Читать книгу: «Amorphis»

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Die Originalausgabe erschien © 2015 LIKE, Helsinki

unter dem Titel ‚Amorphis.‘

Die Übersetzung in die deutsche Sprache wurde gefördert von


1. Auflage März 2016

Copyright © 2015 für die deutsche Ausgabe by Edition Roter Drache

Edition Roter Drache, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel

eMail: edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org

Buch- und Umschlaggestaltung: Holger Kliemannel

Übersetzung aus dem Finnischen von Tina Solda

Lektorat: Sarah Bräunlich

Das Vignett an jedem Kapitelanfang stammt von Jean-Emmanuel „Valnoir“ Simoul und wurde für „Under the Red Cloud“ entworfen. Verwendung mit freundlicher Genehmigung von Nuclear Blast Records, Donzdorf.

© Die Fotos entstammen den privaten Sammlungen von Niclas Etelävuori, Esa Holopainen, Tomi Joutsen, Santeri Kallio, Tomi Koivusaari, Olli-Pekka Laine und Jan Rechberger, sofern nicht anderweitig vermerkt.

Gesamtherstellung: Jelgavas typografia

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

Alle Rechte der Verbreitung in deutscher Sprache und der Übersetzung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Ton- und Datenträger jeder Art und auszugsweisen Nachdrucks sind vorbehalten.

ISBN 978-3-944180-82-3

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort: Kann so etwas aus Finnland kommen?

TEIL 1 DER BEGINN DER ZEITEN

1. „Sie hatte sogar einen Namen: Isolohko“

2. „Wir sind trotzdem The Animals, nur viel besser

3. Violent Solution – „Ich wollte nichts anderes tun als in einer Band spielen“

4. Abhorrence – „Endlich hatten wir das Gefühl, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein“


TEIL 2 GESCHICHTEN VON DEN TAUSEND SEEN

5. Die Geburt von Amorphis

6. Der Vertrag mit Relapse

7. Die Aufnahme von The Karelian Isthmus

8. Das Wichtigste war eine gute Melodie

9. Tales from the Thousand Lakes

10. Mystische Videoaufnahmen in Deutschland

11. Die erste Europatour

12. Die Tales-Tour in Nordamerika

13. Die Nuclear Blast-Festival-Tour 1995

14. Auf progressiverem Kurs

15. Die schwierige Geburt von Elegy

16. Unterwegs mit Paradise Lost

17. Mit Elegy auf Tour


TEIL 3 FERN DER SONNE

18. Tuonela

19. Oppus Ausstieg und die Nordamerika-Tour

20. Am Universum

21. Far from the Sun


TEIL 4 HIMMELSCHMIED

22. Schlimmer konnte es ja nicht mehr kommen

23. Eclipse

24. Silent Waters

25. Skyforger

26. The Beginning of Times

27. Circle

28. Nachwort: Ein neuer Morgen


ANHANG

I. Amorphis, gegr. 1990

II. Diskographie

III. Quellen

IV. Danksagung

V. Der Autor

BILDTEIL


VORWORT
KANN SO ETWAS AUS FINNLAND KOMMEN?

AMORPHIS SCHLUGEN BEI mir auf Anhieb voll ein. Wie Tausende meiner Gesinnungsgenossen fand ich neue Bands in den frühen neunziger Jahren hauptsächlich über die wöchentliche Radiosendung Metalliliitto, Finnlands einziges Radioprogramm, das auch extremeren Metal präsentierte. Ich liebte Moderator Klaus „Klasu“ Flaming für seinen betont sachlichen Stil. Der Kontrast zwischen seiner makellosen Hochsprache und dem musikalischen Inhalt der Sendung war oft zum Brüllen komisch und die gewählte Ausdrucksweise widerlegte elegant das damals gängige Klischee, demzufolge nur zurückgebliebene Dumpfbacken Metal hörten. Death Metal, diese animalische Unmusik, war noch eine Kaste tiefer. Diese Typen sangen ja noch nicht einmal, sondern knurrten wie in die Enge getriebene Rottweiler, sodass man kein Wort verstand. Wie konnte bloß irgendwer sowas gut finden?

Auch ich dachte zuerst ähnlich, bis mich SLAYER und SEPULTURA eines Besseren belehrten. Ich erlag dem Reiz brutalerer Gesangsstile und dürstete nach mehr, doch in der Zeit vor dem Internet gab es nur wenig Möglichkeiten, Neues kennenzulernen.

Wenn Metalliliitto lief, hatte ich stets den Finger auf der Aufnahmetaste des Kassettenrekorders, um nur ja keine Perle zu verpassen. Am 6. 1. 1993 geschah etwas Unerwartetes. Eine unheilschwangere, primitive Death-Metal-Nummer mit einer stilsicheren Gitarrenmelodie bohrte sich nicht nur in meine Gehörgänge, sondern strömte gleich direkt in den Blutkreislauf. Vom Sound her klang das Stück schwedisch, doch die Melodie kam von ganz woanders her. Sie hatte etwas Bekanntes und gleichzeitig einen exotisch-orientalischen Touch. Die Komposition als solche war nicht besonders ungewöhnlich, aber die Mischung war etwas Neues, Einzigartiges. Verstärkt wurde der Effekt durch grabestiefe Growls, die sich klar von der Masse abhoben.

Klasu spielte das Stück nicht ganz zu Ende, erzählte jedoch nach dem Fadeout, dass es sich um Warriors Trial von The Karelian Isthmus handelte, dem soeben erschienenen Debütalbum von AMORPHIS, und begrüßte im gleichen Atemzug die Bandmitglieder Tomi Koivusaari und Esa Holopainen zu einem Interview. „Was zum Teufel, sind das Finnen? Kann sowas aus Finnland kommen?! Da muss ich mehr von hören!“, fuhr es mir durch den Kopf. Am nächsten Tag marschierte ich in den Plattenladen.

Als anderthalb Jahre später Tales From The Thousand Lakes erschien, war meine Verblüffung noch weit größer. Nach diesem grenzüberscheitenden, experimentellen Meilenstein schien bei dieser Band alles möglich zu sein. Und es gelang ihr tatsächlich immer wieder, zu überraschen. Ob mit kühnen Stilwechseln, unkonventionellen Instrumenten, Mitgliederwechseln oder was auch immer – das Schicksal hatte AMORPHIS zu Pionieren bestimmt. Dies führte sowohl zu Preisen und Goldenen Schallplatten als auch zu Tiefschlägen und finanziellen Durststrecken.

Die erste Inspiration zu diesem Buch verspürte ich 2006, als ich Holopainen und Tomi Joutsen im Helsinkier Restaurant Ateljé für das finnische Metalmagazin Inferno interviewte. Als ich ihren spannenden Tatsachenberichten lauschte, wunderte ich mich, warum diese eigentlich noch nie irgendwer in Buchform festgehalten hatte. Meiner Erinnerung nach äußerte ich die Idee erstmals drei Jahre später gegenüber Joutsen, als ich ihn erneut für dieselbe Zeitschrift interviewte. Nach weiteren drei Jahren war sie so weit herangereift, dass ich sie einem Verlag unterbreitete. Noch einmal drei Jahre dauerte es, bis die unglaublichen Abenteuer dieser wohl einflussreichsten Musikantenvereinigung Finnlands nun endlich zwischen zwei Buchdeckeln zu finden sind.

Im Nachhinein betrachtet, erinnert der Entstehungsprozess dieses Buchs an die Entwicklung der Band selbst: voller Höhen, Tiefen und unvergesslicher Erlebnisse. Das Projekt wurde durch einen Wasserschaden bei mir zuhause und mehrere Festplattendefekte gebremst. Das Manuskript entstand unter vier verschiedenen Adressen auf fünf verschiedenen Computern, von denen einer gleich dreimal kaputtging. Das Opus führte mich an den Frühstückstisch von Holopainens Eltern, in die Gesellschaft von Metallica-Sänger James Hetfield backstage beim Sonisphere und in Jens Bogrens weltbekanntes Studio Fascination Street, wo ich der Entstehung des jüngsten Amorphis-Albums beiwohnen durfte. Nichts davon hätte ich mir vorstellen können, als ich vor 22 Jahren auf Rec drückte, um Warriors Trial auf eine TDK-Kassette zu bannen.

Mein Ziel war eine möglichst vielseitige und umfassende Schilderung der Bandgeschichte, die nicht nur informativ sein soll, sondern gleichzeitig so amüsant und unterhaltsam wie die Anekdoten der Bandmitglieder. Neben allen heutigen und früheren Mitgliedern von AMORPHIS kommen in diesem Buch auch viele Mitwirkende aus dem Umfeld der Band zu Wort. Um die Zeitreise im DeLorean von AMORPHIS noch anschaulicher zu gestalten, ist sie mit zahlreichen Fotos aus den Privatarchiven der Bandmitglieder illustriert.

Diese Geschichte erzählt von Freundschaft, Unbeugsamkeit, Durchhaltewillen, Talent, Ehrgeiz und bedingungsloser Liebe zur Musik. Ich wünsche dir beim Lesen ebenso viel Spaß wie ich beim Schreiben hatte!

Kuopio, den 18. 05. 2015

Markus Laakso




1. „SIE HATTE SOGAR EINEN NAMEN: ISOLOHKO“

SIE NANNTEN IHN den Heavy-Kiosk. Niemand wusste, wer ihn eigentlich betrieb, und geöffnet war er anscheinend auch nie. Trotzdem hatte sich der alte Holzkiosk am Rande des Esplanadi-Parks zu einem Szenetreff entwickelt, an dem Langhaarige und Lederjackenträger am Wochenende abhingen und ihr mitgebrachtes Dosenbier konsumierten. Die wenigsten kannten sich gegenseitig näher, aber man hatte sich zumindest schon einmal bei einem der Metalgigs in den Jugendzentren oder im Rockclub Lepakko gesehen. Viele kamen aus der Nachbarstadt Vantaa oder sogar von noch weiter her, um alte Freunde zu treffen und neue kennenzulernen. Am Heavy-Kiosk traf sich die gesamte Death-Metal-Szene der Hauptstadtregion, sofern damals von einer Szene überhaupt die Rede sein konnte.

Helsinki war in den achtziger Jahren wesentlich engstirniger und konservativer als in der von kultureller Vielfalt geprägten Gegenwart. Abweichungen von der Norm wurden nicht gerne gesehen. Manchmal setzte es schon ein blaues Auge, nur weil die Haare etwas zu lang waren. Auch am Heavy-Kiosk gab es öfters Ärger. Mit unschöner Regelmäßigkeit kam die Roma-Bande von Klein-Henkka vorbei, um die Teenager zu terrorisieren. Gegen die Konfrontation half nur eins: Fersengeld. Diejenigen, die den Angreifern in die Hände fielen, wurden um Bares, Zigaretten, Alkohol und sonstigen Kleinkram erleichtert. Wer sich wehrte, bekam eins aufs Maul. Langhaarige fanden schon gar keine Gnade. Wenn die Gefahr vorüber war, kehrten die Davongekommenen zurück und das nächste Bier wurde aufgemacht.

Eines Freitagabends starteten die Roma wieder einmal einen lautstarken Überraschungsangriff auf den Heavy-Kiosk. Einer von ihnen fing an, Tränengas auf die Metaller und Punks zu sprühen. In Panik zerstreuten sich die Anwesenden in alle Himmelsrichtungen und niemand kapierte, was genau eigentlich los war. Die Augen brannten, der Hals war wie zugeschnürt, aber die Füße funktionierten. Ein Fünfzehnjähriger aus Haaga und ein Dreizehnjähriger aus Martinlaakso wählten inmitten des Chaos dieselbe Fluchtrichtung. Sie verstanden sich auf Anhieb, doch es sollten zwei Jahre vergehen, bis sich ihre Wege das nächste Mal kreuzten. Dies war die erste Begegnung zwischen Esa Holopainen und Jan Rechberger, den Gründungsmitgliedern von AMORPHIS.


ESA SEPPO ANTERO HOLOPAINEN wurde als einziges Kind von Marja und Seppo Holopainen am 1. Oktober 1972 in der Helsinkier Frauenklinik geboren. An jenem Tag wurde in Turku der Straßenbahnbetrieb eingestellt und in Finnland fanden Kommunalwahlen statt, bei denen SPD und Sammlungspartei die meisten Stimmen erhielten. Die internationalen Nachrichten wurden von Watergate und Vietnamkrieg beherrscht, dem Terroranschlag auf die olympischen Spiele in München, dem Bloody Sunday in Nordirland und einem versuchten Attentat auf Chinas großen Vorsitzenden Mao Tse Tung.

Die Krise in der Frauenklinik war harmloser: Esa brach sich im Geburtsgang das Schlüsselbein. Nachdem die Verletzung verheilt war, strahlte ein fröhliches Baby in die Welt, das laut seiner Mutter zu einem braven, verantwortungsbewussten und ausgeglichenen Kind heranwuchs, das stets sein Wort hielt. Die im Elternhaus gelernten Werte prägen Esas Charakter bis heute.

Als der Sohn zur Welt kam, leitete Marja einen Kindergarten und Seppo arbeitete als Optiker. Später gründete Seppo sein eigenes Brillengeschäft, Haagan Optikkoliike, in dem auch Esa zu Berufsschulzeiten als Praktikant an der Kasse stand. Das Geschäft, das auch „Seelentrost für Omas“ bot, befand sich am Palokaivo-Platz im Süden des Stadtteils Haaga, wo die Familie auch wohnte. Da die Wohnung nur zwei Zimmer hatte, erhielt Esa seine eigene Ecke im Schlafzimmer der Eltern. Sie war während seinen ersten acht Lebensjahren das Zentrum seines Mikrokosmos.

„Meine Eltern konnten notfalls auch streng sein, aber meine Kindheit war eigentlich ziemlich locker“, beschreibt Holopainen. „Mir wurde praktisch nichts verboten, und ich hatte nie das Bedürfnis, aufsässig zu werden, weil ich mich irgendwie eingeengt gefühlt hätte. Ich wurde meiner Meinung nach gut erzogen und hatte eine glückliche Kindheit in einem sicheren Zuhause. Ein bisschen verwöhnt wurde ich wahrscheinlich auch. Ich hab’s zwar nicht so empfunden, aber Einzelkinder haben halt ihre Privilegien.“

Seine Eltern bemühten sich um ein Zuhause, das auf Vertrauen, Offenheit und gegenseitiger Wertschätzung basierte und in dem Vater und Mutter jederzeit ansprechbar waren. Wenn Esa doch einmal Mist baute, setzte es keine Strafen, sondern die Angelegenheit wurde in Ruhe ausdiskutiert. Der Junge konnte sich gut alleine beschäftigen. Als Kind reichte ihm die Nähe der Familie, und er forderte keine besondere Aufmerksamkeit. Ein Grund dafür war seine Schüchternheit. Esa klingelte nicht gerne bei anderen. Seine Freunde holten ihn entweder zum Spielen ab oder besuchten ihn zuhause. Der schmale, schnell in die Höhe geschossene Junge fühlte sich in größeren Gruppen eher unwohl und hatte wenig Lust auf gemeinsame Spiele. Vermutlich gerade deswegen hatte er für Einzeldisziplinen wie Taekwondo, Schwimmen und Tennis mehr übrig als für Mannschaftssportarten.

„Ich hab’ alleine Tennisbälle gegen die Wand vom alten Kino Arita in Haaga geschlagen, weil ich keinen Spielpartner hatte. Mit Fußball und Eishockey konnte ich absolut nichts anfangen. Ich schau’ mir heute noch lieber Boxen oder Billard an als Fußball. Obwohl ich für Mannschaftssport nicht viel übrig hab’, ist das Spielen in einer Band irgendwo damit vergleichbar: Alle ziehen an einem Strang, die Leistung des Einzelnen ist nicht so wichtig, sondern das ganze Paket muss funktionieren. Am meisten bewundere ich Ausdauersportler und ihre Mentalität, das ist absolute Spitzenklasse. Kampfsportarten bieten im Prinzip denselben Reiz wie Gigs: Adrenalin. Wenn du mit einem Sparringpartner trainierst, kannst du eins auf die Nase kriegen. Das gibt dem Ganzen mehr Spannung und eben diesen zusätzlichen Adrenalinkick.“

Esa lernte mit fünf Jahren lesen und brachte aus der Stadtteilbücherei zunächst Lucky Luke, Asterix und Tim und Struppi mit nach Hause. Später folgten Abenteuer und Fantasy, unter anderem Die 3??? von Robert Arthur, J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe und Unten am Fluss von Richard Adams. Alte Volkssagen faszinierten ihn schon als Kind. Dass AMORPHIS sich später lyrisch vom Kalevala-Epos inspirieren ließen, erscheint ihm gewissermaßen als logische Fortsetzung.

Der Junge interessierte sich für Spiele, die Köpfchen erforderten, und zeigte schon früh eine künstlerische Ader. Zeichnen und Malen machten ihm so viel Spaß, dass er in der Schule Kunst statt Musik wählte und von einer Karriere als Werbegrafiker träumte. Er fand es inspirierend, mit eigenen Händen Kreatives zu schaffen, und hatte obendrein Talent. Noch heute zeichnet er oft Karikaturen seiner Bandkollegen, wenn ihn im Tourbus die Langeweile überkommt.

Der Mittelpunkt seines Lebens war sein zuhause, aber sein Lieblingsort war das Sommerhaus in Sahalahti bei Kangasala, wo die Familie seit den fünfziger Jahren ein Grundstück besaß. Das Strandidyll war weit weg vom Stadtleben und somit eine ganz andere Welt. Die Natur faszinierte die „Künstlerseele“ des Jungen schon früh, wie sich Mutter Marja erinnert. Er erforschte Umgebung und Pflanzenwelt mit allen Sinnen. Das Sommerhaus ist heute noch sein liebster Zufluchtsort – nicht zum Komponieren, sondern zum Entspannen.

Bei den Holopainens lief oft Musik, vor allem Jazz. Marja und Seppo verfolgten im Fernsehen die Festivalübertragungen von Pori Jazz und alles, was mit dieser in den zwanziger Jahren in New Orleans aus dem Blues geborenen Mischung europäischer und afrikanischer Musiktraditionen zu tun hatte. Esa begann schon als Dreijähriger, seinen eigenen Geschmack zu entwickeln. Auf Kinderlieder folgten Michael Jackson und der finnische Schlagersänger Fredi. Mit sechs fand er Elvis toll und zwei Jahre später ABBA. Jazz konnte er nicht ausstehen.


Holopainen mit vier Jahren im Sommerhaus in Sahalahti

„Ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine Eltern je etwas anderes gehört hätten als Jazz“, überlegt Esa. „Ein paar Klassikscheiben hatten wir wohl, aber hauptsächlich lief Miles Davis und so was. Meine frühesten musikalischen Erinnerungen hängen mit unserem Klavier zusammen. Meine Mutter versuchte, mir ein bisschen darauf beizubringen. Bei der Gitarre ist eine gewisse Synchronisation erforderlich, damit überhaupt was zu hören ist, aber das Klavier liefert dir auf Anhieb Feedback.“

Laut seiner Mutter konnte Esa gut singen und seine Stimme war „so klar und schön, wie sie bei einem kleinen Jungen nur sein kann.“ Oft spielte Marja auf dem Klavier Kinderlieder, die Esa mit heller Stimme mitsang. Als es ihn später ernsthaft zur Musik zog, wunderte sich seine Mutter oft, warum er nicht mit dem Singen weitermachte.

Bevor die Musik für ihn zur Hauptsache wurde, erhielten Bücher und Pinsel eine andere Konkurrenz: den Commodore 64. Der 1982 lancierte und bald äußerst populäre Heimcomputer bot mit seinen primitiven, aber süchtig machenden Spielen eine Art interaktive Fortsetzung der Abenteuerromane. Die Holopainens waren um 1980 herum aus ihrer Zwei- in eine Dreizimmerwohnung etwa einen Kilometer weiter nördlich umgezogen. Der Sohnemann bekam ein eigenes Zimmer, in dem er sich ungestört in seine virtuelle Erlebniswelt vertiefen konnte. Je spannender das Spiel, desto besser. Sein Favorit war Forbidden Forest (Cosmi Corporation, 1983), in dem sich die Spielfigur mit einer Armbrust bewaffnet durch einen Wald voller Monster kämpfen musste.

„Die frühen Commodore-Spiele hatten unheimlich spannende Soundtracks, so simpel sie ansonsten waren. Manchmal jagte einem schon die Musik Angst ein. Sie sorgte für das richtige Feeling“, erinnert sich Esa. „Forbidden Forest hatte mit seiner Horrorszenerie aus Pixelfiguren eine Atmosphäre, die dich einfach packte.“

Zwar hatte Holopainen schon als Kind viel Musik gehört, doch als er 13 war, schlug das unverbindliche Interesse unversehens in Leidenschaft um. Im Jahr 1985 waren die Softrocker DINGO aus der Kleinstadt Pori die beliebteste Band in Finnland, während sich ihre Landsleute von HANOI ROCKS international einen Namen machten. Gleichzeitig rückte Heavy Metal ins weltweite Rampenlicht, dank Megasellern aus England, Deutschland und den USA. Das Internet war noch weit entfernt, aber bei der Suche nach neuen Lieblingsbands halfen Zeitschriften, die Musikabteilung der Bücherei, die Plattenregale von Freunden und die wöchentliche Hitparade im Staatsfernsehen. Dort wurden ohne Vorurteile „Jugendmusikvideos“ gezeigt, darunter manchmal sogar Metal.


Holopainen mit zwölf Jahren im Sommerhaus.

Ein Jahr später geriet die Musik in sein Visier.

In der Gesamtschule Haaga war es nichts Ungewöhnliches, dass die Kids eigene Schallplatten in die Musikstunde mitbringen und der Klasse vorstellen durften. Eines Tages im Jahr 1984 hatte Holopainens Klassenkamerad Miika Savi das neue DEEP PURPLE-Album Perfect Strangers dabei. Die Nadel senkte sich, das Vinyl knisterte und Knocking At Your Back Door begann mit einem düster verzerrten Riff aus John Lords Hammond. Hinzu kam Roger Glovers Bass, dessen Dramatik einem Actionfilm Ehre gemacht hätte. Das hypnotisch pulsierende G glich einem angsterfüllten Herzschlag. Ian Paice setzte mitten im Takt ein und leitete auf das Hauptriff über, das von Lord und Richie Blackmore im Duett gespielt wurde. Als Ian Gillan die ersten Zeilen schmetterte, wusste der Siebtklässler, wo seine Bestimmung lag.

„Knocking At Your Back Door war der Startschuss. DEEP PURPLE war die erste Band, für die ich mich richtig begeistern konnte. Davor hatte ich schon IRON MAIDEN und so weiter gehört, aber eher deswegen, weil meine Kumpels die auch hörten. MAIDENs Powerslave (1984) kam etwa zur gleichen Zeit raus, aber Perfect Strangers hinterließ einen bleibenden Eindruck“, erinnert sich Holopainen.

Das musikalische Erwachen führte dazu, dass sein Plattenregal sich mit Klassikern füllte: PINK FLOYDs The Wall (1979), Ozzy Osbournes Bark At The Moon (1983) sowie IRON MAIDEN und JUDAS PRIEST. Auch Musik im weiteren Sinne begann ihn zu interessieren. In der Helsinkier Eishalle gaben sich in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre zahlreiche angesagte Metalbands die Ehre. Sein erstes Konzert in dieser Halle sah Esa mit 14, als IRON MAIDEN auf ihrer Somewhere in Time-Tour-Runde am 12. 11. 1986 in Helsinki Station machten. Die Show mit ihrer Weltraumthematik war ein so überwältigendes Erlebnis, dass er sich danach alle in der Eishalle gastierenden Bands ansah, sofern sie ihn auch nur ansatzweise interessierten.

„Was mir von dem MAIDEN-Gig am meisten im Gedächtnis blieb, war die geballte Energie: die ganze Zeit volles Rohr, die Band hatte das Publikum total im Griff, alle reckten die Fäuste in die Luft wie im Rausch. So ähnlich funktionieren wohl auch Massenveranstaltungen von religiösen Sekten: Es ist leicht, sich von der Begeisterung anstecken zu lassen. Zum Glück war’s bei mir IRON MAIDEN und nicht irgend so’n Prediger. Die Bühnenshow war der absolute Hammer, sowohl bei der Somewhere- als auch bei der Seventh Son Of A Seventh Son-Tour. Vor allem, als Eddie auf die Bühne kam. Das war ganz großes Kino. Faszinierend ohne Ende.“

Aufmerksamkeit weckte neben Bühnenbild und Dramaturgie auch das nahtlose Zusammenspiel von Adrian Smith und Dave Murray. Die Gitarristen waren auf der Bühne gleichberechtigt: Beide spielten sowohl Rhythmus- als auch Leadgitarre und ergänzten sich gegenseitig, anstatt einander Konkurrenz zu machen. Vor allem jedoch verliehen die reichlich vorhandenen Gitarrenharmonien den Melodien mehr Saft und den Arrangements mehr Kraft. Dem war zwar auch auf Platte so, aber von den Sitzrängen aus zu sehen, wie genau diese Harmonie entstand, war ein Schlüsselerlebnis. Ähnlich beeindruckend waren etwas später die Konzerte von DEEP PURPLE und METALLICA am selben Ort. Die eigenen Helden auf der Bühne zu erleben, weckte den Traum, selbst Musiker – vielleicht sogar Rockstar – zu werden, und motivierte zu Taten.

