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Michael von Prollius

Die Euro-Misere

Michael von Prollius

Die Euro-

Misere

Essays zur

Staatsschuldenkrise

E-Book-Ausgabe 1.0

© 2012 TvR Medienverlag GbR,

Postfach 110111, D-07722 Jena

www.TvRMedienverlag.de

All rights reserved.

ISBN 978-3-940431-39-4

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Inhalt

Vorwort

Statt einer Einleitung: „Eine Geldreform ist notwendig“

Teil I: Grundlagen

Die große Sparverwirrung

Ist Investieren ohne Sparen möglich?

Gegen Staatsdoping – für eine befreite Wirtschaft

Zentralbanken sind staatliche Inflationsbehörden

Inflationskosten werden drastisch unterschätzt

Inflation trifft die kleinen Verbraucher besonders hart

Leseüberraschung I: Inflation ist schädlich

Keine Angst vor Deflation!

Leseüberraschung II: Deflation und Freiheit

Deflation ist eine natürliche Reaktion

Desaströse Deflation erzeugt nur der Staat

Leseüberraschung III: Wie eine Volkswirtschaft wächst und wie sie abstürzt

Die Störung des Preissystems hat die „Krise“ verursacht

Teil II: Kritik der herrschenden Wirtschaftspolitik

Das Opeldesaste: Was Medien sehen und was sie nicht sehen

Leseüberraschung IV: Nicht konsequent abgewrackt

Der Marsch in den autoritären Wirtschaftsstaat

Kann die Regierung die Rezession bekämpfen?

Regierung gegen Bevölkerung: Zur Lage der Freiheit im europäischen Finanzsektor

Abgeordnete – schämen Sie sich!

Die griechische Europa-Tragödie

Teil III: Was Sie über die Ursachen der Finanz- und Weltwirtschaftskrise wissen sollten

Sündenbock gesucht und gefunden

Leseüberraschung V: Griechenlandspekulanten – Schein und Realität

Die Thermometerstürmer

Leseüberraschung VI: „Krankes Geld, kranke Welt“

Empirische Belege für umfassendes Staatsversagen

Leseüberraschung VII: Aus Schaden klug werden!

Vom Regen in die Traufe: Regierungen haben uns in die Schuldenfalle manövriert

Inflationskrise: Mangelndes Verständnis der Marktwirtschaft verschärft die Krise

„Finanzkrise“: Märkte korrigieren Staatsversagen

Mythos unregulierte Finanzmärkte

Regulierung ist ein Krisentreiber

Leseüberraschung VIII: Sozialpolitik als Krisenursache – hier: „Häuser für Jedermann“-Politik

Was Sie über die Ursache der Wirtschaftskrise wissen sollten

Leseüberraschung IX: Gegen die Gottspieler

Krisenursache: „Mit dem Geld anderer Leute spielen“

Zentralbanken sind nicht die Lösung, sondern das Problem

Leseüberraschung X: Geldsozialismus

Teil IV: Historische Lehren

Geschichte wiederholt sich: Kontroverse Geldpolitik um 1825

Wirtschaftszyklus und Finanzmarktkrise – gemeinsame Ursachen und Folgen

New Deal verlängerte Rezession um mehr als zehn Jahre

Stürmische Zeiten

Krisenzwischenbilanz

Der Euro ist gescheitert

Die Euro-Tragödie

„Die Euro-Zone wird – so wie sie ist – nicht Bestand haben“

Teil V: Reform

Die Marktwirtschaft macht’s möglich

Steuern: Rekordverschuldung erfordert Rekordentstaatlichung

Leseüberraschung XI: Zurück zur ethischen Geldproduktion

Keine Schuldenbremse ohne persönliche Haftung für Politiker!

Mises, Rothbard und Hayek im Deutschen Bundestag

Leseüberraschung XII: Internationale Allianz gegen Zentralbanken

Über das Wesen, die Entstehung und den Nutzen von Geld

Free Banking – Geldfreiheit für das 21. Jahrhundert

Geldproduktion im Zentralbanksystem und in einem freien Geldwesen

Free Banking: Gegen schlechtes Zentralbankgeld

Freiheit und Vielfalt statt alternativlosem Zentralismus!

Schluss: Die Euro-Illusion

Anhang

Nachweise

Noch mehr Lesestoff

Internet

Über den Autor

„Der Vorschlag, der Regierung das Geldmonopol und die Macht zu entziehen, Geld zum ‘gesetzlichen Zahlungsmittel’ zu machen, mit dem alle vorhandenen Schulden zu tilgen sind, erfolgte hier in erster Linie, weil Regierungen diese Macht im Laufe der Geschichte ständig und unvermeidlich grob mißbraucht und da- durch den automatisch arbeitenden marktwirtschaftlichen Steuerungsmechanismus, nämlich das Preissystem, schwerwiegend gestört haben.“

FRIEDRICH AUGUST VON HAYEK

Vorwort

Es gibt kaum ein Gut, dass so verbreitet ist wie Geld und dessen Herstellung zugleich so wenig verstanden geschweige denn hinterfragt wird. Es gibt nur wenige Güter, deren Produktion so selbstverständlich als Staatsaufgabe angesehen wird, wie unser tägliches Zahlungsmittel. Das staatliche Geldsystem gehört zu den Tabus, bei denen Zweifler zu Frevlern werden. Konkurrenz für das staatliche Geld ist verboten. Wer Geldzeichen ausgibt oder verwendet, die geeignet sind, im Zahlungsverkehr an Stelle der gesetzlich zugelassenen Geldes zu treten, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft. Seit dem 1. Januar 2002 ist der Euro alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel. Jeder muss die Zahlung von Geldschulden in Euro akzeptieren. Zugleich war der Euro nie ein ökonomisches, sondern von Beginn an ein politisches Projekt, vor dessen gravierenden Konstruktionsmängeln bereits 1992 namhafte Ökonomen öffentlich gewarnt haben.

Die mit dem Euro verbundenen Ziele haben sich als Illusion herausgestellt. Inzwischen macht sich eine wachsende Zahl von Menschen bewusst, dass der Euro selbst eine Illusion ist: Kaufkraftverlust statt Geldwertstabilität, Wirtschaftskrisen statt geglätteter Konjunktur, von der Banken- über die Staatsschulden- zur Vertrauens- und Systemkrise.

Heute stehen die staatlichen Geldsysteme, ob Euro, US-Dollar, Britisches Pfund oder japanischer Yen, inmitten einer ökonomischen Krise, deren politische und soziale Folgen gefürchtet werden. Von der Staatsschuldenkrise sind nahezu alle westlichen Länder betroffen, es ist lediglich eine Frage des Ausmaßes und des Zeitpunkts, an dem sich die Versprechen, Schulden zurück zu zahlen und soziale Leistungen zu verteilen weithin sichtbar als unhaltbar entlarvt werden. Wohin die innere Logik eines staatlichen Geldsystems führt, hat die Geschichte wiederholt gezeigt, zuletzt besonders anschaulich im Fall der DDR.

Diese Misere war absehbar: Bereits in den 90er Jahren hat eine Vielzahl führender Ökonomen vor derartigen unglücklichen Entwicklungen gewarnt. Das Wort Misere steht für Not, Elend und eine ausweglose Lage. Wer würde angesichts der aktuellen und noch ausstehenden Folgen einer ungebremsten Schuldenmacherei von Regierungen in ganz Europa und darüber hinaus diese Bezeichnung glaubhaft in Abrede stellen? Allerdings gibt es einen Ausweg, wie zu zeigen sein wird. Bis dahin bleibt es allerdings bei miserablem Geld, das heißt erbärmlichem, schlechtem Scheingeld aus einem staatlichen Monopol.

Noch stellt bis auf eine kleine Schar konsequenter Freunde der Freiheit niemand das staatliche Angebotsmonopol für Geld in Frage. Zwar wächst die Kritik an den Zentralbanken, aber Staatsgeld wird weitgehend als alternativlos angesehen. Das Unbehagen über die monetären Zustände ist allerdings weit verbreitet und wächst mit Rettungsschirmen und -paketen kontinuierlich weiter.

Das Interesse an Informationen über unser Geldsystem ist groß; das spiegelt sich auch in den Reaktionen auf Vorträge und Artikel wider. Die nachfolgenden überwiegend leicht verständlichen Ausführungen beschäftigen sich mit den grundsätzlichen Fragen, den großen Linien, und bieten eine alternative Sicht auf die Funktionsweise unseres Geldsystems, auf die Finanz- und Wirtschaftskrise sowie auf einen Ausweg zum Missbrauch des Geldes durch die Regierungen. Das herrschende staatliche Geldsystem lässt sich weder ökonomisch, noch rechtlich, geschweige denn sozial oder moralisch glaubwürdig rechtfertigen.

Umso wichtiger ist es, neben der offiziellen, die Medien immer noch dominierenden Deutung der Krisenursachen und des Krisenverlaufs eine alternative Erzählung wach zu halten. Die Historisierung der Krise ist aus liberaler Perspektive bereis deshalb so wichtig, weil sie die Grundlage für die Interpretation der nächsten, absehbaren Krise bildet und die Mittel rechtfertigt, die zu ihrer Bewältigung gewählt werden. Derzeit lautet das Motto immer noch: „More of the same“ oder die Krisenursachen vermehren, um die Krise zu überwinden: mehr Staatsschulden, mehr Geld, mehr und bessere behördliche Kontrolle, staatliche Regulierung sowie weniger Markt und Wettbewerb. Die Adepten des Staatsgeldsystems haben sich in den selbst gestellten Zwängen einer monetären staatsmonopolistischen Zwickmühle verfangen.

Die Masse der nachfolgenden Beiträge ist bereits im Internet erschienen. Das gilt insbesondere für das von mir gegründete „Forum Ordnungspolitik“, welches für eine freie Gesellschaft und eine freie Marktwirtschaft wirbt, ferner für Veröffentlichungen im Blog der Internetzeitung „Die Freie Welt“. Längst bieten Blogs und Plattformen eine qualitativ hochwertige Alternative zu den etablierten Medien. Viele Beiträge sind von den Herausgebern freiheitlicher Institutionen akzeptiert und publiziert worden, darunter: das „Liberale Institut“ (Schweiz), der ordnungspolitischen Blog „Wirtschaftliche Freiheit“, das Magazin „eigentümlich frei“, das „Berlin Manhattan Institut“ und sein Vorläufer „Institut für Unternehmerische Freiheit“, ferner „mises.de – Die Österreichische Schule der Volkswirtschaftslehre“ sowie in der Printausgabe des „Smartinvestors“. Zusammen mit weiteren Institutionen bilden sie eine beeindruckende Phalanx liberaler, libertärer, „Österreichisch“ inspirierter Medien.

Einige Redundanzen bleiben in einer überarbeiteten und systematisierten Artikelsammlung unvermeidlich. Vielleicht sind sie sogar notwendig, um die grundlegenden Zusammenhänge deutlich zu machen und zu verankern. Zugleich kann es für den Leser interessant sein, die Entstehung und Argumentationsweise anhand der angegebenen ursprünglichen Publikationsdaten nachzuvollziehen.

Was Sie über unser Geldsystem wissen sollten, lässt sich mit dem großen Publizisten Henry Hazlitt (1894-1993) auf die folgende Formel bringen: „Der einzige Grund, warum … sich [der Staat] in das Kreditgeschäft einschaltet, liegt darin, den Personen Darlehen zu verschaffen, die von privaten Geldgebern keinen Kredit bekommen würden. Das heißt nichts anderes, als daß die staatlichen Geldgeber mit dem Geld anderer Leute (dem der Steuerzahler nämlich) Risiken eingehen die den privaten Geldgebern für eigenes Kapital zu hoch sind.“ Das ist zugleich der entscheidende Grund, warum die Regierungen weltweit die Geldproduktion monopolisiert und verstaatlicht haben: (scheinbar) grenzenloser Kredit für unbegrenzte Regierungsausgaben.

Michael von Prollius

Berlin, August 2011

Statt einer Einleitung: „Eine Geldreform ist notwendig“ 1

Die internationale Staatsschuldenkrise, die ihren Ausgangspunkt ab Mitte 2007 in Zahlungsausfällen bei qualitativ geringwertigen amerikanischen Hypothekarkrediten nahm, und die danach auf das weltweite Wirtschafts- und Geldsystem übergriff, wird in der Öffentlichkeit als Folge unregulierter Kapitalmärkte interpretiert. Gier und mangelndes Risikobewusstsein der Geschäftsbanken hätten, so ist zu hören, die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds geführt.

