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Marie Louise Fischer
Tödliche Hände
SAGA Egmont
Tödliche Hände
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1979 by Goldmann Verlag, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711719183
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.
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1
Staatsanwalt Gert Lamprecht starrte angestrengt aus dem Fenster seines Autos auf die Landstraße. Der Nebel war fast undurchdringlich, und Lamprecht wagte nicht schneller als im Schrittempo zu fahren. Er verfluchte das ganze Abenteuer von Herzen.
Als ihm die anonyme Anzeige gegen Maria Sebaldt, die Herrin auf der halbverfallenen Burg Eberstein, vor einigen Tagen auf den Schreibtisch geflattert war, hatte er die Angelegenheit für interessant gehalten. Maria Sebaldt war eine extravagante Persönlichkeit, von der man sagte, daß sie übersinnliche Fähigkeiten besitze. Sie pflegte von sich selber zu behaupten, daß sie Geister beschwören könne.
Staatsanwalt Gert Lamprecht haßte solchen Hokuspokus und war begeistert gewesen von der Aussicht, eine Betrügerin, die ihren Profit aus der Dummheit der Menschen zu schlagen pflegte, überführen zu können.
Um seinem Besuch einen nicht gar so offiziellen Anstrich zu geben, hatte er sich entschlossen, Lisa, seine Frau, und deren 22jährige Schwester Monika Müller mitzunehmen.
Die beiden Frauen hatten in der Erwartung eines interessanten Abends geschwelgt, aber das unwirtliche Wetter hatte sich dann auch auf ihre Stimmung gelegt; seit einer halben Stunde sprachen sie kaum noch etwas.
Jetzt, plötzlich, lichtete sich der Nebel, die Sicht wurde besser. Im ungewissen Licht des abnehmenden Mondes zeichnete sich kaum hundert Meter vor ihnen eine düstere Silhouette ab: ein runder romanischer Turm, Giebel, Erker, Fensterbögen.
»Burg Eberstein«, brummte Staatsanwalt Gert Lamprecht. »Wir sind am Ziel.«
Sekunden später rollten sie über eine Zugbrücke, die unter der Last des Wagens ächzte und polterte.
Dann hielten sie auf dem Kopfsteinpflaster des Burghofes.
Heulend riß eine riesengroße Dogge an der Kette. Ein Tor öffnete sich, eine breite Bahn hellgelben Lichts ergoß sich über den Hof, eine schwarze Gestalt tauchte auf.
Sie kam auf den Wagen zu. Ein altes, runzeliges Gesicht, umrahmt von einem Franz-Joseph-Backenbart, wurde sichtbar.
»Wollen Sie nicht aussteigen?« fragte der Mann.
»Bitte, können Sie nicht erst den Hund einsperren?« antwortete ängstlich Lisa, die Frau des Staatsanwalts, die das Wagenfenster heruntergekurbelt hatte.
Der alte Mann wandte sich mit einigen besänftigenden Worten an das Tier, das sich daraufhin knurrend in seine Hütte zurückzog.
Mit steifen Beinen stiegen sie aus.
»Danke«, sagte Lisa, »vielen Dank, Herr…«
»Anton, der Diener.« Der alte Mann verbeugte sich. Als er sich wieder aufrichtete, schien leichter Spott in seinen wäßrigen blauen Augen zu liegen.
Sie gingen auf die breite steinerne Freitreppe zu, als ein schwerer amerikanischer Wagen in den Burghof fuhr. Ein dicker, großer Mann stieg schnaufend aus, fragte auf deutsch, aber mit unverkennbarem amerikanischen Akzent:
»Bin ich hier richtig auf Burg Eberstein?«
Sie hörten auch noch, wie der Diener die Frage bejahte und dann hinzufüete: »Habe ich die Ehre mit Mr. George Pearson?«
Dann nahm etwas anderes ihre Aufmerksamkeit in Anspruch. Ein Mann kam mit schlenkernden Armbewegungen eilig die Freitreppe herab, trat auf sie zu und sagte mit altmodischer Förmlichkeit: »Ich heiße Sie auf Burg Eberstein willkommen.«
Der Mann hatte tiefliegende Augen und einen auffallend schmallippigen Mund.
Staatsanwalt Lamprecht verbeugte sich knapp. »Dr. Zacharias, wenn ich mich nicht irre …«
»Sehr richtig.« Der Mund des Mannes verzog sich zu einem breiten Lächeln; gelbe, leicht auseinanderstehende Zähne wurden sichtbar. »Arzt und Pathologe.« »Staatsanwalt Lamprecht.«
Das Gesicht des Arztes wurde plötzlich besorgt. »Es ist auf Burg Eberstein nicht üblich, sich vorzustellen, Herr Staatsanwalt«, sagte er, »um Peinlichkeiten zu vermeiden, und außerdem … Sie werden verstehen, die Anwesenheit eines Staatsanwalts könnte beunruhigend auf unsere anderen Gäste wirken.«
Der Staatsanwalt hob ironisch seine farblosen Augenbrauen. »Ich verstehe durchaus, Herr Doktor. Aber immerhin wird es Sie vielleicht interessieren, daß dies hier meine Frau und diese junge Dame meine Schwägerin ist.«
Dr. Zacharias musterte Monika unverhohlen. Die Pupillen seiner dunkelgrauen Augen waren klein wie Stecknadelköpfe. »Wir hatten Sie nicht erwartet«, sagte er zu Monika, »aber … ja nun … Sie sind uns natürlich willkommen.«
Monika hätte es dabei bewenden lassen können, aber sie wollte ihre Anwesenheit möglichst plausibel machen. »Ich bin Studentin der Psychologie. Meine Doktorarbeit beschäftigt sich mit den Grenzfällen der Psychologie. Deshalb bin ich …«
»Aber selbstverständlich«, unterbrach Dr. Zacharias sie, »wir haben es bisher immer so gehalten, daß jeder das Medium Maria Sebaldt konsultieren durfte, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.«
»Ich will sie keineswegs konsultieren, ich will nur …«, erklärte Monika, aber nun unterbrach ihr Schwager sie: »Schon gut.«
Zu Dr. Zacharias gewandt, fügte er mit ruhiger Stimme hinzu: »Pflegt Maria Sebaldt Honorare für ihre Bemühungen zu verlangen?«
»Niemals! Auch dann nicht, wenn sie ihr freiwillig angeboten werden. Herr Staatsanwalt, ich habe immer streng darüber gewacht, daß ihre spiritistischen Sitzungen in rein wissenschaftlichem Rahmen stattfinden. Wenn es Sie interessiert, kann ich Ihnen gerne Einblick in die Gutachten von namhaften Wissenschaftlern geben, die Maria Sebaldts außergewöhnliche Begabung bestätigt haben.«
»Danke, ich möchte mir lieber selbst ein Bild machen«, erwiderte der Staatsanwalt.
»Ich beglückwünsche Sie zu dieser Einstellung, Herr Staatsanwalt«, sagte Dr. Zacharias mit einer Begeisterung, die reichlich übertrieben schien. »Ich bin ganz sicher, wenn Sie das Wirken des Mediums mit eigenen Augen beobachtet haben, werden Sie zugeben, daß dabei von Betrug keine Rede sein kann.«
Sie waren ins Treppenhaus getreten. An einigen Haken an der Wand hingen Mäntel, die sich im scharfen Luftzug bauschten.
»Bitte, legen Sie ab«, sagte Dr. Zacharias und half Lisa, der Frau des Staatsanwalts, aus dem Mantel.
Monika zögerte, den Mantel auszuziehen, denn im Treppenhaus herrschte die modrige Kühle einer Gruft. Aber sie gab ihren Widerstand auf, als ihr Schwager ihr den Mantel abnahm und ihn ans Ende der Kleiderablage hängte.
»Sie müssen mir glauben«, wandte sich Dr. Zacharias wieder an den Staatsanwalt, »niemand bedauert den Entschluß Maria Sebaldts mehr als ich …«
»Sie plant also tatsächlich, regelrechte Tourneen zu veranstalten?«
»Ja, leider. Vielleicht ist jener Mann daran schuld, der in ihr Leben getreten ist. Jedenfalls … die heutige Sitzung ist die letzte, die auf Eberstein stattfindet. Maria hat einen Käufer für die Burg und den Grundbesitz gefunden. Und morgen vormittag – aber ich bitte, diese Tatsache diskret zu behandeln – heiratet sie.«
»Was? Maria Sebaldt heiratet?« Monika schrie es fast und wurde rot, als alle sie erstaunt anblickten. »Wen heiratet sie?«
»Einen gewissen Kasimir Kratky«, antwortete Dr. Zacharias.
Monika atmete auf. Sie hatte schon befürchtet, der Bräutigam könnte … Martin Sommer heißen.
Martin Sommer war der Mann, den sie liebte. Aber es war schmerzlich, zu wissen, daß er ihr soviel mehr bedeutete als sie ihm. Zwischen ihnen stand ein Schatten, die Persönlichkeit einer anderen Frau. Einer Frau, von der Martin Sommer mit unwiderstehlicher Gewalt angezogen wurde – Maria Sebaldt.
