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Matthias Arndt

Zeitreise auf Abwegen

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Impressum neobooks

1. Kapitel

An diesem sonnigen und milden Herbstnachmittag lief ich wie schon so oft die Straße entlang, die mich zur Schule meines Sohnes führte.

Julian war gerade acht Jahre jung und besuchte die Gesamtschule in unserer Stadt Erfurt.

Je näher ich dem Schulgelände kam, so konnte man ein Gewirr von Kinderstimmen wahrnehmen. Alle Kinder quietschten vergnügt und sahen aus, wie bunte kleine Zwerge, die in ihrem Spieltrieb wie wild auf dem Gelände des Schulhofes herumtollten.

>>Julian dein Papa ist gekommen<<, rief eine Stimme aus dem Hintergrund.

Julian sprang hoch und rannte auf mich zu.

>>Hallo Papa!<<.

>>Du hast ja wieder tolle Spielchen gemacht<<, entgegnete ich, als ich die schmutzigen Schuhe sah.

>>Ich habe mit Marcel Fußball gespielt<<, entgegnete mir Julian.

>>Und dabei ist wohl auch deine Hose schmutzig geworden…, da wird sich aber die Mama bestimmt freuen<<.

Augenblicklich zog ich Julian eine neue Hose an und sortierte nebenbei noch die Anziehsachen zum Wechseln, die vorrätig in einem Schließfach dort lagerten.

Anschließend liefen wir gemeinsam gemächlich nach Hause.

>>Papa, darf ich draußen noch spielen?<<, fragte Julian plötzlich.

Letztendlich konnte ich den wiederkehrenden Bitten meines Sohnes nicht widerstehen.

Und so zogen wir noch eine kleine Runde, entlang des Weges zu einem Spielplatz, der sich in der Nähe unseres Wohnviertels befand.

Auf dem Spielplatz kletterten schon einige Kinder auf den Spielgerüsten herum, während andere wiederum im Sandkasten spielten.

Aus einem Unterholz neben einer Hecke kroch plötzlich ein kleiner Igel hervor. Seine Nasenspitze wippte auf und ab, als wolle er uns grüßen. Als ich näher herantrat, machte der Igel plötzlich eine Kehrtwendung und suchte dann aber unverhofft das Weite.

Das bunte Herbstlaub schillerte im kontrastreichen Farbspiel und zeichnete eine Silhouette der Fantasie.

Wir wohnten in einem Mietshaus im vierten Stock. Der Klinkerbau aus den sechziger Jahren war renovierungsbedürftig. Nahezu alle Wohnungen hatten einen Balkon und waren mit einer Ofenheizung ausgestattet.

Nach einer anberaumten Zeit, wollte Julian endlich nach Hause und so machten wir uns alsbald darauf auf den Heimweg, denn jeden Moment erwartete ich meine Frau Elke.

Plötzlich klingelte es an unserer Wohnungstür. Ich öffnete die Wohnungstür und vor mir stand die Nachbarin mit ihrem Sohn Felix. Julian spielte oft mit Felix, wobei es auch Tage gab, an denen Julian in unserer Abwesenheit bei der Nachbarin seine Freizeit verbrachte.

>>Entschuldigen Sie die Störung Herr Wagner, aber mein Sohn Felix möchte Julian am Samstag zum Geburtstag einladen<<.

>>Samstag?, ja das wäre vielleicht möglich, aber darüber möchte ich vorher noch mit meiner Frau sprechen<<.

>>Natürlich Herr Wagner, ist denn Ihre Frau noch nicht zu Hause?<<.

>>Ich erwarte sie jeden Moment<<.

>>Felix würde sich freuen, wenn Julian am Samstag kommen könnte<<.

Ich steckte die Einladung in die Tasche, schloss die Wohnungstür und nahm mir anschließend eine Lektüre aus unserem Wandschrank, die ich auf dem Balkon lesen wollte.

Auf unserem Balkon standen verschiedene exotischer Pflanzen und Ziersträucher, die Elke zweimal die Woche über akribisch pflegte. Vom Balkon aus, hatte man eine schöne Aussicht auf unsere Stadt Erfurt, in der wir wohnten. Selbst die Spitze des Doms konnte man von dem Dachgeschoß aus sehen.

Ich nahm auf einem Campingstuhl draußen auf dem Balkon Platz, trank meinen Kaffee und vertiefte mich in die Lektüre, während Julian im Wohnzimmer spielte.

Kurze Zeit später vernahm ich ein Geräusch, auf der Schwelle zum Balkon, als plötzlich Elke vor mir stand.

>>Schatz, ich habe dich gar nicht kommen hören<<, entgegnete ich verblüfft.

>>Clemens, es wäre besser, du würdest dich um Julian kümmern, als ständig in dieser Lektüre zu lesen<<, pflichtete mir Elke bei.

>>Heute Nachmittag stand die Nachbarin mit ihrem Sohn Felix vor der Tür<<.

>>So, was wollte Sie denn von dir?<<, fragte Elke.

>>Julian ist eingeladen, zum Geburtstag von Felix<<.

>>Wann denn?<<.

>>Am Samstag<<.

>>Samstag?, ach du meine Güte !<<, erwiderte Elke.

Ich zeigte Elke die Einladung, die sie misstrauisch beäugte und hatte zu ihren Bemerkungen eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

Elke hatte sich im Laufe unseres Zusammenlebens etwas verändert, wenn ihr was nicht in Kram passte, konnte sie einem ganz schön damit nerven.

Unsere Beziehung war zudem recht schwierig, weil unsere Interessen und Auffassungen vom Leben zu unterschiedlich waren.

Den gemeinsamen Abend über verbrachten wir dann bei einem Glas Wein zum Fernsehprogramm.

- : -

Am nächsten Morgen fuhr ich zu meiner Arbeitsstätte, die sich außerhalb der Stadt befand. Ich war dort als Elektriker bei einem Maschinenbauunternehmen tätig.

Der Job war abwechslungsreich in jeder Hinsicht, um den allgemeinen Anforderungen des Arbeitsalltags gerecht zu werden. Den Tag über war ich dafür verantwortlich, dass die Maschinen an den produktiven Anlagen ihre volle Funktion erfüllten und somit die Auslastung in der Produktion optimal läuft. Ein Ausfall im Maschinenpark würde das Unternehmen und die Belegschaft vor eine Katastrophe stellen, was mitunter auch zu finanziellen Problemen führt. Man benötigte schon einige handwerkliche Fähigkeiten und Know-how um diese knifflige Arbeit zu beherrschen. Die Arbeiter in der Produktion kamen aus den unterschiedlichsten Branchen und wir hatten alle Hände voll zu tun, um das Ziel, die Erfüllung der Normen für das Unternehmen voranzutreiben. Als Traumjob konnte man diese Arbeit aber nicht so recht bezeichnen, weil auch in Schichten gearbeitet wurde.

Der Herbstwind fegte das Laub die Straße entlang und bot so ein einzigartiges Naturschauspiel.

Nachdem Feierabend lief ich spontan in die Richtung des Zentrums unserer Stadt Erfurt.

An der nächsten Ecke bog ich in eine Seitenstraße ab, von wo aus ich dann eine Brücke überquerte und ins Zentrum gelangte. Mein Ziel, die Buchhandlung, erreichte ich dann nach nur wenigen Schritten. Eine ganze Palette von Büchern über Pflanzen und Bäume ließ ich Revue passieren. Mein Interesse galt vor allem historischen Romanen aus dem Mittelalter.

Ich suchte nach einem Roman “Die Bartholomäusnacht” von Alexandre Dumas, als mich plötzlich eine fremde Stimme von hinten grüßt.

>>Hallo Clemens!<<.

Ich drehte mich um und bemerkte eine junge Frau mit dunkelblondem seidigem Haar, die mich mit überschwänglichem Enthusiasmus begrüßte.

>>Das ist ja eine Überraschung Clemens, wie lange haben wir uns schon nicht mehr gesehen?<<.

Zuerst war ich vollkommen verblüfft, hatte ich doch Marina schon seit ewiger Zeit nicht mehr gesehen. Es musste wohl schon sehr lange her sein.

>>Marina, ich kann mich nicht mehr so recht erinnern, wann wir uns das letzte Mal begegnet sind. Sag wie geht es dir?<<.

>>Prima!, ich kann nicht klagen<<.

Eine Verkäuferin der Buchhandlung lief an uns vorbei.

>>Ach bitte, seien Sie doch so liebenswürdig und packen mir dieses Buch hier ein<<, rief ich verständnisvoll der Verkäuferin zu.

>>Clemens, du liest Alexandre Dumas?<<.

>>Warum nicht und was liest du so?<<.

>>Naja eben Kunstgeschichte und jetzt suche ich was über die Architektur der Renaissance im neunzehnten Jahrhundert<<. >>Marina, wollen wir einen Kaffee trinken und ein wenig plaudern?<<

Sie lächelte nur, was ich als ein „Ja“ deutete.

Wir bogen an der nächsten Straßenecke in Richtung Domplatz ab.

Die Cafe`s der Stadt waren gut besucht und verströmten einen wohlriechenden Kaffeegeruch, der einem beim vorbeilaufen zum Verweilen einlud. Marina bestellte sich eine heiße Schokolade und ich nahm einen Cappuccino.

Ich erzählte Marina von meiner Frau Elke und von meinem Sohn Julian, während sie aufmerksam zuhörte und an ihrem heißen Kakao schlürfte.

Vorsichtig berührte ich ihre Hand und sah ihr in die Augen, wobei Sie leicht vor Scham errötete. Dabei schossen mir unendlich viele Gedanken im Kopf herum.

Mir kam es so vor, als wenn die Zeit plötzlich stehen geblieben ist und das Erlebte aus der Vergangenheit mit Marina wieder objektiv in Erscheinung trat.

Von da an spürte ich, dass meine Empfindungen für Marina immer noch substantiell existierten.

>>Clemens ich möchte eigentlich nur, dass du glücklich bist…<<.

Ohne darauf zu antworten, hypnotisierte mich ihr magischer Blick und ich dachte an unsere schöne gemeinsame Zeit zurück.

Ich erinnerte mich an eine Zeit, in der ich gerade meine Ausbildung beim DLRG beendet hatte und an einem dieser Baggerseen in den Ferien dort arbeitete. Es war mein erster Job in den Sommermonaten des Jahres, wo Marina gerade ihre Semesterferien verbrachte.

Die gute Wasserqualität war ausschlaggebend, dass ich ausgerechnet dort eine Tätigkeit aufnahm. Neben zwei anderen Sportkameraden hatte ich die ehrenvolle Aufgabe, für Ordnung und Sicherheit der Badegäste zu sorgen.

Und so kam es eines Tages, dass ich Marina dort kennenlernte.

Meine Gedanken kreisten um jene Tage, in denen ich mich so unbeschwert fühlte.

>>Du siehst noch genauso bezaubernd aus wie früher<<, entgegnete ich.

>>Clemens mach keine Witze, auch ich habe mich mittlerweile völlig verändert…, oder glaubst du etwa, dass all die Jahre spurlos an mir vorbeigegangen sind<<.

Ich schmunzelte und musste meine Äußerungen relativieren.

Marina holte ein altes Foto aus ihrer Handtasche und ich fragte sie, wo es entstanden sei. Sie wendete das Foto und zeigte auf jenes Datum, welches mir irgendwie bekannt vorkam.

Das war genau der Tag, an dem der Abschlussball am Gymnasium stattgefunden hat.

>>Was ist eigentlich aus deiner ehemaligen Beziehung geworden?<<, fragte ich neugierig.

>>Als ich an die Universität ging, haben wir uns aus den Augen verloren<<.

>>Das heißt, du bist jetzt wieder Single?<<.

>>Ach Clemens, ich bin jetzt mit Mark zusammen…, wir haben uns schon vor zwei Jahren auf einem Seminar für Kunst und Germanistik kennengelernt<<.

>>Aber du wohnst doch sicher noch in dem Dorf?<<.

>>Meine Eltern mussten das Haus verkaufen, weil mein Vater zum Pflegefall wurde. Jetzt wohne ich bei Mark und bin nur ab und an zu Besuch bei einer Freundin hier in der Stadt<<.

>>Ich würde dich gern noch einmal wiedersehen<<, sagte ich ihr.

Sie lächelte nur, dabei war sie so bezaubernd.

Es war schon spät, als wir gemeinsam das Kaffee am Domplatz verließen.

>>Marina, soll ich dich nach Hause begleiten?<<.

>>Nein Clemens, das wird nicht nötig sein. Ich habe nur noch wenige Schritte bis zu meiner Freundin. Sie wohnt gleich hier um die Ecke<<.

>>Na gut, aber ich möchte dich auf jeden Fall wiedersehen<<, bemerkte ich beiläufig, wobei sie mir einen Zettel mit einer Adresse zusteckte.

