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Das Schmusekätzchen

Manfred Wiedemann

Das Schmusekätzchen und andere Geschichten

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2013

Bibliografische Information durch die Deutsche

Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek

verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind

im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelfoto © tankist276 - Fotolia.com

ISBN 9783954889198

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelseite

Impressum

Vorwort

Das Schmusekätzchen

Teure Schönheit

Der Pechvogel

Der Alte

Der Heiratskandidat

Originale, die ich kannte

Steck Christel

„Abfahr’n“ (Karl R.)

Heini-Mare

Dr. Nusser

Pfarrer Alois Tenschert

Eine einmalige Erziehungsmethode

Entwicklungshilfe

Gedanken über die Zeit

Meine letzte Skifahrt

Das lebende Geschenk

Weisheit der Senioren

Warten bei der Fahrzeugzulassung

Trinkspruch

Im Krankenhaus

Die Gesundheitsreform

Das letzte Hemd

Kleiner Zyklus über die Spottnamen von Stadt und Land

Warum die Mertinger Kirchenschieber heißen

Donauwörther Maikäfer

Die Donauwörther Mondspritzer

Die Monheimer Herrgotts-Bader

Die Höchstädter Gugelhupfer

Die Sulzdorfer Hummel-Henker

Die schwäbische Himmelsrichtunga

Urlaubserinnerungen

Seemanns Lohn

Eine Münchner Geschichte

In einem fremden Bett

Das Geheimnis

Das Hundeleben

Der Wallfahrer

Die zweite Wallfahrt

Engel und Elfen

Die lieben Verwandten (sehr frei nach Ludwig Ganghofer)

Die Villa in Blankenese oder das verhinderte Abitur

Der Dreier

Aus meiner Schulzeit

Ein Seemann friert nicht, der zittert nur vor Wut

Seemannsliebe

Wie man das Dorfleben sterben lassen kann

Ja, ist der Mensch noch bei Verstand?

Geburtstagswunsch

Das Märchen vom Wald

Der Hundert-Kilo-Keiler

Liebestolle Rehgeiß

Die Autosuche

Warum der alte Jäger Sepp nicht in den Himmel will

Der gebratene Auerhahn (frei nach Ludwig Ganghofer)

Der moderne Jäger

Schüsseltreiben oder vom Segen des Freibiers

Jäger in Not

O du Fröhliche oder die Neue Deutsche Armut

Der Liebesbeweis - eine Weihnachtsgeschichte

Alle Jahre wieder

Der Weihnachtshase

Leise rieselt der Schnee

Die vernagelte Weihnachtskrippe

Der Osterhase oder es gibt ihn doch

Vorwort

Ich war eigentlich ein recht fauler Schüler und die Hausaufgaben hatte ich häufig „vergessen“. Aber ich machte mir auch nichts daraus, denn es hatte kaum Folgen. Mit einer Ausnahme.

Professor Kaas war unser Deutschlehrer und ein recht strenger Mann. Ich hatte vor ihm einen unglaublichen Respekt und gleichzeitig war er mein Lieblingslehrer. Bei ihm mussten wir als Hausaufgabe meist einen Aufsatz schreiben und da meine Aufsätze auch gut waren, musste ich diese häufig vorlesen. Ich hatte sie immer brav geschrieben, aber einmal war es dann doch passiert: Ich hatte diese Hausaufgabe wirklich vergessen zu schreiben. Prompt war ich mit Vorlesen dran. Ich dachte nun, dass dies jetzt zu einem Weltuntergang führen würde. In meiner Not nahm ich mein Heft zur Hand und las einen Aufsatz, den ich gar nicht geschrieben hatte. Das ging auch gut, denn er machte wie meist ein zufriedenes Gesicht und eine Bemerkung in sein Notizbuch. Ich dachte mir, dass ich in Zukunft keinen Aufsatz mehr schreiben würde, weil die Sache so einfach war. Fünf oder sechsmal ging das auch gut, bis ich einmal stecken blieb. Er fragte mich, ob ich mein eigenes Geschmier nicht mehr lesen könne und ich solle mein Heft vorzeigen. Ich sagte, dass ein Wassertropfen die Tinte verwischt habe. Leider half das nichts, ich musste vortreten und so nahm das Unheil seinen Lauf. Ich befürchtete wieder einen Weltuntergang, aber die Sache verlief dann doch ganz harmlos.

Er blätterte in meinem Heft vor und zurück und schüttelte seinen Kopf. Er sagte nur, ich solle mich setzen und mich nach dem Unterricht noch einmal bei ihm melden. Jetzt war ich sicher, dass der Weltuntergang käme. Er erklärte mir aber nur, dass ich in Zukunft jeden Aufsatz vorzeigen müsse und er würde dies jedesmal überprüfen. Der gute Mann wusste wohl selbst nicht, wie er reagieren sollte. Darauf habe ich nie mehr vergessen, einen Aufsatz zu schreiben und er hat tatsächlich jedesmal überprüft, ob der Aufsatz auch schriftlich vorlag.

Heute mache ich das gerne, denn sonst wäre dieses Büchlein nicht entstanden.

Das Schmusekätzchen

In der fünften Klasse der Volksschule saßen Jungen und Mädchen gemischt in ihren Bänken. Ein Mädchen mit schwarzem Haar und langen Zöpfen beobachtete Franz und er dachte, ob die mal was für ihn wäre. Sie war eine reiche Bauerntochter und der Junge ein armes Arbeiterkind. Er war so realistisch, dass er sich keine Hoffnungen machte, denn die reichen Bauernmädchen beachteten so einen armen Jungen nicht, ja sie lachten höchstens über so einen Knaben. Also vergaß der Junge das Mädchen, es hatte ja keinen Sinn.

Die beiden wurden älter, das Mädchen ließ seine Zöpfe abschneiden und wurde eine recht hübsche junge Dame. Franz meinte gelegentlich zu bemerken, dass die Schöne ein Auge auf ihn habe, aber das bildete er sich sicher nur ein. Schließlich hatte sich an dem Standesunterschied nichts geändert. Man sah sich auch nur noch sehr selten. Franz war inzwischen Lehrling bei einem Schreiner geworden und wenn er an sie dachte, verdrängte er den Gedanken gleich wieder. Das Mädchen war zu Hause auf seinem Bauernhof geblieben und wartete wahrscheinlich darauf, dass ein reicher Bauernsohn käme und sie heiraten würde. So dachte jedenfalls unser Franz. Inzwischen hatte er ausgelernt und seine Gesellenprüfung mit guten Noten bestanden. Er war der Meinung, dass er hier, wo jeder wusste, dass er aus ganz einfachen Verhältnissen kam, doch kein Glück haben würde und hatte sich, auch weil er das sehr interessant und abenteuerlich fand, freiwillig zur Marine gemeldet.

