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Michael Schenk

Sky-Navy 07 - Jäger und Gejagte

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1 Verspätung

Kapitel 2 Erbitterte Feinde

Kapitel 3 Auf Kurs

Kapitel 4 Keine Gnade

Kapitel 5 Routine

Kapitel 6 Kampf-Patrouille

Kapitel 7 Notfallübung

Kapitel 8 Im Unbekannten

Kapitel 9 Die Bereitschaft des Kriegers

Kapitel 10 Unterwegs

Kapitel 11 Kosmischer Zufall

Kapitel 12 Das fremde Echo

Kapitel 13 In letzter Sekunde

Kapitel 14 Überlegungen

Kapitel 15 Schwere Schäden

Kapitel 16 Wer suchet…

Kapitel 17 Konsequenzen

Kapitel 18 Kleine Wunder

Kapitel 19 Für die Toten

Kapitel 20 Ein Funken Hoffnung

Kapitel 21 Taktische Analyse

Kapitel 22 Bauchgefühl

Kapitel 23 Lady Lancelot

Kapitel 24 Die Jäger

Kapitel 25 Cav Ho!

Kapitel 26 Niemand wird zurückgelassen

Kapitel 27 Schwarmbildung

Kapitel 28 Wehrlos

Kapitel 29 Der Zeitfaktor

Kapitel 30 Die Entscheidung

Kapitel 31 De-Briefing

Kapitel 32 Ankündigung

Kapitel 33 www.sky-navy.de

Impressum neobooks

Kapitel 1 Verspätung

Sky-Navy 07

Jäger und Gejagte

Military Science Fiction

von

Michael H. Schenk

© M. Schenk 2018

Military Star-Port, Naval Academy, Mars, solares System

Frank Kerner blickte durch die große Panoramascheibe. Der Mono-Rail hatte Mars-Central, die Hauptstadt des Mars und des Direktorats, längst hinter sich gelassen und verließ nun den breiten Gürtel des Waldes, der die Stadt umgab. Die einst irdischen Kiefern hatten sich an die Verhältnisse der durch Terraforming angepassten Welt gewöhnt. Zwar waren die Bäume noch nicht so kräftig und dicht gewachsen wie ihre Pendants auf der alten Heimat, doch sie boten auch nicht mehr den dürftigen Anblick von Krüppelholz, wie man es in den hohen Lagen irdischer Berge und Gebirge fand. Ganz langsam wurde die neue Heimat zu einer grünen Welt, auch wenn noch immer ausgedehnte Wüsten vorherrschten.

Nun würde die Einschienenbahn für eine knappe Stunde durch eine solche rötliche Einöde rasen. Sand, Staub und Steine, nur gelegentlich von einem winzigen Flecken Grün aufgelockert, welches hier versuchte, doch irgendwie Fuß zu fassen.

Franks Blick wechselten zu dem Holoschirm an der Decke des Passagierabteils. Die meisten der wenigen Mitreisenden ignorierten die stumpfsinnige Werbung, die marktschreierisch versuchte, den Menschen bewusst zu machen, dass sie ohne die angepriesenen Produkte nicht leben konnten oder doch zumindest sehr unglücklich sein würden. Im Augenblick lief ein Spot des Touristikunternehmens „My Starship“, welches seine Kreuzfahrten zwischen den Sternen anpries. Frank Kerner lächelte. Auf einen solchen Flug war er nicht mehr angewiesen um in den Weltraum zu gelangen. Er war nun Lieutenant und auf dem Weg, seinen Dienst an Bord des Assault-Patrol-Ships D.S. Vickers anzutreten.

Der junge Navy-Offizier sah auf die Zeitanzeige des Holoschirms und verzog missmutig das Gesicht. Der Zug hatte Verspätung. Auch wenn Frank keine Schuld traf, so würde es dennoch keinen guten ersten Eindruck machen, wenn er als Letzter an Bord ging und das Schiff vielleicht sogar auf ihn warten musste.

Frank blickte in den Himmel hinauf. Keine Vögel. Er fand das sehr schade. Insekten gab es inzwischen reichlich, doch die anmutigen Schwingen von Vögeln würde man auf dem Mars wohl noch lange vermissen. Der junge Lieutenant lachte leise. Seltsam. Er liebte Vögel, aber er hasste das Fliegen. Genau genommen hatte er Höhenangst. Der Weltraum machte ihm nichts aus, selbst wenn er dort in einer durchsichtigen Klarstahlkuppel stand und das bodenlose Nichts unter sich hatte. Doch sobald er ein Shuttle bestieg, dann empfand er Furcht, die er nur mühsam unterdrücken konnte.

Er erinnerte sich nur zu gut an die Sturzlandung, die zum Ausbildungsprogramm aller Navy-Offiziere gehörte. Ein verdammtes Fast Landing Vehicle der Sky-Cavalry, vollgepfercht mit Ensigns der Navy und mit einer dreiköpfigen Besatzung hartgesottener Raumkavalleristen, denen es sichtlich Freude bereitet hatte, den Offizieranwärtern zu zeigen, wie die Kavallerie eine schnelle Planetenlandung durchführte. Das FLV hatte sich dicht vor der Atmosphäre „auf die Schnauze“ gestellt und war dann mit Höchstwerten senkrecht in die Lufthülle eingedrungen. Frank Kerner erinnerte sich an das zunehmende Heulen und Toben der verdrängten Luft, an das Knacken und Knistern des Rumpfes und die Gewissheit, dass es sich früher oder später einfach in einen Feuerball verwandeln musste. Natürlich war das nicht geschehen. Die verdammte Flightcrew der Sky-Cav hatte das Landungsboot butterweich zu Boden gebracht. Doch während des Fluges hatten viele der Ensigns geschrien. Frank nicht. Er war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, sich in den Haltebügeln und Gurten seines Sitzes festzukrallen und das Bocken des Sitzes zu überstehen. Frank hatte auch nicht zu jenen gehört, die ihren Mageninhalt nicht bei sich behalten konnten. Trotzdem… Wenigstens war nicht viel in seiner Blase gewesen, so dass niemand bemerken konnte, dass er sich eingenässt hatte. Nein, die verdammte Cav mit ihren blitzschnellen Planetenlandungen war nicht sein Ding. Er war froh, sich für die Navy entschieden zu haben.

Kerner blickte erneut auf die Zeitanzeige und musterte die anderen Passagiere im Abteil. Der Mono-Rail bot Platz für Einhundert, doch es saßen kaum ein Dutzend in den bequemen Sitzen. Eigentlich kein Wunder. Der nächste Halt und zugleich die Endstelle dieser Linie, war die Naval Academy und dorthin fuhr nur, wer Anwärter, Lehrkraft oder sonstiger Angestellter war. Die Marine-Akademie des Direktorats war eine kleine Institution. Dort hielten sich selten mehr als zweihundert Anwärter auf und der Lehrkörper umfasste knapp fünfzig Instruktoren und Lehr-Offiziere. Dazu kamen hundertfünfzig Männer und Frauen, die den Betrieb am Laufen hielten und sich um Versorgung und Gebäude kümmerten. Die Navy hatte bislang keinen höheren Bedarf gehabt, denn die Flotte umfasste derzeit nur knapp über hundert Kreuzer. Nach den ersten Kämpfen gegen die Hantelschiffe der Greens lagen einige davon in den Docks und mussten langwierigen Reparaturen unterzogen werden.

Die Bedrohung durch das Alien-Volk hatte das Direktorat aus einer langen Phase des Friedens aufgeschreckt. Vielleicht würde man die Naval Academy nun vergrößern. Jedenfalls gab es jetzt ein Programm zum raschen Ausbau der Navy.

Wie beunruhigt die Bevölkerung der Direktoratswelten durch den Green-Überfall auf Regan III war, zeigte sich auch daran, mit welchen Blicken man Frank nun gelegentlich bedachte.

Er trug die formelle Dienstuniform der Sky-Navy, mit graublauer Hose und dunkelgrüner Jacke, dazu ein hellgraues Barett und schwarzes Schuhwerk. Das mittelblaue Band um die Einfassung des Baretts und die gleichfarbigen Schulterklappen zeigten seine Zugehörigkeit zur Navy, da die Sky-Cavalry diese in Gelb trug. An der Seite der Kopfbedeckung befand sich der kreisrunde Aufnäher mit dem Wappen der Flotte. An den Außennähten der Schultern, quer über die Schulterklappen, waren die schmalen „Boxes“ befestigt. Die beiden schlanken silberfarbenen Balken an ihren vorderen und hinteren Enden zeigten, das Frank den Rang eines Second-Lieutenant innehatte.

Früher hatte man seine Uniform meist ignoriert. Doch jetzt, mit der Bedrohung durch die Greens, hatte sich das geändert. Blicke trafen Frank Kerner und die damit unausgesprochene Frage, ob die Navy stark genug war, der Gefahr zu begegnen. Es war nicht möglich gewesen den Überfall auf die Siedlungswelt geheim zu halten und auch nicht, dass die Navy, trotz eines Sieges, herbe Verluste erlitten hatte.

Ja, die Menschen waren in Sorge, doch Frank wäre nicht in der Lage gewesen, ihnen Sicherheit zu vermitteln, denn nach dem, was er in der Akademie gehört hatte, waren die Greens zwar technisch nicht sonderlich überlegen, befanden sich jedoch in erdrückender Übermacht. Zudem schienen sie die Positionen menschlicher Welten zu kennen, während der Ursprung der Aliens vollkommen unbekannt war.

Ein Schatten fiel auf Franks Gesicht und er wandte sich erneut dem Fenster zu. Über der Wüste waren rötliche Schleier erkennbar, die immer dichter wurden. Dort braute sich einer der typischen Marsstürme zusammen. Glücklicherweise waren sie nach den Erfolgen des Terraforming nicht mehr ganz so zerstörerisch, dennoch blieben sie eine Gefahr für jedermann, der sich ungeschützt im Freien aufhielt. Frank beobachtete die entstehenden Sandwirbel. Das ging in Richtung auf Mars-Central. Wahrscheinlich würden dort bald die Sirenen heulen und die Warnlichter blitzen, damit die Leute die festen Gebäude aufsuchten. Früher hatte die ganze Stadt unter mehreren schützenden Klarstahl-Kuppeln gelegen, aber inzwischen war sie gewachsen und viele Bauten lagen außerhalb der alten Kuppeln. Die Luft war atembar geworden. Vor allem, weil man den Luftdruck endlich an die Erdnorm hatte anpassen können. Nur in den Sturmfronten fiel er dramatisch ab. Wer dort keine Verdichtermaske oder einen geschlossenen Raumanzug trug, der war verloren.

Ein melodischer Gong ertönte und eine freundliche Stimme bereitete die Passagiere darauf vor, dass man den Endpunkt der Strecke bald erreichen werde.

Frank Kerner erhob sich, zog die Uniformjacke glatt und nahm sein Handgepäck von der Ablage. Er wollte und durfte keine Zeit verlieren, in dem er erst zu den Türen ging, wenn der Mono-Rail gehalten hatte. Eine halbe Stunde Verspätung… Ein mieser Anfang für seinen ersten Posten als Offizier auf einem Raumkreuzer.

Frank ging durch den Mittelgang und trat in den Türbereich, der aus Sicherheitsgründen als Druckschleuse ausgebaut war. Durch die Scheiben der Doppeltür sah er die Landschaft vorbei gleiten. Er beugte sich etwas vor, um besser in Fahrtrichtung sehen zu können. Ein Stück voraus war nun die Kuppel der Naval Academy zu erkennen. Sie besaß einen Durchmesser von knapp dreihundert Metern und reichte aus, die komplette Anlage zu schützen. Sie war in den Anfängen der Marsbesiedelung errichtet worden. Plas-Beton, Klarstahl und Bauschaum vermittelten einen zweckgebundenen Eindruck. Es gab ein Sammelsurium an Kommunikationsantennen. Die typische Form einer Nullzeit-Funkantenne war eigentlich der einzige Hinweis auf die besondere Bedeutung der Anlage.