Auf dem Nachhauseweg hörten wir noch eine Soiree, die nahe einer Brücke am offenen Fenster eines Lokals lautstarke Trinksprüche von sich gab.

Letztendlich verabschiedete ich mich von Marina und eilte nach Hause.

2. Kapitel

Als ich am Abend nach Hause kam, lag Julian bereits im Bett, während Elke die Wäsche im Wohnzimmer bügelte. Ich lief in die Küche und machte mir Abendbrot. Einen Augenblick später betrat auch Elke die Küche und fragte, wo ich den ganzen Nachmittag über verbracht hätte. Ohne Umschweife schilderte ich Elke, weswegen ich später als sonst heimkehrte und erzählte ihr von meiner Begegnung mit Marina. Ein misstrauischer Blick von Elke, sagte mir in dem Moment vieles. Ich hatte das Gefühl, dass mir Elke vielleicht gerade deswegen Vorwürfe machte, auch wenn Sie das offiziell nicht bekannt gab.

Abgesehen von ein paar Differenzen und kleineren Auseinandersetzungen, die wir mitunter vehement führten, gestaltete sich unsere Beziehung ansonsten eher harmonisch, auch wenn unsere Vorstellungen und Standpunkte vom Leben unterschiedlicher Natur waren. Während Elke ein Häuschen im Grünen bevorzugte, besann ich mich auf alltägliche Dinge, die meinem Leben einen natürlichen Sinn gaben. Besonders die Erziehung unseres gemeinsamen Sohnes, lag Elke besonders am Herzen. So sollte es doch der Junge einmal besser haben.

Noch am selben Abend packte ich meine Arbeitsutensilien zusammen, um mich auf den nächsten Werktag vorzubereiten. Einige Sachen davon verstaute ich in meine Aktentasche, als es schon ziemlich spät wurde. Es war eine sternenklare Vollmondnacht, die mich dann lange nicht einschlafen ließ.

Am darauffolgenden Tag war mir klar, es ist Freitag und wie immer an diesem Tag, brachte ich unseren Sohn Julian zum Schwimmunterricht. Das Schwimmtraining hatte bereits begonnen, als wir etwas verspätet an der Schwimmhalle eintrafen.

Wir betraten gemeinsam den Haupteingang des Schwimmbades, wo uns eine Schar Kinder entgegenlief, die alle am Schwimmunterricht teilnahmen. Der Bademeister stand neben dem Bassin und gab den Kindern lautstark die Anweisungen. Auf einem Startblock stand ein Mädchen, welches aufgeregt mit den Füßen stammelte und nicht wusste, ob es nun springen sollte. Von draußen durch ein Fenster, beobachtete ich das Geschehen im Schwimmbad.

Auch andere Eltern schauten dem Treiben ihrer Sprösslinge zu.

>>Ihr Sohn, dass wird ja ein richtiger Schwimmer…<<, entgegnete mir plötzlich eine Frau die neben mir stand.

Ich drehte mich zur Seite und sah eine Frau, deren Tochter Sandra mit Julian die Schule besuchte.

>>Kinder müssen gefördert werden, damit sie sich weiterentwickeln<<.

>>In der Tat meine Tochter ist jetzt viel ausgeglichener, seit sie am Schwimmunterricht teilnimmt<<.

Immer wieder sprangen die Kinder vom Startblock in das Wasser und schwammen nach den turnusmäßigen Übungen, die der Bademeister vorgab. Nach anderthalb Stunden neigte sich der Schwimmunterricht dem Ende zu. Alle Kinder rannten jetzt dem Ausgang der Schwimmhalle entgegen, als es plötzlich anfing zu regnen. Wir beeilten uns, dass wir schnell nach Hause kamen. Elke erwartete uns bereits, als ich die Tür ins Schloss fallen ließ.

Ein offener Brief von der Wohnungsverwaltung lag im Wohnzimmer auf dem Tisch.

>>Sehr geehrte Familie Wagner, aufgrund von dringend notwendigen Maßnahmen zur Erhaltung der Bausubstanz an dem Wohnblock, führen wir ab der 38. Kalenderwoche folgende Sanierungsmaßnahmen durch…<<.

Mir war bewusst, dass diese Sanierung in zwei Wochen beginnen würden.

Auch Elke war anzusehen, dass die Ankündigungen der Wohnungsbaugesellschaft ihre Laune auf ein entsprechendes Level reduziert hatte.

Wir überlegten gemeinsam, wie der Alltag während der Sanierungsmaßnahmen zu bewältigen sei, kamen aber zu keinem nennenswerten Ergebnis.

Ich dachte eine Zeit lang darüber nach, wie ich Elke an diesem Tag auf andere Gedanken bringen könnte, als ich endlich eine Idee hatte.

>>Heute ist Freitag und ich geh uns ein Eis holen<<, entgegnete ich spontan.

Ich ging in den Keller, holte meinen alten Drahtesel heraus, trat kräftig in das Pedal und radelte zur nächsten Eisdiele. Ein großer korpulenter Mann mit einem Rauschebart bediente hinter dem Tresen der Eisdiele. Als er mich sah, schaute er mich missmutig an.

>>Sie wünschen junger Mann!<<

>>Zwei kugeln Erdbeere, vier kugeln Schoko und dann noch zwei kugeln Stracciatella<<.

>>Na wie denn nun, alles zusammen oder getrennt?<<.

>>Alles extra!<<, signalisierte ich ihm.

Der Mann tat was man ihm aufgab und wünschte einen guten Appetit.

Bei meiner Rückkehr begrüßte mich Julian zuerst.

>>Papa hast du etwa Eis geholt?<<.

Ich blinzelte Julian zu, worauf dieser eiligst in die Küche rannte.

>>Mama, Mama weißt du was, Papa hat Eis geholt!<<.

>>Na so was!<<, entgegnete Elke, als kurz darauf das Telefon klingelte.

Während Julian im Wohnzimmer Eis schleckte, telefonierte Elke mit ihrer Schwester Silka, wobei sie mit der einen Hand den Hörer hielt und mit der anderen aufgeregt gestikulierte.

Nachdem Telefonat teilte mir Elke mit, dass Julian während der Sanierungsarbeiten, bei Silka wohnen könnte. Anfangs war ich skeptisch über den Vorschlag, aber dann hatte mich Ihr Plan doch noch überzeugt.

- : -

Am nächsten Morgen war Elke schon aufgestanden. Sie stand in der Küche und kochte Kaffee. Ein großes Paket in Form eines Pappkartons schmückte den Küchentisch.

>>Ist das etwa das Geschenk für Felix?<<, fragte ich, worauf Sie nur nickte.

Neugierig schaute ich immer wieder auf das Paket.

>>Was ist denn da eigentlich alles drin?<<.

>>Ein Spielzeugbagger aus Plastik<<, erklärte mir Elke, die gerade im Begriff war, ein Geschenkband um dieses Paket zu wickeln. Anschließend lief Elke auf den Balkon und brachte noch einen Strauß Blumen mit, den Sie in eine Vase auf den Tisch stellte.

>>Sind die Blumen etwa auch für Felix?<<, wollte ich wissen.

>>Quatsch!, die sind von meiner Schwester Silka<<.

Die Blumen verströmten einen herrlichen Duft und ich überlegte, wann ich Elke das letzte Mal Blumen schenkte. Bei dem Gedanken, konnte ich mich nicht mehr so recht erinnern.

Die Wettervorhersage im Radio kündigte ein Hoch für den Nachmittag an. Daraufhin machte ich Elke einen geeigneten Vorschlag.

>>Wir könnten heute Nachmittag in den Steigerwald fahren, wenn Julian beim Geburtstag eingeladen ist<<.

Elke seufzte und signalisierte mir mit einem müden lächeln, dass Sie darüber nachdenke, aber schließlich willigte sie dann doch noch ein.

Am frühen Nachmittag brachten wir Julian dann zur Nachbarin, wo die Geburtstagsfeier schon im vollen Gang war. Als uns die Nachbarin an der Wohnungstür begrüßte, war Julian hell auf begeistert, endlich mit Felix spielen zu dürfen.

Das Licht der Sonne schimmerte durch das Laub der Bäume. Es war ein sonniger Altweibertag im Herbst. Immer wieder fielen Blätter von den Bäumen, die eine Ansammlung von Laub bildeten.

Wir schlugen einen Weg in Richtung des Waldhauses ein.

Mich beschlich ein frivoles Gefühl in der herrlichen Natur, aber ich sah kein Anlass, um ein Gespräch zu beginnen. Nach einer Weile erreichten wir auf einer Lichtung das Waldhaus.

Ein Haus im bürgerlichen Stil mit kolossalen Fragmenten. Wir betraten den Eingang zu einem Wintergarten und setzten uns an einem Tisch. Die großen durchdringenden Fenster ließen das Sonnenlicht reflektieren. An einem der Nachbartische sprach jemand einen Toast aus, dabei bemerkte ich eine Geburtstagsfete, die lautstark feierte. Elkes Anspannung machte sich in einem nervösen Fingerspiel bemerkbar. Als der Kellner dann endlich den Kaffee brachte, platzte es plötzlich aus Elke heraus.

>>Clemens ich möchte so gern ein Haus im Grünen und mit dir darüber reden<<.

Wie vom Blitz getroffen, widerhallten mir ihre Worte in den Ohren.

>>Schatz, ich kann deine Wünsche verstehen, aber von was wollen wir das Haus finanzieren?<<.

>>Clemens, ich habe alles noch einmal durchgerechnet und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass das gar nicht so schwer ist<<.

>>Ich habe da so meine Bedenken…<<, entgegnete ich.

Die Miene von Elke verzog sich zu einer Grimasse, dabei musste ich plötzlich lachen.

>>Clemens, du machst dich über mich lustig und hörst mir überhaupt nicht richtig zu!<<.

>>Natürlich höre ich dir zu<<, konterte ich zurück.

>>Dann lass uns noch einmal gemeinsam darüber nachdenken<<.

Seufzend hörte ich mir die Erzählung von Elke an.

Ab und zu nickte ich mit dem Kopf und signalisierte so mein Interesse an dem Geschehen.

Elke führte den ganzen Nachmittag über endlose Diskussionen, die ihrer Überzeugung nach, den Bau eines Eigenheims rechtfertigen sollten. Offensichtlich hatte sie in Gedanken schon öfter darüber nachgedacht. Dabei fragte ich mich immer wieder, ob das jetzt wirklich ein geeigneter Zeitpunkt sei, für ein Eigenheim.

Nachdem wir das Waldhaus verlassen hatten, liefen wir wieder in Richtung der Stadt, von wo aus wir unseren Ausflug an diesem Tag beendeten.

Die meisten Kinder waren bereits gegangen, als wir Julian bei unserer Nachbarin abholten. Wir freuten uns über den freien Nachmittag und nahmen Julian wieder in Empfang.

Julian hatte sichtlich rote Bäckchen bekommen.

Aufgeregt erklärte er uns, was alles am Geburtstag von Felix stattgefunden hatte.

>>Hat Felix sich wenigstens über den Bagger gefreut?<<, wollte ich von Julian hören.

>>Ja weißt du Papa, der Bagger ist ferngesteuert und fährt sogar mit Licht<<.

Ich streichelte Julian mit der Hand über den Kopf, wobei er auf der Stelle eine Drehung machte und auf Elke zu rannte.

Am darauffolgenden Sonntag hatte sich Elke für einen Spaziergang zur Gartenbauausstellung entschieden, sehr zur Verdrossenheit unseres Sohnes Julian, der sich lieber einen Besuch im Zoo Park gewünscht hätte. Elke konnte sich aber durchsetzen, obwohl Julian protestierte.

Bei unserer Ankunft auf der Gartenbauausstellung liefen wir geradewegs auf einen dieser Pavillons auf der gegenüberliegenden Seite des Weges zu. Dort war eine Ausstellung über Freizeit, Hobby und Heim zu sehen. Vor dem Eingang des Pavillons auf den Elke zulief, standen rechts wie links zwei große Blumenschalen aus Beton, die mit Astern bepflanzt waren. Als wir unmittelbar darauf die Eingangstüre zum Pavillon passierten, stand ein weiteres schalenähnliches Gebilde, in dem ein Palmengewächs steckte.

Die Pavillons auf dem Messegelände wurden überwiegend zu Ausstellungszwecken genutzt. Einige der Pavillons hielten die Pforten dauerhaft geschlossen, daher konnte man nur erahnen, zu welchem Zweck diese dienten.

