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Max Geißler
Valentin Upp, der Legionär

Nach Berichten eines alten Afrikaners

Mit Bildern von Th. Rocholl

Saga

Erstes Kapitel

Die Upps sind ein gesunder Schlag Leute und haben es im dritten Geschlecht zu einem Bauerngut in der Mark gebracht.

Das Gut ist kein Grossbesitz; aber Veit Upp, der Häuslersohn und der erste unter den Upps, der sich Bauer nennt, lässt zwölf Kühe auf seinem Weidelande gehen, dazu hat er zwei Ackerpferde und ein Fohlen.

Der Grund und Boden, auf dem er sich sesshaft gemacht hat, ist märkische Erde. Um diese zu stürzen, braucht es nicht jene schweren Gäule und Zugochsen, die die Pflugschar durch den zähen Lehm thüringischer Äcker zwingen — die märkischen Pferde sind hochbeinig und für thüringische Begriffe ein bisschen windig in den Flanken.

Das Land ist eben. Auf den Wegen zwischen den Feldern mahlen die Räder der Bauernwagen in tiefen Trajen dahin, und neben diesen Spuren siedelt sich das harte Geschlecht der Heidekräuter an. Es deckt weite Flächen, auf denen junger Kiefernbestand ein paar Jahre seinen Kampf ums Licht mit der Erika kämpft, die mit ihrem harten Wurzelgeflecht die spannenlangen Föhren erdrosseln möchte. Danach sind die Jungföhren Sieger.

Der Wacholder steht regungslos dazwischen in schönen dunkelgrünen geschlossenen Säulen, denen der Heidewind nichts anhaben kann.

Und dann kommen einige Ar Buschkiefern, oder es kommt ein Hochwald, in dem der Spielhahn balzt. Manchmal spiegeln sich die roten Stämme und grünen Schirme der Wipfel in einem stillen blanken Wasser. Rohrhuhn und Wildente ziehen darauf ihre Bahnen, und der Rehbock führt die Ricken an die Ufer des blanken Wassers zur Tränke.

Die Äcker sind entweder nicht reich, oder sie sind karg. Daher kommt es, dass die Lupine in goldenen Feldbreiten angebaut und nach der Blüte untergepflügt wird, damit sie das geizige Land ertragsfähiger mache. Wenn aber der Regen fehlt, so sieht man den Rehbock zwischen den Halmen hindurch an der andern Seite des Feldes zur Äsung ziehen.

So ist der Bauer der Mark noch weniger ein reicher Mann als der anderswo; aber ein König in seinem Reich ist er doch, und er wurzelt in dem Boden seiner Heimat wie eine Föhre, die in jedem Zoll ihres knorrigen Wachstums fragt: wenn es mir in meinem Sande nicht behagte — wär’ ich dann hier?

Die Mark ist das Land seltsam schöner Einsamkeiten, die das Menschenherz einspinnen und mit heimlichen Träumen erfüllen.

Diese Träume werden nicht geahnt, solange der Mensch zwischen Föhren, Heide und Acker schafft und ruht. Aber sie erwachen, wenn er der Heimat den Rücken kehrt und gar meint, andere Stellen der Erde seien schöner und reicher, und es lasse sich draussen leichter zu etwas Rechtem bringen. Dann sind sie da wie schwärmende Bienen und machen dem Manne das Leben leid. Heimweh!

Für den Städter mag da und dort das charakterlose Wort: „Wo mir’s gut geht, da ist mein Vaterland“ zur Wahrheit werden; für Bauernblut aber ist’s eine Narrheit. Und wie jene traumhaften Luftspiegelungen in der Wüste, blühen in dem heimwehkranken Herzen Bilder von heimlichem Glanz empor, die da locken, bis der heimatfremd gewordene Mann sein Ränzel schnürt und seinen Wanderstock erfasst, um zurückzukehren zu der Scholle, auf der er jung war.

Solcher Art sind die Upps. Langaufgeschossene Menschen von hartem Aussehen. Sie haben alle einen trockenen Mund, auch die Frauen und Mädchen, und haben helle, durchsichtige Augen voll Frühlingslicht. Diese Augen bleiben ihnen bis ins späte Alter.

Und die Upps werden sehr alt; denn der Grossvater Jakob Upp, der als Holzfäller um sieben Mark in der Woche frönte, war zweiundneunzig Jahre, da Valentin Upp, der Urenkel, das Wanderfieber bekam und den verrückten Gedanken hätschelte: je weiter er fortziehe von der Heimat, desto weiter werde er einst die Grenzen seines Besitzes ausdehnen.

Ein wenig grossmannssüchtig waren sie immer; doch sind sie klug genug, vor den Menschen davon zu schweigen. Wenn sie des Abends aber um den grossen Tisch sitzen, die Häuflein der Kartoffelpellen noch vor ihnen liegen, und die Dämmerung so dicht über sie fällt, machen sie kein Hehl daraus.

Veit Upp, der es zu dem Gute gebracht hatte, sah dann sein Weib und seine sieben Kinder an diesem Tische und suchte mit ihnen nach neuen Wegen ins Leben, die alle vorwärts führen sollten.

Die sieben Kinder waren in dem Geschlechte der Upp etwas Neues. Während sie klein waren, hatte Veit Upp gelacht, wenn ihm einer von den kommenden Zeiten geredet hatte, und hatte gemeint: er wäre der Bauer, und da er es zu einem Hofe gebracht habe, könnten es die Nachfahren ja zu sieben Höfen bringen.

Aber er vergass dabei, dass an dem seinigen der Urgrossvater Jakob und der Grossvater Heinrich ihr langes Leben hindurch mitgeholfen hatten. Und die derben Glieder und harten Kräfte jener beiden waren ihrtag nicht müssig gewesen. Unter den sieben Kindern waren drei Mädchen, die auch ihren Teil wollten, wenn ihre Heirat kein Stück rückwärts auf dem Wege sein sollte — kurz: der Bauer Veit Upp merkte, je weiter sein Leben in die Jahre hineingeriet, dass die Rechnung nicht so herauskam, wie es sein guter und tapferer Wille wünschte.

Um diese Zeit ward sein Mund noch trockener. Und seine frühlingsblauen Augen waren oft wie ein Waldwasser, dem keiner auf den Grund sehen kann.

Die Upps pflegen eine Sache immer mit sich selbst auszumachen und laufen nicht bei den Nachbarn herum, da und dort zu horchen, was diese dazu meinen. So redete Veit Upp auch nicht mit Grossvater Jakob und dem Vater Heinrich darüber, der in diesem Jahre fünfundsechzig geworden war.

Der Grossvater sass droben im Giebel des Gutshauses und dämmerte sich so allgemach aus dem Dasein. Seine Augen, die ihr Lebtag um die Weite des märkischen Himmels gewandert, waren noch voll Helligkeit und Glück; denn der Greis erfuhr nichts von den Sorgen, die sich in den Winkeln des Gehöfts festspannen. Er hatte von seinem kargen Tagelohn ein Stück Geld zum andern gespart, und nun, da er das Leben hinter sich hatte, sah er nichts weiter, als dass es gut gewesen war; der Hof war an einem Teile ja auch sein Werk.

Heinrich Upp, sein Sohn, war in dem Waldhause geblieben, in das er hineingeboren worden. Es lag an der Grenze der Felder des Gutes, und der Schlag Föhren, der um das Dach rauschte, gehörte dazu. Er hatte in den anderen Jahren ein paar Morgen Landes erworben und bestellt. Auf denen pflügte und säete nun der Bauer; und wenn der älteste der Söhne seine Soldatenjahre hinter sich hatte, sollte der in dem Waldhause wohnen und die Landwirtschaft auf den dazugehörigen Äckern betreiben.