Hinter dem Areal der Akademie bemerkte Frank undeutliche Konturen. Als der Zug näher kam und sich der Winkel veränderte, sah er, dass es sich um die gelandete D.S. Vickers handelte. Sicherlich tat er den Konstrukteuren unrecht, doch irgendwie erinnerte ihn das Schiff auf seinen drei grazilen Landestützen an ein kauerndes Insekt.

Von welcher Position aus man ein Schiff der Sky-Navy auch betrachtete… In seiner Grundform entsprach es stets einem flachgedrückten Achteck, dessen zum Bug weisende Seite gestreckt wirkte. Der Kreuzer war flach und breit, und somit durchaus geeignet, die mächtigen Staustrahltriebwerke zu unterstützen, die unter nahezu jeder atmosphärischen Zusammensetzung arbeiten konnten.

Der Rumpf des modernen APS-Kreuzers war um die zweihundertdreißig Meter lang, an die sechzig breit und kaum dreißig hoch. Er wirkte, trotz seiner Größe, schlank und fast zierlich. An der Oberseite und der Unterseite gab es je eine Kuppel, die jede vierzig Meter durchmaßen und sich noch fünfzehn Meter über den Rumpf erhoben. In ihnen befanden sich die beiden schweren doppelläufigen Railguns des Schiffes. Es gab keine erkennbaren Antennen oder Radarschüsseln. Die jeweils vier, knapp zwei Meter durchmessenden, Türme auf der Oberschale und Unterschale des Mittelschiffes, welche die Normalbewaffnung enthielten, waren eingefahren und nicht sichtbar. Ansonsten wirkte die Hülle glatt. Nur an den etwas dunkleren Linien war zu bemerken, wo die Segmente der Panzerung miteinander verbunden worden waren.

In Äquatorhöhe konnte man die farbig hervorgehobenen Einfassungen von Hangartoren sehen. Der Kreuzer war in der Lage bis zu zwei Landungsboote vom Typ FLV und zwei Jagdbomber vom Typ Superbolt aufnehmen. An Bug und Heck befanden sich auf jeder Seite die typischen Schächte der Staustrahltriebwerke. Die Dimension der insgesamt vier Triebwerke ließ keinen Zweifel, dass dieses Schiff für atmosphärische Manöver und Landungen geeignet war.

Bei den älteren Kreuzern befand sich die Brücke am Bug, bei den neuen Konstruktionen hingegen auf der Oberschale, im Übergang vom vorderen zum mittleren Rumpfdrittel. Ihre Außenseiten bestanden vollständig aus Klarstahl. Im Gefechtsmodus wurde sie in den Rumpf eingefahren und von einer Panzerblende geschützt.

Die Außenhülle des Kreuzers bestand vollständig aus Tri-Stahl und war in der weiß-grauen Farbe der Direktoratsschiffe gehalten. Ein mittelblauer breiter Farbbalken zog sich schräg von hinten zur Mitte und wies die Zugehörigkeit zur Sky-Navy aus. In kräftiger mittelblauer Schablonenschrift war im vorderen Drittel die Kennung des Schiffes lesbar. Die große Kennziffer 103 und der Namenszug D.S. Vickers. Parallel zu dem blauen Balken verlief ein schmaler gelber, der darauf hinwies, dass Franks neues Schiff, neben der Navy-Besatzung, auch eine Abteilung der Sky-Cavalry an Bord haben würde.

Die Vickers befand sich seit über zwei Jahren im Dienst und es gab einen besonderen Grund, warum sie, was für einen Kreuzer ungewöhnlich schien, bei der Akademie gelandet war. Das Schiff war Bestandteil eines neuen Rotations-Systems, welches man erst vor Kurzem eingeführt hatte um die Navy schnellstmöglich zu vergrößern. Dazu gehörten neue Schiffe und neue Besatzungen sowie das Verfahren, dass die Navy alte Besatzungen gegen neue austauschte.

Als man Frank Kerner eröffnete, dass er auf die „alte“ Vickers und nicht einen der ganz neuen APS-Kreuzer kommandiert werden würde, hatte der Akademie-Offizier seinen Gesichtsausdruck richtig interpretiert und den frisch gebackenen Lieutenant scharf angesehen. „Zwei Dinge will ich Ihnen mit auf den Weg geben, Mister Kerner“, hatte der Offizier mit ruhiger Stimme gesagt. „Erstens… Sie werden dort Ihren Dienst versehen, wo die Navy Sie benötigt und nicht dort, wo Sie ihn gerne versehen würden. Zweitens… Früher oder später kommen Sie, sofern Sie sich bewähren, auch auf ein ganz neues Schiff. Eigentlich brauche ich Ihnen das nicht zu erklären, aber da Sie mich mit Ihren Hundeaugen so treu anblicken, will ich eine Ausnahme machen. Jedes brandneue Schiff hatte seine kleinen Mängel und Eigenheiten. Es dauert eine Weile, bis eine Crew da durchsteigt und alle Problemchen des Schiffes beherrscht. Die alte Mannschaft der Vickers hat ihr Schiff im Griff und sie ist nun auch erfahren darin, die Schwachstellen eines anderen Schiffes zu erkennen. Also stopfen wir die alte Crew der Vickers in einen Neubau, mit dem sie sich herumärgern kann. Sie, Mister Kerner, und eine Menge anderer Leute, ersetzen die alte Mannschaft. Damit sie nicht im Dunkeln herum stolpern, lassen wir eine Handvoll Angehörige der alten Crew noch an Bord. Die leitet Ihnen die Hand und weist auf die erkannten Eigenheiten der Vickers hin. Das hilft der neuen Crew, alte Fehler zu vermeiden. Nach einem Jahr werden Sie und die anderen Neulinge die „alte“ Crew sein. Dann beginnt das Spiel von neuem, Mister. Mit dem Unterschied, dass Sie dann zur alten Besatzung gehören und vielleicht auf ein ganz neues Schiff kommen. Natürlich nur, sofern Sie sich bewähren, aber das erwähnte ich wohl schon.“

Nun, immerhin verstand Frank, dass die Navy kein neues Schiff mit einer Mannschaft aus Neulingen in den Raum hinaus schicken wollte.

Der Mono-Rail bremste ab. Frank glich die Bewegungen aus und sah wie der Zug in den Schutz der Kuppel einfuhr. Hinter seinen zwei Wagen würde sich das Außenschott schließen, auch wenn kein Druckabfall mehr zu befürchten war.

Der Bahnsteig glitt näher.

Frank beobachtete drei Ensigns, die als Offiziersanwärter zu den Schülern der Akademie gehörten. Sie trugen, genau wie er, die volle Dienstuniform und nicht die schlichten Overalls, die beim Innendienst oder an Bord üblich waren. Die Drei wollten ihre Freizeit wohl ebenfalls in Mars-Central verbringen. Nur zu verständlich. Freizeit und Freizeitangebot waren in der Naval Academy gleichermaßen begrenzt.

Der junge Offizier erwiderte automatisch den Gruß der Ensigns und überlegte dabei, wie er wohl am schnellsten zur Vickers gelangen konnte.

Es war wirklich verdammtes Pech, dass der Zug Verspätung hatte.

Wäre er pünktlich eingetroffen, dann hätte Frank Kerner an der Ansprache des Hoch-Admirals der Flotte teilgenommen, der extra von der Haupt-Flottenbasis Arcturus ins solare System gekommen war, um dem ersten Mal des neuen „Rotationsprinzips“ der Flotte beizuwohnen und der neuen Crew Glück zu wünschen. Jetzt war der ganze Zirkus vorbei und die neue Crew war inzwischen, mit einer Handvoll der alten, mit Hover-Bussen zum Kreuzer gebracht worden.

Frank hatte keinen Platz in einem der Busse gefunden. Nun gut, die Entfernung zum Landefeld betrug nur knappe drei Kilometer und war zu Fuß nicht unüberwindlich.

Er schulterte sein Handgepäck, welches, wie schon seit vielen Generationen in jeder Marine, im Wesentlichen aus einem Seesack bestand, und verfiel in den typischen Laufschritt, den man ihm vor Jahren im Mars Military Training Center beigebracht hatte. Zwar fehlten die anfeuernden Bosheiten der Unteroffiziere, aber Frank fand sofort wieder den richtigen Rhythmus. Zwanzig Schritt laufen, zehn Schritte gehen und dann wieder von vorne. Eine schnelle und Kräfte sparende Version, die man, wie der Ausbilder zumindest behauptete, von einem irdischen Indianerstamm übernommen hatte.

Das Schiff kam näher. Frank war froh, dass dort noch Bewegung herrschte. Das fehlte noch, dass der Captain wegen ihm warten musste, um auf den Startknopf zu drücken…

Die Hauptschleuse in Höhe des Schiffsäquators, gute dreißig Meter über dem Boden, wurde gerade geschlossen und der „Leiterwagen“, der den bequemen Zugang ermöglichte, zog seinen Ausleger ein. Für eine Bodenlandung war die Schleuse dort oben relativ unbequem, aber beim Andocken im Raum ideal. Immerhin war die kleine Frachtschleuse in der unteren Railgun-Kuppel geöffnet. Ein paar Kisten wurden noch verladen, was Frank einen erleichterten Seufzer entlockte.

Kurz darauf betrat er die Frachtschleuse. Wie auf allen Navy-Schiffen und in jeder Schleuse waren hier, an der zum Heck weisenden Seite, zwei große Embleme aufgemalt: Das Hoheitszeichen des Direktorats und das Wappen des Schiffes.

Frank nahm vorschriftsmäßig Haltung an und salutierte dem Hoheitszeichen, dann betrachtete das Emblem des Kreuzers. Es war das übliche runde Logo und zeigte den Namenszug „D.S. Vickers“ sowie dessen Registernummer „103“ sowie das Motto des Schiffes: „To the Limit“. Vor allem interessierte Frank jedoch das seltsame rote Objekt, welches im Logo zu sehen war.

„Merkwürdiges Ding“, murmelte er unbewusst.

„Das rote Ding in der Mitte?“

Die Stimme klang freundlich und Frank ging davon aus, dass ihn einer der Ladearbeiter angesprochen hatte. „Ja. Ein merkwürdiger Schiffstyp. Ganz in Rot und mit merkwürdigen Auslegern. Vielleicht waren das Solarzellen… Muss ein sehr alter Raumkreuzertyp sein.“

„Kein Raumkreuzer“, korrigierte die freundliche Stimme. „Das Ding ist sogar noch älter. Damals dachte man noch nicht an Raumschiffe. Das ist ein Doppeldecker vom Typ Vickers. Gab übrigens auch mal eine Waffe, die so hieß. Aber das da ist jedenfalls ein historisches Fluggerät. Ausschließlich für den Atmosphäreflug geeignet.“

„Aha. Danke für die Auskunft. Interessieren Sie sich für so alte…“ Frank wandte sich halb um und erstarrte. Das war kein Ladearbeiter. Der Mann war Offizier, wenn auch nicht von der Navy, und er trug die Abzeichen eines Captains. Unwillkürlich nahm Frank Kerner Haltung an. „Major, Sir, ich bitte um Verzeihung. Ich wusste nicht…“

Der Raumkavallerist ahnte, was der junge Offizier sagen wollte und nahm ihm die Verlegenheit, in dem er die Worte gezielt auf etwas anderes bezog. „Die wenigsten haben heutzutage noch Ahnung von so alten Propellermaschinen. Freut mich, wenn ich Ihnen da aushelfen konnte, Lieutenant…?“

„Kerner, Sir, Frank Kerner.“

Der Mann war Captain bei der Sky-Cavalry, aber traditionsgemäß wurde er an Bord eines Schiffes mit Major tituliert, denn ein Schiff konnte nur einen Captain haben.

