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Max Geißler
Der Douglas
Saga
Die Waldburg
Die Geschichte spielt in alter Zeit und spielt droben in Schottland. Mitten im Bergwald sassen zwei herrliche Geschlechter. Nur wenige Wegstunden lagen die reichen Gehöfte mit den mächtigen Mauern und gewaltigen Warttürmen auseinander. In der einen der beiden Burgen sassen die Malcolm, in der andern die Grafen Douglas. Die Malcolm waren goldhaarige, hohe Gestalten. Die Douglas aber waren finsteräugig und schwarzhaarig. Schotten waren sie beide. Aber die Malcolm hatten englische Dienste angenommen und sassen auf engelländischem Grunde. Das war nun schon seit zweihundert Jahren so. Und seit zweihundert Jahren hassten die in der Burg Douglas jene, welche auf Schloss Malcolm wohnten; denn sie hielten sie für Abtrünnige.
Zwischen den beiden Waldburgen floss ein nicht allzu breites Bergwasser, der Tweed. Dieser bildete zugleich die Grenze der beiden grossen Reiche Schottland und England. Und er bezeichnete auch die Gemarkung der beiden Lordschaften Douglas und Malcolm.
Urwald deckte das Gebirge, das da und dort in Schroffen und Klüften die Ufer des Waldflusses bildete. Zum Glück für beide ritterlichen Familien floss das oft wild seine Bahn brausende Wasser trennend zwischen ihren Jagdgründen dahin. Deshalb konnten weder die starken Rudel der Hirsche noch die Wildsauen aus dem einen Gefilde in das andere wechseln. Auch vermochten die Knechte und hörigen Leute des einen Ritters mit denen des anderen im Schutze des Waldes nicht so leicht in Faustkämpfen aufeinander zu treffen. Wenn die natürliche Grenze des Wildwassers nicht für leidlichen Frieden gesorgt hätte – wer weiss, ob nicht die Malcolm und die Douglas in jener wilden Zeit sich gegenseitig die Burgen verbrannt hätten.
So kam es, dass der Hass zwar heimlich immer fortglimmte, aber er schlug wenigstens keine hellen, verderblichen Flammen. Freilich, im Schlosse Malcolm durfte der Name keines Douglas genannt werden. Wer es gewagt hätte, über dessen Haupt hätte sich der Zorn des alten Grafen Malcolm entladen wie eine gewitterschwere Wolke.
So begegneten sie einander nie, wenn der Bergwald nicht von Kriegeslärm erschallte.
Wenn aber der gemeinsame Feind lauerte, etwa der Ire im Westen, oder wenn vom Osten her der Däne mit seinen trutzigen Schiffen in den Kliffen landete, dann teilten die Malcolm und die Douglas das gemeinsame Heerlager. Sie schlugen vereint, aber sie marschierten getrennt.
Jahrhunderte gingen. Die Malcolm wussten nichts von den Douglas, als dass sie sich hassten.
Den Alten der beiden feindlichen Geschlechter war diese Feindschaft Bedürfnis und fast heilige Überlieferung geworden. Aber der heranwachsenden Jugend war sie nichts als Gewohnheit.
Die Kinder wussten eigentlich nicht mehr, warum sie in der Einsamkeit ihrer Wälder nicht mit denen von drüben verkehren sollten. Sie hätten so gerne sich gemeinsam im ritterlichen Spiele geübt, oder sie wären auf ihren kleinen Pferden gerne gemeinschaftlich auf ein Wild ausgeritten. Warum sollten sie nicht gut miteinander sein?
Das vermerkte Herr Malcolm seinem jungen Sohne sehr übel. Und wie der junge Malcolm heranwuchs und eines Tages in den Krieg gegen die Dänen geritten war, besprach sich der alte Ritter mit seinem Marschalk über diese Sache. Am Ende sagte er: „Wenn John Malcolm von der Heerfahrt gegen die Dänen wieder heimgeritten ist, so soll er mir auf den Knauf seines guten Schwertes ewige Feindschaft schwören gegen den hochfahrenden Trutz der –“
Er wollte sagen: – „der Douglas“. Aber er sprach diesen verhassten Namen nicht aus, sondern der alte Herr spie auf die Steinfliesen des Trinksaals und schlug den Becher hart auf die eichene Platte des Tisches. „Was meinst du, Glenalvon?“
Der Marschalk Glenalvon sass seinem alten Herrn in dieser Stunde in Harnisch und Wams gegenüber. Er hatte einst von dem Lord für getane Kriegsdienste und Klugheit seines Rates ein kleines Gehöft im kaledonischen Tann als Lehen erhalten. Bei der Frage des Alten glitt ein Lächeln der Genugtuung über sein Gesicht.
Der Marschalk war ein Mann von dreissig Jahren. Aber er hätte seinem Aussehen nach fünfzig zählen können; denn er hatte ein gelbes Antlitz und stechende Augen. Diese Augen konnten einen starken, ehrlichen Blick nicht wohl vertragen. Seine Haut glich gegerbtem Leder, und sein bartloses Gesicht erinnerte in seinem ganzen Ausdruck eher an das eines Mönches als eines Kriegsmannes. Aber hinter seiner Stirne wohnte ein scharfer Verstand. Schade, dass er ein so tückischer Geselle war.
Erst vor einer Stunde war der Marschalk mit einem Fähnlein Gewappneter auf den Hof der Waldburg eingeritten. Er hatte den Sommer über vor den Kliffen an der Ostküste auf der Wacht gegen die Dänen gelegen. Nun erstattete er seinem Herrn im Trinksaale Bericht über das wechselnde Glück des Kampfes.
Der alte Ritter hatte schon seit einigen Wochen das Heerlager wieder mit dem Herrensitze im Bergwalde vertauscht. Nun erfuhr er von seinem Marschalk: Zu einer Schlacht mit den Dänen war es in den letzten Wochen nicht mehr gekommen. Jetzt schlugen droben im Norden die Stürme des Herbstes die See. Die Wogen stürzten sich wie gepeitschte Rosse mit weissen Mähnen gegen die Kliffe. Sturm und Felsen der Küste aber waren die gefährlichsten Feinde der Dänen.
Darum riefen die Heerhörner um diese Zeit nicht mehr zum Kampfe. Auf den Zacken des Gebirges lag schon der Schnee des Winters. Und bald war die Stunde gekommen, in der auch das letzte Häuflein in die heimische Burg geritten war. Dort konnten während der Ruhe des Winters Waffen und Rüstzeug zu neuer Heerfahrt instand gesetzt werden.
Der alte Malcolm goss sich einen neuen Becher Wein aus dem Steinkruge ein und fragte den Marschalk: „Wie geht es meinem Sohne?“
„Es steht wohl um ihn, Sir,“ entgegnete Glenalvon, „Herr John ist eine Zierde seines ritterlichen Geschlechtes.“
Da lächelte der alte Malcolm. „Nun ja, er hat in dir auch den besten Waffenmeister gehabt!“ sagte er und reichte seinem Lehnsmanne die Hand über den Tisch. Dann fuhr er befriedigt fort: „Wir werden darüber nachdenken, wie wir die Grenzen deines Lehens erweitern, Marschalk.“
Da erhob sich Glenalvon und verbeugte sich mit einem verbindlichen Lächeln.
