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Marie Louise Fischer

Hotel Sabina

SAGA Egmont

Hotel Sabina

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1967 by F. Schneider, Germany

All rights reserved

ISBN: 9788711718919

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Für meine Tochter Florina,

die mir so sehr geholfen hat

1

»Bis morgen dann, Frau Meyendorf!«

»Tschau, Sabine!«

Sabine Meyendorf erwiderte mit einem zerstreuten Lächeln die Abschiedsgrüße ihrer Kolleginnen, als sie, eilig wie alle anderen, das Gebäude der Nord-Süd-Versicherung verließ. Dann stand sie im dröhnenden Verkehr der breiten Prinzregentenstraße. Stoßstange an Stoßstange, von einer Ampel zur nächsten, drängten Pkw’s, Touristenbusse und Lastwagen zur Isar hin und in die Innenstadt von München, in der Gegenrichtung zumeist zur Autobahn nach Salzburg oder zum Flughafen. Auf der anderen Seite der Fahrbahn erhob sich mächtig die klassizistische Fassade des renovierten Prinzregententheaters.

Anders als die meisten Kollegen brauchte Sabine weder ein Auto noch ein öffentliches Verkehrsmittel, um nach Hause zu kommen. Sie ging die wenigen hundert Meter zu Fuß zu ihrer Wohnung heute beschwingter als gewöhnlich, wie sie selber spürte. Vorbei an der Weinstube »St. Georg«, einem im Souterrain des Eckhauses liegenden kleinen Lokal, überquerte sie die Possartstraße und hatte auch schon den Eingang des imposanten, an die hundert Jahre alten Sandsteingebäudes erreicht, in dem sie seit langem lebte.

Sabine schloß die schwere Haustür auf, stieg die fünf Stockwerke hinauf – einen Lift gab es nicht – und betrat ihre komfortable, liebevoll eingerichtete Altbauwohnung. Harry, ihr verstorbener Mann, hatte sie für seine Familie, für Sabine und die kleine Stefanie gekauft, und wie stets, wenn sie die hohen Räume betrat, empfand sie Dankbarkeit. Diese vier Wände boten ihr Schutz und Sicherheit in einer Welt, die, wie ihr schien, immer unruhiger und unberechenbarer wurde.

Noch in der Diele streifte sie, nachdem sie die Handtasche auf die Garderobe gelegt hatte, ihre eleganten, hochhackigen Pumps ab, hob sie auf und trug sie ins Schlafzimmer, das sie früher mit ihrem Mann geteilt hatte. Inzwischen hatte sie es durch helle Vorhänge und einen wunderschönen Aubussonteppich femininer gestaltet. Das Doppelbett war durch eine großzügig breite Liege ausgetauscht, die mit einem leuchtend bunten Überwurf bedeckt war.

Im Bad ließ sie Wasser in die große, runde Marmorwanne laufen, fügte ein paar Tropfen Öl hinzu und begann sieh auszuziehen. Kostümjacke und Rock hängte sie sorgfältig auf einen Bügel, um sie später zum Auslüften auf den Balkon zu bringen, Strümpfe und Unterwäsche warf sie in den Wäschekorb.

Während das Wasser noch in die Wanne lief, betrachtete Sabine sich kritisch im Spiegel. Sie war eine attraktive Frau von zweiunddreißig Jahren. Die recht breiten Schultern betonten ihre schmalen Hüften, ihre Beine waren sehr gerade, lang und schlank. Manchmal störte sie sich an ihrem kleinen Bauchansatz, der ihr von Stefanies Geburt geblieben war und den sie weder durch Gymnastik noch durch diverse Diäten hatte wegbekommen können. Aber es war ein liebenswertes Bäuchlein, fand sie und tätschelte die Wölbung, Stefanie war es wert gewesen.

Mit zwei Kämmchen steckte sie sich das halblange braune Haar aus der Stirn und reinigte mit einem Wattebausch gründlich das Gesicht. Ihre tiefblauen Augen waren umschattet, die Bindehaut gerötet, die Lider geschwollen. ›Witwenaugen‹, hatte Bernhard Heuss sie, gerührt und belustigt zugleich, genannt. – Ach, der gute Bernhard! schoß es ihr durch den Kopf. Nie hätte sie gedacht, daß er ein Problem für sie werden könnte, aber inzwischen sah es ganz so aus. Wie hatte es dazu kommen können?

Sabine lauschte noch einmal in die Wohnung, aber außer dem leisen Knarzen alten Holzes und dem gleichmäßigen Ticken der Standuhr in der Diele war nichts zu hören; sie war immer noch allein.

Sie ließ die Tür offen, bevor sie in die Wanne glitt. Wärme und duftender Schaum umfingen sie. Wohlig streckte sie sich aus und versuchte sich zu entspannen. Nach einer Weile gelang es ihr. Sie drehte den Wasserhahn zu, lehnte sich wieder zurück und schloß die Augen.

Als die Wohnungstür aufgeschlossen wurde, schreckte sie hoch und lächelte dann unwillkürlich. »Stefanie!« rief sie. »Huhu! Hier bin ich!«

Das kleine Mädchen, sehr blond und sehr dünn, aber sprühend vor Leben, stürmte herein. »Du hast’s vielleicht gut!« rief sie neidvoll. Sie trug weiße Kniestrümpfe und über ihrem Sommerkleid einen blauen Blazer, der die Farbe ihrer Iris betonte: Stefanie hatte die tiefblauen Augen ihrer Mutter, aber mit den hellen Haaren, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, waren sie nicht so auffallend wie bei Sabine.

»Komm doch zu mir!« lud Sabine sie lächelnd ein.

»In die Wanne?«

»Warum nicht?«

Stefanies Blazer flog zu Boden, das Kleid hinterher, Sandalen, Strümpfe und Höschen folgten, bevor sie in die Wanne kletterte.

»Zigeunerin! « schimpfte Sabine, der Stefanies Unordnung schon immer ein Dorn im Auge war, mochte jedoch die gelöste Stimmung nicht durch einen ernsthaften Tadel verderben.

Die Wanne bot reichlich Platz für zwei, und Stefanie streckte sich, der Mutter gegenüber, behaglich in dem weißen Schaum. »Das haben wir lange nicht mehr gemacht!« stellte sie fest und fragte danach: »Warum eigentlich nicht?«

»Dein Vater hat es nicht gern gesehen.«

»Und warum eigentlich nicht?«

Sabine dachte nach. »Das kann ich dir schwer erklären. Wahrscheinlich war er der Meinung, daß zwischen Eltern und Kindern ein gewisser Abstand sein müßte. Das hatte wohl etwas mit Respekt und Disziplin zu tun. Du weißt ja, wie er war.«

Stefanie sah sich bemüßigt, den Verstorbenen zu verteidigen. »Aber verwöhnt hat er uns doch trotzdem.«

»Das kann man wohl sagen. Wir beiden waren die am meisten verwöhnten Frauen in ganz Bogenhausen.«

»Und trotzdem bist du arbeiten gegangen.«

»Ja, aber das hat ihm auch nicht gepaßt.« Daß sie, nachdem Stefanie ins Kindergartenalter gekommen war, eine Stellung als Sachbearbeiterin bei der Nord-Süd angenommen hatte, war der einzige Punkt, bei dem sie sich in ihrer Ehe durchgesetzt hatte – das und die Ausstattung ihres Traumbadezimmers, die er bis zuletzt als übertrieben empfunden hatte. »Finanziell«, erklärte sie, »hatte ich es ja auch wirklich nicht nötig, darin hatte er recht. Aber ich brauchte es einfach. Stell dir vor, ich würde dir vorschlagen: Laß die Schule Schule sein, von jetzt an wollen wir uns einfach nur ein schönes Leben machen!«

»Das kannst du nicht«, erwiderte Stefanie ernsthaft, »in Deutschland muß man in die Schule gehen – oder etwa nicht?«

»Stimmt. Es gibt eine Schulpflicht. Aber in ein paar Jahren ist die für dich vorbei. Dann könntest du aufhören.«

»Willst du das?« fragte Stefanie ziemlich verständnislos.

»Natürlich nicht, du Dummchen. Das sollte nur ein Beispiel sein. Gib zu: dir würde die Schule fehlen, genau wie mir der Beruf.«

»Ah!« Stefanie fühlte sich ihrer Mutter so nahe wie schon lange nicht mehr. »Weißt du eigentlich«, fragte sie und pustete in den Schaum, so daß weiße Wölkchen flogen, »daß du gerade das erste Mal über Papi geredet hast, ohne gleich in Tränen auszubrechen?«

»Habe ich das wirklich sonst immer getan?«

»Na ja, nicht ganz so dramatisch. Ich habe ein bißchen übertrieben. Aber ohne feuchte Augen ging es nie.«

»Das ist mir nicht so bewußt geworden! «

»Doch. So war es. Deshalb habe ich das Thema auch vorsichtshalber gar nicht mehr angeschnitten. Aber heute hast du selber damit angefangen.«

Sabine zögerte. »Ich weiß nicht…«

»Doch!« beharrte Stefanie. »Soll ich dir mal was sagen?«

»Wenn du etwas auf dem Herzen hast.«

»Du bist heute überhaupt anders als sonst.« Stefanie sah ihre Mutter unter den dichten blonden Wimpern heraus prüfend an. »Ich meine… anders als in den letzten Monaten. Direkt vergnügt kommst du mir vor.«

Sabine zuckte leicht zusammen.

»Oder hätte ich das nicht sagen sollen?« fragte Stefanie reumütig.

»Vergnügt«, stellte Sabine richtig, »ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck.«

»Na ja. So genau kann ich das nicht beschreiben. Aber anders als sonst. Ist was passiert?«

Sabine überlegte: War das die richtige Gelegenheit, mit Stefanie zu sprechen? Aber auf keinen Fall wollte sie ihre Töchter überfahren. »Das Wetter kühlt ab«, erklärte sie ausweichend, »wir sollten aus der Wanne!«

»Nicht jetzt schon! « protestierte Stefanie. »Erst mußt du mir den Rücken schrubben.«

»Einverstanden « Sabine griff zu Seife und Bürste. »Und dann du mir!«

Mit viel Geplantsche beendeten sie die Badezeremonie. Danach hatten die beiden alle Hände voll zu tun, den Ort des Geschehens wieder trockenzulegen und in Ordnung zu bringen.

Später saßen Mutter und Tochter einander gegenüber im Alkoven des Wohnraums und nahmen eine kleine Mahlzeit zu sich, die sie ihre Tea time nannten. Tatsächlich tranken sie beide Tee, Stefanie mit viel Sahne und Zucker, Sabine schwarz und mit Zitrone. Dazu aßen sie, je nach Laune, Toast mit Butter und Marmelade, mit Wurst, mit Schinken und Käse oder auch mit Krabben oder Ölsardinen.

Stefanie besuchte als Externe das Max-Joseph-Stift gleich um die Ecke in der Mühlbaurstraße, ein Internat, das vom bayerischen Kurfürsten Max Joseph für die Töchter des Landadels ins Leben gerufen worden war. Auch jetzt noch besuchten es Schülerinnen vom Land oder aus dem Ausland, aber vor allem Mädchen aus München, deren Eltern berufstätig waren und nur am Wochenende Zeit hatten, sich um die Familie zu kümmern.

Stefanie bildete eine Ausnahme: Sie nahm zwar am Unterricht des Gymnasiums teil, am gemeinsamen Mittagessen und an den Arbeitsstunden, konnte aber am späten Nachmittag, wenn sie ihre Hausaufgaben erledigt hatte, nach Hause gehen. Meist etwa zur gleichen Zeit, wie Sabine von ihrer Versicherung heimkam. Da es dann noch zu früh zum Abendessen war, hatte sich die Teezeit eingeführt.

Ungefähr zwei Stunden später stand dann, jedenfalls zu Harrys Lebzeiten, eine warme Mahlzeit auf dem Tisch. Inzwischen kochte Sabine nicht mehr regelmäßig, sondern warf nur, wenn sie oder ihre Tochter Hunger hatten, ein Steak in die Pfanne, einen Fisch, Eier oder Kartoffeln, zauberte schnell einen Griesbrei oder einen Flammeri.

Anders als während ihrer Ehe hatte sie sich abends nicht mehr zurechtgemacht, hatte den Büstenhalter fortgelassen und war, wie ihre Tochter, in einen leichten Hausanzug geschlüpft. Trotz der anhaltenden Trauer um ihren verstorbenen Mann empfand sie es als angenehm, sich nicht noch einmal schön machen zu müssen, sondern sich nach der Arbeit entspannen zu dürfen.

Sie trank ihren Tee mit kleinen Schlucken, während Stefanie Toast mit dick Erdnußbutter in sich hineinstopfte und dabei, zuweilen mit vollem Mund, munter drauflosplapperte – über ihre Freundinnen, den Mathelehrer und die geliebte Erzieherin. Sabine hörte nur halbwegs zu. Sie hatte sich wie viele angewöhnt, ihre Tochter und deren Wünsche, Hoffnungen und Kümmernisse immer seltener ganz ernst zu nehmen.

Endlich hatte Stefanie den letzten Bissen unten und rief: »So! Jetzt bist aber du dran, Mami!«

Sabine, die gar nicht mehr damit gerechnet hatte, daß Stefanie auf ihre Andeutungen zurückkommen würde, reagierte leicht verwirrt. »Hol mir doch, bitte, meine Handtasche!«

»Komm schon! Raus mit der Sprache! Keine Ausflüchtemehr!«

»Ich werde mir doch wenigstens vorher noch eine Zigarette anzünden dürfen!«

Stefanie hopste vom Stuhl. »Gerade noch gestattet! « – Sie lief in die Diele, kam mit Sabines Handtasche zurück, machte sich an dem Verschluß zu schaffen, öffnete sie, fand das Päckchen mit den Zigaretten, kickste eine heraus und ließ das Feuerzeug aufspringen.

»Danke, Liebling!« – Sabine nahm einen tiefen Zug.

»Also, was war…«

Stefanie hatte sich wieder gesetzt, legte die Ellbogen auf den Tisch, stemmte das Kinn auf die Fäuste und sah sie erwartungsvoll an.

»Herr Baumgartner hat mich zu sich kommen lassen.«

»Dein Boß?« fiel Stefanie ihr ins Wort.

»Genau der.«

»Und was hat er gewollt?«

»Na, zuerst einmal hat er gesagt: Sie gefallen mir nicht, Frau Meyendorf!«

»Nein, das glaube ich nicht, Mami! Das soll wohl ein Witz sein?«

»Ich war ganz schön betroffen, wie du dir denken kannst.«

»Aber das war doch eine Unverschämtheit! Dir so etwas ins Gesicht zu sagen! «

»Reg dich nicht auf, mein Liebling, die Hauptsache kommt ja noch. Also, er versicherte mir, daß er mich als Mitarbeiterin und Mensch… hm, hm… immer sehr geschätzt habe, aber in der letzten Zeit habe er das Gefühl, daß mit mir irgend etwas nicht stimme.«

»Der Quatschkopf! Du bist traurig, daß Papi nicht mehr bei uns ist. Das liegt doch auf der Hand.«

»Für ihn anscheinend nicht. Er erkundigte sich ganz ernsthaft nach meinen Problemen und wollte wissen, ob vielleicht ein Mann dahinterstecke.«

»Der hat sie wohl nicht mehr alle!«

Sabine lachte und versuchte, mit tiefer Stimme ihren Chef zu imitieren. »Lassen Sie mich mal wie ein Vater zu Ihnen sprechen!«

Stefanie warf beide Arme in die Luft. »Ich könnt’ mich kugeln! Und du, was hast du ihm darauf geantwortet?«

»Nichts. Gar nichts. Ich hab’ ihn reden lassen. Was kann man dazu schon sagen? Es dauerte, bis er die Katze endlich aus dem Sack ließ. Ein Tapetenwechsel, behauptete er, wäre genau das, was ich bräuchte.«

Stefanie riß die Augen auf. »Ein was?«

»Das ist bildlich gesprochen«, erklärte Sabine, »eine Metapher.«

»Sprich, bitte, deutsch mit mir, Mami! Rück endlich raus mit der Sprache!«

»Geht es dir nicht schnell genug? Ich wiederhole ja bloß, was er mir gesagt hat.«

»Wenn er so umständlich herumgedruckst hat, brauchst du es doch nicht auch zu tun.«

»Der Boß wollte mir die Sache eben schmackhaft machen.«

»Und du mir, wie?«

Sabine fühlte sich durchschaut. Trotzdem erwiderte sie: »Nein, bestimmt nicht. Ich weiß ja noch gar nicht, ob ich auf seinen Vorschlag eingehe.«

Stefanie sprang auf, nahm die kleine Kupferschale vom Wohnzimmertisch und hielt sie der Mutter unter den überlang gewordenen Aschenkegel.

Sabine tippte ihre Zigarette ab und nahm der Tochter das Schälchen aus der Hand. »Danke, Liebes.«

Anstatt sich wieder hinzusetzen, blieb Stefanie stehen und legte ihr den Arm um die Schultern.