„Bill Haynes“, stellte sich der Kavallerist vor. „Ich befehlige das Kommando aus Sky-Troopern an Bord. D-Troop vom zehnten Regiment. Sie gehören also zu der neuen Crew der Vickers? Sie sind ein wenig spät.“

„Die Mono-Rail hatte Verspätung.“

„Wäre ich Navy-Offizier, dann würde ich jetzt sagen, Sie hätten auch einen Zug früher nehmen können. Aber ich bin kein Raumschwimmer, sondern ein Schlammfuß, und so sage ich schlicht: Das kommt vor. Sie haben Glück, dass sich die Beladung hinausgezögert hat. Der Starttermin ist um mehrere Stunden verschoben, da wir noch vier Bälle bekommen.“

„Bälle?“

Haynes lachte. „Diese kugelförmigen Drohnen, welche die Piraten gegen uns eingesetzt hatten. Das High-Command überlegt, wie nützlich uns die Dinger noch sein könnten. Wir bekommen jedenfalls vier Stück für Übungszwecke. In den Kisten, die gerade geliefert wurden, sind übrigens ebenfalls Drohnen und Übungsziele, damit wir und das Schiff unterwegs ein wenig Schießpraxis erhalten. Wie dem auch sei, Sie haben also Zeit, sich beim Captain zum Dienst zu melden. Nach meinen Informationen ist sie in ihrer Kabine.“

„Äh, ja, Sir. Danke, Sir.“ Frank salutierte hastig, nahm seinen Seesack auf und hastete zum Lift hinüber.

Die letzten Ladearbeiter verließen die Schleuse. Alles war sorgsam verstaut und der Kavallerieoffizier tippte an seine Schläfe, um das dortige Implant zu aktivieren. „Hier Haynes. Frachtgut geladen und gesichert. Jetzt fehlen nur noch die Bälle.“

Die Antwort war nicht zu hören. Das Implant war ein kleines Kommunikationsgerät, welches in der Nähe der Schläfe implantiert und von den elektrischen Strömen des menschlichen Nervensystems mit Energie versorgt wurde. Es enthielt eine winzige Tetronik sowie ein miniaturisiertes Funkgerät. Die Reichweite betrug nur wenige Meter, doch in allen Anlagen des Militärs gab es praktisch überall Transponder, welche die Signale aufnahmen, verstärkten und an den Empfänger übermittelten. In diesem Fall war die Meldung von Haynes an den technischen Offizier auf der Brücke übermittelt worden. Seine Antwort war nur für Haynes „inneres“ Ohr hörbar. Der tippte erneut an sein Implant, wählte aber ein anderes Ziel. „Sergeant Leathering, schicken Sie zwei Trooper in die Frachtschleuse. Wir erwarten noch ein paar Stücke Fracht.“

Frank Kerner glitt inzwischen mit dem Lift zum oberen der fünf Decks empor, verließ ihn und folgte dem Hauptkorridor in Richtung auf den Bug. Ein gutes Stück davor lag die Brücke und in deren unmittelbarer Nähe befanden sich die Quartiere der Schiffsoffiziere.

Diejenigen Besatzungsmitglieder, denen er auf seinem Weg begegnete, trugen die schlichten Bordoveralls. Ein paar neugierige Blicke trafen ihn, da er in seiner formellen Uniform auffiel, zumal er noch immer den Seesack mit sich schleppte.

Endlich erreichte er die Kabinen der Offiziere. Der Brücke am nächsten lag die Offiziersmesse, direkt neben ihr die Unterkunft des Captains. Er stellte den Seesack neben die Kabinentür, zog die Uniformjacke straff und drückte dann auf die Kommunikatortaste. Es gab keine Frage, wer da Einlass begehrte. Die druckfeste Platte glitt zur Seite und verschwand in der Schottwand.

Frank sah einen Mann und eine Frau an einem winzigen Tisch sitzen, die von einem Holoschirm aufblickten und ihn musterten. Ein Mann und eine Frau und beide trugen den Bordoverall eines Captains… Wem sollte ermelden? Er erinnerte sich an Haynes Worte. Der hatte von einem weiblichen Kommandanten gesprochen.

„Nun?“ Der Mann hob eine Augenbraue und stieß einen leisen Seufzer aus. „Was wollen Sie, Mister?“

Frank nahm Haltung an und salutierte. „Second-Lieutenant Kerner meldet sich zum Dienst auf D.S. Vickers, Captain, Ma´am.“

Die Zeit der sogenannten „political correctness“, in der man sich beim Militär geschämt hatte, ein weibliches Wesen auch als solches anzusprechen, war schon seit Jahrhunderten überwunden.

Die Frau erhob sich und erwiderte den Gruß formell. „Willkommen an Bord, Mister Kerner. Ich bin Captain Juliet Harper, Kommandantin der Vickers, und dies neben mir ist Captain Piet van der Dongen, der vorherige Kommandant. Er wird uns auf diesem Flug als Berater begleiten. Damit keine Missverständnisse aufkommen wird er an Bord als Senior-Captain bezeichnet.“

„Aye, Ma´am.“

Harper war klein, sehr fraulich und hatte strohblonde Haare, die so kurz geschnitten waren, dass es an einen Kahlschlag erinnerte. Ihr Lächeln wirkte herzlich. Van der Dongen war eher das Gegenteil. Außergewöhnlich groß, trainiert und finster blickend. Nur der Haarschnitt war nahezu identisch. Kerner fragte sich, ob es Bedingung für Captains war, sich eine Frisur zuzulegen, die an jene erinnerte, die bei der Sky-Cavalry üblich war. Dort sicher aus gutem Grund, da die Kavalleristen auf die Sensorik ihrer Kampfhelme zugreifen mussten. Lange Haare störten da eher.

Captain Harper wandte sich der Tetronik zu und rief Kerners Dateien auf. „Wie ich sehe haben Sie die Ausbildungen in den Bereichen der Brücke mit Auszeichnung bestanden.“

„Ja, Ma´am.“

Van der Dongen hob erneut eine Augenbraue. „Wohl keine echte Praxis, sondern Virtual Reality.“

„Das ist richtig, Sir“, bestätigte Kerner.

Statt die neuen Mannschaften in einem realen Schiff auszubilden und dieses so aus dem normalen Dienst auszumustern, trainierte man in virtuellen Objekten.

„Kein wirklicher Ersatz“, brummte van der Dongen.

Captain Harper war nur bedingt seiner Meinung. Die Ausbildung mit VR hatte sich schon oft bewährt, zumal die Simulatoren nicht nur räumliche Perspektiven und „greifbare“ Objekte boten, sondern zusätzlich auch Geräusche, Gerüche und, dank des Shriever-Systems, verschiedene Schwereverhältnisse und Andruck simulierten.

Van der Dongen bemerkte die Skepsis der Frau und lächelte. „Man weiß jederzeit, dass man sich in einer Simulation befindet und dass die Gefahren nicht echt sind. Man kann in der VR ganz ausgezeichnete Bewertungen erhalten und in realen Situationen dann kläglich versagen.“

„Nun, das stimmt natürlich“, räumte Harper ein. „Aber man kann ebenso versagen, wenn man auf einem realen Schiff gedient hat.“

Der Senior-Captain zuckte mit den Schultern. „Ihre Crew hat ausschließlich virtuelle Erfahrung und ist erst seit zwei Wochen an Bord. Ich will hoffen, dass sie sich bewährt.“

„Mit Ihrer Hilfe, Senior-Captain, und der Ihres Teams aus der alten Mannschaft, wird uns das sicherlich gelingen“, meinte Harper.

Frank Kerner blickte stur geradeaus. Auf einen Punkt, jenseits der Schultern der beiden Captains. Er spürte deutlich, dass zwischen diesen keine uneingeschränkte Harmonie herrschte.

Harper musterte Frank erneut. „Im Grunde ist die Vickers ein Schulschiff.“ Sie ignorierte die aufkeimende Empörung des früheren Captains. „Aber in der derzeitigen Bedrohungslage durch die Greens kann es sich die Navy nicht leisten, einen modernen Kreuzer für reine Schulungsaufgaben abzustellen. Dieses Schiff, Mister Kerner, wird zwar keinen normalen Patrouillenflug durchführen, aber wir sind im Raum und wenn wir in einer Notsituation angefordert werden, dann kann die Navy keine große Rücksicht auf den Status der Vickers nehmen. Das bedeutet, Mister Kerner, dass dieser Flug, bei dem sich die neue Crew an ihr Schiff gewöhnen soll, jederzeit zu einem Kampfeinsatz werden kann. Ich werde die Fähigkeiten meiner Mannschaft also bestmöglich nutzen. Sie sind zwar für die Brücke qualifiziert, aber die Besetzung dort ist bereits vollständig. Ich kann Sie nicht einmal zusätzlich dazwischenquetschen, da Senior-Captain van der Dongen und sein Senior-Chief Huggins bereits als unsere Berater die Notsitze in Beschlag nehmen. Wie ich den Unterlagen entnehme, sind Sie als Antriebs-Ingenieur qualifiziert. Sie werden Ihren Dienst daher in der Maschinenkontrolle versehen und sich bei meinem leitenden Ingenieur, Chief Farling, melden. Ihr Quartier ist übrigens in Kabine 5-06, schräg gegenüber von meinem Quartier. Vermutlich werden Sie Ihr Gepäck erst verstauen wollen, bevor Sie bei Farling antreten.“

„Aye, Ma´ am. Danke, Ma´am.“

Frank Kerner salutierte den beiden Captains, wartete deren Erwiderung ab und machte dann eine perfekte Kehrtwendung.

Augenblicke später schloss sich die Kabinentür hinter seinem Rücken und der junge Lieutenant atmete mehrmals tief durch, bevor er seinen Seesack aufnahm und Kabine 5-06 aufsuchte.

Ein Zwei-Mann-Quartier. Für Offiziere schon durchaus ein Luxus, denn die Unterbringung der Crew eines Kreuzers war eher spartanisch. Mannschaften teilten sich Quartiere für jeweils acht Personen, wobei es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gab.

Frank Kerner stellte fest, dass sein Mitbewohner die untere Koje belegte. Er suchte den freien Teil des Schranks, öffnete seinen Seesack und verstaute die wenigen Utensilien.

Wenig später trug er ebenfalls den schlichten Bordoverall. Der rechte Ärmel zeigte das Emblem der Sky-Navy, doch der linke war noch leer. Frank würde sich erkundigen, wo er den Aufnäher für die Vickers bekam. Immerhin… Er war jetzt Offizier der Navy, hatte sein erstes Bordkommando in dieser Funktion und war bereit, seinen Dienst zu versehen.

Kapitel 2 Erbitterte Feinde

Nelharab, überschweres Zweischiff der Norsun

Expansion war der Grundsatz der Norsun. Das insektoide Volk war in Stämmen organisiert und besaß eine hohe Vermehrungsrate. Dies hatte zu erbitterten Kriegen untereinander geführt, bis man die Raumfahrt entwickelte. Nun standen Ressourcen und Lebensraum für alle zur Verfügung. Die Stämme breiteten sich über die angrenzenden Sternensysteme aus. Dann stieß man auf das erste intelligente Fremdvolk und die Norsun griffen zu ihrer altbewährten Lösung: Krieg. Was ihnen an überlegener Technik fehlen mochte konnten sie durch ihre enorme Überzahl ausgleichen, denn die Stämme hielten zusammen. Im Verlaufe vieler Jahrhunderte wurden zwei Völker versklavt und drei vernichtet. Dann begegneten die Insektoiden den humanoiden Negaruyen, welche die Sterne mit ihren walzenförmigen Schiffen bereisten. Diesmal fanden die Norsun einen Feind, der ihnen die Stirn bot. Obwohl es den Stämmen gelang die fruchtbare Ursprungswelt des Gegners in eine Wüste zu verwandeln, verbissen sich die Völker in einem Krieg, der nun schon fast sechshundert Jahre währte und noch immer keinen Sieger hervorgebracht hatte. Obgleich die Negaruyen deutlich in der Unterzahl waren, entwickelten sie ihre Technik schneller, als dies den Norsun gelang.

Vor einigen Jahren war es den Stämmen gelungen, eine der geheimen Welten des Feindes zu vernichten, doch jetzt besaßen die Negaruyen eine neue Waffe, gegen die selbst die goldene Energie der Norsun kaum Schutz bot. Zudem war man auf ein bislang unbekanntes humanoides Volk gestoßen, welches man für eine Mutation des Feindes hielt, da es sich nur durch die Form der Nasen von seinem Ursprungsvolk unterschied. Die Wissenschaftler vermuteten eine strahlungsbedingte Veränderung.