»Sie mögen Herrn Kratky nicht?« fragte Monika den Arzt.
»Es liegt mir fern, ein Urteil über den Menschen abzugeben, den Maria Sebaldt liebt«, erklärte Dr. Zacharias voller Würde.
Er öffnete eine Tür, und sie traten vom Treppenhaus in die Halle.
Was zuerst auffiel, war das rotlodernde Feuer in einem mächtigen, altertümlichen Kamin. Dann erst bemerkten sie die kleine Gesellschaft, die stumm in hochlehnigen, holzgeschnitzten Sesseln vor dem Kamin saß. Obwohl jeder die Schritte der neuen Gäste gehört haben mußte, drehte sich niemand um.
Der Staatsanwalt ging geradewegs auf den Kamin zu und setzte sich zu den anderen.
Seine Frau folgte, ohne zu zögern, wie immer seinem Beispiel.
Nur Monika stand noch unter der Tür, sah sich in dem riesigen Raum um. Die Wände waren bis zur halben Höhe getäfelt. Von der Mitte des romantischen Gewölbes hing ein vielarmiger geschmiedeter Leuchter herab, an dem jedoch nur wenige Glühbirnen brannten, die spärliches Licht verbreiteten. Düstere Schatten lauerten in allen Ecken und Winkeln. Ritterrüstungen mit herabgelassenen Visieren standen da, eine Unzahl alter, vergilbter Ölgemälde, wahrscheinlich Ahnenbilder, hing an den Wänden.
»Na, hast du nun genug geschaut?« fragte eine tiefe Stimme hinter ihr.
Monika erkannte die Stimme sofort. Sie hätte Martins Organ ohne Zögern unter Hunderten erkannt. Niemand verstand es wie er, in einen einfachen Satz eine so doppelsinnige Bedeutung zu legen.
Sie drehte sich zu ihm um, nicht im geringsten überrascht, ihn hier zu treffen. Er hatte ihr zwar erzählt, daß er übers Wochenende seinen kranken Vater besuchen müsse. Aber das hatte Monika ihm von Anfang an nicht geglaubt. Sie hatte gleich vermutet, daß es ihn zu Maria zog.
»Guten Abend, Martin«, sagte sie mit beherrschter Stimme und reichte ihm die Hand.
»Wie kommst du hierher?« fragte er sie direkt.
»Mein Schwager war so liebenswürdig, mich mitzunehmen.«
»Warum hast du …« Er stockte, biß sich auf die runde, volle Unterlippe.
»Warum ich dich nicht vorher um Erlaubnis gefragt habe?« erwiderte sie freundlich.
»Unsinn. Aber du hättest es mir doch wenigstens sagen können.«
»Du hast mir ja auch nichts gesagt. Du hast mich sogar belogen.«
Er packte sie beim Arm. »Hör mal, Monika …« Er dämpfte die Stimme zu einem fast unhörbaren Flüstern. »Du kannst hier nicht bleiben.«
»Und warum nicht?«
»Frag mich nicht, ich kann es dir nicht erklären. Aber es liegt etwas in der Luft, etwas sehr Ungutes.«
»Gib dir keine Mühe. Ich bin froh, daß ich hier bin. Jetzt werde ich sie endlich kennenlernen. Du ahnst nicht, wie lange ich mir das schon gewünscht habe.«
»Ach so, deswegen … Hast du immer noch nicht eingesehen, daß deine Eifersucht völlig unsinnig ist?« »Nicht unsinniger als deine Liebe zu dieser Frau«, brach es nun aus Monika heraus.
»Ich liebe sie nicht. Glaub mir doch endlich. Fährst du nun zurück?«
»Nur, wenn auch du mitgehst.«
»Ich kann nicht«, flüsterte er.
»Danke, das ist eine klare Antwort.«
Sie wandte sich ab und ging auf den Kamin zu. Martin versuchte nicht, sie aufzuhalten.
Kurz darauf trat Mr. George Pearson, der Amerikaner, in die Halle. An seiner Seite schritt eine Frau, offensichtlich seine Gattin.
Sie war hochgewachsen, fast mädchenhaft schlank, trug ein hervorragend sitzendes, mit schmalem Nerzfell besetztes Kostüm aus violettem Wollstoff. Ihre hochhakkigen Pumps waren violett wie ihr Kostüm, und violett geschminkt war auch ihr Mund.
Sie gehörte zu jenen Frauen, deren Alter schwer zu schätzen ist. Sie konnte ebensogut eine guterhaltene Vierzigerin wie eine frühverbrauchte Dreißigerin sein.
In jeder anderen Gesellschaft hätte sie sofort alle Blicke auf sich gezogen. Hier aber war Monika die einzige, die sie überhaupt zu bemerken schien.
Kein Wunder, daß Mr. Pearson, der stolze Besitzer dieser Dame, von dem frostigen Empfang einigermaßen schockiert war. Er räusperte sich und schmetterte ein lautes »Hälloh!« in den Raum.
Niemand antwortete ihm.
Er rieb sich verlegen die Nase, duckte sich unter dem verweisenden Blick seiner Gattin und sagte dann, plötzlich unsicher geworden:
»Entschuldigen Sie bitte …«
Er war Monika in diesem Augenblick sympathisch, weil ihn seine Verlegenheit irgendwie anziehend machte.
Vom Gang her kam ein scharf quietschendes Geräusch. Es stammte von einem klapprigen Teewagen, den Anton in die Halle rollte. Während der Diener den Tee einschenkte, betrachtete Monika die vier Personen, die schon bei ihrem Eintritt um das Feuer gruppiert waren. Ihr Blick glitt von einem gutgenährten blonden Mann in einem hochgeschlossenen schwarzen Anzug zu einer jungen Frau in einem schlecht sitzenden hellbraunen Kleid, mit regelmäßigem, etwas herbem Gesicht und streng zurückgekämmtem Haar.
Dicht beieinander saßen ein Herr mit eisgrauem Schnurrbart und eine platinblonde Dame. Beide waren groß und schlank, beide wirkten außerordentlich vornehm. Monika schätzte sie als Ehepaar ein.
Anton kam mit dem Teewagen zu ihr, und Monika hatte dann alle Mühe, die Tasse, das Sandwich und die Zigarette gleichzeitig in ihren Händen zu blancieren.
So kam es, daß ihr jener bedeutsame Augenblick entging, auf den sie gewartet hatte, seit sie sich dieser merkwürdigen Gesellschaft gegenübersah. Monika erblickte Maria Sebaldt erst, als diese schon mitten im Raum stand.
Monika war von ihrer Schönheit nicht überrascht. Die Sebaldt mußte ja bildschön sein, um Martin so sehr an sich fesseln zu können.
Das klare Gesicht war eingerahmt von langen, blonden, lose herabfallenden Locken. Die dunkelblauen Augen waren von zarten Schatten umgeben, die sie noch größer erscheinen ließen. Ein Lächeln umspielte den feingeschnittenen Mund. Die weißen Hände hielt sie leicht erhoben.
Auf Monika wirkte sie ungemein reizvoll und … außerordentlich unsympathisch.
Monika starrte Maria Sebaldt immer noch an, als sie durch ein klirrendes Geräusch neben sich aus ihrer Betrachtung gerissen wurde.
Sie wandte den Kopf und sah, daß Lisa ihre Teetasse kaum noch in ihren zitternden Händen halten konnte. Lisa war totenbleich geworden, ihre Lippen bebten. »Lisa … was hast du?« fragte Monika erschrocken. »Ist dir nicht gut?«
Lisas Lippen formten ein krampfhaftes Lächeln. »Es ist schon vorbei«, flüsterte sie.
Es schien so, als starre Lisa unverwandt auf Maria Sebaldt. Aber als Monika ihrer Blickrichtung folgte, wurde ihr klar, daß es gar nicht Maria Sebaldt war, die Lisa so beeindruckte, sondern der Mann, der hinter der Sebaldt stand: Kasimir Kratky.
Er wirkte faszinierend mit seinem fast blauschwarzen Haar, den dunklen, stechenden Augen, dem gutgeschnittenen Gesicht. Es ging etwas geradezu Dämonisches von ihm aus.
Trotzdem … warum war Lisa bei seinem Anblick so erschrocken? Sie muß ihn kennen, schoß es Monika durch den Kopf. Gab es in der Vergangenheit ihrer ruhigen, zurückhaltenden Schwester Lisa vielleicht ein Geheimnis?
Kasimir Kratky begann zu sprechen. Seine Stimme klang überraschend hoch und schneidend. »Wenn die Herrschaften ihren Tee ausgetrunken haben«, sagte er, »können wir beginnen. Das heißt… eigentlich erwarten wir noch einen Gast.«
Der blonde Mann im hochgeschlossenen schwarzen Anzug zog eine silberne Taschenuhr aus seinem Jackett. »Ich hoffe, es wird nicht zu spät«, sagte er.