Die nächsten zwei der Brüder blieben als Knechte auf dem väterlichen Hof. Und wenn die drei Jungen mit ihren wachen Sinnen und Kräften auf dem Posten waren, so hätte schon der Himmel einfallen müssen, wenn die Upps im vierten Geschlecht nicht auf drei nachbarlichen Gütern hausten, deren jedes leidlich so gross wäre wie das erste ...

So hatte Veit Upp gedacht.

Aber die Rechnung stand ihm nicht mehr fest genug auf den Füssen, als er merkte, dass die Jahre nicht recht auf ihn warten wollten. Sie liefen ihm so durch die Hände, durch Haus und Hof, und eines Tages hatte er heraus, dass sein Besitz und seine Mühen ihm zwar eintrugen, was sie vermochten, dass er aber nicht jedes seiner Kinder so hinaus ins Leben stellen könne, wie er selbst von Vater und Grossvater hinausgestellt worden war.

Veit Upp war — wiewohl der erste seiner Art unter den Upps — doch so von Grund aus Bauer, dass er es sich nicht einfallen liess, diese Kinder in fein zugerichtete Nester zu setzen, an denen weiter nichts zu tun gewesen wäre, als sie zu erhalten. Dazu war dies Bauerntum viel zu jung; und behäbiges Sattsein, das stumpf und träge macht, ist nicht nach eines neuen Bauern Geschmack. Aber es mussten wenigstens Wege sein, auf denen sie vorwärtsgehen konnten, ohne durch die Schuld des Vaters wieder hinübergeworfen zu werden in den Frondienst der Kärrner und Waldarbeiter ...

Wenn in Veit Upp dieser Gedanke aufging, kroch es ihm übers Herz wie eine Kreuzotter, und das grossmännische Wesen in ihm presste ihm die Zähne aufeinander, dass sie knarrten. Er wollte die Sorgen damit zermahlen. Aber auf Sorgen oder Sand beissen ist einerlei — nein, auf Sand beissen ist noch besser, sagte Veit Upp und schlug die Hacke in das Heidegestrüpp, das ihm wieder in den Acker laufen wollte.

Es war ein Maitag und ging gegen den Abend zu.

Die Arbeit auf den Feldern war getan. Buchweizen und Halmfrucht schossen in fröhliches Wachstum. Der Segen des Himmels sickerte in dem Golde der untergehenden Sonne in die Schollen, und auf den Weiden gingen die Kühe. Vieh und Feld und Hof — alles stand in Frühling und in leuchtender Hoffnung.

So klar und kühl die Augen der Upps ihren Tagen auf den Grund schauten — Veit Upp war derjenige in seinem Geschlechte, der seine Gedanken und Hoffnungen manchmal über die Stränge schlagen liess. Ihm war alles „für voll ausgegangen“. Er kannte die Not der anderen Zeit und seiner Väter nur aus den Stunden rückwärtsschauenden Glückes, in denen diese Väter von ihr gesprochen hatten. Solche Not hat nicht mehr das volle Gewicht und lehrt nicht in allen Stücken, dass das Bauen von Luftschlössern zwar ein fröhliches, aber wenig einträgliches Geschäft ist.

Und Veit Upp war in der Zeit geboren, in der sein Vater und seine Mutter die letzte Brücke der Armut gerade überschritten hatten und ihre hellen Augen über den Waldrand hinaus begehrlich in die Welt schickten. „Das möchten wir haben,“ sagten ihre Herzen damals, „dies Stück Feld und jenen Kamp Weide und den Morgen Buschföhren, der sich dort hinüber auf den Sandhügel schlägt. Und zwei oder drei Stück Vieh ...“

Und ihre Augen sahen sich alles an, wurden fröhlich und weit und liessen zwei blanke Bäche Himmelssoune ins Herz laufen — das Herz wusste gar nicht, wie ihm dabei wurde!

Aus jener Zeit her kannte Veit Upp das Träumen; denn er machte sich damals just auf den Weg in die Welt.

Danach hatte er als Knabe in den Föhren gesessen und hatte mit seinen kleinen Händen die goldenen Flocken der Sonne gehascht, die durch die Wipfel hereinwirbelten. Oder er hatte das Singen des Windes gehört und hatte es sich von Grossvater Jakob in die Menschensprache umdeuten lassen; denn ein Mann, der von früh bis spät und ein himmellanges Leben im Walde gewesen ist, muss auch verstehen, was der Wind sagt.

Das Leben des Bauern hatte sich dies Herz, voll von harzigem Waldesodem, später freilich nach seiner Art geformt und hatte Dinge hineingeschrieben, die kein Traum des Kindes oder Holzfällers träumen konnte. Aber ganz hatte es die Schrift nicht ausgewischt, die in den waldjungen Jahren hineingezeichnet wurde. Und weil die Tage dem jungen Bauern immer ihr „richtig“ unter jede Rechnung gesetzt hatten, so war dieser Jungbauer ein wenig selbstherrlich und zukunftssicher geworden. Was kein Schade ist. Beides gehört zu einem rechten Manne — darf aber nicht ins Unkraut schiessen.

Doch wenn der Himmel immer Tau und Sonne in feinem Wechsel gibt und nicht zeigt, dass er auch Blitze und Schlossen machen kann, so fehlt’s im Menschen gewöhnlich an diesem Überschiessen nicht.

Veit Upp — wenn ihm einmal aus dem leuchtenden Frühlingstage heraus die Sorgen ins Herz krochen, fing an zu laufen, umschritt die Grenzen seines kleinen Königreichs und sah sich die Augen wieder voll Sonne.

Zweites Kapitel

Um diese Zeit war Valentin Upp, der jüngste Sohn des Bauern, achtzehn Jahre alt.

Nach ihm kamen die drei Mädchen.

Valentin hatte unter den Kindern am meisten von den Eltervätern oder von jenem Veit Upp, der um Sonnenuntergang die Sorgen dem verglühenden Tage nachschickte. Es war die langaufgeschossene zähe Art mit dem trockenen Munde und den Frühlingsaugen.

In ganz jungen Jahren hatten die Upps Haare, die waren beinahe von der Farbe des blühenden Ginsters. Später dunkelten sie bei den Jungen ein wenig nach; bei den Mädchen blieben sie klingend und golden, und die Mädchen hatten auf den Wangen das sanfte Rot der blühenden Heide.

Es waren feste, gesunde Menschen, und die Jungen waren mit fünfzehn fertig für die Soldaten. Grossvater Heinrich war als Reiter 1870/71 mit im Felde gewesen und hatte den Kaiser Napoleon gefangen nehmen helfen — Himmel, das war eine Lust und war ein Leid, so zwischen den Schlachten! Valentin Upp konnte schon als Dreizehnjähriger die ganze Geschichte des Feldzugs aus seinem Herzen vorlesen, so oft hatte ihm der Grossvater im Waldhause die Dinge erzählt, die sich damals zugetragen — von dem grossen Schlage bei Weissenburg an bis zum Einzuge in Berlin, als der greise weisse Kaiser voranritt und das Hurrarufen Unter den Linden bis hinein in die märkischen Wälder lief.