Wenn sie ihrer Tochter nicht mehr in die Augen sehen konnte, fiel es Sabine leichter zu sprechen. »Also, ich will nicht länger um die Sache herumreden«, erklärte sie, »es geht um Folgendes: ich soll für ein Jahr nach Genf gehen.«

Stefanie rückte von ihr ab. »Nach Genf?« schrie sie. »Ja, ist er denn verrückt geworden?«

»Nein, Liebling. Ich bin sicher, er meint es nur gut mit mir«

»Aber du kannst doch nicht einfach nach Genf ziehen!«

»Na, so umständlich wäre das ja nun auch wieder nicht.«

»Und was ist mit mir?«

»Du kommst natürlich mit. Herr Baumgartner hat sich auch deinetwegen schon erkundigt. Es gibt dort eine internationale Schule. Mit deinen zwei Jahren Englisch kannst du dem Unterricht schon folgen «

»Und was ist mit dem Max-Joseph-Stift? Mit meinen Freundinnen? Mit Fräulein Liebknecht?«

»Es wäre ja nur für ein Jahr, Liebes.« Sabine nahm noch einen nervösen Zug aus ihrer Zigarette und drückte sie dann aus.

Stefanie, noch immer in ihrem Rücken, blieb ganz stumm. Sabine drehte sich zu ihr um und sah, daß sie Tränen in den Augen hatte.

»Du lieber Himmel, Stefanie!« rief sie. »Nimm es doch nicht so tragisch! Es handelt sich doch nicht um ein Muß, sondern um eine Idee, die ich mit dir besprechen wollte!« Sie zog das Mädchen in ihre Arme.

»Es klang aber ganz so«, murmelte das Mädchen, den Kopf an ihrer Schulter, »als wäre es schon entschieden.«

»Nein. Ist es nicht. Ich weiß ja selbst noch nicht, was ich will. Einerseits ist es verlockend, andererseits doch auch ein bißchen beängstigend. Es ist gar nicht so leicht, sich in meinem Alter noch umzustellen.« Stefanie rieb die Nase an ihrer Schulter. »Also alt«, meinte sie großmütig, »bist du wirklich noch nicht. Im Vergleich zu anderen Müttern…« Sie ließ den Satz offen.

Sabine schob sie sanft von sich. »Ich denke, mit diesem Schlußwort sollten wir die Besprechung beenden. Gibt es was Schönes im Fernsehen? Wir könnten aber auch mal wieder in Ruhe lesen. Was meinst du?«

Doch Stefanie ging auf dieses gut gemeinte Ablenkungsmanöver nicht ein, sondern begann, mit nachdenklichem Gesicht, Teller und Tassen auf das Tablett zu stellen.

Sabine und Stefanie waren noch nicht mit der Küche fertig, als es an der Wohnungstür klingelte. Da sie niemanden erwarteten, sahen sie sich einen Augenblick fragend an, dann lief Sabine durch die Diele, um zu öffnen. Sie hatte es nicht gerne, daß ihre Tochter die Tür aufmachte und so Gefahr lief, einem Fremden gegenüberzustehen.

Doch vor der Tür stand Lisbeth Albers, Sabines beste Freundin. Die beiden hatten zusammen gewohnt, als sie noch Jura studierten. Sabine hatte als erste aufgegeben, um den Rechtsanwalt Dr. Harald Meyendorf zu heiraten, Lisbeth nicht lange danach, um sich zur Sekretärin ausbilden zu lassen.

Wenn ihre Wege auch recht verschieden verlaufen waren, hatten sich die beiden Frauen doch nie ganz aus den Augen verloren, was vor allem Lisbeths Anhänglichkeit zu verdanken war. Immer wieder hatte sie Sabine angerufen, sie besucht oder Ideen für eine gemeinsame Unternehmung gehabt.

Harry hatte Lisbeth abgelehnt, sich über ihren, wie er fand, zu sorglosen und lockeren Lebenswandel mokiert und versucht, sie in Sabines Augen schlecht zu machen. Tatsächlich war ihm die Freundschaft der beiden Frauen ein Dorn im Auge, und die Vorstellung, daß die beiden nicht nur harmlos miteinander plaudern, sondern Einzelheiten ihres Intimlebens austauschen könnten, irritierte ihn.

»Komm rein!« rief Sabine jetzt. »Was für eine Überraschung!«

Die Freundinnen umarmten sich kurz.

»Keine Sorge!« erwiderte Lisbeth. »Ich werde nicht lange bleiben.«

»Aber warum? Du hältst mich von nichts ab.«

In diesem Augenblick wurde ihnen beiden bewußt, wie sehr sich die Freundschaft seit Harrys Tod verändert hatte. Früher war Lisbeth auch manchmal um diese Stunde hereingeschneit, hatte, einen Wodka mit Zitrone schlürfend, Sabine in der Küche bei ihren Vorbereitungen zum Abendessen Gesellschaft geleistet, um sich dann, möglichst bevor der Ehemann nach Hause kam, schleunigst zu verkrümeln.

Betroffen, als hätten sie sich einer Taktlosigkeit zu schämen, blickten sie sich an.

Lisbeth war eine vollbusige Person, einen halben Kopf kleiner als Sabine, und hatte eine Vorliebe für geblümte Kleidung – auch etwas, über das sich Harry lustig zu machen gepflegt hatte. Heute trug sie zudem noch eine mit künstlichen rosa Rosen besteckte Toque auf dem blondierten Haar.

»Du siehst gut aus!« befand Sabine ehrlich; sie war der Ansicht, daß die reichlich verspielte Aufmachung zu Lisbeth paßte.

»Ein süßes Hütchen, wie? Du solltest es mal aufprobieren.«

»Du weißt, so etwas steht mir nicht.«

Lisbeth ließ sich nicht davon abhalten, an ihrem Hut herumzunesteln, als wollte sie ihn abnehmen. »Käme nur auf den Versuch an.«

»Laß nur, Lisbeth!« wehrte Sabine ab.

Sie führte die Freundin ins Wohnzimmer, einen sehr großen, etwas düsteren Raum mit Parkettboden, Stukkaturen an der Decke und einem offenen, gemauerten Kamin. Ohne eine Aufforderung abzuwarten, ließ Lisbeth sich auf das bequeme Ledersofa sinken. »Immerhin«, konstatierte sie, »läufst du nicht mehr in schwarzen Gewändern herum.«

»Das habe ich zu Hause nie getan.«

»Du wolltest also nur deiner Umgebung deine Trauer bekunden?«

»Halt dich zurück, Kleine! Davon verstehst du nichts.«

»Verzeih mir, wenn ich deine edlen Gefühle verletz habe.«

Darauf ging Sabine nicht ein. »Mach’s dir bequem«, sagte sie trocken, »ich hol’ dir deinen Wodka.«

»Du hältst nicht mit?« rief Lisbeth ihr nach.

»Ich habe gerade Tee getrunken«, entschuldigte sich Sabine freundlich über die Schulter zurück.

Ihr war bewußt geworden, daß die Freundschaft mit Lisbeth zwar ihre Ehe und diverse Liebschaften der Freundin überdauert hatte, möglicherweise jedoch an ihrer Witwenschaft scheitern könnte. Harrys Tod hatte sie tief getroffen, und er fehlte ihr immer noch sehr. Lisbeth hatte in Harry immer nur den Tyrannen und Störenfried gesehen, auch wenn sie die Freundin, wie Sabine vermutete, insgeheim um den Ehepartner beneidet hatte. Sabine wollte nicht ausschließen, daß Lisbeth ihr diesen Schicksalsschlag gönnte. Es bräuchte sicher eine ganze Menge Diplomatie und Toleranz, um das zerstörte Vertrauen in ihre Freundschaft wiederherzustellen.

Stefanie war inzwischen mit der Küche fertig. Sie hatte den Rest Tee in ein Glas geschüttet, weil sie wußte, daß die Mutter ihn manchmal später noch trank.

»Laß nur, Liebling«, bat Sabine, »ich trinke ihn gleich.« Sie nahm ihr das Glas aus der Hand, stellte es auf ein Cocktailtablett, tat ein zweites Glas dazu, füllte es mit Wodka und spritzte in beide Gläser Zitronensaft. Danach ließ Stefanie zwei Eiswürfel hineinplumpsen. »Danke, Liebes!« Sabine beugte sich hinunter und küßte die Kleine flüchtig auf die Schläfe. »Komm doch mit und sag Lisbeth ›Guten Tage!«

»Wollen wir ihr nicht auch ein paar Erdnüsse anbieten?«

»Gute Idee! Aber, nein, laß nur. Vergiß nicht, daß sie gewissenhaft auf ihre schlanke Linie achtet.« Weil sie wußte, daß Stefanie solche kleinen Aufgaben gern übernahm, hielt sie ihr das Tablett hin. »Trag du’s hinein, ja?«

Stefanie mochte Lisbeth, die sie nie wie ein Kind behandelte oder Bemerkungen losließ wie: »Ach, bist du groß geworden!« Nachdem sie die Getränke serviert hatte, gab sie ihr einen Kuß auf die Wange.

Lisbeth überspielte ihre Gerührtheit. »Gib acht auf mein kunstvolles Make-up!« scherzte sie.

»Bloß keine Panik! Ich schlecke dich schon nicht ab.«

Stefanie ließ sich in einen Sessel fallen, zog die Füße hoch und verschränkte die Beine zum Schneidersitz.

»Sag, Lisbeth, warst du schon einmal in Genf?«

»Ja. Aber nur ein paar Tage. Auf der Durchreise. Ich war unterwegs an die Cote d’Azur.«

»Und… wie hat es dir gefallen? In Genf, meine ich.«

»Gut, Stefanie. Die Stadt hat ein gewisses – wie soll ich sagen? – Flair.« Da sie fürchtete, daß Stefanie das nicht verstand, fügte sie erklärend hinzu: »Eine interessante Atmosphäre.«

»Möchtest du dort leben?«

»Leben? Darüber habe ich noch nie nachgedacht.« Lisbeth nippte an ihrem Glas und nahm gleich darauf einen kräftigen Schluck. »Wenn du mich so direkt fragst: nein. Aber wie kommst du überhaupt auf so etwas?«

Stefanie zögerte mit der Antwort, weil sie das Gefühl hatte, indiskret gewesen zu sein.

»Mein Chef«, erklärte Sabine an ihrer Stelle, »hat mir den Vorschlag gemacht, nach Genf zu gehen.«

Lisbeth pfiff erstaunt durch die Zähne. »Will er dich loswerden?«

»Aber nein. Es wäre nur für ein Jahr. Meine Stellung in München würde mir natürlich erhalten bleiben.«

»Und was soll dann das Ganze?«

»Eine Art Personalaustausch. Unsere Firma ist, wie du vielleicht weißt, ein internationales Unternehmen. Man hofft, die einzelnen Filialen enger miteinander zu verbinden, den Gemeinschaftsgeist zu fördern.«

»Ob das was bringst?« frage Lisbeth skeptisch.

»Aber darum geht’s doch gar nicht!« rief Stefanie.

»Sollen wir nach Genf ziehen? Ja oder nein?«

»Du willst mit?«

»Von wollen kann keine Rede sein.«

»Falls ich mich für Genf entscheiden sollte, nähme ich Stefanie natürlich mit. Ich könnte sie doch nicht mutterseelenallein hier lassen.«

»Das kann ich verstehen.« Lisbeth kramte ein Zigarettenpäckchen aus ihrer weißen Handtasche.

Stefanie sprang ungebeten auf, holte die Zigaretten ihrer Mutter aus dem Alkoven und ließ es sich nicht nehmen, ihr Feuerzeug zu betätigen.

»Danke, Liebes.«

Lisbeth inhalierte tief. »Aber was ich nicht verstehe – warum willst du überhaupt nach Genf? Verdienst du dort mehr? Nicht einmal das. Wo könnte es schöner sein als in München. Und niemand hat es besser als du. Du hast eine traumhafte Wohnung und keinen langen Büroweg wie ich etwa. Stefanie besucht eine angesehene Schule – was treibt dich also?«

»Es wäre mal etwas anderes«, sagte Sabine und spürte selber, daß diese Erklärung sehr wenig überzeugend klang.

»Das Schicksal hat dich verwöhnt, meine Liebe – so maßlos verwöhnt, daß du es nicht einmal mehr merkst.«

»Ohne Harry ist es nicht mehr so, wie es war.«

»Natürlich nicht. Das Leben geht weiter. Die Konstellationen verändern sich. Das geschieht ganz von selber. Es ist durchaus nicht nötig, daß man sich mit einem Gewaltakt befreit.«

»Daran hätte ich ja auch nie gedacht. Ich habe ja nicht darauf hingearbeitet wegzukommen. Aber dieses Angebot – vielleicht ist es ein Wink des Schicksals.«

»Und was ist mit…« Lisbeth stockte. »Würdest du uns einen Augenblick allein lassen, Stefanie?«

Das Mädchen, das hinten in den Sessel gekauert war, saß plötzlich kerzengerade und sah die Mutter fragend an.

»Bleib nur!« sagte Sabine und, zu Lisbeth gewandt: »Ich nehme doch nicht an, daß du was Unanständiges fragen willst. Wenn doch, kannst du es dir sparen. Ich verweigere von vornherein die Antwort.«

»Sex ist unanständig, ja?« fragte Stefanie.

Sie erhielt keine Antwort.

»Ich wollte nur wissen – was ist mit dem guten Bernhard Heuss? Wie äußert er sich zu der ganzen Angelegenheit?«

»Er weiß noch gar nichts davon.«

»Nicht? Na, wenn das so ist, können wir uns die Diskussion sparen. Er wird dich nie und nimmer ziehen lassen.«

»Und wie könnte er es verhindern?«

»Indem er es dir verbietet.«

»Dazu hätte er gar kein Recht.«

»Aber er liebt dich doch, nicht wahr? Er war all die Jahre verliebt in dich. Das war nicht zu übersehen. Und jetzt, da Harry tot ist…« Sie stockte.

»…. müßte ich ihm vor die Füße fallen wie ein reifer Apfel!« ergänzte Sabine. »Das meinst du wohl, ja?«

»Willst du etwa behaupten, daß du nichts für ihn empfindest? Daß du nur mit ihm gespielt hast?«

»Es ist ein Unterschied, ob man mit einem Mann flirtet oder ob man bereit ist, sich ihm auszuliefern.«

»Was soll denn das nun wieder heißen. Sich ihm ausliefern!«

»Ist eine Ehe denn etwas anderes?«

»Er will dich also heiraten? Ich an deiner Stelle würde einen Freudensprung machen. Eines muß der Neid dir lassen: du hast wahrhaftig das Talent, die Männer zu faszinieren. Wie machst du das nur?« Lisbeth drückte ihre Zigarette so heftig aus, daß es fast aggressiv wirkte. »Sei lieb, Stefanie, bring mir noch einen Wodka! Ich denke, du kannst das schon.«

»Aber sicher, Lisbeth!« Das Mädchen rutschte von seinem Platz, nahm das geleerte Glas, trödelte aber auf dem Weg zur Küche, denn es ärgerte sie, gerade jetzt, da es interessant zu werden schien, hinausgeschickt zu werden. Bernhard Heuss war ein guter Freund ihres Vaters gewesen, auch Rechtsanwalt, und er hatte die Eltern oft besucht. Er war ihrer Mutter gegenüber stets zuvorkommend gewesen, hatte ihr Aussehen, ihre Garderobe, ihren Geschmack und ihre Kochkünste bewundert. Stefanie hatte das immer für ganz selbstverständlich gehalten, für einen Ausdruck etwas übertriebener Höflichkeit. Nun erfuhr sie, daß es sich nicht um bloße Freundschaft gehandelt hatte, sondern daß Onkel Bernhard ein Flirt ihrer Mutter war.

»Er hat mir keinen Antrag gemacht«, stellte Sabine indessen richtig, »ich gehe davon aus, daß er eine engere Bindung will. Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein. Möglicherweise liege ich total verkehrt.« Stefanie hatte die Tür erreicht. Plötzlich ging ihr auf, daß sie, wenn sie sich beeilte, recht schnell zurück sein konnte. Sie sauste hinaus.

»Ach was«, widersprach Lisbeth, »versuch bloß nicht, mir was vorzumachen. Du bist dir seiner völlig sicher.« Sie zündete sich eine neue Zigarette an.

Du rauchst zuviel, hätte Sabine beinahe gesagt, aber sie unterdrückte die Bemerkung, weil ihr noch rechtzeitig klar wurde, daß sie das nicht das mindeste anging. »Ohne ihn«, erklärte sie statt dessen, »wäre ich nach Harrys Tod mit der Beerdigung und all den Formalitäten nicht fertig geworden.«

»Wärst du schon. Vor mir brauchst du nicht die Hilflose zu spielen. Aber sicher war er dir eine große Stütze.«

Stefanie war mit dem vollen Wodkaglas zurückgekommen. »Wer?« fragte sie. »Onkel Bernhard?«

Lisbeth überhörte es. »Sei froh, daß du ihn hast!«

»Vielleicht sollte ich das«, gab Sabine zu.