„Was ist sonst zu berichten?“ forschte der Ritter. „Setz dich wieder her und tu mir in einem Becher Weins Bescheid.“
Der Marschalk nahm abermals an dem eichenen Tische Platz. „Hm,“ sagte er, „wie wir gestern durch den niederen Tann vor dem wilden Kliff ritten, stiessen wir auf einen sterbenden Mann. Zwei Haufen Reiter waren vor wenigen Stunden dort aufeinandergetroffen. Der Mann war ohne Waffen und Wams. Wir konnten also an keinem Zeichen erkennen, welchem Geschlechte er entstamme. Aber er schien von vornehmer Art – wenigstens deutete der wehende Fall seines blonden Haares und der edle Schnitt seines Antlitzes darauf hin ...“
„Nun? Und?“ forschte Malcolm. „Fragtet ihr ihn nicht nach Namen und Art?“
„Nein,“ antwortete der Marschalk, „denn er war erstarrt in der Reifkälte des Hochlands, und er war ein Sterbender, Herr. Er blutete aus vielen Wunden und hatte sich wohl mit dem Aufgebot der letzten Kräfte an den Quell geschleppt, bei dem ihn unsere Knechte trafen. Dort lag er mit geschlossenen Augen, und es war kaum ein Hauch von Leben in ihm. Etliche haben ihn aufgenommen und in das Zelt unseres jungen Herrn getragen. Herr John Malcolm, Euer ritterlicher Sohn, hatte es so geboten.“
Der alte Malcolm hatte den Wein in langem Zuge und nachdenklich über die Lippen rinnen lassen. Nun setzte er den getriebenen Zinnbecher auf den Tisch. „Ist deine Geschichte zu Ende, Marschalk?“
„Ich weiss kaum mehr. Aber wenn die letzten Schiffe der Dänen ausser Sicht sind, so brechen unsere Heerhaufen die Lager ab. Vielleicht treffen sie schon morgen ein. Dann werden wir Kunde über den jungen Kriegsmann erhalten.“
Der Marschalk erhob sich.
„Wieviel der Unseren sind im Kampfe geblieben?“ fragte der greise Degen, der den Sommer über noch mit in der Feldschlacht gestanden hatte.
„Es reiten siebenundzwanzig Gewappnete weniger zurück als ausgezogen sind.“
„Und du? Reitest du nun heim, Marschalk?“
Aber Glenalvon wehrte ab: „Wie könnt’ ich, Herr? Ich habe alte, treue Knechte daheim, die mir Euere Gnade zuerteilt hat. Und mein Lehen ist klein. Die Umsicht und die Kraft der guten Knechte wird hingereicht haben, alles wohl zu bewahren. Auch erwarten mich ja nicht Weib und Kind daheim. Meine Kammern sind kalt, und nur in den Gemächern der Dienenden brennen die Herdfeuer. Darum – wo wäre meine Anwesenheit nötiger als hier auf Burg Malcolm? Ehe ich nach dem Meinigen sehe, will ich des Eueren warten, Herr! Ich will einen Rundgang durch Hof und Ställe gehen und will zusehen, ob Zucht und Ordnung allenthalben aufrecht erhalten ist.“
Der Marschalk verbeugte sich.
Wie konnte es geschehen, dass das scharfe Auge des alten Ritters das gleisnerische Lächeln nicht durchschaute? Wie konnte es kommen, dass das feine Ohr des alten Herrn die schmeichlerische Falschheit dieser Stimme nicht wahrnahm?
Da erhob der Marschalk noch einmal seine Stirn: „Mein edler Herr, bald hätte ich vergessen, Euch zu bitten, Euere herrliche Tochter, Jungfrau Blossom (englischer Kosename; zu deutsch „Blüte“), von dem jungen Herrn aufs schönste zu grüssen! Jungfrau Blossom und der junge Ritter John sind ein Geschwisterpaar, Herr, von dessen Treue, Liebe und Schönheit und von dessen Tugenden man sich im ganzen kaledonischen Tann erzählt ...“
Über das gelbe Gesicht des Marschalks glitt bei diesen Worten ein sonderbares Lächeln. Der alte Ritter aber horchte erstaunt auf. Dann sagte er: „Marschalk, ‚Jungfrau Blossom‘ nennst du mein Kind?“
Diese Frage kam aus gütigem Munde. Und Glenalvon antwortete:
„Verzeiht, mein edler Herr, wenn sich Euer Dienstmann des vermisst! Aber, soweit man ihren Namen nennt, heisst Harriet Malcolm so wegen ihrer blühenden Schönheit und der Holdseligkeit ihres Wesens. Darf ich die Bitte wagen, der edlen Jungfrau auch von Eurem ergebenen Marschalk einen Gruss zu bestellen?“
Dabei verzog Glenalvon sein bartloses Gesicht zu einem knechtischen Grinsen. Er tat so, als verdiene er für seine Anmassung eine ernste Verwarnung. Allein – Glenalvon kannte die Gutmütigkeit und die Dankbarkeit seines Lords zu genau. Dabei war er so klug und berechnend, dass er die Grenzen nie überschritt, in denen er sich dem Ritter gegenüber bewegen durfte, ohne sich dessen Gunst zu verscherzen. Vor Jahren hatte er ihn aus rauchendem Reiterkampfe herausgehauen und hatte ihm das Leben gerettet. Für diese tollkühne Tat, die von herrlichem Mute zeugte, war der Marschalk von Ritter Malcolm erhöht worden. Zuvor war er ein gewöhnlicher Trossknecht gewesen. Aber er hatte an jeder Stelle seine Klugheit bewiesen. Da war er allmählich zum höchsten Beamten in Burg Malcolm aufgestiegen.
Seit er dem Lord den grossen Dienst erwiesen, hatte dieser innerhalb der Grenzen seiner Lordschaft keine Bestimmung getroffen, ohne zuvor den Rat des Glenalvon einzuholen. Der war ein so umsichtiger Haushalter, dass sein Herr sich unbedingt auf ihn verlassen durfte.
Vielleicht hätte die Dankbarkeit des alten Ritters sich aber doch in anderer Weise gezeigt, wenn er gewusst hätte, dass unter den Dienstleuten ein Gerücht ging: es werde kein anderer die Hand der schönen Harriet Malcolm gewinnen als Marschalk Glenalvon, der doch früher eben solch ein Knecht gewesen sei wie einer von ihnen.
Von diesem Gerüchte ahnte Ritter Malcolm nichts. Niemals wäre ihm auch der Gedanke gekommen, dass sich sein Dienstmann Glenalvon unterfangen könne, bei ihm um die Hand Harriets anzuhalten.
Das Gesinde aber neidete dem Marschalk das unbegrenzte Vertrauen des Herrn. Glenalvon hatte die Tücke des Wolfes und sah mit seinen stachlichten Haaren und der rüsselartigen Nase einem Igel ähnlich. Was wollte er mit der Blume der Wälder beginnen?
Die Heimkehr
Der Morgen des nächsten Tages dämmerte herauf. Da erscholl vom Wartturme das Horn des Wächters. Es verkündete das Nahen eines Heerhaufens. Aber es waren nicht anrückende Feinde, sondern der junge Ritter Malcolm kehrte an der Spitze seines Trosses aus dem Heerlager heim. Die Dänen waren also mit ihrem letzten Schiffe vor gutem Winde davongesegelt.
Die Knechte stiessen das grosse Tor des Gehöfts auf. Alsbald zog ein Haufe Gewappneter hindurch – Fussvolk und Reiter.
Drüben auf den Wegen des Waldes und wo sich die grosse Heerstrasse teilt, sah man andere Trupps, die zu einer entfernten Burg marschierten. So fegte der Winter nicht nur die Felder, sondern er fegte auch die Strassen rein von kriegerischem Volk.
Zuletzt rollte nur noch dann und wann ein Wagen mit grauer Blache überspannt die steinichte Strasse daher.
Während auf dem Burghofe die Rosse abgeschirrt und die Waffen in die Rüstkammern gebracht wurden, rollte ein solches Gefährt mit hochgewölbter Plane auch gegen Malcolm. Beim Antritt der Heerfahrt war es mit Proviant gefüllt gewesen. Nun aber lagen Verwundete darin. Sie lagen auf weichem Stroh, das die harten Stösse des Gefährtes milderte.