Vater Veit Upp war auch Soldat gewesen — bei dem Brandenburgischen Füsilierregiment Nr. 35, dem jetzigen Füsilierregiment Prinz Heinrich von Preussen — aber der Bauer hatte zu jener Zeit schon in ihm herumgespukt; er hatte den Sterz des Pfluges mit der Flinte vertauschen müssen und war daheim der einzige Sohn. Hatte auch schon ein blondes märkisches Bauernmädchen zur Braut gehabt, die ihm ein paar Acker Land in die Ehe bringen sollte, und noch von einem anderen umworben war ... So war er mit dem halben Herzen daheim im Föhrenwalde geblieben und hatte es auch nur zum Gefreiten gebracht, trotz aller Freude am Soldatenleben, die ihm der Vater ins Herz geredet hatte.

Bei dem jungen Valentin hatte diese Rede Heinrich Upps helleres Feuer geschlagen; denn als der Enkel bei dem Grossvater in der Stube des Waldhauses hockte, waren in dem Alten die Sorgen um das Seine längst nicht mehr da. Und auf dem Gute brauchten sie den Jungen auch nicht. Die Brüder waren von Kind an um Saat und Ernte gewesen — nach dem Kleinen hatte man sich nicht umgeschaut. Und so waren seine Gedanken frühzeitig über die Grenzen der Heimat hinausgeflogen und gerieten aus der Waldeinsamkeit an Länder und Menschen, die ihm des Grossvaters Lust an grossen Erlebnissen zu wunderlicher Schönheit lebendig gedichtet hatte.

Ein angehender Bauer war Valentin Upp darüber zwar auch geworden; aber er hatte als überzähliger Knecht um das tägliche Brot und ein paar Groschen gedient — auf einmal kam ihm die Überzähligkeit zum Bewusstsein.

Da beredete er sich mit dem Grossvater — was eigentlich mit ihm werden sollte; er habe keine Lust, später der Knecht seiner Brüder zu sein.

Der Grossvater hörte diese Frage nicht ungern und sagte:

„Du weisst, dass die Welt weiter reicht als der märkische Sand; und wenn dein Vater dich am liebsten als Bauer auf deiner Heimatsscholle sitzen sähe — womit er ganz recht hat — so soll der Mensch sein Herz doch nicht an Dinge hängen, die so wenig gewiss sind, wie das, was hier auf dich wartet. Und weil ich weiss, dass dein Vater nach einem Wege sucht, auf dem du dich recht ins Leben finden könnest, so sag’ ihm: Ich will bis zu meiner Soldatenzeit in die Welt gehen, etwa nach Süddeutschland oder nach dem Elsass, wovon mir der Grossvater erzählt hat, dass es ein schönes und fruchtbares Land sei; und ich will noch vieles hinzulernen, was ich daheim nicht lernen kann ... Wenn du willst,“ sagte der Grossvater, „so lass mich mit deinem Vater darüber reden und schicke ihn zu gelegener Zeit herüber zu mir.“

So sprachen die beiden im Waldhause miteinander, während Veit Upp an jenem Maiabende sich die Freude an seinem Werk ins Herz schaute.

Als schon die Sterne aufgingen, kam er langsamen Schritts und feierabendlichen Herzens zwischen den Föhren daher und trat ins Waldhaus.

Der Grossvater redete sogleich mit ihm; sie zogen die Sache ein bisschen her und hin, aber weil nicht viel dagegen vorzubringen war, so sagte Veit Upp nach einer Weile:

„Lieber wäre es mir gewesen, es hätte anders sein können. Aber das Glück wächst ja wohl nicht nur im märkischen Sande. Der Grossvater ist sogar einmal im Kriege und ist ein Reiterwachtmeister gewesen, ehe er seine paar Hufen brandenburgischen Acker umgebrochen hat ... So rede mit deiner Mutter, Valentin“, setzte er hinzu. „Es wird da nicht ganz leicht sein, ein Kind aus ihrem Denken und Fürsorgen loszumachen ... aber du kannst ja sehen, wie sie sich dazu stellt.“

Darüber musste Heinrich Upp lachen, dass die Lippen sich über den zahnlosen Kiefern spannten; denn er merkte, dass selbst für den Bauern das Land, das sie 1870 dem Reich und dem Kaiser gewonnen hatten, schier immer noch aus der Welt liege.

Valentin Upp gehörte nicht zu jenen, die einen neuen Gedanken mit leuchtender Leidenschaft aufgreifen und mit ihm spielen als mit einem goldenen Balle. Aber er hörte jedes Wort und legte es in sein Herz als ein Gut, das wert ist, dass man es spare.

Er sass ganz still neben dem Grossvater auf der Ofenbank, lehnte sich wie dieser gegen die Kacheln, hatte die Arme vor der Brust gekreuzt, die Beine übereinandergeschlagen und schaukelte ein paarmal mit dem Pantoffel. Sass dabei, als redeten die Männer von einem, den diese Sache nicht allzuviel anginge. Und es war fein anzusehen, wie diese drei grossen trockenen Gestalten da beieinander waren, aus einem Holze geschnitten und vom gleichen Meister gemacht — der eine das sichere Abbild des anderen in der anderen Zeit.

Die Frau hatte darüber die kleine Lampe aus der Küche hereingebracht, und als sie hörte, wovon die Rede war, sagte sie kein Wort, sondern trat zurück in das Dunkel bei der Tür und dachte: Die Upps haben ein starkes und tapferes Herz, wie man es braucht zum Geradeausgehen.

An diesem Abend trat Valentin Upp zu seiner Mutter in die Küche und sagte zu ihr:

„Wir haben mit Grossvater Heinrich eine Sache besprochen, die dich auch angeht. Die Dinge liegen für mich nicht gut auf dem Hofe ...“

Da wusste die Frau gleich, wohinaus er wollte, und sagte: „Nun ja — jetzt ist das wohl so. Aber es kann kommen, dass einer deiner Brüder in ein anderes Gut einheiratet. Oder du selber.“

„Das ist richtig,“ sagte Valentin Upp, „aber es braucht auch nicht so zu sein. In jedem Fall ist es gut, wenn einer das Leben auch von einer anderen Seite leben lernt. Grossvater meint, in Süddeutschland oder im Elsass wäre feine Gelegenheit dazu. Oder ich könnte auch ins Niederland gehen, gegen die See hin. Mir ist es einerlei.“

Die Frau behielt dabei ihr ruhiges Herz und sagte: „Was meint Vater?“ Und als sie auch dies gehört hatte, fragte sie: „Wann willst du gehen?“

„Warum nicht schon morgen?“ sagte er. Und die Mutter dachte: So sind die Upps alle; sie fassen ihre Gedanken gleich fest an.

„Und wie lange willst du bleiben?“

„Vielleicht ein Jahr oder zwei. Ich kann wohl auch anderswo Soldat werden. Darüber lässt sich jetzt noch nicht reden.“

Er lehnte gegen den Herd, in dem das Feuer niedergegangen war. Und weil er so sicher in die Dinge hineinsah, die vor ihm in der kommenden Zeit lagen, dachte die Frau daran, wie sie diesen fertigen, gesunden Menschen manchmal in Hof und Scheuer hatte nach einem Tagwerk suchen sehen, das er nicht immer fand. Sie ward nun ganz still an ihm und sagte: „Wenn du willst, so kannst du morgen gut gehen. Es ist alles bereit und heil, was du brauchst.“

Weder die Brüder noch die Schwestern wunderten sich über das, was an diesem Abend im Hause vorging. Es war, als hätten sie alles genau so erwartet — Gedanken, die in ihnen langsam gewachsen waren und nun in Blüte standen.