Es war ihr unmöglich, der Freundin zu erklären, warum sie nicht so empfand. Sie mochte Bernhard Heuss, hatte ihn immer gemocht. Er war sympathisch, intelligent, gutaussehend; es war nichts an ihm auszusetzen, außer vielleicht, daß er wenig Humor hatte. Aber was machte das schon? Den hatte Harry auch nicht gehabt. Sabine gestand sich, daß sie trotz ihrer Liebe zu Harry doch auch immer ein wenig in Bernd verliebt gewesen war. Wenn sein Besuch erwartet wurde, hatte ihr Herz höher geschlagen. Sie hatte sich besondere Mühe gegeben, sich für ihn schön zu machen. Wenn er sie zur Begrüßung in den Arm nahm, hatte sie es genossen und, wenn sich die Gelegenheit ergab, hatten sie zum Abschied heimlich heiße Küsse getauscht. Erst als Harry krank geworden war, hatte sie Bernhard in seine Schranken gewiesen, und sie war ihm immer noch dankbar, daß er taktvoll genug gewesen war, ihr Verhalten zu akzeptieren.

Sabine konnte sich keinen besseren Mann als Bernhard Heuss denken. Er war Harry ähnlich: zuverlässig, beherrscht, selbstsicher und – falls es einmal doch nicht ganz so sein sollte – unfähig, das zuzugeben. Er konnte keine Schwäche zeigen, sowenig wie Harry das vermocht hatte.

Falls sie Bernhard heiratete, würde es mit dem bißchen Freiheit, das sie sich nach Harrys Tod erkämpft hatte, vorbei sein. Es würde wie früher werden, und es würde für immer oder zumindest für absehbare Zeit so bleiben: die gleiche Wohnung und die gleichen Gewohnheiten. Es würde kein Ziel, keine Hoffnung, keine Träume und keine Erwartungen mehr geben. Natürlich würde es ihr rundherum gutgehen. In diesem Punkt hatte Lisbeth recht. Aber das genügte ihr einfach nicht. Lisbeth nippte an ihrem frischen Drink.

Stefanie beobachtete sie erwartungsvoll. »Ist er richtig so?«

»Genau getroffen! Wenn dir nichts Besseres einfällt, könntest du zweifellos Cocktailmixerin werden.«

Stefanie lachte. »Aber ich mache mir nichts aus Alkohol.«

»Das wird schon noch kommen.« Sie wandte sich der Freundin zu. »Soll ich ganz aufrichtig sein, Sabine?«

»Ich bitte darum.«

»Das mit Genf ist eine ganz dumme Idee. Erstens wird dort Französisch gesprochen …«

»Aber ich kann Französisch!« fiel Sabine ihr ins Wort.

»Ich müßte es nur ein bißchen auffrischen.«

»….und zweitens herrscht in Genf ziemlicher Frauenüberschuß. Falls du also hoffst, dir ein hohes Tier zu angeln…«

»Ich denke nicht im Traum daran!«

»….bist du völlig schiefgewickelt. Bei all diesen internationalen Gremien, Ausschüssen und Instituten sind junge Frauen en masse beschäftigt.«

»Du verstehst nicht, worauf es mir ankommt.«

»Dann erklär’s mir, bitte!«

»Ich möchte einfach raus hier«, sagte Sabine mit einer weit ausholenden Geste, »Abstand gewinnen, zu mir selbst finden.«

»Ach so? Na ja. Da kann ich nur eins sagen: wenn es dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis tanzen.«

2

Ein paar Tage später holte Bernhard Heuss Sabine abends ab. Er hatte Theaterkarten besorgt.

»Schließ die Tür ab«, ermahnte sie Stefanie, »schieb den Riegel vor und laß niemanden mehr herein!«

Stefanie lachte. »Keine Bange, Mami! Ich nehme mich schon in acht vor dem bösen Wolf.«

»Das ist kein Spaß, Liebling!«

»Was soll denn passieren? Ich bin doch schon zigmal allein geblieben.«

»Aber ganz wohl ist mir dabei nie.«

»Quatsch, Mami. Mach dir einen schönen Abend und laß dir keine grauen Haare wachsen. Du siehst übrigens blendend aus.«

Sabine trug ihr »kleines Schwarzes«, ein ganz schlichtes Chiffonkleid, das ihre Figur besonders vorteilhaft betonte. »Danke, Liebes«, erwiderte sie.

»Du übrigens auch, Bernhard.«

Er fuhr sich über das bläuliche Kinn. »Freut mich, wenn ich dir gefalle. Leider hatte ich weder Zeit mich umzuziehen noch mich zu rasieren.« – Sein grauer Anzug war leicht zerknautscht und sein Hemd nicht mehr blütenrein.«

»Macht nichts«, erklärte Stefanie großmütig,»ein Mann muß nicht immer schön sein.«

Sabine lachte über diese altkluge Bemerkung.

»Aber du bist immer noch schön genug«, setzte Stefanie hinzu.

Das stimmte, fand Sabine. Hochgewachsen, mit einem kantigen Kinn und kühlen grauen Augen war er ein Mann, der Eindruck machte.

Ob er sich über Stefanies unverblümte Komplimente freute oder sich aufgezogen fühlte, ließ er sich nicht anmerken. Er drängte zum Aufbruch und half Sabine in ihr Abendcape. Zu einem Drink blieb ohnehin keine Zeit mehr.

Auf der Fahrt in die Innenstadt redeten sie über Belanglosigkeiten. Sabine war es ganz recht so, denn dies war weder die passende Gelegenheit noch der richtige Zeitpunkt, ihr Problem zur Sprache zu bringen. Vor dem Eingang des neben dem Theater gelegenen Hotels hielt er an. Ein rot livrierter Portier eilte herbei und half Sabine beim Aussteigen. Bernhard Heuss gab ihm die Wagenschlüssel und einen Geldschein mit der Bitte, das Auto in der Tiefgarage zu parken. Die wenigen Schritte um die Ecke gingen sie eingehakt und sehr flott. Es blieb ihnen gerade noch Zeit, ihre Garderobe abzugeben und die steile Wendeltreppe zum Zuschauerraum hinaufzueilen. Kaum hatten sie ihre Plätze eingenommen – Bernhard nahm in der Regel Randplätze, so daß sie niemanden zum Aufstehen nötigen mußten –, wurde es auch schon dunkel im Saal, und der Vorhang hob sich.

Es war ein heiteres Stück, das auf der Bühne geboten wurde, eine Komödie voller Verwirrungen und Verwechslungen, und es machte Spaß, Schauspieler, die man von Film und Fernsehen kannte, aus der Nähe zu sehen. Doch Sabine vermochte sich nicht zu entspannen. Sie machte sich Vorwürfe, daß sie Bernhard nicht von Anfang an in Baumgartners Vorschlag eingeweiht hatte. Jetzt würde es viel schwerer sein, davon anzufangen.

In der Pause plauderten sie, ein Glas Wein in der einen, eine Zigarette in der anderen Hand, ausschließlich über die Aufführung. Sabine gab sich begeisterter, als sie tatsächlich war, denn sie wußte, daß er sich nichts aus Boulevardtheater machte und nur ihr zuliebe da war.

Als sie nach der Vorstellung auf den »Promenadeplatz« hinaustraten, war es bereits dunkel. Nur die hohen Bogenlampen verbreiteten ein diffuses Licht.

Spontan umarmte sie ihn. »Das war ein schöner Abend! Ich danke dir!«

Er hielt sie ganz fest. »Das soll doch nicht etwa heißen, daß du schon nach Hause willst?«

Sie fühlte sich an seiner Brust geborgen. »Stefanie erwartet mich.«

»Ich wette, die schläft längst.«

»Ich muß sie wecken, damit sie mich hereinläßt.«

»Ob du das nun etwas früher oder später tust…« Er küßte sie innig. »Komm mit zu mir!«

Sie hätte nachgeben wollen, sie sehnte sich wie er nach Liebe. Doch sie wußte, daß es nicht um diese Stunde ging oder diese Nacht, sondern daß er eine Entscheidung fürs ganze Leben von ihr erwartete.

Mit einem Seufzer machte sie sich frei. »Ich bin noch nicht soweit.«

»Wie lange willst du mich noch warten lassen? Harry liegt seit fast einem Jahr unter der Erde…«

»Seit sieben Monaten«, verbesserte sie ihn sanft, »das ist ein Unterschied.«

»Für mich nicht. Er ist tot. Das Kapitel Harald Meyendorf ist abgeschlossen. Wir müssen einen neuen Anfang machen. Allmählich bezweifle ich, ob du das überhaupt willst.«

Beinahe hätte sie erklärt: »Doch, ich will! Nur nicht so schnell!« Denn der Gedanke, ihn zu verlieren, schreckte sie. Doch dann zwang sie diesen Anflug von Feigheit nieder und gab zu: »Das ist es eben, Bernhard. Ich weiß es nicht. Ich weiß es selbst noch nicht.«

»Wie lange kennen wir uns schon, Sabine?«

»Das hat damit nichts zu tun. Ich war all die Jahre die Frau eines anderen. Aber jetzt hat sich alles völlig verändert. Ich weiß nicht mehr, wo ich stehe.«

»Ich denke, niemand hat mehr Rücksicht auf deine Gefühle genommen als ich«, sagte er steif.

»Bitte, sei mir nicht böse!« flehte sie. »Bitte, laß uns nicht streiten!« Noch eben hatte sie sich geborgen gefühlt, in seinen Armen jetzt plötzlich überkam sie Hilflosigkeit. Sie wagte nicht einmal, ihn zu drängen, sie nach Hause zu fahren, denn dann hätte er erwartet, daß sie ihn mit hinaufbitten würde, und genau das wollte sie nicht.

»Mir scheint, du bist wirklich ziemlich durcheinander«, sagte er ärgerlich, aber gleichzeitig doch einlenkend.

»O ja, das bin ich«, gab sie zu, »mehr noch, als du denkst.«

»Laß uns noch einen Schluck trinken!« schlug er vor.

»Gehen wir ins ›Trader Vic’s‹?«

Sabine stimmte erleichtert zu.

Durch die Drehtür, die der Portier für sie in Bewegung setzte, betraten sie das elegante Foyer des Hotels »Bayerischer Hof«. Bernhard nahm ihr das Cape ab, um es zusammen mit seinem Trench zur Garderobe zu bringen. Sie nutzte die Gelegenheit, ihre Tochter anzurufen. Als er auf dem Rückweg von der Garderobe an ihr vorbeikam, lächelte sie ihm zu. Er gab ihr mit einer Geste zu verstehen, daß er vorausgehen und sich um einen Tisch kümmern wollte. Sie nickte.

Wenige Minuten später folgte sie Bernhard hinunter in die Nachtbar des Hotels.

Wenn man aus der hell beleuchteten Halle ins Trader eintrat, war es im ersten Augenblick so dunkel, daß sie am Fuß der Treppe stehenbleiben mußte, um sich zu orientieren. Sofort tauchte Bernhard neben ihr auf, legte ihr die Hand unter den Ellenbogen und führte sie. »Alles in Ordnung«, erklärte sie, »Stefanie war noch ganz munter. Sie hat einen uralten Film mit Gregory Peck im Fernsehen entdeckt.«

»Na, siehst du.« Er schob einen Sessel an ihre Kniekehlen, und sie setzte sich.

Als ihre Augen sich umgewöhnt hatten, merkte sie, daß es nicht wirklich dunkel war in dem Nachtlokal, sondern nur schummrig. Windlichter auf den Tischen bildeten die einzige Beleuchtung, die den Gästen ungemein schmeichelte. Selbst Bernhards kantiges Gesicht wirkte weich und gelöst. Von irgendwoher erklang gedämpft hawaiianische Musik.

»Ich habe uns Planters Punch bestellt, Liebling. Ich hoffe, daß es dir recht ist.«

»Ja, natürlich.«

Immer neue Gäste kamen die Treppe herunter, lachend, plaudernd, aber nur schemenhaft sichtbar. Man konnte Abendkleider und funkelnden Schmuck eher erahnen als sehen. Balinesische Masken lächelten, umrankt von großblütigen bunten Girlanden, von den Wänden.

»Hier gefällt’s mir«, meinte sie.

»Wenn du willst, können wir öfters ausgehen.«

»Lieb von dir«, sagte sie, ohne ihm zu glauben. Sie zweifelte nicht an seinem guten Willen, aber sie wußte, daß es mit ihm nicht anders sein würde, als mit Harry. Zu oft arbeitete er bis in die Nacht, und zu oft kam es auch noch spät zu einer unvorhergesehenen Besprechung. Sie kannte das.

Die Drinks, üppig mit exotischen Früchten dekoriert, wurden serviert. Sie probierten, tranken sich zu. Bernhard bot Sabine Zigaretten an, gab ihr Feuer und zündete sich ebenfalls eine an.

Sie wußte, er würde nicht auf ihre Auseinandersetzung von vorhin zurückkommen, dazu war er zu diplomatisch. Auch eine Bemerkung, die ihr ermöglichen würde, das Thema noch einmal aufzugreifen und ihm ihren Standpunkt klarzumachen, war nicht von ihm zu erwarten. Stefanie hatte sie versprochen, in einer knappen Stunde zu Hause zu sein. Es blieb Sabine nichts übrig, als ohne große Vorrede die Sache zur Sprache zu bringen. »Ich habe dir noch nicht erzählt«, sagte sie unvermittelt, »daß ich wahrscheinlich für ein Jahr nach Genf gehe.«

Bernhard verzog keine Miene. Wenn diese Eröffnung ein Schlag für ihn gewesen war, so ließ er es sich nicht anmerken.

Wider Willen bewunderte sie ihn für seine gute Haltung und berichtete hastig die Einzelheiten. Jetzt, da das Schlimmste überstanden war, fiel es ihr nicht schwer, die richtigen Worte zu finden.

»Wann?« fragte er endlich.

»Nicht sofort. Anfang August, würde ich sagen. Ich muß ja zuerst noch mein Französisch aufpolieren, aber andererseits sollte Stefanie rechtzeitig zum neuen Schuljahr in der Schweiz sein.«

»Und seit wann weißt du es?«

»Baumgartner hat mir Anfang der Woche das Angebot gemacht.« Versöhnlich legte sie die Hand auf seinen Arm. »Am Telefon konnte ich es dir nicht sagen, und ich wollte mir auch erst darüber klarwerden, was ich selber will.«

Er hob die Augenbrauen und fragte mit leiser Ironie: »Und jetzt weißt du es?«

»Ich wollte immer schon ins Ausland. Schon als Kind habe ich mir das gewünscht. Nicht einfach eine Reise in die Fremde machen, sondern dort leben – in Frankreich, England, Italien oder sonstwo. Jetzt ist eben die Schweiz daraus geworden.«

»Und was ist mit uns?«

»Uns kann ein bißchen Abstand ganz gewiß nur guttun. Unsere Beziehung ist irgendwie – ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll – festgefahren. Hast du das selbst noch nicht gemerkt?«

»Nein. Keineswegs. Was ich merkte, ist nur, daß du dich mir entziehst.«

»Aber warum sollte ich das? Gib mir einen einzigen plausiblen Grund dafür an!«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung.«

»Du bist mir zu nah, schon zu vertraut, bevor…« Sie unterbrach sich. »Ich weiß jetzt schon, daß ich wahnsinnige Sehnsucht nach dir haben werde. Ich werde dir schreiben. Außerdem gibt es ein Telefon, und natürlich besuchst du uns in Genf. Ein Jahr ist doch gar nichts, weniger als nichts.«

»Und was wird aus deiner Wohnung?«

Sabine hätte unendlich erleichtert sein müssen, daß er so nüchtern reagierte. Doch verwundert stellte sie fest, daß es sie enttäuschte. »Du weißt, sie gehört mir. Harry hat sie gekauft. Ich werde sie natürlich behalten.«

»Du könntest sie möbliert vermieten.«

»Das habe ich mir auch schon überlegt. Aber das will ich nicht. Wenn erst einmal fremde Leute drin waren, würde es nie mehr sein wie früher.«

»Es würde dir einen schönen Batzen Geld bringen.«

»Stimmt. Aber das habe ich zum Glück ja nicht nötig. Wenn ich die Wohnung so lasse, wie sie ist, weiß ich, daß ich jederzeit zurückkommen kann. Vielleicht gefällt’s mir ja auch gar nicht in der Fremde.«

»Das will ich dir trotz allem nicht wünschen.«

Sabine sah ihn aus großen Augen an. »Wirklich nicht?«

»Glaubst du, ich würde wünschen, daß du auf die Nase fällst?« Er lächelte mit schmalen Lippen. »Für so schäbig wirst du mich doch wohl nicht halten.