„Mein Interesse an der Gitarre begann mit der Power, die von der Bühne in der Eishalle ausging. Dazu kam, dass Gitarristen etwas Heldenhaftes an sich hatten. Die Achtziger waren ja das goldene Zeitalter des Gitarrensolos. Und die langen Solos vor großer Kulisse machten natürlich Eindruck. Das hatte einfach was. Ich hätte mir für mich gar kein anderes Instrument vorstellen können“, so Holopainen.

Beflügelt von diesen Erlebnissen lag Esa seinen Altvorderen alsbald mit dem Wunsch nach einer E-Gitarre in den Ohren. Die Eltern wollten jedoch erst einmal testen, ob das Interesse ernsthaft oder vielleicht doch nur eine vorübergehende Laune war. Sie besorgten dem Sohn eine klassische Gitarre und versprachen, ihm eine elektrische zu kaufen, wenn er gut genug spielen könne. Der Gitarrist in spe verbarrikadierte sich mit der akustischen in seinem Zimmer. Zuerst klimperte er Songs nach Gehör, doch bald nahm er auch Unterricht. Sein Onkel Tuure Holopainen, von Beruf Schlagzeuger und Sänger, empfahl als Lehrer seinen alten Bandkollegen Kauko Piipponen.

„Kauko war Hausmeister, so richtig vom alten Schlag. Weil die Gitarre Nylonsaiten hatte, sollte ich im klassischen Stil mit Fußstütze spielen. Er hatte selbstgeschriebene Übungshefte, für die er natürlich Geld haben wollte. Nach den handgekritzelten Noten sollte ich dann spielen lernen. Wurde natürlich nichts draus, zumal er pädagogisch eine glatte Null war. Ich war ein paarmal da, bis ich meinem Vater sagte, dass ich da nicht mehr hinwollte, weil es einfach keinen Sinn hatte. Danach hab ich erstmal ’ne Zeitlang gar nicht gespielt.“

Im Sommer 1987 bekam Esa jedoch von seiner Großmutter eine schwarze Ibanez Roadstar II zur Konfirmation, dazu einen kleinen Verstärker ohne Effekte. Es dauerte lange, bis ihm klar wurde, dass er Pedale brauchen würde, um verzerrte Sounds zu produzieren. Die Gitarre war ein Basismodell mit verschraubtem Hals, Tremolo und einem Humbucker. Holopainens Interesse währte eine Weile und ließ dann wieder nach. Es erwachte erst nach ein oder zwei Jahren wieder, als Freunde von ihm ebenfalls anfingen, Musik zu machen. Gemeinsam herumzuschraddeln machte Spaß und half beim Überwinden sozialer Hemmungen. Der in der Schule befindliche Proberaum wurde zum Zentrum der gemeinsamen musikalischen Aktivitäten.

„Wir hatten in Haaga sowas wie – wie soll ich’s nennen – die Vorstufe einer Band. Sie hatte sogar einen Namen: ISOLOHKO. Gesungen hat Aba, ein gnadenloser NAPALM DEATH-Fan, am Bass stand ein gewisser Pera, und wer war doch gleich am Schlagzeug? Immer wenn wir Zeit hatten, trafen wir uns und ließen es krachen. Das war im Grunde meine erste Banderfahrung.“

ISOLOHKO spielte nur eigene Stücke, so man sie denn als solche bezeichnen konnte. Das Zusammenspiel war nicht im Geringsten koordiniert: Esa feuerte Riffs in die Gegend, Pera hämmerte auf dem Bass herum, der Drummer versuchte, im Takt zu bleiben, und Aba grölte nach dem Zufallsprinzip ins Mikro. Dem Feeling tat das keinen Abbruch: Energie und Lautstärke der Bandproben machten süchtig, und das Gemeinschaftsgefühl war unglaublich. Hinterher gab es nur einen Gedanken: Wann proben wir das nächste Mal?

Der erste und einzige Gig von ISOLOHKO fand in der Mittelstufendisko statt. Es war Esas erster öffentlicher Auftritt als Gitarrist. In der Turnhalle waren Bänke für die Zuhörer aufgestellt. Die Musiker bauten fiebernd vor Aufregung ihre Ausrüstung auf und legten los. Auf der Bühne herrschte Bombenstimmung, im Publikum eher Verwirrung. Außer den Bandmitgliedern hatte niemand im Saal jemals Grindcore gehört, woran die Kakophonie von ISOLOHKO noch am ehesten erinnerte. Ein komplettes Fiasko war die Show trotzdem nicht, eher eine wertvolle Lektion in den Grundlagen des Rock’n’Roll.

„Vor Publikum zu spielen ist etwas völlig anderes, als im Proberaum zu lärmen. Du hast aufnahmebereite Leute vor dir, und es herrscht eine ganz andere Spannung und Energie. Das hat sich in all den Jahren nicht geändert. Ich hab erst später gelernt, dass Gigs eine interaktive Angelegenheit sind. Das Publikum gibt viel von dem zurück, was du ihm gibst. Als Musiker fühlst du dich wohl, wenn’s den Leuten gefällt. Damals in der Turnhalle war eine Austauschklasse aus Norwegen da. Die norwegischen Mädels quatschten uns direkt nach dem Gig an. In dem Moment merkte ich, dass Musizieren positiv auf das andere Geschlecht wirkt. Kein Wunder, dass sich Jungs im Teenageralter dafür interessieren“, scherzt Holopainen.

Die Geschichte von ISOLOHKO war kurz, machte jedoch Lust auf mehr. Der junge Gitarrist wollte mehr aus seinem Instrument herausholen und sich musikalisch weiterentwickeln. Er beschloss, wieder Unterricht zu nehmen. Diesmal war keine Fußstütze gefordert. Der neue Lehrer war Petteri Hirvanen aus der Nachbarstadt Espoo, der tagsüber im Musikgeschäft Musamaailma arbeitete.

„Hirvanen war der Gitarrensuperheld von Helsinki. Er hatte immer Fans um sich rum, wenn er bei Musamaailma seine Show abzog. Ich nahm ein Jahr lang bei Petteri Stunden. Hatte sicher auch einiges davon, wobei es freilich meistens so war, dass Petteri tierisch verkatert war und Schwänke aus seinem Leben erzählte. Hirvanen war ein Shredder vom klassischen Typ, sodass wir vor allem Arpeggiotechniken durchgingen. Die Theorie blieb außen vor. Wir versuchten quasi, das Pferd vom Schwanz aufzuzäumen. Weder Piipponen noch Hirvanen taugten viel als Pädagogen, aber mit Petteri war es zumindest lustig.“

Letztendlich war jedoch der Weg zu den Gitarrenstunden zu lang und umständlich. Der Fünfzehnjährige musste mit dem Bus zuerst von Haaga in die Helsinkier Innenstadt und von dort aus weiter nach Haukilahti in Espoo fahren. Manchmal war Hirvanen dann nicht einmal zuhause, weil er den Termin vergessen hatte. Die schlechten Erfahrungen mit Privatstunden führten Esa schließlich dazu, lieber im Selbststudium und gemeinsam mit Freunden weiterzumachen. Daheim in seinem Zimmer verbrachte er täglich Stunden damit, sich Riffs von METALLICA, DEEP PURPLE und IRON MAIDEN herauszuhören. Manchmal übte er auch nach Noten und Tabulaturen, die er im Musikladen Fazer kaufte.

„Zuhause war ich eigentlich nur noch am Gitarre spielen. Ist manchmal heute noch so. Ab und zu gibt es Phasen, in denen ich die Gitarre nicht anrühre, aber normalerweise spiele ich fast jeden Tag. Nach Gehör zu spielen ist eine der besten Lernmethoden überhaupt. Coversongs übe ich immer noch so. Der Gitarrist, der mich am stärksten beeinflusst hat, ist David Gilmour. Im Lauf der Zeit hab ich oft PINK FLOYD-Songs nachgespielt oder dazu gejammt. Gilmours Stil und Ansatz sind nahe an dem, was ich selber als Gitarrist anstrebe: Gefühl in jeder Note. Der andere ist Blackmore. Er hat einen ganz eigenen Stil mit hohem Wiedererkennungswert“, resümiert Holopainen.

Mit der Übung und Entwicklung wuchs das Selbstvertrauen. Als Esa hörte, dass Jan Rechbergers Band VIOLENT SOLUTION einen Gitarristen suchte, griff er ohne Zögern zum Telefon, obwohl er seinen alten Bekannten nicht mehr gesehen hatte, seit Klein-Henkka und seine Bande mit Tränengas auf den Heavy-Kiosk losgegangen waren.



2. „WIR SIND TROTZDEM THE ANIMALS, NUR VIEL BESSER!“

JAN-MARKUS „SNOOPY“ RECHBERGER (geb. 13. 06. 1974) und Tomi Samuel „Koippari“ Koivusaari (geb. 11. 04. 1973) wuchsen als Nachbarn in Martinlaakso auf. Der umgangssprachlich „Martsari“ genannte Stadtteil von Vantaa wurde später als Heimat der Formel-1-Stars Mika Häkkinen und Mika Salo bekannt. Es war jedoch beileibe keine reiche Nachbarschaft, sondern eine asketische Hochhauslandschaft, die in den Jahren 1968-1975 neben den Einfamilienhäusern der Alteingesessenen hochgezogen worden war. Die Rechbergers wohnten im „grünen“ Block, die Koivusaaris im „roten“. Es handelte sich um die typischen Plattenbauten ihrer Zeit: ein Haus wie das andere, entworfen unter funktionellen Gesichtspunkten ohne Rücksicht auf Ästhetik.

„Martsari wurde im Prinzip ein paar Jahre vor mir geboren“, erzählt Koivusaari. „Unser Haus wurde im gleichen Jahr fertig, als wir einzogen. Ich verbrachte da die ersten 18 Jahre meines Lebens. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich drei war. Ein Jahr später oder so brach mein Vater den Kontakt ab, sodass ich ihn eigentlich gar nicht kannte. Er ist 2005 gestorben. Ich habe seit meinem vierten Lebensjahr einen Stiefvater, das war für mich immer mein Papa. Mama arbeitete in einer Boutique und in einem Lebensmittelgeschäft. Wir waren nicht reich, aber meine Kindheit war völlig in Ordnung. Ich hatte nie das Gefühl, dass mir irgendetwas fehlte.“


Koivusaari im Hof seines Elternhauses in Vantaa-Martinlaakso.

Auch Tomi wuchs als Einzelkind auf, doch in dem großen Häuserblock war es ein Leichtes, Freunde zu finden. Wie viele seiner Altersgenossen schwärmte er für Serien wie Kampfstern Galactica und Knight Rider und las Mad-Hefte sowie das finnische Satiremagazin Pahkasika. Ob elektrische Eisenbahn, Schlittenfahren oder das ungeschickte Zeichnen von Comics: Wenn Tomi sich für etwas begeisterte, war – und ist – sein Einsatz total. Er war kein besonders wildes Kind, aber auch kein Drückeberger. Wenn im Hof etwas los war, war er immer dabei.

„Bei der Schneeballschlacht mit dem Nachbarblock kamen gelegentlich Steinschleudern zum Einsatz. Die Jungs von nebenan nahmen Gefangene und folterten sie. Da ging es heftig zur Sache. Wenn die Großen sich einen geschnappt hatten, schleppten sie ihn in den Keller und verdroschen ihn mit ’ner Rute. Wenn die Mütter zum Essen riefen, gingen trotzdem alle friedlich nach Hause. Hinterher ging die Schlacht dann weiter.“

Koivusaari erinnert sich gerne an das wilde Treiben, auch wenn es nicht ohne Blessuren abging. So mancher Stein traf sein Ziel, wenn auch mehr aus Versehen. Auch Koivusaari erwischte einmal mit seiner Steinschleuder die Stirn seines Gegners. Vor Schreck flitschte er gleich noch einen zweiten Stein hinterher. Und patsch! Wieder voll auf die Stirn.

„Der Kerl fing an zu schreien und ich ergriff die Flucht“, erinnert sich Koivusaari. „Er warf mit Steinen nach mir und traf mich an der Schläfe. Es blutete so stark, dass ich zum Arzt musste. Ich drohte natürlich, dass er mir Arzt und Reinigung bezahlen müsste!“


Koivusaari in der vierten Klasse

Als Koivusaari aus dem Krankenhaus zurückkam, suchte er den Kampfesgegner. Der Junge war über das Geschehene so erschüttert, dass er sich versteckt hatte, und niemand wusste, wo er war. Als die Lage sich nach vier oder fünf Stunden entspannt hatte, kam er aus seinem Versteck hinter dem Haus hervor und das Spiel ging weiter, als ob nichts geschehen wäre. „Ich glaub’, ich hab’ später mal ein Auto von dem gekauft“, überlegt Koivusaari. „Ich hatte ihn zwar jahrelang nicht mehr gesehen, aber der Typ hatte zumindest denselben Namen und sah auch in etwa so aus.“ Koivusaaris erste Liebe war Fußball. Er fing mit sieben Jahren an und es gab nichts, was ihm annähernd so viel Spaß machte. Er kickte fast täglich beim Club Vantaan Jalkapalloseura und träumte davon, Profi zu werden. Gedämpft wurde die Begeisterung schließlich durch die in der Jugendmannschaft üblichen Gepflogenheiten: Spieler, deren Eltern die Mannschaft nicht aktiv unterstützten, mussten regelmäßig die Ersatzbank warmhalten. Auch aus einem anderen Grund verschwand das Training bald aus dem Kalender. „Meine Fußballkarriere endete damit, dass das Lokalblatt über unsere Band THE ANIMALS berichtete und mein Trainer die Story las. Darin fand sich das Zitat: ‚Wir haben sonst keine Hobbys mehr.‘ Der Trainer rief bei uns zuhause an und fragte: ‚Solltest du vielleicht mit dem Fußball aufhören? Ich hab’ gehört, du hast jetzt andere Interessen.‘ Dabei spielte sicher eine Rolle, dass das Team ohnehin gerade ausgedünnt wurde. Trotzdem war es ziemlich dramatisch für mich. Was sollte ich schon sagen? ‚Naja, wär vielleicht besser.‘ Da war ich zwölf“, seufzt Koippari.

Jan Rechberger wurde in Vantaa-Ylästö geboren, lebte aber vom ersten bis zum neunzehnten Lebensjahr in Martinlaakso. Auch er hörte mit dem Fußballspielen auf, als der Metal die Oberhand gewann. Als mittleres Kind einer Musikerfamilie wuchs er in einer musikalischen Umgebung auf. Sein Vater, der 1970 von Österreich nach Finnland gezogene Herman Rechberger, ist Komponist und Multi-Instrumentalist, seine Mutter Soile Rechberger Musikpädagogin und Klavierlehrerin. Jan, seine jüngere Schwester Nina und seine ältere Schwester Jaana wurden zum Musikmachen ermuntert, aber nicht gezwungen.

„Als ich anfing, Rock und Heavy zu hören, wollte ich auch selber spielen. Meine erste Rockscheibe war das Debütalbum von KISS. Ich hatte Geburtstag und mein Dad schlug vor, dass ich mir im Plattenladen von Myyrmäki eine LP aussuchen sollte. Als wir den Laden betraten, fiel mein Blick sofort auf das KISS-Album. Ich sagte, die will ich. Papa fragte, ob ich mich nicht wenigstens zuerst umgucken wolle. Nein, ich wollte genau die. Die Masken und das Image fand ich toll. Zuhause legte ich die Platte sofort auf. Schon beim ersten Fill von Strutter war ich hin und weg. Danach kaufte Papa mir öfters spontan Platten, von denen er glaubte, sie könnten mir gefallen, zum Beispiel IRON MAIDENs Live After Death (1985) und WHITESNAKES 1987 (1987). Als er merkte, dass ich Gitarre lernen wollte, war er sofort dafür, kaufte mir eine Gitarre und zeigte mir ein paar Griffe.“

Die einzige Stereoanlage der Rechbergers stand im Wohnzimmer, wo Herman komponierte und Soile Klavierstunden gab. Der Vater ließ den Sohn und dessen Freunde Platten hören, während er daneben an seinem großen Schreibtisch saß und auf Notenblättern mit dem Stift neue Musik schuf. Die Konzentrationsgabe des vielfach national und international prämierten Musikers war phänomenal.


Snoopy als Kind

„Mein Vater machte sich als Modernist einen Namen und komponierte äußerst experimentelle Musik. Er baute selber Instrumente und konstruierte in Auftragsarbeit mechanische und elektronische Musikinstallationen im In- und Ausland. Später spielte er unter anderem in Folkgruppen mit und schrieb Kammermusik, romantische Klassik, Opern und alles, was dazwischen lag. Bei uns lief auch Ethno aus aller Welt. Wir gingen regelmäßig ins Konzert und meine Eltern gaben oft selber welche. Zuhause lief eigentlich ständig Musik. Irgendwer spielte immer irgendwas. Als Kind war ich auch oft im Studio, denn mein Dad arbeitete bei der Rundfunkgesellschaft im Experimentierstudio für elektronische Musik.“ Snoopy war von ruhigem Naturell, aber experimentierfreudig. Wie Koivusaari war auch er für jeden Unfug zu haben.

„Mein erster Kumpel war der Jussi, der im selben Hochhaus wohnte. Zusammen haben wir allen möglichen Scheiß gebaut, zum Beispiel mit dem Hammer die Flurwände demoliert, von wegen ‚hey guck mal, das geht ja kaputt!‘ Da gingen dann zwei Ferientage drauf, als wir ganz klein mit Hut die Löcher zuspachteln und übermalen durften.“

Rechberger ging in die finnisch-russische Schule in Helsinki-Kannelmäki, wohin er von Martinlaakso aus mit dem Bus fahren musste. Ihm gefiel es dort, auch wenn keine Freunde aus der Nachbarschaft da waren. Die Klassen waren klein, die Atmosphäre locker und der Unterricht exzellent.

„Unsere Familie und unser ganzer Bekanntenkreis waren ausgesprochen links und multikulturell. Wir hatten Freunde aus praktisch jedem Erdteil. Ich denke, dass das der Hauptgrund dafür war, dass meine Eltern mich und meine Schwestern auf eine Spezialschule schickten und es war eine gute Entscheidung. Später hab’ ich bedauert, dass ich nicht bis zum Schluss dageblieben bin. Dort ging’s wesentlich entspannter und toleranter zu als hinterher in Martsari, wo gegenseitiges Verkloppen und Fertigmachen an der Tagesordnung waren“, berichtet Snoopy.

Rechberger gründete seine erste Band schon im Grundschulalter. Sie hieß XEROX. Mit dabei waren zwei Freunde, die ebenfalls auf die Ohrwürmer und die dramatische Optik von KISS abfuhren. Den Namen fanden sie auf einem Kopiergerät. Die Qualität der Instrumente spielte keine Rolle, Feeling und Action dafür umso mehr. Das Equipment von XEROX bestand aus einem Bass, einer Landola-Westerngitarre und ein paar Blechtonnen, die als Schlagzeug dienten. Proberaum war der Katastrophenschutzraum des grünen Blocks im Nachbarhaus der Rechbergers.

„Keine Ahnung, wofür die Tonnen gedacht waren, vielleicht als Wasserbehälter, aber der Bunker war voll von den Dingern. Wir haben sie als Trommeln verwendet, weil wir nichts anderes hatten. Noch nicht mal richtige Drumsticks. Einer schrammelte auf der Landola herum, ein anderer prügelte auf die Fässerbatterie ein. Aber wir waren mit vollem Ernst bei der Sache. Einmal gaben wir ein Konzert für unsere Eltern und Nachbarn. Wir hatten keinen Bassverstärker, also schlossen wir den Bass an einen Kassettenrekorder an, damit es wenigstens so aussah, als hätten wir einen. Mama deutete hinterher an, dass vom Bass nichts zu hören war“, grinst Snoopy.

Mit XEROX war es jedoch vorbei, sobald Rechberger Koivusaari kennenlernte. Der elfjährige Koippari hatte damals schon eine eigene Band. Am Schlagzeug saß Tomi Rautiainen, der im selben Block wohnte. Für den Bass war ein neunjähriger Steppke namens Janne Rättö zuständig, der kaum länger war als sein geliehenes Instrument. Bei den Proben verwendete Rättö noch nicht einmal einen Verstärker, sondern zupfte die Saiten nur der Form halber. Der Sänger war ein Klassenkamerad von Koippari. Die Gruppe hatte sogar ein VHS-Musikvideo aufgenommen, was sich bald im ganzen Block herumsprach. Der Clip endete damit, dass Koivusaari, inspiriert von MÖTLEY CRÜE, eine alte Akustikgitarre zerdepperte.

Im September 1985 besuchte die Truppe – bis auf den Drummer, der mit seinen Eltern im Urlaub war – eine Kinderdisko im Mehrzweckraum des Nachbarblocks. Koivusaari wusste, dass der dort wohnende Rechberger Schlagzeug spielte und eine Band hatte. Persönlich kannten sich die beiden jedoch nicht. Bereits die erste Begegnung trug Früchte: „Als ich Koippari zum ersten Mal bei uns in der Disko traf, stellte sich raus, dass er Gitarre spielte. Wir waren sofort dran, hey, lass uns ’nen Song schreiben! Bei ihm im Keller gab es einen richtigen Proberaum, wo ein paar ältere Jungs ihre Ausrüstung aufgestellt hatten. Ein Schlagzeug und Gitarrenverstärker – der pure Luxus! Wir ließen das Mikrofon von einem Lüftungsrohr baumeln und nahmen das Stück direkt auf Kassette auf. Koippari spielte Gitarre, ich Drums“, berichtet Rechberger.

Als die schmalzige Ballade im Kasten war, nahmen die beiden das Tape frohen Mutes mit hinüber in den Partykeller und steckten es in die Anlage. Das eigene Stück in der Disko zu hören, war Balsam für das Selbstbewusstsein. Auch beim Publikum kam die Nummer gut an. Obwohl die Nachwuchsrocker vor Stolz fast platzten, verlangte die Aktion Stillschweigen: Der Schlagzeuger von Koivusaaris Band sollte nichts von dessen musikalischen Abwegen erfahren. Das Stück hieß Sleeping Boys.

„Als ich mit dem Musikmachen anfing, war Rambo angesagt und für mich gab’s nur Metal. An irgendwelche Nebeneffekte dachte ich noch gar nicht. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie unser frisch aufgenommener Song da in der Disko lief und die Mädels anfingen, Blues zu tanzen. Viele sagen, dass sie mit der Musik angefangen hätten, um Frauen zu beeindrucken. Das lag uns zwar fern, aber in dem Moment wurde mir der Zusammenhang klar“, grinst Koippari. Nach diesem denkwürdigen Tag war das Duo jahrelang unzertrennlich. Da Koivusaaris Band bereits einen Schlagzeuger hatte, wurde Rechberger als Sänger engagiert. Die Band nannte sich THE ANIMALS.

„Die Musik von THE ANIMALS ist schwer einzuordnen“, so Koivusaari. „Wir schrieben von Anfang an eigene Songs, die Heavy Metal darstellen sollten. Ich hörte ACCEPT und W.A.S.P., Snoopy BON JOVI und EUROPE. Unsere Mucke war irgendwo dazwischen. Eine Band von kleinen Jungs, die sich wie wilde Rocker fühlten, mit Texten à la ‚I miss you‘. Ziemlich grauenhafter Müll. Keiner konnte richtig spielen, alle hatten es sich selbst beigebracht.“

Die Motivation war jedoch gewaltig. Die Truppe probte fleißig im Bombenkeller von Koipparis Block. Die Nachbarn beschwerten sich regelmäßig über den Krach, aber die Band hatte einen einflussreichen Verbündeten: Ein älteres Mitglied des Hausverwaltungsbeirats stellte sein altes Schlagzeug zur freien Verfügung. Als THE ANIMALS besser wurden und mehr Stücke beieinander hatten, fingen sie an, in den umliegenden Kellern Konzerte zu geben. Der Eintritt kostete meist 50 Penni (knapp 10 Cent) und hinterher gab es Bonbons für die Band. „Zu den Kellergigs kamen sogar ein paar ältere Kids, die uns unterstützten. Das gab uns Selbstvertrauen. Wir legten damals einfach los, ohne Hemmungen oder Selbstkritik. Ein bisschen nervös waren wir zwar, aber es war ziemlich geil“, schildert Koippari. Als es mit der Musik ernster wurde, änderte sich der Freundeskreis allmählich: die Mitmusiker blieben, der Rest verschwand aus dem Blickfeld. Koivusaari und Rechberger probten voller Eifer täglich nach der Schule. Jeweils einer von beiden kam mit seinem Gitarrencombo zum anderen, und es ging voller Kreativität ans Songschreiben. Oft schauten sich die beiden zur Inspiration Konzertvideos diverser Metalbands an.