Der Kapitalismus müsse gebändigt werden, damit so etwas nicht noch einmal passieren kann, so lautet die allgemein akzeptierte Lehre aus dem Debakel. Durch mehr und bessere Regulierung solle künftige Krisen entgegengewirkt werden. Regierungsbehörden und staatliche Zentralbanken sollten mehr Macht erhalten, um die Pläne in die Tat umzusetzen. Das Handelsgebaren der Finanzmarktakteure solle so eingeschränkt werden, dass es nicht mehr in systemerschütternden Krisen kommen kann.

Leider folgt diese Therapie einer falschen Ursachendiagnose. Denn nicht das freie Marktsystem hat versagt, sondern die internationale Finanzmarktkrise ist unmittelbare Folge der staatlichen Geldproduktion. Das Staatsgeldsystem ist ein Fremd- und Störfaktor im Gefüge freier Märkte und verursacht zwangsläufig die in der Öffentlichkeit beklagten Finanz- und Wirtschaftskrisen. Es führt – wenn es nicht beendet wird – zur Überschuldung und zur Zerstörung der Kaufkraft des Geldes durch eine (Hyper-)Inflationspolitik. Zur Erklärung lassen sich fünf Aspekte hervorheben.

Erstens ist das heute weltweit etablierte Kredit- und Geldsystem im Kern ein staatliches Geldangebotsmonopol. Ob US-Dollar, japanischer Yen, Euro, Britisches Pfund oder Schweizer Franken, sie alle stellen Geld dar, das von Zentralbanken, die letztlich den Regierungen unterstellt sind, produziert und in Umlauf gebracht wird. Das Kredit- und Geldsystem ähnelt weitgehend einer planwirtschaftlichen Apparatur.

Zweitens wird im staatlich beherrschten Geldsystem das Geld per Kredit geschaffen – und zwar ohne dass dafür echte Ersparnisse erforderlichen sind. Es handelt sich um Geldproduktion „aus dem Nichts“. Allerdings kann eine Behörde wie bei allen Gütern so auch beim Geld unmöglich die „richtige“ Geldmenge feststellen.

Drittens verursacht das Ausweiten der Geldmenge durch Kreditvergabe zwangsläufig Konjunktur- und Finanzkrisen. Denn das chronische Ausweiten der Geldmenge durch Kreditvergabe sorgt für ein künstliches Absenken des Marktzinses. So werden Investitionen angeregt, die ohne ein Absenken des Zinses nicht angegangen worden wären, und deren wirtschaftlicher Erfolg davon abhängt, dass der Zins niedrig bleibt oder gar noch weiter abgesenkt wird.

Droht eine Rezession, werden die eigentlich unrentablen Investitionen nicht liquidiert und die mit ihnen entstandenen Arbeitsplätze abgebaut. Vielmehr senkt die Zentralbank die Zinsen noch weiter ab im Bestreben, durch billigere Kredite und mehr Geld die Rezession – die eigentlich eine Bereinigung, aber politisch unerwünscht ist – zu „bekämpfen“ und in einen Aufschwung umzuwandeln. Diese Politik führt geradewegs in die Überschuldung.

Denn, viertens, müssen die Kreditnehmer ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen, sondern sie können fällige Kredite mit immer niedrigeren Zinsen refinanzieren. Zudem provoziert der künstlich abgesenkte Zins weitere, per Kredit finanzierte Investitionen. Das führt dazu, dass die gesamte Verschuldung schneller wächst als die Einkommen, die mit ihnen erwirtschaftet werden. Die Folge: Die Volkswirtschaften nehmen den Weg in die Überschuldung.

Fünftens: Gerade die Regierungen haben ein besonderes Interesse am staatlich kontrollierten Kreditgeld. Mit ihm lassen sich „öffentliche“ Wohltaten leicht und nahezu unmerklich finanzieren, nach denen die Wählerschaft verlangt und die Rückzahlung wird auf künftige Steuerzahler abgewälzt. Das Staatsgeldsystem lädt geradezu zum Missbrauch ein.

Doch mittlerweile ist nahezu weltweit eine Überschuldungssituation entstanden. Kreditgeber sind nicht mehr automatisch willens oder in der Lage, die Dauerschuldnerei der Kreditnehmer, insbesondere der Staaten, weiter zu finanzieren. Zugleich sind Kreditnehmer nicht mehr in der Lage oder willens, höhere Zinsen zu zahlen. Die Zentralbanken haben deshalb die Zinsen de facto auf Null Prozent gesenkt.

Die Hoffnung, dass diese Politikmaßnahmen nur vorübergehender Natur sein werden, könnte sich als trügerisch erweisen, denn dass Vertrauen in das staatliche Papiergeld ist bereits gestört. Noch tiefere Zinsen und noch mehr Geld bedeutet die Ursache der Krise dadurch zu bekämpfen, dass man ihre Ursache vermehrt. Stattdessen ist die Errichtung einer neuen Geldordnung die zentrale Herausforderung unserer Zeit. Angesichts der wachsenden Überschuldung der meisten westlichen Staaten wird das Thema „Währungsreform“ ohnehin eher früher als später auf der Tagesordnung stehen, entweder in verdeckter oder offener Form.

Ein Geld- und Kreditsystem, dass vereinbar ist mit einem System freier Märkte und damit mit friedlicher Kooperation und Wohlstand ist ein vollständig privatisiertes Geldsystem. Für das Privatisieren des Geldes haben eine Reihe namhafter Ökonomen Vorschläge gemacht, insbesondere Ludwig von Mises (1881-1973), der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek (1899-1922) und Murray N. Rothbard (1926-1995). Das Privatisieren des Geldes führt zu einem System, in dem die Marktakteure die freie Wahl haben zu entscheiden, was sie als Geld akzeptieren wollen. Solch ein Geldsystem ist ökonomisch und moralisch dem Staatsgeldsystem in jeder Hinsicht überlegen. Hayek begründete das Vorhaben wie folgt: „Der Vorschlag, der Regierung das Geldmonopol und die Macht zu entziehen, Geld zum ‘gesetzlichen Zahlungsmittel’ zu machen, mit dem alle vorhandenen Schulden zu tilgen sind, erfolgte hier in erster Linie, weil Regierungen diese Macht im Laufe der Geschichte ständig und unvermeidlich grob mißbraucht und dadurch den automatisch arbeitenden marktwirtschaftlichen Steuerungsmechanismus, nämlich das Preissystem, schwerwiegend gestört haben.“

Der Übergang zum freien Marktgeld kann beispielsweise in einem zweistufigen Verfahren ablaufen. Zunächst werden die Verbindlichkeiten der Banken in einem festen Umtauschverhältnis an Gold angebunden, das noch in den Kellern der Zentralbanken lagert. Allen Geldhaltern wird dann das Recht eingeräumt, ihre Bankguthaben jederzeit in Gold umzutauschen. Anschließend wird das Geldsystem privatisiert, sodass jedermann sein Zahlungsmittel frei wählen kann.

Wie bei allen anderen Gütern auch wird sich Qualität durchsetzen, vielleicht in Form Gold gedeckter Währungen, die sich in der Geschichte stets durch besondere Werthaltigkeit und praktische Benutzung ausgezeichnet haben. Denn die Geldnachfrager werden nur das Gut als Geld nachfragen, von dem sie erwarten, dass es gutes Geld ist.

Recht schnell würde es im Marktgeschehen eine ungeplante Übereinkunft geben, die de facto festlegt, was Geld ist: Ein Marktakteur wird seine Güter nur gegen das Geld eintauschen, von dem er erwartet, dass auch andere es als Geld ansehen werden. Geld in Form von zum Beispiel bedruckten und beliebig vermehrbaren, ungedeckten Papierscheinen würde sich daher wohl nicht als das allgemein akzeptierte Tauschmittel etablieren können.

Das freie Marktgeld entsteht aus dem freien Angebot von und der freien Nachfrage nach Geld, ohne Dazutun und Manipulation des Staates oder von Interessengruppen. Freies Marktgeld fügt sich nahtlos die Ordnung freier Märkte ein, die für materiellen und zivilisatorischen Fortschritt sorgt wie keine andere Wirtschaftsordnung. Freies Marktgeld ist nicht nur gutes Geld, sondern es sorgt auch dafür, dass Konjunkturverläufe weniger schwankungsanfällig werden, weil dieses Geld Fehlinvestitionen und damit Wirtschaftskrisen entgegenwirkt. Der Spielraum für wachstumsschädliche Marktinterventionen, die regelmäßig aus Wirtschafts- und Finanzkrisen erwachsen, würde zurückgedrängt. Damit würde auch die Bedrohung der Freiheit, die latente Gefahr monetärer Planwirtschaft, entschärft.

Beim Übergang zum freien Marktgeld würde das Staatsgeld – ob nun US-Dollar, Euro, japanischer Yen, britisches Pfund oder Schweizer Franken – absehbar stark verfallen oder letztlich vollständig untergehen. Im Grunde würde ein solcher Regimewechsel – ob nun herbeigeführt durch eine bewusste politische Entscheidung oder die freien Marktkräfte – nur die bereits aufgelaufene Entwertung für alle sichtbar ans Tageslicht befördern, während sie bislang für die Öffentlichkeit verborgen geblieben ist. Die Kosten des Regimewechsels sprechen jedoch keineswegs gegen die Einführung des freien Marktgeldes.

Die Staatsgeldsysteme schüren Fehlinvestitionen, private und staatliche Überschuldung und damit politische Anreize, das Geld durch (Hyper-)Inflation zu entwerten, um den drohenden Bankrott abzuwenden. Der wohl bedeutendste Ökonom und einer der größten Geld- und Konjunkturtheoretiker des 20. Jahrhunderts, Ludwig von Mises, urteilte, dass das Staatsgeld folglich entweder freiwillig beendet werde oder aber im Zuge einer größeren wirtschaftlichen und politischen Katastrophe.

Es wäre tragisch, wenn die Öffentlichkeit nicht versteht, dass Staatsgeld zum Scheitern verurteilt ist. Denn dann würde es den Regierungen in der Stunde der Not gelingen, auf den Trümmern des gescheiterten Staatsgeldes ein neues Staatsgeldsystem zu errichten. Damit das nicht passiert, ist Aufklärung nötig. Das Buch „Geldreform“ versucht hierzu einen konstruktiven Beitrag zu leisten. Nur gutes Geld, also freies Marktgeld, erlaubt nachhaltiges Wirtschaften und trägt dauerhaft eine freiheitliche Gesellschaftsordnung. Alle, die Freiheit und Wohlstand für unsere Gesellschaft anstreben, sollten sich für das freie Marktgeld und gegen Sonderprivilegien von Zentralbanken und Finanzinstituten einsetzen.

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1 Erstmals veröffentlicht im August 2010.

Teil I: Grundlagen

Die große Sparverwirrung2

Sparen heißt, nicht ausgeben, was man hat!

„Berlin verabschiedet Sparprogramm“, titelt die NZZ. Focus tönt: „Regierung will 2011 mehr sparen als nötig“ – und gibt damit die Aussage des Regierungssprechers Ulrich Wilhelm wieder. Auch von einem radikalen Sparkurs ist regelmäßig in den Gazetten die Rede. Zugleich rühmt sich die Bundesregierung, der Hauptakzent werde auf der Ausgabenseite liegen.

Sparen! Sparen! Sparen! Tönt es wie aus Vuvuzelas. Das ständige Getröte hat eine große Sprachverwirrung erzeugt. Ausgabenkürzungen muss es korrekt heißen. Der deutsche Staat hat seit Jahrzehnten nicht mehr gespart und wird das auch in den kommenden Jahrzehnten absehbar nicht tun. Dieser Unterschied zwischen Sparen und Ausgaben kürzen ist nicht trivial, sondern himmelweit.

Sparen bedeutet, etwas nicht auszugeben, was man hat. Sparen ist Konsumverzicht heute. Sparen heißt in die Zukunft investieren – mit Kapital von heute. Wer spart kann in der Zukunft mehr konsumieren.