An diesem Abende blieben sie alle länger in der geräumigen, niederen Stube, in der die Decke über der Lampe kräftig angedunkelt war, und redeten von der Reise.

Die Mutter trug ein grosses, fast neues Wachstuch herbei, das sie zur Kirmes oder an den Feiertagen über den Tisch legte. Sie brachten auch ein grünes Gurtband und Riemen und legten sie zu den Dingen, die er mitnehmen wollte: Wäsche und Schuh und die Bilder von Vater und Mutter und eine metallene Deckelschale für die Seife.

Veit Upp aber war um diese Zeit über die Heide zum Gemeindevorsteher gelaufen und liess sich die Papiere ausstellen für seinen Sohn.

Zuletzt sassen Vater und Mutter noch ein wenig mit ihm zusammen und rieten wortkarg an Möglichkeiten herum, die kommen könnten. Jeder sagte sich: sie ständen vor einer Türe, die von keinem ihres Geschlechts je aufgeschlossen worden. Aber sie machten sich die Herzen nicht schwerer.

Zuletzt nahm Veit Upp einen schwarzen Beutel aus dem Schapp, der war noch aus seiner Jungmannszeit darin, und trug auch die kleine Geldtasche herzu, die er während seiner Dienstzeit am Riemen auf der Brust getragen hatte. Er tat in beide etliches Geld und gab sie ihm.

Am anderen Morgen, als die Welt noch voller Tau und feinem Frühnebel hing, waren schon alle wach und waren an ihrer Arbeit.

Da ging Valentin Upp zu jedem hin und sprach ein gutes Wort, und sie lachten einander dabei an, aber es fand sich keins recht heraus aus der Wehmut des Abschiednehmens. Danach ging er aus dem Hof und ging aus dem Tore. Er hatte die aufgehende Sonne im Rücken.

Als er bei dem Haus in den Föhren durch die Scheiben sah, waren die Alten schon da, drückten ihm die Hand und gaben ihm ihre guten Wünsche und einen Taler.

Er sagte, er wollte bis nach der Stadt Halle wandern und dann mit der Bahn fahren und wieder wandern — so immer im Wechsel, bis er etwa nach Metz oder Strassburg käme ... Es war eine jener Minuten, in denen alle Türen an den Herzen aufgehen und alle Fenster; und aus jedem klingt ein warmes Wort, schauen ein Paar liebe, sorgende Augen.

Drittes Kapitel

In der zweiten Woche schritt Valentin Upp den Mainkai in Frankfurt entlang. Er kam aus der alten Stadt, die Fahrgasse herab, und war müde geworden an den bunten Bildern des Lebens in den Strassen. Deshalb setzte er sich auf eine der Bänke in den Anlagen am Strome und legte sein Felleisen neben sich und liess seine Gedanken laufen. Auf einmal waren sie mitten in dem Bauernhofe der Mark. Um sie her standen hohe klare Menschen mit trockenen Lippen: Vater, Mutter, drei Brüder und drei Schwestern; und der Grossvater Heinrich weit hinüber trat an den Saum des Föhrenwaldes, machte ein Dächlein mit der Hand über den Augen und guckte, was da los wäre ...

„Ich bin noch gar nicht ruhig geworden“, sagte Valentin Upp halblaut in die Fragen der vielen Frühlingsaugen hinein. „Noch nicht recht ruhig in mir selber. Ich bin drei Tage von früh bis in die Nacht gewandert und dazwischen immer eine Strecke gefahren. Ich bin ein Stück durch Thüringen gekommen, dann durch eine Strecke Bayern und durch ein paar Kilometer Hessen. Ich habe nicht stets den kürzesten Weg gesucht, und es sind schöne und reiche Güter in dieser Gegend; der Boden ist schwarz, und Korn und Weizen stehen in dunklerem Grün in den Halmen als bei euch ...“

Es gingen zwei junge Leute an ihm vorüber und betrachteten ihn; denn sie sahen, dass er ein Felleisen neben sich liegen hatte.

Da verschwanden die klaren, blonden Köpfe, die ihn umdrängten, und er legte das Bündel schwarzen Glanz über seine Knie und schrieb eine Postkarte.

Es war die erste, die er heimsandte, und er überlegte, was auf dem kleinen Raume neben der Adresse als das Wichtigste stehen solle. Dann fand er ein paar schlichte Worte für die Gedanken, die ihn vorhin mitten auf den Sandhof geführt hatten: er schrieb von den drei Ländern, durch die er gewandert war (das diktierte ihm bie Grossmannssucht der Upps), und schrieb von dem reicheren Wachstum, das in diesen Ländern sei. Dann las er alles noch einmal und schob die Karte unter den Riemen des Bündels.

Da kamen die beiden jungen Leute von vorhin wieder und setzten sich neben ihn auf die Bank.

Er hatte in dieser Woche wenig geredet, ein paar Worte des Abends in den Herbergen, und es war fast immer das gleiche auf die gleichen Fragen gewesen. Auch diesmal.

Dann erfuhr er, dass der eine ein Schreiner sei, und der andere ein Schuhmacher, und dass sie beide auf der Walze wären und rheinaufwärts wollten.

Als sie hörten, dass er ein Bauernsohn aus der Mark wäre, wunderten sie sich und meinten, es hätte wohl mit seinen Leuten daheim einen Streit gegeben, oder er hätte sich sonst aus einem Grund unsichtbar gemacht.

Er sagte ihnen in drei Sätzen alles und merkte, dass ihm die Rede nicht so rasch aus dem Munde ging wie dem Hessen Schreiner und dem Schuster aus der Pfalz; und er dachte, wie diese Leute so in aller Welt daheim seien und trotz ihrer abgetragenen Kleider und ihrer geringen Ernährung guter Dinge wären. Er wunderte sich auch, dass sie mit einem fremden Menschen gleich so sprechen könnten, als hätten sie schon drei Paar Schuh auf gemeinsamer Wanderung vertreten.

Der Schuster war ein schwarzhaariger, dunkeläugiger Geselle, der in einer verwohnten Haut steckte. Er war von den Soldaten freigekommen und war froh darüber, wiewohl er nicht recht wusste, was er mit sich anfangen sollte. Er sagte, er hätte mit seiner Drehscheibe schon so viele Schusterschemel geputzt und sich krumm gehockt, dass er das Ding für eine Zeit „überhabe“.

Upp merkte, dass sich die beiden auch erst an diesem Tage kennen gelernt hätten, und dachte, mit dem helläugigen Schreiner müsse gut auszukommen sein. Er war ein besinnlicher ruhiger Mensch, hatte sich eine Handvoll Taler gespart und wollte nun sein Glück auf der Fahrt versuchen. Der Schuster aber hatte in seiner abgegriffenen Geldtasche nur ein paar Bettelpfennige. Er fand deshalb auch gleich höhnische Worte: er wäre da ja mit zwei Baronen zusammengetroffen, und es wäre schön, wenn er in ihrer Gesellschaft bleiben könne — ein schlechter Kerl sei er nicht, nur ein bisschen zerknittert, verstossen und saueren Herzens, und er müsse sich erst an die Sonne gewöhnen. Für ihn galt es gleich als eine beschlossene Sache, dass sie eine Kompagnie bilden wollten, um ein Stück Welt zu erobern.