Der Zufall wollte es, dass er kurz vor seinem Antritt bei der Marine einen Faschingsball in seinem Heimatort besuchte, wo auch die schöne Rita anwesend war. Franz war weder ein guter, noch ein begeisterter Tänzer, aber er sah als einzige Möglichkeit mit Rita zu sprechen, sie zum Tanz zu holen. Sollte sie ihm aber einen „Korb“ geben, so war das ja auch egal, er hatte nichts zu verlieren.

Wider Erwarten schien sich Rita aber zu freuen, als er sie aufforderte und ging bereitwillig mit ihm auf die Tanzfläche. Schon nach ein paar Umdrehungen schmiegte sie ihr Gesicht an seine Wange und schien glücklich zu sein. Franz, darüber selig, wusste nicht, was er sagen sollte und schwieg. Das konnte doch einfach nicht wahr sein. Die lange still Verehrte freute sich offenbar, mit ihm zu tanzen. Und das, obwohl er wie gesagt wirklich kein guter Tänzer war. Bei der nächsten Tanzrunde wurde er ein wenig gesprächiger und erzählte ihr schließlich, dass er sich zur Marine gemeldet habe und schon in ein paar Wochen dort einrücken müsse.

Rita sagte nichts dazu, aber Franz fühlte, dass sie darüber enttäuscht zu sein schien. Sie drückte ihre Wange noch mehr an sein Gesicht, beide sprachen nur noch wenig und hatten eine seltsam melancholische Stimmung. Das eben empfundene Glück schien schon wieder zu enden und war doch so nahe. Nach dem Tanz nahmen beide wieder getrennt von einander ihre alten Plätze ein und nur eine fast ständige Blickverbindung ließ erkennen, dass sie sich verliebt hatten. Am Ende der Veranstaltung nahm Franz noch einmal seinen ganzen Mut zusammen, wartete am Ausgang auf das Mädchen und ging mit ihr nach draußen. Mit einem schüchternen Kuss und einer nicht enden wollenden Umarmung verabschiedeten sich die beiden, ohne sich zu einem neuen Treffen zu verabreden.

Dass Franz nur noch an „seine“ Rita denken konnte, brachte ihn bei der Arbeit ganz durcheinander und sein Meister fragte ihn des öfteren, ob er träume und mahnte, dass es so nicht weiter gehen könne. Er wäre doch sonst ein so fleißiger junger Mann gewesen. Auch Franz dachte, dass es so nicht weiter gehe und dass er unbedingt zu seinem Mädchen gehen müsse. Er nahm also seinen ganzen Mut zusammen und ging zu ihrem Haus. Dort hoffte er, dass Rita schon einmal heraus kommen würde, denn er traute sich nicht hineinzugehen. Nach beinahe einer Stunde, in der er vor dem Haus hin und her ging, kam die Erlösung. Rita erschien, winkte ihm in den Hof zu kommen und zog ihn mit sich in eine dunkle Ecke des Hofes. Ein schneller Kuss und dann der leise Vorwurf, dass sie glaubte, er habe sie schon wieder vergessen. Warum er denn nicht ein Treffen mit ihr verabredet habe, sie habe solche Sehnsucht und sie dachte, dass alles schon wieder vorbei sei. Er sei doch ein recht dummer Kerl. Natürlich versuchte er ihr zu erklären, dass er den Mut zu einem Treffen nicht fand und auch nicht zu hoffen wagte, dass sie ihn wirklich wieder sehen wollte. Er sagte ihr, dass er bereue, dass er jetzt fort müsse und dann ja doch alles aus sei. Er habe sich für drei Jahre verpflichtet und das sei auch nicht mehr rückgängig zu machen. Und dass sie drei Jahre auf ihn warten würde, sei ja schließlich ganz unmöglich; er wisse ja, dass das nicht ginge. Sie sagte ihm, dass sie auch noch länger auf ihn warten würde und dass sie sich schon als kleines Mädchen in der Schule in ihn verliebt habe, und dass es für sie keinen anderen geben würde. Nun müsse sie aber wieder ins Haus, denn ihre Eltern würden sich sicher schon darüber wundern, wo sie so lange bleibe. Ein stürmischer Kuss und das Versprechen einander treu zu bleiben beendete das Treffen.

Die beiden trafen sich noch ein paar Mal, und dann kam der Abschied und die Trennung. Natürlich versprach man sich, häufig zu schreiben und schließlich habe der junge Seesoldat ja auch Urlaub und würde so oft wie möglich nach Hause kommen. Ein tränenreicher Abschied beendete das kurze Glück.

*

Franz kam zur Grundausbildung in das Städtchen Glückstadt an der Elbe und schrieb seiner Rita regelmäßig. Noch öfter erhielt er einen Brief von Rita und jedesmal schrieb sie, dass er doch hoffentlich bald in Urlaub käme. Am ersten April wurde er eingezogen und schon zu Pfingsten bekam er eine Woche Urlaub. Klar, dass er sofort in die Heimat zu seiner Rita fuhr. Es gab schon ein wenig Aufsehen im Dorf, als er in seiner Matrosenuniform mit Rita durch die Straßen ging. Schlimmer aber war, dass Ritas Eltern darüber gar nicht sehr erfreut waren, denn sie hielten nichts von einem der weit weg zur See fuhr und ihrer Tochter den Kopf verdrehte. Auch wenn es bis zur Seefahrt noch dauern sollte, aber das konnten die ja nicht wissen. Der kurze Urlaub war bald vorüber und der Alltag kehrte wieder ein.

Die Zeit verging. Franz kam auf die Marineschule und schließlich an Bord eines Zerstörers. Der Briefwechsel ging nach wie vor weiter, auch wenn Rita weniger Post erhielt als sie schrieb. Sie dachte, dass Franz einen anstrengenden Dienst und nicht so viel Zeit zum Schreiben habe, was ja auch der Fall war. Er beschrieb ihr aber seine Erlebnisse an Bord und Tage mit stürmischer See und was er so alles erlebte. Der nächste Urlaubsbesuch fand erst zu Neujahr statt, dauerte diesmal vier Wochen und die Seligkeit kannte keine Grenzen. Doch auch vier Wochen gehen für Liebende viel zu schnell vorbei und so kam wieder ein schwerer Abschied. Franz meinte, dass sie ihn ja auch in Flensburg, wo sein Schiff regelmäßig lag, besuchen könne. Viele Mädchen würden das machen. Und er würde ihr dann alles zeigen; sie würde sich sicher wundern, wie es auf einem Schiff zuginge, denn das ließe sich nicht wirklich beschreiben. Beide wussten, dass dies ein Traum war, denn Ritas Eltern würden eine solche Reise ihrer Tochter nie und nimmer genehmigen.