Ich bemerkte sofort, dass Elke sich für den Bereich Hausbau interessierte und einer dieser Stände dort anvisierte. Während Elke inzwischen ernsthafte Gespräche an einem Infostand suchte, spielte Julian derweil mit einem Riesenwürfel aus Plastik, der mitten im Raum des Pavillons stand. Die Informationen, die der Hausverkäufer zum Besten gab, waren wohl für Elke plausibel, denn es dauerte noch eine ganze Ewigkeit, bis Elke endlich das gefunden hatte, wonach sie suchte. Der Hausverkäufer vom Infostand machte sich ein paar Notizen und schüttelte ihr zum Dank die Hand. Anschließend packte er einen ganzen Stapel an Prospekten und Informationen in eine Plastiktüte und überreichte diese Elke. An ihrem Gesichtsausdruck konnte ich eine gewisse Erleichterung bemerken. Im Anschluss daran, suchten wir noch ein gemütliches Kaffee in einem angrenzenden Park auf.

Julian machte sich nun an einem dieser Klettergerüste auf dem dort befindlichen Spielplatz zu schaffen, während Elke mit ihrer Plastiktüte umherfuchtelte und einen dieser Hausprospekte hervorzog.

>>Ist das dein Traumhaus?<<, fragte ich neugierig.

Ohne darauf eine Antwort zu bekommen, verschanzte sich Elke hinter dem Katalog.

Verärgert darüber wollte ich gerade aufstehen, als Elke plötzlich eine Frage stellte.

>>Was meinst du Clemens, sollte unser Haus einen Erker haben?<<.

>>Schatz ich weiß noch nicht einmal, wo du bauen möchtest…<<.

>>Aber das habe ich dir doch schon einmal erzählt, bei meiner Schwester Silka auf dem Dorf<<.

>>Was denn, direkt neben dem Haus von Silka?<<

>>Quatsch!, da ist doch überhaupt gar kein Platz für ein Haus. Clemens wir bauen auf einem neuerschlossenen Grundstück am Dorfrand<<.

>>Und was soll aus Julian werden?<<.

>>Das lass mal meine Sorge sein. Außerdem kann Julian mit dem Schulbus in die nächstgelegene Stadt fahren. Das ist doch kein Problem<<.

Irgendwie war mir noch nicht richtig bewusst, was da alles auf mich zukommen würde, aber in dem Moment dachte ich nicht weiter darüber nach.

Mit einem Stirnrunzeln schaute ich mir jenen Katalog an, den Elke mir nun übergab.

Die Gartenanlage des angrenzenden Parks erstrahlte in einem faszinierenden Blütenmeer. Trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit wurde Wert daraufgelegt, die Blütenpracht so lange wie möglich zu erhalten.

Wir genossen die letzten Sonnenstrahlen des Tages, bevor wir noch einen Abstecher zu einer nahegelegenen Sternwarte auf der Gartenbauausstellung machten. Schon von weitem sah man den runden Turm der Sternwarte, der auf einer Seite fast vollständig mit Efeu zugewachsen war. Durch eine zweiflügelige Türe aus rundem Eichenholz gelangten wir schließlich in den Innenraum des Turms, von wo aus wir auf einer Wendeltreppe die Astronomen Kuppel erreichten. Julian wollte unbedingt den Mond im fokussierenden Antlitz durch das Fernrohr beobachten. Aber irgendwie machte das Objektiv immer wieder Probleme, so dass eine exakte Einstellung schwierig war.

>>Papa, weißt du eigentlich wie groß das Weltall ist?<<, fragte Julian interessiert.

Das war wieder eine dieser Fragen, worauf ich keine passende Antwort fand.

>>Das Weltall ist unendlich<<, entgegnete ich, worauf Julian mich ungläubig ansah.

Wir experimentierten noch eine Weile mit dem Fernrohr, bevor wir uns dann noch einige Auslagen über Kopernikus in den Vitrinen anschauten.

Auf dem Heimweg zeigte Julian immer wieder mit der Hand zum Mond und signalisierte so sein Interesse an der Astronomie

3. Kapitel

Die Ereignisse der vergangenen Tage überschlugen sich geradezu, als die Sanierungsmaßnahmen der Wohnungsbaugesellschaft einsetzten.

Notdürftig deckten wir alles Mobiliar in unsere Wohnung mit durchsichtigen Planen aus Cellophan ab. Der Baustaub kroch in sämtliche Poren und hinterließ einen bitteren Beigeschmack. Jetzt zweifelte ich keinen Moment mehr daran, dass die Entscheidung von Elke substantiell richtig war, Julian in die Obhut von Silka zu geben. Und überhaupt war ich der Meinung, dass man uns zumindest vorübergehend ein anderes Quartier zur Verfügung hätte stellen sollen. Die örtliche Wohnungsbaugesellschaft ließ uns so ziemlich im Unklaren, was den Ablauf und den Umfang der Sanierungsmaßnahmen betraf.

So begnügten wir uns mit einem zentralen Wasseranschluss im Hausflur, der allen Mietern im Haus zur Verfügung stand. Zeitweise wurde auch der Strom abgestellt, bis wir eines Abends völlig im Dunkeln saßen. Wir zündeten einige Kerzen an, machten es uns auf dem Sofa gemütlich und hörten mit einem batteriebetriebenen Radio die Nachrichten.

Noch am Abend überreichte mir Elke eine Einladung für ein Gespräch beim Katasteramt.

Ich las das Schreiben aufmerksam durch und war dabei völlig verblüfft.

>>Hast du bereits ein Grundstück gekauft?<<, fragte ich.

>>Was sollte ich denn machen, wenn mir Silka sagt, dass auf dem Dorf nur noch fünf Grundstücke zu haben sind. Außerdem Clemens, du hast dich ja nie dazu geäußert<<.

Jetzt war es also amtlich, dass es Elke ernst meinte mit dem Hausbau.

Elkes Ankündigungen lösten bei mir zuerst tiefe Resignation aus, aber dann dachte ich darüber nach, wie verlockend es doch sein mag, in einem Häuschen im Grünen zu wohnen.

Nach zweiundzwanzig Uhr kam endlich der Strom wieder und alle Lampen, die wir zuvor eingeschaltet hatten, leuchteten nun im hellen Schein.

Während Elke sich im Laufe des Abends mit den Unterlagen vom Katasteramt auseinandersetzte, zog ich es vor, Wasser von dem zentralen Anschluss im Treppenhaus zu holen. Zuerst kam eine rotbraune Rostbrühe aus dem Wasserhahn, die ich gleich danach in einen Ausguss schüttete, dann stellte ich erneut meinen Eimer darunter, um ihn mit frischem Wasser aufzufüllen, als plötzlich jemand aus der Nachbarschaft die Wohnungstüre öffnete.

>>Herr Wagner, der Wasseranschluss ist nur für die Handwerker im Haus bestimmt<<.

>>Entschuldigen Sie, aber wo kann man denn sonst noch Wasser holen, wenn nicht hier?<<.

>>Wissen Sie denn nicht, dass es uns lediglich gestattet ist, unten am Container Wasser zu holen<<.

>>Darüber bin ich nicht informiert<<, entgegnete ich zurückhaltend.

Ungeachtet dessen, konnte ich es mir nicht verkneifen, an jenem Anschluss im Haus Wasser zu holen. Es war mir auch völlig egal, von welchem Wasseranschluss die Wasserentnahme erlaubt war und von welchem nicht, solange wir auf den Anschluss in der Wohnung verzichten mussten. Elke war endlich froh, als ich mit dem Eimer Wasser zurückkam, hatte sie sich doch schon auf eine Erfrischung im Bad gefreut.

Nachdem Elke ins Bad ging, wagte ich einen Blick auf unseren Balkon.

Einige Pflanzen und Sträucher waren bereits verschwunden, die inzwischen ein neues zu Hause fanden. Die restlichen Pflanzen, hatte Elke bereits im Schlafzimmer am Fenster platziert, wo sie ihr Dasein fristeten. Und überhaupt war der Balkon jetzt so gut wie leergeräumt, bis auf einiges Krimskrams, das in einer Ecke stand.

Draußen vor der Balkonbrüstung stand jetzt ein Baugerüst, auf dem man tagsüber hin und wieder Bauarbeiter herumspringen sah, die an der Gestaltung der Fassade beteiligt waren.

Es dauerte nicht lange, bis Elke aus dem Bad kam und mir einen erleichterten Blick zuwarf. Ich fragte mich jedoch, ob das an dem Wasser lag, welches ich zuvor im Treppenhaus holte oder an der Tatsache, dass ein Vertragsabschluss beim Katasteramt jetzt kurz bevorstand.

- : -

Zwei Tage später war es dann endlich soweit, als wir unseren Termin beim zuständigen Katasteramt wahrnahmen.

Ein älterer Herr von Amts wegen mit graumelierten Haaren und einem Schnauzer unterstrich im Wesentlichen die Fakten in dem Vertrag, der uns dazu ermächtigen sollte, ein Haus auf unserem Grundstück zu errichten. Die Eintragung in das Grundbuchamt besiegelte dann offiziell, dass wir jetzt stolze Besitzer jenes Grundstücks waren, welches Elke ausgesucht hatte. Vom Glück berauscht, fuhren wir mit dem Auto zu einer Besichtigung, des von Elke in Augenschein genommenen Grundeigentums. Als wir endlich jenes Grundstück auf dem Dorf erreichten, war mir von Anfang an klar, dass hier jede Menge Arbeit nötig ist. Es war nicht ersichtlich wie lange es dauern würde, bevor die ersten Veränderungen greifen.

In der Tat war es so, wie es Elke schon immer erzählt hatte, dass auf den anderen Grundstücken bereits Einfamilienhäuser standen, so dass insgesamt nur noch vier Grundstücke freiblieben. Mutigen Schrittes liefen wir auf unser neuerworbenes Grundstück zu und warteten eine Weile an der Straßenecke.

Von der gegenüberliegenden Straßenseite grüßte uns jemand mit einem freundlichen Hallo.

Wir erwiderten den Gruß und deuteten eine Geste mit der Hand an. Elke betrat das Grundstück zuerst und überlegte, an welcher Stelle das Fundament seine Verankerung finden sollte. Dabei markierten wir mit selbstgebastelten Holzstöckchen das Grundstücksgelände, wo später einmal das Haus stehen sollte.

>>Was meinst du Clemens, sollte das Haus von der Straßenecke leicht versetzt positioniert sein oder parallel zur Straßenkante verlaufen?<<, fragte Elke unschlüssig.

Ich schaute mir die Markierungen des Grundstücks eingehend an, kam aber zu keinem nennenswerten Resultat. Vielleicht lag es aber nur daran, weil die Nachbarsgrundstücke noch nicht bebaut waren. Es dauerte nicht lang und ich sah aus der Ferne Julian und Elkes Schwester Silka auf uns zukommen. Als Julian uns von weitem erblickte, rannte er unaufhörlich auf Elke und mich zu.

>>Mama, was machst du denn da?<<, fragte Julian neugierig.

>>Dein Papa und ich sehen uns gerade das Grundstück an, auf dem wir ein Haus bauen wollen<<.

Julian feixte herum als ich ihm eine Frage stellte.

>>Na Sportsfreund, wie gefällt es dir jetzt bei Silka?<<.

>>Super gut!, wir waren heute am Teich spazieren und morgen gehe ich mit Silka ins Kino<<.

Silka war sichtlich gerührt, von den imposanten Erzählungen, die Julian hervorbrachte.

>>Ist das jetzt Euer neues Grundstück?<<, wollte Silka jetzt wissen.

>>Sozusagen<<, erwiderte Elke.

>>Da wächst ja nur Unkraut!<<, entgegnete Silka.

Ganz plötzlich musste Julian lachen und bekam dabei einen Schluckanfall, so dass ich ihm mit der Hand vorsichtig auf den Rücken klopfte.

Plötzlich stocherte Elke akribisch mit einem Holzstöckchen in der Erde herum.

>>Du suchst wohl nach Bodenschätzen?<<, fragte ich zum Spaß.

>>Hahaha!, es wäre schön, wenn du mal das Maßband halten würdest<<, erklärte mir Elke.

Ich konzentrierte mich auf meine zugewiesene Aufgabe und blinzelte Julian zu, der neben Silka am Straßenrand stand und faxen machte, weshalb sich Silka das Lachen verkneifen musste.

>>Wenn Ihr wollt, könnt Ihr noch zu uns kommen und mit uns gemeinsam Kaffee trinken<<, entgegnete Silka spontan.

>>Das ist gar keine schlechte Idee<<, gab ich zur Antwort.

>>Clemens, du kannst mit Julian schon vorgehen, ich komme dann mit Silka nach<<, erklärte mir Elke, die mit Ihrer Schwester tuschelte.

Wir liefen die Hauptstraße im Dorf entlang und bogen dann in einer Seitenstraße ab.

Das Haus in dem Silka mit ihrem Lebensgefährten Bernd wohnte, stammte noch aus dem vorigen Jahrhundert und hatte schon eine Teilsanierung erlebt.