„Klar waren wir damals schon davon überzeugt, dass das unsere Mission ist. Erst kürzlich traf ich übrigens eine alte Schulkameradin von mir. Sie hatte noch ihr altes Freundealbum, in das ich in der fünften Klasse geschrieben hab, dass ich später Rockmusiker werde. Ich wollte nie Feuerwehrmann oder Polizist werden. Entweder Fußballer oder Musiker“, konstatiert Koippari. Die Band lernte allmählich neue Tricks, zum Beispiel wie man einen Verzerrer simuliert: Die älteren Jungs rieten dazu, ein Stück Plastikrohr auf den 10W-Kombiverstärker zu stellen, sodass es beim Spielen vibrierte.

„Wir waren begeistert: ‚Boa, das klingt ja richtig echt!‘“, erinnert sich Koippari. „So war das damals. Lustige Zeit.“ Als nach diversen Kellergigs das Repertoire und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten groß genug waren, fasste die Band die umliegenden Schulen ins Auge. Um ihren Kalender zu füllen, marschierten die Musiker persönlich zu den jeweiligen Musiklehrerinnen oder -lehrern und fragten, ob sie auftreten dürften. Meist war die Antwort positiv. THE ANIMALS spielten in diversen Schulen rund um Martinlaakso, Myyrmäki, Vaskivuori und Kivimäki. Das Publikum war verhältnismäßig groß, denn die Auftritte fanden tagsüber statt und waren für die Schulklassen Pflichtprogramm. „Im Lehrerzimmer kriegten wir immer grünes Licht und die Kids hatten sicher auch nichts dagegen, an ’nem Dienstagmorgen was anderes geboten zu kriegen als Unterricht. Wir hatten uns von VAN HALEN die Luftsprünge abgeguckt. Bei den Älteren und den Lehrern mag das gewisses Amüsement ausgelöst haben. Unsere Gigs weckten zwar keine Hysterie, aber einige fanden’s bestimmt ganz gut“, erinnert sich Snoopy. „Natürlich gab’s auch immer welche, die es absolut scheiße fanden oder einfach nur buhten, um cool zu wirken.“

Rock und Metal galten von jeher als Teufelszeug: dekadent, hedonistisch und zu Drogen, Verderben sowie Unzucht verleitend. Das Gefühl von Gefahr und Rebellion war ein wesentliches Element. Auch bei den Gigs von THE ANIMALS, obwohl die Bandmitglieder ihre eigene Botschaft noch nicht so ganz verstanden. Ihnen kam es nur auf das Feeling an. „Wir spielten als Zugabe On mulla unelma von SIELUN VELJET. Die Lehrer drehten die Lautstärke runter und sagten, dass es Zeit wäre, aufzuhören“, erzählt Koivusaari und fügt lächelnd hinzu: „In dem Song ist die Rede davon, sich mit der finnischen Flagge den Arsch abzuwischen und unseren Wappenlöwen mit LSD zu füttern.“


Koippari an der Gitarre und Snoopy am Mikrofon -

THE ANIMALS live in der Mårtendal-Schule, 1986.

Die Bühnenshow erregte die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts: THE ANIMALS „I like you“-Briefe von Mädchen, die ihre Gefühle für die Musiker bekundeten und auf Gegeninteresse hofften. Für eine Kinderband erhielten THE ANIMALS überraschend viel Aufmerksamkeit. Die wohl größte Ehre war ein Artikel in der Lokalzeitung Etelä-Vantaa. Verfasserin des am 12. 3. 1986 erschienenen Interviews war Anna Pérez, die große Schwester eines Kumpels von Rechberger.

„Danach fühlten wir uns auf den Straßen von Martinlaakso wie Stars“, lacht Koippari. Die Einleitung des Artikels schildert den Eifer, das Selbstvertrauen und die hohe Arbeitsmoral der 10- bis 13-jährigen Nachwuchsmusiker: „Viele bekannte Teeniebands haben ähnlich angefangen wie THE ANIMALS aus Martinlaakso. Manche schaffen es mit Glück an die Spitze, andere mit Talent, aber bei dieser Band merkt man, dass sie außerdem an harte Arbeit glaubt.“ Zum Zeitpunkt des Interviews hatte die Band sieben Liveauftritte hinter sich. Einige Bandmitglieder gaben zu, auf der Bühne Make-up zu verwenden, und alle wünschten sich zum Geburtstag oder zu Weihnachten eigene Instrumente, um nicht mehr von den größeren Jungs leihen zu müssen. Als Einflüsse nannten sie die SCORPIONS, W.A.S.P., KISS und AC/DC, als größte Live-Hits Koivusaaris Ballade I Gonna Love You, S.I.X. und das gute alte Sleeping Boys. Schon in diesem sympathischen Artikel wurde Koivusaari Koippari genannt und Rechberger Snoopy.


THE ANIMALS in der Lokalzeitung.

„Der Spitzname Snoopy stammt in etwa aus der Zeit. Er entwickelte sich daraus, dass jemand meinen Nachnamen zu Ressu abkürzte – das ist der finnische Name von Snoopy aus den Peanuts“, erklärt Rechberger. Eines Tages kam ein älterer Nachbarsjunge an, der THE ANIMALS lobte, aber hinzufügte, dass es schon eine Band dieses Namens gäbe. Die anderen ANIMALS aus England und hätten wohl schon ziemlich viele Platten verkauft. „Die älteren Typen aus unserem Hof waren schwer in Ordnung. Die haben uns nie runtergemacht, sondern immer unterstützt“, berichtet Snoopy. „Als wir hörten, dass es die ANIMALS schon gab, war uns das wurscht: ‚Wir sind trotzdem THE ANIMALS, nur viel besser!‘ Wir hatten noch nie von denen gehört und keine Ahnung, dass das ’ne Klassikerband von alten Knackern war.“

Letzten Endes beschloss die Gruppe jedoch, ihren Namen in ACCELERATE zu ändern. Gleichzeitig wurde der Musikstil härter, seien und Sänger Snoopy griff zusätzlich zur Gitarre. Der Name war an ACCEPT angelehnt, eines der wichtigsten Vorbilder der Band. ACCELERATE kamen jedoch nicht weit, weil Snoopy und Koippari sich verkrachten. Der Streit hatte auch musikalische Gründe: die Geschmäcker hatten sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt.

„Ein Klassenkamerad spielte uns METALLICAs Ride The Lightning (1984) vor“, erinnert sich Koivusaari. „Ich fuhr drauf ab, Snoopy nicht. Ich fing an, härteren Metal zu spielen, als ich METALLICA, ANTHRAX und so weiter entdeckte. Damals kam’s nicht in Frage, in mehreren Bands gleichzeitig zu spielen, also stieg ich bei ACCELERATE aus und fing an, zu zweit mit meinem Klassenkameraden Juha Rytkönen zu spielen.“

„Natürlich war das ’ne Riesentragödie und Krise“, gibt Rechberger zu. Koivusaari und Schlagzeuger Rytkönen probten einige Male und versuchten, weitere Mitglieder zu finden. Das Projekt schlief jedoch schnell ein. In der Zwischenzeit hatten ACCELERATE Koivusaari durch den späteren ABHORRENCE-Gitarristen Kalle Mattsson ersetzt, einen Klassenkameraden von Snoopy, aber es dauerte nicht lange, bis Koippari und Snoopy sich wieder vertrugen und eine neue Band gründeten.

„Wir stritten zwischendurch wie ein altes Ehepaar und gingen auf Abstand zueinander. Danach stellten wir wieder eine Band auf die Beine. Wir haben ja nichts anderes gemacht als Musik: hören, spielen, uns gegenseitig Platten überspielen“, sagt Koivusaari.

Die neue Band wurde ENVIOUS getauft. Drummer war weiterhin Tomi Rautiainen, Koippari und Snoopy spielten Gitarre und letzterer sang. Auch Snoopy hatte inzwischen härteren Metal für sich entdeckt.

„Als Kind hörte ich Rockabilly wie MATCHBOX, CRAZY CARAVAN und Elvis, aber mit Heavy fing alles an. Koippari liebte W.A.S.P. über alles und ich KISS. Danach gaben wir uns alle Metalbands, die wir auftreiben konnten: ACCEPT, DIO, AC/DC, WHITESNAKE, DEEP PURPLE … you name it. Wenn jemand zuhause eine Satellitenschüssel hatte, gingen wir mit der Videokassette in der Hand hin und nahmen Metalvideos von Sky Channel auf. Von da aus wurde es immer härter“, erinnert sich Snoopy.

Auch für ihn stellte Ride The Lightning von METALLICA den Wendepunkt dar. Seiner eigenen Erinnerung nach gefiel Rechberger das Album jedoch auf Anhieb.

„Ich stand damals auf SCORPIONS und sowas. Sampsa „Hepa“ Henni, der mit mir auf die russische Schule ging, fuhr auf METALLICA ab. Als er das erste Mal Ride The Lightning auflegte, dachte ich: ‚Das ist ja wohl nicht wahr! Wo zum Teufel kommt so ’ne Musik her?!‘ Koippari fing als erster an, Speed und Thrash zu hören – ANTHRAX, METALLICA, MEGADETH und SLAYER – und bald fanden wir es beide verdammt geil und wollten selber schnelleren Kram spielen. So fing’s dann an.“

Die neue Band ging von Anfang an in Richtung Speedmetal. ENVIOUS spielten zwei Gigs in Schulen und feilten soweit an den Stücken, dass beschlossen wurde, ein Demo in einem richtigen Studio aufzunehmen. Die Jungs packten ihr Equipment und marschierten zu Tonal Productions in Lauttasaari. Das Studio war klein und technisch bescheiden, aber der asketische Rahmen war dem Eifer nicht abträglich. Innerhalb eines Tages sollten alle sechs Songs der Band auf das 16-Spur-Gerät von Fostex gebannt werden.

„Wir hatten nur einen Tag gebucht, also mussten wir alle Stücke innerhalb von ein paar Stunden einspielen und mixen. Es war supercool, zum ersten Mal in einem richtigen Studio zu sein. Wir hatten null Ahnung von nix, und der Studiobesitzer war auch nicht viel schlauer. Die Songs nahmen wir live auf. Dabei merkten wir, wie übel sich unsere Fehler anhörten. Trotzdem klang das Demo zigmal besser als die Kassetten, die wir im Proberaum aufgenommen hatten. Natürlich waren wir Feuer und Flamme. Die Songs hatten furchtbar kitschige Namen, zum Beispiel TTM (Trust To Mosh). Ich betone, dass ich zu dem Zeitpunkt vielleicht 14 war und Snoopy 13!“ Das Demo wurde nie offiziell veröffentlicht. Kopien gingen ausschließlich an Freunde sowie an mögliche Auftrittsorte. Das Demotape brachte ENVIOUS schon sehr bald einen Gig ein, und zwar im Jugendzentrum Kauniainen bei der Speed Metal Party am 18. 3. 1989. Hauptact der Veranstaltung waren PRESTIGE aus Tampere, deren Karriere im Aufwind war. Der gemeinsame Gig mit PRESTIGE war eine so große Sache, dass die Band beschloss, sich einen besseren Namen zuzulegen: VIOLENT SOLUTION, frei nach einem Stück von SACRED REICH, deren Album Ignorance (1987) auch die Optik des neuen Logos inspirierte. Die Band probte fleißig für ihren ersten Auftritt. Die Erwartungen waren hoch und die Spannung nahezu greifbar, als plötzlich das ganze Kartenhaus krachend in sich zusammenstürzte.



3. VIOLENT SOLUTION – „ICH WOLLTE NICHTS ANDERES TUN ALS IN EINER BAND SPIELEN“

EINE WOCHE VOR dem ersten Gig von VIOLENT SOLUTION verstarb Tomi Rautiainen. Der plötzliche Tod des Freundes traf die Bandkollegen hart. Koivusaari hatte Rautiainen von klein auf gekannt. Sie hatten lange im selben Block gewohnt, bevor die Rautiainens nach Klaukkala zogen.

„Ich hab’ bis heute keine Ahnung, was da eigentlich passiert ist. Tomi war allein zuhause, weil seine Eltern verreist waren. Sein Vater war Jäger, und zuhause lagen Waffen rum. Es kam völlig überraschend. Auch Rautiainen hatte sich voll auf den Auftritt gefreut. Die Sache hat uns ziemlich erschüttert“, sagt Koippari mit leiser Stimme.

Für die mitten im sensiblen Teenageralter steckenden Jungen war es schwierig, den Tod ihres Freundes zu verkraften. Das Geschehene erschien ihnen unfassbar. Rautiainen hatte weder unter Depressionen gelitten noch jemals selbstzerstörerische Gedanken geäußert. Er wurde einfach eines Tages tot zuhause aufgefunden. Leider sollte sein Tod kein Einzelfall bleiben.

„Um die Zeit rum brachten sich fünf Typen aus Martsari vor ihrem 18. Geburtstag um: sprangen vom Dach, erschossen sich, warfen sich vor den Zug oder schluckten Tabletten“, seufzt Koippari. „Das war so eine kranke Mode, völlig sinnlos. Unbegreiflich.“

Auch die Eltern von Rautiainen und Koivusaari kannten sich und sprachen tagelang miteinander über den Tod des einzigen Kindes. Der Auftritt als Vorgruppe von PRESTIGE in Kauniainen wurde abgesagt, und VIOLENT SOLUTIONs Zukunft stand auf Messers Schneide. Die Band beschloss jedoch, auf der Gedenkveranstaltung für Rautiainen im Jugendzentrum von Klaukkala zu spielen. Die Drums übernahm Pete Eklund, der später in einer Plattenfirma und als Videoregisseur Karriere machte. Seine vielseitigen Fills und das phänomenale Tempo, mit dem er das Doppelbasspedal bediente, beeindruckten die anderen, und er wurde auf der Stelle fest engagiert. Gleichzeitig zogen VIOLENT SOLUTION vom Schulproberaum in Martinlaakso in die Garage von Eklunds Eltern nach Klaukkala um.

„Wir blieben oft übers Wochenende in Klaukkala, um Scheren, Tritten und Fäusten zu entgehen. Damals hattest du’s als Langhaariger nicht leicht. Wir probten tagsüber und suchten uns abends draußen ein ungestörtes Plätzchen zum Biertrinken. Eklunds Vater nahm unsere Proben oft auf Video auf. Er konzentrierte sich immer auf Petes megaschnelle Bassdrums“, lacht Koippari.

Der Musikgeschmack der Bandmitglieder wurde schrittweise härter, auch wenn die Entwicklung nicht bei allen gleich schnell verlief. Schon bald buchte man eine eintägige Session im Studio Syke Oy in Nurmijärvi. Das Line-up bestand aus Sänger und Gitarrist Rechberger, Gitarrist und Backgroundsänger Koivusaari, Schlagzeuger Eklund und Bassist Miika Kulinock. Die Band hatte im Voraus beschlossen, welche Songs sie aufnehmen wollte, weswegen sämtliche Killerriffs, die ihnen vor dem Studiotermin noch einfielen, in Spreads Of Insanity integriert wurden. Das Stück wurde schließlich zwölfeinhalb Minuten lang. Das am 03. 09. 1989 aufgenommene und gemischte Demo erhielt den Namen Disorder Of Composure. Das Artwork stammte von Koivusaaris und Rechbergers Nachbarn Mikael „Arkki“ Arnkil, später Drummer von ANTIDOTE und Bassist von IMPALED NAZARENE. Die Kassette wurde vom Rockmagazin Rumba mit Lob bedacht und enthielt vier Songs: Spreads Of Insanity, Disorder Of Composure, Eternal Misantropy und das 8 Sekunden lange Ballad To Ballad.

„Ich hab mal gezählt: das erste Stück hat 28 verschiedene Riffs und keine Passage wiederholt sich“, kommentiert Koivusaari. „Stone kamen gerade groß raus und es herrschte das Gefühl, dass auch aus Finnland coole Sachen kommen können. Wir verfolgten aufmerksam die Demosendung von Klaus Flaming. Er spielte sogar ein Stück von uns. Unsere Klassenkameraden hörten es auch. War schon sehr geil, ins Radio zu kommen. Snoopy war noch nicht mal im Stimmbruch, oder so klingt sein Gesang zumindest.“


VIOLENT SOLUTION mit Freunden backstage vor einem Auftritt, 1989.

Rechberger verstand sich nie als Sänger, obwohl er den Ton halten konnte und einen Sinn für Melodien hatte. Der Job war ihm eher versehentlich zugefallen, weil er seinerzeit unbedingt zusammen mit Koivusaari spielen wollte und bei THE ANIMALS nur der Platz am Mikro frei war. Er beschreibt seinen Vokalstil bei VIOLENT SOLUTION mit Worten wie „Kreisch-Growl-Versuche“ und „Thrash-Gegröle“. Akzentuiert wurden die brutalen Lautäußerungen durch unfreiwillige Kiekser – Begleiterscheinung des Stimmbruchs.

„Unsere Mucke war ziemlich krasser Prog, wenn ich das so sagen darf“, schildert Snoopy. „Wiederholungen gingen gar nicht. Disorder Of Composure hatte noch mehr Riffs als Spreads Of Insanity, über 30. Obwohl wir selber Musik hörten, in der Wiederholungen die Regel waren, kapierten wir nicht, dass ein Songbestandteil ruhig mehrmals vorkommen darf.“

Koivusaaris früheste musikalische Erinnerung besteht darin, wie er zuhause „mit riesigen Kopfhörern“ dem 1976 erschienenen Solodebüt von Freeman lauschte. Der schnauzbärtige Popsänger hatte damals einen Megahit namens Ajetaan tandemilla, der zu Tomis erstem Lieblingslied wurde. 1982 folgte Nuku pommiin von Kojo, das von den finnischen Rocklegenden Jim Pembroke, Juice Leskinen und Otto Donner als Eurovisionsbeitrag geschrieben worden war, allerdings keine Punkte erzielte. Koivusaari nahm das Stück vom Fernseher auf, indem er den Kassettenrekorder vor den Lautsprecher hielt. „Timo Kolli, ein Nachbarsjunge, der später bei TWILIGHT OPHERA Schlagzeug spielte, war damals drei Jahre alt. Er kreischte rum, als ich am Aufnehmen war. Ich fuhr ihn an: ‚Sei still, ich versuch’ aufzunehmen!‘ Das alles war natürlich auf der Kassette zu hören.“

In Tomis Verwandtschaft gab es zahlreiche Musiker, sowohl mütterlicherseits als auch in der Familie seines Vaters Pekka, zu der er allerdings praktisch keinen Kontakt hatte. Seine Mutter Helena hatte eine schöne Stimme und sang gerne. Sie spielte auch Theater und nahm den Sohn oft zu Proben und Aufführungen mit. Tomi konnte die Dialoge der Stücke oft auswendig, da er seiner Mutter beim Üben half.

„Ich kam schon als kleines Kind mit Bühnen und Musik in Kontakt. ABBA, BACCARA, Katri Helena und finnische Schlager liefen bei uns fast pausenlos. Mein biologischer Vater, so hab ich mir sagen lassen, drehte immer seine Lieblingsband URIAH HEEP voll auf, wenn er mit meiner Mutter stritt, als ich im Krabbelalter war. Mein Stiefvater Jukka dagegen hörte hauptsächlich finnische Evergreens wie Olavi Virta und RAUTAVAARA. Später verdiente ich mir ein bisschen Taschengeld damit, ihm die alten Klassiker auf der Gitarre beizubringen. Manchmal jammten wir zusammen, er auf der Ziehharmonika und ich auf der Gitarre. Meine musikalischen Grundlagen erhielt ich zuhause, auch wenn unsere Geschmäcker sehr verschieden waren. Sogar mein Name war vom Musical Tommy inspiriert“, berichtet Koivusaari.

Eine E-Gitarre hielt er erstmals bei seinem Grundschulkameraden Olli-Pekka Ollikainen in der Hand. „Olkka“ war schon damals ein talentierter Gitarrist, und einen Gleichaltrigen Heavy-Klassiker wie Stairway To Heaven spielen zu hören, weckte in Tomi den Wunsch, es selbst zu lernen. Einen zusätzlichen Ansporn lieferten die amerikanischen Schockrocker W.A.S.P. mit ihrem Video I Wanna Be Somebody.

Bei Koivusaaris zeigte der Fernseher nur die drei finnischen Kanäle Yle TV, Yle TV2 und MTV3, die wenig Musik boten. Die Familie war jedoch öfter bei Freunden zu Besuch, die Sky Channel empfingen, einen britischen Kanal, dessen Schwerpunkt auf Musikvideos einschließlich Metal lag. Als Sänger Blackie Lawless mit seinem wilden Outfit aus Spandexhosen, bis zum Gürtel aufgerissenen Hemd, Kreissägengürtel und schwarzgrau gefärbtem Haarschopf auf dem Bildschirm erschien, war es um den Elfjährigen geschehen. Neben dem dramatischen Image packte ihn auch die rotzige, aber eingängige Musik.

„I Wanna Be Somebody haute mich um. Tomi Rautiainen stand auf TWISTED SISTER und hatte eine Snaredrum. Ich wollte eine E-Gitarre, weil’s so cool aussah. Bei meinen Großeltern in Kainuu schrammelte ich I Wanna Be Somebody auf der Mandoline. Daraufhin kriegte ich von Oma und Opa 400 Finnmark für eine Gitarre. Fast hätte ich einen Bass gekauft, denn ein älterer Nachbarsjunge wollte seinen loswerden. Blackie spielte ja auf dem ersten Album Bass. Der Typ hat seinen Bass dann aber doch nicht verkauft, also wollte ich wieder eine Gitarre.“

Mit der großelterlichen Spende, etwa 65 Euro in heutiger Währung, betrat Koivusaari den Musikladen Myyrmäen Soitin. Dort arbeitete Jukka Tolonen, einer der Väter des finnischen Progrocks. „Die hier ist voll gut!“, beschwor der international bekannte Gitarrist und drückte dem halbwüchsigen Kunden eine Shiro Sprinter-Stratkopie in die Hand. „Ja, die kann was“, stimmte Koivusaari nach kurzem Testklimpern zu.

Er bezahlte das Instrument und nahm es mit nach Hause. Seine Meinung bezüglich der Qualität der Gitarre schlug schnell ins Gegenteil um, auch wenn die Shiro allemal besser war als die alte Akustikklampfe, auf der er sich bisher versucht hatte. Er brachte sich das Spielen bei, indem er Songs aus dem Gedächtnis nachspielte oder zu Platten jammte. Manchmal schrammelte er einfach, was ihm gerade einfiel. Erst Jahre später lernte Koivusaari die Namen der Akkorde. Nachdem er einigen Jahren in Eigenregie gelernt hatte, beschloss er, Unterricht zu nehmen. Direkt in der ersten Stunde beanstandete der Lehrer die Art, wie Koivusaari das Plektrum hielt. Dieser war jedoch der Meinung, seine Gewohnheit nicht mehr ändern zu können, und mit dem Unterricht war es schnell vorbei.

„Ich halte das Plec wahrscheinlich heute noch völlig verkehrt“, gibt Koivusaari zu. „Mittlerweile merk ich’s selber: Mir tut schnell die Hand weh. Auch meine Spielhaltung ist ziemlich unorthodox.“ Er hatte auch kein Interesse am Üben von Technik, Geschwindigkeit oder Solos und sieht sich nach wie vor nicht als besonders technisch versierten Gitarristen. Stattdessen konzentrierte er sich auf Dinge, die ihm natürlich erschienen und wie von selbst kamen. „Um 1990 rum fing ich an, PINK FLOYD und anderen Siebzigerkram zu hören. Damals machte ich mir zum ersten Mal bewusst, dass die Gitarre auch höhere Saiten hat.“

Im Metalbereich nahm Koivusaaris Geschmack dagegen weiter an Härte zu: er begeisterte sich nunmehr für Death Metal. Gleichzeitig fand er neue Freunde, die ebenfalls auf die neue Richtung abfuhren, obwohl die Szene in Finnland noch mikroskopisch klein war. Die übrigen Mitglieder von VIOLENT SOLUTION konnten mit der bleischweren Gruftmucke nichts anfangen, sondern hielten weiterhin Speed und Trash für die Spitze der Nahrungskette. Koivusaari sagte sich von allen „softeren“ Metalgenres los, wobei auch diese Lichtjahre vom Mainstream entfernt waren.


VIOLENT SOLUTION rocken beim Koivupää Massacre, 1989.