Wieder gingen ungezählte Liebesbriefe von Süd nach Nord und von Nord nach Süd. Doch plötzlich verhängte die Marine eine Nachrichtensperre, denn es war die Kubakrise ausgebrochen. Der kalte Krieg zwischen West und Ost drohte in eine heiße Phase zu gehen und die gesamte Bundeswehr und damit auch die Marine war in Alarmzustand versetzt. Rita schrieb weiterhin Briefe, doch zum Teil kamen sie zurück und auf ein Lebenszeichen ihres Franz wartete sie vergeblich. Sie wusste aber aus den Nachrichten, dass der Zerstörer häufig in Flensburg lag und war entschlossen, dorthin zu fahren. Ihre Eltern durften davon, wie schon gesagt, natürlich nichts wissen und so reiste sie ohne sich jemandem anzuvertrauen, in den hohen Norden.

In Flensburg angekommen, versuchte das unerfahrene Mädchen den Zerstörer zu finden, der aber nicht da war. Ein Uniformierter, den sie hartnäckig fragte, sagte ihr, dass „Z5“ wahrscheinlich in Hamburg liege, sie solle dort nach ihm suchen. Vermutlich sagte er ihr das nur, um sie loszuwerden, denn es war unwahrscheinlich, dass ein Zerstörer in Hamburg lag, noch dazu in einer Krise. Doch Rita war zu allem entschlossen und fuhr in die große Hafenstadt um ihren Franz dort zu finden. Wen immer sie für zuständig hielt, fragte sie nach dem Schiff. Doch keiner konnte ihr eine positive Auskunft erteilen. Ein Passant meinte, dass Matrosen am ehesten auf der Reeperbahn und der „Großen Freiheit“ zu finden seien. Er wäre früher auch bei der Marine gewesen und ein Gang dorthin sei für jeden Seemann ungeschriebenes Gesetz. Dadurch ermuntert, ging sie zur Hamburger Vergnügungsmeile und landete auf der großen Freiheit. Auch dort fragte sie unentwegt nach dem Zerstörer, bis ihr ein Mann sagte, sie solle mit ihm kommen, er würde sie am nächsten Tag dorthin bringen. Zweifelnd aber voller Hoffnung vertraute sie sich diesem Mann an, in der Erwartung, am nächsten Tag ihren Franz in die Arme schließen zu können oder ihn wenigstens gesund zu sehen. Das alles erzählte sie diesem Mann, der zwar nicht sehr vertrauenswürdig aussah, aber doch ihre Rettung sein konnte.

Am nächsten Tag erwachte sie in einem etwas seltsamen Etablissement, aber sie dachte sich, in Hamburg muss das wohl so sein. Das Zimmer war in einem eigenartigen süßlichen Rot gehalten und die Möblierung bestand nur aus einem breiten Bett, einem Tischchen und zwei Stühlen. Ihre Kleider und ihr Köfferchen fehlten: Sie hatte nur, noch was sie am Leib trug. Und sie wusste nicht, wie sie dort hingekommen war. Eine ältere, etwas heruntergekommene Dame erklärte ihr, dass sie nun hier zu arbeiten habe und dass sie ja keine Zicken machen solle. Zu ihrem Franz würde man sie schon einmal bringen, der sei zur Zeit nicht in Hamburg. Sie fragte, welcher Art die Arbeit sei und dass sie bald wieder nach Hause müsse. Man erklärte ihr, dass sie bald sehen würde, welche Arbeit sie zu machen habe und dass an eine Heimfahrt für sie vorerst nicht zu denken sei. Bald stellte sie fest, dass man ihr auch alles Geld abgenommen hatte und dass das Zimmer, in dem sie geschlafen hatte abgesperrt war. Wütend und in einem Weinkrampf tobte sie herum. Die Tür öffnete sich und herein kam der Mann, der ihr gestern versprochen hatte, sie zu ihrem Franz zu führen. Sie fragte ihn, wann er sie zu Franz bringen würde und wo ihr Geld und ihr Koffer seien. Er meinte nur, dass sie das alles in nächster Zeit nicht brauchen würde, sie hätte jetzt hier zu arbeiten und sie werde jetzt sofort damit beginnen. Dabei riss er ihr die Kleider vom Leib und begann brutal sie zu vergewaltigen. Erst schrie sie laut um Hilfe, doch dann wurde sie ganz stumm und brach in einen Weinkrampf aus. Der Mann verließ sie mit den Worten, dass sie nun wisse, was ihre Arbeit in Zukunft sei. Und wenn sie schön tue, was man von ihr verlange, würde sie hier ein gutes Leben haben. Eine Flucht sei sinnlos, sie käme hier nicht heraus.

Nachdem sich Rita einigermaßen gefasst hatte, überlegte sie was sie nun tun könne. Sie wusste sich keinen Rat, nur, dass sie bei der ersten Gelegenheit fortlaufen würde, nahm sie sich fest vor. Die Zeit verging. Es kamen jeden Tag andere Freier und sie musste ihnen zu Willen sein. Sie bettelte jeden an, sie doch mitzunehmen und mancher versprach ihr auch, sie zu befreien. Doch keiner hielt sein Versprechen; sie war den Leuten hoffnungslos ausgeliefert. Da begann sie, sich zu wehren, kratzte und biss ihre „Kunden“, was ihr aber nur Prügel einbrachte. Der Mann, dem sie dies alles verdankte, erklärte ihr, dass aus ihr noch ein braves Schmusekätzchen würde, wenn sie erst begriffen habe, dass dieses Leben für sie nicht das schlechteste sei. Und wenn sie eingesehen habe, dass sie auf diese Weise viel Geld verdienen würde, dürfe sie auch mal in die Stadt gehen, vor ihr hätten das schon viele ihrer „Kolleginnen“ auch eingesehen. Rita hatte nur noch die Hoffnung, dass ihr Franz sie irgendwie finden würde, der würde sie dann schon befreien. Aber wollte der überhaupt noch etwas von ihr wissen, wenn er erfuhr, was mit ihr geschehen war? An ihre Eltern und das Dorf zu Hause wollte sie gar nicht mehr denken. Von Hoffnung und Zweifeln geplagt, lebte sie dahin.

*

Inzwischen war die Nachrichtensperre der Marine längst aufgehoben und Franz schrieb Brief um Brief an seine Rita. Die Antwort blieb aus und es kam auch keiner der Briefe zurück. Franz dachte, dass sie es nun doch aufgegeben habe, auf ihn zu warten und verfluchte die Marine und die Kubakrise. Aber sie hätte ihm doch wenigstens schreiben können, dass es aus sei und dass er nicht mehr auf sie warten solle. Auch er war voller Zweifel. Konnte es denn sein, dass sie ihn einfach vergessen hatte? Er schrieb an ihre Eltern, doch auch die gaben keine Antwort.