»Haben Sie Angst, Herr Oberlehrer?« Das streng frisierte Mädchen beugte sich vor und sah ihn an.
»Nicht vor Geistern, Annette«, sagte der Oberlehrer lächelnd zu ihr.
»Ist es wahr, es spukt in diesem Schloß?« fragte der Herr mit dem eisgrauen Schnurrbart. Seinem Akzent nach war er ein Engländer.
»Allerdings, Sir Ambery«, bestätigte das strengfrisierte Mädchen, das Annette hieß, sofort. »Hier geht ein Gespenst um.«
Dr. Zacharias warf ihr einen verweisenden Blick zu, weil sie, entgegen den Gesetzen des Hauses, einen Namen genannt hatte.
Er sagte zu dem Engländer: »Ich als Parapsychologe kann Ihnen versichern, Sir, daß es keinen Grund zur Beunruhigung gibt. Der Geist eines Verstorbenen besitzt nicht die Macht, einem lebenden Menschen Schaden zuzufügen.«
»Weiß man denn auch, wer dieser Geist zu Lebzeiten war?« mischte sich Monika Müller ein. »Und warum er keine Ruhe gibt oder keine Ruhe findet?«
»Ja nun, ich enthülle kein Geheimnis, wenn ich es Ihnen erzähle«, sagte der Arzt. »Es handelt sich um den Feldhauptmann Jakobus Rex. Er hat mit seinen Landsknechten während des Dreißigjährigen Krieges, im Jahre 1628, hier Quartier bezogen. Er. hat sich in die Tochter des Burgherrn verliebt, und sie erwiderte seine Neigung. Mit dieser Verbindung waren die Eltern nicht einverstanden, und kurzerhand wurde Jakobus Rex wegen Verführung eines unbescholtenen Mädchens vor Gericht gestellt. Gerichtsherr war der Burgherr selbst. Er verurteilte den Feldhauptmann zum Tode durch Erhängen. Jakobus Rex starb unschuldig, und wahrscheinlich ist das der Grund, warum er noch immer in Verbindung mit den Menschen stehen will. Er hat mit seinem Schicksal nicht fertig werden können.
»Das wissen Sie alles so genau?« fragte Monika Müller. »Wie kommt das?«
»Er hat es uns selber berichtet«, erwiderte Dr. Zacharias, als wenn das die natürlichste Sache von der Welt wäre. »Allerdings habe ich mir die Mühe genommen, seine Erzählungen nachzuprüfen. Und sie werden, stellte ich fest, durch glaubhafte Überlieferung bestätigt.«
»Es ist also der Geist des verstorbenen Jakobus Rex, wenn ich recht verstanden habe, mit dem Frau Sebaldt in Verbindung steht?« hakte Staatsanwalt Gert Lamprecht nach.
»Ja.«
Der Staatsanwalt wandte sich nun an Maria Sebaldt selbst:
»Sind Sie denn ganz sicher, gnädige Frau, daß Sie mit diesem Geist auch außerhalb der Burg, in der er doch seit Jahrhunderten lebt, wie ich höre, in Verbindung treten können?«
Maria Sebaldt schwieg.
»Aber selbstverständlich«, antwortete Kasimir Kratky an ihrer Stelle. Er sah auf seine Armbanduhr. »Ich denke, wir beginnen jetzt. Bitte, Maria.«
»Aber es fehlt doch noch …«, widersprach sie ihm fast flehend.
Er schnitt ihr das Wort ab:
»Nicht so wichtig. Ich glaube nicht, daß es Sinn hat, noch länger zu warten.«
Ihre schmalen, zarten Hände zitterten. »Ich möchte nicht, Kasimir …«, sagte sie.
»Willst du die Sitzung etwa ausfallen lassen?« In seiner Stimme lag eine kaum noch verhüllte Drohung.
»Nein, natürlich nicht«, versicherte sie rasch. »Nur… ich fühle mich sehr elend, Kasimir. Kannst du das nicht verstehen?«
»O doch, ich glaube, wir alle haben für Ihre Situation Verständnis, Maria«, mischte sich der Oberlehrer mit fester Stimme ein. Er blickte sich beifallheischend unter den Gästen um, aber alle wichen seinem Blick aus, so daß Maria auf Kasimir Kratky zutrat und demütig sagte: »Wenn du meinst… gehen wir also hinüber ins Sitzungszimmer.«
Alle standen auf. Mrs. Pearson versuchte mit beschwörenden Blicken, Kasimir Kratky auf sich aufmerksam zu machen. Sie war als einzige beim Kamin stehengeblieben und schnippte, während sie Kasimir Kratky unter ihren langen, schwarz getuschten Wimpern unentwegt ansah, ihren Zigarettenstummel ins Feuer.
Kratky verhielt den Schritt, löste sich von der Seite Marias und blieb zurück. Er und die Amerikanerin hatten eine Sache zu besprechen, bei der sie keine Zeugen brauchen konnten.
2
Die anderen gingen in den sich anschließenden Raum, wo die spiritistische Sitzung stattfinden sollte. Auch dieses Zimmer war holzgetäfelt, auch hier standen Ritterrüstungen herum und hingen historische Gemälde an den Wänden. In der Mitte befand sich ein großer, rechteckiger Tisch, der von hochlehnigen Stühlen umgeben war.
Maria Sebaldt stand schon am oberen Ende des Tisches, als Kasimir Kratky und Mrs. Pearson nachkamen. Das Lächeln, das Kasimirs Mund verzerrte, wirkte abstoßend. Mrs. Pearsons grüne Augen flackerten vor Erregung. Sie ging um den Tisch herum und setzte sich an die Seite ihres Gatten.
Kasimir Kratky schickte sich an, Maria Sebaldts Füße mit Stricken an die Stuhlbeine zu fesseln. Doch Staatsanwalt Lamprecht erklärte, er wolle diese Maßnahme selber durchführen. Die Prozedur hatte etwas Peinliches an sich, aber Maria Sebaldt schien das Demütigende, das für sie in der Fesselung lag, gar nicht zu empfinden.
Als Dr. Zacharias und Kasimir Kratky sich zu ihrer Linken und Rechten setzen wollten, war es wieder der Staatsanwalt, der Einspruch erhob.
Er beanspruchte den Platz Kasimirs auf der rechten Seite des Mediums.
Kasimir Kratky wählte nach kurzem Zögern den Platz am anderen Ende des Tisches, genau gegenüber von Maria. Die anderen setzten sich, wo sie jeweils gerade standen. Es war kein Zufall, daß Monika Müller neben Martin Sommer zu sitzen kam.
Kasimir Kratky klopfte mit dem Siegelring auf den Tisch, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. »Meine Damen und Herren«, sagte er, »Sie wissen, das Medium Maria Sebaldt steht seit mehreren Jahren in Verbindung mit einem guten Geist namens Rex. Sie wird versuchen, hier in diesem Raum und in Ihrer Anwesenheit mit ihm zu sprechen.«
Er räusperte sich und fuhr fort: »Das Medium wird dem Geist Fragen stellen. Er wird sie mit einem Klopfen des Tisches beantworten. Zwei Klopfzeichen bedeuten ›nein‹, ein Klopfzeichen bedeutet ›ja‹. Für alle Buchstaben gibt es bestimmte Klopfzeichen, mit denen Sie sich aber nicht zu belasten brauchen. Das Medium wird Ihnen die Zeichen in unsere Sprache übersetzen.«
Kasimir Kratky legte seine Hände Daumen an Daumen vor sich auf den Tisch, und alle folgten seinem Beispiel, so daß die Hände sämtlicher Anwesenden miteinander in Berührung waren.
»Bitte, achten Sie darauf, daß während der ganzen Sitzung die Kette der Hände nicht an einer Stelle abreißt«, gab Kratky Anweisung. »Schweigen Sie, was auch immer geschehen mag. Die Gesundheit des Mediums, das während der Sitzung in Trance ist, hängt von Ihrer Disziplin ab. Noch Fragen?«
»Ja«, sagte Monika Müller. »Kann man den Geist sehen?«
»Das Medium sieht ihn immer. Unter besonders glücklichen Umständen kann er sich auch für die Augen anderer materialisieren. Er wird dann als eine Art Nebelgebilde erkennbar, an dem man Kopf, Arme und Beine deutlich zu unterscheiden vermag.«
Dr. Zacharias ging zur Tür und knipste das Licht aus. Man hörte, wie er dann seinen Platz einnahm. Es herrschte undurchdringliche Dunkelheit.
Einen Augenblick war es totenstill, dann erhob Maria Sebaldt ihre Stimme.
»Rex!« rief sie in einem seltsam schwebenden Ton. »Guter Geist Rex!«
Unvermittelt wurde die Tür noch einmal geöffnet, und im schwachen Lichtschein sah man einen Mann eintreten. Anton, der mit ihm hereinkam, schob ihm rasch einen Stuhl hin. Dann verschwand er wieder.
Erneut war Maria Sebaldts schwebende Stimme zu vernehmen: »Rex … komm zu uns!«
Nichts geschah. Kein Laut war zu hören, außer dem schweren Atem von Mr. Pearson, der zur Rechten von Maria saß.