»Natürlich nicht. Ich weiß, du bist ein wunderbarer Mann! Ich habe nie bezweifelt, daß…«

Bernhard fiel ihr ins Wort. »Das war kein fishing for compliments, Liebling. Hör, bitte, auf damit! Trink aus! Es ist schon spät.« Er winkte dem Ober. »Bitte, zahlen.«

3

Am nächsten Morgen – es war ein Samstag – schliefen Sabine und Stefanie aus und gönnten sich dann einen Brunch in ihrem geliebten Alkoven. Sabine, die die Mahlzeiten hergerichtet hatte, war schon geduscht, frisiert und angezogen, ihre Tochter noch zerstrubbelt in Schlafanzug und Bademantel.

Stefanie gähnte herzhaft, während sie die Schale eines weichen Eis mit der Rückseite des Löffels zerklopfte.

»War es wenigstens schön gestern abend?«

Sabine hatte sie in der Nacht ganz rasch zu Bett gebracht und sich auf keine Unterhaltung mehr eiligelassen. Jetzt nahm sie einen Schluck Kaffee und sagte: »Wie man’s nimmt.«

Stefanie pellte die Schale ab und legte sie auf den Rand des Eierbechers. »Was soll das heißen?«

»Ich glaube, ich habe einen Riesenfehler gemacht.« Stefanie tat uninteressiert. »Ach ja?«

»Ich habe Bernhard erzählt, daß wir nach Genf gehen.«

»Und? Wie hat er reagiert?«

»Ziemlich gleichgültig.«

»Das sieht ihm ähnlich.«

»Du mußt das verstehen, Liebes. Ich wollte dich nicht überfahren, aber da ich es ihm nun einmal sagen mußte, wollte ich nicht mit ›vielleicht‹ oder ›faiis‹ kommen, sondern ihn vor vollendete Tatsachen stellen.«

»Hm, hm.« Stefanie trank einen Schluck Kakao und leckte sich anschließend die Lippen ab.

»Wenn dann doch nichts daraus wird, kann ich es ihm ganz leicht erklären. Besser als anders herum.«

»Du hast gedacht, er würde protestieren?«

»Ja.«

»Vielleicht hast du es dir sogar gewünscht.«

»Also wirklich, Stefanie! Spiel jetzt bloß nicht die Amateurpsychologin!«

»Ich versuche bloß dich zu verstehen, und ich sage dir, Mutti, das ist nicht so einfach.« Stefanie biß laut vernehmlich in ihr Toast mit Butter.

»Ganz verstehe ich mich ja selber nicht. Bernhard ist wirklich der ideale Mann zum Heiraten!«

Stefanie hatte ihren Toast hinuntergeschluckt. »Falls die Ehe überhaupt dein Ideal ist.«

Sabine mußte lachen. »Sehr, sehr weise, Liebes!«

»Ich bin ja schließlich nicht weltfremd. Ich höre und lese, wie es so zugeht. Die meisten Ehepaare streiten sich dauernd.«

»Das hast du bei Papi und mir nicht erlebt!«

»Stimmt. Mit euch beiden ging es prima. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, daß ihr euch scheiden lassen könntet – viele Kinder tun das nämlich, Mami, es ist nicht so, als wenn sie sich für die Geschichten der Erwachsenen nicht interessieren würden.« Sie redete munter weiter, während sie aß und trank. »Aber jetzt, nachträglich, denke ich, muß es doch manchmal ziemlich langweilig für dich gewesen sein. Wenn Bernhard zu Besuch kam, zum Beispiel. Dann gab es zuerst ein feines Essen, für das du dich abgerackert hast. Alles war immer so vorbereitet, daß du nicht bis zum letzten Moment in der Küche stehen mußtest, sondern auch noch Zeit hattest, dich schön zu machen. So war es doch, oder? Dann bekommst du einen Haufen Komplimente für dein gutes Essen und dein Aussehen, alles war Heiteretei. Aber kaum war das Essen vorüber, zogen sich die beiden Herren in Papis Arbeitszimmer zurück, und das Schachbrett wurde aufgestellt. Was für dich übrigblieb, war der Abwasch und Aufräumen. Ich durfte dir nicht mal helfen, denn für mich war’s Zeit zum Schlafengehen. Wenn du mit allem fertig warst, die Hände gewaschen und eingecremt, die Lippen nachgezogen, ein bißchen Puder auf die Nase getan hattest, durftest du ihnen Gesellschaft leisten, vorausgesetzt, daß du nicht störtest. Schachspielen erfordert nämlich, wie jedermann weiß, äußerste Konzentration.« – Stefanie legte eine Pause ein, um sich die Finger abzuschlecken.

»So«, sagte Sabine betroffen, »habe ich das nie so gesehen. Ich habe die Abende mit Bernhard immer genossen.«

»Ehrlich?«

»Es kam mir jedenfalls so vor.«

»Und zum Abschluß«, fuhr Stefanie fort, »durftest du dann noch ein paar Schleckereien anbieten, und man war wahrscheinlich des Lobes voll für eine so perfekte Frau, die ihre Rechte und Pflichten kennt und sich auch daran hält.« Stefanie wischte sich die Finger an der Serviette ab. »Mit wem spielt Bernhard eigentlich momentan Schach?«

»Keine Ahnung. Ich weiß nicht, ob er es überhaupt noch tut.«

»Verlaß dich drauf.«

Sabine begriff, worauf Stefanie hinauswollte: Daß Bernhard, nach ihrer Heirat, die gleichen Abende mit einem anderen Partner veranstalten könnte, und das war keine sehr erhebende Vorstellung.

»Warum hast du es eigentlich nie gelernt?«

»Ich kann Schach spielen. Ich kann die Figuren auseinanderhalten, kenne die Grundzüge, weiß, was eine Rochade ist und so weiter. Darum habe ich auch gerne zugesehen. Aber mich so ernsthaft damit zu befassen wie die richtigen Spieler, habe ich nie Lust gehabt. Wir beide könnten es miteinander versuchen, und mit dir würde es mir sicher Spaß machen.«

Stefanie schabte die Eierschale von innen aus. »Eigentlich geht es nicht um Schach, sondern um etwas ganz anderes.« Sie schob den Eierbecher beiseite und fischte sich mit der Gabel ein Würstchen aus der heißen Brühe, tat sich einen Klecks Senf auf den Teller und biß herzhaft hinein. »Es geht um dich, Mami. Wir versuchen herauszubekommen, was für dich das Beste ist.«

»Ja, ich weiß. Aber irgendwie verwirrst du mich mit deinem Gerede.«

»Tut mir leid, Mami, das war nicht meine Absicht.«

»Außerdem weißt du doch schon längst, was ich wirklich will – fort von hier.«

»Auch noch nach gestern abend?«

»Was soll das nun wieder heißen?«

»Daß du Angst bekommen hast, deinen Verehrer zu verlieren, und dich fragst, ob du es riskieren kannst.«

»Pah!« erwiderte Sabine heftig. »Wenn seine Zuneigung nicht einmal ein Jahr Trennung überdauern kann, dann pfeif’ich drauf.«

»Gut gebrüllt, Löwe!«

»Sag mal, wie kommst du mir denn eigentlich vor? Ist das ein Verhör, dem du mich unterziehst?«

»Nein, überhaupt nicht.«

»Schließlich liegt es nicht an mir, sondern an dir, ob wir nach Genf gehen oder nicht.«

»Das ist es ja gerade. Vielleicht wirst du mir später Vorwürfe machen.«

Sabine, die ihre Tasse gerade hatte zum Mund führen wollen, setzte sie geräuschvoll ab. »Soll das heißen – du bist einverstanden?«

Stefanie strahlte sie an. »Endlich hast du es geschnallt.«

»Aber warum konntest du mir das nicht direkt sagen? Direkt und frei heraus? Statt so um den heißen Brei zu reden!«

»Wegen der Verantwortung. Weil ich mich verantwortlich für dich fühle.«

»Quatschkopf!« Sabine lachte erleichtert. »Ich bin deine Mutter, und ich bin zwanzig Jahre älter als du.«

»Aber man muß trotzdem auf dich aufpassen.«

Sabine glaubte, sie eigentlich zurechtweisen zu müssen, war aber viel zu erleichtert, um zu protestieren. »Wenn du das meinst, na, bitte! Aber erzählt mir jetzt, wie du dich zu dem Entschluß durchgerungen hast.«

»Hab’ einfach noch mal alles überdacht«, behauptete Stefanie. »Es wäre wirklich nicht gut, wenn du was mit Bernhard anfingst. Das käme mir vor wie so ’ne Art Bäumchen-wechsle-dich-Spiel.«

»Also nur mir zuliebe?«

»Nicht ganz.« Stefanie rührte, ohne Sabine anzusehen, gedankenverloren in ihrer Tasse. »Die anderen sagen, es wäre bestimmt toll, in der Schweiz zu leben. Und ich wäre schön dumm, wenn ich mir das entgehen ließe. Und überhaupt. Abwechslung ist das halbe Leben. Der Duft der großen, weiten Welt und so.«

»Es fällt dir also nicht schwer?«

»Doch. Natürlich tut es das. Aber die anderen würden mich auslachen, wenn ich jetzt hierbliebe. Nachdem ich so groß getönt habe.«

Sabine, die wohl wußte, daß Stefanie mit den »anderen« ihre Freundinnen meinte, versuchte, den Gedanken auf den Grund zu kommen. »Vergessen wir mal die anderen, ja? Sie sind nicht so wichtig, finde ich. Man sollte seine Entscheidung nicht von seiner Umgebung abhängig machen, sondern in sich gehen, um herauszufinden, was für einen selber gut und richtig ist.«

»Klar, Mami. Das habe ich auch getan. Und ich bin drauf gekommen, daß es nichts bringt, immer den leichten Weg zu wählen. Wenn man sich für den schwereren entscheidet, kommt wahrscheinlich mehr dabei heraus.«

»Ach, Stefanie«, sagte Sabine gerührt, »ich bin sehr froh, daß ich dich habe. Du bist ein richtiger Schatz. Soll ich dir mal was gestehen? Ohne dich hätte ich wahrscheinlich gar nicht den Mut, das hier aufzugeben. Glaubst du mir das?«

»Na klar. Zu zweit geht alles leichter. Besonders, wenn man sich so gut versteht wie wir.«

Sabine kämpfte mit den Tränen, aber unterdrückte sie tapfer. Es gab doch wirklich keinen Anlaß zu weinen. Im Gegenteil, sie hatte allen Grund glücklich zu sein.

Herr Baumgartner war hoch erfreut, als Sabine ihm mitteilte, daß sie sich entschlossen hätte, das Angebot anzunehmen. »Ich hatte es auch nicht anders erwartet.«

Sabine meldete sich bei einem Französischkurs an. Auch wenn ihr Unternehmen sie für die Fortbildungsstunden freistellte, empfand sie die Fahrten zu dem Sprachinstitut als wirkliche physische Belastung. Der Unterricht selbst machte ihr viel Spaß, doch mußte sie feststellen, daß ihr Schulfranzösisch bei weitem nicht den Ansprüchen ihres neuen Jobs genügen würde. Deshalb saß sie zu Hause oft bis spät in die Nacht über den Büchern. Bald zeigten sich die ersten Fortschritte. Die Schriftsprache bereitete ihr kaum noch Schwierigkeiten, aber gegen ihre Hemmungen, Französisch zu sprechen, kam sie nicht an.

Hoffentlich gibt sich das, wenn ich in Genf bin! dachte sie besorgt.

An Tea time mit Stefanie war, außer an den Wochenenden, nicht mehr zu denken. Vor dem Abendessen kam Sabine nie nach Hause.

Auch Stefanie lernte Französisch, wenn auch nicht im selben Tempo wie ihre Mutter. Einmal in der Woche brachte eine Studentin ihr die Grundbegriffe bei, die Aussprache und erste zusammenhängende Sätze. Herr Baumgartner hatte Sabine zwar versichert, daß man in Genf notfalls auch mit Deutsch und Englisch zurechtkam, aber sie hielt es für besser, wenn ihre Tochter wenigstens die Straßenschilder lesen und nach dem Weg fragen konnte. Stefanie teilte diese Meinung durchaus und war mit Feuereifer bei der Sache.

Doch mit dem Lernen allein war es nicht getan. Es hieß sich auf den Abschied vorbereiten. Sabine lud Lisbeth Albers und andere Freundinnen aus der Studienzeit ein, mit denen sie mehr oder weniger festen Kontakt gepflegt hatte. Stefanie gab eine Fete für ihre Mitschülerinnen. Bernhard Heuss lud die beiden häufiger als früher zum Essen ein, und Sabine mochte es ihm nicht abschlagen, um ihn nicht noch mehr vor den Kopf zu stoßen. Daß sie in der Arbeit fast erstickte – sie mußte neben allem anderen ja auch noch ihren Nachfolger in der Versicherung einarbeiten –, wollte er als Entschuldigung nicht gelten lassen.

»Das ist nur eine Frage der Organisation«, pflegte er zu erwidern.

»Wenn man sich seine Pflichten richtig einteilt, bleibt immer auch noch Zeit für das Vergnügen.«

Zu allem Überfluß kamen jetzt auch noch Einladungen aus dem Kreis befreundeter Ehepaare, mit denen Sabine und ihr Mann früher verkehrt hatten. Nach Harrys Tod hatte man sich kaum noch um Sabine gekümmert – oder war sie selber es gewesen, die signalisiert hatte, daß sie in Ruhe gelassen werden wollte? Jetzt, da sie neue Pläne hatte, schien sie wieder interessant geworden zu sein.

Am liebsten hätte sie sich gedrückt, aber Bernhard bestand mit Nachdruck darauf, daß sie die Einladungen annahm und bot sich ihr als Begleiter an. »Diese Leute sind wichtig«, behauptete er, »man muß solche Beziehungen pflegen. Du weißt nicht, ob du nicht eines Tages froh daran sein wirst.«

Mit Unbehagen mußte Sabine feststellen, daß man in Bernhard Heuss, obwohl er sich keineswegs aufspielte, so etwas wie ihren Verlobten, wenn nicht gar ihren Partner sah. Und so übernahm er es auch, die Abschiedsparty für diesen Kreis auszurichten, und zwar in einem Nebenraum bei »Käfer«.

4

Ihrer Mutter, Marianne Kaschny, mit der sie einmal pro Woche telefonierte, hatte Sabine längst von ihren Entschlüssen berichtet. Frau Kaschny hatte es immer bedauert, daß Sabine ihr Studium abgebrochen und sich so früh gebunden hatte. Deshalb gönnte sie ihr auch die Gelegenheit, jetzt noch etwas von der Welt zu sehen.

Der Vater dagegen war seinerzeit erfreut gewesen über »die gute Partie«, die sie gemacht hatte. Und auch jetzt hätte er es für besser gehalten, daß Sabine da bliebe, wo sie »hingehörte«, nämlich in Bayern.

Die Eltern erwarteten natürlich einen Abschiedsbesuch in Rosenheim, den Sabine immer wieder verschob, obwohl sie ihren Eltern nicht verständlich machen konnte, welchen ungeheuren Anforderungen sie momentan ausgesetzt war.

»Kaum zu glauben, daß man dich doch noch einmal zu Gesicht bekommt«, sagte der Vater denn auch sarkastisch zur Begrüßung.

»Oh, mon cher grand-père«, flötete Stefanie, »sei nicht böse auf uns!«

Immerhin erreichte sie durch die kleine Kostprobe ihres neuerworbenen Wissens, daß er die schmalen Lippen zu einem Lächeln verzog. Peter Kaschny, Beamter im Finanzamt in Rosenheim, war Mitte Fünfzig. Wenn er auch mit den Jahren kleiner geworden war – zusammengeschrumpft, dachte Sabine –, konnte er immer noch als groß gelten. Sein sorgsam über die Stirn gekämmtes Haar hatte sich gelichtet, aber seine erstaunlich blauen Augen, die er seiner Tochter und seiner Enkelin vererbt hatte, blickten herausfordernd und kampfeslustig in die Welt.

Sabine, die ihre Mutter umarmt hatte, entschuldigte sit: »Du ahnst gar nicht, was wir um die Ohren hatten.«

»Ein Fest jagte das andere, wie?«

Stefanie lachte unbekümmert. »So ähnlich!«

»Aber ich hatte auch jede Menge Arbeit! « erklärte Sabine. »In meinem Alter ist es gar nicht so leicht, wieder die Schulbank zu drücken.«

Es war Sonntag nachmittag. Die Mutter hatte einen Kuchen gebacken, und zu Ehren des Besuches war auch Sabines jüngere Schwester Inge, glücklich verheiratet, mit ihrem süßen Baby Josefine erschienen. Walter, der Nachzügler, lebte noch bei den Eltern. Er gesellte sich zu der Kaffeerunde, um sich jedoch möglichst schnell wieder zu verdrücken. »Du hast ganz recht, daß du abhaust«, war sein Kommentar zu Sabines Plänen. Inges Mann hatte sich entschuldigen lassen. »Ihm geht es nicht so gut«, behauptete sie verlegen. Jeder der Anwesenden wußte, daß Charly sich nicht mit dem Schwiegervater vertrug.