Franz, eigentlich ein fröhlicher und immer gut gelaunter Seemann, verrichtete seinen Dienst an Bord gleichmütig und sprach kaum noch mit seinen Kameraden. Aber er ging immer häufiger allein an Land, trank sich immer öfter einen Rausch an und war ein ungemütlicher Zeitgenosse geworden. Einem Kameraden vertraute er schließlich seinen ganzen Kummer an, doch der meinte nur, dass die Weiber es nicht wert wären, dass man sich um sie Sorgen macht, und schließlich gäbe es genügend andere, mit denen man seinen Spaß haben könne. Franz gab ihm zwar recht, aber es hatte ihm nicht wirklich geholfen. Er versuchte wieder der „Alte“ zu sein, war aber launisch und gelegentlich auch streitsüchtig. Seine Kameraden gingen ihm mehr und mehr aus dem Weg. Franz wusste einfach nicht, wie es weitergehen sollte.

Man sagt, die Zeit heile Wunden, und so war es auch bei Franz. Er lernte ein nettes Mädchen kennen und verbrachte viel Freizeit mit ihr, wenn er an Land war, aber er liebte sie nicht. Auch wenn er sich das manchmal einbildete. In seinem Urlaub fuhr er nicht mehr nach Hause. Er verbrachte ihn bei seiner neuen Freundin, die ihn trotz seiner oft launischen Art sehr liebte. Es war manchmal für sie recht schwer an ihn heranzukommen und wenn sie ihn fragte, ob ihn etwas bedrücke, sagte er nur, dass er eben sei, wie er sei. Eines Tages aber erzählte er ihr seine ganze Liebesgeschichte und war danach wie befreit. Er konnte seine Anke jetzt wirklich lieben und bald darauf verlobten sich die beiden.

*

In seinem Heimatdorf gab es gab es inzwischen die wildesten Gerüchte. Die Leute erzählten sich, dass Franz mit Rita wohl irgendwo im Ausland sei, dass es ihnen sicher sehr schlecht gehe und dass man darum nichts von ihnen höre. Manche glaubten sogar, dass er sie umgebracht habe und er deshalb im Gefängnis sei, denn sonst würden sie sich doch sicher einmal melden. Denn auch von Franz gab es weder etwas zu sehen, noch zu hören. Auch seine Freunde wussten nichts von ihm. Franz Eltern wussten nur sehr vage, was ihr Sohn trieb, denn er schrieb in den seltenen Briefen nur, dass er nicht mehr heim käme und dass es ihm ansonsten aber gut ginge. Im Dorf aber vermutete man, dass die nichts erzählen würden und wenn doch, sei es sicher nicht die Wahrheit.

Ritas Eltern wussten natürlich noch viel weniger von ihrer Tochter. Eine Freundin von Rita meinte zu wissen, dass sie wohl zu Franz gefahren sei, sie hätte so etwas einmal angedeutet. Genaueres wüsste sie aber auch nicht, denn konkret hätte Rita auch ihr nichts verraten. Am Anfang war natürlich auf dem Hof ihrer Eltern die Hölle los, ihr Vater machte der Mutter Vorwürfe, dass sie ihre Tochter nicht richtig erzogen habe und dass sie viel zu gutmütig mit ihr umgegangen sei. Sie hätte ihr mehr zu arbeiten geben sollen anstatt ihr so viele Freiheiten zu erlauben, dann hätte die auch nichts mit einem Matrosen angefangen; man wüsste ja, was das für Leute seien. Es wäre noch nie gut gewesen, wenn man sich mit solchen Leuten einlasse.

Mit der Zeit aber wurde auf dem Hof gar nicht mehr über Rita gesprochen. Ihr Vater meinte nur, dass er keine Tochter mehr habe, auch wenn sie zurück käme. Ihre Mutter betete und hoffte und hatte Tag und Nacht Tränen in den Augen; sie ging zum Dorfpfarrer, um dort Trost zu finden. Aber der Pfarrer reagierte ähnlich wie ihr Mann und auch er machte ihr Vorwürfe. Sie hätte ihr Kind nicht richtig katholisch erzogen, sonst wäre es nicht soweit gekommen. Sie könne nur noch für ihre missratene Tochter beten. Das Haar der armen Frau war über Nacht grau geworden, sie wurde schwer krank und starb schließlich an ihrem Kummer.

Das Leben im Dorf aber ging weiter und man sprach nur noch selten von der verschwundenen Rita und ihrem Matrosen. Als aber einmal ein vorlauter Bauernbursche Witze über die beiden machte, schlug ihm ein Freund von Franz eine blutige Nase. Seitdem redete man nur noch mit vorgehaltener Hand über die beiden, was aber vor allem gewisse „Kirchenweiber“ nicht lassen konnten. Man kannte ja solche Leute und Ritas Mutter sei nicht umsonst so früh verstorben, denn auch sie habe nicht den richtigen Glauben gehabt. Der Pfarrer selbst habe dies einmal gesagt.

*

Drei Jahre Dienstzeit bei der Marine waren vorbei und Franz ließ sich in Flensburg nieder. Er fand in einer kleinen Möbelfabrik gute Arbeit, machte seine Meisterprüfung und heiratete seine Anke. Die beiden lebten wie andere Ehepaare auch mal mehr und mal weniger glücklich, hatten zwei liebe Kinder und die Jahre gingen vorbei. Gelegentlich dachte Franz noch an Rita, verdrängte diese Gedanken aber schnell wieder. Sie hatte wohl auf Wunsch ihrer Eltern einen reichen Bauernsohn geheiratet und das Leben nahm wohl auch bei ihr seinen gewohnten Gang. Seinen Urlaub verbrachte Franz mit seiner Familie immer in Schweden oder Norwegen. Er weigerte sich, in den Süden zu fahren, auch wenn Anke ihn immer wieder bat, doch in die Alpen zu reisen. Franz meinte nur, in Norwegen gäbe es auch Berge und die seien sogar schöner als die Alpen.

Eine ungewisse Angst hinderte ihn daran, im Süden Urlaub zu machen, denn er fürchtete, dass Anke seinen Heimatort sehen wolle und er wollte auf keinen Fall an die Vergangenheit erinnert werden. Lieber blieb er im Ungewissen um Rita. Zudem waren seine Eltern inzwischen verstorben, was also sollte er dort? Er war zuletzt zur Beerdigung seiner Mutter alleine dort gewesen und die Leute im Dorf sahen ihn dabei an wie ein exotisches Tier, dem man nicht trauen dürfe. Er sprach mit niemanden auch nur ein Wort und fuhr direkt nach dem Begräbnis wieder zurück. Seine Kinder, die jetzt schon zehn und zwölf Jahre alt waren, fragten zwar gelegentlich nach Oma und Opa und wie es in seiner Heimat aussehe, aber Franz antwortete ausweichend und blieb in dieser Hinsicht wortkarg.