Sparen bedeutet nicht, etwas nicht auszugeben, was man nicht hat. Die aktuellen Ausgabenkürzungen der Bundesregierung führen immer noch zu einer geplanten Verschuldung von über 60 Mrd. Euro. Sparen bedeutet erst recht nicht, etwas auszugeben, was man nicht hat. Genau das tut der Staat aber mit seinem „radikalen Sparkurs“. Die Nettokreditaufnahme wird planmäßig 2014 immer noch 24,1 Mrd. Euro betragen. Das bedeutet, dass immer noch mehr als 16 Prozent der Bundesausgaben nicht aus Steuern finanziert werden können. Allein im kommenden Haushaltsjahr 2011 müssen für Schuldenzinsen über 38 Milliarden Euro bezahlt werden. Das entspricht fast jedem sechsten Steuer-Euro. Bei einem Schuldenstand von 42.145 Euro pro Kopf zahlt jeder, der arbeitet, pro Jahr durchschnittlich 1.600 Euro seiner Steuern nur für staatliche Schuldenzinsen. Das seien zwei schöne Urlaubswochen auf Mallorca, kommentiert die Initiative Soziale Marktwirtschaft.

Sparen ist eine Tugend. Sparen ist die Grundlage für Wohlstand – Kapital ist der zentrale Produktivitätstreiber für massenwirksame Wohlfahrt. Sparen ist aber keine Aufgabe des Staates, sondern der Bürger. Aufgabe des Staates sind massive Ausgabenkürzungen. Denn staatliche Ausgabenkürzungen stärken das Wachstum, wie inzwischen zahlreiche Studien belegen. Das ist wenig überraschend, bleibt doch das Geld beim Bürger, der es sorgfältiger für wichtigere Dinge ausgibt. Das zeigt gerade ein Blick in die Geschichte des Staatssozialismus. Inzwischen gilt international ein Staatsanteil von maximal 15 bis 25 Prozent am Bruttoinlandsprodukt als Niveau, das Wachstum begünstigt. Darüber hinaus beeinträchtigen Staatsausgaben wirtschaftliche Prosperität.

Die praktizierten verschwenderischen Regierungsausgaben zu reduzieren ist natürlich richtig, den Menschen Geld wegzunehmen, hingegen falsch. Wir brauchen mehr Raum für private Initiative und Unternehmertum, aber weniger Schulden für ungeborene Steuerzahler. Die deutsche Bevölkerung macht es richtig mit einer im internationalen Vergleich relativ hohen Sparquote. Die Regierung kann von der Bevölkerung viel lernen: Weniger ist mehr – das gilt für staatliche Ausgaben. Und mehr ist besser – das gilt für privates Sparen. Die Pläne der Bundesregierung sehen leider nur ein geringfügige Ausgabenkürzung vor von 314 auf 301 Mrd. Euro vor. Dabei handelt es sich auch nicht um Ausgabenkürzungen, sondern erhoffte geringere Ausgaben für Arbeitslose aufgrund einer erhofften konjunkturellen Erholung. Zugleich werden höhere Einnahmen als Sparprogramm verkauft.

Eine nachhaltige Erholung erfordert eine drastisch verschlankte Regierung, einen fitten statt einen fetten Staat, der nur im Weg steht, wenn die Menschen ihre Ziele zu gegenseitigem Vorteil verfolgen. Vorfahrt für unbeschränkten Handel, für Freihandel und unternehmerische Wohlfahrtserzeugung!

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2 Erstmals erschienen am 8. 7. 2010.

Ist Investieren ohne Sparen möglich?3

Investitionen sind in aller Munde. Zunehmend maßen sich Parteien und Regierungen an, „Zukunftsinvestitionen“ zu tätigen. Zugleich wird Deutschlands zu geringe Konsumneigung beklagt, der Binnenkonsum müsse (politisch) angekurbelt werden. Schließlich haben in den USA die Regierungsbehörden massiv insbesondere Investitionen in Immobilien forciert, während die Bevölkerung sogar ihr Vermögen aufzehrte („negative Sparquote“ auch „Entsparen“ genannt). Investitionen ohne Sparen stehen im Mittelpunkt der aktuellen Finanzkrise.

Das gilt auch für die Liquiditätsversorgung der Wirtschaft, die unserem Geldsystem weit überwiegend auf Krediten ohne Sparen beruht, auf Geldschöpfung aus dem Nichts. Grund genug auf den Zusammenhang zwischen Investitionen und Sparen zu blicken.

Die Österreichische Schule der Ökonomik unterscheidet zwei grundsätzlich verschiedene Arten von Ersparnissen. Ludwig von Mises bezeichnete gedeckte Ersparnisse als „Sachmittelkredit“ – hierbei handelt es sich vollständig um nicht konsumierte Produktion für späteren Konsum. Demgegenüber stehen Scheinersparnisse, wofür er die Bezeichnung „Zirkulationskredite“ prägte. Da in diesem Fall die Guthaben auf den Konten systematisch größer sind als die Barmittel der Geschäftsbank, muss der Schwindel zwangsläufig auffliegen.

Das klassische Robinson-Beispiel ist geeignet, den Unterschied zu verdeutlichen. Populär gemacht hat es Eugen von Böhm-Bawerk (1851-1914), Professor für Nationalökonomie und Finanzminister Österreich-Ungarns: Robinson Crusoe lebt allein auf seiner Insel. Zum Leben und Überleben produziert er Güter. Das wichtigste Gut ist zunächst der Fischfang, den er mit bloßen Händen durchführt. Robinson steht vor der Alternative, entweder alle Fische am Ende eines Tages zu konsumieren oder aber Konsumverzicht zu üben, indem er einen Teil der Fische spart. Sein Produktionsergebnis geht beim Sparen nicht unter, etwa weil er die Fische über einem Lagerfeuer brät und haltbar macht, sondern dient als Gütervorrat für später. Der Konsumverzicht ist also eine Investition in und für die Zukunft. Das Sparen ermöglicht Robinson einen Tag nicht mit bloßen Händen zu fischen, sondern stattdessen ein Netz zu knüpfen. Mit dem Netz steigert er seine Güterversorgung, weil er in der gleichen Zeit, in der er mit bloßen Händen Fische ergreift, nun eine größere Zahl Fische fangen kann.

Außerdem bietet sich ihm die Möglichkeit, die gleiche Zahl Fische in einer geringeren Zeit zu fangen. Robinson kann durch die gewonnene Zeit anderen Dingen nachgehen, zum Beispiel Bauinvestitionen vornehmen, und so seinen Wohlstand steigern.

Das Netz stellt ein Kapitalgut dar, das nicht für den Konsum, sondern den Einsatz in der Produktion bestimmt ist. Es handelt sich um eine Anlageinvestition (durch die Verbindung von Arbeit und Natur entsteht der Produktionsfaktor Kapital). Erwähnenswert ist zudem, dass Robinson einen Produktionsumweg einschlägt. Statt mit seinen Händen direkt zu fischen, erstellt er erst ein Netz, um anschließend zu fischen. Das ist nur sinnvoll, wenn seine Arbeitsproduktivität steigt.

In Anlageinvestitionen sind letztlich die Ideen der Menschen gespeichert. Kurzum: Sparen ist Konsumverzicht und die Voraussetzung für „nachhaltige“ Investitionen, die den Wohlstand steigern. Nun kommt Freitag auf die Insel. Robinson könnte ihm Fische als Sachmittelkredit geben, damit Freitag anderen Tätigkeiten nachgehen könnte, zum Beispiel wilde Ziegen fangen. Durch die Einführung von Geld ändert sich nichts, solange das Geld-Äquivalent zu den Fischen immer noch durch real vorhandene Fische gedeckt wäre. Ein Zirkulationskredit entsteht hingegen, sobald Geld oder Kredit aus dem Nichts geschaffen wird, wie es in unserem heutigen Geldsystem üblich ist, also kein durch Ersparnisse gedeckter Kredit vorhanden ist. Auf der einsamen Insel würde das bedeuten, dass Robinson Geld produziert und Freitag leiht, das nicht durch Fische gedeckt ist. Und wenn Freitag am Ende des Tages Geld gegen Fische einlösen möchte, um seinen Hunger zu stillen, dann gibt es keine Fische – der Schwindel fliegt auf.

Genau das ist auf den Immobilienmärkten und darüber hinaus in anderen Branchen passiert, hat die Vermögenspreisinflation ermöglicht und steht im Mittelpunkt Weltwirtschaftskrise.4

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3 Lesenswert hierzu ist Gregor Hochreiter: Die Ökonomie der Liquidität, in: efonline, 1. 4. 2008.

4 Erstmals erschienen am 26. 1. 2010.

Gegen Staatsdoping – für eine befreite Wirtschaft5

Ein Gespenst geht um. Es ist Tom Simpson, der auf der Tour-de-France-Etappe auf den Mont Ventoux 1966 als erstes gesichertes Dopingopfer den Tod fand. Simpson glaubte, seine Leistungsfähigkeit über seine natürliche Grenze hinaus ankurbeln zu können und strampelte sich zu Tode.

In der Bundesrepublik Deutschland verlief der erste Versuch, die Konjunktur zu dopen, glimpflich. In der Mini-Rezession 1966/67 kamen die begrenzten staatlichen Maßnahmen zu spät und wirkten prozyklisch. Hingegen war die Stagflation der 70er Jahre mit hoher Inflation, hoher Arbeitslosigkeit und stagnierender Wirtschaft sowie massiver Verschuldung wesentlich den Konjunkturpaketen der Regierung Schmidt geschuldet. Sie verhinderten – wie heute – die Entfaltung der marktwirtschaftlichen Selbstheilungskräfte zusätzlich zu den Belastungen der Sozialstaatswirtschaft.

In Japan haben insbesondere die Rettungsmaßnahmen der Zentralbank („Null-Zins-Politik“) eine seit den 90er Jahren währende Depression verursacht. Seit dem Ausbruch der Hypothekenkrise im Juli 2007, die durch das „billige Geld“ der US-Zentralbank und die Sozialpolitik der US-Regierungen verursacht wurde, überbieten sich westliche Regierungen erfolglos mit vermeintlichen Hilfsmaßnahmen. Sie (teil)verstaatlichen Unternehmen und bürden den Steuerzahlern Konjunkturpakete in absurder Milliardenhöhe auf. Garantien für die Ersparnisse der Bürger beruhen auf deren Ersparnissen. Wider alle Vernunft und Erfahrung, zudem ohne Maß und Moral, wird umverteilt. Die Seilschaften aus Politik, Bürokratie, „Big Business“ und anderen Sonderinteressen verfolgen ihre Ziele gegen die Bürger. Unübersehbar regiert der Neosozialismus, während der Neoliberalismus stigmatisiert wird. Dabei war die Soziale Marktwirtschaft das wirtschaftspolitische Programm der Neoliberalen.

Was Tom Simpson schmerzhaft an seinem eigenen Körper erfahren musste, ist nun auch im Wirtschaftskreislauf abzusehen: Der Versuch, die Konjunktur, zu manipulieren ist Selbstbetrug, bestenfalls ein Taschenspielertrick von der linken in die rechte Tasche. Der Staat muss jeden Euro, den er der Wirtschaft zur Verfügung stellt, zuerst der Wirtschaft durch Steuern entziehen.

Von Ludwig Erhard stammt folgender Satz: Jede Ausgabe des Staates beruht auf einem Verzicht des Volkes. Konjunkturpakete machen arm und krank. Sie verdrängen private Investitionen und erhöhen die Schulden. Jede Hilfe für die Automobilindustrie, die den Strukturwandel verschlafen hat, ist eine Belastung für den Steuerzahler. Jeder Cent für diejenigen Banken, deren schlechte Geschäftsmodelle abgestraft werden oder sich bei Fusionen übernehmen, fehlt für dringendere Verwendungen.

Die aktuelle Wirtschaftskrise ist eine Finanz-, Regulierungs- und Strukturkrise. Die Hauptverantwortung tragen die Regierungen. Ihre Zentralbanken haben eine nun zusammen stürzende Kreditpyramide errichtet. Sie maßen sich an, die Lebens- und Wirtschaftsweise der Menschen bis auf den Esstisch und den Arbeitsplatz regeln zu müssen. Sie haben das Wachstum zum Fetisch gemacht und lehnen gleichzeitig als Adepten des Status quo Marktwirtschaft und Wettbewerb als „Entdeckungsverfahren“ und „geniales Entmachtungsinstrument“ ab.

