in den Straßen, in denen es zu Auseinandersetzungen zwischen den Rebellen und Soldaten gekommen war. Die meisten trugen das Rot des Reichs, aber das machte es nicht besser. Viele waren gewöhnliche Menschen gewesen, die gegen ihren Willen rekrutiert worden waren oder Männer, die sich der Armee angeschlossen hatten, um Armut und Joch zu entkommen. Und jetzt lagen sie hier tot auf der Straße und starrten in den Himmel, ohne dass sie jemals wieder etwas sehen würden.

Ceres konnte die Hitze des Bluts auf ihrer Haut spüren. Es trocknete bereits in der Sonne. Wie viele hatte sie heute getötet? Sie hatten irgendwann in der Schlacht zu zählen aufgehört, denn sie hatte weitermachen müssen, weiterkämpfen, denn aufzuhören hätte ihren Tod bedeutet. Sie hatte sich vom Fluss der Schlacht treiben lassen, von seiner Energie, die sich in die Energie in ihr gemischt hatte.

„Sie alle“, sagte Ceres.

Sie hatte sie alle getötet, auch wenn sie es nicht mit ihren eigenen Händen getan hatte. Sie war diejenige gewesen, die die Menschen in den Rängen überzeugt hatte, den Frieden des Reichs nicht hinzunehmen. Sie war diejenige gewesen, die Lord Wests Männer überzeugt hatte, die Stadt anzugreifen. Sie blickte zu den Toten und war entschlossen, sie niemals zu vergessen, niemals zu vergessen, was dieser Sieg gekostet hatte.

Selbst die Stadt wies die Narben der Gewalt auf: zerstörte Türeingänge, die Überreste der Barrikaden. Doch griffen auch Anzeichen von Freude langsam um sich: Menschen traten auf die Straßen, mischten sich unter die Menge, welche die Straßen in ein Menschenmeer verwandelten.

Über den Rufen der Menge konnte sie kaum etwas anderes hören, doch in der Ferne glaubte Ceres die Geräusche fortlaufender Kämpfe wahrzunehmen. Ein Teil von ihr wollte loslaufen und sich darum kümmern, doch ein noch größerer Teil von ihr wollte dieser Gewaltspirale Einhalt gebieten, bevor sie außer Kontrolle geriet. Doch in Wahrheit war sie in diesem Moment zu erschöpft, um etwas zu unternehmen. Es fühlte sich so an, als hätte sie ewig gekämpft. Wenn die Menge sie nicht getragen hätte, dann wäre sie vielleicht zusammengebrochen.

Als die Menge sie schließlich auf dem Hauptplatz absetzte, blickte sich Ceres nach ihrem Bruder und ihrem Vater um. Sie bahnte sich ihren Weg zu ihnen und schaffte es nur, weil die Menschen respekterfüllt zur Seite traten, um sie durchzulassen.

Ceres umarmte sie beide.

Sie sprachen kein Wort. Ihr Schweigen, ihre Umarmung, das sagte alles. Sie alle hatten es irgendwie als Familie überlebt. Umso schmerzhafter war der Verlust ihres Bruders.

Ceres hätte sich am liebsten nie wieder aus dieser Umarmung gelöst. Lieber wäre sie sicher bei ihrem Bruder und Vater geblieben und hätte die Revolution ihren Gang gehen lassen. Doch als sie mit zwei der für sie wichtigsten Menschen in dieser Welt dort stand, bemerkte sie auch noch etwas anderes.

Die Menschen starrten sie an.

Ceres vermutete, dass dies nach allem was geschehen war, nichts Ungewöhnliches war. Sie hatte den Kampf angeführt und sah unter all dem Blut, dem Dreck und der Erschöpfung wie ein Monster aus irgendeiner Legende aus. Doch starrten sie die Menschen auf eine andere Weise an.

Nein, sie blickten sie an, als würden sie darauf warten, dass man ihnen sagte, was als nächstes zu tun sei.

Ceres sah, wie sich einige Personen ihren Weg durch die Menge bahnten. Sie erkannte Akila unter ihnen, den drahtigen, muskelbepackten Mann, der die letzte Welle an Rebellen angeführt hatte. Die meisten trugen jedoch die Farben von Lord Wests Männern. Mindestens ein Kampfherr, ein großer mit einer Spitzhacke, dem die ihm zugefügten Wunden auf seinem Körper nichts auszumachen schienen, war ebenso unter ihnen.

„Ceres“, sagte Akila, „die verbleibenden Reichssoldaten haben sich entweder ins Schloss zurückgezogen oder die Flucht aus der Stadt angetreten. Meine Männer sind so vielen wie möglich gefolgt, doch kennen sie die Stadt nicht gut genug und ... nun, es besteht die Gefahr, dass die Leute das falsch verstehen.“

Ceres verstand. Wenn Akilas Männer den fliehenden Soldaten durch Delos nachjagten, dann würde man vielleicht denken, dass sie Invasoren seien. Und auch wenn sie das nicht wären, würde man sie überfallen, erschlagen und erschießen.

Doch war es seltsam, dass sich so viele Menschen für Antworten an sie wendeten. Sie blickte sich um und suchte nach jemandem, der in dieser Situation einen besseren Rat geben konnte als sie. Ceres wollte nicht das Ruder übernehmen, nur weil ihre Blutlinie sie mit Delos’ Uralten verband.

„Wer ist jetzt Anführer der Rebellion?“ rief Ceres. „Hat irgendeiner der Anführer überlebt?“

Um sich konnte sie sehen, wie die Menschen die Hände in die Luft warfen und den Kopf schüttelten. Sie wussten es nicht. Natürlich wussten sie es nicht. Sie hatten auch nicht mehr Überblick als Ceres. Ceres wusste jedoch das Entscheidende: Anka war nicht mehr, denn Lucious hatte sie hinrichten lassen. Wahrscheinlich waren auch die meisten anderen Anführer tot. Oder sie versteckten sich.

„Was ist mit Lord Wests Cousin Nyel?“ fragte Ceres.

„Lord Nyel ist nicht mit uns in die Schlacht gezogen“, sagte einer von Lord Wests ehemaligen Männern.