In Valentin Upp aber stürzten seit langem die Gedanken wieder einmal durcheinander, weil er gewöhnt war, immer nur einen aufzunehmen und zu seinem Ziele zu führen. Jetzt waren ihrer gleich ein Haufen da und flatterten ihm durch Kopf und Herz wie ein aufgeschrecktes Volk Rebhühner.

Seine jungen achtzehn Jahre und das in bunter Endlosigkeit vorübergleitende Band neuer Bilder waren schuld, dass er nicht mehr so sicher auf der Erde stand als die Tage zuvor. Und doch hatte er Lebenserfahrung genug und sagte sich, es dürfe einer, der zum erstenmal von Hause fort sei, nicht den ersten besten zu seinem Genossen wählen. Die neben ihm sassen, waren von jener Art, wie sie daheim auf dem Sandhofe vorgesprochen und dann auf der Schwelle des Hauses die Suppe gelöffelt hatten, die ihnen Mutters Mildtätigkeit hinausgetragen. Aber er sagte sich auch, dass er nun selber einer von diesen sei, und er würde schliesslich doch mit einem ihres Schlages die Strasse fahren ...

Darüber setzte er sich wieder fest in den Sattel, fasste seine Gedanken hart an und sagte: „Es kommt darauf an, sich selber nicht zu verlieren.“

Das war das Wort, das ihm der Grossvater am Morgen seines Auszuges an der Türe des Föhrenhauses mit grosser Wichtigkeit gesagt hatte. Es klang dem jungen Upp damals, als hätte es der alte Mann von einem anderen übernommen, oder aus der Morgenzeitung, die ein paar Nachbarn miteinander hielten; denn dies Wort stand als eine fremde Weisheit zwischen anderen. Und er hatte es für eine Redensart gehalten, wie sie die alten Leute so zwischendurch annehmen. Weil sie ihren Sinn nie ganz ausschöpfen, kommt solche Sprache fremd und feierlich aus ihrem Munde und bewegt sich wie der Bauer in Kirchrock und Glanzhut.

Aber dem jungen Upp, der sich hinausgestellt hatte in die Welt, wurde das Wort nun ganz voll Helligkeit. Er dachte, es sei in seinem Leben noch keine Minute in so plötzlichem und schönem Lichte gewesen.

Weil er schwieg, sah ihn der Bayer aus Augen an, die schon an vieler Menschenlist herumgeleuchtet hatten, und sagte aus seinem saueren Herzen heraus: „Wir sind ihm zu schlecht.“

Da betrachtete Upp sich den Schuhmacher, der eine so fixe und scharfe Zunge hatte, und es ärgerte ihn, dass der in allem voraussein wollte und hatte doch nur erbettelte Pfennige in der Tasche.

Deshalb wollte er ihn gleich auf seine richtige Grösse und auf seinen richtigen Wert setzen und sagte: „Zu schlecht bist du mir nicht, aber du sollst nicht meinen, ich sei daheim ausgefahren, um einem anderen mit Almosen durch faule Tage zu helfen.“

Der Bayer fühlte, dass der trockene Brandenburger mit seinen hellen Augen scharf um sich sah, und sagte kleinlaut: so wäre seine Rede auch gar nicht gemeint gewesen. Upp aber war sehr froh, dass er schon an dieser Stelle des Weges ein Wort gefunden hatte, welches der andere als einen Schlag empfand; denn der war gewöhnt, ein wenig lose im Zügel zu gehen.

Danach beredete er mit dem Schreiner, wie sie den Nachmittag verbringen wollten. Sie gaben dem Bayer bei dieser Beratung keine Stimme und beschlossen, die Nacht in Frankfurt zu bleiben und ihre Felleisen gleich in die Herberge in der alten Mainzerstrasse zu bringen.

Auf dem Wege dahin sagte der Schuster: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich mir mit euerm Gelde ein paar gute Tage machen will; aber ich muss weiter, wenn ihr nicht ein Abendbrot und das Schlafgeld für mich bezahlt; denn ich mag mich in der Stadt nicht beim Schnorren abfangen lassen.“

Da versprachen sie ihm, was er erbat, und gingen in die Herberge. Jeder liess sich für fünf Pfennig einen Topf dünnen Kaffee und für drei Pfennig Brot geben.

Upp war zum ersten Male in einer solchen Unterkunft. Es war eine niedere, nüchterne Stube mit drei Fenstern nach der engen Strasse hin. Ein gebrochenes Licht fiel herein, und an den Wänden liefen Holzbänke.

Weil sie auch daselbst schlafen wollten, forderte der Herbergsvater ihre Papiere, sah hinein und gab sie ihnen zurück — sie könnten bleiben; aber um neun würde das Haus geschlossen.

In den folgenden Tagen geschah nichts, das in einen von ihnen Reue über ihre Vereinigung gebracht hätte.

Während Upp und der Schreiner, der Walter Bach hiess, im Wandern manchmal eine besinnliche Stunde lang von ihren Absichten fürs Leben redeten, liess der Schuster seine Augen an den Höfen und Häusern hingehen und trat hin und wieder durch eine Tür, um sich eine Wegzehrung zu erbitten. Er hatte ein geübtes Auge für die Stellen, an denen mit Erfolg vorzusprechen war, und machte sich ein Vergnügen daraus, die beiden anderen in der Kundensprache und in der Deutung der Zeichen zu unterrichten, die da und dort von landfahrendem Volk mit Kreide angeschrieben waren. Upp hatte nie davon gehört. Es gab da eins, das sah aus wie ein Säbel, den ein dreijähriges Kind gemalt hatte, und bedeutete „Achtung, Schutzmann!“ Ein anderes warnte vor einem bissigen Hunde, und ein drittes sagte: „Geh nicht hinein, der Bauer ist ein Filz.“

Damit und mit allerlei kurzweiligen Reden, die er bei der Arbeit und auf der Landstrasse aufgelesen hatte, half er ihnen über manche trübselig verregnete Wanderstunde hinweg. Er scherzte auch mit seinem Namen Lauter und gestand ein, dass dieser Name nicht immer so zu ihm gehöre wie der Leisten zu seinem Schuh. Er wäre ein Mensch, der sich immer der Gesellschaft anpasse, in der er sich befinde — deshalb ginge es ihm oft sehr übel. Im ganzen war er ein frohmütiger Gesell, der an die Aussenseite des Lebens gesetzt worden war und sich nun in seiner Art erträglich durch die Welt schlug.

Auch sein sacht angesäuertes Herz kam für seine Genossen wieder in eine brauchbare Verfassung, und als er einmal ausgiebig aus unzufriedenem Gemüte heraus die Verbesserung der sozialen Verhältnisse gepredigt hatte, fasste ihn der Hesse vorn an der Jacke und sagte: „Mensch, du bist ein Esel.“

„Wieso?“ fragte der Schuster.

„Was würdest du wohl sagen, wenn der Reichskanzler dir deine durchgetretenen Schuhe flicken wollte?“

Da lachte der Schuster laut heraus: „Unterfassen würd’ ich ihn und zu ihm sagen: Bruderherz, dazu bist du zu dumm.“

Damit war die Politik für sie kurz und gut aus der Welt geschafft, und dem jungen Upp gefiel der Schreiner von Stund an noch besser.

Als sie in der vierten Woche im Wasgenwald am Fusse des Sulzer Belchen im Nebel verbiesterten, der hinter einem Gewitter herkroch und einen sanft singenden Regen über das Land fallen liess, merkten sie: die gemeinsame Wanderung war so lang gewesen, dass die Sohlen ihrer Schuhe nur noch lückenhaften Dienst zu tun vermochten.