Wir erleben derzeit einen marktwirtschaftlichen Gesundungsversuch des kranken Wohlfahrtsstaates. Das beste Kräftigungsmittel ist nicht noch mehr Staatsdoping, sondern das selbst bestimmte und verantwortliche Handeln von Millionen Menschen aus eigener Kraft. Dauerhaft starke Steuersenkungen und eine drastische Reduzierung der Vorschriften sind dafür unerlässlich.

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5 Erstmals erschienen im Januar 2009.

Zentralbanken sind staatliche Inflations- behörden6

Die Europäische Zentralbank ist kein Anwalt einer stabilen Währung – ihre vermeintliche Politik des knappen Geldes ist weitgehend ein Mythos. Dieses Urteil mag zunächst erstaunen. Die EZB schneidet bei Vergleichen regelmäßig besser ab als etwa das US-amerikanische Pendant, des „Fed“ („Federal Reserve System“). Öffentliche Kritik kommt überwiegen von Befürwortern einer Wachstumspolitik. Ihnen ist die stabilitätsorientierte Geldpolitik ein Dorn im Auge. Abgesehen von einer verschwindend geringen Minderheit dürfte in Europa kaum jemand auf die Idee kommen, dass die Zentralbank etwas anderes sein könnte als der prädestinierte Währungshüter. Zum zehnjährigen Jubiläum des Euro wurde der EZB von offizieller Seite eine gute Arbeit attestiert.

Nun ist das Thema Inflation wieder auf der Tagesordnung. Und es gehört nicht viel dazu, zu prognostizieren, dass dies lange Zeit so bleiben wird. Die EZB erfährt reflexartig Lob für ihre aktuelle Politik; sie „hat den Kampf gegen die Inflation wieder aufgenommen“, heißt es in der Neuen Zürcher Zeitung. Grund ist die Erhöhung des Leitzinses um einen Viertelprozentpunkt auf 4,25 Prozent. Zugleich verweist die Masse der Kommentatoren auf preistreibende Effekte von Rohstoffen, Nahrungsmitteln und Löhnen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt: „Indexierte Löhne treiben Preise“. Diese und andere Darstellungen beruhen auf drei Fehlannahmen.

Erster Trugschluss: Inflation bedeutet Preisanstieg. Zweiter Trugschluss: Zentralbanken garantieren stabile Währungen. Dritter Trugschluss: Güterwirtschaftliche Entwicklungen verursachen Inflation. Tatsächlich verhält es sich so: Inflation bedeutet Aufblähen der Geldmenge. Zentralbanken, und nur Zentralbanken, sind die Ursache für instabile Währungen. Güterwirtschaftliche Entwicklungen können nur im Zuge einer Aufblähung der Geldmenge inflationär wirken. Diese Feststellung lässt sich logisch nicht widerlegen – der empirische Beleg durch eine seit geraumer Zeit offiziell um 12 Prozent pro Jahr wachsende Geldmenge ist lediglich Beiwerk. Gäbe es eine konstante Geldmenge, würde der Preisanstieg eines Gutes automatisch dazu führen, dass bei gleicher Nachfrage der Preis eines anderen Gutes sinken müsste. Im Falle einer veränderlichen Nachfrage könnten andere Güter weniger oder nicht mehr nachgefragt werden.

Deutlich wird dies an dem derzeit wieder die Runde machenden Trugschluss der vermeintlichen „Lohn-Preis-Spirale“. Löhne können Preise nicht einfach so treiben. Vielmehr ist das Versagen der Zentralbank hierfür ursächlich. So würde ein Anstieg von Löhnen über ein „Gleichgewichtsniveau“ bei knappem Geld nicht zu Inflation, sondern zu Arbeitslosigkeit führen. Der Publizist der Österreichischen Schule Henry Hazlitt bringt es auf den Punkt, wenn er urteilt, umgekehrt würde ein Anstieg der Preise ohne einen parallelen Anstieg des in den Portemonnaies der Menschen verfügbaren Geldes lediglich zu sinkenden Absatzzahlen führen. Lohn- und Preissteigerungen sind also die Folge der Inflation, nicht ihre Ursache. Ihr Ausmaß wird entscheidend durch die Aufblähung der Geldmenge bestimmt.

Inflation ist ein geldpolitisches Problem. Zentralbanken bekämpfen lediglich die von ihnen selbst durch eine Politik zu billigen Geldes verursachten Preisanstiege. Ludwig von Mises illustrierte dieses Phänomen mit dem Bild eines Diebes, der ruft: „Haltet den Dieb!“

Berücksichtigt man dies, so bleiben verheerende Fehlschlüsse aus, wie der von Nobuo Tanaka, dem Generalsekretär der Internationalen Energie-Agentur: „Die Rekordpreise am Erdölmarkt bedrohen die globale Wirtschaft und die soziale Wohlfahrt von Millionen von Menschen.“ Auch wenn der aktuelle Ölpreis nicht auf triviale Weise zustande kommt, ist es angesichts der jahrelangen unverantwortlichen Niedrigzinspolitik des Fed keine Ausdruck von Polemik, die Zentralbanken als Bedrohung der Wohlfahrt von Millionen von Menschen verantwortlich zu machen.

Zentralbanken sind Inflationsbehörden. Die EZB ist der europäische Anwalt der Inflation, deren größter Profiteur der Staat ist. Die Alternative ist die natürliche, freie Geldproduktion, die nachgewiesen funktioniert. Der Staat ist dabei auf den Schutz von Eigentum(srechten) begrenzt. Erforderlich ist lediglich ein Schritt, die Abschaffung der gesetzlichen Privilegien der Zentralbank und anderer Währungsbehörden. Wie Jörg Guido Hülsmann nachgewiesen hat, ist dies aus rechtlichen, wirtschaftlichen und moralischen Gründen geboten.

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6 Erstmals erschienen am 8. 7. 2008.

Inflationskosten werden drastisch unterschätzt7

Die Auffassung, Inflation habe zumindest eine positive Seite, ist immer noch verbreitet. Inflation schmiert angeblich das Wirtschaftswachstum oder sei immer noch besser als Arbeitslosigkeit. Beides ist ökonomischer Unfug. Tatsächlich hat Inflation keine positiven, sondern nur negative Folgen. Ungeachtet dessen tendiert auch die herkömmliche Wissenschaftssicht zur Unterschätzung der Inflationskosten. Steven Horwitz, VWL-Professor an der St. Lawrence University in New York, kommt der Verdienst zu, in seinem Beitrag „The Cost of Inflation Revisited“ auf die gravierenden – teilweise versteckten – Kosten von Inflation systematisch hingewiesen zu haben.

Die neoklassische Standardbetrachtung hebt hervor, dass Inflation den Wert des Geldes mindert und wie eine Steuer wirkt. Hinzu kommen sogenannte „Schuhlederkosten“, bedingt durch die Notwendigkeit, häufiger zur Bank gehen zu müssen, um Geld abzuheben. Inflation verteilt anerkanntermaßen zudem den Wohlstand von Gläubigern zu Schuldnern um, was eine Verringerung oder gar Verweigerung der Kreditvergabe zur Folge haben kann. Schließlich bindet Inflation zusätzliche Ressourcen durch häufige Preiswechsel (sogenannte „Menükartenkosten“).

Während diese Kosten allesamt auf Änderungen des Preisniveaus insgesamt beschränkt sind, verweist Horwitz auf die inflationsbedingten, mit relativen Preisänderungen einhergehenden Kosten. Im Mittelpunkt stehen die Fehlallokation von Ressourcen und damit ein beträchtlicher Wohlfahrtsverlust. Inflation verzerrt das Preisgefüge im Verhältnis zu den Wünschen und Bedürfnissen der Marktteilnehmer und führt zu Fehlinterpretationen, zumal zunächst unklar ist, ob die Preisänderungen permanenter oder kurzfristiger Natur sind und welcher Anteil der Änderung inflationsbedingt ist. Hinzu kommt, dass Inflation nicht über Nacht alle Preise steigen lässt – als hätte man Geld über das ganze Land mit dem Helikopter verstreut.

Tatsächlich trennt Inflation Preise von den ihnen zugrunde liegenden Einflussfaktoren wie Geschmack, Technologie und Ressourcen. Inflation stört die ex-ante-, ex-post- und Entdeckungsfunktion der Preise. Sie werden weniger verlässlich, gerade als Indikatoren für vergangene und zukünftige Handlungen. Damit zersetzt Inflation die monetäre Kalkulation – das Herzstück der Marktwirtschaft – als Voraussetzung unternehmerischer Aktivitäten und Entdeckungen.

Damit sind aber immer noch nicht alle Kosten benannt. Hinzu kommt ein anderer Gütereinsatz von End- und Vorprodukten als ohne Inflation. Unternehmer werden zu Aktivitäten verleitet, die nur durch Inflation rentabel erscheinen, sprich: zur (risikoreichen) Spekulation, etwa im Immobilienmarkt. Kapital und Arbeit können aber nicht einfach über Nacht in neue Verwendungen transferiert werden, da beide verwendungsspezifische Merkmale besitzen. Kapital ist nicht einfach „K“ wie in keynesianischen Modellen, sondern branchen- und projektgebundenes, spezifisches Kapital. Hinzu kommen Kosten für Schutzmaßnahmen gegen Inflation, darunter Ausgaben für Berater und die Sicherung des Vermögens.

Schließlich wird es zunehmend attraktiver, anstelle des steinigen Weges auf dem Markt, den billigeren politischen Weg zu Erreichung persönlicher Ziele zu benutzen. Das aber führt zu einem kumulativen Interventionismus mit immer mehr Eingriffen in den Markt und extremen Konjunkturzyklen wie der aktuellen Weltwirtschaftskrise.

Die Ursache von Inflation ist die Ausweitung der Geld- und Kreditmenge. Die Heilung besteht darin, die Ausweitung der Geld- und Kreditmenge zu stoppen. Auch wenn es so einfach ist, werden wir sogar an den offiziellen Konsumentenpreisindices sehen, wie schwer es Politikern und Zentralbanken fällt, dieser Erkenntnis auch die notwendigen Taten folgen zu lassen.

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7 Erstmals erschienen am 4. 3. 2010.

Inflation trifft die (kleinen) Verbraucher besonders hart8

Wider alle Erfahrung gilt Inflation manchen Menschen immer noch als probates Mittel, der Staatsverschuldung Herr zu werden und einen Ausweg aus der selbst gestellten Schuldenfalle zu beschreiten. „Mich trifft es ja nicht“, lautet die Parole. Leider beruht diese Vorstellung auf Unwissen. Inflationsapologeten sei zugerufen: „Schießt nicht ins eigene Knie und schon gar nicht in das Eurer Nachbarn!“

Inflation ist die Ausweitung der Geldmenge. Dieses monetäre Phänomen wird heute vielfach mit der Teuerung (auch Preisinflation) verwechselt, also mit Preissteigerungen auf breiter Front, die aber erst Folge einer notwendigerweise vorangegangenen Geldmengenerhöhung sein können. Im Fall einer festen Geldmenge können Preise nur dann steigen, wenn andere fallen.

Von herausragender Bedeutung sind die nach einer Geldmengenausweitung ablaufenden Prozesse: Wird die Geldmenge ausgeweitet, steigen die Güterpreise nämlich nicht auf einen Schlag. Nach einer Verdoppelung der Geldmenge über Nacht wachen wir am Morgen nicht auf und haben alle am doppelt so viel Geld wie am Abend zuvor im Portemonnaie und auf unserem Konto. Und auch die Güterpreise verdoppeln sich nicht gleichmäßig. Zunächst steigen nämlich die Preise in den Branchen, in denen das zusätzliche Geld zuerst ankommt und zum Kaufen verwendet wird.

Bereits der irische Bankier Richard Cantillon (1680 – 1734) erkannte die bedeutsame Wirkung der Geldmengenausweitung. Das Ausweiten der Geldmenge trifft tatsächlich verschiedene Menschen in sehr unterschiedlichem Maße (Cantillon-Effekt).

Demnach können Finanzinstitute und alle anderen, die das neu geschaffene Geld zuerst in die Hände bekommen, mit dem frischen Geld arbeiten und zu unveränderten Preisen kaufen. Sie sind die Gewinner. Als Profiteure des Systems werden sie sich für ein inflationäres Zentralbanksystem einsetzen. Diejenigen, die das frische Geld etwas später erhalten, können die Güter und Dienstleistungen nur noch zu bereits gestiegenen Preisen kaufen.

Demgegenüber erreicht der Geldstrom die Konsumenten ohne Kapitalreserven erst dann, wenn die Preise bereits gestiegen sind.