„Nein“, sagte Ceres, „das hatte ich vermutet.“

Vielleicht war es besser so. Die Rebellen und Menschen von Delos wären einem Adligen wie Lord West angesichts dessen, was er repräsentierte, mit Vorsicht begegnet, auch wenn er ein tapferer und ehrenvoller Mann gewesen war. Sein Cousin war nicht halb der Mann, der er gewesen war.

Sie fragte gar nicht erst, ob die Kampfherren einen Anführer hatten. Sie waren aus anderem Holz geschnitzt. Ceres hatte jeden von ihnen in den Trainingsgräben des Stadions kennengelernt und sie wusste, dass, auch wenn jeder von ihnen für zwölf normale Männer kämpfen konnte, sie nicht in der Lage waren, so etwas anzuführen.

So blickte sie zu Akila. Er war augenscheinlich ein Anführer und seine Männer folgten klar seinem Beispiel. Doch schien er hier von ihr die Befehle zu erwarten.

Ceres spürte die Hand ihres Vaters auf ihrer Schulter.

„Du fragst dich, warum sie auf dich hören sollten?“, vermutete er und kam damit der Wahrheit sehr nah.

„Sie sollten mir nicht folgen, nur weil in meinen Adern das Blut der Uralten fließt“, wiederholte Ceres leise. „Wer bin ich schon? Wie könnte ich sie anführen?“

Sie sah, wie ihr Vater dabei zu lächeln begann.

„Sie wollen dir nicht wegen deiner Ahnen nachfolgen. Wenn es so wäre, dann würden sie sich an Lucious halten.“

Ihr Vater spuckte in den Dreck, als wollte er damit ausdrücken, was er von diesem Gedanken hielt.

Sartes nickte.

„Vater hat Recht, Ceres“, sagte er. „Du hast viel für sie getan, deshalb wollen sie dir folgen. Deinetwegen.“

Sie dachte darüber nach.

„Du kannst sie zusammenhalten“, fügte ihr Vater hinzu. „Und zwar jetzt.“

Ceres wusste, dass sie Recht hatten, aber es war noch immer schwer inmitten so vieler Menschen zu stehen und zu wissen, dass sie auf ihre Entscheidung warteten. Was würde geschehen, wenn sie es nicht täte? Was würde, wenn sie einen der anderen zwänge, die Führung zu übernehmen?

Ceres hatte eine leise Ahnung. Sie konnte die Energie der Menge spüren, noch konnte sie in Zaum gehalten werden und doch war sie wie eine schwelende Glut, die sich jeder Zeit zu einem Flächenbrand entzünden konnte. Ohne die Vorgabe einer klaren Richtung würde sie umschlagen und zu Plünderungen der Stadt, zu noch mehr Toten und Zerstörung und vielleicht sogar zu ihrer Niederlage führen, wenn sich die unterschiedlichen Lager in die Haare bekämen.

Nein, das konnte sie nicht zulassen, auch wenn sie unsicher war, was sie ausrichten konnte.

„Brüder und Schwestern!“ rief sie und zu ihrer Überraschung trat augenblicklich ein Schweigen ein.

Jetzt hatte sie die ungeteilte Aufmerksamkeit aller, mehr noch als zuvor.

„Wir haben einen großen Sieg davongetragen, wir alle! Ihr alle! Ihr habt dem Reich die Stirn geboten und ihr habt den Todesklauen den Sieg abgerungen!“

Die Menge jubelte und Ceres blickte sich um, ließ den Moment auf sich wirken.

„Aber das reicht noch nicht“, fuhr sie fort. „Ja, wir könnten jetzt alle nach Hause gehen und wir könnten auf das Viele blicken, was wir erreicht haben. Vielleicht wären wir auch für einen Moment in Sicherheit. Doch irgendwann würden das Reich und seine Herrscher sich gegen uns und unsere Kinder erheben. Alles würde wieder so werden, wie es einmal war oder sogar schlimmer. Wir müssen das hier zu einem endgültigen Ende für uns alle führen!“

„Und wie stellen wir das an?“ kam eine Stimme aus der Menge.

„Wir nehmen das Schloss ein“, antwortete Ceres. „Wir nehmen Delos ein, sodass es uns gehört. Wir nehmen den Adel gefangen und setzten ihren Grausamkeiten ein Ende. Akila, du bist über das Meer zu uns gekommen?“

„Das stimmt“, sagte der Rebellenanführer.

„Dann geh mit deinen Männern zum Hafen und stell sicher, dass wir die Kontrolle über den Hafen haben. Ich will nicht, dass irgendein Adliger entkommt und eine Armee oder Flotte gegen uns mobilisiert.“

Sie sah Akila nicken.

„Das werden wir tun“, versicherte er ihr.

Der zweite Teil war schwieriger.

„Alle anderen, kommt mit mir zum Schloss.“

Sie deutete auf die Festung, die über der Stadt thronte.

„Zu lange schon steht sie als Symbol für die Macht, die sie über uns haben. Heute werden wir sie uns zurückholen.“

Sie blickte in die Menge und versuchte, ihre Reaktion abzuschätzen.

„Wenn ihr keine Waffen habt, dann besorgt euch welche. Wenn ihr zu sehr verletzt seid oder nicht mitmachen wollt, dann liegt darin nichts Verwerfliches. Aber wenn ihr euch dazu entschließt, dann werdet ihr sagen können, dass ihr an dem Tag, an dem Delos seine Freiheit errungen hat, dabei gewesen seid!“

Sie machte eine Pause.

„Menschen von Delos!“ rief sie mit donnernder Stimme. „Seid ihr bereit!?“

Das Brüllen der Menge war ohrenbetäubend.

KAPITEL DREI

Stephania hing an der Reling ihres Boots. Ihre Knöchel waren so weiß wie der Schaum des Ozeans. Die Ozeanreise war alles andere als ein Vergnügen für sie. Allein der Gedanke an die Möglichkeit, so Rache zu nehmen, machte sie ihr erträglich.

Sie gehörte zum Hochadel des Reichs. Wenn sie zuvor auf lange Reise gegangen war, dann hatte sie sich in den fürstlichen Gemächern großer Galeeren befunden oder in gepolsterten Wägen gut bewachter Geleitzüge und nicht eingeengt auf einem Boot, das im Vergleich zu dem gigantischen Ozean winzig wirkte.