„Damals skateten alle. Auf der Ramp lernte ich ein paar Typen aus Myyrmäki kennen, unter anderem Jussi Ahlroth. Die einzigen Langhaarigen, die in Martinlaakso zu finden waren, waren aus unserer Altersgruppe. Wir hingen zusammen ab und alle standen auf Death Metal. Zuerst entdeckten wir MORBID ANGEL, SEPULTURA und so weiter, aber über Kimmo Heikkinen tat sich ’ne ganz neue Welt auf. Er war ein fanatischer Tapetrader. Kimmo beschaffte Demos, die wir abends zusammen ancheckten. Wir tranken Johannisbeersaft und hörten ASPHYX und sowas. Eines Freitagabends beschlossen wir, eine Band zu gründen. Daraufhin stieg ich dramatisch bei VIOLENT SOLUTION aus.“

Als die Entscheidung getroffen war, griff Koivusaari zum mit zitternden Händen zum Telefonhörer und wählte Rechbergers Nummer. Die Stimme am anderen Ende quittierte die Ankündigung mit kühler Höflichkeit, und die Kameraden sahen sich erst einmal eine Weile nicht. Nach Koivusaaris Ausstieg fehlte VIOLENT SOLUTION ein Gitarrist und Songschreiber. Die Band suchte mit einer Anzeige im Rumba-Magazin Ersatz. Kurz nach Erscheinen des Blattes klingelte bei Rechbergers erneut das Telefon. Die freundliche Stimme gehörte Esa Holopainen aus Haaga – demselben Typen, mit dem zusammen Rechberger zwei Jahre zuvor am Heavy-Kiosk vor Klein-Henkkas Bande geflohen war – und bekundete Interesse an dem Gitarristenjob. Sie verabredeten ein Treffen in Martinlaakso am Wendehammer vor Rechbergers Haus.

„Ich hatte Esa in der Szene gesehen, bevor wir uns kennenlernten. Gleichgesinnte Typen kamen an den gleichen Orten zusammen, am Kiosk im Esplanadi-Park oder bei Metalgigs, und ich kannte ein paar von den Jungs, mit denen er abhing. Als Esa mich besuchen kam, hatte er eine Jackson-Flying V dabei, die er in einem Riesenkoffer mit sich rumschleppte. Ich erinner’ mich heute noch diesen Koffer, so verdammt groß war das Teil. Von Esa ging direkt ein positives Feeling aus. Er war eindeutig happy über die Gelegenheit, wieder in einer Band zu spielen. Ich fand’s auch gut, dass er sich selbst und die ganze Metalgeschichte nicht allzu ernst nahm und einen sehr bodenständigen Humor hatte. Den hat er heute noch. Das war das erste Mal, dass wir bandmäßig miteinander zu tun hatten“, erinnert sich Rechberger.

Die jungen Musiker passten auf Anhieb zusammen: Sie ähnelten sich im Naturell, begeisterten sich für dieselbe Musik und hatten eine gemeinsame Vision für VIOLENT SOLUTION. Holopainens alte Combo ISOLOHKO ging ein, weil sie nie etwas Konkretes zuwege gebracht hatte. Anstatt weiter zu warten und zu hoffen, wollte Esa in eine Band, die eigene Stücke schrieb und zielbewusst voranstrebte. In VIOLENT SOLUTION, die bereits ein Demo aufgenommen hatten, sah er Potential. Da sich Holopainen direkt bei der ersten gemeinsamen Probe nahtlos in die Gruppe einfügte, wurde er ohne Zögern aufgenommen.

„Pete war ein richtiger Schlagzeuger und hatte ein echtes Metal-Kit mit zwei Bassdrums“, erinnert sich Holopainen. „Schon allein das war beeindruckend. Die Proben waren echte Bandproben, bei denen alte Stücke geprobt und neue geschrieben wurden.“ Der Einstieg bei VIOLENT SOLUTION bedeutete einen enormen Boost für Holopainens Motivation und technische Entwicklung. Probe war einmal pro Woche, immer sonntags, aber Esa vertiefte sich auch zuhause intensiv in das neue Material. Der Ehrgeiz war gewaltig: Blamagen auf der Bühne kamen schlicht nicht in Frage. „Wir probten von Anfang an alle Stücke, die VIOLENT SOLUTION damals hatten. Bei denen waren die Riffs meist einfach aneinandergereiht, und nichts wiederholte sich. So ging es auch danach weiter, ohne jegliches Arrangement oder Konzept. Trotzdem hat es mir in meiner Entwicklung sehr geholfen, fertige Stücke zu proben und mich ein wenig in die Köpfe der anderen zu versetzen. Das hatte etwas Magisches.“

Holopainen verbrachte immer mehr Zeit mit Snoopy und der Clique aus Martinlaakso anstatt mit den alten Kameraden aus Haaga. Er lernte auch Koivusaari und dessen neue Kollegen aus der kurz zuvor gegründeten Death-Metal-Band ABHORRENCE kennen. Rechberger und Koivusaari waren sich gegenseitig nie lange böse, denn ihre Freundschaft und der gemeinsame Bekanntenkreis wogen schwerer als gelegentliche Meinungsverschiedenheiten und Bandkrisen. Wie wichtig Freunde und Bandaktivitäten für Rechberger waren, zeigt seine Entscheidung, nach der sechsten Klasse von der finnisch-russischen auf die Schule in Martinlaakso zu wechseln, die von seinen musikalischen Weggefährten besucht wurde.

Holopainen ging später in der Schulwahl sogar noch weiter als Rechberger: Er verließ die gymnasiale Oberstufe von Etelä-Haaga in der vorletzten Klasse und schrieb sich an der Berufsfachschule Myyrmäki für den Studiengang Feinmechanik ein. Auf diese Schule gingen unter anderem Koivusaari, ABHORRENCE-Gitarrist Kalle Mattsson, Ex-ISOLOHKO-Sänger Aba, Bassist Miika Kulinock von VIOLENT SOLUTION sowie Drummer Mikael Arnkil von ANTIDOTE und deren Sänger und Gitarrist Nino Laurenne, später bekannt als Gitarrist von Thunderstone und als Produzent. Esas Eltern waren verständlicherweise schockiert.

„In dem Alter schien alles möglich zu sein und niemand hielt sich mit Zweifeln auf. Ich erinner’ mich noch gut an die Phase, in der ich nichts anderes tun wollte als in einer Band spielen“, reflektiert Esa. „Es gab keine Alternativen und ich konnte mich auf nichts anderes konzentrieren. Alle Gedanken drehten sich um die Musik, und ich hing nur noch mit den anderen Bandmitgliedern zusammen. Uns vereinte die Leidenschaft für die Band und die Musik. Das Gemeinschaftsgefühl war so stark, dass meine sonstigen Kumpels auf der Strecke blieben und alles andere, einschließlich Schule, zur Nebensache wurde. Im Nachhinein betrachtet war das eine gute Sache, denn ich glaube nicht, dass ich heute hier wäre, wenn ich mich damals nicht so ultimativ der Band und der Musik verschrieben hätte.“

Der Gitarrist machte dennoch seinen Abschluss als Feinmechaniker. Dies ist sein einziges Berufszeugnis, wobei er später nie in diesem Fachbereich arbeitete. Die Berufsausbildung war sowohl Esa selbst als auch seinen Eltern wichtig, da es damals in Finnland so gut wie unmöglich war, von Musik zu leben. Obwohl Freunde und Metal seine Freizeit bestimmten, war Esa zuhause nie rebellisch. Auch als Teenager war er ruhig und ausgeglichen und provozierte seine Eltern nicht. Seine Mutter erlebte ihren Sohn ihrer Erinnerung nach nur ein einziges Mal wütend.


Koivusaari in der siebten Klasse: vom Engel zum Dämon.

Von Koivusaari lässt sich dies nicht behaupten. Bei ihm setzte die Pubertät rasant, überraschend und heftig direkt nach der sechsten Klasse ein. Die Schule schmeckte ihm nicht und er schwänzte, wo er konnte. In einem Halbjahr kamen rund zweihundert Fehlstunden zusammen. Entsprechend brach sein Notendurchschnitt in der siebten Klasse ein. „In der siebten und achten Klasse war es am schlimmsten. Meine Mutter sagte mal im Scherz, dass damals der Engel zum Dämon wurde. Ich war bis dahin brav und bin’s heute noch, aber in der Zeit passierte irgendwas. Ich probierte alles, was man in dem Alter so probiert. Fing an zu rauchen, hatte Stress zuhause, knallte die Türen, die Schule ging mir sonstwo vorbei und alles nervte nur noch.“

Auch Martinlaakso, wo jeder jeden kannte, wirkte auf einmal beklemmend. Alle schienen grundsätzlich derselben Meinung zu sein, weil sich das in der Gruppe eben so gehörte. Koivusaari und der künftige ABHORRENCE-Sänger Jukka Kolehmainen hatten als einzige Jungen ihrer Schule lange Haare und waren schon dadurch Außenseiter, die nicht ins Schema passten. Ihr Dresscode war an Finnlands wichtigste Thrash-Metal-Band STONE angelehnt: Turnschuhe, schwarze Jeans und Leder- oder Bomberjacke, darüber eine helle Jeansweste mit Buttons, Aufnähern und selbstgezeichneten Bandlogos. Mit den neunziger Jahren hielten Flanellhemden Einzug.

„Martinlaakso hatte einen ganz eigenen Touch. Ich merkte irgendwann, dass ich anders tickte als der Rest. Der Herdentrieb war mir immer zuwider. Wenn die anderen ihre Mofas paradierten, spielte ich Gitarre. Musik und Bands waren das einzige Mittel dazu, was Eigenes auf die Beine zu stellen. Ich wollte raus aus der ganzen Inzucht“, gesteht Koivusaari. „Was nicht heißen soll, dass es da nicht auch tolle Typen gab. Aus Martsari sind mir viele lebenslange Freundschaften geblieben.“


DIE MITGLIEDER VON VIOLENT SOLUTION ließen sich meist vom Vater von Drummer Eklund nach Klaukkala abholen. Der dortige Proberaum war geräumig und asketisch: Die Einrichtung beschränkte sich weitgehend auf die Instrumente. Man kam, probte und ging wieder. Die Saiten waren in Standardhöhe gestimmt und die Band um kein Image bemüht. Die Mitglieder sahen auf den Promofotos genauso aus wie sonst auch, mit offenen Haaren und im Thrash-Look. Gekünstelte Posen waren in Speed- und Thrash-Kreisen verpönt, es ging schließlich um die Musik.

Mit Esa Holopainen an der Gitarre nahmen VIOLENT SOLUTION zwei Tonträger auf: das Demo Period Of Depression (1990) und die 7”-EP Paralysis/Individual Nightmare (1990). Period Of Depression entstand am 03.–04. 02. 1990 im Studio Syke Oy, der kleinen Klitsche in Nurmijärvi, in der schon das erste Demo Disorder Of Composure fünf Monate zuvor eingespielt worden war. Es waltete dieselbe kosteneffiziente Methode: Die Songs wurden live eingespielt und die Spuren direkt gemischt. Abends verließ die Band das Studio mit der fertigen Kassette in der Hand, die dann zuhause vervielfacht wurde. „Wenn die Aufnahme läuft, bist du einfach nervös. Zu Analogzeiten war das noch ärgerlicher, weil Korrekturen furchtbar umständlich waren. Die erste Session lief meiner Meinung nach überraschend gut. Von Perfektion konnte keine Rede sein, aber es war auch kein Fiasko. Im Gegenteil: Wir waren stolz auf das Tape“, erinnert sich Holopainen.

Für die auf eigene Kosten produzierte EP nahm die Gruppe am 18.–20. 06. 1990 zwei Songs im TTT-Studio des STRATOVARIUS-Gitarristen Timo Tolkki auf. „Timppa“ war ein Bekannter von Eklund und den ANTIDOTE-Mitgliedern Laurenne und Arnkil. Der begabte Gitarrist und Produzent hatte mit seiner damals noch unbekannten Powermetal-Band gerade das erste Album aufgenommen, Fright Night (1989). VIOLENT SOLUTION wussten es zu schätzen, mit einem Metaller zusammenzuarbeiten, der schon einen Plattenvertrag hatte, aber dennoch in denselben Kreisen verkehrte wie sie selbst. Tolkki verwendete ein 16-Spur-Gerät von Fostex, ein Spirit-Folio-Mischpult und zwei Behringer-Kompressoren – kein Top-Equipment, aber professioneller als die Ausstattung von Syke. Die Stücke wurden auch diesmal live eingespielt, mit einigen nachträglichen Gesangskorrekturen. Bassist Kulinock hatte die Band kurz vor den Aufnahmen verlassen, weil sein neues Mofa ihn stärker interessierte, sodass Snoopy im Studio auch den Bass übernahm.

„Die EP-Aufnahmen waren der Höhepunkt der Karriere von VIOLENT SOLUTION“, urteilt Holopainen. „Timppa war ein netter Typ, aber er hatte nicht viel Geduld mit Teenies, die an ihren Stücken feilen wollten. Wenn was nicht so lief, wie er wollte, oder jemand zu spät kam, fing seine Oberlippe an zu zittern. Wutreaktion. Tolkki hat sich damals nicht als Produzent betätigt, er nahm nur auf und mixte, ohne sich in irgendwas einzumischen. Brauchte er auch nicht, denn wir hatten die beiden Stücke, die wir aufnehmen wollten, gründlich geprobt.“ Beim Mix wurde hauptsächlich auf eine angemessene Balance zwischen Instrumenten und Gesang geachtet. Hier und da wurde etwas Echo hinzugefügt. Die gruselige Coverzeichnung stammte von Arnkil, der auch das erste Demo gestaltet hatte. Von der Vinylscheibe wurden 100 Exemplare gepresst. Einige wurden per Post oder in den Underground-Plattenläden Oskun Divari und Diskeri verkauft, den Rest brachten die Bandmitglieder bei Konzerten und anderen Szenetreffen persönlich unters Volk.

Die Stücke waren der damals gängige Mischmasch aus Speed und Thrash, dominiert von Kreischgesang, manisch wechselnden Songbestandteilen, Doppelbass-Eruptionen, obligatorischen Solos und Gitarrenharmonien à la STONE. Kehrverse und Wiederholungen wurden durch überbordenden Spieleifer und eine schier unfassbare Anzahl von Riffs ersetzt.

„Beneath The Remains von SEPULTURA war seinerzeit (1989) am stärksten angesagt und sicher unser größter Einfluss“, erinnert sich Holopainen. „Auf STONE standen wir schon seit Jahren. Ich muss in der neunten Klasse gewesen sein, als das Debütalbum von denen rauskam. Das war das Härteste, was je aus Finnland gekommen war. Für Jungs in meinem Alter absolut prägend.“

Gemessen an den Verkaufszahlen wurde der Metalmarkt von den stilbildenden amerikanischen, britischen und deutschen Bands beherrscht, aber in Finnland hatten STONE mindestens ebenso viel Einfluss, wenn nicht sogar noch mehr. Als MEGADETH zur Zeit ihres Bestsellers So Far, So Good, So What (1988) ein Open-Air-Konzert im Hof des Lepakko-Clubs gaben, traten STONE als Anheizer auf – und waren für viele Besucher der eigentliche Hauptact das Abends. Auch Holopainen konnte mit STONEs energischem Rübengeschüttel und chirurgischer Präzision erheblich mehr anfangen als mit den eher zahmen Amerikanern. Es war inspirierend zu sehen, dass es auch im kleinen Finnland möglich war, Metal von internationalem Niveau zu spielen. Vor großem Publikum, ohne falsche Bescheidenheit und volle Kanne.

VIOLENT SOLUTION waren von ähnlichem Ehrgeiz getrieben wie STONE, auch wenn Songs und Können noch nicht vom selben Kaliber waren und die Musiker sich auf der Bühne noch schüchtern hinter ihren Haaren versteckten. Die Gruppe zeigte jedoch vielversprechende Ansätze. Die EP offenbart ein überraschend tightes Zusammenspiel, zumal angesichts der Jugend und Unerfahrenheit der Bandmitglieder. Wie bei der Mehrheit der finnischen Metaldemos jener Zeit klang die Produktion ziemlich dünn, doch der Mix war sauber genug, um die Instrumente voneinander unterscheiden zu können. Getrübt wurde der Stolz auf das Werk durch das allgemeine Verdikt der Hörerschaft: Die Scheibe klang besser, wenn sie anstelle der vorgesehenen 45 mit 33 rpm abgespielt wurde. Bei langsamerem Tempo klangen die Songs brutaler, die Gitarren heavier, die Produktion fetter und das Kreischen mutierte zu bestialischem Grollen.

Weder das Demo noch die EP sorgten in der Szene für größeres Furore. Sie an die finnischen Plattenfirmen zu senden, wäre Portoverschwendung gewesen. Die goldenen Schallplatten jener Tage gingen an einheimische Mainstreamrocker sowie Pop- und Schlagerstars, während Speed und Thrash abgemeldet waren. Von einem ganzen Album war nicht einmal innerhalb der Band die Rede. Das Geld der Musiker reichte gerade mal für einen oder zwei Tage in einem Demostudio; eine größere Produktion auf eigene Kosten kam nicht in Frage. Auftritte gab es genug, aber das Honorar lag bei null.

„Wir kamen noch nicht mal auf die Idee, Geld zu verlangen. Im Gegenteil: Falls uns jemand eine Rechnung über unseren Gig geschickt hätte, hätten wir die sogar bezahlt. Die Shows liefen soweit gut, aber wir haben nie groß darüber diskutiert. Heutzutage verbringen wir von Jahr zu Jahr mehr Zeit damit, unsere Gigs direkt hinterher zu analysieren. Ich vermisse unsere unbeschwerte Jugend: das Publikum war zufrieden und wir auch. Heute perfektionieren wir unseren Sound mit In-Ear-Monitorsystemen und meckern hinterher, weil irgendwas zu laut ist oder rauscht. Irgendwie ist die alte Spontaneität nicht mehr da“, sinnt Esa.

Die Band tourte fleißig in den Jugendzentren der Hauptstadtregion: Suutarila, Herttoniemi, Kauniainen, Munkkiniemi. Die Stars dieser Nachwuchsszene waren Rytmihäiriö, deren damals wie heute unmittelbar von der Boulevardpresse inspirierten Texte sich hauptsächlich um im Rausch begangene Totschlagsdelikte drehen. VIOLENT SOLUTION bemühten sich gezielt um gemeinsame Auftritte. Häufig mit dabei waren auch Koivusaaris ABHORRENCE, die bereits dabei waren, sich in internationalen Tape-Trading-Kreisen einen Namen zu machen.

„Die Jugendclubs hatten ihre eigene Kultur. Die ganze Szene bestand darin, dass wir in den gleichen Zentren spielten und zusammen Spaß hatten. Das Publikum bestand hauptsächlich aus Freunden und den übrigen Bands, also dem kleinen Kreis, der sowas hörte. Dieselben Leute hingen auch im Lepakko rum. Zwischen den Bands herrschte keine Konkurrenz, dazu waren es zu wenige.“

Ein Höhepunkt für VIOLENT SOLUTION war der Auftritt im Vorprogramm von VIRAGO im Jugendzentrum Kauniainen anno 1990. Die Thrasher aus Helsinki hatten gerade erst ein Proberaum- und ein Studiodemo veröffentlicht, aber Drummer Jussi war der Bruder von STONE-Gitarrist Roope Latvala.

„Das war ein Riesending! Vor dem Gig tuschelten wir uns zu, ey guck mal, da ist Roopes Bruder! Die hatten geile Jackson-Gitarren und konnten höllisch gut spielen. War auch ein Haufen Leute da“, erinnert sich Snoopy.

Da VIOLENT SOLUTION keine nennenswerte Fanbasis hatte, war ihr größter Live-Hit der SODOM-Klassiker Remember The Fallen – der einzige Coversong, den die Band je gespielt hatte. Es kam gut an, einen Song im Programm zu haben, den wenigstens ein Teil der Zuhörer kannte. Krönender Abschluss der Bandgeschichte war der Auftritt beim Hardcore Holocaust IV Club im Lepakko als Vorband von TODAY’S WASTE, RYTMIHÄIRIÖ sowie ENTOMBED, die soeben ihr monumentales Debüt Left Hand Path (1990) veröffentlicht hatten.

Beim Lepakko handelte es sich um ein ehemaliges Farbenlager im Helsinkier Stadtteil Ruoholahti. Ab 1967 diente das Gebäude obdachlosen Alkoholikern als Unterkunft, bis die Stadtverwaltung es im Sommer 1979 räumen ließ. Zwei Monate später wurde es von Aktivisten und dem zwecks Förderung der Livemusik gegründeten Verein Elmu besetzt. Ziel der Aktion war die Gründung eines alternativen Rockclubs, und schon bald fanden im labyrinthähnlichen Lepakko sowohl Konzerte statt als auch Theateraufführungen und Workshops. Hinzu kamen Proberäume, ein Studio sowie Zeitschriften- und Buchverlage.

Bis das legendäre Gebäude Ende 1999 dem Neubau einer Versicherungsgesellschaft weichen musste, war es das Mekka der Metalfans. Da es hier im Gegensatz zu den etablierteren Clubs keine Altersbeschränkung gab, kamen auch Jugendliche in den Genuss der regelmäßig stattfindenden Konzerte. Die Gesichter waren die gleichen wie in den Jugendzentren und am Heavy-Kiosk. Hardcore Holocaust war ein Clubkonzept, bei dem ein bekannter Hauptact zusammen mit mehreren kleineren finnischen Vorgruppen auftrat. Im Zuge von Thrashgrößen wie ANTHRAX hatten Headbanging und Stagediving im ansonsten eher für reserviertes Publikumsverhalten bekannten Finnland Einzug gehalten. Die Gigs im Lepakko waren intensiv und wild – hier war Rockmusik noch mit Abenteuer verbunden.

Die Jungs von VIOLENT SOLUTION waren Feuer und Flamme angesichts des kommenden Gigs, waren sie doch bereits Fans von ENTOMBED gewesen, als diese noch NIHILIST hießen. Die Mitglieder beider Bands standen bereits im Vorfeld miteinander in Kontakt und vereinbarten, dass Sänger Lars Göran „LG“ Petrov und Schlagzeuger Nicke Andersson bei Esa übernachten könnten. Dieser wohnte noch bei seinen Eltern; die Familie war kurz zuvor in eine Doppelhaushälfte im Süden das an Haaga angrenzenden Stadtteils Kaarela umgezogen. Die Finnen empfingen ihre schwedischen Kollegen mit großem Hallo am Helsinkier Hauptbahnhof. Man machte sich gegenseitig bekannt, und schon ging es zum Ort des späteren Geschehens, wo auch Koivusaari hinzustieß. Traditionsgemäß war reichlich Alkohol im Spiel, sowohl seitens der Künstler als auch des Publikums. Stark angeheitert war auch Nachwuchs-Rockreporter Nalle Österman, der selbst Schlagzeug spielte und mit den auftretenden Bands befreundetet war.

„Nalle schlief schon vor dem Auftritt von VIOLENT SOLUTION backstage ein. Er war halt so. Auch im Jugendzentrum hatte er immer einen im Tee und zog sich Fastfood rein“, erinnert sich Koivusaari. „Wir fesselten ihn mit Klebeband an seinen Stuhl und befestigten an dem Stuhl auch noch einen Weihnachtsbaum. Wir trauten unseren Augen nicht, als in seiner Konzertkritik im nächsten Rumba stand, dass VIOLENT SOLUTION grottenschlecht waren! Der Kerl war eingepennt und ich hab’ ihn eigenhändig an den Stuhl gefesselt, sodass er den Gig mit Sicherheit nicht gesehen hat.“

Snoopy bestätigt: „Ich sehe noch lebhaft vor mir, wie Nalle da lag, mitsamt dem Stuhl umgefallen. Ich hab’ bei der Fesselaktion selber mitgemacht. Aber sagen wir mal so, wenn ich im Suff eingepennt wär und man mich am Stuhl festgeklebt hätte, hätte ich den Gig auch verrissen. Insofern no hard feelings.“

Koivusaaris Erinnerung an die Rezension ist nicht ganz korrekt, denn Österman gab im Text zu, VIOLENT SOLUTION nicht gesehen zu haben, aber „dem Hörensagen nach habe ich nichts verpasst.“ Hinterher fuhr die ganze Truppe zu den Holopainens nach Hause. Da Esas Eltern daheim waren, wurde nicht mehr groß gefeiert, aber immerhin spielte LG ein bisschen auf dem Klavier.

„Wir fuhren tierisch auf ENTOMBED ab, deswegen war das alles äußerst genial. Die Jungs waren keine Stars, sondern froh darüber, irgendwo privat übernachten und sich das teure Hotel sparen zu können“, berichtet Snoopy. „Die haben mit ihren Gigs damals auch nicht die große Kohle gemacht. Nette Leute im Übrigen. Später waren wir mit denen in Amerika auf Tour, was lustig war, weil wir uns schon ewig kannten.“

Trotz des Eifers von Holopainen, Rechberger und Konsorten schlief VIOLENT SOLUTION schließlich ein, weil die Sache einfach nicht mehr genug Spaß machte. Außerhalb der Musik machte sich eine gewisse Frustration breit und der Geschmack wandelte sich mehr in Richtung Death Metal, wie schon bei Koivusaari ein Jahr zuvor.