Bis vor einigen Jahren wurde hier noch Wasser aus einem Brunnen geholt, der Jahre später durch einen Wasseranschluss ersetzt wurde. Die Örtliche Kommune hatte diesen notwendigen Schritt ermöglicht. An der Eingangspforte des Hauses befand sich ein großes Holztor, welches mächtig knarrte. Julian zog mit aller Kraft daran, doch die Tür gab keinen Millimeter nach.

>>Da hält wohl jemand von innen die Tür zu<<, gab ich Julian zu verstehen.

>>Papa, du musst mir helfen…<<.

Jetzt zogen wir zu zweit an dem Holztor, bis endlich von innen jemand öffnete.

>>Das ist ja eine Überraschung. Seit ihr wegen dem Grundstück heute hier?<<, fragte Bernd, der sich mit der Hand an einem Türpfosten festhielt.

>>Ja, es ist alles so, wie Elke es beschrieben hat, aber ich denke mal, dass da noch eine Menge Arbeit auf uns zukommt<<.

>>Ist denn Eure Finanzierung schon geregelt?<<, wollte Bernd im selben Augenblick wissen.

>>Elke hat sich in den letzten Tagen intensiv darum gekümmert, sonst hätte sie wohl kein Grundstück gekauft<<, gab ich zu verstehen.

Gemeinsam liefen wir in das Wohnzimmer, während Julian sich gleich auf einen der freien Plätze an den Wohnzimmertisch setzte. Der Kaffeetisch war bereits liebevoll gedeckt und es roch nach frischen Rhabarberkuchen. Wir warteten noch einen Moment auf Elke und Silka, ehe wir gemeinsam in froher Runde am Kaffeetisch plauderten. Das neuerworbene Grundstück war das Gesprächsthema bei Kaffee und Kuchen. Es wurde ausgelassen diskutiert und herzlich gelacht.

In einer Ecke im Wohnzimmer standen die Pflanzen und Ziersträucher, die bis vor wenigen Wochen unseren Balkon schmückten, aber irgendwie sahen sie jetzt mickrig aus.

Hinter einer der Türen zum Wohnzimmer befanden sich auch Julians Spielsachen, die in einer Holzkiste lagen. Dabei dachte ich jetzt über ein Spiel mit Julian nach, der schon ungeduldig auf seinem Stuhl zappelte. Nachdem Kaffee ging ich mit Julian in den Garten, der sich gleich hinter dem Haus befand. Zuerst spielten wir Fußball, bevor wir uns dann in eine Hollywoodschaukel fläzten und die Füße baumeln ließen. Später kam dann noch Bernd in den Garten.

>>Möchtest du ein Bier?<<, fragte mich Bernd.

Ich nickte bedächtig und öffnete die gereichte Flasche, die ein zischen von sich gab.

Die Atmosphäre entspannte sich zusehends, nachdem auch Elke und Silka in den Garten kamen. Bernd erzählte mir von dem notwendigen Ausbau des Dachgeschosses in seinem Haus, welches viel Zeit und Mühe mit sich brachte. An Hand von Modellzeichnungen, die mir Bernd im Anschluss darangab, wurde ersichtlich, welcher Aufwand nötig ist, bezüglich der Eigenleistungen, die zur Verwirklichung des Traumhauses unerlässlich sind. Während sich Elke Ratschläge von ihrer Schwester Silka holte, spielte Julian fortlaufend mit einem Ball im Garten. Nach geraumer Zeit holte Bernd einen Bratrost aus der Garage, den er mit Holzkohle befüllte. Das weckte jetzt auch die Neugierde von Julian, der akribisch genau die Arbeiten am Grill beobachtete. Noch immer saß Elke mit Silka auf einer Bank im Garten, die anscheinend endlose Diskussionen führte.

Immer wieder musste ich daran denken, wie wir gemeinsam den Hausbau vorantreiben und finanzieren wollten, wenn uns gleichzeitig noch anderen Aufgaben des Alltags bevorstanden.

Später reichte Bernd das Essen vom Grill und wir ließen uns die Steaks schmecken, dabei merkten wir kaum, wie die Zeit verstrich.

Die Glocken der Dorfkirche läuteten jetzt neunmal und es war Zeit, uns voneinander zu verabschieden.

Julian machte derweil einen Riesenaufstand, weil auch er unbedingt zurück in die Stadt wollte. Es kostete Elke und mir unendlich viele Nerven, um ein überzeugendes Argument zu finden, was Julian ohne Wenn und Aber akzeptieren musste. Letztendlich siegte die Vernunft, so dass Julian sich den Anweisungen von Elke beugen musste.

Bei unserer Rückkehr in die Stadt stellte Elke fest, dass sie die Unterlagen vom Katasteramt vergessen hatte. Ein Anruf bei Silka stellte jedoch klar, dass diese bei ihr auf dem Küchentisch lagen.

4. Kapitel

Nur mit Mühe kam ich an diesem Morgen in die Gänge, als ich in mein Fahrzeug stieg und zu meiner Arbeitsstätte fuhr. Gleich zu Beginn der neuen Woche gab es Probleme mit den antriebstechnischen Anlagen in der Firma. Eine Maschinenrevision, die in der Vorwoche stattfinden sollte, wurde aus obligatorischen Gründen abgesagt. Es war nicht das erste Mal, dass so etwas vorkam. Hin und wieder gab es technische Probleme aller Art, die dann so fern sie nicht gleich geklärt wurden, zu Missverständnissen zwischen der Belegschaft und der Geschäftsleitung führten. Auch diesmal war guter Rat teuer, zumal ein Stillstand zweier Maschinen die Firma vor eine Katastrophe stellte. Ich konnte mir nicht so recht erklären, ob es einen Zusammenhang mit der von mir geleisteten Arbeit gab, die ich ansonsten stets Gewissenhaft und zur Zufriedenheit aller erfüllte. Nach einem klärenden Gespräch mit einem Vorgesetzten konnte ich meine Arbeit jedoch unverhofft fortsetzen. Insgesamt gestalteten sich die Revisionsarbeiten eher langwierig und zogen sich scheinbar in einem endlosen Spiel bis weit nach Feierabend hin.

Ein Zug der Deutschen Bahn hastete an dem alten Bahnhof hinter der Firma entlang und stieß einen lauten Pfiff aus.

Elke hatte sich für den Abend nicht vor zwanzig Uhr angemeldet, weshalb ich spontan wieder in das Zentrum der Stadt fahren wollte.

Mir war es dabei einerlei, ob ich ohne Wasser und Strom in unserer Wohnung herumsitze oder meinen individuellen Bedürfnissen nachgehe.

Die Wolken am Horizont verdichteten sich zunehmend und es setzte ein leichter Nieselregen ein, der sich zugleich in einen grauen Schleier am Firmament verwandelte.

An einer Straßenecke bog ich mit meinem PKW rechts ab und gelangte auf einem der angrenzenden Parkplätze. Von da aus lief ich zu Fuß direkt auf eine Einkaufsgalerie zu.

Die Rolltreppe im Einkaufscenter setzte sich in Bewegung, sobald ich die unterste Stufe erreicht hatte. Es dauerte nicht lange, bis ich das Restaurant gefunden hatte, welches ich anvisierte. Nachdem ich mich für eine Vorauswahl an Speisen entschied, bestellte ich mir ein kleines Menü mit gemischten Salat.

An einer gegenüberliegenden Fassade befand sich ein Porträt der Sixtinischen Madonna, dabei bildete ich mir ein, dieses Motiv schon einmal irgendwo gesehen zu haben.

Nach ein paar Minuten servierte der Kellner des Restaurants das Essen.

>>Kennen wir uns nicht?<<, fragte der Kellner.

Als ich aufschaute grinste mich der Kellner von der Seite an, der mir gleich auf die Schulter klopfte. Jetzt erkannte ich meinen Cousin Michael.

>>Sag bloß, du kellnerst hier?<<, wollte ich wissen.

>>Seit sechs Wochen bin ich hier im Restaurant, aber lass mich raten wann wir uns das letzte Mal begegnet sind<<.

>>Ich glaube vor etwa zwei Jahren in einer Klubgaststätte<<, gab ich zur Antwort.

>>Ja genau, da waren doch diese Chaoten, die die gesamte Einrichtung dort demoliert haben, bevor dann die Bullen angerückt sind und den Laden aufgemischt haben. Haben dich damals die Bullen auch kontrolliert oder bist du vorher nach Hause gegangen?<<, fragte Michael.

>>Na klar haben die mich kontrolliert und wie. Ich dachte schon, dass die mich mit aufs Revier nehmen, dabei stand ich doch den ganzen Abend über nur an der Bar, bis Elke mich mit dem Auto abholte<<.

>>Clemens, warst du da schon verheiratet?<<.

>>Aber sicher, ich war doch noch zuvor mit Elke in dem alten Musikschuppen…<<.

>>Dort spiele ich auch noch ab und zu, aber der Laden ist ziemlich heruntergekommen, weswegen der wohl bald dicht gemacht wird<<.

>>Übrigens, ich hoffe dein Essen schmeckt einigermaßen<<, ließ ich anmerken, während ich mit der Gabel in den Nudeln stocherte.

>>Clemens, das habe ich nicht zubereitet, da musst du in der Küche nachfragen<<.

>>Bist du eigentlich immer noch als Alleinunterhalter in der Stadt unterwegs?<<.

>>Vorige Woche habe ich ein Gastspiel in der Ring Bar gegeben und ich dachte du kommst vielleicht auch mal wieder vorbei. Der Laden war richtig voll und ich habe mein Programm bis Mitternacht durchgezogen<<.

>>Weißt du Michael, ich habe zurzeit viel Stress an der Arbeit und dann möchte Elke jetzt auch noch ein Häuschen auf einem Dorf<<.

>>Ich glaube es nicht, Clemens du ziehst aufs Dorf?<<, fragte Michael ungläubig.

>>Ja, gewissermaßen hat sich das jetzt bei mir so angekündigt und dann ist ja noch Julian, der sich schon mit der ländlichen Umgebung angefreundet hat<<.

>>Wann glaubst du, ziehst du weg?<<, fragte Michael.

>>Wir waren neulich auf dem Katasteramt und haben jetzt erst das Grundstück erworben, deshalb glaube ich nicht, dass wir noch vor dem Sommer umziehen, es sei denn, Elke verfällt in einer Art Torschlusspanik<<.

>>Clemens, es wäre schön, wenn du nächste Woche in die Rotplombe kommen könntest, dann gebe ich wieder ein Gastspiel, bei dem auch unser Barkeeper Holger mit dabei ist, der sich gelegentlich auch noch um das organisatorische kümmert<<.

>>Na gut, das lässt sich vielleicht irgendwie einrichten. Dann gib mir doch mal bitte deine Telefonnummer oder stehst du etwa im Telefonbuch?<<, wollte ich wissen.

Michael kramte in seiner Kellner Tasche und holte eine Visitenkarte heraus, die er mir spontan überreichte. Die Visitenkarte zeigte auch ein Bild von Michael und seinen Kontaktdaten als Alleinunterhalter.

>>Schönes Stück, so was werde ich mir in Zukunft auch mal anfertigen lassen<<, gab ich zu verstehen.

>>Also Clemens, dann muss ich mal wieder in die Küche zurück und melde dich mal wegen nächster Woche…<<.

Zum Abschied gab ich Michael noch einen Gruß mit auf den Weg, bevor er sich umdrehte und wieder in der Küche verschwand.

Ein Rest von Essen ließ ich auf dem Teller liegen und zahlte sogleich beim Restaurantleiter.

Es war schon spät als ich auf die Uhr schaute und mich auf den Heimweg machte. Immer wieder prasselten Regentropfen auf die Windschutzscheibe meines Fahrzeugs, die mir während der Fahrt die Sicht nahm.

Elke war noch nicht zu Hause, als ich am Abend unsere Wohnung im vierten Stockwerk betrat. Wo sollte Elke bloß um diese Uhrzeit noch sein?

Die Ungewissheit ließ mich zweifeln, zumal ich mir von Minute zu Minute Sorgen machte. Schließlich ging ich ans Telefon und rief Silka an.

Während des Gesprächs wurde umso deutlicher, dass Elke bei einer Feier weilte, die mit ihrer Tätigkeit im Versicherungswesen zusammenhing. Es lag die Vermutung nahe, dass Elke nicht vor Mitternacht nach Hause kommt. Denn wie so oft bei solchen Veranstaltungen, war auch Alkohol im Spiel und ich wusste, dass Elke nicht viel davon verträgt.

Auf dem Fenstersims im Wohnzimmer stand noch immer die Vase mit den Blumen, die Elke von Silka geschenkt bekam, nur das Wasser in der Vase roch nach einer fauligen Brühe.

Die Cellophan Plane die über dem Sofa und der Schrankwand hing, setzte mittlerweile eine Staubschicht an. Es war fast unmöglich sich im Wohnzimmer zu bewegen, ohne dass dabei eine Staubschicht aufgewirbelt wurde. Trotzdem riskierte ich einen Blick unter die Cellophan Plane, die ansonsten noch völlig in Ordnung schien. Aber auch hier fanden sich überall feine Staubpartikel, die unter anderem von den Bauarbeiten im Haus herrührten.