Beim Anblicke des Wagens mit den Kranken mässigten sich die rohen Knechte ein wenig. Ihre harten Rufe klangen gedämpfter, und die Pferdejungen, die die bestaubten Rosse in ihre Stände führten, richteten ihre Augen nach dem herankommenden Wagen.
Noch war das Tor nicht lange geöffnet, so sprengte auch schon der Marschalk Glenalvon über den Anger vor der Burg. Er kam von seinem Lehnshof, sprang aus dem Sattel seines roten, schweren Dänenrosses und trat grüssend zu John Malcolm.
„Ich hatte Euch nicht vor Abend erwartet, junger Herr,“ sagte er, „aber es ist dennoch alles für die Heimkehr bereitet. Die Pferde finden die Krippen voll Futter, und die Waffenkammer ist in guter Ordnung, das wiedereingebrachte oder erbeutete Rüstzeug aufzunehmen.“
Während sie miteinander sprachen, schleppten die Trossknechte die schweren Armbrüste, Spiesse und kurzen Schwerter über den Hof.
„Es ist gut, Marschalk!“ nickte der junge Ritter und schlug den Bug seines grauen Rosses.
Dann deutete er nach dem Tore: „Da kommt der Wagen, Glenalvon! Ich habe dem Knechte geboten, langsam zu fahren.“
„Führt Ihr den unbekannten Krieger in unsere Burg?“ fragte der Dienstmann.
„Ja, Marschalk. Er liegt auf dem Stroh wie ein Toter und hat die Augen noch immer nicht aufgeschlagen. Im Heerlager wär’ er gestorben. Aber ich denke, wenn er die harte Fahrt übersteht und in gute Pflege kommt, werden wir ihn wieder lebendig machen. Dann kann er in wenigen Wochen gesund heimreiten.“
Der Wagen war inzwischen zur Mitte des Hofes gerollt und abgeschirrt worden. Der junge Ritter und Glenalvon winkten einigen Knechten und näherten sich dem Gefährt. Ob der fremde Kriegsmann noch am Leben war?
In dem schlanken Eckturme öffnete sich um diese Zeit die Türe zu ebener Erde. Jungfrau Harriet trat auf den Hof, um ihrem Bruder entgegenzueilen.
Der junge Lord, der seine ganze Aufmerksamkeit auf den Wagen richtete, um den sich die Knechte mühten, bemerkte die Schwester jedoch nicht. Glenalvons Falkenaugen aber hatten sie erspäht.
Der Marschalk zog sich das hirschlederne Gewand ein wenig zurecht, rückte sich die Kappe, und dann klirrten die Sporen seiner Reiterstiefel über die Fliesen des Grundes. Er lief ihr geschäftig entgegen.
„Ich grüss’ Euch, edle Jungfrau!“ rief er ihr zu, hob aber seine Hände wie zur Abwehr. „Vielleicht gefällt es Euch, ein wenig zu verziehen. Die Männer sind dabei, einen Sterbenden zu bergen. Der Anblick eines Verwundeten, der auf dem Sande des Schlachtfeldes aufgefunden wurde, ist hässlich.“
Harriet Malcolms Augen wurden weit: „Von wem redet Ihr, Herr Marschalk? Verbergt Ihr mir den Namen des sterbenden Kriegers mit Absicht?“
„Ich verschweige der Tochter meines gnädigen Herrn nur das, was ich selbst nicht weiss,“ entgegnete Glenalvon mit gleisnerischem Lächeln. „Es kennt keiner seinen Namen; denn der Feind hatte ihm Waffen und Rüstzeug geraubt und ihn für tot in einem Haufen Gefallener liegen lassen.“
Da wurden Harriets Augen voll heller Freude: „Und Ihr seid es gewesen, Herr Marschalk, der ihn geborgen hat?“
Der Marschalk neigte sein Haupt und hob zu bescheidener Abwehr die Hand: „Nicht ich, Herrin – das ist vielmehr die Tat des Herrn John.“
„Daran erkenn’ ich meinen Bruder!“ sprach Harriet mit freudigem Stolz.
Glenalvon aber war plötzlich ernst geworden. Er hob die Lider und zog die Achseln: „Ich wäre froh, dürfte ich selbst solche Worte des Dankes von Eueren Lippen empfangen, edle Jungfrau. Aber –“
„Nun – aber?“
„Es ist eine wilde Zeit, und die Edlen von Malcolm haben Feinde; denn sie sind mächtig und reich!“ sagte er bedächtig. Er sprach nicht offen.
„Was wollt Ihr damit sagen, Herr Marschalk?“ drang Harriet in den Kriegsmann.
„Der Vogel Kuckuck schmuggelt sein Ei in ein fremdes Nest. Und der Jungvogel vergilt dann die Pflegschaft, indem er die Brut verdirbt.“
„Ihr sprecht in Rätseln. Wollt Ihr nicht deutlicher sein?“
Der Marschalk antwortete ganz langsam: „Wenn der unbekannte Ritter nun ein Feind wäre ...“
„Haha, fürchtet Ihr einen Sterbenden, tapferer Marschalk?“
Glenalvon hatte etwas Lauriges in seinen Augen. Er sah aus den Winkeln dieser Augen auf die Tochter seines Herrn. Fast schien es, als wäre sein Antlitz in diesem Augenblicke noch hässlicher als sonst. Seine Worte klangen verärgert:
„Ihr höhnt mich, edle Jungfrau! Glaubt Euer Herz wirklich, was Euer Mund redet? Man sagt nicht umsonst, dass Marschalk Glenalvon der klügste Mann in Lord Malcolms Reiche sei ...“ sprach er selbstbewusst.
„Und der eigensüchtigste!“ fiel ihm Harriet in die Rede.
Glenalvon zuckte zusammen. Aber die Jungfrau gewahrte das nicht; denn ihre Blicke weilten bei dem Wagen.
Die Knechte hoben den verwundeten Mann unter der grauen Blache hervor und trugen ihn in die Burg. Harriet aber sagte:
„Oh, wenn er einst wieder stark und kühn gegen den fremden Feind anreiten könnte! Ja, gegen den fremden, gegen jenen, bessen Art und Sprache und Sitten uns fremd sind. Der überfällt uns, der trachtet uns zu vernichten, der möchte in unserem Lande und in unseren Schlössern sich’s wohl sein lassen! Solchen Krieg veracht’ ich nicht, wenn ich ihn gleich fürchte. Aber die ewige Fehde ist hassenswert, die Geschlecht gegen Geschlecht zu führen hat. Auch wir mit unseren Nachbarn! Seht, Herr Marschalk – nur die Breite eines Flusses trennt die schwesterlichen Königreiche. Auf jeder Seite wohnt ein Volk – eins ist dem andern ähnlich, wie Zwillinge sich ähnlich sind. Beide sind Krieger. Aber sie wollen ihre verwandten Waffen nicht zu ewigem Frieden vereinigen. Wenn kein fremdes Heerhorn schallt und sie in das gemeinsame Lager ruft und vor den gemeinsamen Feind, so ist ihnen die Fehde in den friedlichen Gründen unserer Wälder Bedürfnis. Sie ziehen in den Morgen des Kampftages wie zu einem Sommerspiele ...“ Jungfrau Harriet sprach langsam und mit zitternder Stimme ... „und wenn der Abend kommt, der für eins der Heere den Sieg bedeutet, dann liegt die Blüte der Männer kalt wie Wintererde.“
Mit einem Seufzer wandte sich das schöne Kind des Ritters und liess den kriegerisch gesinnten Marschalk stehen. Der vernahm mit lebhaftem Unwillen aus ihren Worten, dass sie auch ihn selber fürchte wie die blutige Fehde der wilden Zeit. Hatte die Jungfrau vielleicht gar eine Ahnung davon, dass der Marschalk den Wandel der Gesinnung hasste, den er an dem heranwachsenden Geschlechte wahrnahm?