Da musste der Schuster Zwecken und Leder kaufen und während des Rasttages alles wieder feinmachen. Sein Werkzeug trug er im Felleisen, und es erwies sich, dass auch die Leute der Waldschenke seine Kunst gern in Anspruch nahmen. So verdiente er sich Essen und Schlafgeld und einige Groschen darüber, und der Schreiner meinte, er würde in ihrer Gesellschaft noch ein ganz brauchbarer Mensch werden.

An jenem Regentage, an dem sie vereinsamt in dem Waldhause der Vogesen sassen, warf der Schuster zum ersten Male das Wort unter sie, das ihrem Leben eine so wunderliche Wendung geben sollte. Aber es blieb nur ein Funke und wurde vorerst kein Brand daraus.

Von einer Landkarte, die die Kinder des Gastwirts in der Schule brauchten, lasen sie ab, dass die französische Grenze ganz nahe wäre. In ein paar Wegstunden seien die blau-weiss-roten Pfähle zu erreichen, meinte der Wirt.

Der Schreiner, der schon zuvor gesagt hatte, er suche sich vielleicht in Frankreich oder in der Schweiz Arbeit, drängte gleich in heller Freude zur Fahrt nach Frankreich hinein; dem Bayer war’s ohnehin gleichgültig, wie ihn der Wind trieb; und in Valentin Upp reckte sich augenblicklich der Grossmann: Heinrich Upp sei sogar vor Paris gewesen, als Reiterkorporal, sagte er, und dachte, was sie auf dem Sandhofe für Augen dazu machen würden, wenn er über welsche Erde schreite. Er hatte in Kolmar vor drei Tagen eine Geldpost empfangen und nach Hause geschrieben, dass er sich nun bald nach einem Dienst in einem Gutshofe umsehen wolle; denn er hätte nun fast das ganze Reichsland der Länge nach durchwandert.

Viertes Kapitel

Als sie an jenem Tage die knarrenden Stufen zu der Dachkammer der Waldschenke emporstiegen, rückte der Zeiger schon gegen die Mitternacht.

Sie hatten sich drunten in rauchende Begeisterung geredet.

Dabei zeigte es sich, dass Upp den anderen an fröhlichem Fluge der Gedanken überlegen war; denn er war von dem Leben noch niemals hart aufgeschlagen worden und vertraute ihm in allen Stücken. Daheim hatte man ihn sanfter angefasst als die älteren Brüder, nicht weil er der jüngste unter diesen war, sondern weil die Pflichten in Hof und Acker schon unter die anderen verteilt worden, ehe er recht dafür in Frage kam. Und die Saat, die Hochwald und Heide und die Grossvater Heinrich aus klingenden Reitererinnerungen heraus in das junge Herz gestreut hatten, schoss frühlingsselig in die Halme.

Dazu kam noch, dass die Wandergesellen dem Bauernsohn ein Vorrecht einräumten — Himmel, ein so langer, klarer und kluger Mensch, der Geld auf der Post zu erheben hatte!

Sie redeten an diesem Abende noch aus den Betten heraus von der Fahrt zwischen den blau-weiss-roten Grenzpfählen hindurch.

Wegen der mangelnden Sprachkenntnis tröstete sie der Schuster in seiner lustigen Art, und als der Schlaf über sie kam, meinten sie, in ein paar Tagen würde ihnen das Französische über die Lippen laufen wie Quellwasser. Der bedächtige Schreiner konnte sich das zwar nicht recht vorstellen; Upp dagegen dachte, wenn er heimkäme, wolle er in die vielen weitoffenen Frühlingsaugen hinein die Bilder der Fahrt stellen und seine Erklärungen in welscher Sprache dazu geben. Hurra!

Vor einem Hurra aus dem Bette wird aber der Schlummer stutzig; und er traute sich in dieser Nacht lange nicht an Valentin Upp heran.

Einige Stunden nachher steckte der Märker den Kopf durch das kleine Schiebefenster im Giebel. Es lag zähe Dreiuhrdämmerung über dem Wald, und es tropfte von den Fichten. Aber es regnete nicht mehr.

Da legte sich Valentin Upp noch einmal zu Bett und spann die Gedanken aus der Vormitternacht weiter. Aber alles an ihm war übernächtig und spröde, und es drückte ihn in den Augen, als habe der märkische Wind Sand hineingeblasen.

Da schlief er wieder ein, und als er erwachte, war es Tag, und er hörte die Genossen schon am Brunnen unter dem Fenster. Er stieg in die Hosen, nahm Handtuch und Seife aus dem Bündel und ging zu ihnen hinab. — Es war ein gähnendes Erwachen; die Augen suchten nach der Freude, die am Abend in ihnen geleuchtet hatte.

Es ahnte keiner, was in dem Tage war, der nun aufging — der Morgen war von so grauer Gleichgültigkeit, aber er liess sich im Leben des märkischen Bauernsohnes niemals auslöschen.

Sie gingen an diesem Tage immer südlich und wanderten langsam. Das Gewebe der Wolken zerriss, die Sonne kam, und in den sechs Augen stand wieder die Erwartung des Wunders, das sie sehen sollten.

Einmal erkannten sie in der Ferne auf der Waldstrasse ein Zollhaus und die französischen Farben.

Da sagte der Schuhmacher: „Wenn wir dort vorbeigehen, halten sie uns an, durchwühlen unser Zeug und parlieren französisch. Das ist peinlich. Es ist besser, wir warten auf eine andere Gelegenheit, jenseits zu kommen.“

Das war eine närrische Weisheit. Aber vor den Toren eines fremden Landes, in dessen Sprache sie nicht einmal „Guten Tag“ sagen konnten, fühlten sie ihre Herzen doch wunderlich werden.

An einem Waldhange, von dem sie auf reichsländische und französische Felder hinabschauten, trafen sie nicht lange danach einen Mann. Der war durch ihre Stimmen aufmerksam geworden und schritt auf sie zu. Er sah aus wie einer von jenen, denen der Sommer gut Freund ist, weil er freies Nachtlager in Wald und Feld gewährt. Er hatte einen struppigen Schnauzbart und kümmerlich für die Fahrt zugerichtete Schuhe, die mit Bindfäden geschnürt waren.

Er fragte die dreie nach dem Wohin; und weil sie ihm keine klare Antwort geben konnten, stellte er sich breit vor ihnen auf, stützte beide Hände auf den Stock und lachte ihnen ins Gesicht.

„Ihr braucht mir nichts weiter zu sagen, ihr Nesthocker!“ rief er; dann stiess er sie der Reihe nach mit dem Finger vor die Brust und sagte: „Du bist ein Hess’, du ein Bayer, und du bist in Streusand gewachsen — up!“

Dem Bayer war die Sache sofort lustig.

Valentin Upp aber, weil er dachte, der Fremde hätte seinen Namen genannt, war über die Massen erstaunt und suchte in sich und in den Mienen seiner Genossen nach einer Erklärung.

„Up,“ sagte der andere, „nun setzt euch zu mir ins Moos und packt aus; denn ich habe Hunger, dass man’s in Frankreich hört.“

Damit liess er sich auf den Waldgrund fallen und zog den Bayer am Jackenzipfel nach.