Alle warteten darauf, daß Maria Sebaldt ihre Aufforderung wiederholen würde, aber sie blieb stumm.
Es war immer noch stockfinster, doch ein leichter Luftzug wurde spürbar, so, als hätte sich irgendwo eine Tür geöffnet.
»Rex, bist du da?« rief Maria Sebaldt fragend.
Der Tisch hob sich erkennbar, stand waagrecht in der Luft, und es war, als verspüre man einen schwachen elektrischen Schlag auf den Hinterkopf. Jemand schrie leise auf.
»Du bist da, Rex«, sagte Maria Sebaldt, und in ihrer Stimme klang Erleichterung.
Der Tisch senkte sich, klopfte ›ja‹.
Wieder durchdrang die Stimme Maria Sebaldts die Stille: »Rex, guter Geist… willst du uns helfen, die Wahrheit zu erkennen?«
Der Tisch klopfte einmal ›ja‹ und fuhr dann fort, in langsamen, rhythmischen Schlägen zu pochen.
»Die Wahrheit ist unendlich und unfaßbar«, übersetzte Maria Sebaldt. »Das Unbegreifliche ist unbeschreiblich.«
Monika Müller zweifelte keinen Augenblick daran, daß das Ganze ein ausgemachter Schwindel war, von Maria und Kratky inszeniert. Vielleicht hatte auch Dr. Zacharias seine Hand im Spiel.
Maria Sebaldt fragte: »Erwarten uns im Jenseits Leiden? Müssen wir uns vor dem Tod fürchten?«
Antwort: »Die Strafe ist das Leben.«
Nun konnte man Maria Sebaldts Gesicht erkennen. Es schien von einem grünen fluoreszierenden Licht schwach beleuchtet. Eine Lichtquelle gab es aber nicht. Es war so, als ob die Helligkeit von innen durch ihre weiße Haut hindurchschimmerte.
Plötzlich wackelte ihr Kopf. Es sah aus, als ob sie von einer unsichtbaren Hand im Genick gefaßt und geschüttelt würde.
Sie stieß einen gutturalen Laut aus, einen seltsamen Seufzer.
»Wer bist du? Was willst du von mir?« schrie sie angsterfüllt.
Dann antwortete sie selber, aber ihre Stimme klang vollkommen verändert, männlich, rauh, ja ordinär: »Ihr habt mich gerufen!«
»Ich kenne dich nicht!« rief Maria Sebaldt mit ihrer alten Stimme bebend.
»Du wirst mich kennenlernen«, antwortete die heisere Stimme drohend.
»Wer hat dich gerufen?«
»Ein Mann, der dir nahesteht.«
Maria Sebaldt riß die Augen weit auf, sie schien etwas zu sehen, das sie erschreckte. »Nein!« rief sie. »Du lügst! Geh weg!«
Monika Müller starrte angestrengt in dieselbe Richtung wie das Medium. Aber alles, was sie sehen konnte, war – unheimlich genug – ein Nebelgebilde über dem Kopf von Kasimir Kratky, das alle Augenblicke seine Gestalt veränderte.
Die brutale männliche Stimme lachte höhnisch. »Das könnte euch so passen. Erst wollt ihr die Wahrheit wissen … aber wenn sie euch nicht schmeckt, dann kneift ihr?«
»Du willst uns täuschen und verwirren. Geh dorthin, woher du gekommen bist!«
Das Nebelgebilde schrumpfte zusammen. Die männliche Stimme knurrte heiser: »Das werdet ihr bereuen. Und am meisten dieser Verbrecher …«
»Wer ist ein Verbrecher?« fragte Maria Sebaldt.
»Ihr alle, ihr verd …« Die rauhe Stimme brach mitten im Wort ab, gerade so, als ob sie mit Gewalt am Weitersprechen gehindert worden wäre.
Einen Augenblick später begann der Tisch, der die ganze Zeit über in der Luft geschwebt hatte, in gleichmäßigen, fast beruhigenden Schlägen zu klopfen.
»Es war ein böser Geist, ich konnte es nicht verhindern«, übersetzte das Medium. »Er wird nicht wiederkommen.«
»Guter Geist Rex, ich danke dir für deinen Schutz. Bitte, verlaß mich nie.«
Der Tisch senkte sich, klopfte.
Maria Sebaldts Stimme klang ungläubig, als sie übersetzte: »Du wirst es sein, die mich verläßt.«
Gleich darauf antwortete sie: »Nie, Rex, nie!«
Der Tisch schwebte in der Luft, ohne sich zu rühren. Eine lange quälende Pause entstand.
Dann sagte Maria Sebaldt in einem ungeheuer gespannten Ton: »Rex, ich weiß, du meinst es gut mit mir. Habe ich dich richtig verstanden, willst du mich warnen?«
Sie schwieg einen Augenblick, fuhr erst fort, als sich nichts rührte: »Bitte, hilf mir. Rate mir. Ist es richtig, was ich tun will? Soll ich den Mann heiraten, den ich liebe? Ich beschwöre dich, sag es mir.«
Sie hatte kaum ausgesprochen, als der Tisch stürmisch zu klopfen begann, in wilden Schlägen.
Kleine Blitze schienen durch den Raum zu zucken. Eine Frauenstimme schrie gellend auf.
Mr. Pearson, der neben Monika Müller saß, riß seine Hand zurück.
Das elektrische Licht flammte auf, alle saßen mit blassen verstörten Gesichtern auf ihren Plätzen. In der geöffneten Tür stand Anton, der Diener.
Dr. Zacharias, der das Licht angeknipst hatte, stürzte zu Maria.
Sie lag in ihrem Sessel, totenbleich, die Augen geschlossen. Sie war ohnmächtig geworden.
Mit überraschendem Impuls schloß Martin Sommer Monika in seine Arme, als wolle er sie beschützen. Erst als er sie wieder freigab, sah sie, was geschehen war.
Kasimir Kratky war mit ausgebreiteten Armen vornüber auf die Tischplatte gefallen.
Aus seinem Rücken ragte der kunstvoll geschmiedete Griff eines Stiletts.
Mord!
Sir Ambery drückte den Mittelfinger auf Kratkys Pulsader.
»Er ist tot«, sagte er.
Lisa, die Gattin des Staatsanwalts, schrie auf: »Nein! Nein! Das ist …«
Sie verstummte, denn ihr Gatte legte ihr seine Hand auf den Mund.
Ein Mann im braunen Anzug – offenbar der verspätete Gast – hatte den Mund vor Entsetzen weit aufgerissen.
Maria Sebaldt erwachte aus ihrer Ohnmacht, seufzte, schlug die Augen auf.
Dr. Zacharias beugte sich vor, um ihr die Sicht auf den Toten zu verstellen. Aber sie hatte diesen schon gesehen. Ihre dunkelblauen Augen weiteten sich, wurden fast schwarz.
»Maria, ich bitte dich …«, stammelte Dr. Zacharias. Annette streichelte Marias Hand. »Schau nicht hin«, sagte sie, »schau nicht hin.«
Maria Sebaldts Lippen bebten. Sie versuchte zu sprechen, aber es dauerte eine Weile, bis sie Worte formen konnte. »Meine Füße«, flüsterte sie.
Sofort befreiten der Oberlehrer und Annette sie von den Fesseln.
Maria erhob sich schwankend.
Dr. Zacharias versuchte sie zurückzuhalten, aber sie ging entschlossen um den Tisch herum, auf den Toten zu. Sie weinte nicht.
»Kasimir«, flüsterte sie nur, »Kasimir …« Sie hob die Hand, als ob sie dem Toten übers Haar streichen wollte, ließ sie aber mitten in der Bewegung wieder fallen. »Maria«, sagte Dr. Zacharias eindringlich, »bitte, nimm es, wie es ist. Vielleicht haben die Geister dir die Entscheidung abnehmen wollen …«
»Ich glaube nicht, daß Geister morden«, fuhr der Staatsanwalt mit schneidender Stimme dazwischen. »Dies hier ist nämlich Mord! Mord durch Menschenhand!« »Aber Mord von wem?« rief Mrs. Pearson. »Von wem?«
»Das herauszubringen ist Sache der Kriminalpolizei«, erklärte der Staatsanwalt.
Dr. Zacharias wandte sich an den Diener:
»Bitte, Anton, helfen Sie mir, ihn auf sein Zimmer zu bringen.«
»Wozu?« Der Staatsanwalt sah den Arzt scharf an.
»Ich möchte ihn untersuchen, Herr Staatsanwalt!« Die Stimme des Arztes klang ehrlich erstaunt. »Vielleicht ist er gar nicht tot.«
»Dies festzustellen«, erwiderte Lamprecht, »dürfte Ihnen auch möglich sein, ohne die Lage des Ermordeten zu verändern.«
»Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie mich an der Ausübung meiner ärztlichen Pflicht hindern.«
Der Staatsanwalt beugte sich über den Toten, zog die Augenlider hoch, ließ sie fallen.