Freilich: seine Hand ruhte am liebsten am Schwertknaufe. Nur im Kampfe konnte sein ehrgeiziges Herz sich genug tun. Den Frieden schalt er eine „träge Zeit“. Und am liebsten hätte er das glimmende Feuer des Hasses zwischen den Malcolm und den Douglas zum lodernden Brande geschürt.
Wenn die Feindschaft der Väter in den Nachfahren heimlich zur Versöhnung sich wandelte, so wäre die Zeit nicht fern gewesen, in der die Jugend der beiden Rittergeschlechter vor den Toren ihrer Burgen in fröhlichem Spiele die Speere gebrochen hätten. Und wenn die ritterlichen schwarzen Douglas erst in klingender Sommerfahrt über das Waldwasser herüberschritten und auf Malcolm als Freunde Einkehr hielten, dann –
Der Marschalk stampfte bei diesem Gedanken mit dem Fusse und biss sich die Lippe.
Er hoffte in der Tat heimlich: die Güte und Dankbarkeit des alten Malcolm werde die zarte Hand seiner Tochter noch einmal in die seine legen. Wenn es aber geschah, dass die Blüte der Ritterschaft um Schön-Harriet warb, dann waren die Aussichten für den ehrgeizigen Dienstmann sehr schlecht. Was vermochte dann seine weitgerühmte Klugheit, was vermochte seine Tapferkeit gegen Jugend und edles Blut und ritterliche Schönheit des Leibes?
Mit tückischen Gedanken sah Glenalvon der Jungfrau nach. Ihr goldenes Haar war wie der Sonnenschein, der im Frühling an dem alten Burggemäuer lehnte.
Harriet hatte an diesem Morgen ein Band von Perlen durch dies goldene Haar gezogen. Da war sie noch viel schöner geworden. Sie trug ein seegrünes Überkleid über dem dunkelroten Untergewande. Das war in der Mitte von einem köstlichen Gürtel gehalten. Den hatte einer ihrer Väter von der Fahrt zum heiligen Grabe heimgebracht. Die gestickten Sandalen ihrer Füsse schwebten leicht über die Fliesen des Burghofs. Ihr geschmeidiger Gang war von edler Anmut.
Vielleicht wäre der Marschalk hinter ihr dreingeschritten, um noch mit ihr reden zu können. Aber viel gaffendes Volk war Zeuge ihres Zwiegesprächs gewesen. Drum wandte er sich und gab den Knechten mit rauhen Worten seine Befehle.
Die Erbfeinde
Es wohnte auch ein alter Priester namens Melvil auf Burg Malcolm. Der war beflissen, Edlen und Dienenden das Evangelium zu predigen.
Aber so ernst er es mit seiner Aufgabe nahm – die Leute der Burg und die der umliegenden Höfe drängte es nur selten zu ihm. Der alte Mann war allen ein guter Freund. Aber in den Gärten der Seelen liessen die Tage des Kampfes und der Wildheit vielerlei Unkraut wuchern – wie im schottischen Bergwald. Deshalb war die Sehnsucht nach himmlischen Gütern nicht allzu lebendig.
So geschah es, dass den Männern der alte Priester lieber war, wenn er sich das Rüstzeug auf die gebeugten Schultern legte und zu Pferde sass wie sie.
Er ritt mit ihnen in der Nachhut auch zum Kampfe gegen die Dänen. In jungen Jahren hatte er nämlich des Studiums der Heilkunde sich beflissen. Die übte er nun mit besserem Erfolge als die Seelsorge. Die Tonsur unter der Lederkappe oder dem eisernen Helme war ihm schon längst überwachsen.
Seit dem Einritte der heimkehrenden Krieger in den Burghof waren neun Tage verflossen. Der greise Arzt hatte in dieser Zeit die Glieder des siechen Mannes reichlich mit Wein und köstlichen Ölen gerieben und mit dem klaren Quell des Bergwalds gewaschen. Der Kranke hatte fast ununterbrochen in tiefem Schlafe gelegen. Das deutete der Greis als ein gutes Zeichen fortschreitender Genesung.
Als das erste Morgenlicht des zehnten Tages durch die Scheiben fiel, trat der Arzt wie gewöhnlich an das Lager seines Kranken. Da blickte er in ein paar wache, klare Augen; und der junge Ritter fragte ihn mit leiser Stimme: „Wer seid Ihr? Und wie bin ich hierhergekommen? Ich sehe, ich bin im Hause eines Edlen und bin doch gestern vor den Kliffen im Kampfe gegen die Dänen gewesen?“
Der Priester erfasste seine Hand: „Ihr seid auf Burg Malcolm, Sir. Und es ist schon lange her, dass Ihr im Schwertkampf standet.“
Als der Name ‚Malcolm‘ genannt wurde, schloss der Kranke die Augen wie in tiefem Schmerze und wandte sich ab. „Ein Douglas auf Malcolm!“ stöhnte er.
Der alte Arzt aber erschrak. Er verliess lautlos das Krankenzimmer. Dann liess er John Malcolm zu sich in den Waffensaal rufen und berichtete ihm, was er soeben aus dem Munde des Fremden vernommen hatte.
Der junge Malcolm stützte den Arm auf den Rand des Kamins und starrte den Arzt an. „Ein Douglas auf Malcolm!“ wiederholte er, und seine Augen verrieten seine Ratlosigkeit. Er sprach zu sich selbst: „Ja, das Gerücht hat sich wohl vordem einmal durch die Wälder gefunden, dass einer jener Douglas aus der Art geschlagen sei. Sie alle sind schwarz und finsteren Blicks. Aber in den Augen dieses einen soll die Bläue des Himmels sein, und seine Haare sollen leuchten wie Gold. – Meint Ihr nicht,“ wandte sich der junge Ritter an den Arzt, „dass Euer Kranker vielleicht irre geredet habe? Oder kann es nicht sein, Ihr habt Euch verhört und seine leisen Worte falsch gedeutet?“
Der Arzt antwortete: „Sir, er liegt nicht mehr im Fieber. Sein Geist ist klar, und er ist ein Genesender, der ohne Schaden noch in dieser Stunde von hinnen gebracht werden kann. So brauchte unser alter Herr nichts von dem wunderlichen Streiche zu erfahren, den uns das Schicksal gespielt hat. Es ahnt keiner in der weilen Burg, wes Geschlechtes jener ist – keiner, wenn nicht der Marschalk!“
Der Arzt hatte sich scheu in dem Saale umgeschaut, ehe er diesen Verdacht aussprach.
„Wie kommt Ihr dazu, so zu reden?“ forschte John.
Melvil trat dicht an seinen jungen Herrn heran und sprach noch leiser: „Der Marschalk hat mich die Tage her gesucht, scheint mir. Auch ist er in mich gedrungen, den Kranken auszuforschen. Er hat wohl gewusst, dass einer dieser schwarzen Douglas sonnig ist wie der Frühling. Glenalvon hat Augen wie ein Adler, junger Herr, und Glenalvon sieht durch das tiefste Dunkel.“
„Hat der Marschalk mit Euch darüber gesprochen?“
„Ja, Herr.“
„Was hat er gesagt?“
„Wir werden uns einen Feind im eigenen Nest aufatzen, hat er gesagt.“
„Dachte er dabei an einen Douglas?“
„Seine Rede ist undurchsichtig wie sein Herz,“ antwortete der Greis, „wer kann’s wissen? Zwar hat er einmal gemeint: die Douglas hätten Haare wie das Gefieder der Dohlen, die um die Türme ihrer Burgen kreischen. Aber wer kann’s wissen, Herr? Ich kenn’ ihn! Er äussert nicht gern einen Verdacht, der sich hernach vielleicht als falsch erwiese. Er könnt’ es nicht ertragen, wenn der Ruf seiner Klugheit einen Stoss erlitte.“
„Pah,“ sagte der junge Ritter John, „was ficht mich der Marschalk an! Wir haben getan, was unsere Pflicht war. Und wenn wir einen Feind am Wegrande auflasen und vom Tode erretteten – was haben wir von diesem einen Feinde zu fürchten? Gehen wir miteinander in das Turmgelass, Melvil!“
Sie schritten aus dem Waffensaale, schritten lange Gänge entlang und die steinerne Stiege zum Turmgelass empor.