*

Der Zufall wollte es, dass seine Firma einen Betriebsausflug nach Hamburg machte. Man fuhr mit einem Omnibus von Flensburg nach Hamburg und feierte nach einer Hafenrundfahrt fröhlich in einem Lokal. Nach dem offiziellen Teil konnte jeder machen, was er wollte und es war klar, dass man die „Reeperbahn“ und die „Große Freiheit“ besuchte. Die Damen gingen in ein Lokal, um dort zünftig die Hamburgreise abzuschließen und die Männer „mussten“ noch, wie üblich, die Herbertstraße durchwandern. Natürlich war auch Franz mit von der Partie. Man besah sich die mehr oder eher weniger bekleideten Damen in ihren „Schaufenstern“, machte Witze und wurde auch von der einen oder der anderen „Dame“ angesprochen.

Plötzlich blieb Franz wie angewurzelt stehen. Er blickte in zwei Augen, die er kannte, überlegte, ob er sich nicht irre, aber ein Irrtum war nicht möglich. Es waren die Augen seiner Rita, es gab keinen Zweifel. Sie sah noch immer gut aus, auch wenn das Leben, das sie führte, seine Spuren hinterlassen hatte. Kurz entschlossen ging Franz hinein. Seine Kollegen fragten ihn noch, was er dort wolle und ob er es denn so nötig habe. Franz hörte sie nicht. Er wusste nur, dass er dort hineingehen musste um zu erfahren, wie seine schöne und schüchterne Rita in dieses Haus kam.

Auch Rita schien ihn jetzt erkannt zu haben, sagte aber dass sie für ihn keine Zeit habe, denn sie wäre schon mit einem anderen Freier verabredet. Franz aber merkte, wie verstört sie war und ließ sich nicht abweisen. Er sprach sie mit ihrem Namen an, den sie wohl schon Jahre nicht mehr gehört hatte und auf den sie mit Schrecken reagierte. Hier wurde keines der Mädchen mit dem richtigen Namen bezeichnet, das war in diesen Kreisen Gesetz. Rita war zunächst sehr abweisend, tat, als ob sie ihn nicht kenne und sagte dass er verschwinden solle. Franz aber ließ nicht nach. Endlich gab auch sie zu, dass sie ihn erkannt habe und sie nicht wisse, was sie sagen solle.

Er sagte ihr, dass er sie mit zahllosen Briefen zu erreichen versucht habe, aber nie eine Antwort erhielt. Er hatte geglaubt, dass sie ihn vergessen habe und dass er meinte, sie sei mit einem reichen Bauernsohn in ihrer Heimat verheiratet. Dass sie hier gelandet sei, könne er nicht verstehen, denn das hätte er sich im Traum nicht vorstellen können. Nun begann Rita ihre Geschichte zu erzählen. Darauf meinte Franz, dass er sie hier herausholen werde, koste es was es wolle. Seine Anke, mit der er schon lange verheiratet sei, würde sicher dafür Verständnis haben. Rita aber meinte, dass sie sich nach all den Jahren mit ihrem Schicksal abgefunden habe und dass sie dieses Leben so weiter führen wolle; es wäre für sie nicht das schlechteste. Und kein Mensch würde eine wie sie haben wollen, es sei nun mal eine Tatsache, dass sie so leben müsse, auch wenn sie daran unschuldig sei. Ihr Zuhälter habe ihr am ersten Tag gesagt, dass er aus ihr noch ein richtiges Schmusekätzchen machen würde, und das sei sie jetzt. Dass sie bei der Nennung ihres Namens Rita so erschrocken reagiert habe, käme daher, daß sie hier diesen Namen habe. Sie heiße eben das „Schmusekätzchen“.

Teure Schönheit

Ein Mann, schon reif, doch noch nicht alt,

der sucht sich eine Freundin bald.

Er hat zu Haus auch eine Frau,

die ist nicht sehr schön, jedoch sehr schlau.

Die Freundin hübsch, und jung und klug,

das findet dieser Sünder gut.

Er ist erfolgreich, hat auch Moos,

er ist ein echter Gernegroß.

Indes, die Frau in seinem Haus,

die kennt sich mit dem Gatten aus.

„Lass ihn nur machen“, denkt sie schlau,

„und balzen, diesen alten Pfau.“

Er nimmt die Junge mit auf Reisen,

denn schließlich muss er sich beweisen,

dass er, jetzt endlich Mann von Welt,

mit dieser Frau erst richtig zählt.

Sie liebt ihn sehr, noch mehr sein Geld,

(das hat er später festgestellt).

Er kauft ihr, was sie so begehrt,

das ist ihm diese Frau schon wert.

Doch mit der Zeit, das Geld wird knapp,

da wendet sie sich von ihm ab.

Und teilt kurz seiner Gattin mit:

„Ich geb’ den Alten Ihnen z’rück!“

Aber die ist pfiffig, wie man vermutet,

drum ihrem Herrn Gemahl was hustet:

„Such Dir ’ne Dümmere als ich bin,

geh’ lieber zu der andern hin!“

„Und will sie auch nichts von dir wissen,

ich hab ein sanftes Ruhekissen.

Denn Haus und Hof, ist alles mein.

Ich steck auch die Versicherung ein.“

Und die Moral von der Geschicht’:

allein der Schönheit traue nicht.

Mit schönen Weibern sich zu zieren,

birgt die Gefahr, viel zu verlieren.

Der Pechvogel

Ein Mann, der niemals hatte Glück,

beklagte laut sein Missgeschick.

Es sei sein Schicksal, dass er immer

noch hoffe, doch dann kommt es schlimmer.

Fortuna denkt er, kennt ihn nicht,

ob auf dem Amt, ob bei Gericht,

Verlierer ist er, das ist klar,

weil’s bei ihm immer schon so war.

Die andern alle haben Glück -

er pachtete das Missgeschick.

Doch hat er niemals nachgedacht

Ob er vielleicht was falsch gemacht!?

Er sieht nur schwarz in seinem Leben.

Hat nie sich einen Ruck gegeben.

Dass auch für ihn die Sonne scheint,

das hat er immer nur verneint.

So lebt er still und vor sich hin,

es hat ja alles keinen Sinn.

Wird alt dabei und grau und hart.

Mit neunzig hat man ihn verscharrt.

Der Alte

Ein Mann, schon alt, doch noch recht wach,

wird noch bei jungen Mädchen schwach.

Doch mag er auch die älteren Damen,

soweit es geht, in seinem Rahmen.

Er ist halt eine Frohnatur,

und von Gejammer keine Spur.

Er hat dabei nicht Sex im Sinn,

doch schaut er da noch gerne hin.

Wo schöne Busen, lange Beine.

Ja wirklich, er verachtet keine.

Er ist auch witzig, ohne Frage,

das Leben freut ihn alle Tage.

Und plagt ihn mal das Zipperlein,

das muss halt so im Alter sein.

Er nimmt es hin, ganz Gott ergeben,

denn das gehört zu seinem Leben.