„Ich war zuerst voll der Thrash-Fan“, berichtet Holopainen. „Ich hörte KREATOR und NUCLEAR ASSAULT. MORBID ANGELs Altars Of Madness (1989) war vom Stil her ’ne Kombination aus Thrash und Death und übertraf alles bisher Dagewesene. Damit entdeckte ich auch Earache als Label. Kurz danach erschien Symphonies Of Sickness (1989) von CARCASS und haute mich völlig aus den Socken. Auch BOLT THROWERs Realm Of Chaos – Slaves To Darkness (1989) war die absolute Härte – und natürlich Left Hand Path von ENTOMBED. Das waren dermaßen bahnbrechende Neuheiten, dass ich zum Death-Metal-Fan wurde.“

Für Snoopy waren SEPULTURA der Auslöser. Diese spielten zwar Thrash, waren aber von Ansatz und Gesangsstil her deutlich brutaler als NUCLEAR ASSAULT, ANTHRAX, METALLICA & Co. Gleichzeitig fühlte er sich immer mehr zum Schlagzeug hingezogen, und es nervte zusehends, zu den Proben bis nach Klaukkala fahren zu müssen. Kurz: Er sah wenig Sinn darin, bei VIOLENT SOLUTION weiterzumachen.

„Die Sache lag so, dass wir damals auf praktisch alles abfuhren, solange es Death Metal war. Ich hatte ja schon als Kind Schlagzeug gespielt, und das war für mich immer noch das Geilste. Gitarre machte auch Spaß, spiele ich heute noch, aber ich wollte mich mehr auf die Drums konzentrieren. Ich verkaufte Gitarre und Amp, und mein Dad kaufte mir ’n Schlagzeug. Selber hatte ich nicht das Geld dafür. Damit hatte auch die Singerei endlich ein Ende“, kommentiert Snoopy. Thrash und Speed waren somit out, und VIOLENT SOLUTION wurde im Herbst 1990 endgültig begraben. Der Hunger war immer noch da, aber Esa und Snoopy wollten sich mit härteren Waffen verwirklichen. Sie gründeten eine Death-Metal-Band und gaben ihr den Namen AMORPHIS.



4. ABHORRENCE – „ENDLICH HATTEN WIR DAS GEFÜHL, ZUR RECHTEN ZEIT AM RECHTEN ORT ZU SEIN“

WÄHREND VIOLENT SOLUTION mit Esa Holopainen weiter dem Thrash frönten, konzentrierte sich Tomi Koivusaari nach seinem Ausstieg darauf, eine der ersten Death-Metal-Bands Finnlands aufzubauen, nach Auffassung vieler sogar die erste überhaupt. Die von Koivusaari und Bassist Jussi „Juice“ Ahlroth im Herbst 1989 gegründete Gruppe fing als UNHOLY FURY an, taufte sich aber bald in ABHORRENCE um. Ihre Mitglieder wurden aus dem Freundeskreis rekrutiert. Die wenigen Death-Metal-Fans von Martinlaakso kannten sich untereinander persönlich oder zumindest dem Namen nach; Drummer Kimmo Heikkinen war ein gemeinsamer Freund der beiden und Sänger Jukka Kolehmainen wie auch Gitarrist Kalle Mattsson hatten zuvor mit Ahlroth zusammen bei REBIRTH gespielt. Mattsson war es auch gewesen, der Koivusaari seinerzeit bei ACCELERATE ersetzt hatte. Die erste Probe von ABHORRENCE fand im Dezember 1989 statt. Die Musiker waren damals 15–17 Jahre alt.

„Meine Bandkarriere begann aus Versehen“, berichtet Growler Kolehmainen. „In meinem Freundeskreis gab es viele Typen, die eigene Bands hatten, unter anderem auch Tomi, Snoopy und Mika Arnkil. Ich dachte, dass mir das auch Spaß machen könnte, und kaufte mir einen Bass samt Amp. REBIRTH spielte grottenschlechten Speedmetal. Die Rolle des Sängers fiel mir offenbar deswegen zu, weil die anderen schon ein bisschen spielen konnten und ich mein Zeug gerade erst gekauft hatte. Als Tomi irgendwann davon anfing, dass ihm VIOLENT SOLUTION nichts mehr brachte, hörten wir schon MORBID ANGEL, BOLT THROWER und die ganzen Earache-Sachen. REBIRTH und Tomi fanden zusammen, und als Ergebnis entstand ABHORRENCE.“


ABHORRENCE: Mattsson, Ahlroth, Kolehmainen, Koivusaari und Heikkinen.

Koivusaari und Kolehmainen lernten sich in der Mittelschule von Martinlaakso kennen. Koivusaari war in der siebten Klasse und der genau ein Jahr ältere Kolehmainen in der achten, aber die beiden wurden aufeinander aufmerksam, weil sie die einzigen Jungs mit langen Haaren waren und ihre Jeansjacken mit denselben Bandlogos verziert hatten. Sie verstanden sich auf Anhieb. Nach der Schule gingen die beiden oft zu Koivusaari und hörten in dessen Zimmer Musik. Tomi spielte dabei meist nach Gehör mit, ohne die Gitarre an den Verstärker anzuschließen. Wenn irgendwer aus der Clique eine neue Platte kaufte, wurde sie sofort für alle auf Kassette überspielt. Am aktivsten auf der Suche nach neuer Musik war Schlagzeuger Kimmo Heikkinen, der schon zur Zeit seines Einstiegs bei ABHORRENCE leidenschaftlich Tapes tauschte. Wie viele Musiker damals veröffentlichte er ein eigenes Fanzine, wodurch sich sein Kontaktnetz ständig erweiterte. Die Qualität der Hefte reichte von zusammengehefteten Schwarzweißkopien bis zu professionellen Farbdrucken. Der Satz erfolgte in der Regel mit Schere und Klebstoff. Wie auch immer die technische oder linguistische Qualität geartet war, die Zine-Kultur blühte und bereitete dem Death Metal den Weg.

Das in den achtziger Jahren aufgekommene Tapetrading, sprich das Tauschen von Demokassetten und Livemitschnitten, wurde zu einem globalen Underground-Phänomen. Das gemeinsame Ziel der Trader – darunter Musiker ebenso wie Fans und Zine-Reporter – lag darin, marginaler Musik mehr Gehör zu verschaffen. Sie kopierten eigenhändig Kassetten, Einlage- und Infoblätter und schickten sie an alle Interessenten. Kontaktadressen wurden untereinander weitergegeben oder Demo-Covern und Kleinanzeigen in den Zines entnommen. Je aktiver eine Band dabei war, desto größer ihre Chance, von Undergroundpresse, Publikum und Plattenfirmen wahrgenommen zu werden.

Ein weiterer Guru der finnischen Trading-Szene neben Heikkinen war Luukas „Luxi“ Lahtinen, der auch für diverse Zines schrieb. Er begann schon Mitte der Achtziger mit dem Kassettentauschen, da es zu jener Zeit in Finnland fast unmöglich war, Aufnahmen unbekannter Bands zu finden, Mindestens ebenso wichtig war es ihm, einheimische Metal- und Hardcorepunkbands im Ausland bekannt zu machen. Damals gab es in ganz Finnland keine zehn Trader.

„Wir kauften Platten oft aufgrund von Cover oder Songnamen, denn es gab kein Internet, wo man die Musik vor dem Kauf hätte anchecken können“, erinnert sich Lahtinen. „Zum UG-Metal kam ich über die schwedische Zeitschrift Okej. Bevor die zum Teenieblatt mutierte, inserierte auf der Rückseite ein Vertrieb, der eine Riesenmenge Veröffentlichungen feilbot. Ich suchte immer extremeres Zeug. Je mehr Leder, Nieten und Pentagramme, desto besser.“

Die Kassetten, die Lahtinen auf seinem Philips-Doppeldeckrekorder kopierte, tauschte er unter anderem mit Chuck Schuldiner von DEATH (1967–2001) und Euronymous von MAYHEM (1968–1993), der zufällig am selben Tag geboren war wie Lahtinen selbst. Seine Sammlung umfasste schließlich mehrere Pappkartons, und sein Adressbuch war voll bis zur letzten Seite.

An der Schwelle der neunziger Jahre wurde der Metal zunehmend brutaler. Die Briten von NAPALM DEATH waren schon Mitte der Achtziger darauf gekommen, die Wut des HC-Punk mit der Energie des Thrash und der Härte der ersten Black-Metal-Welle zu verschmelzen. Das schnelle, tief gestimmte, chaotische und animalische Treiben erhielt den Namen Grindcore. Der Death Metal schöpfte aus denselben Quellen, war jedoch technisch weiter entwickelt und weniger anarchistisch. Als erste Death-Metal-Bands gelten POSSESSED aus Kalifornien, DEATH, MORBID ANGEL, OBITUARY und DEICIDE aus Kalifornien, CANNIBAL CORPSE aus Buffalo sowie die britischen CARCASS, auch wenn deren erste Aufnahmen noch in die Kategorie Grindcore fielen. Diese Bands griffen von KREATOR, SLAYER, VENOM und CELTIC FROST bekannte Elemente – Atonalität, Gitarrensounds, Doublebass, aggressiven Gesang und gewalttriefende Lyrik – auf und entwickelten sie in eine härtere Richtung. Das Genre verbreitete sich in Skandinavien dank der aktiven Trading- und Undergroundszene. In Schweden entstanden gleich zwei unterschiedliche Strömungen: der melodische Göteborg-Metal und der rauere, brutalere Stockholm-Sound. Beide Stile stießen auf ein weltweites Echo und inspirierten weit über Schwedens Grenzen hinaus eine Vielzahl von Bands.

In Finnland war Death Metal jedoch noch so selten, dass seine Hörer als merkwürdige Gestalten angesehen wurden – von den Musikern ganz zu schweigen. Dies schreckte die Clique in Martinlaakso natürlich nicht ab, sondern schweißte sie im Gegenteil noch enger zusammen. Das Wort „brutal“ war ein Lob: je brutaler der Sound einer Band, desto höher ihre Glaubwürdigkeit in der Underground-Szene.

„Wir hatten das Gefühl, dass die anderen unsere Kunst nicht verstehen, und begriffen nicht, dass sie einfach diese Art von Musik nicht mochten“, reflektiert Kolehmainen. „Halb aus Versehen verschanzten wir uns hinter einer Mauer und betrachteten den Rest der Welt als dumme Schafe. Unser kleiner Freundeskreis war mit seinem Hobby ziemlich allein. Wir waren eher introvertiert als schüchtern. Ein paar Spinner, die zusammen Death Metal hörten und Spaß hatten.“

Für ABHORRENCE entwickelten sich die Dinge schneller und in größerem Maßstab als bei allen Vorgängerbands der Mitglieder zusammen. Fernab vom Mainstream traf die Band den Nerv der Zeit. Nur zwei Monate nach ihrer Gründung fand sie sich im Nummijärvier Studio Syke Oy wieder, wo auch VIOLENT SOLUTION ihr Demo aufgenommen hatten. Das bleischwere, ungeschliffene Demo Vulgar Necrolatry wurde in zwei jeweils sechsstündigen Sessions am 9. und 11. 02. 1990 zum Kostenpunkt von 800 Finnmark (etwa 135 Euro) aufgenommen und enthielt vier Stücke: Intro: The Cult, Vulgar Necrolatry, Pleasures Of Putrid Flesh und Devourer Of Souls.

„Die Aufnahmen fanden in einem furchtbaren Kellerloch statt, in dem sonst eine Jazzcombo aus Nurmijärvi ihre Demos aufnahm“, erinnert sich Kolehmainen. „Einer von den Jazzern saß am Mischpult. Er hatte keinen blassen Schimmer von der Sache und offensichtlich auch keinen Bock. Saß die ganze Zeit nur mit saurer Miene da und raffte absolut nicht, was wir von ihm wollten. Als es einigermaßen nach dem klang, was uns vorschwebte, motzte er, das alles falsch war.“

Das düstere Keyboardintro mit dem in künstlich vertiefter Stimme gesprochenen Text entstand erst vor Ort. Ahlroth hatte den Text spontan geschrieben und begann, sobald die Sprachaufzeichnung im Kasten war, auf dem Synthesizer geeignete Hintergrundgeräusche dafür auszuprobieren. Nach einer Weile verkündete er: „Okay, wir können die Keyboards aufnehmen!“ Die Antwortet lautete: „Sind schon auf Band!“

Das Tonband war teuer und der Toningenieur hatte keine Lust, an Details zu feilen, die ihm unwesentlich erschienen. Unter Kopfschütteln hörten sich die Musiker das Stück viele Male an. Zum Schluss packten sie etwas Echo dazu, wodurch das Intro finsterer und mystischer klang – also besser. „Auf dem Demo sind ziemlich viele spontane Fehler, die im Nachhinein vorteilhaft waren. Es ist zu bedenken, dass die meisten von uns an den Grenzen ihres Könnens waren, vor allem der Drummer“, kommentiert Kolehmainen. Trotz der Schönheitsfehler war die Band stolz auf ihr Erstlingswerk. Das Tape klang frisch und nach etwas Eigenem.

„Auch die Songs hatten für uns etwas Neues, was zuvor noch nicht dagewesen war“, analysiert Koivusaari. „Wir waren so früh in der Demoszene mit dabei, dass noch nicht viele Aufnahmen dieser Art existierten. Im Grunde wusste noch niemand, was Death Metal eigentlich war. Im Vergleich zu den übrigen Demos klang unseres gut. Wir hatten endlich das Gefühl, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein.“


Koivusaari auf der Bühne, 1990

Sobald die Band die fertige Aufnahme in den Händen hatte, begann eine massive Tradingkampagne. Kopiert wurde auf das billigste Medium, das es im Laden gab: 30 Minuten lange, rosafarbene Hello-Kitty-Kassetten. ABHORRENCE bewarben ihr Produkt in Fanzines und auf Flyern. Als wichtigste Einflüsse waren dort CARCASS, BOLT THROWER, ENTOMBED, MORBID ANGEL und IMMOLATION aufgelistet. Anstatt jedoch einfach nur Vorbilder zu kopieren, gelang es der Band, etwas Eigenes und Individuelles zu schaffen. Ihr primitiver, finsterer, tonnenschwerer und tief herunter gestimmter Grabessound wurde später von zahlreichen Bands nachgeahmt. Wer ein Demo haben wollte, schickte eine Leerkassette und Rückporto. Der Aufnahme lagen ein Textblatt, eine Kopie des Kassettencovers und ein paar Flyer bei. Der Hauptzweck des Demos bestand darin, schnell etwas zu veröffentlichen und Gigs an Land zu ziehen. Schon bald winkten die Bühnen der Jugendclubs.

Die ersten Konzerte der Band dauerten keine halbe Stunde. Mangels Material kam es vor, dass dasselbe Stück während eines Gigs zweimal gespielt wurde. Das Repertoire umfasste auch zwei Coverversionen: Chapel Of Ghouls von MORBID ANGEL und BOLT THROWERs World Eater, letzteres gebrummt von Koivusaari. Die eigenen Songs entstanden aus Riffideen und Torsos, die im Proberaum zusammengeschustert wurden. Die Musik stammte überwiegend von Koivusaari, die Texte von Ahlroth. An den Arrangements wurde so lange gefeilt, bis alle Mitglieder zufrieden waren. Die Gruppe probte in der Schule von Martinlaakso, zuerst im Musikzimmer und später im „Studio“, einem kleinen Raum mit schallisolierten Wänden.

„In der Schule probten zwei Bands. Die andere bestand aus Kids, die Musik als Schwerpunktfach hatten. Sie coverten HEART, notengetreu und hübsch gesungen. Ich hab da selber mal reingeschnuppert, zu der Zeit, als ich bei ACCELERATE ausgestiegen war und nur zu zweit mit Rytkönen spielte. Die gingen allerdings etwas anders an die Musik heran als ich: Sie spielten nach Noten und ich nach Gehör“, erinnert sich Koivusaari und fährt fort: „Und dann war da unser Trauerspiel. Der Musiklehrer kam zwischendurch gucken, wie wir mit totaler Hingabe bei Kerzenlicht mit tief runtergestimmten Gitarren Vulgar Necrolatry abzogen und dazu moshten. Er schüttelte nur den Kopf sagte: ‚Aus der Scheiße wird nie was. Ich tu mir das nicht nochmal an. Macht, was ihr wollt!‘ Danach konnten wir in Ruhe unser Ding durchziehen. Das war schon sehr geil.“

Dass ihre Musik von Autoritäten und Mainstream gehasst und zurückgewiesen wurde, zeigte den Bandmitgliedern, dass sie auf dem richtigen Weg waren. Nun brannten sie erst recht darauf, sich auf ihre Berufung zu konzentrieren und dem Rest der Welt den Mittelfinger zu zeigen. ABHORRENCE demonstrierten ihr Können auch auf einem der Nachwuchswettbewerbe, die Anfang der Neunziger des Öfteren stattfanden. Zur Überraschung aller kam die Band trotz harscher Kritik in die zweite Runde. Die Jury notierte ihre Bemerkungen auf einem Bogen Papier, den die Gruppe hinterher mit nach Hause nehmen durfte:

– Krasser Gesang, sehr effektiv. Aber ob der Sänger in ein paar Jahren überhaupt noch eine Stimme hat?

– Man hat das Gefühl, das Haareschütteln sei das Wichtigste. Ein mystischer Ritus, der auch woanders stattfinden könnte. Mit Rock hat das nicht viel zu tun.

– Teilweise sehr beeindruckend, geht heftig zur Sache – aber vielleicht ein bisschen zu eintönig?

– Was genau ist eure Message?

– Effiziente Truppe mit der richtigen Einstellung.

Koivusaari und Kolehmainen erinnern sich, dass in der Jury mindestens der als Radioreporter und allgegenwärtige Szenefigur bekannte Jone Nikula sowie Kimmo Helistö – Kommunalpolitiker, Produzent, Musiker und Unternehmer – saßen, außerdem „irgend’ne Kulturtante“, die vermutete, dass Kolehmainens Stimme in zehn Jahren wie Froschgequake klingen würde.

Als Belohnung für das Erreichen der zweiten Runde durften ABHORRENCE bei einem Open-Air-Konzert auftreten, das am letzten Schultag des Sommers 1990 auf dem Helsinkier Bahnhofsplatz stattfand. Die Passanten rieben sich verwundert die Augen angesichts der headbangenden Teenager, die mitten am Tag im Stadtzentrum bleischweren Death Metal von sich gaben. Zur Freude der Band sorgten die umliegenden Gebäude für ein weitreichendes Echo. Die frühe Uhrzeit war für sie nichts Besonderes, da auch die Konzerte in den Jugendzentren zwischen 12 und 17 Uhr stattfanden.

Auch wenn nicht jeder Gig ein Spitzenerfolg war, tat sich an der Demofront einiges. Drummer Heikkinen hatte die Kassette fleißig in diversen Zines und über sein großes Kontaktnetz angepriesen. In der Folge trudelten so viele Bestellungen ein, dass Koivusaari und Ahlroth täglich stundenlang zu tun hatten.

„Wir überspielten jeden Tag Kassetten und brachten sie zur Post. Die Sache lief so, dass ich zum Beispiel das Demo von NIHILIST bestellte und bekam. Mit im Umschlag waren Flyer von anderen Bands, die ich kopierte und wiederum unseren eigenen Kassetten beilegte. Es war einfach so, dass wir alle im selben Boot saßen und uns gegenseitig auf coole Bands aufmerksam machten“, referiert Koivusaari.

Ahlroth schätzte in einem Interview mit Axe Fanzine im Jahr 1990, dass von dem Demo alleine in den ersten vier Monaten rund 300 Stück in alle Welt gegangen waren. Koivusaari verschickte seiner Erinnerung nach eigenhändig mehrere hundert Kopien, was einen gewissen Rückschluss auf die Nachfrage zulässt, da der Großteil des Versands nicht von ihm oder Ahlroth erledigt wurde, sondern von Heikkinen. Dieser beschrieb seinen Alltag gegenüber dem französischen Peardrop-Zine noch im selben Jahr wie folgt: „Ich tu nichts außer Briefe, Interviews und Kassettenanfragen beantworten, Musik hören, proben, auftreten, Bücher und Zines lesen, mein eigenes Zine machen, Freunde treffen und fernsehen.“

Das ABHORRENCE-Demo wurde auch von anderen hilfsbereiten Tradern weiterverbreitet, darunter Luxi Lahtinen. Bald darauf fand Koivusaari in der Post einen Brief von Steve O’Bannon, einem Amerikaner, der gerade eine Plattenfirma namens Seraphic Decay Records gegründet hatte. O’Bannon war von Vulgar Necrolatry äußerst angetan. Er schrieb, dass er Koivusaaris Adresse von Lahtinen erhalten habe und der Band einen Vertrag über die Veröffentlichung einer 7“-EP anbieten wolle. Die Auflage wäre limitiert, und falls alle Exemplare über den Ladentisch gehen sollten, ließe sich auch über eine LP oder zumindest ein Mini-Album diskutieren – frei und ohne gegenseitige Verpflichtung. Die Band konnte es kaum glauben.

„Wir hatten gerade ein Demo gemacht, wochenends waren Gigs und alle waren happy“, denkt Koivusaari zurück. „Klar waren wir hin und weg, als uns eine amerikanische Firma einen Deal anbot. Und nicht mal direkt eine LP haben wollte. Das klingt jetzt sicher doof, aber wir überlegten ernsthaft, ob wir wirklich ein Album machen sollten, falls wir es angeboten bekämen, oder ob das zu kommerziell wäre. EPs, Singles und Demos waren okay, weil wir nie daran dachten, Geld zu machen oder von der Musik zu leben. Musik war einfach unsere Welt. Wir unterschrieben den Vertrag, der auf eine Seite passte, und versprachen damit dem Label ein auf eigene Kosten aufgenommenes Band, für das wir als Gegenstück 50 Stück der fertigen Pressung erhalten würden.“ Für Seraphic Decay sprach auch, dass sie bereits diverse andere angesehene UG-Bands mit ähnlichen Verträgen für sich gewonnen hatte, unter anderem INCANTATION, IMMOLATION, MORTICIAN und die Turkuer Kollegen XYSMA und DISGRACE. Vom 30.06. bis zum 04. 07. 1990 waren ABHORRENCE in Timo Tolkkis TTT-Studio, um die Songs für die dreizehnminütige EP aufzunehmen. Sie trug schlicht den Namen der Band und begann mit einem Intro aus Kirchenglocken, Synthesizerteppich und unheilschwangeren Growls, gefolgt von den Songs Pestilential Mists, Holy Laws Of Pain, Caught In A Vortex und Disintegration Of Flesh. Das Cover und das neue Logo zeichnete Lahtinen. Es entsprach der typischen Death-Metal-Ästhetik seiner Zeit: Totenschädel, Eiter, Würmer und „Kloakenbazillen“. Die Soundlandschaft war klarer und weniger dumpf als auf dem Demo. Die Gitarren waren brachial verzerrt, der Bass in den tieferen Regionen des Stereomixes deutlich auszumachen, die abwechslungsreichen Drums sorgten für Akzente und Kolehmainens Todesröcheln für kalte Schauer. Die Spieltechnik war noch ein gutes Stück von der Perfektion entfernt, aber das Songmaterial hatte Qualität und einen eigenen Touch.

„Wir hatten die Gitarren zweieinhalb Ganztonschritte tiefer gestimmt, aber wir verwendeten Neunersaiten, weil wir nicht auf die Idee kamen, dickere zu kaufen. Wenn ich die Klampfe mit den Saiten nach unten hielt, hingen sie durch wie Wäscheleinen. Unser Gitarren-Setup bestand aus einem alten Fender-Basscombo, einem winzigen Marshall-Amp und einem Metal-Charger-Distortionpedal. Damals war es eine Art Regel, dass der Sound scheiße sein musste. Tolkki raffte das nicht. Er hatte gerade ein sauteures Multieffekt-Rack mit zig bunten Lämpchen angeschafft“, erzählt Koivusaari.

Die Band wollte ihre eigenen Geräte verwenden, Tolkki dagegen seine teuren Neuheiten. Er versicherte, dass auch auf diesen der richtigen Sound zu finden sei, und begann, nach diesem zu suchen. Stunden vergingen, und Tolkkis Oberlippe begann wieder einmal zu zittern. „Warum in aller Welt ist euch das nicht gut genug?“, fragte er verärgert. „Das klingt zu gut, der Sound ist zu sauber“, antwortete Koivusaari.

Schließlich willigte Tolkki zähneknirschend ein und platzierte das Aufnahmemikrofon vor dem Fender, an dem der Metal Charger hing. Die Band fand, dass es jetzt endlich so dreckig klang, wie es sollte, wofür der an traditionelleren Metal gewöhnte Tolkki nur ein Kopfschütteln übrig hatte. Aber wer hätte auch ahnen können, dass das Produkt dieser halbwüchsigen Amateure sich zu einem mittleren Kultklassiker auswachsen würde?

ABHORRENCE veröffentlichten während ihrer zwölfmonatigen Lebensdauer nur ein Demo und die EP; ihre etwa 15 Gigs fanden überwiegend in Jugendzentren statt. Dessen ungeachtet – und ohne Wissen der Mitglieder – nahm der Ruf der Band im weltweiten Death-Metal-Underground schon bald legendäre Züge an. Hierzu trugen neben der Musik selbst vor allem Heikkinens Trading-Leidenschaft sowie der Mangel an guten finnischen Bands bei. Die Vertreter des Death Metal ließen sich an einer Hand abzählen, und im Großraum Helsinki waren ABHORRENCE die einzigen. Sie mischten die ganze Szene auf, und ihr Timing war perfekt.