Dort lag der fremde Ritter auf einem Lager aus weichen Fellen. Die Wände des Gemaches waren mit Holz getäfelt. Im Kamine prasselten die Tannenscheite. Um den Giebel trieben Schnee und Regen und letztes, wirbelndes Laub ihr wildes Spiel.
Wie John Malcolm mit dem Priester den Raum betrat, hatte der Douglas auf seinem Lager sich ein wenig erhoben. Den Kopf auf den Arm gestützt, lehnte er in verlorenem Sinnen und starrte gegen das Fenster des Erkers. Hinter den verbleiten, undurchsichtigen Scheiben stürmte der Tag.
Der Kranke wandte sein Gesicht den Eintretenden nicht entgegen. Aber er sprach: „Ich höre Eure Schritte, mein guter, alter Arzt. Ich weiss auch, warum Ihr mich zuvor so plötzlich verlassen habt. Wer ist bei Euch?“
„Mein junger Herr, Sir John Malcolm.“
„Ich kenne diesen Ritter nicht. Aber ich bin gelehrt worden: der Name Malcolm bedeutet für einen Douglas Feindseligkeit und ewigen Hass.“
Douglas redete, aber er regte sich nicht. Sein bleiches Antlitz wandte sich auch jetzt nicht nach den beiden Männern um.
John Malcolm lehnte im rückwärtigen Erker; den konnte das Auge des Kranken nicht treffen. Der Arzt hatte sich inzwischen auf einem Schemel niedergelassen. Auch er hielt sich noch immer im Rücken des Douglas.
Eine dumpfe Schwere lastete in dem Raume. Die drückte die Seelen der drei Männer. Sie wussten: jetzt waren sich nahe, die das unselige Erbe des Hasses ohne Schuld von ihren Vätern ererbt hatten. Sollten sie dieses Erbe nicht lieber verachten und sich die Hände reichen? Aber – durften sie das Vermächtnis ihrer Vorfahren, auch wenn es scheelsüchtiger Hass war, einfach vergessen? Wie würden sich die Väter zu diesem Beginnen der Söhne stellen?
John Malcolm lehnte nachdenklich mit dem Rücken gegen das Fensterkreuz und verschränkte die Arme vor der Brust.
Endlich scheuchte Douglas die tiefe Stille und das bange Erwarten, das in dem Gemache lag. Er fragte:
„Warum redet Ihr kein Wort zu mir, mein treuer Arzt? Ihr konntet noch vorhin so mild sein. Aber – vorhin wusstet Ihr noch nichts von der Laune des Schicksals, das mich zum Gefangenen unseres Erbfeinds machte! Einem Gefangenen steht es nicht zu, ein Wort an Euren Ritter zu richten. Es sei denn, der Gefangene flehe um Gnade für sein armes Leben. Das liegt mir fern!“
Als John Malcolm diese Worte hörte, schritt er durch das Gemach in den gegenüberliegenden Erker und stand nun vor Douglas.
Der erhob sich und neigte sich mit edlem Anstande vor dem jungen Ritter. Beide blieben stumm. Dann sahen sie einander in die Augen. Und Malcolm sprach:
„Ist es auf den Burgen der Douglas Brauch, einen sterbenden Feind gefangen zu nehmen?“
„Wollt Ihr Antwort auf diese Frage, Sir?“ entgegnete der Kranke.
„Was bei den Douglas nicht Brauch ist, das verachten auch die Malcolm. Darum: betrachtet Euch als meinen Gast, Sir, solang es Euch behagt, oder verlangt, dass man Euch noch in dieser Stunde in sicherem Gefährt zu der Burg Euerer Väter führe.“
Douglas senkte die Stirne. „Warum liesset Ihr mich über Euer edles Herz bisher im Zweifel?“
„Ihr seid ein Kranker, Sir. Und Ihr seid mein Gast; es steht Euch also zwiefach zu, zu fordern.“
Nun war auch der Priester hinzugetreten und erfasste die Hand des Douglas. Er zog ihn sanft auf den Rand seines Lagers; denn er sah in Sorgen, wie seine Wangen sich röteten, als käme das Fieber von neuem über ihn.
„Was verlangt Ihr, Sir?“ fragte der junge Malcolm nach einer Weile.
Ein wehmütiges Zucken spielte um die Lippen des kranken Kriegers. Er sah an seinem Leibe hernieder: „Diese Kleider gehören Euch; diese Schuhe Euch; und Euch dies Lager. Euerem ritterlichen Mute dank ich mein Leben.“ Er erhob sich von neuem: „Einem Edlen aber, der den Feind sterbend aus dem Staube der Schlacht hervorzieht und ihn hält, wie Ihr mir getan habt – einen solchen Edlen hab ich um nicht weniger zu bitten als um seine Freundschaft!“
Die Stimme des jungen Douglas zitterte. Da reichte ihm Malcolm die Hand: „Ihr fordert das beste, das ich zu geben habe! Wohlan, zwischen Euch und mir seien die trutzigen Wälle hinfort geschleift, die ein neidisches Verhängnis aufgebaut hatte, die Edelsten unseres Landes zu trennen. Ich weiss; es ist nicht nur die wunderliche Fügung der Stunde, die Euch mit solchem Wunsche mir gegenübertreten lässt. Es ist vielmehr die Erkenntnis in Euch: die Douglas und die Malcolm haben bessere Aufgaben, als den Brand schnöden Hasses zu hüten. Wohlan, der Wille zum Frieden ist da. Möge die Tat ihn krönen!“
Da legte der blonde Douglas seine Hände auf die Schultern des hochgewachsenen Malcolm. Sie sahen sich in die Augen wie zweie, die sich lange gesucht und nun endlich gefunden hatten.
Dann sagte er: „John Malcolm, wenn uns in unserem Leben nichts weiter zu tun beschieden wäre, als diese Stunde herbeigeführt zu haben – es wäre genug! Wer je nach uns den Namen Malcolm oder Douglas tragen wird, muss uns für diese Stunde segnen!“
John Malcolm aber breitete seine Arme aus und umschlang seinen ritterlichen Freund: „Wir wollen Brüder sein, Douglas!“ sagte er und küsste die bleiche Stirne seines Gastes.
*
Wie sie eine Zeit danach im Turmgemach zu dritt beim Steinkruge sassen, der mit edlem Burgunderweine gefüllt war, da röteten sich die Wangen des Genesenden im Glücke der Stunde.
Der Arzt und John berichteten, was sich zugetragen seit jenem Abbruch des Feldlagers. Berichteten auch, wie Marschalk Glenalvon den blutenden Leib des jungen Helden am Quell im Niederholze vor dem wilden Kliff aufgefunden hatte.
„Marschalk – Glenalvon?“ fragte Douglas erstaunt. Er hatte mit dem Ausdrucke höchster Verwunderung zugehört. „Warum führt Ihr den Marschalk nicht zu mir, damit ich ihm danke und ihm seine edle Tat lohne?“
Der alte Arzt sah seinen jungen Herrn mit deutsamem Lächeln an. Dann schaute er nach der Tür. Es war ihm, als müsse sich diese Tür öffnen und der Lauscher Glenalvon darin erscheinen.