Am Fenster zum Balkon versperrte ein Baugerüst die Sicht auf die Straße, so dass ich nicht viel sehen konnte, falls Elke nach Hause kommt. Und überhaupt war es viel zu dunkel, um irgendetwas da draußen zu beobachten.

Schließlich lief ich in die Küche, setzte Wasser auf und kochte mir eine Tasse Tee.

Anschließend setzte ich mich auf einen Stuhl und schaltete das Radio ein.

Es dauerte über eine Stunde, ehe Elke endlich nach Hause kam und mich mit einer schriftlichen Erklärung der Bank überraschte, die es uns jetzt ermöglicht hatte, einen zinsgünstigen Baukredit zu beantragen. Allerdings waren hierzu noch einige Sachfragen zu klären, ehe eine Bewilligung des Kredits in Aussicht stand. So war die gängige Praxis, dass entsprechende Nachweise für die Kreditwürdigkeit vorliegen müssen. Außerdem mussten im großen Umfang Sicherheiten vorhanden, sowie Abtretungen an Dritte explizit dargelegt werden. Der ganze Firlefanz niedergeschrieben in einer Broschüre der Bank, welche umfassend durch ein Reglement dokumentiert wurde. Genehmigungen und Bewilligungen von Darlehen stand in großen Lettern auf der Broschüre. Beachtenswert waren natürlich die Vorschriften, der jeweils gültigen Satzung. Elke machte aber trotzdem einen zufriedenen Eindruck, der zu später Stunde positiv auf mich abfärbte.

Meine Stimmung hellte sich auf und ich öffnete uns eine Flasche französischen Rotwein.

Elke hatte sich Prioritäten gesetzt, die ihrem Aktionismus gleichkam.

Fast die ganze Nacht über wälzten wir Kataloge für den Hausbau, bis uns die Müdigkeit überkam und wir zu Bett gingen.

5. Kapitel

Allen Anschein zum Trotz, so wollte Elke dann doch nicht länger als nötig in unserer gemeinsamen Wohnung bleiben. Und so kam es, dass Elke für drei Tage unter der Woche bei Julian und ihrer Schwester Silka auf dem Dorf wohnte.

An einem freien Tag suchten wir dann gemeinsam eine Bank auf, um einen Kredit für das Eigenheim zu beantragen. Der Bankier war anfangs skeptisch, weil unsere Rücklagen nicht standardgemäß den Vorstellungen der Kreditanstalt entsprach, den wir für den Eigenheimbau benötigten. Bei einem klärenden Gespräch mit dem Bankier jener Bank, brachte Elke schließlich noch einen Bürgen mit ins Spiel, der für den Fall der Fälle eben einspringen müsse. Alles in allem bekamen wir nach langem Für und Wider, unter strengen Auflagen, endlich doch noch unseren Hauskredit.

Noch am selben Tag kontaktierten wir den Zweckverband für Wasser und Abwasser, damit unsere Vorbereitungen auf dem Grund und Boden auch den Normen der Behörden entsprach.

Die von uns gewählte Hausbaufirma unterstützte uns nach allen Regeln der Kunst, um die Anträge schnell und unbürokratisch durchzupeitschen. Oft enthielten die Verträge kleingedruckte oder unmissverständliche Erklärungen, die nur schwer zu durchschauen waren. So musste einiges bei der Antragstellung hinterfragt werden, ehe man uns grünes Licht gab, für einen weiteren nachfolgenden Antrag.

Während sich Elke unter der Woche auch um Julian kümmerte, besann ich mich auf meine berufliche Tätigkeit in der Firma, wo ich angestellt war.

Es wurde in der Firma gemutmaßt, dass einer von den Beschäftigten in der Firma einem wirtschaftlichen Schaden verursacht hat. An diesem Tag kam es wieder zu so einem Vorfall, wo jemand versucht hatte, hochwertige Kupferdrahtleitungen zu entwenden. Daraufhin wurde die Geschäftsleitung informiert, die sich dazu veranlasst sah, eine entsprechende Untersuchung der Vorgänge einzuleiten. Keiner wollte etwas gesehen oder bemerkt haben, aber irgendwie wusste jedermann über jeden Bescheid. Und so verdächtigte einer den anderen, ohne sich selbst zu belasten. Ein interessantes Spiel, an dem jeder sozusagen unmittelbar beteiligt war. In all dem Durcheinander kam es jetzt zu Aussprachen zwischen der Geschäftsleitung und der Belegschaft. Damit sollte verhindert werden, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Trotzdem wurde kein Tatverdächtiger ermittelt, der in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle spielen könnte.

Zwei Tage später, kam es dann wieder zu einem derartigen Vorfall gleicher Natur.

Man wusste sich nicht mehr zu helfen und so entschied man sich letztendlich dafür, Befragungen durchzuführen, die einen Rückschluss auf den Verbleib der Kabel und anderen Kleinigkeiten geben sollten. Die Auseinandersetzungen zwischen den Verantwortlichen der Geschäftsleitung und der Belegschaft spitzten sich weiter zu und wurde dabei immer pikanter. Die ganze Sache hatte System und so suchte man erneut, nach einer frivolen Gelegenheit, der Belegschaft einen Dämpfer zu verpassen. Man könnte auch meinen, die Sprache ist der Ausdruck unserer Zivilisation und von der geht nun einmal Autorität aus.

So zitierte mich eines Tages der Chef persönlich zu sich. Nach wie vor ging es wiederholt um Kleinigkeiten, die eine Rechtfertigung suchten.

Der Geschäftsführer erwartete mich bereits, als ich das Büro betrat.

>>Kommen Sie nur herein Herr Wagner, die Tür steht offen<<.

Ich nahm auf einem der angebotenen Stühle Platz, die vor dem Schreibtisch standen. Der Geschäftsführer räusperte sich kurz, ehe er zur Sache kam.

>>Herr Wagner, wie Sie bereits wissen, gab es in der Vergangenheit einige Vorkommnisse, die ich hier im Einzelnen nicht noch einmal kommentieren möchte. Aber ich glaube, dass Sie persönlich für einige dieser Vorfälle eine Schuld tragen<<.

>>Wie kommen Sie denn gerade auf mich?<<, fragte ich resolut.

>>In den letzten Tagen ist so einiges an mich herangetragen worden, unter anderem habe ich erfahren, dass sie demnächst ein Häuschen bauen wollen und da kann man sicher so einiges gebrauchen. Deshalb möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen. Sie bekommen von mir die Kündigung und verzichten auf jegliche Ansprüche und im Gegenzug werde ich alle Anschuldigungen gegen Sie, auf sich beruhen lassen<<.

Nervös tätschelte der Geschäftsführer jetzt an seiner Brille und schaute mich auffordernd an.

>>Sie verdächtigen mich und haben hierfür keinerlei Beweise. Hören Sie, ich versichere Ihnen, dass ich mit den vorgebrachten Anschuldigungen nichts zu tun habe<<.

>> Herr Wagner, bringen Sie mich doch nicht auf die Palme und unterschreiben Sie jetzt die Kündigung<<.

>>Das werde ich nicht tun, Sie Halunke!<<, fauchte ich zurück.

>>Wagner, was haben Sie da gerade gesagt?<<.

Ich wiederholte meine Äußerungen und fügte noch etwas hinzu.

Wutentbrannt beugte sich der Geschäftsführer über den Schreibtisch und verpasste mir einen Schlag ins Gesicht. Ich brauchte einen kurzen Moment, um zur Besinnung zu kommen, ehe ich aufsprang und dem Geschäftsführer einen Schlag in die linke Gesichtshälfte versetzte. Dieser wiederum holte mit der rechten Hand aus und traf meine Nase.

Das ganze Geschehen artete jetzt in einen regelrechten Kampf aus, wobei ich versuchte den Schlägen des Geschäftsführers auszuweichen, was mir folglich nicht immer gelang.

Plötzlich bekam ich von der Rangelei Nasenbluten und der Kampf war beendet, als im gleichen Augenblick die Sekretärin das Büro betrat.

>>Um Gottes Willen, was ist denn hier los?!<<, rief entsetzt die Sekretärin, die mir einen Augenblick später einige Taschentücher aus Zellstoff reichte.

Der Geschäftsführer richtete sich auf, legte die Brille ab und musterte seine Anzugsordnung.

>>So etwas habe ich in meiner gesamten Laufbahn noch nicht erlebt…<<, brüllte der Geschäftsführer in den Raum hinein.

Ich beugte meinen Kopf weit nach hinten, um die Blutungen zu stoppen.

>>Herr Wagner das hat noch ein Nachspiel und jetzt raus hier!!!<<.

Ich lief dem Ausgang des Büros entgegen und erreichte nach wenigen Metern mein Fahrzeug auf dem Betriebsgelände. Kurz darauf öffnete ich die Heckklappe und suchte nach Verbandszeug, welches sich im Fahrzeug befand. Es dauerte einen Moment, ehe die Blutungen einigermaßen zum Stillstand kamen. Völlig benommen stieg ich in mein PKW und fuhr im Anschluss direkt nach Hause. Als ich zu Hause eintraf, fiel mir ein, dass Elke heute Abend wieder nicht nach Hause kommt, sondern bei Silka übernachtet.

Mit einem Eimer lief ich ins Treppenhaus und holte frisches Wasser an dem zentralen Anschluss im Wohnblock, als es hinter der Wohnungstüre einer Nachbarin kläglich miaute.

Plötzlich öffnet jemand die Wohnungstüre und eine Katze lief aus der Wohnung, die augenblicklich mit mir schmollte.

>>Herr Wagner, was ist denn mit Ihnen passiert?<<, fragte die Nachbarin, die Ihre Katze suchte.

>>Nichts weiter, nur ein Arbeitsunfall…<<, sinnierte ich.

>>Sie sollten sich vielleicht eine andere Tätigkeit suchen. In einer Fabrik zu arbeiten ist doch heutzutage lebensgefährlich!<<.

Ich seufzte und fragte wissbegierig.

>>Hat sich denn die Wohnungsverwaltung nun endlich bereit erklärt, ein paar zusätzliche Wasseranschlüsse im Treppenhaus zu installieren?<<.

>>Da wird es wohl Weihnachten werden, ehe sich bei denen was tut. Und ich sage Ihnen Herr Wagner, das ist jetzt schon das dritte Mal, dass ich am Abend ohne Strom in meiner Wohnung saß…<<.

Eine Türe in der oberen Etage wurde jetzt aufgeschlagen und jemand rannte die Treppe herunter. Ich erkannte den Sohn von unserer Nachbarin in der oberen Etage.

>>Hallo Felix!<<, grüßte ich freundlich

Mit einem leisen >>Guten Tag<<, grüßte Felix zurück.

>>Du hast es wohl sehr eilig<<, fragte ich neugierig.

>>Ja, ich muss für meine Mama beim Bäcker Brot holen. Wann kommt denn Julian mal wieder zum spielen?<<.

>>Du, das weiß ich nicht, aber vielleicht in zwei Wochen<<, signalisierte ich unter einen Vorbehalt.

>>Das wäre ja super!<<.

Schnurstracks rannte Felix weiter im Treppenhaus nach unten bis auf die Straße.

>>Herr Wagner, Ihre Frau ist wohl heute wieder nicht zu Hause?<<, fragte die Nachbarin mit der Katze.

>>Sie kommt wahrscheinlich erst morgen Abend zurück<<.

>>Da kann Sie ja keiner pflegen, so wie Sie aussehen<<.

>>Ach danke, das geht schon irgendwie…<<, fügte ich hinzu.

Den Eimer füllte ich bis zum Rand mit Wasser und ging nach oben in die Wohnung.

Im Anschluss daran entzündete ich den Ölofen und stellte einen Topf Wasser darauf, als im gleichen Augenblick das Telefon klingelte.

>>Clemens bist du etwa schon zu Hause?<<, fragte Elke am anderen Ende der Leitung.

>>Ja Schatz, ich habe heute eher Feierabend gemacht<<, gab ich vor.

>>Clemens, wir müssen morgen Nachmittag zu dieser Hausbaufirma und noch ein paar Angelegenheiten regeln, damit es endlich losgehen kann…<<.

Ich wartete einfach darauf, was Elke mir noch mitzuteilen hatte.

>>Clemens hast du etwa schlechte Laune?<<, fragte Elke.

>>Nein mir geht es so weit gut, nur ich möchte wissen worum es da geht<<.

>>Es geht um unseren Hausvertrag, den Eigenleistungen und um die Anordnung des Fundaments für den ersten Spatenstich<<.