Auch lässt er sich den Wein noch munden

in einer fröhlich-lustigen Runden.

Spielt gerne Karten, Nächte lang,

die Frau zu Hause wartet bang.

Und wenn er heim kommt, sagt sie ihm:

Ich dreh’ im Bett mich her und hin.

Mach die ganze Nacht kein Auge zu

Und du spielst Karten immerzu.

Er meint recht fröhlich, lacht ganz heiter,

geh Alte, wann wirst du gescheiter?

Auch ich hab noch kein Auge zugemacht,

heut in der Wirtschaft, die ganze Nacht.

Der Heiratskandidat

Ein Mann, der sucht nach einer Frau,

die zu ihm passt, so denkt er schlau.

Schön muss sie sein und lieb und gut,

so meint er es, denn er ist klug.

Und nicht zu groß und nicht zu klein,

so mittendrin, so soll sie sein.

Nicht gar zu dünn, doch auch nicht dick,

ganz kurz gesagt: ein Meisterstück.

Am Geld, da soll’s bei ihr nicht fehlen,

dann könnte er sie auserwählen.

Und hat sie noch ein schönes Haus,

dann wär‘ er aus dem Gröbsten raus.

Treu muss sie sein, das ist ja klar,

wie es schon die Oma war.

Gut kochen, das ist schließlich wichtig.

Und sparsam sein, so ist es richtig.

Auch denkt er dran, dass sie nicht alt,

so Mitte zwanzig wünscht er sie halt.

Doch fleißig arbeiten muss sie schon,

sie hat ja ihn zu ihrem Lohn.

Dem Mann auch seine Freiheit gönnen,

das muss sie einfach dulden können.

Wenn er auch mal im Wirtshaus sitzt,

beim Trinken und beim Karteln schwitzt.

Die Frau, die er sich vorgestellt,

ist leider noch nicht auf der Welt.

Das Ganze geht nicht auf die Schnelle,

drum ist und bleibt er Junggeselle.

Originale, die ich kannte
Steck Christel

Der Steck Christel war ein armer Teufel, mit dem es das Leben nicht besonders gut gemeint hatte. Er brachte sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, die kein anderer machen wollte. Seine Wohnung bestand aus einem Verschlag auf einem Dachboden, den er nur über eine Leiter von außen erreichen konnte. Der Eingang war eher eine Luke als eine Tür. Das Dach war, wie damals üblich, natürlich nicht isoliert, sondern nur mit sogenannten Biberschwänzen gedeckt und die Zwischenräume mit Schindeln ausgesteckt. Beheizbar war diese Behausung nicht, dafür wehte im Winter der Schnee durch so manche Ritze. Ernährt hat sich der Christel angeblich von Katzen, die er gefangen hatte; es gab sogar Leute, die behaupteten, dass er diese roh verzehrte. Gesehen hat das wohl nie jemand, aber das Gerücht hielt sich hartnäckig im Dorf

Wir Kinder badeten im Sommer in der Schmutter, und zwar nahe der „Züglebrücke“. Das „Zügle“ war eine Lokalbahn, die von Mertingen nach Wertingen führte und eben dort die Schmutter überquerte. Und es war üblich, dass man auf den Schwellen dieser Bahn ging, denn es war meistens eine Abkürzung. Auf eben diesem Weg kam der Steck Christel daher; überraschender Weise hatte er seinen „guten Anzug“ an, einen alten abgetragenen blauen Anzug, den ihm wohl jemand geschenkt hatte. Wir Kinder riefen bei seinem Anblick: „Katzenfresser, Katzenfresser“, was ihn natürlich sehr erboste. Er versuchte, uns zu erwischen, aber wir sprangen in unseren Badehosen schnellstens ins Wasser. Der Christel nicht faul, sprang uns nach, und das in seinem „guten Anzug“. Er erwischte keinen von uns, aber sein Anzug war klatschnass. Das hätte ihn wohl wenig gestört, wurde der doch dadurch wieder einmal gereinigt. Schlimmer war, dass er ausgerechnet an diesem Tag ein paar Geldscheine in seinen Taschen trug und diese natürlich auch gewaschen waren. Er hatte wohl wieder einmal seinen gerechten Lohn für irgend eine Arbeit erhalten. Die nassen Scheine gefielen ihm aber gar nicht. Er vergaß seinen Ärger über uns Kinder, nahm die Scheine aus den Taschen und legte sie zum Trocknen auf die Bahngeleise. Im letzten Moment bemerkte er, dass ausgerechnet jetzt das „Zügle“ nahte und sprang schnellstens von den Geleisen. Der Fahrtwind wehte nun leider seine Scheine von der Brücke und ins Wasser. Wir Kinder sammelten die Scheine wieder zusammen und ein mutiger Junge übergab sie dem Christel. Ich glaube, dass der Christel zumindest für kurze Zeit wieder an das Gute im Menschen glaubte. Ob er weniger glücklich war, als andere Menschen? Wer weiß es?

„Abfahr’n“ (Karl R.)

Karl R. war Junggeselle und Brauereibesitzer und sicher gut situiert, wie man früher zu sagen pflegte. Er war aber auch das, was man schrullig nennt. Und deshalb will ich von ihm erzählen. Zur Brauerei gehörte eine recht umfangreiche Gastwirtschaft mit großer Küche und angestellter Köchin. Diese Köchin hatte nie allzu viel zu tun, denn Gäste, die zum Essen kamen waren eher selten. Aber sie musste regelmäßig kochen, hauptsächlich für ihren Chef, obwohl der ein undankbarer Esser war. Auch eine Bedienung war angestellt, der Bierkonsum in der Gastwirtschaft war recht ordentlich. Da Karl R. aber ein launischer Mensch war, hieß es manchmal schon abends um neun: „Abfahr’n“, was bedeutete, dass die Gäste das Lokal verlassen sollten. Nun war der Karl R. aber nicht eine so große Respektsperson, dass die Gäste dies auch sofort befolgt hätten. Aber er wusste sich zu helfen. Nach mehreren „Abfahr’n“ und Herumgerenne in der Wirtsstube, riss er auch im strengsten Winter Türen und Fenster auf, worauf der Aufenthalt natürlich mehr als ungemütlich wurde und die Gäste dann die „gastliche“ Stätte gerne verließen und „abfuhren“.

Natürlich war sein Spitzname der „Abfahr’n“, was auch eine Bilderfolge von einem hiesigen Kunstmaler treffend belegt. Diese Bilder hingen in der Gaststätte an der Wand und ich bin sicher, dass der „Abfahr’n“ nicht wenig stolz darauf war. Leider weiß ich nicht, wo diese Bilder abgeblieben sind, aber ich hoffe, dass sie einen Besitzer gefunden haben, der sie zu würdigen weiß.