„Ihr müsst wissen,“ begann er mit gedämpfter Stimme, „dass dem Marschalk kein Gespräch verborgen zu bleiben scheint, das innerhalb der Mauern von Burg Malcolm geführt wird. Dieser Glenalvon ist ein Wunder von Weisheit und Mannesmut. Aber er ist auch ein Wunder von Verschlagenheit und Tücke ...“
Malcolm setzte hinzu: „So ist er ein giftiges Reptil – – und leider der Vertraute meines Vaters. Lord William Malcolm ist der einzige Mensch, dem der Marschalk in wahrhaft heldischer Treue zugetan ist. Er würde ihn nicht missen mögen; denn es kann sich einer nicht seinen Kopf und seinen rechten Arm abhacken ... Verstehst du das, Archibald Douglas?“
Der blonde, junge Ritter schwieg und sah nachdenklich vor sich hin. Um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, fragte er:
„Hast du Brüder, John Malcolm? Und warum führst du sie nicht zu mir, damit wir uns dieser Stunde gemeinsam freuen?“
„Keine Brüder, Archibald Douglas! Aber meine Schwester Harriet will ich morgen in dies Gemach geleiten.“
Da lächelte der genesende Mann: „Oh, ihre Schönheit ist allmächtig, und ihr Herz ist wunderbar wie ein Märchen.“
Er sprach diese Worte wie im Traume, und seine Augen füllten sich darüber mit hellem Glanze.
„Du weisst ...?“ entgegnete John Malcolm erstaunt.
Douglas legte seine Hand auf die des Freundes und sagte:
„Für die Kunde von ihrer Schönheit und für das Lob der Güte ihres Herzens waren die Mauern der Douglasschlösser nicht stark genug. Und die Feindseligkeit unserer Geschlechter war nicht mächtig genug, ihrem Eindringen zu wehren. Von Harriet Malcolm, der Rose von Schottland, singen die fahrenden Leute. Von ihr und ihrem edlen Sinn erzählen die Mägde am Spinnrade mit glückseligen Augen. Ich freue mich, Harriet Malcolm morgen zu sehen.“
Während Douglas so sprach, erhob sich der Arzt von seinem Sitz. Er schlug dem jungen Ritter das Oberkleid am Halse zurück und schob ihm den Verband zurecht, der sich an Schulter und Brust verschoben hatte. Auf der Stirne sass dem jungen Helden noch der blutrote Striemen eines frischvernarbten Schwerthiebs. Erst an diesem Morgen hatte ihm der Greis die Binde abgenommen. Nun sagte er lächelnd und bedächtig:
„Wenn Ihr bald nach Burg Douglas reiten wollt, Sir, so werden wir jetzt daran denken müssen, Euch in der Stille des Turmgemachs allein zu lassen. Ich bitte, streckt Euch wieder auf den Fellen aus und lasst uns beide heute den Rest des Burgunderweins allein trinken.“
Douglas litt frohgemut die Sorge des greisen Arztes. Dann sagte er scherzend:
„Was meint Ihr, Melvil? Bin ich nicht wieder stark wie ein Löwe?“
Er schlug ihm dabei sanft auf den Arm.
„Hm,“ machte der Alte, „und wenn Euch in einer Stunde ein Geissbock anrennt, so setzt er den Löwen in den Sand. – Wir wollen daran denken hinauszugehen, Herr John,“ wendete er sich an Malcolm, „oder wir wollen höchstens noch ein wenig darüber reden, was zu geschehen hat.“
„Es ist recht,“ antwortete der junge Ritter und wendete sich dem neugewonnenen Freunde zu: „Auf Burg Douglas meinen sie, du wandelst nun unter den Toten! Möchtest du, dass ich einen verschwiegenen Boten reiten lasse, der den Deinen die Kunde hinüberbringt: Archibald Douglas lebt?“
Da legte der Kranke die Hand flach über seine Stirn und sah schweigend nach der gebräunten Decke des Gemachs. Es war, als senke sich eine tiefe Trauer in sein Herz. „Kunde bringen?“ fragte er halblaut. Er redete mit sich selbst. Dann richtete er sich ein wenig auf: „John, du sagst, einen ‚verschwiegenen‘ Boten. Glaubst du, dass ausser unserem alten Doktor ein Mensch lebt, der über das schweigen wird, was in dieser Stunde sich zwischen uns ereignet hat? Ja, wenn wir beide die Ältesten unserer Geschlechter wären! Und wenn wir die Macht hätten zu gebieten: der alte Hass soll nun begraben sein, denn er war die Schmach der Malcolm und Douglas! Aber wir sind beide nur die Söhne unserer Väter. Und in unseren Vätern brennt die Flamme des Hasses verderblich weiter ...“
Noch ehe Douglas geendigt hatte, war Malcolm wieder zurück in den Erker getreten. Auch ihn überkam tiefer Unmut – nun lehnte er die Stirne in schweigsamem Sinnen gegen die kalten Rundscheiben des Fensters.
„Den Hass des Alten von Malcolm gegen die Douglas zerschlägt nur der Tod!“ sagte er dumpf.
„Und den Hass des greisen Lord Douglas wider die Malcolm zerschlägt nur der Tod!“ kam es in gleichem Tone von den Lippen des Kranken.
Endlich trat John Malcolm wieder an das Lager seines Freundes und reichte dem jungen Ritter die Hand: „So wollen wir uns unverbrüchliches Schweigen geloben. Kein Mensch soll von dem Glücke dieser letzten Stunde Kunde bekommen als unser treuer Arzt und Harriet, meine Schwester!“
Bei diesen Worten beugte er sich zu dem goldhaarigen Douglas nieder und küsste ihm die Wange. Dann winkte er dem Arzte:
„Kommt, Melvil, wir wollen zu Harriet gehen und mit ihr heimlich Rat halten! Vielleicht weiss Frauenklugheit einen Weg aus diesem Netze, mit dem uns das Schicksal umstrickt hat.“
Damit verliessen die beiden das Turmgemach.
Das Geheimnis des Turmes
Als der alte Arzt am nächsten Tage wieder in das Turmgemach trat, fand er den Zustand des Kranken zu seiner grossen Freude besser denn zuvor. Er hatte gefürchtet, das wunderbare Ereignis würde das Fieber von neuem heraufbeschwören. Deshalb meldete er dem Genesenden lächelnd, dass John Malcolm mit seiner Schwester Harriet in kurzer Zeit das Turmgemach aufsuchen würde.
Nachdem Melvil in eifernder Sorge noch einige gute Ratschläge erteilt hatte, verabschiedete er sich von Douglas.
Wie er die Wendeltreppe des Turmes hinabstieg, begegnete er dem Geschwisterpaare.
„Nun, Melvil, wie steht es?“ rief ihm Herr John entgegen.
„Es ist, als wäre ein Wunder geschehen – auch mit ihm!“ antwortete der Arzt. „Er hatte das Lager bereits verlassen, als ich vorhin zu ihm kam. Fast scheint es, als fände er Gefallen an der Gefangenschaft im Turme von Malcolm – einer Gefangenschaft, die er sich freiwillig auferlegt. Sonst hätte er heute früh wohl ein Ross zum Heimritt von mir gefordert!“
Eine Minute später betrat John Malcolm mit seiner Schwester Harriet die Einsamkeit des Turmgemaches.
Douglas schritt ihnen entgegen, verneigte sich tief vor der Jungfrau und berührte ihre Hand mit seinen Lippen. Dann schlang er lachend die Arme um seinen Freund.