»Kasimir Kratky bedarf keines Arztes mehr, Herr Doktor.«
Dr. Zacharias zuckte die Schultern. »Nun gut, wie Sie meinen. Die Verantwortung liegt bei Ihnen.«
Martin Sommer war sehr nahe an den Toten herangetreten. »Hier!« rief er. »Ist das nicht ein Zettel? Dieses Röllchen, das im Knauf steckt?«
Der Staatsanwalt machte eine Bewegung, als ob er es herausziehen wolle, ließ dann aber die Hand wieder fallen.
Sir Ambery holte Lederhandschuhe aus seiner Jackentasche.
»Darf ich?« fragte er Lamprecht.
»Bitte, aber mit äußerster Vorsicht.
Der Engländer zog die Handschuhe an, faßte mit den Fingerspitzen das Papier, rollte es vorsichtig so auseinander, daß er nur die äußeren Ränder berührte, und hielt es dem Staatsanwalt hin. Es standen nur fünf Worte darauf, mit roter Tinte in Druckbuchstaben geschrieben: Ich komme aus dem jenseits.
»Also doch ein Geist«, sagte Dr. Zacharias.
»Genausogut können Sie an den Weihnachtsmann glauben«, erwiderte der Staatsanwalt kalt.
»Darf ich den Zettel einmal sehen?« fragte Maria Sebaldt überraschend.
Aber Annette und Dr. Zacharias beschworen sie, darauf zu verzichten, und Maria, die sich völlig erschöpft fühlte, fügte sich.
Sir Ambery rollte den Zettel wieder zusammen und steckte ihn zurück in den Knauf.
»Komm, Maria, ich bring dich zu Bett«, erbot sich Annette. »Oder…«, fragte sie ziemlich aggressiv und wandte sich dem Staatsanwalt zu, »… haben Sie etwas dagegen?«
»Natürlich nicht«, versicherte dieser. »Aber ich muß Sie bitten, das Haus nicht zu verlassen. Das gilt natürlich auch für die anderen, die während des Mordes hier im Raum anwesend waren.«
Mr. Pearson, der bisher völlig benommen dagestanden hatte, protestierte lebhaft: »Soll das gelten auch für mich? Für mich und meine Frau?«
»Ich bedaure sehr, aber …«
George Pearson unterbrach den Staatsanwalt: »Sie scheinen nicht zu wissen, wer ich bin … Ich bin George Pearson, und ich werde nicht dulden, daß …«
»Bitte, Mr. Pearson, regen Sie sich doch nicht auf. Sie müssen begreifen …«
»Ich bin amerikanischer Staatsbürger!« schrie Pearson, und seine Stimme schnappte über. »Niemand hat das Recht, mich hier festzuhalten! Ich werde mich mit meinem Konsul in Verbindung setzen! Ich werde …« »Das, Mr. Pearson, bleibt Ihnen unbenommen. Es handelt sich ja nur darum …«, versuchte der Staatsanwalt zu erklären, aber jetzt schrien sie von allen Seiten auf ihn ein.
»Sie werden doch nicht glauben, daß ich Ihretwegen meine Hunde verhungern lasse!« rief Annette empört. »Ich denke nicht daran, auch nur eine Minute länger …«
»Sie scheinen zu vergessen, daß ich Arzt bin«, erklärte Dr. Zacharias wütend. »Was, glauben Sie, werden meine Patienten sagen, wenn ich hier …«
»Ich bleibe nicht!« rief Mrs. Pearson hysterisch. »Keine Macht der Welt kann mich zwingen, auch nur eine Minute länger in diesem Mordhaus zu bleiben! Ich will…«
»Auch ich protestiere«, erklärte der Oberlehrer, aber im Gegensatz zu den anderen war er ganz ruhig.
Sir Ambery sprach mit leiser, beruhigender Stimme auf seine Frau ein.
Der Staatsanwalt hob die Hand. »Meine Herrschaften, Ruhe!« verlangte er nun zornig. »Sie verkennen die Lage. Nicht weil Sie etwa nur Zeugen eines Mordes geworden sind, verlange ich von Ihnen zu bleiben, sondern weil sich unter Ihnen der Mörder selbst befindet. Ich besitze die Befugnis, Sie zurückzuhalten. Die Kriminalpolizei wird bald hier sein. Sie können versichert sein, daß jeder, der die Burg eigenmächtig verläßt, sofort wieder zurückgeholt wird. Sie alle stehen unter Mordverdacht…«
»Sie etwa nicht?« rief Annette dazwischen.
»Doch, ich auch. Aber im Gegensatz zu Ihnen werde ich der Polizei keine Schwierigkeiten machen.«
»Herr Staatsanwalt«, sagte der Mann in dem braunen Anzug bedrückt, »kann ich Sie einen Augenblick unter vier Augen sprechen?«
Jetzt erst richteten sich alle Blicke auf den Fremden. »Wer sind Sie überhaupt?« fragte Dr. Zacharias verblüfft.
»Aber Doktor«, fiel Maria Sebaldt ein, »das ist doch Signor Bressoni.«
»Nein, Maria, das ist er nicht. Signor Bressoni kenne ich. Dieser Mensch hier hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit deinem Manager, der sich heute bei dir vorstellen wollte.«
Der Mann im braunen Anzug hob flehend die Hände, breite, leicht behaarte Hände mit kurzen Fingern.
»Ich kenne überhaupt keinen Signor Bressoni«, sagte er aufgeregt.
»Nicht?« herrschte der Arzt ihn an. »Wenn ich die Situation richtig sehe, haben Sie sich doch unter diesem Namen bei uns eingeschlichen?«
»Nein!« Er schrie es fast. »Bitte, lassen Sie mich doch zu Wort kommen. Das war es ja gerade, was ich dem Herrn Staatsanwalt auseinandersetzen wollte. Ich hatte nicht einmal eine Ahnung, daß hier eine spiritistische Sitzung stattfindet.«
Er wies auf Anton, den Diener. »Dieser Mann da hat mich einfach hier hereingeführt, bevor ich mich überhaupt vorstellen konnte. Er hat gesagt: ›Sie werden erwartet.‹ Ich frage Sie, meine Herrschaften, was hätte ich denn tun sollen? Ich bin ihm gefolgt. Jeder andere Handelsvertreter hätte das auch getan. Die Schwierigkeit in unserem Geschäft liegt ja hauptsächlich darin, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Wenn man erst einmal in der Wohnung ist…«
»Sie sind Vertreter?« unterbrach der Staatsanwalt ihn. »Jawohl, Vertreter für Staubsauber. Vielleicht darf ich Ihnen einmal unser Gerät…«
»Sie heißen?«
»Heinz Heinrich. Sie müssen schon entschuldigen, Herr Staatsanwalt, aber man nutzt jede Gelegenheit…«
»Schon gut, Herr Heinrich. Ich unterstelle, daß das, was Sie uns erzählt haben, der Wahrheit entspricht. Trotzdem muß ich auch Sie bitten, auf Burg Eberstein zu bleiben, bis die Kriminalpolizei Ihnen die Erlaubnis erteilt, sich zu entfernen.«
»Aber, Herr Staatsanwalt, heute ist doch Freitag. Meine Frau und meine Kinder erwarten mich. Ich komme jeden Freitagabend pünktlich nach Hause.« Er fuhr sich verzweifelt durch sein onduliertes blondes Haar. »Ich hätte es wissen müssen … weiß Gott, ich hätte es wissen müssen. Freitag, der Dreizehnte. Also, das sage ich Ihnen, das ist der letzte Freitag, der Dreizehnte, an dem ich gearbeitet habe.«
»Ist hier ein Telefon?« fragte der Staatsanwalt.
»Leider nein«, antwortete Maria Sebaldt. »Ein Telefon paßt nicht zu unserer alten Burg. Wir haben ganz bewußt darauf verzichtet.«
»Wo ist das nächste Telefon?«
»In einer kleinen Wirtschaft, etwa fünf Kilometer von hier entfernt; sie liegt ziemlich versteckt.«
»Ich kenne den Weg«, sagte Martin Sommer rasch. »Ich könnte die Kriminalpolizei anrufen.«
»Sie werden mich begleiten«, bestimmte der Staatsanwalt. Er wandte sich an alle: »Wenn ich jemanden verständigen soll, daß Sie aufgehalten worden sind, bitte, sagen Sie es mir. Ich werde es erledigen.«
Aber niemand machte von diesem Angebot Gebrauch. Alle schienen sich in ihr Schicksal gefügt zu haben. Einer nach dem anderen verließ das Séance-Zimmer. Nur der Tote blieb zurück. Der Staatsanwalt schloß den Raum von außen ab, steckte den Schlüssel in die Tasche. Er und Martin Sommer verschwanden durch die kleine Tür ins Treppenhaus.