Doch es war nicht nur der fehlende Komfort, der es schwierig machte. Stephania rühmte sich damit, taffer zu sein, als die Leute es ihr zutrauten. Sie würde sich nicht beschweren, nur weil der leckende Kahn bei jeder Welle umhergeworfen wurde oder weil ihr die eintönige Kost aus Fisch und getrocknetem Fleisch missfiel. Sie würde sich nicht einmal über den Gestank beschweren. Unter normalen Umständen hätte Stephania ihr bestes Lächeln aufgelegt und sich mit der Situation abgefunden.

Doch ihre Schwangerschaft erschwerte das. Stephania hatte das Gefühl, dass sie das Kind in ihr jetzt wachsen fühlen konnte. Thanos’ Kind. Ihre perfekte Waffe gegen ihn. Ihre Waffe. Es war etwas, das sie kaum hatte glauben können, als sie es erfahren hatte. Doch jetzt, da ihre Schwangerschaft ihre Übelkeit noch verschlimmerte und das Essen noch widerwärtiger machte, schien sie nur zu real.

Stephania beobachtete Felene, die sich am vorderen Teil des Boots zusammen mit Elethe, Stephanias Zofe, zu schaffen machte. Die beiden hätten nicht gegensätzlicher sein können. Die Matrosin, Diebin und was auch immer diese Person in ihrer Kniehose und Tunika mit ihrem im Rücken geflochtenen Zopf war neben der Zofe in ihrem Seidenkleid und dem Mantel, ihrem kurzen Haar, das ihre dunklen Züge einrahmte und ihr eine Eleganz verlieh, von der die andere Frau nur träumen konnte.

Felene schien bestens gelaunt und sang ein altes Matrosenlied, das so vulgär war, dass Stephania überzeugt war, dass sie es absichtlich sang, um sie zu reizen. Vielleicht entsprach das jedoch auch nur Felenes Art, jemanden zu umgarnen. Sie hatte einige Blicke eingefangen, die die Diebin ihrer Zofe zugeworfen hatte.

Und auch ihr. Das war jedoch immer noch besser als ihre misstrauischen Blicke. Diese waren zu Beginn selten gewesen, doch hatten sie mit der Zeit zugenommen, und Stephania konnte auch vermuten, warum. Die Nachricht, die sie Thanos hatte mitteilen lassen, hatte besagt, dass sie Lucious’ Gift geschluckt hatte. Damals war es der beste Weg gewesen, Thanos zu verletzen, doch jetzt bedeutete es, dass sie die Zeichen ihrer Schwangerschaft, die entschlossen war, sich zu erkennen zu geben, verstecken musste. Selbst ohne die fast konstant anhaltende Übelkeit, konnte Stephania spüren, wie sie sich langsam in einen Wal verwandelte und ihre Kleider jeden Tag enger wurden.

Das würde sie nicht ewig verstecken können, was bedeutete, dass sie Thanos’ Schoßhund irgendwann würde töten müssen. Vielleicht sogar gleich. Sie musste nur zu der anderen Frau gehen und sie über den Bug ihres Bootes schubsen. Oder sie konnte ihr etwas von ihrem Wasser anbieten. Ihrer überstürzten Abreise zum Trotz hatte Stephania dennoch genug Giftmischungen mitnehmen können, um eine ganze Legion von möglichen Feinden auszulöschen.

Sie könnte es auch ihrer Zofe überlassen. Elethe konnte schließlich gut mit Messern umgehen, doch dann hatte sie sie wiederum als Gefangene der Matrosin vorgefunden, als sie an der Anlegestelle angekommen war. Das wäre vielleicht also nicht die beste Idee.

Diese Einsicht ließ Stephania innehalten. Das war etwas, das sie nicht falsch angehen durfte. Sie hatte nur eine Chance. So weit von anderen Mitteln und Wegen entfernt, konnte ein Versagen ihren stillen Abgang bedeuten. Es würde ihren Tod bedeuten.

Sie waren auf jeden Fall noch zu weit vom Festland entfernt. Stephania konnte das Boot nicht steuern, und auch wenn sich ihre Zofe in den Landen von Felldust auskannte, so würde sie sie gewiss nicht sicher über den Ozean und zu dem richtigen Stückchen Land bringen können. Stephania war auf der Suche nach etwas bestimmten, und sie würde es nur finden, wenn sie zu dem Land, das nun seit Generationen ein Verbündeter des Reichs war, gelangen würde.

Stephania trat zu den anderen, und für einen Augenblick dachte sie darüber nach, Felene trotzdem über Bord zu werfen, einfach weil sie gegenüber Thanos überraschend loyal erschien. Das war nichts, das Stephania von einer bekennenden Diebin erwartet hätte. Das hieß auch, dass Bestechung in diesem Fall keine Option darstellte und ihr nur gewaltsame Mittel blieben.

Doch als Felene sich zu ihr drehte, zwang sich Stephania zu einem Lächeln.

„Wie weit ist es noch?“ fragte sie.

Felene machte mit ihren Händen eine abwägende Bewegung so als sei sie ein Händler. „Ein Tag oder zwei vielleicht. Das hängt vom Wind ab. Behagt Euch meine Gegenwart schon nicht mehr, Prinzessin?“

„Nun“, sagte Stephania, „du bist so vulgär, herablassend, selbstherrlich und fast fröhlich im Bezug auf dein Dasein als Kriminelle.“

„Und das sind nur wenige meiner hervorragenden Eigenschaften“, sagte Felene mit einem Lachen. „Trotzdem werde ich Euch ohne Probleme nach Felldust bringen. Habt Ihr darüber nachgedacht, was Ihr dort tun wollt? Wollt Ihr vielleicht Freunde vom Hof fragen, Euch bei der Suche nach diesem Zauberer zu helfen? Wisst Ihr, wo Ihr ihn suchen müsst?“

„Dort, wo die sinkende Sonne die Gebeine der Steintoten trifft“, sagte Stephania, sich an die Anweisungen der Alten Hara erinnernd. Stephania hatte für diese Anweisungen mit dem Leben einer ihrer Zofen bezahlt. Das schienen sie kaum wert gewesen zu sein.