Beim Anblicke der Lieblichen war ein Glanz in die Augen des jungen Ritters gefallen; und auf seine Stirne flog ein freudiges Rot.
Blossom war gekleidet wie an jenem Morgen, da sie sich für die Heimkehr des Bruders bereitet hatte. Unter den Säumen ihres seegrünen Übergewandes, das an der Seite gerafft war, fiel der dunkelrote Seidensammet des Rockes hervor. Der war mit einer goldenen Borde fein geziert. Auch war es, als bräche ein goldener Schein aus den silbernen Maschen des Netzes, das über ihrem Haare lag, und erhellte das stumpfe Licht des Gemachs.
Es ist zu denken, was sie sprachen.
Zuletzt redeten sie über die Heimkehr des Gastes nach Schloss Douglas und die Möglichkeit heimlichen Wiedersehens. Dabei flogen ihre Blicke zueinander wie Vogelpaare im Mai.
Dass die hochgemuten jungen Ritter ihre Freundschaft fortsetzen und pflegen wollten, das war der Wunsch ihrer Herzen. Auch Harriet sollte Genossin dieser Freundschaft sein. Aber sie sahen keinen Weg, der sie in den Tagen des Winters heimlich zueinander führen konnte. Im Sommer hätte der grüne Bergwald ihre heimlichen Zusammenkünfte vor den Augen Neugieriger beschirmt. Aber nun?
Archibald Douglas hatte an diesem Morgen ein leichtes Jägerkleid aus weichem Hirschleder angetan. Nun, da er neben Malcolm stand, erkannte Harriet, dass er ihrem Bruder an Stärke und Grösse des Leibes nicht nachstand. Blondes Haar fiel ihm in mässig langen Locken vom Scheitel, und ein leichter Flaum lag über seinen Lippen.
„Wir wollten Harriet Malcolms Frauenklugheit das Schicksal unserer jungen Freundschaft anheim geben,“ begann John nach einer Weile nachdenklichen Schweigens das Gespräch von neuem.
„Es ist nicht zu denken, dass es in sorgsamerer Hut sein könnte!“ antwortete Douglas und sah das Burgfräulein mit blanken Augen an. So viel Schönheit und zauberische Anmut hatte der Ritter noch an keiner Frau gesehen.
Blossom legte ihre weissen Hände vor das Gesicht und liess sie wieder sinken. Es war, als fürchte sie sich vor der Verantwortung, die sie tragen sollte. Sie wandte sich Archibald Douglas zu:
„Habt Ihr nicht in der Nachbarschaft von Dohlen und Eulen hier im Turme Musse genug gehabt, mir ein wenig nachdenken zu helfen?“ scherzte sie.
„Das wohl,“ entgegnete der junge Ritter, „aber – seit Ihr durch diese Tür geschritten seid, ist alles anders geworden um mich her. Es ist keine Einsamkeit mehr, es ist keine graue, glanzlose Umgebung mehr. Nein – alles ist anders geworden. Ich habe nicht einmal Eile, gesund zu werden.“
Wie Harriet Malcolm die Freude aus diesen Worten klingen hörte, ward sie in ihrem Herzen froh. Aber sie schlug doch die Augen nieder; denn sie fürchtete, der Freund ihres Bruders möchte in solchen lieben Worten den Wunsch zu erkennen gegeben haben, sie einst als Weib zu besitzen. Dann wäre freilich ein trefflicher Bund geschlossen gewesen, und die Liebe hätte sich wieder einmal in ihrer ganzen Herrlichkeit und Stärke gezeigt; sie hätte den jahrhundertalten Hass besiegt wie einen bösen Feind.
Aber wie hätte das alles geschehen können?
Kaum wusste sie, was sie dem jungen Douglas auf seine freudige Rede entgegnen solle. Ihre Blicke glitten suchend durch das Gemach. Und nur, um das Schweigen zu brechen, sagte Harriet: „Wir werden noch einmal von vorn anfangen müssen, uns die Sache zu überlegen.“
Sie hatte daran gedacht, dass sie dem Feinde ihres Vaters nicht verraten dürfe, wie fröhlich ihr Herz geworden sei, seit Douglas und John Malcolm sich gefunden hatten. Aber der junge Ritter hing mit seinen Augen an den Lippen des jungen Burgfräuleins und ward noch froher als zuvor. Denn er vernahm, dass sie nicht nur gern gekommen sei, sondern dass sie auch noch ein wenig in seiner Gesellschaft verweilen wolle.
Da erhob sie sich von ihrem Sitz, als wolle sie andeuten, dass sie schon länger geblieben sei, als es sich für eine so vornehme Jungfrau schicke, und sagte ganz ruhig:
„Herr Ritter, es wird nicht schwer sein, meinem Vater alles zu verbergen. Seine Gemächer liegen am anderen Ende des Schlosses, und es ist ein weiter Weg bis dahin. Ich entsinne mich nicht, dass er jemals dieses Turmgelass betreten hätte. Wenn der Marschalk nicht wüsste, dass Ihr hier krank lieget, so brauchte der Lord nie etwas davon zu erfahren. Aber – Marschalk Glenalvon sieht so scharf, als hätte er hundert Augen. Er hat, wie es scheint, auch schon aus dem alten Arzte das Geheimnis herausfragen wollen. Wie wir uns vor seiner Schlauheit hüten sollen, ohne die Unwahrheit zu sagen, das weiss ich nicht.“
Jungfrau Harriet wandte sich bei diesen Worten langsam der Türe zu.
Da war es dem jungen Ritter, als solle er die Schönheit des Burgfräuleins nie mehr sehen. Er wagte nicht zu bitten, dass sie noch bleibe, aber er sagte lächelnd:
„Wir werden uns nun an jedem Tage gemeinsam beraten müssen. Vielleicht können wir den listigen Marschalk durch unseren Arzt irre führen: er soll ihm sagen, ich läge im Fieber. Oder ... er soll sagen, ich sei gestorben und schon begraben ...“
John Malcolm unterbrach ihn mit sehr nachdenklichem Gesichte: „Du lachst bei diesem Rate, Freund! Aber du hättest ihn ganz im Ernst geben können. Wer weiss, ob wir uns nicht doch am Ende noch mit einer solchen Ausflucht behelfen müssen.“
Archibald Douglas zuckte die Achseln und sah Blossom an: „Der Däne hätte mir fürwahr einen schlimmen Streich gespielt, wenn er fester dreingehauen hätte. Meint Ihr nicht auch, Jungfrau Harriet? Auf der gespaltenen Stirne hätte Euer klares Auge gewiss nicht ruhen mögen. Und ich hätte die höchste Schönheit nie sehen dürfen, von der sie im Lande erzählen wie von einem Märchen.“
Harriet reichte ihm die Hand und ging mit ihrem Bruder hinaus.
Die Wunden brannten Douglas. Er lehnte seine heisse Stirne gegen die Scheiben. Er öffnete das Fenster und trank die kühle, neblige Herbstluft. Ein Flug Zugvögel rauschte am Turme vorüber. ‚Der Sonne nach‘, dachte Douglas. Und wie er sann, erkannte er, dass er von allen Frauen der Erde keine lieber zu seinem Ehegemahle nehmen wolle als Harriet Malcolm. Denn keine war herrlicher als sie. Sie war noch schöner als die Sonne, die im Frühling über die Berge scheint und mit ihrem Zauber die wintermüde Welt zu neuem Leben erweckt.
Sehnsüchtig sah er dem rauschenden Heere der Zugvögel nach. Die durften hinziehen und bleiben, wo sie wollten – wo ihnen ihre Sonne schien. Er aber sollte einen Weg ersinnen, der ihn selbst seiner Sonne fern führte. Denn Harriet Malcolm war dem genesenden Manne wie die Sonne des Frühlings.