»Wenn Sie erlauben, werde ich mich jetzt zurückziehen«, sagte Maria Sebaldt zu den anderen. »Falls Sie irgendwelche Wünsche haben, wenden Sie sich an Anton. Bitte, Anton, leg doch noch ein paar Scheite nach, damit unsere Gäste nicht frieren müssen.«
Seite an Seite mit Annette verschwand sie im Dunkel des Ganges. Die anderen setzten sich.
»Wie ist der Mörder an das Stilett gekommen?« fragte Monika Müller.
»Der Dolch hing im Séance-Zimmer an der Wand«, antwortete der Oberlehrer.
»Ja, das ist richtig«, bestätigte Mr. Pearson. »Ich interessiere mich für solche alten Sachen. Ich habe ihn sofort gesehen.«
»Wo?« fragte Monika Müller.
»Da Sie es so genau wissen wollen: Der Dolch hing an der Querwand des Raumes, schräg hinter dem Rücken Kasimir Kratkys«, antwortete Dr. Zacharias.
»Aber sind denn diese alten Waffen hier so scharf geschliffen?«
»Das Stilett, mit dem Kasimir Kratky getötet worden ist, war es wahrscheinlich.«
»Das wäre nicht einmal nötig gewesen«, erklärte Sir Ambery. »Der menschliche Körper ist verletzlicher, als man glaubt. Ein Brieföffner, richtig geführt…«
Er ließ mit der rechten Hand einen imaginären Brieföffner so anschaulich durch die Luft sausen, daß Mrs. Pearson leise aufschrie.
»Wenn die Klinge des Stiletts wirklich geschliffen war, muß der Mord von langer Hand vorbereitet gewesen sein«, folgerte Monika Müller.
»Aber hören Sie denn nicht?« widersprach ihr der Arzt. »Sir Ambery hat doch gerade erklärt, daß sie gar nicht geschliffen gewesen sein muß.«
»Dann gehörte ungewöhnliche Kraft dazu«, behauptete Monika. »Demnach ist der Mörder ein Mann.«
»Ich bitte dich, Monika, hör auf damit«, flehte Lisa, ihre Schwester, sie an.
Monika Müller sah Lisa an und begriff erst jetzt, daß diese am Ende ihrer Kraft war.
»Sie sollten sich ausruhen, gnädige Frau«, sagte Dr. Zacharias, nachdem er Lisa, die Frau des Staatsanwalts, prüfend gemustert hatte. »Anton, führe die gnädige Frau in ein Zimmer, in dem sie sich hinlegen kann.«
»Selbstverständlich«, erklärte sich Anton sofort dazu bereit.
Monika Müller faßte ihre Schwester unterm Arm. »Komm, ich werde dich begleiten.«
Sie folgten Anton durch den breiten Gang und einige Stufen hinauf.
Anton öffnete eine Tür, in deren Schloß ein ungewöhnlich großer, verschnörkelter Schlüssel steckte.
Sie traten in ein geräumiges, hohes Zimmer. Wenn man von Staub und Moder absah, wirkte es ausgesprochen elegant. Die Wände waren mit verblichenen, altrosa Seidentapeten verkleidet. Es gab einen großen, kunstvoll gerahmten Toilettenspiegel mit einem niedrigen Hocker davor und ein sehr breites Bett mit einer rosa Seidendecke.
Monika Müller stieß eines der kleinen Butzenfenster auf, aber die feuchte, neblige Nachtluft, die von außen hereindrang, war um nichts angenehmer als die kalte Moderluft im Zimmer.
»Könnten Sie Feuer machen?« bat Monika Anton und wies auf den runden Kamin, in dem verstaubtes Feuerholz aufgeschichtet war.
»Sofort.« Anton holte aus der Tasche eine Schachtel Streichhölzer hervor, ging in die Kniebeuge und riß ein Hölzchen an.
»Am besten legst du dich gleich hin«, sagte Monika zu ihrer Schwester Lisa, die blaß und verloren im Zimmer stand.
»Wenn Sie Bettwäsche wünschen …«, erbot sich der Diener.
»Nein, danke, Anton. Wir werden ja wohl nicht die ganze Nacht hierbleiben müssen.«
»Wer weiß?« murmelte Anton.
Lisa hatte sich aufs Bett gelegt und die Augen geschlosen. Sie atmete tief und regelmäßig. Wahrscheinlich war sie vor Erschöpfung eingeschlafen.
Monika trat zum Kamin, wo Anton sich immer noch bemühte, Feuer zu machen. »Anton, haben Sie eigentlich etwas bemerkt, als der Mord geschah?«
»Wann ist der Mord geschehen?« fragte er zurück.
Diese Gegenfrage war berechtigt. Monika sagte: »Ich meine, haben Sie etwas bemerkt, als Sie ins Zimmer traten? Zufällig ist mir nämlich aufgefallen, daß Sie die Tür schon geöffnet hatten, bevor das Licht angeknipst wurde.«
»Sie haben eine sehr gute Beobachtungsgabe, gnädiges Fräulein«, entgegnete Anton, »deshalb werden Sie verstehen, daß ich nichts bemerkt haben konnte. Es ist bekanntlich ganz unmöglich, etwas zu sehen, wenn man von einem erleuchteten Raum in ein vollkommen dunkles Zimmer tritt.«
»Sagen Sie, Anton, es war doch Kasimir Kratky, der Frau Sebaldt drängte, die Burg zu verkaufen, nicht wahr?« »Sehr wohl, gnädiges Fräulein.«
»Ihnen kann es doch keine Freude bereiten, in Ihren alten Tagen hier wegziehen zu müssen.«
»Nein, sicher nicht.«
»Nun, durch den Tod Kasimir Kratkys hat sich diese Sache doch wohl erledigt.«
Ganz unvermittelt fingen die Scheite Feuer. Prasselnd schossen die Flammen hoch. Anton erhob sich und klopfte sich den Staub von den Knien. »Haben gnädiges Fräulein sonst noch Wünsche?«
»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir meine Frage beantworten würden.«
»Oh, natürlich. Ja, sehen Sie, Burg Eberstein ist schon verkauft. Ich werde also doch wegziehen müssen. Aber wenn ich dem gnädigen Fräulein einen Rat geben darf …«
»Ja?«
»Es wäre besser, man ließe die Dinge auf sich beruhen.«
»Was soll das heißen?«
»Neugier kann manchmal sehr gefährlich werden.« Der Diener zog seine nicht mehr ganz weißen Zwirnhandschuhe an. »Kasimir Kratky war kein guter Mensch.« »Sie meinen doch wohl nicht, daß man den Mörder laufenlassen sollte?«
Antons schmale Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln. »Sie haben nicht bedacht, daß der Mörder ein Mensch sein könnte, der Ihnen selber nahesteht.«
Er verbeugte sich und ging rückwärts aus dem Zimmer.
3
Monika schob den Sessel ans Feuer und brütete vor sich hin. Was der Diener Anton gesagt hatte, war eine Warnung gewesen oder sogar eine Drohung. Warum? Weil er vielleicht selber …?
Anton war der einzige gewesen, der Handschuhe trug. Er hätte leicht den tödlichen Stoß ausführen können, ohne Fingerabdrücke zu hinterlassen.
»Monika!« rief Lisa vom Bett her.
Monika drehte sich um. »Ich dachte, du schläfst längst.«
»Ich kann nicht schlafen.«
»Sag mal, Lisa, verbirgst du vor mir irgend etwas?« »Unsinn!«
Monika nahm die Hand der Schwester, sie war eiskalt. Lisa zitterte am ganzen Körper. »Woher hast du Kasimir Kratky gekannt?« fragte Monika sie.
Lisa fuhr hoch, sah ihre Schwester mit schreckensgeweiteten Augen an. »Aber … ich kannte ihn doch gar nicht.«
»Doch, Lisa. Sonst wärst du bei seinem Anblick nicht so zusammengefahren.«
»Nein, ich kannte ihn nicht!« rief Lisa heftig. »Ich bitte dich, Monika, laß mich doch endlich in Ruhe mit diesen dummen Fragen!«
»Und wenn dich die Kriminalpolizei in die Zange nimmt, was wirst du dann sagen?«
»Oh, Monika!« Plötzlich schlug Lisa ihre Hände vors Gesicht, schluchzte auf.
»Komm, Lisa, erzähl mir alles. Vielleicht kann ich dir helfen.«
Lisa ließ die Hände sinken, starrte Monika mit tränenfeuchten, geröteten Augen an. »Es ist furchtbar«, sagte sie tonlos.