„Ja diese Art von Anweisung kommt mir bekannt vor“, sagte Felene mit einem Seufzer. „Glaubt mir, ich habe ein paar beachtliche Dinge in meinem Leben gestohlen und die Anweisungen sind selten eindeutig. Keine Straßennamen oder jemand, der dir sagt, die dritte Tür links zu nehmen. Zauberer und Hexen sind am schlimmsten. Es überrascht mich, dass eine Adlige wie Ihr es seid, sich auf so etwas einlässt.“

Das lag daran, dass die Matrosin wirklich kaum etwas über Stephania wusste. Nicht die Dinge, die Stephania sich angeeignet hatte, um bei gewissen Anlässen mehr als eines von vielen Gesichtern im Hintergrund zu sein. Sicherlich wusste sie auch nichts über ihre Beharrlichkeit, wenn es darum ging, Rache zu nehmen.

„Ich werde tun, was ich muss, was es auch kostet“, sagte Stephania. „Die Frage ist nur, ob ich mich auf dich verlassen kann.“

Felene begann zu grinsen. „Solange Ihr mir nicht mehr abverlangt als zu trinken, zu kämpfen und gelegentlich etwas zu klauen.“ Dann wurde ihr Ausdruck ernster. „Ich schulde Thanos etwas, und ich habe ihm mein Wort gegeben, Euch in Sicherheit zu bringen. Ich werde mein Wort halten.“

Ohne diesen Zusatz wäre sie für Stephanias Plan ideal gewesen. Oh, wenn sie doch nur so bestechlich gewesen wäre wie der Rest ihresgleichen. Oder offen für Verführung. Stephania hätte ihr Elethe, ohne mit der Wimper zu zucken, überlassen, so wie sie auch der Hexe Hara ihre Zofe überlassen hatte.

„Was machen wir, wenn wir in Felldust angekommen sind?“ fragte Felene. „Wie finden wir den Ort, ‚wo die sinkende Sonne die Gebeine der Steintoten trifft’?“

„Ich habe von den Gebeinen der Steintoten gehört“, antwortete Elethe. „Sie befinden sich in den Bergen.“

Stephania hätte es vorgezogen, das im Privaten zu besprechen, doch in Wahrheit gab es keine Privatsphäre auf ihrem kleinen Boot. Sie mussten darüber sprechen, und das bedeutete, Felene miteinzubeziehen.

„Das heißt, dass wir uns in die Berge begeben müssen“, sagte Stephania. „Kannst du die Vorkehrungen dafür treffen?“

Elethe nickte. „Ein Freund meiner Familie hat Karawanen, die durch die Berge ziehen. Das sollte nicht schwer zu organisieren sein.“

„Ohne groß Aufmerksamkeit zu wecken?“ fragte Stephania.

„Ein Karawanentreiber, der zu viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, wird ausgeraubt“, versicherte ihr Elethe. „Wir werden außerdem näheres erfahren, wenn wir die Stadt erreichen. Felldust ist meine Heimat, gnädige Frau.“

„Ich bin mir sicher, dass du eine große Hilfe sein wirst“, sagte Stephania auf eine Weise, in der Dankbarkeit mitschwang. Zuvor hätte das ihre Zofe in einen Zustand der Freude versetzt, doch jetzt lächelte sie nur. Wahrscheinlich hatte es etwas mit der Aufmerksamkeit zu tun, die Felene ihr so großzügig schenkte.

Das ärgerte Stephania ein wenig. Es war keine Eifersucht im herkömmlichen Sinne, denn das Mädchen war ihr wie alle anderen auch egal, seitdem Thanos aus ihrem Leben verschwunden war. Nein, es war vielmehr die Tatsache, dass die Zofe ihr gehörte. Das Mädchen hätte einst alles getan, was Stephania ihr aufgetragen hätte. Doch jetzt konnte Stephania sich nicht mehr sicher sein, und das wurmte sie. Sie musste einen Weg finden, sie auf die Probe zu stellen, bevor das hier vorbei war.

Sie würde viele Dinge tun müssen, bevor sie mit Felldust fertig war. Sie würde den Zauberer finden müssen, und auch wenn ihre Zofe einen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort entschlüsselt hatte, so würde das immer noch Zeit und Mühe kosten. Sie würde sich in einem fremden Land befinden, in dem sowohl die Politik als auch das Volk anders waren, auch wenn sich Schwäche überall in der Welt ähnlich zeigte.

Selbst wenn sie den Zauberer fände, würde sie entweder Zugang zu seinem Wissen gewinnen oder ihn auf ihre Seite ziehen müssen. Vielleicht würde es einfach nur Geld kosten oder den Einsatz ihres Charmes, doch das bezweifelte Stephania. Jeder Zauberer, der die Macht besaß einen Uralten aufzuhalten, war in einer Lage, in der er von der Welt fordern konnte, was immer er wollte.

Nein, Stephania würde sich etwas einfallen lassen müssen, doch würde sie einen Weg finden, der sie zum Erfolg führen würde. Jeder begehrte etwas, ob es Macht war oder Ruhm oder Wissen oder schlicht Sicherheit. Stephania hatte immer eine Gabe gehabt, herauszufinden, was ein Mensch wollte; das war so häufig der Hebel gewesen, der die anderen dazu gebracht hatte, das zu tun, was Stephania von ihnen verlangt hatte.

„Sag mir, Elethe“, sagte sie aus einem Impuls heraus. „Was ist es, das du begehrst?“

„Euch zu dienen, gnädige Frau“, sagte das Mädchen sofort. Das war natürlich die richtige Antwort, doch darin lag eine Spur Aufrichtigkeit, die Stephania gefiel. Sie würde die wahre Antwort bald erhalten.

„Und du, Felene?“ fragte Stephania.

Sie sah, wie die Diebin mit den Schultern zuckte. „Was auch immer die Welt mir zu bieten hat. Vorzugsweise etwas mit Gold, Alkohol, Geselligkeit und Unterhaltung. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.“

Stephania lachte sanft und tat so, als würde sie nicht merken, dass sie log. „Natürlich. Was sollte man sich sonst wünschen?“

„Warum sagt Ihr es mir nicht?“ konterte Felene. „Was ist es, dass Ihr wollt, Prinzessin? Warum nehmt Ihr all das auf Euch?“

„Ich will Sicherheit“, sagte Stephania. „Und ich will Rache an jenen nehmen, die mir Thanos genommen haben.“

„Am Reich Rache nehmen?“ fragte Felene. „In dieser Hinsicht sind wir uns einig. Sie haben mich schließlich auf ihrer Insel ausgesetzt.“

Wenn sie glaubte, dass es Rache am Reich war, die Stephania wollte, dann sollte sie es ruhig glauben. Das Objekt ihrer Rache ließ sich allerdings einfacher definieren: Ceres, dann Thanos und jeden, der ihnen geholfen hatte.