Nun aber zu einer anderen Geschichte. Der „Abfahr’n“ stand tagsüber, wenn in der Wirtschaft noch nichts los war, meistens an der Haustür, bieder bekleidet, wie fast immer. Man konnte ihn ohne weiteres für den „Hausl“ halten. Da geschah es, dass ein Vertreter zu Besuch kam und ihn nach dem Chef fragte. Karl R. sagte auf seine schrullige Art nur: „Büro hinter gehen.“ Der Mann ging also ins Büro, wo der Buchhalter arbeitete und fragte diesen nach dem Chef. Der erklärte ihm, der Chef stände sicher an der Haustür, dort würde er ihn finden. Der Fremde meinte, dass dort nur der „Hausl“ stünde und der habe ihn ja zu ihm geschickt. Der Buchhalter erklärte ihm, er solle ruhig dort hin gehen, dort wäre nicht der „Hausl“, dieser „Hausl“ sei schon der Chef. Der Vertreter, darauf leicht durcheinander, ging nun wieder dorthin und fragte den an der Tür stehenden, ob er der Chef wäre. Dieser antwortete: „I bin der Johann, und der Chef bin i o, und abfahr’n kannsch o glei!“

Eine weitere Episode: Der Bruder des „Abfahr’n“ war Jäger und besaß deshalb auch einen Hund. Und diesen Hund sollte der „Abfahr’n“ hüten, weil der Bruder auf Reisen war. Die Gaststube war am Abend voll besetzt und der Hund lag einmal unter jenem und dann wieder unter diesem Tisch. Man musste nicht besonders auf ihn achten. Ein paar junge Burschen lockten den Hund auf die Eckbank und der Hund sprang nur allzu gerne dort hinauf. Da dort aber alle dicht an dicht saßen, war der Hund nicht zu sehen. Plötzlich entdeckte der Herr Brauereibesitzer, dass der Hund weg war. Er ahnte wohl, was passiert war, konnte den Hund aber leider nirgends sehen. Er fragte: „Wo isch der Hund, wo isch der Hund?“, aber die Gäste sagten, dass sie keinen Hund gesehen hätten. Darauf ging der „Abfahr’n“ in den Hausflur, sagte laut vernehmlich: „Polizei, … Hund weg, … sofort kommen!“, in ein Telefon, das dort gar nicht vorhanden war. Er kam wieder in die Gaststube und drohte, dass er die Polizei verständigt habe und diese schon dafür sorgen würde, dass der Hund wieder freigelassen würde. Dem Hund war es inzwischen zu eng und wohl auch zu warm geworden hinter den Burschen und er sprang von der Bank. Darauf ging der Hundehüter wieder zu seinem imaginären Telefon auf dem Gang und meldete: „Polizei, … nicht mehr kommen, … Hund wieder da, … abfahr’n!“

Heini-Mare

Eigentlich hießen sie Heinrich und Maria Gütler, doch im ganzen Ort waren sie nur als „Heini und Mare“ bekannt und man sprach hauptsächlich von der „Heini-Mare“. Der Heini und die Mare wurden im 2. Weltkrieg in Augsburg ausgebombt und kamen so nach Mertingen. Die beiden waren, soweit meine kindliche Erinnerung mich nicht trügt, so lange ich sie kannte im Rentenalter. Der Heini war von Beruf Metzger, sah aber eher wie ein Schneider aus, denn er war klapperdürr. Ganz anders die Mare. Sie hatte einen gewaltigen Umfang und man durfte sie gut und gern auf ein Gewicht von zweieinhalb Zentnern schätzen. Die beiden verdienten sich neben ihrer sicher nicht üppigen Rente durch Lumpensammeln ein paar Mark hinzu. Der Heini war, wenn es sein Kapital erlaubte, dem Bier nicht abgeneigt.

In diesem Zusammenhang muss ich erzählen, dass sich durch unser Dorf ein Abwassergraben zog, der das sogenannte „Käswasser“ von der Molkerei, gemischt mit Regenwasser, in die weite Flur führte. Dass dieser Graben nicht besonders gut roch, ist sicher nachvollziehbar. Er war im Dorfbereich wohl knapp einen Meter tief und die Ränder waren fast senkrecht betoniert. Selbstverständlich war dieser Graben offen und es ist erstaunlich, dass nie jemand dort hineingefallen ist. Das heißt, mit Ausnahme des Heini, der wieder einmal über genügend Kapital verfügte und darum einen über den Durst getrunken hatte. Deshalb hatte er die Straßenseite verwechselt, denn er wohnte genau gegenüber des Grabens in einem uralten Haus. Da der Graben nicht nur steil und tief, sondern auch recht eng, und der Heini recht voll war, war es ihm nicht möglich, aus eigener Kraft wieder heraus zu kommen. Wie lange er dort lag, kann ich nicht sagen, aber irgend jemand zog ihn wieder heraus. Mit einer Schubkarre wurde er dann nach Hause gefahren. Verletzt hatte er sich gottlob dabei nicht. Dass die Mare deswegen nicht besonders freundlich zu ihm war, lässt sich nachfühlen. Aber ein gemeinsames hatte die Geschichte doch für die beiden. Der Heini roch danach, wie man sich denken kann, auch nicht besonders gut. Die Mare aber, und das ist die Gemeinsamkeit, roch auch ohne in den Graben gefallen zu sein nie besonders gut, ja ich muss sagen, sie stank penetrant. Was ihre Ausdünstung verursacht hatte, vermag ich nicht zu sagen. Es war wohl die Einnahme verschiedener Medikamente, die sie wahrscheinlich zum Teil selber zusammengebraut hatte. Es war auch der Geruch von Knoblauch, und es war sicher, dass sie es mit dem Waschen nicht so genau nahm. Ich glaube sogar, dass sie gänzlich darauf verzichtete. An ein Bad war bei ihr überhaupt nicht zu denken.

Nun wäre das alles für uns halb so schlimm gewesen, hätte die Mare nicht so gern meine Mutter besucht. Sie kam zu uns ins Haus, rief bereits im Gang „Grüß Gott Frau Wiedemann, hont’r g’hört, … a, dia isch ja gar net do …“, wenn meine Mutter einmal nicht da war. War sie aber da, betrat sie unsere Küche und war für die nächste halbe Stunde nicht wieder los zu kriegen. Eine Stunde lüften, und das auch im Winter war danach unvermeidlich. Meist begleitete sie auch den Heini, und dieser hatte in aller Regel einen Rupfensack auf seinem Rücken, worin er die Lumpen sammelte. Wenn sie uns dann endlich verlassen wollten, und der Heini sich zur Tür drehte, hielt mein Vater oft seinen Sack an einem Zipfel fest und wenn der Heini sich dann verwundert umblickte, meinte mein Vater nur: „Hoi Heini, bisch hänga blieba …?“ Dieses Spiel wiederholte er oft drei-, viermal bis die beiden abzogen. Der Heini merkte, dass mein Vater seinen Sack festhielt. Meine Mutter schimpfte dann oft mit der Frage an meinen Vater, ob es noch nicht genug stinke, aber er meinte dann lapidar, dass man so oder so lüften müsse.