Die Mutter hatte alles liebevoll vorbereitet und das Gespräch bei Kaffee und Kuchen plätscherte problemlos dahin. Doch Sabine spürte, daß den Eltern – auch ihrer Mutter – ihre Pläne nicht paßten.

»Wenn du nun da draußen krank wirst«, gab Marianne Kaschny zu bedenken.

»Wann war ich je krank?« gab Sabine zurück.

»Aber in München könnte ich mich um dich kümmern.«

»Weißt du was? Wenn mir was passiert, schicke ich dir einfach ein Flugticket.«

»Mit so etwas soll man nicht scherzen! « wies der Vater sie zurecht. »Genf ist nicht der richtige Ort für eine alleinstehende junge Frau.«

»Warum nicht? Ich habe mir sagen lassen, daß es sie dort zu Tausenden gibt.«

»Außerdem ist Mami nicht alleinstehend«, mischte Stefanie sich eifrig ein, »ich bin bei ihr und paß’ auf sie auf.«

Der Großvater sah sie düster an. »Du? Was kannst du schon ausrichten gegen …« Er stockte.

»Das ist wirklich kein Thema, das man in Gegenwart der Kleinen anschneiden sollte«, sagte seine Frau.

»Was meint ihr?« rief Stefanie prompt.

»Wovon sprecht ihr?« fragte Sabine.

Walter hatte sein letztes Stück Kuchen aufgegessen und war aufgestanden. »Sex und Drogen natürlich, was sonst?«

»Oh, die gibt’s in München auch!« schrie Stefanie.

»Sex und Drogen, jede Menge!«

Walter fuhr ihr im Hinausgehen durch die Haare. »Aber keine Agenten und Spione, Kleine. Von denen wimmelt’s nur so in der Schweiz.«

»Und dann die Ausländer«, ließ Inge sich vernehmen, »die haben wir hier natürlich leider auch. Aber dort sind nichts wie Ausländer.« Sie schauderte. »Schrecklich.«

»Sehr richtig!« pflichtete Peter Kaschny ihr bei. »Ich habe nichts gegen Ausländer. Ich weiß, daß es sehr nette und anständige Menschen unter ihnen gibt. Aber auf die Masse gesehen – also im großen Ganzen – sind sie doch ein Pack. Das organisierte Verbrechen…« Sabine fiel ihm ins Wort. »Vati, ich bitte dich! Du weißt, wie ich dieses Gerede hasse.«

»Jetzt hört mal!« Stefanie klopfte mit dem Löffel gegen die Tasse, und alle sahen sie an. »Wißt ihr, was mir gerade aufgefallen ist? In der Schweiz werden wir die Ausländer sein. Habt ihr Worte?«

»Mein kleiner Schlaukopf!« Sabine beugte sich zu ihr hinunter und gab ihr einen flüchtigen Kuß. »Du hast’s erfaßt.« Sie nahm die Gelegenheit wahr, das Thema zu wechseln und fragte: »Wie geht’s mit Walter?«

Es hatte harte Auseinandersetzungen mit dem Jungen gegeben, da er sich geweigert hatte, auf dem Gymnasium zu bleiben und das Abitur zu absolvieren.

»Wir hoffen, daß ihm die Lehre Spaß macht«, sagte Marianne Kaschny unsicher.

»Es ist ja nichts aus ihm rauszubekommen«, setzte der Vater hinzu, »man sieht ihn höchstens zu den Mahlzeiten.«

»Aber er ist ein guter Bub«, verteidigte Marianne ihren Sohn, »er ist bloß in einem schwierigen Alter.«

»Und er hat die falschen Freunde.«

»Ja, einen schlechten Umgang.« Marianne Kaschny seufzte. »Und den läßt er sich nicht ausreden. Leider.« Sabine hätte einiges dazu sagen können. Doch sie hielt sich zurück, denn sie wollte keinen Streit aufkommen lassen. Sie mochte ihre Eltern. Aber wie in ihrer Jugend litt sie unter dem Gefühl, nicht verstanden zu werden, auch von Inge. Die Schwester war stets neidisch auf sie gewesen und war es auch wohl immer noch. So waren sich die beiden jungen Frauen niemals wirklich nähergekommen.

»Ich glaube, es wird Zeit für uns«, erklärte Sabine, »wir haben noch viel zu tun.«

Stefanie schnellte wie eine Feder hoch.

»Du kannst ruhig rauchen, Sabine«, sagte die Mutter.

»Danke, ich mag jetzt nicht. Das wäre vielleicht nicht gut für das Baby.«

»Ich kann Josefine nach nebenan bringen«, erbot sich Inge.

»Sehr lieb von dir, aber nicht nötig. Wir müssen jetzt wirklich los.«

»Au revoir, grand-père, au revoir, grand-mère!« Stefanie umarmte ihre Großeltern. »Au revoir, ma tante«, sagte sie zu Inge und gab Josefine einen kleinen Stups auf das Näschen. »Mach’s gut, du süßer kleiner Liebling. Bin schon gespannt, was du alles können wirst, wenn wir wieder zurück sind.«

Sabine und Stefanie atmeten auf, als sie wieder im Auto saßen.

5

Am 27. Juli war der letzte Schultag. Stefanies Zeugnis fiel gut aus. In Englisch hatte sie sogar eine Eins bekommen. Der zusätzliche Französischunterricht hatte ihr also nicht geschadet.

»Weißt du, Maman«, erklärte Stefanie weise – sie war gerade dabei, sich das deutsche »Mami« abzugewöhnen, »ich glaube, je mehr Sprachen man lernt, desto leichter wird es. Ich werde einmal alle Sprachen dieser Welt können.« Dann wurde ihr die eigene Hybris bewußt, und sie setzte erschrocken hinzu: »Wenigstens die meisten.«

»Möglichst viele«, dämpfte die Mutter sie.

»Einverstanden.«

Am Morgen des 1. August war es dann soweit. Tags zuvor hatte Sabine noch einen Ausstand für die Mitarbeiter ihrer Abteilung bei der Nord-Süd ausgerichtet und sich von jedem einzelnen verabschiedet. Die Koffer waren längst gepackt.

Überraschend erschien Lisbeth Albers, um zu helfen, obwohl es noch recht früh war. »Vielleicht komme ich«, hatte sie am Telefon gesagt. Doch Sabine hatte nicht mit ihr gerechnet. Die Freude war daher um so größer.

Sabine und Stefanie holten jetzt ihr Gepäck herunter, und Lisbeth übernahm es, alles in Sabines Wagen zu verstauen.

Die beiden Freundinnen umarmten sich zum Abschied, Stefanie, die so etwas nicht liebte, kam mit einem kleinen Knuff davon. Sabine setzte sich hinter das Steuer, Stefanie, eine aufgefaltete Landkarte auf dem Schoß, daneben, und los ging es.

Sabine sah im Rückspiegel, wie Lisbeth ihnen nachwinkte. Sie war gerührt. Als sie die Wohnung hinter sich abgeschlossen hatte, war ihr doch schwer ums Herz geworden.

Wie sie gehofft hatte, hatte der Verkehr noch nicht eingesetzt. So waren sie schon bald auf der Autobahn.

Eine Weile schien es, als ob sie geradewegs in die Alpen hineinfuhren, die sich schroff und klar gegen den hellen Sommerhimmel abzeichneten.

Langsam begann es warm zu werden, und Stefanie kurbelte ihre Fensterscheibe herunter. Der Wetterbericht hatte Temperaturen um dreißig Grad Celsius vorausgesagt.

»Ein herrliches Reisewetter«, meinte Sabine aufmunternd.

Stefanie seufzte. »Ich wäre jetzt lieber im Prinzregenten-Bad.«

»In Genf kannst du im See schwimmen. Das ist bestimmt viel schöner.«

Die Fahrt verlief überwiegend schweigsam. Beide hingen ihren Gedanken nach. Erst nach der Schweizer Grenze entschlossen sie sich, Rast zu machen. Sabine fuhr auf den nächsten Parkplatz.

»Uff«, sagte sie und streckte sich, »mir tun alle Khochen weh.«

»Jetzt haben wir’s doch schon bald geschafft, Maman!« Stefanie zeichnete mit dem Finger die Route auf der Landkarte nach. »Bern, Fribourg, Vevey, Lausanne, und dann sind wir schon in Genf.«

»Und endlich ein kühles Bad im Genfer See!«

»Wirklich?« fragte Stefanie ungläubig. »Können wir heute noch schwimmen gehen?«

»Wohl kaum. War nur ein dummer Scherz von mir.«

»Hab’ ich’s mir doch gedacht.«

Sie stiegen aus, Sabine schloß das Auto ab, nachdem sie Stefanie die Kühlbox mit Erfrischungen in die Hand gedrückt hatte.

»Toll!« bemerkte Stefanie. »Wirklich unheimlich sauber hier. Wie geleckt. Und ich dachte immer, das Getöne von der sauberen Schweiz wäre nur ein Reklamegag.«

Unweit des Parkplatzes fanden sie eine Bank und einen Tisch, die nicht besetzt waren. Sie packten ihren Proviant aus, breiteten Papierservietten aus und picknickten mit Genuß. Danach rauchte Sabine eine Zigarette. Alles, was nicht mehr brauchbar war, wanderte anschließend in einen der Abfallbehälter.

Gestärkt ging es weiter gen Südwesten. Es war ihnen bewußt, daß sie die Heimat jetzt endgültig hinter sich gelassen hatten. Für Reue und Wehmut war es zu spät. Stefanie plauderte munter drauflos, und Sabine zwang sich, auf den Ton ihrer Tochter einzugehen.

Die Fahrt durch das idyllische Berner Oberland war angenehm. Dennoch jubelte Stefanie auf, als endlich glitzerndes Wasser in Sicht kam. »Ist das der See?« Sie hopste hoch und warf dann einen Blick auf die Karte. »Ja, das muß er sein. Lac Léman steht hier. Heißt er so?«

»Ja, das ist sein französischer Name.«

Zwischen Vevey und Lausanne schlängelte sich die Autobahn immer wieder durch Tunnel nah am Ufer entlang. Der Blick war unvergleichlich schön.

»Der See ist ziemlich groß, was?« meinte Stefanie.

»Viel größer, als ich ihn mir vorgestellt habe. Was findest du?«

»Mir geht’s genauso.«

»Da hinten, das muß Montreux sein«, erklärte Stefanie, »und die Berge am anderen Ufer gehören zu Frankreich.«

»Da können wir von Genf aus mal hinfahren.«

»Ja, und wir verschicken eine Menge Ansichtskarten. Damit die zu Hause wissen, wie weit ich in der Welt herumkomme!«

Hinter Lausanne, das sich steil am Ufer hinaufzog, tauchten rechts und links der Autobahn zwischen weitläufigen Weinbergen romantisch wirkende Häuser mit roten Ziegeldächern auf. Stefanie fand alles toll und war sehr dafür, die Autobahn bei Rolle zu verlassen und auf der Landstraße, die nahe am See entlangführte, weiterzufahren.

Die hübsche platanengesäumte Promenade des Städtchens verlockte sie, noch einmal Pause zu machen und sich etwas die Füße zu vertreten. Dann nahmen sie auf der Terrasse eines kleinen Cafés Platz. Sabine bestellte, zum ersten Mal auf französisch, zwei Gläser mit frisch gepreßtem Orangensaft. Sie hatte einen Kloß im Hals, mußte sich ausgiebig räuspern und fand, daß ihre Aussprache furchtbar deutsch klang.

»Was willst du?« tröstete Stefanie sie. »Immerhin hat sie dich verstanden.«

Die Bedienung hätte sich sicher auch mit Deutsch oder Englisch abgefunden, aber Sabine wollte sich so schnell wie möglich an die Landessprache gewöhnen. Insgeheim war sie ein wenig stolz auf sich, als das Mädchen tatsächlich frisch gepreßten Orangensaft brachte. Sabine fragte nach dem Preis, was schon leichter ging, verstand die Summe, zahlte gleich und gab ein großzügiges Trinkgeld. Die junge Frau bedankte sich höflich.

»Auf die hast du einen guten Eindruck gemacht«, fand Stefanie.

»Wollte ich auch. Weil sie bestimmt gemerkt hat, daß wir Deutsche sind.«

Der Saft schmeckte köstlich, war kühl und erfrischend. Sabine, die im Auto nie rauchte, nahm sich eine Zigarette und ließ sich von Stefanie Feuer geben.

Auf dem See tummelten sich Hunderte kleiner Boote mit weißen Segeln, manche hatten leuchtend bunte Spinnaker aufgezogen.

Sabine wandte ihr Gesicht in die Sonne. »Ich fühle mich unheimlich wohl, du auch?«

»Ich glaube, man kann’s hier aushalten«, stimmte Stefanie ihr fröhlich zu.

Es wäre ihnen schwergefallen sich loszureißen, wenn sie nicht doch darauf gebrannt hätten, endlich ihr Ziel zu erreichen. So stiegen sie nach einer guten halben Stunde wieder in Sabines kleinen Wagen und fuhren weiter.

6

Der erste Eindruck von Genf war überwältigend.

Sabine und Stefanie überboten sich in dem Versuch, die Sehenswürdigkeiten der Stadt als erste zu entdekken. Da waren die gepflegten Uferpromenaden, die über hundert Meter hoch steigende Fontäne im See, »Jet d’eau« genannt, und das dunkle Gebirge, der »Salève«, das sich hinter den ehrwürdigen alten Bürgerhäusern abhob. Alles zusammen wirkte seltsam unwirklich, fast wie das betonierte Bild aus einem Reisekatalog. Sie staunten.

Doch als sie die Peripherie hinter sich gelassen hatten, mußte Sabine sich ganz auf den Verkehr konzentrieren. Stefanie hatte die Landkarte gegen Stadtplan eingetauscht.

»Hast du das Hotel Strasbourg entdeckt?« fragte Sabine.

»Aber sicher. Das habe ich mir schon zu Hause angestrichen.«

Die Versicherung hatte ihnen dort für die ersten Tage ein Zimmer gebucht.

»Und wie kommen wir hin?«

»Also, das ist ganz einfach: immer geradeaus und dann bei der Brücke nach rechts und dann … Pustekuchen, da fängt ’ne Fußgängerzone an.«

»Mach mich, bitte, nicht nervös!«

»Ich tue mein Bestes. Also … du fährst jetzt die nächste Straße, die Rue des Alpes, rechts rein… da muß so ’ne Art Monument sein …« Stefanie hob den Kopf, um Ausschau zu halten.

»Da vorne ist es«, bestätigte Sabine, »ein recht merkwürdiges rosa Gebilde.«

»Dann sind wir richtig. Jetzt immer weiter geradeaus, bis du links in die Rue de Pradier einbiegen kannst, und da muß dann auch schon unser Hotel sein.«

Sabine befolgte, etwas skeptisch, die Anweisungen ihrer Tochter und war angenehm überrascht, als sie ihr Ziel tatsächlich problemlos erreichten. »Das hast du gut gemacht, Stefanie«, lobte sie.

»Ich bitte dich, Maman! Kartenlesen ist doch keine Kunst.«

»Für manche Leute schon.«

»Jedenfalls bist du sehr gut gefahren.«

»Danke, Liebes.«

Die helle Sandsteinfassade des Hotels war anscheinend frisch gereinigt. Es hatte hübsche kleine Balkons. Fenster und Türen waren blau gestrichen.

Sabine hielt vor dem Eingang. Sie bat Stefanie, im Auto zu bleiben, nahm ihre Handtasche und stieg aus. Die Halle des Hotels wirkte, wenn man aus der strahlenden Sonne kam, etwas düster. Rasch nahm Sabine ihre Brille ab und sah sich um. Es war ein fast gemütlicher Raum mit bunten Orientteppichen auf dem Boden – ob echt oder falsch, das konnte sie nicht beurteilen –, alten, sehr gepflegten Möbeln, die Sitzgruppen bildeten, und einem imposanten Kronleuchter an der holzgetäfelten Decke.

Die Rezeption lag links vom Eingang.

Ein junger, sehr korrekt gekleideter Portier hieß Sabine willkommen. In ihrem immer noch etwas bemühten Französisch erklärte sie, daß die Nord-Süd Société d’assurances für sie und ihre Tochter ein Zimmer reserviert hätte. Der junge Mann wußte schon Bescheid.

»Zimmer Siebenundzwanzig, zweiter Stock«, erklärte er und drückte auf eine Klingel am Empfangspult.

Ein Page erschien und nahm den Zimmerschlüssel.

»Mein Auto steht vor dem Eingang«, erklärte Sabine.

»Würden Sie, bitte, das Handgepäck vom Rücksitz nach oben bringén lassen?«

»Selbstverständlich, gnädige Frau.«

Sabine wandte sich an den Pagen. »Warten Sie, bitte, einen Augenblick?«

»Wir werden Ihr Auto dann im Hof parken«, bot der Portier an.

»Danke, das wäre nett.«

Nach diesem Gespräch, das nach dem Muster eines Lehrbuchs abgelaufen war, begann Sabine sich sicherer zu fühlen; es war ihr nicht nur gelungen, sich in der fremden Sprache auszudrücken, sondern sie hatte auch alle Antworten verstanden.