Stephania wiederholte leise den Schwur, den sie sich in Delos gegeben hatte. Sie würde ihr Kind als Waffe gegen seinen Vater aufziehen. Sie würde ihrem Kind Liebe schenken; sie war mit Sicherheit kein Monster. Aber es würde auch einen Zweck erfüllen. Es würde wissen, was sein Vater getan hatte.

Und dass einige Dinge unverzeihlich waren.

KAPITEL VIER

Auf seiner Reise nach Felldust wurde Lucious unentwegt von einem mörderischen Verlangen heimgesucht. Jetzt, da er seinem Ziel immer näher kam, wurde dieses Gefühl sogar noch stärker. Dort stand er nun in dreckigen Kleidern in der sengenden Sonne und floh vor einem Reich, dass ihm hätte zu Füßen liegen sollen.

„Pass auf, wo du hintrittst, Junge“, sagte einer der Matrosen. Er schubste Lucious zur Seite, so dass er ein Seil richtig vertäuen konnte. Lucious hatte keinen Versuch unternommen, sich den Namen des Mannes zu merken und bereute es kurz, denn dann hätte er sich beim Kapitän über seine Mannschaft beschweren können.

„Junge? Du weißt, wer ich bin und du wagst es, mich Junge zu nennen?“ fragte Lucious. „Ich sollte zu Kapitän Arvan gehen und dich auspeitschen lassen.“

„Wenn du das tust“, sagte der Matrose im gelangweilten Tonfall von jemandem, der sich in Sicherheit wog, „dann wirst du bald sehen, wohin dich das führt.“

Lucious ballte die Fäuste. Am schlimmsten war die Einsicht, dass seine Drohungen zwecklos waren. Kapitän Arvan stand auf dem Kommandodeck und umfasste das Steuerrad. Der massige Mann schwankte mit jeder Welle, die das Boot zum Schaukeln brachte. Er hatte Lucious klar gemacht, dass er sich nur soweit um ihn scherte, wie er einen finanziellen Nutzen aus ihm ziehen konnte.

Wieder stieg Wut in ihm auf und brachte die Bilder von Blut und Stein mit sich. Das Blut seines Vaters, das an der Steinstatue einer seiner Vorfahren klebte.

Derjenigen, mit der du mich getötet hast.

Lucious zuckte zusammen, auch wenn die Stimme, die ihn so klar wie ein Morgenhimmel anrief, ihn bereits seit dem ersten Schlag gegen seinen Vater verfolgte. Lucious glaubte nicht an Geister, doch die Erinnerung an die Stimme seines Vaters war noch so lebendig, dass sie ihm jedes Mal antwortete, wenn er versuchte nachzudenken. Ja, sie war nichts weiter als ein Streich seiner Psyche, aber das machte es nicht besser. Das hieß nur, dass seine eigenen Gedanken nicht das taten, was er wollte.

Nichts geschah so, wie er es wollte. Der Kapitän des Kahns, auf dem er angeheuert hatte, hatte ihn nur widerwillig mitgenommen, so als wäre es keine Ehre, Lucious auf seiner Reise mit an Bord zu haben. Seine Männer blickten auf Lucious von oben herab, so als wäre er ein Krimineller der vor seiner gerechten Strafe fliehen würde und nicht der rechtmäßige Herrscher des Reichs, dem auf grausame Weise sein Thron vorenthalten wurde.

Thanos’ Thron.

„Es ist nicht Thanos’ Thron“, zischte Lucious ins Leere. „Er gehört mir.“

„Hast du was gesagt?“ fragte der Matrose ohne sich auch nur umzudrehen.

Lucious entfernte sich von ihm und schlug genervt gegen das Holz des Masts, doch das führte nur dazu, dass er sich schmerzhaft die Knöchel aufschürfte. Wenn er gekonnt hätte, dann hätte er einem oder zwei Crewmitgliedern die Haut abziehen lassen.

Doch Lucious blieb auf Abstand zu ihnen und hielt sich an die Bereiche des Decks, die man ihm zugewiesen hatte, als wäre er ein Bürger, den man anwies, wo er zu stehen hatte. Als könnte er nicht rechtmäßig jedes Schiff des Reichs für sich beanspruchen, wenn er nur wollte.

Doch der Kapitän des Boots tat genau das. Er hatte Lucious die klare Anweisung gegeben, keinen Ärger zu machen und sich von der Mannschaft fernzuhalten solange sie arbeitete.

„Sonst fliegst du über Bord und kannst nach Felldust schwimmen“, hatte der Mann gesagt.

Vielleicht hättest du ihn genauso wie mich töten sollen.

„Ich bin nicht verrückt“, sagte Lucious sich selbst. „Ich bin nicht verrückt.“

Er würde das nicht länger hinnehmen, so wie er es nicht länger hinnehmen würde, dass die Männer zu ihm hinabblickten, als wäre er von keinerlei Wichtigkeit. Er erinnerte sich noch immer an den Zustand kaltblütiger Raserei, in dem er sich befunden hatte, als er auf seinen Vater eingeschlagen hatte. Er fühlte noch immer das Gewicht der Statue in seiner Hand, wie er damit zuschlug, um das zu bewahren, was ihm gehörte.

„Du hast mich dazu gebracht“, murmelte Lucious. „Du hast mir keine Wahl gelassen.“

So wie jedes andere deiner Opfer dir keine Wahl gelassen hat, sagte seine innere Stimme. Wie viele Menschen haben durch dich ihr Leben verloren?

„Warum ist das wichtig?“ fragte Lucious. Er schritt zur Reling und schrie über die brausende See. „Es ist völlig egal!“

„Halt den Mund, Junge, wir versuchen hier zu arbeiten!“ rief der Kapitän vom Steuerrad ihm zu.

Nicht einmal mitten auf dem Ozean kannst du es richtig machen, sagte die Stimme in ihm.