Am Härtesten trifft Inflation die armen Teile der Bevölkerung, weil bei Ihnen das zusätzliche Geld zuletzt ankommt und die Preise längst gestiegen sind. Sie sind die Verlierer. Wäre das anders, könnten wir uns reich drucken. Typischerweise gehören Rentner, Geringverdiener und Arbeitslose zu dieser Gruppe. Friedrich August von Hayek hat den Vorgang mit dem Ausgießen von dickflüssigem Honig verglichen, der sich ungleichmäßig verteilt und an der Stelle des Auftreffens eine kleine Erhebung bildet, die symbolisch für steigende Löhne und Preise steht. Nun wird auch klar, warum in Finanzmetropolen Gehälter, Preise und Mieten überdurchschnittlich ansteigen.

Die staatlich betriebene Inflation bewirkt letztlich eine Umverteilung von den armen, kapitallosen Schichten zu den wohlhabenden Schichten. Tauschtransaktionen, bei denen Geld verwendet wird, sind durch eine Geldmengenausweitung nicht mehr für alle Beteiligten gleichermaßen vorteilhaft. Im politisch korrekten Mainstreamjargon bedeutet das, Inflation ist sozial ungerecht.

Die meisten Politiker mögen indes Inflation. Steigende Löhne suggerieren steigenden Wohlstand. Zugleich entwertet Inflation die Staatsschulden. Allerdings sorgt Inflation für soziale Konflikte und höhlt allmählich die Wohlstandsentwicklung aus. Zudem schwindet das Bewusstsein dafür, dass man nicht dauerhaft mehr Geld ausgeben kann, als man einnimmt. Ludwig von Mises wies darauf hin, dass Inflation eine Politik ist, die nicht dauerhaft durchgeführt werden kann, weil sonst die Währung ruiniert wird. Da es sich um Politik handelt, kann man sie immerhin ändern.

Leseüberraschung I: Inflation ist schädlich

Der geniale amerikanische Publizist Henry Hazlitt hat fast alles, was man zur Inflation für den Alltag wissen muss, in nur einem Absatz zusammengefasst: Inflation ist der Anstieg der Geldmenge und Bankkredite im Verhältnis zur Gütermenge. Inflation ist schädlich, weil sie den Wert einer Geldeinheit vermindert, die Lebenskosten für alle erhöht, den Ärmsten eine Steuer in derselben Höhe wie den Reichen auferlegt, den Wert von Ersparnissen schmälert, Sparen entmutigt, Wohlstand umverteilt, Spekulation und Spielereien ermutigt statt Sparsamkeit und Arbeit und schließlich das Vertrauen in die Gerechtigkeit einer freien Marktwirtschaft untergräbt und zugleich öffentliche und private Moral untergräbt.

Mehr dazu in: Henry Hazlitt: What you should know about Inflation, Erstauflage 1960, Neuauflage Auburn 2007.

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8 Erstmals erschienen am 11. 5. 2010.

Keine Angst vor Deflation!9

Was ist falsch an Deflation? Wird Deflation zu Unrecht zum Sündenbock gemacht? Die Schädlichkeit der Deflation ist heute eine Art heiliges Dogma, das gilt sowohl für die Geldpolitik als auch die vorherrschende Ansicht in der öffentlichen Meinung. Unklar bleibt in der Regel, ob die behauptete selbstzerstörerische Wirkung von einem sinkenden „Preisniveau“ einer Volkswirtschaft ausgehen soll oder von einer schrumpfenden Geldmenge oder einer Kombination beider Entwicklungen. Welche Gründe werden für die desaströsen Folgen einer Deflation angeführt?

Häufig wird auf historische Erfahrungen verwiesen. Deflation führe zu einer sinkenden Gesamtproduktion und senke den Lebensstandard. Tatsächlich waren deflationäre Phasen wie die Zeit Ende des 19. Jahrhunderts ausgesprochene Prosperitätsphasen. Sinkende Preise belegten den Erfolg der Marktwirtschaft – steigende Produktivität führte zu sinkenden Preisen.

Die Weltwirtschaftskrise von 1929 war eine Inflationsbereinigung mit einer wechselnd expansiven und kontraktiven US-Geldpolitik. So erhöhte das Federal Reserve in der letzten Oktober Woche des Crashs von 1929 allein die Reserven der Geschäftsbanken um fast 300 Millionen US-Dollar. Präsident Hoover war stolz auf seine Politik des billigen Geldes.

Außerdem wird eine Abwärtsspirale beschworen, weil die Marktteilnehmer ihre Kaufentscheidungen angesichts absehbarer Preissenkungen hinausschieben würden. Tatsächlich sind die Elektro- und insbesondere die EDV-Branche ein Beispiel stetig sinkender Preise bei verbesserter Produktqualität – und beides sind historisch bedeutsame Wachstumsbranchen. Das verwundert nicht, schließlich kommt der Konsum ja nicht zum Stillstand, die Menschen wollen und müssen konsumieren. Sie werden kaum Wochen und Monate auf einen neuen Kühlschrank warten, nachdem der alte kaputt gegangen ist. Empirische Betrachtungen von Volkswirtschaften zeigen, auch im Vergleich mit Ländern mit steigendem Preisniveau, keine nachhaltige Beeinträchtigung des Wachstums. Das gilt selbst im Fall einer deflationären Schockwirkung.

Schließlich wird eine allgemeine Bankenkrise beschworen, die aufgrund nicht rückzahlbarer Kredite und einer weitreichenden Kreditklemme („Credit Crunch“) zustande kommen und am Ende die gesamte Volkswirtschaft in den Abgrund reißen soll. Tatsächlich vernichtet die Einschränkung von Krediten jedoch keine Ressourcen, da Bankkredite keine Ressourcen erzeugen, sondern nur für eine Vermittlung von Ressourcen an anderer Stelle sorgen. Kein Apfel, Auto oder Buch verschwindet durch den Rückgang von Krediten. Künftig werden Äpfel, Autos und Bücher aber möglicherweise in einem anderen Mengenverhältnis hergestellt. Dementsprechend werden Menschen an anderer Stelle beschäftigt.

Jörg Guido Hülsmann argumentiert in „Deflation and Liberty“, dass Deflation genauso wie Inflation lediglich für eine Umverteilung der Ressourcen sorgt – unter Individuen wie zwischen Branchen. Im Unterschied zur Inflation erfolge die Umverteilung allerdings offen sichtbar. Kredit finanzierte Unternehmen und private Haushalte mit zu hohen Immobilienkrediten gehen demnach Pleite, sobald sie ihren Rückzahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Die Güter verschwänden jedoch nicht, sondern wechselten lediglich den Besitzer. Andere Menschen würden Eigentümer der Unternehmen und Häuser, und zwar diejenigen, die über Liquidität verfügen und keine Schulden haben. Deflation macht somit Gewinner und Verlierer sichtbar (Hülsmann: „Deflation means open redistribution through bankruptcy“).

Hinzu kommt eine bedeutsame Tatsache: Politische Vernetzung, der Zugang zu den Stellhebeln der Macht, hilft im Fall der Deflation nicht. Bei unseren heutigen inflationären Volkswirtschaften sind politische „Connections“ sehr bedeutsam, da Geld durch die staatlichen Zentralbanken über den Transformationsriemen der Geschäftsbanken überwiegend per Kreditvergabe aus dem Nichts geschaffen wird. Und die Regierungen stellen für gut verflochtene Organisationen, in der Regel Großunternehmen, Sonderkredite und Konjunkturmaßnahmen zur Verfügung, wie die aktuelle Politik auf monströse Art und Weise illustriert.

Hier liegt sicherlich der Schlüssel für die Diskreditierung der Deflation: Deflation entmachtet die Politik. Deflation bedroht das herrschende Establishment.

Leseüberraschung II: Deflation und Freiheit

„The crisis did not hit us despite the presence of our monetary and financial authorities. It hit us because of them“, urteilt Jörg Guido Hülsmann in seinem Manifest gegen staatliche Inflation und für marktwirtschaftliche Deflation. Im Mittelpunkt steht die Überzeugung, dass wir uns vor Deflation nicht fürchten müssen, sondern diese als Wesensbestandteil der Marktwirtschaft wertschätzen sollten.

Hülsmann zeigt zunächst die unzertrennliche Einheit von Wohlfahrtsstaat, Inflation und Staatsverschuldung auf. Anschließend argumentiert er entlang einer kurzen Geschichte des Geldes, dass Deflation ein Gemeinwesen nicht ärmer macht, sondern zu einer (begrüßenswerten) Umverteilung des Wohlstands führt. Anders als Inflation geschieht dies im Zuge einer offenen Umverteilung durch Bankrott im Einklang mit dem Recht. Der Senior Fellow am Ludwig von Mises Institute in Auburn schließt mit einem Plädoyer für Free Banking – nicht zuletzt als Mittel für die Entpolitisierung und Entmachtung der Gesellschaft.

Jörg Guido Hülsmann: Deflation and Liberty, Auburn 2000 (Buch des Monats Oktober 2009 bei Forum Ordnungspolitik).

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9 Erstmals erschienen am 13. 3. 2010.

Deflation ist eine natürliche Reaktion10

Deflation ist das Gegenstück zur Inflation. Deflation ist zu allererst die Reaktion auf eine vorangegangene Inflation. Die Geldmenge schrumpft nach einer inflationären Geldmengenausweitung wieder. Dabei entlarvt die Deflation Investitionen, die erst im Zuge der Inflation in Gang gesetzt wurden, als unrentable Projekte. Rezession und Arbeitslosigkeit sind in einem solchen Fall regelmäßig die Folge. Preise fallen und die Wirtschaftsleistung schrumpft. Weil Unternehmen, Banken und Staaten im Zuge der Deflation Pleite gehen, verlieren Sparer Ersparnisse. Zweifelsohne ist die Deflation, wirtschaftlich wie politisch, eine schmerzhafte Entwicklung, für viele Menschen auch eine bittere Ernüchterung. Gleichwohl gilt: Die Inflation ruft die Blasenbildung hervor, die Deflation lässt Luft aus der Blase entweichen.

Zur Zeit des Goldstandards war Deflation eine typische Korrektur betrügerischen Handelns von Banken. Diese hatten mehr Banknoten ausgegeben als Einleger Gold bei ihnen hinterlegt hatten. Sobald der Schwindel aufflog, verlangten die Halter der Banknoten die Herausgabe des ihnen versprochenen Goldes. Die ersten, die am Bankschalter erschienen, bekamen meist noch die versprochene Goldmenge, während diejenigen, die später kamen, leer ausgingen, weil die Bank bereits Bankrott war. Ihre Banknoten wurden wertlos, sie wurden nicht mehr als Zahlungsmittel akzeptiert, und die Geldmenge nahm ab. Die Deflation kam jedoch zum Stillstand, sobald die geschrumpfte umlaufende Papiergeldmenge dem tatsächlich vorhandenen Goldbestand der Banken entsprach.

Der Goldstandard hatte also einen festen Ankerpunkt, an den sich die zuvor künstlich aufgeblähte umlaufende Geldmenge immer wieder zurückziehen konnte: die vorhandene Goldmenge. Im heutigen staatlichen Geldsystem existiert jedoch kein solcher Ankerpunkt mehr – Geld wird aus dem Nichts geschaffen, vor allem durch Kredite. In einem Staatsgeldsystem ohne Ankerpunkt birgt Deflation eine erhebliche Gefahr: Es kann eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt werden, deren Endpunkt nicht absehbar ist.

So führt das Schrumpfen der Geldmenge unweigerlich zu Kreditausfällen. Banken verbuchen Verluste und brechen sogar zusammen. Dadurch verlieren Sparer ihre Sichteinlagen, und so schrumpft die Geldmenge weiter. Unternehmenspleiten lassen die Arbeitslosigkeit steigen, und das erhöht wiederum die Kreditausfälle und die Bankenpleiten. Die Abwärtsspirale dreht sich immer weiter. Das Staatsgeldsystem kann regelrecht implodieren, wenn die Deflation einer vorangegangenen Inflation folgt. Das mag erklären, warum Deflation im Staatsgeldsystem so gefürchtet und das Heil in fortwährendem Inflationieren gesucht wird.