Sie verließ das Hotel, um Stefanie zu erlösen. »Es hat alles geklappt«, erklärte sie, nicht ohne Stolz.

»Wieso auch nicht?« gab Stefanie, wenig beeindruckt, zurück.

Ein Hausdiener tauchte aus dem Souterrain des Hotels auf, und Sabine gab ihm den Wagenschlüssel. In seiner gestreiften Weste und der grünen Schürze mit dem grauen, kurzgestutzten Haar und dem gleichbleibendem Lächeln hatte er etwas geradezu Bilderbuchhaftes. Stefanie kicherte darüber, sobald sie ihm den Rücken zugewandt hatten.

Der Page fuhr mit ihnen im Luft nach oben und schloß ihnen das Zimmer auf. Er ging voraus und knipste das Licht an. Sie traten in einen fensterlosen Gang, auf dessen linker Seite eine Kofferablage und Kleiderschränke vom Boden bis zur Decke eingebaut waren. Rechts öffnete ihnen der Page eine Tür zum Bad, das sich zwar nicht mit dem in München vergleichen ließ, aber mit allem Notwendigen ausgestattet war; auf schimmernden Chromstangen hingen weiße, dicke Frottiertücher in verschiedenen Größen.

»Sehr schön«, sagte Sabine zufrieden.

Der Page war schon weitergegangen und hatte die Tür zum Zimmer aufgestoßen. Es war ein großer heller Raum mit zwei Betten, zwei Sesseln, einer Stehlampe und einem runden Tisch. An der Wand hing ein Ölgemälde, das einen mächtigen, schneebedeckten Berg zeigte.

Stefanie nahm sich ein Herz, zeigte auf das Kunstwerk und fragte: »Le Mont Blanc?«

»Oui, Mademoiselle«, erwiderte der Page lächelnd. Sabine kramte in ihrer Handtasche und gab ihm ein Trinkgeld.

»Merci, Madame«, sagte der Page, »une bonne journée!«

Mit einer Verbeugung zog er sich zurück.

»Wieso sagt der uns guten Morgen?« fragte Stefanie.

»Es ist doch längst Nachmittag.«

»Er hat nicht ›Guten Morgen‹ gesagt, das würde heißen: ›Bon jour‹. ›Une bonne journée‹ bedeutet: ›einen guten Tagesverlauf‹ – das sind so die kleinen Feinheiten, auf die man wohl erst mit der Zeit kommt.«

»Du kennst dich doch schon ziemlich gut aus, Maman.« Stefanie streifte ihr Turnschuhe von den Füßen und warf sich auf eines der Betten. »Und wie geht’s jetzt weiter?«

»Erst mal müssen wir warten, bis das Gepäck kommt, dann packen wir schnell aus, machen uns frisch, und danach machen wir uns auf zu einem Erkundungsgang. Einverstanden?«

»Oh ja, Maman! Du bist spitze.«

»Wieso das?«

»Andere Mütter hätten bestimmt gesagt: ›Jetzt ruhen wir uns erst einmal aus!‹«

Sabine lachte. »Ich wußte gar nicht, daß du soviel Erfahrung mit anderen Müttern hast«, scherzte sie. Dennoch hatte Stefanies Kompliment ihr wohlgetan. Als sie eine knappe Stunde später aufbrachen, hatten sie sich umgezogen. Sabine trug ein leichtes, braunes Leinenkleid, Stefanie einen blauen Jeansrock mit weißer Bluse; beide hatten, für den Fall, daß es kühl werden sollte, Strickjacken über die Schulter geworfen. Zuerst schlenderten sie in Richtung Rue de Mont Blanc. Der Geschäftsführer des Hotels hatte Sabine einen kleinen Stadtplan mit Veranstaltungskalender – »La semaine à Genève« – gegeben. Die Straße, die sie schon kannten, führte in der einen Richtung zum Bahnhofsplatz, in der anderen zum Pont Mont Blanc. Sie war eine typische Touristenstraße. Uhren- und Schmuckläden, Schokoladen- und Nippesgeschäfte lösten sich mit überfüllten Straßencafés ab. Hier gab es auch die unvermeidlichen Fast-food-Restaurants, von Jugendlichen aus aller Welt belagert. Die flanierende Menge wirkte kaum noch europäisch; Japaner, Amerikaner, Araber und Afrikaner beherrschten das Straßenbild.

Stefanie staunte, und Sabine gefiel es.

Vor einem imposanten Gebäude, zu dem eine breite Freitreppe hinaufführte, blieben sie stehen.

»Was ist das?«fragte Stefanie. »Die Oper?«

»Nein«, erwiderte Sabine nach einem Blick auf den kleinen Stadtplan, »nur die Hauptpost,«

»Was für ein Aufwand!«

Auch das Bahnhofsgebäude mit seiner klassizistischen Fassade wirkte beeindruckend. Darunter war eine Einkaufspassage mit luxuriösen Boutiquen angelegt. Mutter und Tochter warfen einen Blick hinein, verständigten sich aber rasch, daß sie sich diesen Bummel für heute schenken wollten. Sie wandten sich in Richtung See. Die Uferstraße, der Quai de Mont Blanc, war in beiden Richtungen hoffnungslos verstopft.

»Das muß der Rückverkehr vom Wochenende sein«, meinte Sabine, »es wird bestimmt nicht immer so zugehen.«

Schon bald sollte sich herausstellen, daß sie zu optimistisch gewesen war. Genf ist aufgrund seiner geographischen Lage für ein Verkehrschaos vorprogrammiert. Die Schweizer Stadt ist von zwei Seiten von Frankreich umschlossen. Jeder, der von Ferney nach Annemasse – das sind die beiden französischen Grenzsiedlungen – will, muß sie durchqueren. Außerdem arbeiten viele der benachbarten Franzosen als Grenzgänger – »frontaliers« – in Genf und müssen mindestens zweimal täglich die Grenze passieren. Zu allem Überfluß wird nahezu der gesamte Verkehr über den völlig überlasteten Pont Mont Blanc geleitet.

Aber darüber machten sich Sabine und Stefanie an ihrem ersten Tag in Genf noch keine Gedanken. Sie bewunderten den Mont Blanc, dessen schneebedeckter Gipfel in der Ferne leuchtete, unwirklicher als auf dem Gemälde in ihrem Zimmer, und schlenderten die Uferpromenade entlang.

Die Hitze des Tages war verschwunden, und viele Familien nützten die angenehme Kühle zu einem Spaziergang. Der hohe Anteil an Ausländern verschiedener Gesellschaftsschichten war auffallend. Indische und ceylonesische Frauen in bodenlangen Saris, tiefschwarze afrikanische Schönheiten mit ihren krausköpfigen Jungen und feingemachten, vielbezopften kleinen Mädchen und verschleierte Damen aus den Emiraten boten ein exotisches Bild. Aber auch Spanier, Marokkaner und Portugiesen, die vermutlich im Hotelgewerbe tätig waren, bevölkerten die Promenade. Stefanie kam aus dem Staunen nicht heraus.

»Genf ist für seine Internationalität bekannt«, erklärte Sabine, »hier ist der Sitz der UNO und vieler anderer internationaler Organisationen.«

»Ich weiß schon, aber so habe ich mir das doch nicht vorgestellt. Einfach toll. Endlich mal ’ne Stadt, wo niemand was gegen Ausländer hat.«

Sabine dämpfte ihre Begeisterung. »Ganz so ist es nicht. Es heißt, die Schweizer seien ausgesprochen fremdenfeindlich.«

»Das glaube ich einfach nicht.«

»Wir werden es erleben. Natürlich ist ein Saudi, der sein Geld ausgeben will, überall willkommen. Bei einem armen Schlucker sieht das anders aus.«

»Vermies mir nicht den ganzen Spaß, Maman! «

»Das hatte ich auch nicht vor, Liebling. Ich wollte dich nur darauf aufmerksam machen, daß der Schein auch trügen kann.«

Stefanie blieb stehen. »Sieh mal, da ist ja unser rosa Zuckerbäckertempelchen von vorhin! Schau doch, bitte, was in deinem schlauen Buch darüber steht!«

Sabine blätterte in ihrem Heftchen. »Das muß das Grabmal des Herzogs von Braunschweig sein.«

»Wirklich? Der ist hier begraben?«

»Scheint so.«

»Begreif ich nicht.«

»Der gute Herzog hat sich das Recht auf diese prominente Grabstätte durch Spenden an die Stadt Genf erkauft«, erklärte Sabine.

»Da haben wir es wieder: Geld regiert die Welt! Aber da hat er wohl eine Menge blechen müssen.«

»Anzunehmen.« Sabine zog ihre Strickjacke über.

»Wird dir nicht auch kalt, Liebling?«

»Ich friere überhaupt noch nicht. Sieh mal da drüben!« Sie lenkte die Aufmerksamkeit ihrer Mutter auf ein hohes modernes Gebäude aus Stahl mit dunkel getönten Fenstern. »Noga Hilton Hotel Casino« war in riesigen Lettern auf seiner Front zu lesen. »Ob das ein echtes Casino ist – wie in Monte Carlo?«

»Sehr wahrscheinlich«, meinte Sabine.

»So ein Luxus, das hältst du im Kopf nicht aus. Das müssen wir uns aus der Nähe anschauen, ja?«

»Nicht gerade heute«, wehrte Sabine ab, »ich möchte lieber weitergehen.«

Schon bald hatten sie die Menge der abendlichen Spaziergänger hinter sich gelassen. Eine schmale Landzunge, die an ihrer Spitze von einem Leuchtturm und einer mächtigen Platane beherrscht wurde, ragte ungefähr hundert Meter in den See hinein.

»Bains de pâquis«, las Stefanie mühsam und mit deutscher Aussprache, »Entrée cinquante centimes.«

»Scheint sich um ein Freibad zu handeln«, erklärte Sabine, »der Eintritt kostet…« Sie sprach es richtig aus. »….cinquante centimes. Aber was soll ›Pâquis‹ heißen? Ich kenne nur ›Pâques‹, und das heißt Ostern.«

»Sehr beruhigend, daß du auch mal passen mußt, Maman.«

Später sollten sie erfahren, daß Pâquis der Name des Viertels war, das sich unterhalb des Bahnhofes bis zum See hin erstreckte.

Hier draußen, so nahe am Wasser, war es wirklich frisch geworden, und Stefanie zog sich jetzt auch ihre Jacke an.

Es wurde allmählich dämmrig, und sie beschlossen, zum Hotel zurückzukehren, aber nicht am See entlang, sondern durch die Stadt. Sie wollten sich ein nettes Lokal suchen.

Schon bald, an der Place de Navigation, wurden sie fündig. Das Restaurant »Tamaris« pries seine türkische Küche an. Sie traten ein. Außer einem Herrn um die fünfzig waren sie die einzigen Gäste. Anscheinend wurde in Genf um diese Zeit noch nicht zum Abendessen gegangen.

Gemeinsam studierten sie die Speisekarte, bestellten sich Salat mit Ziegenkäse und Oliven und als Hauptgericht Fleischspießchen. Ein schwarzgelockter junger Kellner servierte, ein weißes Tuch um die Hüften geschlungen. Es schmeckte köstlich; der Salat war frisch und knackig und die Fleischstücke scharf gewürzt. Sabine gönnte sich ein Glas Rotwein und Stefanie eine Cola. Während des Essens plauderten sie halblaut und angeregt über ihr ersten Eindrücke von Genf.

Gerade als Sabine die Rechnung verlangen wollte, kam der Herr vom Nebentisch zu ihnen herüber; er trug einen weißen Leinenanzug und, um den Hals, ein hellblaues Seidentüchlein. Sein kahler runder Kopf war gleichmäßig gebräunt.

»Würden die Damen mir die Freude machen, sich zu einem Minzetee einladen zu lassen?« fragte er mit einer Verbeugung in fast akzentfreiem Deutsch.

»Wirklich, das ist sehr liebenswürdig, aber wir wollen gerade aufbrechen «, stotterte Sabine verwirrt und merkte zu ihrem Entsetzen, daß sie rot wurde.

»Aber, gnädige Frau, das können Sie mir nicht antun! Orientalische Gastfreundschaft darf man nicht abschlagen.« Ohne Aufforderung nahm er sich einen Stuhl und setzte sich zu ihnen an den Tisch. »Darf ich mich vorstellen? Ich heiße Latif, stamme aus Kuweit und lebe schon seit fünf Jahren in Genf. Dieses kleine Restaurant ist mein Stammlokal. Tamaris, ein wundervoller Name, nicht wahr? Wissen Sie, was das bedeutet? Nein? Das ist der Name eines Baumes, der in der Mittelmeerregion wächst, aber auch in den Oasen meiner Heimat. Kommt von ›tamar‹, was auf arabisch Dattel bedeutet. Oh, wie vermisse ich die Oasen meiner Heimat!«

Sabine starrte den Mann verwundert an. War das seine Masche, sich an Frauen heranzumachen? Stefanie amüsierte sich.

»Fünf Jahre bin ich schon in Genf«, wiederholte der Fremde, »aber noch nie habe ich so entzückende Damen in diesem Restaurant gesehen.«

»Wir sind heute erst angekommen«, erklärte Sabine, die nicht wußte, ob sie sich über diesen Mann ärgern oder ihn charmant finden sollte.

»Dann hat das Schicksal uns zusammengeführt!« behauptete er mit übertriebenem Pathos.

In diesem Moment wurde der aromatisch duftende Tee in einer kleinen Silberkanne mit drei bunten Gläschen serviert.

Latif gab dem Kellner ein Zeichen und schenkte selber ein. »Vorsicht, der Tee ist sehr heiß!« warnte er.

»Und was machen Sie hier in Genf, Herr Latif?« wollte Stefanie wissen.

Sabine warf ihr einen tadelnden Blick zu; ihrer Ansicht nach bestand kein Grund, den aufdringlichen Fremden durch Fragen noch zu ermutigen.

»Ich arbeite natürlich bei der UNO – ohne Amt und Würden, als Beobachter sozusagen, sehr wichtig für meine Nation.«

Stefanie war beeindruckt. »Und wir sind…« begann sie.

Sabine fiel ihr ins Wort. »….gerade erst angekommen und zu Besuch bei Verwandten.«

»Aber wir können uns wiedersehen?«

Sabine nippte an ihrem Tee; er war stark gesüßt. »Das ist leider unmöglich. Wir bleiben nur ein paar Tage und sind völlig ausgebucht.«

»Woher können Sie so gut Deutsch?« fragte Stefanie.

»Oh, ich spreche viele Sprachen – acht? Oder neun? Habe ich gelernt in der Schule und an Universitäten in meiner Heimat. Sonst wäre ich nicht geschickt worden zu UNO.«

»Finde ich toll.«

Sabine leerte hastig ihr Glas. »Trink aus, Stefanie, wir müssen.« Sie winkte dem schwarzgelockten jungen Kellner, zahlte und stand auf. »Komm jetzt!«

Gehorsam erhob sich Stefanie und reichte Latif die Hand. »Es war nett, Sie kennenzulernen.«

»Das Vergnügen lag ganz auf meiner Seite!« Latif wandte sich wieder an Sabine. »Kann ich Sie denn wenigstens nach Hause bringen?«

»Nein, danke!« erwiderte Sabine härter als beabsichtigt.

In dem Gesicht des Fremden glaubte sie echte Enttäuschung zu sehen. Mit einem versöhnlichen Lächeln fügte sie hinzu: »Jedenfalls vielen Dank für den Tee.« Sie trat in die laue Nacht hinaus.

Stefanie folgte ihr. In der Tür drehte sie sich noch einmal um und sah Latif, der trübsinnig in sein leeres Teeglas starrte. »Warum hattest du es denn so eilig, Maman?« fragte sie. »Wir haben doch alle Zeit der Welt. «

»Weil ich keine Lust hatte, diesem Märchenerzähler weiter zuzuhören.«

»Nicht einmal deine Zigarette hast du geraucht! «

»Das hätte er als Entgegenkommen auffassen können.«

»So ein Quatsch!«

Sabine blieb stehen und sah ihre Tochter strafend an. »Stefanie, bitte!«

»Aber es ist doch wahr. Du hättest nicht so grob sein sollen. Ich fand ihn nett.«

»Mein liebes Kind, du bist naiv! So einem Orientalen darf man nicht über den Weg trauen. Hast du denn nicht gemerkt, daß er nur Phantastereien erzählt?«

»Na, wenn schon. Er hätte uns eine Menge erzählen können, und vielleicht hätte er dich sogar ausgeführt. Genf bei Nacht – interessiert dich das denn gar nicht? Vielleicht hätte er dich sogar ins Hilton Casino begleitet.«

»Danke vielmals. Ich bin nicht für Glücksspiele.«

»Aber du wolltest deine Freiheit, und du wolltest etwas erleben. Deshalb sind wir ja fort aus München. Und kaum ergibt sich eine Gelegenheit, stellst du sämtliche Haare auf.«

»Dieser Mann war nicht mein Typ.«

»Niemand hat erwartet, daß du dich in ihn verliebst. Jedenfalls wäre es eine interessante Bekanntschaft gewesen. Wenn du nur gewollt hättest.«

»Ich bin nicht zum Flirten nach Genf gekommen, sondern zum Arbeiten«, behauptete Sabine im Brustton der Überzeugung.