Man hatte eine der Welten der „Keilnasen“ angegriffen, um sich die erforderlichen Untersuchungsexemplare zu beschaffen und eine Niederlage erlitten. Die Kreaturen, die sich selbst als „Menschen“ bezeichneten, wehrten sich erbittert und erfolgreich. Dabei stellte man fest, dass sich deren Schiffsbauweise und Waffentechnologie grundlegend von jener der anderen Negaruyen unterschied. Die Wissenschaftler vermuteten eine isolierte Kolonie des Feindes, auf der sich Leben und Technik auf eigene Weise entwickelt hatten, doch es gab auch die Befürchtung, auf ein weiteres unabhängiges Alien-Volk gestoßen zu sein.

Die Aussicht, gegen zwei fremde Rassen gleichzeitig Krieg zu führen, erschien bedrohlich und so hatten die Schiffe der Norsun neue Befehle erhalten: Den alten Feind Negaruyen zu bekämpfen und Informationen über den neuen Feind Mensch zu beschaffen.

Höchst-Wort Ter-Tesor 27 befehligte eine der kampfstarken Offensiv-Patrouillen, welche die Stammwelten der Norsun entsandt hatten. Er war bewährter Kommandant vieler Kämpfe und hatte ein Gespür für den Feind entwickelt.

Ter-Tesor 27 war humanoid und ähnelte auf große Entfernung in Körperbau und Größe einer menschlichen Gestalt. Zwischen Oberkörper und Unterleib befand sich allerdings eine deutliche Verengung. Die Gliedmaßen waren länger als die eines Menschen. Der Kopf war elliptisch und wurde von zwei großen Facettenaugen beherrscht, in deren Mitte sich zwei senkrechte Schlitzpupillen befanden. An Stelle der Nase gab es einen kurzen Rüssel, welcher der Nahrungsaufnahme diente. Der darunter befindliche Mund war ein schmaler senkrechter Schlitz und diente der Atmung und akustischen Kommunikation. Auf dem Kopf ragten zwei kurze Fühler auf, deren Bewegungen ein wesentlicher Bestandteil der Mimik dieser Wesen war. Die schlanken Hände waren mit zwei Daumen und vier Fingern versehen. Besonders auffällig war ein Unterarmlanger Stachel am hinteren Ende des Unterleibs. Seine Funktion als Waffe war im Verlauf der Generationen verkümmert, doch noch immer diente er dazu, körpereigene Duftstoffe zu produzieren und abzusondern, und fremde Gerüche zu analysieren. Der gesamte Leib war von einer smaragdgrünen Haut bedeckt, die einen samtenen Schimmer zeigte und an einigen Stellen noch Anzeichen des einstigen Chitinpanzers zeigte. Diese Färbung und die Tatsache, dass die Hantelschiffe der Norsun von einer grünen Hülle umgeben waren, hatte ihnen seitens der Menschen die Bezeichnung „Greens“ eingetragen.

Ter-Tesor 27 befehligte sieben Schiffe. Fünf besaßen die typische Hantelform, mit zwei großen Kugeln an Bug und Heck und einem schlankeren Mittelteil. Dies waren sogenannte „Zweischiffe“, die ausschließlich dem Kampf dienten. Zwei gehörten zu den „Dreischiffen“, da ihr Mittelteil eine dritte Kugel aufwies. Diese Einheiten besaßen somit zwei schlanke Verbindungsteile zwischen ihren Kugeln, in denen Kampftruppen oder Jagdschiffe mitgeführt wurden. Alle sieben Green-Schiffe besaßen die smaragdgrüne fugenlose Panzerung. Es gab keine sichtbaren Lichter oder Luken, denn der Krieg hatte die Norsun gelehrt, wie verräterisch solche Dinge sein konnten. Drei der Zweischiffe gehörten zur kleinen Kreuzer-Klasse, bei denen jede der Kugeln 200 Meter durchmaß. Die beiden Dreischiffe besaßen Kugeln von jeweils 400 Metern und die beiden letzten Zweischiffe waren Schlachtschiffe mit je 600 Meter-Kugeln. Ter-Tesor hatte den Oberbefehl über diese kampfstarke Gruppe und war entschlossen, sie zum Erfolg zu führen.

Er stand in der Zentrale im Bug des überschweren Zweischiffes Nelharab. Um ihn herum saß die Zentralbesatzung auf ihren speziellen Sitzen. An ihren Anzügen waren die Schutzhüllen der Schwanzstachel eingerollt, so dass diese in die Futterale der Sitze eingeführt werden konnten. Zwar erfolgte die Bedienung der Tasten, Schalter und Regler des Schiffes über die Hände der Besatzung, doch Systeminformationen wurden vom Schiff durch die Erzeugung künstlicher Pheromone an die Schwanzstacheln übermittelt.

Hoch-Wort Kelar 12, der Kommandant der Nelharab, stand neben seinem Befehlshaber. Die von ihm ausgehenden Pheromone verrieten, dass er unruhig war. Nicht ängstlich, doch besorgt. Ter-Tesor 27 registrierte dies und sonderte seinerseits ein paar beruhigend wirkende Duftstoffe ab. „Wir werden Erfolg haben“, versicherte er seinem Untergebenen.

Kelar 12 rollte zweifelnd die Fühler ein und entspannte sie wieder. „Wir stehen schon sehr lange auf dieser Position, Höchst-Wort. Die große Mutter und die Mütter der Stämme werden es uns nicht danken, wenn wir hier Zeit verschwenden und die Flachschlitz-Nasen an anderer Stelle durch die Grenze brechen.“

Ter-Tesor wandte sich dem Norsun zu, der für Ortung und Navigation zuständig war. „Ausführende Hand der Seher, stehen wir auf der von mir berechneten Position?“

„Unverändert, Höchst-Wort“, kam die Bestätigung.

Ter-Tesor verzichtete auf die Frage, ob die Scanner und Sensoren etwas Interessantes anzeigten. Die ausführende Hand der Seher hätte dies augenblicklich gemeldet.

„Möglicherweise ist deine Einschätzung falsch“, murmelte der Kommandant.

Dieser Zweifel war berechtigt und Ter-Tesor sah keinen Grund, seinen Untergebenen für diese verborgene Kritik zu strafen. „Ich habe die Daten zahlreicher Überfälle der Flachschlitz-Nasen ausgewertet. Dies ist ein Sektor, von dem aus sie viele ihrer Angriffe starten. Die beste Möglichkeit ihre Schiffe zu vernichten besteht darin, sie beim Austritt aus dem Schwingungsraum zu erwischen, wenn sie noch nicht auf einen Kampf vorbereitet sind.“

„Ich halte dies für überlegt und angemessen“, stimmte der Kommandant zu. „Doch wir müssen dem Feind schon sehr nahe sein, um ihn zu überraschen.“

„Daher habe ich unsere Schiffe verteilt, so dass sie ihre Stachel einsetzen können, bevor der Feind dies tut.“

Obwohl der Körperstachel längst nicht mehr als Waffe diente, hatte er sich im Sprachgebrauch der Norsun als Synonym für eine solche etabliert. Ter-Tesor hoffte darauf, dass seine Überlegungen und Berechnungen zutrafen. Wenn der Feind nicht bald eintraf, würde das Höchst-Wort dieses System verlassen und das Glück des Kriegers in einem anderen suchen müssen. Doch wenn er recht behielt, dann würde hier eine Gruppe der Negaruyen aus dem Schwingungsraum austreten. So stark diese Wesen auch sein mochten, so besaßen sie gegenüber den Green doch einen Nachteil: Nach dem Austritt aus dem übergeordneten Kontinuum waren sie für eine Weile nahezu handlungsunfähig. Ihr Nervensystem musste sich von dem Schock der Phasenverschiebung erst erholen. In dieser Zeit waren sie wehrlos und mussten sich auf die automatischen Systeme ihrer Schiffe verlassen.

Ter-Tesor wusste, dass die Verteidigungseinrichtungen hervorragend funktionieren würden, aber kein Negaruyen-Schiff konnte seine Offensivwaffen ohne den ausdrücklichen Befehl eines Negaruyen auslösen. Ein Schwachpunkt, den das erfahrene Höchst-Wort zu seinem Vorteil nutzen wollte. Für ihn kam es nun auf zwei Dinge an: Dass der Feind überhaupt erschien und dass die Distanz zu seinen Schiffen gering genug war, um ihn zu überrumpeln. Waren sie zu weit entfernt, dann brauchten die Norsun zu lange, um in Kampfreichweite zu gelangen. Ter-Tesor scheute keinen Kampf, doch die Flachschlitz-Nasen besaßen inzwischen eine verheerende Waffe, gegen welche die Panzerung der Hanteln oder die goldene Energie nahezu machtlos war.

Die goldene Energie, jene Entdeckung, welche den Norsun bisher immer den Sieg gebracht hatte. Die Wissenschaftler bezeichneten sie als formbare Energie und genau dies war sie auch. Die goldfarbenen Moleküle konnten eine schimmernde Wand bilden, die das Schiff schützte, Energiestrahlen förmlich aufsog und gegnerische Projektile einfach auflöste. Man konnte die Energie zu einem gleißenden Finger oder Tentakel formen, der achtzigtausend Kilometer in den Raum hinaus reichte und den Feind aufspießte. Neuerdings war es sogar gelungen, aus ihr Kugeln zu formen, die als endlos erscheinender Strom den Projektor verließen und die sich in jedes Objekt hinein brannten. Leider verzehrten sich die Kugeln selbst, so dass diese Waffe ebenfalls nur eine begrenzte Reichweite besaß, auch wenn sie alle anderen übertraf.

Ter-Tesor empfand plötzlich selbst eine wachsende Unruhe. Er warf einen langen Blick über die Besatzung der Zentrale. Sie wirkte konzentriert und geschäftig und doch fühlte man in ihnen die wachsenden Zweifel am Entschluss des Geschwaderführers.

Er wandte sich dem Funker zu. „Hand der Sprecher, irgendwelche Aktivitäten?“

„Nein, Höchst-Wort, unsere Schiffe halten die befohlene Stille.“

Als gab es auch keine fremden Signale, die auf die Nähe des Feindes hingewiesen hätten.

„Das Stammvolk erwartet Erfolge“, mahnte das Hoch-Wort.

„Beim Feuerfall von Istwagh“, entfuhr es dem nun doch verärgerten Ter-Tesor, „ich bin mir meiner Verantwortung bewusst, Hoch-Wort, und ich hoffe, dies gilt auch für dich. Sobald es zum Kampf kommt wird es auf deine Fähigkeiten ankommen, Kelar, denn wir dürfen eines der Feindschiffe nicht vernichten, sondern müssen es erobern.“

„Darauf sind wir vorbereitet“, zischte Kelar erregt. „Die beiden Dreischiffe haben genügend Bions an Bord, um einen Planeten zu erobern.“

Das war eine Übertreibung. So gut die künstlichen Kampfwesen auch waren, ihre Fähigkeiten hatten Grenzen. Die hohen Verluste in den vergangenen Kriegen konnten selbst durch die hohe Vermehrungsrate der Norsun nicht ausgeglichen werden und so entwickelte man halb mechanische, halb biologische Wesen, die sogenannten Bions, die als Soldaten eingesetzt werden konnten. Äußerlich ähnelten die Bions ihren Schöpfern und sie besaßen auch deren Stachel am Hinterleib, der zwar nicht zur Bedienung der Schiffsysteme geeignet war, aber als hoch empfindliches Analysegerät für fremde Substanzen genutzt werden konnte. Zudem füllten die Kampfwesen ihre Energiespeicher über ihn auf. Pheromonrüssel und Fühler ihrer Herren fehlten und an Stelle eines eigenständigen und individuellen Gehirns befand sich in den Schädeln eine milchige Creme, in der achteckige halbtransparente bionische Platinen verankert waren, wie sie typisch für die Steuerelemente der Norsun waren. Es waren programmierte Kreaturen, die nur im Rahmen ihrer Aufgaben handeln konnten. Intelligent genug für den Kampf, doch außer Stande, sich jemals gegen ihre Schöpfer aufzulehnen. Anders als ein einst versklavtes Volk, das als Kämpfer gedient hatte und sich in einem verheerenden Aufstand erhob, bis man es endlich vernichtete.