„Halt die Klappe“, zischte Lucious. „Halt die Klappe!“

„Wie kannst du es wagen, so etwas zu mir zu sagen, Junge?“ fragte der Kapitän und trat zu ihm auf das Hauptdeck, um ihn zur Rede zu stellen. Der Mann war größer als Lucious und normalerweise hätte ihn jetzt Angst ergriffen. Doch die Erinnerungen waren so stark, dass für die Angst kein Raum mehr blieb. Erinnerungen an Gewalt. Erinnerungen an all das Blut. „Ich bin der Kapitän dieses Schiffs!“

„Und ich bin der König!“ schoss Lucious zurück. Er holte zu einem Schlag aus, der den anderen Mann an seinem Kiefer treffen und ihn zurücktaumeln lassen sollte. Er hatte noch nie an gerechte Kämpfe geglaubt.

Der Kapitän trat jedoch zurück und wich so mühelos dem Schlag aus. Lucious rutschte aus und in diesem Moment schlug der andere Mann zu.

Er schlug ihn! Als wäre er eine Hure, die sich erdreistet hatte, sich zu widersetzen und nicht ein kampfeswürdiger Krieger. Ein Prinz!

Der Schlag genügte, um ihn auf den Boden des Decks zu schicken und Lucious grummelte leise.

Halt dich besser zurück, Junge, flüsterte die Stimme seines Vaters.

„Halt die Klappe!“

Er griff nach seinem Messer, das er in der Tunika trug. Doch daraufhin versetzte Kapitän Arvan ihm einen Tritt.

Der erste Tritt erwischte Lucious so schwer im Magen, dass er sich von seinen Knien auf den Rücken abrollte. Der zweite Tritt traf nur seinen Kopf, doch er war heftig genug, dass Sterne vor seinen Augen zu tanzen begannen. Doch das brachte die Stimme seines Vaters immer noch nicht zum Schweigen.

Nenn dich nur einen Krieger. Ich weiß, dass du es besser weißt.

Das war leicht gesagt, wenn man nicht derjenige war, der gerade auf einem Schiffsdeck zu Tode gedroschen wurde.

„Du glaubst wohl, dass du mich erstechen kannst, Junge?“ fragte Kapitän Arvan. „Ich würde deine Knochen verkaufen, wenn ich überzeugt wäre, dass sie etwas einbringen würden. Doch so werden wir dich einfach ins Wasser werfen und sehen, ob vielleicht die Haie an dir Interesse zeigen!“ Er machte eine Pause und verdeutlichte das Gesagte mit einem weiteren Tritt. „Ihr zwei, greift ihn. Wir werden sehen, wie gut der Adel auf dem Wasser treibt.“

„Ich bin ein König!“ protestierte Lucious, als raue Hände nach ihm griffen. „Ein König!“

Und schon bald bist du kein König mehr, antwortete die Stimme seines Vaters.

Lucious hatte das Gefühl, schwerelos zu sein, als die Männer ihn so hoch in die Luft hoben, dass er das endlose Wasser um ihn sehen konnte. Dort hinein würden sie ihn werfen, um ihn zu ertränken. Doch so endlos war das Meer gar nicht, oder? Konnte er nicht –

„Land in Sicht!“ rief ihr Späher.

Die Spannung hielt noch einen Moment lang an und Lucious war sich sicher, dass er trotzdem im Wasser landen würde.

Dann donnerte Kapitän Arvans Stimme über das Schiff.

„Lasst diesen königlichen Lump wieder runter! Wir haben jetzt alle unsere Aufgaben, und wir werden uns später um ihn kümmern.“

Die Matrosen stellten keine weiteren Fragen. Sie ließen Lucious vielmehr auf das Deck fallen und machten sich mit dem Rest der Mannschaft daran, die Taue einzuholen.

Du solltest dankbar sein, flüsterte die Stimme seines Vaters.

Lucious war jedoch alles andere als dankbar. Im Geiste setzte er das Schiff und seine Mannschaft auf die Liste derjenigen, die für ihre Taten bezahlen würden, wenn er erst seinen Thron zurück hatte. Er würde sehen, wie sie in Flammen aufgingen.

Er würde sehen, wie sie alle in Flammen aufgingen.

KAPITEL FÜNF

Thanos saß in seinem Käfig und erwartete seinen Tod. Wie er sich auch drehte und wendete, die Sonne über dem Hof schien ihn langsam zu rösten, während die Wachen den Galgen errichteten, an dem er seinen Tod finden würde. Thanos hatte sich noch nie so hilflos gefühlt.

Oder so durstig. Sie schenkten ihm keine Beachtung, gaben ihm weder Essen noch Trinken und beschäftigten sich nur dann mit ihm, wenn sie ihre Schwerter an den Stangen seines Käfigs entlangrasseln ließen, um ihn zu verspotten.

Bedienstete eilten Besorgungen machend über den Hof, und ließen vermuten, dass im Schloss etwas vor sich ging, von dem Thanos nichts wusste. Vielleicht war dies nach dem Tod eines Königs auch schlicht der Lauf der Dinge. Vielleicht war diese Geschäftigkeit auch nur Königin Athenas Art über Delos so zu herrschen, wie sie es wollte.

Thanos konnte sich vorstellen, dass die Königin es so wollte. Während andere sich in ihrer Trauer zurückgezogen hätten und kaum in der Lage gewesen wären, zu funktionieren, konnte Thanos sich vorstellen, dass sie den Tod ihres Mannes als eine Gelegenheit verstand, die genutzt werden musste.

Thanos umklammerte die Gitterstäbe seines Käfigs. Es war recht wahrscheinlich, dass er hier der einzige war, der wirklich um seinen Vater trauerte. Die Bediensteten und Menschen von Delos hatten jeden Grund ihren König zu hassen. Athena war so sehr in ihre Pläne vertieft, um sich ernsthaft damit zu beschäftigen. Und was Lucious anbelangte...

„Ich werde dich finden“, versprach Thanos. „Es wird Gerechtigkeit geben. Für alles.“

„Oh, es wird Gerechtigkeit geben“, sagte einer der Wachen. „Sobald wir dich für das, was du getan hast, ausweiden.“

Er schlug gegen die Stangen und erwischte Thanos’ Finger so, dass er vor Schmerzen fauchte. Thanos wollte nach ihm greifen, doch der Wächter lachte nur, tänzelte rückwärts und gesellte sich wieder zu den anderen, die damit beschäftigt waren, die Bühne zu errichten, auf der Thanos letztendlich getötet würde.