>>Ja gut Elke, ich warte morgen Nachmittag auf dich, dann können wir gemeinsam dorthin fahren<<, entgegnete ich selbstgefällig.

Meine Sinne waren noch immer betrübt, der Kopf schmerzte und ich spürte einen Druck auf meiner Nase. Zum Arzt wollte ich nicht gehen. Was sollte ich dem Arzt auch erzählen, dass ich mich mit dem Geschäftsführer einer Firma geprügelt hatte.

Das kam für mich nicht infrage, aber wie sollte ich das alles Elke erklären. Wie sollte es weitergehen, dabei suchte ich nach einer rationalen Erklärung für die Geschehnisse. Sicher gab es genügend andere Gründe, um mir den Arbeitsplatz streitig zu machen. Was für eine rhetorische Frage. Aber wozu die ganze Aufregung, zumal ich an den Vorkommnissen in der Firma gar nicht direkt beteiligt war. Ich ging auf den Balkon um Luft zu schnappen.

Durch einen Spalt zwischen dem Baugerüst konnte ich die Straße vorm Wohnblock sehen. Einige Fahrzeuge drängten sich an einem Laster vorbei, der gerade ausgeladen wurde.

Die Straßenbeleuchtung brachte nur einen schwachen Lichtkegel hervor, der durch den Nebel gedämpft wurde. Und überhaupt war es für die Jahreszeit ziemlich dunkel.

Zwei Blumentöpfe mit vertrocknetem Petersilienkraut standen noch in einer Ecke auf dem Balkon, die Elke anscheinend vergessen hatte.

Irgendwie war hier draußen alles so trostlos, seitdem die Sanierungsarbeiten die Geschehnisse bestimmten. Es wurde spürbar kühler, so dass ich mich zurück ins Wohnzimmer zog.

Der Wassertopf auf dem Ölofen war kurz davor zu kochen, als ich ihn ins Badezimmer schleppte. Meine Blessuren im Gesicht zeichneten ein qualvolles Bild, wenn ich dabei in den Spiegel schaute. Behutsam führte ich eine Behandlung mit dem warmen Wasser durch, in dem ich auch ätherische Öle beimischte, die wie eine Wohltat aus einem orientalischen Reinigungsrituals wirkte.

Noch am selben Abend steckte ich meine blutverschmierte Kleidung in die Waschmaschine, um Elke keinen Anlass für eventuelle Nachfragen zu geben. Anschließend nahm ich mir eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, schob die Cellophan Plane beiseite und setzte mich auf die Couch, während ich gleichzeitig an der Fernbedienung die Programme im TV zappte.

Aber schon nach einiger Zeit überkam mich eine bleierne Müdigkeit, so dass ich zu Bett ging.

- : -

Am nächsten Morgen wurde ich vom Lärm der Bauarbeiten im Wohnblock geweckt.

Als ich anschließend ins Bad lief, klingelte es an der Wohnungstür, die ich für einen kurzen Moment öffnete.

>>Moin, moin der Herr!, darf ich bitte in die Küche ?<<, entgegnete mir ein Handwerker in einer Blaumann Uniform.

>>Wie bitte?<<, fragte ich erstaunt.

>>Entschuldigen Sie Herr Wagner, haben Sie denn kein Informationsblatt von unserer Firma in Ihrem Briefkasten vorgefunden?<<.

>>Nein, nicht dass ich wüsste<<.

>>Tut mir leid Herr Wagner, aber heute ist Ihre Küche und Morgen das Bad dran<<.

>>Ach wirklich?<<, fragte ich nach.

>>Also, nach meinem Terminplan sind die Sanierungsarbeiten heute in Ihrer Wohnung durchzuführen<<, entgegnete der Handwerker.

>>Wissen Sie, ich weiß davon überhaupt nichts<<.

>>Was ist nun Herr Wagner, darf ich in Ihre Küche, sonst muss ich meinen Chef informieren<<.

>>Hören Sie, das wird nicht nötig sein, dann kommen Sie doch herein<<, gab ich resigniert zur Antwort.

Während der Handwerker nun die Küche belagerte, machte ich mir im Wohnzimmer Frühstück. Der Lärm war nicht auszuhalten, weswegen ich das Radio im Wohnzimmer lauter stellte. Schließlich machte ich mir Gedanken, was ich den Tag über so treiben könnte, bevor ich am Nachmittag mit Elke zu dieser Hausbaufirma fahren wollte.

Nach einer geraumen Zeit machte der Handwerker eine Pause, die ich dazu nutzte, um in dem nahegelegenen Supermarkt einen Einkauf zu erledigen. Es war mir bewusst, dass Elke mich sicher danach fragen würde, weil der Kühlschrank bis auf zwei Flaschen Bier und ein Stück Butter leer war. Dem Küchenschrank entnahm ich einen Klebezettel, den ich außen an die Wohnungstüre heftete, falls der Handwerker von seiner Pause zurückkehren sollte.

Mit einem Faserstift schrieb ich in Großbuchstaben „KOMME GLEICH WIEDER“.

Im Treppenhaus lag überall Bauschutt, über den man drübersteigen musste.

Vor dem Hauseingang winselte ein Hund, der mich mit einem treuherzigen Blick ansah. Als ich nach draußen ging, stellte ich fest, dass an einigen Stellen die Pfützen zugefroren waren. Offensichtlich hatte sich bereits über Nacht Bodenfrost angekündigt. Ich steckte meine Hände in die Jackentasche und lief in Richtung des Einkaufszentrums. Das Laub am Boden glitzerte im Antlitz des Raureifs.

Einige Straßen weiter, kam ich zu einer größeren Ampelkreuzung. Von der rechten Fahrbahnseite kam ein moderner Reisebus aus Frankreich, der an einer rot leuchtenden Ampel stehen blieb. Im Vorbeigehen grüßte ich aus Spaß den Fahrer mit einer Handbewegung, woraufhin dieser sein Fenster öffnete und sich bei mir nachdem Weg erkundigte. Auf den mir gereichten Stadtplan, zeigte ich auf die Straße, wo wir uns befanden und erklärte ihm den Fahrtweg. Anschließend wünschte ich eine gute Reise >>Bon Voyage!<<. Der freundliche Busfahrer bedankte sich mit einem >>Merci beaucoup<< und setzte seine Fahrt fort.

Unterdessen lief ich in die Richtung des Einkaufsmarkts und beobachtete die Menschenansammlung, die wie Ameisen in den Markt strömten. Schnell packte ich meine Waren in den Korb und ging anschließend zur Kasse, an der es in dem Gedränge kaum vorwärts ging. Ein kleines Mädchen zappelte sitzend in einem Einkaufskorb. Die Mutter hatte alle Mühe mit dem Kind, dass interessiert nach den Waren im Korb schaute.

Alle Kunden standen geduldig an der Kasse an, aber nur in langsamen Schritt ging es jetzt endlich vorwärts. Ich nahm meine Waren aus dem Korb und legte diese auf das Band.

Die Verkäuferin gab mir das Wechselgeld zurück, als ich ihr zuvor einen Zwanziger gab.

Unmittelbar danach verstaute ich meine Waren in die Einkaufstüte und lief schleunigst wieder nach Hause.

Bei meiner Ankunft stellte ich fest, dass der Klebezettel an der Wohnungstüre fehlte.

Ich öffnete die Türe und bemerkte, dass diese nicht mehr verschlossen war.

Sollte jemand in der Wohnung gewesen sein oder hatte ich einfach vergessen abzuschließen.

Zaghaft trat ich über die Türschwelle, als plötzlich Elke vor mir stand.

>>Clemens, von wo kommst du denn jetzt her?<<.

>>Schatz, ich war nur mal kurz einkaufen<<.

>>Ich meine, warst du heute schon an der Arbeit?<<, fragte Elke neugierig.

>>Weißt du Schatz, das erkläre ich dir später einmal. Aber hast du eventuell den Handwerker gesehen, der vorhin noch in unserer Wohnung war?<<.

>>Der ist vor einer halben Stunde gegangen<<, entgegnete mir Elke.

>>Wie denn, ist jetzt alles fertig?<<.

>>Die Arbeiten in der Küche sind fast fertig, aber Morgen kommt ein Installateur, der im Bad an den Armaturen noch Anschlussarbeiten durchführen muss<<.

>>Da können wir jetzt gleich zu dieser Hausbaufirma fahren<<, brachte ich zufriedenstellend hervor.

An Elkes Gesichtsausdruck konnte ich ablesen, dass sie gereizt und abgespannt wirkte. Sicherlich war es nicht der geeignete Zeitpunkt, um mit Elke über den Vorfall in der Firma zu sprechen. Und selbst wenn ich ihr alles erzählen würde, was bringt das letztendlich, außer neuen Ärger.

Ich lief in die Küche, um die Arbeiten des Handwerkers zu inspizieren. Die Rohre unter der Spüle sind erneuert worden und strahlten in einem neuen Glanz. Jetzt drehte ich den Wasserhahn auf, um zu sehen, ob auch alle Zu- und Abflüsse den Wasserdruck standhielten. Es schien alles in bester Ordnung. Nach einer Weile konnte ich Elke davon überzeugen, dass die Arbeiten in der Küche weitestgehend abgeschlossen sind. Im Anschluss daran packten wir unseren Papierkram zusammen, um bei der Hausbaufirma den Vertrag zu unterschreiben.

Einige dieser Utensilien hatte Elke schon im Auto verstaut, so dass wir nur noch einen Ordner mit privaten Dokumenten mitnehmen mussten.

Die Hausbaufirma hatte ihr Domizil weit außerhalb der Stadt, so dass wir noch einige Kilometer fahren mussten, bevor wir unser Ziel erreichten.

Das Musterhaus jener Firma überschattete durch sein Äußeres nahezu zahlreicher Wohnhäuser in der näheren Umgebung, weil es direkt an einer Straßenkreuzung stand.

Der Hausverkäufer hatte uns bereits erwartet, als dieser uns auf halben Weg entgegenkam. Eine zuvorkommende, freundliche und herzliche Begrüßung überraschte uns.

Ein Dokument zu dem Hausvertrag lag bereits vorgefertigt in zwei Ausführungen auf dem Schreibtisch. Es bedurfte lediglich einer Prüfung der Schriftstücke, was Elke freiwillig übernahm. Sonderbar war im Einzelnen nur die Reihenfolge in der Art und Weise, wie die Gewerke ineinander übergreifen sollten, was aber im Wesentlichen nicht weiter störte, da sich die Hausbaufirma in der Pflicht sah.

Während Elke den Hausvertrag sichtete, suchte ich das Gespräch mit dem Hausverkäufer.

>>Richtig schön sieht ihr Musterhaus aus<<, bemerkte ich beiläufig.

>>Ja da sieht man erst einmal was so ein Haus Wert ist. Wir haben hier vor neun Jahren begonnen, den Grundstein für dieses Haus zu legen. Von da an ging alles Stein auf Stein. Zuerst das Fundament, dann die tragenden Wände, die Fassade, der Dachstuhl und so weiter… Schauen Sie sich ruhig um, aber glauben Sie mir Herr Wagner, ihr Haus wird sicher genauso schön werden, wie unseres<<.

>>Das will ich hoffen<<, fügte ich hinzu.

>>Da machen Sie sich mal keine Gedanken. Dazu sind wir doch da, Ihnen die Arbeit weitestgehend abzunehmen<<.

>>Nun wir möchten schließlich auch ein paar Eigenleistungen mit einbringen<<.

>>Ich verstehe Sie vollkommen Herr Wagner, dass Sie dadurch sicher einen gewissen finanziellen Vorteil erwirtschaften wollen<<.

>>Sie sagen es…<<.

>>Es freut uns natürlich außerordentlich, dass sie sich für unsere Hausbaufirma entschieden haben. Aber ich verspreche Ihnen, dass wir alles Erdenkliche tun werden, damit ihr Haus in dem Glanz erscheint, wie Sie es sich praktisch gewünscht haben<<.

Der Verkäufer machte noch ein paar interdisziplinäre Anmerkungen, was den Ablauf der einzelnen Gewerke betraf, während Elke ihre Unterschrift unter den Vertrag setzte.

Jetzt bat man uns an einen Tisch, wo Champagnergläser gefüllt wurden.

Wir erhoben feierlich unser Glas und besiegelten so endgültig den Kaufvertrag.

Alles fand in einem feierlichen Rahmen statt und wurde peinlichst genau vermerkt.

Danach war eine gewisse Erleichterung zu spüren und ich merkte wie sich die Anspannung der letzten Tage legte. Den Abend über genossen wir unser gemeinsames Glück und fielen uns in die Arme.

6. Kapitel

Die Belastungen hinsichtlich der doppelten Haushaltsführung waren in den letzten Wochen nur schwer zu verkraften, weshalb wir uns hier und da etwas einschränken mussten.