Sollten die Zentralbanken die drohenden Verluste der Geschäftsbanken durch neu gedrucktes Geld zu finanzieren suchen, wird Inflation, also die Entwertung des Geldes die Folge sein. Weiten die Regierungen die bereits auf historische Höchststände gedrückte Staatsverschuldung aus, um den Verlustausweis bei den Banken zu vermeiden, so bedeutet das nichts anderes, als die offenen Rechnungen von der laufenden auf die künftige Generation der Steuerzahler abzuwälzen. Ob sie jedoch die ungeheure Schuldenlast, deren Begleichung die gegenwärtige Generation jetzt mit allen Mitteln auszuweichen versucht, auf sich nehmen wird, erscheint zweifelhaft – zumindest solange die Möglichkeit zur Abwanderung besteht.

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10 Erstmals erschienen am 13. 3. 2010.

Desaströse Deflation erzeugt nur der Staat11

Die Große Depression in den USA ist der Inbegriff für die desaströsen Folgen von Deflation. Sie hat sich derart in das kollektive und in das individuelle Gedächtnis gebrannt, dass der US-Notenbankchef Ben Bernanke bei seiner aktuellen Geldpolitik völlig auf die 1930er Jahre fixiert zu sein scheint. Für Deutschland ist die Weltwirtschaftskrise und insbesondere die Politik von Reichskanzler Heinrich Brüning das Pendant dazu. Politik und Zentralbanken beschwören den Kampf gegen den Leviathan Deflation und brüsten sich zugleich damit, den Behemoth Inflation im Zaum zu halten.

In den USA hat es nie wieder derartige deflatorische Ausmaße gegeben wie den Einbruch des Geldangebots um über 30 Prozent zwischen 1929 und 1933. Im Gegensatz zu früheren Rezessionen, darunter der scharfen Bereinigungskrise von 1920/21, setzten sich in den 1930er Jahren die Interventionisten durch. Sie empfahlen die Preise und Löhne auf dem Niveau vor der Deflation zu fixieren. Diese von den US-Präsidenten Hoover und Roosevelt umgesetzte Wirtschaftspolitik ist unter dem Namen „New Deal“ bekannt geworden. Der New Deal war eine Mixtur aus staatlichen Ausgaben und Kreditvergaben, Regulierungen und Besteuerungen; er wurde interessanterweise von einer stark expansiven Geldpolitik begleitet.

Die Folgen waren verheerend. Die Anpassung der Wirtschaft wurde ausgehebelt, die Investitionsfähigkeit und - bereitschaft der Unternehmen für ein Jahrzehnt abgewürgt. Die künstlich hoch gehaltenen Löhne sorgten für eine bis dato unbekannte Massenarbeitslosigkeit, die sich 1933 auf bis zu 25 Prozent der Beschäftigten ausdehnte. Erst die Politik des New Deal schuf die Große Depression. Der Versuch, Preise und Löhne während der Deflation hoch zu halten, verhinderte die reinigende Preisanpassung und zwang die Produzenten zu rein quantitativen Maßnahmen in Form reduzierter Produktion und historisch einmalig hohen Entlassungen, urteilt Steven Horwitz in „Deflation: The Good, the Bad, and the Ugly“. Hätte die Regierung es zugelassen, dass sich Preise und Löhne in der Rezession anpassen können, wäre die Krise immer noch heftig gewesen, hätte aber nicht derart desaströse Ausmaße annehmen können.

Auch in Deutschland dürfte der Deflationsprozess zu Beginn der 1930er Jahre nicht weit genug gegangen sein. Die Zinssätze erreichten auf dem Kapitalmarkt im Urteil von Zeitgenossen nicht das erforderliche niedrige Niveau, um eine Wende einzuleiten. Im Sommer 1932 lagen die Produktionskosten noch über dem Niveau, das für einen Aufschwung angemessen gewesen wäre. Zudem blieben die Strukturprobleme ungelöst, darunter die im August 1931 etablierte Devisenzwangswirtschaft und Prohibitivzölle. Eine ähnliche Abschottungspolitik wurde von allen westlichen Regierungen praktiziert. Infolgedessen knickte die Exportwirtschaft als letzte Stütze der Binnenkonjunktur ein. Das politische Verhängnis nahm seien Lauf.

Entgegen verbreiteter Auffassungen hatte Reichskanzler Brüning keine echte Deflationspolitik verfolgt, denn seine Maßnahmen zielten nicht auf ein Schrumpfen der Geldmenge, sondern auf eine Haushaltskonsolidierung, möglicherweise auch auf eine Beendigung der Reparationszahlungen ab. So griff die Regierung Brüning direkt in den Markt ein und drückte die Preise künstlich per Anordnung nach unten. Die negierte Preisrealität beeinträchtigte die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft in der größten Korrekturkrise der Welt zusätzlich zu den zahlreichen hemmenden Regulierungen der 1920er Jahre. Deutschland steckte in einer massiven Schuldenkrise und hatte vermeintlich „goldene Jahre“ durch eine auf Pump finanzierte konjunkturelle Scheinblüte erlebt.

Selbst spätere Neoliberale wie Wilhelm Röpke sahen angesichts des kumulativen Abschwungs – infolge einer fortgesetzten Kreditkontraktion, mit dem das Geldangebot zurückging, bei nach unten starren Löhnen und einem Nachfrageausfall mit Tendenz zu weiter sinkenden Preisen und steigender Arbeitslosigkeit – eine Reflation durch die Zentralbank als geeignetes Mittel an. Eine derartige Sichtweise kann allenfalls im Hinblick auf die sich abzeichnenden architektonischen Verschiebungen in der (deutschen) Politik der frühen dreißiger Jahre überzeugen und überdeckt die eigentlichen Krisenursachen. Allerdings ergriffen die Nationalsozialisten im Januar 1933 bekanntlich nicht die Macht, sondern sie wurde ihnen übertragen.

Tatsächlich gibt es die viel beschworene Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und einbrechender Wirtschaftsaktivität ins Bodenlose nicht. Die reale (!) gesamtwirtschaftliche Nachfrage kann nicht urplötzlich einbrechen. Wir haben es vielmehr mit einer relativen Verschiebung in der Nachfrage von Konsum- und Investitionsgütern beziehungsweise einer Verlagerung innerhalb der beiden Gütergruppen zu tun. Zudem kann es zu einem Rückgang des Preisniveaus kommen. Stets bleibt aber die Gesamtnachfrage unverändert. Deflation – die Schrumpfung der Geldmenge – ist ohne vorangegangene Inflation unmöglich. Es gibt kein grundloses Rennen in den Abgrund. Die amerikanische wie die deutsche Wirtschaft steckten 1930 in einer Doppelkrise aus grundlegenden Strukturproblemen und einem inflationären, nicht aufrecht zu erhaltenden Wachstum.

Deflation verändert als drastische Verringerung der Geldmenge zwar die Wohlstandsverteilung, nicht aber den absoluten Wohlstand. Weil sämtliche Preise stark sinken, sinken auch die Produktionskosten. Kein Gut geht verloren. Deflation eliminiert die während der Blasenbildung getätigten Fehlinvestitionen. Vermögensgüter können anschließend preisgünstiger ersetzt werden. Auch hier profitieren die Unternehmer, die am besten kalkuliert haben und mit ihnen schließlich auch die Verbraucher.

Die Kreditkontraktion beschleunigt lediglich den Gesundungsprozess, wenn auch mit durchaus schmerzhaften kurzfristigen Begleiterscheinungen. Zudem zerplatzt die Geldillusion. Damit wird der Weg frei für die richtige und nachhaltige Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft, zumal die freiwilligen Ersparnisse ansteigen. Die schnelle, scharfe Nachkriegsrezession in den USA 1920/21 zeigt, wie erfolgreich eine interventionsfreie Bereinigungskrise sein kann.

In beiden Fällen – Deflation und Inflation – sind die Vorkämpfer geldpolitischer Stabilität, nämlich Regierung und Zentralbank, lediglich Ritter von der traurigen Gestalt. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts belegt das mit Hyperinflationen, zyklischen Krisen und weltweiter Überschuldung ebenso eindrucksvoll wie der Kaufkraftverlust des Euro innerhalb von 10 Jahren um mehr als 50 Prozent.

Sämtliche Geldmengenaggregate haben sich binnen zehn Jahren, von 1998 bis 2008, mehr als verdoppelt; ein Kilo Gold kostete 1998 noch 10.788 Euro, im Juni 2008 aber bereits 25.657 Euro (August 2011: 40.300 Euro). Der geldpolitische Zentralismus ist nicht nur mit Blick auf den mit ihm ermöglichten Ersten Weltkrieg ein verheerender Irrtum mit desaströsen Folgen.

Die Alternative zum schlechten Geld des Zentralbankmonopols ist der Währungswettbewerb.

Leseüberraschung III: Wie eine Volkswirtschaft wächst und wie sie abstürzt

Die Überraschung des Jahres ist das mit zahlreichen comicähnlichen Illustrationen versehene Buch des Ökonomen und Bestsellerautors Peter Schiff, der bereits 2002 und 2006 die heutige Finanzkrise vorhersagte. Das von seiner Aufmachung her ungewöhnliche Buch ist eine exzellente Einführung in die Ökonomie und zugleich eine allgemein verständliche Erklärung der Weltwirtschaftskrise.

Wie der Titel treffend verspricht, werden Entstehung und Wachstum einer Wirtschaft sowie ihr Niedergang erläutert. Im Mittelpunkt steht eine Fabel, die das berühmte Robinson-Beispiel zum Ausgangspunkt einer immer arbeitsteiligeren Inselgesellschaft nimmt. Als Zahlungsmittel dient ein Gut mit intrinsischem Wert: Fisch. Auf bestechend klare Weise erläutern die Brüder Schiff, wie natürliches Wirtschaften funktioniert, darunter Sparen und Investieren, Kredite und Konsum, Arbeitsteilung und Wirtschaftswachstum. „Underconsumption“ wird zum Schlüssel für Prosperität. Konsum steigt, weil die Wirtschaft wächst und nicht anders herum. Deflation ist eine natürliche Entwicklung, ermutigt durch Sparen die Kapitalbildung und ermöglicht so weiteren Wohlstand. Später kommen die Entstehung von Banken, Infrastrukturprojekte und Außenhandel hinzu.

Der methodische Fisch-Kniff ermöglicht es den Schiff-Brüdern der Realität einen Spiegel vorzuhalten. Amüsante Sprachspiele deuten das Fortgeschrittenen an: „Closing the fish window“, „Watersnake scandal“ und „The fish hit the fan“. Entlarvend sind die Ausführungen zur „Fish inflation“. Einfach nachzuvollziehen ist zudem, wie Regierungen die natürliche Ordnung zerstören können, nachdem sie sich mehr Aufgaben angemaßt haben als erforderlich, und insbesondere das Geld zerstören.

Durch die große Schrift und zahlreiche Illustrationen sowie Text-Boxen mit „Reality checks“ für Übertragungen der Fisch-Fabel auf die Realität und „Take aways“ für grundlegende Einsichten ist die kurzweilige Lektüre innerhalb weniger Stunden zu schaffen. Auch deshalb gehört das von den Erkenntnissen der Österreichischen Schule durchdrungene libertäre Überraschungsbuch des Jahres 2010 in jeden Haushalt.

Peter D. Schiff, Andrew J. Schiff: How an Economy Grows and Why it Crashes, Hoboken 2010.

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11 Erstmals erscheinen am 22. 3. 2010.

Die Störung des Preissystems hat die „Krise“ verursacht

Preise sagen uns, was wir zu tun haben – und häufig ist das etwas anderes, als wir beabsichtigt haben. So lautet Friedrich August von Hayeks Erkenntnis über das Herzstück der Marktwirtschaft. In seinem auch als Gegenentwurf zum Keynesianismus wegweisenden Vortrag „Der Strom der Güter und Leistungen“ brachte Hayek zum Ausdruck, dass die Analyse der Preise bei der Lenkung der Produktion in den Mittelpunkt der ökonomischen Theorie gehöre: „Hierfür ist die Behauptung von entscheidender Bedeutung, daß die Koordination der wirtschaftlichen Tätigkeiten, der wir unsere Fähigkeit zur Erhaltung der gegenwärtigen Weltbevölkerung verdanken, unserem Vertrauen auf die Führung durch Preise zuzuschreiben ist, die auf wettbewerblichen Märkten bestimmt werden und die die unentbehrlichen Signale erzeugen, die uns sagen, was wir zu tun haben.“

Diese weitreichende Feststellung sollte bei der Analyse der sogenannten „Finanzkrise“ stärker im Vordergrund stehen, das gilt besonders für den deutschsprachigen Raum. Traditionell gehört das Preissystem zum Kanon der Determinanten, die die Österreichische Schule der Volkswirtschaftslehre von anderen Schulen unterscheidet. Ludwig von Mises hatte als Kopf der dritten Generation vielleicht die bedeutsamste ökonomische Entdeckung des 20. Jahrhunderts gemacht: Die Unmöglichkeit des Sozialismus, rational zu kalkulieren – mangels marktwirtschaftlicher Preise. Hayek fügte dem die Vermittlung von Wissen über Preise hinzu. Tatsächlich bildet das Preissystem, besser die Störung des Preissystems, einen Schlüssel zur Erklärung der vergangenen Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre („Great Depression“) wie der aktuellen („Great Recession“). Aus „Österreichischer“ Sicht gilt: Die Folgen dieser Störungen halten an, die Störungen werden durch Interventionen noch verschärft und die damit verbundenen Kosten unterschätzt.