„Ausführende Hand der Stecher an das Hoch-Wort“, wandte sich der Waffenspezialist an den Kommandanten der Nelharab. „Die Speicherstände der Kristalle nähern sich der kritischen Grenze. Ich halte es für angemessen die goldene Energie aus dem hohen Bereitschaftsstatus zu lösen.“

Kelar warf einen kurzen Blick auf Ter-Tesor. „Wie lange bis zur Kristallschmelze?“

Die ausführende Hand der Stecher nannte den Wert. Bevor Kelar reagieren konnte, kam ihm Ter-Tesor zuvor. „Wir bleiben im Bereitschaftsstatus, bis die Schmelze kurz bevor steht.“

„Ich halte dies für unüberlegt und unangemessen“, protestierte der Kommandant. „Ich bin für die Sicherheit der Nelharab verantwortlich.“

„Und ich für den Erfolg der Mission“, erwiderte Ter-Tesor scharf. „Die ausführende Hand der Stecher mag beurteilen, wann die äußerste Grenze erreicht ist.“

Kelar wägte ab, wie erfahren der Waffenspezialist war. „So mag es sein“, lenkte er widerwillig ein. „Ich spreche das Wort“, kündigte er seinen Befehl an. „Die ausführende Hand der Stecher wird den hohen Bereitschaftsstand erst ändern, wenn er die kritische Grenze zur Überlastung für gekommen sieht.“

„Meine Hand folgt deinem Willen“, kam die Bestätigung.

Ter-Tesor spürte die wachsende Unmut zwischen sich und dem Schiffskommandanten. Kelar hatte recht, er war für die Sicherheit von Schiff und Besatzung verantwortlich und selbst ein adliger Geschwaderführer hatte nicht die Kompetenz, sich darüber hinweg zu setzen. Das Kelar nachgegeben hatte, war ein großes Entgegenkommen. Ter-Tesor wusste, dass er dieses nicht überstrapazieren durfte. Die goldene Energie war in den Speicherkristallen ihrer Projektoren angereichert und hielt seit einiger Zeit den höchsten Wert. Die Belastung für die Kristalle war enorm. Wurde die Energie nicht bald abgeleitet und somit gemindert, dann konnten die Kristallsäulen schmelzen oder, was verheerende Zerstörungen nach sich ziehen würde, sogar zerbersten.

„Ausführende Hand der Seher“, meldete sich dieser. „Ich empfange leichte Schwingungswellen.“

„Austritt?“, fragte Ter-Tesor hastig.

Der Ortungsspezialist schwieg einen Moment und konzentrierte sich auf seine Anzeigen. Im Stachelfutteral seines Sitzes bildeten sich Pheromone, als die Schiffssysteme die Ergebnisse der Scanner in feinste Duftmoleküle umwandelten. „Ich bestätige die Schwingungen eines nahen Austritts. Entfernung geschätzt 350. Richtung auf den Bug, ungefähr bei einem Viertelkreis nach Rechts und einem Achtelkreis in der Höhe. Schwingungen werden stärker. Austritt aus dem Schwingungsraum steht unmittelbar bevor.“

„Hand der Sprecher!“ Ter-Tesor trat näher an den Funker heran. „Sofortige Verbindung zu allen Schiffen.“

„Meine Hand folgt deinem Willen“, kam die Entgegnung. Einige Anzeigen im Pult erloschen, andere glühten auf. „Verbindung steht.“

„Höchst-Wort an alle Hoch-Worte: Feindkontakt steht unmittelbar bevor. Entfernung voraussichtlich 350, bei einem Viertelkreis rechts auf den Bug und einer Erhöhung von einem Achtelkreis. Ich spreche das Wort an alle Hoch-Worte und die ausführenden Hände der Stecher: Alle Einheiten ändern den Kurs auf die Austrittsposition des Gegners. Wenn sich bei den Feinden ein Schiff des neuen Typs befindet, so darf dies unter keinen Umständen zerstört werden. Alle Stecher konzentrieren sich auf das dortige Nest der Worte und machen das Schiff handlungsunfähig.“ Mit dem Nest der Worte war nichts anderes als die Brücke des Gegners gemeint. „Die beiden Dreischiffe bleiben zurück und halten sich bereit, die Kleinschiffe mit den Bions und den ausgewählten Händen auszuschleusen. Alle Zweischiffe bilden die Formation der zupackenden Klaue. Sobald der Feind aus dem Schwingungsraum austritt, beschleunigen alle Zweischiffe mit maximaler Fahrt, um die Distanz zu verkürzen und günstige Positionen zum Stechen einzunehmen. Alle Hoch-Worte: bestätigen.“

Die Kommandanten der einzelnen Schiffe bestätigten die Befehle, während Ter-Tesor sich bereits Kelar zuwandte, der inzwischen die Kursänderung der Nelharab befohlen hatte. Am Heck des Schiffes flammten die Schubdüsen auf und beschleunigten das riesige Hantelschiff. „Ich erwarte, dass die Nelharab als Erste am Feind ist.“

Die Pheromone des Kommandanten des überschweren Zweischiffes verrieten seinen Ärger, doch er knickte zustimmend die Fühler nach vorne. „Ich weiß, was das Stammvolk von mir erwartet.“

„Austritt!“, kam es von der Ortung. „Zwei Negaruyen des neuen Typs auf vorausberechneter Position!“

Ter-Tesor empfand eine Mischung aus Freude und Furcht. Gleich zwei der neuen Schiffe. Das erhöhte die Chance eines von ihnen aufzubringen und endlich das Geheimnis der neuen Waffe zu lüften, doch zugleich waren es ernstzunehmende Gegner, auch wenn die eigenen Einheiten in der Überzahl und deutlich größer waren. Nein, Ter-Tesor wollte nicht den Fehler begehen, die Flachschlitz-Nasen zu unterschätzen.

Während die beiden Dreischiffe mit den Truppen ein wenig zurückfielen, beschleunigten die Zweischiffe der Offensiv-Patrouille auf den Feind zu. Er war gerade erst aus dem Schwingungsraum ausgetreten, der die Reise zwischen den Sternen ohne Zeitverlust ermöglichte, und die Negaruyen an Bord mussten noch unter den Auswirkungen der Schwingung leiden. Tatsächlich ließ sich nicht erkennen, dass die Negaruyen auf die Gegenwart des Feindes reagierten.

Während die alten Walzenschiffe einen zylinderförmigen Mittelteil mit halbkugelförmigen Enden an Bug und Heck aufgewiesen hatten, zeigten die neuen Schiffe ein verändertes Design. Der zweihundertvierzig Meter lange und dreißig Meter durchmessende Rumpf wirkte schlanker. Am Bug und in der Mitte befanden sich wulstige Verdickungen, am Heck ein kantiger Kranz, der die Haupttriebwerke beinhaltete. Der bauchige Bug enthielt ein schwächeres Triebwerk, welches die Manövrierbarkeit erhöhte, die Verdickung in der Mitte barg das Kommandozentrum. Unter den Rümpfen, am Ende des vorderen Drittels, waren die Kuppeln sichtbar, welche die gefährlichste Waffe der Negaruyen enthielt: Den Zersetzer.

Jeder raumfahrende Norsun kannte dessen zerstörerische Wirkung. Niemand konnte bislang sagen ob es sich dabei um Partikel, eine reine Strahlungsenergie oder sogar Sporen handelte. Man wusste nur, dass der Zersetzer, dort wo er die Hülle eines Hantelschiffes traf, seinem Namen gerecht wurde. Je nach Intensität zerfiel der Rumpf an der getroffenen Stelle sofort zu Staub oder es breitete sich von dort eine Art Metallfraß aus, der sich rasch über das Schiff ausdehnte. In letzterem Fall gab es noch Hoffnung für die Besatzung, auch wenn sie nicht von einem anderen Schiff aufgenommen werden konnte, da der Metallfraß sonst übertragen wurde. Aber man konnte eine bestimmte Welt anfliegen. Mit etwas Glück und genügend Zeit landete man dort, überließ das Schiff seinem Ende und wurde von speziellen Bergungseinheiten an Bord genommen. Inzwischen gab es eine ganze Reihe von Schiffen, welche dieses Schicksal ereilt hatte.

Die starken Triebwerke brachten die Norsun rasch näher an den Feind. Bald würde man in der Lage sein, die goldene Energie einzusetzen.

Ter-Tesor hoffte bereits, das alles nach Plan verlaufen würde, als der Feind unerwartet schnell zum Leben erwachte.

Es waren nicht die erwarteten Verteidigungssysteme, die eigenständig aktiv wurden sobald ein Schiff angegriffen wurde und sich gegen Strahlen oder Projektile zur Wehr setzen musste. Nein, bei einer der Walzen gleißte ein grün schillernder Strahl, der den Hanteln mit Lichtgeschwindigkeit entgegen eilte. Da sich die Gegner zudem mit erheblicher Fahrt näherten, schien der Lichtfinger des Zersetzers sogar noch schneller zu sein.

Der Zersetzer traf einen der kleineren Kreuzer. Die vordere 200-Meter-Kugel des Bugs leuchtete auf, ihr Grün wurde intensiver und dann schlagartig stumpf. Die Farbe wechselte zu einem düsteren Grau. Die Hülle war innerhalb von Augenblicken derartig geschwächt, dass sie dem Innendruck der Schiffsatmosphäre nicht mehr standhielt. Der gesamte Bug löste sich in einer expandierenden Wolke aus großen Trümmern und winzigen Partikeln auf, aus der sich das Mittelteil und das Heck hervor schoben. Auch sie waren der Vernichtung geweiht, denn innerhalb einer kaum messbaren Zeit passierten sie die Überreste des Bugs und fielen dem Zersetzer ebenfalls zum Opfer. Der gesamte Vorgang hatte kaum eine Minute gedauert und über dreihundert Norsun das Leben gekostet.

Das andere Walzenschiff reagierte noch nicht. Ter-Tesor fragte sich, ob es vielleicht an Bord des Angreifers eine Handvoll Negaruyen gab, die mit dem Schwingungswechsel besser zurecht kamen, als andere.

Die Hasgarab, das Schwesterschiff der Nelharab, erwiderte das Feuer. Zwei ihrer Projektoren formten die goldene Energie in gleißende Finger, die den Negaruyen entgegen stießen. Doch die Entfernung war noch viel zu groß, um diese zu erreichen.

Die ausführende Hand der Stecher an Bord des Flaggschiffes machte es besser. Ter-Tesor registrierte wie die eigenen Projektoren einen dichten Strom goldener Kugeln entließen. Er knickte seine Fühler beifällig vor. Natürlich würden auch diese Energieprojektile die Walzen nicht erreichen, aber ihr dichter Schwarm konnte die Wirkung des Zersetzers abschwächen.

„Näher an den Feind!“, befahl Hoch-Wort Kelar. „Maximale Beschleunigung!“

Die ausführende Hand des Schiffes bestätigte hastig. Der Pilot schob die Kristalle der Triebwerkssteuerung tiefer in das Pult hinein. Von den grell flammenden Säulen der Antriebsstrahlen geschoben, raste die riesige Hantel auf die Gegner zu, bemüht, den Abstand möglichst schnell zu verkürzen und die eigenen Waffen endlich effektiv einsetzen zu können.

Das aktive Negaruyen-Schiff feuerte erneut. Diesmal raste das grüne Schimmern auf eines der Dreischiffe der 400-Meter-Klasse zu. Der Zersetzer brauchte seine Zeit, um das Ziel zu erreichen und an Bord der Dreier-Hantel erkannte man die Gefahr. Die Bugtriebwerke blitzten auf, als der Pilot das Schiff aus dem Kurs riss. Dennoch wurde die Heckkugel vom Zersetzer gestreift. Die Hantel zerfiel nicht, aber die Bildübertragung zeigte, dass sich die grüne Hülle an einer Stelle in ein stumpfes Grau zu verwandeln begann.