Noch eines vom Heini. Wir Buben ärgerten den Heini natürlich auch manchmal, er war ja irgendwie auch eine Reizfigur. Er schimpfte und fluchte dann fürchterlich und warf auch schon einmal einen Stein nach uns. Einmal, mein Freund Hans und ich waren sein Ziel geworden, und der Heini hatte, was wir nicht gesehen hatten, ein Beil in der Hand. Er versuchte uns zu erwischen und bedrohte uns mit seinem Beil. Ob er uns wirklich damit etwas antun wollte, glaube ich heute nicht mehr, denn er war ja weder kriminell, noch geisteskrank. Wir aber waren für den klügeren Teil der Tapferkeit und liefen schnellstens davon.

Eine Besonderheit der „Mare“ möchte ich noch erzählen. Die „Mare“ wackelte ständig mit dem Kopf und zwar sowohl von unten nach oben, als auch von links nach rechts. Ich dachte immer, das geschehe bei ihr unbewusst, aber sie wusste das ganz genau und wäre das auch gerne losgeworden. Den Heini veranlasste dies gelegentlich zu sagen: „Wenn i meiner Mare an Kuss geba will, erwisch i meistens blos d’Nas“. Ich weiß es deshalb, dass sie es loswerden wollte, weil es damals in München einen „Wunderdoktor“ gab, das war der Herr Kröning und er konnte, wahrscheinlich durch Hypnose, sämtliche Krankheiten heilen. Die Leute fuhren mit dem Omnibus zu ihm und er behandelte alle gleichzeitig, was die Sache natürlich billiger machte. Davon hatte auch unsere „Mare“ gehört und sie wollte unbedingt ihren wackelnden Kopf von ihm heilen lassen. Sie schloss sich also einer solchen Reisegruppe an und fuhr zum Wunderheiler Kröning nach München. Dort bekam sie, wie alle anderen auch, eine Stanniolkugel in die Hand gedrückt, sollte sich fest darauf konzentrieren und so geheilt werden. Am Glauben an den Wunderdoktor hat es ihr nicht gefehlt, denn als sie zurück kam, besuchte sie sofort meine Mutter und berichtete: „Gell Frau Wiedemann, seit i beim Kröning war, wackel i gar nemme mit meim Kopf!“ Dabei wackelte ihr Kopf mehr als sonst irgendwann. Der Glaube versetzt halt Berge. Und wenn es nur die Fleischberge der „Mare“ waren.


Dr. Nusser

Dr. Nusser war Arzt und ein Nationalsozialist und ganz sicher ein Unikum. Und er war unser Nachbar. Soll man ihn verschweigen, weil er Nazi war? Ich meine nein.

Er hatte eine gutgehende Praxis, und das Wartezimmer war oft mit fünfzehn oder zwanzig Personen voll besetzt, die dann auch entsprechend warten mussten. Als einmal einer der Patienten es wagte, an die Sprechzimmertür zu klopfen, weil es wieder gar zu lange dauerte, kam er heraus mit seiner imposanten Gestalt von nahezu zwei Metern, brüllte, dass kranke Leute Zeit zum Warten hätten und er sich so etwas verbitte. Aber er war ein guter Arzt, wenn auch nicht sehr feinfühlig und die Leute kamen trotzdem weiterhin in Scharen zu ihm. Dabei kam es vor, dass er mit einem Patienten, mit dem er sich gut verstand, in seinen Pferdestall hinausging und sich mit diesem eben über seine Pferde und über Gott und die Welt unterhielt. Wie gesagt, kranke Leute hatten Zeit zu warten.

In der Nazi-Zeit engagierte er sich sehr stark für diese Partei und hielt oft eine Rede auf dem „Adolf-Hitler-Platz“, der heute Zehentplatz heißt, mit einer Stimme wie ein germanischer Gott. Man musste dort nicht unbedingt hingehen, denn er war so laut, dass man es im ganzen Ort hören konnte.

Nach dem Krieg wurde er deshalb von den „Amis“ gesucht. Er erzählte mir, dass er dabei oft nur knapp entwischen konnte und an einem kalten Novembertag wäre es beinahe so weit gewesen. Mit einem Satz war er vom Pferd und in die eiskalte Zusum gesprungen. Er versteckte sich unter Gebüsch und sie haben ihn nicht gefunden. Leider hatten sie sein Pferd erschossen

Hierher gehört auch die Episode mit seiner schönen Frau, die Kammersängerin war. Sie hatte herrliches, langes, blondes Haar, das sie wie damals üblich zu einem Dutt zusammengebunden hatte. Als aber die „Nazi-Zeit“ vorbei war, ging sie zum Frisör und ließ sich diesen Schopf zu einem „Bubikopf“ abschneiden. Zu Hause angekommen, sah dies ihr Gatte sofort, meinte dass der „Bader“ zu wenig abgeschnitten habe, nahm seine „Rossschere“, mit der er sonst die Mähnen und Schweife der Pferde zurecht schnitt, und schnitt ihr das restliche Haar ab. Sie ließen sich übrigens bald darauf scheiden.

Zu Hausbesuchen kam er meist auf einem seiner Pferde angeritten, mit einem Lodenmantel angezogen und er machte dann für mich kleinen Jungen immer den Eindruck, als sei er der Gott Wotan.

Ich hatte einen höllischen Respekt vor diesem Mann, obwohl er eigentlich ein echter Menschen- und vor allem ein Kinderfreund war, dies aber meist gut zu verbergen wusste. In dem Zusammenhang möchte ich erzählen, wie ich einmal in seiner Villa eine Fensterscheibe mit dem Fußball eingeschossen hatte. Er kam heraus und brüllte mit seiner Donnerstimme, wer das gewesen sei. Ich hatte furchtbare Angst, gestand aber doch, dass ich es war. Da meinte er nur: „So ist es recht, ein richtiger Bub muss jeden Tag für eine Mark etwas kaputt machen, sonst ist er kein richtiger Bub.“ Damit war die Sache erledigt.

Als ich etwa zwölf Jahre alt war, fragte er mich einmal, was ich denn werden wolle? Ich antwortete etwas vorwitzig: „Schriftsteller!“ Darauf meinte er, dass dies eine harte Sache sei und wenn man keinen Erfolg habe, bettelarm sei. Er gab mir aber den Rat, wenn niemand etwas von mir haben wolle, so solle ich für die Kirche schreiben, denn die würden jeden „Schmarren“ nehmen. Ich wusste nicht, wie er das meinte: Ob er mir diesen Beruf nicht zutraute oder ob es nur ein guter Rat war. Ich vermutete das Erstere und gab den Traum vom Schriftsteller sofort auf.

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22 декабря 2023
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9783954889198
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