Im einzelnen: Zunächst lässt sich die „Finanzkrise“ als „Inflationskrise“ charakterisieren. Ohne das Zentralbankmonopol und das damit verbundene Mindestreservesystem für die Geschäftsbanken hätte es keine derartige Ausdehnung der Geldproduktion, also eine Mehrung der Geldmenge, geben können. Das gilt für die Zeit vor und nach dem Sichtbarwerden der Kalamitäten in den USA im Sommer 2007 durch einen drastischen Einbruch des Dow-Jones-Indexes und sprunghafte Aufschläge für Interbankenkredite.

Die (Niedrig-)Zinspolitik der Zentralbanken ist dabei ein wesentlicher Bestandteil des größeren Problems: Die Geldproduktion im staatlichen Währungsmonopol ist weder dem Wettbewerbsmarkt als Entdeckungsverfahren der „richtigen“ Geldmenge unterworfen, noch existiert eine Einhundertprozentdeckung. Zu den Folgen gehören ein Aufblähen der Geldmenge (Verdopplung in den USA und im Euroraum von 1999 bis 2009) und infolgedessen eine massive Geldentwertung (in den USA und im Euroraum mehr als 80 Prozent Kaufkraftverlust seit Anfang der 1960er Jahre, gemessen anhand der Konsumentenpreise).

Ein behördlich festgesetzter Zinssatz hat aus Österreichischer Sicht zudem weitreichende Folgen für die Koordination der wirtschaftlichen Aktivitäten: Der Zins kann als Preis für die intertemporale Ressourcenkoordination verstanden werden. Wird dieser Preis durch andere als marktwirtschaftliche Aktivitäten gebildet, führt das zu einer Störung des Preisgefüges. Die Marktteilnehmer werden durch das falsche Signal irregeführt. Ihnen wird suggeriert, dass ausreichend Kapital für Investitionen vorhanden ist. Tatsächlich sind die Investitionen aber nicht durch Sparen gedeckt, sondern Ergebnis einer Aufblähung der Geldmenge durch Kreditschöpfung – noch dazu bei gleichbleibendem Konsumverhalten. Letztlich gibt es keine Alternative, als die eigentlich unrentablen Projekte durch fortgesetztes Inflationieren aufrecht zu erhalten oder sie durch eine Verringerung der Geldmenge zu liquidieren.

Hinzu kommen die bereits genannten „Helikopter-“ und Cantillon-Effekte. Das gleichsam top-down einsickernde Geld verändert das Preisgefüge, weil frisches Geld nun für diejenigen Projekte verfügbar ist, die bisher mangels Geld (und Ressourcen) nicht realisiert werden konnten. Der monetäre Stimulus verändert die Investitions- und Konsumfähigkeit sowie die Wünsche und Bedürfnisse der Marktteilnehmer im Verhältnis zur ursprünglich knapperen Geldmenge, was in veränderten Preisen zum Ausdruck kommt. Denn Preise werden durch den existierenden Bestand an Gütern und (!) Geld sowie die Wertmaßstäbe der Anbieter und Nachfrager gebildet.

Joseph T. Salerno hat darauf hingewiesen, dass der aggregierte Strom des ausgegebenen Geldes durch den Wert des Geldes bestimmt wird und nicht anders herum: „‘spending,’ is completely governed by the money price that has been antecedently established by the exchanging parties. ... In other words, the aggregate flow of money spending is determined by the value of money and not the other way around“(„[öffentliche] Ausgaben werden vollständig vom Geldpreis beherrscht, der zuvor von den beiden austauschenden Seiten festgelegt wurde. … Mit anderen Worten wird der gesamte Strom der Geldausgaben vom Wert des Geldes bestimmt und nicht anders herum.“).12

Das ist der Hintergrund der von Thorsten Polleit mehrfach treffend geschilderten Vermögenspreisinflation: Die durch Aufblähen der Geldmenge herbeigeführte Geldentwertung ermöglicht es, unter anderem im Immobiliensektor die Produktion (über das eigentliche Marktniveau hinaus) auszudehnen, bei (durch die Geldentwertung künstlich) gesteigerten Bedürfnissen für Immobilien und infolgedessen steigenden Preisen. Der Strom des Geldes in den Immobiliensektor wird durch die Geldentwertung ermöglicht. Dort wird der Boom durch die Unternehmer angefacht, die stets durch Ausnützen der Preisunterschiede Gewinne erzielen, „sie kaufen, wo und wann sie die Preise für zu niedrig halten, und verkaufen, wo und wann sie die Preise für hoch ansehen. Die Spekulation der Unternehmer ist die Triebkraft der Marktbewegungen, wie sie die Triebkraft der Produktion ist“, konstatiert Mises in seiner „Nationalökonomie“. Allerdings wurden sie dazu kräftig durch staatliche Aktivitäten stimuliert, teilweise regelrecht gezwungen.

Warum ausgerechnet der US-Immobiliensektor? Ein maßgeblicher Grund ist eine verfehlte Sozialpolitik in Verbindung mit einer ebenso verfehlten Regulierung diverser US-Regierungen. Insofern handelt es sich bei der sogenannten „Finanzkrise“ über die Inflationskrise hinaus um eine Regulierungskrise. Thomas Sowell hat in „The Housing Boom and Bust“ den kaum zu überschauenden Regulierungswust dargelegt, darunter Maßnahmen zur Förderung des Wohneigentums im Sinne einer „Häuser für jedermann“-Politik, umfassende Eingriffe in die Verfügungsrechte über Eigentum und in die Finanzierungspraktiken. Sowell kommt zu dem Ergebnis, dass die Regierung Immobilienpreise (mit) in die Höhe getrieben hat und die laxen Kreditstandards nicht einem Mangel an Regulierung und Aufsicht durch die Regierung geschuldet, sondern gerade Ergebnis der Regulierung und Aufsicht sind.

Zu einem ähnlichen Ergebnis mit dem Schwerpunkt auf verfehlten Regulierungen des Kapitalmarktes kommt auch Arnold Kling, dessen Studie über die unbeabsichtigten Folgen der jahrzehntelangen interventionistischen Wirtschaftspolitik den bezeichnenden Titel trägt „Not what they had in mind: A History of Policies that Produced the Financial Crisis of 2008“ („Nicht das, was sie sich vorstellten: Eine Geschichte der Politik, die die Finanzkrise von 2008 hervorbrachte“).

Selbst John B. Taylor, kein Anhänger der „Österreicher“, kommt in seinen umfangreichen empirischen Untersuchungen, die er dem schmalen Buch „Getting off track“ zusammengefasst hat, zu dem Ergebnis: „Ich habe empirisch belegt, dass die Maßnahmen und Eingriffe der Regierung die Finanzkrise verursacht, verlängert und verschlimmert haben.“ Taylor führt die exzessive Geldpolitik und insbesondere zu niedrige Zinssätze an. Hinzu komme eine verfehlte Liquiditätspolitik, statt das Eigenkapital zu stärken. Schließlich habe die Wirtschaftspolitik massiv Unsicherheit geschürt.

Kurzum, Inflation und Regulierung haben dem Preissystem massiv zugesetzt und (falsche) Anreize geschaffen, die entscheidend für das Handeln der Akteure sind. So lassen sich Preise als Signaltransporteure begreifen, als eine Art Signal, das in einen Anreiz eingewickelt ist (Tyler Cowen). Sie sind kein absoluter, sondern ein relativer Wertanzeiger, ein Anzeiger relativer Knappheit, und dieses Wissen helfen sie zu vermitteln. Preise geben den Wert eines Gutes als Ausdruck einer Wertschätzung vor dem Hintergrund knapper Ressourcen in Relation zu allen anderen Gütern an – und alle Preise sind Vergangenheitspreise, sie sind „wirtschaftsgeschichtliche Tatsachen“ (von Mises). Zudem gibt es einen Unterschied zwischen der Entdeckungsfunktion von Preisen und ihrer Informationsübermittlungsfunktion.

Preise reichen zur Koordination allerdings nicht allein aus. Sie müssen bewertet werden. Genau das tun die Unternehmer. Preise können Fehlinformationen enthalten; vor dem zuvor genannten Hintergrund beruhen Preise in der Zukunft daher stets auf Vermutungen. In einer Marktwirtschaft belohnt der Gewinn- und Verlustmechanismus die erfolgreichen Spekulanten.

Sobald der Staat allerdings in den freien Preismechanismus eingreift oder ihn gar zerstört, zerstört er mit Wilhelm Röpke das einzige Instrument, Konsumentenwünsche in ihrer unübersehbaren Vielfalt zu ermitteln und als Impulse an die Produktion weiterzuleiten. Sowohl die Entdeckungs- als auch die Informationsübermittlungsfunktion wird mit unbeabsichtigten und zumeist kontraproduktiven Folgen gestört. Preise schaffen Ordnung, die die Bedürfnisse der Menschen sichtbar macht. Für Österreicher gilt, dass Märkte sich stets in einem Zustand des Werdens befinden und niemals in einem Gleichgewicht – ein Strom steht nie still.

Eine freie Marktwirtschaft koordiniert Pläne durch die kommunikativen Eigenschaften von Preisen sowie Gewinn und Verlust. Peter Boettke schreibt im Blog „The Austrian Economists“, er fasse den Punkt für seine Studenten wie folgt zusammen: „Property, Prices, and Profit/loss (3 P's) give us the I's of incentives, information, innovation. Without the 3 P's we get distortions to (often downright perversions of) the 3 I's that drive wealth creation and economic progress.“ („Eigentum, Preise und Ertrag liefern uns Anreize, Informationen und Innovationen. Ohne die ersten Drei werden die anderen Drei verzerrt (oder sogar oft ins Gegenteil verkehrt), die für Wertschöpfung und wirtschaftlichen Fortschritt entscheidend sind.“)13

Deshalb ist es so wichtig, dass Preise frei sein müssen, um die Wahrheit erzählen zu können, wie es Henry Hazlitt mit den Worten „Prices must be free to tell the truth“ („Preise müssen frei sein, um die Wahrheit zu sagen“) popularisiert hat. Aber die Regierungen respektive die Zentralbanken haben mit ihrem Interventionismus genau das Gegenteil getan und die Preise manipuliert.

Mario Rizzo fasst in „seinem“ Blog „Think Markets“ die Essenz der Österreichischen Theorie zur Krisenerklärung zusammen, die er in der heutigen Forschungslandschaft sogar als „middle ground“ bezeichnet: Investitionen, relativ weit weg von der Konsumstufe, und Konsumausgaben wurden zulasten der bestehenden Kapitalstruktur und ihrer Aufrechterhaltung stimuliert (traditionelle Sichtweise). Außerdem haben niedrige Zinssätze eine größere Risikoneigung der Marktakteure stimuliert (neue Sichtweise, insbesondere Tyler Cowen). Niedrige Zinssätze haben demnach die Risikopräferenzen verändert, nicht irrationale „animal spirits“.

Die Geldentwertung ist – wie die Regulierung auch – mit beträchtlichen Kosten verbunden. Im ökonomischen „Mainstream“ wird Inflation als Anstieg des Preisniveaus (miß-) verstanden. Die Folgen der Inflation konzentrieren sich in dieser Sicht auf die Geldentwertung, die Umverteilung von Wohlstand weg von den Gläubigern hin zu den Kreditnehmern und eine Ressourcenvergeudung bei Anpassung an häufiger wechselnde Preise (sogenannte Menükarten-Kosten).