»Warst du schon verheiratet, als du ihn kanntest?« »Nein, nein! Was glaubst du denn von mir?«
»Also … du hast ihn vor deiner Ehe gekannt?«
»Ja, du warst damals noch ein Kind, Monika. Es war kurz nach dem Krieg … Der Winter vor der Währungsreform. Wir hatten nichts zu essen und auch nichts anzuziehen. Ich war siebzehn. Ich wollte etwas erleben. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, daß das Leben so öde und grau sein mußte, wie es sich uns damals bot. Was hatte ich denn schon erlebt. Krieg und Hunger und Bombenangriffe … Und dann lernte ich Gregor kennen.«
»Wieso … Gregor?«
»Damals nannte er sich Gregor von Wassilov. Er war Student, das heißt, er behauptete jedenfalls, Student zu sein. Er sah großartig aus, und er hatte Beziehungen. Er hatte immer etwas zu trinken. Er schaffte Süßigkeiten herbei, und sogar Kleider bekam ich von ihm. Erinnerst du dich noch an dieses blaue mit dem ganz weiten Rock? New Look nannte man diese Mode damals.« »Mir hat es nie gefallen.«
»Ich fand es wunderbar. Ich kam mir vor wie ein ganz neuer Mensch.«
»Wie weit gingen deine Beziehungen zu diesem Mann?«
»Mußt du es so genau wissen, Monika?«
»Also schön: Ich ahne, daß er dich verführt hat.«
Lisa senkte den Kopf. »Gert war entsetzt, als er es erfuhr«, sagte sie leise.
»Aber wer hat es ihm denn gesagt?«
»Ich selbst.«
»Du selbst? Warum, um Himmels willen?«
»Weil ich ehrlich sein wollte. Weil ich dachte, ich müßte es ihm sagen, als er mich bat, seine Frau zu werden. Heute weiß ich, daß es ein Fehler war.«
»Hat er ihn persönlich gekannt?«
»Nein, nur von Bildern.«
»Du glaubst, daß er ihn heute wiedererkannt hat?«
»Ganz bestimmt. Begreifst du jetzt? Gert war damals außer sich. Er hat geschworen, ihn umzubringen. Und er ist nie über die Sache hinweggekommen, das weiß ich ganz genau.«
»Immerhin finde ich es hoch anständig, daß er dich trotzdem geheiratet hat.«
Lisa überhörte die Ironie ihrer Schwester. Sie erwiderte: »Gert ist immer hoch anständig.«
»Also, ein hoch anständiger Mörder.«
»Monika!« rief Lisa entsetzt.
»Weshalb schreist du so? Darauf willst du doch mit deiner ganzen Geschichte hinaus. Du hast Angst, daß Gert diesen Kratky umgebracht haben könnte. Aber dazu kann ich nur sagen: Blödsinn!«
»Monika, versteh mich doch …«
»Du vergißt eins: den Zettel mit den Worten ›Ich komme aus dem Jenseits‹, der im Knauf des Stiletts steckte. Gert hatte gar keine Möglichkeit, ihn zu schreiben. Seit wir die Burg betreten haben, war er keinen Augenblick allein.«
»Du gehst von der Voraussetzung aus, daß Gert ihn erst hier auf der Burg wiedererkannt hat. Es ist aber auch möglich, daß Gert schon vorher wußte, wer Kratky war. Er konnte den Zettel vorbereitet haben.«
»Lisa, ich hätte nie geglaubt, daß du solch eine wahnwitzige Phantasie hast. Ein Mann, der sein ganzes Leben der Gerechtigkeit gewidmet hat … Gert ist einer solchen Tat einfach nicht fähig.«
»Du kennst ihn nicht.«
»Sicher nicht so gut, wie du ihn kennst. Trotzdem halte ich ihn für keinen Mörder. Da sind andere viel verdächtiger. Zum Beispiel der Diener. Und dann dieser merkwürdige Herr Heinrich …«
Sie schraken zusammen, als an die Tür gepocht wurde. »Still«, flüsterte Lisa, »rühr dich nicht.«
»Unsinn.« Monika stand auf und ging zur Tür. »Wer ist da?« fragte sie laut.
Die vertraute Stimme des Staatsanwalts, ihres Schwagers, kam von draußen: »Ich bin es.«
Sein Gesicht war, als er ins Zimmer trat, angespannt.
»Ich habe unsere Koffer gleich mitgebracht«, sagte er. »Auch den deinen, Monika. Es wird wahrscheinlich eine Weile dauern, bis die Kriminalpolizei hier ist. Ein paar Stunden Schlaf können keinem von uns schaden. Wende dich an den Diener, ich habe schon mit ihm gesprochen. Er wird dir ein Zimmer zuweisen.«
Monika nahm ihr Köfferchen entgegen.
Der Staatsanwalt fuhr fort:
»Ich möchte dich bitten, Monika, dich nicht mehr bei den anderen herumzutreiben. Du kannst unbesorgt schlafen gehen. Heute nacht wird nichts mehr passieren. Ich habe zwei Polizisten mitgebracht, die alles im Auge behalten.«
»Ich treibe mich nie herum«, sagte Monika spitz.
»Das möchte ich auch hoffen. Schließ dich in dein Zimmer ein, hörst du? Und was heute nacht auch in diesem Haus geschieht, bleib in deinem Zimmer.«
»Hast du nicht eben gesagt, es würde bestimmt nichts mehr passieren?«
Der Staatsanwalt antwortete nicht. Er schob sie mit ihrem Köfferchen aus dem Zimmer.
Monika stand allein auf dem dunklen Flur. Sie hätte gern ein wenig die Burg durchforscht, hatte aber nicht genug Mut dazu. So zog sie es vor, Anton zu suchen. Gerade als sie um eine Ecke bog, wurde eine Tür geöffnet. Eine Frau trat aus einem Zimmer, sah sich vorsichtig um und huschte davon.
Es war Annette, Maria Sebaldts Vertraute.
Monika Müller hätte zu gerne gewußt, was Annette in dem Zimmer gewollt hatte. Entschlossen drückte sie die Klinke herunter und trat ein.
Die Deckenlampe brannte, aber niemand befand sich im Zimmer. Es herrschte ein Durcheinander, als hätten mindestens drei Einbrecher hier gehaust.
Ein eleganter Lederkoffer lag völlig entleert auf einem Stuhl, Herrenwäsche war achtlos über den Boden verstreut worden. Das Bett war zerwühlt, selbst die Matratzen waren herausgerissen worden. Auf dem Toilettentisch unter dem prächtigen, goldgerahmten Spiegel lag umgestürzt eine große Flasche Rasierwasser.
Es handelte sich offensichtlich um Kasimir Kratkys Zimmer.
Wenn Annette hier etwas gesucht hatte, so war anzunehmen, daß sie es auch gefunden hatte. Sie war gründlich und ohne Rücksicht auf Verluste ans Werk gegangen. Zwecklos, sich hier länger umzusehen.
Monika Müller wollte das Zimmer schon wieder verlassen, als ihr Blick noch einmal auf den großen Spiegel fiel.
Hinter dem geschnitzten goldenen Rahmen lugte eine Ecke weißen Papiers hervor.
Sie griff zu und … hielt einen Brief in der Hand. Der Umschlag war aufgerissen und trug in energischen Zügen die Aufschrift: »Herrn Kasimir Kratky – hier.« Das Wort ›hier‹ war schwungvoll unterstrichen.
Monika erblaßte, denn sie erkannte die Schrift. Diese stammte von dem Manne, den sie liebte: Martin Sommer.
Rasch ließ sie den Brief im Ausschnitt ihres wollenen Schottenkleides verschwinden. Keinen Augenblick zu früh, denn zu ihrem Entsetzen öffnete sich jetzt die Tür.
Ihr Schwager Gert Lamprecht trat ein.
»Was suchst du denn hier?« fragte er verblüfft. »Dieselbe Frage könnte ich dir stellen.«
»Du wirst doch wohl zugeben, daß es das Recht und die Pflicht eines Staatsanwalts ist, Beweisstücke in einer Mordsache sicherzustellen«, erwiderte er streng. Monika nahm ihr Köfferchen in die Hand und versuchte, sich zu verdrücken.
Ihr Schwager hielt sie am Arm fest. »Halt! Erst will ich wissen, was du hier zu suchen hattest. Hast du dieses Tohuwabohu angerichtet?«
»Ich habe überhaupt nichts angerührt. Alles war schön exakt so, als ich hereingekommen bin … vor wenigen Sekunden, wenn du es genau wissen willst.«
»Das glaube ich nicht. Was wolltest du hier?«
»Nichts. Ich habe mich in der Tür geirrt«, sagte Monika freundlich. »Gute Nacht, Gert.«
Er knurrte nur.
Sie hatte die Halle schon fast erreicht, als ihr Herr Heinrich entgegenkam. Auch er trug ein Köfferchen in der Hand.
»Guten Abend, schöne Frau«, sagte er, und es klang erstaunlich vergnügt.
Er hatte getrunken, lachte grundlos und fragte: »Wissen Sie, warum Polizisten immer zu zweit gehen?«
»Nein. Warum?«
»Weil der eine lesen und der andere schreiben kann.« Er wieherte über seinen eigenen Witz und schritt davon, sorgfältig darauf bedacht, die Balance zu halten.
Martin Sommer war nicht in der Halle.
Das Feuer im riesigen Kamin war fast niedergebrannt. Sir Ambery, seine Frau und das Ehepaar Pearson saßen davor. Sie verstummten, als Monika in die Halle trat.
Vor der Tür zum Séance-Zimmer stand ein Polizist. Anton lehnte an einer Ritterrüstung und gähnte verstohlen.