»Ha, ha, ha!« machte Stefanie respektlos und hakte sich bei ihrer Mutter ein. »Mir hat es leid getan, aber ich bin dir nicht böse. Wahrscheinlich mußt du dich erst akkli … schweres Wort! Akklimatisieren heißt es, nicht wahr? Das nächste Mal wird es schon besser gehn.«

7

Nachdem Sabine ihre Tochter bei einem privaten Sprachinstitut angemeldet hatte – Stefanie wollte und sollte bis zum Beginn der Internationalen Schule im September Englisch und Französisch lernen –, meldete sie sich bei der Nord-Süd Société d’assurahces. Sie hatte gehofft, noch ein paar Tage für sich zu haben, um sich besser einzugewöhnen, doch man gab ihr freundlich, aber bestimmt zu verstehen, daß ihre Anwesenheit im Büro sofort erwünscht war.

Das Versicherungsbüro befand sich in der Rue de Rhone, auf dem linken Rhâneufer. Schon nach drei Tagen gab Sabine es auf, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. Der Berufsverkehr war mörderisch, und in der Rue de Rhone, die eine der Haupteinkaufsstraßen war, fand man nur sehr schwer einen Parkplatz. Zu Fuß war das Büro in zwanzig Minuten zu erreichen.

Ihr neuer Chef war eine Frau, eine Tatsache, die Sabine ziemlich aus dem Gleichgewicht brachte. Madame Renée Archinard war um die vierzig, zierlich und elegant, mit perfekten Umgangsformen. Sie behandelte Sabine mit einer distanzierten Freundlichkeit, die sie verunsicherte. Obwohl die Vorgesetzte, wie Sabine bald erfuhr, sehr gut Deutsch sprach, half sie ihr nie, wenn sie mit ihrem Französisch nicht weiterkam.

Sabine hatte erwartet, daß man ihr einen Posten als Sachbearbeiterin geben würde, wie es ihrer Ausbildung entsprach. Jetzt erfuhr sie, daß sie im Laufe des Jahres nacheinander alle Aufgaben, die in der Firma anfielen, übernehmen sollte. Zunächst wurde sie zum Telefondienst eingeteilt, was für sie als Ausländerin besonders schwierig war und sie außerdem überhaupt nicht ausfüllte.

Ihre Kollegen und Kolleginnen waren nicht unfreundlich, schenkten ihr aber kaum Beachtung; sie schienen ganz mit ihren eigenen Problemen beschäftigt zu sein. Für Sabine, die sich nach all den Jahren in ihrer Münchner Firma fast wie in einer Familie gefühlt hatte, war auch das eine Enttäuschung.

Manchmal war sie nahe daran, die Flinte ins Korn zu werfen, ihre Koffer zu packen, Stefanie ins Auto zu setzen und nach Hause zu fahren. Aber etwas in ihr wehrte sich dagegen, die Niederlage hinzunehmen, auch wenn der Gedanke »Das hatte ich nötig!« ihr mehr als einmal durch den Kopf schoß.

Nur die Sekretärin Hélène Muller, ein hübsches, blauäugiges junges Mädchen mit auffallend langem, blondem, sehr gepflegtem Haar, bemühte sich um sie, begann immer wieder ein Gespräch mit ihr oder lud sie zu einem Kaffee ein.

Sabine schätzte, daß Hélène mindestens zehn Jahre jünger war als sie, und sie hatte das Gefühl, daß Welten sie trennten. Aber da Hélène der einzige Mensch im Büro war, der positiv zu ihr stand, mochte sie sie nicht vor den Kopf stoßen. So hörte sie sich denn geduldig den Büroklatsch an und die sehr wenig interessanten Wochenenderlebnisse Hélènes, ohne selber etwas zu diesen Gesprächen beizusteuern.

Mit Hélène oder auch allein nutzte Sabine manchmal die Mittagspause zu einem Schaufensterbummel in der Rue de Rhône. Waren sie zu zweit, so machten sie sich einen Spaß daraus, in dem für ihre Verhältnisse viel zu teuren Modehaus »Bon Génie« Kleider von Kenzo, Rykiel und anderen internationalen Modeschöpfern anzuprobieren. Im vornehmen »Café Auber« gönnten sie sich eine Tasse heiße Schokolade – echten Kakao, kein Tütchenprodukf – und ein Stück Torte.

Meist kauften sie sich aber nur eines der köstlichen Sandwichs, die in jeder Bäckerei zu haben waren.

War sie allein, setzte Sabine sich gern, mit oder ohne Sandwich, unter einen der exotischen alten Bäume im Jardin Anglais, einem am Ufer der Rhône gelegenen kleinen Park. Es machte ihr immer wieder Spaß, die Touristen zu beobachten, die nicht der Verlockung widerstehen konnten, sich vor einer bunten Blumenuhr fotografieren zu lassen. Der Fotografierende riskierte dabei jedesmal sein Leben, denn um Personen von Kopf bis Fuß auf das Bild zu bekommen, mußte er auf dem äußersten Rand der Bordsteinkante des stark befahrenen Quai Général balancieren.

Das waren die kleinen Lichtblicke in Sabines neuem Leben neben den Abenden mit Stefanie. Sabine, die ihre Tochter nicht belasten wollte, achtete darauf, die beruflichen Enttäuschungen und Mißverständnisse in ihren Erzählungen ins Komische zu ziehen.

Es erleichterte sie sehr, daß es Stefanie dagegen wirklich in der neuen Umgebung gefiel. Im Sprachinstitut hatte sie rasch Kontakt zu ihren Mitschülerinnen gefunden, Mädchen aus den verschiedensten Ländern, von denen einige sogar ohne Eltern und Verwandte den Rest ihrer Ferien in Genf verbrachten. Sabine war froh über diese Kontakte zu Gleichaltrigen, denn Stefanie, die als Einzelkind immer schon ein wenig altklug gewesen war, hatte nach dem Tod des Vaters eine gewisse Frühreife entwickelt, die die Mutter manchmal die Stirn runzeln ließ. Im Umgang mit ihren neuen Kameraden schien sie wieder ganz Kind geworden.

Sabines größte Sorge war zunächst das Wohnungsproblem. Jeden Tag, vor allem donnerstags und freitags, wenn die großen Tageszeitungen ihre Immobilienbeilagen hatten, begann das Telefonieren. Aber da sie es so einrichten mußte, daß die Leitungen im Büro nicht ständig besetzt waren, kam sie stets zu spät. Die Wohnungen, die vom Preis her akzeptabel schienen, waren schon vergeben. Andere waren zu weit außerhalb der Stadt oder boten nicht den minimalsten Komfort. Meist jedoch waren schlicht und einfach die Miete, die Ablösesumme oder die Kaution zu hoch.

In ihrer Verzweiflung vertraute sie sich Hélène an.

»Hier in Genf kommst du nur durch Beziehungen zu einer akzeptablen Wohnung«, behauptete die junge Sekretärin, »du kennst wohl niemanden?«

Sabine hatte sich daran gewöhnt, von Hélène ganz ungezwungen geduzt zu werden. »Eigentlich nur dich und unsere Kollegen hier bei der Versicherung. Soll ich mich mal beim Hotelpersonal umhören?«

»Ja, tu das! Schaden kann es nicht. Ich werde inzwischen meine Beziehungen spielen lassen. Aber mach dir keine allzu großen Hoffnungen!«

Doch schon wenige Tage später verkündete Hélène strahlend: »Sabine, ich glaube, ich habe eine Wohnung für dich gefunden. Zwei große Zimmer, Bad und Küche, möbliert, und alles in allem für lächerliche achthundertfünfundzwanzig Francs im Monat. Inklusive Nebenkosten. Was sagst du jetzt?«

Sabine wußte, daß sie auch in München für diesen Preis kaum eine entsprechende Wohnung bekommen hätte. »Klingt fantastisch!« rief sie begeistert. »Und wo liegt sie?«

»In der Rue de Bâle. Das ist zwar nicht gerade das feinste Viertel, aber zentral und nicht allzu laut.«

Sabine ließ sich von Hélène die Straße auf dem Stadtplan zeigen und stellte mit Freuden fest, daß es von dort nur zwei Minuten zu Fuß zum See und zum »Bains de pâquis« war.

»Fabelhaft! Da wird sich Stefanie freuen. Wann kann ich die Wohnung besichtigen?«

»Sie gehört einem Freund meines Onkels. Er hat versprochen, sie zwei, drei Tage für dich zu reservieren, bevor er die Annonce aufgibt. Am besten gehen wir heute gleich nach Büroschluß hin. Ich habe nämlich einen Schlüssel.«

»Du bist ein Schatz«, sagte Sabine aus tiefstem Herzen. Sie sah auf die Uhr. Stefanie mußte jetzt im Institut sein. Die Neuigkeit war wichtig genug, sie beim Unterricht zu stören, entschied sie und ließ ihre Tochter ans Telefon rufen.

Stefanie stieß einen Juchzer aus, als sie davon erfuhr, und erklärte, daß sie sehr wohl imstande sei, die Rue de Bale auf eigene Faust zu finden. Als die beiden Frauen eintrafen, wartete sie schon dort. Die Straße war wirklich ruhig, aber das Gebäude machte einen wenig einladenden Eindruck.

Stefanie zog eine kleine Grimasse.

»Spiel jetzt nur nicht die Prinzessin auf der Erbse!« entfuhr es Sabine, die sich die eigene Ernüchterung nicht anmerken lassen wollte.

»Ich habe ja gar nichts gesagt! « verteidigte sich das Mädchen.

»Sei mir nicht böse, Liebes, entschuldigte sich Sabine sofort. »Aber ich bin ein bißchen nervös.«

»Schon gut, schon gut, Maman.«

Hélène führte sie drei Stockwerke hoch durch ein schmuckloses Treppenhaus, und zur allgemeinen Erleichterung war die Wohnung dann doch durchaus akzeptabel, hell und modern und sehr zweckmäßig eingerichtet.

»Ihr schlagt also ein?« fragte Hélène.

»Na und ob!« stimmten Sabine und Stefanie fast gleichzeitig zu.

»Ich freue mich, daß ich euch helfen konnte«, erklärte Hélène und versprach die vertraglichen Angelegenheiten zu regeln.

Die Wohnung war vom Bettzeug bis zum Geschirr mit Schweizer Gründlichkeit ausgestattet und für ihre Bedürfnisse günstig geschnitten. Von einem kleinen Gang aus gingen zwei Zimmer – eines für Sabine, das andere für Stefanie –, Küche und Bad ab. Der Umzug war kein Problem. Außer ihren Kleidern und ein paar persönlichen Gegenständen hatten sie ja aus München nichts mitgenommen. Sie besorgten sich ein paar Pflanzen und Blumentöpfe, um es sich gemütlich zu machen. Alles andere würde sich im Lauf der Zeit ergeben.

Als sie das erste Mal nach ihrem Einzug in der winzigen Küche zu Abend aßen – in den beiden Zimmern gab es keinen Tisch in Eßhöhe –, sagte Sabine gedankenverloren: »So schön wie zu Hause ist es doch nicht.«

Stefanie lachte. »Aber, Maman, was hattest du denn erwartet?«

Sabine seufzte. »Ich weiß es selber nicht.«

Obwohl Sabine sich fest vorgenommen hatte, viel in Genf zu unternehmen, blieb es in dieser ersten Zeit bei dem Vorsatz. Sie war von der Versicherung so in Anspruch genommen, daß sie abends völlig erschöpft war.

Zwar gelang es ihr, von Tag zu Tag flüssiger zu telefonieren, aber Madame Archinard schien es darauf abgesehen zu haben, ihr das Leben schwerzumachen. Je besser Sabine verstand, desto weniger gab sich die Vorgesetzte Mühe, langsam und deutlich mit ihr zu sprechen, sondern rasselte die Anweisungen so schnell herunter, daß Rückfragen selten zu vermeiden waren. Sabine empfand das als demütigend.

»Mach dir nichts daraus«, tröstete Hélène sie, »die Archinard hat einfach Angst vor dir.«

»Daß ich nicht lache!«

»Du kannst mir schon glauben. Sie kommt nicht gut mit den Computern zurecht, und sie hat Angst vor jedem, der es vielleicht besser machen könnte.«

»Sie läßt mich ja gar nicht an den Computer.«

»Eben. Es heißt, die in München hätten dir ein fabelhaftes Zeugnis gegeben, und ich kann mir ganz gut vorstellen, daß sie fürchtet, du würdest sie ersetzen wollen.«

»Du lieber Himmel! Aber ich bleibe doch nur ein Jahr.«

»Das weiß sie nicht oder will es nicht glauben.« Vergeblich suchte Sabine das Gespräch mit Madame Archinard, um die Situation klarzustellen. Eine offene Auseinandersetzung wagte Sabine nicht, denn sie wußte, daß sie dabei bestimmt den kürzeren gezogen hätte.

Immerhin hatte Hélène s Erklärung Madame Archinards feindseliger Haltung den Stachel gezogen. Das machte jedoch die Arbeit nicht weniger anstrengend. Noch war Sabine weit davon entfernt, ihr Aufgaben routinemäßig zu erledigen.

Darüber hinaus gab es in der knappen Freizeit noch einiges zu erledigen. Jetzt, nachdem sie sich häuslich niedergelassen hatten, mußte sie sich und ihre Tochter bei der »Contrôle d’Habitant« anmelden, einen Telefonanschluß beantragen und sich vergewissern, daß die Aufnahme Stefanies auf die Internationale Schule geklappt hatte.

Am Wochenende beschlossen sie zusammen ins »Bains de Pâquis« zu gehen. Stefanie, die von Anfang an jede freie Minute schwimmen gewesen war, fühlte sich dort bereits als Stammgast.

»Zuerst muß man an diesem Schalter ein Ticket ziehen«, erklärte sie, »das mußt du für die Garderobe aufbewahren. Hier links geht es zu den Damenumkleidekabinen. Da oben, auf den Holzplatten, kann man sich oben ohne sonnen. Männer haben keinen Zutritt. Allerdings gibt es da auch ein kleines Café, das die Männer- von der Frauenseite trennt, und da sitzen natürlich immer ein paar Typen, um den Anblick der aufgereihten nackten Busen zu genießen.«

»Und wenn man ganz normal schwimmen will?« fragte Sabine leicht irritiert.

»Das kann man am besten auf der linken Seite, bis zur Platane. Aber ich warne dich, man wird da dauernd angemacht.«

»Ach was! Mich wird man schon in Ruhe lassen. Ich bin schließlich nicht mehr achtzehn.«

»Wie du meinst.«

Also trennten sie sich.

Stefanie ging zu dem kleineren, für Frauen abgetrennten Teil, während Sabine sich sofort ins Wasser gleiten ließ. Sie schwamm schnell einige Bahnen und war außer Atem, als sie sich endlich zur Sonnenboje hinaufzog. Dort legte sie sich auf den Rücken, schloß die Augen und genoß die Sonnenstrahlen auf ihrem Körper. Sie trug einen sehr dezenten einteiligen braunen Badeanzug. Beinahe hätten die schlingernden Bewegungen der Boje sie eingeschläfert, als sie einen Schatten über ihrem Gesicht spürte.

Sabine öffnete die Augen und sah dicht vor sich das Gesicht eines blonden jungen Mannes, der sich neben sie gekniet und tief über sie gebeugt hatte.

Er lächelte sie vergnügt an. »Hallo, sweetheart, how are you?« fragte er mit starkem französischen Akzent. Sabine fühlte sich unangenehm bedrängt. »Lassen Sie mich in Ruhe! « fuhr sie ihn an.

»Oh, ich habe sie beobachtet!« fuhr der junge Mann keineswegs entmutigt fort. »Sie schwimmen wundervoll. Ich mag sportliche Frauen.«

»Verziehen Sie sich, aber schnell oder…«

Sein Lächeln wurde breiter. »….oder was?«

Es war ihr gelungen, ein Stückchen fortzurutschen und sich auf den Ellbogen aufzustützten. Jetzt boxte sie ihn kräftig mit der freien Hand auf die Brust, so daß er das Gleichgewicht verlor. Mit Schwung kam sie auf die Füße und hechtete gekonnt ins Wasser.

Als sie nach ein paar Metern über die Schulter zurückblickte, stellte sie fest, daß er keine Anstalten machte ihr zu folgen. Der hat seine Lektion gelernt, dachte sie zufrieden.

Am liebsten wäre sie jetzt aus dem Wasser gestiegen, aber sie wollte dem Blonden nicht den Triumph gönnen, sie vertrieben zu haben. Also drehte sie noch ein paar Runden. Wenn sie sich bei Stefanie beschwerte, das wußte sie, würde sie nur Spott ernten.

Doch ihre Tochter hatte den Zwischenfall beobachtet.