Ter-Tesor wusste aus Erfahrung, dass die Besatzung dies nicht unbedingt bemerken würde, bis die Außenhülle nachgab oder irgendwelche Systeme an Bord ausfielen. „Ausführende Hand der Sprecher: Mein Wort an die Kenanharab übermitteln. Das Schiff wurde vom Stachel des Zersetzers berührt und ist verloren. Sein Hoch-Wort soll versuchen die Quarantäne-Welt zu erreichen.“

Das zweite Feindschiff wurde noch immer nicht aktiv.

Endlich waren die Nelharab und die Hasgarab am Feind. Die gegnerischen Zersetzer benötigten eine Weile, um sich zum nächsten Schuss zu regenerieren und Ter-Tesor war erleichtert, dass den Negaruyen im Augenblick nur die üblichen Waffen verfügbar waren. Weißglühende Lichtstrahlen und Raketengeschosse lösten sich aus den Geschützstationen des Walzenschiffes, doch gegen diese Angriffe schützte die goldene Energie, die von den beiden Norsun-Schlachtschiffen zu schützenden Wänden geformt wurde.

Jetzt stießen die Energiefinger erneut gegen beide Gegner, die nur von ihren Verteidigungssystemen und dem gepanzerten Rumpf geschützt waren.

Das aktive Walzenschiff wurde gleich mehrfach getroffen. Die formbare Energie erinnerte an Tentakel, als sie den blauen Rumpf traf, sich ein wenig zu krümmen schien, als sie das Metall an verschiedenen Stellen durchdrang. Der bläuliche Panzer schien von innen heraus aufzuglühen, dann zerplatzte das Raumschiff in zahlreiche Fragmente. Für einen Augenblick stand ein flammender Glutball an seiner Stelle, als die Atmosphäre in einem kurzen Flackern verbrannte.

„Nur die Nelharab und nur das Nest der Worte!“, befahl Ter-Tesor erregt, der nun befürchtete, die ausführenden Hände der Stecher könnten das geballte Feuer auf den letzten Feind konzentrieren.

Seine Weisung erreichte die Hasgarab eine Sekunde zu spät. Glücklicherweise stieß deren goldene Energie knapp am Rumpf des letzten Negaruyen vorbei. Der Schütze der Nelharab hingegen traf. Der Energiefinger traf genau ins Zentrum der mittleren Verdickung der Walze, brannte sich durch Wände und Decks und verwandelte den Mittelteil in ein aufglühendes Inferno. Die Negaruyen-Offiziere auf der Brücke hatten keine Chance.

Die inneren Schutzsysteme der Walze funktionierten. Die einzelnen Abteilungen waren luftdicht abgeschottet. Während die Mitte des Schiffes nun einen ausgebrannten Tunnel aufwies, blieben Bug und Heck intakt. Hier zeigte sich eine Schwäche der feindlichen Konstruktionen, denn ohne die steuernde Brücke fiel sämtliche Energie aus. Waffensysteme, Triebwerke, Lebenserhaltungssysteme und Beleuchtung stellten ihre Funktionen ein.

Ter-Tesors Schlitzpupillen in der Mitte seiner Facettenaugen verengten sich für einen Moment. Pheromone verrieten das Ausmaß seiner Erregung. „Mein Wort an Hoch-Wort Neldor von der Branab: Er soll die Kleinschiffe und seine Stachel ausschleusen. Nun werden wir endlich erfahren, wie die Waffe der Flachschlitz-Nasen erschaffen ist.“

Kapitel 3 Auf Kurs

D.S. Vickers, Kreuzer des Direktorats, Registernummer 103

Lieutenant-Commander Bascom, der erste Offizier der Vickers, tippte an sein Implant und nickte bestätigend. „Alle Fracht an Bord, Captain, und verstaut. Außenschleusen sind geschlossen und verriegelt. Der Lademeister meldet Startbereitschaft.“

„Danke, Eins-O.“ Juliet Harper saß im Kommandosessel auf der Brücke des Kreuzers und versuchte, einen entspannten Eindruck zu vermitteln.

Flug- und Gefechtsbrücke waren bei den Kreuzern vereint und unterschieden sich in den verschiedenen Schiffstypen kaum. Gleichgültig wie groß ein Schiff auch sein mochte, es waren im Prinzip immer dieselben Funktionen, die von einer Brücke zu steuern waren. Eine Brücke war kompakt und übersichtlich und man verschwendete keinen Platz. Die der Vickers enthielt die Arbeitsstationen des Piloten, der traditionell als Rudergänger bezeichnet wurde, die des Navigators und die des Kommunikationsoffiziers, der traditionelle „RO“, also „Radio Operator“ genannt wurde sowie die des Waffenkontroll-Offiziers „Arms“ und der System- und Schadenskontrolle „Tech“. Diese Stationen waren in Form eines Hufeisens angelegt, wobei der Rudergänger vorne in der Mitte saß. Hinter ihm, im offenen Ende des Hufeisens, befanden sich die Sitze des Captains und des ersten Offiziers. Einer der beiden Notsitze hinter ihnen war bereits von Senior-Chief Huggins belegt und alles wartete auf das Erscheinen von Senior-Captain van der Dongen.

Die D.S. Vickers war Juliet Harpers erstes Kommando. Sie hatte vier Jahre als Eins-O auf einem der älteren und kleineren Kreuzer der Interstellar-Klasse gedient, dann ein Jahr auf einem der APS. Seit zwei Wochen befand sie sich nun endlich an Bord „ihres“ Schiffes. Harper verstand, dass man ihr beim ersten Flug einen Senior-Captain als Berater zur Seite stellte, dennoch fühlte sie sich dadurch ein wenig unbehaglich. Das war wohl immer so, wenn sich zwei Captains bei der Arbeit beobachteten. Selbst wenn man perfekt arbeitete, beschlich einen stets die Frage, ob der andere es nicht vielleicht noch eine Spur besser gekonnt hätte. Immerhin waren die Kompetenzen klar geregelt. Juliet Harper war der kommandierende Captain und würde letztlich die Entscheidungen fällen und die Konsequenzen tragen.

Das Schott zur Zentrale summte auf.

„Senior-Captain auf der Brücke“, meldete der Eins-O prompt.

Van der Dongen nickte Harper kurz zu und setzte sich dann auf den freien Notsitz hinter ihr. „Bereit, Captain Harper.“

„Eins-O, leiten Sie den Start ein.“

„Aye, Captain.“ Bascom wandte sich nach links. „Tech?“

„Alle Stationen besetzt und bereit“, meldete der System- und Schadenskontrolloffizier prompt. „Alle Systemanzeigen auf Grün und bereit.“

„Arms?“

„Alle Waffensysteme gesichert.“

„Nav?“

„Flugkorridor berechnet und Daten mit Ruder synchronisiert. Alle Scanner und Sensoren auf Blau und aktiv. Keine Objekte im Flugkorridor erfasst.“

„Rudergänger?“

„Bestätige Synchronisation der Daten. Ruder bereit.“

Bascom leckte sich unbewusst über die Lippen. „Tech, Triebwerke starten und Kontrolle an Ruder übergeben.“

„Aye. Schutzblenden vor Triebwerksschächten werden zurückgefahren. Yukami-Antrieb gezündet. Schubwerte steigend. Übergebe Kontrolle an Ruder.“

„Bestätige Triebwerkskontrolle“, kam es vom Rudergänger. Der Kopf unter dem VR-Helm bewegte sich unmerklich. Die Hände des Piloten lagen entspannt um die Joysticks in den Armlehnen seines Sitzes.

„RO, erbitten Sie Startfreigabe von der Lower Area Control.“

Die Stimme des Kommunikationsoffiziers wurde hörbar. „D.S. Vickers, Registernummer 103, an Lower Area Control Mars: Wir sind bereit zum Start.”

Jede besiedelte Welt verfügte über zwei voneinander getrennte Flugkontrollen: Die Lower Area Control war für alle Flugbewegungen innerhalb der Atmosphäre zuständig, die Upper Area Control für alle außerhalb der Lufthülle. Diese Überwachungszentren gewährleisteten, dass es zu keinen gefährlichen Situationen kam.

„Lower Area Control Mars an D.S. Vickers: Ihr Flugkorridor ist bestätigt und frei. LACM übergibt Flugüberwachung bei Erreichen der Atmosphäregrenze an UACM. Sie sind freigegeben zum Start. Guten Flug, Vickers.“

In allen Luftfahrzeugen, die sich in der Nähe des Flugkorridors bewegen würden, zeigten die Navigationshilfen und Instrumente nun einen farbig hervorgehobenen Bereich mit einem Warnhinweis.

„Startfreigabe ist erteilt, Captain“, meldete Bascom.

„Rudergänger: Start”, befahl Harper.

“Aye, Captain. Start eingeleitet.”

Die schweren Schutzblenden waren vor den Schächten der vier Yukami-Triebwerke zurückgefahren. Die elektrisch angetriebenen Turbinen waren auf Leistung und die rund um das Landefeld blitzenden Warnlichter waren eigentlich überflüssig, denn die Triebwerke entfachten einen gewaltigen Luftstrom, der im Augenblick in die Bodendüsen umgeleitet wurde.

Der Pilot betrachtete die virtuellen Anzeigen, während er den Triebwerksschub mit der einen und die Ausrichtung der Düsen mit der anderen Hand steuerte. Was er dank seines Helms sah, wurde zugleich auf die holografischen Schirme der Brücke übertragen.

Die Schubwerte überstiegen jetzt die Masse des Kreuzers. Man spürte keine Bewegung, aber die Höhenanzeige veränderte sich langsam und dann mit steigender Geschwindigkeit. Das Shriever-System, welches künstliche Schwerkraft erzeugte, verhinderte, dass man innerhalb der Vickers Bewegung oder Andruck spürte, während außerhalb des Schiffes die Triebwerksstrahlen den Plas-Beton des Landefeldes peitschten und den Kreuzer nach oben trugen.

„Höhe Einhundert Meter“, meldete Tech. „Landestützen werden eingefahren und gesichert.“

Aus dem senkrechten Aufstieg wurde jetzt zunehmend eine Vorwärtsbewegung. In einem relativ sanften Winkel von fünfzehn Grad stieg die Vickers auf und beschleunigte zunehmend.

„Vorbereiten für Jentao“, befahl Harper mit ruhiger Stimme.

Tech-Master-Chief McCormack betätigte einige Schaltungen. Es waren antiquiert wirkende Schalter und Tasten, mit denen ein Raumschiff gesteuert wurde. Man war sehr schnell von sensorgestützten Impulsfeldern abgerückt. Die Gefahr, dass sie bei Schwerelosigkeit und in einem Raumanzug fehlerhaft ausgelöst wurden, schätzte das Militär als zu hoch ein. In den Schächten des Jentao-Impulstriebwerkes begann es leicht zu flimmern, als die Schubeinheiten vorgewärmt wurden. Der sehr effektive Antrieb durfte erst in den oberen atmosphärischen Schichten aktiviert werden. „Jentao bereit, Captain.“

Die Vickers beschleunigte weiter. Die Luftwirbel unterhalb des Schiffes ebbten allmählich ab, während der Schub nun nach hinten geleitet wurde und die Atmosphäre immer rascher verdrängt wurde. Rund drei Kilometer über der Marsoberfläche durchbrach die Vickers bereits die Schallmauer.

Schließlich erreichte der Kreuzer jene Bereiche, an denen die Lufthülle zu dünn für die Atmosphäretriebwerke war. Der Rudergänger betätigte eine virtuelle Schaltung. Das dünne Pfeifen der Yukami verstummte, die Schubsegmente des Jentao flammten bläulich auf und verliehen dem Schiff weitere Geschwindigkeit.

„Lower Area Control Mars hat an Upper Area Control übergeben“, meldete der Kommunikationsoffizier.