Monika Müller trat auf ihn zu. »Bitte, Anton, haben Sie Herrn Sommer gesehen?«
»Nein, gnädiges Fräulein.« Er sah sie an, ohne eine Miene zu verziehen.
»Würden Sie so nett sein, mir mein Zimmer zu zeigen?«
»Sehr wohl, gnädiges Fräulein.«
»Wo schläft Herr Sommer?« bohrte Monika weiter.
»Herr Sommer ist noch nicht auf seinem Zimmer.«
»Bitte, zeigen Sie es mir.«
Der Diener Anton hielt vor der letzten Tür auf der linken Seite des Ganges an. »Hier, gnädiges Fräulein …«
Monika Müller klopfte an die Tür … einmal, zweimal, dreimal. »Martin«, rief sie, »mach auf!«
Nichts rührte sich.
»Gnädiges Fräulein hätten besser daran getan, mir Glauben zu schenken«, sagte Anton.
Er führte sie an Lisas Zimmer vorbei, eine Treppe hinauf, eine Treppe hinunter, dann um eine Ecke herum und wieder ein paar Stufen hinauf. Als er endlich eine Tür öffnete, hatte Monika Müller fast die Orientierung verloren.
Das Zimmer war kalt, kahl und ungemütlich. Kein Teppich, kein Stuhl, nur ein schmales Eisenbett, frisch bezogen, und ein Hocker mit Schüssel und Wasserkanne.
Monika schlug in der Kälte fröstelnd die Arme übereinander.
»Ich habe mir erlaubt, dem gnädigen Fräulein einen heißen Ziegel ins Bett zu legen«, sagte Anton.
»Danke, Anton. Ist das hier das Spukzimmer?«
»Der Geist des Hauses beliebt seine Tätigkeit nicht auf ein einziges Zimmer zu beschränken. Er wandert ungehindert durch alle Räume der Burg.«
»Jede Nacht?«
»Nein. Nur bei besonderen Anlässen.«
»Danke, Anton. Gute Nacht.«
»Angenehme Ruhe, gnädiges Fräulein.«
Er entfernte sich.
Monika Müller verschloß die Tür, verriegelte sie. Dann zog sie den Umschlag aus ihrem Kleid, entnahm ihm den Brief.
Sie las die Worte wieder und wieder, aber sie konnte sie drehen und wenden, wie sie wollte, sie enthielten eine glatte Drohung: »Ich werde nicht dulden, daß Sie eine Frau wie Maria Sebaldt ins Unglück stürzen. Wenn Sie Ihre Pläne nicht freiwillig aufgeben, werde ich kein Mittel scheuen, Sie dazu zu zwingen.«
Monika Müller steckte den Brief hinter den Spiegel in ihrer Handtasche.
Dann öffnete sie das Fenster. Der Himmel war sternenklar. In der Ferne tanzten am Boden kleine Flammen. Irrlichter. Das Schloß stand ja mitten in einem Sumpf.
Monika Müller fror erbärmlich. Sie hätte die einsame Glühbirne an der Decke gerne brennen lassen, aber sie wollte sich selber nicht zugeben, daß sie Angst hatte. So löschte sie denn das Licht und kletterte ins Bett.
Sie versuchte zu schlafen, aber immer wieder mußte sie nachdenken. Sie dachte an das, was Lisa, ihre Schwester, ihr erzählt hatte. Niemals hatte sie etwas davon geahnt. Vielleicht war ihr Schwager doch einer solchen Wahnsinnstat fähig.
In dem alten Gebälk des Hauses knisterte und knarrte es. Ein seltsames Klopfen kam von der Zimmerdecke. Vielleicht zog sich dort oben gerade jemand aus.
Jetzt waren Schritte draußen auf dem Flur zu vernehmen. Langsame, schlurfende Schritte. Dann ein Seufzen, ein abgrundtiefes, trauriges Seufzen. Und das Klirren von Ketten.
Monika Müller hatte bis heute nicht an Gespenster geglaubt, aber in dieser Minute war sie davon überzeugt, daß es ein Gespenst sein mußte, das dort draußen im Korridor rumorte.
Im Mondlicht, das ins Zimmer fiel, sah sie, wie die Klinke langsam heruntergedrückt wurde, einmal, zweimal.
Monika preßte die Hand vor den Mund, um nicht zu schreien. Und dann, ganz plötzlich, arbeitete ihr Verstand wieder. Ein Gespenst brauchte nicht auf die Türklinke zu drücken. Es konnte ungehindert durch die Mauer kommen.
Da draußen war kein Gespenst, sondern ein lebender Mensch!
Der Mörder?
Monika Müller war schon immer, wenn es sein mußte, ein tapferes Mädchen gewesen.
Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett, schlüpfte in ihre Hausschuhe, knipste das Licht an, nahm ihren ganzen Mut zusammen, schloß die Tür auf, schob den Riegel zurück.
Sie riß die Tür auf … der Flur war wie ausgestorben.
Im Hof begann die Dogge wütend zu bellen.
Und dann schrie eine Frauenstimme gellend. Es war ein Schrei, der kein Ende nehmen wollte.
Plötzlich war alles finster.
Jäh riß der Schrei ab. Gleichzeitig verstummte das Heulen der Dogge.
Die plötzliche Stille wirkte drohend.
Zögernd wich Monika in ihr Zimmer zurück. Die Versuchung, die Tür zu verriegeln, war groß, aber noch größer war die Sehnsucht nach Wärme, Helligkeit, Menschen.
Monika tastete nach ihrem Feuerzeug, knipste es an, trat wieder auf den Gang hinaus.
Türen wurden geschlagen, Schritte hallten über den Steinboden. Aber die Geräusche entfernten sich, statt auf sie zuzukommen.
Monika Müller tastete sich über den Gang, ein paar Stufen hinunter, ein paar Stufen hinauf. Das Feuerzeug wurde heiß, sie mußte es ausblasen. Ihr Fuß tappte ins Leere, sie stürzte.
Sie blieb liegen, vor Schreck und Schmerz halb ohnmächtig. Es dauerte einige Sekunden, bis sie begriff, daß ihr eine Treppe, die sie nicht gesehen hatte, zum Verhängnis geworden war.
Mühsam rappelte sie sich wieder auf. Ihr rechtes Knie schmerzte sie heftig. Das Feuerzeug hatte sie verloren. Mühsam humpelte sie weiter, bis sie vor einer Tür stand. Es war die Tür zu Lisas Zimmer, zum Zimmer ihrer Schwester.
»Lisa!« rief sie laut. »Lisa!«
Nichts rührte sich drinnen.
Sie schlug gegen die Tür, rüttelte an der Klinke und, zu ihrer Überraschung, die Tür gab nach; sie war gar nicht verschlossen gewesen.
Monika Müller trat ein. Das Mondlicht fiel direkt auf das breite Bett in der Mitte des Zimmers. Die altrosa Decke war zurückgeschlagen, die Kissen waren zerwühlt, aber das Bett war leer.
Niemand befand sich im Zimmer. Monika schloß die Tür.
Sie sagte sich, daß gar kein Grund zur Panik bestünde. Sicher hatten ihre Schwester und deren Mann genau wie sie das Zimmer verlassen, als der unheimliche Schrei durch die Gänge der alten Burg gellte.
Draußen hörte man Schritte die Treppe herunterkommen, ruhige, energische Schritte, die nichts Geisterhaftes an sich hatten.
Monika Müller riß die Tür auf und wurde durch den grellen Strahl einer Taschenlampe geblendet.
Sie schrie auf, hielt schützend die Hände vor die Augen.
»Entschuldigen Sie«, sagte eine ruhige Stimme mit englischem Akzent.
Monika ließ die Arme sinken und starrte den Sprecher an. Es war Sir Arthur Ambery. Er hielt die Taschenlampe jetzt gesenkt, so daß er in ihrem Schein stand. Er trug einen wollenen, abgetragenen Morgenrock über seinem Schlafanzug, aus dem sein Hals lang und sehnig hervorragte.
»Oh, bitte, nichts zu entschuldigen«, sagte Monika stotternd und versuchte zu lächeln. »Wissen Sie, was geschehen ist? Wer hat so geschrien?«
»Mrs. Pearson.«
»Ist ihr etwas zugestoßen?«
»Nichts von Bedeutung. Sie hat gesehen irgendein seltsames Ding, das sie erschrocken hat. Mrs. Pearson hat bekommen ein … wie sagt man … Herzanfall von die Schreierei. Dr. Zacharias ist jetzt bei ihr.«
»Also nichts Ernsthaftes?«
»Nein, nur ein bißchen Spuk und Schreck.«
»Und wo sind die anderen?«
Er zuckte die Schultern. »Ich weiß nicht. Ich habe gelassen meine Frau in unserem Zimmer, sie hat geschlossen die Tür hinter mir zu, und ich habe getroffen den jungen Mann …«
»Wen?«
»Ich kenne den Namen nicht. Er hat begleitet den Staatsanwalt zum Telefon.«
Бесплатный фрагмент закончился.