Es war eine Bühne. Das Ganze diente vor allem dem Zweck der Unterhaltung. In einem einzigen Akt der Gewalt würde Athena die Kontrolle über das Reich übernehmen, indem sie die größte Gefahr für ihre Macht auslöschte und gleichzeitig zeigte, dass sie trotz der Thronbesteigung ihres Sohns weiterhin über die Schalthebel der Macht waltete.

Vielleicht glaubte sie wirklich, dass es so funktionieren würde. Wenn dann wünschte Thanos ihr viel Glück dabei. Athena war bösartig und herrschsüchtig, doch ihr Sohn war ein uneingeschränkter Verrückter. Er hatte bereits seinen Vater auf dem Gewissen, und wenn seine Mutter glaubte, ihn kontrollieren zu können, dann würde sie alle Hilfe brauchen, die sie kriegen konnte.

So wie jeder einzelne in Delos, beim kleinsten Bauern angefangen bis hin zu Stephania, in einer Falle sitzen würde, von der willkürlichen Gnade eines gnadenlosen Adligen abhängig.

Der Gedanke an seine Frau, ließ Thanos stöhnen. Er war hergekommen, um sie zu retten und jetzt saß er hier. Wenn er gar nicht erst gekommen wäre, dann wären die Dinge vielleicht besser ausgegangen. Vielleicht hätten die Wachen erkannt, dass Lucious der eigentliche Mörder des Königs war. Vielleicht hätten sie eingegriffen und nicht versucht, alles unter den Teppich zu kehren.

„Vielleicht hätten sie es auch der Rebellion angehängt“, sagte Thanos, „und Lucious wieder fein rausgehalten.“

Das konnte er sich gut vorstellen. Wie schlimm es auch würde, Lucious würde immer einen Weg finden, anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Letztlich hätte er nie gehört, wie sein Vater anerkannte, wer er war, wenn er nicht an dessen Lebensende bei ihm gewesen wäre. Er hätte nicht erfahren, dass es in Felldust Belege dafür gab.

Er hätte sich von seinem Vater nicht verabschieden und ihn in seinen letzten Momenten in den Armen halten können. Sein Bedauern drehte sich nun darum, dass er Stephania vor seiner Hinrichtung weder noch einmal würde sehen können, noch sicherstellen konnte, dass es ihr gut ging. Ungeachtet dessen was sie getan hatte, hätte er sie im Hafen nicht zurücklassen dürfen. Es war selbstsüchtig gewesen, nur an die eigene Wut und den eigenen Ekel zu denken. Dieses Verhalten hatte ihm seine Frau und sein Kind gekostet.

Es war ein Verhalten, das Thanos wahrscheinlich sein eigenes Leben kosten würde, wenn man davon ausging, dass er nur hier war, weil Stephania gefangen gehalten wurde. Wenn er sie mitgenommen hätte, sie in Sicherheit nach Haylon gebracht hätte, dann wäre nichts von all dem geschehen.

Thanos wusste, dass es eine Sache gab, die er tun musste, bevor sie ihn hinrichteten. Er konnte dem nicht entkommen, durfte nicht darauf hoffen, das zu vermeiden, was ihn erwartete, aber er konnte immer noch die Dinge klarstellen.

Er wartete bis der nächste über den Hof eilende Bedienstete an seinem Käfig vorbeikam. Der erste dem er ein Zeichen machte, lief weiter.

„Bitte“, rief er dem zweiten zu, der sich umblickte bevor er den Kopf schüttelte und weitereilte.

Die dritte war eine junge Frau, die stehen blieb.

„Wir dürfen nicht mit Euch sprechen“, sagte sie. „Wir dürfen Euch auch kein Essen oder Trinken bringen. Die Königin will, dass Ihr für den Mord am König leidet.“

„Ich habe ihn nicht getötet“, sagte Thanos. Er streckte die Hand aus, als sie sich wegdrehen wollte. „Ich erwarte nicht, dass du mir glaubst und ich werde dich auch nicht um Wasser bitten. Kannst du mir Kohle und Papier bringen? Das wird die Königin doch sicherlich nicht verboten haben.“

„Werdet ihr der Rebellion eine Nachricht schreiben?“ fragte die Bedienstete.

Thanos schüttelte den Kopf. „Nichts dergleichen. Du kannst lesen, was ich schreibe, wenn du willst.“

„Ich... ich werde es versuchen.“ Sie sah so aus, als hätte sie noch mehr sagen wollen, doch Thanos sah, wie einer der Wächter zu ihnen hinüberblickte, sodass die Dienerin schnell weitereilte.

Das Warten war schwer. Wie sollte er auch den Wachen dabei zusehen, wie sie den Galgen errichteten, auf dem sie ihn an den Abgrund des Todes stoßen wollten, bevor sie ihn auf dem großen Rad brechen wollten? Es war eine schwache Genugtuung, dass, auch wenn es Königin Athena gelänge, ihren Sohn unter Kontrolle zu bringen, das Reich alles andere als ein perfekt funktionierender Apparat wäre.

Er stellte sich noch immer alle die Grausamkeiten vor, die Lucious und seine Mutter in der Lage wären, ihrem Reich zuzufügen, als die Dienerin zurückkam. Etwas klemmte unter ihrem Arm. Es war nur ein wenig Pergament und ein winziges Stück Kohle und doch schob sie es ihm so verstohlen zu als sei es der Schlüssel zu seiner Freiheit.

Thanos empfing es ebenso vorsichtig. Er bezweifelte nicht, dass die Wachen es ihm wieder abnehmen würden, selbst wenn nur zu dem Zweck, ihn weiter zu demütigen. Selbst wenn es unter ihnen einige gab, die von der Grausamkeit des Reichs nicht völlig verdorben worden waren, so glaubten sie doch alle, dass er der schlimmste unter allen Verrätern war und nichts besseres verdiente.

Er beugte sich über den Fetzen und flüsterte die niederzuschreibenden Worte, die möglichst exakt das fassen sollten, was er auszudrücken versuchte. Er schrieb in winzigen Buchstaben wissend, dass er viel auf dem Herzen hatte, das er in dieser Form zurücklassen wollte:

Für meine geliebte Frau Stephania. Wenn du dies liest, wird man mich bereits hingerichtet haben. Vielleicht wirst du das Gefühl haben, dass ich dies, nachdem ich dich zurückgelassen habe, verdient habe. Vielleicht wirst du auch etwas von dem Schmerz spüren, den ich verspüre, wenn ich daran denke, dass man dich zu so vielen Dingen gezwungen hat, die du nicht wolltest.