»Na, warum erzählst du mir nichts! « fragte sie, als sie später am See entlangspazierten.

»Was willst du hören?«

»Ob dir der blonde Jüngling nicht doch ein bißchen gefallen hat!«

Sabine versuchte sich dumm zu stellen. »Wovon redest du?«

Stefanie grinste. »Von jenem jungen Mann, den du so erfolgreich auf die Bretter gelegt hast.«

»Ach so! Daran habe ich schon gar nicht mehr gedacht.«

»Er sah doch sehr gut aus.«

»Ich fand ihn widerlich. Ich mag keine aufdringlichen Menschen.«

»Du solltest das nicht so eng sehen, Maman. Er wollte bestimmt nur flirten.«

»Dann hat er es aber reichlich plump angefangen. Und im übrigen ist es genau das, was ich hasse: Ich will keinen Flirt, und ich will mich nicht wie ein leichtes Mädchen behandeln lassen.«

Jetzt lachte Stefanie herzlich. »Bei all deiner jugendlichen Schönheit – für ein Mädchen wird dich bestimmt niemand mehr halten!«

Fast hätte Sabine beleidigt reagiert, aber dann entsann sie sich eines Besseren und stimmte in das Gelächter ihrer Tochter mit ein.

8

Am Montag morgen kam Sabine braun gebrannt und voller Elan ins Büro.

»Du siehst ja fabelhaft aus!« bemerkte Hélène sofort. »Und so unternehmungslustig!«

»Bin ich auch«, gab Sabine zu, »ich habe die Stubenhockerei satt. Hast du nicht Lust, mit mir zu einem Freiluftkonzert im Rathaushof zu gehen. Stefanie macht sich nichts aus klassischer Musik.«

Hélène legte die schöne Stirn in Falten. »Zu einem der Sommerkonzerte? Was steht denn auf dem Programm?«

»Ein Kammerkonzert. Mozart, Schubert, Berlioz.«

»Das klingt annehmbar. Ich muß dir nämlich gestehen, ich bin auch kein ausgesprochener Klassikfan.«

»Ach, komm doch mit, bitte! Allein werde ich mich wieder nicht aufraffen.«

Die Stirn des jungen Mädchens glättete sich. »Also, weil du es bist – einverstanden. Vielleicht können wir ja anschließend was trinken gehen.«

Sabine machte sich für den Abend mit Sorgfalt zurecht. Sie wählte einen hellgelben Baumwollhosenanzug mit einem weißen trägerlosen Top darunter, der ihre glatte, gebräunte Haut gut zur Geltung brachte. Stefanie bewunderte sie, und sie selber war mit ihrem Spiegelbild sehr zufrieden.

Da Hélène sie gewarnt hatte, daß es unmöglich wäre, in der Altstadt einen Parkplatz zu finden, nahm sie bis zur Place Bourg de Four ein Taxi. Hélène wartete schon an dem mit Blumen geschmückten Brunnen. Sie hatte ihre blonde Mähne mit einem rosa Satinband gebändigt und trug ein tief ausgeschnittenes Volantkleid aus Baumwollspitze.

Sie sah bezaubernd aus, und Sabine kam sich plötzlich hausbacken vor, verscheuchte diesen Gedanken aber sofort – schließlich wollte sie ja nicht mit diesem um so viele Jahre jüngeren Mädchen konkurrieren, sondern nur einen netten Abend verbringen.

»Wir haben noch reichlich Zeit, bis das Konzert beginnt«, meinte Hélène, als sie die Karten besorgt hatten, »wenn du Lust hast, könnte ich dir ein bißchen von der Altstadt zeigen.«

Mit einem kleinen Bummel durch die engen Straßen war Sabine einverstanden.

Hélène schob ihr die Hand unter den Ellenbogen und zog sie mit sich fort. »Da drüben, das Café ›La Clairie‹, das ist ein ziemlich versnobtes Lokal. Wird von Künstlern und angeblichen Intellektuellen frequentiert. Um sich da zu amüsieren, muß man einer Clique angehören.«

Gemeinsam schlenderten sie über die Rue de l’Hôtel de Ville und bewunderten die romantische Fassade der berühmten Kathedrale St. Pierre aus dem 12. Jahrhundert. »Da drinnen finden oft Orgelkonzerte statt«, erklärte Helene.

Danach bogen sie in die Grande Rue ein, die, im Gegensatz zu ihrem stolzen Namen, eine verhältnismäßig schmale Gasse ist. Hier reihten sich Antiquitätengeschäfte, Juwelierläden, Galerien und urige kleine Restaurants aneinander.

»Das ›Short’s‹ und das ›Roi Ubu‹ sind beliebte Treffpunkte unkonventioneller Typen«, erzählte Hélène, »sie sind wie Pubs ausgestattet, und meist spielt jemand Klavier oder klimpert auf der Gitarre. Es sind ziemliche Räucherbuden, und es wird viel gelacht. Aber man sollte lieber mit Freunden hingehen, sonst kann es passieren, daß man isoliert dasitzt.«

Das alles interessierte Sabine sehr. Sie war natürlich schon mit ihrer Tochter in der Altstadt gewesen. Dabei hatten sie sich wie Touristen gefühlt. Durch Helenes Hinweise sah sie das alte Viertel in einem ganz anderen Licht.

Dennoch warf sie einen unruhigen Blick auf ihre Armbanduhr; sie hatte Angst, das Konzert zu verpassen.

»Jetzt müssen wir aber zum Rathaus zurück, sonst fangen die ohne uns an!«

»Nur keine Bange, wir werden bestimmt nicht die letzten sein.«

So war es auch. Sie hatten ihre Sitzplätze schon eingenommen, als andere noch suchend umherirrten. Sabine hatte Gelegenheit sich umzusehen.

Das Hôtel de Ville war beeindruckend in seiner Schlichtheit. Es war in Atriumform gebaut, und um den Innenhof zogen sich zwei Etagen mit Galerien. In der Mitte hatte man ein Holzpodest errichtet, auf dem sich die Mitglieder des Kammerorchesters schon versammelt hatten. Jugendliche mit Stehplatzkarten hatten es sich auf den Treppenstufen bequem gemacht.

Es dauerte eine Weile, bis die ersten Klänge von Mozarts Quintett in C-Dur durchdrangen; sie wurden noch von Stühlerücken und Geflüster übertönt, doch dann wurde es endgültig still, und der Zauber der Musik nahm alle gefangen.

Sabine erinnerte sich nicht, etwas Romantischeres erlebt zu haben – diese warme, sternklare Nacht, Mozarts verzaubernde Musik –, ihr wurde ganz beklommen vor Glück.

Als die letzten Töne verklungen waren und herzlicher Applaus losbrach, schrak sie aus ihrer Versunkenheit auf. Die beiden Frauen lächelten sich zu.

»Grandios!« sagte Hélène.

»Ich fühle mich wie beschwipst«, gestand Sabine.

Die Leute strömten nach draußen, und sie schlossen sich ihnen an. Eine der grauen Steinbänke war frei, sie setzten sich und kramten Zigaretten und Feuerzeuge aus ihren Handtaschen.

Ein außergewöhnlich großer Mann mit einem scharf geschnittenen Gesicht und Hakennase kam auf sie zu. Sabine war überrascht; sie verstand nicht, was er von ihnen wollte.

»Bonsoir, Hélène!« rief er vergnügt. »Ich bin entzückt, dich zu sehen.«

Sabine begriff, daß er ein Freund oder Bekannter Hélène s war und daß sie sich grundlos erschreckt hatte.

Er beugte sich herab, um Hélène auf beide Wangen zu küssen. »Wie geht es dir? Warum hast du nicht angerufen?«

»Du hattest versprochen, dich bei mir zu melden«, erwiderte Hélène lachend, »aber ich wußte gleich, daß ich da lange warten konnte. «

Der große Mann zuckte die Achseln. »Tut mir leid, chérie, ich war unterwegs. Paris, London, Kenia. Ich komme kaum zum Verschnaufen. Aber, bitte, stell mich doch deiner reizenden Freundin vor.«

»Ich weiß nicht, ob ich das verantworten kann – bei deinem Ruf als Herzensbrecher!« scherzte Hélène.

»Ich heiße Sabine Meyendorf und bin eine Kollegin von Hélène «, machte Sabine sich selber bekannt.

Ihr Gegenüber blickte wohlwollend auf sie herab. »Und ich bin Frédéric Rodier.«

»Maître Rodier« fügte Hélène hinzu, »erfolgreicher Rechtsanwalt und unbezwingbarer Junggeselle.«

»Na, na, beschwör es nicht!« warnte er lächelnd.

»Jedenfalls müßt ihr nachher auf einen Drink zu mir kommen, einverstanden?«

Das Pausenzeichen ertönte.

»Sehr liebenswürdig«, sagte Sabine rasch, »aber ich muß passen. Leider bin ich zu müde.«

»Aber nein!« protestierten Hélène und Maitre Rodier fast gleichzeitig. »Entweder gehen wir alle oder keiner!«

Sabine war nicht überzeugt, daß man sie wirklich dabei haben wollte, aber sie wußte diese Freundlichkeit zu schätzen; sie hätte es als schlechten Stil empfunden, den anderen womöglich den Spaß zu verderben. »Okay – aber nur ein Viertelstündchen.«

»Ganz famos! Dann treffen wir uns nach dem Konzert wieder genau hier. Bis später dann! « Der große Mann schritt davon.

Sabine und Hélène hatten ihre Zigaretten schon ausgedrückt und machten sich jetzt auf den Weg zurück in den Hof des Hotel de Ville.

»Es ist merkwürdig«, tuschelte Hélène, als sie ihre Plätze wieder eingenommen hatten, »Frédéric hat wahnsinnig viel Erfolg bei Frauen. Es ist keine Angabe von ihm, sondern es stimmt tatsächlich; alle laufen ihm nach. Dabei ist er viel zu groß und sieht nicht einmal besonders gut aus.« – Ihr kleines Gesicht glühte vor Erregung.

»Na, immerhin, er hat Charme und eine gewisse männliche Ausstrahlung.«

»Er gefällt dir also?«

»Nicht so gut wie dir!« gab Sabine amüsiert zurück.

»Dir scheint er es wirklich angetan zu haben. Sag, bist du sicher, daß ihr mich heute abend dabei haben wollt?«

»Doch, doch! Unbedingt. Weißt du, zu allem Überfluß hat er einen reichlich kapriziösen Charakter. Er kann sehr gut gelaunt sein und plötzlich – hoff! –, irgend etwas paßt ihm nicht, und es muß sofort, aber wirklich sofort aufgebrochen werden. Wenn er zwei Frauen zur Seite hat, ist er besser zu haben.«

»Shut!« – »Ruhe, bitte!« wurde von allen Seiten gezischelt, und erst jetzt wurde ihnen bewußt, daß die Musik wieder eingesetzt hatte.

Aber sie konnte Sabine nicht mehr verzaubern. Sie dachte über diesen sonderbaren Mann und seine Beziehung zu Hélène nach. Hélène war zweifellos verliebt in ihn, obwohl sie nie von ihm erzählt hatte – oder doch? Es war möglich. Sabine hatte nie so genau hingehört. Schade, denn sonst hätte sie die Situation besser einschätzen können.

Und wie stand es mit ihm? Machte er sich überhaupt etwas aus der schönen Hélène ? Wahrscheinlich nicht. Für ihn gehörte sie wohl nur zu dem Kranz der bewundernden Frauen, die er um sich scharte. – Eingebildeter Affe, dachte sie respektlos.

Wenn Sabine mit ihm ausging, würde er sie zu dem Kreis seiner Anbeterinnen rechnen. Das paßte ihr eigentlich nicht. Aber was hatte sie denn zu verlieren? Sie kannte so wenige Menschen hier, daß es idiotisch gewesen wäre, eine so harmlose Bekanntschaft vor den Kopf zu stoßen.

Es war noch früh am Abend, und was sollte sie jetzt schon zu Hause? Stefanie vor dem Fernseher Gesellschaft leisten? Das doch sicher nicht. Sie war viel zu aufgekratzt, um schon ins Bett zu gehen.

Plötzlich war Sabine wild entschlossen, sich zu amüsieren.

Wie sie nicht anders erwartet hatte, kannte sich Frédéric Rodier in allen exklusiven Bars und Nachtclubs aus, und er genoß es offensichtlich, den Damen zu demonstrieren, daß er ein beliebter Gast war.

Hélène war beeindruckt, Sabine belustigt. Doch beide fanden es aufregend, daß er sich heute für den »Griffin’s Club« entschied. Sie wußten, daß es einer der schicksten Clubs von Genf war, in den nur VIP’s eingelassen wurden.

Frédéric wurde mit größter Zuvorkommenheit empfangen. Er nahm das als selbstverständlich hin und führte seine Begleiterinnen zu einer Nische, von der aus man die Tanzfläche gut beobachten konnte. Da es noch vor Mitternacht war, waren noch bei weitem nicht alle Tische belegt, aber auf den meisten stand ein Schildchen »Reserviert«.

Während Frédéric und Hélène einige Worte über einen gemeinsamen Bekannten wechselten, sah sich Sabine in dem halbdunklen Raum um. Die Tanzfläche glänzte, und bunte Lichter zuckten im Takt der Musik der kleinen Band. An den seidentapezierten Wänden hingen raffiniert beleuchtete surrealistische Gemälde. Die Möbel wirkten schwer und sehr edel. Das gesamte Ambiente strahlte selbstverständlichen Luxus aus.

»Was wollt ihr trinken, mes belles?« fragte Frédéric.

»Champagner, Whisky oder vielleicht einen Cocktail?« Hélène und Sabine entschieden sich für Champagner. Frédéric gab dem Ober einen Wink.

Lebensart hat er schon, mußte Sabine ihm zugeben.

»Mal sehen, wie schnell wir die Flasche leeren«, bemerkte Frédéric gut gelaunt und schenkte selber ein. Der Raum begann sich langsam zu füllen. Mit Erleichterung stellte Sabine fest, daß kaum einer der Besucher unter fünfundzwanzig war. Alle waren mit einer gewissen lässigen Eleganz gekleidet und schienen sich größtenteils untereinander zu kennen.

Ein Araber, traditionell gekleidet, zog Sabines Aufmerksamkeit auf sich, da er von fünf bildhübschen Mädchen begleitet war.

Frédéric bemerkte ihren Blick. »Ja, ja, die Saudis haben es gut.«

»Du kannst dich wirklich nicht beklagen, Frédéric!« meinte Hélène. »Du hast doch Freundinnen wie Sand am Meer.«

»Ach, wenn du wüßtest!« Er seufzte mit übertriebener Dramatik. »Genf ist die Hölle für einen Junggesellen. Man muß ständig auf der Hut sein. Alle Mädchen wollen nur das eine.«

»Was meinst du damit?«

»Heiraten natürlich.«

»Ich bestimmt nicht«, behauptete Hélène.

»Genau das ist es, was ich an dir so schätze«, erklärte er unverfroren, obwohl er sicher wußte, mit welcher Freude sie seine Frau geworden wäre.

Schurke! dachte Sabine.

»Aber sprechen wir nicht von meinen Sorgen«, fuhr er vergnügt fort, »heute bin ich ein Glückspilz! Ich habe das Vergnügen, zwei der reizendsten und charmantesten Frauen dieser Stadt auszuführen.« Er legte ihnen die Arme um die Schultern und zog sie fest an sich. Sabine zwang sich, steif zu bleiben, obwohl ihr seine Berührung durchaus nicht unangenehm war, doch es lag etwas Vertrauliches darin, das sie ihm nicht zugestehen mochte.

»Komm, Frédéric, alter Junge, laß uns tanzen!« schlug Hélène vor.

»Nichts, was ich lieber täte!«

Die Band spielte einen Jitterbug.

Frédéric richtete sich zu seiner vollen Größe auf und zog die beiden Frauen zu sich hoch. Er hielt sie bei der Hand, bis sie die Tanzfläche betraten. Zu dritt zu tanzen war für Sabine ungewohnt, doch sie merkte bald, daß es Spaß machte. Sie fanden rasch einen gemeinsamen Rhythmus. Frédéric bewegte nur die Schultern und die Füße, Hélène zog eine kleine kokette Schau für ihn ab, und Sabine gab sich ganz der Musik hin.

Erst als die Band eine Pause einlegte, gingen sie zu ihrem Tisch zurück. Bevor sie sich setzten, gab Frédéric erst Hélène, dann Sabine einen leichten Kuß auf die Wange. Dann füllte er wieder die Gläser. Sabine bekam die letzten Tropfen.

»Das bedeutet, daß du noch in diesem Jahr heiraten wirst«, verkündete Hélène im bedeutungsschweren Ton einer Wahrsagerin.

»Weißt du auch schon, wen?« gab Sabine zurück.

»Leider nicht. Da muß ich passen.«

»Wie enttäusdhend.«

Lachend holten die Frauen ihre Zigaretten heraus, und Frédéric gab ihnen Feuer. Alle drei genossen die entspannte Atmosphäre.

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9788711718919
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