„Der Stockholm-Sound war damals schwer angesagt und die finnischen Bands bemühten sich um ein ähnliches Feeling, aber mit einem eigenen Stil“, analysiert Lahtinen. „FUNEBRE hatten neben schwedischen Einflüssen auch viel von den frühen OBITUARY, mit fettem Sound und heruntergestimmten Gitarren. Aus Turku kamen außer denen noch XYSMA und die Death’n’Roll-Pioniere von DISGRACE. Und schließlich aus der Hauptstadtregion ABHORRENCE, die in UG-Kreisen eine ganz große Nummer waren. Leute wie die Jungs von INCANTATION und Chris Reifert von AUTOPSY lobten ABHORRENCE in höchsten Tönen. Ich war überrascht, wie groß auf einmal das Interesse an der finnischen Szene war. Die Schweden waren ihrer Zeit voraus, aber dann kamen die Finnen. Wir hatten etwas ganz Neues.“

Ungeachtet des positiven Echos in der Szene und des eigenen Grundsatzes, zum Spaß und ohne große Pläne Musik zu machen, begann vor allem Kolehmainen, sich über die Machenschaften von Seraphic Decay zu ärgern. Er berichtet, dass ABHORRENCE den Vertrag nicht unterschrieben hatten, sondern beide Parteien telefonisch vereinbarten, dass die Band dem Label das Master-DAT senden würde, dieses jedoch nach dem Pressen der EP sofort wieder zurückbekäme. Die digitalen Tonbänder waren so teuer, dass die Band kein zweites Exemplar hatte. Seraphic Decay besaß somit das einzige Master-Band und sendeten es nie zurück. Die mündliche Vereinbarung war auch ansonsten nicht ganz wasserdicht:

„Wir hätten von jeder Auflage 10 Prozent der gepressten Scheiben erhalten sollen. Von den ersten 500 bekamen wir auch die versprochenen 50 Stück, aber dabei blieb es. Angeblich wurden von der EP mindestens vier Auflagen gepresst. Wenn das jeweils 500 Stück waren, macht das insgesamt 2000. Ich habe gehört, dass O’Bannon entweder das Originalmaster oder eine Kopie davon nach Mexiko verkauft hat. Davon wurden später Split-CDs mit AMORPHIS und ABHORRENCE produziert. Bootlegs gibt’s davon ohne Ende“, schimpft der Sänger.

Auch innerhalb der Band begann es zu kriseln. Heikkinen verlor urplötzlich die Lust auf Trading, Metal und sein Schlagzeug. Die Leidenschaft war dahin und er wollte das Ganze hinter sich lassen. Laut Koivusaari hatte die Band Heikkinen seinerzeit deshalb rekrutiert, weil er mit seinem Zine und seinen Tapes so bekannt in der Szene war und obendrein unbegreiflich schnelle Blastbeats spielen konnte, ohne Bassdrum.

„Kimmo durfte damals wählen, ob er einen Computer haben wollte oder ein Schlagzeug“, erinnert sich Koivusaari. „Er hatte sich schon für den PC entschieden, aber als wir ihn in die Band einluden, wählte er das Drumkit. Kimmo war ein bisschen anders als wir anderen. Er war eher der Studententyp. In der ganzen Szene passierte plötzlich etwas, die Leute warfen ihre Platten auf den Müll und fanden auf einmal alles scheiße. Das galt auch für Kimmo. Nach dem Split hab’ ich ihn 20 Jahre lang aus den Augen verloren.“

Ersetzt wurde Heikkinen durch Koivusaaris und Rechbergers Nachbarn Mikael Arnkil, der schon für VIOLENT SOLUTION Cover gezeichnet hatte und dessen Band ANTIDOTE gerade Pause machte. Kurz danach gaben ABHORRENCE ihr erstes und einziges Konzert im Ausland. Sie hatten einige Zeit zuvor ihre norwegischen Kollegen von CADAVER, Bekannte aus der Trading-Szene, für zwei gemeinsame Gigs nach Helsinki eingeladen. Der erste davon fand im traditionsreichen Nachtclub Botta statt; mit von der Partie war eine CELTIC FROST -Coverband namens KERAVAN KYLMÄT, bei denen zufällig Arnkil sang. Gitarrist war der später als Drummer von KYYRIA und HIM bekannte Mika „Gas Lipstick“ Karppinen. Der zweite Auftritt war beim Hardcore-Holocaust-Club im Lepakko mit THERION und TERVEET KÄDET.


ABHORRENCE (von links): Arnkil, Ahlroth, Kolehmainen, Koivusaari und Mattsson.


Im Gegenzug hatten CADAVER versprochen, dem Quintett aus Vantaa einen Gig in Norwegen zu verschaffen. Gitarrist Anders Odden und der singende Schlagzeuger Ole Bjerkebakke hielten Wort: Am 28. 09. 1990 traten CADAVER und ABHORRENCE im Vorprogramm von DARKTHRONE im Osloer Club Bootleg auf. DARKTHRONE hatten zu jenem Zeitpunkt vier Death-Metal-Demos veröffentlicht und ihr Debüt Soulside Journey aufgenommen, das jedoch noch nicht das Licht der Welt erblickt hatte. Später entwickelte sich die Band zu einem der bedeutendsten Bannerträger des norwegischen Black Metal.

Während ABHORRENCE spielten, wich das Publikum plötzlich zur Seite und gab den Weg frei für zwei Horrorgestalten in Corpsepaint. Unter den halb zerfetzten schwarzen Klamotten und den aus Netzstrumpfhosen fabrizierten Ärmeln blitzte Metall hervor. Anstatt zu moshen oder einfach nur herumzustehen, warfen sie sich in dämonische Posen und warfen drohende Blicke in Richtung Bühne.

„Ich traute mich gar nicht, die anzugucken, während wir unser DEATH-Programm abspulten. Die sahen gefährlich aus!“, erinnert sich Koivusaari.

Nach dem unangenehmen Auftritt wurde die Band von einem norwegischen Fernsehteam interviewt. Ole von CADAVER verkündete, dass nach dem Set von DARKTHRONE bei deren Kumpels zuhause eine Afterparty steigen würde. „Die Jungs von DARKTHRONE waren genauso schmächtige Bürschchen wie wir. So um die 16 rum. Die Band war nichts Besonderes, aber das Logo blieb mir im Gedächtnis. Im Publikum waren vielleicht 40 Leute.“ Nach der Show erschien das diabolische Duo backstage. Mit zerlaufener Schminke sahen die beiden noch böser aus als vorher. Zu jener Zeit verwendeten nur sehr wenige Bands Corpsepaint, und wenn, dann nur auf der Bühne. Den finnischen Gästen schlug das Herz bis zum Hals. Ole stellte die beiden vor.


ABHORRENCE in Orivesi.

Es handelte sich ausgerechnet um besagte Kumpels, bei denen die Party stattfinden sollte: Per „Dead“ Ohlin und Øystein „Euronymous“ Aarseth von der Band MAYHEM. Der zweifelhafte Ruf dieser Truppe war bis nach Finnland vorgedrungen, obwohl sie erst drei Demos und die EP Deathcrush (1987) veröffentlicht hatte. Zwar flirtete auch manche finnische Band mit dem Satanismus, aber diese jungen Herren schienen mit vollem Ernst dabei zu sein. Euronymous galt als Anführer der norwegischen Black-Metal-Bewegung und Initiator von Kirchenbrandstiftungen und sonstigen Radikalmaßnahmen . Von Dead hieß es, er sei davon überzeugt, ein Totengeist aus einer anderen Welt zu sein, und halte seine Umgebung für nichts als einen Traum. Der esoterische Sänger hatte die Angewohnheit, seine Bühnenklamotten vor Auftritten tagelang in der Erde zu vergraben und sich auf der Bühne dadurch in Stimmung zu bringen, dass er aus einer Plastiktüte inhalierte, in der eine tote Krähe lag. Er wollte nicht nur aussehen, klingen, stinken und sich anfühlen wie ein Toter – er wollte tot sein. Nun saß er also in voller Kriegsbemalung bei ABHORRENCE im Hinterzimmer und warf sein Messer gegen die Wand.

Nach langer Zugfahrt erreichte die Gesellschaft schließlich das Hauptquartier von MAYHEM, ein zweistöckiges Bauernhaus in Kråkstad, in dem die Band wohnte und probte. Mit dabei waren diverse weitere norwegische Szenefiguren, unter anderem Jon „Metalion“ Kristiansen, angesehener Herausgeber des Slayer Mag. Der 22-jährige Euronymous verhielt sich den Finnen gegenüber höflich und gastfreundlich. In bester Stimmung unterhielt er sich mit ihnen über alles Mögliche von Metal bis Religion und spielte den Gästen keine verrauschten Demos vor, sondern das neue Album von Steve Vai.

Der ein Jahr jüngere Dead war ein bizarrerer Fall. Der introvertierte Künstler litt unübersehbar an schweren psychischen Problemen. Auch auf der Party verhielt er sich drohend und unberechenbar. Zwischendurch verschwand er nach draußen und kam schweißgebadet wieder herein, gekleidet nur in Unterhose und Patronengürtel. Die kalte Oktobernacht hatte ihn zu einem spontanen Waldlauf verleitet.

„Wir nahmen Teile der Fete im Suff auf Video auf. Mitten in der Nacht beschlossen MAYHEM, im Keller zu proben, was wir ebenfalls aufnahmen. Dead sagte hinterher, er würde uns umbringen, wenn irgendwer das zu sehen bekäme“, sagt Koivusaari.

MAYHEM wurde nachgesagt, dass sie eingeschlafenen Gästen die Socken in Brand stecken würden, weswegen die Finnen versuchten, wach zu bleiben. Zunächst glückte dies, doch irgendwann schlief Koivusaari ein – ausgerechnet im Bett von Dead: „Ich wachte dadurch auf, dass Dead mich auf den Boden wälzte.“ Es hätte schlimmer kommen können. Viel schlimmer.

Ein halbes Jahr nach der Party wurde Dead im selben Haus tot aufgefunden. Er hatte sich mit einem Küchenmesser die Schlagader aufgeschlitzt und sich mit einer Schrotflinte in den Kopf geschossen. Zwei Jahre später wurde Euronymous vom BURZUM-Frontmann und damaligen MAYHEM-Bassisten Varg Vikernes mit 23 Messerstichen getötet: zwei in den Kopf, fünf in den Hals und 16 in den Rücken. Den Musikern aus Vantaa erschien das Geschehen vollkommen absurd und unbegreiflich.



Koivusaari neuer Look: mehr Hippie als Death Metal.

IN IHRER HEIMAT waren ABHORRENCE mittlerweile so bekannt, dass ihre Songs auf den Gigs erkannt wurden. Die Fanbasis wuchs ständig. Dies ist auch der Treue der südfinnischen Death-Metal-Kreise zu verdanken: Die Kids aus dem Lepakko fuhren auch zu Gigs in die etwas weitere Umgebung. Kolehmainen beschreibt die Gigs von ABHORRENCE als „heilloses Durcheinander“ und „soeben noch beherrschtes Chaos“. Bewusst wurde sich die Band ihrer zunehmenden Popularität erstmals in Riihimäki, einer etwa 50 km von Vantaa entfernten Kleinstadt, wo sie am 26. 10. 1990 zusammen mit XYSMA, NECROMANCER, DISGRACE, MANIFEST und TEA BAGS im Kino Sampo auftrat.

Das Lichtspielhaus – eines der ältesten noch aktiven in ganz Finnland – hatte eine Empore, die den Bands als Backstagebereich diente. Von dort aus wurden unter reichlichem Alkoholgenuss die Kollegen auf der Bühne angefeuert. Als ABHORRENCE selber an der Reihe waren, hatten alle schon kräftig einen sitzen.

„Wir benahmen uns auf der Bühne genauso wie wenn wir selbst das Publikum waren“, beschreibt Kolehmainen. „Bier und billiger Johannisbeerwein gehörten einfach dazu. Als der Kino-Gig anfing und ich bei der ersten Nummer losgrowlen wollte, kotzte ich stattdessen über das Mikro. Zum Glück hat’s keiner gemerkt, die Menge brüllte nur ‚Jeee!‘“

Der folgende Auftritt in Orivesi war Arnkils letzter in den Reihen der Band. Der Schlagzeuger hatte beschlossen, zu seiner früheren und mittlerweile reaktivierten Band ANTIDOTE zurückzukehren. ABHORRENCE wollten den bereits gebuchten Gig im Jugendzentrum Herttoniemi nicht absagen und fragten Ex-Drummer Kimmo Heikkinen, ob er noch dieses eine Mal aushelfen könne. Heikkinen sagte zu.

Im Laufe des einjährigen Bestehens der Band waren die Geschmäcker ihrer Mitglieder allmählich vom Death Metal abgedriftet. Koivusaari begeisterte sich erst für Grindcore à la NAPALM DEATH und SORE THROAT, bis ihn plötzlich THE DOORS, PINK FLOYD und dergleichen in andere Sphären lockten. Hinsichtlich des Death Metal war eine gewisse Übersättigung eingetreten: zu viel des Guten in zu kurzer Zeit.

„Juice hatte sich schon als Protest eine Ponyfrisur schneiden lassen“, erinnert sich Koivusaari. „Die letzten Gigs spielte er im Trainingsanzug. Man sah ihm an, dass er keinen Bock mehr hatte.“

Die Musik stammte überwiegend von Koivusaari, die Texte von Ahlroth. Beide kamen zu dem Schluss, dass ABHORRENCE sich überlebt hatte. Das Feeling war nicht mehr da. Die übrigen Bandmitglieder erfuhren erst nach und nach von der Entscheidung. „Jukka kriegte als letzer mit, dass Schluss war. Er musste gerade zum Wehrdienst und sich die Haare abschneiden, was ihn ankotzte. Nach ein paar Wochen rief er an und fragte, wann wir das nächste Mal proben. Ich antwortete, ‚gar nicht, wir haben uns aufgelöst‘. Er war lange sauer deswegen. Damals gab es weder Handys noch E-Mail, sondern alle wohnten bei ihren Eltern und waren auf Schnurtelefone angewiesen“, kommentiert Koivusaari.

Der letzte Gig von ABHORRENCE fand am 18. 11. 1990 im Jugendzentrum Herttoniemi statt. Bei der Veranstaltung traten auch ALENNUSMYYNTI und NUXVOMICA auf. Den Bass der letzteren bediente ein junger Mann namens Olli-Pekka Laine, genannt „Oppu“.





5. DIE GEBURT VON AMORPHIS

MAN SCHRIEB DEN Spätherbst 1990, als sich Esa Holopainen, 18, und Jan „Snoopy“ Rechberger, 16, nach einem Proberaum für ihre neu gegründete Death-Metal-Band umsahen. Ein geeigneter Luftschutzkeller fand sich mitten in Helsinki, genauer gesagt in der Malminkatu in Kamppi. Snoopy verkaufte sein Gitarrenequipment und sein Vater besorgte ihm ein gewaltiges Pearl Export-Drumkit mit sechs Toms und zwei Bassdrums. Sie probten zunächst zu zweit und begannen, mögliche Bandmitglieder zu sichten. Diverse Bekannte kamen probeweise vorbei, bis schließlich Tomi Koivusaari, 17, als Sänger engagiert wurde. Koivusaari spielte noch bei ABHORRENCE und gab seine Zusage daher nicht sofort mit vollem Ernst.

„War schon etwas komisch, dass Snoopy und Esa VIOLENT SOLUTION auflösten, um eine Death-Metal-Band zugründen. Gerade noch hatten sie das ganze Genre heruntergemacht, und jetzt fingen sie selbst damit an. Ich hatte auf den ABHORRENCE-Gigs das BOLT-THROWER-Cover gesungen und gemerkt, dass es mit dem Growlen ganz gut klappt. Also stieg ich bei denen als Sänger ein“, erinnert sich Koivusaari.

Für den Viersaiter war nur ein Name im Gespräch: Olli-Pekka Laine, 17 (geb. 05. 02. 1973). Oppus Hauptband NUXVOMICA spielte progressiven Death Metal, der die traditionellen Elemente des Stils mit untypischeren Akzenten wie Cleangesang und unverzerrten Gitarren würzte. Die Band hatte ein Demo veröffentlicht und war in ein paar Jugendzentren aufgetreten. Der junge Bassist war in der Szene außerdem als Mitglied von SININEN HEVONEN bekannt, einer humoristischen Hardrock-Truppe, in der auch der spätere AMORPHIS-Keyboarder Kasper Mårtenson spielte. Weitere Mitglieder waren Rockreporter Nalle Österman, der später zum Elektro gewechselte Ville Juvonen sowie der heutzutage unter anderem als Initiator einer jährlichen Metal-Weihnachtskonzertserie erfolgreiche Erkka Korhonen. Ihre Künstlernamen lauteten Jack Sibelius, Nasty Lord, Barry Covana, Ace Afrodite und J.C. Adonis.

„Zu AMORPHIS kam ich schlicht dadurch, dass Holopainen anrief und erzählte, dass er mit Snoopy eine Band gegründet hatte und Koippari singen würde“, so Laine. „Esa kannte ich vom Heavy-Kiosk her. Ich hatte damals ein kleines Zine, für das ich ein Interview mit VIOLENT SOLUTION wollte. Das Blatt erschien nur einmal und wurde per Kopiergerät vervielfältigt. Soweit ich mich erinnere, kam das Interview nie zustande, aber in dem Zusammenhang hatten wir Telefonnummern ausgetauscht. Anscheinend erinnerte sich Holopainen daran, dass ich Bass spielte. So fing das an.“


Laine hatte von Kindesbeinen an mit Musik zu tun gehabt. In der Schule hatte er bis zur sechsten Klasse Musik als Schwerpunkt gehabt. Als seine Großmutter ihm zu Weihnachten eine Geige schenkte, nahm er pflichtgemäß Stunden, obwohl ihn das Instrument nicht im Geringsten interessierte. Immerhin erhielt er dadurch eine gute theoretische Grundlage, auch wenn er regelmäßig schwänzte. Schließlich sah seine Mutter jedoch ein, dass es sich nicht lohnte, noch mehr Geld für Privatstunden zu verschwenden, und der Geigenkoffer wurde zum Staubfänger. Die Musik ließ Oppu jedoch nicht los, und er fand schon früh seine wahre Bestimmung. Seine Begeisterung für den Bass begann Anfang der Achtziger mit Pave Maijanen, einem auch als Produzent erfolgreichen Multi-Instrumentalisten, dessen kurzlebige Poprock-Combo MISTAKES mit Pidä huolta einen der größten finnischen Hits des Jahres 1981 landete. Über seine Altersgenossen kam Laine zu KISS, AC/DC und anderen populären Heavy- und Hardrockbands. Seine ersten Versuche am Bass waren auch von der E-Gitarre seines großen Bruders beeinflusst. Als ihm ein älterer Junge aus der Nachbarschaft einen Bass und ein paar Effekte borgte, war sein Schicksal besiegelt. Oppu hat den Moment der Offenbarung noch in lebhafter Erinnerung: „Das is’ mein Ding, alles klar!“


Die erste Fotosession von AMORPHIS im Proberaum in Kamppi, 1990.

© Teijo Tiainen

Musik gehörte bei den Laines zum Alltag. Der Bruder hörte KISS, die ältere Schwester die DOORS und die ROLLING STONES und die Mutter die melancholischen Schlagerklassiker von Olavi Virta, deren starke Melodien Oppu als prägend für sein eigenes Songwriting bezeichnet. Sein Vater schwor auf Jazz und arbeitete als Musikreporter für die linke Wochenzeitung Kansan Uutiset, weswegen die Familie jedes Jahr zum internationalen Jazzfestival nach Pori fuhr. Oppu hatte für dieses nicht viel übrig und fand endlose Jamsessions ausgesprochen langweilig, doch der väterliche Beruf öffnete ihm unerwartete Türen. Eines Tages fragte der Vater ihn, ob er im Kino den neuen Herbie-Film sehen oder stattdessen mit ihm zur Arbeit kommen wolle: Auf der Tagesordnung stand ein Interview mit Pave Maijanen. Oppu wählte letzteres. Seine Faszination für den Bass wuchs mit jedem Tag. Als die Familie 1986 aus dem Osten Helsinkis in den zentrumsnäheren Stadtteil Vallila umzog, fand er erstmals Anschluss an eine Band. Sie spielte METALLICA und IRON MAIDEN nach und hörte auf den Namen METAL DISEASE. Auch anderweitig entwickelte sich die Musik zu Laines wichtigstem Hobby. Wie die übrigen Mitglieder von AMORPHIS besuchte er als Teenager häufig Konzerte in Jugendclubs und im Lepakko. Die Gesichter von Snoopy, Koippari und Esa kannte er nicht nur aus dem Publikum, sondern auch von der Bühne her. Er sah sowohl VIOLENT SOLUTION als auch ABHORRENCE öfters live und mochte beide Bands.

„VIOLENT SOLUTION waren live überraschend gut. Ihr Material hatte Qualität, und sie konnten deutlich besser spielen als die übrigen Bands“, vergleicht er. „Sie waren nicht die originellste Band der Welt, machten aber trotzdem Eindruck. Ich kaufte alles, was sie rausbrachten. Die Single hab’ ich heute noch. Auf ABHORRENCE fuhr ich richtig ab. Das war eine der ersten Death-Metal-Bands, die ein vernünftiges Demo machten. Wir gingen zwar auch in die Richtung, aber wir waren nicht so gut, dass wir einfach so hätten ins Studio gehen können. ABHORRENCE und XYSMA waren die ersten in der Death-Metal-Szene, die musikalisch etwas Relevantes zuwege brachten. Die Gigs von denen konnten auch einiges. ABHORRENCE waren eine wichtige Band mit gutem following.“


METAL DISEASE live in der Schule von Myllypuro. Oppu Laine, Juri Kovaleff, Jani Salmi und Marko Hirvi.

Verständlicherweise war der Bassist mehr als angetan, als er in die Nachfolgeband von VIOLENT SOLUTION und ABHORRENCE eingeladen wurde. Für seine Musikerkarriere bedeutete dies einen großen Sprung vorwärts. In seinen bisherigen Gruppen hatten nicht alle Mitglieder seine Leidenschaft geteilt, hier dagegen waren sämtliche Beteiligten voll bei der Sache und der Gedanke an eine ernsthafte Karriere erschien nicht länger unrealistisch.


HOLOPAINEN BEHAUPTETE, DASS er das Wort AMORPHIS in einem Wörterbuch gefunden hätte und dass es so viel wie „gestaltlos“ bedeutete. Der Gitarrist hatte die Schreibweise jedoch falsch in Erinnerung. Die Wahrheit kam erst ans Licht, als die Gruppe in ihrem ersten englischsprachigen Interview nach der Bedeutung ihres Namens gefragt wurde und das Wort „amorphis“ in keinem Wörterbuch zu finden war. Korrekt wäre amorphous gewesen. Der Name blieb jedoch am Leben.

Etwa zur gleichen Zeit, als Laine bei AMORPHIS einstieg und somit die Originalbesetzung komplett war, lösten sich ABHORRENCE auf. Infolgedessen begann Koivusaari, der in den ersten drei Monaten nur für die Growls zuständig gewesen war, sich voll auf seine neue Band zu konzentrieren und dort auch Gitarre zu spielen. Er stellte den anderen jedoch eine Bedingung: er würde nur dann in der Band bleiben, wenn die drei bisherigen Songs neu geschrieben würden.

„Das Studio war schon gebucht, um die aufzunehmen, aber ich fand sie einfach nicht gut“, erinnert sich Koivusaari. „Keine Ahnung, für was für einen Death-Metal-Experten ich mich hielt, aber für mich klangen sie einfach nur wie eine härtere Version von VIOLENT SOLUTION. Die andern fanden das dann auch, und wir beschlossen, den Studiotermin abzusagen und nochmal von vorne anzufangen.“


AMORPHIS in ENTOMBED-Pose auf dem Friedhof Hietaniemi, 1991.

Der Beschluss hatte sowohl symbolische als auch künstlerische Wirkung. Die Thrash- und Speed-Elemente flogen auf den Müll, und man konzentrierte sich fortan auf reinen Death Metal. Es ergab sich wie von selbst, dass zwar beide Gitarristen Songs schrieben, aber Holopainen die Melodien spielte und Koivusaari den Rhythmus, da letzterer gleichzeitig growlen musste. Oppu kommentiert: „Ich war beeindruckt, als Koippari forderte, die alten Songs über Bord zu schmeißen. Die Entscheidung war richtig, denn die neuen Stücke wurden viel besser und waren auch mehr nach meinem Geschmack. In der Phase gab ich auch selber alle anderen Bandprojekte auf und konzentrierte mich nur noch auf AMORPHIS.“

An den neuen Stücken feilte die Band dreimal wöchentlich in ihrem nach Urin stinkenden Proberaum. In dem Gebäude gab es kein Klo, sodass Musiker und Gäste – wie schon zahllose Bands in den Jahren zuvor – sich in einen Kanalschacht erleichterten, dessen Deckel irgendjemand einmal entfernt hatte. Offiziell wurde der Raum nicht einmal von AMORPHIS gemietet, sondern von einem entfernten Bekannten von Snoopy. Nichtsdestotrotz war der Kellerbunker ein beliebter Treffpunkt, und das Bier floss reichlich. Das Aroma der Raumluft war eine entsprechend bunte Mischung aus Fäkalien, abgestandenen Alkoholika, Erbrochenem und Schweiß. Eines feuchten Abends passierte es denn auch, dass ein Saufkumpan der Band in den Schacht fiel und mit vereinten Kräften aus der halbvergorenen Kloakenbrühe gehievt werden musste.