Österreicher gehen einen Schritt weiter und beziehen die durch Geldentwertung veränderten relativen Preise mit ein. Durch veränderte, falsche Preissignale kommt es zu Fehlallokationen von Ressourcen. Nun wird deutlich, dass Inflation (als Aufblähung der Geldmenge) gravierende Schäden anrichtet, weil Preise von den ihnen zugrunde liegenden Einflussfaktoren getrennt werden, etwa Geschmack, Technologien und Ressourcen. Durch Inflation werden Preise weniger verlässliche Indikatoren für Handlungen. Inflation stört die monetäre Kalkulation und damit die unternehmerischen Aktivitäten als wesentliches Element der Marktwirtschaft.

Steven Horwitz urteilt in seinem Aufsatz „The Cost of Inflation Revisited“, erschienen in „The Review of Austrian Economics“ (2003), dem wesentliche vorangehende und nachfolgende Argumente entnommen sind: „The major costs of inflation are reflected in the ways in which inflation diverts resources away from the direct satisfaction of human wants toward activities that do not directly satisfy wants and would not take place in monetary equilibrium.“ – „Die Hauptkosten der Inflation spiegeln sich in der Art und Weise wider, in der die Inflation der direkten Befriedigung menschlicher Bedürfnisse Ressourcen entzieht und in Aktivitäten umleitet, die nicht direkt Bedürfnisse befriedigen, etwas, dass in einem monetären Gleichgewicht nicht stattfinden würde.“

Inflationsbedingt findet ein anderer Gütereinsatz von End- und Vorprodukten statt, Unternehmer werden zu nur durch Inflation rentablen Aktivitäten verleitet. Angesichts der Spezifität von Kapital- und Produktionsstruktur kann ein Wechsel von Kapital (und Arbeit) nicht einfach über Nacht erfolgen. Kapital ist nicht einfach „K“. Hinzu kommen auch noch Schutzmaßnahmen gegen Inflation wie teilweise erhebliche Kosten für Berater und die Sicherung von Vermögen. Schließlich erhöht Inflation den Anreiz, statt des harten marktwirtschaftlichen Wegs den billigeren politischen Weg zur Erreichung persönlicher Ziele zu wählen. Die seit Jahrzehnten beobachtbare Interventionsschraube ist auch die Folge permanenter Geldentwertung, zumal Inflation und Staatsdefizit in einem dynamischen Verhältnis stehen.

Vor diesem Hintergrund erscheint es mutig, von den Zentralbanken und zusätzlicher Regulierung eine tragfähige Überwindung der „Krise“ und ein besseres Finanzsystem zu erwarten. Mit den Worten von Anthony de Jasay: „It is no use saying that what we need is better regulation. We should always take something better than whatever we have, but it is infantile to think that we always can and that saying so will make it so.“ – „Es ist nutzlos zu sagen, dass wir bessere Gesetze benötigen. Wir sollten zwar immer das nehmen, was besser als etwas ist, das wir haben, aber es ist kindisch zu glauben, daß wir das jederzeit können, wie auch, daß diese Forderung (automatisch) dazu führen wird.“

Vielmehr erfordert eine nachhaltige Überwindung der aktuellen „Großen Rezession“ eine Rückkehr zu freien Preisen. Nur so kann der Strom der Güter und Leistungen mit seiner ganzen Leistungskraft freigesetzt werden. Anschließend können wir „zu den langwierigeren und heikleren Bemühungen zurückkehren …, die Rahmenbedingungen zu verbessern, innerhalb derer der Markt dann wirksamer und nutzbringender funktionieren kann.“ (Friedrich August von Hayek).

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12 In: „The Quarterly Journal of Austrian Economics“, 9/2006.

13 Sinngemäße Übersetzung eines unübersetzbaren englischen Wortspiels („drei P ergeben drei I“) – Anm. d. Übers.

Teil II: Kritik der herrschenden Wirtschaftspolitik

Das Opeldesaster: Was Medien sehen und was sie nicht sehen14

Rettung für Opel“ (n-tv). „Opel-Rettung kostet Arbeitsplätze“ (Handelsblatt). „Durchbruch im Kanzleramt. Magna steigt bei Opel ein“ (FAZ). „Opel Rettung kostet 2.600 Arbeitsplätze“ (FTD). „Rettungskonzept für Opel steht – Magna steigt ein“ (Die Welt). So lauteten die Schlagzeilen wichtiger deutscher Medien. Allenfalls am Rande erfuhr Lieschen Müller, dass die vermeintliche Rettung von Opel ein Lehrstück schlechter Wirtschaftspolitik ist. Doch vermutlich war das vielen Bürgern (intuitiv) ohnehin bekannt. Ordnungspolitisch sind zumindest drei Aspekte bedeutsam:

1 Das politische Gezerre hinter den Kulissen behindert eine marktwirtschaftliche Lösung für die Opel AG. Die mediale Betrachtung war daher zwangsläufig einseitig: Im Mittelpunkt stand nur das Unternehmen und seine Beschäftigten. Ausgeblendet wurden hingegen vor allem die Kunden, aber auch die Wettbewerber. Das ist typisch für staatswirtschaftliche Entscheidungen, die stets unterkomplex bleiben und in Reinform zur Produktion von Trabbis führen (müssen). Indem die Bundesregierung den Einstieg von Magna präferiert und finanziell absichert, stellt sie sich gegen eine bessere, marktwirtschaftliche Lösung einschließlich einer Insolvenz mit anschließender Verwertung tatsächlich benötigter Teile des Unternehmens. Marktwirtschaft ist ein Gewinn- und Verlust-System. Diese entscheidende Lern- und Korrekturschleife zum Nutzen der Verbraucher wird durch ein Eingreifen der Bundesregierung gekappt. Arbeit und Kapital werden nun dann schlechtere Verwendungen eingesetzt als es den Bedürfnissen der Marktteilnehmer entspricht.

2 Die Politisierung der Marktwirtschaft schafft eine Illusion: Die Politik mit ihrer sichtbaren Hand könne anders als der Markt erforderliche Maßnahmen ergreifen und erfolgreich zum Ziel führen. Damit scheint die sichtbare Hand der unsichtbaren überlegen zu sein. Tatsächlich begünstigt die Regierung lediglich (prestigeträchtige) Großunternehmen zu Lasten der Wettbewerber und vieler kleiner Unternehmen. Das erinnert an „Stamokap“ und unheilige Allianzen zwischen „Big Business“ und Politik, die tatsächlich über Aufsichtsräte und Kungelrunden im Kanzleramt vielfach verbandelt sind. Zugleich ist eine derartige Rettung von Großunternehmen gegen das Votum der Menschen auf Märkten mit dem Geld der Steuerzahler keine unternehmerische Leistung. Politiker sind keine Unternehmer. Entweder sind sie es nie gewesen, wie Steinbrück, Steinmeier, Koch und Rüttgers, oder/ und sie tragen überhaupt keine unternehmerische Verantwortung. Denn ein Risiko gibt es für sie nicht, allenfalls die Notwendigkeit, mehr Geld der Steuerzahler nachzuschießen.

3 Eine vermeintliche Rettung der Opel-Arbeitsplätze würde vielen Menschen den Arbeitsplatz kosten. In weitaus größerem Maße wäre das nicht durch den Abbau von Stellen bei Opel der Fall, sondern durch den Wegfall von Arbeitsplätzen bei der Konkurrenz und vor allem, indem keine neuen Arbeitsplätze an anderer Stelle der Wirtschaft entstehen. Die Arbeitnehmer und das Kapital, die bei Opel gebunden bleiben, stehen nicht für die Erweiterung bestehender Unternehmen oder Neugründungen innovativer Unternehmen zur Verfügung. Weil das Geld der Steuerzahler nur einmal verbraucht werden kann, fällt es als Konsum in allen übrigen Teilen der Wirtschaft aus. Auch das kostet Arbeitsplätze, nur leider sind diese unsichtbar, da sie nie entstanden sind.

Jeder Steuern zahlende Fußgänger, Radfahrer und VW- oder Toyotafahrer würde sich nun an der Finanzierung des neuen Opel von seinem Nachbarn beteiligen. Das ist nicht nur durch die Abwrackprämie der Fall, sondern gerade auch durch staatliche Stützungsmaßnahmen für den Einstieg von Magna bei Opel.

Angesichts einer Strukturkrise der Automobilindustrie, die seit Jahren sowohl falsche Autos gebaut hat (zu groß, zu hoher Benzinverbrauch etc.), als auch zu viele Autos produziert und mit immer ausgeklügelteren Rabattaktionen verkauft hat, ist die Subventionierung gesättigter Märkte ein Lehrstück schlechter Wirtschaftspolitik.

Die Kunst guter Wirtschaftspolitik besteht darin, nicht nur die aktuellen, sondern vielmehr die langfristigen Wirkungen der Politik zu betrachten; zugleich gilt es die Folgen der Politik nicht nur für eine Gruppe, sondern für alle Gruppen zu verfolgen. Zeitlos hat diese Erkenntnis der US-amerikanische Publizist Henry Hazlitt formuliert. Seine Einführung in die Wirtschaftspolitik „Economics in one lesson“ sei allen Medienschaffenden wärmstens empfohlen.

Leseüberraschung IV: Nicht konsequent abgewrackt

Die abschließende Empfehlung von Hans-Olaf Henkel lautet (bekanntlich), eine „Hall of Shame“ zu errichten, die vor den Abwrackern der Marktwirtschaft warnt. Als ehemaliger Praktiker liefert der frühere IBM-Deutschland-Chef gleich einige Kandidaten: Middelhoff, Schrempp und Piëch. Bezeichnenderweise finden sich keine Politiker unter ihnen. Der Untertitel verspricht hingegen noch Aufklärung darüber, wie Zocker und Politiker unsere Zukunft verspielt haben. Dieser Widerspruch ist kein Zufall und weist auf eine Merkwürdigkeit hin.

Hans-Olaf Henkel ist für seine eingängigen marktwirtschaftlichen Plädoyers bekannt, die noch dazu gut zu lesen sind. Das gilt auch für die vorliegende sehr persönliche Beschreibung und Erklärung der aktuellen Wirtschaftskrise. Der Leser erhält immer wieder Einblicke in Lebens- und Karrierestationen des Hamburgers, darunter die Tätigkeit in mehreren Aufsichtsräten, etwa der IKB vor deren fahrlässigen Geschäften. Bemerkenswert ist die Darstellung des Conti-Schäffler Falls entgegen der veröffentliche Meinung.

Die aktuelle Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung bezeichnet er zu Recht als Neosozialismus. Drei Blasen drohen zu platzen: die Beschäftigungs-, die Schulden und die Sozialblase. Lesenswert ist auch die Beschreibung der amerikanischen Immobilienkrise mit den beiden Krisentreibern Politik des billigen Geldes und Häuser-für-jedermann-Politik von Gutmenschen. En passent korrigiert der frühere BDI-Chef zunehmend bekanntere Irrtümer wie die BIP- und Warenkorbmessung im Hinblick auf Scheinproduktivität und Manipulation.

Zugleich wird deutlich, dass sich Hans-Olaf Henkel vollkommen im Systemrahmen bewegt, etwa wenn er sämtliche Sonnen- oder Regenschirme des Staates für bedrohte Finanzinstitute für gerechtfertigt hält und ihre Verstaatlichung (nur) zur Vermeidung eines Gesamtkollapses befürwortet. Im Mainstream liegt auch seine Vorliebe für Massenpsychologie, für den Herdentrieb.

Ausgeblendet werden hingegen die eingangs noch thematisierten, politisch gesetzten Anreize und weitreichenden Regulierungsfehler. Sollen es nun ausgerechnet die Neosozialisten richten? Wie passt die Forderung nach einer europäischen (staatlichen) Ratingagentur ins Bild? Vielleicht so: Das konsequente Eintreten für die Marktwirtschaft als Gewinn- und Verlustsystem endet bei vielen Freunden der Freiheit, sobald es darum geht, der unsichtbaren Hand zu vertrauen. Stattdessen gewinnen sichtbare personifizierte Lösungen schnell die Oberhand. Das gilt im vorliegenden Fall auch für das neosozialistische Geldsystem, das ungeschoren davonkommt.

Hans-Olaf Henkel: Die Abwracker. Wie Zocker und Politiker unsere Zukunft verspielen, München (5) 2009.

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14 Erstmals erschienen im Juli 2009.

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