Derweil bemühte ich mich, um eine neue Anstellung und schrieb mehrere Bewerbungen an verschiedene Unternehmen in der Region, bekam aber während dieser Zeit nur Absagen.

Schon nach einigen Tagen erhielt ich per Post die eingesandten Bewerbungen zurück, mit der Begründung, man passe nicht in das Profil und außerdem suche man Bewerber aus einem anderen Umfeld. Und so blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit meiner derzeitigen Situation abzufinden.

Natürlich war Elke alles andere als begeistert, als ich ihr doch noch die Geschichte über jene Auseinandersetzung mit dem Geschäftsführer schilderte. Letztendlich hinderte das Elke aber nicht daran, den Bau unseres Eigenheims noch einmal zu verschieben, zumal der Auftrag schon unter Dach und Fach war.

Als Elke eines Tages abermalig auf das Dorf zu Silka und Julian fuhr, blieb mir nicht mehr viel Zeit, um mich von Elke zu verabschieden, weil ich an diesem Tag noch einen Termin zu einem Vorstellungsgespräch wahrnehmen wollte.

Nach einem reichhaltigen Frühstück schaffte ich zunächst Ordnung in unseren vier Wänden im Wohnblock. Anschließend zog ich die Cellophan Planen vom Sofa und von der Schrankwand und räumte den restlichen Bauschutt weg.

Die allgemeinen Versorgungslücken der letzten Tage wurden durch die Wohnungsverwaltung endgültig geschlossen. Ein neuer Aushang im Treppenhaus informierte umfassend über die derzeitigen Baumaßnahmen bezüglich unseres Wohnblocks. Somit wurde Wasser und Elektrizität dem privaten Haushalt wieder tagtäglich zur Verfügung gestellt, ohne dass man dabei auf andere Versorgungsträger zurückgreifen musste. Bis auf die Außenfassade, wo immer noch das Baugerüst stand und Bauschutt lag, war jetzt soweit alles im Reinen.

Ich packte meine Bewerbungsmappe in die Aktentasche, zog ein frisches Hemd an und fuhr wieder ins Zentrum unserer Stadt. Aber irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass es erneut Probleme geben könnte, die darauf schließen lassen, was zuletzt vorgefallen war. Nach einem kurzen Intermezzo mit dem Personalleiter jener Firma, stellte ich kurz mein Bewerberprofil vor. Anschließend begann das Frage- und Antwortspiel, dass ich zu meiner Verblüffung einigermaßen beherrschte. Der Personalleiter nahm meine Bewerbung zur Kenntnis, ließ aber offen, ob eine Einstellung in absehbarer Zeit möglich sei.

Wieder sah ich mich getrieben von der Hektik, die das Zentrum der Stadt versprühte und so zog es mich im Anschluss daran, wieder in jenes Restaurant, wo mein Cousin Michael als Kellner arbeitete. Wie beim vorherigen Mal setzte ich mich an einem Tisch in die Ecke und bestellte ein kleines Menü. Nachdem ein anderer Kellner das Essen servierte, fragte ich nach Michael, woraufhin dieser mir mitteilte, dass Michael heute seinen freien Tag hat und er erst Morgen wieder im Restaurant kellnert. Daraufhin kramte ich in meiner Jackentasche, zog die Visitenkarte von Michael heraus und wählte dessen Rufnummer. Nach einem kurzen Besetztzeichen meldete sich Michael mit durchdringender Stimme am Apparat.

>>Hallo wer da?<<.

>>Dreimal darfst du raten<<, entgegnete ich.

>>Clemens, prima das du anrufst…, gibt es irgendwas neues zu berichten?<<.

>>Nur so viel, ich bin gerade im Restaurant am Anger und hab dich dort gesucht<<.

>>Tja, heute habe ich meinen freien Tag, aber am Abend gebe ich ein Gastspiel in der Rotplombe, wenn du Zeit hast, dann komm doch heute Abend einfach vorbei<<.

>>Mal sehen, wie sich das Einrichten lässt<<, gab ich zur Antwort.

>>Also Clemens bis heute Abend…<<.

Das Gespräch wurde abrupt unterbrochen, dadurch das Michael einfach auflegte.

Nahezu pausenlos fuhren Straßenbahnen durch das Zentrum der Stadt Erfurt.

An einem Zeitungskiosk kaufte ich schließlich ein paar Zeitschriften und zwei Tageszeitungen in der Hoffnung, einen passenden Job in den Stellenanzeigen zu finden.

Aber erst zu Hause schaute ich mir in aller Ruhe die Anzeigen genauer an. Jedes Mal, wenn ich ein interessantes Stellenangebot entdeckte, machte ich mir diesbezüglich eine Randnotiz in der jeweiligen Zeitung oder Zeitschrift. Zwischendurch schaute ich mir auch eine ganze Reihe artfremder Anzeigen an und entdeckte dabei eher zufällig eine gerahmte Anzeige, die für Hormonpräparate aus der Schweiz Werbung machte.

“Die Firma MPS mit Sitz in der Schweiz ist führend in Chromosomen- und Hormonforschung und Gewinner von Auszeichnungen. Innovation und jahrelange Forschung haben unsere Firma in der Schweiz zu einem der aufstrebenden Global Trader werden lassen. Unsere Lifestyle Hormone sind von höchster Qualität und garantieren einen sicheren Umgang für ihre persönliche Entscheidung zu unseren Produkten. Fordern Sie noch heute den großen Farbkatalog an.”

Die Anzeige schien interessant zu sein, zumal mir bekannt war, dass die Schweiz zu den innovativsten Ländern der Welt zählte. Kurz notierte ich mir die Adresse dieser Firma MPS in mein Notizbuch. Fortwährend schrieb ich einen Brief und bat um die Zusendung jenes Katalogs von dieser Firma. Im Anschluss daran brachte ich den Brief zur Post, in der Hoffnung, von dort eine Antwort zu erhalten.

- : -

Die Reklame an der Rotplombe leuchtete in farblichen Nuancen, als ich am Abend kurz nach einundzwanzig Uhr dort eintraf. Es waren schätzungsweise zwei Dutzend Gäste dort, die sich zum größten Teil am Tresen an einer Bar aufhielten. Musikalische Unterhaltung aus einer Art Musik Box dröhnte aus mehreren Lautsprechern in den kleinen Saal. Mein Blick erhaschte die Bühne im Saal, wo in der Mitte eine E-Orgel stand. Offensichtlich hatte das Abendprogramm noch nicht begonnen, daher beschloss ich, vorerst an die Bar zu gehen, wo sich fast alle Gäste aufhielten. Im dichten Gedränge stand ich am Tresen, trank mein Bier und beobachtete das Geschehen im Club. An einer der Wandseiten rechts neben dem Tresen hingen einige Poster von bekannten Künstlern, die dort bereits auftraten. Fast zeitgleich fing eine drei Mann Combo an, auf der Bühne zu musizieren. Es hörte sich gleich zu Anfang fürchterlich an, so dass ich mir für einen Moment beide Ohren zuhielt. Aus den Lautsprecherboxen dröhnte es in einem Schallpegel, der jenseits der Dezibel Grenze lag. Jemand wollte mir noch irgendetwas sagen, aber leider verstand ich kein einziges Wort mehr. Als ich wieder rüber zur Bühne schaute, erkannte ich meinen Cousin Michael, der an der Orgel stand. Ein anderer Musiker spielte neben Michael Gitarre, der sich im Rhythmus der Musik bewegte.

Ich war mir völlig im Klaren darüber, dass Michael mich hier am Tresen der Bar nicht sehen konnte und so hoffte ich auf einen günstigen Moment.

Als die ersten drei Lieder gespielt waren, setzte eine kurze Unterbrechung ein, weil

eine Lautsprecherbox auf der rechten Seite ausgefallen war. Eiligst bewegte sich ein junger Mann zur Bühne, der das Problem in Augenschein nahm. Infolge des technischen Eingriffs, gab es zuerst eine Rückkopplung, bevor dann auch noch die Spots ausfielen.

Derweil verschanzte sich die Combo hinter der Bühne und wartete auf ein Zeichen ihrer Crew, als es zwischenzeitlich im Saal unruhig wurde. Einige der Gäste machten sich durch Zwischenrufe bemerkbar. Es dauerte noch einige Minuten, bis die Combo endlich weiterspielte.

Ich hatte keine Ahnung, wie lange die Unterhaltung an diesen Abend noch andauern würde und so beschloss ich näher an die Bühne heranzutreten, in der Hoffnung, dass Michael mich von meinem Platz aus sehen würde. Auch die anderen Gäste des Clubs standen jetzt unmittelbar vor der Bühne und bewegten sich im Takte der Musik.

Zwischenzeitlich war der Club voll mit neuen Gesichtern, wobei ich mir nicht sicher war, Personen aus jenem Umfeld zu kennen. Die Combo spielte ihr Programm ohne Unterbrechung weiter.

Den ganzen Abend über wartete ich auf eine Veränderung der Lage, die sich aber erst zu später Stunde einstellte.

Ich bestellte mir noch ein Bier an der Bar und redete mir förmlich ein, wie töricht es doch von mir war, jenen Club betreten zu haben. Diese Musik passte ganz und gar nicht zu meinem Geschmack. Hier überzeugte mich wenig, bis auf diese anmutenden amourösen Poster von Künstlern an der Wand, die ich erneut aus der Ferne betrachtete.

Als die Combo aufhörte zu spielen, applaudierten einige der anwesenden Gäste. Jetzt applaudierte auch ich und ging anschließend wieder rüber zum Tresen an die Bar, als mich nach geraumer Zeit jemand von hinten ansprach.

>>Clemens, hast dich ja doch noch her getraut<<.

Sofort drehte ich mich um und erkannte Michael.

>>Man, hast du mich jetzt aber erschreckt<<, fauchte ich Michael an.

>>Sorry Clemens, das wollte ich nicht<<.

>>Was ist Michael, macht ihr gerade eine Pause?<<.

>>Nein unsere Vorstellung hier im Club ist für heute Abend beendet. Außerdem dürfen wir nach dreiundzwanzig Uhr nicht weiterspielen, wegen der Gastspielverordnung.

Clemens was ist, wollen wir zusammen ein Bierchen trinken?<<.

Ich schaute auf die Uhr und stellte fest, dass es kurz vor Mitternacht war. Schließlich willigte ich aber ein und Michael bestellte bei Holger noch zwei Bier.

>>Hättest ja gestern den Telefonhörer nicht gleich auflegen brauchen<<, brachte ich hervor.

>>Mein Akku im Handy war leer, sonst hätte ich gern zurückgerufen. Was macht eigentlich dein Hausbau oder wohnst du schon nicht mehr in der Stadt?<<.

>>Im Moment halte ich noch die Stellung in unserer Wohnung. Gerade jetzt, wo doch die Sanierungsarbeiten noch am Laufen sind. Elke ist momentan nur noch ein paar Tage unter der Woche hier in der Stadt. Die übrigen Tage wohnt Elke bei Silka auf dem Dorf<<.

>>Wer ist denn Silka?<<.

>>Du kennst Silka nicht?<<.

>>Na hör mal!, woher denn?<<.

>>Silka ist die Schwester von Elke, die sich mitunter auch um meinen Sohn Julian kümmert<<.

>>Wie hat dir denn heute Abend unser Musikprogramm im Club gefallen?<<.

>>Irgendwie hast du meinen Geschmack nicht gerade getroffen, aber wenn ich sehe, wie viele Gäste heute Abend im Club waren, habe ich so meine Zweifel, ob Eure Musik noch populär ist<<.

>>Na wenn schon, beim nächsten Mal sind es mehr Gäste und darauf trinken wir jetzt noch einen!<<.

Michael bestellte bei Holger noch zwei Bier und dazu zwei Doppelkorn. Mir war schon ganz schlecht von dem vielen Bier, so dass ich erst einmal in Richtung Toilette lief.

Als ich zurückkam, signalisierte mir Michael, dass der Club bald schließen würde, wenn die Zahlen nicht stimmen. Michael mokierte sich regelrecht über den Clubbesitzer, der nur an seine Zahlen denke und eben wenig Initiative zeige, um den Club am Leben zu erhalten.

Während Michael kritische Töne verlauten ließ, schwärmte Holger von etwas Großem, was der Club hergeben sollte.

Die meisten Gäste waren schon gegangen, als wir noch endlose Diskussionen über den Club führten und über alltägliche Dinge, die unser Leben bestimmten, bevor wir gemeinsam gegen zwei Uhr in der Früh den Club verließen.

Auf beiden Beinen schwankend fand ich den Weg irgendwie noch allein nach Hause, als ich mich von Michael und Holger verabschiedet hatte.

7. Kapitel

Am nächsten Morgen hatte ich eine regelrechte Katerstimmung. Mein Kopf summte noch im Takte dieser fürchterlichen Musik von jenem Club. Ich lief in die Küche und kochte mir einen Pott Kaffee. Durch das Küchenfenster konnte ich vereinzelt Handwerker sehen, die gerade dabei waren, Handwerkszeug aus einem Baucontainer auf die gegenüberliegende Straßenseite zu räumen.