Fast kam ihn eine Furcht an, er möchte sie ewig verlieren, wenn er sich in diesen Tagen ein Ross ausbedinge und durch den Bergwald der heimischen Burg zureite.
„Ich will nicht!“ rief er frohgemut. „Ich will sie erringen und zu meinem stolzen Weibe machen!“
Aber schon schlossen sich seine Lippen in herbem Schweigen. Er dachte daran, dass kein Weg war, zu solchem Glücke zu gelangen. Auf Schloss Malcolm in Harriets Nähe konnte seines Bleibens unmöglich lange sein; denn der alte Burgherr war der Erbfeind seines Geschlechtes. Und der Marschalk war ein Verräter. Er würde alles daran gesetzt haben, Burg Malcolm einem Douglas zu verschliessen.
Aber noch mehr drückte den genesenden Mann der Gedanke, dass seine alten Eltern um ihn trauerten als um einen Toten. Durfte er die, die ihn lieb hatten, noch länger im unklaren über sein Schicksal lassen?
Er berührte die Lehne des Stuhles, auf der Blossoms Hand vorhin gelegen hatte, mit seinen Fingern. Und ihm war, als dürfe er noch einmal die Hand des schönen Burgfräuleins streicheln.
Dann setzte er sich an den Tisch und schrieb.
Er war des festen Willens, diesem ungewissen Zustande ein Ende zu bereiten – so oder so.
Die Pulse seiner Schläfen flogen. Und als am Nachmittage der Arzt kam, nach seinem Kranken zu sehen, übergab er dem treuen Alten den Brief und bat:
„Bringt dieses Schreiben Eurer edlen jungen Herrin. Aber heute noch, hört Ihr? Es bereiten sich Dinge vor, die selbst Eurer alten Weisheit wunderlich erscheinen werden.“
Der Arzt schob das Pergament unter sein hirschledernes Wams:
„Es soll alles geschehen, wie Ihr befehlt.“
Dann ging er seines Wegs.
Douglas aber schritt mit geröteten Wangen durch die Stille seines Gemachs. Sein Herz schlug hörbar. Seine Augen strahlten in hellem Glanze. Die frühe Nacht dämmerte herauf, und der Schein des Kaminfeuers rötete die eichene Wandvertäfelung des Gelasses.
Da klangen draussen auf dem Flur flüchtige, leise Schritte. Ein Klopfen an der Tür. Douglas öffnete, und das Burgfräulein trat in das Gemach.
Diesmal war Blossom allein.
Der Ritter fasste ihre Hände und presste seine Lippen auf ihre weissen Finger. Sie liess es geschehen.
Er sah ihr dabei in die klaren, jungen Augen und sprach:
„Oh, Harriet, wie soll ich dir danken – wie könnt’ ich mit armen Worten sagen, wie froh du mein Herz gemacht hast? Du bist gekommen, weil ich dich bat?“
Das Edelfräulein neigte die Stirn ein wenig: „Ja, weil Ihr mich batet. Ich dachte, wenn ich Euch keine Antwort gebe, so könntet Ihr wieder krank werden. Der Arzt sagte, Ihr wäret noch immer nicht gesund.“
„Warum sagst du nicht ‚du‘ zu mir? Bist du nicht die Schwester meines teuersten Freundes? Und verweigerst du mir dies vertrauliche du, weil du damit sagen willst, dass du mir nie als Weib angehören möchtest?“
Harriet erschrak, als sie den Feind ihrer Väter also sprechen hörte. Dann hob sie ihre Augen auf. Aber sie blickte ihn nicht an, sondern sah an ihm vorüber, und es war, als sähe sie in eine weite, weite Ferne, so weit hinaus, dass sie die Dinge nicht mehr unterscheiden konnte, die da waren – sie sah in ihr Leben. Denn sie wusste nicht, wie das alles sich erfüllen sollte, was Archibald Douglas erhoffte.
Weil er aber doch eine Antwort erwartete, so sagte sie – und sie liess ihre Hände in den seinen ruhen: „Nun stehen wir und sehen uns an und wissen doch nicht, wie das alles geschah.“
Da erkannte Archibald Douglas, dass das Glück seiner Seele auch das Glück Harriet Malcolms war.
„O Harriet,“ rief er, „sahst du heute morgen nicht, wie mich die Furcht überkam, dich ewig zu verlieren, noch ehe du mein Weib geworden? Hörtest du nicht, wie dich mein Herz rief, als dein Schritt draussen auf den Fliesen des Flurs fern und immer ferner wurde?“
Die Augen des Burgfräuleins waren hell wie ein Maitag. „Und nun?“ fragte sie. Aber ihre ganze Ratlosigkeit klang doch in diese kleinen Worte. „Du wirst heimkehren müssen, Archibald Douglas ...“
„Nicht heimkehren!“ rief er ihr freudig zu. „Nein, sondern ich will den stolzen Namen eines Douglas nicht mehr tragen, solange der alte Hass noch lebt zwischen unseren Geschlechtern. Denn er müsste uns ewig trennen. Deinetwillen aber will ich fortan keinen Douglas kennen. Ich will den verachten, der dich hasst. Und ich will mit meinem Schwerte töten, wer dich schmäht. Und auf der Burg meiner Väter sollen mich nicht eher sehen, die mich lieb haben, als bis sie geloben: der unselige Hass ist begraben!“
Da schlang Harriet Malcolm ihre Arme um den hochherzigen Mann und gelobte sich ihm für das Leben.
„Nun sollst du mein sein!“ rief er. „Dein Priester soll unsere Hände im Geheimen ineinander legen. Hier wollen wir den Altar errichten, in diesem Turmgemach, und wollen uns vor Gott vereinigen. Und ich will fortan als Dienstmann unter fremdem Namen in den Reihen der Krieger deines Vaters stehen und kämpfen. Endlich aber mag auch die Zeit kommen, vor der Welt zu bekennen, was unser Geheimnis ist.“
Harriet senkte ihre weisse Stirne gegen die Brust ihres Verlobten und sagte: „Wie konnte dies alles geschehen!“ Sie hob ihre Augen, und ihre Lippen zitterten: „... und an dem Tage geschehen, an dem der Hass meines Vaters von meinem Bruder gefordert hat ...“
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie presste die Lippen aufeinander, als fürchte sie sich vor einem furchtbaren Geständnis.
„Was hat dein Vater von deinem Bruder gefordert? Verschweige mir nichts!“ bat Douglas.
„Gefordert, dass er schwöre auf den Knauf seines Schwertes, der Douglas Todfeind zu sein, so lang er lebt.“
Der Ritter legte seinen Arm von neuem um Harriet und leitete sie gegen den traulichen Brand des Kamins.
„Und John Malcolm?“ fragte er.
„Verweigerte den Eid.“
„Und dann?“ forschte der Douglas.
„Dann standen sie in finsterem Groll einander gegenüber und schieden stumm voneinander – nicht wie Vater und Sohn. Sondern sie schieden, wie Feinde voneinander gehen, die auf eine Stunde warten, in der sie mit blossen Schwertern sich begegnen.“
Archibald Douglas atmete freudig auf: „So will ich die Stunde doppelt preisen, die mich den Arzt mit dem Brief an dich senden liess. Es war eine Furcht in meinem Herzen, – eine Ahnung, als bereite sich Schlimmes vor. Ich dachte, die nahende Nacht könne sich zwischen dich und mich senken und könne ihre weite Finsternis zwischen uns lassen, in der deine Schönheit für mich wie ein ferner, unerreichbarer Stern geleuchtet hätte. Aber nicht der Hass unserer Väter, nicht die Tücke der Menschen soll uns von nun an scheiden dürfen – einzig der Tod, Harriet!“
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