Die neuen Stücke waren härter als die fallengelassenen, zum Teil auch schneller. Snoopy sagte in einem frühen Interview mit dem Fanzine The Untouchables, dass die früheren Songs „von allem Möglichen“ gehandelt hatten, aber auch die neuen Texte, die Leben, Tod, Weltanschauung und Mittelalter streiften, keine besondere Botschaft hätten: „Ist doch völlig beknackt, dass heutzutage jede Death-Metal-Band von Hölle und Teufel singt, nicht zu vergessen Darmkrankheiten und Gehirnflüssigkeiten. Solche Texte kommen für uns nicht in Frage!“, prahlte der Zehntklässler, und die Band hat sich bis heute an diese Maxime gehalten.


Im Hof des hygienefreien Proberaums in Kamppi, 1990

Die Stücke entstanden entweder dadurch, dass ein Bandmitglied eine fertige Songidee mit in den Proberaum brachte, oder einfach durch das puzzleartige Zusammenfügen unterschiedlicher Riffs ohne Rücksicht auf traditionelle Songstrukturen. Der Großteil des frühen Materials stammte aus der Feder von „Death-Metal-Veteran“ Koivusaari.

Ein paar Wochen, nachdem dieser die Rhythmusgitarre übernommen hatte, nahm die Band bereits in Timo Tolkkis TTT-Studio ihr erstes Demo auf. Das Studio war vor kurzem umgezogen, aber das alte Problem bestand weiterhin: Die jungen Musiker wollten lieber ihre eigenen Verstärker verwenden als die teure Studioausrüstung. „Tolkki bot uns sein blinkendes Mega-Rack an, das furchtbar gut und professionell klang. Wir hatten die Gitarren auf C runtergestimmt, und irgendwie wollte es nicht werden. Er wurde sauer, als wir sagten, dass sein Gerät nicht beschissen genug klang. Dann drehten wir unseren 10-Watt-Marshall und den Proco Rat-Verzerrer voll auf: pfffrrrchchch! ‚Ja geil, sofort aufs Band damit!‘ Obwohl Tolkki nicht begeistert war, nahm er’s locker. Damals wurde nicht groß rumgefeilt, von Produktion oder so war keine Rede. Wir nahmen einfach auf, mischten und ließen die Kassette hinterher auf jedem Rekorder laufen. Wir haben uns nicht mal überlegt, ob der Sound gut war oder nicht. Da hieß es höchstens mal, ‚misch die Bassdrum was lauter‘. Die Sessions waren viel entspannter als heute, wo wir das hauptberuflich machen. Wir legten einfach los, ohne uns groß um Details zu kümmern“, erinnert sich Rechberger mit einem Anflug von Wehmut.

Die Sorglosigkeit zeigte sich auch daran, dass Oppu nicht einmal seinen eigenen Bass mit ins Studio nahm. Auch auf Konzerten verließ er sich gelegentlich darauf, sich irgendwo ein Instrument ausleihen zu können. Das am 4. Januar 1991 fertiggestellte Demo umfasste drei Songs und wurde auf den Namen Disment Of Soul getauft. Die Stücke wurden größtenteils live eingespielt, mit nur wenigen Overdubs. Koivusaaris Stimme wurde etwas manipuliert, sodass sie tiefer und brutaler klang. Der Titel fiel demselben Flüchtigkeitsfehler zum Opfer wie schon der Bandname: Der Wörterbucheintrag war falsch im Gedächtnis geblieben. Der Name des Demos sollte „Zerstückelung der Seele“ bedeuten, aber die mittleren Silben von „dismemberment“ fielen der Vergessenheit anheim. Disment hat keine Bedeutung.

„Kein englischer oder amerikanischer Journalist hat den Fehler je zur Sprache gebracht“, erinnert sich Snoopy. „Auch Spielfehler machten uns nichts aus. Es war egal, ob das Timing stimmte oder die Doublebass sauber klang. Und von den Texten hat man eh kein Wort verstanden. Sowas hat damals kein Schwein interessiert.“

Democover, Bandlogo und das erste T-Shirt-Motiv wurden von dem Franzosen Chris „ThornCross“ Moyen gezeichnet, der gerade am Anfang seiner Karriere als Grafikdesigner und Illustrator stand. Er wurde später zu einem der angesehensten Künstler des Metal-Undergrounds; seine düsteren Werke zieren unter anderem Alben von BEHERIT, BLASPHEMY, ARCHGOAT und INCANTATION. Sein Stil war so detailgenau, dass die Einzelheiten des ersten AMORPHIS-Shirts, auf dem drei Leichen aus ihren Särgen steigen, vereinfacht werden mussten, um den verfügbaren Textildruckmöglichkeiten zu genügen.


Moyens Werke waren vor Insiderwitzen nicht sicher: Der fledermausähnliche Namenszug wurde intern als Batman-Logo bezeichnet und die Splatter-Figur, die sich auf dem Democover die Gedärme aus dem Leib reißt, erhielt den Spitznamen „Wurstverkäufer“. „Das Cover sieht aus, als hätte der Typ ’ne Fleischpastete in der Hand, aus der das Ketchup in die Gegend spritzt“, lacht Esa.

Die auf der Kassette befindlichen Stücke Disment Of Soul, Excursing From Existence und Privilege Of Evil knüpften an die Linie von ABHORRENCE an. Im musikalischen Sinne waren sie etwas weniger brutal, im technischen dafür umso mehr. Die Kompositionen waren düster und primitiv, die Soundlandschaft selbst in den klarsten Momenten ausgesprochen breiig. Das Demo erhielt jedoch viel Aufmerksamkeit und gute Kritiken in den internationalen Metalzines. Beispielsweise bezeichnete Mikko Mattila von Isten, dem wohl bedeutendsten Fanzine Finnlands, Privilege Of Evil als eine der besten Death-Metal-Nummern, die er seit langem gehört hätte. Er verglich die Band mit BOLT THROWER und PARADISE LOST. Vom Mainstream wurde Death Metal noch lange nicht verstanden. „Finnland war im Hinblick auf Death Metal total rückständig“, bestätigt Oppu. „Auch in den Studios hatten die Leute noch nie davon gehört und kriegten den Mund nicht mehr zu, wenn jemand zu growlen anfing. Als Koivusaari seiner Mutter das Demo vorspielte, hörte sie den Gesang überhaupt nicht! Heutzutage ist es nichts Besonderes, im Radio CHILDREN OF BODOM zu hören, aber damals gab’s nur die Tradingszene. Auch für Tolkki waren die Growls eher ein Witz. Der lachte nur bei den Aufnahmen, von wegen ach du scheiße!“

Ungeachtet der positiven Rezensionen machte die Band selbst das Demo in Interviews herunter und versprach für die Zukunft Besseres. Der Selbstkritik zum Trotz versendeten die Bandmitglieder Hunderte von Kassetten in alle Welt. Auch Holopainen begann ernsthaft mit dem Trading. Das Kontaktnetz wuchs gemäß dem Schneeballeffekt: Über Flyer und Kleinanzeigen in Zines fand man die Adressen anderer Zines und Bands, über die sich wiederum das eigene Netzwerk erweiterte. Der Doppeldeckrekorder lief auf vollen Touren, und es ging immer mehr Geld für Kassetten und Porto drauf.

Für Auftritte probte die Band unter nahezu realistischen Bedingungen, da oft Freunde zum Zuhören und Biertrinken in den Proberaum kamen. Umgekehrt besuchten auch die AMORPHIS-Mitglieder die Proben befreundeter Bands. AMORPHIS waren mit einiger Regelmäßigkeit auf der Bühne zu sehen, vor allem in Jugendzentren. Den ersten Gig ihrer Karriere spielte die Band im Januar 1991 im Kasisali in Lahti. Ihren zweiten Auftritt dort musste sie ohne Bassisten bestreiten, da Oppu nicht rechtzeitig vor Ort erschien. Obwohl es feuchtfröhlich und betont amateurhaft zur Sache ging, erreichte die Band schon früh einen gewissen Status: Das Wort machte die Runde, das Demo verkaufte sich, die Shows waren gut besucht und das Publikum war angetan. Unterwegs ging es oft ereignisreich bis chaotisch zu. Am 23. 3. 1991, einem Samstag, war die Band für einen gemeinsamen Auftritt mit XYSMA, FUNEBRE, PHLEGETHON und UNHOLY im Jugendclub Penttilä in Joensuu gebucht. Am Vorabend bestiegen die Musiker am Helsinkier Hauptbahnhof den Nachtzug. Das strenge Reglement der finnischen Staatsbahn verbot den Genuss von mitgebrachtem Alkohol während der Fahrt. Nichtsdestotrotz zischten die Kronkorken, sobald die Truppe ihr Abteil gefunden hatte. Wie aus der Pistole geschossen erschien ein Schaffner, um lautstark das Ordnungsreglement herunterzurasseln. Die Störenfriede willigten ein, die geöffneten Flaschen herauszugeben, nicht jedoch die ungeöffnet im Rucksack befindlichen. In diesem Moment setzte sich der Zug in Bewegung. Der Schaffner verlor das Gleichgewicht und hielt sich reflexhaft an Koivusaaris Jacke fest. Wobei ein paar Tropfen Bier auf seine Uniform spritzten.

„Der Schaffner brüllte los und beschuldigte Koippari, das Bier absichtlich auf ihn geschüttet zu haben. Dann fing er an, mit dem Fahrkartenlesegerät auf Koippari einzuschlagen. Es kam zum Handgemenge und wir versuchten, den Schaffner loszureißen“, berichtet Holopainen. Im nächsten Bahnhof, dem knapp vier Kilometer entfernten Pasila, drängte der Schaffner gemeinsam mit einem Kollegen die ganze Truppe gewaltsam aus dem Zug. Koivusaaris Gitarre blieb im Kampfgetümmel auf der Gepäckablage zurück. „Tuukka von RYTMIHÄIRIÖ war aus Spaß mitgekommen, und der Kontrolleur haute auch ihm das Gerät über den Kopf“, erinnert sich Koivusaari. „Wir dachten, das kann nicht wahr sein: Der Schaffner hatte von sich aus nach mir gepackt, und nur deshalb spritzte das Bier auf ihn. Als die Beamten uns rausschmissen, hielt ich mich an der Tür fest und bat um meine Gitarre, aber sie traten einfach die Tür zu. Dann schmiss der eine die Gitarre in hohem Bogen aus der anderen Tür heraus. Der ganze Koffer ging zu Schrott. Ich rief umgehend bei der Bahngesellschaft an, sagte meinen Namen und berichtete den Vorfall. Sie fragten, ob ich wegen der Sache Anzeige erstatten wolle. Ich antworte, nicht unbedingt; wir könnten uns auch so einigen. Die Schaffner erfuhren dadurch meinen Namen und erstellten Strafanzeige gegen mich. Ich kam vor Gericht und musste Bußgeld zahlen. Ich versuchte, gemeinsam mit den Zeugen meinen Standpunkt darzulegen, wurde aber nicht beachtet, denn ‚darum geht es hier nicht‘. Im Endeffekt musste ich dem Schaffner die Reinigungskosten erstatten. Der saß im Gerichtssaal neben mir. Ich lachte ihn aus, er könne das doch wohl nicht ernst meinen. Er glotzte mich nur an. Die Reinigungskosten! Naja, viel war‘s zum Glück nicht.“

Die Jungs übernachteten bei Oppus Mutter im Nachbarstadtteil Vallila und gelangten schließlich mit dem Frühzug nach Joensuu. Als Promoter der Veranstaltung fungierte Heikki „Hege“ Hyvärinen, der einige Jahre später als Anführer der örtlichen Neonazis in Erscheinung trat. Zum Zeitpunkt des Geschehens war Hyvärinen ein dürrer Death-Metal-Fan mit Engelsgesicht und Bomberjacke; beim Organisieren des Gigs half seine Mutter. Als die Band eintraf, schlug Hyvärinen eifrig vor, erstmal einen trinken zu gehen. Er führte die Musiker auf ein Feld, in dessen Mitte ein Brunnendeckel prangte. Hyvärinen hob den Deckel. Im trockenen Brunnenschacht lehnte eine Leiter. „Was zum Teufel…?“ wunderte sich Oppu. „Nur zu!“, drängte Hyvärinen. Auf dem Boden des kochendheißen Schachtes standen Eimer, in denen Hochprozentiges vor sich hin gärte. Als Sitzbank diente ein Rohr. Der Promoter kredenzte die Eimer und kicherte: „Verdammt, hätte nie gedacht, dass ich mir mal mit Koivusaari von ABHORRENCE zusammen die Kante geben würde!“ Am Veranstaltungsort wurde die Alkoholvernichtung gemeinsam mit den Mitgliedern von XYSMA und anderen Bekannten fortgesetzt. Die Band absolvierte ihren Auftritt mit Ach und Krach. Hinterher wurde im Obergeschoss des Clubhauses gegessen, gefeiert und übernachtet. Die Mitglieder stopften gerade kalten Nudelauflauf in sich hinein, als ein örtlicher Prolet herbeischwankte und begann, sich aus derselben Schüssel zu bedienen „Hey, das Essen ist für die Bands!“ merkte XYSMA -Sänger Jani „Joãnitor“ Muurinen höflich an.

Anstatt ihm Gehör zu schenken, begann der Eindringling, den Anwesenden Prügel anzudrohen. Der bereits eingeschlafene Luxi Lahtinen erwachte von dem Lärm, als der Störenfried gerade ein Messer zog. Lahtinen – hochgewachsen, athletisch, aber von äußerst friedfertigem Naturell – verfolgte die Situation einen Moment lang, bis er plötzlich aufsprang und lospolterte: „Zum Donnerwetter noch mal!“ Womit er nicht nur den Streithals überraschte, sondern auch seine anwesenden Bekannten.

„Ich war stinksauer darüber, wie sich der Typ den Bands gegenüber verhielt“, erinnert sich Lahtinen. „Ich bin ziemlich groß und dachte mir, ich mach Schluss mit der Debatte und spiel mal kurz den Rausschmeißer. Ich hob den Kerl mit väterlichem Griff in die Luft, hielt ihn so fest, dass er mit seinem Messer nichts ausrichten konnte, und trug ihn die Treppe runter. Ich warf ihn in den Schnee, rief hinterher, dass er sich zur Hölle scheren solle, und machte die Tür zu. Ein etwas hitziger Adrenalinstoß für meine Verhältnisse, aber zum Glück war das Problem damit beseitigt.“

Die Heldentat des sanftmütigen Riesen wurde von den Musikern mit Respekt und Anerkennung bedacht. Wenig später, und ebenso unerwartet, sollte Lahtinen in der Geschichte von AMORPHIS eine noch wesentlich bedeutendere Rolle spielen.



6. DER VERTRAG MIT RELAPSE

ALS AMORPHIS AN den Start gingen, war Finnland gerade auf dem Weg in eine tiefe Wirtschaftskrise. Zwischen 1990 und 1993 stieg die Arbeitslosenquote von 3,5 % auf 18,9 %. Wie Dominosteine kippte ein Unternehmen nach dem anderen, mit dem Ende der Sowjetunion brach der Export ein, die Zinsen schossen in die Höhe und die Zukunft sah düster aus. Die anhaltende Depression prägte Stimmungslage, Politik und Kultur. Eine Krise durchlebte zeitgleich auch der Hardrock- und Metalmarkt. Übersättigt von dekadentem Glamrock und technischer Virtuosität, sehnte sich das zahlende Publikum nach Musik, die Gefühl bot statt Technik, Rotz statt Glamour und Alltag statt Fantasy.

Grunge kam wie gerufen. Der Stil, der von Seattle aus die Welt eroberte, verband Heavy-Gitarren mit der revolutionären Haltung des Punk. Abgerissene Klamotten waren in, Make-up und toupierte Haare out. NIRVANA, SOUNDGARDEN, ALICE IN CHAINS und STONE TEMPLE PILOTS verdrängten POISON, WARRANT, SKID ROW und MÖTLEY CRÜE. Jeans, Flanellhemden und simple Akkorde traten an die Stelle von technischer Brillanz, Pyrotechnik und Marshall-Stacks. Metal und Hardrock waren auf einmal altmodisch und weitab vom Scheinwerferlicht, und die wenigen, welche die darwinistische Selektion überlebten, änderten ihren Stil. Die „gefährlichste Rockband der Welt“ GUNS’N’ROSES polierte sich mit Backgroundsängerinnen, Orchester und überdimensionalen Bühnen- und Plattenproduktionen auf. METALLICA erging es wie den Haaren der Bandmitglieder: Image und Musik wurden auf salonfähig getrimmt. Unter Anleitung des Produzenten Bob Rock traten die verzerrten Gitarren in den Hintergrund, das Tempo wurde zurückgenommen, der Gesang wurde sauberer und mehrstimmig – und die Band zu Superstars.

Trotz der allgemeinen Talfahrt des Metal blühte die Death-Subkultur. Die Mitglieder von AMORPHIS verspürten jedoch zunehmend Frustration, weil es nicht so recht voranging. Die Volljährigkeit rückte näher und der Musikgeschmack wandelte sich. Der Sensenmann schien bereits seine Klinge zum letzten Streich zu erheben: Die Gruppe hatte seit zwei Monaten weder geprobt noch live gespielt und ihre Mitglieder sich auch in ihrer Freizeit kaum gesehen. Doch eines Tages klingelte das Telefon.

Luxi Lahtinen hatte die Angewohnheit, Bands, die er mochte, um 10-20 Demokassetten zu bitten, welche er dann auf eigene Kosten an Plattenfirmen und Radiostationen versendete. Zu seinen Kontakten zählte die kurz zuvor gegründete US-Firma Relapse, der er das ABHORRENCE-Demo Vulgar Necrolatry geschickt hatte. „Ich wohnte damals noch bei meinen Eltern“, berichtet er. „An einem Abend klingelte es ziemlich spät: Matt von Relapse war am Apparat und fragte nach Koipparis Telefonnummer. Er sagte, dass er ABHORRENCE unter Vertrag nehmen wollte. Kurz danach schellte es wieder und meine Eltern sagten, das ist schon wieder der Typ von der Plattenfirma. Er hatte versucht, bei Koippari anzurufen, aber da war niemand drangegangen. Ich sagte, der wäre wahrscheinlich mit Freunden unterwegs. Matt meinte nur, ‚okay, wir versuchen’s später nochmal.‘“

Als nächstes klingelte das Telefon bei ABHORRENCE-Sänger Jukka Kolehmainen, der gerade mit Koivusaari zusammen Geburtstag feierte. Beide wurden am 11. April geboren, und die gemeinsame Party hat mittlerweile schon mehr als zwei Jahrzehnte Tradition. Am anderen Ende der Leitung war Lahtinen und sagte, Tomi solle so schnell wie möglich Matthew Jacobson in Pennsylvania anrufen, da Relapse mit einem Plattenvertrag winkte. „Matt hatte das ABHORRENCE-Demo gehört und wollte uns unter Vertrag nehmen“, so Koivusaari. „Die EP kam damals erst raus und sie dachten, die Band gäbe es noch. Ich sagte, dass wir uns leider aufgelöst hätten, und erwähnte, dass ich eine neue Band hatte – wären sie vielleicht an einem Deal mit dieser interessiert? Ich erinnere mich gar nicht mehr, ob die das AMORPHIS-Demo überhaupt jemals erhielten. Sie waren interessiert, wollten aber, dass wir auch Vulgar Necrolatry von ABHORRENCE aufnehmen, weil das die Nummer war, die sie gut fanden. Wir hatten nichts dagegen. Damit begann der Schriftverkehr.“

AMORPHIS hatte auch von einem zweiten damals neu gegründeten und später bedeutenden Metal-Label ein Angebot erhalten, nämlich Osmose aus Frankreich. Die Mitglieder hatten die Vertragspapiere sogar bereits unterschrieben, jedoch noch nicht zur Post gebracht. Der Anruf von Relapse kam am selben Tag, an dem Osmose noch einmal bei AMORPHIS Druck gemacht hatte, sie mögen doch bitte den unterschriebenen Vertrag zurücksenden.

„Ich weiß nicht mehr, aus welchem Grund wir uns für Relapse entschieden. Vielleicht, weil’s Amerikaner waren. Wir hatten bestimmt das Logo auf irgendeiner Single gesehen. Osmose bot ein komplettes Album an und Relapse eine Split-LP mit INCANTATION, die Split-Alternative sagte uns vielleicht etwas eher zu. Ich glaub’, ohne dieses Angebot wäre die Band damals ziemlich schnell eingeschlafen“, überlegt Koivusaari.

Holopainen erinnert sich, dass bei der Entscheidung auch eine Rolle spielte, dass Osmose erst wenige Tage zuvor ihre erste Platte veröffentlicht hatten – SAMAELS Worship Him (1991) – und ansonsten noch keine Referenzen bieten konnten. Ein Vertrag mit einem amerikanischen Plattenlabel war für eine finnische Death-Metal-Band etwas Unerhörtes, wo doch noch nicht einmal die einheimischen Firmen Interesse zeigten. Auch in anderen Genres waren ausländische Verträge eine Seltenheit. Musik aus Finnland war noch weit davon entfernt, ein Exportschlager zu werden.

„Als Grunge groß rauskam, wollte vom Metal plötzlich niemand mehr was wissen“, blickt Holopainen zurück. „Finnische Plattenfirmen nahmen eh keine Heavy-Bands unter Vertrag. Riku Pääkkönen gründete dann Spinefarm und brachte FUNEBRE und SENTENCED raus, aber die übrigen Labels gingen in völlig andere Richtungen. Wir hätten uns gar nicht vorstellen können, dass eine Band wie wir zu einer großen oder gar internationalen Firma geht. Partner suchte man sich im Underground. Ich hielt’s bestenfalls für möglich, dass irgendein neues Minilabel daran interessiert sein könnte, was von uns zu veröffentlichen.“

Die Band nahm Relapses Angebot über drei Alben an, ohne lange zu überlegen oder irgendetwas zu unterschreiben. Im Mai 1991, einen Monat nach dem ersten Telefonat, waren AMORPHIS wieder in Tolkkis TTT-Studio und nahmen drei Stücke auf: zwei vom Disment Of Soul-Demo sowie eine Coverversion von Vulgar Necrolatry, bei der ABHORRENCE-Solist Jukka Kolehmainen am Mikro stand. „Ich verwendete für die Aufnahmen Drumsticks aus Kohlefaser“, berichtet Rechberger. „Irgendwie brachte ich’s fertig, mit dem Finger an der Snare hängenzubleiben. Weiß nicht wie, aber es tat sauweh. Der Finger war sofort krass geschwollen und am nächsten Tag dunkelblau. Wahrscheinlich war irgendwie Dreck unter die Haut geraten. Tolkki war die ganze Zeit dran, ‚mit dem Finger machste nix mehr, der muss amputiert werden‘. Musste er natürlich nicht, aber der Fingernagel sieht heute noch seltsam aus. Da wächst so ein komischer Fortsatz.“

Die für die Split-LP aufgenommenen Stücke klangen sowohl vom Spiel als auch von der Produktion her besser als das Demo, gemessen an heutigen Standards jedoch weiterhin ziemlich ungeschliffen. Auch im Hinblick auf Kompositionen und Arrangements war die Band besser eingespielt, auch wenn von Meisterschaft noch keine Rede sein konnte.

Der nächste Stopp nach der Studiosession war ein Bandwettbewerb im Jugendzentrum von Herttoniemi. Wie üblich, hatte die Band vor dem Betreten der Bühne kräftig vorgeglüht. Die Jury bestand aus dem Musiker Aki Sirkesalo, der 2004 bei dem verheerenden Tsunami in Thailand umkam, dem Musiker-Politiker Kimmo Helistö, der auch seinerzeit ABHORRENCE beurteilt hatte, und der Musikreporterin Virve Valli, die sich schon Anfang der Achtziger als Mitgründerin von Rumba verdient gemacht hatte. Sirkesalo bezeichnete die Songs als langweilig und „undeutliche Matsche“. Helistö vermisste am brachialen Sound des Quartetts Klangfarben und Abwechslung. Am kritischsten und direktesten war Valli, der die Musik von AMORPHIS als introspektiver Brei ohne Zweck oder Zielgruppe erschien. Sie forderte die Band dazu auf, ihre Proben mitzuschneiden und sich die eigenen Songs acht Stunden lang in einem verdunkelten Raum anzuhören. Die Gruppe nahm das Feedback mit Humor – die gegen den Mainstream gerichtete Provokation war ganz offensichtlich geglückt.