„Nav, synchronisieren Sie Kursdaten für Verlassen des solaren Systems. Tech, bereiten Sie das Aufladen des Hiromata vor.“

Beide Männer bestätigten die Befehle.

Juliet Harper warf einen kurzen Blick auf den Zeitmesser. Vom Abheben bis zum Erreichen des Weltraums hatte die Vickers zwanzig Minuten und siebzehn Sekunden benötigt. Bei einem Alarmstart hätte sie es auch in fünf Minuten geschafft.

Kapitel 4 Keine Gnade

Branab, Dreischiff-Truppentransporter der Norsun

Die Befehle von Hoch-Wort Neldor waren eindeutig: Wenn möglich ein oder zwei Worte der Flachschlitz-Nasen fangen, damit man sie befragen konnte, andere eventuelle Überlebende stechen und die neue Waffe des Feindes bergen oder, wenn dies nicht möglich war, vor Ort so gut analysieren, wie dies möglich war.

Neldor wählte den erfahrenen Stachelführer Melbar zum Wort des Enterkommandos. Im vorderen Verbindungselement des Dreischiffes öffnete sich der Hangar, der bei den Norsun, der Tradition gemäß, als Nest der Kleinschiffe bezeichnet wurden. Melbar führte zwölf von ihnen hinaus, vollgestopft mit Bions und einer Gruppe ausgewählter Hände der Maschine. Die Bions würden töten und die Hände der Maschine ihrerseits versuchen, das Geheimnis der fremden Waffe zu erkunden.

Die Norsun klassifizierten ihre Kleinschiffe nach der Anzahl der Kugeln. Es gab keine schlanken Mittelteile, welche die Kugeln miteinander verbanden, nur eine verschiedene Zahl an Kugeln, die, wie die Perlen an einer Schnur, aneinandergereiht waren. Die Einkugeln waren reine Bodengleiter, Zweikugeln hingegen schnelle Jäger, die innerhalb einer Lufthülle oder im Vakuum des Weltraums gleichermaßen operieren konnten. Die Dreikugeln erfüllten die Aufgaben von Bombern oder kleinen Transportern.

Melbar führte zwölf der neuen Vierkugeln. Mit fünf Metern Durchmesser und einer Gesamtlänge von zwanzig Metern ging es darin sehr beengt zu. Die vordere Kugel beinhaltete die Bordwaffen und die Steuerung, die hintere die Maschinenanlage und das kleine, aber sehr leistungsstarke Triebwerk. Die beiden mittleren waren nichts als hohle Behälter, deren Innenwand lediglich mit einer ganzen Reihe von hakenförmigen Halterungen versehen war. Doch die Bions waren nicht anspruchsvoll und nutzten sie, um sich während der Manöver ihres Kleinschiffes festzuhalten. Die sechs mitfliegenden Hände der Maschine wurden hingegen nicht nach ihrer Bequemlichkeit gefragt. Es kam nur darauf an das wehrlose feindliche Schiff schnellstmöglich zu erreichen und sich Zugang zu verschaffen.

Das treibende Wrack war inzwischen von der gesamten Offensiv-Patrouille umringt, die immerhin einen Kreuzer und einen Truppentransporter eingebüßt hatte. Doch die Verluste waren akzeptabel, besaß man nun doch die Chance, die neueste Waffentechnik der Negaruyen in die Hände zu bekommen.

Melbar stellte eine Funkverbindung mit den anderen Booten her. „Kleinschiff Zwei folgt meiner Eins. Die Übrigen bleiben in Warteposition.“

Das würde den Besatzungen in den anderen Einheiten nicht gefallen, doch Melbar wollte nicht, dass sich seine Stachel an Bord des Feindes gegenseitig behinderten. Zudem war kaum Widerstand zu erwarten. Die Worte und das Hoch-Wort des Gegners waren tot, der Rest der Besatzung ohne Führung, wenn es in den abgeschotteten Bereichen überhaupt Überlebende gab. Melbar bezweifelte, dass man Gefangene würde machen können. Er fand es ärgerlich, dass man welche wollte. Die Bions waren aufs töten programmiert und die paar Norsun würden es schwer haben, die Kreaturen durch direkten Befehl rechtzeitig davon abzuhalten.

Melbar saß auf einer Stange hinter Pilot und Co-Pilot. Die Stange erlaubte es ihm, das Stachelfutteral seines Raumanzuges geschlossen zu halten. Die beiden vor ihm konnten diesen Vorteil nicht nutzen. Obwohl sie Anzüge trugen steckten ihre freiliegenden Stachel in den Pheromonstutzen der Kleinschiffsteuerung. Kam es zu einer explosiven Dekompression, dann waren sie verloren.

„Wir nähern und dem Mittelteil, Wort“, meldete die ausführende Hand des Kleinschiffes. „Soll ich beidrehen?“

Melbar blickte durch die einseitig transparenten Scheiben der Bugkugel. Vor ihnen trieb das Wrack. In der blauen Hülle wurden die dunkleren Linien erkennbar, wo die einzelnen Bauteile des Rumpfes miteinander verbunden worden waren. Alles war dunkel. Nirgends ein Licht, das auf Energie hingewiesen hätte. Für ein Raumschiff war Energie mit Leben gleichzusetzen. Es gab Sichtluken, wie sie früher auch von den Norsun genutzt worden waren, aber hinter keiner von ihnen schimmerte ein Licht. Melbar achtete darauf, ob eine von ihnen vielleicht kurz vom Scheinwerfer eines Raumanzuges angestrahlt wurde, doch nichts deutete auf Überlebende hin. Die zu untersuchende Waffenkuppel befand sich ein Stück vor der Verdickung des Mittelteils und direkt unter dem Rumpf. Die günstigste und schnellste Möglichkeit sie zu erreichen bestand darin, das Wrack durch die schwere Beschädigung zu betreten.

„Steuere das große Loch in der Mitte an, ausführende Hand“, befahl Melbar. Da sein Anzug geschlossen war, konnte er die Pheromone des Piloten nicht deuten, doch er spürte, dass der Norsun ängstlich war. Er scheute instinktiv davor zurück, in jene grauenhafte Wunde einzufliegen, die man dem Schiff geschlagen hatte. „Es ist der einfachste Zugang“, fügte Melbar hinzu. „So brauchen wir uns nicht durch die dicke Außenpanzerung zu brennen, sondern nur eine der Innentüren zu öffnen, die der goldenen Energie widerstanden haben.“

„Dann wird die Luft aus den abgeriegelten Abteilen entweichen“, gab der Co-Pilot zu bedenken.

„Das macht es uns nur einfacher.“

„Aber es könnte Überlebende töten, die vielleicht nicht den Schutz eines eigenen Luftanzuges tragen.“ Der Co-Pilot zögerte kurz. „Das Höchst-Wort will jedoch Gefangene.“

„Wenn die Negaruyen keine Luftanzüge getragen haben, dann sind sie dumm. Dumme Flachschlitz-Nasen kann man nicht befragen, da sie nichts wissen. Wenn sie umkommen, weil wir die Abteile des Schiffes zum Weltraum öffnen, dann ist das kein Verlust. Wichtig sind nur jene, die einen Luftanzug tragen. Jene, die intelligent genug waren, mit einem Kampf zu rechnen. Ausführende Hand, du hast mein Wort gehört. Fliege in das Schiff ein.“

„Jagdsicht“, forderte der Pilot mit dem Äquivalent eines menschlichen Seufzens.

Der neben ihm sitzende Norsun betätigte eine Schaltung. Das Realbild der Bugverglasung wich einer mehrfachen Vergrößerung. Der düstere Tunnel in der mittleren Verdickung des Wracks schien den Betrachtern entgegen zu springen.

Melbar schätzte die Größe der Öffnung auf den doppelten Durchmesser der Vierkugel. Das war nicht viel Raum zum Manövrieren, doch es würde ausreichen. Immerhin hatte der goldene Energiefinger ein sauberes Loch gestanzt, welches durch die gesamte Breite des Wracks ging. Es gab keine verformten Träger oder Platten des Rumpfes, die ein Hindernis gebildet hätten.

Am Bug des Kleinschiffes flammten Scheinwerfer auf und machten die Zerstörungen noch deutlicher. Sie führten quer durch Wände und Decks. In den Räumen fest verankerte Einrichtungsteile zeigten Schäden, die dem Verlauf des „Tunnels“ entsprachen. Die goldene Energie hatte alles aufgelöst, was sie unmittelbar berührte. Kunststoffe waren verdampft, Metalle halb geschmolzen und bildeten bizarre Strukturen. Ein Teil der sichtbaren Zerstörungen schien auf die explosive Dekompression zurückzuführen sein.

Melbar vergewisserte sich, dass seine stabförmige Energiewaffe aufgeladen und bereit war. Sie verfügte zwar nicht über die goldene Energie, doch die blauen Energiegeschosse waren in der Lage, die dünnen Innenwände des Wracks zu zerstören oder einen Negaruyen in schmorendes Gewebe zu verwandeln.

Der Pilot steuerte das Boot behutsam an die klaffende Öffnung heran. Korrekturdüsen blitzten auf und brachten es in die richtige Position. Langsam glitt die Vierkugel in das Wrack hinein.

„Wort an alle Stachel: Nicht stechen, nur fangen“, befahl Melbar auf der Frequenz der Bions. Er hielt nicht viel von diesen Wesen, auch wenn er ihre Nützlichkeit akzeptierte. Seine Anweisung blockierte jetzt das Tötungsprogramm und zwang die Kampfwesen dazu, Lebewesen nur einzufangen. Melbar hielt die Bioniker seines Volkes für ausgemachte Narren, da es ihnen nie gelungen war, die bionischen Platinen mit differenzierteren Verhaltensmustern auszustatten.

Das Wort des Enterkommandos sah sich aufmerksam um. Er tippte dem Piloten auf die Schulter. „Nullfahrt. Hier ist eine gute Stelle.“

Die Vierkugel war noch nicht ganz in das Wrack eingeflogen. Melbar hatte jedoch im Licht der Scheinwerfer eine günstige Stelle entdeckt. In einem der unteren Decks hatte eine der Drucktüren nicht standgehalten und der dort in den Bugbereich führende Gang lag frei.

Kurz darauf hatten sich die Blenden der Mannschaftsabteile geöffnet. Norsun in Raumanzügen und Bions verließen die Vierkugel. An ihren Leibern waren Gürtel mit schwachen Druckluftdüsen befestigt, mit deren Hilfe sie nun in die Räume des Wracks hinein schwebten.

Die Schwerkraft an Bord war mit den Lebenserhaltungssystemen ausgefallen. Die Lampen der Anzüge zeigten einen leeren Gang. Die entweichende Schiffsatmosphäre hatte alle losen Gegenständen und Leichen der Negaruyen mit sich gerissen. Die Türen an den Seiten des Ganges hatten jedoch standgehalten.

Die Hände der Maschine fingerten nervös an ihren ungewohnten Stabwaffen und ließen den Bions den Vortritt, wenn es darum ging, das Schott zu einem verschlossenen Raum zu öffnen. Der normale Öffnungsmechanismus war durch den Energieausfall blockiert und wahrscheinlich hätte er ohnehin nicht reagiert, um den unter Druck stehenden Raum und die darin befindlichen Negaruyen zu schützen. Die Bions benutzten ihre Körperkräfte und die Stabwaffen, um die Hindernisse zu beseitigen.

Einer der Norsun stieß ein entsetztes Zirpen aus, als ein Schott aufgebrochen wurde und die explosiv entweichende Luft die Leichen zweier Negaruyen in den Gang wirbelte.

In einem anderen Raum gab es tatsächlich einen Überlebenden und dieser setzte sich lebhaft zur Wehr. Er trug nicht nur einen Raumanzug, sondern musste sich zugleich hinter einem massiven und fest verankerten Möbel verschanzt haben. Zudem war er bewaffnet, denn das Feuer seiner Impulspistole zerstörte drei Bions, die in den Raum vordrangen, um den Feind zu überwältigen.