Weil er die beiden anderen noch unschlüssig sah, rief ihnen Lauter zu: „So kommt! Zuletzt ... wir sind ja ihrer drei gegen einen!“

Der Fremde lachte auch darüber und sagte: „Jungens, Jungens — und ihr wollt mit dem Leben fertig werden, up?“

„Jawohl, fertig werden!“ sagte Valentin Upp und wunderte sich, dass der Mann seine Rede immer an ihn richtete.

Der Irrtum klärte sich zur schallenden Freude des neuen Gesellen bald auf; und als sie erfuhren, dass der ein Lothringer sei und das Französische so geläufig sprach wie das Deutsche, sagte ihm der Bayer: „Es ist schlimm, dass du so miserabel aussiehst, Bruderherz, sonst könntest du uns ins Frankreich hineinführen, und es würde dir nicht schlecht dabei gehen. Vor dem da“ — er deutete auf Upp — „musst du deinen Hut abnehmen, verstehst du, das ist ein Vergnügungsreisender.“

Der Neue starrte Upp mit einigem Staunen an.

„Wisst ihr,“ begann er danach, „ich würde sagen: schafft mir eine neue Kluft, ihr drei, lasst mich mit euch essen, und ich führ’ euch dafür nach Marseille und Barcelona und auch heil wieder heim — up ... aber es lohnt sich nicht!“

Der Mensch sprach wie ein Buch.

„Ich kenne mich in sieben Sprachen aus,“ sagte er, „und wollt ihr aus dem Koran der Araber ein Kapitel hören — ich dien’ euch ... Aber es lohnt sich nicht.“

Der kleine Bayer stand schon in hellen Flammen; aber der Schreiner sagte: wenn ein Mensch mit einem so klugen Kopf auf Schnürschuhe von solcher Güte herunterkäme, dann ginge etwas nicht richtig bei ihm.

„Recht hast du, Junge,“ sagte der Neue — „es ist mir ein Rad gebrochen in der Uhr des Lebens, und das Ding lässt sich nicht mehr reparieren, up!“ Er sagte dies Up immer zur Besiegelung seiner Rede, etwa wie der bayrische Schuster sein Basta. „Bist du Soldat gewesen?“ fragte er den Schuster.

Der schlug mit der Hand in die Luft.

„Siehst du! Ich war Einjähriger. In Kolmar hab’ ich gestanden, und auf dem Technikum bin ich gewesen. Alles pfutsch — das Militär, die Liebe, das Leben. Desertiert bin ich; denn ich habe dem Feldwebel in einer neunundneunzigmal verfluchten Stunde einen Schlag ins Gesicht gegeben. In jener Minute ist mir das Leben aus den Händen gerutscht ... Die Schnüre hätten sie mir genommen, eingesperrt hätten sie mich ... up, heut ist alles vorüber. Kinder, gebt mir etwas zu trinken!“

Zu trinken hatten sie nicht. Aber der Schreiner reichte ihm ein Stück Brot, und Valentin Upp legte den Rest Blutwurst darauf, der noch in seinem Felleisen war.

„Ihr braucht nicht finster dreinzusehen oder gar bange zu werden deswegen,“ sagte der Fremde, „aber das geb’ ich euch mit auf den Weg: Der Mensch hat keinen schlimmeren Feind als sich selbst. Seid auf der Hut vor euch selber, Jungens, und es kann euch nichts geschehen, up!“

Er schlug seine Zähne gierig in das Brot.

Da sassen die drei Wandergesellen, die sich am Ufer des Mains zusammengefunden hatten, nun an der Wegscheide und wussten es nicht. Es hing eine Stunde um sie, in der zwei von ihnen aus ihrer Bahn geworfen wurden, weithinaus an den Rand des Lebens. Ein Kampf aufs Messer mit diesem Leben begann, und sie wussten es nicht. Der eine hat diesen Kampf hinausgeführt mit Ehren und ist Sieger geblieben, weil er auf sich selbst stehen konnte. Der dritte hat noch einen Schlupf am Wege gefunden, als das Leben schon drüben stand und rief: „Los!“

„Jungens,“ sagte der Fremde nach einer Zeit, „da sind meine Papiere, lest euch heraus, wer ich bin. Ihr sollt nicht meinen, dass ich mich an euch dekorierena) will.“

Er warf sie dem Schreiner in den Schoss, legte sich lang hin und starrte in die Wipfel der Fichten.

Da lasen sie seinen Namen: Richard von Zahn, und sahen, dass er fünf Jahre in Oran und in Sidi-bel-Abbès in Nordafrika bei der Fremdenlegion gedient und es zum Soldaten erster Klasse gebracht hatte. Er erklärte ihnen: ein Soldat erster Klasse wäre etwa, was der Gefreite im deutschen Heere sei. Und er sei auch zur Tapferkeitsmedaille vorgeschlagen gewesen ... da hätte er die andere Dummheit seines Lebens gemacht und in einem Anfalle von Cafard, von Legionsfieber, das aus Sonne, Sehnsucht, Afrikamüdigkeit, Übermut und Narrentum zusammengebraut wäre, den Dienst quittiert. Als seine fünf Jahre herumgewesen, habe er sich das Reisegeld nach Belfort geben lassen.

Er trug noch den blauen Anzug aus Sackleinen, den die ausgedienten Legionäre auf Kammer erhalten, wenn sie die Uniform abgeben.

„Und nun?“ fragte der Bayer.

„Und nun?“ Zahn richtete sich auf. „Nun habe ich erkannt: vergessen, verabscheut, verloren bin ich in der Gemeinschaft der Menschen und im Vaterland. Deshalb bin ich auf dem Wege nach Besançon und lasse mich von neuem anwerben. Es ist eine Dummheit von mir gewesen, den Fuss auf deutschen Boden zu setzen — aber: Heimatsehnsucht! Ihr wisst nicht, Jungens, was das heisst! ...“ Er starrte eine Zeitlang mit finsteren Augen auf den Nadelboden des Waldes, dann schlug er mit der Hand durch die Luft — „Ha,“ sagte er, „es ist fein bei der Legion, wenn — nun — wenn einen die Gemeinschaft der Menschen ausgespuckt hat. Aber es darf da keiner ein Lump sein; denn dann wird er bei den Etrangers immer lumpiger.“

Die jungen Gesellen sassen dem Manne im Ende des deutschen Bergwaldes gegenüber und hörten sich die Herzen heiss an dem abenteuerlichen Berichte seines Lebens.

Er schlug sich vor ihnen auf wie ein Buch, in jeder Seite seines Herzens liess er sie lesen, und es war kein Lug in seinem Munde. Einer, der es nicht mehr der Mühe wert erachtete, ein Blatt zu überschlagen; denn was darauf geschrieben stand, war das Unglück eines Menschen, der mit dem Leben nicht fertig geworden war, das die anderen lebten — weil er eine Dummheit gemacht hatte. Da fasste er es nach seiner Weise an, und es gehorchte.

„Seht,“ sagte er, „so sieht einer aus, der nicht den Mut hatte, die Stirn zu senken und zu bekennen: Vater, ich habe gesündigt im Himmel und vor dir ... Der verlorene Sohn im Gleichnis hat’s gekonnt — ich habe gewartet, bis es zu spät war — bis die tot waren daheim, denen der Gedanke an den Sohn die Scham ins Gesicht getrieben hat. Und so ist das mit mir gekommen. Aber — wenn ich erst meinen Legionärschein wieder in der Tasche habe — up, dann ist das Sache!“

Weil er Deserteur war, musste er stets wache Augen haben und sagte:

„Wenn wir nach Westen durch den Wald gehen, sind wir in einer Viertelstunde auf französischem Boden. Lauf dorthin, Bayer, und sieh, ob wir noch allein sind!“

Da ging der Schuhmacher ein paar Rehsprünge am Hang empor, bis er durch Gebüsch gekommen war und freieren Ausblick nach allen Seiten hatte. Er merkte nun, dass Zahn sie absichtlich an diese verborgene Stelle geführt hatte; man konnte sie hier vom oberen Wald her nicht sehen; es führte auch kein Steig in der Nähe vorüber. Nach vorwärts gewahrten sie jeden, der sich näherte.