Das frisch aufgenommene Tonband wurde an Relapse geschickt, doch von dem versprochenen Split-Album war plötzlich keine Rede mehr. Erneut schlich sich Frustration ein. Den Musikern kamen Zweifel, ob die Platte jemals erscheinen würde. Das Label veröffentlichte jedoch im Juni eine schlicht Amorphis betitelte Single mit zwei von den Stücken, die bei der Session aufgenommen wurden: Vulgar Necrolatry und Misery Path. Auf dem Cover prangte eine überarbeitete Version des „Batman-Logos“ auf schwarzem Grund. Schließlich verkündete Relapse, dass aus der Split-LP nichts würde, AMORPHIS jedoch stattdessen ein komplettes Album aufnehmen dürfe. Laut Holopainen scheiterte die Split-Veröffentlichung daran, dass sich der amerikanische Vertrieb Important geweigert hatte, die Scheibe ins Programm zu nehmen. Luxi Lahtinen bekam eine andere Story zu hören. „Ich interviewte Jahre später John McEntee, den Gitarristen und Sänger von INCANTATION“, berichtet er. „Als INCANTATION ihre Hälfte eingespielt hatten, hörten sie die Aufnahme von AMORPHIS und kamen zu dem Schluss, dass diese zu gut war, um zusammen mit ihrer eigenen zu erscheinen. Die INCANTATION-Stücke wären im Vergleich völlig untergegangen: AMORPHIS hatten die fetteren Sounds, die besseren Songs und die eingängigeren Riffs. Letztendlich kam es so, dass beide komplette Alben für Relapse aufnahmen.“

Während das Material für das Debütalbum allmählich Gestalt annahm, ließen sich AMORPHIS bei diversen Veranstaltungen sehen. Die größte davon war das Indoor-Festival Day of Darkness in der Sporthalle von Oulu am 23. 08. 1991 mit IMPALED NAZARENE, BEHERIT, DEMIGOD, BELIAL, BLACK CRUCIFIXION und SENTENCED. Im Nachhinein betrachtet, war dieses Line-Up schlichtweg legendär, aber die Tickets kosteten lächerliche 20 Finnmark – knapp über drei Euro.

„Oppu hatte vor dem Gig ein Mädel aufgetrieben, das sie nicht alle beisammen hatte. Sie wollte, dass wir sie fesseln und nach ihr treten. Wir wunderten uns nur. Dann versuchte sie irgendwas und Oppu brüllte halb im Ernst los, dass er vergewaltigt würde“, erinnert sich Koippari.



In der Sporthalle Oulu vor dem Auftritt beim Day of Darkness, 23. 08. 1991.

Bereits vor dem Gig war Oppu unter einem Busch eingeschlafen. Die Kollegen zuckten mit den Schultern und becherten munter weiter. Gerade noch rechtzeitig bekamen sie mit, wie sich ein Einsatzkommando der evangelischen Jugendmission anschickte, den besinnungslosen Bassisten in einen Kleinbus zu zerren. „Nehmt den bloß nicht mit, wir haben gleich ’nen Gig!“ rief Koivusaari.

„Lasst uns den erstmal zum Ausnüchtern bringen!“ kam es zurück.

„Das ist völlig normal! Unsere Show fängt gleich an, lasst ihn da liegen, das ist unser Bassist!“ Erst nach vielen schönen Worten willigten die Jugendarbeiter ein, Oppu seinen Kumpanen zu überlassen. Die Band war noch einmal davongekommen.

AMORPHIS spielten als Vorletzte, zwischen BEHERIT und SENTENCED. Zu den Requisiten von IMPALED NAZARENE zählte neben Corpsepaint auch eimerweise Rinderblut, sodass die ganze Halle für den Rest des Abends nach Eisen stank. Als AMORPHIS zu den Klängen eines als Intro dienenden finnischen Diskoschlagers die Bühne betraten, fanden sie diese von einem Teppich aus schwarzen Müllsäcken bedeckt und voller Blutlachen. „Es war so rutschig, dass alle auf der Bühne herumwatschelten wie Ozzy heutzutage, um nur ja nicht auszurutschen“, erinnert sich ABHORRENCE-Sänger Jukka Kolehmainen, der damals im Publikum war. „Der Gig war krass. In der ersten Reihe standen ein paar kreischende Mädels. Als Oppu zwischendurch an den Bühnenrand ging, griff ihm eine von denen in den Schritt und quetschte ihm die Eier, so richtig dass es wehtat. Danach hatte er blutige Fingerabdrücke auf der Jeans. Damals gingen die Leute bei Metalgigs ganz anders ab als heute, weil es einfach viel zu wenig davon gab. AMORPHIS kamen von Anfang an gut beim Volk an.“

Die Setliste bestand aus den für die Split-LP aufgenommenen und später auf der EP Privilege Of Evil veröffentlichten Songs – in derselben Reihenfolge wie dort – sowie dem Demo-Titeltrack Disment Of Soul. Vor allem zu Beginn der Show waren die Saiteninstrumente ziemlich unterschiedlich gestimmt, was jedoch niemanden ernsthaft kümmerte. Man war in Oulu, um Spaß zu haben und dem Publikum eine geballte Ladung Death Metal zu verpassen, ohne Rücksicht auf Details. Ein Stimmgerät besaß ohnehin niemand. Nach dem zweiten Song kam das Groupie, das Oppu schon vor dem Gig bedrängt hatte, oben ohne auf die Bühne.

„Von IMPALED NAZARENE war noch ein Eimer Blut über. Oppu schüttete es über die Frau, pappte ihr Klebeband über den Mund und haute ihr ein paar runter, weil sie das unbedingt wollte. Dann drehte er sich zu uns um, ‚verdammt noch mal, macht ihr auch was!‘ Ich ging dann schüchtern hin und tat so, als würde ich nach ihr treten, aber natürlich nicht so, dass es wehgetan hätte. Ich kam mir vor, als wär ich im falschen Film. Ich wollte Musik machen, keine Frauen erniedrigen!“ klagt Koivusaari.

Trotz Spielfehlern, zwischenzeitlichem Ausfall der Gitarren sowie Koivusaaris Heiserkeit zum Ende hin zog die Band den kompletten Gig durch. Er ist heute noch auf Bootlegs zu finden. Das nordfinnische Fanzine Hellspawn schrieb hinterher, die Show wäre langweilig gewesen, aber dadurch gerettet worden, dass „eine ortsansässige Schlampe auf die Bühne kam und mit Bassist Oppu eine Orgie abzog.“ Die Bandmitglieder waren selber nicht so recht zufrieden mit ihrer Leistung. Bevor er die Bühne verließ, krächzte Koivusaari ins Mikro: „War für’n Arsch, aber wen interessiert’s?“ Der Seufzer brachte Wesen und Einstellung von AMORPHIS anno 1991 präziser auf den Punkt, als es dem Gitarristen in jenem Moment bewusst war: bei den Gigs ging es nicht um Ruhm und Ehre, sondern darum, sich mit guten Freunden ordentlich zu besaufen.



7. DIE AUFNAHME VON THE KARELIAN ISTHMUS

DAS TIMING VON AMORPHIS war perfekt. Europäische Labels wie Nuclear Blast und Earache verschrieben sich immer stärker dem Death Metal, und auch in den USA wuchs das Interesse. Viele amerikanische Bands ließen sich von europäischen beeinflussen, insbesondere den schwedischen. In Finnland waren Death-Metal-Bands immer noch dünn gesät, aber Relapse hatte das Potential von AMORPHIS erkannt. Wohl aus diesem Grunde stimmte das Label dem Vorschlag der Band zu, das Debütalbum The Karelian Isthmus (1992) in Tomas Skogsbergs Sunlight-Studio aufzunehmen, der Geburtsstätte von Genreklassikern wie Into The Grave von GRAVE, Soulside Journey von DARKTHRONE, Like An Everflowing Stream von DISMEMBER (alle 1991) und den beiden ersten ENTOMBED-Alben. Die jungen Finnen waren hellauf begeistert, denn in ihrer Welt gab es nur zwei Traumstudios: Morrisound in Florida und Sunlight in Stockholm.

„Das war einfach nur wahnsinnig geil, dass eine amerikanische Firma uns die Möglichkeit bot, im Sunlight aufzunehmen. Wir standen voll auf ENTOMBED und die anderen Schwedenbands, und deren Platten waren allesamt da entstanden. Natürlich haben wir das groß gefeiert und reichlich begossen!“, schwärmt Rechberger. Laut Koivusaari war schon allein der Gedanke begeisternd, zumindest einmal im Leben ein komplettes eigenes Album aufnehmen zu können. Nach Schweden ging es auf einem Kreuzfahrtschiff der Viking Line, das seinen Ruf als Partydampfer nicht von ungefähr hatte. Mit von der Partie war Skogsberg-Fan Nalle Österberg, der AMORPHIS während des Schweden-Aufenthalts Gigs zu verschaffen versuchte – allerdings ohne Erfolg.


Auf dem Weg ins Sunlight.

© Nalle Österman


Die Helden in der Schiffsbar.

© Nalle Österman

„Da kamen auch andere Leute aus Finnland, die gerade zufällig in Schweden waren und für einen Abend vorbeischauten, zum Beispiel Kasper Mårtenson. Brachten immer ’ne finnische Zeitung mit“, erinnert sich Koivusaari. Die Musiker erwarteten einen gewaltigen Studiokomplex mit riesigem Mischpult und teurer Ausrüstung, doch in Wirklichkeit war das weltberühmte Sunlight kaum größer oder edler als Tolkkis TTT. Laut Rechberger hatte Skogsberg ein etwas größeres Pult und ein 24-Spur-Tonbandgerät, dazu eine Auswahl Kompressoren, EQs und Prozessoren. Aufnahme- und Kontrollraum befanden sich im Keller eines Mehrfamilienhauses; in einer Ecke war ein Stapel Keyboards aufgetürmt. Hinzu kam ein etwas größerer Aufenthaltsraum mit Kochnische, Bar und KISS-Flipper. Es war jedoch alles sauber, ordentlich und im Grunde sehr gemütlich.


Snoopy, Oppu, Koippari und der KISS-Flipper im Sunlight.

„Das Sunlight war nach heutigen Maßstäben ein Demostudio, wirklich nichts Besonderes“, betont Holopainen. „Uns empfing ein phlegmatischer alter Punk, der wahrscheinlich sein Lebtag lang Dope geraucht hatte. Gut drauf und locker. Im Nachhinein analysiert war Skogsberg zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Sein persönlicher Sound wurde durch DISMEMBER und ENTOMBED zum Merkmal der Szene. Es war eine Epoche für sich: Skogsberg drückte den Produkten seiner Zeit den Schweden-Stempel auf. Genau diesen Sound wollten wir, und Skogsberg war der Meister.“ Skogsberg rauchte Kette, den Aschenbecher auf dem Mischpult und die gelbe Blend-Schachtel samt Feuerzeug stets in Griffweite. Auch die ganze Band rauchte zu jener Zeit, und das schwarz gestrichene Studio war kontinuierlich von grauen Rauchschwaden durchzogen. AMORPHIS hatten zwei Wochen für die Aufnahmesessions gebucht, brauchten jedoch nur anderthalb: eine Woche für die Aufnahmen, den Rest zum Mischen. Die Band hätte eigentlich im Studio übernachten sollen, doch Skogsberg war begründeterweise dagegen.


Esa und Skogsberg im Kontrollraum des legendären Sunlight-Studios, 1992.

„Die erste Nacht verbrachten wir im Studio. Natürlich haben wir gesoffen und nebenher Skogsbergs Archiv durcheinandergebracht. Am Morgen merkten wir, dass aus der Dusche nur eiskaltes Wasser kam. Insgesamt ziemlich übel. Wir hauten Relapse um Geld für ’ne Unterkunft an, was auch prompt klappte. In dem Fax an Relapse stand: ‚Please, send us money, we are starwing‘. Snoopy verwechselte v und w und schrieb ‚schickt uns Geld, wir sind der Sternenflügel‘“, kichert Koivusaari.

Die Plattenfirma schickte das ganze Budget direkt an Skogsberg. Ein Teil war für die Unterbringung vorgesehen. Der Produzent rationierte das Bargeld, wodurch bei der Band ein gewisser Verdacht auf Unterschlagung aufkam. Man mietete schließlich eine Blockhütte im Feriendorf Klubbensborg bei Stockholm, direkt an einem See. Sie war mit Doppelstockbetten, offenem Kamin und einer kleinen Küche ausgestattet. Die Tage vergingen im Studio, die Abende in der Hütte mit Mellanöl – sprich Lightbier, dem einzigen Alkoholgetränk, das in Schweden an Kunden unter 21 verkauft wurde. Unter den Naturtouristen in ihrem Feriendorf fanden die langhaarigen Metaller keine Gleichgesinnten. „Was macht wohl eine Gang wie wir in so einer Hütte? Es war bestimmt noch niemand von uns je so lange von zuhause weg gewesen. Das war ein Abenteuer. Die Lightbierdosen türmten sich zu einem Riesenberg auf. Als wir hinterher in ziemlicher Eile abfuhren, war die Hütte angeblich so dreckig, dass der Betreiber mehrere Hundert Kronen Zusatzgebühr von uns haben wollte. Wir antworteten nur: ‚Come on, von dem Dosenpfand kriegt ihr eure Kosten allemal wieder rein!‘“, grinst Koivusaari.


Der Dosenberg wächst.


Oppu, Koippari und Nalle Österman in Feierlaune


Snoopy erinnert sich, dass das Bier so dünn war, dass allabendlich rund zwanzig Dosen pro Mann draufgingen. Das Leergut wurde in den offenen Kamin geschmissen, von dem hinterher nicht mehr viel zu sehen war. „Es war nervig, dass man von dem Light-Zeugs so tierisch viel saufen musste. Ständig musstest du aufs Klo und warst nach Dutzenden von Dosen immer noch nicht blau. Das Gute an der Sache war, dass wir im Studio immer schon vormittags fit waren.“

Da das schmale Budget für Dünnbier draufging, fuhren die Musiker die Strecke zwischen Unterkunft und Studio schwarz. Während der dreiviertelstündigen U-Bahnfahrt mussten sie sich vor Kontrolleuren hüten und gelegentlich die Flucht ergreifen, aber selbst dieser zusätzliche Stress trat der Stimmung keinen Abbruch. Die Band war froh, Studio und Reisekosten bezahlt zu bekommen, und rechnete ohnehin nicht mit Reichtum oder Starruhm. Es reichte, dass etwas Großes im Gange zu sein schien. Snoopy hatte sein Schlagzeug daheim gelassen und nur vier Paar Trommelstöcke dabei, davon zwei mit dreieckigem Querschnitt. Normale runde Sticks waren im Laden gerade ausverkauft gewesen, also beschloss er, ein paar Songs mit eckigen zu spielen. Für größere Bestürzung sorgte das Schlagzeug im Studio: Skogsberg hatte nur ein E-Drumkit da, das Nicke Andersson von ENTOMBED gehörte.

„Das war ziemlich merkwürdig“, kommentiert Snoopy. „Wir hatten schon Gerüchte gehört, dass ENTOMBED auf ihren Alben E-Drums verwendeten. Ich fragte Skogsberg, wo die Drums sind. ‚Da drüben.‘ Da stand dieses olle Gerät, Marke Ddrum, mit L-förmigen Metallpfosten als Bassdrum-Ersatz. Tonnenschwer die Dinger, wenn das Pedal einmal am Pfosten befestigt war, bewegte es sich kein Stück mehr. Die beiden Pfosten hatten jeweils ihr eigenes Pedal. Snare und Becken waren echt, aber Bassdrum und Toms waren elektrisch. Die Sounds kamen aus irgendeinem Modul. Ich weiß bis heute nicht, wie zum Teufel er auf das Gerät kam. War damit wohl einfacher, die Bassdrums sauber aufzunehmen. Mit heutigen E-Drums kannst du schon einiges mehr anfangen, wenn sie dir nicht zu peinlich sind. Aber okay, das Kit von Skogsberg klang hinterher auch ganz annehmbar.“

Skogsberg berichtet, dass er die geliehenen E-Drums schlicht deshalb verwendete, weil er nicht genug Geld hatte, um sein Studio mit einem guten akustischen Drumkit zu bestücken. Die Gründe waren nicht aufnahmetechnisch, sondern rein finanziell. „Skogsberg sagte, dass er auch seine bisherigen Alben damit aufgenommen hatte. Wenn es den Schweden gut genug war, reichte es mir allemal. War seltsam, auf einem Kit zu spielen, das sich so völlig anders anfühlte. Für Gelächter war damit natürlich gesorgt, aber damals haben wir eh alles durch den Kakao gezogen. Die anderen lästerten fleißig, ‚haha, krasser Scheiß, guckt euch die Pötte an!‘. Aber was soll’s, wir nahmen die Songs auf und damit hatte sich’s.“ Oppu bestätigt, dass die E-Drums ihren Zweck erfüllten und als Lösung taugten, obwohl Snoopy selbst am klassischen Schlagzeug noch nicht viel Erfahrung hatte. Schließlich hatte er jahrelang nur gesungen und Gitarre gespielt und war erst mit der Gründung von AMORPHIS zum Drummer geworden.

„Ich weiß nicht, ob ich das verraten soll, aber die Snare-Blastbeats wurden mit einem Drumcomputer aufgenommen, dessen Pad mit den Fingern getrommelt wurde. Das hing mit der Mischtechnik zusammen und nicht damit, dass Snoopy das nicht hätte spielen können. Der Grund war, dass die Trigger der E-Drums diese Beats nicht voll registrierten. Irgendein Velocity-Problem zwischen Modul und Triggern, darum mussten wir das dann so machen“, entsinnt sich Oppu.


Intime Atmosphäre bei den Aufnahmen im Sunlight.

Die Musiker vereinbarten Stillschweigen, denn die E-Drums hätten dem Ruf der Gruppe abträglich sein können, obwohl sie auch von den übrigen Sunlight-Bands verwendet wurden. Auch über den Bass gibt es ein kurioses Detail zu berichten. Als Oppu seine Spuren eingespielt hatte und die Gitarren an der Reihe waren, stellte sich zum allgemeinen Entsetzen heraus, dass der Bass nicht ganz in der richtigen Tonlage war. „Das Stimmgerät im Studio war primitiv und ziemlich beschissen. Als wir merkten, dass der Bass nicht richtig gestimmt war, war Skogsberg faul genug, um zu behaupten, ‚ääh, I think it’s more like a Black Sabbath thing‘. Wir antworten, ‚come on, du weißt genau, dass der Bass um weniger als einen halben Halbtonschritt danebenliegt‘. Selbst Autotune hätte das falsch interpretiert. Mit BLACK SABBATH hatte das nichts zu tun, und wir waren etwas ratlos. Wir haben dann das Tape ein ganz klein wenig verlangsamt, sodass sich der Bass korrekt anhörte“, verrät Koivusaari.

Skogsberg mischte sich weder in die Kompositionen noch in die Arrangements ein, obwohl er als Produzent bezahlt wurde. Er arbeitete in erster Linie als Tontechniker und machte nur an wenigen Stellen eigene Vorschläge. Die Band produzierte somit bereits ihr Debüt selbst. „Skogsberg war nicht besonders penibel, aber dafür hätte die Zeit auch gar nicht gereicht. Seine Wurzeln lagen schließlich im Punk. An den Aufnahmen wurde nicht groß gefeilt, sondern Skogsberg half uns hauptsächlich dabei, einen möglichst rohen Sound hinzukriegen. An Riffs und Drumfills wurde nicht weiter herumgedoktert“, erinnert sich Holopainen. Laut Snoopy achtete Skogsberg durchaus auf Genauigkeit, hielt sich aber nicht mit weiteren Versuchen auf, wenn ein Take einfach nicht besser klappen wollte. Hier und da steuerte der Schwede konstruktive Ideen bei, außerdem verbannte er den Clicktrack, denn „das ist kein Rock’n’Roll.“ Bei den Aufnahmen zu The Karelian Isthmus ging es insgesamt erheblich zielstrebiger und professioneller zu als seinerzeit bei den Demo- und EP-Sessions. Jeder gab sein Bestes, auch wenn die Situation überwiegend ein Lernprozess war. Trotz ansatzweiser Studioerfahrungen hatten die Bandmitglieder keine konkrete Vorstellung davon, was es hieß, ein komplettes Album aufzunehmen. Von der Technik hatten sie erst recht keine Ahnung. Sie konzentrierten sich daher auf ihre Instrumente und den Gesang. Als Koivusaaris Gitarre an der Reihe war, fragte Skogsberg als erstes, wann deren Saiten das letzte Mal gewechselt worden waren. Da die Antwort „vor ’nem halben Jahr“ lautete, schickte der Produzent den Gitarristen umgehend in den nächsten Musikladen.


Koivusaari mit neuen Saiten.

„Skogsberg führte die Gesamtregie und sagte, wenn er was nicht gut fand, aber meist machten wir trotzdem einfach, was wollten“, fasst Oppu zusammen. „Gitarrenleads und Overdubs erforderten damals noch echte Feinarbeit. Heutzutage kannst du alles einfach digital zurechtrücken, aber bei den Tonbandaufnahmen damals hattest du direkt ein Problem, wenn du mal danebengehauen hast. Skogsberg war da sehr genau. Er nahm zum Beispiel an Breaks Leerstellen auf, was ich noch nie vorher gesehen hatte. Uns kam das penetrant vor und wir kapierten nicht, wofür es gut sein sollte, aber der Unterschied ist tatsächlich hörbar. Das waren wichtige Details. Skogsberg war auf alle Fälle der richtige Mann. Ich würde schon sagen, dass er die Scheibe produziert hat.“

Skogsberg schaute bei der Arbeit nicht auf die Uhr. Zur Überraschung der Band wollte er jedoch am Wochenende frei haben. Am Freitagabend nach der Session hieß es: „Tschüss bis Montag und schönes Wochenende auch!“ Natürlich hatten die Musiker keine anderen Freizeitpläne als Abfeiern. Da das Budget aufgezehrt war und alle des Dünnbiers überdrüssig waren, schickten sie ein neues Bettelfax an die Plattenfirma und brachten ihren Produzenten dazu, ihnen Hochprozentigeres zu verschaffen.

Ein Freund von Koivusaari, Jussi „Näkkis“ Ojala, kam zu Besuch und hatte eine Kassette dabei: das soeben erschienene Debüt der finnischen Psychedelic-Progrockband KINGSTON WALL, betitelt schlicht I (1992). Die ganze Truppe setzte sich mit dem Kassettenrekorder vor die Hütte und lauschte der Neuheit. Keines der AMORPHIS-Mitglieder hatte diese Band je zuvor gehört. Das von orientalischen Melodien, Folk-Einflüssen, überbordender Virtuosität und Retro-Rock von Weltniveau durchzogene Album beeindruckte sie alle zutiefst. So tief, dass man es der Musik von AMORPHIS noch heute anhört. In dem Rekorder lief bis auf weiteres keine andere Kassette mehr.

Ein paar Songs auf Karelian erforderten Keyboards, die – wie schon auf dem Demo – von Snoopy gespielt wurden. Rechbergers hatten zuhause ein Klavier, und Snoopy konnte einigermaßen darauf herumklimpern. Für die simplen Keyboardtracks auf dem Album reichten seine Fähigkeiten allemal. In erster Linie verwendete die Band einen Synthie-Sound namens Human Voice, der aus aa- und oo-Vokalen bestand.

„Human Voice war eine Art Markenzeichen von uns. Es war ein guter Effekt, den wir schon auf dem Demo verwendet hatten, obwohl ich das damals nicht ganz mitkriegte. Als Esa Snoopy fragte, ob er Human Voice dabei hätte, wunderte ich mich von wegen: ‚Wie, hast du eine Stimme auf Kassette oder was?‘ Ich dachte, das wäre ein Sample, das man direkt von einer Kassette aufnehmen konnte, aber Snoopy hatte den Sound auf Diskette dabei und er wurde mit dem Synthie eingespielt“, erklärt Oppu.

Die Gesangsspuren wurden an nur einem Tag aufgenommen. Arrangements und Phrasierung entstanden zum Teil völlig spontan. Als alles im Kasten war, mischte Skogsberg das Album sofort ab. Es klang heavy und düster, genau wie die Band es sich gewünscht hatte. Nicht technisch perfekt, aber eigenständig.

„Weil die Mietdauer der Hütte abgelaufen war, durften wir die letzte Nacht im Studio verbringen“, sagt Koivusaari. „Irgendwas verpfuschten wir, als wir an den Einstellungen herumprobierten und auf die Knöpfe drückten. Damals wurde das Master auf DAT aufgenommen. Das Karelia-Intro erhielt versehentlich eine andere EQ-Einstellung als die anderen Songs, das hört man auch. Als der erste eigentliche Song anfing, wunderte sich Skogsberg über die falsche Einstellung und korrigierte sie. Wir überlegten, ob wir sagen sollten, dass das Intro schon mit dieser Einstellung gemastert worden war, aber wir trauten uns nicht. Das blieb dann halt so.“

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Дата выхода на Литрес:
23 декабря 2023
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547 стр. 179 иллюстраций
ISBN:
9783944180823
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