Der Himmel war mit dichten Wolken überzogen, aus denen ab und zu ein paar Schneeflocken rieselten. Das Thermometer am Fenster zeigte um die Null Grad an. Vorsichtig drehte ich am Ventil des Ölofens, so dass Öl in den Behälter floss. Sobald der Boden des Trichters mit Öl bedeckt war, entzündete ich ein Streichholz. Schnell kroch die Flamme am Trichter empor.

Anschließend schloss ich den Deckel am Ofen und stellte das Ventil auf Stufe drei. Es dauerte nicht lange, bis eine gewisse Raumtemperatur im Wohnzimmer erreicht wurde. Völlig entspannt setzte ich mich auf das Sofa und schaute mir noch einmal die Fachpublikationen für unser Eigenheim an. Unter der Rubrik “Konzept Hausbau” fanden sich gleich mehrere Anleitungen hinsichtlich der Eigenleistungen, die in einem möglichen Rahmen lagen.

Auf einem Blatt Papier machte ich mir ein paar Skizzen zu den Angaben, die ich der Fachpublikation entnahm. Hauptsächlich ging es aber darum, wie ich am effektivsten die einzelnen Tätigkeiten kombinieren kann, um Kosten und Zeit zu sparen. Dieser Grundgedanke löste die Art und Weise meiner Vorbereitungen, dabei berücksichtigte ich auch die Bauleistungen durch die Baufirma. Zum Schluss fasste ich noch einmal mein Konzept für die Eigenleistungen zusammen, welches ich Elke beim nächsten Besuch präsentieren wollte.

Noch einmal schaute ich aus dem Küchenfenster, als im selben Augenblick das Telefon klingelte und Elke sich am anderen Ende der Leitung meldete.

>>Clemens ich wollte nur mal hören, ob du auch ohne mich gut zurechtkommst<<.

>>Schatz, ich bin gerade dabei ein schlüssiges Konzept zu erarbeiten, bezüglich unserer Eigenleistungen<<.

>>Es ist ja schön, dass du dir inzwischen auch mal Gedanken über unseren Hausbau machst…<<.

>>Hör mal zu Elke, ich beschäftige mich schon immer mit deinem Wunsch vom Eigenheim, das ist dir bloß noch nicht weiter aufgefallen<<.

>>Na gut Clemens, dann will ich dich nicht weiter stören bei deinen Vorbereitungen<<.

>>Elke du störst überhaupt nicht. Gibt es denn mittlerweile irgendetwas neues zu berichten, oder weswegen hast du gerade angerufen?<<.

>>Die Hausbaufirma hat mit dem Erdaushub auf unserem Grundstück begonnen und Julian findet das alles ganz spannend, wenn der Bagger dort die Erde herausholt<<.

>>Das kann ich mir alles gut vorstellen. Dann ist es ja nicht mehr allzu lang, bis die Arbeiten am Fundament greifen<<.

>>Das soll wohl schon nächste Woche der Fall sein…<<, entgegnete Elke.

Elke berichtete Punkt für Punkt, was sich derzeit alles auf unserem Grundstück abspielte, dabei schilderte sie auch die wechselnden Witterungsverhältnisse, die die Arbeiten vor Ort zusätzlich erschwerten. Als Elke den Hörer auflegte, überlegte ich mir, was ich mit dem heutigen Tag noch anfangen könnte.

Zuerst schrieb ich wieder einige Bewerbungen an verschiedene Unternehmen in der Region.

Danach holte ich vier Adressaufkleber aus einer Schublade der Schrankwand und bedruckte anschließend die verschiedenen Briefe.

Irgendwie fand ich auch jenen handgeschriebenen Zettel in der Schublade, auf dem die Anschrift einer Person vermerkt war, von der mir Marina vor geraumer Zeit erzählt hatte.

Konnte es sein, dass Marina heute vielleicht bei ihrer Freundin übernachtete oder aber auch nur bei ihr zu Gast ist.

Irgendwie spielte es sich in meinen Hintergedanken ab, dass es wohl die letzte Gelegenheit für mich ist, dass ich Marina unter dieser Anschrift noch antreffen könnte. Außerdem musste ich damit rechnen, dass bald die Arbeiten an unserem Eigenheim greifen und sich dann nicht noch einmal eine Chance bot, Marina noch einmal in der Stadt anzutreffen. Eine Telefonnummer hatte ich nicht und so beschloss ich an diesem Nachmittag jener Anschrift auf dem Zettel einen Besuch abzustatten. Augenblicklich ging ich in den Flur, zog meinen Mantel über und verschwand zur Wohnungstüre nach draußen.

Der Wind wehte mir um die Nase, weswegen ich meinen Mantelkragen hochstellte.

Die tiefhängenden Wolken am Horizont kündigten länger anhaltende Schneefälle voraus.

Zu Fuß lief ich in das Zentrum unserer Stadt, vorbei an dem Augustinerkloster und weiter bis ich schließlich zu jener Adresse gelangte, die mir Marina gab.

Das Wohnhaus unter der Adresse hatte schon seine besten Jahre hinter sich, während an manchen Stellen schon der Putz abbröckelte, hing über dem Eingang eine Innschrift, die aus langer Tradition heraus in den Mörtel gemeißelt wurde. Die Innschrift enthielt eine Widmung, die ich aber nicht mehr lesen konnte und eine Jahreszahl wann das Wohnhaus errichtet wurde.

Unter dem angegebenen Namenszug klingelte ich zweimal kurz hintereinander.

Nach einer Weile öffnete sich oben links im Dachgeschoß ein Fenster und eine junge Frau Anfang zwanzig schaute heraus.

>>Zu wem möchten Sie denn, junger Mann?<<.

>>Hören Sie, mein Name ist Clemens Wagner und ich bin ein Bekannter von Marina<<.

>>Warten Sie!, ich komm gleich runter<<, rief die Stimme von oben.

Das Fenster im Dachgeschoß schloss sich und es dauerte noch einen Moment, dann hörte ich Schritte im Hausflur und eine junge Frau mit brünettem langem Haar stand plötzlich vor mir. So gut es ging erklärte ich ihr kurz mein Anliegen und dass mein Besuch nur obligatorisch sei. Die junge Frau deutete an, dass Marina diese Woche wohl nicht mehr zu ihr kommt und erst in vier Wochen wieder bei ihr zu Hause ist, aber wenn ich jetzt schon einmal hier wäre, dann könnte ich zumindest mit ihr gemeinsam eine Tasse Tee trinken und ein wenig plaudern. Ich willigte schließlich ein und wir liefen gemeinsam die Treppen im Hausflur hinauf.

>>Ich wusste gar nicht, dass Marina noch einen anderen Freund hat, außer Mark<<, entgegnete mir die junge Frau auf dem Weg nach oben.

>>Wissen Sie, ich kannte Marina bevor sie mit Mark zusammen war<<.

>>Ach so, dass wusste ich nicht. Übrigens ich heiße Janine<<.

>>Sehr erfreut, ich heiße Clemens…, Clemens Wagner<<.

Die Dachgeschoßwohnung befand sich in einem desolaten Zustand. An manchen Stellen konnte man zusehen, wie der Putz von der Decke rieselte. Auch die Holzdielen hatten ihre beste Zeit schon hinter sich gelassen. Abgesehen von den baulichen Veränderungen, machte die Wohnung aber eher einen gemütlichen Eindruck.

An den Wänden im Wohnzimmer hingen selbstgemalte Aquarelle und in einer Ecke links neben dem Sofa standen handgefertigte Skulpturen aus Gips, die kunstvoll bemalt waren. Insgesamt jedoch strahlte das Wohnzimmer auch eine gewisse Ruhe aus.

>>Sagen sie Janine, studieren Sie noch?<<.

>>Aber ja, die meiste Zeit bin ich jetzt hier in der Stadt, wo ich ein Praktikum absolviere<<.

>>Haben Sie die Skulpturen aus Gips selber gemacht<<, fragte ich Janine.

>>Gefallen sie Ihnen?<<.

>>Gar nicht so schlecht<<, ließ ich wissen.

>>Ja das war eine meiner ersten Arbeiten an der Hochschule…<<, während sie eine dieser Gipsfiguren in die Hand nahm und mir zeigte.

>>Janine darf ich Sie fragen, wann Sie Marina das erste Mal begegnet sind?<<.

>>Wir sind uns erstmals an einem Institut außerhalb der Stadt begegnet. Ich hatte dort auch einen Praktikumsplatz. Es war alles sehr aufregend und neu. Die Archäologischen Sammlungen, die wir restaurierten, stammten fast alle aus einer Zeit nach Christus. Der technische Leiter des Instituts überbrachte uns Inschriften, die wir zuerst rekonstruieren und dann übersetzen sollten. Eines Tages dann tauchte Marina auf, die uns bei der wissenschaftlichen Arbeit half. Nach Feierabend trafen wir uns dann öfter in einem Lokal am Fischmarkt<<.

Marina erzählte mir von ihrer Studienzeit und von einer Studentenwohnung in der Stadt.

>>Während meines Besuches lernte ich auch Marinas Freund Mark kennen. Ein sympathischer junger Mann mit viel Lebenserfahrung<<.

Janine ging in die Küche und kam kurz darauf mit einer Kanne Tee wieder.

Danach stellte Janine noch Kuchen und eine Schachtel Kekse auf den Tisch.

>>Clemens, nehmen Sie sich ruhig was Sie essen wollen…<<.

>>Haben Sie den Kuchen selber gebacken?<<.

>>Nein, der ist von meiner Oma<<.

>>Janine, glauben Sie eigentlich an die große Liebe?<<.

>>Oh ja, Sie etwa nicht?<<.

>>Doch schon, jedenfalls Marina war so etwas wie meine große Liebe. Aber wie das Leben eben halt so spielt, ist das Glück manchmal zum Greifen nah, man kann aber nicht daran festhalten<<.

>>Ich glaube, Sie lieben Marina immer noch<<.

Ohne dass ich darauf antworten wollte, fragte Janine einfach weiter.

>>Erzählen Sie mir doch einfach, wie Sie Marina kennengelernt haben?<<.

>>Janine, das ist schon sehr lange her. Ich arbeitete damals beim DLRG an einem Baggersee. Zuerst hatten wir nur Blickkontakt, bis es dann bei einer Begegnung zwischen uns gefunkt hat<<.

Janine überkam plötzlich ein Lachanfall.

>>So schnell ging das mit der Liebe. Und wie ist es dann weitergegangen?<<, fragte Janine voller Übermut.

>>Nun, wir trafen uns dann noch öfter, aber leider hatte Marina dann schon jemand anderes kennengelernt<<.

>>Mark?<<.

>>Nein, jemand vom Gymnasium<<, gab ich zur Antwort

>>Und wie sind Sie dann zu der Anschrift meiner Wohnung gekommen?<<.

>>Vor geraumer Zeit habe ich Marina in der Stadt getroffen. Da hat Sie mir erzählt, dass Sie ab und zu bei Ihnen übernachtet<<.

>>Jetzt waren Sie sicher nur mal neugierig, wo diese Freundin wohnt<<.

>>Sozusagen<<, pflichtete ich ihr bei.

>>Sind Sie jetzt enttäuscht?<<, fragte Janine.

>>Nein im Gegenteil. Mein Besuch bei Ihnen ist für mich eher eine Bereicherung<<.

>>In wie fern?<<.

>>Sie haben mir eine Facette Ihres Lebens offenbart. Das ist wie bei einem philosophischen Akt…<<.

In dem Moment klingelte es an der Wohnungstür. Janine rannte zuerst in die Küche, dann wieder in das Wohnzimmer und schaute dann aus dem Fenster.

Es sah so aus, als wenn noch jemand zu Besuch kommen würde. Ich stand auf und wollte mich gerade verabschieden, als Janine mir entgegentrat.

>>Es ist nur eine Studienfreundin von mir. Clemens bleiben Sie doch noch ein bisschen…<<.

Schließlich konnte ich den Bitten von Janine nichts entgegensetzen und blieb.

Die Freundin von Janine hieß Katharine und war sehr charmant und überaus eloquent.

Ihre sprachliche Ausdrucksweise überraschte mich geradezu.

Den Nachmittag über diskutierten wir über Aristoteles und Alexander den Großen und merkten kaum, dass die Zeit in Windeseile verstrich.

Zuweilen hörte man Tauben über der Wohnung im Dachgeschoß, die ab und an Gurrten und mit den Flügeln schlugen. Jedes Mal, wenn das der Fall war, brachen wir in ein Gelächter aus.

Erst am Abend verabschiedete ich mich von den beiden und hoffte darauf, Marina noch einmal zu begegnen.

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