Thanos suchte nach den richtigen Worten für das, was er fühlte. Es war nicht leicht, alles niederzuschreiben oder Ordnung in den Strudel aus Gefühlen in ihm zu bringen:

Ich… habe dich geliebt und ich kam nach Delos, um dich zu retten. Verzeih mir, dass mir das nicht gelungen ist, auch wenn ich mir nicht sicher bin, dass wir wieder zueinander gefunden hätten. Ich... weiß, wie glücklich du warst, als du erfahren hast, schwanger zu sein, und auch ich war voller Vorfreude. Dass wir unseren Sohn oder unsere Tochter nie kennenlernen werden, ist auch jetzt noch das, was mich mit größtem Bedauern erfüllt.

Dieser Gedanke schmerzte ihn mehr als jeder Schlag, den die Wachen ihm hätten zufügen können. Er hätte schon früher zu Stephanias Rettung zurückkommen sollen. Er hätte sie niemals zurücklassen sollen.

„Es tut mir leid“, flüsterte er, wissend, dass er nicht genügend Platz zur Verfügung hatte, um all das, was er sagen wollte, niederzuschreiben. Er konnte seinen Gefühlen keinen Ausdruck verleihen, denn er wusste, dass er sie einer Fremden anvertrauen musste. Er musste hoffen, dass dies genügen würde.

Er hätte so viel mehr schreiben können, aber das war der Kern dessen. Seinen Kummer über die Dinge, die schiefgegangen waren. Die Tatsache, dass Liebe im Spiel gewesen war. Er hoffte, dass es genügen würde.

Thanos wartete, bis die Bedienstete wieder bei ihm vorbeikam. Er hielt sie mit ausgestrecktem Arm an.

„Kannst du das Lady Stephania bringen?“ fragte er.

Die Dienerin schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, das kann ich nicht.“

„Ich weiß, dass ich viel verlange“, sagte Thanos. Er wusste, dass sie ein großes Risiko würde eingehen müssen. „Wenn nur irgendjemand es zu ihr in den Kerker schmuggeln könnte – “

„Das meine ich nicht“, sagte die Bedienstete. „Lady Stephania ist nicht mehr hier. Sie hat das Schloss verlassen.“

„Das Schloss verlassen?“ wiederholte Thanos. „Wann?“

Die Bedienstete breitete unwissend die Hände aus. „Ich weiß es nicht. Ich habe nur gehört, wie eine ihrer Zofen darüber gesprochen hat. Sie ist in die Stadt gekommen und nicht wieder zurückgekommen.“

War sie entkommen? Hatte sie es geschafft, ohne Hilfe zu entkommen? Ihre Zofe hatte gesagt, dass dies unmöglich sei. Hatte Stephania dennoch einen Weg gefunden? Er konnte zumindest hoffen, dass es so war, oder?

Thanos dachte noch immer darüber nach, als er bemerkte, dass es um die Galgen ruhig geworden war. Ein Blick darauf verriet ihm auch warum. Er war bereit. Wachen standen wartend neben ihm und betrachteten bewundernd ihr Werk. Die Umrisse einer Schlinge zeichneten sich dunkel gegen den Himmel ab. Ein Rad und eine Feuerschale standen gleich daneben. Über allem thronte ein gewaltiges mit Ketten versehenes Rad, neben dem ein großer Hammer auf dem Boden lag.

Er konnte sehen, wie immer mehr Menschen sich versammelten. Wächter hatten sich in einem Kreis im Hof verteilt und sahen aus, als wären sie auf der Hut, dass niemand das Bevorstehende vereiteln würde. Vielleicht wollten sie aber auch nur Thanos’ Tod aus nächster Nähe miterleben.

Über ihm konnte Thanos sehen, wie einige Bedienstete und Adlige aus den Fenstern blickten, Mitleid schien in einigen Blicken zu liegen, während andere völlig leer waren oder von blankem Hass erfüllt. Einige hatten sogar auf dem Dach Platz genommen. Von dort blickten sie hinab, weil sie keinen besseren Platz gefunden hatten. Sie taten so als wäre es das Großereignis des Jahres und nicht eine Hinrichtung. Das ließ Zorn in Thanos aufkeimen.

„Verräter!“

„Mörder!“

Die Rufe prasselten auf ihn nieder. Nach den Beschimpfungen flog fauliges Obst aus den Fenstern. Das war der bitterste Teil. Thanos hatte geglaubt, dass diese Menschen ihn respektierten und wussten, dass er zu dem, was ihm hier vorgeworfen wurde, nicht in der Lage wäre. Doch sie verspotteten ihn, als sei er der schlimmste Verbrecher. Nicht alle von ihnen stimmten mit ein, doch genügend taten es und Thanos musste sich unweigerlich fragen, ob sie ihn wirklich so sehr hassten oder ob sie dem neuen König und seiner Mutter nur zeigen wollten, auf welcher Seite sie standen.

Er wehrte sich, als sie zu ihm kamen und ihn aus seinem Käfig zerrten. Er schlug und trat, hieb aus und versuchte, sich frei zu winden. Doch was er auch unternahm, es war nicht genug. Die Wachen griffen seine Arme, drehten sie nach hinten und banden sie fest zusammen. Thanos hörte auf, sich zu wehren, aber nur weil er sich ein wenig Würde in diesem Moment bewahren wollte.

Sie führten ihn Schritt für Schritt zu dem Galgen, den sie gebaut hatten. Thanos setzte sich ohne Aufforderung auf den Schemel, den sie unter die Schlinge gestellt hatten. Wenn er Glück hatte, dann würde der Fall ihm das Genick brechen und ihm den Rest des grausamen Plans ersparen.

Als sie ihm die Schlinge umlegten, musste er an Ceres denken. An das, was anders hätte laufen können. Er hatte die Dinge verändern wollen. Er hatte es besser machen wollen und mit ihr zusammen sein wollen. Er wünschte...

Doch ihm blieb keine Zeit für Wünsche, denn Thanos spürte bereits, wie die Wachen dem Schemel unter ihm einen Tritt verpassten und die Schlinge sich um seinen Hals zuzog.

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