Zahn erhob sich und sagte: „Wenn ihr mitwollt, so kommt.“

Da hing jeder sein Bündel über die Achsel, und sie zogen querwaldein.

Als sie auf französischer Erde waren, wurden dem alten Soldaten die Augen heller. Und weil sie ihn vorhin noch um vieles über die Legion gefragt hatten, sprach er nun darüber zu ihnen.

„Es ist eine feine Sache,“ sagte er, „aber es muss einer ein ordentlicher Kerl sein. Was darüber in deutschen Büchern steht, ist falsch und richtig, zumeist falsch, und von ungebildeten oder verkommenen Leuten geschrieben. Sie gefallen sich darin, ihre Erlebnisse und Abenteuer in wilder Übertreibung darzustellen und verschweigen, dass ihre Trägheit oder Widersetzlichkeit zumeist der Grund von grossen Leiden wurden. Und schieben diese Leiden auf die Legion ...“

Er erzählte ihnen bis zum Abend und erzählte ihnen den langen folgenden Wandertag hindurch. Er sagte nicht: dies und das ist Gold, wenn es Schweiss oder Blut war, und er sagte nicht: dies ist eine Lust, wenn er wusste, dass es schwere Mühe oder Jammer sei.

Aber er empfand nicht, oder er vergass es zu sagen: es ist eine Schmach und Schande für einen deutschen Jüngling, im Dienst einer fremden Nation zu stehen als Soldat und Sklave! Und er redete auch nicht davon, dass es ein Verbrechen am Vaterlande sei, und dass jeder seiner Strafe entgegengehe, wenn er heimkehre. Und auch nicht davon redete er, dass keinem seine Soldatenjahre geschenkt würden.

Der Schuster meinte: wenn einer, der erst vor fünf Wochen aus Afrika gekommen wäre, nun doch schon wieder hinwolle, so könne es dort so übel nicht sein — er hätte Lust, es zu probieren.

Übrigens schien der ein ganz anderer Mensch geworden, seit sie mit dem Legionär zusammengekommen waren. Sein Herz hatte Feuer gefangen an den Geschichten aus den afrikanischen Regimentern. In Deutschland habe ihn das Schicksal auch nicht auf ein Polster gesetzt, sagte er — was könne ihm daran liegen, wo ihn das Leben abschüttele?

„Red’ ein Wort, Upp, und sag’, was du davon denkst!“ wendete er sich an den Märker.

„Ich will es dir morgen sagen, oder schon heute abend in der Herberge“, sagte Upp.

Es war ein wilder Kampf in ihm. Aber sein trockenes, märkisches Jungbauerngesicht liess davon nichts erkennen.

Dann gingen sie zwei und zwei die schöne französische Landstrasse entlang, die südlich der Forts von Montbéliard an den Fluss Doubs führt. Der kommt aus dem schweizerischen Bergland herüber und läuft an der Festung Besançon vorbei.

„Das erstemal hab’ ich mich in Belfort anwerben lassen,“ sagte Zahn; „denn ich war eilig. Und als ich damals — der Land- und Fahnenflüchtige — den Fuss auf welsche Erde setzte, bin ich auf die Knie gesunken und habe die Arme in heisser Dankbarkeit emporgestreckt zu meinem Gott. Und nach Belfort hab’ ich mich in närrischer Heimatsehnsucht schicken lassen, als ich die Türen der Kasernen von Sidi-bel-Abbès hinter mir zugeschlagen hatte. Nun schäm’ ich mich, in Belfort wieder anzuklopfen, weil sie dann sehen, dass ich für nichts mehr zu gebrauchen bin. Darum will ich nach Besançon.“

Valentin Upp, der mit einigem Abstand samt dem Schreiner im zweiten Gliede marschierte, ging dahin wie ein Bauer über seinen Acker. Er sann so vor seinen Schritten in den Sand, und doch war es ihm manchmal, als wolle ihm das Herz aus der Brust herausfliegen und aufwirbeln, den Frühlingslerchen nach.

Der Schreiner war ganz still geworden. Als ihn Upp geradeheraus fragte, was er zu dem Vorhaben des Bayern denke, sagte er: „Der Mensch ist ein Windhund.“ Er pflegte seine Vergleiche immer aus der Tierwelt zu nehmen, und Upp merkte, dass er nun alle Luken an sich verschlossen hatte.

Sie schliefen in dieser Nacht in einer Strohdieme auf dem Felde und erreichten auch am folgenden Tage Besançon nicht. Da sassen sie abends in einer Dorfschenke, und Valentin Upp erklärte dem Legionär, er wolle sich mit anwerben lassen.

„Junge, Junge!“ sagte der. Freude und Warnung klang in seinen Ruf. Dann sah er ihm scharf in die Augen und sprach: „Einem wie dir geht’s nicht schlecht in der Legion — du bist ein ordentlicher Kerl und hast Geld. Mit diesen beiden Dingen kommst du durch die Welt. Für einen Centime kaufst du dir in Afrika Hände, die für dich frönen. Nur marschieren, marschieren musst du selber.“

Upp wollte die Sache auch gleich nach Hause berichten, aber der Legionär redete es ihm aus. „Du machst den Alten das Herz schwer“, sagte er. „Entweder wissen sie nicht, was die Legion ist ...“

„O la la, mein Grossvater war 70 Reiterkorporal! ...“

„Oder sie wissen es falsch — aus verrückten Büchern und so. In ein paar Tagen sind wir in Afrika, dann hast du zum Schreiben Zeit genug, und es ist ein ganz anderes Ding; denn es sind dir dann viele Bilder durch die Augen gelaufen.“

Dabei liessen sie es bewenden. Und über den Sorgen und Hoffnungen der beiden Jungen leuchtete die Wahrheit: es ist ein gescheiter Mann bei uns, den die Sehnsucht nach der Legion wieder aus seinem Vaterlande getrieben hat.

Sie schliefen in dieser Nacht in der Scheune, die zu der Schenke gehörte.

Am Morgen hatte sich der Schreiner aus dem Staube gemacht. Es hat ihn keiner davongehen sehen.

Nun war es Tag. Der Tag, an dem Valentin Upp neunzehn Jahre alt wurde. Und in der ersten Dämmerung dieses Tages, in dem das fremde Leben stand und sein „los!“ rief, hatte der Schreiner den Schlupf gefunden und war entwischt.

Der Bayer schickte ihm ein paar schnodderige Redensarten nach, aber der Legionär verbot es ihm: „Wer daheim sein Nest hat, soll nicht übers Meer fliegen.“

Dies Wort fiel Valentin Upp ins Herz ... Ein Nest hatte er gehabt, aber er hatte auf dem Rand gesessen, weil für ihn nicht recht Platz darin war.

Danach zogen sie die Strasse nach Besançon.

Zahn erklärte ihnen im Vorüberschreiten die starke Befestigung in allen Teilen. Der Fluss Doubs bildete einen breiten natürlichen Graben vor den Wällen.

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