Melbar sah auf seinen Zeitmesser. Das dauerte ihm viel zu lange. Niemand wusste ob die Negaruyen vielleicht einen Notruf abgesetzt hatten. Wenn das der Fall war, dann konnte schon sehr bald Verstärkung für die Feinde eintreffen. Kurz entschlossen ließ er eine Granate in den Raum werfen, der den Widerstand und das Leben des Gegners beendete.

„Wir müssen zur Waffenkuppel vordringen“, mahnte Melbar und deutete mit der Stabwaffe auf einen der Schächte, die senkrecht durch die Decks führten. „Zwei Ebenen nach unten.“

Wenn man seit Jahrhunderten Krieg gegeneinander führt, dann kennt man die Bauweise des Feindes. Sie öffneten die Abdeckung des Schachtes und Melbar stieß ein grimmiges Zischen aus, als Luft und dicker Qualm entwichen. Unter ihnen musste es ein Feuer gegeben haben. Natürlich würde das Vakuum es nun ersticken, aber es war kein gutes Zeichen. Das Schiff war im dortigen Bereich nicht getroffen worden. Entweder war der Brand aufgrund einer Fehlfunktion entstanden oder, wovon Melbar ausging, die Negaruyen hatten dafür gesorgt, dass der Feind nichts Wertvolles erbeutete.

Seine Befürchtungen bestätigten sich.

In den unteren Räumen fanden sie rund zwei Dutzend Tote. Einige hatten die Helme ihrer Raumanzüge geöffnet und sich einem qualvollen Erstickungstod preisgegeben, andere wiesen Wunden von Impulspistolen auf. Die untere Waffenkuppel war durch Splitterwirkung von Sprengkörpern und das Feuer völlig ausgebrannt.

Auch diesmal würden die Norsun keine neuen Erkenntnisse über den Zersetzer der Negaruyen gewinnen.

Kapitel 5 Routine

D.S. Vickers, Kreuzer des Direktorats, Registernummer 103

Die Vickers beschleunigte mit Hilfe des Jentao-Impulsantriebes der einfachen Lichtgeschwindigkeit entgegen. Captain Juliet Harper saß entspannt in ihrem Kommandosessel. Die Beleuchtung der Brücke war heruntergefahren. Alles Licht stammte von den Sternen, die durch die Klarstahlscheiben ihre ganze Pracht entfaltete, und die Beleuchtung der Konsolen. Die Angehörigen der Brückenbesatzung bewegten sich ruhig und vermittelten den Eindruck von Routine, obwohl es für die meisten von ihnen der erste echte selbst durchgeführte Nullzeit-Sturz sein würde.

Harper genoss die Atmosphäre die auf der Brücke herrschte und konnte für einen Moment sogar ignorieren, das ihr Senior-Captain van der Dongen beständig über die Schulter blickte und gelegentlich mit seinem Senior-Chief Huggins flüsterte.

Sie blickte auf das Hologramm, welches vor ihr im Raum zu schweben schien und das Navigations-Display wiedergab. Dreidimensional und gestochen scharf zeigte es in blauen, grünen, gelben und, sofern feindliche oder gefährliche Objekte erfasst wurden, roten Symbolen alle Bewegungen im umgebenden Weltraum. Eine dünne gestrichelte rote Linie projizierte den Kurs des APS-Kreuzers.

Mit ruhiger Stimme wandte sie sich an den System- und Schadenskontrolloffizier. „Tech, wie ist der Status?“

„Alle Systeme: Grün“, kam die ebenso ruhige Erwiderung. „Abschottung und Versiegelung aller Abteilungen: Grün. Aufladung der Speicherstangen Zwei bis Sechs bei sechsundneunzig Prozent und steigend. Aufladung der Steuerstange Eins bei dreiundneunzig Prozent und steigend. Notentladung der Speicher in Bereitschaft.“

Richtung und Reichweite des Nullzeit-Sturzes wurden von der Ladungskapazität der Speicherstangen des Hiromata bestimmt. Speicherstange 1 war jene, die zum Bug wies und die Richtung und Stärke des Sturzimpulses bestimmte. Sie wurde als Steuerstange bezeichnet. Sie war jetzt ein Stück weiter aus dem Würfelgehäuse des Hiromata ausgefahren und benötigte daher auch etwas mehr Zeit zu ihrer vollständigen Ladung. Für den Fall das etwas schiefging oder der Sturz abgebrochen werden musste, bestand die Option einer Notentladung und Ableitung der Energie.

„Danke, Tech. Nav, Ihr Status?“

Der Kopf von Ensign Janine Hooter verschwand fast unter ihrem VR-Helm. „Koordinaten fixiert und Daten synchronisiert. Keine Abweichung messbar. Nav ist bereit für Sturz-Impuls.“

Gerade mit van der Dongen im Nacken wollte sich Harper auch nicht den kleinsten Fehler erlauben. „Nav, überprüfen Sie die Daten.“

Der Helm von Hooter bewegte sich in einer nickenden Bewegung. „Aye, Ma´am. Überprüfung beginnt.“

Alles wurde von den Gehirnimpulsen der Navigatorin gesteuert. Die Resultate ihrer geistigen Arbeit wurden auf das Visier des VR-Helms und die Monitore vor ihr und dem Piloten übertragen. Jedes Schiff verfügte für die Kursbestimmung und deren Berechnung über zwei Parallaxen-Kameras im Bug. Die APS besaßen sogar zwei Paare dieser hochempfindlichen Instrumente, die sich in den beiden großen Railgun-Kuppeln auf der Oberschale und Unterschale befanden. Nun maßen sie erneut die Entfernung zum Ziel, übermittelten die Daten an die zentrale Tetronik, welche zusätzlich die Masse des Raumschiffes, Geschwindigkeit und die Veränderungen, die bis zum Erreichen des Sturzpunktes eintreten mussten, in die Berechnungen einbezog, und die fertigen Werte an Hooter übermittelte.

Im Maschinenraum, rund fünfzig Meter hinter der Brücke, saß Lieutenant Frank Kerner an dem Pult, mit dem die Leistung der Maschinen und die Energieverteilung kontrolliert wurden. Die Kontrollfunktionen waren an die Brücke übergeben worden und die Männer und Frauen in dem großen Raum fungierten nur noch als Beobachter.

„Halten Sie die Augen auf den Kontrollen“, mahnte Chief George Farling den jungen Offizier. Der leitende Ingenieur betrachtete seinen neuen Vorgesetzten mit kritischem Blick. „Bloß weil die Brücke die Kontrolle hat, bedeutet das noch lange nicht, dass wir hier keine Verantwortung mehr tragen. So ausgefeilt die Steuerung auch ist und so zuverlässig die Tetroniken auch arbeiten, es kann immer zu einem Fehler kommen. Vor allem dann, wenn der Mensch seine Finger im Spiel hat.“

„Natürlich, Chief“, stimmte Kerner zu.

Er hatte in den wenigen Stunden, die er nun im Maschinenraum verbrachte, das Gefühl gewonnen, dass der Chief weit mehr Vertrauen in „seine“ Maschinen, als in seine Mitmenschen setzte.

Der Leitstand befand sich in der oberen Ebene und an der Stirnseite des großen Raums, der sich über zwei Decks erstreckte. Trotz der Größe wirkte er eher unübersichtlich und gedrängt. Energieerzeuger, Umwandler, Verteiler, Speicher… Hier hatte alles irgendwie mit Energie zu tun und es war eine Menge davon. Dabei wurden die großen Railguns in ihren Kuppeln von eigenen Reaktoren versorgt. Der Kreuzer war ein Kraftpaket und es galt, diese Kraft zu beherrschen und in die richtigen Bahnen zu lenken.

Durch die große Klarstahlscheibe konnte Kerner, über das Kontrollpult hinweg, einen Teil des Maschinenraums einsehen. Ein halbes Dutzend Männer und Frauen waren dort noch unterwegs und nahmen letzte Überprüfungen vor.

Farling bemerkte seinen Blick. „Zeit für die Manöverstationen, …Sir.“

Kerner sah darüber hinweg, dass der Chief ein wenig zögerte, bis er die respektvolle Anrede gebrauchte. Er aktivierte den Lautsprecher. „Leitstand an alle Techs: Überprüfungen abschließen und auf die Manöverstationen. Melden, wenn bereit.“

Kerner sah prüfend auf die Ladeanzeigen. Die Speicherstangen und die Steuerstange des Hiromata waren fast vollständig aufgeladen. Soeben erfolgte eine Korrektur der Steuerstange, die mit ihren Teleskopelementen eine winzige Spur eingezogen wurde. In den Tests für die Berechnungen eines Hiromata-Nullzeit-Sturzes war Frank einer der Besten gewesen. An Hand der veränderten Länge schätzte er, dass der Kreuzer beim Sturz rund zweihundert Lichtjahre zurücklegen würde. Er war immer wieder fasziniert davon, wie selbstverständlich man inzwischen Entfernungen im Raum überbrückte, für die man noch vor wenigen Jahren sehr lange mit dem Cherkov-Überlicht unterwegs gewesen war.

Farling beugte sich über seine Schulter und drückte auf die Lautsprechertaste. „Ballard, bewegen Sie Ihren dicken Hintern! Es ist Manöverstation befohlen!“

Kerner räusperte sich verlegen. Er hätte darauf achten müssen, dass sich alle Techs auf ihre Stationen begaben. Als man nur den Überlichtantrieb verfügbar hatte, hielt man es nicht für erforderlich, spezielle Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Scanner und Sensoren verhinderten die Kollision mit einem fremden Objekt. Doch so schnell diese Hilfsmittel auch waren, wenn ein Schiff aus dem Nullzeitsturz kam, dann konnte es sich direkt in der Flugbahn eines kosmischen Objektes befinden. Selbst eine Tetronik mochte dann vielleicht nicht schnell genug zu reagieren. Bislang war es während der interstellaren Raumfahrt nur zu zwei solcher tragischer Vorfälle gekommen. Inzwischen verlangten die Sicherheitsbestimmungen, dass die luftdichten Abteile eines Schiffes beim Sturz abgeschottet wurden und die Besatzung ihre Sicherheitsstationen einnahm. Jene, die für die Schadensbekämpfung eingeteilt waren, mussten ihre Raumanzüge geschlossen tragen. Während der langen Friedensperiode hatte man es nicht einmal für notwendig erachtet, dass sich die Besatzungsmitglieder anschnallten. Bei den Kämpfen gegen Piraten und Greens war man eines anderen belehrt worden.

Techniker Ballard sah schuldbewusst zum Leitstand empor, reckte den Daumen nach oben und hastete aus dem Maschinenraum. Niemand hielt sich wegen eines Sturzes dort auf. Nicht wegen der Gefahr einer Explosion oder Entladung, sondern weil der Lärm bei einem Sturz, selbst mit Gehörschutz, nahezu unerträglich wurde.

„Muss gleich so weit sein“, sinnierte Kerner. „Die Ladung nähert sich hundert Prozent.“

Weiter vorne im Schiff und ein Deck höher, hatte die Navigatorin nochmals die Aufnahmen der Parallaxen-Kameras und die Berechnungen zum Sturz mit der Tetronik überprüft. „Nav an Captain: Koordinaten fixiert und Daten erneut synchronisiert. Keine Abweichung messbar. Nav ist bereit für Sturz-Impuls.“

„Danke Nav. Tech?“

„Aufladung der Steuerstange Eins bei 99,97 Prozent und steigend. Korrektur. Aufladung der Speicherstangen Eins bis Sechs nun 100 Prozent. Aufladung für Nullzeit-Sturz abgeschlossen.“

„Rudergänger?“

„Ruder an Captain: Alle Werte synchronisiert. Alle Anzeigen Grün.“

„Freigabe zum Sturz, wenn bereit.“ Juliet Harpers Stimme klang weiterhin völlig entspannt.

„Ruder Aye. Freigabe zum Sturz, wenn bereit. Nullzeit-Sturz wird eingeleitet. Sturzimpuls erfolgt in Zehn… Neun… Acht…“

Sturz.

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9783742749550
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